Baccara Collection Band 496

– oder –

Im Abonnement bestellen
 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

VERBÜNDET MIT DER LEIDENSCHAFT von ROCHELLE ALERS

Sabotage auf ihrer Ranch! Die Vorarbeiterin Vivienne Fortune will den Täter finden. In ihrem Nachbarn, dem Ölbaron Jonathan Porter, findet sie einen unerwarteten Verbündeten – und zugleich schlägt ihr Herz in seiner Nähe gefährlich schnell. Aber kann sie ihm wirklich trauen?

GEFESSELT VON EINEM HEISSEN COWGIRL von DEBBI RAWLINS

Rodeo-Champion Ethan Styles weiß, dass er vor dem großen Finale jedes Risiko meiden sollte. Das hindert ihn allerdings nicht daran, ein heißes Cowgirl in sein Hotelzimmer einzuladen. Doch die Schöne fesselt ihn mit Handschellen ans Bett und verkündet, dass sie Kopfgeldjägerin ist!

EINE LIEBE IN FADENKREUZ von CARLA CASSIDY

Der zu Unrecht verurteilte Beau Boudreau sucht die aparte Anwältin Peyton LaCroix auf – jene Frau, die er einst liebte. Sie soll seinen Namen reinwaschen! Doch während ihre Leidenschaft erneut entflammt, geraten sie ins Fadenkreuz des echten Täters …


  • Erscheinungstag 18.04.2026
  • Bandnummer 496
  • ISBN / Artikelnummer 0855260496
  • Seitenanzahl 384

Leseprobe

Rochelle Alers, Debbi Rawlins, Carla Cassidy

BACCARA COLLECTION BAND 496

Rochelle Alers

1. KAPITEL

Jonathan, Sie haben einen elf Monate alten Sohn und müssen so schnell wie möglich in die Staaten zurückkehren.

Jonathan Porter hatte den Anruf des Anwalts, der die Rechtsabteilung von Porter Oil leitete, für einen Scherz gehalten. Er konnte kein Kind in dem Alter haben, da er zum Zeitpunkt der Zeugung zwischen Texas und dem Nahen Osten gependelt war, um mit seinem Vater Porter Oil International aufzubauen, und zu der Zeit mit keiner Frau zusammen gewesen war.

Seine letzte Beziehung war gescheitert, als er der Frau, die bereits nach drei Monaten von Verlobung gesprochen hatte, gesagt hatte, dass er noch nicht bereit für eine feste Bindung war. Obendrein hatte sie sich zum Geburtstag eine sündhaft teure Tasche von ihm gewünscht, worauf er ihr erzählt hatte, dass er völlig pleite sei und als schwarzes Schaf der Familie von der Hand in den Mund lebe und ihm nach der Zahlung der Miete und der monatlichen Rate des Kredits für sein Auto kein Geld für eine Designertasche bliebe.

Mit solchen Aussagen stellte Jonathan seine Partnerinnen auf die Probe, weil er fürchtete, dass sie nur wegen der Verbindungen seiner Familie an ihm interessiert waren. Danielle Matthews hatte den Test nicht bestanden und ihm damit das Herz gebrochen, denn er hatte sich in sie verliebt. Sie hatte seine Anrufe nicht mehr entgegengenommen und nach ein paar Wochen hatte er gewusst, dass es vorbei war. Als er einige Monate später in Richtung Dubai aufgebrochen war, hatte er sich geschworen, sie zu vergessen.

Jonathan schloss die Augen und versuchte, während des langen Flugs von Dubai nach Texas etwas Schlaf zu finden. Die Vorstellung, ein Kind gezeugt zu haben, belastete ihn. Auch wenn Danielle und er als Paar gescheitert waren, wenn sie schwanger gewesen wäre und sich geweigert hätte, ihn zu heiraten, hätte er Unterhalt für das Kind bezahlt und es gemeinsam mit ihr großgezogen. Keine Rolle im Leben des Kindes zu spielen, wäre nicht infrage gekommen. Nicht für Jonathan, denn die Porters waren geradezu fanatisch, wenn es um Familie ging.

Bis zur Landung des Firmenjets auf dem Dallas Forth Worth International Airport, wo ein Fahrer des Unternehmens ihn erwartete, fand Jonathan gerade mal fünf Stunden ununterbrochenen Schlaf. Nachdem er den Zoll passiert hatte, nickte Jonathan dem Fahrer zu, der ihm die hintere Tür der Limousine öffnete.

„Willkommen zu Hause, Mr. Porter.“

Jonathan lächelte. „Danke. Es ist schön, wieder hier zu sein.“ Er freute sich immer, in den Staaten zu sein, denn er war gern mit seiner Familie zusammen.

„Wohin darf ich Sie bringen, Mr. Porter?“, fragte der Fahrer und griff nach Jonathans Gepäck.

„Sie können mich bei meinem Haus in Emerald Ridge absetzen. Sie müssen nicht auf mich warten, ich fahre mit meinem Wagen zum Büro.“ Er ließ sich auf den Rücksitz fallen. Er wollte erst duschen und sich umziehen, bevor er den Anwalt in dem Bürogebäude in Emerald Ridge traf. In dem großen Kalksteinbau belegte Porter Oil ein ganzes Stockwerk.

Eigentlich würde er lieber ins Bett gehen und schlafen und nicht viel anderes tun, bis sich sein Körper wieder an die zentrale Zeitzone gewöhnt hatte.

Doch dazu würde es heute nicht kommen, denn er wollte unbedingt mit dem Leiter der Rechtsabteilung sprechen, um zu klären, ob es sich möglicherweise um einen Vaterschaftsbetrug handelte. Ja, er hatte mit Frauen geschlafen, aber er hatte nie ungeschützten Sex gehabt.

Die Rückkehr in die USA kam zu einem guten Zeitpunkt, denn er freute sich nicht nur auf ein Wiedersehen mit seiner Mutter, seinen Tanten und Großeltern, sondern auch mit seiner Schwester Imani, die ihn im Jahr zuvor mit der Geburt ihres Sohnes zum Onkel gemacht hatte. Wegen der neun Stunden Zeitunterschied hatte er mehrere Zoom-Anrufe mit seiner Schwester geführt, und sie hatte ihn dabei über die Ereignisse in der Heimat auf dem Laufenden gehalten.

Offenbar hatte es eine Reihe von Diebstählen und Sabotageakten auf drei Ranches in der Gegend gegeben. Es war zwar jemand festgenommen worden, aber der Mann schien nur die ausführende Hand zu sein und er weigerte sich zu sagen, wer ihn beauftragt hatte. Imani hatte ihn darüber informiert, dass das Weingut der Leonettis verschont geblieben war, ebenso ihr Unternehmen und mehrere kleinere Ranches. Obwohl die Porters im Ölgeschäft und nicht in der Viehzucht tätig waren, empfand Jonathan Mitgefühl für die Rancher.

Emerald Ridge lag eine Autostunde östlich von Dallas, also lehnte Jonathan sich auf dem Ledersitz zurück, schloss die Augen und bereitete sich mental auf das Treffen mit dem Anwalt vor.

Der Fahrer brachte den Wagen auf der kreisförmigen Einfahrt vor Jonathans Haus zum Stehen und Jonathan war sofort hellwach. Er stieg aus, ging zur Eingangstür des großen Hauses im toskanischen Stil, das er sechs Wochen nach der Trennung von Danielle gekauft hatte. Damals war er es leid gewesen, in der gemieteten Zweizimmerwohnung in Chatelaine zu leben, wo die Nachbarn sein Kommen und Gehen überwachten. Und als er das Haus in Emerald Ridge sah, das ihn an die Häuser erinnerte, die er auf seinen Reisen durch Italien bewundert hatte, konnte er nicht widerstehen und kaufte es. Es verfügte über sechs Schlafzimmer und acht Bäder, und mit seinen mehr als fünfhundert Quadratmeter Wohnfläche auf fünf Hektar Land, war es genau der Ort, an dem Jonathan leben wollte.

Mit zweiunddreißig Jahren hatte Jonathan das, was er als Dating-Karussell bezeichnete, gestoppt. Er war bei der Auswahl seiner Dates nicht nur wählerischer, sondern auch kritischer geworden. Das Leben und Reisen zwischen den Staaten und Dubai hatte ihn verändert. Der Ausbau von Porter Oil hatte jetzt Priorität, sein Liebesleben stand weit abgeschlagen an zweiter Stelle.

