Baccara Exklusiv Band 210

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DAS ANGEBOT DES MILLIARDÄRS
von SARA ORWIG

William bietet eine Million Dollar! Nur damit Ava den Sommer mit ihm und seiner Nichte verbringt. An sich trennt die schöne Lehrerin Privatleben und Job, aber der attraktive Milliardär entfacht ein heißes Verlangen in ihr. Dennoch hat Ava sich geschworen, ihr Herz keinem Mann zu schenken, der „Für immer“ nur aus den Märchen seiner Nichte kennt …

  • Erscheinungstag 20.08.2021
  • Bandnummer 210
  • ISBN / Artikelnummer 9783751501811
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Sara Orwig, Emily McKay, Annette Broadrick

BACCARA EXKLUSIV BAND 210

1. KAPITEL

William Delaney sah in die dunkelbraunen Augen, die von dichten Wimpern umkränzt waren. Er liebte seine fünfjährige Nichte heiß und innig, aber das war das erste Mal in seinem Leben, dass er ein Problem mit einer Frau hatte. Eine Premiere. Bisher hatte ihn jede Frau ohne Ausnahme immer nur angelächelt. Er liebte die Frauen, und die Frauen liebten ihn. Carolines ernster Blick brach ihm das Herz.

William kniete sich hin, um auf Augenhöhe mit ihr zu sein. Würde er sich je daran gewöhnen, für sie verantwortlich zu sein? Die Verantwortung lastete schwer auf ihm, und er wusste nicht, was er tun sollte – noch eine Premiere in seinem Leben.

„Hier ist ein kleines Geschenk für dich, Caroline. Nur so, weil du so nett bist.“ William sah zu, wie sie mit ihren kleinen Händen das rosa Band löste und ein Buch aus dem Papier zog.

Sie drückte das Buch an sich und sah ihn an. „Danke“, flüsterte sie.

Williams Herz machte einen Satz. Es war nur ein einziges Wort, aber es kam nicht oft vor, dass das Kind überhaupt reagierte. „Wenn du magst, lese ich es dir heute Abend vor. Erst mal kann ja Miss Rosalyn es dir nach dem Mittagessen zeigen.“

Caroline schlug das Buch auf.

„Ich muss los“, kündigte William an und umarmte seine Nichte kurz, wobei sie ihm wie immer ungeheuer zerbrechlich vorkam. „Sobald ich nach Hause komme, sehe ich nach dir.“ Sie blickte ihn aus großen braunen Augen an.

„Miss Rosalyn hat dein Frühstück fertig.“

Das Kindermädchen griff lächelnd nach Carolines Hand. „Es gibt Haferbrei und dazu dein Lieblingsobst – Erdbeeren“, sagte sie aufmunternd.

Will hoffte, dass Caroline etwas essen würde. Seit er vor einem Jahr ihr Vormund geworden war, hatte sie viel zu oft nur ein paar Bissen genommen und dann stumm gewartet, bis er fertig gegessen hatte.

Will lenkte seinen schwarzen Sportwagen durch den Vorort von Dallas, in dem er wohnte, und beeilte sich, zu seinem Privatjet zu kommen.

Um halb zwölf betrat er das Restaurant in Austin, wo er mit einer Lehrerin verabredet war. Sie war ihm als ausgezeichnete Pädagogin empfohlen worden und sollte ihm ein paar gute Tutoren für Caroline nennen.

Das war ein Versuch mehr, seiner Nichte zu helfen. Seit sein Bruder letzten Sommer bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war, hatte Will seine Zeit damit verbracht, mit Kindergärtnerinnen, Vorschullehrerinnen, Therapeuten, Psychiatern und Kinderärzten zu reden. Keiner hatte es geschafft, das Kind aus seinem Schneckenhaus zu holen, in das es sich nach dem Tod seines Vaters zurückgezogen hatte. Adams Tod und das Fehlen der Mutter, die kurz nach Carolines Geburt weggelaufen war, waren zu viel für das Mädchen gewesen.

Will kannte Ava Barton nicht, er wusste nur, dass sie eine gute Pädagogin sein sollte und Witwe war. Er stellte sie sich vor wie eine seiner früheren Grundschullehrerinnen – Brille, graue Haare und ein freundliches Lächeln.

Die Lobby war schon recht voll. Will sah sich um, und sein Blick blieb an einer umwerfenden Blondine hängen. Die Lehrerin war vergessen, als er seine Augen von der schimmernden, blonden Mähne zu der schmalen Taille wandern ließ. Der kurze, braune Rock ließ ihre Knie frei und betonte die langen, schlanken Beine. Will riss seinen Blick los – und versank in den großen grünen Augen dieser Schönheit.

Sie erwiderte seinen Blick. Sekunden verstrichen, dann weiteten sich ihre Pupillen. Will ging auf sie zu, alle Gedanken an Lehrer waren wie weggeblasen. Plötzlich ging ihm auf, dass das vielleicht Ava Barton war. Seine Beziehung zu Carolines Lehrerin sollte rein professionell sein, aber die Beziehung, an die er bei dieser Frau dachte, war die zwischen Mann und Frau. Er musste sie näher kennenlernen.

Will riss sich zusammen. „Ava Barton?“

„Ja.“ Sie streckte ihm die Hand hin.

Bei ihrem Lächeln wurde ihm warm, und als er ihre Hand berührte, sprühten förmlich Funken zwischen ihnen. Widerstrebend ließ er sie los und zwang sich, Ava in die Augen zu sehen, statt sie erneut zu mustern. „Ich bin William Delaney, Carolines Onkel und Vormund“, stellte er sich vor. Seine Sekretärin hatte den Termin ausgemacht, und er bedauerte jetzt, dass er nicht mehr über Ava Barton wusste.

„Ich sage dem Kellner Bescheid.“

Kurz darauf saßen sie in einer Nische neben einem kleinen Springbrunnen.

„Ich habe Sie mir ganz anders vorgestellt“, gab Will zu. Sie hatte eine klare, leicht gebräunte Haut mit einem Hauch von Sommersprossen auf der Nase. Ihre Lippen waren voll und rosig, und Will fragte sich, wie es wäre, sie zu küssen. Auch das war nicht sehr professionell – er musste sich entscheiden, ob er sachlich mit ihr umgehen oder sie als Frau sehen wollte.

Beim Blick in ihre großen grünen Augen schien es nur eine Antwort zu geben. Kurz verspürte Will Schuldgefühle, sonst trennte er strikt zwischen Beruf und Leidenschaft. Aber bei ihrem Anblick konnte kein Mann an Berufliches denken.

„Lehrer gibt es in allen Größen und Farben“, antwortete sie. „Sie dagegen sehen genau so aus, wie ich es erwartet habe, aber es gibt auch genug Fotos von Ihnen in den Illustrierten.“

„Ich hatte nie eine Lehrerin, die so aussah wie Sie, dann hätte die Schule mir sicher mehr Spaß gemacht.“

„Das bezweifele ich.“ Sie erwiderte sein Lächeln.

„Woher wollen Sie das wissen, vielleicht war ich ja sehr fleißig?“

„Sie sehen mir eher nach dem sportlichen Typ als nach einem Denker aus.“

„Sie können Menschen schnell einordnen.“

Ehe sie antworten konnte, kam der Ober und brachte die Getränke.

„Ich freue mich, dass Sie Zeit für ein Treffen haben“, begann Will. „Sie haben einen sehr guten Ruf und sind mir von Carolines Lehrern empfohlen worden.“

„Danke.“ Sie neigte den Kopf und betrachtete ihn. „Wir hätten telefonieren können, das hätte Ihnen die Reise nach Austin erspart. Ich habe Ihrer Sekretärin schon eine Liste mit möglichen Lehrern gegeben.“

Er nickte. „Um nichts in der Welt hätte ich dieses Mittagessen verpassen mögen“, sagte er. Und das nicht nur, weil du meiner Nichte vielleicht helfen kannst, sondern weil ich deine Gesellschaft so genieße, setze er in Gedanken hinzu. Sie war hinreißend, und es fiel ihm schwer, sich auf sein Anliegen zu konzentrieren.

„Ihre Sekretärin hat mir von Ihrer Nichte Caroline erzählt. Sie wurde sehr jung traumatisiert.“

„Es ist über ein Jahr her, dass sie ihren Vater verloren hat. Danach hat sie sich vollkommen abgeschottet.“

„Was ist mir ihrer Mutter?“

„Sie hat die Familie verlassen, als Caroline vier Monate alt war.“

„Vier Monate? Was war das für eine Ehe?“

„Die Art Ehe, wie sie in meiner Familie üblich ist. Meine Eltern haben sich auch scheiden lassen, und das war bitter, aber wir waren schon älter als Caroline. Ich war vierzehn. Keiner von uns hat die Ehe danach als etwas Erstrebenswertes betrachtet.“

Ava sah ihn stirnrunzelnd an. „Nur weil zwei Ehen nicht geklappt haben, bedeutet das nicht, dass alle Ehen schlecht sind.“

„Finanziell sind wir erfolgreich, privat leider nicht. An ihre Mutter kann Caroline sich nicht erinnern, aber ihren Vater hat sie vergöttert. Nach dem Flugzeugabsturz war sie völlig verstört.“

„Besucht ihre Mutter sie ab und zu?“

„Sie hat alle Rechte abgetreten.“

„Was ist das für eine Mutter!“ Avas grüne Augen funkelten, und Will hätte darin versinken können.

„Die Art Mutter, die sehr schön ist, nur an sich denkt und hauptsächlich das Geld liebt. Als sie meinen Bruder kennenlernte, waren sie beide ungebunden und zogen von einer Party zur anderen. Das gefiel ihr, aber nach der Hochzeit ist er solide geworden. Sie wollte weiter Spaß haben, und als sie schwanger wurde, war das für sie eine ärgerliche Überraschung.“

„Caroline ist viel zu jung für diese Schicksalsschläge. Sie tut mir leid.“

Will sah den Ehering an ihrer Hand. „Auch Ihr Verlust tut mir leid. Ich sehe, dass Sie weiter Ihren Ehering tragen.“

Sie senkte den Kopf, um den Ring zu betrachten, und ihre seidigen Haare schwangen nach vorne. Will hätte gerne die Hände darin vergraben.

„Ich trage ihn weiter, weil ich kein Interesse an Verabredungen habe und Männer dadurch auf Abstand halten kann. Ich habe meinen Mann geliebt, und es war furchtbar, ihn zu verlieren. Das will ich nie wieder erleben.“

Will betrachtete sie. „Also haben Sie Männer, Ehe und das Leben im Allgemeinen aufgegeben.“

„Das Leben nicht. Ich liebe Kinder und arbeite gerne mit ihnen. Sie klingen aber auch nicht so, als wenn Sie bald heiraten wollten.“

„Ganz bestimmt nicht, in die Falle laufe ich nicht. Bei den Delaneys ist Ehe gleichbedeutend mit Liebeskummer, Bitterkeit und Verlust. Nein, vielen Dank. Wie lange sind Sie schon verwitwet?“

„Sechs Jahre. Wir haben schon während des Studiums geheiratet, und nach einem Jahr ist mein Mann bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen.“

„Das tut mir leid.“

„Danke. Aber Sie sind nicht gekommen, um über meine Vergangenheit zu reden. Erzählen Sie mir von Caroline.“

„Caroline hat sich vollkommen von der Welt zurückgezogen – vielleicht ist es eine Schutzreaktion. Wenn sie niemanden liebt, kann sie auch nicht verletzt werden, wenn sie denjenigen wieder verliert. Ich habe schon viele Erklärungen gehört, aber die leuchtet mir am ehesten ein. Caroline spricht kaum. Sie kapselt sich ab und findet dadurch im Kindergarten keinen Kontakt. Sie bleibt für sich, statt mit anderen Kindern zu spielen. Dann ist auch noch mein Vater gestorben, der in sie vernarrt war. Das war noch ein Hieb in die gleiche Kerbe. Mir gegenüber war sie danach ein wenig aufgeschlossener, vielleicht hat uns der gemeinsame Kummer verbunden.“

„Sie haben bestimmt schon alle möglichen Therapien versucht.“

„Ich habe alles ausprobiert. Deshalb bin ich ja hier.“ Will betrachtete Ava schweigend. „Sie mögen mich nicht, nicht wahr?“, sagte er dann.

