Süße Rache in der Stadt der Liebe?

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Maria reist mit einem einzigen Ziel nach Paris. Sie will Rache an Micha Rufina nehmen, der einst ihre Liebe verriet! Ihr Plan: eine Vernunftehe mit einem anderen, um das Milliarden-Unternehmen ihres Großvaters zu erben – und dann sofort Micha als Geschäftsführer feuern. Endlich soll er dafür büßen, dass er sie ohne Abschied verließ! Doch als sie Micha gegenübersteht, fühlt sie sich gegen jede Vernunft sofort wieder unwiderstehlich von ihm angezogen. Mit einem erregend sinnlichen Kuss riskiert sie mehr als nur ihr Herz. Viel mehr …


  • Erscheinungstag 12.05.2026
  • Bandnummer 2752
  • ISBN / Artikelnummer 9783751541831
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Pippa Roscoe

Süße Rache in der Stadt der Liebe?

PROLOG

Er musste Maria unbedingt finden.

Micha konnte kaum einen klaren Gedanken fassen. Er konnte es einfach nicht …

Gio Gallo – der Mann, dem Micha alles verdankte, der ihn und seine Mutter von der Straße geholt und ihm einen Job, eine Ausbildung, eine Wohnung und eine Zukunft gegeben hatte – hatte ihm gerade eben das Herz gebrochen.

Frag sie! Frag sie, und warte ab, was sie dazu sagt!

In ein paar Tagen würde er achtzehn werden. Und Micha hatte sich schon lange auf diesen Tag gefreut. Bis gerade eben hatte er Gio noch für einen Lebensretter gehalten, doch dann …

Micha war in den vergangenen Jahren schnell erwachsen geworden und hatte als Jugendlicher Dinge sehen und tun müssen, die den meisten Erwachsenen erspart blieben. Nicht, dass er seiner Mutter jemals die Schuld dafür geben würde. Sie hatte ihr Bestes getan. Energisch zwang er seine Gedanken weg von der Dunkelheit, die seinen Geist erfüllte, während ihn die Erinnerungen an die Vergangenheit einholten.

Sein Vater hatte sich schon vor einiger Zeit aus dem Staub gemacht und seine Mutter mit Schulden zurückgelassen, die sie nicht bezahlen konnte. Die Gläubiger hatten die arme Frau mit allen Mitteln unter Druck gesetzt. Micha hatte am Rande des Abgrunds gestanden, gefangen zwischen Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, als er Gio begegnet war.

Gio hatte ihn in sein Geschäft, seine Familie und sein weitläufiges Familienanwesen in der Toskana aufgenommen und Micha hatte sich dort sehr gut entwickelt. Und der Rest der Familie? Sie waren nicht wie Gio, der in ihm sah, was man mit Geld nicht hätte kaufen können: hohe Intelligenz und eine Entschlossenheit, mit der man Großes erreichen konnte, wenn man seine Chancen ergriff. Nein, die meisten Gallos sahen in Micha einfach nur einen italienisch-russisch-stämmigen, unehelichen Straßenjungen, der es nie zu etwas bringen würde.

Nur Maria war anders gewesen. Sie und Antonio hatten Micha immer wie einen gleichberechtigten Freund behandelt und die drei Musketiere waren schnell unzertrennlich geworden. Drei Gefährten, die alles füreinander getan hätten.

Frag sie, und warte ab, was sie dazu sagt!

Micha hatte wirklich geglaubt, er und Maria wären vorsichtig genug gewesen, dass niemand von ihrer Beziehung erfahren hatte. Als er an das Wort Liebe dachte, zögerte er. Ja, er verspürte eine tiefe Liebe zu ihr, konnte aber trotzdem kaum glauben, dass jemand wie Maria das Gleiche für ihn empfinden könnte. Er betete sie an, allein ihr Anblick ließ ihn dahinschmelzen.

Doch Gio wollte ihn wegschicken.

Micha hatte schon immer für Gio arbeiten wollen. Er wollte sich bei dem Mann revanchieren, der sein Leben und das seiner Mutter zum Positiven verändert hatte. Und Maria wollte in naher Zukunft die Gallo-Gruppe leiten – das internationale Unternehmen, das Gio mit eiserner Faust führte.

