Bestsellerautorin Susan Mallery - Verzaubert von einem Wüstenprinzen

– oder –

 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

Sterne der Liebe über Bahania

Im fernen Bahania erwartet Zara ein aufregend neues Leben: Erst jetzt hat sie erfahren, dass sie die Tochter eines Scheichs ist! Doch als sie sich ausgerechnet in dessen Sicherheitsberater verliebt, ist ihr Vater entschlossen, diese Verbindung zu verhindern ...

Zauber der Wüste

In einer heißen Wüstennacht lässt Kayleen sich von Prinz As’ad zur Liebe verführen und ist überglücklich. Bis As’ad entdeckt, dass er ihr erster Mann ist, und ihr sofort einen Antrag macht. Nur aus Pflichtgefühl? Denn die magischen drei Worte sagt er nicht …

Palast der Sinnlichkeit

Um den Verkupplungsversuchen seines Vaters zu entgehen, braucht Scheich Quadir eine Scheinverlobte. Maggie, die Restaurateurin seiner Luxusautos, scheint ihm die richtige dafür zu sein. Bis sie sich im Palastgarten küssen und gegen seinen Willen ein unsagbares Verlangen in ihm erwacht!

In den Armen des Prinzen

Was als Arrangement beginnt, wird schon bald zum heißesten Abenteuer ihres Lebens: Weil ihr Verlobter sie betrogen hat, beginnt Kiley mit dem erfahrenen Liebhaber Prinz Rafiq eine leidenschaftliche Affäre. An lustvollen Sex hat sie gedacht, nicht an Liebe …

Im Palast der sinnlichen Träume

Sechs lange Jahre hat Emma sich nach ihrem attraktiven Mann Scheich Reyhan gesehnt. Nun endlich sieht sie ihn in seinem prunkvollen Palast wieder - und hofft, dass die Leidenschaft zwischen ihnen neu erwacht ...


  • Erscheinungstag 28.09.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733734961
  • Seitenanzahl 720
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Susan Mallery

Bestsellerautorin Susan Mallery - Verzaubert von einem Wüstenprinzen

IMPRESSUM

Sterne der Liebe über Bahania erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Postfach 301161, 20304 Hamburg
Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0
Fax: +49(0) 711/72 52-399
E-Mail: kundenservice@cora.de

© 2002 by Susan Macias Redmond
Originaltitel: „The Sheik & The Virgin Princess“
erschienen bei: Silhouette Books, Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe BIANCA
Band 1374 - 2003 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg
Übersetzung: Xinia Picado Maagh-Katzwinkel

Umschlagsmotive: Harlequin Books S.A.

Veröffentlicht im ePub Format in 05/2016 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733767501

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

Alles über Roman-Neuheiten, Spar-Aktionen, Lesetipps und Gutscheine erhalten Sie in unserem CORA-Shop www.cora.de

 

Werden Sie Fan vom CORA Verlag auf Facebook.

1. KAPITEL

„Wer möchte nicht gern eine Prinzessin sein?“, fragte Cleo.

Zara Paxton ignorierte sowohl die Frage als auch ihre Schwester. Am liebsten würde sie einfach davonlaufen. Diese Idee war von Anfang an idiotisch gewesen.

„Die Mosaike an der Ostwand stammen aus dem frühen elften Jahrhundert“, informierte die Reiseleiterin, während sie den Palast besichtigten.

„Diese Szene stellt Lucas Surrat dar“, fuhr die ältere Dame fort. „Der Kronprinz dieser Insel ist seit je ein Mitglied der herrschenden Familie von Bahania.“

„Wieso willst du das nicht wissen?“, fragte Cleo leise. „Komm, Zara, stell dich nicht so an.“

„Du hast gut reden. Um dein Leben geht es ja nicht.“

„Ich wünsche, es wäre so. Für mich wäre es toll, wenn sich herausstellte, dass ich die uneheliche Tochter eines Königs bin.“

Zara mahnte ihre Schwester, still zu sein, und schaute sich um. Hoffentlich hatte niemand die Bemerkungen gehört. Sie zog Cleo am Arm. „Sag bloß nichts. Wir kennen die Wahrheit nicht. Ich habe zwar einige Briefe, aber sie bedeuten noch lange nicht, dass der König mein Vater ist.“

Cleo wirkte nicht überzeugt. „Wenn du nicht an eine wenn auch nur leise Möglichkeit glaubst, was tun wir dann bitte hier?“

Darauf hatte Zara keine Antwort. „Das hier“ war eine Führung durch den berühmten Königspalast von Bahania. Cleo hatte vorgeschlagen, einfach zum Haupttor zu gehen und um Einlass zu bitten. Zara wollte die Sache vorsichtiger angehen und hatte sich erst mal für diese Tour entschieden. Zumindest könnte sie sich auf diese Weise schon einmal umschauen. Ihre Reise nach Bahania war völlig impulsiv gewesen. Was wollte sie eigentlich hier?

„Du machst mich wahnsinnig“, meinte Cleo. „Immer schon wolltest du wissen, wer dein Vater ist. Jetzt hast du endlich Informationen und bist auf einmal feige.“

Zara schüttelte den Kopf. „Du tust so, als ob das alles schon klipp und klar sei. Ich dachte immer, meine Mutter hätte eine Affäre mit einem verheirateten Mann gehabt und deshalb nie mit mir über meinen Vater geredet. Wenn er wirklich König sein sollte, dann wird alles noch komplizierter.“

„Zara, du kannst ein Märchen erleben“, meinte Cleo ungeduldig. „Wie ich schon sagte: Wer von uns will nicht eine Prinzessin sein? Warum um Himmels willen ergreifst du nicht deine Chance?“

„Weil ich …“

„Prinzessin Sabra! Ich wusste nicht, dass Sie schon angekommen sind.“

Beide Frauen drehten sich zu dem Mann, der auf sie zueilte. Er war klein, Mitte dreißig und trug eine Uniform.

„Man hat mir gesagt, dass Sie bald ankommen würden. Ich hatte schon nach Ihnen Ausschau gehalten, muss Sie aber verpasst haben.“

Der Mann blieb vor ihnen stehen und verbeugte sich.

„Ich bitte tausend Mal um Verzeihung.“

Zara blinzelte. „Es tut mir leid, aber ich glaube, Sie verwechseln mich. Ich bin nicht …“

„Ich bin neu hier“, erwiderte der Mann, ohne auf ihre Worte einzugehen. „Seien Sie bitte nicht böse. Folgen Sie mir.“

Noch bevor Zara protestieren konnte, nahm der Mann ihren Arm und führte sie einen langen Flur entlang. Cleo eilte hinter ihnen her.

„Zara? Was ist los?“

„Keine Ahnung.“ Sie versuchte, sich zu befreien, aber der Mann lockerte seinen Griff nicht. „Sie müssen sich irren. Ich bin nicht die, für die Sie mich halten. Ich bin nur eine Touristin, die den Palast besichtigt.“

Missbilligend schaute der Mann sie an. „Sicher, Prinzessin, aber wenn Sie den Palast besichtigen wollen, dann können Sie einfach Ihren Vater fragen, der jetzt auf Sie wartet.“

„Meinen Vater?“ Zaras Magen verkrampfte sich, und ihr wurde ganz mulmig.

Der Mann führte sie durch eine Vielzahl von Gängen, bis sie endlich in eine Halle kamen, in der einige Leute standen.

„Ich habe Prinzessin Sabra gefunden“, verkündete der Mann und ließ Zara endlich los.

Jeder blickte sie an, und die Gespräche verstummten. Zara spürte, dass gleich etwas Schreckliches geschehen würde.

Und ihre Vorahnung war richtig.

Eine Männerstimme brüllte, dass sie Betrügerinnen seien. Von allen Richtungen kamen Menschen auf sie zu. Zara wusste nicht, was sie tun sollte, als ein großer Mann sich auf sie warf. Unsanft landete sie auf dem Boden.

Ihr Kopf stieß an etwas Hartem an, und alles begann sich zu drehen. Im nächsten Moment konnte sie nicht mehr atmen, und ein Gewehr wurde an ihre Schläfe gehalten.

„Reden Sie!“

Zara versuchte, Luft zu holen, aber ihre Lungen versagten den Dienst. Ihr wurde schwindelig, und ein Panikgefühl machte sich breit. Endlich gelang es ihr, mehrmals tief einzuatmen, und da bemerkte sie erst, dass ein großer wütender Mann sie festhielt. Er hatte die kältesten blauen Augen, die sie je gesehen hatte.

Blau war eigentlich immer meine Lieblingsfarbe, dachte sie verwirrt. Es war die Farbe des Meeres und des Himmels. Die Augen dieses Mannes strahlten jedoch alles andere als Wärme aus.

„Wer sind Sie?“, wollte er wissen.

„Zara Paxton“, erwiderte sie.

Sie schluckte, als er den Kolben des Gewehres stärker an ihre Schläfe drückte.

„Bitte, erschießen Sie mich nicht“, bat sie mit zitternder Stimme. Wo war sie hier nur reingeraten?

Bahania, so hatte sie im Reisekatalog gelesen, war ein sicheres fortschrittliches Land. Vielleicht wurde in den Katalogen nicht die Wahrheit gesagt?

„Was machen Sie hier?“, wollte er wissen, ohne auf ihre Frage einzugehen.

„Meine Schwester und ich haben den Palast besichtigt. Plötzlich kam ein Mann auf uns zu, hat uns von der Gruppe weggezogen und darauf bestanden, dass wir mit ihm gehen sollen.“ Sie vermied es zu erwähnen, dass der Mann sie Prinzessin Sabra genannt und den König erwähnt hatte. Plötzlich klang das einfach zu unglaubwürdig.

Mit seinen kalten Augen sah der Bewaffnete sie intensiv an. Sie zweifelte nicht daran, dass er jeden ihrer Gedanken lesen konnte. Der Mann trug traditionelle orientalische Kleidung – nur seine Gesichtszüge verrieten, dass er nicht von hier war. Er sah irgendwie … amerikanisch aus.

Eine seiner Hände lag noch immer an ihrem Hals, wo er sicher den rasenden Puls fühlen konnte.

„Es tut mir leid“, murmelte der Mann, als er aufstand.

„Mir auch“, murmelte sie, als sie sich langsam aufsetzte und sich zögerlich umsah. Zwei stämmige Wachen hielten Cleo fest, bis der Mann mit den blauen Augen ihnen befahl, sie loszulassen.

Vorsichtig stellte Zara sich auf, denn ihr war noch etwas schwindelig. Cleo kam zu ihr und stützte sie.

„Okay, und was passiert nun, Mr …“ Sie unterbrach sich, als ihr auffiel, dass sie nicht wusste, wie der Mann hieß.

„Rafe Stryker.“

Er gab einige Befehle in einer fremden Sprache, und dann entfernten sich die Leute.

„Kommen Sie“, ordnete er an, ohne abzuwarten, ob sie ihm folgen würden.

Zara erwog kurz wegzulaufen – aber wohin? Sie waren in einem riesigen Palast, in dem sie sich nicht auskannten. Dieser Stryker hatte die Wachen weggeschickt, also schien es nicht so, als ob sie verhaftet würden.

In einem kleinen Büro konnten sie sich schließlich setzen.

„Hier liegt ein Missverständnis vor“, erklärte Zara. „Ich habe eben die Wahrheit gesagt. Meine Schwester und ich haben an einer Palastführung teilgenommen, als wir plötzlich weggezogen wurden. Dann haben Sie und diese Wachen uns angegriffen. Was geht hier eigentlich vor?“

Rafe Stryker rieb sich den Kopf. „Das würde ich auch gern wissen. Haben Sie Ihre Pässe bei sich?“

Zara und Cleo sahen sich an. Sollten sie diesem Mann wirklich ihre Pässe geben?

„Hören Sie, ich werde Ihnen Ihre Dokumente nicht wegnehmen, ich möchte nur einige Anrufe machen.“

„Wir haben wohl keine Wahl“, meinte Cleo kleinlaut. Ihr kurzes blondes Haar war noch wirrer als sonst, und ihre Lippen zitterten.

Zara nickte. Als sie darüber gesprochen hatten, nach Bahania zu reisen, hatte sie sich viele Gedanken gemacht, was alles passieren könnte. Aber im Palast angegriffen zu werden hatte definitiv nicht dazugehört.

Sie holten die Pässe hervor und reichten sie Rafe, der sofort mit dem Telefonieren begann.

Fünf Minuten später brachte eine junge Frau ein Tablett mit kalten Getränken und kleinen Sandwiches. Wortlos stellte sie das Tablett auf einem Tisch vor dem Fenster ab, verbeugte sich und ging aus dem Zimmer. Rafe redete noch, deutete aber an, dass sie sich bedienen sollten.

Daraufhin standen die Schwestern auf und gingen zum Fenster. Cleo, die immer hungrig war, beäugte das Essen und griff nach einem Glas. „Limonade. Wunderbar.“

Zara lief das Wasser im Mund zusammen, und sie nahm auch einen Schluck von dem eiskalten Getränk. Während Cleo in ein Sandwich biss, sah sich Zara das Zimmer ein bisschen genauer an.

Der Raum war mit Computer und Fax ausgestattet. Durch das Fenster sah man auf einen Garten mit verschiedenen Blumen und Obstbäumen.

Sie betrachtete den Mann am Telefon. Von seinem Körper war nicht viel zu sehen, da er ein langes Gewand trug. Sie hatte jedoch seine Stärke gespürt, als er sie festgehalten hatte. Nach seinem Akzent zu urteilen, war er Amerikaner. Seine Haut war gebräunt, aber nicht dunkel. Was machte dieser Rafe Stryker im Königspalast von Bahania, und warum bedrohte er arglose Touristen mit dem Gewehr?

Als ob er ihren Blick ahnte, wandte Rafe sich ihr zu. Zara wollte wegschauen, aber sie konnte sich nicht rühren. Ihr Körper erstarrte, ihr Herzschlag verlangsamte sich.

Rafes Gesichtsausdruck und seiner Körpersprache war keine Regung zu entnehmen. Schließlich legte er den Hörer auf. Zara hatte das Gefühl, dass sie von einem Zauber befreit war. Plötzlich zitterte sie und kam sich verletzlich vor.

„Okay, was macht eine nette kleine Lehrerin wie Sie in Bahania?“, wollte Rafe wissen.

Sie schluckte. „Ich bin keine Lehrerin, ich bin Dozentin am College.“

Er zuckte mit den Achseln als wolle er andeuten, dass er darin keinen Unterschied sah.

Cleo seufzte. „Zara hat verdammt hart gearbeitet, um Dozentin zu werden. Da versteht sie keinen Spaß.“

Als Rafe sie scharf anschaute, trat Cleo sofort einen Schritt zurück.

„Sie ist keine ‚kleine Lehrerin‘“, insistierte sie jedoch tapfer. „Und außerdem ist der König wahrscheinlich ihr Vater. Sie wollen doch nicht, dass er sich über Sie ärgert, oder?“

„König Hassan ist Ihr Vater?“

Die Frage klang leicht amüsiert, und Zara zuckte zusammen. Sie stellte ihr Glas ab und nahm eine kerzengerade Haltung ein. Jetzt reichte es.

„Ich sage Ihnen, was hier los ist: Meine Schwester und ich sind amerikanische Staatsbürgerinnen und nahmen an einer Besichtigungstour des Palastes teil. Von dieser Tour wurden wir ohne Erklärung weggezerrt und in den privaten Teil des Palastes gebracht. Dort wurden wir angegriffen. Nun haben Sie unsere Pässe an sich genommen. Ich möchte sie sofort zurückhaben, und dann will ich unverzüglich aus dem Palast gebracht werden.“

„Zara!“ Cleo zog die Stirn in Falten. „Was ist mit dem König?“

„Jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt“, erwiderte sie und schaute nicht ihre Schwester, sondern Rafe an, der von ihrer Rede nicht im Geringsten beeindruckt schien.

Zu ihrer Überraschung gab er ihr die Pässe.

Zara griff nach den Dokumenten und steckte sie in die Handtasche. „Können wir jetzt endlich gehen?“, fragte sie.

„Erst wenn ich die ganze Geschichte gehört habe.“

„Es gibt keine Geschichte.“

„Denk an die Briefe“, warf Cleo ein und wandte sich dann an Rafe: „Zara hat Briefe von König Hassan an ihre Mutter.“

Rafe sah sich die Schwestern genau an. Cleo, die jüngere, war klein und blond und hatte eine kurvenreiche Figur, bei deren Anblick den Männern das Wasser im Mund zusammenlief. Doch Rafe war eher an der großen schlanken Brünetten interessiert.

Er konnte leicht erkennen, warum der Wächter sie für Prinzessin Sabra gehalten hatte. Zara war nur etwas größer. Doch die Farbe ihrer Haut und ihre Züge stimmten exakt mit denen der Prinzessin überein. Beide hatten große braune Augen und die gleiche Gesichtsform. Die Amerikanerin trug jedoch eine Brille, was die Prinzessin nicht tat. Obwohl er mit Prinzessin Sabra schon engen Kontakt gehabt hatte, hatte sein Körper noch nie auf sie reagiert. Die wenigen Momente der Nähe zu Zara Paxton hatten ihn allerdings … fasziniert.

Zara seufzte und holte einen Stapel Briefe aus der Tasche.