Ava sah überrascht auf und wurde rot. „Ich wusste nicht, dass man mir das anmerkt.“

Will wurde ärgerlich. Er war es nicht gewöhnt, dass Frauen ablehnend auf ihn reagierten.

„Ich gebe zu, dass ich aufgrund der Dinge, die ich in der Zeitung über Sie gelesen habe, falsche Schlüsse gezogen haben könnte“, fuhr Ava fort. „Es spricht für Sie, dass Sie sich Sorgen um Caroline machen. Aber haben Sie schon mal versucht, mehr Zeit mit ihr zu verbringen?“

Verblüfft sah Will sie an. Was fiel ihr ein? „Ich kenne mich mit kleinen Mädchen nicht aus, aber ich habe alles getan, was mir einfällt.“

„Verbringen Sie viel Zeit mit ihr?“

Will spürte leichte Schuldgefühle und zog die Brauen zusammen. „Ich versuche es. Aber ich gebe zu, dass ich mich nicht so intensiv um sie kümmere, wie mein Bruder es getan hat. Das ist das erste Mal, dass ich ein Problem habe, das ich nicht lösen kann.“

„Es ist wichtig, dass Sie es versuchen.“

„Carolines Arzt hat gesagt, wenn sie sich jemandem zuwendet, sollen wir die Beziehung unterstützen. Leider ist diese Person bisher nicht aufgetaucht. Früher war sie immer so fröhlich, jetzt ist sie nur still, in sich gekehrt und ernst. Die Kinderfrau und die Angestellten verwöhnen sie alle, aber ohne Erfolg.“

Will griff nach der Speisekarte. „Lassen Sie uns erst mal was essen. Worauf haben Sie Lust?“

Sie lachte leise. „Auf alles. Das hier gehört zu meinen Lieblingsrestaurants.“

„Zu meinen auch“, erwiderte er überrascht. „Immer, wenn ich in Austin bin, esse ich hier, aber Sie habe ich noch nie hier gesehen.“

Ava schüttelte den Kopf. „Wie auch? Wir haben einander bis heute doch gar nicht gekannt. Außerdem komme ich nur sehr unregelmäßig her.“ Sie klappte die Speisekarte zu. „Aber oft genug, um auch so zu wissen, was ich will.“

„Es ist immer gut zu wissen, was man will“, erwiderte Will. Er betrachtete Ava, als der Ober kam und sie einen Cäsar-Salat und Früchtetee bestellte.

Will nahm einen Hamburger. „Auf dem Flug hierher habe ich mir die Liste von Tutoren angesehen, die Sie empfohlen haben.“

„Sie sind alle bestens geeignet und haben gute Erfolge dabei erzielt, Kindern das Lesen beizubringen.“

„Ich weiß das zu schätzen. Aber es ist schwerer als ich dachte, den richtigen Tutor zu finden. Im Kindergarten muss Caroline der Betreuerin zeigen, was sie kann. Sie bekommt Privatunterricht, aber wenn sie nicht reagiert, geben die Leute irgendwann auf.“

„Hoffentlich erreicht dann der Tutor etwas.“

„Caroline ist momentan der wichtigste Mensch in meinem Leben. Ehe ich entscheide, würde ich gerne mit Ihnen nach Dallas fliegen, damit Sie sie kennenlernen. Wenn Sie Caroline besser kennen, wissen Sie auch, welcher Tutor am ehesten zu ihr passt. Die Zeit drängt, ich würde Sie gut bezahlen. Zweitausend Dollar am Tag plus Spesen, und ich fliege Sie nach Dallas und dann zurück nach Austin.“

„Aber das ist viel Geld“, rief Ava überrascht.

„Ich kann es mir leisten, und das hier hat für mich Priorität“, erklärte Will, fest entschlossen, seinen Willen durchzusetzen.

„Sie wissen, dass es ausgezeichnete Schulen für solche Fälle gibt, wo man den ganzen Tag mit ihr arbeiten würde und sie abends Kurse machen könnte?“

Will wusste, dass das ein Test war, den er bestehen würde. „Ich will sie aber nicht wegschicken.“

Ihre grünen Augen blitzten auf. „Löblich.“

„Kommen Sie mit nach Dallas?“

Wills Puls beschleunigte sich, während er auf Avas Antwort wartete. Er wünschte sich, dass sie auf sein Angebot einginge, nicht nur Carolines wegen. Heute Morgen hatte er noch vorgehabt, nach Austin zu fliegen, die Liste zu besprechen und nach vollendeter Wahl wieder nach Hause zu fliegen. Aber als er Ava gesehen hatte, hatte er alle Pläne über den Haufen geworfen und beschlossen, Caroline zu helfen und Ava dabei näher kennenzulernen.

„Wann wollen Sie los?“, fragte Ava.

„Wann Sie wollen. Sie können jetzt mit mir zurückfliegen, aber auch morgen oder nächste Woche kommen. Je eher, desto besser.“

Ava dachte nach, und Will nutzte die Gelegenheit, um sie zu betrachten. Ihre seidigen Haare waren wie für Männerhände gemacht. Lange, dunkle Wimpern säumten diese verführerischen Augen, und ihr Mund ließ sein Herz schneller schlagen. Er wollte mit ihr flirten, sie zum Essen einladen und dann küssen, bis sie beide vor Verlangen brannten. Weder er noch sie wollten sich emotional binden, somit würde es keine Komplikationen geben.

Der Ober brachte ihr Essen, und Ava beugte sich vor. „Wann fliegen Sie zurück?“

„Ich bin um drei Uhr noch mit einem Kunden verabredet, danach wollte ich zurückfliegen. Aber ich kann meine Pläne auch ändern.“

„In ein paar Stunden könnte ich mitkommen, wenn es Ihnen recht ist. Das Wochenende kommt, und danach habe ich ein paar Tage ohne Termine.“

„Wunderbar, dann kommen Sie mit und lernen Caroline kennen. Vielleicht können Sie eine Woche bleiben?“

Sie lächelte. „So lange wird es nicht dauern, Caroline kennenzulernen. Ich komme heute mit und fliege in zwei Tagen zurück. Ich habe gerade Examen gemacht und möchte demnächst eine eigene Privatschule eröffnen.“

„Donnerwetter“, sagte Will. Das Blut rauschte in seinen Ohren bei dem Gedanken, sie die nächsten drei Tage in seinem Haus zu haben.

„Ich nehme an, dass Sie Caroline vorlesen“, fuhr Ava fort. „Können Sie mir eine Liste ihrer Lieblingsbücher geben? Dann hole ich noch ein, zwei dazu.“

„Klar. Noch besser, ich gehe nach dem Essen mit Ihnen in einen Buchladen, wo Sie gleich holen können, was Sie wollen.“

„Sie sind fest entschlossen, was?“

„Ich würde alles tun, um Caroline zu helfen. Ich weiß ja, wie sie war, ehe sie ihren Vater verloren hat.“

„Ich glaube, ich habe Sie falsch beurteilt“, gab Ava zu. „Ich hatte Vorurteile aufgrund der Dinge, die ich über Sie gelesen habe.“

„Wie schön, dass Ihre Meinung über mich sich bessert. Wir werden uns sicher noch besser kennenlernen.“

Sie lächelte. „Ich fliege nach Dallas, um Caroline kennenzulernen.“

„Ich muss offenbar an meinem Image arbeiten. Ich bin es nicht gewöhnt, dass eine Frau mir sagt, dass sie kein Interesse an mir hat.“

„Es ist nicht nötig, dass wir Freunde werden.“

„Aber es könnte Spaß machen. Sie wären überrascht, was Sie entdecken würden.“ Seine Stimme wurde eine Oktave tiefer. „Ich jedenfalls würde Sie gerne näher kennenlernen.“

„Ich könnte Ihnen sagen, dass Sie aufhören sollen zu flirten“, erwiderte Ava kopfschüttelnd, „aber das wäre sinnlos. Wahrscheinlich ist das für Sie so selbstverständlich wie atmen.“

„Wenn eine schöne Frau im Spiel ist, ist es geradezu notwendig. Außerdem sind Sie in zwei Tagen ohnehin wieder weg, was spielt es also für eine Rolle?“

„Vielleicht stimmt das, was ich gelesen habe, doch.“

„Vergessen Sie die Zeitungen. Ich weiß von Ihnen nur, dass sie sehr gut mit Kindern umgehen können. Sie können unterrichten und haben Ihr Examen.“

„Stimmt.“

„Was haben Sie damit vor?“

„Ich schreibe Fachbücher über Leseschulung. Und ich will eine Privatschule eröffnen – erst mal für die Klassen eins und zwei – um meine eigene Methode zum Lesenlernen anzuwenden. Für den nächsten Schritt brauche ich dann finanzielle Unterstützung.“

„Ganz schön ehrgeizig, eine eigene Schule zu eröffnen“, sagte Will anerkennend. „Eine Frau mit Zielen.“ Sie brauchte also Sponsoren – das eröffnete ihm für später eine gute Verhandlungsbasis.

Schön, ehrgeizig und intelligent – eine aufregende Mischung, die seinen Jagdinstinkt weckte. „Ich habe viel Gutes über Ihre Arbeit mit Kindern gehört“, sagte er.