Aber das konnte Gio nur zulassen, wenn sie Antonio heiratete: ihren Adoptivcousin. Gio Gallo war auf die Vereinigung seiner beiden Enkelkinder fixiert, nachdem er seine eigenen Kinder als völlig nutzlos erachtet und aufgegeben hatte.

Micha hatte gedacht, wenn er sich nur ausreichend beweisen könnte … wenn er dem alten Mann zeigen könnte, wie gut er war, dann würde Gio vielleicht seine Meinung ändern. Er hatte gehofft, dass ihm noch genug Zeit dafür bliebe.

„Ich schicke dich nach Paris“, hatte Gio an jenem Morgen verkündet.

„Das ist ein großzügiges Angebot, aber ich würde lieber hierbleiben. Um in der Nähe … meiner Mutter zu sein.“ Eigentlich hatte er Maria sagen wollen und empfand Schuldgefühle wegen dieser Lüge.

„Das ist kein Problem. Ich werde euch beiden eine Unterkunft zur Verfügung stellen.“

„Ich habe … meine Kollegen hier.“ Dabei meinte er: Ich habe endlich echte Freunde. „Und ich war gerade dabei, große Fortschritte zu …“

Hinter seinem Schreibtisch hatte Gio sich zu seiner vollen Größe aufgerichtet, und sein finsterer Blick stoppte Michas Worte, sodass er sich fast auf die Zunge biss.

„Es ist nur, dass …“, startete Micha einen letzten Versuch zu widersprechen.

„Nein“, fuhr Gio dazwischen. „Es geht weder um deine Mutter noch um deine Freunde oder irgendwelche Karriereaussichten. Du musst eins begreifen!“, erklärte er scharf. „Sie ist nicht für dich bestimmt. Du kennst meine Einstellung in dieser Sache.“

Micha biss die Zähne zusammen.

„Aber es sind nicht meine Gefühle, um die du dir Sorgen machen musst. Du weißt, wie sehr Maria diese Firma leiten will. Mit ihren siebzehn Jahren hat sie bereits einen besseren Geschäftssinn als meine Kinder, die mehr als doppelt so alt sind. Sie ist für diese Aufgabe geboren und will diese Chance unbedingt ergreifen. Sie wird dieses Leben dir vorziehen.“

Micha stieß einen ungläubigen Seufzer aus.

Das würde sie nicht tun.

„Frag sie, Micha! Frag sie, und warte ab, was sie dazu sagt.“

Er wusste nicht, ob es Traurigkeit war, die er in den Augen des alten Mannes sah. Mitleid und solche Dinge kannte Gio eigentlich nicht. Zu solchen Emotionen war er gar nicht fähig. Aber das spielt auch keine Rolle, dachte Micha bei sich. Maria würde sich für ihn entscheiden.

Er fand sie auf dem großen grünen Rasen hinter Gios toskanischer Villa, wo sie mit Antonio auf einer Decke saß und lachte. Für einen kurzen Moment verspürte er einen bösen Stich der Eifersucht mitten ins Herz. Sie sahen wirklich gut zusammen aus. Gemeinsam könnten sie die Gallo-Gruppe leiten und ein erfolgreiches Leben in Glück und Wohlstand führen.

„Micha!“, rief Maria strahlend, als sie ihn erblickte.

Sein Herz hämmerte wie wild und er zwang sich zu einem Lächeln. „Ciao bella“, rief er ihr zu.

Antonio erhob sich, um ihm auf die Schulter zu klopfen. „Gut, dass du kommst. Sie treibt mich noch in den Wahnsinn. Ich muss sowieso gehen, Mama wartet.“ Damit bückte er sich, drückte Maria einen Kuss auf die Wange und gab Micha einen letzten Klaps auf den Rücken, bevor er zum Anwesen zurücklief.

Maria strahlte Micha an und deutete auf den Boden neben sich, während Micha mit einem Seufzer auf die Knie sank.

„Ich muss dich etwas fragen“, begann er und richtete den Blick auf die glänzende dunkle Lockenpracht, die ihr Gesicht umrahmte.

„Na, alles in Ordnung?“ Ihr Lächeln gefror, als sie seinen Gesichtsausdruck sah. „Natürlich kannst du mich alles fragen, was du möchtest“, sagte sie und legte ihm die Hand auf den Unterarm.

