Nachtschicht mit Dr. Kepler

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Der smarte Mediziner Adem Kepler lässt Carlys Herz höherschlagen. Doch eine Beziehung mit dem Frauenhelden? Das ist für die vernünftige Hebamme undenkbar – wäre da nicht das prickelnde Verlangen, einmal im Leben etwas Verrücktes zu tun. Mit dramatischen Konsequenzen …


  • Erscheinungstag 13.08.2026
  • ISBN / Artikelnummer 9783751542999
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

Tina Beckett

Nachtschicht mit Dr. Kepler

PROLOG

Adem Kepler vergaß diese Autofahrt nie. Das Gefühl der kratzigen Wolldecke von seinem Bett, die an seiner Wange rieb, während er versuchte, die Erschütterungen abzufangen. Verursacht von Schlaglöchern einer schmutzigen Straße, die für ihn immer zu seiner Heimat gehört hatte.

Deutlich erinnerte er sich an seinen Dad, der ihnen atemlos etwas zurief. An den Wagen, der sich in Bewegung setzte. Die blinkenden Lichter des Flugzeugs, das sie in ein fremdes Land brachte. Ein neues Zuhause. Erst Jahre später hatte er begriffen, wie krank sein jüngerer Bruder gewesen war.

Doch mit fünfzehn sah er nur die Tränen seiner Mutter, die nie zu versiegen schienen, und den verkniffenen Zug um den Mund des Vaters. Die Welt seiner Familie, wie sie sie gekannt hatten, existierte nicht mehr. Rückblickend jedoch verstand er, dass der Aufbruch ein Segen war und der nächtliche Flug Basir das Leben gerettet hatte.

Damals war ihm das alles nicht bewusst gewesen. Er fühlte nur Ohnmacht und Wut, weil er seine Freunde zurücklassen musste. Aber Hirntumore waren nicht wählerisch. Sie scherten sich nicht um Nationalität, sozialen Status, Geschlecht.

Die ersten Jahre waren hart. Er musste eine neue Sprache lernen, sich in einer anderen Kultur zurechtfinden. Doch allmählich wuchs der zornige Teenager zu einem Mann heran, dem klar wurde, welches Opfer seine Eltern gebracht hatten. Die schwere Erkrankung ihres jüngsten Sohnes hätte die Familie zusammenschweißen sollen, aber die längst brüchige Ehe hielt dem Druck nicht stand. Zu stolz, um sich von außen Hilfe zu holen, hatten sie anfangs laut gestritten, um schließlich verbittert zu verstummen. Sein Dad verkroch sich in dem Restaurant, das er eröffnet hatte, und verbrachte immer weniger Zeit zu Hause.

Viele der Entscheidungen, die Adem in seinem Leben getroffen hatte, waren von Erfahrungen aus der Kindheit beeinflusst. Nicht nur der Entschluss, Neurochirurg zu werden, sondern auch sein Herzensprojekt. Adem hatte dem Verwaltungsleiter des Londoner Queen Victoria Hospital vorgeschlagen, im ärmsten Viertel der Stadt eine medizinische Anlaufstelle für sozial Benachteiligte zu eröffnen. Als er gefragt wurde, ob er die Klinik aufbauen und leiten wollte, sagte er sofort zu.

Adem glaubte fest daran, dass er das Leben von Menschen wie Basir verbessern konnte. In der Victoria Clinic sollten all diejenigen Hilfe bekommen, die in eine Krise geraten waren, ob nun durch Krankheit, familiäre Umstände oder Schwangerschaft. Die Probleme seiner Eltern hatte er nicht lösen und die Folgen, die er zu spüren bekam, nicht verhindern können, aber vielleicht konnte er anderen helfen.

Sollte es ihm gelingen, das Leben auch nur eines Menschen zu verbessern, war es die Anstrengung wert.

Dieses Mantra trieb ihn an, schon beim Medizinstudium, dann während der Facharztausbildung und als er die Klinik aufbaute.

Nichts sollte jemals zwischen ihm und seinem Ziel stehen.

1. KAPITEL

Fünf Jahre später

Carly Eliston durchquerte die NICU, die Säuglingsintensivstation des Queen Victoria Hospital, in einer Hand den Kleiderbügel, auf dem anderen Arm vorsichtig drapiert den Rock der bodenlangen Robe.

