Bianca Extra Band 114

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EIN COWBOY IN DER WINTERNACHT von CHRISTY JEFFRIES
Ein Schrei, ein Sturz – und Gedächtnisverlust! Verwirrt kommt die hübsche Caroline zu sich. Zum Glück ist ihr Verlobter, sexy Cowboy Craig Clifton, an ihrer Seite. Caroline ahnt nicht, dass ihre Erinnerung ihr einen bittersüßen Streich spielt: Sie und Craig sind praktisch Fremde …

EIN MANN, EIN WORT – EIN HEISSER KUSS von SANDRA STEFFEN
Aprils Herz droht zu zerbrechen, als Cole, der beste Freund ihres verstorbenen Mannes, von Jays letzten Augenblicken erzählt. Und doch ist der warmherzige Bauunternehmer für die Single Mom wie ein Hoffnungsschimmer. Darf man manche Träume zum zweiten Mal träumen?

EINSAM WARST DU VIEL ZU LANG von ROCHELLE ALERS
Aufopferungsvoll kümmert Zoey sich um ihren Bruder. Dabei bräuchte der aufsässige Teenager dringend ein männliches Vorbild. Jemanden wie ihren neuen Nachbarn, den attraktiven Profisportler Sutton Reed! Aber der macht Zoey schmerzlich bewusst, wie einsam sie ohne Liebe ist …

VERLIEBT IN DEN BABYRETTER von TERI WILSON
Ein Neuanfang in Vermont: In der ländlichen Idylle will Yogalehrerin Felicity vergessen, dass man ihr die Adoption eines süßen Babys verweigert hat. Doch auch hier gibt es entzückende Kleinkinder – und einen gut aussehenden Feuerwehrmann, der ein perfekter Daddy wäre!


  • Erscheinungstag 20.09.2022
  • Bandnummer 114
  • ISBN / Artikelnummer 9783751507851
  • Seitenanzahl 448
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Christy Jeffries, Sandra Steffen, Rochelle Alers, Teri Wilson

BIANCA EXTRA BAND 114

CHRISTY JEFFRIES

Ein Cowboy in der Winternacht

„Da ist ja mein Verlobter.“ Craig will protestieren: Die zarte Frau im Krankenhausbett, die ihn anstrahlt, kennt er nicht. Aber der Arzt bittet ihn, nicht zu widersprechen – also ist er plötzlich verlobt!

SANDRA STEFFEN

Ein Mann, ein Wort – ein heißer Kuss

Was soll er bloß zu der Witwe seines besten Freundes sagen? Als Cole die aparte April aufsucht, weiß er nur, was er auf keinen Fall zu ihr sagen darf: „Ich begehre dich – ich möchte dich lieben …“

ROCHELLE ALERS

Einsam warst du viel zu lang

Baseballprofi Sutton Reed steht vor zwei großen emotionalen Herausforderungen: Er muss sich um einen verstörten Teenager kümmern – und will mit dessen bezaubernder Schwester das große Glück finden!

TERI WILSON

Verliebt in den Babyretter

Seit Feuerwehrmann Wade geholfen hat, ein Baby zu entbinden, ist er im Ort der Held. Nur die schöne Felicity geht ihm aus dem Weg – warum nur? Wade muss es herausfinden, denn er braucht ihre Hilfe …

1. KAPITEL

Caroline Ruth liebte Romanzen und Geschichten mit Happy End über alles. Deshalb war sie überzeugt, dass ihr Job als Hochzeitsplanerin in Rust Creek Falls, Montana, geradezu maßgeschneidert für sie war. Dieser Meinung war auch ihre Chefin Vivienne, die allerdings gerade in den Flitterwochen auf den Fidschi-Inseln weilte.

Josselyn Weaver, die neueste Kundin der Agentur für Hochzeiten und Events, saß ihr am Schreibtisch gegenüber und blätterte in Brautmodenkatalogen, während sie beide auf Josselyns Bräutigam warteten.

Carolines Magen knurrte. Sie bereute, dass sie sich auf dem Weg zur Arbeit kein Croissant bei Daisy’s Donuts geholt hatte. Aber sie war so erpicht darauf gewesen, sich auf diese Besprechung vorzubereiten, dass sie sich nur einen Bissen von einem alten Proteinriegel aus den Tiefen ihrer riesigen Tasche gegönnt hatte. „Als wir uns vor ein paar Monaten kennengelernt haben, warst du überzeugt, dass du in absehbarer Zeit nicht heiraten würdest“, bemerkte sie. „Ich freue mich, dass du es dir anders überlegt hast.“

Josselyns Augen funkelten belustigt. „Ich habe deine Vorhersage, dass ich bald meine Hochzeit planen würde, für total verrückt gehalten. Schließlich war ich gerade erst nach Rust Creek Falls gezogen, um die Stelle als Schulbibliothekarin anzunehmen. Ich habe nicht mal an ein Date gedacht, geschweige denn an eine feste Beziehung. Man sagt zwar, dass die Liebe einen findet, wenn man nicht danach sucht, aber wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich an Weihnachten verlobt sein würde, hätte ich es niemals geglaubt.“

An Weihnachten verlobt. Ein Schauer lief Caroline über den Rücken. Denn die Worte erinnerten sie an die Prophezeiung einer alten Hellseherin namens Winona Cobbs. Wenn sie recht hat, verlobe ich mich vor meinem vierundzwanzigsten Geburtstag. Bis dahin ist es bloß noch ein guter Monat. Also muss der Richtige schon bald vorbeikommen …

Sie blickte zum Papierkorb zu ihren Füßen und fragte sich, ob sie den Rest des Proteinriegels zu voreilig weggeworfen hatte. Denn plötzlich fühlte sie sich ein wenig flau im Magen.

„Erzähl mir von deinem Verlobten“, schlug sie vor. Auch sie war relativ neu in der Kleinstadt und ihm noch nie begegnet, obwohl sie ihrer Chefin bereits bei einigen Hochzeiten auf der Sunshine Farm assistiert hatte.

„Drew ist Entbindungsarzt im Ärztehaus von Rust Creek Falls. Seine erste Frau ist vor einigen Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen, und ich will unbedingt ihr Andenken ehren.“

„Natürlich.“ Caroline nickte mitfühlend. „Wenn ich mich recht erinnere, hat er einen bezaubernden Sohn, der euch beide miteinander bekannt gemacht hat. Ich nehme an, dass ihr ihn irgendwie mit in die Hochzeit einbeziehen wollt.“

„Unbedingt.“ Josselyns Handy vibrierte. Sie blickte auf das Display und verkündete: „Drew verspätet sich, weil er seinen Bruder im Daisy’s getroffen hat, aber er bringt dafür Donuts als Entschädigung mit.“

„Kein Problem.“ In Vorfreude auf das süße Gebäck knurrte Carolines Magen erneut. „Habt ihr schon besprochen, wie groß die Hochzeit sein wird und ob sie drinnen oder draußen stattfinden soll?“

„Da Drew aus Thunder Canyon stammt, haben wir uns für Kalispell als Ort entschieden. Das liegt etwa in der Mitte und ist somit am günstigsten für alle Gäste. Ich weiß noch nicht, wie viele wir einladen werden, aber seine Familie ist riesig. Ich hoffe, dass wir ein Datum innerhalb der nächsten zwei Monate festsetzen können, also muss es wohl eher drinnen stattfinden, da die Winter in Montana ziemlich unberechenbar sind.“

„Ich kenne die perfekte Location!“ Caroline sprang auf. „Ich habe nähere Informationen in einem Ordner dort oben.“

Vivienne hatte die Hochzeitsagentur in dem ehemaligen Eisenbahndepot der Sawmill Station eingerichtet. Ihr Mann Cole hatte eine Bücherwand eingebaut und versprochen, nach der Rückkehr aus den Flitterwochen eine Regalleiter zu installieren. Bis dahin musste man auf ein Möbelstück steigen, um an das oberste Bord zu gelangen.

Um sich davon abzulenken, dass sie in High Heels auf einem antiken Holzstuhl balancierte, plapperte Caroline drauflos: „In Kalispell gibt es ein historisches Backsteingebäude, in dem sich ein Kunstmuseum befindet. Das geht nach hinten auf einen großen Garten hinaus. Der Geschichtsverein vermietet es für Veranstaltungen. Falls ich an den Ordner rankomme, kann ich dir Fotos zeigen.“

„Soll ich dir helfen?“

„Nein. Ich hab’s gleich.“ Es mochte nicht sehr ladylike aussehen – schon gar nicht in einem kurzen Plisseerock –, aber Caroline stieg mit einem Fuß auf ein Regalbrett und reckte sich so hoch wie nur möglich.

Wie es der Zufall wollte, ging genau in diesem Moment die Tür auf.

„Hi, Drew!“, rief Josselyn. „Wie schön, dass du Ben und Craig mitbringst.“

Überrascht drehte Caroline sich um. Drei Männer standen in der Tür. Sie hatte jedoch nur Augen für den einen, der eine rosa Bäckereischachtel in der Hand hielt. Er trug einen Stetson und ein rot kariertes Hemd, doch dieses Cowboyoutfit war nichts Besonderes in dieser Stadt. Was sie schwindelig vor Aufregung machte, war die sichelförmige Narbe an seinem Hals.

Genau wie bei dem Mann, den Winona Cobbs mir prophezeit hat. Sie blinzelte verwundert. Das ist er. Er ist gekommen.

Überwältigt, unterzuckert und vielleicht ein bisschen voreilig zog sie den Fuß vom Regal – und brachte den Stuhl ins Wanken. Zu allem Überfluss blieb sie mit dem Absatz an einer Armlehne hängen und geriet ins Straucheln. Sie schrie auf. Ihr letzter Gedanke, bevor alles schwarz um sie wurde, war: verlobt zu Weihnachten.

Craig Clifton sah die Frau wie in Zeitlupe stürzen. Er ließ den Karton mit den Donuts fallen und sprintete zu ihr hin, als ihr Kopf mit einem dumpfen Knall gegen ein Regalbrett prallte. Er machte einen großen Satz nach vorn in dem verzweifelten Versuch, sie im letzten Moment aufzufangen. Die Wucht des Aufpralls riss beide zu Boden.

Zum Glück landete sie mit Kopf und Schultern auf seinem Bauch statt auf dem harten Holzfußboden. Er hatte den Großteil der Stoßwirkung abgefangen, doch nun lagen sie in der Form eines T auf dem Fußboden.

Drew, sein Freund aus Kindertagen, rief ihm zu: „Bleib still liegen und bewege sie nicht.“

Die Kollision hatte Craig den Atem verschlagen; er schnappte nach Luft. „Ich kann mich selbst kaum bewegen.“ Er befühlte die Beule an seinem Hinterkopf und registrierte, dass ihm der Stetson abhandengekommen war. Er wackelte mit den Zehen in den Stiefeln und entspannte sich. Offensichtlich funktionierten alle Gliedmaßen noch.

Drew hockte sich neben die Frau und befühlte ihren Hals – vermutlich, um den Puls zu checken. Dann wandte er sich an seinen Bruder. „Meine Tasche liegt in meinem Auto vorm Daisy’s. Hast du deine dabei?“

Ben war ebenfalls Arzt. Anstatt sich nach dem Wohlergehen seines besten Freundes Craig zu erkundigen, hatte er die bewusstlose Frau angestarrt. „Bin schon unterwegs.“

„Sollten wir nicht einen Krankenwagen rufen?“, schlug Josselyn besorgt vor.

„Der würde aus Kalispell kommen und verdammt lange brauchen“, antwortete Drew. „Puls und Atmung scheinen stabil zu sein, und ich kann keine Knochenbrüche feststellen. Aber ich vermute eine Gehirnerschütterung.“

„Das war auch mein erster Gedanke“, sagte Ben, der gerade mit seiner Arzttasche zurückkehrte. „Wir könnten sie in das Ärztehaus hier bringen, aber sie wird ein CT brauchen. Also sollten wir sie direkt in die Klinik nach Kalispell fahren.“

„Ist es nicht zu gefährlich, sie zu transportieren?“, wandte Josselyn ein.

„Tja, wir können sie nicht ewig auf Craig liegen lassen, so sehr er das auch genießen mag.“ Ben grinste, bis er die Besorgnis auf dem Gesicht seiner zukünftigen Schwägerin sah. „Ich verspreche dir, dass alles gut wird.“

Craig war mit den Stricklands aufgewachsen und wusste, dass es nicht so schlimm um die Frau stehen konnte, wenn Ben zu Scherzen aufgelegt war. Er fragte sich, wieso er sich von seinen besten Freunden hatte breitschlagen lassen, sie zu dieser Hochzeitsberatung zu begleiten. Eigentlich waren sie auf dem Weg zu der neuen Ranch an der Sawmill Station, um sich die Herde Longhorns anzusehen, die die Daltons verkauften. Wie es der Zufall wollte, befand sich das Büro der Agentur auf demselben Grundstück.