„Ich mag Kinder und bin gerne mit ihnen zusammen. Ich versuche, alles für Kinder interessant zu machen. Leicht ist Lernen nicht, aber es kann Spaß machen. Ich will Kindern mein Leben widmen.“

„Haben Sie Geschwister?“

„Ich habe zwei jüngere Schwestern, Trinity und Summer. Trinity ist Pressesprecherin für ein Unternehmen in Austin. Summer studiert noch und will Lehrerin werden.“

„Und Ihre Eltern? Wo kommen Sie her?“

„Mein Vater hat ein Lebensmittelgeschäft in Lubbock, und meine Mutter ist Zahnhygienikerin. Und Sie?“

„Außer meinem verstorbenen Bruder Adam habe ich noch zwei Brüder. Zach ist ständig beruflich unterwegs, und der jüngere, Ryan, arbeitet in Houston. Meine Eltern sind seit Jahren geschieden, meine Mutter hat noch zweimal geheiratet und lebt jetzt in Atlanta. Mein Vater ist kürzlich gestorben.“

„Der Bruder, der selten zu Hause ist – ist er auch ein Vormund von Caroline?“

„Nein, nur ich. Adam stand mir immer sehr nahe, er war drei Jahre älter als ich. Zach ist zweiunddreißig, vier Jahre jünger als ich. Er arbeitet für ein Abrissunternehmen auf der ganzen Welt. Er ist gut in seinem Beruf, aber selten zu Hause. Ryan ist neunundzwanzig und leitet eine unserer Bohrfirmen. Keiner von uns ist die ideale Vaterfigur.“

„Wie ist Caroline so? Was macht sie gerne?“

„Schwimmen. Wenn Sie gerne schwimmen, dann packen Sie einen Badeanzug ein. So können Sie etwas mit ihr zusammen unternehmen. Bücher mag sie auch, sie liest gerne.“

„Sie ist fünf und kann schon lesen – das ist früh. Gut.“

„Aber im Kindergarten macht sie nicht mit, daher weiß es dort keiner. Ich habe der Betreuerin erzählt, dass sie lesen kann, aber weil sie es nie erlebt, ist sie skeptisch.“

„Glauben Sie, dass Caroline wirklich liest?“

„Ich weiß es. Sie hat schon mit einfachen Büchern angefangen, ehe ihr Vater starb.“

„Da war sie noch sehr jung.“

„Ihr Vater hat mit ihr geübt. Sie ist ein kluges Mädchen, deshalb tut mir ihr Rückzug so leid. Wenn ihr ein Buch gefallen hat, hat sie früher immer viel davon erzählt. Ich schenke ihr häufig Bücher, weil die das einzige sind, worüber sie sich freut.“

„Das ist ein gutes Zeichen. Wenn sie gerne liest, hat ein Tutor etwas, um an sie ranzukommen.“

Will betrachtete ihre Teller. „Wir sind fertig. Möchten Sie noch einen Nachtisch? Der ist hier sehr gut.“

„Nein, danke, ich möchte noch in den Buchladen.“

Kurze Zeit später hielt Will ihr die Tür zur Buchhandlung auf. Sein Blick blieb an ihren sanft schwingenden Hüften hängen, und einen Moment lang vergaß er, warum er hier war. Er wollte einen Abend mit ihr verbringen, und einmal nicht an die Arbeit denken.

Ava ging in die Kinderbuchecke und wählte einen Titel aus. „Was halten Sie davon?“

„Das hat sie schon und mag es sehr“, antwortete Will. „Was sie noch so hat, weiß ich nicht genau, aber ich rufe Rosalyn an, dann können Sie das mit ihr klären.“

„Sonst kann ich es umtauschen.“ Ava ging an den Regalen entlang, und Will beobachtete sie.

„Ich bin überrascht, dass es keinen Mann in Ihrem Leben gibt“, sagte er leise. „Sechs Jahre sind eine lange Zeit.“

„Ich habe kein Interesse. Ich habe zu viel zu tun.“

„So viel kann man gar nicht zu tun haben.“

Sie blieb stehen und lächelte ihn an. „Wollen Sie mir anbieten, die Lücke zu füllen? Lassen wir es dabei bewenden, einen Tutor für Ihre Nichte zu finden, und danach trennen sich unsere Wege wieder. Leider kenne ich nur wenige alleinstehende, hübsche Tutorinnen.“

„Unter anderen Umständen würde ich zustimmen, dass unsere Wege sich wieder trennen, aber ich kann nicht“, erwiderte Will und kam näher. Sie sahen einander an.

„Sie spüren diese Anziehungskraft doch auch.“ Seine Stimme klang rau. „Leugnen Sie es nicht.“ In zwei Tagen würde diese Frau wieder aus seinem Leben verschwinden – das war vielleicht gut so, sie ging ihm jetzt schon unter die Haut. Sie war ehrgeizig und entschlossen und eigentlich nicht sein Typ, aber die nächsten beiden Tage würden interessant werden.

Ava holte tief Luft und wandte den Blick ab. „Wie auch immer“, erklärte sie. „Wir bleiben bei Büchern und Geschäft.“ Sie errötete. „Ich will keine kurze Affäre. Wenn ich mich je wieder mit einem Mann einlasse, soll es eine ernsthafte, tiefgehende Beziehung sein. Ich bezweifele sehr, dass Sie so etwas suchen.“

„Ganz bestimmt nicht. Feste Beziehungen oder Ehe sind nichts für mich. Das ist noch keinem Mann in unserer Familie gelungen.“

„Dann bleibt unsere Verbindung strikt beruflich.“ Ava griff nach einem Buch. „Hat sie das schon?“

Will legte seine Hand auf ihre. Als Ava scharf Luft holte, schlug sein Herz schneller – sie reagierte auf jede Berührung von ihm.

„Nicht das ich wüsste“, meinte er nach einem Blick auf das Titelbild.

„Das ist eine nette Geschichte, dann nehme ich das.“

„Sie kennen sich aus.“

„Ich habe meine Examensarbeit über frühkindliches Lesen geschrieben.“

„Suchen Sie ruhig mehr aus, ich halte das hier solange.“ Will dachte plötzlich, dass Ava die perfekte Tutorin für Caroline wäre. Sie hatte über Kinderbücher gearbeitet und liebte Kinder – sie war die ideale Besetzung.

Ava musterte die Regale, und Will musterte sie. Zwei Tage würde sie bei ihm wohnen, er musste dafür sorgen, seinen Terminkalender frei zu halten. Er würde ihre Barrieren schon überwinden. Wenn sie seit sechs Jahren keine Verabredung mehr gehabt hatte, war sie längst überfällig. Die Spannung zwischen ihnen waren vom ersten Augenblick an da gewesen, das hatte er sich nicht eingebildet. Sie spürte sie genauso wie er.

„Was ist damit?“ Sie hielt ein Buch mit Hunden hoch.

Will griff danach. „Zeigen Sie mal die Bilder.“ Er trat näher und atmete den Duft ihres Parfums ein, während sie blätterte. Caroline hatte das Buch noch nicht, aber er wollte die Nähe zu Ava genießen. „Das hat sie, glaube ich, noch nicht.“

„Ich liebe diese Geschichte, dann nehmen wir das auch.“ Ava suchte schließlich vier Bücher aus, und Will bestand darauf, zu bezahlen.

„Wann soll ich Sie abholen?“, fragte er, als sie zu ihrer Wohnung fuhren.

„Am frühen Abend, dann bin ich fertig.“

Sie trat ins Haus, und Will fuhr los. Sie würde mit ihm nach Dallas fliegen, und er hatte zwei Tage Zeit, um sie davon zu überzeugen, dass sie da bleiben und Carolines Tutorin werden sollte. Seine Entscheidung war schon gefallen, Ava hatte die besten Qualifikationen. Will gab sich schon lange nur noch mit dem Besten zufrieden. Außerdem wollte er Ava besser kennenlernen. Eine schöne Frau, die intelligent und selbstbewusst war, stellte eine Herausforderung dar, der er nicht widerstehen konnte.

Ava stand am Fenster und sah dem Wagen nach. Sie war noch nicht bereit für einen neuen Mann in ihrem Leben, und William Delaney würde alles kompliziert machen. Vom ersten Moment an war zwischen ihnen eine Verbindung gewesen – das hatte sie seit Ethan nicht mehr erlebt.

Sie wollte auch nicht, dass es wieder passierte, aber sie konnte den Moment, als Will die Lobby betreten hatte, nicht vergessen. Sie hatte Fotos von ihm in der Zeitung gesehen, aber die wurden ihm nicht gerecht. Er war gut eins achtzig groß und hatte faszinierende braune Augen mit langen, dunklen Wimpern, die ihr den Atem verschlagen hatten. Dunkle Haare und ein Gesicht, dem keine Frau widerstehen konnte, machten ihn zu einer wandelnden Versuchung.

Er war höchst selbstbewusst, und das nicht ohne Grund. Will war in ein Leben im Wohlstand hineingeboren worden, und sein Wunsch war Befehl – meistens jedenfalls. Wahrscheinlich hatten die Probleme mit seiner Nichte ihn ganz schön aus der Bahn geworfen. Caroline war ein liebenswertes Problem, an das er nicht gewöhnt war.

Ava zog die Tutorenliste hervor. Ganz oben stand Becky Hofflinger, die im Umgang mit traumatisierten Kindern besonders erfahren war. Sie war gut und konnte das Geld gebrauchen, Will war sicher großzügig.

Ava dachte an die zweitausend Dollar, die sie pro Tag in Dallas bekommen sollte. Sie hätte eine Woche bleiben können, und er hätte gezahlt, ohne mit der Wimper zu zucken. Sie schüttelte den Kopf. Der Mann schwamm im Geld.

Flieg nach Dallas, triff das Kind und mach dir ein Bild davon, was es braucht. Sie hatte das Mädchen jetzt schon ins Herz geschlossen. Es war hart, einen geliebten Menschen zu verlieren, und für Wills Nichte musste es schrecklich gewesen sein. Ava kannte Trauer, auch wenn sie mit den Jahren nachgelassen hatte. Aber ab und zu kam sie mit voller Wucht zurück.

Sie wollte keine neue Beziehung, das war unvorstellbar. Ihre Reaktion auf Will hatte sie schockiert. Sechs Jahre lang hatte sie in Erinnerungen gelebt, getrauert und versucht, über Ethans Verlust hinwegzukommen. Kein Mann hatte sie interessiert. Bis Will Delaney in ihr Leben getreten war.

Ava duschte und zog dann eine rote Hose mit passender Bluse an. Während sie die hochhackigen Sandalen zuband, wurde ihr bewusst, dass sie Wills Einsatz für seine Nichte bewunderte. Das hätte sie ihm nie zugetraut. Sie zog zu oft voreilige Schlüsse.

Aber das würde die Zeit zeigen.

2. KAPITEL

Es klingelte, und Ava drückte den Knopf der Sprechanlage.

„Ava, ich bin gekommen, um Ihnen beim Tragen zu helfen“, hörte sie Wills tiefe, leicht heisere Stimme, die so unvergesslich war.

Als sie ihm die Tür öffnete, war sein Anblick genauso elektrisierend wie beim ersten Mal. Vielleicht noch mehr, dachte sie, als sie spürte, wie ihr Puls raste. Der Mann war atemberaubend und sah viel zu gut aus. Obendrein wusste sie, dass er sich sehr um seine Nichte kümmerte. Das alles zusammen war eine unwiderstehliche Mischung.

Inzwischen hatte Will die dunkelblaue Anzugjacke und die Krawatte abgelegt. Sein weißes Hemd war am Kragen aufgeknöpft, sodass er jetzt lässiger wirkte. Die warme Bewunderung in seinen Augen ließ sie erröten.

„Sie sehen wunderbar aus“, sagte Will.

„Danke. Aber für unsere Zwecke würden auch ein Sack und ungekämmte Haare keinen Unterschied machen.“

„Sie würden sogar damit gut aussehen.“

Er lächelte sie an, und ihr Herz setzte einen Schlag aus. Rasch wandte sie sich ab, um ihre Handtasche und den kleinen Koffer zu holen, aber Will hatte schon danach gegriffen.

Eine Stunde später waren sie in der Luft. Ava sah auf Austin herunter. Die Sonne spiegelte sich im Dach des Rathauses, als das Flugzeug Richtung Norden flog.

„Weiß Caroline, dass wir kommen?“, fragte sie und sah in Wills dunkle Augen.