Das nachtblaue Abendkleid mit dem paillettenbesetzten Mieder war ein Spontankauf gewesen, nachdem sie drei verschiedene Brautjungfern-Outfits getragen hatte. Ein Kleid, nur für mich, dachte sie damals. Als sie es Jahre später einer Freundin lieh, hing das Preisschild immer noch daran. Carly hatte ihr gesagt, sie bräuchte es nicht zurückzugeben, aber Esther bestand darauf. Allerdings war weit und breit keine Gelegenheit in Sicht, es zu tragen!

Esther hingegen hatte das Kleid Glück gebracht. Sie und Harry Beaumont waren heftig verliebt und würden bald heiraten.

Vielleicht ist es verzaubert. Dann sollte ich es tragen. Carly schüttelte den Kopf. Nein, sie brauchte keinen Mann in ihrem Leben, vor allem zurzeit nicht. Eine gescheiterte Beziehung reichte ihr. Gut, dass ihr Exverlobter das Krankenhaus gewechselt hatte und inzwischen nicht mehr am Queen Victoria arbeitete. Wenn sie den Gerüchten glauben konnte, war er verheiratet und wurde bald Vater. Er lebte ihren Traum … mit einer neuen Liebe.

Eine Familie, Kinder, das wünschte sie sich mehr als alles andere.

Was jedoch nicht so leicht war, wenn man wie sie nur noch einen Eierstock hatte. Kyle hatte zwar hoch und heilig versichert, dass er sich nicht deshalb von ihr getrennt hätte, aber so ganz glaubte sie ihm nicht. Vielleicht war ihm klar geworden, wie mühsam es werden könnte, mit ihr Kinder zu haben. Versucht hatten sie es. Über ein Jahr. Jede Periode bedeutete eine neue Enttäuschung, und Carly wurde von Mal zu Mal verzweifelter, bis Kyle schließlich …

Schnee von gestern, Carly. Sieh nach vorn!

Das Gefühl, das ihr Leben einen Kick, eine Veränderung brauchte, war noch nie so stark gewesen wie jetzt.

Beide Hände voll, versuchte Carly die Klinke hinunterzudrücken, als plötzlich die Tür aufschwang und Carly mit jemandem zusammenstieß.

Mit einem Mann.

Hart landete sie an seiner Brust, blickte auf. Adem Kepler. Na toll. Der leitende Arzt der Victoria Clinic, wo sie normalerweise arbeitete. Adem haftete der Ruf an, ein Frauenheld zu sein – ein Grund, ihm nach Möglichkeit aus dem Weg zu gehen. Wenn man dem Gerede glauben konnte, waren seine Beziehungen oberflächlich, ohne jede Substanz. Falls Carly also jemanden mit diesem Kleid verzaubern wollte, dann bestimmt nicht ihn. Auch wenn ihr Puls verrücktspielte, sobald der dunkelhaarige Mediziner in ihre Nähe kam!

Und dann sein Lächeln, das leicht spöttisch in seinem Mundwinkel zuckte. Carly war hin und weg.

„Haben Sie noch etwas vor?“, fragte er.

Rasch richtete sie sich auf und wich zurück, bis sie wieder sicher auf den Beinen stand. Immer noch kämpfte sie gegen die Wirkung an, die er mit seinem Lächeln, dem leichten Akzent in der rauen Stimme auf sie hatte. Nun ja, selbst nach zehn Jahren in England erkannte man in ihr die Amerikanerin. „Entschuldigung, ich dachte nicht, dass die Tür … Ich wollte …“ Carly holte tief Luft, um ihr pochendes Herz zu beruhigen. „Ich wollte dies nur ins Auto legen, bevor mein Dienst anfängt.“

Adem befühlte den Stoff zwischen zwei Fingern. „Hübsch. Das ist sonst gar nicht Ihr Stil, oder? Und die Spendengala fürs Krankenhaus ist erst nächstes Jahr.“

„Spenden…?“ Oh, er dachte, sie hätte sich das Kleid für eine festliche Veranstaltung geliehen. Seine Reaktion versetzte ihr einen Stich. Es war keine Schande, sich ein Outfit zu leihen. Esther hatte sich nichts dabei gedacht und Carly erst recht nicht.

