Zart erblüht die Liebe

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Die Chicagoer Anwältin Laura traut ihren Augen nicht: Wo kommt das süße Baby auf ihrem Bett plötzlich her? Zum Glück ist ihr Nachbar Justin sofort bereit, bei der Pflege der Kleinen zu helfen. Während Laura den sonst so unnahbaren Mann von seiner sanften, liebevollen Seite kennenlernt, fühlt sie sich immer mehr zu ihm hingezogen und findet wider Erwarten sogar Gefallen an ihrer neuen Familie". Allerdings gibt es da noch ein Problem: Wieso sieht das Baby Justin so ähnlich? Verschweigt er ihr etwas? Sind seine romantischen Gefühle - seine Küsse beim Gartenfest - womöglich bloß gespielt, damit sein Kind eine Mutter hat? "
  • Erscheinungstag 04.07.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733758028
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Laura neigte den Kopf zurück und betrachtete die vor ihr liegende Strecke. Sie ließ vor Erschöpfung die Schultern hängen. Der Gipfel schien unendlich fern, der Weg nach oben anstrengend und gefährlich.

Aber am Ziel befand sich das Heiligtum.

Nun ja, es war nicht gerade der Mount Everest, sondern lediglich ein Wohnhaus in Chicagos Außenbezirk. Sie musste nur drei Stockwerke erklimmen, dann wäre sie in ihrem gemütlichen kleinen Apartment, könnte die Tür hinter sich schließen und den Rest der Welt vergessen.

Die Blätter der Ahornbäume in der stillen Straße zeugten davon, dass es allmählich Herbst wurde. Dabei hatte sie den Sommer kaum bemerkt, es sei denn als heiße Belästigung, als täglichen Anlass für ein stummes Dankgebet für die Klimaanlage im Büro. Ansonsten hatte sie den Sommer lediglich als schwachen Grillgeruch in der Luft registriert, wenn sie sich spätabends nach Hause geschleppt hatte.

Es gab einfach nicht genug Freitage in der Woche.

Wochenende.

Sie würde einmal nicht arbeiten. Sie hatte nicht einmal Akten aus dem Büro mitgenommen. Zwei Tage frei, um all das zu machen, was sie wollte. Sie könnte sich ein ausgedehntes Schaumbad gönnen, romantische Musik hören und Tagträumen nachhängen. Sie könnte sich ein Buch aus dem hohen Stapel aussuchen, der sich wundersamerweise in ihrem Wäschekorb eingenistet hatte, und lesen – sofern es ihr gelang, die Augen offen zu halten. Sie könnte den Staub aus dem Pullover schütteln, den sie zu stricken begonnen hatte, bevor Young & Warren sie vor sechs Monaten eingestellt hatten. Oder sie könnte ein paar Freunde anrufen, die vermutlich glaubten, dass sie längst tot und begraben wäre.

Natürlich war da noch die Hausarbeit. Vor drei Tagen war ihr das Geschirr für das morgendliche Müsli ausgegangen. Nicht dass es allzu schlimm gewesen wäre, die Milch war nämlich bereits einige Tage vorher sauer geworden.

Sie hatte an diesem Morgen nicht einmal frische Unterwäsche gehabt und sich nach kurzem Zögern entschlossen, ohne zu gehen.

Schlechte Idee.

Nachdem sie den ganzen Vormittag in Konferenzen gesessen und sich eingebildet hatte, alle Anwesenden wären über diese skandalöse Tatsache informiert, könnten es ihrem Gesicht, wenn nicht gar ihrem Hinterteil ansehen, hatte sie ihre zehnminütigen Lunchpause genutzt, um im nächstgelegenen Laden einen Multipack billiger Slips zu kaufen. Für die anschließende akrobatische Meisterleistung, das fehlende Kleidungsstück in der winzigen Toilettenkabine überzustreifen, hätte sie garantiert das höchste Lob ihres Yogalehrers eingeheimst, wenn sie denn noch die Zeit gehabt hätte, den Kurs zu besuchen.

Aber zumindest wusste sie nun Bescheid. Frauenzeitschriften logen. Ohne Unterwäsche fühlte man sich nicht sexy, sondern unbehaglich und nackt.