„Meine Mutter hat mir nie gesagt, wer mein Vater ist. Es gab keine Fotos oder Erinnerungsstücke von ihm. Sie hat mir auch nicht viel über ihre gemeinsame Zeit erzählt, sodass ich davon ausging, dass er ein wohlhabender verheirateter Mann gewesen war. Meine Mutter war Tänzerin und sehr schön, Männer waren gleich haufenweise an ihr interessiert. Sie hatte einige wertvolle Schmuckstücke. Die meisten verkaufte sie über die Jahre, um unser Auskommen zu sichern. Vor acht Jahren starb sie, und ich dachte, dass damit auch das Wissen um meinen Vater mit ihr gestorben war.“

„Und warum sind Sie jetzt hergekommen?“, unterbrach Rafe sie, während er sich fragte, worum sie bitten wollte. Wann hatte sie gemerkt, dass sie eine starke Ähnlichkeit mit Prinzessin Sabra hatte, und wann hatte sie beschlossen, dies auszunutzen? Stammte der Plan von ihr oder der Schwester?

„Meine Mutter hatte die Briefe mit einigen Andenken bei einem Anwalt hinterlegt. Ich habe erst vor einigen Monaten von ihrer Existenz erfahren, als der Anwalt eine Rechnung für die Aufbewahrung schickte. Ich ließ mir die Gegenstände zusenden und las die Briefe. Da erkannte ich …“

„Dass Sie die Tochter des Königs sein könnten. Darf ich die Briefe sehen?“

Zara schüttelte den Kopf. „Wissen Sie, was ich wirklich möchte?“

Ungefähr fünf Millionen Dollar, dachte Rafe zynisch.

„Ich würde gern in mein Hotel gehen und vergessen, dass dies je geschehen ist.“

„Was?“, rief Cleo empört.

Zara achtete nicht auf sie. „Das alles war ein Irrtum. Ich möchte nach Hause. Können Sie uns aus dem Palast bringen?“

Rafe überlegte. Vielleicht brauchte sie Zeit, um sich eine bessere Geschichte auszudenken? Oder sie bereitete einen Auftritt in den Medien vor. Er sollte die Lady besser nicht allein herumlaufen lassen.

„Kann ich Sie zum Hotel bringen? Sozusagen als Entschuldigung?“

„Zeigen Sie uns nur den nächsten Ausgang, dann kommen wir zurecht.“

„Ich würde Sie lieber begleiten.“

Nicht ganz glücklich stimmte Zara zu. Rafe wollte sich kurz umziehen und in zehn Minuten zurückkommen.

„Was machst du nur?“, fragte Cleo, als sie alleine waren. „Warum willst du ins Hotel zurück? Zara, du hast die Chance, den König zu treffen.“

„Verstehst du denn nicht? So wie Stryker uns angesehen hat, denkt er bestimmt, dass wir Geld wollen.“

Cleo grinste. „Gehört das nicht zu einer Prinzessin dazu?“

„Ich meine es ernst. Er glaubt uns nicht. Der Typ denkt, wir wollen den König erpressen.“

Vor ihrer Reise nach Bahania hatte sie im Kopf sämtliche mögliche Szenen durchgespielt. Sie hatte sich vorgestellt, dass der König ihr sagte, dass sie nicht seine Tochter sei. Oder dass er zugab, ihr Vater zu sein, aber nichts mit ihr zu tun haben wollte. Vielleicht würde er sie auch für verrückt halten. Dass jemand glauben würde, sie wolle Geld herausschlagen, daran hatte sie allerdings nie gedacht.

„Warum konnte Mom sich nicht in einen Banker oder Beamten verlieben? Warum musste es ausgerechnet der König von Bahania sein?“

Cleo schwieg. Zara wusste, dass ihre Schwester nicht verstand, warum sie nicht einfach zum König marschierte und ihm verkündete, dass sie seine Tochter sei. Als ob Zara die Möglichkeit hätte, einem Mitglied der königlichen Familie näherzukommen. Außerdem verstand Cleo nicht ihre zwiespältigen Gefühle. Aus einer Entfernung von fünftausend Meilen hatte alles anders ausgesehen.

Rafe kam zurück. „Sind Sie fertig?“

Cleo blickte zu Zara, die sprachlos war. Mit der traditionellen Kopfbedeckung und dem arabischen Gewand hatte Rafe groß und Furcht einflößend ausgesehen. Aber in diesem gut sitzenden Anzug sah er einfach … fantastisch aus.

Sein goldblondes Haar war wie beim Militär kurz geschnitten, was gleichzeitig seriös und sexy aussah. Sein Kinn war kantig, der Mund perfekt, und der Blick aus seinen kalten Augen wühlte Zaras Innerstes auf.

Noch niemals hatte sie das Gefühl gehabt, in der Gegenwart eines Mannes zu schmelzen, aber jetzt schienen sich ihre Knochen aufzulösen. Sie konnte sich nicht bewegen und keinen klaren Gedanken mehr fassen.

2. KAPITEL

„Cool! Eine Limousine!“

Cleo strahlte, als sie aus einem Seiteneingang des Palastes kamen und das Fahrzeug entdeckten. Doch Zara konnte sich nicht darauf konzentrieren, da sie mit dem bloßen Luftholen beschäftigt war. Die Nähe zu dem gefährlichen und mysteriösen Rafe Stryker raubte ihr den Atem.

Was stimmte nicht mit ihr? Warum reagierte sie so auf den Mann? Natürlich – er hatte sie angegriffen und zu Boden geworfen, das würde jeden aus der Fassung bringen. Aber darüber sollte sie jetzt eigentlich hinweg sein. Vielleicht hatte ihr Gehirn bei dem Sturz einen Schaden erlitten?

Cleo stieg zuerst in den Wagen. Leider setzte sie sich hinter den Fahrer, sodass Zara neben Rafe sitzen musste. Sie rückte so weit es ging von ihm ab, denn sie brauchte Distanz, um klar denken zu können.

„Ich hätte zu Hause bleiben sollen“, platzte sie heraus.

Rafe blickte sie an. „Dafür ist es jetzt zu spät.“

Langsam fuhr der Wagen an. Cleo beugte sich nach vorn und schaute aus dem verdunkelten Fenster.

„Bahania ist ein schönes Land. Mir gefällt es hier“, meinte sie. Sie lehnte sich zurück und berührte das gepflegte Leder. „Hält der König wirklich Dutzende Katzen im Palast?“

Rafe nickte. „Sie gelten als besonderer Schatz.“

„Glückliche Katzen“, meinte Cleo und grinste Zara an.

Zara wollte antworten, aber ihre Kehle war wie ausgetrocknet. Ihr Herzschlag hatte sich endlich normalisiert, aber jetzt musste sie sich auf ihre Atmung konzentrieren.

„Wie haben Sie sich denn informiert?“, erkundigte sich Rafe.

„Hauptsächlich über das Internet. Zara hat in der Universität einige Bücher durchgeforstet, ich habe online gesucht. Es war nicht schwierig, denn es gibt viele Informationen über die Geschichte des Landes und die königliche Familie. Wir haben uns Fotos heruntergeladen.“

Zara fand, dass Cleo die Lage nur noch verschlimmerte, aber das konnte sie ihr schlecht sagen. Nicht vor Rafe, der ja bereits der Auffassung war, sie wären nur des Geldes wegen hier. Jetzt dachte er sicher, sie würden die neuesten Technologien einsetzen, um ihren Plan auszuführen. Nun, sie konnte ihm kaum einen Vorwurf machen, denn von seinem Standpunkt aus gab es sicher keine andere Erklärung.

Sie sollten nach Hause zurückkehren. Es war verrückt, zu glauben, dass die Sache klappen würde. Selbst wenn König Hassan ihr Vater wäre, würde sie kaum mit ihm in Verbindung treten können, weil es zu viele Bewacher gab. Achtundzwanzig Jahre war sie ohne Vater ausgekommen, dann würde ihr das auch weiter gelingen.

Die Limousine hielt vor dem Hotel. Zara bemerkte, dass sie Rafe gar nicht gesagt hatten, wo sie wohnten. Dass er diese Information so schnell herausbekommen hatte, bestärkte sie in ihrem Wunsch abzureisen. Zu Hause war sie sicher, und in Bahania war sie eindeutig fehl am Platze.

Rafe stieg aus und hielt ihnen die Tür auf. Zara zwang sich, freundlich zu lächeln, als sie ihm für die Fahrt dankte.

„Sie waren sehr nett“, meinte sie. „Wir werden Sie nicht mehr belästigen.“

Doch er stieg nicht wieder ein, sondern nahm sie am Arm und führte sie zu dem kleinen Hotel. „Ich glaube, wir haben noch ein bisschen was zu bereden“, meinte er, während Cleo hinterherkam.

Zara wollte sich aus seinem Griff befreien, vergebens. Sicher wollte er sie nur erschrecken, damit sie endlich abreisten. Wenn sie mit ihm allein gewesen wäre, hätte sie ihm mitgeteilt, dass er sich keine Sorgen machen musste. Sie würde mit Cleo so schnell wie möglich in die Staaten zurückkehren.

Sie gingen durch die Lobby zum Fahrstuhl. Zara bemerkte Rafes Blick auf die etwas schäbige Einrichtung.

„Nur weil wir begrenzte Mittel haben, bedeutet das noch lange nicht, dass wir hinter Geld her sind“, sagte sie ärgerlich. „Sie haben kein Recht, mich zu verurteilen.“

Sie begegnete seinem Blick und reckte sich stolz.

Da öffneten sich die Türen des Fahrstuhls, und die Spannung verschwand.

„Mr Stryker, kennen Sie den König persönlich?“, fragte Cleo.

„Ja.“

Cleo lachte. „Sie sind nicht gerade sehr gesprächig, was? Aber egal, wie verärgert Sie auch sein wollen – Zara ist wirklich seine Tochter. Sie hat Briefe und einen Ring. Sie können das gleich persönlich überprüfen. Und danach werden Sie erkennen, dass meine Schwester keine Hochstaplerin ist, sondern die Wahrheit sagt.“

Zum ersten Mal entspannte Zara sich. Vielleicht sollte sie doch noch nicht davonlaufen.

Sie wandte sich an den Mann, der sie immer noch am Arm hielt. „Sind Sie bereit, sich unsere Unterlagen anzusehen? Obwohl Sie schon einen Schluss gezogen haben?“

„Auf jeden Fall.“

„Und wenn Sie feststellen, dass Sie unrecht hatten?“

„Darüber reden wir dann.“

Dreißig Minuten später war Rafe sich in der Tat nicht mehr so sicher, ob das Ganze ein Schwindel war. Er betrachtete das Dutzend Briefe, das er von Zara erhalten hatte. Besonders die Bemerkungen über die Katzen fielen ihm auf. Gut, sämtliche Informationen hätte man durch sorgfältige Nachforschungen erhalten können. Die Handschrift allerdings … sie glich der von Hassan doch auf frappierende Weise. Und auch der Satzbau entsprach der Ausdrucksweise des Königs. Am meisten überzeugte ihn jedoch sein Gefühl.

Jahrelange Erfahrung hatte ihn gelehrt, seinem Instinkt zu folgen. Dadurch hatte er sein Leben schon mehr als einmal retten können. Obwohl er zunächst angenommen hatte, dass Zara und ihre Schwester auf Geld aus waren, konnte es doch sein, dass er sich geirrt hatte.

„Haben Sie sonst noch etwas?“, fragte er und schaute auf die beiden Frauen.

Zara holte ein weiteres Papier aus der Tasche. „Hier ist eine Liste der Schmuckstücke, die meine Mutter verkauft hat. Wahrscheinlich ist sie nicht vollständig, denn vielleicht hat sie schon einiges vor meiner Geburt veräußert oder als ich noch sehr jung war. Dann habe ich noch das hier.“

„Das“ war ein Diamantring mit der Inschrift für immer auf der Innenseite.

Zara hatte die Hände gefaltet und betrachtete Rafe. Sie trug ein leichtes pfirsichfarbenes Baumwollkleid und Sandalen. Das lange Haar fiel ihr über den Rücken. Ihre dunklen Augen und ihr honigfarbener Teint glichen dem von Prinzessin Sabra, der einzigen Tochter des Königs.

Rafe war sich plötzlich sicher. Die Kombination aus der äußeren Ähnlichkeit und dem vorliegenden Beweismaterial ließen den Schluss zu, dass Zara genau die Person war, die sie vorgab zu sein. Himmel, wie würde der König darauf reagieren?

„Was hat Ihre Mutter über Ihren Vater erzählt?“

„Sie hat fast nie über ihn gesprochen. Wenn ich Fragen stellte, antwortete sie mir immer nur, dass sie nicht zusammen sein konnten und dass mein Vater nichts von meiner Existenz wusste. Meistens fragte ich, ob er mich wohl haben wollte, wenn er herausfände, dass er eine Tochter hat. Meine Mutter bejahte das immer, aber ich wusste nie, ob das nur ihre Interpretation war oder ob es wirklich stimmte.“

„Erinnern Sie sich an Geschichten, die Ihre Mutter über Ihren Vater erzählte?“, wollte Rafe nun von Cleo wissen.

Cleo lächelte. „Ich habe nicht das Glück, mit Königen verwandt zu sein. Tut mir leid.“

„Cleo ist meine Pflegeschwester“, erklärte Zara.

„So ist es. Fiona nahm mich zu sich, als ich zehn war. Da ich kein Zuhause hatte, beschloss sie, mich zu behalten.“

Diese Erklärung erfolgte in einem fröhlichen Ton, aber Cleos Augen drückten Traurigkeit aus. Rafe betrachtete ihr hübsches rundliches Gesicht, die großen Augen, das blonde Haar und die vollen Lippen. Sie sah völlig anders aus als Zara.

Zara schaute ihre Schwester an. „Cleo kam als Pflegekind zu uns, wurde aber schnell ein Mitglied der Familie.“

„Sie sind also nicht blutsverwandt.“

„Nein.“ Sie wollte noch etwas sagen, unterbrach sich jedoch sofort und stand auf. „Ach, ich möchte so schnell wie möglich wieder nach Hause“, meinte sie und ging zum Balkon.

Cleo seufzte. „Seit wir Spokane verlassen haben, verhält sich Zara so. Natürlich kann man leicht sagen, dass man den eigenen Vater kennenlernen will, aber wenn es dann geschehen soll, ist es etwas anderes. Das sagt sie zumindest. Für mich wäre es kein Problem, mit der königlichen Familie verwandt zu sein, aber Zara war immer schon die sensiblere von uns beiden.“

Sensibel? Damit hatte Rafe nichts am Hut. Warum zum Teufel musste er vorhin auch anwesend sein, als die Wache Zara brachte? Hätte nicht ein anderer Zara angreifen und für diesen Schlamassel verantwortlich sein können?

Vor sich hin murmelnd, ging auch Rafe auf den kleinen Balkon. Sofort nahm ihn die Hitze draußen in Beschlag. Zara schien davon nichts zu merken, sie starrte in die Ferne.

„Ich möchte nicht, dass Sie dem König etwas von dem allen hier berichten“, forderte sie Rafe auf, ohne ihn anzusehen.

„Das kann ich nicht.“

Nun drehte sie sich zu ihm. „Warum? Es bedeutet doch nichts. Er hat schon eine Tochter und braucht nicht noch eine. Außerdem wäre ich sicher keine gute Prinzessin.“

„Doch, das wären Sie.“

Rafe bewegte sich unruhig. Frauen, die so aussahen, als könnten sie gleich weinen, ging er lieber aus dem Weg.

Sie schluckte. „Glauben Sie, dass er wirklich …“

„Ja, Zara, ich glaube, König Hassan könnte Ihr Vater sein.“

„Ich wollte immer eine komplette Familie haben, Verwandte, väterliche Wurzeln und das alles. Aber so habe ich es mir nicht vorgestellt, nicht … mit einer königlichen Familie. Ich wollte eine ganz normale amerikanische Familie. Eine mit vielen Kindern und zwei oder drei exzentrischen Verwandten.“

Ihr Profil war einfach perfekt. Er blickte auf ihren sanft geschwungenen Mund und ihren schlanken Hals. Etwas regte sich in ihm. Etwas, das nichts mit seinen Überlebensinstinkten zu tun hatte, sondern damit, dass er ein Mann war.

Eine leichte Brise brachte ihm ihren Duft. Den hatte er bereits bemerkt, als er sich auf sie gestürzt hatte.

Sie blickte ihn an. „Was ist, wenn mir das alles zu viel wird?“

„Ich könnte als Vermittler auftreten“, bot er zu seiner Überraschung an. „Die Briefe und den Ring könnte ich dem König unter vier Augen zeigen. Sie müssten nicht dabei sein, und niemand sonst würde davon erfahren.“

„Wenn man einmal anfängt, gibt es kein Zurück. Das gefällt mir nicht.“

„Sie wären doch nicht hierhergekommen, wenn Sie nicht Ihren Vater kennenlernen wollten.“

„Aber etwas zu wollen und es dann zu bekommen sind zwei verschiedene Dinge. Vielleicht sollten Cleo und ich einfach verschwinden.“

„Sollten Sie das tun, dann werden Sie sich später immer fragen, was hätte geschehen können.“

Zara schwieg eine Weile. Schließlich sagte sie: „Sie haben recht. Jetzt bin ich hier und will die Wahrheit erfahren. Es wäre schön, wenn Sie dem König die Briefe zeigen könnten. Ich bin nicht mutig genug, um persönlich abgelehnt zu werden. Wahrscheinlich bekäme ich den König sowieso nicht zu Gesicht.“

Rafe wusste nicht, wie Hassan reagieren würde, aber er war nun ziemlich sicher, dass der König Zaras Vater war. Und er war sicher, dass dies zu vielen Komplikationen führte.