Aber es störte sie, dass er ein bestimmtes Bild von ihr hatte. Nämlich das einer Frau, die sich nicht amüsierte, vor allem nicht bei festlichen Anlässen.

Womit er allerdings nicht ganz unrecht hatte. Im letzten Jahr ihrer Verlobung hatte Carly nur an Babys gedacht.

Gekauft hatte sie das Kleid auch in der Hoffnung, ihrer Beziehung mehr Schwung zu verleihen. Sie ahnte nicht, dass Kyle sie eine Woche später verlassen würde. Seitdem hing es unbeachtet im Schrank, bis Carly es Esther borgte.

Ihre Wangen glühten vor Verlegenheit. „Ich weiß, wann der Krankenhausball stattfindet. Und natürlich ist dieses Kleid genau mein Stil. Schließlich habe ich es mir gekauft.“ Allerdings brauchte er nicht zu wissen, warum.

Die dunklen Brauen gingen in die Höhe. Glaubte er ihr etwa nicht?

Nein, er glaubte ihr nicht.

Auch ihr Verlobter hatte sie damit aufgezogen, dass sie außer der Arbeit praktisch kaum ein Leben hatte. Vielleicht war es mit ein Grund für die Trennung. Doch Carly fand, sie schuldete es ihrer Mutter. Die hatte sie allein großgezogen, nachdem Carlys Dad früh gestorben war, und hart gearbeitet, damit es ihrer Tochter an nichts fehlte.

Es hieß allerdings nicht, dass Carly nicht wusste, wie man Spaß hatte. Sie hob den Kopf ein Stückchen höher. Hatte sie sich nicht vorhin noch gesagt, dass sie Veränderung wollte? Vielleicht sollte sie jetzt damit anfangen? Gewohnte Pfade verlassen, etwas anders machen?

„Nur weil Sie bisher nicht das Glück hatten, mich in diesem Kleid zu sehen, heißt das nicht, dass ich es nicht getragen habe.“

Du hast es nicht getragen, Carly.

„Ich behaupte nicht, dass Sie es nicht getragen haben. Aber Sie haben recht, ich hatte bisher nicht das Vergnügen, Sie darin zu sehen.“

Großartig. Jetzt hielt er sie für eingebildet. „Vielleicht ein andermal. Wenn Sie mich entschuldigen …“

Sie wartete, doch er rührte sich nicht vom Fleck. Nicht, dass er ihr den Weg versperrte, aber da die Tür hinter ihm wieder ins Schloss gefallen war, musste Carly um ihn herumgehen.

„Haben Sie ein paar Minuten Zeit? Ich hätte Sie sowieso demnächst in der Victoria Clinic angesprochen, um mit Ihnen über das dortige Community Midwife Program zu reden. Wir werden da einiges verändern.“

Das brachte sie in Harnisch. Carly straffte die Schultern. „Diese Frauen brauchen Zugang zu …“

„Entspannen Sie sich, ich will Ihnen nichts wegnehmen. Im Gegenteil, ich bin heute ins Queen Victoria gekommen, um Zuschüsse zu dem Programm zu beantragen. Und ich habe sie bekommen. Wir haben demnächst zwei mobile Ultraschallgeräte zur Verfügung. Um sie bedienen zu können, brauchen wir allerdings entweder zusätzliche Fachkräfte oder Hebammen, die sich entsprechend fortbilden.“

Ihr Herz legte wieder einen Gang zu. Letztes Jahr hatte sie tragbare Geräte beantragt, sich aber nicht träumen lassen, dass sie sie so bald bereitgestellt bekam …

Carly holte langsam Luft. Einmal und noch einmal. Versuchte, ihre galoppierenden Gedanken im Zaum zu halten, was kaum möglich schien, wenn er so dicht vor ihr stand. Verboten gut aussehend. Mit Mühe konzentrierte sie sich. „An dieser Fortbildung würde ich gern teilnehmen.“

„Das dachte ich mir. Ich hatte gehofft, dass wir bei einer Tasse Tee darüber reden könnten. Reizt meine Anfrage Sie jetzt etwas mehr?“

Ja. Und nicht nur die Anfrage. Wie machte der Mann das? Kein Wunder, dass er einen gewissen Ruf hatte.