„Was würdest du …?“ Micha schluckte.

Spuck’s aus! ermahnte er sich. Sag ihr, was los ist!

„Was würdest du tun, um Chefin dieser Firma zu werden? Wenn Gio es dir anbieten würde? Was würdest du alles dafür tun?“ Die Worte sprudelten nur so aus Michas Mund und sein Herz pochte schmerzhaft. In Gedanken bereitete er sich schon darauf vor, seine Koffer für Paris zu packen.

Würdest du es tun? Würdest du Antonio heiraten, wenn Gio es von dir verlangt?

Maria blinzelte ihn an und strich sich eine widerspenstige Strähne aus dem Gesicht. Ihr Lächeln war einfach überwältigend.

„Alles“, antwortete sie enthusiastisch. „Absolut alles. Das weißt du doch.“

Und dann beugte sie sich vor und drückte ihm einen Kuss auf die Lippen – nicht ahnend, dass ihre Erklärung ihn für immer gebrochen hatte.

1. KAPITEL

Elf Jahre später …

Das Klackern ihrer Absätze auf dem Marmorboden im Foyer des Hauptsitzes der Gallo-Gruppe in Frankreich gab Maria Aurora Guilia Gallo das Gefühl, jetzt schon Chefin zu sein. Die Chefin, die sie in wenigen Monaten tatsächlich sein würde.

Manch einer mochte es vielleicht kleinlich finden, dass sie den Firmen-Jet von Italien nach Frankreich nur deshalb genommen hatte, um Micha Rufina genau diese Tatsache unter die Nase zu reiben, aber das war ihr egal.

Die Empfangsdame beäugte sie misstrauisch und Maria reckte ein wenig das Kinn. Ihre cremefarbene Seidenbluse, die sie mit einer hellbraunen Kaschmirhose kombiniert hatte, war perfekt gebügelt. Dazu trug sie High Heels, helle Louboutins aus Lackleder, deren Absätze bei jedem Schritt in Richtung des privaten Fahrstuhls, zu dem nur Familienmitglieder und Vorstandsmitglieder Zutritt hatten, auf dem Fußboden klapperten. Die andere Frau ignorierte sie geflissentlich.

Jedes einzelne Kleidungsstück war heute mit Bedacht von ihr ausgewählt worden. Es waren Teile ihrer Rüstung. Die Rüstung, die sie in ihrem letzten Kampf mit Micha Rufina – ihrem Erzfeind – dringend brauchte. Auch wenn früher mehr zwischen ihnen gewesen war, hatte sie sich gezwungen, diese alten Gefühle aus ihrem Herzen zu verbannen, bis nur noch eine hässliche Narbe übrig geblieben war. So tief verborgen, dass sie sich kaum noch daran erinnern konnte.

Sie erreichte den Aufzug, steckte ihre Schlüsselkarte in den Schlitz und wartete.

Die Empfangsdame kam eilig auf sie zugelaufen.

„Mademoiselle Gallo, wie schön …“ Sie brach ab, als Maria ihr einen kühlen Blick zuwarf. „Weiß Herr Rufina, dass Sie hier sind?“ Die Stimme der armen Frau klang hektisch und schrill.

„Nein“, erwiderte Maria und wandte sich wieder dem Aufzug zu.

Zu ihrer Rechten befand sich die Reihe öffentlicher Aufzüge, die für die Mitarbeiter des Gebäudes gedacht waren. Sie war sich bewusst, dass einige der Angestellten ihr auf dem Weg in den Feierabend verstohlene Blicke zuwarfen.

Am Anfang hatte es Maria noch gestört, dass sie die Blicke der Männer auf sich zog.

„Die werden mich nie ernst nehmen“, hatte sie sich bei ihrem Cousin Antonio beklagt. „Alles, was sie sehen, ist das hier“, hatte sie gesagt und an ihren langen schwarzen Locken gezupft. „Und das.“ Dann hatte sie die Brust rausgestreckt.