„Ja, aber erwarten Sie keinen überschwänglichen Empfang. Sie werden sehen, wie zurückhaltend sie ist. Das war ganz anders, als ihr Vater noch lebte. Sie standen einander sehr nahe, und sie war alles für ihn.“

„Wie traurig, dass sie ihn verloren hat.“

„Ja. Eigentlich ist sie ein fröhliches, interessiertes, waches Kind. Deshalb mache ich mir ja solche Sorgen. Sie hat sich in ihr Schneckenhaus zurückgezogen, und niemand kann sie erreichen. Ich kann es kaum ertragen, weil ich weiß, wie sie wirklich ist.“

Wills Schmerz klang echt, und Ava spürte Mitleid. Wenn sie länger als zwei Tage bliebe, würde sie ganze Bollwerke um ihr Herz herum errichten müssen. Sie sah aus dem Fenster und suchte nach einem anderen Thema.

„Reisen Sie viel? Sind Sie zu Hause, solange ich bei Ihnen bin?“

„Ja, ich setze sie nicht nur ab und verschwinde wieder“, antwortete Will lächelnd. „Ich nehme mir frei und werde so oft wie möglich zu Hause sein.“

„Wenn ich Caroline kennenlernen soll, muss ich mit ihr alleine sein. Von mir aus können Sie morgen also genauso gut arbeiten.“

„Sie werden Zeit alleine haben, ich gehe Ihnen aus dem Weg. Ich hoffe, dass Sie einen Badeanzug eingepackt haben.“

„Das habe ich“, versicherte Ava und verspürte ein Kribbeln, als sie sich vorstellte, mit Will gemeinsam zu schwimmen. „Hat Caroline feste Termine?“

„Im Sommer nicht. Nach dem Frühstück sind Lesen und Spielen angesetzt. Wenn sie möchte, kann sie vor dem Mittagessen schwimmen. Nach dem Essen liest sie auch – ich glaube, sie macht keinen Mittagsschlaf mehr. Danach schwimmt sie gewöhnlich noch mal. Rosalyn kümmert sich den ganzen Tag um sie. Ich bemühe mich, zum Abendessen zu Hause zu sein und anschließend Zeit mit ihr zu verbringen, ehe sie ins Bett geht. Wenn ich arbeiten muss oder eine Einladung habe, bringt Rosalyn sie ins Bett. Caroline hat alle Spielsachen, die man sich nur wünschen kann, und kann erstaunlich gut mit dem Computer umgehen.“

„Das habe ich mir gedacht.“ Ava lächelte. „Es klingt nach einem harten Stück Arbeit, aber ich habe eine Liste von Tutoren, die der Herausforderung gewachsen sein könnten. Wenn ich mir ein Bild gemacht habe, kann ich den passenden Kandidaten aussuchen und hoffen, dass er ein Wunder bewirkt.“

„Das hoffe ich auch. Ein Glück, dass ich Sie gefunden habe. Jedes Mal, wenn ich mit Caroline zusammen bin, ist es eine Qual. Ich bin es meinem Bruder schuldig und habe Caroline so lieb. Hoffentlich kann man ihr helfen, die richtige Person kann sie vielleicht erreichen. Ich will den bestmöglichen Tutor für sie haben.“

„Wir werden sehen. Das hier sind die besten Tutoren, die ich kenne.“

„Gut, es wird sich für sie lohnen.“

„Davon bin ich überzeugt. Sie bezahlen mich schon übertrieben großzügig.“

„Das ist es mir wert.“

Ava lächelte ihn an. „Sie sind ein guter Onkel, Will Delaney.“

Er beugte sich zu ihr. „Und Sie, Ava, haben ein unwiderstehliches Lächeln. Ich muss Sie öfter zum Lachen bringen.“

„Das gehört nicht zu meinen Aufgaben. Ich bin wegen Caroline hier. Nur ihretwegen“, setzte sie hinzu, und ihr Herz klopfte.

„Vielleicht kann ich Ihre Meinung darüber auch noch ändern.“

„Auch? Wobei denn sonst noch?“

„Warten wir ab, wie es Ihnen mit Caroline ergeht.“

Ava fragte sich, was Will wohl meinte. Er wollte doch am Ende nicht sie anheuern, sie war gar keine Tutorin. Will setzte sich wieder gerade hin, und ihr Herzschlag beruhigte sich langsam.

Der Flug war kurz, und am Rollfeld wartete ein Wagen auf sie.

Als sie durch die Einfahrt seines Hauses fuhren, waren alle Gedanken an ihre Aufgabe für einen Moment vergessen. Fasziniert betrachtete Ava das Herrenhaus, auf das sie über eine gewundene Einfahrt zufuhren.

„Was für ein wunderschönes Haus Sie haben“, rief Ava. „Das passt viel besser zu meinem Bild von Ihnen als das des liebevollen Onkels.“

„Ich sehe schon, dass ich ein paar Ihrer Vorurteile entkräften muss. Wir werden einander schon noch kennenlernen. Ich freue mich darauf.“

„Das steht nicht auf der Tagesordnung. Ich bin wegen Caroline hier, und ich glaube, das ist jetzt schon das zweite Mal, dass ich Sie daran erinnern muss.“

„Entspannen Sie sich, wir können einander auch näherkommen, während Sie meine Nichte in Augenschein nehmen. Das eine schließt das andere nicht aus. Es wird beides passieren.“

„Sie hören mir nicht zu.“

„Sie irren sich, ich höre sehr gut zu und würde gerne noch mehr tun.“

„Hören Sie auf zu flirten“, schalt Ava belustigt. Seine Flirterei war harmlos, aber es erschrak sie, wie sehr sie auf ihn reagierte.

„Heute Abend nicht, warum sollte ich? Flirten ist ein harmloser Spaß, und ich genieße es, wenn ich in Gesellschaft einer schönen Frau bin. Weder Sie noch ich wollen eine ernste Beziehung. Eigentlich passen wir ideal zusammen.“

„Danke, aber wir werden kein Paar. Ich denke, wir sollten das Thema wechseln. Ihr Haus ist wunderbar. Wohnen Sie hier nur mit Caroline und der Kinderfrau?“ Ava bewunderte das elegante Haus. Die Sonne schien auf das Schieferdach und die rosa Steine der Außenfassade.

„Ich komme auf mein Thema zurück, aber um Ihre Frage zu beantworten – es ist ein behagliches Haus, das meinen Ansprüchen gerecht wird. Es ist groß genug für uns alle und die Angestellten. Ein Teil davon wohnt im dritten Stock.“ Als Ava ihn hörte, ging ihr auf, dass sie keine Ahnung gehabt hatte, wie reich er tatsächlich war.

Sie war vollkommen gefesselt von dem dreiflügeligen Anwesen, das im Stil eines englischen Herrenhauses errichtet worden war. Ein blühender Park umschloss das Haus, daneben schlossen sich weite Ländereien an. In der Mitte des Vorplatzes stand ein Springbrunnen.

„Hier fühlt sich ein kleines Mädchen sicher verloren“, sagte Ava, ohne nachzudenken.

„Caroline ist daran gewöhnt, das Haus ihres Vaters war ähnlich groß. Ich glaube, sie denkt gar nicht darüber nach.“

„All der Reichtum, und doch können Sie sich damit nicht die eine Sache kaufen, die Sie wollen“, sagte Ava.

Will sah sie an. „Sie haben recht, aber zumindest habe ich dadurch bessere Chancen, Hilfe für sie zu bekommen. Ich denke immer wieder, dass es mir schon gelingen wird, wenn ich mich nur bemühe. Ich werde den Menschen finden, zu dem sie Vertrauen hat.“

„Ich hoffe es für Sie“, entgegnete Ava. Für seine Sorge um Caroline mochte sie ihn nur noch lieber.

Sie stiegen aus und gingen die Stufen zur Haustür hoch. Die massive Tür schwang auf, und ein Butler begrüßte sie. Ava trat in eine riesige, holzgetäfelte Halle, in der ein französischer Kronleuchter hing.

Will reichte Ava seinen Arm. „Hier entlang“, sagte er.

Ava war sich seiner Hand auf ihrem Arm sehr bewusst, während sie die Bibliothek betraten. Hier saß ein Kind am Tisch und malte, neben ihm eine ältere Frau, die ebenfalls malte.

Caroline rutschte vom Stuhl und sah sie an, auch die Kinderfrau stand auf. „Guck mal, wer da ist, Caroline“, rief sie fröhlich.

Caroline war ein schönes Mädchen mit langen schwarzen Locken und dunkelbraunen Augen, das Will sehr ähnlich sah. Ernst blickte sie ihrem Onkel entgegen, als er zu ihr kam, sie hochhob und ihr einen Kuss gab.

„Wie geht es meinem Mädchen?“, fragte er lächelnd. „Ich möchte dir jemanden vorstellen.“ Damit drehte er sich zu Ava um.

„Caroline, das ist meine Freundin Ava. Sie ist Lehrerin.“

Caroline starrte Ava stumm an.

„Ava, das ist Caroline.“

„Ich habe schon viel von dir gehört, Caroline, und freue mich, dich kennenzulernen“, begrüßte Ava das kleine Mädchen.

„Ava, das ist unsere Kinderfrau, Rosalyn Torrence. Rosalyn, das ist Ava Barton.“

„Schön, Sie kennenzulernen.“ Ava gab der Kinderfrau die Hand. Dann wandte sie sich wieder Caroline zu.

„Du hast mir gefehlt, Liebes“, sagte Will so sanft, dass es Ava ans Herz griff. „Ich freue mich, dass ich wieder zu Hause bin. Rosalyn, wir bleiben jetzt bei ihr.“

„Danke. Wenn Sie mich brauchen – ich bin oben.“

„Danke.“

Rosalyn ging, und Will wandte sich Caroline zu.

Ava hielt ihr die beiden bunt eingepackten Bücher hin, die sie für das Mädchen gekauft hatte. „Ich habe dir etwas mitgebracht, Caroline.“

Caroline betrachtete die Bücher, traf aber keinerlei Anstalten, danach zu greifen.

„Sieh dir deine Geschenke an, Liebes“, drängte Will.

Caroline gehorchte und zog das erste Buch hervor. Sie betrachtete es gründlich. „Danke“, flüsterte sie so leise, dass Ava sie kaum verstehen konnte. Dann packte sie das zweite Buch aus.

„Danke“, flüsterte sie erneut.

„Gern geschehen.“ Ava kniete sich vor sie. „Ich kann sie dir vorlesen, wann immer du Lust dazu hast.“

Caroline nickte und sah Will an.

„Wann du willst“, versicherte Will ihr, „dann lasse ich euch beide allein. Willst du sie jetzt lesen?“

Caroline schüttelte den Kopf.

„Dann packe ich erst mal aus“, rief Ava deutlich fröhlicher, als sie sich fühlte. Sie war keine Kinderpsychologin, aber offenbar hatte Will in der Tat ein riesiges Problem. Das Kind wirkte zurückgezogen, kühl und reagierte kaum, als ob es sich von allen Menschen abschotten wollte.

„Ich bleibe ein bisschen bei Caroline“, sagte Will und hob sie hoch, „aber erst zeigen wir beide Miss Ava, wo ihr Zimmer ist.“

Oben gingen sie an einer Reihe schöner Zimmer vorbei, bis sie in eine Suite traten. „Gefällt es Ihnen hier?“, fragte Will. „So sind Sie in der Nähe von Carolines Zimmer.“

„Wie schön“, rief Ava begeistert und bewunderte das rosenfarbene Seidensofa, die antiken Möbel und den dicken Teppich auf den polierten Eichendielen. Durch eine offene Tür konnte sie das Schlafzimmer sehen. „Ich packe schnell aus und komme dann wieder in die Bibliothek – falls ich zurückfinde.“

„Packen Sie später aus. Kommen Sie. Wir zeigen Ihnen kurz das Haus.“

Caroline sagte kein Wort. Widerstandslos ließ sie sich von Will mitnehmen. Während der kurzen Führung achtete Ava mehr auf sie als auf das Haus.