„Okay. Treffen wir uns in der Kantine? Ich bringe schnell mein Kleid ins Auto.“

„Gern. Bis gleich.“

Fünf Minuten später machte sie sich auf den Weg zur Kantine, in den bebenden Händen nichts außer ihrem Portemonnaie. Carly wünschte, sie wäre etwas gelassener, hätte ihre Emotionen besser im Griff. Mit Adem Kepler zusammenzustoßen, schien sie stärker erschüttert zu haben als gedacht. Denn kaum war er außer Sicht, entspannten sich Muskeln, die sie vorher nicht wahrgenommen hatte. Carly hatte so weiche Knie gehabt, dass sie sich für einen Moment an die Wand lehnen musste.

Aber mobile Ultraschallgeräte! Wie sehr hatte sie sich die gewünscht.

Jetzt mussten sie Patientinnen, die Vorbehalte hatten, nicht mehr in die Klinik bestellen. Einige trauten den Behörden nicht, mieden sogar Krankenhäuser, was leider oft eine Diagnose – und rechtzeitige Hilfe – verhinderte.

Als sie die Kantine betrat, entdeckte sie Adem an einem Tisch in der Ecke, atmete tief durch, bevor sie ihm fröhlich zuwinkte, und bestellte am Tresen einen Kaffee. Wenn sie gestresst oder nervös war, kamen ihre amerikanischen Wurzeln durch, und sie brauchte das dunkle bittere Gebräu, das ihre Mom trank. Carly streute etwas Kaffeeweißer in den Becher, rührte um und ging zu Adem.

Kaum hatte sie ihm gegenüber Platz genommen, goss er aus einem Silberkännchen etwas in eine Teetasse. Die Flüssigkeit war fast schwarz und wirkte dickflüssig. Teebeutel konnte Carly nirgends auf dem Tisch entdecken.

„Ist das Kaffee?“, fragte sie.

Er blickte auf. „Türkischer Mokka. Ich mahle die Bohnen zu Hause und brühe ihn sonst in meinem Arbeitszimmer auf. Heute muss ich mich mit einem elektrischen Wasserkocher begnügen. Wie ich sehe, trinken Sie auch keinen englischen Tee.“

Richtig beobachtet. Allerdings würde sie ihm nicht auf die Nase binden, warum. „Vermutlich kommt manchmal mein kulturelles Erbe durch.“

„Ihre Mutter unterrichtet Musik an der International University?“

„Ja. Deshalb bin ich vor Jahren nach London gekommen. Als ich mich entscheiden musste, ob ich meine Ausbildung in den Staaten oder hier fortsetze, beschloss ich, in die Nähe meiner Mom zu ziehen.“

„Bei mir war es ähnlich. Als ich auf der Highschool war, sind meine Eltern nach Hackney gezogen. Mein Vater betreibt nicht weit von der Klinik ein Restaurant.“ Adem lächelte. „Ich glaube, er wollte, dass ich es eines Tages übernehme. Zum Glück zeigte mein Bruder eine stärkere Begabung für die Gastronomie als ich.“

„Keine Schwestern?“

„Nein, nur mein Bruder und ich.“ Das klang knapp, leicht angespannt. „Und Sie?“

„Einzelkind. Genau genommen nur meine Mutter und ich.“ Sie warf ihm einen Blick zu. „Mein Vater war Archäologe. Er starb bei einer Ausgrabung, als ich zehn war.“

„Das war sicher hart.“

Sie lächelte, und ihre Nervosität legte sich endlich ein bisschen. „Ja, das war es. Aber ich habe gute Erinnerungen an ihn.“ Als Kind war sie ein Wildfang gewesen, hatte es geliebt, im Garten zu wühlen und vermeintlich alte Knochen zu finden, die sie sorgfältig mit einer gebrauchten Zahnbürste reinigte.

„Wollten Sie nicht Archäologin werden?“

„Nein. Gedacht habe ich zwar daran, doch meine Mutter hat ein Baby verloren, als ich noch klein war, und konnte infolge der Komplikationen keine Kinder mehr bekommen. Vielleicht ist deshalb mein Interesse an pränataler Gesundheit und sicheren Geburten erwacht.“ Ihr Interesse hatte einen bittersüßen Beigeschmack bekommen, als sie Schwierigkeiten hatte, selbst schwanger zu werden.