„Mir geht es übrigens gut“, verkündete er missmutig, weil niemand sich um sein Wohlergehen zu sorgen schien. Er blickte zu der rosa Gebäckschachtel, die sich geöffnet und ihren Inhalt auf dem Holzfußboden verstreut hatte. „Aber da ich hier feststecke, kann mir vielleicht jemand einen Donut reichen?“

„Wenn es dir gut genug geht, um zu maulen, geht es dir auch gut genug, um zu warten, bis du an der Reihe bist.“ Drew musterte Craig flüchtig, bevor er der bewusstlosen Caroline eine Manschette um den Oberarm legte. „Außerdem habe ich dich in früheren Jahren schlimmer von buckelnden Pferden fliegen sehen. Jetzt halt still, während ich ihr den Blutdruck messe.“

Grinsend gab Ben zu bedenken: „Aber er ist kein Jungspund mehr.“

Prompt spürte Craig jedes einzelne seiner fünfunddreißig Jahre. Der harte Fußboden und sein unnatürlich abgewinkelter Oberkörper riefen eine höchst unangenehme Verspannung im Rücken hervor. „Im Reiten übertreffe ich dich immer noch.“

„Möglich.“ Ben reichte ihm einen glasierten Donut, der auf einem Stück Wachspapier gelandet war. „Ich habe dich nicht mehr in so schneller Bewegung gesehen, seit Brown Fury dich bei den Midstate Finals gegen die Bande geschleudert hat.“

„Dieser Bulle war ein hundsgemeines …“

„Sie wirkt zwar stabil“, unterbrach Drew die Erinnerungen an alte Rodeo-Zeiten, „aber wir sollten sie schnellstmöglich in die Klinik bringen.“

Da Craig auf der Ranch seiner Familie in Thunder Canyon aufgewachsen war, waren ihm Kleinstädte und medizinische Notfälle nicht fremd. Die Leute dort waren es gewohnt, sich um ihre Angehörigen zu kümmern. Nicht dass diese Lady zu ihm gehörte. Er kannte die Frau nicht einmal, die so reglos auf ihm ruhte, mit der porzellanweißen Wange auf den roten Karos seines Hemdes.

Behutsam hoben Drew und Ben Caroline hoch und trugen sie zur Tür. Craig ließ den Donut auf dem Fußboden liegen und rappelte sich auf. Er verspürte den Drang, die Frau selbst zu tragen. Schließlich war er derjenige, der sie vor einer zweiten Kopfverletzung bewahrt hatte. Dadurch fühlte er sich in gewisser Weise verantwortlich. Andererseits war er im Gegensatz zu den beiden Ärzten nicht versiert im Patiententransport, sondern verstand sich eher darauf, Heuballen zu schleppen.

„Ich nehme ihre Handtasche“, sagte Josselyn und eilte hinaus.

Craig hob seinen Stetson auf, lief nach draußen und öffnete die hintere Tür seines Pick-ups. Schnell sprang er auf die Rückbank und half, Caroline hineinzubefördern. Ihr Kopf landete erneut auf ihm, doch diesmal auf seinem Schoß, während er aufrecht saß.

Er fischte den Autoschlüssel aus der Hosentasche und reichte ihn Josselyn. Sie sollte fahren, damit Drew Carolines Vitalfunktionen überwachen konnte.

Da für Ben kein Platz mehr im Wagen war, wollte er Josselyns Auto zur Sunshine Farm bringen. „Wen soll ich benachrichtigen?“, fragte er, und alle Blicke richteten sich auf sie.

„Sie ist wie ich noch ziemlich neu in Rust Creek Falls. Also weiß ich nicht, wen sie hier kennt. Sie arbeitet für Vivienne Shuster, aber die ist mit Cole Dalton auf den Fidschi-Inseln in den Flitterwochen, und ihre Eltern reisen viel herum. Ich habe keine Ahnung, wo sie sich gerade aufhalten.“

Craig kam es sehr intim vor, über die privaten Angelegenheiten einer Frau zu reden, der er nie zuvor begegnet war. Einer Frau, deren braune Haare in sanften Wellen auf seinen Oberschenkeln ruhten. Er räusperte sich. „Wie heißt sie denn?“

„Caroline Ruth“, sagte Josselyn und fuhr los.

Caroline. Ihr Körper war schlank und zierlich, aber trotzdem wohlgerundet an genau den richtigen Stellen. Beschämt wurde ihm bewusst, dass er die bewusstlose Lady ungeniert taxierte – eine ohnmächtige, verletzliche Lady, in zarten, anschmiegsamen Stoff gehüllt, der nicht auf eine Ranch passte. Sie sah nicht aus wie jemand, der viel Zeit im Freien verbrachte. Mit gerunzelter Stirn betrachtete er die hochhackigen Sandaletten und die in leuchtendem Pink lackierten Zehennägel. In robusten Stiefeln und praktischen Jeans wäre sie nicht von dem Stuhl gefallen. Aber was weiß sie als Hochzeitsplanerin schon von körperlicher Arbeit?

Josselyn fuhr ein bisschen zu scharf in eine Kurve. Craig fasste Caroline instinktiv um die Taille, damit sie nicht vom Sitz fiel. Die Berührung sandte ein Kribbeln an seinem Arm hinauf. Prompt schämte er sich noch mehr und zog die Hand zurück. Er suchte in ihrem Gesicht nach Anzeichen für Schmerzen oder Unbehagen. Aber zum Glück wirkte sie völlig entspannt und friedlich.

Sie war zweifellos eine sehr attraktive Frau. Doch es stand ihm nicht zu, solche Dinge zu bemerken, und sie war eindeutig nicht empfänglich für seine ungewollte Aufmerksamkeit.

Unbehaglich rutschte er auf dem Sitz herum, und plötzlich riss sie die Augen auf. „Oh, hallo“, murmelte er matt. Was sonst hätte er zu einer völlig fremden Frau, deren Kopf auf seinem Schoß lag, sagen sollen?

Verträumt lächelte sie ihn an, bevor sich ihre Lider senkten und sie erneut das Bewusstsein verlor.

Caroline hörte ein stetes Piepsen und spürte einen Druck um den Oberarm. Es kostete sie enorme Mühe, die Augen zu öffnen, und dann sah sie alles verschwommen. Wo bin ich? Was ist passiert?

„Sie ist wach“, sagte jemand.

Sie blinzelte mehrmals, bis die Lampe an der weißen Decke in den Fokus rückte. Unter den Händen spürte sie etwas, das sich wie ein gestärktes Laken anfühlte. Liege ich in einem Bett?

„Caroline?“

Sie drehte sich zu der Stimme um.

Eine Frau mit stahlgrauen Locken und kupferfarbener Haut legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. „Können Sie mich hören?“

„Wo bin ich?“

„In der Notaufnahme im Kalispell Regional. Ich bin Dr. Robinson. Erinnern Sie sich, was passiert ist?“

Caroline schüttelte den Kopf und zuckte zusammen, als ihr ein stechender Schmerz in die Stirn schoss.

„Vorsicht! Sie haben sich den Kopf ziemlich stark angeschlagen. Ihre Freunde haben Sie hergebracht. Wir glauben, dass Sie eine Gehirnerschütterung haben, aber wir möchten einen CT-Scan machen, um eine ernstere Verletzung auszuschließen.“

„Meine Freunde?“ Sie drehte sich zur anderen Seite des Bettes um und atmete auf, als sie Josselyn Weaver dort stehen sah.

Dr. Robinson wollte wissen: „Sind Sie bereit, einige Fragen zu beantworten?“

„Sicher.“ Caroline setzte sich auf und stellte erleichtert fest, dass nur ihr Kopf schmerzte und der restliche Körper ihr gehorchte.

„Wissen Sie, wie Sie heißen?“

„Caroline Ruth.“

„Und welchen Tag haben wir heute?“

Sie blinzelte ein paarmal, bis sie sich erinnerte. „Den 21. November.“

„Gut. Und was haben Sie heute Morgen gefrühstückt?“

Ihr Magen knurrte. „Bloß einen Bissen von einem Proteinriegel. Ich hätte mir ein Croissant im Daisy’s holen sollen, aber ich wollte nicht zu spät zu meinem Termin kommen.“

„Was für ein Termin?“

„Ich bin Hochzeitsplanerin.“

„Wissen Sie, wo Sie wohnen?“

Caroline rasselte die Adresse des Häuschens herunter, das sie vor einigen Monaten im Herzen von Rust Creek Falls gemietet hatte.

„Was ist das Letzte, an das Sie sich erinnern?“

„Ich habe mit Josselyn über ihre Hochzeit gesprochen und bin auf einen Stuhl geklettert, um einen Ordner aus dem Regal zu holen, als … Bin ich da runtergefallen?“

„Ja“, bestätigte Josselyn. „Du bist mit der Stirn gegen ein Regalbrett geknallt und bewusstlos geworden. Wir haben dich hierhergebracht.“

Wir?“ Caroline blickte sich im Raum um. In der Tür stand ein Mann, mit dem Rücken zu ihr, und sprach mit einer Schwester draußen auf dem Gang.

Dr. Robinson fragte: „Wissen Sie seinen Namen?“

„Keine Ahnung.“

„Sie ist mir vor dem Sturz nie begegnet.“ Der fragliche Mann trat vor und legte Josselyn einen Arm um die Taille. „Ich bin Drew Strickland. Sie planen unsere Hochzeit. Als wir in Ihr Büro gekommen sind, haben Sie sich zu uns umgedreht. Dabei sind Sie ins Straucheln geraten und gefallen.“

Wir?“, fragte Caroline erneut und fühlte sich wie ein Papagei. Ihre Augenlider wurden schwer; sie sehnte sich nach einem ordentlichen Frühstück und einem Nickerchen. „Wer ist wir?“

„Das waren …“

Dr. Robinson hob eine Hand. „Erinnern Sie sich daran, dass jemand in Ihr Büro gekommen ist?“

Caroline versuchte, ein Bild vor ihrem geistigen Auge entstehen zu lassen. Doch nichts kam. Immer wieder spulte sie die Ereignisse des Morgens ab. Das drückende Schweigen im Raum deutete darauf hin, dass alle anderen zwei und zwei zusammenzählten und darauf warteten, dass sie „vier!“ rief.

Doch sie wurde nur unendlich müde. Können die mir nicht einfach sagen, was passiert ist, und mich schlafen lassen? „Tut mir leid.“ Sie gähnte. „Das Letzte, an das ich mich erinnere, ist, dass ich nach dem Ordner gegriffen habe.“

Ein zweiter Mann kam in den Raum.

Ihr stockte der Atem, als er seinen Cowboyhut abnahm und sich mit einer gebräunten Hand durch das kurze schwarze Haar strich. Total entspannt sank sie in das Kissen zurück und lächelte erleichtert. Endlich ergibt alles einen Sinn. „Oh, da bist du ja.“

„Sie kennen ihn?“, fragte Dr. Robinson.

„Natürlich. Das ist mein Verlobter.“

Mit einem schnellen Ruck wandte Craig den Kopf zur Tür um. Doch dort stand niemand. Er öffnete den Mund, um der Ärztin zu sagen, dass er die Frau überhaupt nicht kannte, doch kein Wort kam heraus. Es hatte ihm total die Sprache verschlagen – wie vermutlich allen anderen im Raum, den verwirrten Mienen nach zu urteilen.

Carolines Kopfverletzung musste ernster sein, als sie angenommen hatten, wenn sie derartigen Unsinn von sich gab. Dafür sprach außerdem die Art, in der sie ihn ansah, mit ganz verträumtem Blick in den braunen Rehaugen und einem verklärten Lächeln auf den vollen Lippen. Als wäre ich der Einzige im Zimmer oder zumindest die einzige Person, die ihr wichtig ist.

Es war derselbe Blick, mit dem seine Highschoolliebe Tina ihn angesehen hatte, bevor sie starb. Der Vergleich ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Ihn überkam dieselbe Hilflosigkeit wie damals, als sie auf dem Highway im Autowrack eingeklemmt darauf gewartet hatten, von den Rettungskräften befreit zu werden.

Er konnte den Blick nicht von Caroline abwenden. Vom Verstand her wusste er, dass er jenen furchtbaren Moment von vor fast fünfzehn Jahren nicht noch einmal durchlebte. Aber als ihr die Augen zufielen, rannte er an ihr Bett und griff nach ihrer Hand, als könnte er allein sie ins Bewusstsein zurückrufen.

„Sie wird sich erholen“, versicherte Dr. Robinson und klopfte ihm dabei auf die Schulter in einer Geste, mit der man Nahestehende zu beruhigen pflegt.

Craig protestierte: „Aber ich bin nicht …“

„Reden wir lieber draußen im Gang“, unterbrach sie und steuerte ihn entschieden zur Tür.