Er hob die Abdeckung am Türgriff an, gab den Code ein und öffnete die Tür. An der Wandtafel neben dem Eingang gab er eine weitere Zahlenkombination ein, um das Sicherheitssystem zu deaktivieren. Kühle Luft strich über sein Gesicht, als er ins Foyer trat. Der Fahrer folgte ihm mit dem Gepäck ins Haus. Jonathan nahm die Tasche und drückte dem Mann gleichzeitig einen Hundert-Dollar-Schein in die Hand.

„Danke.“

Jonathan lächelte und nickte dem Fahrer zu. „Sehr gern.“

Das Unternehmen hatte mehrere Fahrer auf Abruf, um seinen Großvater Hammond Porter – CEO von Porter Oil – und andere hochrangige Mitarbeiter zu ihren Zielen zu bringen, während Jonathan lieber mit seinem Porsche Cayenne fuhr. Wenn er in Dubai war, fuhr Imani gelegentlich mit dem SUV, um den Motor in Gang zu halten, und sie hatte auch die Verantwortung dafür übernommen, dass ein Reinigungsdienst zweimal im Monat in sein Haus kam, um zu putzen und sicherzustellen, dass alles in Ordnung war.

Er stand seiner Schwester nicht nur sehr nahe, sie waren auch altersmäßig nah beieinander. Nur elf Monate trennten sie. Sein Neffe Colt Fortune Porter war jetzt sieben Monate alt, und wenn er tatsächlich einen elf Monate alten Sohn hatte, dann wären sie Cousins …

Er schüttelte den Kopf, als wollte er die Möglichkeit verwerfen, dass er ein Kind gezeugt hatte. Es konnte nicht sein, oder? Denn wenn es so wäre, würde sich sein Leben unwiderruflich verändern. Doch statt sich jetzt schon verrückt zu machen, ging er in das an sein Schlafzimmer angeschlossene Bad, um sich frisch zu machen.

Kurze Zeit später strich Jonathan sich übers Gesicht. Er wollte nicht glauben, was er da gerade gelesen hatte. Es gab einen positiven Vaterschaftstest, eine Geburtsurkunde und Fotos von einem kleinen Jungen, der zweifellos sein Mini-Me war.

Es überraschte ihn nicht, dass Danielle Matthews ihm die Schwangerschaft verschwiegen hatte, nachdem er ihr offenbart hatte, dass er pleite war. Was sie damals nicht gewusst hatte, war, dass er allen Frauen, die er datete, diese Geschichte erzählte, um herauszufinden, ob sie auch dann noch bei ihm blieben. Er war nur an Frauen interessiert, die ihn um seiner selbst willen mochten und nicht, weil er der reichsten schwarzen Familie in Texas angehörte. Danielle hatte den Test nicht bestanden. Sie war gegangen und hatte ihm die Schwangerschaft verschwiegen. Sie hätte ihm seinen Sohn auch weiterhin vorenthalten, wenn sie nicht erfahren hätte, dass sie unheilbar krank war und sterben würde.

Danielle Matthews hatte ihrem Sohn die männliche Form ihres Namens als ersten und ihren Nachnamen als zweiten Vornamen gegeben und Jonathan Porter als Vater angegeben. Der kleine Junge, von dessen Existenz Jonathan bis heute nichts gewusst hatte, hieß Daniel Matthew Porter.

„Wo ist der Junge jetzt?“, fragte Jonathan den Anwalt, während er sich bemühte, sich seine Angst nicht anmerken zu lassen. Er war tatsächlich Vater!

Warren Eliott legte seine Hand auf einen Stapel von Aktenordnern auf dem Konferenztisch aus Kirschholz. „Er ist in einer Pflegefamilie. Sobald ich die zuständige Sozialarbeiterin anrufe, wird sie veranlassen, dass das Kind abgeholt und zu mir gebracht wird.“

„Wir lange wird das dauern?“

„Das kann innerhalb von achtundvierzig Stunden geschehen.“

Jonathan schloss die Augen und atmete tief durch. Vor achtundvierzig Stunden hatte er noch nicht gewusst, dass er Vater war, und hätte es sich auch nicht vorstellen können. Doch das war Vergangenheit, jetzt war jetzt und er musste den Tatsachen ins Auge sehen. Er benötigte mindestens einen Tag, um die Dinge zu kaufen, die er für ein Baby brauchte – Dinge, von denen er keine Ahnung hatte. Und er musste einen Raum in seinem Haus als Kinderzimmer einrichten. Er überlegte, ob er seine Sekretärin um Hilfe bitten sollte, entschied sich aber dagegen. Er öffnete die Augen.

„Rufen Sie die Sozialarbeiterin an und sagen Sie ihr, dass Sie das Baby übermorgen bringen soll. Ich muss noch einige Veränderungen in meinem Haus vornehmen, bevor ich den Jungen zu mir nehmen kann.“

Warren lächelte. „Wird erledigt.“

Jonathan schüttelte dem Anwalt die Hand und ging, ohne noch mit jemandem zu sprechen. Der Hauptsitz des Unternehmens befand sich in Chatelaine, aber Porter Oil hatte auch eine Außenstelle in einem Bürogebäude in Emerald Ridge. Die meisten Angestellten waren es gewohnt, ihn wochenlang nicht zu sehen, manchmal sogar mehrere Monate, wenn er sich im Nahen Osten aufhielt. Er hatte mitbekommen, dass manche ihn den Schatten nannten. Keiner wusste, wann er in den USA sein würde, abgesehen von seinem Großvater oder seiner Sekretärin, die aber so verschwiegen war wie ein Geheimagent.

Jonathan saß in seinem Auto und starrte durch die Windschutzscheibe, während er zu verarbeiten versuchte, was er in der letzten Stunde erfahren hatte. Er hatte die Dokumente gelesen, darunter einen DNA-Abgleich und eidesstattliche Erklärungen, die Danielle verfasst hatte, bevor sie an Nierenkrebs gestorben war. Im ersten Drittel der Schwangerschaft wurden bei ihr Schwangerschaftsdiabetes und Präeklampsie diagnostiziert. Sie weigerte sich jedoch, die Schwangerschaft abzubrechen. Nach der Geburt ihres Babys versagte eine ihrer Nieren vollständig. Sie musste dreimal wöchentlich zur Dialyse und als sich ihr Zustand verschlechterte, verfasste sie ein Testament, in dem sie Jonathan Porter das alleinige Sorgerecht für ihren Sohn übertrug.

Was Jonathan nicht verstehen konnte, war, warum sie sich nicht bei ihm gemeldet hatte. Er atmete hörbar aus. Egal, wie ihre Beziehung geendet hatte, er hatte Danielle mal geliebt, und er hätte dafür gesorgt, dass sie die bestmögliche medizinische Versorgung erhielt. Sie hätte das alles nicht allein durchstehen müssen. Selbst wenn Danielle nicht mit seinem Kind schwanger gewesen wäre, hätte er ihr auf jede erdenkliche Weise geholfen. Er hatte geglaubt, dass sie anders war als alle Frauen, die er mal gedatet hatte – dass sie diejenige sein könnte, die er irgendwann heiraten und mit der er eine Familie gründen könnte. Er startete den SUV und fuhr zu einem Babyladen im Einkaufszentrum in der Hoffnung, dort alles zu finden, was er für ein Kinderzimmer brauchte.

Jonathan zwang sich, ins Bett zu gehen und ein wenig zu schlafen, bevor er sich um die vielen Taschen und Kisten kümmerte, die sich in dem Zimmer gegenüber dem Hauptschlafzimmer an zwei Wänden stapelten. Er hatte beschlossen, das Kinderzimmer in der Nähe seines Schlafzimmers einzurichten, damit er schnell beim Baby, nein, bei seinem Sohn, sein konnte. Es würde noch eine Weile dauern, bis er sich daran gewöhnt hatte, Daniel als seinen Sohn zu bezeichnen.

Die Verkäuferin in dem großen Babyladen hatte ihm bei der Auswahl der benötigten Dinge geholfen. Da er selbst keine Erfahrung mit Babys hatte, war er der Frau sehr dankbar für die kompetente Beratung.

Jetzt musste er nur noch seiner Familie von Daniel erzählen. Er beschloss aber, damit zu warten, bis der Junge bei ihm war. Er schüttelte den Kopf. Nein, nicht der Junge oder das Baby, sondern sein Sohn.