„Es tut mir leid. Das mit Ihrer Mutter, nicht Ihr Interesse an Babys.“

Babys.

Wie er das gesagt hatte … Ein Frösteln überlief sie. Aber anscheinend hatte er es nicht so gemeint, wie es bei ihr angekommen war. Woher sollte er auch von ihrem Kummer wissen? Trotzdem wollte sie eins klarstellen. „Ich interessiere mich für Babys und ihre Mütter.“

Adem trank einen Schluck Kaffee, betrachtete sie dabei mit seinen dunklen Augen über den Rand der Tasse hinweg. „Genau das meinte ich natürlich.“

Diesmal hatte das Prickeln nichts mit Kindern, sondern allein mit dem Mann ihr gegenüber zu tun. Was war nur mit ihr los?

„Natürlich“, echote sie und wechselte das Thema. „Wir bekommen also mobilen Ultraschall. Welche Bedingungen muss man für die Zertifizierung erfüllen?“

„Examinierte Krankenschwestern wie Sie müssen einen einjährigen Lehrgang besuchen. Für Hebammen ohne Krankenpflegeausbildung dauert die Fortbildung zwei Jahre. Eine andere Möglichkeit wäre, ein Gerät im Außendienst einzusetzen und die entsprechende Fachkraft zu den Terminen mitzunehmen.“

Gute Idee. „Haben wir dafür genügend Fachkräfte?“

„Wir könnten mehr gebrauchen.“

„Frieda ist Ultraschalltechnikerin hier am Queen Victoria. Wir sind gut befreundet. Sicher spendet sie ein oder zwei Stunden wöchentlich wie einige von uns, die schon in der Victoria Clinic arbeiten.“

Adem stellte seine Tasse ab, sah Carly an. „Sie spenden Arbeitszeit?“

Oh, oh. Er klang nicht gerade begeistert. „Ist das ein Problem?“

„Mir ist nur nicht ganz klar, warum Sie das tun.“

Nein, er war tatsächlich nicht glücklich darüber.

„Das Queen Victoria setzt in vielen Bereichen Freiwillige ein“, entgegnete sie. „Abgesehen davon möchte ich die Finanzierung nicht überstrapazieren. Wir hätten die tragbaren Geräte bestimmt nicht bekommen, wenn wir verlangt hätten, für jede einzelne Minute in der Klinik bezahlt zu werden. Ich weiß, dass ich ein Recht auf bezahlte Pausen habe, aber ich möchte meine Arbeitskraft stundenweise spenden, um zu helfen.“

„Verstanden, Carly.“

Wie er mit seiner tiefen heiseren Stimme ihren Namen aussprach, jagte ihr einen sinnlichen Schauer über den Rücken. Grund genug, noch mehr auf Distanz zu gehen. Ja, er war Arzt, aber auch ein Mann – ein beunruhigender Mann, der sie nicht kaltließ. Carly wollte sich nicht wieder mit einem Kollegen einlassen. Die Erfahrung mit Kyle reichte ihr. Und außerdem war Adem praktisch ihr Vorgesetzter. Von einem Mann zu träumen, war okay. Aber es war absolut nicht okay, dass er es merkte!

„Es ist doch kein Problem, oder? Ich habe nicht jeden Abend etwas vor, und es ist ja nicht so, als würde ich hundert Stunden die Woche anbieten.“

Ein paar Freundinnen hatten sie in letzter Zeit gedrängt, sich mit Männern zu verabreden, aber wie hieß es so treffend? Gebranntes Kind scheut das Feuer … Carly hatte wirklich keine Lust auf eine neue Beziehung. Und die zusätzlichen Arbeitszeiten verschafften ihr die perfekte Ausrede.

Ich weiß, dass du schlechte Erfahrungen gemacht hast, aber man kann auch übervorsichtig sein. Hatte Frieda das nicht zu ihr gesagt?

Ja, sie hatte sich von der Beziehung mit Kyle noch nicht wieder erholt. Und falls er sie wirklich verlassen hatte, weil sie keine Kinder bekommen konnte … Carly verspürte wenig Verlangen, einem neuen Mann von ihren Problemen zu erzählen.