Hätte sie mehr als zehn Minuten erübrigen können, würde sie jetzt keinen grün und rosa gemusterten Baumwollslip mit Smileys und Schriftzügen tragen. Auf Französisch. Sie hatte nie Französisch gelernt, doch eingedenk des niedrigen Preises und der Platzierung auf dem Wühltisch konnte sie nur folgern, dass die Worte etwas bedeuteten, was Frauen normalerweise nicht auf ihrer Unterwäsche gedruckt haben wollten.

Egal. Niemand würde ihren Slip sehen und schon gar niemand, der Französisch sprach. Sie schnitt ein Gesicht. Ihr Leben war so ausgefüllt, dass sie froh sein musste, wenn kein Mr. Perfect auftauchte. Ansonsten hätte sie ihn fortschicken und auf später vertrösten müssen.

„Hallo, und Ciao.“ Justin Bane, ihr Nachbar, lief an ihr vorbei, eine verschwommene Gestalt in Schwarz, die von einem warmen Duft nach Leder und Sandelholz begleitet wurde. Er war schon die Treppe hinauf verschwunden, bevor sie genug Atem geschöpft hatte, um seinen Gruß zu erwidern.

Natürlich konnte er sich schnell bewegen. Er trug weder hohe Absätze noch grüne Unterwäsche mit verschlüsselten Nachrichten auf Französisch. Er hatte auch nicht ihr Arbeitspensum. Er hatte sogar die Energie, unter der Dusche zu singen, und er war es gewohnt auf dem Motorrad durch die Gegend zu rasen. Logisch, dass drei Treppen für ihn kein Problem darstellten.

Zehn Stufen geschafft, noch siebzig vor ihr. Sie atmete tief durch und schleppte sich stöhnend eine Stufe weiter. Sie war in den Vorort übergesiedelt, um aus dem engen Apartment an einer belebten Kreuzung herauszukommen, aber was, um alles in der Welt, hatte sie bewogen, eine Wohnung im dritten Stock zu mieten, und zwar in einem Haus, dessen Aufzug ständig außer Betrieb war? Zugegeben, vor sechs Monaten war sie jung und dumm gewesen. Überzeugt, jedes Hindernis überwinden zu können, das sich vor ihr auftürmte, sogar das tägliche Treppensteigen, denn immerhin hatte sie gerade ihren Traumjob ergattert.

Sie seufzte. Manchmal war es besser, wenn Träume Träume blieben. Achtzigstundenwochen und Aktenstudium an den Wochenenden hatten in ihren Fantasien während des langen Jurastudiums nicht existiert.

Hausarbeit konnte man vermutlich nicht vermeiden. Aber nicht heute. Und nicht morgen. Vielleicht würde sie sich am Sonntag der Herausforderung gewachsen fühlen, die Waschmaschine oder den Geschirrspüler zu laden. Heute Abend würde sie sich einen Imbiss liefern lassen und es sich vor dem Fernseher gemütlich machen, bis sie bei einem Hollywoodfilm Schriftsätze, Gerichtssäle, Scheidungen und Sorgerechtsfälle vergaß.

Ihr knurrte der Magen.

Nahrung. Oh ja, das stand ganz oben auf ihrer Liste fürs Wochenende. In den vergangenen Tagen hatte sie kaum Zeit zum Essen gehabt. Auch nicht am letzten Wochenende oder in der Woche zuvor. Ab und zu etwas Obst oder ein Schokoriegel waren bereits purer Luxus gewesen. Warme Mahlzeiten waren nur noch ferne Erinnerungen. Der bloße Gedanke an würzige Aromen und Kalorien ließ ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen und verlieh ihr genug Kraft, um noch ein paar Stufen zu bewältigen.

Auf dem Weg zu ihrer Tür kam sie allabendlich an Justins Apartment vorbei, und ihre Nase verriet ihr, dass er sich nicht mit Obst und Schokoriegeln begnügte. Er schien eine Schwäche für Curryhühnchen und selbst gemachte Pizza zu haben. Der köstliche Duft sorgte regelmäßig dafür, dass ihr Magen vor Sehnsucht rebellierte und ihr eigenes kulinarisches Meisterwerk – gegrilltes Käsesandwich – wie Pappe schmecken ließ.

