Bianca Extra Band 128

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KÜSS MICH COUNTRYGIRL! von CHRISTY JEFFRIES
Auf Möchtegern-Cowboys wie Connor kann Countrygirl Dahlia verzichten! Doch der attraktive Großstädter kümmert sich so rührend um die Tiere auf seiner Ranch, dass sie ihn bald mit anderen Augen sieht. Ein Fehler? Kaum hat sie ihn geküsst, fürchtet sie, dass er es nicht ernst mit ihr meint …

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Hauptpreis für Olive: Sie gewinnt eine alte Villa, mit der sie sich ihren Traum vom Bed and Breakfast erfüllen kann. Wäre da bloß nicht ihr neuer Nachbar Cal! Der sexy Fire Marshal will ihr Projekt verhindern – trotzdem weckt er unwiderstehlich sinnliche Gefühle in ihr …

NANNY GESUCHT, NEUE LIEBE GEFUNDEN von TERESA SOUTHWICK
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ALLES, WAS MIR FEHLT, BIST DU von JO MCNALLY
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  • Erscheinungstag 21.10.2023
  • Bandnummer 128
  • ISBN / Artikelnummer 9783751516891
  • Seitenanzahl 432
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Christy Jeffries, Carrie Nichols, Teresa Southwick, Jo McNally

BIANCA EXTRA BAND 128

PROLOG

Guten Abend, Wyoming, wir berichten live von der Twin Kings Ranch nach der Trauerfeier für den US-Vizepräsidenten Roper King, der hier in der Kleinstadt Teton Ridge, im Herzen von Ridgecrest County, geboren wurde und aufgewachsen ist.

Wie viele von Ihnen wissen, war Roper King ein geachteter Kriegsheld und erfolgreicher Rancher, der in der Kommunalpolitik begonnen hat und zwei Amtsperioden lang Gouverneur von Wyoming war, bevor er Vizepräsident wurde. Die Gästeliste las sich wie ein Who is Who von Prominenten, ausländischen Würdenträgern und Politikern, einschließlich der US-Präsidentin und ihres Ehemanns.

Die Trauerfeier begann mit der Würdigung seines Lebenswerks, nahm aber eine unerwartete Wendung, als die Politikexpertin Tessa King, eine der Töchter Roper Kings, auf den Stufen der Kirche fast zusammengebrochen wäre und vom Secret Service weggeführt wurde. Wir wissen noch nichts über Tessas Zustand, aber es gibt Berichte, dass sie später zusammen mit ihren fünf Geschwistern bei der privaten Beisetzung gesehen wurde.

Augenblick … wir hören gerade, dass ein Familienmitglied der Kings durch das Tor fährt und es … Nein, es ist jemand anderes … vielleicht eine der weniger berühmten Töchter.

Wir halten Sie auf dem Laufenden, und jetzt zurück ins Studio zu weiteren Höhepunkten des heutigen Ereignisses …

1. KAPITEL

„Wird Grandpa Roper im Himmel Freunde haben?“, fragte die fünfjährige Amelia, als sie auf den Ridgecrest Highway einbogen, der gar kein richtiger Highway, sondern eine zweispurige Straße war, die mitten durch die Innenstadt von Teton Ridge, Wyoming führte.

„Mmm-hmm“, murmelte Dahlia King Deacon.

Seit dem Tod ihres Vaters antwortete Dahlia entweder mit einem Nicken, einem Schulterzucken oder einem unverbindlichen Murmeln. Trotzdem stellte ihre Tochter ununterbrochen Fragen, seit sie sich zehn Minuten zuvor vom Rest der Familie verabschiedet hatten.

„Meinst du, Gan Gan zieht auch in den Himmel um?“, wollte Amelia wissen.

„Irgendwann, aber nicht so bald.“ Dahlia stützte den Ellbogen auf die Seitenscheibe ihres Pick-ups auf und hielt mit der Hand ihren pochenden Kopf fest, während sie mit der anderen den Wagen lenkte. Normalerweise war sie froh über die Neugier ihres einzigen Kindes, aber heute war sie emotional ausgelaugt und hatte Mühe, nicht die Fassung zu verlieren.