Als Jonathan am Samstagmorgen das Büro des Anwalts betrat und die Sozialarbeiterin mit Daniel auf dem Arm sah, empfand er ein so fremdes Gefühl, dass ihm die Worte fehlten. Daniel hatte geschlafen und war plötzlich aufgewacht, als wollte er sehen, wer dieser große Mann war, der aussah wie er.

Seinen Sohn persönlich zu sehen, war noch aufwühlender, als ein Foto anzuschauen, denn die Ähnlichkeit war wirklich frappierend. Würde man Jonathans und Daniels Babyfotos nebeneinanderlegen, wäre es tatsächlich unmöglich, die beiden zu unterscheiden.

Jonathan holte tief Luft, als wollte er sich das nötige Selbstvertrauen holen, um sich um ein Baby zu kümmern, das ihm im Grunde fremd war. Er hatte weder die Schwangerschaft noch die Geburt miterlebt und so keine Möglichkeit gehabt, sich auf die Vaterrolle vorzubereiten.

Die Sozialarbeiterin mittleren Alters lächelte und stellte sich als Miss Thomas vor. „Möchten Sie Ihren Sohn halten, Mr. Porter?“

Jonathan machte einen zaghaften Schritt nach vorn und streckte die Arme aus, ohne zu wissen, was ihn erwartete. Aber in dem Moment, als er den warmen kleinen Körper an seiner Brust spürte, war er erfüllt von einer seltsamen Euphorie, und seine Welt war wieder in Ordnung. Er blickte in die großen, runden, dunkelbraunen Augen in einem pausbäckigen Gesicht, das die Farbe von Toffee-Bonbons hatte.

„Er ist viel schwerer, als er aussieht.“

„Seine Pflegemutter sagt, dass er einen gesunden Appetit hat“, sagte Miss Thomas und nahm eine Reisetasche in die Hand. „Hier sind Windeln und Fläschchen drin. Seine Kleidung und ein paar Bücher sind in dem Koffer. Seine Pflegemutter hat auch aufgeschrieben, was er gern isst, wann er gefüttert wird und wann er seinen Mittagsschlaf hält.“

Jonathan warf einen kurzen Blick auf den Koffer in der Ecke des Büros und fragte sich, wie er Daniel, die Tasche und den Koffer zu seinem Auto tragen sollte. Er hatte Mütter gesehen, die so etwas mit mehreren Kindern im Schlepptau bewerkstelligten. Entweder hatten sie eine Routine entwickelt oder waren wahre Superfrauen.

„Keine Sorge, Mr. Porter. Ich gehe mit Ihnen zu Ihrem Wagen. Ach, ich habe vergessen zu fragen. Haben Sie einen Kindersitz?“, fragte die Sozialarbeiterin.

„Ja.“

„Gut. Jetzt brauche ich nur noch eine Unterschrift von Ihnen, dann haben wir alles erledigt.“

Daniel auf einem Arm haltend, unterschrieb Jonathan mehrere Dokumente. Miss Thomas steckte eines in ihre Handtasche, gab ein weiteres an Warren Elliot und das letzte an Jonathan.

Nun also konnte er seinen Sohn nach Hause bringen.

Daniel war auf der Fahrt eingeschlafen und wachte auch nicht auf, als Jonathan ihn aus dem Kindersitz hob. Dafür war Jonathan unendlich dankbar, denn er hatte keine Ahnung, wie man ein schreiendes Baby beruhigte. Er schlief auch weiter, als Jonathan ihn auszog und nur mit Windel und einem Hemdchen bekleidet in das Kinderbett legte. Sein kleiner Brustkorb hob und senkte sich, während das Mündchen Sauggeräusche von sich gab.

Mit angehaltenem Atem beobachtete Jonathan seinen Sohn. Plötzlich erinnerte er sich daran, dass Imani ihm mal erzählt hatte, dass sie viele Dinge erledigte, wenn Colt schlief. Also beschloss er, die Babymonitore aufzustellen. Er platzierte sie in seinem Schlafzimmer, in der Küche und im Wohnzimmer. Anschließend ging er den Inhalt der Tasche und des Koffers durch.

Er stellte Milch in den Kühlschrank und lächelte, als er einen Glasbehälter mit Cheerios herausnahm. Auf einem Zettel stand, welche Nahrungsmittel Daniel bevorzugte. Der elf Monate alte Junge bekam feste Nahrung, die jedoch entweder püriert oder fein zerkleinert sein musste. Er trank aus einer Schnabeltasche, mochte aber abends vor dem Einschlafen Milch aus dem Fläschchen. Er reagierte empfindlich auf Pfirsiche und liebte Bananen und Birnen.

Jonathan fand auch eine Mappe mit Daniels medizinischen Daten, einschließlich Impfungen. Er nahm sich vor, Imani nach dem Namen ihres Kinderarztes zu fragen. Offensichtlich war die Pflege eines Kindes viel komplizierter, als er gedacht hatte. Baden, Mittagsschlaf, füttern, Windeln wechseln und so weiter.

Den detaillierten Aufzeichnungen der Pflegemutter entnahm er, dass Daniel krabbelte und sich zum Stehen hochzog, aber noch nicht allein laufen konnte. Er versuchte zu sprechen, sagte bisher aber nur Da-da. Nachts schlief er durch und schrie nur, wenn er hungrig war oder eine volle Windel hatte. Jonathan beschloss, mit seiner Schwester ein Videotelefonat zu führen, solange Daniel noch schlief. Er ging in die Küche und gab Imanis Handynummer ein.

„Hey, Bro! Was gibt es?“, fragte sie, als ihr Bild auf seinem Display erschien.

„Ich bin wieder in den Staaten und habe vor zwei Tagen erfahren, dass ich Vater bin“, kam er direkt zur Sache.

Imani machte große Augen. „Wie bitte?“ Sie hielt inne. „Du verarschst mich, oder?“

Jonathan erzählte ihr von dem Telefonat mit Warren, das ihn veranlasst hatte, nach Texas zurückzufliegen.

„Sie hat dir nie gesagt, dass sie schwanger ist?“, fragte Imani ungläubig?

„Nö.“

„Warum nicht?“

„Ich erzähle dir alles, wenn du kommst, um deinen Neffen kennenzulernen.“

„Gut. Wo ist mein kleiner Neffe, und wer weiß noch von ihm?“

„Er schläft gerade. Im Moment wissen nur du und Warren von ihm. Aber ich werde gleich Mom anrufen und ihr sagen, dass sie noch einen Enkel hat. Und dann erzähle ich es Dad.“

„Du kannst Mom nicht anrufen. Sie und ihre Schwester verbringen zwei Wochen in einem Spa in Arizona, mit Schwerpunkt auf innerer Ruhe und Entschleunigung. Sie kommen nächstes Wochenende zurück.“

„Warum sind sie den ganzen Weg nach Arizona gefahren, wenn sie die Wellnessangebote hier auf der Fortune’s Gold Ranch hätten in Anspruch nehmen können?“

„Das habe ich sie auch gefragt, und sie haben geantwortet, dass sie der Natur näher kommen wollten. Mom hat gesagt, ich soll sie nur im Notfall anrufen. Und auch wenn es für dich sicher ein Schock ist, plötzlich einen Sohn zu haben, ist das kein Notfall. Ich schlage aber vor, dass du eine gute Nanny einstellst.“

„Im Moment möchte ich die Betreuung von Daniel nicht in fremde Hände geben. Ich habe vor, ein paar Wochen frei zu nehmen, um ganz Vater zu sein.“

Imani lachte. „Wow. Ich bin wirklich beeindruckt. Ich kann nicht glauben, dass mein durch die Gegend jettender arbeitswütiger Bruder sich von Porter Oil zurückzieht.“

„Nur für ein paar Wochen. Ich muss dir doch nicht erzählen, wie wichtig die Familie für uns ist. Apropos Familie, wie geht es Colt und Nash?“ Seine Schwester war von Nash Fortune schwanger geworden, sie war bei ihm eingezogen und jetzt planten sie eine gemeinsame Zukunft als Familie.