Ihr knurrte schon wieder der Magen. Sie nahm sich vor, wenigstens an diesem Wochenende ordentlich zu essen. Vielleicht sollte sie eine Freundin einladen und etwas Vernünftiges kochen. Hamburger, zum Beispiel. Oder gegrillte Käsesandwiches mit richtigem Käse darauf.

Das würde natürlich bedeuten, dass sie einkaufen müsste.

Das Entsetzen über diese Erkenntnis gab ihr Auftrieb für die nächsten Stufen. Erster Stock. Sie hatte ein Drittel geschafft. Sie lehnte sich an die Wand und gönnte sich eine kleine Pause. Morgen würde sie übers Einkaufen nachdenken. Heute würde sie gar nichts mehr tun. Der Aufstieg in ihre Wohnung genügte.

Noch zwei Stockwerke.

„Sind Sie krank?“

Die Stimme war nur Zentimeter von ihr entfernt. Sie richtete sich ein wenig auf und sah in besorgt blickende dunkle Augen. Stumm schüttelte sie den Kopf. Schon wieder Justin. Sie hatte ihn nicht einmal die Treppen herunterrennen gehört. Es bestand nicht der geringste Zweifel, dass er gerannt war. Er bewegte sich immer schnell.

Die Lederjacke war verschwunden. Er trug ein zerknittertes schwarzes Hemd und schwarze Jeans, hatte die Hände in die Hosentaschen geschoben und überragte sie um einiges, obwohl sie diese halsbrecherisch hohen Pumps anhatte. Sie versuchte, nicht zu atmen. Als er vorhin an ihr vorbeigestürmt war, hatte sie eine Dosis männlicher Pheromone – oder wie man diese verhängnisvoll stimulierenden Duftstoffe sonst nannte – abbekommen, das war genug Versuchung für einen Tag. Und dabei hatte sie ihn noch nicht einmal von seinem Motorrad absteigen sehen …

Sie hatte nie viel für Motorräder übrig gehabt, aber wow, zu ihm passte es.

Sie schaute in seine dunkelbraunen Augen und kämpfte gegen die leichte Schwäche an, die sie seit seinem Einzug für ihn hegte. Es war lächerlich. Sie war viel zu alt für Schwärmereien.

Oder?

Justin berührte ihre Stirn, als wollte er sich vergewissern, dass sie kein Fieber hatte. Dann hob er ihren Kopf an und sah ihr in die Augen. Er nahm ihr Handgelenk und legte die Finger auf den Puls. War er Arzt? Jemand hatte ihr erzählt, er sei Lehrer, doch er glich nicht im Entferntesten den Lehrern, die sie gehabt hatte. Vielleicht hatten die anderen sich geirrt, und er war tatsächlich Arzt. Wenn sie aufhörte zu atmen, würde er sie womöglich mit einer Mund-zu-Mund-Beatmung wieder beleben. Kein unerfreulicher Gedanke.

Justin runzelte die Stirn. „Ihr Puls rast, Laura. Sie haben mehr als fünf Minuten gebraucht, um bis hierher zu gelangen – es sei denn, Sie sind die Treppen aus Trainingsgründen rauf- und runtergerannt. Was ist los?“

Justin, der höfliche Nachbar, war zu ihrer Rettung herbeigeeilt und ahnte nicht, dass ihr Puls seinetwegen raste! Was nun? Sie hatte die Vision, dass er sie auf die Arme hob und in ihre Wohnung trug, wo er sie behutsam auf die Couch bettete.

Sie schloss die Augen, um sich besser auf die Illusion konzentrieren zu können. Seine Arme würden stark, aber behutsam sein, seine Bewegungen geschmeidig und kraftvoll, mit einem leidenschaftlichen Leuchten in den dunklen Augen und einem sinnlichen Lächeln auf den Lippen würde er ihr jeden Wunsch erfüllen … Ein leises Seufzen entrang sich ihr, als sie sich die Wonnen ausmalte, die er ihr schenken könnte, die Freude, die er ihr bereiten könnte.

Kochen, sauber machen und die Fernbedienung suchen.

Oh ja. Männer waren durchaus nützlich, wenn sie nur mitspielten.