„Den Ring nehmen Sie besser auch mit.“

Sie war zu vertrauensselig. „Woher wissen Sie, dass ich ihn Ihnen zurückgebe?“

„Warum sollten Sie ihn behalten?“

Er stöhnte. „Eigentlich sollten Sie nicht allein reisen.“

„Meine Schwester ist doch bei mir.“

„Blinde, die Blinde führen.“

Nun richtete sie sich auf und starrte ihn an. Ihr Kopf reichte ihm kaum bis ans Kinn, und er schien von ihrer geraden Körperhaltung und dem wütenden Blick nicht beeindruckt zu sein.

„Cleo und ich sind ohne Ihre Hilfe wunderbar zurechtgekommen.“

„Das habe ich gemerkt. Im Palast angegriffen zu werden gehörte sicher auch zu Ihrem Plan.“

„Meine Schuld war das nicht, sondern Ihre.“

„In einer solchen Situation müssen Sie mit allem rechnen.“

„Sehe ich wirklich wie diese Prinzessin Sabra aus?“

„Jedenfalls ist so viel Ähnlichkeit da, dass ein neuer Wachtposten getäuscht wurde.“

„Nur Sie nicht.“

„Nein.“ Er verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. „Es tut mir leid, dass ich Sie angegriffen habe.“

„Schon gut. Ihrer Meinung nach ging eine Bedrohung von mir aus.“

Sie hatte ja recht. Auch wenn er das nicht mehr verstehen konnte, wenn er sie jetzt anschaute. Gab es ein sanftmütigeres Wesen als diese Frau?

„Was wissen Sie über Ihren Namen?“, fragte er in die Stille hinein.

„Zara? Nichts. Ich weiß zwar, dass er ungewöhnlich ist, aber wenn Sie meine Mutter je getroffen hätten, wären Sie nicht überrascht. Sie war nicht gerade eine konventionelle Frau.“

„Zara … so hieß die Mutter von König Hassan.“

Plötzlich zitterte sie. Rafe konnte ihr keinen Vorwurf machen. Sie mochte zwar nach Bahania gekommen sein, um ihren Vater zu suchen, aber sie würde mehr bekommen, als sie gedacht hatte.

Nachdem Rafe sie verlassen hatte, ging Zara unruhig in ihrem Hotelzimmer hin und her. „Er hat versprochen, uns sofort anzurufen, nachdem er beim König war“, sagte sie mehr zu sich selbst als zu Cleo, die in einer Zeitschrift las. „Heute Nachmittag will er zu ihm gehen. Welcher Mann kann einfach bei einem König hereinspazieren?“

„Einer mit Verbindungen“, meinte Cleo und grinste sie an. „Süße, du nimmst das alles viel zu ernst. Was kann als Schlimmstes passieren? Dass du nicht Hassans Tochter bist. Dann können wir die restlichen Ferien genießen und wieder nach Hause fahren.“

Wahrscheinlich war es wirklich so einfach, aber Zara hasste den Gedanken, ohne Vater zu sein. Nicht dass sie unbedingt einen König zum Vater wollte.

„So kompliziert hatte ich mir das nicht vorgestellt“, gab sie zu.

„Es ist doch nicht kompliziert. Nichts hat sich verändert.“

Zara sank auf ihr Bett. Doch. Die Dinge hatten sich in dem Moment verändert, als Rafe sie zu Boden geworfen hatte. Seitdem musste sie ständig an diese unglaublich blauen Augen denken und wie sie innerlich bebte, wenn sie in seiner Nähe war.

„Was glaubst du, wer er ist? Rafe war wie ein Scheich gekleidet, aber er ist Amerikaner.“ Zara sprach mehr zu sich selbst als zu ihrer Schwester.

„Das ist doch egal, solange er das tut, was er sagt. Vergiss ihn einfach. Denk lieber an den Palast. Wäre es nicht toll, dort zu leben? Er ist so schön.“ Cleo sah die Sache in der Tat sehr pragmatisch.

„Nein, er ist groß und Angst einflößend.“

„Was soll ich nur mit dir machen“, stöhnte Cleo. „Du hast eine wunderbare Chance und bekommst kalte Füße. Wir reden hier über Prinzessinnen, Zara. Du könntest eine echte Prinzessin sein. Das geschieht Leuten wie uns normalerweise nicht. Bis vor Kurzem konnten wir uns nur altes Brot leisten.“

„Ich weiß.“

„Du könntest reich sein.“

„Aber ich will nicht reich sein. Ich will nur zu einer Familie gehören.“

„All das könntest du haben, und eine Krone noch dazu.“

„Denkst du nur daran?“

Nun lächelte Cleo. „Diamanten sind die besten Freunde eines Mädchens.“

„Ja, ja, du spuckst große Töne, aber in deinem Herzen willst du das Gleiche wie ich, nämlich eine richtige Familie.“

„Vielleicht schon, aber währenddessen hätte ich nichts gegen ein Königreich.“

„Glaubst du, dass Rafe für den König arbeitet?“

Cleo stöhnte. „Ich höre immer nur Rafe, Rafe, Rafe. Hör mir auf mit diesem Typ. Du findest gerade heraus, ob dein Vater der König eines wohlhabenden Landes ist, da hast du keine Zeit für Ablenkungen. Und wenn ich dich daran erinnern darf: Du hast überhaupt kein Glück, wenn es um Männer geht. Also denk nicht mehr an ihn.“

Cleo hatte ja recht. Ihr Pech mit Männern war beinahe schon legendär.

„Ob er wohl verheiratet ist?“

Cleo warf ein Kissen nach ihr. „Hör! Auf! Stell dich lieber darauf ein, bald dem König zu begegnen.“

„Ist ja schon gut.“

Doch als Zara sich auf dem Bett ausstreckte, hatte sie einen großen gefährlich aussehenden Mann vor Augen, der mit seinem Blick in ihre Seele zu schauen schien. Und keinen König.

3. KAPITEL

Anstatt direkt zu König Hassan zu gehen, lief Rafe zuerst in sein Büro. Dort setzte er sich an den Computer. Vielleicht konnte er so herausfinden, ob Zara Paxton tatsächlich die uneheliche Tochter von König Hassan war.

Irgendwie glaubte er ihr, und das verunsicherte ihn. Denn eigentlich sollte er misstrauisch sein – die ganze Geschichte klang einfach zu absurd. Wurde er etwa weich? Oder war es sein untrüglicher Instinkt, der ihm die Wahrheit sagte?

Vierzig Minuten später hatte er eine ungefähre Vorstellung von den Reisen, die der König vor dreißig Jahren unternommen hatte. Offensichtlich war Hassan mehrfach in New York City gewesen. Ob und welche Schmuckstücke er damals gekauft hatte, wollte Rafe den König lieber direkt fragen.

Er holte den Ring aus seiner Tasche und betrachtete ihn. Die Diamanten glitzerten im Sonnenlicht. Noch einmal betrachtete er die Gravur: für immer. Waren die Gefühle des Königs echt gewesen? Hassan hatte es nie lange mit einer Frau oder Geliebten ausgehalten. Nur eine seiner drei Frauen hatte er wirklich geliebt. War Zaras Mutter die andere Frau gewesen, der sein Herz gehört hatte?

Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden.

Rafe rief Hassans Privatsekretär an und bat um einen Termin. Glücklicherweise hatte der König sofort Zeit für ihn. Rafe sammelte sämtliche Unterlagen zusammen und ging zu Hassan.

Seine Hoheit, der König von Bahania, war ein gläubiger Verfechter der Theorie, dass allein der erste Eindruck zählt. Sein Büro hatte die Größe eines halben Fußballplatzes, mit Blick auf einen gepflegten Garten, in dessen Mitte ein weißer Brunnen stand. An den Wänden hingen wunderbare kostbare Gemälde und Teppiche. Vier Wachen in Uniform standen vor breiten Türen. Wer in den Saal eingelassen wurde, musste erst an den Festungen von drei Sekretären vorbei, bis er endlich vor dem König stand. Überall spazierten Katzen herum, als würde ihnen der Raum gehören.

Rafe nickte den Wachen zu, die ihm die Tür öffneten. Als er hineinging, kam gerade eine weiße Perserkatze heraus, die sich sofort an seinem Bein rieb und einige weiße Haare auf seiner Hose zurückließ. Rafe biss die Zähne zusammen. Er war nicht gerade ein Katzenfan – er zog Hunde vor. Doch er war schlau genug, niemandem davon zu erzählen, denn der König liebte seine Katzen geradezu abgöttisch.

Akil, ein älterer Mann, der dem König schon seit vielen Jahren diente, begrüßte Rafe lächelnd. „Mr Stryker. Seine Hoheit wartet auf Sie. Gehen Sie hinein.“

Er ging zu der halb geöffneten Tür auf der linken Seite. Als er in die Privaträume des Königs trat, verbeugte er sich.

„Eure Hoheit“, grüßte er und wartete.

König Hassan saß hinter einem beeindruckenden handgeschnitzten Schreibtisch. Während der Arbeitszeit trug der König normalerweise westliche Kleidung. Sein leichter Anzug stammte aus Italien. Das Material war so beschaffen, dass es die Katzenhaare abwies.

„Was führt Sie zu mir, Rafe?“

Rafe entfernte sanft eine dösende Siamkatze von einem Stuhl, bevor er sich setzte.

„Ich muss einen ungewöhnlichen Vorfall melden“, begann er.

Hassan zog die Brauen hoch. Der König war fast sechzig Jahre alt, sah aber jünger aus. Nur wenige graue Haare leuchteten in seinem gepflegten Bart, und in seinem Gesicht zeigten sich kaum Falten. Seine Erscheinung war streng und immer ein wenig distanziert. Rafe kannte den König noch nicht besonders gut, geschweige denn lange. Seit die Nachbarstaaten Bahania, El Bahar und „Die Stadt der Diebe“ beschlossen hatten, eine gemeinsame Luftwaffe zu bilden, hatte Rafe mehr Kontakt zu König Hassan. Er trat als Sicherheitsberater für die „Stadt der Diebe“ auf und hatte in dieser Funktion eine Verbindung zum Herrscher von Bahania bekommen.

Hassan beugte sich vor. „Vorfall? In puncto Sicherheit?“

„Nein, eine persönliche Angelegenheit, die ich noch mit niemandem besprochen habe. Wenn Sie mir befehlen, die Sache für mich zu behalten, werde ich sie nie mehr erwähnen.“

Nun lächelte der König. „Ich bin gespannt. Fangen Sie an.“

„Heute Morgen kam eine junge Frau in den Palast. Sie machte mit einer Gruppe von Touristen eine Führung, als ein Wachtposten sie bemerkte und mit Prinzessin Sabra verwechselte. Ihre Ähnlichkeit ist in der Tat erstaunlich. Ich habe mit der Frau gesprochen.“

Rafe hatte sich schon vorgenommen, über die Details ihrer ersten Begegnung nichts verlauten zu lassen. „Sie hat kürzlich einige Papiere gefunden, die ihrer verstorbenen Mutter gehörten. Es handelt sich um Briefe, von denen sie glaubt, dass Sie sie geschrieben haben.“

„Wer ist diese Frau? Wie alt ist sie?“

„Sie heißt Zara Paxton und ist achtundzwanzig Jahre alt.“

Hassan schnappte nach Luft. Er hielt die Hände auf, und Rafe gab ihm die Briefe. Der König wirkte freudig erregt und verblüfft. Sowohl Name als auch das Alter der Frau schienen eine Bedeutung für ihn zu haben.

Während Hassan jeden Brief langsam öffnete und las, wurde er immer blasser. Schließlich reichte Rafe ihm den Ring. Der König nahm ihn und schloss seine Hand darum.

„Fiona“, flüsterte er und sah Rafe an. „Diese Frau. Wo ist sie?“

„Zara wohnt in einem Hotel in der Stadt. Ihre Mutter starb vor einigen Jahren. Offensichtlich waren die Briefe bei einem Anwalt deponiert. Erst vor einigen Monaten hat Zara davon erfahren. Sie glaubt, dass Sie ihr Vater sein könnten.“

Hassan stand auf und Rafe ebenfalls.

„Sie hat recht, sie ist meine Tochter. Fiona und ich waren mehr als zwei Jahre zusammen … Nach all dieser Zeit ist ihre Tochter hier. Meine Tochter.“ Er schüttelte fassungslos den Kopf. „Sie sagen, sie sieht Sabrina ähnlich?“

„Hautfarbe und Körperbau sind gleich. Zara ist noch etwas größer und schlanker. Außerdem trägt sie eine Brille.“

Hassan lächelte traurig. „Ja. Meine süße Fiona war blind wie eine Fledermaus – und so eitel. Niemals trug sie ihre Brille. Ich musste sie immer führen.“ Schon ging er zur Tür. „Kommen Sie, ich muss Zara sofort sehen.“

Rafe nahm die Briefe, während Hassan immer noch den Ring hielt.

„Eure Hoheit, sollten wir die Sache nicht etwas vorsichtiger angehen?“

Der König blickte ihn an. „Warum?“

„Erstens können Sie nicht sicher sein, dass sie wirklich Ihre Tochter ist.“

„Das stimmt, aber ich vermute es.“

Und er wollte, dass es so war. Rafe las die Wahrheit im sehnsuchtsvollen Blick des Königs. Merkwürdigerweise hatte er das Gefühl, dass er die Frau, die er im Hotel zurückgelassen hatte, beschützen musste.

„Zara Paxton ist etwas nervös. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ihr Vater der König eines großen Landes ist. Denken Sie an die Medien – solange wir nicht genau wissen, wer sie ist, sollten wir sehr diskret vorgehen.“

„Ich verstehe“, antwortete der König. „Was schlagen Sie vor?“

„Ein Treffen an einem neutralen Ort. In einem der großen Hotels. Wir könnten eine Suite benutzen. Ihre Sicherheitsleute könnten Sie in Ruhe in das Hotel bringen, und ich komme mit Zara.“

Hassan schaute auf die Uhr. „Regeln Sie alles bis vier Uhr. Ich möchte nicht länger warten.“

So blieben Rafe weniger als zwei Stunden. „Ja, Eure Hoheit, ich kümmere mich um alles.“

„Ich muss mich gleich übergeben“, seufzte Zara, als sie in dem großen Wohnzimmer der Präsidentensuite des „Bahanian Resort Hotels“ stand.

Links von ihr gaben riesige Fenster den Blick auf das Meer frei. Zara wollte sich auf den Ausblick konzentrieren, um sich zu beruhigen, aber von der Höhe wurde ihr schwindelig.

Allein die Möbel in der Suite machten sie unruhig. Im Wohnzimmer standen fünf Sofas und ein Piano! Dazu kamen mehrere Beistelltische. Und trotzdem war in dem Zimmer immer noch so viel Platz, dass man locker eine Aerobicstunde darin hätte abhalten können.

Cleo und sie hatten sich in der Suite schon zweimal verlaufen, daher unterließen sie weitere Nachforschungen. Schließlich wäre es peinlich, wenn der König käme und sie in einem Schlafzimmerschrank oder einem Bad eingesperrt wären.

„Behalte dein Essen lieber bei dir“, riet Cleo. „Das macht keinen guten Eindruck, wenn du dich gleich übergibst.“

„Danke für den Rat.“ Zara versuchte zu lächeln, aber ihr Gesicht gehorchte nicht. Als ob sie eine Betäubungsspritze beim Zahnarzt erhalten hätte. „Was machen wir hier? Sind wir verrückt geworden?“

„Ich weiß nicht, Zara. Eigentlich habe ich vorher gar nicht darüber nachgedacht, was es tatsächlich bedeutet, dass ein König dein Vater ist. Aber jetzt macht es mir Angst. Das hier ist nicht gerade unsere Welt, oder?“

„Du sagst es.“ Zara setzte sich auf ein Sofa, das nicht in Richtung der Fenster stand. „Wenigstens hat Rafe arrangiert, dass wir den König hier und nicht in unserem Hotel treffen.“

„Ich wette, der König war noch nie in einem stinknormalen Tourihotel. Weiß du eigentlich, dass du die Farbe eines Bettlakens hast?“

„Eigentlich nicht. Ich weiß gar nicht mehr, was ich denken soll.“

„Dann versuch es doch mal damit, dass es schön sein würde, deine Familie zu treffen.“

„Du bist meine Familie“, erinnerte sie Zara. „Alles andere ist unwichtig.“

Cleo verdrehte die Augen. „Ach was. Wenn du tatsächlich eine Prinzessin bist, dann musst du mir versprechen, dass du mir deinen abgelegten Schmuck zuschickst.“

Zara kicherte. „Sicher. Wenn meine Diademe alt und staubig werden, bekommst du sie.“

„Super. Ich könnte sie dann bei der Arbeit tragen.“

Der Gedanke, dass Cleo in ihrem Kopierladen eine Krone tragen würde, erheiterte Zara, und sie war nicht mehr so angespannt. Sie hatte sich gerade kichernd in das Sofa zurückgelehnt, als die Tür zur Suite geöffnet wurde. Sofort machte ihr Herz einen Satz, und sie begann zu zittern.