Ein leichtes Lächeln umspielte Adems Lippen. „Würden wir über hundert Stunden die Woche reden, könnte das wirklich ein Problem werden. Ansonsten nicht.“

„Ich möchte helfen, etwas bewirken.“

„Oh, das tun Sie. Mehr, als Sie sich vorstellen können.“ In seinem Blick lag etwas Dunkles, Intensives, das zu Beginn ihres Gesprächs noch nicht da gewesen war.

Carly stürzte den letzten Schluck Kaffee hinunter und beschloss, von hier zu verschwinden, bevor er merkte, was er mit ihr anstellte. „Dann sollte ich in die Klinik fahren und meinen Dienst antreten. Danke, dass Sie mir von den Geräten erzählt haben. Wissen Sie, wann sie geliefert werden?“

„Noch nicht. Aber Sie erfahren es als Erste. Die Voraussetzungen für Lehrgang und Zertifizierung hänge ich ans Schwarze Brett im Personalraum der Klinik.“

„Das wäre großartig. Danke.“ Mit dem Kopf deutete sie auf die kleine Silberkanne und fügte spontan hinzu: „Eines Tages möchte ich türkischen Mokka probieren.“

Er sah ihr direkt in die Augen. „Eines Tages, Carly, koche ich Ihnen einen.“

Und da passierte, was sie die ganze Zeit verhindern wollte. Ihr Körper zeigte, was er von diesem Mann hielt. Carly spürte, wie ihre Brustwarzen hart wurden und ihre Atmung schneller ging.

Lass dich nicht von seinem Charme einwickeln!

„Danke. Wir sehen uns.“

„Da bin ich ganz sicher.“

Carly schluckte und griff nach Tasse und Löffel, um sie zur Geschirrabgabe zu bringen. Am Ausgang der Kantine drückte sie die Tür auf und kam wieder in der Wirklichkeit an. In der realen Welt, in der Adem ein Arzt wie jeder andere war und nicht jemand, der bei ihr Knöpfe drückte, die sie entschlossen deaktiviert hatte. Leider schienen einige davon nicht einverstanden zu sein, in der Versenkung zu verschwinden.

Genau das konnte sie bei diesem Mann gar nicht gebrauchen.

Weder heute noch sonst wann!

Adem lehnte sich in seinem Stuhl zurück, nachdem Carly gegangen war. Wie wenig er über sie wusste … Er kannte sie als zurückhaltend, und sie mit einem solchen Kleid zu sehen, hatte ihn überrascht. So sehr, dass er spontan aussprach, was er dachte, ohne vorher darüber nachzudenken, wie es bei ihr ankommen mochte.

Die Frau hatte ein Privatleben. Jedenfalls behauptete sie das. Eins, in dem sie hinreißende Abendkleider trug und auf Partys ging, von denen er nicht die geringste Vorstellung hatte.

Dass sie verlobt gewesen und die Beziehung in die Brüche gegangen war, hatte er gehört. Da er sich für den üblichen Flurfunk im Krankenhaus jedoch nicht interessierte, kannte er die näheren Umstände nicht. Es ging ihn nichts an. Außerdem war er nicht gerade ein Experte, was feste Beziehungen anging. Anders als sein Bruder, der inzwischen verheiratet war und sich Kinder wünschte. Anscheinend trugen Adems Versuche, Basir vor den schädlichen Streitereien der Eltern zu schützen, Früchte.

Ein Bild tauchte vor seinem inneren Auge auf: Carly im dunkelblauen Abendkleid, das ihren hellen Teint und das rote Haar betonte. Verdammt.

Es war nicht so, dass erst das Kleid ihn darauf aufmerksam gemacht hatte, wie attraktiv sie war.

Sie war ihm aufgefallen. Mehr als einmal.

Carly hängte ihr Kleid neben die drei Brautjungfernkleider. Wie schön, dass es für Esther genau das Richtige gewesen war. Harry und sie gaben ein wundervolles Paar ab. Carly selbst sehnte sich nicht nach einem weißen Kleid mit Tüll und Spitze. Nicht mehr. Zum Glück war es nicht dazu gekommen, dass sie sich während ihrer Verlobungszeit eins gekauft hatte. Sie war zu beschäftigt gewesen, schwanger zu werden.

Ja, Carly freute sich von Herzen für ihre Freundin, die die große Liebe gefunden hatte.