Er drehte sich zu seinen Freunden um, die zögerlich folgten. Josselyns Mund stand ein wenig offen, während Drew ihn voller Besorgnis anstarrte.

Das kann ich ihm nicht verdenken. Caroline mochte viele Gründe haben, Craig ihren Verlobten zu nennen, doch es gab absolut keine Erklärung für seine intensive Reaktion auf eine Person, die ihm völlig fremd war.

Dr. Robinson informierte ihn über den Verdacht einer Gehirnerschütterung und der Notwendigkeit eines CT-Scans. „Ich möchte weitere Tests durchführen und Ihre Verlobte über Nacht zur Beobachtung hierbehalten. Hat sie Angehörige, die wir benachrichtigen sollten, oder können Sie die Einwilligung zu den Untersuchungen geben?“

Er zerrte an seinem Hemdkragen. „Sie ist nicht meine Verlobte. Ich bin ihr vorher noch nie begegnet.“

„Aber ihre Augen haben deutlich aufgeleuchtet, als Sie ins Zimmer gekommen sind. Sie hat Sie fixiert, als wären Sie ihr Ein und Alles.“

„Ich schwöre, dass ich sie heute zum ersten Mal gesehen habe. Ich habe keine Ahnung, warum sie glaubt, dass wir uns kennen, geschweige denn verlobt sind. Vielleicht sehe ich ihrem richtigen Verlobten ähnlich, und die Gehirnerschütterung hat sie verwirrt.“

Josselyn warf ein: „Ich bin sicher, dass sie Single ist. Sie hat nie einen Partner erwähnt.“

Verwirrt fragte Craig: „Warum sollte sie dann glauben, in einer festen Beziehung zu sein?“

„Vielleicht hat sie Amnesie.“

„Möglich“, räumte Drew skeptisch ein. „Aber sie erinnert sich lückenlos an alles, was zu dem Sturz geführt hat.“

„Es könnte sich um Konfabulation handeln“, teilte Dr. Robinson ihm leise mit und ließ in weiteren Ausführungen Fachausdrücke wie kognitive Distorsion und Produktionseffekt fallen.

„Hm.“ Drew nickte. „Ich habe Fallstudien darüber gelesen, aber es nie bei einem Patienten manifestiert gesehen.“

Craig verdrehte die Augen. „Könntet ihr vielleicht so reden, dass wir Nicht-Ärzte es auch verstehen?“

„Konfabulation ist wie Amnesie eine Gedächtnisstörung, die bei bestimmten Hirnschädigungen vorkommt. Dabei werden Gedächtnislücken durch frei erfundene Geschichten gefüllt.“

Mannomann, ich hätte in Thunder Canyon bleiben sollen. Er kniff sich in die Nasenwurzel. „Warum sollte sie sich so eine haarsträubende Lüge ausdenken?“

Dr. Robinson schüttelte den Kopf. „Das ist keine Lüge. Für sie ist es wahr.“

„Okay. Dann brauchen wir ihr ja nur zu sagen, dass sie mich nicht kennt und keinen Verlobten hat.“

„Meistens empfehlen wir, dem Patienten die Wahrheit zu sagen. Aber in diesem Fall ist es anders. Sie hat sich die Verletzung an der Stirn zugezogen, wo der Frontallappen sitzt, und das erschwert es ihr, Erinnerungen zurückzuholen und auszuwerten. Bei einer Konfabulation ist es egal, was man sagt. Das Gehirn ist in einem fragilen Zustand und versteht nur, was der Frontallappen übermittelt.“

„Wie lange hält das an?“ Craig verschränkte die Arme vor der Brust und blickte sehnsüchtig zum Ausgang. „Muss ich tatsächlich ihren Verlobten spielen?“

Drew sah auf die Uhr. „Ich bin sicher, dass Dr. Robinson nicht von dir verlangt, irgendwas vorzutäuschen.“

„Natürlich nicht“, bestätigte die Ärztin. „Ich schlage lediglich vor, dass wir die Patientin nicht aufregen, bis alle Tests ausgewertet sind und wir genau wissen, was ihr fehlt.“

„Und wann wird das sein?“

„Sobald ihr Verlobter uns die Einwilligung gibt?“

„Aber ich bin nicht …“

Sie hielt eine Hand hoch. „Das war ein Scherz. Wenn sie aufwacht, holen wir uns ihre mündliche Einwilligung. Sollen wir inzwischen jemanden benachrichtigen? Gibt es jemanden, der ihre Krankengschichte kennt?“

Alle Blicke richteten sich auf Josselyn.

„Ich habe in ihrer Handtasche kein Handy gefunden. Ich habe Vivienne angerufen und erfahren, dass Carolines Eltern derzeit außer Landes sind und sie keine anderen Angehörigen oder Freunde erwähnt hat. Es gefällt mir nicht, sie hier ganz allein zu lassen. Was ist, wenn sie aufwacht und verwirrt ist?“

„Das dürfen wir auf keinen Fall riskieren“, entschied Craig.

Drew blickte wieder zur Uhr. „Ich muss nach Rust Creek Falls zurück, bevor mein Sohn aus der Schule kommt.“

Josselyn seufzte. „Ich würde ja bleiben, aber ich muss zur Stadtratssitzung, um einen Antrag auf Sonderzuschuss für die Schulbibliothek zu stellen.“

„Ich kann ja Ben anrufen und fragen …“

„Nein“, unterbrach Craig mit einem entschiedenen Kopfschütteln. „Ich bleibe.“ Die Worte waren ihm ganz spontan herausgerutscht. Nicht etwa, weil er Eifersucht verspürte bei der Vorstellung, dass ein anderer Mann bei Caroline blieb, während sie so verletzlich war. Vielmehr konnte er ein unerklärliches Verantwortungsgefühl nicht abschütteln. „Wenn ich ihr Verlobter … Ich meine, wenn sie mich für ihren Verlobten hält, erwartet sie sicherlich, mich zu sehen, wenn sie aufwacht. Ich will ihren Zustand nicht verschlechtern. Und es ist ja auch keine große Sache für mich“, fügte er mehr um seinetwillen hinzu, als um seine Freunde zu überzeugen. „Ich hab heute echt nichts anderes vor.“

Das stimmte wirklich. Der Spätherbst war die ruhigste Zeit auf der Familienranch. Die letzte Herde war bereits verkauft und die Aufzucht neuer Kälber erst im neuen Jahr geplant. Er war nach Rust Creek Falls gefahren, um zwei seiner Brüder, die dort lebten, zu besuchen und sich mit anderen Ranchern auszutauschen, was sein Vater als „altmodische Marktforschung“ bezeichnete.

Josselyn runzelte die Stirn. „Ich weiß nicht, ob es wirklich gut ist, Caroline in dem Glauben zu lassen, dass ihr beide verlobt seid. Irgendwann wird ihr Gedächtnis zurückkehren, oder?“

Dr. Robinson hob eine Schulter. „Solange nicht alle Testergebnisse vorliegen, möchte ich keine offizielle Diagnose stellen. Wenn die Konfabulation allein durch ein Hirntrauma verursacht wurde und nicht durch eine psychische Störung oder Demenz, wird der Gedächtnisverlust nicht allzu lange anhalten. Obwohl ich grundsätzlich dagegen bin, Patienten anzulügen, kann ich es durchaus befürworten, sie temporär an das glauben zu lassen, was ihr ein Gefühl der Sicherheit gibt. Unser größtes Ziel ist momentan, Caroline so ruhig und entspannt wie möglich zu halten.“

Drew blickte erneut zur Uhr. „Bist du sicher, dass du bleiben willst, Craig?“

„Ich will eigentlich nicht. Aber wenn es die beste Lösung ist und ihre Genesung fördert, dann tue ich es.“

2. KAPITEL

Craig saß auf einem unbequemen Plastikstuhl an Carolines Bett in der Notaufnahme, trank kalten Kaffee und scrollte widerwillig auf seinem Smartphone durch die neuesten Getreide- und Futtermittelberichte. Schließlich konnte er seine Pflichten nicht einfach total vernachlässigen, um Krankenpfleger zu spielen.

Normalerweise benutzte er das Teil ausschließlich zum Telefonieren und hätte persönlichen Kontakt zu den anderen Ranches gesucht. Ein Viehzüchter, der was auf sich hält, verlässt sich nicht auf schicke Geräte, die bei der Arbeit leicht kaputt gehen können. Das war seine Meinung, und die pflegte er auch in der Familie kundzutun. Wenn er draußen auf den Weiden Informationen brauchte, fragte er für gewöhnlich einfach seinen Bruder Rob oder wartete, bis er im Haus an den Computer gehen konnte. Doch neuerdings sah er sich gezwungen, das Smartphone zu benutzen – weil sein Vater sich mit dem Technologie-Virus infiziert hatte und Gruppennachrichten mit Links zu Onlineartikeln verschickte.

„Kann ich ein Life Saver haben?“, fragte Caroline unerwartet.

Vor Schreck ließ er sein Smartphone fallen. „Was?“, murmelte er und hätte sich ohrfeigen können, weil er wie ein Idiot klang.

„Eins von deinen Life Savers mit Kirschgeschmack.“ Sie deutete auf seine Hemdtasche.

Dort bewahrte er normalerweise eine Rolle der Bonbons in der namensgebenden Rettungsringform auf.

Ausnahmsweise war die Tasche leer. Er hatte an diesem Morgen das Haus seines Bruders mit einer vollen Rolle verlassen, aber nach Carolines Sturz vor lauter Nervosität alle Bonbons nach und nach gelutscht. Da sie nie bei Bewusstsein gewesen war, wenn er sich einen „Rettungsring“ in den Mund gesteckt hatte, konnte sie eigentlich nichts von seiner Naschsucht wissen. „Woher weißt du von meinen Life Savers?“

„Du hast immer welche bei dir.“ Sie lächelte ihn verträumt an. „Außerdem riechst du nach Kirschen.“

Craig atmete erleichtert über den zweiten Teil ihrer Erklärung auf. „Weißt du, wer ich bin?“

Sie runzelte die Stirn und musterte ihn mit angestrengter Miene. Mehrmals öffnete sie die geschwungenen Lippen, bevor sie niedergeschlagen murmelte: „Ich verstehe nicht, warum ich deinen Namen nicht weiß.“

Beinahe hätte er triumphierend eine Faust hochgereckt. Nicht, weil ihre Verwirrung ihn freute, sondern weil sie nun endlich einsehen musste, dass er ihr total fremd war. Das bedeutete, dass ihre Amnesie oder Konfabulation vorbei war und sie ihn nicht länger brauchte. Er reichte ihr die Hand. „Ich bin Craig Clifton.“

Sie atmete tief ein und nickte. Anstatt ihm die Hand zu schütteln, verschränkte sie die Finger mit seinen. „Ja, natürlich. Ich muss mir den Kopf ziemlich hart angeschlagen haben, um den Namen meines Verlobten zu vergessen.“

Der arme Craig sah so verwirrt aus, wie Caroline sich fühlte. Es musste schwer für ihn sein, die Frau, die er liebte, in einem derart desolaten Geisteszustand zu erleben. Hoffentlich war es kein schlechtes Omen für ihre Beziehung, dass sie sich an jedes andere Detail ihres Lebens erinnerte, nicht aber an den Mann, den sie heiraten wollte.

Sie kniff die Augen zu, als könnte es ihr helfen, ein exakteres Bild von ihm zu kreieren. Sie erinnerte sich an die sichelförmige Narbe an seinem Hals, an seine Vorliebe für Bonbons mit Kirschgeschmack und … Und das ist schon alles.

„Hast du Schmerzen? Soll ich eine Schwester rufen?“

„Aber nein.“ Sie schlug die Augen auf. „Ich hab mich bloß ganz doll angestrengt, um mich an etwas Konkretes über uns zu erinnern. Zum Beispiel, wie lange wir zusammen sind oder wo wir uns zum ersten Mal begegnet sind oder wo du wohnst und arbeitest. Aber es kommt gar nichts. Ehrlich gesagt macht mich das ein bisschen nervös.“

„Bleib ganz ruhig“, riet er. „Die Ärztin hat gesagt, dass die Kopfverletzung Gedächtnisprobleme ausgelöst haben könnte.“

In Panik riss sie die Augen auf. „Amnesie?“

Craig rieb die vernarbte Stelle an seinem Hals. „Sie hat es anders genannt, aber es ist so was Ähnliches. Sie kann es dir sehr viel besser erklären als ich.“ Er stand auf. Seine Cowboystiefel klickten auf den Bodenfliesen, als er zur Tür ging.

Caroline ließ den Blick über seine Gestalt wandern, während er leise mit jemandem auf dem Gang sprach. Sie sah ihn nur im Profil, doch während sie seine breiten Schultern und den flachen Bauch unter rot kariertem Flanell und die langen, kräftigen Beine in verwaschenem Denim musterte, fragte sie sich, wie in aller Welt sie ein derart perfektes Exemplar von Mann hatte vergessen können.