„Ich kann das nicht“, jammerte sie.

Schon saß Cleo neben ihr und legte den Arm um sie. „Doch. Und wenn du dich übergeben musst, läufst du zu dieser Pflanze, und ich lenke den König ab.“

Zara holte tief Luft und stand auf. Rafe kam in Begleitung des Mannes, den sie von ihren Nachforschungen kannte, in das Wohnzimmer. Der Mann starrte sie an, als wäre sie das erstaunlichste Lebewesen auf diesem Planeten.

Geschah das wirklich? War der attraktive ältere Mann König Hassan von Bahania?

„Eure Hoheit, darf ich Ihnen Miss Zara Paxton vorstellen“, sagte Rafe und zeigte auf Zara.

Sie spürte, dass Cleo sich zurückzog. Zwei weitere Männer kamen in das Zimmer, aber sie konzentrierte sich auf den Mann, der möglicherweise ihr Vater war.

Er war etwas kleiner als Rafe, aber größer als sie. In seinem Anzug sah er sehr westlich aus. Seine Augen waren so braun wie ihre, und als er lächelte, glaubte sie, die Form seines Mundes wiederzuerkennen.

„Meine Tochter“, rief er und breitete die Arme aus. „Das Kind meiner geliebten Fiona. Willkommen zu Hause.“

Und bevor Zara wusste, was ihr geschah, wurde sie vom König herzlich umarmt. Sie wollte die Umarmung erwidern, konnte sich jedoch nicht bewegen. Schon zum zweiten Mal an diesem Tag erstarrte sie wegen eines fremden Mannes.

Beinahe überlegte sie wegzulaufen. Nur Rafe schien ihre Aufregung zu spüren. Er trat vor und löste sie vom König.

„Vielleicht sollten wir uns setzen und über alles reden“, schlug er vor.

„Ja, natürlich.“ Hassan nahm Zaras Hand und setzte sich auf ein Sofa.

Unsicher setzte Zara sich zu ihm. Dieser Mann war König. Sollte sie sich verbeugen? Um Hilfe suchend, blickte sie zu Rafe, aber der griff gerade zum Telefon, um die Erfrischungen zu bestellen.

Zara bemerkte, dass der König sie anstarrte, und sie wurde noch nervöser. Sie zog ihre Hand aus seiner.

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll“, gab sie zu. „Mr Stryker hat Ihnen sicher schon von den Briefen berichtet. Ich möchte mich nirgendwo eindrängen und verlange nichts, nur ein paar Informationen.“

Hassan seufzte. „Ich sehe deine Mutter in dir. Sie war eine echte Schönheit. Die prächtigste Rose im Garten der Weiblichkeit.“

Zara blinzelte und schob ihre Brille hoch. Während Fiona immer schön gewesen war, hatte sie nur wenige Äußerlichkeiten von ihr geerbt. Und gar nichts von ihrem Charme.

„Ja, ich bin so groß wie sie.“ Sie blickte zu Cleo. „Oh, Sie haben meine Schwester noch nicht kennengelernt. Das ist Cleo.“

Cleo grinste. „Pflegeschwester“, korrigierte sie. „Obwohl ich nichts dagegen hätte, wenn ich sagen könnte, dass mein Daddy ein König ist.“

Hassan lächelte. „Willkommen in meinem Land. Ist das Ihr erster Besuch hier?“

„Für uns beide. Es ist super hier. Ein wenig heiß, aber wozu wurden schließlich Klimaanlagen erfunden?“ Cleo beugte sich unbefangen vor. „Ich muss zugeben, dass Sie der erste König sind, dem ich begegne. Wie soll ich Sie anreden?“

„Eure Hoheit ist die korrekte Anrede“, warf Rafe schnell ein, als jemand an die Tür klopfte.

Sofort regten sich die Sicherheitskräfte. Einer ging zur Tür, während der zweite ihm Deckung gab. Sie gingen kurz in den Flur und kehrten dann mit einem Wagen voller Getränke und Snacks zurück.

Hassan stellte Cleo noch weitere Fragen. Zara bewunderte ihre Schwester, weil sie trotz der Situation ganz locker blieb. Na ja, für sie stand aber auch weniger auf dem Spiel.

Rafe und die Sicherheitskräfte stellten die Getränke und Snacks auf die Tische zwischen den beiden Sofas. Zara griff nach einer Flasche Cola, aber ihre Hände zitterten so, dass sie sie nicht öffnen konnte. Rafe nahm ihr die Flasche ab und schenkte ihr ein.

„Sie halten sich tapfer“, lobte er sie.

Seine Worte beruhigten sie etwas. Dennoch – ihr Bedürfnis, sich zu übergeben, war noch nicht verschwunden.

Hassan zog nun Fionas Ring aus seiner Jackentasche und hielt ihn ihr hin. „Diesen Ring schenkte ich deiner Mutter zu unserem ersten Jahrestag. Sie sollte mich niemals vergessen.“

„Das hat sie auch nicht“, erwiderte Zara und räusperte sich. „Eure Hoheit, sollten wir nicht erst herausfinden, ob ich wirklich Ihre Tochter bin?“

„Aber das weiß ich schon. Du siehst Sabrina sehr ähnlich.“

„Wem?“

„Prinzessin Sabra. Sie bevorzugt die amerikanische Version ihres Namens.“

Zara dachte an den Wachtposten im Palast. „Okay, ich mag ihr ähnlich sehen, aber das beweist noch gar nichts.“

„Du besitzt das.“ Er gab ihr den Ring. „Ich weiß es, Zara, hier drin.“ Er berührte seine Brust. „Das allein ist wichtig. Deine Mutter war jünger, als du jetzt bist, als wir uns kennenlernten. Auch ich war noch jung. Stolz und selbstsicher. Ich besuchte New York und wollte eine Show auf dem Broadway sehen. Danach traf ich das Ensemble auf einer Party. Deine Mutter war mir vom ersten Moment an aufgefallen, und ich ließ sie mir vorstellen. Sie war charmant und schön, und ich habe mich an diesem ersten Abend in sie verliebt.“

Zara versuchte, ihre Gefühle unter Kontrolle zu bringen, aber es fiel ihr schwer, als der König über die Vergangenheit redete. Fiona hatte selten über diese Zeit geredet, und den Mann, der ihr Kind gezeugt hatte, nie erwähnt.

„Ich habe einige Fotos aus dieser Zeit gesehen“, meinte Zara. „Mom war in der Tat sehr hübsch.“

„Mehr als das. Sie hatte zahlreiche Verehrer, aber zwischen uns war etwas Besonderes. Wir hatten nur Augen füreinander. Immer wenn ich konnte, waren wir zusammen. Ich bat sie, mich zu heiraten, aber sie lehnte ab.“

„Was sagen Sie da?“, platzte Cleo heraus, und hielt dann die Hand vor den Mund. „Tut mir leid.“

Hassan zuckte mit den Achseln. „Ich war auch überrascht, aber … ich hatte schon eine Frau. Fiona wollte nicht, dass ich mich von ihr scheiden ließ. Sie wollte keinen Ärger machen und bezweifelte, dass sie immer nur an einem Ort leben könnte, selbst wenn es das Königreich Bahania war.“

„Meine Mutter zog wirklich gerne um“, meinte Zara etwas verwirrt. Ein König wollte ihre Mutter heiraten, und sie hatte abgelehnt.

„Hat Fiona denn geheiratet?“

„Nein“, antwortete sie schnell. „Wir sind unzählige Male umgezogen. Fiona hatte immer viele Freunde. Es gab jedoch nie einen besonderen Mann in ihrem Leben. Sie sagte immer, dass sie sich einmal richtig verliebt hatte und dass das nicht mehr geschehen sollte.“

Hassan schloss kurz die Augen. „Ja, ich gab ihr mein Herz, und als sie ging, nahm sie es mit. Ich stelle mir gerne vor, dass sie das Gleiche für mich empfand, aber wir werden es wohl nie erfahren. Damals konnte ich nicht begreifen, warum sie verschwunden war. Wahrscheinlich ist sie gegangen, nachdem sie von ihrer Schwangerschaft erfahren hatte. Sie wusste, dass ich auf einer Heirat bestanden hätte. Und selbst wenn wir nicht geheiratet hätten, hätte sie dennoch um ihr Kind gebangt.“

„Das verstehe ich nicht.“

„Das Gesetz von Bahania sieht vor, dass die Kinder des Königs im Palast erzogen werden. Wahrscheinlich befürchtete Fiona, dass ich darauf bestehen würde, dich hier aufwachsen zu lassen. Wenn sie mich nicht heiratete, würde sie dich verlieren. Ich würde gerne glauben, dass ich nicht darauf bestanden hätte, aber ich bin mir nicht sicher. Nachdem ich sie verloren hatte, hätte ich alles gegeben, um wenigstens einen Teil von ihr hier bei mir zu haben.“ Er berührte Zaras Hand. „Und jetzt bist du hier.“

„Ja, und es ist alles sehr merkwürdig. Unreal.“

„Wie hast du mich gefunden?“

Zara berichtete von den Papieren, die der Anwalt ihr geschickt hatte. „Als ich die Briefe gelesen hatte, zog ich das Unmögliche in Betracht.“

„Zara wollte unbedingt die Führung mitmachen“, mischte sich Cleo nun ein. „Ich hätte lieber an der Eingangstür geklopft, aber sie meinte, die Wachen würden uns nicht hineinlassen.“

Der König lächelte. „Selbst eine so bezaubernde Frau wie du hätte Schwierigkeiten, an den königlichen Wachen vorbeizukommen. Obwohl ich vermute, dass du Männer um den Finger wickeln kannst. Ich muss meine Söhne vor dir warnen.“

Cleo machte eine abschätzige Handbewegung. „Von Prinzen habe ich mich losgesagt, Eure Hoheit. Sie sind doch alle gleich. Reich, mächtig … und nach einer Weile wird es langweilig.“

Zara stand auf und ging in Richtung Balkon. Rafe folgte ihr.

„Sind Sie in Ordnung?“, fragte er.

„Wären Sie es, wenn Sie in meiner Lage wären?“

„Wahrscheinlich nicht.“

„Das alles ist so verwirrend.“

„Du brauchst nicht verwirrt zu sein“, verkündete Hassan, als er aufstand. „Nach achtundzwanzig Jahren ist meine Tochter zu mir gekommen.“

„Für Sie klingt das alles so einfach. Aber ich bekomme vor Aufregung kaum Luft.“

Ihr Vater – sie konnte es immer noch nicht glauben, dass er es tatsächlich war – nickte. „Für uns beide ist die Situation neu. Vielleicht sollten wir uns erst mal ein wenig kennenlernen. Ich möchte dir gern meine Welt zeigen. Bahania verfügt über viele Schätze und großartige Menschen. Cleo und du werdet in den Palast ziehen.“

„Selbstverständlich!“ Cleo klatschte in die Hände. „Allmählich gefällt mir der Gedanke, Sie in unserer Familie zu haben“, sagte sie dem König fröhlich.

Zara war sich da nicht so sicher. „Unser Hotel ist sehr bequem“, meinte sie. Hassan und Cleo sahen sie an, als hätte sie den Verstand verloren.

„Du bist meine Tochter“, erinnerte Hassan sie. „Der Palast ist dein Zuhause. Du wirst willkommen geheißen, und wir werden Zeit miteinander verbringen.“

„Eure Hoheit, Ihr solltet das alles wirklich genau überlegen. Fest steht doch nur, dass ich Ihrer Tochter ähnele, dass Fiona meine Mutter ist und Sie ein Verhältnis mit ihr hatten. Sollten wir nicht Bluttests durchführen lassen?“

„Ich weiß, was richtig ist und wer du bist.“ Er trat auf sie zu und umarmte sie. „Nach so vielen Jahren bist du dort, wo du hingehörst. Das ist die Hauptsache. Komm, du packst jetzt deine Sachen und ziehst in den Palast.“

Zara blickte sich nach einem Fluchtweg um. Sie schaute zu Rafe, der ihr im Moment wie der einzig vernünftige Mensch erschien.

„Werden Sie auch im Palast sein? Wohnen Sie dort?“

Rafe nickte. „In den nächsten Wochen auf alle Fälle.“

Hassan schaute ihn an. „Sie haben meinen liebsten Schatz gefunden und zu mir gebracht. Deshalb vertraue ich sie Ihnen an.“

Zara befreite sich aus Hassans Umarmung. „Ich verstehe nicht.“

Rafe machte ein Gesicht, als habe er an einer Zitrone gelutscht. „Eure Hoheit, ich weiß nicht …“

Hassan unterbrach ihn mit einer Kopfbewegung. „Meine Entscheidung steht fest. Ich vertraue Ihnen ihre Sicherheit an.“

„Was vertrauen Sie ihm an?“, fragte Zara.

„Rafe wird dein Leibwächter sein. Er wird dich mit seinem Leben beschützen.“

4. KAPITEL

Rafe unterdrückte ein Stöhnen. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. Mitglieder der königlichen Familie zu schützen war an sich nicht schlimm. Schließlich hatte er sich drei Jahre um die Sicherheit von Prinz Kardal gekümmert. Aber die gerade gefundene Tochter des Königs von Bahania zu bewachen entsprach nicht seinen Vorstellungen von einer idealen Aufgabe. Besonders wenn der König noch mehr im Sinn hatte als den bloßen Schutz vor äußeren Gefahren. König Hassan würde sicher nicht wollen, dass irgendwer näher mit Zara zu tun hatte. Und Sex stünde schon gar nicht zur Debatte.

Das bedeutete, dass die körperliche Anziehung, die Rafe für sie empfand, dazu führen könnte, dass er einen Kopf kleiner gemacht würde, wenn er so dumm war, auf seinen Körper und nicht auf den Verstand zu hören. Natürlich würde er das nie zulassen.

„Eure Hoheit“, begann er und versuchte, herauszufinden, wie er am besten mit dem König reden konnte, ohne in Schwierigkeiten zu geraten.

Hassan schien seine Bedenken wegzuwischen, ohne sie überhaupt zu kennen. „Es ist nur vorübergehend, Rafe. Ich bin mir durchaus bewusst, dass Sie gegenüber meinem Schwiegersohn Verpflichtungen haben.“

Verwirrt blickte Zara zwischen beiden hin und her.

„Worüber reden Sie?“

Cleo sprang vom Sofa und fuhr sich durch ihr kurzes Haar. „Dein Vater möchte, dass Rafe dich mit seinem Leben beschützt. Wenn ich von Terroristen entführt und gefoltert würde, würde niemand auch nur einen Finger rühren.“

Da lächelte Hassan sie an. „Rafe wird sich auch um dich kümmern“, versprach er. „Während du mein Gast bist, ist deine Sicherheit von großer Bedeutung. Du bist schließlich die liebe Schwester der Tochter meines Herzens.“

„Könnte ich eine Plakette mit diesem Text bekommen?“, fragte Cleo.

„Vielleicht einen Wandbehang“, erwiderte der König. „Die Weberinnen könnten einen entwerfen und anfertigen.“

„Sie haben Frauen, die weben? Machen sie das den ganzen Tag? Nur weben? Haben Sie …“ Als sie das Lächeln des Königs sah, hielt sie inne. „Sie machen sich über mich lustig.“

„Genau.“

Cleo zuckte mit den Schultern. „Er hat Humor. Wer hätte das gedacht?“

Zara sagte nichts. Sie schien sich in einem Schockzustand zu befinden. Hassan umarmte sie ein letztes Mal.

„Ich lasse dich nun in der Obhut deines Leibwächters. Rafe wird alles arrangieren, damit du in den Palast ziehen kannst. Ich freue mich schon, dich dort zu sehen.“

Danach ging er. Cleo schüttelte den Kopf. „Unglaublich. Es ist wie im Film.“

Rafe wünschte, es wäre so. Dann könnte er mit seinem normalen Leben fortfahren. Stattdessen saß er fest. Natürlich könnte er sich bei seinem Boss beschweren, aber das würde König Hassan verärgern.

Zara kreuzte die Arme vor der Brust. „Das war nicht Ihr Ernst, oder? Sie sollen mein Leibwächter sein?“

„Die nötigen Qualifikationen habe ich.“

„Es geht nicht um Ihre Fähigkeiten, Rafe. Wer sollte mich schon verletzen wollen? Niemand weiß, wer ich bin.“

„Das spricht sich schneller herum, als Sie denken. Am besten, Sie machen gute Miene zu dem Spiel. Es ist ja auch nur vorübergehend.“

„Haben Sie nicht einen richtigen Job, den Sie lieber erledigen möchten?“

„Der muss jetzt wohl warten.“

Prinz Kardal würde die Situation verstehen. Beim jetzigen Stand der Verhandlungen um eine gemeinsame Luftwaffe von Bahania, El Bahar und die „Stadt der Diebe“ wollte niemand König Hassan verärgern. Und wenn das eben bedeutete, dass Rafe in den nächsten Wochen sicherstellen musste, dass Zara kein Haar gekrümmt wurde. Ironie des Schicksals war nur, dass es sich dabei ausgerechnet um die erste Frau seit Jahren handelte, die seine Aufmerksamkeit erregte. Und nicht nur das.