Antonio hatte gelacht und den Kopf geschüttelt. „Dann bring sie dazu, dich trotzdem ernst zu nehmen!“

Er hatte recht gehabt. Wie immer. Ihren Cousin mochte sie von der gesamten Familie am liebsten, und das nicht nur, weil alle anderen Mitglieder schlimmer waren als ein Haufen giftiger, geldgieriger Vipern. Nein, Antonio war immer für sie da gewesen und hatte sie motiviert, auch wenn ihre eigenen Eltern es nicht getan hatten. Und was machte es schon, dass er in den letzten sechs Jahren durch seine eigene Firma ein wenig abgelenkt gewesen war? Er war immer noch die einzige Person, auf deren Hilfe sie sich verlassen konnte.

Und so hatte sie härter und entschlossener gearbeitet als die meisten anderen Familienmitglieder und auch ihre Kleidung stets wie eine Waffe eingesetzt. Sie nutzte ihre Outfits, um eine bestimmte Rolle zu spielen.

Und heute hatte sie sich extra teuer gekleidet – und das nur aus einem einzigen Grund: Sie wollte Micha wissen lassen, dass sie weit außerhalb seiner Liga spielte. Der Junge, mit dem sie praktisch aufgewachsen war, sollte merken, dass sie beide nichts mehr gemeinsam hatten. Egal was er ihrem Großvater bedeutet hatte.

Sie selbst hatte ihren Großvater immer geliebt und zu ihm aufgeschaut. Doch Gio hatte sie nie als würdig befunden. Er war ein komplexer, zutiefst schwieriger Mann gewesen und nach seinem Tod hatte sein letzter Wille für ein Erdbeben innerhalb der Familie gesorgt. Die Schockwellen, die daraufhin ausgelöst worden waren, waren für einige katastrophal gewesen. Und für sie und Antonio? Lebensverändernd!

Denn aus Gios Testament ging eindeutig hervor, dass er seinen exzentrischen und völlig irrationalen Plan, sie und Antonio zusammenzubringen, damit sie Erben in die Welt setzten und sein Imperium erhielten, niemals aufgegeben hatte. Obwohl Antonio vor sechs Jahren eine andere Frau geheiratet hatte und Maria zum absoluten Workaholic mutiert war, um ihren Wert zu beweisen.

Es spielte keine Rolle, dass sie beide bereits Gallos waren, denn Antonio war adoptiert und sie eine Frau – beides Umstände, die sie in den Augen ihres Großvaters mit einem Makel behafteten. Aber ein gemeinsames Kind von ihnen? Das war es, was Gio von Anfang an gewollt hatte. Und wenn sie nicht heirateten und die Bedingungen des Testaments erfüllten? Dann würde das gesamte Unternehmen an Micha Rufina übergehen. Etwas, das Maria niemals zulassen würde, solange sie lebte!

Antonio empfand das Gleiche, und deshalb hatte er zugestimmt, sie nur auf dem Papier zu heiraten, um die Bedingungen des Testaments zu erfüllen. Sobald Antonio sich von seiner Frau scheiden ließe, würde er sie, Maria, heiraten können. Anschließend würde er ihr seinen Anteil an dem Unternehmen – das sie durch die Eheschließung erbten und an dem er absolut kein Interesse hatte – überschreiben und sie würden getrennte Wege gehen. Er konnte sich um seine eigene Firma Alessia International kümmern und sie um die Gallos-Gruppe. Und niemand würde jemals wieder auf sie herabsehen.

Ping.

Die Türen des Aufzugs öffneten sich und sie betrat die kleine Kabine. Das roségoldene Spiegelglas reflektierte ihr Bild, und sie zählte die Etagen, während sie immer weiter bis zum Penthouse nach oben fuhr.

In den letzten sechs Jahren war sie mehrmals in diesem Pariser Büro gewesen, aber nur, wenn Micha nicht dort war. Im Gegensatz zu vielen anderen Leuten war sie von dem kometenhaften Aufstieg des Jungen, den Gio vor all den Jahren unter seine Fittiche genommen hatte, nicht überrascht gewesen. Denn sie kannte Michas Charakter. Er konnte kalt, hart und rücksichtslos sein.

Aber dennoch hatte sie Respekt vor seinem Geschäftssinn, das musste sie zähneknirschend zugeben. Während andere Familienmitglieder abfällig behauptet hatten, er hätte seine Kompetenzen beim Betteln und Stehlen auf den Straßen Roms erworben, hatte sie nur Überlebenswillen und Entschlossenheit gesehen, obwohl sich ihr Mitgefühl für den Jungen, den sie einst gekannt hatte, in Grenzen hielt. Sie hatte auf die harte Tour gelernt, ihn nicht zu unterschätzen.

