Bianca Exklusiv Band 306

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HEIMLICHE SEHNSUCHT
von HILL, TERESA

Vor fünf Jahren hat Kathie den Mann ihrer Träume gefunden - ihre brennende Sehnsucht aber tief in ihrem Innern verborgen. Erst als sie um ihre Mutter weint, wird aus Joes tröstender Umarmung ein leidenschaftlicher Kuss. Doch das darf nicht sein, denn Joe ist der Freund ihrer Schwester …

VORSICHT: FRISCH GETRAUT!
von RIDGWAY, CHRISTIE

Ein zufälliges Wiedersehen in Las Vegas, das Aufflackern alter Gefühle - und ehe sie sich versehen, treten Will und Emily spontan vor den Traualtar. Kurz darauf bereuen es beide, und Emily verlässt fluchtartig die Glitzerstadt. Will sollte erleichtert sein … doch warum fehlt sie ihm dann so?

NUR WER DEM GLÜCK VERTRAUT
von FOSTER, NICOLE

Für einen Neuanfang zieht die hübsche Lehrerin Laurel nach New Mexico. Von dem attraktiven Cort Morente ist sie sofort hingerissen. Doch selbst in seinen Armen kann nicht vergessen, wie ihr Exmann ihr das Herz brach. Diesen Schmerz will sie nie mehr erleben - egal, wie sehr sie Cort begehrt!

  • Erscheinungstag 01.02.2019
  • Bandnummer 0306
  • ISBN / Artikelnummer 9783733736996
  • Seitenanzahl 236
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Teresa Hill, Christie Ridgway, Nicole Foster

BIANCA EXKLUSIV BAND 306

1. KAPITEL

Die kleinen alten Ladys an den Picknicktischen starrten ihn an, als wäre er gerade aus einem Teich gekrochen.

Joe Reed versuchte, die abfälligen Blicke zu ignorieren, während er unter der riesigen Magnolie ein Hotdog aß. Die Stadt feierte den 1. Mai, und er tat so, als wäre er ganz der Alte – etabliert, zuverlässig und berechenbar.

Augenblick mal. Er beugte sich nach rechts, um eine der kleinen alten Ladys genauer zu betrachten.

War das nicht eine Freundin seiner Großmutter?

Joe stöhnte auf.

Seine Großmutter war schwerhörig und lebte nicht mehr so ganz in der Gegenwart. Sie hielt sich oft für ein kleines Mädchen, das seinen – seit vierundsiebzig Jahren toten – Pudel namens CoCo suchte. Joe hatte gehofft, dass sie niemals von seinem Absturz erfahren würde. Aber falls eine ihrer Freundinnen aus dem Seniorenheim hier war, würde sie die unschöne Geschichte brühwarm aufgetischt bekommen. Er konnte nur hoffen, dass seine Großmutter entweder nichts hörte oder es gleich wieder vergaß.

Trotzdem wäre es ihm lieber, wenn sie nichts davon erfuhr.

Ja, jetzt, da er genauer hingesehen hatte, konnte die Frau, die auf ihn zukam, tatsächlich ihre gute Freundin Marge sein … und bestimmt hatte sie vor, ihm eine Standpauke zu halten. Joe beschloss, sofort von hier zu verschwinden. Doch kaum hatte er sich umgedreht, wurde er an den Schultern gepackt und von zwei Männern in den Wald geschleift.

Leider waren es keine Fremden.

Echte Straßenräuber wären Joe lieber gewesen.

Nicht, dass man in Magnolia Falls, Georgia, ausgeraubt wurde. Jedenfalls nicht am helllichten Tag.

Einer der beiden Männer war bewaffnet; deshalb hielt Joe den Mund.

Eine halbe Meile weiter ließen sie ihn los, stießen ihn mit dem Rücken an einen Baum und funkelten ihn an.

Einer von ihnen war Polizist.

Mit dessen Schwester war Joe früher verlobt gewesen.

Der andere war Geistlicher und jetzt mit der Frau verheiratet, mit der Joe mal verlobt gewesen war. Eigentlich dürfte er nichts dagegen haben, dass Joe und Kate sich getrennt hatten. Sonst wären Ben und Kate jetzt nicht zusammen.

Das Problem war nur, wie Joe und Kate sich getrennt hatten.

Und da kam die andere Schwester ins Spiel. Kathie.

Es gab noch eine dritte Schwester, Kim, das Nesthäkchen, aber die hatte Joe nie angerührt.

„Wir haben ein Problem“, sagte Jax, der Polizist.

„Was immer es ist, ich war’s nicht“, erwiderte Joe und kam sich vor, als wäre er noch in der dritten Klasse und hätte gerade Celia Rawlins an den Haaren gezogen.

„Oh doch, du warst es“, entgegnete Jax, der noch genauso groß und einschüchternd aussah wie in der High School, als er beim Football durch die gegnerischen Abwehrreihen pflügte und mit jeder Cheerleaderin ausgegangen war.

Joe war damals ruhiger und zurückhaltender gewesen, ein Musterschüler und Schachspieler, was ihm nicht gerade viele Dates eingebracht hatte. Er war kein Frauentyp, erst recht keiner, der mit einer Schwester verlobt war und die andere küsste.

Er konnte noch immer nicht begreifen, wie es dazu gekommen war.

Ein Fall von zeitweiliger geistiger Umnachtung. Etwas Besseres fiel ihm nicht ein.

Immerhin leitete er eine Bankfiliale.

Was war aus dem Mann geworden, der jahrelang ein angesehener Bürger der Kleinstadt gewesen war?

„Ich habe wirklich nichts getan“, beharrte Joe.

Seit sechs Monaten lebte er wie ein Mönch, machte seinen Job so gut wie möglich und versuchte, nicht unangenehm aufzufallen.

Nicht, dass das dem Gerede ein Ende bereitet hatte.

Er sah Jax an. Die Waffe an dessen Gürtel. Dann Ben, den Gelasseneren der beiden. Ein Geistlicher würde ihn doch wohl nicht verprügeln, oder?

„Ich sage dir, wie es ist.“ Ben lächelte betrübt, während Jax die Stirn runzelte. „Kate ist nicht glücklich.“

Verwirrt starrte Joe ihn an. Er hatte Kate nichts getan. Er hatte kaum ein Wort mit ihr gesprochen, sich von ihr ferngehalten, und wenn sie unglücklich war, war das nicht eher Bens Problem? Schließlich war Ben ihr Ehemann.

„Sie wäre glücklich, sehr glücklich sogar“, fuhr Ben fort. „Wenn es da nicht eine gewisse Sache gäbe.“

Joe ahnte, was das für eine Sache war.

„Und Kim ist auch nicht glücklich“, warf Jax ein. „Aber vor allem bin ich nicht glücklich. Und ich könnte dir leicht wehtun.“

Ben trat zwischen sie. „Und wenn meine Frau und ihre Familie nicht glücklich sind, bin ich es natürlich auch nicht.“

Okay. Joe nickte.

„Wir können schon deshalb nicht glücklich sein, weil ein Mitglied aus unserer Familie nicht hier ist“, sagte Jax.

Kathie. Sie war am Tag von Kates und Bens Hochzeit verschwunden. Gleich nach der Trauung. Erst Wochen später hatten sie herausgefunden, wo sie war. Sie unterrichtete in einer teuren Privatschule in North Carolina und weigerte sich strikt, nach Hause zu kommen.

Joe konnte es ihr nicht verdenken. Er wäre auch gern davongelaufen, aber er hatte Verpflichtungen. Außerdem war er immer zuverlässig gewesen. Das musste doch mehr zählen als ein paar verrückte Momente mit der Schwester seiner damaligen Verlobten.

Aber nein. Offenbar würde er sein Leben lang für den kleinen Fehltritt büßen müssen.

Und jetzt waren alle sauer auf ihn, weil Kathie nicht hier war? Er war heilfroh darüber, aber das verstanden die beiden wohl nicht.

„Und da du uns das alles eingebrockt hast, bringst du es auch wieder in Ordnung“, knurrte Jax.

Joe schluckte.

Jax drohte ihm mit der Faust. „Du wirst unsere Schwester nach Hause holen“, sagte er nur.

„Ich?“, fragte Joe entsetzt. „Aber … sie hasst mich.“

„Das ist dein Problem.“

„Bestimmt kannst du es lösen“, fügte Ben hinzu, als wäre es ein Kinderspiel.

„Sie redet doch nicht mal mit mir“, erwiderte Joe verzweifelt.

„Du schaffst das schon.“ Ben klopfte ihm auf den Rücken.

„Aber … ich …“

Jax drückte ihm einen Zettel an die Brust. „Das ist ihre Adresse. Es sind nur vier Stunden mit dem Wagen. Morgen ist Abschlussfeier an ihrer vornehmen Schule. Danach hat sie frei. Du hilfst ihr, eine Tasche zu packen, und bringst sie her.“

„Ich soll heute Abend schon losfahren?“

„In spätestens einer Stunde bist du unterwegs“, sagte Jax. „Du weißt, was passiert, wenn dich nach zwanzig Uhr jemand hier sieht.“

Ja, das wusste er.

Jax und seine Kumpel bei der Polizei ließen ihn nicht aus den Augen.

In der Woche, nachdem Kathie verschwunden war, hatte Joe fünf Strafzettel bekommen. Der Richter hatte ihn verwarnt und ihm geraten, sich nie wieder mit den Ordnungshütern von Magnolia Falls anzulegen.

„Was soll ich ihr denn sagen?“, fragte Joe. Natürlich tat Kathie ihm leid. Ihr Vater war gestorben, als sie fünf war, ihre Mutter im letzten Jahr, und jetzt hatte sie nur noch ihre Schwestern und den Bruder.

Und Kate war für ihre jüngeren Schwestern wie eine Mutter gewesen.

Er war Kate etwas schuldig.

Und Kathie. In seinen Augen war sie noch immer ein Teenager. Dabei war sie inzwischen vierundzwanzig. Und er einunddreißig, ein verantwortungsvoller, intelligenter Erwachsener – trotzdem hatte er Mist gebaut.

„Also gut“, gab er nach. „Ich fahre.“

Was bedeutete, dass er in spätestens vierundzwanzig Stunden Kathie Cassidy gegenübertreten musste.

Na toll.

Kathie arbeitete an einer versnobten Jungenschule mitten im Nichts. Nach endlosen Meilen durch einen Wald tauchten die ehrwürdigen, mit Efeu bewachsenen Backsteingebäude vor Joe auf. Jacobsen Hall hatte auf dem Schild gestanden. Das klang nicht nur edel – das ganze Anwesen roch praktisch nach altem Geldadel.