„Sieh es einfach positiv“, meinte Cleo. „Zumindest hat der König dich nicht hinausgeworfen. Er schien wirklich erfreut, dich zu sehen.“

Zara nickte. „Ich weiß zwar nicht, was ich von der Sache halten soll, aber wir fahren jetzt besser zum Hotel und packen.“

Cleo tanzte im Zimmer umher. „Ich werde in einem Palast leben“, sang sie fröhlich. „Und du wolltest lieber in Yellowstone zelten, als hierher zu reisen.“

„Manchmal glaube ich, wir wären besser in Amerika geblieben.“

„Was macht ein Leibwächter?“, fragte Zara, als Rafe mit ihnen zum Hotel ging. „Werden Sie immer bei mir sein?“

„So ziemlich.“

„Tragen Sie auch die Einkäufe, wenn wir in den Supermarkt gehen?“, wollte Cleo wissen.

„Sie werden nicht in den Supermarkt gehen.“

Zara dachte immer noch über die ständige Begleitung nach. „Ich führe kein interessantes Leben. Sicher wird Ihnen schnell langweilig.“

„Ich komme schon zurecht.“

Nun waren sie fast am Hotel angekommen.

„Sie brauchen nicht auf uns zu warten, wir könnten uns doch im Palast treffen“, schlug sie vor. „Meine Schwester und ich können uns ein Taxi nehmen.“

Rafes Schweigen war Antwort genug.

Zara überlegte. Wenn König Hassan ihr Vater sein sollte, brauchte sie wahrscheinlich tatsächlich einen Leibwächter. Ihr Leben hatte plötzlich jeglichen Bezug zur Realität verloren.

Obwohl sie schon eine Ähnlichkeit zwischen sich und dem König festgestellt hatte, spürte sie emotional keinerlei Verbindung. Er war so sicher gewesen, und sie wollte nur nach Hause. Als zehnjähriges Mädchen hatte sie sich immer nach einem Vater gesehnt, der ihr die Stabilität vermittelt hätte, die sie benötigte. Aber jetzt war sie erwachsen und führte ihr eigenes Leben. Sie brauchte niemanden, der ihr Stabilität vermittelte. Und schon gar keinen Monarchen.

Im Hotel begleitete Rafe sie zu ihrem Zimmer. Doch bevor sie und Cleo eintreten konnten, schaute er sich mit gezückter Waffe erst einmal in dem kleinen Zimmer um.

„Wen haben Sie erwartet? Terroristen?“, fragte Zara ihn etwas spöttisch.

„Ich mache nur meinem Job.“

Seine blauen Augen waren immer noch kalt, aber nun fürchtete sie sich nicht mehr davor. Vielleicht, weil Rafe in dieser absurden Situation dennoch die einzige Verbindung zur Normalität darstellte.

„Ich erledige noch einige Anrufe, während Sie packen“, erklärte er und zog ein Mobiltelefon aus der Jackentasche. „Schließen Sie die Tür hinter mir. Lassen Sie außer mir niemanden in Ihr Zimmer.“

„Und woher soll ich wissen, dass Sie es sind, wenn Sie klopfen?“

„Das Kennwort lautet Unruhestifter.“

„Das gefällt mir. Ich war immer ein braves Mädchen.“

„Und es ist meine Aufgabe sicherzustellen, dass sich daran nichts ändert.“

„Arme Cleo. Sie gerät immer in Schwierigkeiten.“

„Cleo geht mich nichts an.“

„Sei’s drum. Was passiert eigentlich, wenn ich mich weigere, im Palast zu leben?“

„Sie werden sich nicht weigern. Wenn Sie Hassans Tochter sind, gehören Sie dorthin.“

Zara wurde plötzlich nachdenklich. „Und dann wird sich mein ganzes Leben ändern, oder?“

Er antwortete nicht, und sie schauten sich einfach nur an. Zara spürte, dass von dem starken Mann vor ihr eine große Wärme ausging. Er war für sie wie ein sicherer Hafen. Komisch, dabei hatte er doch erst heute Morgen ein Gewehr auf sie gerichtet …

Am liebsten hätte sie sich an ihn gekuschelt und seine starken Arme gefühlt. Sie wollte seinen Herzschlag hören, und …

„Besser, Sie packen jetzt“, unterbrach er ihre Gedanken. „In zwanzig Minuten wird unser Wagen vorfahren.“

Offensichtlich hatte nur sie solche Fantasien. Das war etwas ernüchternd, aber keineswegs überraschend. Männer hatten sich noch nie besonders für sie interessiert. Vielleicht lag es an der Brille.

„Ist das nicht unglaublich?“, fragte Cleo, als sie mit Kosmetika beladen aus dem Badezimmer kam. „Wir werden in einem Palast wohnen. Ich wette, dass unsere Zimmer wunderbar sein werden. Zara? Was ist los? Du scheinst dich gar nicht zu freuen.“

„Das alles passiert mir viel zu schnell.“

„Es ist doch super.“

Eigentlich wollte Zara sagen, dass sie nicht dieser Meinung war, aber sie wusste, dass Cleo sie nicht verstehen würde. Für ihre Schwester war alles ganz einfach. Der König von Bahania könnte Zaras Vater sein, also wird eine Party gefeiert. Nur dass Zara überhaupt nicht zum Feiern zumute war. Sie überlegte sich vielmehr, wie sie in ein solches Leben passen würde. Ihre Mutter und sie hatten zwar nie Hunger leiden müssen, aber sie waren nie reich gewesen. Luxus, das hatte für sie bedeutet, in ein Restaurant zu gehen. Mehr war nie drin gewesen. Und jetzt?

„Hör mit dem Grübeln auf, und lass die Dinge auf dich zukommen“, sagte sie zu sich, als sie den Koffer packte.

Als Rafe nach zehn Minuten anklopfte, waren sie fertig.

„Wir können unser Gepäck selbst tragen“, meinte Zara, als er ins Zimmer kam.

Statt zu antworten, öffnete er die Tür noch ein Stückchen weiter, und zwei Männer erschienen, die ihre schweren Koffer wortlos hochhoben und aus dem Zimmer trugen. Cleo schaute ihre Schwester an.

„Okay. Wenn die Adligen und Reichen anders leben, dann passe ich mich gerne an.“

Zara war nicht überrascht, als draußen eine Limousine auf sie wartete.

„Ist ein einfaches Auto nicht gut genug?“, fragte sie, als sie sich auf den Rücksitz setzte.

„Ich wusste nicht, wie viel Gepäck Sie dabeihaben“, antwortete Rafe.

Die beiden Männer stellten das Gepäck in den Kofferraum und kamen nach vorne. Einer von ihnen zog die Jacke aus, und Zara sah, dass er eine Waffe bei sich trug.

„Sie sind bewaffnet?“, fragte sie Rafe und merkte, wie ihr der Atem stockte.

„Standardmaßnahme.“

Aber nicht in ihrer Welt! In der Kleinstadt, in der sie lebte, ließ sie sogar den Schlüssel im Zündschloss ihres Autos, wenn sie parkte.

„Denken Sie am besten gar nicht darüber nach“, riet Rafe ihr. „Sobald Sie im Palast sind, müssen Sie sich keine Gedanken mehr machen. Sie sind in Sicherheit, und ich bin in Ihrer Nähe.“

Wie nahe? wollte sie fragen, aber sie tat es nicht. Irgendwie bekamen die Worte eine andere Bedeutung, wenn es um Rafe ging.

„Erzählen Sie mir etwas über die königliche Familie“, bat sie ihn, um sich abzulenken. „Was werden sie von mir halten?“

„Wahrscheinlich werden sie nicht überrascht sein. Es ist allgemein bekannt, dass Hassan die Frauen liebt.“

„Hat er noch mehr uneheliche Kinder?“

„Das weiß ich nicht.“

„Sind Sie bewaffnet?“

„Hören Sie, es gibt genug andere Dinge, um die Sie sich sorgen können.“

Cleo fuhr mit der Hand über das weiche Leder. „Und es sind tatsächlich vier Prinzen?“

Rafe nickte.

„… Verheiratet?“

„Cleo!“ Zara starrte ihre Schwester zornig an. „Du wirst doch hoffentlich nicht …“

„Nein, nein. Keine Angst. Du weißt doch, dass ich mit Männern fertig bin. Ich dachte gerade nur, dass ich endlich einmal einen echten Prinzen treffe. Das ist alles.“ Sie wandte sich an Rafe. „Sind sie jung und gut aussehend?“

„Sie sind zwischen Ende zwanzig und Anfang dreißig. Über ihr Aussehen kann ich mir kein Urteil erlauben.“

„Wahrscheinlich ist das Aussehen nicht so wichtig, wenn man ein Prinz ist.“

Zara betrachtete das blonde Haar und die Kurven ihrer Schwester. „Sie werden dich lieben“, meinte sie bedauernd. „Versuch bitte nicht, die Situation noch komplizierter zu machen.“

„Ich schwöre es“, versprach Cleo.

Das beruhigte Zara keineswegs. Ihre Schwester mochte sicher nicht auf Schwierigkeiten aus sein, aber manchmal traten sie ohne ihr Zutun auf. Schließlich hatte Cleo auf Männer eine Wirkung wie ein Magnet auf Metall. Seit dem ersten Jahr der Highschool hatte Cleo immer Freunde gehabt. Erst vor wenigen Monaten hatte sie den Männern abgeschworen. Zara fragte sich, ob dieser Entschluss auch für Prinzen galt.

„König Hassan ist nicht verheiratet, oder?“, wandte sie sich wieder an Rafe.

„Im Moment nicht“, erwiderte Rafe.

„Ich habe im Internet ein bisschen über ihn recherchiert. Ich fand heraus, dass es vier Prinzen und ein Prinzessin gibt. Sabra. Der König sagte, sie wird Sabrina genannt.“

„Richtig. Was haben Sie noch erfahren?“

„Alles Mögliche“, unterbrach Cleo ihre Schwester. „Zara ist eine exzellente Forscherin. Sie könnte Ihnen die drei wichtigsten Exportgüter von Bahania nennen, das Bruttosozialprodukt und andere langweilige Fakten, die jeden zum Einschlafen bringen.“

Zara ignorierte sie. „Schließlich unterrichte ich an einem College. Fakten und Forschungen sind mein tägliches Geschäft.“

„Welches Fach unterrichten Sie?“

Cleo beugte sich vor. „Frauenforschung. Unsere zukünftige Prinzessin ist eine Feministin.“

Rafe zuckte zusammen.

„Keine Angst, ich werde keine Palastrevolution anzetteln“, sagte Zara wieder etwas spöttisch. „Hören Sie, Rafe, ich möchte Sie bitten, dass auch Sie den König noch einmal von der Dringlichkeit eines Bluttests zu überzeugen versuchen. Nur so können wir sicher sein, dass ich wirklich seine Tochter bin.“

„Sie haben Angst, nicht wahr?“, erwiderte Rafe.

Cleo stieß einen tiefen Seufzer aus. „Dein ganzes Leben lang hast du darauf gewartet, deinen Vater zu treffen. Es darf doch nicht wahr sein, dass du jetzt dein Glück infrage stellst.“

„Einen Vater finden zu wollen und es dann tatsächlich zu tun sind zwei verschiedene Dinge.“

Die Limousine fuhr nun in eine Einfahrt, und der berühmte rosafarbene Palast baute sich vor ihnen auf.

„Sehr verschiedene Dinge“, murmelte Zara, als das Panikgefühl zurückkehrte.

Im Palast gab es Bedienstete, Wachen und Kostbarkeiten – und das alles in rauen Mengen. Selbst die sonst so muntere Cleo schwieg, als sie durch riesige Räume geführt wurden. Sie sahen Statuen, Brunnen und unzählige Katzen.

Zara hatte von Hassans Liebe zu Katzen gelesen, aber sie hatte nicht erwartet, die Tiere im Palast zu finden. Schließlich kamen sie vor einer großen Tür an. Zara wandte sich an Rafe und hielt ihn am Arm.

„Sie bleiben in der Nähe?“

Diesen Satz brachte sie gerade noch heraus, bevor sie die Wärme seines Körpers spürte. Wieder hatte sie dieses Schwächegefühl, das sie kaum aushielt. Bestens! Nicht nur, dass sie sich in einer ihr völlig fremden Welt befand. Nein, sie fühlte sich auch zum ersten Mal in ihrem Leben von einem Mann körperlich angezogen.

Rafe blickte sie durchdringend an. Sie hoffte nur, dass er nichts von ihrer Reaktion auf ihn merkte. Mitleid oder gar Ablehnung würde sie heute nicht ertragen können.

„Ich bin für Sie verantwortlich, und ich werde da sein. Keine Angst, es wird alles gut gehen.“

„Und wenn nicht?“

Darauf zeigte er ihr ein warmes, freundliches Lächeln, das sie noch mehr erschütterte. Sanft schob er sie zur Tür. Nun gab es kein Zurück mehr.

Sie atmete tief ein und bereitete sich auf eine neue Welt vor. Ihnen war nicht nur ein Zimmer zugeteilt worden, sondern eine ganze Suite. Alles wirkte elegant und großzügig. Durch die großen Fenster blickte man auf das Meer. Kurz dachte Zara, dass das Wasser die Farbe von Rafes Augen hatte.

„Jede von Ihnen hat ein Schlafzimmer“, verkündete eine der Dienstbotinnen und zeigte auf zwei identische Türen an jeder Seite des Wohnzimmers. „Seine Hoheit geht davon aus, dass Sie zusammenwohnen möchten, aber wenn Sie getrennte Räume wünschen, ist das kein Problem.“

„Nein, so ist es bestens“, antwortete Zara. „Das Zimmer ist wunderschön.“

„Wenn Sie mir bitte sagen, welches Gepäck in welches Schlafzimmer kommt.“

Zara wusste, dass es zwecklos war, darauf zu bestehen, ihre Koffer selbst zu tragen. Sie zeigte auf ihre beiden Taschen, die eine zweite Bedienstete in das linke Zimmer brachte. Cleos kamen in das rechte. Zara folgte der Kofferträgerin und fand sich in einem großen Schlafzimmer wieder.

In der Mitte befand sich ein beeindruckendes Bett. Zwei Stufen führten hinauf. Hinter Doppeltüren sah man einen Balkon. Zara entdeckte einen Fernseher mit DVD-Player. In einem Regal befand sich eine große Auswahl an verschiedenen Filmen.

Staunend ging sie ins Bad. Das Sonnenlicht fiel auf den gefliesten Boden und beleuchtete einen großen Spiegel und einen doppelten Waschtisch. In der Dusche konnten fünf oder sechs Personen gleichzeitig duschen. Ein Körbchen bot Shampoos, Lotionen und Seifen der exklusivsten Marken.

Zara drehte sich um und merkte, dass die Bedienstete sie erwartungsvoll ansah. „Es ist überwältigend.“

Die Frau lächelte. „Ich werde dem König berichten, dass Sie zufrieden sind. Sollen wir für Sie auspacken?“

Zara dachte an ihre billigen Kleidungsstücke und die zum Teil verschlissene Unterwäsche. „Nein, danke, wir kommen schon zurecht.“

Darauf verbeugte sich die Frau und verließ mit ihrer Kollegin die Räume. Erst jetzt fiel Zara auf, dass Rafe gar nicht mitgekommen war. Wo steckte er?

„Kannst du das glauben?“, staunte Cleo.

Zara ging ins Wohnzimmer. „Wie ist dein Zimmer?“

„Komm mit. Es ist einfach traumhaft. Wie in einem Film.“

Cleos Zimmer war wie das ihrer Schwester ausgestattet. Sie stieg die beiden Stufen hoch und ließ sich auf das Bett fallen.

„Ich gehe nie mehr nach Hause. Das ist fantastisch. Wenn ich groß bin, möchte ich auch die Tochter eines Königs sein.“

Nun musste Zara lachen. „Warte nur ab, bis du den Harem siehst.“

„Er hat einen Harem?“

„Keine Ahnung. Ich habe nur Spaß gemacht. Darüber habe ich nichts gelesen. Ich weiß nicht, wie alt der Palast ist, aber es wäre schon möglich.“

„Wenn ich den König das nächste Mal sehe, frage ich ihn. Unglaublich, dass ich so rede. Den König sehen. Wie kommt es, dass du so viel Glück hast?“

Darauf wusste Zara keine Antwort. Von der Suite war sie ebenso überwältigt wie ihre Schwester. Dennoch war alles zu ungewohnt, als dass sie sich hätte wohlfühlen können. Gut, dass Cleo bei ihr war.

Als es klopfte, gingen sie ins Wohnzimmer. Zara hoffte schon, dass es Rafe war, aber vor der Tür stand eine Frau. Zara war sprachlos, als sie sie anschaute. Sie hatte fast ihre Größe. Die Form der Augen und des Mundes sowie die hohen Wangenknochen erinnerten sie an ihr eigenes Gesicht. Die Ähnlichkeit war verblüffend, auch wenn die Unbekannte viel attraktiver war. Zaras Magen krampfte sich zusammen.