„Es geht beiden gut. Sobald ich Zeit habe, komme ich mit Colt, damit er seinen Cousin kennenlernt.“

Jonathan beendete das Gespräch, als er Daniel über das Babyphon schreien hörte. Er ging zu ihm, wechselte ihm die Windel, zog ihn an, fütterte ihn und wählte dann eines der Bücher aus, die seine Pflegemutter eingepackt hatte, nahm ihn auf den Schoß und las ihm vor.

„Was hältst du davon, wenn wir nach draußen gehen und ich dir zeige, wo du spielen kannst, sobald du laufen kannst?“, sagte Jonathan, als Daniel unruhig wurde. „Und wenn du älter bist, werde ich einen Baseballkorb aufstellen. Ich habe auch daran gedacht, einen Swimmingpool zu bauen. Aber zuerst musst du schwimmen lernen.“ Daniel lächelte und plapperte vor sich hin. „Ja. Es gibt nur dich und mich, wir sind Team Porter und brauchen sonst niemanden.“

Er fuhr mit seinem Geschwafel fort, während er sich auf einer Hängematte unter dem Pavillon niederließ, der eine Außenküche überdachte. Daniel schmiegte sich an ihn und saugte an Jonathans Hemd. „Ich glaube, ein Beißring wäre besser als mein Hemd.“ Dann biss sein Sohn ohne Vorwarnung und lachte, als Jonathan nach Luft schnappte. „Du findest das witzig?“ Daniel lachte noch fröhlicher und zeigte dabei seine vier kleinen Zähnchen.

Mann, war der Junge süß.

Später, als sie zusammen auf der Liege im Kinderzimmer lagen und Daniel an seinem Beißring nagte, spürte Jonathan einen Frieden, der ihm oft gefehlt hatte, und er schwor sich in diesem Moment, der beste Vater zu werden, der er sein konnte.

Nachdem er Daniel gebadet und ihn für die Nacht in sein Bettchen gelegt hatte, fühlte Jonathan sich, als hätte er eine riesige Hürde genommen. Er hatte den ersten Tag als Daddy überstanden. Alles war ruhig, als er in sein Arbeitszimmer ging, um seinem Vater eine E-Mail zu schicken, in der er ihm mitteilte, dass er ein zweites Enkelkind hatte. Anschließend ging er ins Wohnzimmer, um sich im Fernsehen ein Baseballspiel anzusehen.

Als das Spiel der Texas Rangers zu Ende war, schaltete Jonathan den Fernseher aus und machte sich auf den Weg ins Foyer, um die Alarmanlage zu aktivieren. Als er dies tat, hörte er das Geräusch eines wegfahrenden Autos und lief zur Tür. Er riss sie auf und sah gerade noch die Rücklichter eines davonrasenden Pick-ups.

Er erstarrte, als er sah, dass eine Gartenskulptur, ein Familienerbstück, auf dem Weg fehlte. Es war jedoch nicht das Einzige, was ihm auffiel. Er entdeckte ein Bandana auf dem Boden, das der Dieb offensichtlich hatte fallen lassen. Als er sich das Tuch genauer ansah, erkannte er das Logo der Fortune’s Gold Ranch. Sein Instinkt sagte ihm, dass er das Tuch nicht anfassen sollte, denn wenn es DNA enthielt, könnte die Polizei den Dieb vielleicht identifizieren.

Er kehrte ins Haus zurück, nahm sein Telefon und wählte die Nummer der Ranch. Das Telefon klingelte zweimal, dann nahm eine Frau ab. „Fortune’s Gold Ranch. Sie sprechen mit Vivienne Fortune.“

Jonathan räusperte sie. Er hatte gehört, dass Vivienne Fortune die Vorarbeiterin war. Im Laufe der Jahre hatten sie sich immer wieder mal gesehen. Aber es waren nur flüchtige Begegnungen gewesen. „Miss Fortune …“

„Bitte nennen Sie mich Vivienne, Jonathan“, unterbrach sie ihn. „Was verschafft mir die Ehre Ihres Anrufs?“

Du wirst nicht mehr so freundlich sein, wenn ich dir sage, dass einer deiner Angestellten mir gerade ein Familienerbstück gestohlen hat.

Jonathan informierte Vivienne über die verschwundene Statue eines meditierenden Zen-Meisters und darüber, dass der Dieb ein Bandana mit dem Logo der Ranch verloren hatte.

„Sie beschuldigen jemanden von meiner Ranch, der Dieb zu sein?“, rief sie wütend.

„Wem der Schuh passt, der zieht ihn sich an“, erwiderte er.

„Was soll das nun wieder heißen?“

„Sehen Sie sich an, wovon ich spreche. Sobald ich aufgelegt habe, rufe ich die Polizei.“

„Ich bin gleich bei Ihnen.“

Sie legte auf, und Jonathan tätigte einen zweiten Anruf. Diesmal bei der örtlichen Polizei.

2. KAPITEL

Er musste nicht lange auf Vivienne warten. Als sie aus dem Pick-up stieg, war er von ihrem Aussehen überrascht. Das blonde, lange Haar umspielte in weichen Wellen ihr Gesicht und fiel über ihre Schultern und ihren Rücken. Es fiel ihm sofort auf, denn wann immer sich ihre Wege gekreuzt hatten, hatte sie es zu einem schlichten Zopf oder Pferdeschwanz gebunden. Über all die Jahre hatte sich ihre Interaktion auf ein gelegentliches Lächeln oder Zunicken beschränkt. Aber das war damals, und das hier war jetzt. Und ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war sie verärgert.

Er könnte sogar schwören, die Feindseligkeit zu spüren, die von Vivienne ausging, als sie weniger als einen halben Meter von ihm entfernt stehen blieb. Er fragte sich, warum sie so wütend war, wo er doch das Opfer eines Diebstahls war.

„Beschuldigen Sie tatsächlich jemanden von meiner Ranch, ein Dieb zu sein?“, fauchte sie und wiederholte damit die Frage, die sie schon am Telefon gestellt hatte.

Er zeigte auf das Bandana auf dem Boden. „Ich bin sicher, dass Ihnen das bekannt ist. Oder sehen Sie es zum ersten Mal?“, fragte er sarkastisch.

„Es gehört zwar zur FGR, aber jeder hat ein paar davon“, sagte sie und beugte sich vor, um es aufzuheben.

„Nicht anfassen!“, rief Jonathan, und Vivienne wich zurück. „Ich habe die Polizei angerufen. Das Tuch könnte ein Beweis dafür sein, dass es jemand von Ihrer Ranch war.“

Vivienne ließ die Schultern hängen, und Jonathan merkte, dass ihre Kampfeslust nachließ. „Sie sind nicht der Einzige, der beklaut worden ist. Meine Ranch hat es auch getroffen.“

Jonathan nickte. „Ich habe von den Problemen gehört, mit denen einige Rancher zu kämpfen haben. Es könnte ein verärgerter Angestellter sein.“

„Das ist absurd! Und falls Sie es noch nicht gehört haben: Mein Bruder Micah hat den Dieb auf frischer Tat ertappt. Der Mann hat ein langes Vorstrafenregister. Nach seiner Verhaftung hat er sich schuldig bekannt, aber es muss einen Hintermann geben. Er weigert sich jedoch zu sagen, wer der Drahtzieher ist.“

„Wo ist er?“

„Im Bezirksgefängnis. Er wartet auf die Verkündung des Strafmaßes.“

Jonathan begegnete ihrem Blick. Er wollte Vivienne sagen, dass sie naiv war, hielt aber den Mund. Wenn ihr Bruder einen Dieb auf ihrer Ranch erwischt hatte, konnte es noch andere geben. Mit ihr zu streiten, würde das Problem nicht lösen, dass jemand unbefugt sein Grundstück betreten und etwas gestohlen hatte, das für die Porters einen großen Erinnerungswert hatte. Die Person, die in Gewahrsam war, könnte zu einer Diebesbande gehören, die nicht nur die örtlichen Rancher, sondern auch andere Ortsansässige ausplünderte.

„Da wir auf die Polizei warten müssen, kommen Sie doch auf einen Kaffee rein.“ Ein Friedensangebot. Aber nur für den Moment. Denn er würde den Dieb anzeigen, auch wenn es jemand von ihrer Ranch war.

