Zärtliches Verlangen

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Fay Merriweather gerät in einen heftigen Schneesturm. Mitten im tiefen Waldgebiet Michigans hat ihr Baby es plötzlich eilig, auf die Welt zu kommen. Mit ihren Kräften am Ende findet Fay die einsam gelegene Hütte des attraktiven Detective Dan Sorenson. Er hilft ihr bei der Geburt ihrer Tochter Danielle und kümmert sich auch danach noch rührend um Mutter und Kind, bis Fay wieder nach Archer zurückkehren muss. Auch dort besucht er die beiden häufig, natürlich nur des Kindes wegen. Oder hat Dan längst sein Herz an Fay verloren?
  • Erscheinungstag 03.06.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733776404
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Dan Sorenson hielt inne und horchte auf den Sturm, der um seine Jagdhütte auf Michigans Upper Peninsula heulte. Er legte noch ein Holzscheit ins Feuer und stocherte im Kamin herum, um das Holz richtig zu platzieren. Wie gut, dass ich hier drinnen warm und trocken sitze, dachte er. Diese Frühjahrsstürme dauerten gewöhnlich drei Tage. Drei schlimme Tage, in denen es abwechselnd regnete und schneite, bis das Unwetter sich schließlich ausgetobt hatte. Ausgeschlossen, mit dem Auto zu fahren oder sich überhaupt ins Freie zu wagen. Zum Glück hatte er genügend Brennholz im Schuppen gelagert, bevor der Aprilsturm begonnen hatte.

Er ließ den Blick durch die gemütliche Hütte schweifen, die vor zwei Generationen mitten in der Wildnis errichtet und von seinem Großvater auf den Vater vererbt worden war. Finnische Einwanderer hatten die Hütte aus Zedernbalken gezimmert. Bis jetzt hatte sie Wind und Wetter mühelos getrotzt, und daran würde sich in den nächsten Jahrzehnten garantiert nichts ändern.

Dan ging zum Fenster hinüber und schonte dabei sein linkes Bein so gut wie möglich. Zwecklos, hier draußen was zu erkennen, dachte er, während er angestrengt in die Dunkelheit starrte.

Kopfschüttelnd kontrollierte er den Schalter für das Licht auf der Veranda, das immer noch angeknipst war. Die Gewohnheit hatte er von seiner Mutter übernommen, die das Licht auch hatte brennen lassen, wenn es draußen stürmte und schneite.

„Man kann nie wissen, ob nicht doch ein Mensch auf ein Licht in der Dunkelheit angewiesen ist“, hatte sie immer gesagt.

In dieser gottverlassenen Gegend ganz bestimmt nicht, schoss es Dan durch den Kopf. Aber irgendwie brachte er es trotzdem nicht fertig, es auszuschalten, und setzte sich in seinen bequemen Lehnstuhl neben dem Kamin. Plötzlich schrak er heftig zusammen. Was war das für ein Geräusch?

War da jemand an der Tür? In einer grauenhaften Nacht wie dieser? Mitten in der Wildnis? Ausgeschlossen. Doch obwohl der Sturm gewaltig um die Hütte heulte, war er sich sicher, dass er ein kratzendes Geräusch gehört hatte. Sieh lieber nach. Unwillkürlich griff er nach seinem Gewehr, bevor er zur Tür ging. Einmal Cop, immer Cop, dachte er amüsiert. Natürlich trug er die Waffe nicht bei sich. In dieser verlassenen Gegend war das vollkommen überflüssig, ganz besonders während eines Aprilsturmes.

Dan öffnete die Tür. Ihm stockte der Atem. Vor ihm stand eine Frau, die von Kopf bis Fuß mit Schnee bedeckt war. Sie schwankte und schien sich kaum noch auf den Beinen halten zu können. Entschlossen zog er sie in die Hütte und stemmte sich gegen die Tür, um sie zu schließen.

„K… kalt“, flüsterte sie zähneklappernd.