Er kehrte an das Bett zurück und verkündete: „Sie kommt gleich.“

Sein Anblick war von vorn noch überwältigender als von der Seite. Ihre Wangen wurden ganz heiß, und sie fragte benommen: „Glaubst du, dass ich etwas Wasser haben kann?“

„Ich habe die Ärztin gefragt, ob du etwas essen oder trinken darfst. Vor dem CT-Scan ist nur ein kleiner Schluck Wasser erlaubt. Sie rechnet zwar nicht damit, dass eine OP nötig sein wird, aber ganz ausschließen kann sie es noch nicht.“

Die Erwähnung einer Operation hätte sie aufregen sollen. Stattdessen war sie erleichtert. Es wirkte beruhigend, dass ihr Verlobter sich so gut um sie kümmerte und wusste, wie wichtig ihr Essen und Trinken waren. Wahrscheinlich kannte er all ihre Geheimnisse und Bedürfnisse. Wenn ich mich bloß an seine anderen Vorlieben außer für Life Savers erinnern könnte!

Er schraubte eine Flasche Wasser vom Nachttisch auf, hielt sie Caroline vorsichtig an die Lippen und ermahnte sie: „Bloß ein bisschen.“

Während sie trank, hob sie den Blick zu seinem Gesicht und spürte eine derart intensive Anziehungskraft, dass sie sich prompt verschluckte und hustete. Mit einem Handrücken wischte er ihr das Wasser vom Kinn. Es wirkte sehr intim – nicht auf sexuelle Art, aber wie eine Geste zwischen zwei Liebenden.

Wärme breitete sich in ihrem Körper aus. Ich werde geliebt. Von diesem tollen Mann. Obwohl ihr das Gefühl nicht vertraut war, wirkte es zweifellos anregend. Und äußerst angenehm. Und obwohl sie sich an nichts über den attraktiven, markanten Cowboy erinnerte, war sie total überzeugt, dass sie zu ihm gehörte, dass zwischen ihnen eine sehr starke emotionale Verbindung bestand. Das ahnte sie tief im Inneren, und ihr Instinkt hatte sie in all ihren dreiundzwanzig Jahren nie getrogen.

Dr. Robinson betrat den Raum. „Wie steht es hier drinnen?“

Craig stand sofort auf. Natürlich. Schließlich hätte Caroline sich niemals einen Mann ausgesucht, der sich nicht stets wie ein Gentleman verhielt. Doch sein krampfhafter Griff um das Bettgestell verriet, dass die guten Manieren ihm auch dazu dienten, Unbehagen und Nervosität zu verbergen.

„Manche Dinge sind immer noch sehr verschwommen.“ Sie nahm seine Hand. Seine Finger waren warm, ein wenig rau und stark gebräunt – wahrscheinlich von der Arbeit im Freien oder irgendwelchen anderen Outdooraktivitäten. Momentan wollte sie sich nicht damit auseinandersetzen, dass sie derartige Details nicht wusste. Um ihrem Verlobten nicht das Gefühl zu geben, unwichtig zu sein. Deswegen zwang sie sich zu lächeln. „Aber momentan fühle ich mich ganz gut.“

Dr. Robinson nickte und wandte sich mit leicht gerunzelter Stirn ab. Caroline folgte dem Blick zu Craig und sah ihn kaum merklich den Kopf schütteln.

Offensichtlich ging es darum, dass ihr Gedächtnis noch nicht vollständig zurückgekehrt war. Am liebsten hätte sie wie ein trotziges Kind mit den Füßen aufgestampft. „Wann darf ich also nach Hause?“

„Sie werden gleich zum CT-Scan gebracht und danach in ein Krankenzimmer verlegt, weil wir Sie über Nacht zur Beobachtung hierbehalten möchten. Wenn alle Tests negativ ausfallen, können Sie morgen nach Hause gehen.“

Sie umklammerte Craigs Hand. „Ich war noch nie über Nacht in einem Krankenhaus.“

„Das ist kein Grund zur Sorge. Ihr Verlobter wird bei Ihnen bleiben. Mit ihm und all den Krankenschwestern sind Sie nicht allein.“

Sie lächelte ihn an. „Du willst wirklich bleiben?“

Er räusperte sich und heftete den Blick auf den Monitor am Kopfende. „Wenn du dich dadurch wohler fühlst.“

Wäre sie im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte gewesen, hätte sie vermutlich erraten, was in ihm vorging. Doch sie hatte absolut keine Ahnung. Will er wirklich bleiben? Oder ist er bloß höflich? Aufgrund seiner angespannten Miene tippte sie auf Letzteres. Doch bevor sie ihn aus der Verantwortung nehmen konnte, wurde sie zum CT-Scan abgeholt.

Während sie durch die Gänge geschoben wurde, ging Craig neben ihr her. Er trug ihre Tasche über einer Schulter, und sie schmunzelte verstohlen, weil das leuchtende Pink sich so eklatant mit seinem roten Hemd biss.

Als die Tasche hinter ihm in der Fahrstuhltür eingeklemmt wurde, fragte Caroline lachend: „Trägst du eigentlich immer meine Handtasche für mich?“

Missmutig schob er sich den Riemen höher auf die Schulter. „Sonst hätte ich sie in der Notaufnahme liegen lassen müssen, wo jeder sie hätte klauen können.“

Der Röntgenassistent half ihr aus dem Bett auf einen kalten Edelstahltisch und erkundigte sich, ob sie Schmuck trug oder Metallimplantate im Körper hatte. Und dann stellte er ihr eine Frage, die sie völlig aus der Fassung brachte. „Besteht eine Schwangerschaft?“

Ihr stockte der Atem; ihre Lippen erstarrten zu einem „Oh“. Bestimmt würde ich mich an so was erinnern, oder? Sie war dreiundzwanzig Jahre alt und hatte auf den Einen gewartet – und ihn offensichtlich gefunden. Sie hasste es, dass sie sich nicht einmal erinnern konnte, ob sie Sex gehabt, geschweige denn verhütet hatten. Flehend blickte sie zu Craig. „Haben wir …? Ich meine, ist es möglich …?“

Sein Hals rötete sich. An seinem Kiefer zuckte ein Muskel. Seine Augen weiteten sich. Vermutlich, weil er als Einziger im Raum eine derart intime Frage beantworten konnte. „Ich …“ Mehrmals öffnete und schloss er den Mund, bevor er sich schließlich räusperte. „Ich glaube, in der Notaufnahme wurde ein Test gemacht. Vielleicht steht etwas im Krankenblatt.“

„Mal sehen.“ Der Techniker blätterte einige Seiten um. „Nein, kein Baby an Bord. Wir können anfangen.“

Caroline atmete erleichtert auf. Nicht, weil sie kein Baby wollte. Im Gegenteil, sie wollte unbedingt irgendwann Mutter werden. Aber sie wollte sich vollständig an den Vater ihres Kindes erinnern können. Doch je mehr sie versuchte, ihrem Gehirn Informationen zu entlocken, umso mehr brummte ihr der Schädel.

Der Techniker wies sie an, ganz still und ruhig zu liegen, doch ihr Atem blieb flatterig, und ihr schwirrte der Kopf.

Zu wissen, dass sie nicht schwanger war, bedeutete zwar eine Sorge weniger, doch das hielt sie nicht davon ab, nach mehr Details über den Mann zu lechzen, den sie zu heiraten plante – und über den derzeitigen Stand ihrer Beziehung.

Während sie Craig nachblickte, als er den Röntgenraum verließ, kam sie zu der aufwühlenden Erkenntnis, dass sie sich Sex mit ihm äußerst lebhaft vorstellen konnte, auch wenn sie sich nicht erinnerte, mit ihm geschlafen zu haben.

Caroline war während der Untersuchung wieder eingeschlafen, doch Dr. Robinson hatte Craig versichert, dass es bei einem Patienten mit Gehirnerschütterung ganz normal war und den Heilungsprozess förderte.

Inzwischen war es fast Abendbrotzeit und er am Verhungern. Um einen klaren Kopf zu bewahren und Caroline weiterhin zu unterstützen, musste er dringend etwas essen. Aber was für ein fingierter Verlobter bin ich, wenn ich mich in die Cafeteria verdrücke, während sie schläft?

Als er nach Papier und Kugelschreiber Ausschau hielt, um ihr eine Nachricht zu hinterlassen, fiel sein Blick auf ihre riesige Handtasche. Er hatte Satteltaschen, die kleiner waren, und konnte nicht verstehen, warum manche Frauen unbedingt ihre ganzen Besitztümer mit sich herumschleppen mussten. Er hätte wetten können, dass sich reichlich Papier und mehrere Stifte in dem Ding befanden. Das Problem war nur, dass er nicht ohne das Gefühl, ihre Privatsphäre zu verletzen, hineinsehen konnte.

Zum wiederholten Male strich er sich mit einer Hand durch die Haare. „Wie zum Teufel bist du bloß in diese Situation geraten?“

„Wie bitte?“ Carolines verschlafene Stimme klang tief und rau – in starkem Kontrast zu ihrem zarten femininen Erscheinungsbild – und wirkte sehr erregend.

„Ich habe mich gefragt, wo ich was zu schreiben finde.“

„Ich habe immer was dabei.“

„Das dachte ich mir. Aber es erschien mir falsch, in deinen Sachen zu schnüffeln.“

„Ich würde es nicht schnüffeln nennen, weil ich keine Geheimnisse vor dir habe.“ Als er sich nicht dazu äußerte, fügte sie hinzu: „Bist du mir gegenüber immer so korrekt?“

„Ich … Ich schätze, ich bin einfach ein korrekter Typ.“ Oder ein Typ, der sich hoffnungslos überfordert fühlt.

Sie musterte ihn im schwindenden Licht des Sonnenuntergangs. „Wozu brauchst du denn was zu schreiben?“

„Ich wollte mir was zu essen aus der Cafeteria holen und dir eine Nachricht dalassen für den Fall, dass du aufwachst.“

„Du bist also nicht nur korrekt, sondern rücksichtsvoll dazu.“ Ihre Mundwinkel hoben sich, doch sie fixierte ihn mit einem fragenden Blick, als ob sie auf weitere Entdeckungen über ihn wartete. „Ich bin am Verhungern.“

„Die Ärztin hat dir erlaubt zu essen, da nichts darauf hindeutet, dass du eine OP brauchst. Du hast ein Tablett bekommen.“ Er rollte den Nachttisch zum Bett.

Sie hob den Plastikdeckel vom Teller und rümpfte die niedliche kleine Nase beim Anblick einer kalten grauen Scheibe Hackbraten. „Mir ist ein Teil meines Gedächtnisses abhandengekommen, aber nicht mein Geschmackssinn. Würdest du mir bitte was aus der Cafeteria mitbringen?“

„Sicher.“ Er schob den Teller beiseite. „Was möchtest du denn?“

„Irgendwas. Überrasch mich.“

Mist! Jetzt bist du schnurstracks in die Falle getappt. Craig musterte ihre zierliche Gestalt und fragte sich vergeblich, wie sie sich ernähren mochte. Offensichtlich nicht mit seinem Lieblingsgericht aus Steak und Kartoffeln, denn sie sah aus, als ob eine Windbö sie noch vor dem nächsten Wintersturm wegwehen konnte. Wahrscheinlich gehört sie zu den Frauen, die jede Kalorie zählen, um eine so schlanke Taille zu behalten. „Vielleicht einen Salat?“

„Igitt, nein.“ Caroline verzog das Gesicht. „Ich hasse Gemüse. Außer Pommes.“

„Ich glaube nicht, dass Pommes zu Gemüse zählen.“

„Die sind doch aus Kartoffeln, oder?“, entgegnete sie grinsend.

„Gut. Ich hole dir Pommes. Wie wär’s mit einem doppelten Bacon-Cheeseburger dazu?“, schlug er grinsend und in sarkastischem Ton vor.

„Mm. Das klingt perfekt.“

Verblüfft starrte er auf ihren flachen Bauch unter dem Krankenhaushemd. Wo will sie das alles bloß lassen?

„Ach ja, und falls es frittierte Zwiebelringe gibt, möchte ich davon auch eine Portion. Siehst du? Ich esse also noch eine Sorte Gemüse.“

Ihre Präferenzen passten eher zu einem Teenager als einer ernährungsbewussten Erwachsenen. „Was zu trinken?“

„Erdbeermilch, falls es welche gibt. Wenn nicht, eine große Orangenlimo. Ach ja, und einen Tapiokapudding. Als ich zehn war, wurde mein Dad an der Gallenblase operiert, und in dem Krankenhaus gab es den besten Tapiokapudding auf der ganzen Welt.“

Er neigte den Kopf und fragte sich, wie es möglich war, dass sie sich an eine Begebenheit aus ihrer frühen Kindheit erinnerte, aber nicht wusste, dass sie ihm vor ihrem Sturz noch nie begegnet war.