„Okay“, sagte sie nach einer langen Pause. „Übrigens, wie wertvoll ist die Statue?“

„Sie hat nicht nur einen materiellen Wert, sondern für unsere Familie auch einen hohen ideellen.“ Er deutete auf das Haus. „Bitte, lassen Sie uns reingehen.“

Vivienne konnte – wollte – nicht glauben, dass einer ihrer Angestellten für den Diebstahl der Statue verantwortlich war, und sie ärgerte sich, dass Jonathan diesen Verdacht äußerte. Doch trotz ihrer Verärgerung konnte sie nicht ignorieren, dass der Mann, der sie in sein Haus eingeladen hatte, faszinierend war: groß, dunkel, gutaussehend und erfolgreich. Er gehörte nicht nur zu den wohlhabendsten schwarzen Familien in Texas, man munkelte sogar, dass die Porters genauso reich sein könnten wie die Fortunes. Und das wollte etwas heißen.

Vivienne betrat das luxuriöse Foyer und war überwältigt von der schieren Größe der Villa. Sie folgte ihm durch einen großen Raum und einen Flur, der in eine Küche führte, die der Traum eines jeden Kochs war. Es war offensichtlich, dass Jonathan bei der Einrichtung seines Hauses keine Kosten gescheut hatte, nachdem er von Chatelaine nach Emerald Ridge gezogen war. Sie zog die Augenbrauen hoch, als sie einen Hochstuhl sah. Sie nahm an, dass der Hochstuhl für Colt, den Sohn seiner Schwester, bestimmt war.

Viviennes Blick wanderte zurück zu Jonathan, der sich in einem der beiden Edelstahlbecken die Hände wusch und dann abtrocknete. „Wie mögen Sie Ihren Kaffee?“, fragte er.

„Oh, ich habe die Wahl?“

Jonathan sah sie an. „Für den Moment schon. Das heißt, bis ich herausgefunden habe, wer von Ihrer Ranch mich bestohlen hat.“

Vivienne kämpfte um Beherrschung. Ja, sie verstand, dass er wütend war. Aber trotz des Tuchs, das er für einen Beweis hielt, war es voreilig, jemanden von ihrer Ranch zu beschuldigen.

„Es gibt keinen Grund, auf mich sauer zu sein, Jonathan. Ich bin nicht der Dieb … und auch nicht Ihr Feind. Darf ich Sie daran erinnern, dass Sie nicht der einzige Geschädigte sind? Zäune wurden zerstört, wodurch Vieh entkam, wertvolle Pferde und Sättel wurden gestohlen.“

„Habe ich gesagt, dass Sie ein Dieb sind?“

„Nein, aber Sie haben den Verdacht geäußert, dass einer meiner Angestellten einer ist.“ Sie hob die Hand, als er etwas sagen wollte. „Ich will nicht länger darüber reden. Warten wir auf die Polizei und sehen wir, was sie herausfindet.“ Vivienne deutete auf die Espressomaschine auf der Arbeitsplatte. „Ich hätte gern einen Cappuccino, danke.“

Jonathan blinzelte. Ihm wurde bewusst, dass Vivienne ihm gerade wie einem kleinen Kind den Mund verboten hatte. Ihr Auftreten deutete darauf hin, dass sie sich als Vorarbeiterin einer mehrere tausend Hektar großen Ranch mehr als behaupten konnte.

Obwohl sie zu einer prominenten Rancher-Familie gehörte, war sie nicht das typische reiche Mädchen, das seinen Status mit Designerkleidung, Luxusautos und kostbarem Schmuck zur Schau stellte. Stattdessen hatte sie die Ärmel hochgekrempelt und hart gearbeitet, um Vorarbeiterin des FGR-Viehbetriebs zu werden.

„Ein Cappuccino, kommt sofort“, sagte er leise. „Vollmilch oder laktosefreie Milch?“

„Vollmilch ist okay.“

Jonathan suchte die Dinge zusammen, die er brauchte, um Viviennes Kaffee zuzubereiten. Sie setzte sich auf einen Hocker an der Frühstücksinsel, und er spürte, dass sie jede seiner Bewegungen mit ihrem Blick verfolgte. Zwar ärgerte es ihn, dass sie so offenkundig defensiv auf die Möglichkeit reagierte, dass jemand von ihrer Ranch die Statue gestohlen haben könnte, aber er musste zugeben, dass sie unglaublich schön war. Langes, blondes Haar, funkelnde blaue Augen, wunderbar weibliche Kurven. Und sie war groß, größer als die Frauen, zu denen er sich normalerweise hingezogen fühlte.

Der unverwechselbare Duft von frisch gebrühtem Kaffee erfüllte die Küche. Jonathan gab eine dicke Schicht aufgeschäumte Milch dazu und stellte die Tasse dann vor Vivienne. „Lassen Sie ihn sich schmecken.“

„Trinken Sie keinen?“, fragte sie, als er die Maschine ausschaltete.

Jonathan schüttelte den Kopf. „Später …“ Er verstummte, als das Weinen eines Babys über den Monitor ertönte. „Entschuldigen Sie mich.“ Er drehte sich um und stürmte aus der Küche und die Treppe hinauf ins Kinderzimmer. Daniel stand in seinem Bettchen und weinte. Jonathan hob ihn hoch und drückte ihn an sich. „Alles gut. Daddy kümmert sich um seinen großen Jungen.“ Er erinnerte sich an die Notiz der Pflegemutter, dass Daniel weinte, wenn er hungrig war oder eine volle Windel hatte. Es dauerte keine drei Minuten, da hatte er den Jungen frisch gewickelt.

Als Jonathan mit Daniel auf dem Arm in die Küche zurückkehrte, hätte Vivienne sich fast an ihrem Kaffee verschluckt. Über den Rand der Tasse hinweg starrte sie Jonathan an.

„Ich hatte keine Ahnung, dass Sie ein Kind haben“, sagte sie, nachdem sie sich von ihrem Schock erholt hatte.

„Ich auch nicht, bis vor ein paar Tagen …“

Jonathan brach seine Erklärung abrupt ab, da er jemandem, der nicht zur Familie gehörte, nicht zu viel verraten wollte. Die Umstände hinter Daniels Existenz gingen Vivienne nichts an.

Vivienne rutschte vom Hocker und lächelte den kleinen Jungen an. „Wie süß“, sagte sie. „Wie heißt er? Und wie alt ist er?“

„Daniel ist elf Monate alt.“

„Älter als Colt.“

Da Vivienne mit Nash Fortune verwandt war, wusste sie, dass er und Jonathans Schwester eine dreimonatige Liaison gehabt hatten. Sie kannte nicht die ganze Geschichte, aber es wurde gemunkelt, dass Imani sich von Nash getrennt hatte, weil er keine Kinder wollte. Erst nach der Trennung hatte Imani gemerkt, dass sie schwanger war. Daraufhin hatte sie sich mit einem Mann eingelassen, der bereit war, sie zu heiraten und Vater des Kindes zu werden. Imani war hochschwanger, als sie vor einem Friedensrichter im Rathaus von Stone Crest, Texas, stand und kurz davor war, einen Mann zu heiraten, den sie nicht liebte. Im letzten Moment überlegte sie es sich anders, denn ihr wurde bewusst, dass ihr Verlobter es nur auf ihr Geld abgesehen hatte. Schließlich war allgemein bekannt, dass Imani Porter die Ranch ihres Großvaters in Cactus Grove erben sollte, auf der sich ein sehr lukratives Ölfeld befand.

Das anschließende Wiedersehen zwischen Imani und Nash war wie eine Szene aus einem Liebesroman: Imani stürmte aus dem Rathaus und die Wehen setzten ein. Sie hielt am Straßenrand an, und der Mann, der ihr zu Hilfe kam und das Baby zur Welt brachte, war Nash Fortune, der keine Ahnung hatte, dass er seinem Sohn auf die Welt geholfen hatte.

Vivienne dachte über Jonathan und die Mutter des Babys nach. Sie konnte sich nicht erinnern, ihn jemals in Emerald Ridge mit einer Frau gesehen zu haben.

Aber wenn er tatsächlich geheiratet hatte, wo war dann seine Frau? Und wenn nicht, wer und wo war dann Daniels Mutter? In dem Moment klingelte es. Vermutlich die Polizei.