Nach einem Blick auf die Wegbeschreibung fand er das Wohnheim, in dem sie als Hausmutter tätig war.

Hausmutter?

Kathie war vierundzwanzig.

Schüler strömten nach draußen. Chauffeure verluden ihr Gepäck in teure Limousinen.

Okay.

Kathie hatte mal an einer ganz normalen Schule unterrichten wollen. Jacobsen Hall war Welten davon entfernt.

Joe bahnte sich einen Weg durch die hochnäsigen Jungen und ihre Kofferstapel und ging hinein.

Kathie stand im Foyer, ein Klemmbrett in der Hand, das Haar zu einem strengen Knoten gesteckt, in einem schwarzen Kleid mit weißem Kragen.

Einen verrückten Moment lang stellte Joe sich vor, der Rock wäre etwas kürzer. Dazu ein paar geöffnete Knöpfe, eine weiße Schürze, das Haar auf den Schultern, und sie sähe aus wie … wie …

Er stöhnte auf.

Nein, unter keinen Umständen durfte er an so etwas auch nur denken.

Die jüngere Schwester seiner Exverlobten war tabu.

Für immer.

Denn sonst konnte er sich gleich die Kugel geben.

Er brauchte eine vernünftige, biedere Frau. Eine, mit der er ein geordnetes Leben führen und wieder der alte Joe Reed werden konnte. Und dann würden alle Leute den kleinen Vorfall vergessen, der vor sechs Monaten seinen Ruf ruiniert hatte.

Ja.

Plötzlich wusste er, was er tun musste.

Und er würde sein Ziel in Angriff nehmen, gleich nachdem er Kathie in Magnolia Falls abgeliefert hatte, damit ihr Bruder und ihr Schwager ihn nicht krankenhausreif prügelten oder hinter Gitter brachten.

Er würde sich von ihr fernhalten. Und auch nicht mehr an sie denken.

Allerdings war er in der Hinsicht nicht besonders zuversichtlich, nachdem er Kathie in seiner Fantasie gerade eben in eine neckische Zofe verwandelt hatte. Aber ohne sie durfte er nicht zurückkehren. Es würde ihn sämtliche Zähne kosten.

Natürlich war das nicht der einzige Grund. Er hatte Kathie gegenüber eine Menge wiedergutzumachen.

Außerdem gehörte sie in den Kreis ihrer Familie, und Joe wollte nicht daran schuld sein, dass sie die Aufpasserin für die verzogenen Bengel des Geldadels spielen musste, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Du bist ein Mann. Also benimm dich gefälligst auch wie einer.

Entschlossen ging Joe auf Kathie zu.

Sie hob den Kopf, entdeckte ihn und gab einen ängstlichen Laut von sich.

Du meine Güte, für wen hielt sie ihn denn? Hatte sie etwa Angst vor ihm?

Sie wurde blass. Ihre Hände begannen zu zittern, und sie machte einen Moment lang den Eindruck, als wollte sie vor ihm flüchten. Doch dann straffte sie die Schultern und sah Joe halb verlegen, halb abweisend an.

„Hi, Kathie.“ Er schob die Hände in die Taschen. Würde sie ihn ohrfeigen?

Sie tat es nicht. „Was willst du hier?“, fragte sie nur.

„Dich besuchen.“

„Wie hast du mich gefunden?“

„Dein Bruder hat es mir gesagt.“

„Der würde dir nie erzählen, wo ich bin.“

Joe nahm den Zettel mit Jax’ Wegbeschreibung heraus und hielt ihn hoch.

Kathie verzog das Gesicht. „Ich habe dir nichts zu sagen.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust und gab sich die größte Mühe, wie ein trotziges Kind auszusehen.

Er fühlte, wie seine Mundwinkel zuckten, und unterdrückte ein Lächeln. „Aber ich dir“, konterte er. „Und du wirst mir zuhören.“

So hätte Jax es doch gemacht, oder? Vielleicht auch nicht. Zu Frauen konnte Kathies Bruder unglaublich charmant sein. Leider war Charme noch nie Joes Stärke gewesen.

Verblüfft starrte Kathie ihn an. Sein scharfer Tonfall schien sie zu überraschen. Aber dann wirkte sie verletzt. So, als würde sie gleich weinen.

Oh, verdammt. Er hatte es vermasselt. Mal wieder.

„Okay, hör mir einfach zu, ja?“

Sie schüttelte den Kopf. „Lass mich in Ruhe!“

Eine andere Frau, ebenso züchtig gekleidet wie sie, eilte herbei. „Kathie? Alles in Ordnung?“

Sie nickte, mit zitternder Unterlippe und Tränen in den Augen.

Na toll, dachte Joe. Jetzt bin ich mal wieder der Schurke.

Nach kurzem Zögern reichte Kathie ihrer Kollegin das Klemmbrett. „Trägst du die Jungs bitte für mich aus? Ich muss mit Joe reden.“ Sie ergriff seine Hand und zog ihn mit sich.

„Joe?“, rief die Kollegin. „Das ist Joe?“

Offenbar war ihm sein Ruf vorausgeeilt. Sogar bis nach Jacobsen Hall.

Toll.

„Komm schon“, drängte Kathie. „Hier herein. Jetzt.“

Es war ein leeres Büro. Sie schloss die Tür und zeigte auf den Sessel vor dem Schreibtisch. „Setz dich.“

Er gehorchte.

Sie blieb stehen. „Na gut, was willst du?“

Joe stöhnte auf. Das ging ihm alles zu schnell. Er hätte sich eine Strategie überlegen sollen. „Deine Familie möchte, dass du nach Hause kommst.“

Sie lachte bitter auf. „Das kann ich nicht.“

„Natürlich kannst du das. Sie wollen alle, dass du kommst.“

„Das bezweifle ich.“

„Sie lieben dich. Ohne dich sind sie unglücklich.“

„Sie waren auch mit mir unglücklich. Du und ich, wir haben sie unglücklich gemacht“, entgegnete Kathie.

„Na ja … sie sind darüber hinweg.“ Das stimmt doch, oder etwa nicht?, fragte sich Joe.

„Unmöglich.“

„Doch. Ruf sie an.“

„Joe … was wir getan haben … war schlimm, und ich schäme mich dafür. Deshalb musste ich verschwinden.“

„Okay, das verstehe ich. Aber du bist mittlerweile seit sechs Monaten weg. Glaub mir, wenn sie wütend waren, dann auf mich. Das sind sie immer noch. Dir macht niemand Vorwürfe. Alle in der Stadt geben mir die Schuld.“

Entsetzt starrte Kathie ihn an.

Was war los? Was hatte er gesagt?

Alle in der Stadt geben mir die Schuld.

Okay, nicht sehr geschickt, aber es stimmte.

„Das ist ja schrecklich“, sagte Kathie. „Und nicht fair. Ich war es. Ich war ganz allein schuld.“

„Unsinn“, widersprach Joe.

„Doch. Oh Gott, jetzt fühle ich mich noch elender! Ist das wirklich wahr? Geben alle Leute dir die Schuld?“

Damit hatte er nicht gerechnet. Was jetzt? Wenigstens hörte Kathie ihm zu. Er kannte sie. Sie hatte ein gutes Herz. Vielleicht konnte er das ausnutzen. Es war nicht richtig, aber Jax und Ben ließen ihm keine andere Wahl.

„Ja, es war ziemlich hart“, sagte er und sah ihr ins Gesicht. „Du bist weggelaufen, und alle dachten, ich hätte nur … mit dir gespielt.“ Als hätte er jemals mit Frauen gespielt. Das tat sein Bruder, er nicht.

„Aber so war es nicht“, protestierte sie.

„Alle Leute dachten, dass ich dich einfach sitzen lassen habe“, fuhr er fort. Hatte er das? Nein, er war nur auf Distanz gegangen, um nicht noch eine Dummheit zu begehen. „Sie glaubten, dass ich so mies zu dir war, dass du es in der Stadt nicht mehr ausgehalten hast.“

Das klang doch plausibel, oder?

Plausibel genug, um sie zur Rückkehr zu bewegen?

Hoffentlich.

„Aber die Leute in der Stadt mögen dich“, sagte Kathie.

„Jetzt nicht mehr.“

„Trotzdem – es war nicht deine Schuld, sondern meine!“

Das stimmte nicht. Er hatte Kathie geküsst. Und nicht nur einmal. Während er mit ihrer Schwester verlobt war.

Aber wenn Kathie unbedingt glauben wollte, dass sie an allem schuld war, konnte sie es von hier aus nicht wiedergutmachen. Das würde sie nur in Magnolia Falls schaffen.

Jax würde ihn umbringen, wenn er herausfand, dass Joe ihr ein schlechtes Gewissen gemacht hatte. Und er selbst fühlte sich auch nicht wohl dabei. Aber sie gehörte nach Hause. Dorthin, wo sie geliebt wurde.

„Mach dir keine Sorgen. Die Leute vergessen die Geschichte, und das Bankgeschäft hat auch nicht darunter …“

„Die Bank hat gelitten?“, unterbrach sie ihn.

„Habe ich das gesagt? Nein. Nicht wirklich.“

„Doch, das hast du gesagt.“

Er zuckte mit den Schultern. „Wir stehen das schon durch. Die Leute finden einen neuen Skandal und vergessen, wie mies ich mich dir und Kate gegenüber benommen habe.“

Kate.

Ihm kam eine neue Idee.

Er wusste, wie sehr Kathie ihre Schwester liebte.

„Ich bin sicher, kein Mensch nimmt an, dass deine Schwester dir nicht verzeihen kann“, setzte er spontan hinzu. „Und niemand glaubt das dämliche Gerücht, dass sie dich aufgefordert hat, die Stadt zu verlassen.“

„Die Leute glauben, sie hätte mich hinausgeworfen?“

„Nein, bestimmt nicht. Sie kennen doch Kate. Die Vorstellung, dass sie dich nur vorgeschoben und anschließend fortgeschickt hat, ist einfach zu absurd. Vergiss, was ich gesagt habe.“

Entsetzt starrte Kathie ihn an. „Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass die Leute dir und Kate die Schuld geben.“

„Wir stehen das alles durch, Kathie. Es wird nur eine Weile dauern.“

„Ich muss etwas tun“, sagte sie entschlossen.

„Na ja … wenn du wirklich helfen willst …“

„Sag mir, was ich tun soll“, bat sie.