Als er sich nicht äußerte, errötete sie auf sehr charmante Weise und deutete zu ihrer Tasche. „In meinem Portemonnaie ist Geld. Es ist eine ziemlich große Bestellung und ich weiß nicht, wie wir für gewöhnlich die Kosten aufteilen …“

„Ich nehme kein Geld von dir“, unterbrach Craig schnell, bevor sie ihm unterstellen konnte, dass er sich von seiner Verlobten für eine Mahlzeit bezahlen ließ. „Ich habe bloß überlegt, wie ich das alles hierherkriegen soll. Aber mach dir keine Gedanken. Ich werde einfach ein Tablett oder einen Rollstuhl kapern.“

Sie schmunzelte. „Okay. Gibst du mir bitte mein Handy, bevor du gehst? Ich sollte meine Eltern informieren, was passiert ist.“

„Josselyn hat gesagt, dass sie kein Handy in deiner Tasche gefunden hat.“

„Mist! Ich nehme an, dass die Nummer meiner Eltern nicht in deiner Kontaktliste steht.“ Caroline nagte an der Unterlippe und lenkte damit seinen Blick auf ihren verführerischen Mund. Sie ersparte ihm eine Antwort, indem sie hinzufügte: „Wahrscheinlich haben sie eh keinen Handyempfang, wenn meine Mom immer noch beim Khasi-Stamm ist. Ich schicke ihnen einfach morgen eine E-Mail.“

„Khasi-Stamm?“

„Genau. Hat sie dir etwa nicht alles über ihre neueste Forschungsreise erzählt? Du hast meine Eltern doch kennengelernt, oder?“

„Noch nicht persönlich.“ Das dürfte unverfänglich genug sein. Da ihre Eltern angeblich ständig in der Weltgeschichte herumreisten, erschien es ihm plausibel, dass er ihnen bisher noch nicht begegnet war.

Caroline neigte den Kopf. „Und was ist mit dir?“

„Was soll mit mir sein?“

„Musst du nicht jemandem Bescheid geben, dass du über Nacht hierbleibst?“

„Wem denn?“

Sie zuckte die Schultern. „Wohnst du nicht mit jemandem zusammen? In einer WG oder bei deinen Eltern oder … mit mir?“

Mitgefühl machte ihm das Herz schwer. Es war schon schlimm genug, dass sie sich nicht erinnerte, ob sie miteinander geschlafen hatten. Sie musste wirklich sehr verwirrt sein, wenn sie nicht einmal wusste, ob sie zusammenlebten. Ich hätte einen dauerhafteren Eindruck hinterlassen, wenn wir uns Tisch und Bett teilen würden. Beinahe hätte er diesen Gedanken ausgesprochen. Stattdessen sagte er: „Ich wohne auf der Ranch meiner Familie in Thunder Canyon.“

„Oh, gut.“ Sie entspannte sich. „Ich habe mir schon Gedanken gemacht, wer sich um deine Katze kümmert, während du weg bist.“

„Meine Katze?“

„Ja. Die mit den drei Beinen!“, rief Caroline aufgeregt, als hätte sie gerade einen wundersamen Durchbruch in moderner Wissenschaft erzielt. „Momentan weiß ich den Namen nicht, aber er fällt mir bestimmt wieder ein.“

Fassungslosigkeit und wachsende Besorgnis verhinderten, dass er sich über ihre Gedächtnisleistung freute. Woher in aller Welt weiß diese Frau von meinem Haustier?

Sie ignorierte die Tatsache, dass er sie mit offenem Mund schockiert anstarrte. „Arbeitest du auch dort?“

Craig schüttelte den Kopf, um ihn zu klären. „Wo?“

„Auf der Ranch deiner Familie“, erklärte sie langsam, als würde er an einer Gehirnerschütterung leiden.

„Ja. Wir züchten Vieh.“

Erneut trat dieser zufriedene, entrückte Blick in ihre Augen. Jedes Mal, wenn das geschah, schien sein Hemdkragen enger zu werden und ihm die Luft abzuschnüren. Und dann brachte ihre nächste Frage ihn völlig aus der Fassung.

„Ich werde also wirklich einen Cowboy heiraten?“

Das weiß ich nicht. Diesen Cowboy jedenfalls nicht. In diesem Punkt war er sich absolut sicher. Aber das behielt er für sich, während er den Drang unterdrückte, schleunigst die Flucht zu ergreifen.

Caroline schlief erstaunlich gut in dieser Nacht. Jedes Mal, wenn sie aufwachte, brauchte sie nur Craig anzusehen, der mit dem Stetson über dem Gesicht auf einem viel zu kleinen Stuhl kauerte, um ein Gefühl der Sicherheit zu verspüren und prompt wieder einzuschlafen.

So kam es, dass sie ausgeruht war, als am nächsten Morgen Besuch eintraf.

Josselyn kam mit Kaffeebechern auf einem Papptablett und einer weißen Papiertüte herein. „Darf unsere Patientin heute Morgen ein Schokocroissant zu sich nehmen?“

Caroline setzte sich im Bett auf. „Unbedingt.“

Craig stand brummelnd auf und streckte sich. Seiner missmutigen Miene nach zu urteilen, war er entweder ein Morgenmuffel oder ihm lag nichts an fluffigen Backwaren. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ein Cowboy kein Frühaufsteher war. Andererseits konnte sie auch nicht nachvollziehen, dass jemand kein frisches Gebäck mochte.

Ein Knacken ertönte, als er den Oberkörper seitlich drehte. „Ich werde allmählich zu alt, um woanders als in einem Bett zu schlafen.“

Sie nahm schnell einen Schluck Kaffee, um die Frage hinunterzuschlucken, die ihr auf der Zungenspitze lag. Wie alt bist du denn? Eigentlich sollte sie das von ihrem Verlobten wissen, aber sie konnte sich nicht erinnern. Er sah noch relativ jung aus, hatte aber schon ein paar Linien mehr um die Augen als die meisten Männer ihres Alters. „Danke für das Frühstück“, sagte sie zu Josselyn.

„Ich habe dir außerdem einen bequemen Pyjama und ein paar Toilettenartikel mitgebracht. Da ich keinen Schlüssel zu deiner Wohnung habe, musst du dich mit Sachen aus dem Hypermarkt in Kalispell zufriedengeben.“

„Alles ist besser als dieses Krankenhaushemd.“ Sie wollte gerade fragen, wo ihre Kleidung geblieben war, als Dr. Robinson zu einer Untersuchung ins Zimmer kam.

Caroline sah Craig auf den Gang schlüpfen und sein Handy zücken. Es fiel ihr schwer, der Stiftlampe der Ärztin mit den Augen zu folgen, weil ihr Blick immer wieder zu ihm und seinem knackigen Hintern in der engen Jeans glitt.

„Sämtliche Tests deuten darauf hin, dass keine Langzeitschädigung vorliegt“, verkündete Dr. Robinson, gerade als er in das Zimmer zurückkehrte. „Irgendwelche Veränderungen mit Ihrem Gedächtnis?“

So sehr Caroline auch die Verbindung zu Craig spürte, bekam sie jedes Mal ein flaues Gefühl im Magen, wenn sie ihn anlächelte und er den Blick abwandte. Haben wir uns vor Kurzem gestritten? „Mir kommt es so vor, als ob mir allmählich alles wieder einfällt“, erwiderte sie optimistisch.

Dr. Robinson tauschte verstohlen einen seltsamen Blick mit Craig und Josselyn, bevor sie schließlich nickte. „Nun gut. Alles wird sich aufklären, solange Sie Ihrem Gehirn Zeit lassen zu heilen und es nicht zusätzlich unter Druck setzen.“

Er rieb sich das Kinn, wo über Nacht dunkle Bartstoppeln gesprossen waren.

„Dann kann ich also gleich nach Hause?“, fragte Caroline.

„Wenn Sie nicht allein bleiben. Wegen der Gehirnerschütterung will ich sichergehen, dass jemand auf Sie aufpasst.“

„Ich muss tagsüber in der Schulbibliothek sein“, sagte Josselyn. „Aber du kannst zu mir auf die Sunshine Farm kommen, bis du dich wieder mehr wie du selbst fühlst.“

Caroline störte sich an den mitfühlenden Blicken in ihre Richtung und widersprach: „Aber ich fühle mich total wie ich selbst. Das Einzige, was mir fehlt, ist meine Erinnerung an meinen Verlobten, und das bedeutet, dass ich bei ihm wohnen sollte, um mein Gedächtnis anzukurbeln.“

Josselyn saugte die Wangen ein; Craig presste die Lippen fest zusammen.

Niemand sagte ein Wort, und Caroline fragte sich, was da vor sich gehen mochte. Was verschweigen die mir alle?

Schließlich wandte sich Josselyn an Craig. „Du wohnst doch bei deinem Bruder, während du in der Stadt bist, oder?“

„Richtig. Bei Will und seiner Frau Jordyn.“

„Das könnte ziemlich eng werden, stimmt’s? Auf der Sunshine Farm ist dagegen viel Platz.“

„In meinem eigenen Haus auch“, warf Caroline ein. „Wenn ihr mir nicht verraten wollt, warum mein Verlobter nicht bei mir wohnen sollte …“ Ihre Kehle schnürte sich zu. Hat er vielleicht vor, die Verlobung zu lösen?

Josselyn blickte zur Decke. „Also, die Sache ist die, dass …“

„Schon gut“, unterbrach Craig hastig. „Natürlich spricht nichts dagegen, dass ich mich kümmere.“

3. KAPITEL

Craig spürte Josselyns bohrenden Blick im Rücken, als sie der Krankenschwester folgten, die Caroline in einem Rollstuhl zum Parkplatz schob. Er wusste, dass die Freundin seiner vermeintlich Zukünftigen ihn anstarrte, als hätte er den Verstand verloren.

„Was ist mit deiner Ranch?“, fragte sie so leise, dass Caroline es nicht hören konnte. „Musst du nicht bald nach Thunder Canyon zurück?“

„Wir haben gerade unsere Herde verkauft, und die Zuchtsaison startet erst nach Weihnachten.“ Er fischte den Autoschlüssel aus seiner Hosentasche. „Mein Dad und Rob kommen ohne mich klar. Außerdem hat die Ärztin gesagt, dass es nur vorübergehend ist. Ich werde nächste Woche wieder zu Hause sein.“

„Du weißt doch, dass du nicht bei Caroline einziehen kannst, oder? Rust Creek Falls ist ein kleines Städtchen, und sie wohnt mitten im Zentrum. Die Leute werden reden.“

„Bestimmt kann ich sie auf der Fahrt überzeugen, dass es am besten ist, bei meinem Bruder und meiner Schwägerin unterzukommen.“

Eine Weile später, auf der Ranch von Will und Jordyn, musste Craig leider einsehen, dass seine süße, umgängliche Verlobte nicht so leicht zu überzeugen war.

Sie stand mitten in dem kleinen Wohnzimmer und blickte sich verwirrt um. „Hier kommt mir nichts vertraut vor. War ich überhaupt schon mal hier?“

„Ich glaube nicht.“

„Kenne ich Will und Jordyn denn?“

„Bestimmt. Rust Creek Falls ist so klein, dass du ihnen wahrscheinlich schon mal begegnet bist.“

Sie stützte die Hände in die Hüften. „Das heißt, du hast uns nie miteinander bekannt gemacht? Hast du unsere Verlobung vor deiner Familie geheim gehalten?“

Unwillkürlich fragte er sich, wieso er diese Frau für zart und zerbrechlich gehalten hatte. In ihrer aufgebrachten Pose wirkte sie zwanzig Zentimeter größer als die eins fünfundsechzig, die in ihrer Krankenakte standen. Und bedrohlicher als jeder Stier, mit dem ich es beim Rodeo je zu tun hatte.

„Das ist kein Geheimnis. Wir sind nur noch nicht lange verlobt.“ Er warf einen Blick zur Wanduhr. Fast genau seit vierundzwanzig Stunden. Anstatt sich der Wahrheit anzunähern, fügte er hinzu: „Wir wollten mit der großen Ankündigung bis zum nächsten Familienessen warten.“

Sie zog eine Augenbraue hoch. „Und wann genau soll dieses Familienessen stattfinden?“

„Thanksgiving“, sagte Craig spontan und betete, dass ihr Gedächtnis vorher zurückkam.

Sie öffnete die Lippen und blies einen Atemstoß aus. Dabei wurde ihr Gesicht ganz sanft. Ein Stromstoß schien durch seinen Körper zu jagen. Sie war eine wunderschöne Frau.