„Du musst Zara sein“, meinte die junge Frau. „Jetzt weiß ich, warum mein Vater meinte, dass wir Zwillinge sein könnten. Zumindest sieht man, dass wir Schwestern sind.“

Nervös schob Zara ihre Brille zurecht. „Dann bist du Prinzessin Sabra.“

„Nenn mich Sabrina.“ Sie ging an Zara vorbei in die Suite. „Schönes Zimmer. Ich habe gehört, du hast eine Schwester, die gar nicht deine richtige Schwester ist. Stimmt das?“

„Ich bin Cleo.“ Die Blondine ging strahlend auf die Prinzessin zu.

Sabrina drehte sich um. „Nun, jedenfalls gleichen wir beide uns überhaupt nicht. Hat dein Haar wirklich diese Farbe? Es sieht fantastisch aus.“

Cleo griff in ihr kurzes Haar. „Ja, die Farbe ist echt. Eine Zeit lang wollte ich gerne rothaarig sein, aber ein blonder Haaransatz sieht unmöglich dazu aus.“

Zara schloss die Tür. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Hier war ihre Halbschwester, Prinzessin Sabrina, die in ihrer eleganten Kleidung wunderbar aussah. Ihre Hose und die Seidenbluse wirkten sehr teuer, und Zara zupfte verlegen an ihrem einfachen Baumwollkleid. Goldene Ohrringe glänzten im Licht, und an Sabrinas linkem Finger steckte ein prächtiger Diamantring. Sabrina bewegte sich mit einer Anmut, die Zara an ihre Mutter erinnerte. Fiona hatte immer versucht, ihr beizubringen, zu gleiten und nicht zu stampfen. Aber Zara hatte es nie gelernt.

Die drei standen etwas verlegen im Zimmer. Zara wurde das Gefühl nicht los, dass sie die schlechte Kopie eines sensationellen Originals war. Wie immer brachte Cleo das Eis zum Schmelzen.

„Nennen wir dich jetzt Hoheit?“

„Einfach Sabrina.“

„Und du bist wirklich eine Prinzessin?“

„Seit dem Tag meiner Geburt.“ Sabrina ging zu einem Sofa und bat die Schwestern, sich zu ihr zu setzen.

„Du klingst wie eine Amerikanerin“, stellte Cleo fest. „Der König hat einen kleinen Akzent.“

„Ich habe viel in Kalifornien gelebt.“

„Cool, aber jetzt lebst du hier?“

„Ganz in der Nähe.“

Cleo zeigte auf den Diamanten. „Toller Ring.“

„Danke.“

„Gibt es auch einen Mann dazu?“

„Ja, Prinz Kardal. Wir sind seit einem Jahr verheiratet.“

„Ein Prinz und eine Prinzessin. Wie im Märchen. Ich glaube einfach nicht, dass wir hier sind. Alles ist anders als bei uns.“

Sabrina wandte sich an Zara. „Woher kommst du?“

„Washington State, im Nordwesten des Landes.“

„Zara ist Dozentin“, vertraute Cleo der Prinzessin an. „Sie ist wirklich clever. Ich wohne in Spokane, wo ich einen Kopierladen leite.“

„Und jetzt seid ihr in Bahania.“ Die Worte klangen freundlich, nur der Tonfall gefiel Zara nicht ganz.

Hatte Sabrina etwas dagegen, dass ihre Halbschwester jetzt hier war? Dumme Frage, natürlich! Schließlich war sie eine völlig Fremde, die behauptete, die Tochter von König Hassan zu sein.

„Für uns alle ist die Situation neu“, sagte Zara nachdenklich. „Ich weiß nicht, was der König dir berichtet hat.“

„Er sagte, dass du kürzlich Briefe gefunden hast, die er deiner Mutter geschrieben hatte. Offensichtlich haben sie sich sehr geliebt.“

Sabrina lächelte, aber das Lächeln erreichte nicht ihre Augen. Zara fühlte sich verlegen und unwillkommen. Sabrina verkörperte alles, was sie nicht war: elegant, schön und gut gekleidet. Zara erinnerte sich an die Tanzstunden, bei denen sie über ihre eigenen Füße gestolpert war. Irgendwann hatte Fiona aufgegeben, ihrer Tochter beizubringen, graziös zu wirken.

„Was ich nicht verstehe, ist, wie ihr beiden Schwestern geworden seid.“

„Das geschah so“, begann Cleo und erzählte die Geschichte.

Zara hörte kurz zu und ging dann auf den Balkon. Von dort sah sie die Stadt und das Meer. Sie lehnte sich an ein Geländer aus Metall und genoss den Duft exotischer Pflanzen und den Geruch des Meeres.

Trotzdem wäre sie lieber zu Hause. Endlich hatten sich ihre Wünsche erfüllt, aber sie hatte Angst vor den Konsequenzen.

Sie schloss die Augen und nahm die Wärme in sich auf. Da hörte sie hinter sich ein Geräusch. Bevor sie sich umdrehen konnte, erklang eine vertraute Stimme, die sie ganz unruhig machte.

„Möchten Sie reden?“

5. KAPITEL

Rafe stand in der Tür ihres Nachbarzimmers. Sofort schienen ihre Beine nachzugeben, und ihr Herz schlug im Takt eines Cha-Cha-Cha. Er hatte sein Jackett ausgezogen und die Krawatte gelockert. Warum trieb der Anblick dieses Mannes eine vernünftige Frau wie sie in ein solches Gefühlschaos?

„Sind wir Nachbarn?“, fragte sie mit heiserer Stimme.

„Als Ihr Leibwächter muss ich in der Nähe sein.“

Bildete sie sich das ein, oder klangen seine Worte wie ein Schnurren? Wahrscheinlich wurde sie schon von den Katzen im Palast beeinflusst.

„Es tut mir leid, dass Sie umziehen mussten.“

„Kein Problem. Richten Sie sich ein?“

„Ja, die Suite ist riesig. Allein das Bad hat mehr Quadratmeter als mein Haus. Alles ist wunderschön.“

Sie blickte auf das Wasser. Als Rafe zu ihr kam, bemühte sie sich, nicht zu viel in seine Handlungen hineinzuinterpretieren. Ein Mann wie er konnte unmöglich an ihr interessiert sein. Und wenn die Gefahr bestand, dass sie sich dennoch dieser Illusion hingab, musste sie nur an Jon denken.

„Aber begeistert klingen Sie dennoch nicht. Haben Sie Bedenken?“

„Unzählige.“

„Schließlich wollten Sie Ihren Vater finden.“

„Das stimmt, und ich sollte jetzt nicht alles infrage stellen, sondern dankbar sein.“

„Vielleicht. Zumindest hat er sich gefreut, Sie zu sehen.“

„Na ja. Ich hatte den Eindruck, dass es ihm mehr um Fiona denn um mich ging.“ Sie zeigte auf das Wasser. „Schauen Sie nur diesen Ausblick.“

„Ja, der Palast steht auf einem großartigen Gelände. Wenigstens handelt Ihr Vater nicht mit gebrauchten Kamelen.“

Trotz ihrer Verwirrung musste sie lächeln. „Ich glaube nicht, dass es so etwas gibt.“

Auch er lächelte. „Doch, der Handel mit Kamelen ist ein blühendes Geschäft.“

Nun tanzte ihr Herz einen Tango.

„Was machen Sie als Amerikaner in Bahania?“

„Ich arbeite als Sicherheitsberater für Prinz Kardal.“

„Und was macht man so als Sicherheitsberater?“

„Meine Arbeit würde Ihnen sicher langweilig erscheinen.“

Das bezweifelte sie, aber sie wollte nicht nachfragen. Wahrscheinlich hielt Rafe sich aus gutem Grund mit Informationen zurück.

„Ich habe Prinzessin Sabrina getroffen. Sie freundet sich gerade mit Cleo an.“

„Ihre Schwester ist sehr nett.“

„Ja. Ich bin die kluge, und sie ist die witzige, bewundernswerte und mit viel Sex-Appeal ausgestattete Schwester. Sie wird die männlichen Familienmitglieder alle um den Finger wickeln. Na ja, dann werden sie wenigstens nicht auf mich achten.“

„Keine Sorge. Man wird Sie schon bemerken.“

Zara schüttelte den Kopf. „Es ist für mich eine Qual, viele Menschen auf einmal kennenzulernen. Nie kann ich mir die Namen merken, und ich glaube kaum, dass die Mitglieder der königlichen Familie Namensschilder tragen werden.“

„Wahrscheinlich nicht, aber es gibt doch Entschädigungen. Schauen Sie sich nur den Palast an.“

„Wohlstand bedeutet mir nichts.“

„Fast glaube ich Ihnen.“

Als sie ihn anschaute, merkte sie, dass er die Wahrheit sprach.

„Ich dachte, über das Thema seien wir hinweg? Oder sind Sie immer noch der Meinung, dass ich das alles hier inszeniere, um Geld herauszuschlagen?“

„Zu hundert Prozent bin ich noch nicht überzeugt.“

„Sagen Sie mir, wenn Sie so weit sind.“

„In Ordnung.“

Zara ging zu einer Bank, die zwischen den Türen zu den Zimmern stand. „Wird jeder denken, dass ich eine Person bin, die nur auf Geld aus ist?“

„Der König ist nicht dieser Meinung, und was er denkt, ist allein entscheidend.“

Nur dass dies nicht für Zara galt. Ihr war mehr daran gelegen, dass auch Rafe einen guten Eindruck von ihr hatte.

„Wenigstens bekommt mein Leben durch diese Situation mal einen neuen Blickwinkel.“

„Ist es nicht aufregend, eine Prinzessin zu sein?“

„Nein“, sagte sie, ohne zu überlegen. „Es ist unmöglich.“

Cleo würde die Chance nutzen. Sie war die Charmante, der jeder, vor allem die Männer, zu Füßen lag. Sie hatte eher die Persönlichkeit einer Prinzessin. Zara rieb sich die schmerzenden Schläfen. Sie dagegen war schüchtern, verlegen im Umgang mit Fremden und hatte mit Männern nur schreckliche Erlebnisse gehabt. In den letzten Jahren hatte sie mehr als einmal überlegt, ob mit ihr etwas nicht stimmte.

„Zara?“

Sie blickte auf und sah, dass Rafe sich ans andere Ende der Bank gesetzt hatte. Nun rückte sie zu ihm. „Es wird niemals klappen. Ich bin einfach kein Prinzessinnen-Typ. Über Bahania und seine Sitten weiß ich fast gar nichts. Ich bin nicht scharfsinnig oder hübsch, sondern unterrichte an einem College, von dem noch nie jemand gehört hat. Für mich ist ein Freitagabend schon aufregend, wenn ich mir allein ein Basketballspiel anschaue. Dass ein Mann mich ausführt, ist schon lange her. Viele halten mich für altmodisch, ja gar verrückt, weil ich immer noch Jungfrau bin. Was die jetzt von mir denken würden?“

Die Worte verklangen in der Hitze des Nachmittags. Zara hoffte, dass sie nicht wirklich laut gesprochen hatte. Leider zeigte ihr Rafes erstaunter Gesichtsausdruck, dass sie vergebens hoffte.

Nun fühlte sie sich gedemütigt. Ihre Wangen brannten, und sie stand auf.

„Vergessen Sie das besser“, murmelte sie, als er ihren Arm berührte.

„Denken Sie bloß nicht daran, jetzt wegzugehen.“

Zara setzte sich wieder und senkte den Kopf. „Ich habe es nicht so gemeint.“

„Was?“

„Alles.“

„Da seid ihr ja.“

Dankbar für die Unterbrechung, schaute Zara auf. Sabrina war auf den Balkon gekommen. Rafe stand sofort auf, und Sabrina warf ihm einen Blick zu.

„Bitte“, meinte sie lächelnd. „Warum auf einmal so formell?“

„Wir sind hier an einem anderen Ort.“

Sabrina seufzte. „Wem sagen Sie das?“ Sie wandte sich an Zara, die neben ihr stand. „Ich wollte euch sagen, dass du und Cleo morgen Abend zu einem offiziellen Essen eingeladen seid. Mein Vater bewirtet einige Honoratioren, und meine Brüder werden auch dabei sein. Bei dieser Gelegenheit kannst du die Familie kennenlernen.“

Zara konnte kaum atmen. „Ein offizielles Abendessen“, stotterte sie. „Das ist sicher keine gute Idee.“

„Tut mir leid, aber der König besteht darauf.“ Sabrina sah gar nicht bekümmert aus. „Mach dir keine Sorgen. Du musst nichts weiter tun, als dich zu zeigen und mit einigen Gästen zu plaudern.“

„Aber meine Anwesenheit ist unpassend, denn wir wissen doch nicht sicher, ob ich wirklich seine Tochter bin.“

„Der König wünscht ausdrücklich, dass du mit Cleo bei dem Essen dabei bist. Wenn du das nicht willst, solltest du mit ihm darüber reden.“

„Keine gute Idee“, warf Rafe ein, als ob er wirklich glaubte, dass sie die Einladung des Königs nicht annehmen würde.

Obwohl sie sich an frischer Luft befand, hatte sie das Gefühl, von Mauern umschlossen zu werden. „Ich habe gar nichts zum Anziehen.“ Oder nicht die Mittel, um etwas Passendes zu kaufen. Aber hatte man nicht deswegen Kreditkarten erfunden? „Können Cleo und ich irgendwo in der Nähe einkaufen gehen?“

Sabrina seufzte. „Ich könnte dir etwas leihen. Du bist größer und schlanker, was mich ein wenig ärgert, aber ich werde darüber hinwegkommen. Ich schau mal, was ich finden kann.“

Zara wusste nicht, ob die Prinzessin scherzte. Sie hatte das Gefühl, dass Sabrina sie nicht mochte. Aber warum? War es ihr bereits gelungen, jemanden durch ihre bloße Anwesenheit zu verärgern?

„Du bist sehr freundlich“, bemerkte Zara.

„Schon gut. Obwohl es keine offizielle Erklärung zu deiner Person geben wird, werden die Leute sicher unsere Ähnlichkeit feststellen. Stell dich also darauf ein, im Mittelpunkt des Interesses zu stehen. Niemand wird dich direkt darauf ansprechen, aber man wird Andeutungen machen.“

Danach lächelte sie und ging hinein. Zara setzte sich wieder auf die Bank. „Warum hasst sie mich?“

Eigentlich hatte sie von Rafe erwartet, dass er ihre Vermutung wegwischen würde, aber als er nicht sofort antwortete, schaute sie ihn an. Er steckte die Hände in die Taschen und sah unbehaglich aus.

„Sie hasst Sie nicht direkt.“

„Was heißt das?“

„Das ist eine lange Geschichte.“

„Bis morgen habe ich keine dringenden Termine.“

Rafe setzte sich wieder neben sie. „Sabrinas Eltern haben ziemlich überstürzt geheiratet. Als sie geboren wurde, gab es schon Probleme in der Beziehung. Die Scheidung erfolgte bald darauf, und als ihre Mutter bat, Bahania mit Sabrina verlassen zu dürfen, stimmte der König zu. Sie verbrachte das Schuljahr mit ihrer Mutter in Kalifornien und die Sommerferien hier.“

„Moment. Was heißt, die Mutter bat, Bahania verlassen zu dürfen?“

„Gemäß den Gesetzen von Bahania müssen die Kinder der königlichen Familie innerhalb der Grenzen dieses Landes erzogen werden. Diese Vorschrift ist nicht ungewöhnlich. In El Bahar gilt das gleiche Gesetz. So stellt die Monarchie sicher, dass die Thronfolger ihr eigenes Land und das Volk auch wirklich kennen.“

Das konnte Zara nachvollziehen. „Sabrina stand also als Kind zwischen beiden Ländern. Warum ist das so schlecht?“

„Nie zuvor durfte ein Prinz oder eine Prinzessin das Land verlassen. Es schien so, als ob Hassan sich nicht genügend für seine Tochter interessierte, um sie in seiner Nähe haben zu wollen.“

Das gefiel Zara überhaupt nicht. „Vielleicht hing er doch an ihr. Vielleicht liebte ihre Mutter sie so sehr, dass …“

Rafe unterbrach sie mit einem Kopfschütteln. „Keiner von Sabrinas Eltern war wirklich an ihr interessiert. Ihr ganzes Leben lang wurde sie hin und her geschoben und war immer von Kindermädchen und Dienstboten umgeben. Sie ist eine intelligente Frau, die eine hervorragende Schülerin war, aber ihren Eltern fiel das gar nicht auf. Der Lebenswandel ihrer Mutter war recht unstet, und die Presse vermutete das Gleiche von Sabrina, obwohl es nicht stimmte. Schließlich hat ihr Vater eine Ehe für sie arrangiert, ohne sie zu fragen. Das gab ihr den Rest.“

„Was ist passiert?“

Er zögerte. „Sie ist weggelaufen, aber alles hat sich zum Guten gewendet. Sie heiratete Prinz Kardal, mit dem sie sehr glücklich ist. Mit ihrem Vater hat sie sich erst kürzlich versöhnt.“

„Nach ungefähr zwanzig Jahren haben sie einen Weg zueinandergefunden, aber sie ist noch immer verärgert. Jetzt tauche ich aus dem Nichts auf und werde mit offenen Armen empfangen.“

„Genau.“

„Ich bin noch nicht einmal drei Stunden im Palast und habe schon eine Feindin. Was kommt als Nächstes?“

Rafe traf Prinz Kardal im Sicherheitsbüro, wo er Pläne studierte.