„Du könntest den Sommer in Magnolia Falls verbringen. Mit Kate. Damit hätten alle Gerüchte, dass ihr verfeindet seid, sich endgültig erledigt.“

„Ja, das stimmt.“ Wieder straffte sie die Schultern. „Und ich will auch nicht, dass man dir die Schuld gibt. Also muss ich Zeit mit Kate und dir verbringen.“

Nein, nein, nein, dachte Joe.

Nicht mit mir.

Nicht wir beide.

Niemals.

„Mir brauchst du nicht zu helfen“, wehrte er ab.

„Doch. Ich muss das alles wieder in Ordnung bringen. Die Leute glauben … dass du und ich … zusammen waren, während du mit Kate verlobt warst?“ Sie hatte große Schwierigkeiten, das Unfassbare auszusprechen. „Und dass sie mich weggejagt hat, als sie es herausgefunden hat?“

Joe nickte kläglich. Es lief nicht gut. Überhaupt nicht gut.

„Kein Wunder, dass sie dich hassen“, fuhr Kathie betrübt fort. „Joe, wir müssen sie davon überzeugen, dass du mich nicht sitzen lassen hast.“

„Nein, das müssen wir nicht.“

„Doch. Ich kann Melanie Mann erzählen, dass ich mit dir Schluss gemacht habe, nicht umgekehrt. Melanie ist die Frau, die all die Gerüchte über Kate verbreitet hat. Ich rede mit ihr, und sie erzählt es in der ganzen Stadt herum.“

„Na gut“, resignierte Joe. Es war an der Zeit, sich von seinem Zähnen zu verabschieden. Jax würde die Sache nicht gefallen.

„Und wenn das nicht klappt, gehen wir beide eben wieder zusammen aus“, sagte Kathie und sah ebenso niedergeschlagen aus wie Joe.

Er würde sich Strohhalme besorgen müssen. Oder gleich eine Schnabeltasse.

„Ja, so machen wir es“, sagte Kathie. „Wir … lassen uns zusammen sehen … als wären wir zusammen … nur ein paar Mal, und dann mache ich mit dir Schluss. Du tust so, als hätte ich dir das Herz gebrochen. Alle bemitleiden dich und sind wieder nett zu dir.“

Joe stöhnte auf.

Verdammt.

Jax hatte ihm befohlen, Kathie nach Hause zu holen.

Und sie klang, als wollte sie mitkommen.

Warum war er trotzdem sicher, dass alles nicht gut, sondern nur noch schlimmer werden würde?

Vielleicht sollte er sich selbst den Kiefer brechen, einfach nur um Zeit zu sparen.

Kathie warf ihre Sachen in die zwei Koffer, während ihre Freundin Liz nach Joe Ausschau hielt.

„Er ist noch da“, verkündete sie lächelnd und schloss die Tür. „Und auf seine Art irgendwie nett.“

Und nicht nur das, dachte Kathie. Joe wirkte solide und zuverlässig, wie ein Mann, der mit allem fertig wurde.

„Ein Mann macht nicht den weiten Weg hierher, um eine Frau zurückzuholen, wenn er nicht an ihr interessiert ist“, fügte Liz hinzu.

„Ist er nicht.“

„Doch. Ist dir etwa entgangen, wie er dich angesehen hat? Obwohl du dieses biedere Kleid anhattest.“

„Er ist nicht an mir interessiert“, beharrte Kathie. „Das war er nie, und das wird er nie sein.“

„Also war all das, was letztes Jahr passiert ist …“

„Ein paar Küsse“, unterbrach Kathie sie und stopfte zwei Pullover und ihre Wanderstiefel in den Koffer. „Ein paar Umarmungen und jede Menge Schuldgefühle. Mehr nicht. Außerdem hat nicht er mich geküsst, sondern ich ihn, und jetzt gibt jeder ihm die Schuld.“

„Hat er das gesagt?“

„Es ist ihm herausgerutscht.“

„Warum ist er dann hier?“

„Weil er ein netter Kerl ist …“

„Der mit der Schwester seiner Verlobten in flagranti erwischt wurde? So benimmt sich kein netter Kerl“, widersprach Liz.

„Er … ich … ich bin praktisch über ihn hergefallen!“

Kathies Freundin lachte. „Niemals. Du doch nicht.“

„Bei ihm schon.“

„Sag bloß, du bist noch immer scharf auf ihn?“

„Nein!“, widersprach Kathie vehement und spürte, wie sie rot wurde.

„Doch, das bist du! Dabei hast du geschworen, dass alles ganz harmlos war. Dass du durcheinander warst, weil du gerade erst deine Mutter verloren hattest.“

„Genau. Ich war durcheinander.“ Zum ersten Mal hatte sie Joe an dem Tag geküsst, an dem ihre Mutter gestorben war. „Ich verstehe noch immer nicht, wie es passiert ist.“

Ehrlich nicht.

„Wie alt warst du damals?“

„Gerade erst neunzehn“, flüsterte Kathie.

Neunzehn und noch nie richtig verliebt. Aber dann war ihre ältere Schwester vom College nach Hause gekommen und hatte ihren neuen Freund mitgebracht. Ein Blick, und Kathie war hin und weg gewesen.

Fünf Jahre lang, während Kate und Joe beiden verlobt gewesen waren, hatte sie es für sich behalten. Jahre, in denen jeder sicher war, dass die beiden das perfekte Paar waren. Kathie war ihm eine gute Freundin gewesen, mehr nicht – bis sie sich ihm in die Arme geworfen hatte, am Todestag ihrer Mutter.

Und dann … war auf einmal alles ganz schnell gegangen.

Joe machte mit ihrer Schwester Schluss, oder vielleicht sie mit ihm. Kathie war nicht sicher, denn sie hatte verschiedene Versionen gehört. Kurze Zeit später – und zur allgemeinen Verblüffung – lernte Kate Ben kennen und heiratete ihn. Aber vorher erfuhr sie von Kathie und Joe.

Kathie schämte sich schrecklich, und kaum war die Trauung vollzogen, lief sie davon. Seitdem hatte sie weder ihre Familie noch Joe wiedergesehen. Bis heute.

„Meine Liebe, dich hat es wirklich schwer erwischt.“ Liz umarmte sie.

„Unsinn. Ich muss ihn vergessen und …“

„Warum denn? Er hat dich doch auch nicht vergessen.“

„Weil er sich schuldig fühlt. Das ist alles. Er hat meine Schwester geliebt. Das hat er immer getan, und meinetwegen hat er sie verloren!“

„Weil er zugegeben hat, dass er Gefühle für eine andere Frau hatte, während er mit deiner Schwester verlobt war. Und die andere Frau warst du.“

„Gefühle?“, wiederholte Kathie und versuchte, fünf Bücher und eine Grünpflanze im Koffer zu verstauen. Okay, die Pflanze konnte sie abschreiben. Sie stellte sie ins Fenster zurück und wehrte sich gegen die Tränen. „Schuldgefühle sind auch Gefühle. Und glaub mir, Schuldgefühle sind das Einzige, was er für mich empfindet. Er ist ein ehrenhafter Mann, der meine Schwester immer geliebt hat, und dann … geht alles kaputt. Ich habe alles kaputt gemacht.“

„Ja, aber wenn du ihm wirklich mehr bedeutest …“

„Tu ich nicht. Sonst hätte er etwas gesagt. Hat er aber nicht. Auf Kates Hochzeit hat er mir in die Augen geschaut, obwohl alle über uns Bescheid wussten und tuschelten. Und weißt du, was er zu mir gesagt hat?“

„Was?“

„Dass es ihm leidtut. Alles, was passiert ist. Und dass alles seine Schuld war. Aber das stimmt nicht, es war meine. Er wollte einfach nur nett sein. Weil er eben ein hochanständiger Mann ist.“

„Der in dich verliebt ist“, beharrte Liz. „Und du bist in ihn verliebt.“

„Das darf ich nicht. Er auch nicht. Wir haben zu vielen Menschen wehgetan. Ich will das wiedergutmachen und nicht wieder etwas mit ihm anfangen.“

Kathie wollte ihr Leben zurück. Das ruhige, beschauliche Leben mit ihrer Familie, in dem es keine üblen Gerüchte über sie und den Verlobten ihrer Schwester gab. In dem sie sich für nichts schämen musste und keinen Grund zum Davonlaufen hatte.

Das war es, was sie wollte.

Nicht Joe Reed.

„Ich muss einfach nur meine Familie wiedersehen“, sagte sie.

„Und was willst du ihnen sagen?“

„Keine Ahnung.“

2. KAPITEL

Joe wartete, bis Kathie ihre Koffer gepackt hatte, trug sie zu ihrem Wagen, einem gelben VW-Käfer, und sagte, dass er hinter ihr herfahren würde.

„Den ganzen Weg nach Magnolia Falls?“

„Ja.“ Er öffnete die Tür seiner schwarzen Limousine.

„Warum? Traust du mir nicht?“

„Na ja … wir wollen doch beide in dieselbe Stadt. Da können wir doch zusammen fahren.“

„Ich bin vierundzwanzig, Joe. Glaub mir, ich finde den Weg allein“, beharrte Kathie.

„Das weiß ich. Ich …“

„Hältst du mich für eine Lügnerin oder einen Feigling?“

„Nein. Wirklich nicht.“ Er schloss die Wagentür und ging zu Kathie. „Das ist eine schwierige Situation, und die ganze Angelegenheit tut mir schrecklich leid. Ich weiß, wie wichtig es deiner Familie ist, dich wieder zu Hause zu haben. Deshalb …“

Ihrer Familie, nicht ihm. Genau, wie sie vermutet hatte. „Und was ist mit dir? Kate ist verheiratet. Wie fühlst du dich dabei?“

„Ich hoffe, sie ist glücklich“, antwortete er und schien es ernst zu meinen.

Tat er das wirklich? Er war verrückt nach ihrer Schwester gewesen. Nach dem Abschluss am College war er ihr nach Magnolia Falls gefolgt, hatte bei der örtlichen Bank angefangen und sich in dieser Kleinstadt niedergelassen. Inzwischen lebten auch seine Mutter und Großmutter dort.

„Hin und wieder sehe ich Kate und Ben in der Stadt“, fügte er hinzu. „Ben bin ich gerade erst gestern begegnet, beim Picknick im Park.“

Was sollte das heißen? Dass sie schon gute Freunde waren? Dass es ihm nicht wehtat, dass Kate mit einem anderen Mann verheiratet war?

Kathie betrachtete den Mann, von dem sie jahrelang geträumt hatte, und stellte betrübt fest, dass sie nicht wusste, was in ihm vorging. Er zeigte seine Gefühle nicht.