Sie trank gerade den letzten Schluck ihres ausgezeichneten Cappuccinos, als Jonathan zwei junge Beamte in die Küche führte und ihnen erklärte, was passiert war. Die Polizisten stellten Jonathan dieselben Fragen, die sie auch ihr und den anderen Ranchern wegen der Diebstähle gestellt hatten. Sie waren sich nicht sicher, ob der Diebstahl der Statue mit den anderen Diebstählen in Verbindung stand. Dass am Tatort jedoch ein FGR-Bandana zurückgelassen worden war, könnte darauf hinweisen, dass noch einer ihrer Mitarbeiter auf der Gehaltsliste des Drahtziehers stand. Aber warum? Die Angestellten der Fortune’s Gold Ranch wurden gut bezahlt, erhielten eine Krankenversicherung, bezahlten Urlaub und Prämien. Warum sollten sie das Risiko eingehen, verhaftet zu werden?

Sie betete, dass die Fälle nichts miteinander zu tun hatten, nahm sich aber vor, mit ihren Leuten zu sprechen.

Während die Beamten weiter über die gestohlenen Gegenstände schwadronierten, betrachtete Vivienne den unglaublich gutaussehenden Mann, der seinen Sohn zärtlich in den Armen hielt. Sie lächelte, als das Baby hörbar seufzte, die Augen schloss und mit dem Schnuller im Mund wieder einschlief.

Sie seufzte. Mein Gott, was für ein schöner Anblick …

Einer der Polizeibeamten gab Jonathan seine Karte und sagte, dass das Tuch in der Forensik untersucht werden würde. Weiter versprachen sie, ihn über alle Neuigkeiten bezüglich der gestohlenen Statue auf dem Laufenden zu halten.

Vivienne folgte Jonathan, der die Polizisten nach draußen begleitete, und sah ihnen nach, als sie davonfuhren. Im Licht der Außenbeleuchtung begegnete sie Jonathans Blick.

„Ich werde morgen mit meinen Leuten sprechen und lasse Sie wissen, was ich herausgefunden haben. Was das Bandana betrifft, so könnte jeder eins haben, denn wir verschenken es bei lokalen Veranstaltungen und Werbeaktionen.“

Jonathan sah sie mit zusammengekniffenen Augen an. „Wenn Sie das sagen.“

„Ja, das sage ich, Jonathan.“

Ein Augenblick verging, dann nickte er. „Sie haben meine Nummer. Ich warte auf Ihren Anruf.“

Vivienne lächelte. In seiner Stimme lag ein Hauch von Wärme, der vorher nicht da gewesen war. „Ach, noch etwas, Sie haben gesagt, dass Sie der Polizei ein Foto von der Statue geben wollen. Könnte ich auch eins haben, damit ich es fotokopieren und an meine Leute verteilen kann, falls jemand sie entdeckt?“

Jonathan nickte wieder. „Gern. Sie können es abholen, wann immer Sie Zeit haben.“

„Wie wäre es morgen gegen Mittag?“

„Passt.“

„Dann bis morgen. Gute Nacht und viel Glück mit Daniel.“

„Danke. Ihnen auch noch einen schönen Abend.“ Der Hauch eines Lächelns umspielte seinen Mund.

Sie ging zu ihrem Wagen, stieg ein und fuhr los. Auf dem Weg zur Ranch ging ihr alles durch den Kopf, was seit Jonathan Porters Anruf passiert war.

Der Besuch in seinem Haus war ihre erste persönliche Begegnung mit dem wohlhabenden jungen Ölbaron. Ihn aus der Nähe zu sehen, mit ihm zu sprechen und zu erfahren, dass er einen Sohn hatte, hatte sie ein wenig aus dem Gleichgewicht gebracht. Noch beunruhigender war aber die Erkenntnis, dass nicht nur Rancher im Visier der Verbrecher standen, sondern möglicherweise auch Privathäuser bedroht waren.

Sachbeschädigung war eine Sache, was aber, wenn es zu Personenschäden kam? Sie wollte gar nicht darüber nachdenken. Vivienne atmete tief aus. Je schneller der Drahtzieher identifiziert war, desto besser.

Sie schüttelte den Kopf, als könnte sie so alle negativen Gedanken vertreiben. Jonathans Anruf hatte ihre Pläne für einen entspannten Abend durchkreuzt. Sie hatte ein entspannendes Schaumbad nehmen und sich dann ins Bett legen wollen, um ein paar Folgen ihrer Lieblingsserie zu sehen, die gerade in der dritten Staffel lief und bei der sie sich in eine Zeit zurückversetzt fühlte, in der es für junge Frauen nur darum ging, sich zu verlieben und ihr lebenslanges Glück zu finden.

Sie selbst hatte praktisch kein Liebesleben. Es lag nicht daran, dass sie keine Anziehungskraft auf Männer ausübte. Es waren nur immer die falschen. Wann immer sie den Namen Fortune hörten, leuchteten Dollarzeichen in ihren Augen auf. Einer hatte sie sogar Sugar-Mommy genannt, was sie enttäuscht hatte, denn sie hatte den Mann sehr gemocht. Sie hatte sich von ihm getrennt und seine Nummer in ihrem Handy gelöscht.

Seit ihrem letzten Date war mehr als ein Jahr vergangen, und als Vorarbeiterin auf der Rinderfarm hatte sie kaum Zeit, eine ernsthafte Beziehung aufzubauen. Es hatte Jahre gedauert, sich die Qualifikation für diese Position anzueignen, aber am Ende hatte selbst Hayden Fortune zugeben müssen, dass seine Tochter für diese Aufgabe qualifiziert war. Mit der Zeit hatten auch die Rancharbeiter sie akzeptiert und respektiert.

Ihr Arbeitstag begann nicht um neun Uhr und endete um fünf Uhr, sondern ging von Sonnenaufgang und bis nach Sonnenuntergang. Zu ihren Aufgaben als Leiterin der dreitausend Hektar großen Rinderfarm gehörte es, Vorstellungsgespräche zu führen, Mitarbeiter einzustellen und ihrem Bruder Micah, dem CEO der FGR, Empfehlungen für Beförderungen zu geben. Sie musste auch dafür sorgen, dass die täglichen und wöchentlichen Arbeiten erledigt wurden, außerdem die Wartung und Reparatur von Gebäuden, Häusern, Fahrzeugen und Equipment leiten und beaufsichtigen.

Vivienne parkte ihren Pick-up hinter ihrem Haus und betrat es durch die Hintertür. Es war eins von sechs Häusern, die mit einem Abstand von einer Viertelmeile voneinander auf dem Gelände gebaut worden waren, um jedem ein Maximum an Privatsphäre zu bieten. Ihre Eltern, Hayden und Darla Fortune, lebten mit Haydens Bruder Garth und dessen Frau Shelley in dem Haupthaus. Mit einundzwanzig konnten sie und ihre Brüder, ihre Cousins und ihre Cousine aus dem Herrenhaus ausziehen und ihr eigenes beziehen, das sie von den Eltern geschenkt bekamen.

Vivienne zog ihre Stiefel im Abstellraum aus und ging auf Socken in ihr Schlafzimmer, während sie darüber nachdachte, was sie ihren Brüdern über einen weiteren Diebstahl und die Möglichkeit, dass jemand von der Ranch der Täter sein könnte, erzählen musste.

Sie beschloss, Micah und Drake erst am nächsten Morgen anzurufen, denn sie wollte ihnen den Abend nicht verderben. Außerdem konnten sie um diese Zeit sowieso nichts mehr machen. Sie beschloss, das geplante Schaumbad zu nehmen, das Anschauen ihrer Lieblingsserie aber zu verschieben.

Sie ging ins Bad, ließ Wasser in die Badewanne ein, gab Lavendel-Badesalz dazu und zündete die Kerzen an, die auf einem Marmortischchen standen. Dann zog sie sich aus, band ihr Haar zu einem Zopf zusammen, stieg in das warme, sprudelnde Wasser und seufzte hörbar, als sie den Kopf an den Wannenrand legte. Sie schloss die Augen und dachte über ihre Begegnung mit Jonathan Porter nach. Sie war nicht nur das erste Mal in seinem Haus gewesen, sondern hatte auch Dinge erfahren, die ihr bisher nicht bewusst gewesen waren. In der Vergangenheit hatte sie ihn immer als den wohlhabenden Unternehmer in der Ölbranche gesehen, der maßgeschneiderte Anzüge im Western-Stil, Stiefel und einen Stetson trug. Jetzt gab es auch noch Daddy Jonathan in Jeans und T-Shirt, der seinen Sohn zärtlich an die starke Brust drückte.