„Laura?“

Sie zwang sich, die Augen zu öffnen. Er hatte sich zu ihr vorgebeugt. Als sie erkannte, dass er versuchte, ihren Atem zu riechen, verlieh ihr die Wut neue Energie. „Ich bin nicht betrunken“, protestierte sie, stieß sich von der Wand ab und prallte prompt mit ihm zusammen. Er legte ihr den Arm um die Schultern, um sie zu stützen. Ihr Gesicht wurde an seine Brust gepresst.

Oh nein! Sie befand, dass es keine gute Gelegenheit zum Atmen war, aber ihre Lungen entschieden das Gegenteil. Zu viel Nähe zu Justin war gefährlich. Sie ließ sie von einer Fahrt auf dem Soziussitz träumen – trotz ihrer ausgeprägten Angst vor Motorrädern.

Sie löste sich von ihm, atmete tief durch, schnappte sich ihren Aktenkoffer und drängte sich energisch an Justin vorbei. Die Stufen schienen sie verhöhnen zu wollen. Sie waren steil. Sie waren zahlreich. Aber sie konnte sie überwinden.

„Machen Sie sich meinetwegen keine Sorgen“, rief sie Justin über die Schulter zu. „Ich bin erschöpft. Manche von uns genießen nämlich nicht den Luxus einer Vierzigstundenwoche!“ Sie wusste zwar nicht genau, womit Justin seinen Lebensunterhalt verdiente, doch er war immer vor ihr zu Hause. Und an den Wochenenden schien er auch nie zu arbeiten.

Neid war eine nicht zu unterschätzende Triebkraft. Insgeheim musste Laura einräumen, dass sie Justin hauptsächlich deshalb ablehnte, weil er offenbar nie Überstunden machte. Keine Überstunden und selbst gebackene Pizzas. Da sie ihn kaum kannte, gab es eigentlich keinen logischen Grund, ihn für arrogant zu halten. Männer, die chromglänzende Motorräder fuhren, waren jedoch immer zu arrogant.

Wenn sie allerdings sorgfältiger überlegt hätte – woran ihr natürlich nicht gelegen war – wäre sie vermutlich hinter den wahren Grund für ihre Abneigung gekommen: In den sechs Monaten ihrer Nachbarschaft hatte Justin nicht das leiseste Interesse für sie gezeigt. Ein paar belanglose Floskeln, wenn sie einander auf der Treppe begegneten, ja, faszinierende zehn Sekunden, in denen man über das Wetter plauderte, und das war’s.

Sie wandte sich kurz zu ihm um und warf ihm einen vernichtenden Blick zu. Verdammt, er sah ihr hinterher! Ungeachtet der lächerlichen Schwärmerei für ihn war ihr das egal. Er war nicht ihr Typ, selbst wenn sie die Zeit gehabt hätte für solche Nebensächlichkeiten wie die obligatorische Suche nach einem Seelenverwandten, wahrer Liebe und ewigem Glück. Es war einfach eine Frage des Stolzes. Es würde ihn nicht umbringen, wenn er ihr gelegentlich ein charmantes Lächeln schenken würde.

„Erschöpft?“, wiederholte Justin ungläubig und folgte ihr, als sie einige Stufen hinauftappte. „Sie sind stehend k. o.! Sind Sie sicher, dass Sie nicht krank sind?“

„Ja, mir geht es gut. Ich bin nur müde. Und hungrig. Es ist meine eigene Schuld. Ich habe meine Mittagspause – na ja, genau genommen waren es bloß zehn Minuten – darauf verwandt, Unterwäsche zu kaufen. Deshalb habe ich seit heute früh nichts gegessen.“ Sie überlegte. „Nein, warten Sie, ich habe seit gestern nichts gegessen. Heute habe ich nichts Genießbares in der Küche gefunden und wollte mir irgendwo ein Sandwich besorgen, aber dann war ich zu beschäftigt.“

„Sie haben sich Wäsche statt Lebensmittel gekauft. Verstehe.“ Er stellte sich neben sie und betrachtete sie von Kopf bis Fuß. „Sie sind knochig. Ich könnte Sie mühelos nach oben tragen.“

Sie nach oben tragen?