War er wirklich darüber hinweg?

Das konnte Kathie sich kaum vorstellen. Kate und er waren ideal füreinander gewesen. Und jetzt stand Joe vor ihr und tat so, als wären er und Kates neuer Ehemann die besten Kumpel.

Nein, das kaufte sie ihm nicht ab.

„Können wir?“, fragte er.

„Ja, aber du wirst nicht hinter mir herfahren, als wäre ich sechzehn.“

„Aber …“

„Nein.“ Sie ließ sich nicht wie ein Kind behandeln. „Steig schon ein. Wir sehen uns in Magnolia Falls.“

Joe fuhr hinter ihr her!

Der Mann ging ihr auf die Nerven. Kathie hatte Gas gegeben. Er hatte Gas gegeben. Sie fuhr langsamer. Er tat es auch und blieb auf dem Highway drei Wagen hinter ihr.

Endlich hielt sie vor dem großen alten Haus, in dem sie sich mit ihrer jüngeren Schwester Kim eine Wohnung geteilt hatte. Ihren Anteil an der Miete zahlte sie auch jetzt noch, obwohl sie gar nicht dort gelebt hatte. Da sie im Internat kostenfrei untergebracht war, konnte sie es sich leisten. Sie hatte Kim nicht die ganze Miete aufbürden wollen.

Joe parkte hinter ihr, stieg aus, knallte die Wagentür zu und baute sich vor ihr auf. „Ist dir eigentlich klar, dass du zeitweilig über neunzig gefahren bist? Ich wusste gar nicht, dass deine kleine Kiste so schnell ist.“

„Hast du mich etwas die ganze Zeit verfolgt?“, entgegnete sie empört.

„Nein.“

„Nein? Während der letzten vier Stunden warst du also rein zufällig drei Wagen hinter mir, ja?“

„Ich … wollte nur sicher sein, dass du heil zu Hause ankommst.“

Bevor Kathie etwas erwidern konnte, hörte sie eine Sirene aufheulen. Ihr Bruder. Mit quietschenden Bremsen hielt der Streifenwagen hinter Joes Limousine. Jax sprang heraus, umarmte seine Schwester und drehte sich mit ihr im Kreis.

„Endlich bist zu Hause!“, rief er strahlend. „Du glaubst gar nicht, wie sehr ich dich vermisst habe. Das haben wir alle. Ich bin froh, dass du wieder da bist.“

„Ich habe dich auch vermisst“, sagte Kathie, nachdem er sie wieder hingestellt hatte. Erst jetzt fragte sie sich, warum Jax ausgerechnet jetzt hier auftauchte. Außerdem waren da diese seltsamen Blicke, die er und Joe wechselten.

„Ich übernehme, Joe“, sagte er auch noch.

„Augenblick mal.“ Kathie starrte ihren Bruder an. „Woher wusstest du, wann ich ankomme?“

Er zuckte mit den Schultern. „Glück gehabt, schätze ich.“

„Unsinn.“

„Du kennst mich. Ich passe immer auf dich und Kim auf, sogar auf Kate.“

„Und da dachtest du dir, hey, heute kommt Kathie bestimmt nach Hause?“

„Genau.“ Er lächelte verlegen.

„Du hast Joe geschickt, damit er mich holt“, sagte sie ihrem Bruder auf den Kopf zu und wäre am liebsten im Erdboden versunken. Joe war nicht freiwillig gekommen, nicht etwa, weil er sich nach ihr sehnte, sondern weil ihr älterer Bruder ihn wie auch immer dazu gezwungen hatte!

„Und du!“ Sie drehte sich zu Joe um. Ihn anzuschreien war besser als zu weinen. Keine einzige Träne würde sie seinetwegen mehr vergießen. „Du hast Jax angerufen und ihm gesagt, wann ich hier bin!“

„Warte, Kathie“, mischte sich ihr Bruder ein. „Joe und ich sind nicht gerade die dicksten Freunde.“

„Heraus damit“, fuhr sie Joe an. „Er hat dich geschickt, richtig?“

„Ich … ich habe mir große Sorgen um dich gemacht“, antwortete Joe und sah dabei sehr schuldbewusst aus.

Sie lachte bitter. „Aber Jax hat dich geschickt, stimmt’s? Ich wollte nicht mit ihm reden; also hat er dich geschickt.“

„Kathie, wir wollen alle, dass du wieder nach Hause kommst“, versicherte ihr Bruder.

„Wie hast du ihn dazu gebracht, Jax?“

„Kathie …“

„Raus mit der Sprache!“, schrie sie die beiden an. „Es ist mein Leben, und ich finde, ich habe ein Recht, alles zu erfahren.“

„Es tut mir leid.“ Joe senkte die Stimme. „Ich hätte es nicht getan, wenn ich nicht wüsste, wie sehr dich alle vermissen. Wir sind deine Familie, Kathie. Du liebst uns und gehörst hierher.“

Er drehte sich um und ging davon.

Kathie kamen vor Wut die Tränen.

Jax hatte keine Ahnung.

Sie konnte nicht hierbleiben. Nicht bei Joe, der sie nicht liebte, der sich gar nicht für sie interessierte. Sie konnte nicht!

„Was hast du getan?“, fragte sie ihren Bruder. „Na los! Irgendwann finde ich es sowieso heraus, das weißt du. Wie hast du Joe dazu gebracht, mich nach Hause zu holen?“

„Ich habe gedroht, ihm jeden Zahn einzeln auszuschlagen“, erwiderte Jax, als wäre es keine große Sache.

Vielleicht liebte sie ihn genau deshalb. Schon als Kind hatte er sie alle herumkommandiert. Kein Wunder. Nachdem sie ihren Vater durch die Kugel eines Verbrechers verloren hatten, war Jax der einzige Mann in der Familie gewesen.

„Ich fasse es nicht!“, fuhr sie ihn an.

„Kathie, ich …“

Er griff nach ihr, aber sie zuckte zurück und eilte zur Haustür.

„Ach, komm schon. Was ist denn daran so schlimm? Wir wollten dich zurückhaben, das ist alles, und du wolltest nicht mit uns sprechen! Kathie!“

Sie rannte die Treppe hinauf, verschwand in der Wohnung und ignorierte ihn, als er kurz darauf klopfte. Sogar, als er dagegenhämmerte und nach ihr schrie.

Alle wollten sie zurück.

Okay, jetzt war sie zurück.

Das hieß aber nicht, dass sie mit ihnen reden musste. Und erst recht nicht, dass sie bleiben musste.

„Was habt ihr getan?“ Wütend starrte Kate ihren Mann an.

„Wie meinst du das?“ Jax nahm sich eine Packung Orangensaft aus dem Kühlschrank und leerte sie in einem Zug. „Wir haben Kathie nach Hause gebracht. Ich dachte, du freust dich darüber, machst Luftsprünge und wir sind deine Helden.“

„Was habt ihr getan?“, wiederholte sie, verschränkte die Arme und setzte ihre strengste Miene auf.

Ben spielte den Unschuldigen und würde gleich versuchen, sie zum Lachen zu bringen. Das tat er immer, wenn er sie verärgert hatte, und meistens funktionierte es auch. Aber bei Jax war das anders. Er spielte immer den großen Bruder, und seit Kathie vor sechs Monaten abgehauen war, führte er sich sogar noch schlimmer auf.

„Kannst du denn nicht einfach glücklich sein?“, entgegnete er. „Du weißt schon. Deinen Mann küssen. Deinen Bruder umarmen. Deine Schwester besuchen? Das meine ich.“

„Nicht bevor ich weiß, wie ihr sie zurückgeholt habt.“ Kate griff nach dem Messer, mit dem sie Karotten geschnitten hatte, und hielt es demonstrativ vor sich. „Was habt ihr gesagt? Wie habt ihr es geschafft?“

„Wir haben nichts gesagt“, antwortete Ben.

„Oh. Na gut. Keiner von euch hat ein Wort gesagt, und trotzdem ist sie jetzt hier.“ Kate wedelte mit dem Messer. „Ich wiederhole meine Frage – was habt ihr getan?“

„Wir haben nichts getan“, behauptete Jax. „Das war Joe.“

„Natürlich, es war Joe.“

„Ja, genau.“

„Joe, mit dem sie ebenso wenig redet wie mit uns? Er hat sie zurückgeholt? Okay, und was hat Joe getan?“

„Das hat er nicht gesagt.“ Jax warf Ben einen Blick zu. „Dir etwa?“

„Mir nicht.“

„Na also. Er hat nichts gesagt.“

„Jetzt mache ich mir ernsthaft Sorgen“, gab Kate zu. „Ihr zwei habt etwas angestellt. Anscheinend hat es nicht so geklappt, wie ihr euch das vorgestellt habt. Und jetzt soll ich es wieder in Ordnung bringen.“ Sie sah ihren Bruder an. Mit Sicherheit war er der Hauptschuldige.

„Nein, da liegst du falsch“, widersprach er. „Wir wollten dir nur erzählen, dass sie zurück ist … damit du sie besuchen kannst. Das willst du doch?“

„Ja.“

„Dann tu es jetzt. Leg das Messer hin, und fahr zu ihr“, schlug Jax vor. „Warum eigentlich nicht sofort? Du hast sie schließlich seit Monaten nicht mehr gesehen.“

„Ich koche gerade.“

„Das übernehme ich.“ Ben nahm ihr das Messer ab.

„Ich auch.“ Jax griff nach der Reisdose und schüttelte sie. „Ich kann helfen. Wirklich. Was macht man hiermit?“

„In fünf Sekunden werfe ich mit Geschirr nach euch, wenn ihr mir nicht endlich sagt, was los ist!“

„Okay, okay“, beschwichtigte ihr Bruder und stellte den Reis wieder hin. „Sie ist vielleicht … ein bisschen aufgebracht.“

Kate zog eine Augenbraue hoch. „Weil …“

„Ein bisschen … wütend“, ergänzte Ben.

„Was habt ihr gemacht? Sie entführt?“

„Nein“, behaupteten sie wie aus einem Mund.

„Ich weiß nämlich, dass Joe sie niemals entführen würde.“ Joe zwang niemanden zu etwas.

„Nein, so war es bestimmt nicht“, versicherte Ben. „Sie ist einfach nur … na ja …“

„Vielleicht verschwindet sie wieder“, sagte Jax mit ausdruckslosem Gesicht.