Wie die meisten modernen Herrscher trug Prinz Kardal kein traditionelles Gewand, sondern einen Anzug. In seinem Land befolgte er die alten Sitten, aber nicht während eines Staatsbesuches, noch dazu bei seinem Schwiegervater.

Der große dunkelhaarige Prinz warf die Pläne auf den Tisch. „Technologie ist so teuer. Ich vermisse die Zeiten, als wir noch auf Kamelen durch unser Land reisten.“

Rafe lachte. „Kardal, du bist kaum dreißig und zu jung, um dich noch an diese Zeiten zu erinnern.“

Der Prinz grinste. „Vielleicht.“ Er streckte sich. „Ich weiß, warum du gekommen bist.“

„Das denke ich mir. Hast du schon von Zara gehört?“

„Heißt sie so?“

„Ja, Zara Paxton. Sie ist eine Collegedozentin aus einer Kleinstadt bei Idaho.“

„Ist sie wirklich Hassans Tochter?“

„Wahrscheinlich. Aber um sicher zu sein, müssten Bluttests gemacht werden. Momentan jedoch kann er kaum logisch denken, weil er so aufgeregt ist. Du kennst ihn ja.“

„Das stimmt. Hat Sabrina sie schon getroffen?“

„Vor ungefähr einer Stunde.“

„Über die Begeisterung ihres Vaters kann sie sich sicher nicht freuen.“

„Nein. Er hat mich gebeten, Zara als Leibwächter zu schützen.“

Lange sagte Kardal nichts, aber dann lachte er.

Rafe rückte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. „Ja, superwitzig. Danke für die Unterstützung.“

Kardal entschuldigte sich nicht, sondern lachte noch weiter. „Wie ist sie denn so?“

„Ängstlich.“ Er dachte an Zaras hübsches Gesicht und ihren fragenden Blick. „Sie ist überwältigt von allem. Sie hatte sich das, glaube ich, alles auch etwas langsamer vorgestellt. Nicht gleich die Palastnummer und das ganze Trara.“

Rafe konnte nicht glauben, dass er sich um sie sorgte. Was war los mit ihm? Er war gar kein guter und uneigennütziger Mensch!

„Magst du sie?“, wollte Kardal wissen, als ob er Gedanken lesen könnte.

„Ich kenne sie noch nicht.“

„Du weißt, was ich meine.“

Das stimmte. Sein Boss wollte wissen, was sein Instinkt sagte. Konnte er ihr trauen?

„Sie ist in Ordnung“, gab er widerstrebend zu.

„Hoffentlich verdreht ihr so viel Lob nicht den Kopf“, neckte Kardal. „Also sollst du den Schatz des Königs bewachen. Bis wir zur „Stadt der Diebe“ zurückkehren, bleiben uns noch drei Wochen. Ich kann dich so lange entbehren, wenn du den Wunsch des Königs erfüllen willst.“

„Wir beide wissen, dass es kein einfacher Wunsch ist.“

„Du unterstehst nicht seinem Befehl und kannst ihm auch Nein sagen.“

„Das glaube ich weniger.“

Mir sagst du so was ständig.“

„Mir dir kann man argumentieren, aber Hassan reagiert nicht wie ein König, sondern wie ein Vater. Ich möchte ihn nicht ausgerechnet jetzt verärgern, da wir die gemeinsame Luftwaffe planen.“

Kardal schmunzelte schon wieder. „Der starke Jäger wird also eine Frau bewachen. Hoffentlich hält dein Stolz das aus.“

Über seinen Stolz machte Rafe sich keine Sorgen, er hatte schon weitaus schlimmere Pflichten erfüllt. Was ihn viel mehr beunruhigte, war, dass er sich von Zara angezogen fühlte. Durch sie wusste er wieder, wie es war, eine Frau zu begehren. Nur dass diese Frau völlig außer Reichweite war. Sie stand nicht nur unter seinem Schutz, sondern war die Tochter des Königs. Und dazu noch Jungfrau. Er konnte es immer noch kaum glauben, dass sie diese Tatsache ausgeplaudert hatte. Wenn sie die Wahrheit sagte und er seinen Kopf behalten wollte, dann musste er sich nur auf den Job konzentrieren. Und nur darauf.

Irgendwann nach Mitternacht erwachte Zara. Sie wunderte sich, dass sie bei ihren vielen Gedanken überhaupt eingeschlafen war. Als sie die Augen öffnete, erwartete sie zuerst, wieder in ihrem Hotel oder sogar in ihrem Schlafzimmer in Washington State zu sein. Stattdessen blickte sie auf unbekannte luxuriöse Möbel.

Sie war also wirklich im königlichen Palast von Bahania. Nun stellte sie sich wieder tausend Fragen, und an Schlaf war nicht mehr zu denken. Sie zog sich einen Morgenmantel an, nahm ihre Brille und stieg aus dem Bett. Sie öffnete die Tür zum Balkon und trat in die Dunkelheit hinaus. Es duftete wunderbar nach den unzähligen Blumen im Garten.

Selbst die Sterne sahen hier anders aus.

„Sie sehen besorgt aus, Zara.“

Rafes Stimme erklang aus seinem Zimmer. Zara sollte schockiert oder ärgerlich sein, aber sie freute sich über seine Gesellschaft.

Er kam auf sie zu, und sie stellte fest, dass er nun Jeans und ein T-Shirt trug. Sein blondes Haar wirkte zerzaust, als ob er geschlafen hätte. Er war barfuß, und ihr wurde warm bei dem Gedanken, dass sie beide im Bett gewesen waren. Unter ihrem Nachthemd trug sie nur einen Slip, und obwohl sie auch noch in den Morgenmantel gehüllt war, fühlte sie sich diesem Mann gegenüber entblößt.

Eine vernünftige Frau wäre wieder in ihr Zimmer gegangen. Und Zara war vernünftig. Normalerweise.

Sie ging auf Rafe zu. „Ich konnte nicht schlafen. Wahrscheinlich vor lauter Aufregung.“

„Das kann ich gut verstehen. In weniger als vierundzwanzig Stunden hat sich Ihr Leben komplett verändert.“

War wirklich nur ein Tag vergangen? Ihr kam es vor, als würde sie Rafe schon länger kennen.

Er deutete auf die Bank, auf der sie am Nachmittag gesessen hatten. „Kommen Sie, ich erzähle Ihnen eine Gutenachtgeschichte.“

Sie setzten sich, und Zara war sich Rafes Nähe nur allzu bewusst. In der Dunkelheit wirkten seine Augen viel dunkler und abgründig. Zara betrachtete sein markantes Kinn, auf dem sich einige Bartstoppeln zeigten.

„Wer sind Sie?“, fragte sie. „Heute Morgen trugen Sie arabische Kleidung und hatten ein Gewehr bei sich. Sie kennen den König so gut, dass sie leicht einen Termin bei ihm bekommen. Obwohl Sie Amerikaner sind, fühlen Sie sich hier wohl.“

„Ich erfülle nur meinen Job. Im Moment bedeutet das, Sie zu beschützen.“

„Sie wissen genau, was ich meine.“

„Das stimmt, aber ich werde Ihnen keine Antwort geben.“

„Weil ich ein Sicherheitsrisiko bin?“

„Das weiß ich noch nicht. Aber bevor ich nicht sicher bin, werde ich keine Staatsgeheimnisse ausplaudern.“

„Kennen Sie denn welche?“

Seine Zähne leuchteten, als er lächelte. „Nur wie man aus Stroh Gold gewinnt.“

„Das ist ein bedeutendes.“

Kurz berührte er ihre Schulter. „Nehmen Sie es nicht persönlich. Wenn Sie lange genug hier sind, werden Sie herausfinden, wer ich bin und was ich tue. Im Moment reicht es, wenn Sie wissen, dass ich normalerweise für Sabrinas Mann arbeite.“

„Können Sie mir denn wenigstens sagen, was Sie vorher gemacht haben?“

„Ich arbeitete einige Jahre bei einer privaten paramilitärischen Organisation. Sie hatten einen Vertrag mit der Regierung, und man kümmerte sich um Dinge, die nicht offiziell genehmigt werden durften.“

„Dinge?“

Sein Lächeln verschwand. „Lassen Sie Ihrer Fantasie freien Lauf. Kleine Kriege, Aufspüren von Terroristen, Verhinderung von Entführungen.“

Er sprach so sachlich, als hätte er einer Gruppe von Kindern geholfen, die Straße zu überqueren. Zara wusste, dass hinter seiner Arbeit viel mehr steckte. Was er getan hatte, war sicher gefährlich gewesen – ganz anders als ihr ruhiges akademisches Leben.

„Und davor?“

„War ich bei der Armee. Ich erhielt ein Stipendium für das College und diente dann zehn Jahre lang meinem Vaterland.“

Sie blickte auf sein kurzes Haar und seine aufrechte Körperhaltung und konnte ihn sich gut in Uniform vorstellen.

„Von der Armee bis nach Bahania ist es ein weiter Weg. Fehlt sie Ihnen?“

„Die Armee oder die Heimat?“

„Beides.“

„Manchmal. Um in der Armee Karriere zu machen, war ich zu rebellisch. Ich stieg aus, als mich alle für einen Helden hielten. Und was die Heimat angeht – nun, manche Orte würde ich gern wiedersehen. Aber es gibt nicht das Zuhause, nach dem ich mich sehne, denn ich bin immer umhergezogen. Ein Vagabund.“

Das klang vertraut. Sie wusste gar nicht, wie oft sie mit Fiona umgezogen war. „Was ist mit Familie?“

„Es gibt keine.“

Irgendwo musste er eine Familie haben, aber ihre Erfahrung mit Cleo hatte sie gelehrt, dass Menschen über manche Dinge nicht reden wollten.

War er verheiratet?

Diese Frage stellte sie sich, aber sie sprach sie nicht laut aus, weil sie damit ein Interesse bekunden würde, das sie nicht zugeben wollte.

„Kinder?“, fragte sie stattdessen.

Rafe drehte sich zu ihr und legte einen Arm hinter sie auf die Bank. Fast stockte Zara der Atem.

„Ich bin nicht verheiratet.“

Nach dieser Antwort errötete Zara, aber da es dunkel war, störte es sie nicht zu sehr. Oder war er ein Mann, der an einer Frau alles bemerkte?

„Nach einer Frau hatte ich nicht gefragt“, stellte sie klar.

„Natürlich nicht.“ Wieder lächelte er. „Erzählen Sie mir doch von Ihrem Leben, bevor Sie Prinzessin wurden.“

Fast hätte sie ihre Situation vergessen, aber jetzt fiel ihr alles wieder ein.

„Cleo hat Ihnen ja bereits erzählt, dass ich an einer Universität in Washington State Frauenforschung unterrichte.“

„Was ist mit Ihrer Mutter?“

Nun änderte sich Zaras Gesichtsausdruck. Ihre Verlegenheit war verschwunden, und stattdessen schien sie so von Liebe erfüllt, dass Rafe fast wegschauen musste.

„Sie war erstaunlich. Wunderschön und begabt. Jahrelang arbeitete sie als Tänzerin. Nach meiner Geburt gab sie Tanzunterricht und später führte sie Regie in einem Theater.“

„Sehen Sie ihr ähnlich?“

„Nein.“ Sie zog die Knie an die Brust, war aber darauf bedacht, dass das Nachthemd jeden Zentimeter Haut bedeckte. „Ich bin zwar groß und schlank wie sie, aber sie hatte Kurven, die mir fehlen. Außerdem war sie sehr anmutig. Ich hingegen werfe meistens etwas um, wenn ich mich in einem Zimmer bewege.“

Rafe lachte leise. „Und Ihre Kindheit?“

„Wir zogen häufig um, weil meine Mutter nicht an einem Ort verweilen konnte. Vielleicht wollte sie verhindern, dass König Hassan sie aufspürte, ich weiß es nicht. Aber es gefiel ihr, an verschiedenen Orten zu sein. Wenn es nach ihren Wünschen gegangen wäre, hätte sie sicher gern einer Tanzgruppe angehört, die nur unterwegs war.“

„Aber das ging nicht, denn sie hatte ein Kind.“

Zara nickte, und ihr langes welliges Haar bewegte sich leicht. Rafe hätte gern gefühlt, ob es so weich war, wie es aussah. Er wollte den Duft ihres Haares einatmen, ihres Körpers, und jeden Zentimeter von ihr kosten …

Diese Gedanken sollte er schnellstens verdrängen. Zara unterstand seiner Verantwortung, und er durfte seinen Trieben nicht nachgeben, egal wie stark sie waren.

„Sie wollte wirklich sesshaft sein, aber es lag ihr nicht im Blut. Für mich war es hart, überall die Neue zu sein. Freundschaften zu schließen fiel mir schwer. Deshalb vertiefte ich mich in meine Bücher und verbrachte irgendwann die meiste Zeit in Büchereien.“

Eine einsame Welt. Das konnte er nachempfinden.

„Was war mit Tanzstunden? Hat Ihre Mutter Ihnen keinen Unterricht erteilt?“

Zara lachte. „Sie war eine wunderbare Lehrerin, aber ich bin wirklich ein Trampel. Eine Zeit lang betrachtete meine Mutter es als persönliche Beleidigung, dass ihr eigenes Fleisch und Blut nicht einmal die einfachsten Schritte nachvollziehen konnte. Schließlich gab sie auf und quälte uns beide nicht mehr.“

„So schlimm war es sicher nicht.“

„Es war schrecklich. Cleo konnte besser tanzen, aber sie hatte kein großes Interesse daran.“

„Wie kam Cleo zu Ihnen?“

„Cleo macht immer Witze darüber, dass man sie wie ein Hundebaby von der Straße aufgesammelt hätte. Leider ist es nicht allzu weit von der Wahrheit entfernt. Genaues weiß ich nicht, weil ich zu der Zeit erst vierzehn war und die Zusammenhänge nicht kannte. Damals gab es einen Engpass im Pflegesystem, das heißt, es gab zu wenige Familien für zu viele Kinder. Man appellierte an die Öffentlichkeit, und meine Mutter dachte, es wäre nett, wenn ich eine jüngere Schwester hätte. Eines Tages war Cleo bei uns.“

Sie lächelte bei der Erinnerung daran. „Zuerst verstanden wir uns gar nicht. Sie war damals zehn und hasste die ganze Welt. Ihren Vater hatte sie nie kennengelernt, und ihre Mutter war drogenabhängig. Cleo wuchs in Heimen und auf der Straße auf. Sie hat Essen gehortet und nicht geredet. Nachts weinte sie sich in den Schlaf. Als wir das nächste Mal umzogen, nahmen wir Cleo einfach mit. Eine formelle Adoption gab es nie. Irgendwann kamen wir beide uns näher. Wir hatten zwar nicht viel gemeinsam, aber wir wurden die besten Freundinnen.“

„Hat man sich von offizieller Stelle aus nie nach ihr erkundigt?“

„Eigentlich nicht. Ich weiß nicht genau, was passiert ist. Ob ihre Dokumente verloren gingen oder ob man uns nicht finden konnte. Als Cleo vierzehn war, lebten wir in Arizona, danach in Kalifornien. Fiona starb, als ich zwanzig und Cleo sechzehn war. Wir blieben zusammen und bemühten uns, keine Aufmerksamkeit zu erregen, weil wir Angst hatten, dass das Jugendamt Cleo aufspüren würde. Glücklicherweise hat niemand etwas herausgefunden.“

„Haben Sie sie aufgezogen?“

Zara lachte. „Cleo wäre sicher ärgerlich, wenn sie das hören würde. Sie war schon sehr erwachsen und stand mehr im Leben, als ich es je getan hatte. Wir lebten zusammen und passten aufeinander auf.“

„Dann waren Sie doch schon auf dem College.“

„Ja. Fiona hatte eine Versicherung abgeschlossen, was uns überraschte. Normalerweise kümmerte sie sich um solche Details nicht. Die Summe reichte aus, um meine und Cleos Ausbildung zu finanzieren. Cleo wollte jedoch nicht studieren, sondern gleich arbeiten.“

Zu dieser Welt hatte Rafe keinen Bezug. Irgendwann hatte er sicher auch einmal mit Eltern in irgendeinem Vorort gelebt, aber er konnte sich nicht erinnern. Er wusste nur, dass er immer alleine war.

„Und Ihr Wunsch war es immer zu unterrichten?“

„Nein. Anfangs wusste ich nicht, was ich tun sollte“, gab sie zu. „Da bekam ich die Möglichkeit, an einem Projekt teilzunehmen, bei dem die höheren Semester die jüngeren Studenten unterrichteten. Es war meine erste Erfahrung, vor einer Gruppe aufzutreten. Erst war ich nervös, aber später gefiel es mir.“

Er fragte sich, wie viele ihrer Studenten sich in sie verliebt hatten.

Sie blickte auf das Meer. „Ich lebe in einer ländlichen Gegend. Wir haben keinerlei Abwechslung, die nächstgrößere Stadt ist mehr als hundert Kilometer entfernt. Es gibt keinen Ort, der sich mehr von Bahania unterscheiden könnte als mein Zuhause.“

„Oder vom Palast“, erinnerte er sie.