Außerdem hatte Dahlias Zwillingsschwester Finn in der Limousine von der Kirche zum Familienfriedhof und zurück zum Haupthaus bereits die meisten ihrer Fragen beantwortet.

Hat Grandpa Roper wirklich all diese Leute gekannt?

Ist es okay, wenn ich die Präsidentin um eins ihrer Bonbons bitte?

Kann ich Präsidentin werden, wenn ich groß bin?

Wann können wir nach Hause fahren?

Dahlia hatte sich bei einem Secret-Service-Agenten abgemeldet und war mit Amelia durch die Küche nach draußen gehuscht und wie auf Autopilot losgefahren. Sie atmete auf, als keiner der vielen Übertragungswagen der Nachrichtensender vor dem Tor der Ranch ihr folgte.

Niemand rechnete damit, dass die Tochter des drittreichsten Mannes von Wyoming einen fünfzehn Jahre alten Pick-up fuhr, mit einer kuhgroßen Beule am Kühlergrill und einem Aufkleber mit Follow Me To Big Millie’s an der hinteren Stoßstange. Erst recht nicht, wenn sie noch dazu die Tochter des verstorbenen US-Vizepräsidenten war.

Für alle anderen war Roper King überlebensgroß gewesen – Kriegsheld, Politiker, Milliardär, nationale Ikone. Für Dahlia war er einfach nur Dad gewesen.

Sie schluckte, als der Schmerz sie zu ersticken drohte, und unterdrückte ein Schluchzen. Zur Wohnung in der Stadt waren es nur zwanzig Minuten. Dort würde sie ihre Tochter vor einen Disney-Film setzen und ihren Tränen freien Lauf lassen … in der Dusche, wo niemand sie fragen würde, ob alle Mütter ein rotes Gesicht und eine laufende Nase bekamen, wenn sie weinten.

Die dunkle Sonnenbrille, hinter der sie sich den ganzen Tag über versteckt hatte, richtete nur wenig aus gegen das Glitzern der schneebedeckten Grand Tetons, während die Sonne unterging. Dalia war so sehr damit beschäftigt, die Sonnenblende zu justieren, dass sie fast das weiße Fellknäuel übersehen hätte, das vor ihr über die Straße rannte.

Sie stieg auf die Bremse, riss das Lenkrad nach rechts und hielt das abgewetzte Leder gepackt, als der Pick-up von der Fahrbahn rutschte und zum Halten kam.

„Geht es dir gut, Peanut?“, fragte sie Amelia so ruhig wie möglich.

„Warum ist der Hund so unvorsichtig auf die Straße gerannt?“ Ihre Tochter blickte durch die Heckscheibe. „Wo ist seine Mommy? Ist es ein Hundejunge oder ein Hundemädchen?“

„Amelia.“ Dahlia legte eine Hand auf das wippende Knie des Mädchens. „Tut dir etwas weh?“

„Nein.“ Ihre Tochter schnallte sich los. „Kann ich den Hund streicheln?“

„Wir streicheln keine fremden Hu…“, begann Dahlia, aber Amelia hatte die Wagentür schon geöffnet.

„Ist das der Daddy von dem Hund?“

Dahlia griff nach hinten, um Amelia am schwarzen Samtrock festzuhalten, bevor diese nach draußen klettern konnte. Sie hatte keine Ahnung, wen ihre Tochter meinte, und würde es wohl nur herausfinden, wenn sie es schaffte, ihre zwischen den Vordersitzen eingeklemmten Hüften zu befreien und dem Mädchen zu folgen.

Konnte dieser Tag noch schlimmer werden?

Dahlia kletterte nach hinten, aber Amelia stand schon vor der Motorhaube und sprach mit einem Mann.