Er führte sie zum Kaminfeuer und half ihr aus dem durchnässten Mantel. Du lieber Himmel – die Frau war hochschwanger! Sie zitterte vor Kälte und schlug sich mit den Armen auf den Oberkörper, um sich zu wärmen.

„S… so … k… kalt“, flüsterte sie wieder.

Dan brachte sie dazu, die Strickjacke auszuziehen, aber er musste helfen, so klamm waren ihre Finger. Besorgt stellte er fest, dass ihr Hemd und die Hose ebenfalls durchnässt waren.

„Du musst unter die Dusche“, ordnete Dan an. „Und zwar auf der Stelle.“

Sie starrte ihn so erschrocken an, dass er befürchtete, es könnte an der Unterkühlung liegen. „Komm mit“, sagte er und führte sie ins Bad.

„Ich stelle das Wasser an.“ Als er ihre Hand losließ, blieb sie dort, wo er sie stehen gelassen hatte. Ihr Gesicht war vollkommen ausdruckslos. Eigentlich hatte er das Bad verlassen wollen, damit sie sich die nasse Kleidung ausziehen konnte, aber sie rührte sich nicht einen Millimeter von der Stelle.

„Kannst du dich allein ausziehen, oder brauchst du Hilfe?“, fragte er sie ohne Umschweife.

Die Frau schwieg.

Er seufzte genervt. „Hör zu“, meinte er. „Ich heiße Dan, und ich werde dir jetzt beim Duschen helfen. Okay?“

Er drehte den Wasserhahn auf und prüfte die Temperatur, bis sie angenehm warm war, und zog ihr dann das Hemd über den Kopf. Keine Reaktion. Also schob er ihr die elastische Hose über den gewölbten Bauch, klappte den Klodeckel zu, half ihr beim Hinsetzen und zog ihr Schuhe und Strümpfe aus. Sie trug nur noch den Slip und ihren BH, die trocken geblieben waren.

Als Dan ihr den BH öffnete, bemerkte er an ihrer kalten Haut, dass die Frau halb erfroren war. Was zum Teufel hat sie da draußen zu suchen? fragte er sich insgeheim, streifte ihr den Slip herunter, half ihr beim Aufstehen und manövrierte sie unter die Dusche. Weil er Angst hatte, sie könnte zusammenbrechen, blieb er im Bad und passte auf sie auf, während sie das warme Wasser über den Körper rinnen ließ.

Schließlich drehte er die Hähne wieder zu, nahm ihre Hand und ließ sie aus der Wanne heraustreten. Er trocknete sie ab und hüllte sie in das Badelaken ein. Danach führte er sie zum Kamin, eilte in das Obergeschoss der Hütte und durchwühlte die alte Kommode nach trockener Kleidung. Flanell. Genau richtig, dachte Dan.

Er half ihr in den alten Flanellpyjama seines Großvaters und achtete darauf, nicht ihre vollen Brüste zu berühren, während er die Jacke zuknöpfte. Sein Großvater war ein Hüne gewesen, so dass ihr die Jacke bis an die Knie reichte. „Ich helfe dir beim Hinsetzen. Dann kannst du dir die Filzpantoffeln anziehen“, meinte Dan, während er ihr die Ärmel hochkrempelte.

Zu seiner Überraschung reagierte sie plötzlich. „Es kommt“, erklärte sie mit schmerzverzerrtem Gesicht und strich sich mit der Hand über den Bauch.

„Es?“

„Das Baby.“

Dan schluckte schwer. „Bist du sicher?“

Sie nickte.

Mist, fluchte er unhörbar in sich hinein. Sieht so aus, als sei ich der einzige Mensch weit und breit, der ihr helfen kann. Nein, stimmt nicht, korrigierte er sich. Sein Bruder war Arzt in Evergreen Bluffs. Hinfahren konnte er zwar nicht, aber anrufen und ihn fragen, was er tun sollte.

Erst mal brachte er sie zum Sofa gegenüber dem Kamin. „Keine Aufregung“, beruhigte er sie und eilte zum Telefon. Just in dem Moment, als er es erreichte, verlosch das Licht. Nervös hob er den Hörer. Kein Wählton. Die Telefonleitung war so tot wie die elektrische, und sein Handy bekam in dieser verlassenen Gegend kein Netz.