„Das hier ist Carolines Suite“, erklärte Will an einer Tür. „Daneben wohnt Rosalyn, aber sie hat auch ein Bett in Carolines Zimmer.“

Das war wie aus einem Traum. Eine Wand war mit Figuren aus Kinderbüchern bemalt. An die hellblaue Decke waren weiße Wolken gemalt, und die weißen Möbel waren mit bunten Stoffen bespannt. Selbst die Tischbeine waren in Form von Märchenfiguren. Wie groß muss ihre Trauer sein, fragte sich Ava, wenn sie trotz so einer schönen Umgebung nicht fröhlich ist?

Sie gingen aus dem Zimmer in einen großen Raum, der streng in Schwarz und Weiß gehalten war. „Eindeutig Ihr Zimmer“, bemerkte Ava, und Will grinste

„Sie fangen an, mich zu kennen.“

„Das ist eher das Ausschlussprinzip.“

Sie gingen nach unten ins Spielzimmer, wo Will Caroline auf den Schoß nahm und ihr eine Weile vorlas. Dann machten sie ein Brettspiel, und auch wenn Caroline nichts sagte, bewegte sie ihre Steine richtig und machte mit.

„Soll Ava dir jetzt eines deiner neuen Bücher vorlesen?“, fragte Will schließlich.

Caroline nickte, ohne Ava anzusehen. Sie setzten sich alle drei aufs Sofa, Caroline in der Mitte, und Ava begann zu lesen, während Caroline die Seiten umblätterte.

Mit freudiger Überraschung merkte Ava, dass Caroline so gut lesen konnte, dass sie umblätterte, sobald sie am Ende der Seite angekommen war. Sie betrachtete die Hand der Kleinen, so zerbrechlich und zart. Caroline roch gut nach Äpfeln, und ihr Haar glänzte. Ava verstand, warum Will sie so liebte und alles tat, was er konnte, um ihr zu helfen.

Als sie beide Bücher durch hatten, war das Abendessen fertig. Danach machten sie noch ein paar Spiele und gingen dann hinaus zum Pool.

„Will, das ist toll“, rief Ava und bewunderte die Terrasse mit Kochplatz und Polsterstühlen. „Das ist ja, als wenn Sie hier draußen ein zweites Wohnzimmer und noch eine Küche hätten. Unglaublich.“

„Das Haus soll bequem sein“, erklärte Will. Während sie sich unterhielten, setzte Caroline sich an einen Tisch und malte. Will lobte jedes Bild, sobald es fertig war. Dann kam Rosalyn, um Caroline ins Bett zu bringen.

„Was für ein reizendes Kind, Will, ich kann gut verstehen, warum Sie sich solche Sorgen machen.“

„Sie lebt in ihrer eigenen Welt, zu der niemand Zugang hat, auch ich nicht.“

„Kann ich mich vielleicht morgen um sie kümmern?“, schlug Ava vor. „Ich habe so ein Kind noch nie erlebt, aber ich will mehr von ihr sehen, ehe ich mit den Tutoren rede.“

„Natürlich, wenn Sie das möchten. Sobald es Ihnen über den Kopf wächst, ist Rosalyn da. Sie brauchen Sie nur zu rufen.“

„Geben Sie Rosalyn den Tag frei, Caroline und ich werden schon zurechtkommen.“

„Davon bin ich überzeugt, aber Sie sind Ihre Art nicht gewöhnt, und Carolines Zurückgezogenheit kann einen erschöpfen.“

Ava lächelte. „Das glaube ich nicht.“

Will erhob sich. „Entschuldigen Sie mich, ich will Caroline Gute Nacht sagen. Das mache ich immer, wenn ich zu Hause bin.“

„Natürlich.“

Ava sah ihm nach. Er hatte die Wahrheit gesagt, als er ihr erzählt hatte, wie lieb er seine Nichte hatte. Wenn er da war, las er ihr abends vor – das ließ Will in Avas Achtung weiter steigen.

Auf dem Weg zu Carolines Zimmer nahm Will immer zwei Stufen auf einmal. Rosalyn bürstete gerade ihre langen, schwarzen Haare, und Wills Herz zog sich zusammen, als er daran dachte, dass er hier war, wo eigentlich sein Bruder Adam sein sollte.

„Rosalyn, ich lese Caroline jetzt vor und rufe, wenn ich fertig bin.“

„Ja, Sir.“ Rosalyn sah das Kind im Spiegel an. „Wie hübsch du bist. Onkel Will übernimmt jetzt.“

Rosalyn ging, und Caroline drehte sich zu Will um. Ob sie je jemanden an sich heranlassen würde? Er hob sie vom Stuhl. „Such dir ein Buch aus, und dann lese ich dir vor.“

Caroline betrachtete das Regal. Sie roch frisch und sauber und trug einen weichen Pyjama mit kleinen Katzen darauf. Schließlich zeigte sie auf ein Buch, und Will zog es hervor.

„Ah, eine gute Wahl.“ Er setzte sich in einen Schaukelstuhl und nahm das Kind auf den Schoß.

„Caroline, meine Freundin Ava würde morgen gerne den Tag mit dir verbringen. Ich bin auch da, werde aber in meinem Arbeitszimmer sein. Ist dir das recht?“

Sie sah ihn ernst an, dann nickte sie.

„Gut. Sie will dir beim Lesen helfen und versuchen, einen passenden Tutor für dich zu finden.“

Caroline richtete ihre großen braunen Augen auf ihn, und wieder einmal staunte er, wie dicht ihre Wimpern waren.

„Du musst wissen, dass Miss Ava manchmal traurig wird, weil sie auch jemanden verloren hat, den sie sehr geliebt hat, so wie du. Sie war verheiratet, aber ihr Mann lebt nicht mehr.“

Caroline wandte den Blick nicht ab. Ob sie ihn verstand? Spürte sie dadurch eine Verbindung zu Ava?

„Aber jetzt lass uns über den tapferen Hund und die geretteten Kätzchen lesen.“

Will hielt sie fest, schaukelte sie hin und her, während er las – und dabei an Ava und Caroline dachte. Nach dem halben Buch war Caroline eingeschlafen. Sanft trug er sie zum Bett, deckte sie zu und gab ihr einen Kuss auf die Wange.

„Es tut mir so leid, Adam“, flüsterte er und hasste es, so hilflos zu sein. Er kannte das Gefühl sonst nicht.

Ava sah auf, als Will hereinkam und sich einen Stuhl ranzog. „Tut mir leid, dass ich Sie alleine gelassen habe. Caroline schläft jetzt, und Rosalyn ist bei ihr.“

„Wie viele Kindermädchen hatte sie denn bisher?“

„Bisher nur Rosalyn, sie hat sich auch schon um Caroline gekümmert, als Adam noch lebte. Sie hat fünfzehn Jahre Erfahrung plus die mit ihren eigenen Kindern und Enkeln. Sie hatte großartige Zeugnisse.“

„Ich wundere mich, dass sie keine Ersatzmutter für Caroline ist, auf die sie emotional reagiert.“

„Rosalyn hat sich darum bemüht – ich glaube, manchmal zu sehr. Das führt bei Caroline nur dazu, dass sie sich zurückzieht. Aber Rosalyn meint es gut und hat Caroline wirklich lieb. Sie ist sehr gut zu ihr. Ich habe ihr erzählt, dass Sie sich morgen um das Kind kümmern und dass sie frei hat. Ist Ihnen das immer noch recht?“

„Ja, natürlich. Ich möchte Caroline gerne besser kennenlernen. Ich glaube nicht, dass ich Sie brauchen werde.“ Ava lächelte ihn an.

„Ich weiß, aber für alle Fälle bin ich da.“

„Es wird gut gehen, aber ich weiß Ihre Sorge zu schätzen. Es sind ja höchstens zwei Tage.“ Sie blickte in seine braunen Augen und sah, dass er sie abschätzte, um zu sehen, ob sie Caroline gewachsen war. „Übrigens haben Sie recht damit, dass sie lesen kann. Die beiden neuen Bücher sind beide für Leseanfänger, und Caroline wusste von selber, wann sie umblättern musste, also hat sie mitgelesen. Um sicherzugehen, habe ich bei bestimmten Wörtern die Bilder betrachtet, und sie wusste bei welchen.“

„Das ist schön, nützt aber nichts, wenn sie in der Schule nicht mitmacht.“

„Warten wir ab, was der Sommer bringt. Manchmal hilft die Zeit, Wunden zu heilen.“

Will nickte. „Ihr Verlust tut mir leid, ich habe Caroline davon erzählt. Wie gewohnt hat sie mich nur angestarrt, aber jetzt weiß sie von Ihrem Ehemann.“

„Ich weiß nicht, ob sie mir vertrauen wird, aber ich fühle eine Verbindung mit ihr. Was meine Trauer angeht, ich habe viel zu tun, daher denke ich nicht mehr ständig darüber nach.“

„Vielleicht sollten Sie ausgehen und mehr unter Leute kommen“, regte Will an.

Ava lächelte. „Das tue ich. Und Sie auch, wie ich weiß, also wenn es jemanden gibt, den Sie gerne sehen wollen, dann nur zu.“

Will zwinkerte ihr zu. „Sie wollen mich ja nur loswerden. Es gibt momentan niemanden in meinem Leben, und die einzige Frau, die ich derzeit sehen möchte, sind Sie. Und Caroline, natürlich. Aber ich habe ein Leben neben dem Beruf. Kommen Sie Freitag mit mir zum Dinner, dann beweise ich es Ihnen.“

Avas Herz machte einen Satz. Das erste Mal, seit Ethan gestorben war, war sie in Versuchung, mit jemandem auszugehen. Nur zu gern hätte sie Ja gesagt, aber es wäre unklug, sich mit Will einzulassen. Er war ein Frauenheld, das konnte sie nicht brauchen. Und er war eine Versuchung, gegen die sie schon den ganzen Abend ankämpfte.

Sie würde ihr Leben nicht komplizierter machen, indem sie ihn nach diesen zwei Tagen wiedersehen würde. Ihre körperliche Reaktion auf ihn hatte sie verblüfft. Aber sie wollte keine Affäre mit Will riskieren, denn für ihn würde sie nur kurz und bedeutungslos sein. Und eine oberflächliche Affäre war das Letzte, was sie wollte. Am besten wäre es, nach Hause zu fahren und Will Delaney nie wiederzusehen.

„Vielen Dank, aber ich denke, ich sollte Freitag hierbleiben.“

„Haben Sie Angst vor mir?“

„Durchschaut.“ Sie lächelte ihn an. „Ich brauche keine Komplikationen in meinem Leben. Ich bin gekommen, um Caroline zu helfen. Sie ist still, aber sie ist entzückend, man muss sie einfach mögen. Ich verstehe jetzt, dass Sie sich Sorgen machen.“

„Ach“, seufzte er. „Dann muss ich jetzt also zwei Frauen für mich gewinnen.“

„Hören Sie auf zu flirten, Will.“ Ihr Herz schlug schneller.