„Ist das Ihr Hund? Was ist mit der Leine? Wie heißt er? Ist es ein Junge? Warum sind Ihre Schuhe nicht zugebunden?“ Der Mann kam nicht dazu, auch nur eine Frage zu beantworten, aber das verschaffte Dahlia die Zeit, die sie brauchte, um sich zu orientieren, die Sonnenbrille aufzusetzen und den nach oben gerutschten Bleistiftrock wieder nach unten zu schieben.

Außerdem hatte sie eine Sekunde, um den verantwortungslosen Hundehalter zu mustern, der eine Hand wie einen Mützenschirm an die Stirn legte, um zwischen den dicht stehenden Bäumen am Straßenrand nach dem Ausreißer zu suchen.

Mehr als diese Sekunde brauchte Dahlia nicht, um ihr Urteil über den Fremden zu fällen. Ihr gehörte die einzige Bar in der Stadt, und sie durchschaute jeden Menschen, sobald er durch die Tür kam. Sie würde fünf Dollar darauf wetten, dass der Kerl irgendein Hipster-Tourist war, der sich auf dem Weg zum nahe gelegenen Jackson Hole verirrt hatte.

Er war über einsachtzig groß und schlank, aber muskulös. Obwohl er hinter seinem Hund hergejagt war, atmete er nicht schwer, also schien er außerdem fit zu sein. Sein verwaschenes Aerosmith-T-Shirt war entweder alt oder eins dieser Hundert-Dollar-Designershirts, die schon beim Auspacken so aussahen, als wären sie jahrelang getragen worden. Die Jeans hingegen wirkten nagelneu, und die Basketball-Schuhe waren, wie Amelia gerade schon festgestellt hatte, tatsächlich nicht verschnürt.

„Sollen wir Ihnen helfen, den Hund zu finden?“, fragte ihre Tochter, bevor Dahlia sie daran hindern konnte. „Mommy findet auch immer meine Schuhe und Buntstifte und Grandpas Brille. Gan Gan sagt immer, dass Mommy sogar Ärger findet, ohne danach zu suchen.“

Der Fremde wandte sich nun Dahlia zu.

Es war ein Fehler, länger den Mund zu halten, denn das ermunterte Amelia nur zum Weiterreden. „Aber Grandpa braucht seine Brille nicht mehr zu suchen, weil er jetzt im Himmel ist“, erzählte ihre Tochter traurig.

Dahlias Augen wurden wieder feucht, und sie atmete mehrmals tief durch, um vor diesem wildfremden Mann nicht loszuheulen. Er ging in die Knie, um mit Amelia auf Augenhöhe zu sein. „Euer Verlust tut mir sehr leid.“

„Wir haben Grandpa nicht verloren. Er ist eingeschlafen und nicht wieder aufgewacht. Stimmt doch, Mommy, oder?“

Zwei neugierige Augenpaare richteten sich auf Dahlia. Eines war so blau wie ihre, voller Interesse, das andere goldbraun mit grünen Tupfen, unsicher und mitfühlend. Oder wollte der Typ nur, dass sie ihn für einen harmlosen Kerl hielten?

Unsinn. Entführt zu werden wäre die grüne Olive auf diesem Vier-Martini-Tag.

„So kann man es auch sehen.“ Mit zitternden Fingern strich Dahlia eine Strähne hinters Ohr, legte den Arm um Amelia und wich einen Schritt zurück.

Vielleicht hätte sie das Angebot des Secret-Service-Beamten, sie nach Hause zu begleiten, doch nicht ablehnen sollen. In ihrer kleinen Heimatstadt, in der nur die Einheimischen sie kannten, hatte sie sich immer sicher gefühlt. Aber jetzt hatte sie gegen sämtliche Regeln verstoßen und mit einem vollkommen Fremden gesprochen. Na gut, hier stand kein fensterloser Lieferwagen, und dem Mann fielen auch keine Lollis aus den Taschen, aber der entlaufene Hund war nun mal einer der ältesten Tricks aus dem Handbuch der Entführer.