„Bloß keine Aufregung“, wiederholte er, diesmal aber mehr zu sich selbst als zu der Frau. „Ich werde ein paar Laternen anzünden.“

Das Kaminfeuer leuchtete hell genug, und schon kurz darauf hatte er zwei Kerosinlampen angezündet. Eine platzierte er auf dem Esstisch und die andere auf dem Beistelltisch neben dem Sofa. Jetzt konnte er sehen, dass die Frau die Hände über dem Bauch zusammengekrampft hatte.

„Tut höllisch weh“, stieß sie hervor.

Verdammt. Er kniete sich neben die Couch auf den Boden und versuchte sich daran zu erinnern, was er im Grundkurs Medizin bei der Archer City Police Force gelernt hatte. Auch Geburten hatten sie kurz durchgenommen.

„Wie ich schon gesagt habe, ich heiße Dan“, stellte er sich nochmals vor. „Dan Sorenson. Wie heißt du?“

Sie schaute ihn direkt an, als ob sie ihn überhaupt zum ersten Mal wahrnahm. „Fay. Fay Merriweather. Danke für …“ Hilflos hob sie die Hände. „… dass du mich reingelassen hast und so weiter.“

Er lächelte sie an. „Hallo, Fay. Und jetzt verrate mir, ob heute der errechnete Geburtstermin für das Baby ist.“

„Nicht ganz. Zwei Wochen zu früh.“

Dan gab sich Mühe, seine Erleichterung zu verbergen. Wenigstens bekam er es nicht mit einem dieser zarten und zerbrechlichen Frühgeborenen zu tun.

„Fay, bist du in ärztlicher Behandlung gewesen?“

„Ja.“ Sie seufzte. „Er wollte nicht, dass ich nach Duluth fahre. Ich hätte auf ihn hören sollen. Du bist nicht zufällig Arzt?“

„Nein, tut mir Leid. Ich bin Polizist.“

Sie schien erleichtert. „Dann ist es wenigstens nicht deine erste Geburt.“

Er nickte, verschwieg ihr aber, dass er nur ein einziges Mal Geburtshelfer gewesen und dass das Baby mehr oder weniger allein zur Welt gekommen war. Außerdem war der Notarzt ziemlich schnell angekommen und hatte Mutter und Kind ins Krankenhaus gebracht.

Fay stöhnte auf. „Wieder eine Wehe.“

„Vielleicht solltest du dich hinlegen“, schlug Dan vor.

Sie schwieg für einen Augenblick, setzte sich dann auf und atmete tief durch. „Bei der Geburtsvorbereitung hat man uns erzählt, dass wir uns auf eine Plastikunterlage legen sollen, wenn es zu einer Notfallgeburt kommt. Plastik und ein paar alte Tücher. Irgendwas, was man anschließend wegschmeißen kann.“

„Ich suche nach einer Decke“, erwiderte er und wünschte sich sehnlichst, die Sache schon hinter sich zu haben.

„Eine alte“, rief sie ihm nach, während er in Richtung Schuppen eilte.

Mit einer alten Decke und einem Haufen ebenso alter, aber sauberer Handtücher unter dem Arm ging er zurück in die Hütte. Dann stieg er ins Obergeschoss und holte eine alte Steppdecke aus der Zedernholz-Kommode. Als er wieder ins Wohnzimmer kam, ging Fay gerade ein paar Schritte auf und ab.

„Fertig“, verkündete er ihr schließlich. „Du kannst dich hinlegen.“

„Danke. Ich soll so lange wie möglich in Bewegung bleiben. Aber ich bin wirklich erschöpft.“ Sie streckte sich auf der Couch aus und stopfte sich ein paar Kissen unter den Kopf, ließ die Steppdecke aber zusammengefaltet auf der Lehne liegen. Ihr Blick fiel auf Dan. „Wenn ich das Licht nicht gesehen hätte …“ Ihre Worte verloren sich, und sie atmete tief und betont langsam.