Allerdings, wenn Kyle aus ihrem Leben verschwunden war, bedeutete das, dass es für sie diesen einen besonderen Mann nicht gab? Ihr zog sich das Herz zusammen, aber nicht so, dass es richtig wehtat. Ein gutes Zeichen, nach allem, was passiert war. Vielleicht war sie mehr in die Vorstellung von Ehe und Familie verliebt gewesen als in Kyle. Im Nachhinein erkannte sie, dass es ein Fehler gewesen wäre, ihn zu heiraten.

Ihr Leben war ausgefüllt. Vielleicht war sie ihrer Mutter ähnlicher, als sie gedacht hatte. Die hatte nach dem Tod ihres Mannes nicht wieder geheiratet. Sie ging in ihrer Arbeit auf und schien damit vollkommen glücklich zu sein. Eine unabhängige Frau.

Wie ich? Wahrscheinlich. Es gefiel ihr. Carly brauchte keine ständige Gesellschaft. Zum ersten Mal seit der Trennung hatte sie das Gefühl, frei zu sein. Frei, ihr Leben so zu gestalten, wie sie es wollte. Ohne dass sich jemand einmischte. Frei zu entscheiden, mit wem sie schlief und wann.

Sie betrachtete das blaue Kleid, erinnerte sich wieder an Adems erstaunten Blick. Oh, wie sehr wünschte sie sich, dass er sie einmal darin sah.

Daraus wird nichts, Carly.

Entschlossen drückte sie die Schranktür zu. Wenn für Esther alles gut ging, würde Carly ein weiteres Brautjungfernkleid ihrer Kollektion hinzufügen können. Und ihre anderen Freundinnen aus dem Studium? Die, die noch Single waren?

Izzy Nicholson hatte sie an der Internationalen Schule kennengelernt, zusammen mit Raphael Dubois, der heute einer der Geburtshelfer am Queen Victoria war. Esther McDonald und Chloe Larson kannte Carly von der Hebammen-Ausbildung an der Universität. Seitdem war das Leben für sie alle voll überraschender Wendungen gewesen. Chloe hatte inzwischen eine dreijährige Tochter. Geblieben war jedoch ihre Freundschaft, die mit den Jahren noch stärker geworden war.

Deshalb war Carly froh, dass sie sich entschieden hatte, in England zu bleiben und sich hier eine Zukunft aufzubauen.

Ihre Gedanken schwenkten zu Adem zurück. Zwei Dinge hatten sie auf jeden Fall gemeinsam. Zum einen waren sie beide wegen ihrer Eltern in diesem Land. Und beide hatten sie als Erwachsene beschlossen, hier zu leben.

Seit einem Jahr arbeitete sie in der Victoria Clinic, und Adem war seit ihrer Gründung vor fünf Jahren dabei. Er hatte ihr Bewerbungsgespräch geführt.

Carly erinnerte sich noch genau, wie aufgeregt sie gewesen war. Der attraktive schwarzhaarige Mann mit den tiefgründigen dunklen Augen hatte es ihr nicht leicht gemacht, klar zu denken. Allein, weil er atemberaubend aussah! Während er sie zu ihrer Berufserfahrung befragte und detailliert die Arbeitsanforderungen beschrieb, wippte ihr rechter Fuß, als könnte er ein Tänzchen kaum erwarten, sodass Carly die übereinandergeschlagenen Beine fest nebeneinander stellen musste, damit es aufhörte. Damals hatte sie diese Unruhe ihrem Beziehungsstress zugeschrieben.

Doch es war wieder passiert, nicht nur einmal. Und als Adem Kepler sie bis in ihre Träume verfolgte, nahm sie sich vor, ihm aus dem Weg zu gehen. Was sich jedoch als fast unmöglich erwies.

Nun, sie konnte nicht länger ihre gescheiterte Beziehung für ihre Reaktion verantwortlich machen. Als sie zusammen in der Kantine gesessen hatten, spielte ihr Puls verrückt, und nur mit Mühe hielt sie die Füße still.

Als wäre es nicht genug, dass er sie verunsicherte, gab er ihr auch noch zu verstehen, wie langweilig er sie fand. Zu langweilig, um ein sexy Kleid zu tragen!

Du meine Güte, wie albern! Sie musste die Sache entweder überwinden oder sich überlegen, was sie dagegen tun konnte. Tatenlos zu bleiben, kam nicht infrage.

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