„Ich kann nicht. Ich will mit Ihnen ausgehen.“

„Aber das wird nicht passieren.“ Entschlossen wechselte Ava das Thema. „Ihr Bruder war ein guter Vater.“

„Das war er, er hat sie sehr geliebt.“

„Standen Sie sich nahe?“

„Ja, Adam war mein Lieblingsbruder. Aber ich verstehe mich auch mit meinen anderen Brüdern gut. Und mit meinen Freunden.“

Sie unterhielten sich noch eine Weile, bis Ava merkte, wie spät es schon war. Rasch stand sie auf, und auch Will erhob sich.

„Ich muss ins Bett. Ich habe auch noch nicht ausgepackt. Ich sollte jetzt gehen.“

„Ich bringe Sie noch zu Ihrem Zimmer, falls Sie den Weg vergessen haben.“

„Haben Sie schon mal daran gedacht, Caroline einen Hund zu schenken?“, fragte Ava auf dem Weg nach oben.

„Nein“, gab Will zu, „auf die Idee bin ich noch nie gekommen. Ich verstehe nicht, warum ich daran nicht gedacht habe. Oder sonst jemand. Als Kinder hatten mein Bruder und ich auch einen Hund. Das ist eine gute Idee“, lobte Will. „Da hätte ich längst selber drauf kommen sollen.“

Ava nickte. „Ein Welpe bringt sie vielleicht zum Lachen, man kann ihnen nur schwer widerstehen. Allerdings können sie auch mal zwicken, und das kann einem Kind Angst machen.“

„Ich erkundige mich mal, welche Rasse für Kinder geeignet ist. Gute Idee. Sie sollten hierbleiben.“

Ava fuhr herum, aber an seinem Lächeln sah sie, dass er sie nur necken wollte.

In ihrer Suite knipste Will das Licht an und ergriff ihren Arm. „Kommen Sie, sehen Sie sich um, ob Sie noch etwas brauchen.“

„Sicher nicht.“

Will sah sie an. „Ich werde dem Rektor, der mir Ihren Namen genannt hat, ewig dankbar sein.“

Er stand sehr nahe, und seine Hände lagen warm auf ihren Armen. Avas Herz raste. Er ist Carolines Onkel, der ein Problem hat und meine Hilfe braucht, rief sie sich ins Gedächtnis. Aber er war auch ein attraktiver, aufregender Mann, der dicht vor ihr stand und sie mit leichtem Griff festhielt …

Als er seinen Blick auf ihren Mund senkte, hielt sie den Atem an. Am liebsten hätte sie die Arme um ihn geschlungen und ihn geküsst. Ihre Lust machte ihr Angst. Ob er ihr Herz klopfen hörte?

„Ich glaube, Sie holen mich zurück in die Welt, obwohl ich noch nicht weiß, ob ich bereit dafür bin“, wisperte sie.

„Sie sind bereit“, erwiderte er heiser. „Ich kann es in Ihren Augen sehen.“ Dann beugte er sich vor und strich mit den Lippen über ihren Mund.

In dem Moment, als sein Mund sich auf ihren legte, schloss Ava die Augen. Ihr Herzschlag raste. Seit Ethan war sie nicht mehr geküsst worden – sechs Jahre war das jetzt her. Ihr Puls dröhnte ihr in den Ohren.

Wills Atem war warm. Sein Kuss begann zart, dann küsste er sie besitzergreifend und presste seine Lippen hart und fordernd auf ihre.

Ava erschauerte und spürte, wie ihr ganzer Körper auf seinen Kuss reagierte. Wie von selbst hob sie die Arme und legte sie um seinen Hals, um ihn noch enger an sich zu ziehen und seinen Körper zu fühlen.

Jetzt spürte sie, wie seine Zunge ihren Mund eroberte und eine Intimität zwischen ihnen schuf, die es bislang nicht gegeben hatte. In dem Moment wollte Ava ihn, wie sie nur wenige Männer in ihrem Leben gewollt hatte. Kurz war sie von ihrer eigenen Reaktion überrascht. Dann schaltete sich ihr Verstand aus, und Herz und Körper übernahmen die Führung.

Ava zog ihn eng an sich und erwiderte seinen Kuss.

Sie hatte zwar beschlossen, ihre Beziehung rein professionell zu halten, um seinem Charme nicht zu erliegen, aber seinen Küssen konnte sie nicht widerstehen. Sie hatte so lange getrauert, jetzt war es, als ob nach einer kalten, dunklen Nacht die Sonne aufginge. Eine leise Stimme in ihrem Kopf riet ihr, damit aufzuhören, aber sie achtete nicht darauf. Sie spürte seine rauen Bartstoppeln, atmete tief seinen männlichen Duft ein und genoss seine fordernde Berührung.

Sie wusste nicht, wie lange der Kuss dauerte. Will liebkoste ihren Hals, ließ dann seine Hände an ihrem Körper entlangwandern, hinab bis zu ihrem Rücken und tiefer bis zu ihrem Po.

Plötzlich hielt Ava inne und öffnete die Augen. „Wir sollten hier aufhören, Will. Das ist unklug. Das Risiko will keiner von uns eingehen.“

„Das mag für dich zutreffen.“ Wills Augen blitzten, als er seine Finger in ihr Haar schob. „Ich will dich, Ava. Ich will dich kennenlernen. Ich merke doch, dass du meine Küsse magst. Deine Reaktion macht mich verrückt.“ Erneut zog er sie an sich und küsste sie.

Wieder wurde Ava von Verlangen überwältigt, sie drängte sich an ihn und erwiderte seinen Kuss. Sie spürte seinen harten Körper, und Hitze stieg in ihr auf. Lag es an seinem Kuss oder war sie so ausgehungert, weil es so lange her war? Dann konnte sie gar nicht mehr denken, verlor sich in seinen Küssen und erwiderte sie mit aller Leidenschaft.

Schließlich schob sie ihn weg. „Will“, sagte sie schwer atmend, „du musst jetzt gehen.“

Seine Augen glühten vor Verlangen. „Vorerst“, stieß er heiser hervor, dann ließ er sie endlich los, ging und schloss leise die Tür hinter sich.

Wie erstarrt fixierte Ava die Tür, aber alles, was sie sah, war Will. Wie ihm die schwarzen Haare in die Stirn fielen, wie sein Blick sich in ihren bohrte, sein Mund, sein Kuss. War es ein Fehler gewesen, sich ihm so hinzugeben?

Sie hatte sich nicht hingegeben, sie hatte ihn genauso leidenschaftlich geküsst wie er sie. Und sie hatte mehr gewollt.

Ein Glück, dass sie nur zwei Tage bleiben würde. Will war viel zu anziehend. Und Caroline war ein entzückendes Kind. Die Kleine und Will würden sie nur zu leicht um den kleinen Finger wickeln. Und dann würde sie ihr Herz an einen Mann verlieren, der keinerlei Absicht hatte, eine feste Beziehung einzugehen, und an ein Kind, das nicht ihres war und bald wieder aus ihrem Leben verschwunden sein würde.

Beides würde nur Kummer nach sich ziehen.

3. KAPITEL

Am nächsten Morgen ging Ava als erstes in die Küche, wo Wills Koch bei der Arbeit war.

Er war klein, rundlich und hatte eine Schürze umgebunden. „Guten Morgen“, grüßte er.

In dem Moment kam Will herein, und als ihre Blicke sich trafen, vergaß Ava einen Augenblick lang alles um sie herum. Heute trug er Chinos und einen grob gestrickten Pullover. So lässig gekleidet wirkte er attraktiver denn je.

„Guten Morgen“, grüßte er voller Wärme. Er berührte leicht ihren Arm und wurde dann geschäftlich.

„Was möchtest du frühstücken, Ava?“, fragte Will. „Ich kann Raineys Spezialität sehr empfehlen – Omelette. Falls du eines möchtest, sag ihm, womit.“

„Ich esse sonst immer nur etwas Obst.“

„Das kannst du auch haben, aber lass dir nicht das Omelette entgehen.“

Ava entschied sich für Spinat und Pilze als Füllung, dann brachte Will sie zur Essecke mit Blick auf den Pool.

„Du siehst zum Anbeißen aus“, sagte er leise, als er ihr den Stuhl vorzog. Sie trug eine blaue Baumwollbluse und lange Hosen.

„Danke.“ Ava war sich seiner Nähe sehr bewusst. Als sein Blick sich auf ihren Mund senkte, begann ihr Herz schneller zu schlagen. Dann setzte er sich ihr gegenüber.

„Orangensaft?“ Er griff nach der Karaffe.

„Ja, gerne.“ Ava sah sich um. „Ich staune, dass Caroline nicht hier ist.“

„Sie schläft manchmal länger.“

„Vielleicht hat sie Angst vor dem Tag, weil sie mit einer Fremden zusammen sein soll.“

Will hielt inne. „Mag sein. Aber das werden wir nie erfahren. Ich habe keine Ahnung, was in ihr vorgeht. Sie akzeptiert alles kommentarlos. Das ist es auch, was ihr in der Schule Schwierigkeiten machen wird.“

„Ich nehme mal an, dass du dir schon oft Hoffnung gemacht hast“, vermutete Ava. „Erwarte nicht zu viel von mir“, warnte sie, als er nickte. „Das ist nicht mein Fachgebiet. Ich habe noch nie mit einem Kind gearbeitet, das solche Probleme hat.“

„Ich verstehe, aber du hast so einen guten Ruf. Ich weiß, dass irgendwo in dem schweigenden Kind ein glückliches kleines Mädchen eingeschlossen ist. Das will ich wiederhaben.“

„Ich werde mein Bestes tun.“

„Davon bin ich überzeugt. Hast du gut geschlafen?“, wechselte er dann das Thema.

„Danke, gut.“ Das Blut stieg ihr in die Wangen, als sie an seinen Kuss dachte.

Will sah sie amüsiert an. „Genauso gut wie ich.“ Dann sah er auf. „Da kommt Rosalyn.“ Er erhob sich, als Rosalyn und Caroline durch die Tür traten.

„Guten Morgen“, rief Will und umarmte Caroline. Ihr Pferdeschwanz wippte, als sie die Umarmung erwiderte.

„Setzt euch und sagt Rainey, was ihr haben wollt.“

Rosalyn verschwand in die Küche.

„Ach, Rosalyn frühstückt mit euch?“

„Rosalyn gehört zur Familie. Das gilt eigentlich für alle Angestellten, sie arbeiten schon seit Jahren für mich.“ Will grinste Ava an. „Und schon musst du wieder deine Meinung von mir ändern.“

„Ich hätte dir nicht sagen sollen, was ich erwartet habe.“

Will überraschte sie immer wieder, und Ava nahm sich vor, nie wieder Vorurteile zu haben. „Die Zeitungsartikel zeichnen ein ganz anderes Bild von dir – nicht so normal und rücksichtsvoll. Ich bin beeindruckt.“

„Gut, das ist ein Schritt in die richtige Richtung.“

Rosalyn kam zurück, und sie unterhielten sich beim Frühstück über allgemeine Themen. Die Unterhaltung beschränkte sich auf die Erwachsenen, dazwischen saß das schweigende Kind.

Nach dem Essen ging Caroline mit Ava ins Spielzimmer, Will verschwand im Arbeitszimmer, und Rosalyn ging nach oben.