„Eine Wehe?“

Sie nickte. Dan kniete sich wieder neben sie und legte seine Hand beruhigend auf ihren Bauch. Noch durch den weichen Flanell hindurch fühlte die Bauchdecke sich so hart an wie ein Brett. Mit einem Blick auf die Uhr kontrollierte er die Abstände zwischen den Wehen. Noch bevor er seine Hand wegziehen konnte, stieß irgendetwas gegen sie. Hat das Baby mich getreten? fragte er sich überrascht und lächelte.

Fay musste ebenfalls lächeln. „Den Tritt hast du bestimmt gespürt.“

„Soll ich dich zudecken?“

„Das Feuer hält mich warm genug“, meinte sie und wandte den Blick in die Flammen. „Ich liebe Kaminfeuer.“

Dan hielt den Moment für gekommen, nach einem Messer und nach einer Kordel zu suchen, mit der er das Baby abnabeln konnte. So gut es ging, reinigte er das Messer mit Alkohol. Er musste es zur Hand haben, wenn er es brauchte. Sie muss ja nicht wissen, dass ich keinen blassen Schimmer habe, was ich tun oder lassen soll, dachte er insgeheim. Je mehr sie mir vertraut, desto weniger Angst wird sie haben. Komisch, dass die Leute immer dachten, Cops hätten jede Menge Ahnung von Geburtshilfe.

„Was ist da draußen passiert? Hast du dich im Sturm verlaufen?“, fragte er.

„Als es richtig schlimm wurde, muss ich falsch abgebogen sein.“

„Kommt vor. Du bist ziemlich weit von Duluth entfernt.“

„Ich bin mit dem Wagen ins Schleudern gekommen und gegen einen Baum geknallt“, erklärte sie. „Der Airbag hat den Aufprall abgefangen.“ Sie strich sich über den Bauch. „Dem Baby scheint aber nichts zugestoßen zu sein.“

„Solange sie treten kann, geht es ihr gut.“

Fay hob die Augenbrauen. „Sie?“

„Keine Ahnung, wie ich darauf komme“, erwiderte er schulterzuckend.

„Die meisten Männer hätten wohl von einem Jungen gesprochen. Sie wollen alle nur Söhne“, meinte Fay.

Dan wollte weder Söhne noch Töchter. Er hielt es für bodenlosen Leichtsinn, ein Kind in die heutige Welt zu setzen.

„Oder sie wollen weder Söhne noch Töchter“, korrigierte sie sich.

Als ob sie Gedanken lesen kann, dachte er unwillkürlich. Aber die Bitterkeit, mit der sie die Worte aussprach, gab ihm zu verstehen, dass ihr Kommentar nichts mit ihm zu tun hatte.

„Dein …“, begann er und brach ab. Allein erziehende Mütter waren schließlich keine Seltenheit. „Der Vater des Kindes?“

„Tot.“

„Das tut mir sehr Leid.“ Die Situation war ihm äußerst unangenehm, und er beschloss, keine persönlichen Fragen mehr zu stellen. „Wir brauchen etwas, wo wir sie reinlegen können, wenn sie da ist.“

Fay freute sich. „Schon wieder sie. Ich habe ein Körbchen dabei. Eines, das man im Auto befestigen kann. Aber es liegt noch eingekeilt im Wagen, zusammen mit den anderen Babysachen. Und meinen.“ Kopfschüttelnd schaute sie aus dem Fenster. „Unmöglich, jetzt einen Fuß vor die Tür zu setzen. Wir brauchen Ersatz.“

Sein Blick fiel auf die handgearbeitete Holzkiste, in der sein Großvater das Kaminholz aufgeschichtet hatte. Er stand auf, ging hinüber und kippte den Inhalt der Kiste aus.