Der Fremde stand auf und überragte sie um einen Kopf – trotz ihrer unbequemen High Heels. Sie schaute auf seine großen Hände. Er hielt keine Waffe in der Hand, aber auch keine Hundeleine.

Wenn sie Amelia zum Pick-up bringen konnte, würde sie sich vielleicht mit ihr im Wagen einschließen können. „Peanut, hol deine Schuhe aus dem Auto, dann können wir den Hund suchen.“

Zum Glück war Amelias Bedürfnis, dem unglücklichen Tier zu helfen, größer als das, eine Million Fragen zu stellen, und sie gehorchte sofort.

„Nein.“ Der Mann hob beide Hände. „Es ist gar nicht mein Hund. Er war nur auf meinem Grundstück, und ich dachte, er hätte sich vielleicht verlaufen. Deshalb wollte ich nachsehen, ob er ein Halsband trägt, aber dann hat er Ihren Pick-up gehört und ist weggelaufen.“

Sie registrierte seine gebräunten Unterarme. Niemand, der um diese Jahreszeit in Wyoming lebte, war so braun.

„Sie leben also in Teton Ridge?“, fragte sie misstrauisch. Amelia hatte die hintere Wagentür jetzt erreicht, und Dahlia machte einen weiteren Schritt zurück.

„Lady, wenn Sie zu Ihrem Wagen rennen und sich einschließen wollen, halte ich Sie nicht auf. Ich weiß, was Sie gerade denken – dass Sie mitten im Nirgendwo auf der Straße stehen und ich ein Verrückter bin, der einen Hund jagt, der offenbar nicht eingefangen werden will. Ich werde einfach auf meine Ranch zurückkehren.“

„Wie?“

„Wie was?“ Er neigte den Kopf zur Seite. Sein schwarzes Haar war fast militärisch kurz geschnitten.

„Wie wollen Sie zu Ihrer Ranch zurück?“, fragte sie und klang wie Amelia, die jetzt auf dem losen Kies saß und sich den linken Schuh an den rechten Fuß schnallte.

„So, wie ich hergekommen bin, nehme ich an.“

Sie schnaubte ungläubig, denn zwischen der Twin Kings und der Stadt gab es nur zwei Ranches. Die verlassene Rocking D, acht Meilen südlich, und die Establos del Rio der Ochoas, von denen die meisten bei der Trauerfeier gewesen waren, und von denen hatte ganz sicher niemand Air Jordans und ein Aerosmith-T-Shirt getragen.

„Ich bin Connor Remington, der neue Eigentümer der Rocking D.“ Er schaute in die untergehende Sonne, wirkte aber nicht besonders beunruhigt darüber, dass es in zwanzig Minuten stockdunkel und mindestens sechs Grad kälter sein würde.

Seine Geschichte klang plausibel, und wenn der Mann sich als einheimischer Rancher hätte ausgeben wollen, um ein Auto anzuhalten, hätte er sich wenigstens passend anziehen und benehmen müssen. Das hatte er nicht getan. Was bedeutete, dass er sich nicht verstellte.

Der Himmel bewahre sie vor dämlichen Großstadtjungen, die null Orientierungssinn besaßen. Dahlia seufzte. „Steigen Sie ein. Ich nehme Sie mit.“

Connor Remington hatte nicht geplant, gleich am ersten Tag einem Nachbarn zu begegnen, aber hier saß er jetzt. Vorn in einem alten Pick-up, neben einer stillen Frau, deren Gesicht hinter der größten Sonnenbrille verborgen war, die er jemals gesehen hatte, und beantwortete die Fragen eines kleinen Mädchens, deren Mutter bei jeder Frage das Lenkrad fester umklammerte und die an der linken Hand keinen Ring trug.

„Sie wohnen also in der Nähe?“, fragte er höflich.