Fantasie war eine Sache, Realität etwas ganz anderes. „Ich bin kein Invalide.“ Sie umklammerte das Geländer und schleppte sich eine Stufe höher.

Knochig? Das brachte sie zur Vernunft. Warum hatte er nicht „dünn“ sagen können? Schlank? Zierlich? All das klang positiv, reizvoll, sexy. Knochig hingegen war nicht sexy. Es beschwor Bilder von Unterernährten herauf, von streunenden Katzen, und so weit war sie nicht. Noch nicht.

Er mochte also üppige Frauen. Kein Wunder, dass sie seines verführerischen Lächelns nicht würdig war.

„Ich schaffe es“, beharrte sie, und um es ihm zu beweisen, erklomm sie eine weitere Stufe.

„Lassen Sie mich wenigstens Ihren Aktenkoffer tragen. Er sieht schwer aus.“

„Okay, danke.“ Mürrisch reichte sie ihm die schwarze Ledertasche.

Justin nahm die Tasche, und für einen Moment fühlte sie sich tatsächlich besser. Schritt für Schritt näherte sie sich dem zweiten Stock, dicht gefolgt von Justin. Doch dann kehrte die Müdigkeit mit Macht zurück. Seufzend sank Laura auf die oberste Stufe und legte den Kopf auf die Knie. Obwohl es ihr widerstrebte, ihre Schwäche so offen zu zeigen, musste sie ihre Batterien ein wenig aufladen.

„Ich brauche eine Minute Pause, Justin. Es wäre fabelhaft, wenn Sie vorgehen und den Koffer vor meine Tür stellen würden.“

Fluchend beugte er sich über sie, drückte ihr die Tasche in die Arme und hob sie hoch. Bevor sie überhaupt ein Wort hervorbringen konnte, hatte er sie bereits nach oben getragen. „Sie sind eindeutig knochig“, meinte er. „Sie wiegen fast nichts. Kein Wunder, dass Sie keine Energie haben.“

Laura wollte protestieren, konnte es jedoch nicht. Hauptsächlich weil der überraschende Körperkontakt ihr buchstäblich die Sprache verschlagen hatte. Justin roch gut. Viel zu gut.

„Schlüssel“, befahl er, als er ihre Wohnungstür erreicht hatte. Die körperliche Anstrengung hatte ihn nicht einmal außer Atem gebracht. Er machte auch nicht den Eindruck, als wollte er sie so schnell wie möglich wieder absetzen. „Wissen Sie eigentlich, was Sie sich antun, Laura? Sie müssen ihre eigenen Grenzen kennen, sonst werden Sie krank.“

Ah, der große Beschützer! „Lassen Sie mich runter.“

Später konnte sie sich noch genug über seine Einmischung ärgern. Im Augenblick war sie noch viel zu schockiert über das brennende Verlangen, das sie in seinen Armen erfasst hatte. Das also war das Resultat von Hunger und Erschöpfung. Jegliche Vernunft wurde ausgeschaltet, und stattdessen erwachte die Lust auf Männer, die einen nichts angingen.

Er war warm. Stark. Roch immer noch nach Leder, obwohl er die Jacke nicht mehr anhatte. Am liebsten hätte sie die Arme um seinen Nacken gelegt, sich an ihn geschmiegt und geschlafen. Und dann, nach dem Aufwachen, könnte es richtig interessant werden.

Es ließ sich nicht leugnen. Ihre unterschwellige Schwäche für ihren Nachbarn, die während der hektischen ersten Monate in ihrem neuen Job in Vergessenheit geraten war, meldete sich nachdrücklich zurück.

„Nun?“, fragte Justin ungeduldig.

Es dauerte einen Moment, bis Laura in die Wirklichkeit zurückgefunden hatte. „Lassen Sie mich runter, Justin. Meine Schlüssel sind in der Aktentasche. Ich muss sie herausholen.“

Als er ihren Wunsch befolgte, fühlte sie sich sonderbar schutzlos. Lächerlich. Sie sollte an die Geborgenheit ihres Apartments denken, nicht an die Geborgenheit in Justins Armen. Sie sollte daran denken, unter die Laken ihres Betts zu schlüpfen – und zwar allein.