„Ich muss sie noch sauber machen“, erklärte Dan. „Dann haben wir unseren Ersatz.“

„Sieht gut aus. Und was ist mit den Windeln?“

Windeln? Hatte er natürlich nicht. Aber soweit er informiert war, benutzte man heutzutage Wegwerfwindeln. Nur half ihm das jetzt auch nicht weiter. „Oben in der Kommode liegen ein paar alte Flanelllaken. Ich werde die Kiste damit auspolstern, einen Teil als Babydecke behalten und den Rest klein schneiden“, schlug er vor. „Dann haben wir auch Windeln.“

„Prima.“

Er gab ihr seine Uhr, damit sie selbst den Abstand der Wehen überprüfen konnte, während er die Tücher aus der Kommode holte.

Nachdem er zurückgekommen war, säuberte er die Kiste sorgfältig und polsterte sie mit dem Flanell aus. Zwei weitere Tücher legte er zusammengefaltet über den Rand. Während der Arbeit warf er ab und zu einen besorgten Blick auf Fay, und als er fertig war, stellte er die Kiste neben den Kamin, um sie aufzuwärmen. Angestrengt versuchte er, sich ein neugeborenes Baby darin vorzustellen. Es gelang ihm nicht.

Unwillig schüttelte er den Kopf, zog sich einen Stuhl heran und setzte sich mit den verbliebenen Tüchern zu Fay an die Couch. Gerade hatte er sie fragen wollen, wie sie sich fühlte, als er bemerkte, dass sie mit angespannter Miene auf die Uhr schaute und die Dauer der Wehe zählte. Schließlich seufzte sie auf und entspannte sich wieder.

Ein paar Minuten lang schaute sie schweigend zu, wie er die Stoffstücke auf dem Beistelltisch aufstapelte. „Kann mir vorstellen, dass ich dich ganz gewaltig störe“, meinte sie schließlich.

„Wozu sind Cops da, wenn nicht für Notfälle“, erwiderte er lakonisch und lächelte sie an. Sie brauchte jetzt allen Beistand, den sie nur bekommen konnte.

„Ich bin sehr froh …“ Sie brach ab und zuckte zusammen. „Wieder eine Wehe. Ziemlich heftig.“

„Dan?“, fragte sie nach einer kurzen Weile.

„Was ist?“

„Ich habe niemanden, der mir bei der Geburt assistiert. Wenn ich dir sage, was du machen sollst, würdest du dann meine Hand halten und mich bei der Atmung unterstützen?“

Zwischen den Wehen erklärte sie ihm seine Aufgabe. Er rückte mit dem Stuhl näher zu ihr heran, nahm ihre Hand und atmete gemeinsam mit ihr. „Fay, du machst es großartig. Gemeinsam werden wir es schon überstehen.“

„Gemeinsam“, murmelte sie und stöhnte laut auf. Eine Wehe durchzuckte sie, von der sie den Eindruck hatte, dass sie niemals enden würde.

„Atme weiter“, redete er auf sie ein. „Atme mit mir.“

Verdammt. Er hatte das unabweisbare Gefühl, dass er in allerkürzester Zeit mehr tun musste, als ihr nur beruhigend die Hand auf den Bauch legen, und er hatte eine Höllenangst davor. Der Kopf des Kindes kommt zuerst, rief er sich ins Gedächtnis zurück. Normalerweise mit dem Gesicht nach unten. Das ist der Moment, in dem du sie auffordern musst zu pressen. Dann aber fiel ihm ein, dass die Mutter nicht zu stark pressen sollte, um sich selbst nicht zu verletzen. Wie soll ich das nur verhindern? fragte er sich und biss tapfer die Zähne zusammen. Soll ich ihr sagen, dass sie nicht pressen soll? Oder doch?

Als die Wehe zu Ende war, eilte er zum Telefon und nahm den Hörer ab. Immer noch tot. So würde es zweifellos auch bleiben, bis der Sturm vorüber war. Okay. Er straffte die Schultern. Es kommt auf dich an. Du kannst es. Bis jetzt hatte er noch bei keinem Einsatz versagt. Obwohl sie auch noch nie so kompliziert gewesen waren wie dieser.

„Du ziehst das linke Bein nach“, bemerkte Fay.