Die Frau nickte nur. Ihr Haar war dunkelblond und auf dem Kopf zu einem festen Knoten gesteckt. Die dunkle Kleidung ließ, zusammen mit den Kommentaren des Mädchens über den toten Großvater, vermuten, dass die beiden von einer Trauerfeier kamen.

„Wir wohnen in der Stadt“, sagte das kleine Mädchen. „Gan Gan will, dass wir im großen Haus auf der Ranch wohnen, aber Mommy sagt, sie würde lieber in Sibirien leben. Haben Sie schon mal in Sibirien gelebt?“

„Ja, sogar mal in einem Zelt.“ Connor drehte sich lächelnd zu ihr um. „Aber das war im Sommer, deshalb war es nicht so kalt, wie man denkt.“

„Sie brauchen nicht mitzuspielen“, murmelte die Frau. „Das bringt sie bloß dazu, noch mehr zu fragen.“

„Das stört mich nicht“, erwiderte Connor ehrlich. Außerdem bekam er eine kostenlose Rückfahrt zu seiner Geisterranch, da konnte er wenigstens freundlich sein, selbst wenn nur eine der beiden gesprächig war. „Ihr seid die ersten Nachbarn, die ich treffe. Was muss ich über das Leben in Teton Ridge wissen?“

„Meine Mommy heißt Dahlia, aber meine Tanten und Onkel nennen sie Dia. Außer Grandpa, der war der Einzige, der sie Dolly nennen durfte.“

Connor schwieg, als sie auf die holprige Straße zur Rocking D einbogen. Offensichtlich war die Frau schon mal hier gewesen.

„Alle von Mommys Brüdern und Schwestern haben Spitznamen“, fuhr das kleine Mädchen fort. „Außer Onkel Marcus. Aber der hat auch so etwas wie einen Spitznamen, weil jeder ihn Sheriff nennt. Haben Sie auch einen?“

„Einige meiner Freunde in meinem alten Job haben mich nach meinem Nachnamen genannt“, erwiderte er. Das Kind kniff die Augen zusammen, als wäre es der Ansicht, dass das nicht zählte. „Mein Dad hat mich Con genannt.“

Wow. Daran hatte er schon sehr lange nicht mehr gedacht. Vielleicht lag es daran, dass er in Wyoming war und ein Versprechen erfüllte, das sein Vater gebrochen hatte.

„Ich bin Amelia, aber meine Freundinnen nennen mich Bindi.“

Dahlia schaute über die Schulter. „Nein, Peanut, niemand nennt dich so.“

„Aber das werden sie. Wenn ich in die Schule gehe, sage ich Miss Walker, sie soll allen Kindern sagen, dass sie mich ab sofort Bindi Irwin nennen sollen. Weil ich Kängurus und Hunde und Eulen und Hamster liebe und irgendwann einen Zoo für alle Tiere haben werde und im Fernsehen bin wie meine Tante …“

„Da ist die Rocking D“, unterbrach Dahlia sie laut. Der Pick-up fuhr durch ein tiefes Schlagloch, aber sie schien es gar nicht zu bemerken. „Auf Animal Planet gab es letzte Woche einen Crocodile-Hunter-Marathon“, erklärte sie leise.

„Wo ist Ihr Hühnerstall?“, fragte Amelia, als sie auf den Weg zwischen dem Farmhaus und der Scheune einbogen. „Wo sind all die Kühe und Pferde?“

„Ich bin heute erst angekommen, deshalb habe ich noch keine Tiere. Jedenfalls keine, von denen ich weiß. Ich war noch nicht mal im Haus. Meine Sachen sind noch alle in dem Wagen dort drüben.“

„Der sieht aus wie der in der Werbung für das Princess Dream House. Er ist sogar weiß wie der von Princess Dream.“

„Es ist nur gemietet“, erklärte Connor, als Dahlia dahinter hielt. Er war eigentlich kein Schicker-Sportwagen-Typ, aber als sein Flugzeug am späten Vormittag nach Rock Springs umgeleitet worden war, hatte er nur noch das weiße Cabrio bekommen. Connor hatte die vergangenen zwölf Jahre auf Militärstützpunkten gewohnt und konnte es kaum abwarten, ein richtiges Zuhause zu haben. Deshalb hatte er nicht gezögert und den letzten Mietwagen auf dem Parkplatz genommen.