Vivienne lächelte und sank tiefer ins Wasser. Es gab keinen Zweifel – Daniels Vater war groß, dunkel und unglaublich attraktiv. Doch das Lächeln verblasste genauso schnell wieder, wie es gekommen war, als sie sich an Jonathans Anschuldigung erinnerte, dass einer ihrer Mitarbeiter für den Diebstahl der Statue verantwortlich sein könnte.

Zwanzig Minuten später war das Wasser so weit abgekühlt, dass Vivienne aus der Wanne stieg. Sie trocknete sich mit einem flauschigen Handtuch ab und cremte sich dann mit einer Feuchtigkeitscreme ein, eine Probe, die sie aus dem FGR-Spa mitgenommen hatte. Sie freute sich, dass die Hautpflegeserie „AW GlowCare“ von Annelise Wellington so gut war wie angepriesen und sich im Spa gut verkaufte.

Sie zog ein Nachthemd an und löschte die Kerzen, bevor sie ins Schlafzimmer ging. Sie legte sich ins Bett, stellte den Wecker, schaltete die Nachttischlampe aus und schlief ein, kaum das ihr Kopf das Kopfkissen berührte.

„Weißt du eigentlich, wie spät es ist?“

„Ich weiß es genau, Micah“, sagte Vivienne zu ihrem Bruder. „Aber ich muss etwas mit dir besprechen. Tut mir leid, wenn ich euch bei etwas störe.“ Sie hoffte, dass sie ihren Bruder und ihre Schwägerin nicht beim morgendlichen Liebesspiel unterbrochen hatte.

„Kann es nicht bis morgen warten?“

„Nein, kann es nicht, Micah. Warte, ich möchte Drake zu unserer Telefonkonferenz hinzuziehen.“ Ihr jüngerer Bruder reagierte weniger schroff, als er ans Telefon ging. Vivienne brauchte weniger als zwei Minuten, um ihnen von der Begegnung mit Jonathan Porter zu erzählen und dass er und die Polizei die Möglichkeit erwähnt hatten, dass einer oder mehrere Mitarbeiter der FGR auf der Gehaltsliste des Drahtziehers stehen könnten, weil der Dieb ein Bandana mit dem FGR-Logo zurückgelassen hatte.

„Das glaube ich nicht!“, stieß Micah hervor. „Vergiss nicht, dass ich vor ein paar Monaten einen Korb voller FGR-Bandanas an einen lokalen Rodeo-Veranstalter verschenkt habe. Jeder könnte also der Dieb sein.“

„Das denke ich auch“, sagte Vivienne. „Ich erzähle euch das, weil ich vorhabe, eine Versammlung der Rancharbeiter einzuberufen. Aber erst, wenn ich von Jonathan das Foto von der Statue bekommen habe. Ich werde Kopien verteilen, und wenn jemand von unserer Ranch schuldig ist, wird er versuchen, die Statue loszuwerden. So eine große und schwere Statue lässt sich nicht so leicht verstecken.“

„Ich halte das für eine gute Idee“, sagte Micah. „Wir müssen die Sache aus der Welt schaffen, bevor sie sich zu etwas Größerem ausweitet. Ich glaube langsam, dass die Person, die hinter alldem steckt, ein Konkurrent ist, der beschlossen hat, den Fokus von den Ranches weg auf Privathäuser zu richten.“

Vivienne nickte.

„Vielleicht sollte ich mal mit Jonathan sprechen …“, sagte Drake.

„Nein“, unterbrach Vivienne ihren Bruder. „Ich bin diejenige, die es bisher mit ihm zu tun hatte.“

„Sie hat recht“, sagte Micah. „Lass sie es machen. Jonathan hat bei ihr angerufen, und er hat zugestimmt, ihr ein Bild von der Statue zu geben. Aber ich möchte, dass du dabei bist, wenn sie die Kopien des Fotos verteilt, und die Reaktion der Rancharbeiter beobachtest. Wenn ein Mensch Schuldgefühle hat, dann sieht man es ihm normalerweise an.“

Vivienne lächelte, froh, dass sie und Micah auf derselben Seite standen.

„Ich verzeihe dir, Vivienne.“

Sie zog eine Augenbraue hoch. „Was verzeihst du mir, Micah?“

„Dass du mich so früh angerufen hast. Das war richtig.“

„Dito“, murmelte Drake. „Ich bin froh, dass du die Situation mit Jonathan entschärfen konntest, bevor wir wieder eine Familienfehde am Hals haben.“

„Ich habe die Situation vielleicht entschärfen können, aber nur vorübergehend“, warnte Vivienne.

Die Fehde zwischen den Fortunes, Wellingtons und Leonettis hatte vor einem Jahrhundert begonnen, als ein Fortune eine Wellington vor dem Traualtar hatte stehen lassen. Als Entschädigung wurde den Wellingtons ein angeblich „verdorbener“ Leonetti-Wein überreicht, was das Verhältnis zwischen den Familien weiter verschlechterte. Niemand wusste, wie der Wein ruiniert worden war, doch die Leonettis waren wütend darüber, dass ihr tadelloser Ruf in den Schmutz gezogen wurde.

Es hatte Jahrzehnte gedauert, aber den Fortunes war es schließlich gelungen, eine freundschaftliche Beziehung zu den Leonettis aufzubauen. Die Hochzeit ihrer Cousine Poppy Fortune mit Leo Leonetti würde die beiden Familien endgültig miteinander verbinden.

Bei den Wellingtons war sie sich da nicht so sicher, denn sie hatten die Fortunes immer als ihre Konkurrenten betrachtet. Vivienne dachte dabei nicht an die Wellington-Sprösslinge, denn die hatten ihre eigenen Probleme mit ihrer angeblich „bösen Stiefmutter“; Courtney Wellington.

Worauf sie sich jetzt konzentrieren musste, war das Tuch, das auf Jonathans Grundstück gefunden worden war. Der Dieb hatte es vielleicht absichtlich fallen lassen, um den Fokus auf die Ranch ihrer Familie zu lenken.

Wer, fragte sich Vivienne, hasst unsere Familie so sehr, dass er uns als Täter hinstellt?

3. KAPITEL

Was Vivienne am Abend zuvor nicht hatte sehen können, als sie die gepflasterte Straße auf Jonathans Grundstück entlanggefahren war, war die beeindruckende Größe und Anmutung seines Hauses. Als hätte man ein Steingebäude aus der Toskana genommen und in Emerald Ridge wieder aufgebaut. Sie wusste nicht, warum, aber irgendwie hatte sie erwartet, dass Jonathans Haus seinem Image als reicher Ölbaron entsprechen würde – ein Haus im Stil einer Ranch, statt dieser italienischen Villa. Aber sie wusste eben nichts über ihn, außer dass er zur reichsten schwarzen Familie im Bundesstaat gehörte.

Und dann war da noch sein Sohn. Wenn er verheiratet war oder in einer Beziehung lebte, musste das ein streng gehütetes Geheimnis der Familie Porter sein. Der kleine Junge, der ein Ebenbild seines Vaters war, war hinreißend. Und Jonathan dabei zu beobachten, wie er seinen Sohn zärtlich an sich drückte, hatte bei Vivienne einen Mutterinstinkt ausgelöst, der ihr bisher fremd gewesen war. Wie die meisten Mädchen hatte sie davon geträumt, sich zu verlieben und zu heiraten, aber über Babys hatte sie nicht nachgedacht. Dazu war sie beruflich viel zu eingespannt gewesen.

In dem Jahr, als sie siebenundzwanzig geworden war, hatte ihr Vater sie zur Vorarbeiterin der Ranch ernannt, und jetzt, mit zweiunddreißig, hatte sie alles erreicht, was sie sich gewünscht hatte. Zumindest beruflich. Vivienne wusste, dass ihre Mutter fürchtete, dass ihre einzige Tochter ihr Leben allein verbringen würde – dass Darla darauf vertrauen musste, dass ihre Söhne ihr Enkelkinder schenkten.

Vivienne hielt gerade vor dem Haus, als die Haustür aufging und Jonathan mit Daniel auf dem Arm erschien. Sie stieg aus und sah, dass der große, attraktive Mann lächelte, was ein gutes Zeichen war, das sie hoffen ließ, dass sie nicht die Feindseligkeit wie am Abend zuvor erleben würde, als sie Jonathan daran erinnern musste, dass sie nicht sein Feind war. Dass die Fortunes auch Opfer waren.