„Gut.“ Sie strahlte ihn an. „Bis nächste Woche kann ich warten, alle kennenzulernen.“

Nächste Woche? Verdammt! Er hatte nicht bedacht, dass der Feiertag bereits vor der Tür stand. Ihm blieb also sehr wenig Zeit, um Caroline beizubringen, dass sie gar nicht verlobt waren. Oder ihr, um es selbst herauszufinden. Momentan konnte er nur verkrampft lächeln und beten, dass er sich dem Netz aus Notlügen entwinden konnte, das sich immer enger um ihn zog.

„Tut mir leid, dass ich so zickig war.“ Sie ließ die Hände sinken und verschränkte sie hinter dem Rücken.

„Kein Problem“, murmelte er und bemühte sich zu übersehen, wie eng ihr dünner Sweater anlag, wenn sie die Schultern zurückzog.

„Du hattest die ganze Zeit sehr viel Geduld mit mir und verdienst es nicht, dass ich unsere ganze Beziehung infrage stelle.“

Er öffnete den Mund, um ihr zu sagen, dass er nicht der Heilige war, den sie aus ihm machte.

Sie ließ ihn jedoch nicht zu Wort kommen, sondern fuhr unbeirrt fort: „Ich spüre zwar diese Verbindung zwischen uns, aber es ist einfach frustrierend, dass ich mich nicht an die Details unseres gemeinsamen Lebens erinnere.“

Was meinst du wohl, wie’s mir erst geht! Er stand im Wohnzimmer seines Bruders mit einer Frau, die er nicht kannte und die er ruhig zu stimmen versuchte, indem er sich als ihr Verlobter ausgab. Aber Moment mal! „Du spürst eine Verbindung?“

„Natürlich. So hart habe ich mir den Kopf auch wieder nicht angeschlagen.“ Caroline verdrehte die Augen, zuckte zusammen und fasste sich an die Schläfen.

Sofort stürmte Craig zu ihr. „Hast du Schmerzen?“

„Nur, wenn ich mich zu schnell bewege.“

Er legte ihr eine Hand auf den Rücken und versuchte, sie zum Sofa zu schieben. Doch ihre High Heels rührten sich nicht vom Fleck. Vielleicht kann eine Windbö sie doch nicht wegpusten. „Warum willst du dich nicht hinlegen und ausruhen?“

„Mir würde es bei mir zu Hause viel besser gehen.“

„Honey, ich kann unmöglich bei dir übernachten. Du weißt doch, wie gern in Kleinstädten getratscht wird.“

Honey? Nennen wir uns so?“ Sie drehte sich zu ihm um und lächelte ihn strahlend an. „Das gefällt mir.“

Seine Knie wurden ganz weich. Wahrscheinlich, weil er die ganze Nacht auf dem Stuhl im Krankenhaus kaum ein Auge zugemacht hatte. Er presste die Lippen zusammen, um nicht auszuplaudern, dass er den Kosenamen bei den Kälbern auf der Ranch einsetzte, wenn er sie gegen ihren Willen in den Stall oder auf die Weide bugsierte. „Ich möchte vermeiden, dass jemand schlecht über dich redet, wenn ich in deinem Haus übernachte.“

Caroline legte ihm eine Hand auf die Brust. „Du kennst mich inzwischen bestimmt gut genug, um zu wissen, dass es mir egal ist, was die Leute über mich denken.“

Seine Haut schien unter ihren Fingerspitzen zu glühen. Er stand absolut reglos da in der Hoffnung, dass das Gefühl verging. Als sie jedoch noch einen Schritt näher kam und die Lider senkte, breitete sich die Hitze in ihm aus.

„Außerdem ist es ja nicht das erste Mal, dass wir die Nacht zusammen verbringen.“

Craig schluckte schwer. „Wie kommst du denn darauf?“

„Woher sollte ich sonst wissen, dass du zwei Kopfkissen benutzt?“

Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Wie konnte sie seine Schlafgewohnheiten herausgefunden haben? Wahrscheinlich war es einfach nur gut geraten.

„Jedenfalls glaube ich wirklich, dass wir uns bei mir zu Hause beide wohler fühlen würden.“ Ihre Finger umkreisten langsam den dritten Knopf an seinem Hemd. „Außerdem fällt mir in meiner gewohnten Umgebung ganz bestimmt alles viel eher wieder ein.“

Er forschte in ihrem Gesicht, während er sich bemühte, seine Atmung unter Kontrolle zu bringen. Das erste Problem bestand darin, dass er unmöglich mit ihr unter einem Dach leben konnte, wenn sie ihn weiterhin so anfasste. Zumindest nicht, ohne die fingierte Beziehung auf ein reales Level zu heben. Und nur ein willensschwaches Ekel würde die Situation derart ausnutzen.

Das zweite Problem bestand darin, dass er absolut keine Ahnung hatte, wo sie wohnte. Das konnte er kaum eingestehen, ohne Verdacht zu erregen.

Sie hob die Hände zu seinen Schultern. „Bitte, bitte!“

„Gut.“ Um sich ihrer Berührung zu entziehen und Zeit zu gewinnen, sagte er: „Ich hole schnell meine Sachen, und dann fahren wir zu dir.“

Im Gästezimmer schrieb er hastig eine SMS an Josselyn, in der er um Carolines Adresse bat. Statt ihm wie befürchtet vorzuwerfen, dass er einen großen Fehler beging, schickte sie kommentarlos die Anschrift eines Häuschens im Herzen von Rust Creek Falls.

„Können wir gehen?“, fragte er, als er ins Wohnzimmer zurückkehrte.

„Ja.“ Caroline stellte das gerahmte Bild zurück, das sie betrachtet hatte. „Deine Familie ist ja riesig.“

Er blickte zu dem Foto, das seine Brüder und Schwestern nebst Anhang am letzten Hochzeitstag der Eltern zeigte. „Wir sind acht Geschwister, und die Familie kriegt immer mehr Zuwachs.“

„Und du bist der Älteste?“

„Ja“, bestätigte er pikiert und lief zur Tür. Wieso geht sie automatisch davon aus, dass ich der Älteste bin? Sieht man es mir an? Laut Krankenhausarmband an ihrem Handgelenk war sie erst dreiundzwanzig, und plötzlich fragte er sich, ob sie von den zwölf Jahren Altersunterschied zwischen ihnen wusste.

Sie musterte ein Hochzeitsfoto von Jonathan und Dawn, bevor sie an Craig vorbei auf die Veranda ging. „Siehst du auf allen Bildern so furchtbar ernst aus?“

„Na ja, jemand muss schließlich die Verantwortung übernehmen und sich um die anderen kümmern. Außerdem hat der Fotograf ewig gebraucht, um die Aufnahme hinzukriegen, und ich konnte es nicht erwarten, auf die Party zu kommen und endlich ein Bier zu trinken.“

„Apropos Fotograf und Hochzeitsparty“, sagte Caroline, als er ihr die Beifahrertür öffnete. „Haben wir schon mit der Planung unserer Hochzeit angefangen?“

Er rieb sich den Hals und mied ihren Blick. „Du wolltest damit warten, bis wir es meiner Familie sagen.“

Sie nickte. „Das klingt plausibel.“

Das Schuldgefühl, das ihm wie ein schwerer Stein im Magen lag, wurde ein bisschen größer. Am liebsten hätte er geschrien, dass rein gar nichts plausibel war. Stattdessen stieg er wortlos ein, fuhr in Richtung Cedar Street und manövrierte sich damit noch tiefer in eine Scheinwelt.

Während der Fahrt gelangte Craig immer mehr zu der Überzeugung, dass Caroline einen Verlobten oder zumindest einen festen Freund hatte, der ihm ähnelte. Das war die einzige sinnvolle Erklärung für das ganze Dilemma.

Er bog in eine lange Auffahrt zu einem der großen historischen Häuser in der Cedar Street ein. Caroline deutete zu einem kleinen Cottage in einer hinteren Ecke des Grundstücks. „Du kannst da hinten parken.“

Ihr Domizil war eine Miniaturversion des vorderen Hauptgebäudes und von gepflegten Sträuchern und Blumen umgeben. Ein kleines Füllhorn mit Zierkürbissen stand auf einem Tisch neben einem weißen Schaukelstuhl, der viel zu groß für die winzige Veranda wirkte.

Als Caroline die dunkle Walnusstür aufschloss, wurde Craig bewusst, dass es seine letzte Gelegenheit zur Flucht war. Was ist, wenn ihr echter Verlobter da drinnen sitzt? Selbst ein Foto von ihr mit einem anderen Mann könnte reichen, um jede Unwahrheit aufzudecken, die ich sie über mich glauben lasse.

Ein Anfall von Eifersucht überfiel ihn bei der Vorstellung, dass diese wundervolle Frau zu jemand anderem gehörte. Nicht dass ich einen Grund dafür habe, sagte er sich, als er ihr zögerlich ins Haus folgte. Hätte er nicht längst festgestellt, dass sie nicht zu ihm passte, wäre es ihm nun durch ihre Inneneinrichtung klar geworden.

Mitten im Wohnzimmer stand ein dick gepolstertes weißes Sofa. Spontan dachte er bei sich, wie unpraktisch die Farbe war. Darauf lagen über zwanzig Kissen mit verschiedenen blumigen und verschnörkelten Mustern. Zwei Sessel in Puppenhausgröße standen vor einer prall gefüllten Bücherwand. Na gut, vielleicht sind sie etwas größer, aber ich glaube kaum, dass sie meine fünfundneunzig Kilo aushalten würden. Gelbe Rüschengardinen umrahmten die Fenster, und an den hellblauen Wänden hingen kostbar wirkende Gemälde. Ich hatte recht, als ich sie das erste Mal in ihren albernen High Heels gesehen habe. Ein süßes Girlie wie sie würde es nicht lange auf einer Ranch aushalten.

„Ich springe schnell unter die Dusche und wasche mir den Krankenhausgeruch ab.“ Sie stellte ihre Tasche auf den weißen Küchentisch. „Im Kühlschrank sind ein paar Snacks vom Deli. Bedien dich, wenn du möchtest.“

„Nein, danke“, murmelte er zerstreut, während er sich zwangsläufig vorstellte, wie sie nackt unter dem Wasserstrahl stand.

Vermutlich führte die Tür, durch die Caroline verschwand, ins Schlafzimmer. In das einzige Schlafzimmer, allem Anschein nach. Daher beschloss er, das Sofa zu nehmen, denn er wollte auf keinen Fall bei ihr im Bett übernachten – auch wenn sie zu wissen glaubte, wie viele Kopfkissen er benutzte.

Craig stellte seine Reisetasche neben besagtem Sofa ab und betrachtete die Regalwand. Da standen Paperbacks neben altmodischen ledergebundenen Klassikern, antike Artefakte und moderne Skulpturen. Außerdem fanden sich zahlreiche gerahmte Fotos von Caroline in allen Phasen ihres jungen Lebens – vom Kleinkind mit Rattenschwänzen bis hin zur Collegeabsolventin. Er sah auch einige Aufnahmen von ihr und einem älteren Paar – vermutlich ihren Eltern – sowie mit anderen Frauen ihres Alters. Aber nichts deutete darauf hin, dass es einen Mann in ihrem Leben gab.

Er atmete erleichtert auf. Doch leider wusste er nicht, ob diese Erleichterung ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war.

Caroline steckte die feuchten Haare zu einem Knoten und schlüpfte in ein Tanktop und ihre pinkfarbene Lieblingspyjamahose. Um der Sittsamkeit willen zog sie ihren blauen Sweater mit dem Logo der University of Montana darüber.

Es war zwar erst Nachmittag, und sie hätte Craig vielleicht mit einem schickeren Outfit beeindrucken sollen, doch sie war ziemlich erschöpft und wollte es gemütlich haben. Beruflich legte sie Wert darauf, stets makellos gestylt zu erscheinen, um den Kunden zu vermitteln, dass sie jede Situation meistern konnte. Doch privat bevorzugte sie es leger.

Bevor sie das Badezimmer verließ, legte sie schnell eine Spur Mascara und Lipgloss auf. Sie wusste nicht, ob ihr Verlobter sie jemals ungeschminkt gesehen hatte. Aber wenn wir demnächst zusammenleben wollen, kann er sich auch gleich daran gewöhnen.

Als sie das Wohnzimmer betrat, studierte er gerade ein Ölgemälde. Sie stellte sich neben ihn. „Das hat mein Dad gemalt, als wir in Nizza gelebt haben“, erklärte sie betont beiläufig, weil er es womöglich schon wusste und sie ihn nicht mit wiederholten Anekdoten von den Auslandsaufenthalten ihrer Eltern langweilen wollte.