„Kommst du kurz mit in mein Zimmer, Caroline?“, fragte Ava. „Ich habe ein neues Spiel mitgebracht, das ich dir gerne zeigen würde.“

Gehorsam folgte Caroline ihr, und Ava holte die neuen Geschenke. Als sie Caroline ein buntes Päckchen reichte, sah sie keinerlei Interesse in den Augen des Mädchens.

„Das ist für dich“, sagte Ava. Caroline sah erst sie an, dann das Geschenk. Nach dem Auspacken hielt sie ein Spiel in den Händen.

„Danke“, flüsterte sie höflich und legte es auf den Fußboden.

„Ich zeige dir, wie es geht, ja?“

Caroline nickte.

„Aber vorher habe ich noch ein kleines Geschenk für dich.“

Wieder packte Caroline aus und zog schließlich einen kleinen braunen Teddybären aus dem Papier.

„Danke“, sagte sie und betrachtete das Stofftier intensiv.

„Gern geschehen. Und jetzt lass uns ins Spielzimmer gehen und das Kartenspiel ausprobieren.“

Unten legte Ava alles aufs Sofa und drehte sich zu Caroline um. „Ich glaube, das Spiel wird dir gefallen. Wir können es auf dem Fußboden spielen.“ Sie zog ihre Schuhe aus und begann mit dem Aufbauen.

„Siehst du die Karten?“, fragte sie und freute sich, dass das Kind immer noch den Teddy umklammert hielt. Oder griff sie nach jedem Strohhalm, weil Will so sehr auf eine Reaktion wartete? „Du fängst an. Soll ich dir helfen, die Karten hinzulegen?“

Caroline schüttelte den Kopf. Sie fingen an zu spielen. Als Ava sich irgendwann umsah, sah sie Will in der Tür stehen. Sofort wandte er sich ab, aber sie fragte sich, wie lange er wohl schon zugeschaut hatte.

Bis auf das Schweigen war das Spiel wie mit jedem Erstklässler. Nur dass Caroline noch im Kindergarten war.

Danach aßen sie einen Imbiss und sahen sich einen Film an, den Ava mitgebracht hatte. Caroline sah konzentriert zu, ohne eine Miene zu verziehen, und hielt den Teddy fest. Ava hatte das Gefühl, diesem seltsamen kleinen Mädchen kein Stück nähergekommen zu sein. So sehr sie staunte, was das Kind intellektuell schon leisten konnte, so sehr verunsicherte sie der Mangel an Gefühlen.

Wer immer mit Caroline arbeiten würde, hatte eine schwere Aufgabe vor sich.

Um elf Uhr fragte Ava das Mädchen, ob sie schwimmen wollte, und sie nickte. Ihr Badeanzug lag schon bereit. Am Pool zog Ava T-Shirt und Flip-Flops aus, während sie Caroline beobachtete, die ins Wasser ging.

Ob Will sich wohl zu ihnen gesellen würde? Sie war froh um ihren neuen Badeanzug – ein konservativer Einteiler in Marineblau. Trotzdem fühlte sie sich seltsam nackt.

Das Wasser war angenehm frisch. In der Mitte des Pools gab es eine Fontäne, weiter hinten sogar einen Wasserfall. Ava entspannte sich, als Will nicht auftauchte.

Caroline planschte im flachen Wasser, aber als Ava sie bat, ihr zu zeigen, wie sie schwamm, gehorchte sie. Schließlich legten sie sich auf eine Luftmatratze und betrachteten den blauen Himmel.

Will hielt sein Versprechen und ließ sich den ganzen Tag über nicht blicken. Caroline nahm sich nachmittags einen ganzen Stapel Bücher und legte sich ins Bett.

Ava legte sich neben sie. „Okay, was soll ich zuerst vorlesen?“

Caroline gab ihr ein Buch.

„Teddys neues Haus“, las Ava. „Du blätterst um.“

Nach dem halben Buch hörte Ava ein Wort vor dem Seitenende auf zu lesen. „Weißt du, was da steht?“, fragte sie.

Caroline nickte.

„Kannst du es mir vorlesen? Das wäre toll.“ Ava hielt den Atem an und fragte sich, ob sie Caroline damit überfordert hatte.

Lange war es still, schließlich blätterte Ava um und las weiter. Dann stoppte sie wieder am Ende und las schließlich auch das letzte Wort laut. Auf der folgenden Seite machte sie es wieder so, und auch auf der vorletzten Seite hielt sie inne.

„Schuh“, flüsterte Caroline.

„Danke, Caroline.“ Avas Herz klopfte. Es war nur ein Wort, und doch bedeutete es einen kleinen Fortschritt. Sie drängte Caroline nicht weiter.

An diesem Tag lernte Ava ein bisschen Carolines Tagesablauf und ihre Reaktionen kennen. Wahrscheinlich verhielt die Kleine sich bei Rosalyn und Will ähnlich verschlossen. Es war, als hätte sie eine Mauer um sich herum errichtet.

Ava war froh, dass Will sie alleine gelassen hatte. Auch das war eine Überraschung – sie hatte damit gerechnet, dass er den ganzen Tag in ihrer Nähe sein und versuchen würde, mit ihr zu flirten. Gut, dass er es nicht getan hat, dachte sie. Aber sie vermisste ihn trotzdem.

Erst kurz vor dem Abendessen gesellte er sich am Pool zu ihnen. Ava entdeckte Will erst, als er am Beckenrand stand. Ihr Herz machte einen Satz. Er war tief gebräunt, hatte breite, muskulöse Schultern und eine schmale Taille mit flachem Bauch. Er trug eine schwarz-weiß gemusterte Badehose. Mit einem Satz sprang er ins Wasser, dass es eine Fontäne gab, und Caroline lächelte.

Will tauchte unter sie, hob sie hoch und warf sie wieder rein.

„Nochmal?“, fragte er, und Caroline nickte und lächelte.

Mit dem Lächeln schien auch Will nicht gerechnet haben, überrascht sah er Ava an. Dann hob er Caroline hoch und ließ sie erneut ins Wasser fallen. Danach spielte er eine ganze Weile mit ihr.

Später, als Caroline im Flachen planschte, kam Will zu Ava geschwommen, und wieder spürte sie ihren Herzschlag. So ging es ihr offenbar immer, sobald er in ihre Nähe kam.

„Hallo.“

Sie lächelte ihm zu. „Hallo.“

„Du weißt, warum ich mich nur auf Caroline konzentriert habe.“

„Natürlich, das ist völlig richtig so.“

„Dass Caroline mich so anlächelt – ich glaube, das ist dein Verdienst. Das hat sie noch nie gemacht.“

„Danke, das ist wirklich zu viel des Lobes. Aber ich habe sie dazu gebracht, heute ein Wort laut zu lesen.“

Wills Augen funkelten auf. „Ich muss dich überreden, auch noch den Rest der Woche zu bleiben. Wir reden später darüber.“

„Will, die Tutoren, die ich empfehle, sind besser auf dem Gebiet als ich.“

Lächelnd schwamm Will zu Caroline zurück, und Ava dachte sich, dass sie es mit einem Mann zu tun hatte, der es gewohnt war, immer seinen Willen durchzusetzen.

Nach dem Schwimmen aßen sie gemeinsam, spielten sie ein paar Spiele, bis Will mit Caroline nach oben ging, um sie ins Bett zu bringen. Nach einer halben Stunde war er wieder unten. „Ich soll dich holen, damit du ihr eine Geschichte vorliest. Ich habe Caroline gefragt, ob sie das möchte, und sie hat genickt.“

„Klar, gerne.“ Hocherfreut stand Ava auf.

„Ava, du bist näher an Caroline herangekommen als alle anderen, wenn man von mir absieht. Sie reagiert sogar besser auf dich als auf meine Brüder oder auf Rosalyn.“

„Es sind nur winzige Anzeichen, lies nicht zu viel hinein.“

„Was mich angeht, ist es überwältigend. Auf ihre Erzieherin hat sie überhaupt nicht reagiert.“

„Du darfst das nicht überbewerten, Will“, sagte Ava sanft.

„Wir werden ja sehen.“

In ihrem Zimmer saß Caroline auf dem Fußboden und spielte mit einem Puppenhaus nebst Puppen und dem kleinen Teddybären.

„Noch eine Geschichte, dann ist Bett angesagt“, verkündete Will. „Hol ein Buch für Miss Ava und geh ins Bett. Sie liest dir vor, und dann komme ich zum Gute-Nacht-Sagen.“

Kurz darauf lag Ava neben Caroline im Bett und las vor. Während Caroline umblätterte, lehnte sie sich ein wenig an Ava – noch ein kleiner Fortschritt! Ruhig las Ava weiter und legte dabei den Arm um das Kind.

Dann waren sie fertig. „Soll ich noch was vorlesen, ehe dein Onkel Will kommt?“

Caroline schüttelte den Kopf, und Ava stand auf und deckte sie zu. „Das hat heute Spaß gemacht, Caroline, morgen bin ich auch noch da. Vielleicht machen wir dasselbe noch mal.“

Caroline sah Ava aus großen braunen Augen an, ohne zu antworten. „Tut es weh?“, flüsterte sie dann kaum hörbar.

Fast hätte Ava sie nicht gehört. Instinktiv wusste sie, dass das Mädchen von Ethans Tod sprach. „Ja. Es kommt und geht, aber er ist immer in meinem Herzen.“

Caroline sah auf das Laken herunter und drehte es in den Fingern. „Ich habe keine Eltern, ich hatte immer nur Daddy.“

„Ich weiß“, erwiderte Ava. „Es tut weh, aber es gibt andere Menschen, die du lieben kannst und die dich lieb haben. Dein Onkel Will hat dich lieb.“

Als Caroline nichts mehr sagte, dachte Ava bekümmert an die Welt des Schweigens, in die das Kind sich eingeschlossen hatte. Ava wollte Caroline nicht bedrängen, aber sie konnte nicht anders, als sie sacht zu umarmen. „Du wirst sehr geliebt, Caroline.“

Ganz kurz legte Caroline einen Arm um Avas Hals. Dann ließ sie los, und Ava stand auf. „Du bist sehr tapfer“, sagte sie.

Doch Caroline sah weg, und der Moment der Nähe war vorbei.

„Zeit zum Gute-Nacht-Sagen“, rief Will fröhlich, als er hereinkam. „Wenn du willst, lese ich dir auch noch was vor, und dann wird geschlafen. Miss Rosalyn ist zurück und kommt auch gleich.“

„Gute Nacht, Caroline“, sagte Ava, lächelte ihr zu und wandte sich ab.

Ava ging hinunter ins Wohnzimmer. Das Erlebnis mit dem Kind hatte sie aufgewühlt.

Eine halbe Stunde später kam Will mit großen Schritten auf sie zu, zog sie in seine Arme und drückte sie an sich. „Du hast ein Wunder vollbracht“, sagte er. „Ich habe gesehen, dass sie dich umarmt hat. Ich bin leise wieder rausgegangen, um den Moment nicht zu stören.“

Ava machte sich frei. „Immer mit der Ruhe, Will, das ist vielleicht ein kleiner Schritt, aber noch lange kein Durchbruch.“

Will sah auf sie hinunter. Seine Nähe erregte sie.