„Und warum sollte sie das tun?“, fragte Kate. „Sie ist doch gerade erst angekommen.“

„Vielleicht … weil wir Joe zu ihr geschickt haben“, überlegte Ben. „War das denn so schlimm?“

„Das kommt darauf an“, erwiderte Kate. „Wie genau habt ihr ihn denn dazu gebracht, zu ihr zu fahren?“

„Es kann sein … dass wir ihm ein bisschen gedroht haben“, gab Ben zu und nahm den Kragen seines geistlichen Gewands ab. Das tat er immer, wenn er etwas getan hatte, das sich mit seinem Amt nicht vertrug. „Also, ich habe ihm nicht gedroht, das schwöre ich. Du weißt, dass ich so etwas nicht mache. Ich habe nur … dabeigestanden und ihm geraten, das zu tun, was dein Bruder von ihm verlangt.“

„Du hast ihm gedroht?“, fuhr sie Jax an, bevor sie sich wieder ihrem Mann zuwandte. „Und du hast mitgemacht?“

„Ich möchte doch bloß zur Familie gehören“, erklärte Ben hilflos. „Ich will, dass du glücklich bist, weil deine Schwester wieder da ist. Das ist alles.“

Kate beherrschte sich nur mühsam.

Arme Kathie.

Sie hatte in den letzten fünfzehn Monaten so viel durchgemacht, angefangen damit, dass sie ihre geliebte Mutter verloren hatten. „Lass mich raten. Du hast Joe gesagt, wenn er sie nicht zurückholt …“

„… wird er ihm den Kiefer brechen“, ergänzte Ben.

„Wer bricht wem den Kiefer?“ Ausgerechnet jetzt erschien Shannon, Kates und Bens sechzehnjährige und bald rechtmäßig adoptierte Tochter, in der Küche.

„Niemand“, sagte Ben schnell.

„Dein Onkel hat nur damit gedroht“, fügte Kate hinzu.

„Oh.“ Shannon sah in den Kühlschrank. „Da sage noch jemand, ich würde Ärger machen.“

„Ja, wer hätte gedacht, dass Erwachsene so etwas auch tun?“, erwiderte ihre Mutter. „Lasst mich noch mal raten … Kathie hat herausgefunden, dass ihr Joe unter Androhung körperlicher Gewalt gezwungen habt, sie zurückzuholen, richtig?“

„Stimmt“, gab ihr Bruder zu. „Ist das denn so schlimm?“

„Oh nein!“, rief Kate. „Ihr Männer glaubt, ihr wisst so viel über Frauen und könnt so gut mit ihnen umgehen, aber das ist Blödsinn, Jax. Kompletter Blödsinn!“

Kate klopfte dreimal. Ihre Schwester musste zu Hause sein, denn ihr Auto stand an der Straße. Wer sonst fuhr einen leuchtend gelben Käfer mit einem Regenbogen-Aufkleber an der Heckklappe.

„Kathie, bitte!“, rief sie. „Ich habe das Essen auf dem Herd. Ich vergifte die Männer damit, wenn du dich dann besser fühlst. Versprochen! Aber lass mich erst herein.“

Das wirkte. Die Tür ging auf.

Mit großen roten Augen und hängenden Schulter stand ihre arme Schwester da.

„Oh Liebes.“ Tröstend nahm Kate sie in die Arme.

„Haben sie dir gesagt, was sie getan haben?“

„Es war nicht leicht, aber ich habe es aus ihnen herausbekommen.“

„Und du würdest dich für mich an ihnen rächen?“

„Ja.“ Kate drückte sie an sich. „Ich könnte sie dazu bringen, das Essen wieder von sich zu geben. Kein Problem. Das habe ich schon einmal geschafft, wenn auch unbeabsichtigt, weil ich Bens Mutter imponieren wollte. Ich kann es aber auch mit Absicht.“

Ihren Mann zu vergiften würde in der Gemeinde nicht gut ankommen, weil alle ihren Pastor vergötterten.

Kathie hob den Kopf, wischte sich die Tränen ab und lächelte zaghaft. „Du hast mir gefehlt.“

„Du mir auch! Ich dachte schon, du kommst nie zurück.“

„Also geht es dir gut?“, fragte Kathie erstaunt und erleichtert zugleich.

„Bestens.“

„Und du bist … glücklich?“

„Ja. Ben ist wundervoll – bis Jax ihn zu irgendwelchen Dummheiten überredet. Der arme Kerl will unbedingt dazugehören, deshalb macht er bei allem mit, was unser Bruder sich einfallen lässt.“

Kathie sah aus, als könnte sie es kaum glauben. „Das ist gut. Ich freue mich für dich. Du sollst wissen, dass ich hier bin, um alles wiedergutzumachen.“

„Okay.“ Kate war nicht sicher, was Kathie damit meinte, wollte ihrer Schwester jedoch nicht widersprechen.

„Jedenfalls, soweit ich kann. Ich habe mich schlimm benommen …“

„Kathie, nein …“

„Doch, und ich fühle mich schrecklich.“

„Ich bin dir nicht böse, wirklich nicht“, beteuerte Kate.

„Trotzdem. Joe hat erzählt, die Leute glauben, dass ich geflüchtet bin, weil du mir nicht verzeihen kannst. Dass es sogar das Gerücht gibt, du hättest mich aus der Stadt geworfen.“

„Aber das ist doch albern“, protestierte Kate.

„Nein, es ist schlimm. Ich lasse nicht zu, dass die Leute so etwas von dir denken.“

„Kathie, mir ist inzwischen egal, was sie denken. Ich weiß, das war mal anders, aber darüber bin ich hinweg. Ben und meine Familie sind mir wichtig, vielleicht auch die Ladys in der Kirchengemeinde, weil ich will, dass sie mich mögen und für die richtige Frau für ihren Pastor halten. Aber das ist alles, wirklich.“

„Trotzdem soll niemand denken, dass du mich aus der Stadt vertrieben hättest“, beharrte Kathy. „Deshalb dachte ich mir, ich komme für eine Weile zurück. Die Leute sollen uns zusammen reden und lachen sehen, und dann weiß jeder, dass das Gerücht falsch ist.“

„Na gut.“ Hauptsache, ihre Schwester war zurück und sie verbrachten etwas Zeit zusammen.

„Und Joe wollte mir nichts sagen, aber … wahrscheinlich hassen ihn jetzt alle!“

„Nun ja, so weit würde ich nicht gehen …“

„Alle geben ihm die Schuld an dem, was passiert ist. Ihm, nicht mir. Und sie glauben, dass er mit mir Schluss gemacht hat, als alles herauskam, und ich deshalb die Stadt verlassen habe.“

„Das kann schon sein. Weißt du, ich höre nicht mehr auf das Gerede.“

„Es war nicht Joes Schuld“, sagte Kathie. „Ehrlich nicht. Es war meine. Ganz allein meine.“

Das glaubte Kate keine Sekunde lang. Nach langem Nachdenken war sie zu dem Ergebnis gekommen, dass die beiden Menschen, die sie am besten kannte, plötzlich und unerwartet Gefühle füreinander entwickelt hatten. Das wäre für sie ein echtes Problem gewesen, wenn sie nicht – mitten in dem Chaos – ebenso überraschend die Liebe ihres Lebens gefunden hätte.

Für sie war das, was zwischen ihrer Schwester und ihrem Exverlobten passiert war, erledigt. Aber offenbar nahm Kathie ihr das nicht ab. Außerdem schienen Kathie und Joe ohne einander unglücklich zu sein.

Und das war Kate ganz und gar nicht recht. „Ich weiß nicht, was du dagegen tun kannst“, begann sie vorsichtig.

„Ich will allen zeigen, dass du mir nicht böse bist“, erwiderte ihre Schwester mit Nachdruck.

„Okay.“

„Und dass nicht Joe mit mir Schluss gemacht hat, sondern ich mit ihm.“

„Du mit ihm?“, fragte Kate erstaunt. Warum sollte Kathie das tun? Joe war der Mann, den ihre Schwester wirklich wollte.

„Na ja, nicht wirklich. Ich meine, es stand mir gar nicht zu, mit ihm Schluss zu machen. Er und ich waren nur …“ Kathie wurde rot. „Ich weiß nicht, was wir waren. Dumm wahrscheinlich. Ich war dumm, egoistisch und verwirrt, und als alles ans Licht kam, habe ich es hier nicht mehr ausgehalten. Deshalb habe ich einen Plan geschmiedet.“

Kate nickte. „Was für einen Plan?“

„Wenn du nichts dagegen hast, werde ich ein paar Wochen so tun, als wären Joe und ich wieder zusammen.“ Kathie wartete.

„Kein Problem.“

„Und danach werde ich wirklich mit ihm Schluss machen, damit die Leute ihm nicht länger die Schuld geben. Damit er nicht mehr der Böse ist.“

„Joe hat dich zurückgeholt, damit du so tust, als wärt ihr zusammen, und dann Schluss mit ihm machst, damit niemand glaubt, er hätte mit dir Schluss gemacht?“, fragte Kate.

„Nein! Das würde er nie tun.“

Okay.

Kate war nicht sicher, ob sie das alles richtig verstand. Es war bestimmt nicht das, was Joe sich vorgestellt hatte, aber es hatte ihre Schwester zurückgebracht. Kate überlegte. Wenn sie jetzt protestierte und beteuerte, dass es ihr recht war, wenn Kathie und Joe sich ineinander verliebten, würde ihre Schwester vielleicht nicht in Magnolia Falls bleiben.

Und sie wollte, dass Kathie blieb. Egal, aus welchem Grund.

Vielleicht bin ich nicht viel besser als Jax, dachte Kate mit einem Anflug von schlechtem Gewissen. „Also … dein Plan hört sich gut an“, sagte sie zu Kathie. Jedenfalls war es ein Plan, der dafür sorgen würde, dass ihre Schwester ein paar Wochen in der Stadt blieb. Für immer, wenn es nach Kate ging.

„Noch böse?“, fragte Ben und legte von hinten die Arme um Kate.

„Vielleicht.“

Er küsste sie auf die Wange und liebkoste ihr den Nacken. „Komm schon. So schlimm war es doch gar nicht, oder?“

„Nur wenn sie in ihn verliebt ist“, sagte Kate.

„Wie? Ist sie in ihn verliebt?“ Ben drehte sich zu ihr um.