Als der Schlüssel beim vierten Versuch endlich ins Schloss glitt, blickte sie zu Justin auf und rang sich ein Lächeln ab. Sie war zu müde für eine Diskussion über sein anmaßendes Benehmen. Zumal er es vermutlich gut meinte. Eigentlich hatte er nichts falsch gemacht. Er konnte schließlich nichts dafür, dass eine verrückte innere Stimme sie drängte, ihn am Hemd zu packen und in die Wohnung zu zerren.

„Danke für Ihre Hilfe, Justin. Ich hätte es zwar auch allein geschafft, trotzdem danke.“

Er hielt sie zurück, als sie das Apartment betreten wollte. „Haben Sie jemanden, den Sie anrufen und bitten können, bei Ihnen zu bleiben? Sie sollten jetzt nicht allein sein.“

„Ich bin in Ordnung. Sie brauchen sich wirklich keine Sorgen um mich zu machen. Danke.“ Sie befreite ihren Arm aus seinem Griff, floh in die Wohnung und schloss die Tür hinter sich.

Der Aktenkoffer fiel unbeachtet zu Boden, als sie sich an die Wand lehnte. Wenig später hörte sie, wie sich Justins Schritte entfernten und seine Tür zuklappte. Sie erwog, einfach zu Boden zu sinken und zu schlafen, bevor sie sich anstrengenderen Aufgaben stellte. Die hochhackigen Schuhe quetschten ihre Zehen zusammen, die Bluse klebte ihr am Rücken. Sie brauchte eine Dusche, frische Sachen, Essen und Schlaf, und zwar genau in dieser Reihenfolge, aber momentan übte ein Wochenende auf den schmutzigen Fliesen, die seit Wochen kein Wasser mehr gesehen hatten, einen geradezu unwiderstehlichen Reiz aus.

Zwei Sekunden später schoss Adrenalin durch ihre Adern und verjagte die Müdigkeit ebenso wie jegliches Schlafbedürfnis.

Es war jemand in ihrem Apartment!

Sie schnappte sich die Aktentasche und hielt sie wie einen ledernen Schild vor sich. Regungslos blickte sie in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war.

Das Schlafzimmer. Die Tür war halb geschlossen.

Laura kämpfte tapfer gegen die aufsteigende Panik an und überlegte, ob sie die Tür heute früh nur offen gelassen hatte. Der Morgen war so hektisch gewesen, dass sie sich beim besten Willen nicht erinnern konnte. Vorsichtig spähte sie ins Wohnzimmer. Dort schien alles normal.

Dennoch hatte sie eindeutig etwas gehört.

Jetzt hörte sie nichts mehr, aber das mochte daran liegen, dass ihr das Blut in den Ohren rauschte und sie gleichermaßen von Furcht und Zorn beherrscht wurde. Sie lebte sehr zurückgezogen, und der Gedanke, dass jemand ohne Erlaubnis in ihr Heim eindrang und ihre Sachen durchwühlte, war ihr unerträglich – weitaus unerträglicher als die Möglichkeit, dass man ihr die wenigen Wertgegenstände stehlen könnte.

Am Ende gewann die Angst die Oberhand. Es hatte keinen Sinn, den oder die Einbrecher überraschen zu wollen. Sie sollte sich zurückziehen, solange sie noch die Chance dazu hatte, und die Polizei von einer der Nachbarwohnungen aus benachrichtigen. Es war Aufgabe der Beamten, sich mit Verbrechern zu befassen, auch wenn die Gefahr bestand, dass die Diebe inzwischen entkamen.

Den Lederschild fest an sich gepresst, näherte sie sich rückwärts dem Ausgang. Plötzlich hörte sie zum zweiten Mal den leisen Laut aus dem Schlafzimmer. Sie lauschte angestrengt. Das Geräusch war schwer einzuordnen. Es klang nicht so, als würde etwas zerbrechen, kein Ächzen, als würde jemand ihren Computer aus dem Fenster hieven, keine Stimme, keine Schritte. Nur ein … Laut.

Sie zögerte, weil sie sich an das letzte Mal erinnerte, als sie gedacht hatte, es wäre ein Einbrecher in ihrer Wohnung. Sie war hinausgerannt und hatte so lange schreiend an Justins Tür gehämmert, bis er geöffnet hatte. Dann hatte sie sich, bebend vor Entsetzen, in seine Arme geworfen.