Maria erreichte die Etage, in der das Penthouse lag, und mit einem weiteren Ping öffneten sich die Aufzugstüren zu einem exquisiten Empfangsbereich, der in den Unternehmensfarben der Gallo-Gruppe, Roségold und Creme, gehalten war.

Drei Jahre zuvor war sie maßgeblich am Rebranding beteiligt gewesen, und obwohl der Vorstand Einwände erhoben hatte, hatte Gio den Sinn in ihrem Plan erkannt. Die Firma wurde weltweit vor allem von älteren Männern wahrgenommen, und auch wenn das in der Vergangenheit funktioniert hatte, waren Frauen die wichtigste Zielgruppe der Zukunft.

Stirnrunzelnd stellte Maria fest, dass keine Empfangsdame am Schreibtisch saß, und sah auf die Uhr. Es war schon nach sechs, aber trotzdem fand sie es seltsam, dass Michas Sekretärin bereits gegangen war.

Stirnrunzelnd machte sie sich auf dem dicht geknüpften Teppich auf den Weg zum Büro des regionalen Geschäftsführers. Die Türen standen weit offen, und sie ging, ohne zu zögern, hindurch und direkt zu den bodenhohen Fenstern hinüber, die sich über eine ganze Seite des riesigen Büros erstreckten.

Von hier aus konnte man sogar den Eiffelturm sehen! Schon als kleines Mädchen hatte sie Paris geliebt. Ihr Herz klopfte bei diesem Anblick schneller. Einen Moment lang fragte sie sich, wie es wohl wäre, unter anderen Umständen hier zu sein, aber noch bevor sie diese Fantasie weiter ausschmücken konnte, spürte sie ein Kribbeln im Nacken.

„Was machst du hier, cara?“

„Du hast kein Recht, mich so zu nennen“, konterte sie, in der Hoffnung, ihn genauso zu verletzen, wie er sie verletzt hatte.

Micha hatte bemerkt, wie sie bei seinen Worten zusammengezuckt war, und bereute sofort, dieses Kosewort benutzt zu haben.

„Wie bist du hier reingekommen?“, wollte er wissen und überspielte seine Überraschung. Lässig schlenderte er zu seinem Schreibtisch hinüber, um den Ordner, den er in den Händen hielt, dort abzulegen. Er wollte etwas Zeit schinden, um das plötzliche und beunruhigende Erscheinen von Maria Gallo zu verkraften.

Er hatte sie erst vor ein paar Wochen auf der Party von Alessia Gallo gesehen. Antonios Mutter gab ihr Bestes, um die Familie zusammenzuhalten. Das Testament ihres Vaters hatte für großen Wirbel gesorgt. Das Unternehmen stand ohne Führung da und sowohl die Familie als auch die Firma drohten daran zu zerbrechen.

„Zu Fuß“, erwiderte sie trocken.

„Ach, wirklich? Ich dachte, du wärst auf deinem Besenstiel hergeflogen“, murmelte er leise vor sich hin.

„Wie originell, Micha, mich eine Hexe zu nennen.“

Marias Worte trafen ins Schwarze und er zuckte zusammen. Er wusste, wie oft sie von Familienmitgliedern herabgewürdigt wurde, die sich darüber ärgerten, dass sie mehr als nur ein hübsches Gesicht war. Und obwohl sie und er eine ziemlich zerrüttete Beziehung zueinander hatten, wollte er sich nicht so abstoßend wie die anderen verhalten.

„Du weißt, dass ich es nicht böse gemeint habe“, stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Darauf reagierte sie nicht. „Wo ist deine Sekretärin?“, fragte sie und stützte sich mit den Händen auf dem Stuhl ab, der gegenüber von seinem Schreibtisch stand.

„Warum? Hast du Angst, mit mir allein zu sein?“, spottete er.

„Soweit ich mich erinnere, gibt es bei dir wenig, wovor man Angst haben muss“, konterte sie.

Autsch! Wie hatte er vergessen können, wie schlagfertig sie war?