Er wich einen Schritt zurück. „Ich fahre schnell in die Apotheke und löse dein Rezept ein.“

„Aber mir tut momentan gar nichts weh, und ich habe rezeptfreie Schmerztabletten da.“ Ihr fiel auf, dass er verstohlen zur Haustür blickte. Anscheinend brennt er darauf, mir zu entkommen. Liegt es daran, dass ich so fade aussehe? Oder geht es um was ganz anderes? „Aber du musst wirklich nicht hier bei mir rumsitzen. Du hast bestimmt genügend andere Dinge an einem Freitagnachmittag zu tun.“

Etwas wie Erleichterung huschte über sein Gesicht, bevor er eine entschlossene Miene aufsetzte. „Die Ärztin will nicht, dass du allein bleibst.“

Caroline machte eine abschätzige Handbewegung. „Aber sie hat damit nicht jede Sekunde gemeint. Du kannst bestimmt für eine Weile weggehen.“

Seltsamerweise wirkte er nicht überzeugt.

Also fuhr sie fort: „Mein Handy und mein Laptop sind noch in meinem Büro. Wenn du beides für mich holst, kann ich mich ein bisschen für morgen vorbereiten.“

„Was ist denn morgen?“

„Da treffe ich die Organisatoren von Presents for Patriots. Sie veranstalten eine Benefizgala in der Sawmill Station, und meine Agentur hat angeboten, das Event auszurichten.“

„Ich glaube nicht, dass du schon arbeiten solltest.“

„Tja, da meine Chefin verreist ist, bin ich die Einzige, die an dem Meeting teilnehmen kann. Außerdem ist die meiste Arbeit schon getan. Ich möchte bloß meine Notizen noch mal durchgehen.“

„Vielleicht sollte ich Josselyn anrufen und bitten, herzukommen und auf dich aufzupassen, während ich weg bin.“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Aufpassen? Als ob ich einen Babysitter brauche!“

„Jetzt geht das schon wieder los.“

„Was soll das denn heißen?“ Sie starrte ihn finster an. „Ist meine Arbeit etwa ein Problem für dich?“

Craig murmelte etwas vor sich hin, das sie nicht verstand.

„Bitte sag mir, dass du nicht so ein altmodischer Macho bist, der meint, dass seine Frau zu Hause auf der Farm bleiben und sich um die Kinder kümmern soll!“

„Ich habe gar keine Farm. Es ist eine Ranch. Und nein, ich habe kein Problem mit deiner Berufstätigkeit. Du kannst arbeiten, was und wo du auch immer willst. Ich mache mir nur Sorgen wegen deiner Verletzung.“

„Was hast du dann mit ‚jetzt geht das schon wieder los‘ gemeint?“

„Wenn du fest zu etwas entschlossen bist, verwandelst du dich von einem süßen, umgänglichen kleinen Ding in eine buckelnde, wilde …“, er schnippte mit den Fingern, „… eine erbitterte Kämpferin.“

„Nun, falls es dich tröstet, diese ‚erbitterte Kämpferin‘ in mir kommt nur selten zum Einsatz, wenn es unbedingt nötig ist. Zumindest den meisten Leuten gegenüber.“ Sie nagte an der Unterlippe, während sie ihn musterte. „Streiten wir eigentlich oft?“

„Was? Nein. Worüber sollten wir schon streiten?“

„Entschuldige. Ich bin wohl so gereizt, weil ich ziemlich erschöpft bin, obwohl ich das Gefühl habe, den Großteil unserer Verlobung im Tiefschlaf verbracht zu haben. Jedenfalls habe ich mich auf all das konzentriert, an was ich mich nicht erinnere, anstatt dankbar für das zu sein, was direkt vor mir ist.“

Craig schien ein wenig blass zu werden. „Vor dir?“

Sie strich ihm über einen Arm, um ihn zu beschwichtigen, doch der Kontakt machte ihr bewusst, wie ausgeprägt seine Muskeln unter dem Hemd waren. Sie riss die Hand ein wenig zu schnell zurück. „Du bist direkt vor mir. Ein wundervoller Mann, der bereit war, eine Nacht auf einem unbequemen Stuhl neben meinem Krankenhausbett zu verbringen. Ein Mann, der bereit ist, in meinem Haus zu nächtigen und seinen guten Ruf aufs Spiel zu setzen, um mich gesund zu pflegen – obwohl ich total gesund bin.“

Er hüstelte. „Meinen Ruf?“

Er sieht richtig niedlich aus, wenn sich seine Augenbrauen so zu einer Schlangenlinie zusammenziehen. Caroline fragte sich, ob sie den armen Mann öfter so verwirrte. „Danke, dass du so gut zu mir bist.“ Sie stellte sich auf Zehenspitzen und küsste ihn auf die Wange.

Er wich nicht zurück. Er reagierte gar nicht. Er stand einfach da, steif wie eine Granitstatue und mit argwöhnischem Blick.

Hoffentlich will er durch seine Zurückhaltung bloß verhindern, dass die Leidenschaft mit ihm durchgeht und er mir aus Versehen wehtut. Die einzige andere Grund wäre, dass sie überhaupt keine Leidenschaft in ihm weckte, und das wollte sie sich gar nicht erst vorstellen.

„Ich mache jetzt ein Nickerchen“, verkündete sie in dem Bedürfnis, dass irgendwer irgendetwas sagte.

Er nickte nur flüchtig.

Auf dem Weg ins Schlafzimmer hörte sie ihn den Reißverschluss seiner Reisetasche öffnen. Mehr hörte sie nicht, denn sie schlief ein, sobald ihr Kopf das Kissen berührte.

Als sie eine Stunde später aufwachte, fand sie einen Zettel auf dem Nachttisch. Bin deine Sachen aus dem Büro holen. Craig.

Craig wollte gerade das Büro der Agentur betreten, als sein Handy klingelte. Er blickte auf das Display und nahm das Gespräch seufzend an. „Hey, Rob.“

„Welch Wunder! Du findest endlich die Zeit, ans Telefon zu gehen, großer Bruder. Mom will wissen, ob du deine neue Freundin zu Thanksgiving mitbringst.“

Er kniff die Augen zu und zählte im Stillen bis drei. „Welche neue Freundin?“

„Diejenige, die laut unserer kleinen Schwester vor ungefähr einer Stunde neben dir in deinem Pick-up saß.“

„Wie kann Celeste schon davon gehört haben?“

„Eine Kommilitonin aus dem Tierarztstudium babysittet bei Wills Nachbar, und der hat gesehen, wie du mit deiner Reisetasche und der hübschen Hochzeitsplanerin von der Sawmill Station aus Wills Haus gekommen und mit ihr weggefahren bist.“

So läuft es in Kleinstädten. Ein Nachbar sagt es einem Freund, der es einem Cousin anvertraut, der es der Supermarktkassiererin erzählt, und bevor man sichs versieht, steht es auf dem Titelblatt der Rust Creek Falls Gazette. Craig hatte damit gerechnet, dass es so kommen würde, aber nicht geahnt, dass sich der Klatsch in Windeseile bis ganz nach Thunder Canyon verbreitete. Wie dumm von mir!

„Das ist eine lange Geschichte, aber zwischen mir und Caroline läuft rein gar nichts.“ Verstohlen blickte er sich auf der hölzernen Plattform vor dem altmodischen Eisenbahndepot um – in der Hoffnung, dass keiner der Daltons, denen das Land gehörte, die eklatante Lüge gehört hatte. Ohne jeden Zweifel ging etwas zwischen ihm und der wundervollen Frau vor, die es besser hätte wissen müssen, als ihn zu küssen. Wenn auch nur auf die Wange.

Ihre vollen Lippen versprachen viel mehr. Was das genau war, wollte er lieber nicht wissen. Es herauszufinden, wäre für beide nicht fair gewesen, aber besonders nicht für Caroline. Sie hatte unglaublich frisch und unschuldig gewirkt – selbst in der dünnen Pyjamahose, unter der die Umrisse ihres Pos deutlich zu erkennen waren, und dem Sweatshirt, das von einer Schulter gerutscht war und außer einem Spaghettiträger viel nackte, zarte Haut enthüllt hatte.

„Caroline“, wiederholte Rob in süffisantem Ton. „Wie gut, dass unser Großvater zum Dinner kommt. Er isst so langsam, dass du genügend Zeit haben wirst, der Familie diese ach so lange Geschichte zu erzählen.“

„Da gibt es nichts zu erzählen.“

„Willst du wissen, was ich denke?“

„Nein.“

„Ich denke, dass es eine Menge über diese Caroline zu erzählen gibt und du deshalb versuchst, alles unter Verschluss zu halten.“

„Apropos Verschluss: Sind die neuen Pfähle schon gekommen?“

„Dad und ich haben uns längst um den Zaun gekümmert.“

Der Themenwechsel ist gelungen, dachte Craig zufrieden.

Doch dann sagte Rob: „Du weißt doch, dass wir sowieso alles über sie rauskriegen. Also pack lieber gleich aus.“

Craig überlegte, wie er die jüngsten Ereignisse, die ihn total aus der Bahn geworfen hatten, herunterspielen konnte. „Caroline plant die Hochzeit für Drew und Josselyn. Sie ist in ihrem Büro schwer gestürzt, hat sich den Kopf angeschlagen und das Bewusstsein verloren. Als sie wieder zu sich gekommen ist, dachte sie, dass sie mich kennt. Die Ärztin meint, dass es besser ist, den Irrtum nicht aufzuklären, bis das Gedächtnis wiederkommt.“

„Wahnsinn!“, rief Rob. „Sie hat Amnesie? Ich dachte, so was passiert nur in Filmen.“

„Es ist keine Amnesie, aber so was Ähnliches. Jedenfalls habe ich deswegen gesagt, dass es eine lange Geschichte ist. Und ich möchte, dass du niemandem davon erzählst. Caroline will bestimmt nicht, dass Fremde von ihren Privatangelegenheiten erfahren.“

„Und wieso bist du dann in ihre Privatangelegenheiten geraten?“

„Weil ihre Eltern verreist sind und sie mit ihrer Gehirnerschütterung nicht allein bleiben soll. Also habe ich sie nach Hause gefahren und behalte die Dinge im Auge.“

Rob prustete. „So, so.“

„Was soll das denn heißen?“

„Ich weiß genau, wie du die Dinge im Auge behältst. Als großer Bruder hast du mit Argusaugen über uns alle gewacht.“

„Ich habe euch eben beschützt.“

Beschützt ist eine gewaltige Untertreibung. Weißt du noch, wie wir auf dem Jahrmarkt waren und Dad dir gesagt hat, dass du beim Schafreiten auf uns aufpassen sollst? Ich war schon in der dritten Klasse, aber du hast den Juroren gesagt, dass ich erst sechs wäre, weil die Kinder in dieser Altersklasse Helme tragen mussten.“

„Ich möchte dich darauf hinweisen, dass du sehr klein für dein Alter warst und ab dem darauffolgenden Jahr alle Kinder Helme tragen mussten. Ich war bloß der Zeit voraus.“

„Wie auch immer. Zurück zum Grund für meinen Anruf. Bringst du deine neue Freundin zu Thanksgiving mit oder nicht?“

„Das hängt davon ab.“

„Wovon?“

Craig seufzte. „Ob sie sich bis dahin erinnert, wer ich bin.“

4. KAPITEL

Caroline wendete Hähnchenteile in Mehl, während sie Öl in einer gusseisernen Pfanne erhitzte. Wieso erinnere ich mich ganz genau, wie man die perfekte Panade für Backhähnchen macht, obwohl ich keine Ahnung habe, ob mein Verlobter meine Kochkünste zu schätzen weiß?

Ein Blick zur Uhr sagte ihr, dass sie sich lieber Gedanken darüber machen sollte, ob er überhaupt zurückkehren würde.

Natürlich kommt er wieder. Immerhin hatte er die ganze Nacht an ihrem Krankenhausbett ausgeharrt. Hätte er sich verdrücken wollen, wäre das längst passiert.

Eine geschlagene Stunde war sie durch das Haus gewandert, hatte in Schubladen gekramt und in alten Fotoalben geblättert. Mit jedem Detail ihres Lebens, an das sie sich glasklar erinnerte, war ihre Zuversicht gewachsen.

Offensichtlich war Craig die einzige Person in ihrer Welt, die sie total aus ihrem Gedächtnis gestrichen hatte. So gesehen war es ziemlich unheimlich, dass sie ständig das Gefühl hatte, dass er der einzig Richtige für sie war.

Sie stellte das Radio lauter und sang die klassischen Countrysongs mit. Dass sie sämtliche Texte auswendig wusste, munterte sie auf.

Sie kicherte, als Tammy Wynette sie aufforderte, zu ihrem Mann zu stehen. Denn ihre Mutter hatte sie einmal beim Hören dieses Liedes erwischt und ihr sofort den feministischen Song I Am Woman von Helen Reddy vorgespielt.