Er war nett gewesen, das musste sie widerstrebend einräumen. Herablassend, okay, aber hilfsbereit und höflich. Nachdem er sie in sein Apartment gebracht und sich aus ihrer Umklammerung befreit hatte, war es ihm gelungen, ihr unzusammenhängendes Gestammel zu entwirren. Er hatte sie zum Telefon geführt und sogar die Tasten des Notrufs gedrückt, weil ihre Finger zu heftig gezittert hatten. Als echter Mann hatte er natürlich die Lage selbst prüfen wollen, doch sie hatte ihn zurückgehalten.

Bis zum Eintreffen der Polizei hatte sie genug Zeit gehabt, sich gründlich in die Rolle des hysterischen Frauenzimmers hineinzusteigern. Die Beamten hatten die Wohnung gestürmt – mit gezückten Dienstmarken und gezogenen Waffen – und nach kurzer Suche den Eindringling hinausgebracht. Ohne Handschellen.

Es hatte sich um ein niedliches weißes Kätzchen gehandelt, das laut Namensschild Angel hieß und sich schnurrend putzte, während es sich in die Arme eines Beamten kuschelte. Der Schaden war minimal gewesen. Angel hatte sich die Reste eines Thunfischsandwiches aus dem Abfall geangelt und ein Festmahl auf dem Küchenboden veranstaltet. Ansonsten fehle nichts, hatten ihr zwei Polizisten grinsend versichert und hinzugefügt, dass man die Täterin selbstverständlich erkennungsdienstlich registrieren werde, bevor man sie ihrer Familie überantwortete … Justin hatte die Szene sichtlich amüsiert verfolgt.

Laura biss sich auf die Lippe. Nein, eine Wiederholung ihrer Frau-in-Not-Nummer kam nicht infrage.

Erneut drang ein Laut aus dem Schlafzimmer. Das Geräusch konnte durchaus von einer Katze stammen.

Um den Fluchtweg zu sichern, öffnete sie weit die Wohnungstür und klemmte sie mit einem Schuh fest. Was nun? Sollte sie selbst nachsehen? Oder doch lieber die Polizei alarmieren? Dafür müsste sie das Telefon ihres Nachbarn benutzen. In ihrem Apartment gab es nur einen Apparat, und der stand im Schlafzimmer.

Sie schwor sich, gleich morgen früh ein Handy zu kaufen. Mitunter schien es, als wäre sie der einzige Mensch auf Erden, der keines besaß.

„Alles in Ordnung?“ Justin stand an der Tür zu seinem Apartment und hatte die Arme vor der Brust verschränkt. „Was ist los?“

Er verdient dieses gute Aussehen gar nicht, dachte sie. Es irritierte sie maßlos, dass sie jedes Mal ein verzücktes Seufzen unterdrücken musste, sobald sie sein markantes Gesicht und das weiche braune Haar erblickte, das noch seidiger wirkte als in jeder Shampoowerbung.

Und seine Augen … Nein, sie durfte nicht an diese Augen denken. Glücklicherweise sah sie sie nicht allzu oft aus der Nähe. Diese dunklen, von langen Wimpern umrahmten Augen erinnerten sie an Schokolade, und jeder wusste schließlich, dass Schokolade ein sündig-sinnlicher Genuss war, der einen sogar abzulenken vermochte, wenn ein Einbrecher in der Wohnung war.

Böses Thema. Absolut tabu.

Kopfschüttelnd kam Justin näher. „Sie sind weiß wie die Wand. Und Sie reden nicht. Was ist los?“

Laura versank förmlich in seinen schokoladenbraunen Augen. Oh ja, köstlich … Er hatte die Stirn besorgt gerunzelt, aber gleichzeitig umspielte ein leichtes Lächeln seine Lippen. War es ein freundliches, nachbarschaftliches Lächeln, oder erinnerte er sich an eine hysterische Frau, die sich panisch an ihn klammerte?