Darum hielt er den Mund, bevor er etwas sagte, das vielleicht falsch verstanden wurde. Im Grunde hatte er auch gar keine Zeit für das hier … für sie. Während der Rest der Gallo-Familie gern Spielchen spielte, betrachtete er sich als eine Person mit emotionaler Intelligenz. Ihm war es sozusagen wichtiger, das Schiff über Wasser zu halten, anstatt sich darum zu kümmern, wer das Schiff steuerte.

„Meine Assistentin ist auf einem Schulungsseminar“, log er. Die arme Frau war durch die Hetzjagd einiger Mitglieder der Gallo-Familie an den Rand der Erschöpfung getrieben worden, also hatte er sie früher nach Hause geschickt.

Im Augenblick war nicht jeder in den Inhalt des Testaments eingeweiht und dieser Umstand verursachte Probleme.

Nicht, dass Maria das etwas ausgemacht hätte. Oh nein! Das Einzige, was sie vermutlich interessierte, war, dass sie endlich diese Firma in die Hände bekam – was sie, ehrlich gesagt, auch verdiente. Und wenn es so weit war? Dann würde sie ihn wahrscheinlich feuern. Vielleicht war sie deshalb hier.

Diese Vorstellung brachte ihn etwas aus dem Konzept.

So sehr, dass sie ihn dabei erwischte, wie er sie wortlos anstarrte.

„Was ist?“, fragte sie.

Schnell schüttelte Micha den Kopf. Er wollte sie gar nicht erst auf dumme Gedanken bringen, falls sie doch nicht gekommen war, um über eine Kündigung zu sprechen. Er unterdrückte einen Fluch.

„Raus mit der Sprache, Maria! Was willst du hier? Ich habe noch einiges zu tun. Ein paar Verträge abschließen und einiges mehr.“

Sie lachte, als ob sie sich wirklich darüber amüsieren würde, dass er hier schuftete.

„Sicher, warum nicht? Der letzte Akt eines Ertrinkenden. Dann mal los, Rufina!“

Ihre Worte ließen ihn aufhorchen. Letzter Akt? Verdammt, sie wollte es also wirklich tun! Sie wollte Antonio heiraten, um die Firma in die Hände zu bekommen.

Seine Hände waren zu Fäusten geballt, und er presste sie hastig auf den Tisch, damit die weißen Knöchel nicht seine blinde Wut verrieten. Sein Gesicht glich einer steinernen Maske.

Langsam hob er den Blick und betrachtete die Frau, die ihm gegenüberstand. Zentimeter für Zentimeter. Die Kleidung, die sie trug, war auffallend luxuriös und teuer. Ebenso wie der Schmuck. Wahrscheinlich hatte sie sich nur so angezogen, um ihn daran zu erinnern, dass er einst nichts weiter als ein Straßenjunge gewesen war, während sie immer ein gigantisches Erbe zu erwarten hatte.

Im Gegensatz zum Rest der Familie, der noch nie etwas von Ivy McKellen gehört hatte, wusste Micha von der Scheinehe, die Ivy vor sechs Jahren mit Antonio eingegangen war. Damit hatte sich Antonio erfolgreich davor schützen können, von Gio Gallo zu einer Ehe mit Maria gezwungen zu werden.

Aber diese Beziehung war viel komplizierter, als Maria ahnte. Micha hatte Ivy kennengelernt. Er hatte den Mut und die Entschlossenheit in ihren Augen gesehen. Und mehr als das: Micha hatte sie echt gemocht. Ob Antonio es wusste oder nicht: Ivy passte perfekt zu ihm, und wenn er auch nur einen Funken Verstand hatte, durfte er sie nicht entkommen lassen. Schon gar nicht um eines verdammten Unternehmens willen – egal wie viele Milliarden es wert war.

„Was hast du getan, cara?“, fragte er mit warnendem Unterton in der Stimme, obwohl er überzeugt war, dass sie sich davon nicht beeindrucken ließ.

„Was ich tun musste“, schoss sie hart und leise zurück.

Verdammt, ihr heiserer Tonfall machte ihn irgendwie richtig an!

Früher hatte sie weiche Kurven gehabt, immer ein freundliches Lächeln auf den Lippen und eine etwas naive Persönlichkeit. Aber jetzt als gestandene Frau? Da übte sie eine ganz neue Wirkung auf ihn aus.