„Ja.“ Sie legte den Kopf an seine Brust, als er sie an sich zog. „Denk doch mal nach. Sie ist in ihn verliebt, und er lässt sie nach unserer Hochzeit einfach gehen. Wahrscheinlich, weil er noch immer vollkommen durcheinander war. Weil er versucht hat, das alles zu verstehen, es aber nicht konnte. Joe ändert seine Meinung nicht so schnell. Und seine Pläne auch nicht. Er braucht eine Weile, aber Kathie ist einfach abgehauen, weil sie dachte, sie bedeute ihm nichts und für ihn sei es nur ein flüchtiges Abenteuer.“

„Na gut, aber …“

„Für Kathie war es kein Abenteuer. Ich glaube, sie ist in ihn verliebt. Und überleg mal, was jetzt passiert ist. Ihr Bruder und ihr neuer Schwager drohen dem Mann, der sie angeblich nicht liebt, damit, dass sie ihm den Kiefer brechen, wenn er sie nicht zurückholt.“

„Aber … wenn sie in ihn verliebt ist, will sie ihn denn nicht wiedersehen?“

„Nicht wenn sie glaubt, dass es hoffnungslos ist. Und dass er sie nur geholt hat, weil er sich nicht zusammenschlagen lassen will. In dem Fall ist es einfach nur demütigend für sie, in seiner Nähe zu sein.“

„Oh. Okay. Jetzt verstehe ich.“

Arme Kathie.

3. KAPITEL

Als Kathies jüngere Schwester Kim nach einem langen Tag an der Schule nach Hause kam und sie sah, stieß sie einen Freudenschrei aus. Nach einer herzlichen Umarmung sprang sie vor Freude in die Luft.

Kathie war so erleichtert, dass ihr fast die Tränen gekommen wären.

„Ich glaube es einfach nicht!“, rief Kim immer wieder. „Ich habe schon geglaubt, du kommst gar nicht wieder.“ Auch sie hatte feuchte Augen. „Wirklich! Je länger du weg warst, desto größere Sorgen habe ich mir gemacht. Ich dachte, wir würden nie wieder zusammen sein.“

„Ich weiß.“

Das war das Schlimmste gewesen. Die Vorstellung, ihre Familie für immer verloren zu haben.

„Also ist alles vorbei?“, fragte Kim. „Du bist zurück. Bleibst du jetzt hier?“

„Das weiß ich noch nicht.“

„Was soll das heißen?“, entgegnete Kim ungläubig. „Du bist hier zu Hause. Du gehörst hierher!“

„Ja, schon. Es ist nur … ich habe noch nie anderswo gelebt, abgesehen vom College.“ Sie war nie besonders abenteuerlustig gewesen und fühlte sich in Magnolia Falls geborgen, aber ihre Schwester wollte eine Erklärung. „Dort draußen gibt es so viel zu entdecken. Du reist doch auch gern. Wer weiß, vielleicht gibt es jede Menge Orte, an denen ich gern leben würde.“

Kim sah nicht überzeugt aus, eher verletzt und wütend.

„Ich muss es versuchen.“

„Liebst du uns denn nicht mehr?“

„Natürlich tue ich das“, versicherte Kathie.

„Du solltest das alles hinter dir lassen“, beschwor Kim sie.

„Ja, das möchte ich auch.“

„Es war so schrecklich. Mom war gestorben, und plötzlich warst du auch fort. Ich dachte dauernd, wer geht noch?“

„Oh Kimmie. Es tut mir so leid!“ Kathie drückte ihre Schwester an sich. Offenbar hatte sie noch mehr Schaden angerichtet, als sie angenommen hatte.

Kim ging früh zu Bett, stand früh auf und fuhr zur Arbeit. In Magnolia Falls war das Schuljahr noch nicht zu Ende, und sie unterrichtete die ABC-Schützen in Kunst. Kathie versteckte sich drei Stunden lang in der Wohnung. Erst als sie sich feige vorkam, traute sie sich nach draußen. Es war Frühling, warm und sonnig, die Luft duftete nach frischem Grün.

Wenn sie noch mal von vorn anfangen könnte, was würde sie dann tun?

Sich nicht in Joe verlieben. Entweder das, oder schnell darüber hinwegkommen, wie die anderen Mädchen.

Aber dazu war es zu spät.

Also musste sie das Zweitbeste tun – die Leute davon überzeugen, dass er nicht schuld gewesen war. Und ihre Schwester auch nicht. Danach würde sie wieder von hier verschwinden, selbst wenn es sie diesmal umbrachte.

Kathie hatte sich ein bisschen zurechtgemacht, ihre Lieblingsjeans und ein gelbes Top angezogen. Niemand sollte ihr anmerken, wie sehr sie sich schämte.

Sie würde ins Stadtzentrum gehen, in die Bank, in der Joe arbeitete, und ihn zum Essen einladen. Am besten ins Corner Café, wo alle sie sehen würden. Und sie musste dabei glücklich wirken. Genau wie Joe. Das allerdings könnte ein Problem sein; deshalb nahm sie ihr Handy heraus und rief in der Bank an.

„Darf ich ihm sagen, wer ihn sprechen möchte?“, fragte die Sekretärin.

Kathie war sicher, dass es Stacy Morgenstern war, die zusammen mit Kim zu den Football-Cheerleaderinnen gehört hatte. „Stacy? Hier ist Kathie.“

„Kathie Cassidy?“

„Ja.“

„Du bist zurück? Seit wann denn?“

„Seit gestern Abend. Wie geht es dir?“

„Na ja … gut. Und dir?“

„Wundervoll.“

„Wo hast du die ganze Zeit gesteckt?“, fragte Stacy. „Wir haben uns alle Sorgen um dich gemacht und …“

„Ich habe unterrichtet. Als Aushilfe in North Carolina, aber das ist vorbei. Joe hat mich nach Hause geholt.“

„Joe?“ Stacy klang verblüfft.

„Ja. Er hat mir beim Umzug geholfen.“ Immerhin hatte er ihre Koffer zum Wagen getragen.

„Du hast dich mit Joe getroffen? Etwa die ganze Zeit?“

Kathie wollte nicht lügen. „Stacy, tut mir leid, ich bin in Eile. Ich muss Joe sprechen, bevor er seine Mittagspause verplant. Kannst du mich zu ihm durchstellen?“

„Ja, natürlich. Augenblick.“

Kathie atmete auf.

„Kathie?“ Joe klang wie ein Mann, der sich einem tollwütigen Hund näherte.

„Wir sollten zusammen essen“, sagte sie schnell, bevor sie der Mut verließ.

„Na gut“, willigte er nach einer Weile ein.

„Wenn wir das tun, müssen wir auch zusammen gesehen werden.“

„Okay. Soll ich dich abholen? In einer halben Stunde?“

„Nein, wir treffen uns in der Bank. Die ist mittags immer voll. Wir gehen ins Corner Café.“

Joe stöhnte auf. „Ausgerechnet in den Diner?“

„Ja.“

„Darlene hat es umgebaut. Es ist jetzt größer und heißt Corner Diner.“

Seine Zufallsbegegnung mit Kate im Corner Diner war vermutlich noch immer Stadtgespräch. Sie waren mitten in der Trennung gewesen, und Kate hatte ihn lautstark informiert, dass sie nicht schwanger war. Kurz zuvor war sie bei der örtlichen Frauenärztin gesehen worden. Obwohl sie mit einem jungen Mädchen, das sie als „große Schwester“ betreute, dort gewesen war, hatten alle angenommen, dass nicht Shannon, sondern sie selbst ein Kind bekam.

Kein Wunder, dass er dort nicht essen will, dachte Kathie.

„Es muss sein“, sagte sie. „Und versuch, wenigstens ein bisschen glücklich auszusehen, wenn wir uns treffen. Denk dran, du bist verrückt nach mir! Sonst kann es dir nicht das Herz brechen, wenn ich dich in einem guten Monat sitzen lasse.“

„Mr. Reed?“ Joes Sekretärin Marta stand in der Tür und sah ihn irgendwie seltsam an. „Ist alles in Ordnung?“

Er hatte sie gar nicht bemerkt. „Es geht mir gut“, log er. „Warum?“

„Sie haben mich gerufen.“

Joe wollte es gerade bestreiten, da sah er, dass einer seiner auf dem Schreibtisch trommelnden Finger dem Rufknopf gefährlich nahe gekommen war.

„Brauchen Sie etwas?“, fragte sie.

„Nein. Ich … gehe essen. In ein paar Minuten.“ Er würde keinen Bissen herunterbekommen, aber glücklich aussehen. Ob Kathie ihren Bruder, den Polizisten, informiert hatte? Würde Jax ihn in den Wald schleifen und ihm wieder mit körperlicher Gewalt oder einer Flut von Strafzetteln drohen? Joe war nicht dumm; ab jetzt würde er zu Fuß zur Bank gehen. Es waren nur ein paar Meilen, und das Wetter war ideal.

„Habe ich vergessen, einen Termin zu notieren, Mr. Reed?“

„Nein. Ich habe ihn selbst abgemacht. Gerade eben.“

„Oh. Mit wem?“

Zum wiederholten Mal verfluchte Joe dieses unselige Verlangen, das ihm diese missliche Geschichte eingebrockt hatte. Aber wenn er ehrlich war, empfand er es noch immer.

Nach der kleinen Schwester seiner Exverlobten.

Marta räusperte sich.

„Entschuldigung“, sagte er. „Wo waren wir stehen geblieben?“

„Bei ihrer Verabredung. Sie wollten mir sagen, mit wem Sie essen gehen. Damit ich ihn zu Ihnen schicken kann, wenn er kommt.“

Joe zog an seiner Krawatte, die immer enger saß. Seit wann war es in seinem Büro so heiß? Erst jetzt merkte er, dass es in der Bank verdächtig still geworden war. Durch die Glaswand konnte er sehen, dass sich im Schalterraum niemand bewegte. Alle starrten zum Eingang. Mit offenem Mund. Neugierig drehte Marta sich um.

Kathie war da.

Joe sah, wie jemand sein Handy herausholte und eine Nummer wählte. Ein anderer hob seins, als wollte er ein Foto machen.

Toll.

Die ganze Stadt würde es erfahren.

Wie Joe Kathie wiedersah, hier in der Bank …

„Das ist ja …“, entfuhr es Marta.

Seine Sekretärin hatte immer zu ihm gehalten. Sie gehörte zu den wenigen Menschen, die Joe nicht die Schuld an den Geschehnissen von damals gaben. Erstaunt stellte er fest, dass sie sich zwischen ihm und der Tür postiert hatte, als wollte sie ihn beschützen.

Aber ihm war nicht zum Lachen zumute.

Was sollte er tun?

Den Verliebten spielen?

Unmöglich.

Er war noch nie verliebt gewesen. Was er für ihre Schwester empfunden hatte, war nicht mehr als Sympathie. Kate hatte ideal zu ihm gepasst – für eine Vernunftehe. Mit ihr hätte er ein ruhiges, geordnetes Leben führen können.