„Es ist schon fast wieder verheilt“, gab Dan zurück.

Ihre Wehen kamen in immer kürzeren Abständen. „Ich glaube, es schiebt sich raus“, erklärte sie nach der letzten Kontraktion. Sie hatte die Knie schon angezogen und lag mit gespreizten Beinen flach auf der Couch.

„Es fühlt sich an, als ob ich pressen müsste“, stieß sie hervor.

Fay atmete nur noch hechelnd, während sie presste.

Er sah den Kopf des Babys und ließ es auf seine Hand gleiten, als es herausrutschte.

Aber irgendetwas war nicht in Ordnung. Sie schrie nicht. Atmete sie? Die Stimme seines Kursleiters ging ihm durch den Kopf. „Halten Sie das Neugeborene mit dem Kopf nach unten und entfernen Sie den Schleimpfropf, der die Atemwege des Babys möglicherweise blockiert.“

Mit angehaltenem Atem befolgte er die Anordnung. Ein dicker Schleimpfropf floss aus dem Mund des Babys, es hustete und begann zu weinen. Dan fiel ein riesiger Stein vom Herzen.

„Es ist ein Mädchen“, sagte er zu Fay und legte ihr das Baby auf den Bauch.

Überglücklich schaute Fay ihre Tochter an. „Ist sie nicht wundervoll?“

„Das schönste Baby von allen“, stimmte er abwesend zu und betrachtete die blutgetränkten Handtücher. Viel zu viel Blut, dachte er unwillkürlich.

„Bei der Geburtsvorbereitung hat die Kursleiterin erzählt, dass die Hebamme nach der Geburt meinen Bauch massiert, damit ich die Nachgeburt ausstoße“, sagte Fay erschöpft.

Dan tat, wie ihm geheißen. Er legte ihr das Baby auf den Oberkörper und massierte ihr den Bauch.

„Du musst kräftiger massieren“, erklärte Fay.

Er erhöhte den Druck. Die Nachgeburt trat aus ihrem Bauch. Der Blutstrom versiegte langsam. Trotzdem war er immer noch der Meinung, dass sie eine Unmenge Blut verloren hatte. Viel mehr als die Frau, der er früher bei der Geburt ihres fünften Kindes geholfen hatte.

„Jetzt hast du es geschafft“, meinte Dan zufrieden.

Nachdem er die Nabelschnur durchtrennt und abgebunden hatte, wickelte er das Kind in die kleine Decke, die er zurechtgeschnitten hatte, und hob es vorsichtig hoch. Rücken und Kopf des Babys stützte er mit dem linken Arm, während er es mit rechts festhielt und langsam in die Kiste legte. Dann wandte er sich an Fay.

„Ich muss sie waschen“, kündigte er an. „Am besten, ich lasse die Lehnen von meinem Sessel herunter und lege dich hinein, solange ich die Couch sauber mache. Vom Lehnstuhl aus kannst du auch ins Bettchen schauen.“

Sie nickte. „Ich kann mich nicht erinnern, dass ich einen solchen Stuhl schon mal gesehen habe“, meinte sie. „Sieht aus wie ein Liegestuhl, ist aber aus Holz.“

„Und ziemlich alt. Er hat mal meinem Großvater gehört.“

„Leg doch erst eine Decke drauf, bevor ich mich setze“, schlug sie vor.

Dan gehorchte. Wie leicht sie ist, dachte er überrascht, als er sie aufhob. Während sie in seinem Lehnstuhl lag, räumte er die Couch auf.

„Es wäre schön, wenn ich genügend Kraft hätte, mein Baby selbst zu baden“, bemerkte sie. „Aber im Moment bin ich einfach total erschöpft.“

„Mach dir keine Sorgen. Du hast jetzt nichts weiter zu tun, als zur Ruhe zu kommen. Nach allem, was du durchgemacht hast.“

Zum ersten Mal begegnete er ihrem Blick. Schöne grünbraune Augen, stellte er fest. Die Blässe in ihrem Gesicht beunruhigte ihn.