„Es ist ein Riesenfortschritt, Ava. Ich habe schon so viel ausprobiert, aber keiner ist je so weit gekommen wie du.“

„Ich glaube, sie fühlt sich mir nahe, weil ich meinen Mann verloren habe.“

„Mag sein, aber sie kennt auch andere Menschen, die jemanden verloren haben, sogar Kinder, die auch ein Elternteil verloren haben. Aber auf die hat sie nie so reagiert.“

„Das überrascht mich.“

„Vielleicht sind sie zu schnell vorgegangen, mir ist aufgefallen, dass du dich sehr zurückhältst.“

„Rezepte gibt es nicht. Ich weiß nicht, warum sie ein bisschen auf mich reagiert.“

„Ein bisschen! Sie hat dich umarmt, das ist gewaltig.“

„Du übertreibst, ich mag dir ja gar nichts mehr erzählen.“

„Jetzt musst du aber. Was ist noch?“

„Aber lass dich nicht hinreißen. Sie hat mich gefragt, ob es mir weh tut.“ Will sah sie schweigend an, und Ava fragte sich, ob sie es lieber nicht hätte sagen sollen. „Mach nicht gleich aus jeder Mücke einen Elefanten. Aber ich habe große Hoffnungen. Die Tutorin, an die ich denke, sollte bestens mit Caroline zurechtkommen.“

„Setz dich.“ Will führte sie zum Sofa. „Was hast du ihr geantwortet?“ Seine Hand lag warm auf ihrem Arm.

Ava berichtete ihm von ihrem Gespräch.

„Ich wusste, dass du es schaffst“, rief Will. „Du bist zu ihr durchgedrungen.“

„Will, bitte, das ist nur eine Kleinigkeit, ein winziger Schritt in die richtige Richtung.“

Er umfasste ihr Gesicht. „Ich habe schon so viel probiert. Du solltest die Liste von Leuten sehen, mit denen ich es schon versucht habe, und all die Spielgruppen, in denen sie saß.“

„Vielleicht war sie nur noch nicht bereit dafür, und jetzt, wo ein bisschen Zeit verstrichen ist, wird es besser.“ Sie sah in seine Augen. Er war jetzt sehr nahe.

„Ich bin überglücklich, Ava. Vielleicht greife ich nach Strohhalmen, aber bisher habe ich nicht mal die gehabt. Das weckt Hoffnung. Caroline hat mit dir kommuniziert, egal wie kurz.“

Sein Blick senkte sich auf ihre Lippen, und ihr Herz begann zu rasen. Als er sie küsste, wusste sie, dass er sie aus Glück küsste, aus Freude über Caroline. Dann veränderte sich sein Kuss, wurde hart und fordernd. Er zog sie auf seinen Schoß.

Ein halber Tag noch. Das war nichts von Dauer, aber was schadeten da ein paar Küsse? Ava schlang die Arme um seinen Hals und küsste ihn leidenschaftlich, vergaß alles bis auf Will, der so aufregend und sexy war und für einen Moment ihr Leben veränderte.

Als sie sich zurückzog, atmeten sie beide schwer. Will sah sie an, als wenn er sie noch nie zuvor gesehen hätte, strich ihr durch die Haare und betrachtete ihr Gesicht. „Du bist doch auch morgen mit ihr zusammen, ja?“

„Ja, aber ich weiß jetzt, was ich wissen wollte – wer der beste Tutor für sie ist.“

Ava betrachtete seinen Körper und dachte an seine Küsse. Heute war ihr letzter Abend – ein Glück. Bei Will erwachte ihr Körper wieder zum Leben. Aber sie war keine Frau für eine Nacht, und wenn es schließlich vorbei war, würde sie lange brauchen, um Will zu vergessen. Auch Caroline würde ihr fehlen. Das stille kleine Mädchen war so liebenswert.

Will setzte sich. „Möchtest du was trinken? Tee, Cocktail, Wein, Bier, Milch, Margaritas, Rum – meine Bar ist gut sortiert.“

„Gerne einen Eistee.“ Ava folgte ihm in die Küche, sah zu, wie er ihr Glas füllte, eine Zitronenscheibe dazugab und sich selber ein kaltes Bier nahm. Sie setzten sich. Will rückte dicht neben sie und hob sein Glas. „Auf ein Wunder.“

Lächelnd stieß Ava mit ihm an. „Auf die Hoffnung.“

„Das war mehr heute, ich bleibe dabei.“

„Ich kenne Caroline jetzt und werde Becky fragen, ob sie kommen kann. Sie ist die beste Tutorin, hat gerade frei und wohnt so nahe, dass sie mit dem Auto kommen kann. Ich denke, du wirst sie mögen.“

„Ava, ich habe schon darüber nachgedacht, wen ich haben möchte“, begann Will und setzte sein Bier ab. „Ich verspreche dir, dass ich das nicht wegen der Geschehnisse eben sage.“

Auch Ava stellte ihr Glas ab. „Becky gefällt dir nicht? Hast du die Liste gelesen?“

„Ja, natürlich, und es gibt nur eine Wahl.“

„Und wer ist das?“

Will ergriff ihre Hände. „Ich möchte dich für den Sommer als Tutorin für Caroline anstellen.“

4. KAPITEL

Obwohl Ava mit so was gerechnet hatte, überraschte sie sein Angebot. Sie dachte an Caroline und fühlte sich hin und her gerissen.

„Ich danke dir, Will, dass du Vertrauen in mich hast. Caroline ist reizend, und ich bin mir sicher, dass man ihr helfen kann. Sie ist ein liebes Kind.“ Und Will war ein verzweifelter Mann, sie kannte ihn schon gut genug, dass es ihr leidtat, ihn enttäuschen zu müssen. Noch mehr hasste sie es, Caroline zu enttäuschen, aber seine Nichte würde von seinem Angebot nie etwas erfahren.

„Wenn das so ist, dann übereile nichts. Schlaf noch mal drüber und gib mir morgen deine Antwort. Du hast jetzt gesehen, wie wir leben und wie deine Arbeit aussehen würde, also denk drüber nach.“

„Als wir uns kennengelernt haben, habe ich dir doch gesagt, dass ich eigene Pläne habe. Ich will eine Privatschule eröffnen und die Lehrer anstellen, die mir gefallen, und ich will meine Lesemethoden in den Lehrplan einfügen.“

Will beugte sich vor. „Dein Ehrgeiz gefällt mir. Ich bitte dich ja nur, deine Pläne ein bisschen zu verschieben.“

„Ich träume von einer eigenen Schule, seit ich an der Highschool Nachhilfe gegeben habe.“

„Ein bewundernswerter Traum.“ Seine dunklen Augen ließen ihre nicht los, und Avas Atem ging schneller. Sie würde nicht zulassen, dass er ihre Pläne durchkreuzte. Sie holte tief Luft, um ihre Absage zu begründen.

„Du bist perfekt für Caroline, und es ist schon Juni“, kam Will ihr zuvor. „Ich rede nur vom Rest des Monats, dem ganzen Juli und einem Teil des August, bis die Schule wieder anfängt.“ Das waren nicht ganz drei Monate. „Deine Pläne würden sich höchstens um drei Monate verzögern.“

„Ich will meine Pläne aber nicht aufschieben. Ich bin auch keine Privatlehrerin. Wenn du erst mal Becky kennst, wirst du sehen, dass sie viel besser für den Job geeignet ist, und ich bin mir sicher, dass Caroline sie mögen wird.“

Will zog ein Blatt Papier aus der Tasche und faltete es auf.

Ava wollte es nicht mal angucken. Wahrscheinlich bot er ihr wieder eine verrückte Summe von ein paar tausend Dollar, so wie vor zwei Tagen in Dallas.

„Ich dachte mir schon, dass du mir einen Korb gibst, deshalb habe ich etwas gesucht, das dich vielleicht umstimmt. Antworte noch nicht. Versprich mir, dass du darüber schläfst.“

„Will, ich weiß, was ich will“, widersprach Ava. „Ich will mich nicht ablenken lassen, es geht um mehr als um einen Sommerjob. Zu dieser Aufgabe gehören ein Kind und du dazu – das kann kompliziert werden.“ Der Mann war kein Nein gewöhnt, aber jetzt würde er sich daran gewöhnen müssen.

Will fuhr fort, als hätte sie nichts gesagt. „Überleg doch mal, drei Monate sind keine lange Verzögerung, außerdem hättest du dann ein finanzielles Polster für deine Schule.“ Er streckte ihr das Blatt hin. „Hier steht, was ich zahle, wenn du den Sommer über mit Caroline arbeitest.“

Sicher könnte Ava Geld brauchen, aber sie wollte die Summe gar nicht wissen. Will Delaney war die Versuchung schlechthin. Sie wollte nicht drei Monate unter einem Dach mit ihm leben.

„Es tut mir leid, aber ich habe schon einiges in die Wege geleitet. Ich habe einen Makler beauftragt, ein geeignetes Haus zu suchen, und ich habe bereits Kreditanträge gestellt.“

„Gib mir eine Chance“, bat Will leise. „Sieh dir wenigstens an, was ich dir biete.“

„Es spielt keine Rolle“, sagte Ava ungeduldig, weil er ihr immer noch das Blatt hinhielt.

„Nimm es, Ava“, befahl Will. „Sonst wirst du dich bis in alle Ewigkeit fragen, was es war.“

„Na gut.“ Ava griff nach dem Blatt. „Du bist dickköpfig, Will, das ist lächerlich.“

„Nicht nur ich bin dickköpfig. Du kannst dir mein Angebot doch wenigstens ansehen.“

„Will, ich verstehe ja …“ Mit gerunzelter Stirn las Ava die Zahlen, wieder und wieder. Eine halbe Million Dollar, um drei Monate lang seine Nichte zu unterrichten, und eine weitere halbe Million, wenn Caroline aus ihrem Schneckenhaus kam.

Verblüfft sah Ava Will an. „Du machst Witze“, flüsterte sie.

„Es ist mein voller Ernst“, gab Will zurück. „Du wirst hier wohnen, an den Wochenenden hast du frei. Wenn du willst, lasse ich dich jedes Wochenende nach Hause fliegen. Ich will, dass du Caroline anleitest, damit sie im Herbst in die Vorschule gehen kann. Mit etwas Glück holst du sie aus ihrem Schneckenhaus, der Anfang war schon mal vielversprechend.“

„Das ist ein astronomisches Gehalt.“ Avas Augen wurden schmal. „Was erwartest du noch dafür?“

„Nichts Persönliches“, versicherte Will amüsiert. „Aber ich werde weiter flirten und mit dir ausgehen wollen.“

Fragend sah Ava ihn an. „Das ist viel zu viel Geld für so einen Job.“

„Ich bin überzeugt, dass du Caroline helfen kannst. Mir ist es das wert, wenn du es versuchst. Ich habe schon ein Vermögen ohne Erfolg ausgegeben. Ich hatte Ärzte, Psychologen, Pädagogen, Berater, Lehrer – ohne jeden Erfolg. Ich habe gehört, dass keiner so gut mit Kindern arbeitet wie du.“

„Danke. Das ist nett, aber ich weiß nicht, ob das stimmt.“

„Antworte nicht jetzt. Denk nach, was das Geld für dich und deine Schule bedeutet.“

Autor

Sara Orwig

Sara’s lebenslange Leidenschaft des Lesens zeigt schon ihre Garage, die nicht mit Autos sondern mit Büchern gefüllt ist. Diese Leidenschaft ging über in die Liebe zum Schreiben und mit 75 veröffentlichten Büchern die in 23 Sprachen übersetzt wurden, einem Master in Englisch, einer Tätigkeit als Lehrerin, Mutter von drei Kindern...

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