Und Kathie … nie hätte er geglaubt, dass sie ein solches Chaos anrichten könnte. Meistens war sie zurückhaltend und unauffällig. Das Kommando in der Familie führte Kate. Kim war das Nesthäkchen, übersprudelnd und voller Energie. Jax war … na ja, eben Jax.

Natürlich hatte Joe gewusst, dass Kathie sich als Teenager in ihn verliebt hatte. Aber er war sicher gewesen, dass es nur eine vorübergehende Laune sein würde. Und eigentlich sah er sie noch immer als junges, etwas schüchternes Mädchen, das seitdem kein bisschen gealtert war.

Die kleine Kathie Cassidy.

„Was soll ich machen?“, flüsterte Marta. „Sie abwimmeln?“

„Nein, auf keinen Fall“, erwiderte er, sobald er die Sprache wiederfand. Ich bin mit ihr verabredet. Unmöglich. Die letzten Worte brachte er nicht heraus.

„Wenn Sie wollen, schicke ich sie weg“, fuhr Marta fort. „Das mache ich dauernd, wenn Sie jemanden nicht sehen wollen.“

Sie klang wie die Türsteherin eines zwielichtigen Clubs. Du meine Güte, das hier war eine seriöse Bank.

„Marta …“

„Ich bin seine Verabredung zum Mittagessen“, verkündete Kathie so laut, dass niemand im Gebäude es überhören konnte.

Marta riss die Augen auf.

Wie alle anderen? Joe war nicht sicher.

Weil er Kathie anstarrte, die heute ziemlich eng sitzende Jeans und ein verdammt knappes Top trug.

Sie hatte sich … verändert.

Kathie war kein Girlie mehr. Kein Teenager.

Sicher, in seinen einunddreißig Jahre alten Augen sah sie noch immer jung aus, aber anders als früher.

Joe schluckte. Die nächste Katastrophe drohte.

Sie kam auf ihn zu und blieb nur einen Atemzug von ihm entfernt stehen.

Joe machte sich auf alles gefasst.

Was jetzt?

Sie legte eine Hand an seine Brust, die andere auf seine Schulter, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf die Wange. „Du siehst aus, als hättest du Angst vor mir“, flüsterte sie dabei. „Als würde ich gleich eine Waffe ziehen und deine Bank ausrauben.“

Joe holte tief Luft, legte die Hände auf ihre Schultern und lächelte so unbeschwert wie möglich, während er ihre Wange mit den Lippen streifte. Das war etwas, was er vermutlich tausendmal getan hatte, als er noch mit ihrer Schwester verlobt war. Ohne dabei einen auch nur annähernd sexuellen Gedanken zu haben.

Eine freundschaftliche, harmlose Geste.

Kein Problem.

Aber leider sollte ihr Treffen mehr als nur freundschaftlich wirken.

Kathie wich nicht zurück, und gegen seinen Willen berührte er mit der Nasenspitze erst ihr Ohr, dann ihr Haar – bis er ihren Duft wahrnahm.

Diesen zarten, unaufdringlichen Duft, an den er sich viel zu gut erinnerte.

Vielleicht war es dieser Duft, der durch die Nase direkt in sein Gehirn drang und ihn wehrlos machte. Oder eine rein chemische Reaktion. In zwanzig Jahren würde die Wissenschaft den Vorgang erklären können, aber in diesem Moment … wow! Joes Verstand war wie gelähmt.

Er senkte den Kopf, und wie von selbst fanden seine Lippen ihren Mundwinkel.

Er musste sie einfach küssen.

Kathie packte das Revers seines Anzugs, als sie das Gleichgewicht verlor, und hielt sich an ihm fest.

Seine Lippen streiften ihre.

Er atmete ihren Duft ein und fühlte, wie sie zu zittern begann und sich von ihm zu lösen versuchte. Weil sie sich vor dem schützen wollte, was sie noch für ihn empfand?

Kathie, hör auf damit. Du darfst es nicht fühlen. Nicht mehr.

Aber sie fühlte es und brachte ihn noch immer um den Verstand.

Was sollte er bloß dagegen tun?

Joe brach den Kuss ab und machte einen Schritt von ihr weg. Er ließ die Hände noch eine Sekunde auf ihren Schultern, um Kathie zu stützen, während ihre Blicke sich trafen. War sie wütend oder verletzt? Er war nicht sicher.

Und dann war es vorbei. Kathie lächelte, als wäre nichts passiert. Nichts außer einer freundlichen Begrüßung zwischen zwei Menschen, die angeblich mehr als Freunde waren. Eine kleine Show für die Leute in der Bank.

Worauf hatte Joe sich da nur eingelassen? „Gehen wir?“, fragte er.

Sie nickte.

„Marta, ich bin in einer Stunde zurück.“

„Guten Tag, Marta“, sagte Kathie. „Entschuldigung, ich … war nur so froh, Joe zu sehen. Da habe ich meine guten Manieren vergessen. Wie geht es Ihnen?“

„Gut“, erwiderte die Sekretärin wie benommen.

„Sollen wir Ihnen etwas aus dem Diner mitbringen?“, fragte Kathie.

„Nein, danke. Ich habe ein Sandwich dabei.“

„Wir sehen uns“, sagte Kathie.

Super.

Sie nahm Joes Hand, und er ließ sich von ihr aus der Bank führen.

Kathie schleifte Joe praktisch durch die Stadt, bis er ihr den Arm um die Taille legte und mit ihr in einer kleiner Seitengasse verschwand.

„Was tust du da?“, rief sie und zog damit noch mehr neugierige Blicke auf sich.

Er drückte sie gegen eine Wand und verstellte ihr jeden Fluchtweg.

Sie atmete tief durch und lehnte sich gegen die Wand.

Joe stützte sich mit einer Hand ab, direkt neben ihrem Kopf.

Er war ihr viel zu nahe.

„Warum hast du mich in der Bank geküsst?“

„Du hast mich zuerst geküsst.“

„Nicht so wie du mich“, entgegnete sie. „Willst du mich denn noch mehr verletzen?“

„Nein, das würde ich nie machen“, verteidigte er sich.

„Warum hast du es dann getan?“

„Keine Ahnung.“

Das nahm sie ihm nicht ab. Sie würde ihn weiter anschreien und zwingen, ihr die Wahrheit zu sagen. Er war ein rational denkender Mann und musste wissen, warum er sie geküsst hatte.

Aber dann betrachtete sie ihn und erkannte ihn kaum wieder. Er sah anders aus als sonst – er wirkte … verwirrt, frustriert und wütend auf sich selbst.

Joe mochte vieles sein, ein Schauspieler war er nicht.

Er machte niemandem etwas vor.

Warum also hatte er sie geküsst?

Kathie fiel nur ein Grund ein: Er hatte es getan, weil er es wollte.

Konnte er sie wirklich küssen wollen?

„Ich weiß nicht, was gerade passiert ist, und es tut mir leid“, versicherte er. „Du … hast mich einfach auf dem falschen Fuß erwischt, das ist alles. Ich hasse es, mich zu verstellen. Schon als Kind war ich ein miserabler Lügner.“

„Das glaube ich dir sogar.“

Eigentlich fiel es ihr schwer, ihn sich als Kind vorzustellen. Manchmal hätte sie schwören können, dass der Mann in Anzug und Krawatte zur Welt gekommen war.

Und jetzt hatte sie Angst.

Große Angst.

Weil der Kuss sich angefühlt hatte, als würde Joe sie wirklich begehren? War das möglich?

Kathies Herz klopfte noch heftiger. Ihr wurde schwindlig, und ihre Knie zitterten, aber bevor sie nach unten rutschen konnte, hielt Joe sie fest und presste sie mit seinem Körper gegen die Wand – mit einem Gesichtsausdruck, den sie nicht deuten konnte.

„Was ist? Was hast du?“, fragte er besorgt.

„Nichts.“ Obwohl es das Letzte war, was sie wollte, schob sie ihn von sich. „Mir war nur … kurz schwindlig. Jetzt ist es vorbei.“

„Sicher?“

Kathie nickte.

Er hatte sie noch nicht losgelassen.

Sie war praktisch von ihm umgeben. Brust, Schultern, Arme, Kinn, Mund. Unter dem Anzug, in dem er geboren zu sein schien, spürte sie Muskeln und nahm seinen Duft wahr.

Sie legte den Kopf an seine Schulter und hielt sich an ihm fest, wie eine Frau, die jeden Moment vor Erschöpfung umfallen konnte.

Vielleicht begehrte Joe sie tatsächlich.

Es war nicht die Verliebtheit eines Teenagers, und es war bestimmt nicht Liebe. Aber irgendetwas gab es da.

Etwas, auf dem sie beide aufbauen konnten?

Etwas, aus dem vielleicht irgendwann echte Liebe wurde?

Kathie schauderte, als sie an all die möglichen Folgen und Komplikationen dachte. Und daran, wie viele Menschen sie schon verletzt hatte, weil sie sich zu Joe hingezogen fühlte. Die Vorstellung, dass er ihre Gefühle erwiderte, ängstigte und erregte sie zugleich.

„Brauchst du einen Arzt?“, fragte Joe.

„Wahrscheinlich“, flüsterte sie, mehr zu sich selbst.

Aber er hörte es. „Einen Krankenwagen?“

„Nein, Joe.“ Sie lachte kurz auf. „Ich brauche eine Minute, um … gib mir eine Minute, okay?“

Fürsorglich legte er die Arme um sie.

Joe machte sich wirklich Sorgen, das spürte Kathie. Vermutlich hatte auch er Angst vor dem, was hier vorging. Langsam und vorsichtig löste sie sich von ihm und versuchte, ihm nicht in die Augen zu blicken. Sie hatte schon genug von ihren Empfindungen preisgegeben.

„Tut mir leid. Es geht mir gut. Wirklich.“ Erst jetzt hob sie den Kopf und sah, dass Joe ihr nicht glaubte. „Ich habe gestern Abend nichts gegessen, und heute Morgen auch nicht, deshalb …“

„Kathie?“

„Es war ein verrückter Tag.“ Der erste von vielen, fürchtete sie. „Lass uns essen gehen.“

„Soll ich dich tragen?“

„Nein. Das schaffe ich schon.“

Trotzdem legte er ihr einen Arm um die Taille. Als sie die Straße entlanggingen und sämtliche Blicke sie verfolgten, fiel es Kathie schwer, sich nicht an ihn zu schmiegen.

Wie um alles auf der Welt war sie nur auf die Idee gekommen, nach Magnolia Falls zurückzukehren? Zu ihm?