„Daran darf ich gar nicht denken. Ich habe keinerlei gesellschaftlichen Fähigkeiten und wurde auch nie in Diplomatie oder so etwas in der Art ausgebildet. Was passiert, wenn ich eine wichtige Person verletze und ein internationales Chaos auslöse?“

„So schnell geschieht das nicht. Es besteht eher die Gefahr, dass ein Scheich sich in Sie verliebt und Sie entführt.“

„Sicher, das ist sehr wahrscheinlich. Sollten Sie als mein Leibwächter das nicht verhindern?“

„Ich werde mein Bestes geben.“

Das entsprach der Wahrheit. Ebenso stimmte es, dass er sie am liebsten selbst entführen würde. Ein paar Wochen auf einer einsamen Insel würden sicher dazu beitragen, seine Bedürfnisse zu stillen. Rafe betrachtete Zaras zartes Profil und wunderte sich, warum diese Frau ihn so berührte. Welche Kombination von Düften und optischen Reizen führte dazu, dass er sein oberstes Gebot vergaß, sich nie mit jemandem einzulassen, der nicht zum Spiel gehörte. Dass sie noch unberührt und Tochter des Königs war, sollte ihn erst recht von allem abhalten.

„Wo wir gerade von Scheichs reden. Warum trugen Sie heute ein arabisches Gewand?“

Diese Frage wollte er nicht beantworten, deshalb stellte er jene, die ihn schon den ganzen Abend umtrieb. „Warum sind Sie noch Jungfrau?“

6. KAPITEL

Mit einem Ruck richtete Zara sich auf. „Wie bitte?“ Ihr wurde ganz heiß, und sie war dankbar für die Dunkelheit. „Das ist eine rein persönliche Angelegenheit, über die ich mit Ihnen sicher nicht reden werde.“

Rafe wirkte absolut nicht eingeschüchtert durch ihre Reaktion. „Sie haben schließlich damit angefangen“, erinnerte er sie. „Diese Information vergisst ein Mann nicht so schnell.“

„Das sollten Sie aber tun, denn es geht Sie nichts an.“

Es sei denn, er wollte sich darum kümmern.

Ein Gefühl der Anspannung machte sich in Zara breit. Was wäre, wenn Rafe sie attraktiv fände? Diesen Gedanken verdrängte sie jedoch sofort wieder. Eine Frau wie sie durfte nicht von jemandem wie Rafe träumen.

„Kommen Sie, Zara. Sie können es mir sagen. Wie konnte eine sexy Frau wie Sie die vielen Professoren abwimmeln?“

Er hielt sie für sexy? Wahrscheinlich war er nett zu ihr, weil das sein Job war. Wenn Rafe an einer der Paxton-Schwestern interessiert war, dann würde er sich für Cleo entscheiden. Cleo war schon von Männern umschwärmt worden, als sie gerade vierzehn war. Während ihre Schwester heiß begehrt war, verbrachte Zara die Wochenenden alleine.

„Es gab weniger Annäherungsversuche, als Sie glauben.“

„Das kann nicht sein.“

Da starrte sie ihn wütend an. „Wollen Sie sich über mich lustig machen?“

„Nein, ich möchte Sie verstehen.“

Sie stand auf und ging ein paar Schritte.

„Ich hatte nie viel Glück mit Männern“, begann sie. „Ich war zu groß, zu intelligent und zu dünn. Dazu kamen die vielen Umzüge, sodass ich nie einen Ort fand, wo ich dazugehörte. In der Highschool hatte ich nie einen Freund, und auch auf dem College lernte ich nur zögernd Männer kennen. Als ich mich endlich mit einigen angefreundet hatte, starb meine Mutter. Dann musste ich damit fertig werden, und Cleo zog zu mir. Wir trauerten um Fiona und hatten Angst, dass Cleo entdeckt wurde. Dadurch wurden jegliche Beziehungen im Keim erstickt. Wollen Sie noch mehr hören?“

„Auf jeden Fall.“

Sie wollte ihn nach dem Grund seines Interesses fragen. Wahrscheinlich war er einfach nur höflich. Sicher könnte sie sich entschuldigen und in ihr Zimmer gehen, aber es gefiel ihr, mit Rafe zu reden.

„Wir zogen nach Washington State, wo ich meine Studien wieder aufnahm. Dort lernte ich einige Männer kennen, aber es gab niemand Besonderen. Bis ich Jon traf.“

Rafe streckte die Beine aus. „Warum gefällt mir dieser Kerl nicht?“

Zara lächelte. „Er war nett, charmant und lustig und arbeitete am College. Wir verstanden uns sehr gut.“ Sie zögerte, weil sie Rafe nicht erzählen wollte, dass es keine Leidenschaft zwischen ihr und Jon gegeben hatte. Jedenfalls nicht auf seiner Seite. „Er hat mich verändert“, sagte sie stattdessen. „Ich kann es nicht erklären. Er schlug mir vor, wie ich mich besser kleiden konnte, damit ich mich hübscher fühlte.“

Nun starrte Rafe sie an. „Ein Mann beriet Sie in Kleiderfragen? Ich nehme an, dass es nicht darum ging, dass Sie sie ausziehen sollten.“

„Natürlich nicht. Nie …“ Sie drückte die Lippen aufeinander. „Wir haben nicht, Sie wissen schon.“

„Sie waren kein Liebespaar.“

„Nein, das waren wir nicht, aber uns verbanden viele Dinge, sodass ich Jons Heiratsantrag annahm.“

Rafe sprang auf. „Sie haben den Typ geheiratet?“

„Eigentlich nicht.“

Er kam an das Geländer und stellte sich neben sie. Der Mann war einfach zu groß, und sie musste den Kopf zurücklegen, um ihn anzusehen.

„Wir waren eine Zeit lang verlobt.“

„Wie lange?“

„Zwei Jahre.“

„Zwei Jahre!“, rief er aus. „Soll das ein Witz sein? Sie waren zwei Jahre mit dem Kerl verlobt und haben nicht einmal mit ihm geschlafen?“

„Wir wollten warten.“

„Worauf? Auf besseres Wetter?“

„Manche Menschen glauben an das Sakrament der Ehe.“

Rafe schüttelte den Kopf. „Heute Nachmittag beklagten Sie sich noch, dass Sie nie die Chance auf Sex hätten, wenn Sie Prinzessin wären. Das klingt nicht gerade nach dem ‚Sakrament der Ehe‘.“

„Okay. Vielleicht war ich damit ja nicht einverstanden, aber ich konnte den Mann doch nicht zwingen. Damals war ich fast siebenundzwanzig, und ich wollte endlich einmal wissen, worüber alle so viel Aufhebens machten.“

„Haben Sie den Trottel zur Rede gestellt?“

„Nein. Drei Wochen vor der Hochzeit erklärte Jon, dass er unsere Verlobung lösen wollte. Er hatte mit einigen Dingen zu kämpfen, die er nicht mehr verdrängen konnte.“

„Der Kerl war schwul, stimmt’s?“

„Woher wissen Sie das?“

„Er hat Ihnen bei der Auswahl Ihrer Kleidung geholfen. Die meisten Männer können sich selbst nicht mal richtig anziehen, und wenn es komplizierter wird als ein dunkelblauer Anzug oder Jeans, dann versagen sie völlig. Außerdem zwei Jahre kein Sex, wenn man eine heiße Verlobte hat, die mehr als bereit ist – der Typ konnte nur schwul sein.“

Heiß? Zara fragte sich, ob sie das Wort richtig verstanden hatte. Hielt Rafe sie für heiß? Sie? Sie hatte nicht einmal einen richtigen Busen und war groß und dünn. Nein, sie hatte wahrscheinlich nicht richtig gehört.

„Was geschah, nachdem er es Ihnen gesagt hatte?“

„Ich war am Boden zerstört“, gab sie zu. „Und völlig erniedrigt. Die Universität liegt in einer Kleinstadt. Jeder wusste es, und bald kannten auch alle den Grund. Als ich bereit war, mich wieder mit Männern zu verabreden, hatte ich das Gefühl, dass jeder Mann sich Sorgen machte, ob er durch mich schwul würde.“

Da lächelte Rafe. „Sehr unwahrscheinlich.“

„Das kann schon sein, aber ich war auch in einem Alter, in dem eine Frau normalerweise keine Jungfrau mehr ist. Mit der Zeit wurde die Lage nur noch schlimmer. Die letzten beiden Männer, mit denen ich ausging, verschwanden, als ich alles gebeichtet hatte. Was ist, wenn ich wirklich Hassans Tochter bin? Niemals werde ich jemanden treffen können, und wenn doch, dann wird niemand mit mir schlafen können. Eine jungfräuliche Prinzessin zu sein stelle ich mir nicht gerade lustig vor.“

Nun lachte Rafe laut auf und ignorierte ihre Entrüstung.

„Sie haben gut lachen“, klagte sie. „Schließlich leben Sie nicht wie ein Goldfisch im Glas. Sie müssen keine Erklärungen abgeben, nachdem Sie sich ein paar Mal verabredet haben.“

„Warum warten Sie nicht einfach, bis Sie heiraten?“, schlug Rafe vor.

„Um zu heiraten, müsste ich erst mal jemanden kennenlernen, und das wird immer schwieriger. Jetzt wird es sogar noch schlimmer. Außerdem dachte ich, etwas Erfahrung würde nicht schaden. Natürlich will ich nicht mit einer kompletten Fußballmannschaft ins Bett steigen, aber ich würde zumindest gern einen nackten Mann gesehen haben, bevor ich sterbe.“

Rafe konnte nicht glauben, dass sie dieses Gespräch führten. Bis heute hätte er es nicht für möglich gehalten, dass es achtundzwanzigjährige Jungfrauen gab. Und er war sehr versucht, seine Dienste anzubieten. Zara konnte ihn jederzeit nackt betrachten. Sogar berühren könnte sie ihn. Natürlich würde er sie dann auch gern anfassen – und das würde zu Problemen führen.

„Sie haben einen komischen Gesichtsausdruck“, stellte Zara fest.

„Das kann gut sein.“

Wenn er sich nur vorstellte, dass sie ihn anschaute, wurde er schon hart. Er spürte, dass die Situation nichts als Ärger bringen würde.

„Sie müssen vorsichtig sein“, meinte er. „Wenn herauskommt, dass Sie Hassans Tochter sind, wird sich alles ändern.“

„Wir wissen nicht, ob ich wirklich seine Tochter bin.“

„Haben Sie denn noch Zweifel?“

„Ich hätte gern welche, aber ich spüre in meinem Herzen, dass ich seine Tochter bin.“

„Da stimme ich zu. Die Medien werden sich auf Sie stürzen. Sie werden die Attraktion des Monats und werden alle Arten von Männern anziehen, die Sie ausnutzen möchten.“

„Nein, was habe ich denn schon zu bieten? Selbst wenn ich Hassans Tochter bin, ändert sich nichts daran, dass kein Mann etwas mit mir zu tun haben will.“

„Das stimmt nicht, denn Sie haben dann Verbindungen zur königlichen Familie. Sicherlich wird Hassan dafür sorgen, dass seine Tochter ein Vermögen erhält.“

„Aus weiter Ferne klang alles viel einfacher. Zu Hause konnte ich einfach über meine Möglichkeiten träumen, aber jetzt bekomme ich Angst. Vielleicht kann ich den König überreden, mir kein Geld zu geben.“

„Das glaube ich kaum, denn der König ist ziemlich eigensinnig.“

„Wunderbar. Dann werde ich aus den falschen Gründen beliebt. Woher soll ich wissen, ob die Leute, die ich treffe, mich mögen oder nur die Tochter des Königs?“

„Tja. Das weiß ich auch nicht.“

Zara nickte. „Es ist schon sehr spät, und wir sollten beide versuchen zu schlafen. Danke, dass Sie mit mir geredet haben, aber sicher möchten Sie jetzt gerne ins Bett.“

Sie hatte seine Gedanken gelesen. Leider hatten sie bei dem Ausdruck „ins Bett“ sicher unterschiedliche Vorstellungen. Zara meinte allein, während er bei ihr sein wollte.

„Gute Nacht, Zara.“

„Gute Nacht.“

Er wartete noch, bis sie in ihr Schlafzimmer gegangen war. Dann setzte er sich wieder auf die Bank und betrachtete die Sterne. Schließlich musste er seinen Körper dazu zwingen, wieder normal zu werden.

Leider musste er lange darum kämpfen, und es war schon beinahe Morgen, als er endlich einschlafen konnte.

Prinzessin Sabra erfüllte das Versprechen, ihrer neuen Schwester Kleider zu leihen, auf etwas andere Art als gedacht.

Am folgenden Nachmittag klopfte es an der Tür, und als Cleo öffnete, kamen drei laut redende und heftig gestikulierende Französinnen in die Suite. Ihnen folgten Bedienstete mit vielen Kleiderständern, Schuhkartons, Wäsche, Strickwaren sowie Hutschachteln.

„Ich bin Marie“, sagte eine zierliche Rothaarige, die auf Zara zukam. „Ah, Sie sind diejenige. Ich kann die Ähnlichkeit erkennen.“ Sie zwinkerte. „Natürlich wurde offiziell noch nichts gesagt, und Sie können mir trauen. Und diese Schönheit ist Ihre Schwester.“

Sie glitt zu Cleo, umarmte sie und berührte ihr kurzes Haar.

„Die Farbe ist erstaunlich. Sicher echt, oder?“

Cleo nickte. Beim Anblick der vielen Kleider riss sie die Augen auf. Marie folgte ihrem Blick.

„Ah, Sie sehen mein bescheidenes Angebot. Prinzessin Sabra rief heute Morgen an und meinte, dass Sie beide etwas von allem benötigen. Besonders für das heutige Abendessen sollen Sie perfekt aussehen.“

Zara hatte gar nicht an das Staatsbankett denken wollen. König Hassan hatte versprochen, dass es nachmittags schon ein offizielles Treffen geben würde. Eigentlich würde Sie gern auf die Teilnahme verzichten, aber der König bestand auf ihrer Anwesenheit.

Sie schaute auf die Kleiderständer, auf denen formelle und legere Kleidungsstücke hingen. „Ich verstehe nicht ganz. Cleo und ich brauchen zwar in der Tat ein Kleid, aber Sie haben viel mehr mitgebracht.“

Marie strahlte. „Die Prinzessin bestand darauf, dass Sie Ihre komplette Garderobe erneuern. Sie stammen aus einem anderen Land und sind nicht auf die Hitze von Bahania vorbereitet.“

Zara presste die Lippen zusammen. Wenigstens war Sabrina taktvoll gewesen. Sie hätte auch sagen können, dass ihre vermeintliche Halbschwester ihre Garderobe auf Wühltischen gefunden hatte. Nie hatte Zara mehr als einhundert Dollar für ein Kleidungsstück ausgegeben, außer vielleicht für ein Kostüm. Und Cleo kaufte sich eher Modisches und Preiswertes anstatt klassische Teile, die mehr als eine Saison getragen wurden.

Nun ging sie zu einem Ständer und berührte ein pinkfarbenes Chiffonkleid. Dabei bewegte sich das Preisschild ein wenig. Sie schnappte nach Luft und ließ das Kleid sofort wieder los. Es kostete zwölftausend Dollar. Davon könnte sie sich ein neues Auto kaufen!

„Nein“, sagte sie, „das geht nicht.“

„Wo liegt das Problem?“, wollte Cleo wissen.

Zara wies auf die Kleider. Cleo schaute einige an und seufzte hörbar, als sie ein mitternachtsblaues Samtkleid entdeckte. Dann stockte ihr Atem, und sie sah ihre Schwester an.

„Tja, ich gebe mein Geld auch lieber für Miete und Essen aus …“, sagte Cleo und schluckte.

Marie wirkte verwirrt, und sie redete eifrig mit ihren Assistentinnen.

Nun zeigte sie auf die Kleider. „Sind Sie mit der Qualität unserer Stücke nicht einverstanden? Ich versichere Ihnen, dass es sich um die erlesensten Kleider namhafter Designer handelt. Der Stil ist modern und elegant. Wenn wir etwas ändern sollen, sagen Sie es nur.“ Sie schien eher besorgt als verärgert.

„Ihre Kleider sind nicht das Problem, aber wir können sie uns nicht leisten. Und wir möchten sie auch nicht geschenkt bekommen.“

„Prinzessin Sabra hat sich deutlich ausgedrückt. Sie und Ihre Schwester sollen eine vollständig neue Garderobe erhalten. Die Rechnung wird vom Palast übernommen. Wenn Sie ablehnen, wird Sie glauben, dass Sie nicht zufrieden waren. Dann entlässt sie mich vielleicht. Ohne die königliche Familie als Kunden müsste ich meine Boutique schließen. Sie müssen das Geschenk annehmen, schon um meinetwillen.“

„Das ist ein überzeugendes Argument“, raunte Cleo.

Autor

Susan Mallery
Die SPIEGEL-Bestsellerautorin Susan Mallery unterhält ein Millionenpublikum mit ihren herzerwärmenden Frauenromanen, die in 28 Sprachen übersetzt sind. Sie ist dafür bekannt, dass sie ihre Figuren in emotional herausfordernde, lebensnahe Situationen geraten lässt und ihre Leserinnen und Leser mit überraschenden Wendungen zum Lachen bringt. Mit ihrem Ehemann, zwei Katzen und einem...
Mehr erfahren