Bei seinem ersten und einzigen Gespräch mit seiner Großtante hatte er ihr versprochen, sich um die Ranch zu kümmern und sie stolz zu machen. Er besaß nicht viel Erfahrung darin, letzte Wünsche zu erfüllen, aber nach dem, was ihr Anwalt ihm erzählt hatte, war das keine leichte Aufgabe.

Amelia sprang aus dem Wagen, Dahlia folgte ihr und holte sie an dem Gestrüpp ein, das den Pfad zum Haus versperrte.

„Sie haben also die alte Daniels-Ranch gekauft? Unbesehen?“ Endlich nahm Dahlia die Sonnenbrille ab. Ihre Augen waren so tiefblau, dass Connor die Sprache wegblieb. Außerdem waren sie leicht gerötet – vom Weinen?

„Ich habe sie geerbt. Meine Großtante war Constance Daniels.“

„Dann sind Sie der, von dem sie immer gesprochen hat?“, fragte sie. Bevor er ihr die ungewöhnliche Familienkonstellation erläutern konnte, fuhr sie fort. „Der, der ihre Ranch wieder mit Leben erfüllen soll?“

„Ja, das habe ich vor.“

„Lassen Sie mich raten.“ Sie warf einen Blick auf die neuen Jeans, die er unterwegs gekauft hatte. „Sie sind gerade erst aus der Großstadt hergezogen, haben aber immer davon geträumt, ein Cowboy zu werden.“

„Das klingt nach jemandem, der bereits zum Scheitern verurteilt ist“, wiederholte er, was seine Mutter zu ihm gesagt hatte, als er ihr von der Rocking D und dem Versprechen an seine sterbende Großtante erzählt hatte. Connor kniff die Augen zusammen.

Sie erwiderte den herausfordernden Blick. „Zum Scheitern verurteilt, hätte ich nicht gesagt, aber hier draußen haben sich schon zähere Männer als Sie die Zähne ausgebissen.“

Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Woher wissen Sie, wie zäh ich bin?“

Dahlias Pupillen weiteten sich, aber sie wich seinem Blick nicht aus. Sie spitzte leicht die vollen Lippen, als würde sie die perfekte Erwiderung zurückhalten.

„Wo ist der Hund jetzt?“, fragte Amelia. „Meinen Sie, er kommt hierher zurück? Haben Sie Futter für ihn? Wo schläft er, wenn es schneit?“

„Amelia.“ Seufzend sah Dahlia ihre Tochter an. „Lass Mr. Remington erst mal richtig ankommen.“

Connors Mundwinkel zuckten. Er kannte das Kind seit dreißig Minuten, und es hatte in der ganzen Zeit nicht aufgehört, Fragen zu stellen.

Er beugte sich hinab, weil er dem Mädchen ansah, dass es sich wirklich Sorgen um den Hund machte. Genau wie er selbst, denn sonst wäre er ihm bestimmt nicht fast sieben Meilen weit gefolgt … zu Fuß. Vielleicht ähnelte er Amelia mehr, als er ahnte. „Ich lasse ihm Wasser und ein paar warme Decken auf der Veranda. Aber vielleicht ist er längst zu Hause vor dem Kamin und träumt von seinem nächsten Abenteuer.“

Das Mädchen nickte. „Warum haben Sie noch einen Aufkleber am Hosenbein?“

„Weil die Stiefel und Jeans, die ich anhatte, als ich hier ankam, voller Schlamm waren.“ Er verschwieg, dass er bei seiner Erkundung fast in einen stillgelegten Brunnen gefallen wäre. „Aber dann habe ich den kleinen weißen Hund gesehen und mir schnell diese neue Hose angezogen.“

„Sie meinen, Sie haben sich hier draußen umgezogen?“ Ihre Augen wurden noch größer.