Als sie und Joe den Diner betraten, drehten sich die Köpfe so schnell, dass Kathie überrascht war, dass niemand ein Schleudertrauma davontrug. Wie in der Bank setzte schlagartig Stille ein, gefolgt von hektischem Tuscheln.

Darlene Hodges, die Wirtin, begrüßte sie persönlich. Wahrscheinlich war sie ihnen dankbar, dass sie den Ruf des Restaurants festigten – als den Ort, an dem man sein musste, wenn man alles über jeden erfahren wollte.

„Wen haben wir denn da?“ Marlene strahlte, die Speisekarten in der Hand. „Kathie, meine Liebe, endlich bist du wieder zu Hause!“

Unwillkürlich machte Kathie sich kleiner, aber das brachte sie in noch engeren Kontakt mit Joe, der sie noch immer festhielt.

Perfekt.

Einfach ideal für ihr Vorhaben.

„Wollt ihr einen Tisch oder eine Nische?“

„Was frei ist“, sagte er.

„Okay. Hier entlang.“ Marlene führte sie mitten in den Raum. Wo wirklich jeder sie sehen konnte.

Es war eine winzige Nische. Als sie sich setzten, berührten sich ihre Knie. Es gab einen peinlichen Moment, und schließlich saßen sie so, dass Kathies Knie sich zwischen Joes befanden.

„Ich hoffe, es ist nicht zu eng“, sagte Marlene lächelnd und reichte ihnen die Karten. „Wir empfehlen heute Geflügelsalat auf Toast. Ich schicke euch jemanden.“

Kathie wartete, bis die Bedienung verschwunden war. „Schlimmer wäre nur noch, wenn wir wieder gehen würden, ohne etwas zu essen, was?“

„Das kannst du wohl laut sagen“, bestätigte Joe.

Als sie ihr Besteck aus der Serviette wickelte, landete der Löffel klirrend auf dem Tisch. Sie spürte die Blicke der anderen Gäste. „Verdammt.“

Gleichzeitig griffen sie und Joe danach. Seine Hand landete auf ihrer, und er drückte sie, eine Million Entschuldigungen in den dunkelbraunen Augen. Aber es lag noch etwas anderes darin. Etwas, was ihr sagte, dass sie sich auf ihn verlassen konnte.

Wie konnte er nach allem, was passiert war, so großzügig sein? Tat sie ihm etwa leid?

Sie ihm? Musste es nicht eher umgekehrt sein? Kathie wusste, dass er Kate liebte. Sie hatte ihn und ihre Schwester jahrelang zusammen erlebt. Die beiden waren füreinander wie geschaffen. Und dann hatte sie ihm alles verdorben.

Jetzt war sie hier, um es wiedergutzumachen.

Bree Hanover, mit der Kim im Kindergarten gewesen war, erschien am Tisch und warf einen verstohlenen Blick auf ihre noch immer verschränkten Hände.

„Wenn das keine Überraschung ist“, sagte sie und zückte ihren Stift.

Kathie wollte ihre Hand zurückziehen, aber Joe ließ es nicht zu. Er lächelte Bree zu und spielte genau die Rolle, auf die sie sich verständigt hatten.

Na gut.

Dann lächle ich eben auch, dachte Kathie, und wenn es mich umbringt.

Sie bestellten Eistee und den Geflügelsalat.

Bree blieb stehen, und sie lächelten weiter, bis die Kellnerin endlich verschwand.

Ein Gast nach dem anderen kam vorbei, um Hallo zu sagen. Mrs. Brooks aus der Bücherei bot ihr sogar einen Aushilfsjob an. Bildete Kathie es sich nur ein, oder wurde es im Diner wirklich immer voller? Schon bald bildete sich am Eingang eine Schlange.

Na toll.

Genau so wollten sie es doch, oder?

Spätestens heute Abend würde die ganze Stadt wissen, dass Kathie zurück war. Dass sie mit Joe essen gewesen war und sogar Händchen gehalten hatte.

Darlene kam wieder an ihren Tisch. „Ich weiß, du bist Lehrerin, aber falls du einen Job brauchst, bis die Schule wieder anfängt … mir fehlt eine Kellnerin. Josie Lawrence ist vor drei Tagen mit einem Hippie-Gitarristen durchgebrannt, den sie im Internet kennengelernt hat.“

Entsetzt starrte Kathie sie an. Hier arbeiten? Auf dem Präsentierteller? Niemals. „Danke für das Angebot, aber …“

„Mrs. Brooks aus der Bücherei war schneller“, half Joe ihr aus der Klemme. „Annabeth Jacobs geht nächste Woche in Mutterschaft. Sie braucht eine Vertretung.“

„Ja, richtig“, sagte Kathie, obwohl ihr auch die Bücherei viel zu öffentlich war.

„Schade“, erwiderte Darlene. „Falls du es dir anders überlegst – du weißt, wo ich bin.“

Joe zahlte, und sie wollten gerade hinausgehen, als Charlotte Simms, die Leiterin des Big Brothers Big Sisters Programms, sie entdeckte.

„Kathie Cassidy!“, rief sie. „Du bist wieder da! Bestimmt freut Kate sich riesig!“

Alle starrten zu ihr. Offenbar wollte jeder wissen, ob Kate sich wirklich freute.

Kathie setzte ihr Lächeln auf. „Hallo, Charlotte.“ Sie wandte sich Joe zu. „Du kennst doch Joe Reed? Von der Bank?“

Verblüfft sah Charlotte von ihm zu ihr und zurück. „Oh … natürlich … Joe. Ich habe schon so viel über Sie gehört“, sagte sie und errötete.

„Schön, Sie endlich kennenzulernen“, erwiderte Joe höflich.

„Du bist also zurück?“, fragte Charlotte Kathie. „Für immer?“

„Ich … na ja …“

„Wir versuchen alle, sie dazu zu überreden“, rettete Joe sie erneut und legte eine Hand auf ihren Rücken.

„Du bist doch Lehrerin, nicht wahr?“ Charlotte holte eine Visitenkarte heraus. „Ich könnte jemanden wie dich gebrauchen.“

„Oh, ich suche keinen Job. Noch nicht.“

„Das ist gut, denn ich kann meine Paten nicht bezahlen.“ Charlotte strahlte sie an. „So viele meiner Schützlinge haben in der Schule Probleme. Deshalb wollen wir für sie Nachhilfe organisieren. Ich brauche jemanden, der das organisiert. Eine Lehrerin.“

„Wie gesagt, ich bin nicht sicher, ob ich überhaupt …“

„Denk einfach darüber nach“, unterbrach Charlotte sie. „Komm vorbei, und wir reden miteinander, okay? Die Kinder sind toll, und es macht dir bestimmt Spaß. Deine Schwester war mit Begeisterung dabei und hat sich auch noch einen Ehemann geangelt!“

Charlotte strahlte noch immer, als ihr bewusst wurde, dass sie schon wieder etwas Falsches gesagt hatte. Aber durch eine kleine Panne ließ sie sich nicht bremsen. „Es ist doch alles wieder gut, oder? Vergeben und vergessen?“

Kathie und Joe nickten. Es sah nicht sehr überzeugend aus, aber immerhin.

„Wundervoll. Übrigens, Joe, ich könnte auch etwas finanzielle Hilfe gebrauchen.“ Sie nahm eine zweite Visitenkarte heraus und gab sie ihm. „Könnten Sie irgendwann mal vorbeikommen? Oder ich besuche Sie in der Bank. Was immer Ihnen besser passt.“

„Gern“, sagte Joe.

„Sie sind mir doch nicht mehr böse, oder?“

Weil er seine Verlobte an einen Mann verloren hatte, dem sie bei Charlotte begegnet war? Kathie hielt sich den Mund zu, um nicht laut zu lachen. Sie standen mitten im Diner, und alle starrten sie an. Sie sind mir doch nicht mehr böse, oder? Als hätte Charlotte ihm einen Parkplatz weggeschnappt.

Kathie schnappte nach Luft und unterdrückte ein hysterisches Kichern.

„Überhaupt nicht“, antwortete Joe, bevor er Kathie nach draußen schob, wo sie wie eine Verrückte zu lachen begann.

„Jetzt machst du mir Angst“, sagte er und zog sie in eine Seitengasse.

Irgendwie kam ihr das bekannt vor. „Ich glaub’s nicht! Die Frau ist wirklich unverfroren! Mein Gott, was für eine absurde Situation!“ Kathie kamen die Tränen, als sie zugleich lachte und weinte.

Was für ein schrecklicher Tag. Was für ein schreckliches Jahr.

„Komm schon, Kathie.“ Joe hielt sie fest, bis sie sich wieder im Griff hatte und nur noch erschöpft war. Erschöpft und sehr traurig.

„Langsam begreife ich, was du durchgemacht hast“, sagte sie und bekam ein noch schlechteres Gewissen.

Er zuckte mit den Schultern. „Wir brauchen einen richtigen Skandal in der Stadt. Einen, über den alle reden. Dann sind wir nicht mehr das Gesprächsthema.“

„Stimmt.“

Er brachte Kathie nach Hause. Auf ihrer Veranda zögerte sie. Sie brachte es nicht fertig, ihn wieder auf die Wange zu küssen. Aber zu ihrer Erleichterung – und zu ihrem Entsetzen – tat Joe es.

Warme, weiche Lippen an ihrer Haut. Ein Hauch seines Aftershaves, die Wärme seines Körper, dann flüsterte er etwas zum Abschied und war fort.

Kathie bekam wieder Luft.

Diese Scheinromanze brachte sie langsam, aber sicher um.

4. KAPITEL

Als Joe die Bank betrat, fühlte er sich in den letzten Herbst zurückversetzt. Köpfe drehten sich um. Überall wurde geflüstert.

Er hasste es.

Noch schlimmer war, was Kathie in ihm auslöste.

Sie machte ihn verrückt.

Anders konnte man es nicht nennen.

Verrückt.

Er war ein Mann, der immer gewusst hatte, was er im Leben wollte. Verrücktheiten gehörten nicht dazu. Kathie auch nicht. Ihre Schwester dagegen war für ihn bestimmt gewesen, und er verstand noch immer nicht, wie und warum er sie verloren hatte.

Joe schaffte es durch den Schalterraum und hob abwehrend eine Hand, bevor seine Sekretärin ihn mit Fragen löchern konnte. „Ich weiß. Die Telefonkonferenz in zehn Minuten. Liegt die Akte auf meinem Schreibtisch?“

Autor

Teresa Hill

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