„Was wir durchgemacht haben“, korrigierte sie. „Vorhin hast du gesagt, dass wir es gemeinsam durchstehen wollen. Das haben wir auch.“

Ihre Worte freuten ihn. Konzentriert richtete er die Couch wieder her und legte schließlich eine Flanelldecke auf die Plastikfolie.

„Wenn du mir eine Schlüssel mit Wasser bringst“, meinte Fay, „kann ich mich ein bisschen waschen, bevor ich mich wieder hinlege.“ Sie deutete mit einem Kopfnicken auf die Handtücher, die ungebraucht auf dem Beistelltisch lagen. „Leg sie doch bitte auf die Couch. Dann habe ich sie zur Hand, wenn ich sie später brauche.“

Sanft und vorsichtig wusch Dan das Baby, während Fay sich selbst reinigte. Als sie fertig war, trug er sie zurück zur Couch. Erleichtert seufzte sie auf und streckte sich wohlig aus, während er sie mit der Steppdecke zudeckte. Kaum war er fertig, begann das Baby zu schreien.

„Bestimmt hat sie Hunger“, meinte Fay. „Wenn du sie mir gibst, dann kann ich sie stillen.“

Fay hatte die Brust schon entblößt, als er ihr das Baby brachte. Fasziniert schaute er zu, wie das zarte kleine Mädchen die Brust suchte und fand und instinktiv zu saugen begann. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er die Frau unverwandt anstarrte. „Entschuldige“, stieß er hervor und drehte sich weg.

„Keine Ursache“, entgegnete sie. „Es ist eine völlig natürliche Angelegenheit, ein Kind zu stillen. Wie eine Geburt.“

Dan strich leicht über die Stirn des Babys. „Sie ist wirklich wunderschön“, murmelte er leise.

Als er sich erschöpft in den Lehnstuhl setzte, stellte er fest, dass Fay ebenfalls sehr hübsch war. Aber sie war immer noch unnatürlich blass. Sie trug kein Make-up, und das dunkelbraune Haar hing ihr strähnig ins Gesicht. All das spielte keine Rolle. Schönheit ist keine Frage der richtigen Kleidung, dachte er insgeheim. Oder der passenden Frisur oder der Schminke.

Mit dem Baby auf den Armen hatte er vor kurzem zum ersten Mal begriffen, warum seine Exfrau unbedingt ein Kind hatte haben wollen. Der warme und hilflose kleine Körper hatte irgendeinen schwachen Punkt in seinem Innern berührt. Ja, sogar in ihm. In dem Mann, der sich geschworen hatte, niemals ein Kind in diese gefährliche und üble Welt zu setzen.

2. KAPITEL

Nach der Mahlzeit trug Dan das schläfrige Baby zurück in die provisorische Wiege und warf dann einen Blick auf Fay. Sie hatte die Augen geschlossen. Was braucht sie jetzt dringender als Ruhe, dachte er insgeheim. Offensichtlich kommen die beiden allein zurecht. Das war die Gelegenheit, kurz hinauszuschlüpfen und das Notstromaggregat anzuwerfen. Schließlich brauchten sie den Strom nicht nur für das Licht, sondern auch für die Wasserversorgung. Das Baby musste gebadet werden, und dafür war warmes Wasser notwendig.

Er zog sich die Winterjacke an, schlang sich einen dicken Schal um den Hals und machte sich auf den Weg in den Schuppen. „Geh nicht weg!“, schrie Fay entsetzt auf, als er die Tür nach draußen öffnete.

Erschrocken wandte Dan sich um und entdeckte, dass sie sich auf der Couch aufgerichtet hatte und ihn anstarrte.

„Ich würde euch niemals im Stich lassen“, gab er zurück und merkte, dass seine Stimme mehr indigniert als zuversichtlich klang.