„Guten Tag.“

Jonathan nickte. „Ihnen auch einen guten Tag. Daniel ist gerade mit dem Essen fertig. Sobald ich ihn hingelegt habe, können wir reden.“

Vivienne lenkte ihren Blick vom Vater zum Sohn, damit Jonathan nicht sah, welche Wirkung er auf sie hatte. Sie musste ihm nur in die Augen sehen und schon begann ihr Puls zu rasen. Hitze durchströmte ihren Körper und erinnerte sie daran, wie lange sie nicht mehr mit einem Mann im Bett gewesen war.

Was ist nur los mit mir? Sie konnte nicht glauben, dass sie einen Mann begehrte, dessen Familienstand sie trotz der Tatsache, dass er ein Kind hatte, nicht kannte.

War er verheiratet?

Geschieden?

Verwitwet?

Hatte er eine Freundin oder Verlobte?

Vielleicht lag der Grund für ihre Dating-Flaute darin, dass sie von zu vielen Männern umgeben war, mit denen sie niemals ausgehen würde, weil sie ihre Angestellten waren. Und Vivienne hatte die feste Regel, Berufliches und Privates zu trennen, egal, wie attraktiv sie den Mann fand.

Vivienne wollte Jonathan fragen, was es zu besprechen gab. Sie war gekommen, um ein Foto von der Statue zu holen, und wollte dann wieder gehen. Offensichtlich hatte er jedoch etwas anderes im Sinn. „Also gut.“ Daniel, der nur ein Shirt und eine Windel trug, streckte die Ärmchen nach ihr aus. Sie begegnete Jonathans Blick. „Darf ich ihn mal halten?“

Jonathan lachte leise. „Natürlich.“

Sie nahm das Kind und drückte es an ihre Brust. Es fühlte sich warm an und roch wunderbar. Sie hauchte einen zarten Kuss auf die dunklen, weichen Locken. Dann wiegte sie ihn sanft und sang ihr Lieblingslied „You are my sunshine“. Als sie die erste Strophe beendet hatte, lachte Daniel und plapperte aufgeregt.

Jonathan starrte Vivienne an. Er konnte nicht glauben, dass sein Sohn so lebhaft war. So hatte er ihn noch nicht erlebt, seit er ihn mit nach Hause genommen hatte.

„Bitte, kommen Sie rein. Daniel muss seinen Mittagsschlaf halten.“

„Er scheint aber nicht müde zu sein.“

„Ob müde oder nicht, ich möchte den Zeitplan einhalten, den seine …“ Er verstummte, bevor er das Wort Pflegemutter sagen konnte.

„Wer?“, fragte Vivienne.

„Ist nicht wichtig“, entgegnete er.

Sie betraten das Haus, und er führte sie die Treppe hinauf ins Kinderzimmer.

Vivienne betrat das Kinderzimmer und fand es so steril wie einen Operationssaal. Es gab zwar die cremefarbenen Möbel, aber ansonsten fehlte es an Farbe. Wo, fragte sie sich, waren die Plüschtiere oder die bunten Bilder an den Wänden? Schon ein bunter Teppich würde das Zimmer einladender machen.

Sie legte Daniel, der auf ihrem Arm eingeschlafen war, in sein Bettchen und beobachtete, wie sich sein kleiner Brustkorb hob und senkte. Sie spürte eine Bewegung und bemerkte, dass Jonathan hinter ihr stand. Er stand so nah, dass sie seinen warmen Atem an ihrem Nacken spüren konnte. Heftige Begierde durchströmte sie. In diesem Augenblick wollte sie aus seinem Haus rennen, um ihren verräterischen Gefühlen zu entkommen. Warum war ihre Reaktion auf Jonathan Porter so anders als bei anderen Männern? Er war praktisch ein Fremder. Trotzdem spielten jetzt, nach weniger als vierundzwanzig Stunden, in denen sie miteinander zu tun gehabt hatten, ihre Hormone verrückt. Es war, als hätte Mutter Natur in ihr einen Tsunami der Begierde ausgelöst, der ihr ganzes Leben auf den Kopf zu stellen drohte. Sie musste sich das Foto geben lassen, weswegen sie gekommen war, und dann verschwinden.

Schnell.

„Würden Sie mir jetzt bitte das Foto geben? Ich muss zurück zur Ranch, bin dort mit jemandem verabredet.“ Bei dieser Lüge wurde ihr heiß, aber sie war nötig gewesen.

Jonathan nickte. „Kommen Sie.“

Sie folgte ihm die Treppe hinunter in ein Zimmer im Erdgeschoss, das er als Arbeitszimmer eingerichtet hatte. Mehrere Computer und ein Drucker waren auf einem L-förmigen Arbeitsplatz aufgereiht. Aktenschränke aus Mahagoniholz, ein kleiner runder Konferenztisch mit vier dunkelblauen Lederstühlen und eine Wand mit eingebauten Bücherregalen bildeten den Rahmen für Jonathans Arbeit, ob in Texas oder in Übersee.

Vivienne betrachtete das Schachbrett mit den jadegrünen Schachfiguren, das auf einem Tisch in der Ecke stand. In einem der Regale entdeckte sie weitere Figuren und Kunstgegenstände aus Jade, Koralle und Türkis. Außerdem Bücher zu Themen wie Kochen, Reisen, Mythologie, Kunstgeschichte und Archäologie. Auf einem Ständer lag etwas, das wie ein Samurai-Schwert aussah. Es bestand kein Zweifel, dass Jonathan vielfältige Interessen hatte.

„Dieser Raum hier ist wie ein Museum“, sagte sie voller Bewunderung.

„Alles hier ist authentifiziert, begutachtet und versichert“, sagte Jonathan, als er sah, wie sie das Schwert anstarrte. „Das ist eine Replik, aber als ich das Schwert sah, konnte ich nicht widerstehen und habe es meiner Sammlung hinzugefügt.“

Sie drehte sich zu ihm. „Schließt alles auch die Statue ein?“

Er nickte. „Ja. Als ich das Haus gekauft habe, dachte ich, ich müsste kein Tor installieren, um Diebe fernzuhalten, aber anscheinend habe ich mich geirrt.“

Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Jonathans Ton verriet, dass er immer noch glaubte, jemand von ihrer Ranch sei für den Diebstahl verantwortlich. „Werden Sie jetzt eins einbauen lassen?“

„Ich denke ernsthaft darüber nach. Vor allem werde ich eine Sicherheitsfirma damit beauftragen, Kameras zu installieren. So habe ich eine Aufzeichnung, falls wieder jemand etwas stehlen will.“

„Das ist eine gute Idee, denn jetzt, wo Sie Daniel haben, müssen Sie für seine Sicherheit sorgen.“

Als Vivienne Daniels Sicherheit erwähnte, schrillte in Jonathans Kopf eine Alarmglocke. Es war ihm bisher nicht in den Sinn gekommen, dass sein Sohn Opfer einer Entführung werden könnte – immerhin war er ein Porter. Der Einbau von Toren mit Sicherheitscode war dringlicher als ursprünglich gedacht. Bei allem, was in den letzten Monaten in Emerald Ridge vorgefallen war. Ein ausgesetztes Baby, Erpressung, Vandalismus und Diebstahl auf mehreren Ranches und jetzt auch noch der Diebstahl der Statue. In Emerald Ridge gab es genug Drama für eine Reality-Show.

„Sie haben recht, Vivienne. Ich muss alles tun, damit mein Sohn in Sicherheit ist.“

„Was ist mit seiner Mutter?“

Jonathan wurde ganz still. Mehrere Sekunden vergingen, bevor er Vivienne antworten konnte. „Sie ist tot.“ Vivienne legte die Hand an den Mund, als wollte sie die Frage zurückziehen. Er sah, dass sich ihre Augen mit Tränen füllten.

„Es tut mir so leid, Jonathan.“

...

Autor

Debbi Rawlins

Endlich daheim – so fühlt Debbi Rawlins sich, seit sie mit ihrem Mann in Las Vegas, Nevada, lebt. Nach viel zu vielen Umzügen beabsichtigt sie nicht, noch ein einziges Mal den Wohnort zu wechseln. Debbie Rawlins stammt ursprünglich aus Hawaii, heiratete in Maui und lebte danach u.a. in Cincinnati, Chicago,...

Mehr erfahren
Carla Cassidy
Mehr erfahren