Ein leises Klopfen unterbrach Carolines Erinnerungen. Sie huschte in ihren flauschigen Slippern zur Haustür, spähte durch den Spion und riss aufgeregt die Tür auf, sobald sie Craig erblickte. „Du hättest nicht klopfen müssen. Ich habe für dich offen gelassen.“

„Ich wollte nicht unerwartet reinplatzen und dich erschrecken – für den Fall, dass du schläfst.“

„Ich bin wach“, stellte sie unnötigerweise fest und ließ ihn herein.

Er gab ihr den Laptop und das Smartphone mit vierundzwanzig verpassten Anrufen und doppelt so vielen Textnachrichten und schnupperte. „Kochst du?“

Sie stand noch immer in der offenen Tür. Die kühle Luft machte ihr bewusst, dass sie das Sweatshirt ausgezogen hatte. Sein Blick wanderte zu den harten Nippeln, die sich unter dem weichen Top abzeichneten. Anstatt vor Kälte zu zittern, wurde ihr ganz heiß.

Jeder anderen Person gegenüber hätte Caroline sich den Laptop vor die Brüste gehalten, um sie zu verbergen. Doch seine faszinierte Miene zeigte ihr, welche Wirkung sie auf ihn hatten. Von einer unerklärlichen Kühnheit überkommen, straffte sie die Schultern, sodass sich ihre kleinen Brüste noch mehr vorreckten. Sie sah ihn schwer schlucken und erschauerte doch noch.

„Ja“, antwortete sie schließlich. „Ich mache Backhähnchen mit Kartoffelstampf. Ich hoffe, das ist okay?“

Auf dem Weg in die Küche legte sie den Laptop auf den Esstisch. Sie hörte Craig die Tür schließen und fragte sich, ob sie das Sweatshirt überziehen sollte. Immerhin war sie allein im Haus mit einem Mann, der sie musterte, als wäre sie für ihn die attraktivste Frau der Welt und als sähe er sie zum allerersten Mal.

Das ist natürlich albern. Zum einen hielt sie sich nicht für sonderlich attraktiv, zum anderen hatte er sie natürlich schon oft gesehen. Warum also fühlt es sich plötzlich so an, als ob ich mit dem Feuer spiele?

Caroline schob diesen befremdlichen Eindruck beiseite und wendete die Hähnchenteile in der Pfanne. Als sie ein Prickeln im Nacken verspürte, blickte sie über die Schulter und sah Craig an der Kochinsel lehnen.

Er starrte sie fasziniert an. „Das mag ich am liebsten.“

Ihr Mund wurde ganz trocken. „Was?“

„Backhähnchen“, antwortete er, doch seine dunkelblauen Augen waren nicht auf die Pfanne fixiert, sondern auf ihren Körper. „Du hast doch gefragt, ob das okay ist.“

„Oh“, murmelte sie, während wieder eine Hitzewelle durch ihren Körper lief.

„Brauchst du Hilfe?“

„Du kannst kochen?“

„Natürlich. Ich bin als ältestes von acht Kindern auf einer Ranch aufgewachsen. Meine Eltern haben uns beigebracht, sämtliche Aufgaben zu erledigen – Stiere einfangen, neugeborene Kälber füttern, Butter schlagen und so weiter.“

„Ich hatte als Kind nicht mal eine Babypuppe zu versorgen. Ich wäre gern mit Geschwistern aufgewachsen. Wie war das?“

„Meine Brüder und Schwestern waren viel bedürftiger und lästiger als Babypuppen. Aber hin und wieder kamen sie ganz gelegen, wenn viel zu tun war.“

„Macht eine Ranch viel Arbeit?“, erkundigte sie sich, um sich davon abzulenken, wie aufreizend nahe er ihr in der winzigen Küche stand.

„Das kannst du dir gar nicht vorstellen“, antwortete Craig in leicht abschätzigem Ton.

Sie zwang sich zu lächeln und holte Zutaten für den Kartoffelstampf aus dem Kühlschrank. „Zurück zu deiner Frage. Ich habe hier alles unter Kontrolle.“

„Okay. Darf ich dann mal deine Dusche benutzen?“

Caroline wirbelte so schnell herum, dass ihr das Päckchen Butter entglitt und direkt vor seinen Cowboystiefeln auf dem Boden landete. Während er es aufhob, sah sie ihn im Geist sehr nackt in ihrem kleinen Badezimmer vor sich.

„Es sei denn, ich soll lieber bei dir bleiben.“ Er reichte ihr die Butter, die an einer Ecke stark eingedellt war.

Nun erst fiel ihr auf, dass er die Klamotten vom Vortag trug. Kein Wunder, dass er sich frisch machen wollte. Sie starrte auf die Knöpfe an seinem Hemd. Es wäre so einfach, sie durch die kleinen Löcher zu schieben und …

Entschieden verdrängte sie diesen Gedanken, holte tief Luft und fand ihre Stimme wieder. „Nein, bei mir ist alles klar. Ich bringe dir ein Handtuch, nachdem ich die Hitze runtergeschaltet habe.“ Zu spät wurde ihr die Doppeldeutigkeit bewusst. „Ich meine die Hitze vom Herd. Sofern du nicht weißt, wo die Handtücher sind, weil du vermutlich schon mal hier geduscht hast. Obwohl – woher soll ich das wissen? Schließlich habe ich mir bisher keine Gedanken über dich in meiner Dusche gemacht. Und jetzt rede ich Unsinn. Ich zeige dir am besten, wo der Wäscheschrank ist.“

Craig wirkte kein bisschen verwirrt von ihrem zusammenhanglosen Geplapper. Er zog nicht einmal wie gewöhnlich eine Augenbraue hoch, sondern sagte nur belustigt: „Ich glaube, das kann ich allein rauskriegen.“

Unzählige Kosmetikfläschchen standen auf der Ablage über dem Waschbecken und in der Dusche aufgereiht. Craig schnupperte an einem extravaganten Shampoo. Zumindest nahm er wegen des französischen Etiketts an, dass es extravagant war und sich um Shampoo handelte, denn er sprach kein Französisch. Doch er war kein unerfahrener Teenager mehr. Er war fünfunddreißig Jahre alt und hatte schon öfter bei Frauen übernachtet. Damals auf der Rodeo-Profitour, meistens nach einer guten Performance mit anschließender ausgiebiger Feier und nur, um sich am nächsten Morgen auf den Weg in die nächste Stadt zu machen. Er hatte nie genug Interesse in eine Beziehung investiert, um darauf zu achten, was im Badezimmer der jeweiligen Lady stand.

Abgesehen von Tina. Sie war die Tochter der Nachbarn gewesen und praktisch mit ihm zusammen aufgewachsen. Sie hatte irgendeine Seife aus dem Sonderangebot benutzt. Deswegen war sie die perfekte Frau für mich. Sie hat sich nichts aus all dem Weiberkram gemacht wie – er kniff die Augen zusammen, um das Etikett auf der weißen Flasche zu entziffern – parabenfreiem Volumen-Conditioner. Ihr hatte an Pferden und dem Zusammenschluss ihrer Familienranch mit seiner gelegen. Leider war sein Traum von der perfekten Partnerschaft und der perfekten Beziehung vor vielen Jahren zusammen mit Tina gestorben.

Craig hielt den Kopf unter den Wasserstrahl, um das Shampoo auszuspülen. Dann drehte er die Temperatur auf heiß in der Hoffnung, der Dampf würde all die Gelüste vertreiben, die die hübsche Hochzeitsplanerin in sein Leben zurückgeholt hatte.

Seine Haut war rot und prickelte, als er das Wasser schließlich abstellte. Ich hätte lieber kalt duschen sollen. Er schnappte sich ein flauschiges lavendelfarbenes Handtuch und wickelte es sich um die Taille, wischte den beschlagenen Spiegel über dem Waschbecken ab und starrte sein Abbild an.

Was zum Teufel machst du hier eigentlich? Er musste Caroline die Wahrheit sagen. Er musste Josselyn oder Drew oder Dr. Robinson mitteilen, dass er das arme süße Mädchen nicht länger anlügen konnte.

Nein, sie ist kein Mädchen mehr. Sie war eine Frau, die keinen BH trug. Und er hatte ihre kleinen festen Brüste unverhohlen angestarrt, als hätte er ein Recht dazu. Er hatte dagestanden und sich gefragt, welchen Rosaton ihre Nippel haben mochten, und es hatte ihn in den Fingern gejuckt, unter das knappe Tanktop zu fassen.

Fluchend zog er das Handtuch über seiner wachsenden Erektion fest und stieß versehentlich die Reisetasche von der Toilette, als er nach dem Rasierzeug suchte. Das Badezimmer war winzig.

Verdammt, das ganze Haus ist winzig! Ihm schien die sprichwörtliche Decke auf den Kopf zu fallen. Wie sollte er die ganze Nacht bei Caroline verbringen, ohne sie zufällig zu berühren? Es musste jemand anderen geben, der bei ihr bleiben konnte.

Wie auf Stichwort empfing sein Handy eine Nachricht von Drew. Wie geht es unserer Patientin?

Anscheinend gut. Auf Craig wirkte sie total gesund. Beinahe zu gesund, seiner wachsenden Libido nach zu urteilen.

So ist das bei Kopfverletzungen. In einem Moment scheint alles in Ordnung zu sein und im nächsten …

Die drei Auslassungspunkte am Ende des Satzes deuteten auf all die möglichen Gefahren für Caroline hin. Niemand wusste, was zu erwarten war.

Ist ihr Gedächtnis schon wieder da?

Sie scheint sich an alles zu erinnern, außer daran, wer ich bin. Das ist echt seltsam.

Das Gehirn ist ein seltsames und äußerst komplexes Gebilde.

Danke für den Anatomieunterricht, Dr. Drew. Aber was soll ich tun? Ich kann nicht weiter vortäuschen, mit ihr verlobt zu sein.

Was hast du denn sonst zu tun?

Craig strich sich das nasse Haar aus der Stirn. Es geht nicht um meine Zeit.

Soll ich Ben fragen, ob er bei ihr bleiben kann?

Obwohl es heiß in Badezimmer war, wurde ihm ganz kalt bei der Vorstellung. Nein! Sie will mich, nicht ihn. Schnell löschte er den Text wieder, weil es nach Eifersucht klang. Es geht darum, dass es sich einfach nicht richtig anfühlt. Sie wird stinksauer werden, wenn sie erfährt, dass wir sie ausgetrickst haben.

Eine Weile kam keine Antwort. Also schäumte er sich das Gesicht ein. Kaum war er damit fertig, als die nächste Nachricht eintraf.

Sei einfach so ehrlich wie möglich, ohne sie unnötig zu stressen. Und vergiss nicht, dass nicht DU sie austrickst, sondern ihr Gehirn.

Aber warum hat ihr Gehirn ausgerechnet mich ausgesucht?

Diesmal kam Drews Reaktion schnell. Kumpel, ich bin zwar Arzt, aber selbst ein schlauer Mensch wie ich weiß nicht, warum das Gehirn IRGENDEINER Frau ausgerechnet dich aussuchen sollte.

Haha, schrieb Craig und fügte das Stinkefinger-Emoji hinzu.

Er rasierte sich zu Ende und holte eine saubere Jeans aus der Reisetasche. Durch all den Dampf in dem kleinen Raum war seine Haut feucht, und es kostete ihn Mühe, die Hose anzuziehen. Als es schließlich geschafft war, brauchte er dringend frische Luft.

Er riss die Badezimmertür auf. Caroline stand mit einer erhobenen Faust auf der Schwelle, als wollte sie gerade anklopfen. Zuerst waren ihre Augen groß vor Überraschung; dann senkte sie die Lider, starrte auf seinen nackten Oberkörper und rang nach Atem.

Er widerstand zwar dem Drang, die Brustmuskeln spielen zu lassen, doch er schaffte es nicht, sich ihrer Musterung zu entziehen. Schließlich war es eine ganze Weile her, seit eine Frau so unverhohlen körperlich auf seinen Anblick reagiert hatte.

Scheinbar minutenlang starrten sie einander an, bevor Caroline schließlich krächzte: „Das Essen ist fertig.“ Sie machte auf dem Absatz kehrt und rannte praktisch davon.

Als sie in sicherer Entfernung war, konnte Craig nur denken: Wenn wir uns weiter so ansehen, stehen wir die Nacht nicht durch.

Nachdem Caroline gesehen hatte, dass Craigs muskulöser Oberkörper kein Gramm Fett zu viel aufwies, konnte sie ihm unmöglich am Esstisch gegenübersitzen und gepflegte Unterhaltung betreiben, ohne im Geist seine nackte gebräunte Haut vor sich zu haben.

Autor

Christy Jeffries
Christy Jeffries hat einen Abschluss der University of California in Irvine und der California Western School of Law. Das Pflegen von Gerichtsakten und die Arbeit als Gesetzeshüterin haben sich als perfekte Vorbereitung auf ihre Karriere als Autorin und Mutter erwiesen. Mit zwei Energiebündeln von Söhnen, der eigenwilligen Großmutter und einem...
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