„Du wagst dich nach draußen in diesen schrecklichen Sturm“, klagte sie. „Was, wenn du nicht mehr zurückfindest?“

„Ich gehe doch nur in die Garage, um das Notstromaggregat anzuwerfen“, erklärte er. „Wir brauchen Strom. Die Garage ist direkt neben dem Schuppen. Glaub mir, ich kann nicht verloren gehen.“

Dan verließ die Hütte. Fay sank zurück auf die Couch. Nachdenklich verschränkte sie die Hände über ihrem Bauch, der inzwischen deutlich flacher geworden war. Sie fühlte sich so müde wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Daniel Sorenson war ihr Rettungsanker. Schlagartig wurde ihr bewusst, dass sie und ihr Baby ohne ihn kaum würden überleben können.

Ich muss stark sein, beschwor sie sich leise. Ich werde stark sein. Für mich. Und für mein Baby. Aber das war leichter gesagt als getan. Natürlich zweifelte sie nicht daran, dass Dan zurückkommen würde. Schließlich hatte er es fest versprochen. Ihr Blick fiel auf die Holzkiste, in der ihre Tochter lag. Unwillkürlich musste sie lächeln. Sie hatte eine Entscheidung getroffen.

Fay hatte ihre Tochter immer Marie nennen wollen. Aber sie war unter ganz besonderen Umständen auf die Welt gekommen, und deshalb hatte sie ihre Meinung geändert. Marie sollte nur der zweite Vorname des Babys sein. Fay fielen die Augen zu. Im Dämmerzustand hörte sie, dass Dan wieder die Hütte betrat. Erleichtert seufzte sie auf und überließ sich dem Schlaf.

Das Weinen des Babys weckte sie. Wo bin ich? Wem gehört das Baby? Sie brauchte ein paar Sekunden, um sich zu orientieren. Dann hörte sie eine leise Männerstimme. Sie drehte den Kopf und sah Dan mit einem Baby im Arm. Ihrem Baby. Ein Blick aus dem Fenster verriet ihr, dass es bereits helllichter Tag war, aber der Sturm tobte nach wie vor mit ungehinderter Kraft.

„Du bist ja vollkommen nass“, flüsterte Dan dem Baby zu. „Wie gut, dass der Notstrom funktioniert. Dann kann ich wenigstens die Waschmaschine benutzen. Du weißt, wir haben nur ein paar Windeln. Und noch weniger Babydecken. Und nur zwei Sicherheitsnadeln.“

Fay beobachtete, wie er das Baby auf den Tisch legte. Unbeholfen wechselte er die Windel, wickelte das Kind in eine Decke, hob es auf und drehte sich in Richtung Couch.

„Guten Morgen“, grüßte Fay.

„Stimmt sogar“, erwiderte Dan. „Wir haben Glück gehabt, obwohl der Sturm über der Upper Peninsula immer noch heftig wütet.“ Marie weinte wieder. „Vermutlich hat sie Hunger.“ Er ging zu ihr hinüber und reichte ihr das Baby.

„Sie heißt Marie“, sagte Fay, während sie das Kind an die Brust legte. Ein paar Minuten lang war sie vollkommen damit beschäftigt, Marie saugen zu lassen. Als ihr Bauch sich verkrampfte, zuckte sie schmerzhaft zusammen. Ihr Blick fiel auf Dan, und sie bemerkte, dass er sich schamhaft abgewandt hatte.

„Alles okay?“, fragte er.

„Ja. Man sagt, dass die Wunden der Geburt abheilen, wenn man das Baby stillt“, erklärte sie. „Du musst nicht demonstrativ wegschauen.“

„Stillen ist eine ganz natürlich Sache, ich weiß“, spulte er mechanisch ab. „Aber für mich ist es neu.“

Sie lachte kurz auf. „Für mich auch. Was für ein Glück, dass ich Marie nicht beibringen muss, wie es geht.“

Autor

Jane Toombs

In dem Alter, als Jane das Alphabet lernte, hatte ihr Vater, ein erfolgreicher Sachbuchautor, nach einer Krankheit vollständig sein Gehör verloren. Wer mit ihm kommunizieren wollte, musste schreiben. Er trug stets einen kleinen Block mit sich herum, darauf stand z.B.: Was hast du auf dem Schulweg gesehen? Und so musste...

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