Kurz kam ihm der ungeheuerliche Anblick in den Sinn, als Antonio sie umarmt hatte, und ihm wurde fast schwindelig, so sehr regte ihn das auf.

„Antonio und ich werden bis Ende des Monats verheiratet sein“, erklärte sie.

Er stieß ein freudloses Lachen aus. „Das ist doch lächerlich. Er liebt dich nicht.“

„Wer hat etwas von Liebe gesagt?“

Dio mio, bist du so versessen auf diese Firma, dass dir die Ehe nichts bedeutet?“, brauste er auf. „Gelübde vor Gott, deiner Familie, deiner Mutter?“

Maria spürte, wie ihre Wangen vor Wut glühten und ihr Puls sich beschleunigte.

„Vor meiner Mutter?“, spottete sie. Wie konnte er es wagen, über ihre Mutter zu sprechen? Über Ehegelübde? „Wie kommst du dazu, so etwas zu sagen, Micha? Oder ist das nur ein kleiner Trick, um mich zu beschämen und zu manipulieren? Nun, darauf falle ich nicht rein. Diesmal nicht“, fügte sie hinzu und ignorierte die plötzliche Hitze, die ihre Wangen rot färbte. „Meine Hochzeit mit Antonio wird stattfinden und die Firma wird dann mir gehören. Und du kannst verschwinden.“

Michas einzige Reaktion darauf war, dass er leicht die Augen zusammenkniff.

Oh, verdammt, dieser Kerl! Sie versuchte, einen epischen, siegreichen Moment zu genießen, aber er wollte einfach nicht vor ihr kapitulieren.

Sie wandte sich von ihm ab, um ihre Enttäuschung zu verbergen. Micha wusste es. Er wusste, wie die Ehe ihrer Eltern ausgesehen hatte. Wie distanziert und kalt und unerträglich es für Maria gewesen war. Die endlosen Sticheleien und Erniedrigungen, die Herabsetzung und Herabwürdigung durch ihren Vater und das entsetzliche Schweigen ihrer Mutter. Sie hatte die beiden sogar angefleht, sich scheiden zu lassen, in der Hoffnung, dass sie selbst dann vielleicht wieder Luft zum Atmen finden würde. Und ironischerweise war dies die einzige Sache in ihrer gesamten Ehe gewesen, in der sich ihre Eltern einig waren: Es würde keine Scheidung geben.

Während ihrer gesamten Kindheit hatte sie Zuflucht bei Antonio und, ja, auch bei Micha gesucht. Aber sie weigerte sich, an diese Zeiten zu denken. Zu dritt waren sie in der Toskana aufgeblüht, und es hatte sich angefühlt, als läge ihnen die ganze Welt zu Füßen. 

Antonio und Micha waren ihre Rettung gewesen. Sie hatten sie beschützt und sie von ihrem Elend, ein ungeliebtes Einzelkind zu sein, abgelenkt. Antonios Mutter hatte sie die drei Musketiere genannt und sie hatten oft aus Spaß mit Schwertern gekämpft und imaginäre Feinde niedergestreckt.

Nun, sie kämpfte immer noch. Nur war die Waffe ihrer Wahl jetzt die arrangierte Ehe. Die Heirat mit Antonio. Nicht mit dem Jungen, dem sie einst ihr Herz geschenkt hatte. Maria sammelte sich innerlich, bevor sie sich wieder zu Micha umdrehte, der noch immer hinter seinem Schreibtisch stand und sich mit beiden Fäusten darauf abstützte.

Sein Auftreten erinnerte sie an ihren Großvater. Micha war zwar nicht blutsverwandt mit ihr, trotzdem hatte er viel mit Gio Gallo gemeinsam. Den scharfen geschäftlichen Instinkt. Seine Umgangsformen. Zum Glück hatte er nicht die Moral des alten Mannes übernommen. Micha war auch so schon rücksichtslos genug.

„Es wird eventuell schwieriger sein, als du denkst, mich loszuwerden“, sagte er, ohne sich die Mühe zu machen, sie direkt anzusehen.

„Ganz im Gegenteil. Du wirst feststellen, dass es nur drei Worte braucht: Du bist gefeuert.“

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