Er blieb vor ihr stehen. „Sind Sie sicher, dass Sie nicht krank sind, Laura? Ich sollte vielleicht einen Arzt rufen.“

Sie straffte die Schultern und rang sich ein unbekümmertes Lächeln ab. „Nein, danke, alles ist bestens.“ Da er sich nicht von der Stelle rührte, drehte sie sich wieder zu ihrer Wohnung um. „Es geht mir wirklich gut. Danke für Ihr Interesse.“

Obwohl Justin keineswegs überzeugt schien, zuckte er die Schultern, wandte sich ab und kehrte in sein Apartment zurück. Laura war mit ihrem Problem wieder allein. So ungern sie es zugab, es beruhigte sie, dass Justin zu Hause war. Sie brauchte nur zu schreien, und er würde sie durch die dünnen Wände hören.

Es ist kein Räuber, sprach sie sich insgeheim Mut zu. Warum geriet sie so schnell in Panik? Wahrscheinlich hatte sie das Schlafzimmerfenster offen gelassen, und Angel war auf die Idee gekommen, einmal nachzuschauen, ob Thunfisch noch immer auf dem Speiseplan stand. Die Katze lebte irgendwo in der Nähe und war ihr mehrfach auf der Straße begegnet. Bislang hatten Lauras abweisende Blicke dem Tier gezeigt, dass es nicht willkommen war. Vielleicht hatte die Aussicht auf Thunfisch über Angels Selbsterhaltungstrieb gesiegt.

Diesmal wollte Laura sich nicht von einer neugierigen Katze in Justins Arme treiben lassen. Sie würde stattdessen hineingehen und das Tier hinausjagen.

Energisch griff sie nach einem Schirm – nur für den Fall, dass der Eindringling bedrohlicher war als das kleine Fellbündel – und schlich zum Schlafzimmer. Der leichte Luftzug, der durch den Türspalt drang, bestätigte, dass sie vergessen hatte, das Fenster zu schließen.

Mit angespannten Muskeln, die Hände fest um den Schirm gelegt, spähte sie in den Raum. Es sah alles so aus, wie sie es am Morgen verlassen hatte. Die Nachmittagssonne schien auf die staubigen Oberflächen, das ungemachte Bett, das überquellende Bücherregal und die umgedrehte Kiste, die ihr als Nachttisch diente.

Kein Einbrecher. Keine Katze.

Sie lehnte den Schirm an die Wand, richtete sich auf und stieß die Tür ganz auf. Alles umsonst. Das Geräusch musste von draußen hereingedrungen sein, oder vielleicht quietschte auch das Fenster.

Laura ging hinein und setzte sich aufs Bett. Das war’s also. Nur gut, dass sie nicht in Panik geraten war.

Zu spät erkannte sie, dass es ein Fehler gewesen war, sich hinzusetzen. Nun würde sie wieder aufstehen müssen, und sei es auch nur, um die Vordertür zu schließen. Seufzend verschob sie diese lästige Pflicht und betrachtete versonnen den Bücherstapel auf der Kiste. Es war höchste Zeit, sich einen richtigen Nachttisch zu kaufen. Sie konnte es sich leisten. Sie konnte sich jetzt viele Dinge leisten, ohne sich über jeden Cent den Kopf zerbrechen zu müssen.

Plötzlich bewegte sich hinter ihr etwas auf dem Bett, und bevor sie sich dessen überhaupt bewusst war, stand sie mit dem Rücken an die Wand gepresst und schrie, dass ihr die Ohren gellten.

Justin hatte gerade die Reste der Pizza vom Vortag aus dem Kühlschrank geholt und in die Mikrowelle gelegt. Er war gereizt und nicht einmal sicher, ob er die Pizza überhaupt aufwärmen wollte.

Seine Nachbarin brauchte einen Babysitter. Sie lebte praktisch in ihrem Büro, schleppte sich spätabends nach Hause, sah aus wie ein Gespenst im Hungerstreik, und wenn sie daheim war, schien sie nichts weiter zu tun, als zu schlafen. Obwohl die Wohnungen nur durch dünne Wände getrennt waren, drang kaum je ein Geräusch zu ihm herüber.

Außer wenn sie duschte. Ihr Bad grenzte genau an seines. Sie duschte lange. Manchmal zur gleichen Zeit wie er. In schwachen Momenten malte er sich aus, wie er ihr das lange braune Haar wusch …

Autor

Hannah Bernard
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