Er warf Dahlia einen Blick zu. Ihre Wangen waren gerötet. „Es hat mich ja niemand dabei gesehen.“

„Einmal ist Mommy in den Fluss gestiegen, weil mein Lachs an einem Felsen festsaß. Sie musste alles ausziehen, damit sie keine Lungenentzündung bekam. Tante Finn hat gesagt, ein Cowgirl muss tun, was Cowgirls tun müssen, aber Gan Gan hat gesagt, eine Lady kann nie wissen, wer sie beobachtet.“

Connor wollte unbedingt mehr über diesen Lachs wissen, aber nach mehr Einzelheiten über die nackte und klitschnasse Dahlia zu fragen, wäre wohl unpassend.

Die Fischretterin rieb sich die Schläfen. „Okay, Peanut, wir müssen jetzt weiter. Wir können unterwegs nach dem Hund Ausschau halten.“ Das Versprechen wirkte, denn Amelia winkte ihm zu und hüpfte zum Pick-up zurück. Dahlia streckte die Hand aus. „Viel Glück mit der Rocking D, Mr. Remington.“

„Nochmals Danke fürs Mitnehmen.“ Er nahm die glatte, aber kräftige Hand in seine und merkte, wie ihm die Berührung sofort unter die Haut ging. „Vielleicht sehe ich Sie ja irgendwann in der Stadt und kann mich revanchieren.“

Hastig zog sie ihre Hand zurück, aber ihre Miene verriet nicht, was sie dachte.

„Bestimmt haben Sie hier draußen viel zu tun.“ Sie warf einen demonstrativen Blick auf den kaputten Holzzaun, dann auf seine Basketballschuhe, die auf der heruntergekommenen Ranch so fehl am Platz waren wie ihre schwarzen High Heels. „Ein Großstädter wie Sie wird es nicht leicht haben.“

Als sie und ihre Tochter davonfuhren, dachte Connor an den Anwalt seiner Großtante. Der Mann hatte ihn gewarnt. Gut, dass er nicht nach Wyoming gekommen war, um Freundschaften zu schließen.

2. KAPITEL

Connor schlief miserabel in dem modrig riechenden, mit Krimskrams vollgestellten Haus, das seine Großtante ihm hinterlassen hatte. Zum Glück hatte irgendein aufmerksamer Nachbar den Kühlschrank ausgeräumt sowie Gas und Wasser abgestellt.

Sein Vater hatte oft erzählt, wie er die Sommer auf einer Ranch in Wyoming verbracht hatte, aber die Frau, der sie gehörte, nie erwähnt. Selbst, wenn er über seine Tante Constance gesprochen hätte, hätte Connors Mutter Steve Remington kein Wort geglaubt.

Deshalb war niemand überraschter als Linda Remington gewesen, als Connor einen Anruf aus einer betreuten Wohneinrichtung in Wyoming bekommen hatte. Steve besuchte seinen Sohn und seine Frau nur gelegentlich in Boston, wenn er gerade mal nicht im Gefängnis saß, und Connor wechselte von einem Auslandseinsatz zum nächsten. Deshalb hatte es einen hilfreichen Sozialarbeiter und einen schlauen Anwalt gebraucht, um nach fast drei Jahren endlich Constance Danielsʾ nächsten Angehörigen zu finden.

Connor hatte seine Großtante erst vor ein paar Wochen kennengelernt, per Video-Chat an Bord eines Flugzeugträgers im Pazifik. Sie war verstorben, bevor er von seinem letzten Einsatz zurückgekehrt war. Ihr Anwalt hatte ihn informiert, dass die Ranch seit Connies erstem Schlaganfall vor drei Jahren verlassen war.

Connor hatte nichts Luxuriöses erwartet, als er gestern Nachmittag auf der Rocking D angekommen war. Außerdem hatte er bei seinen Einsätzen im Altai-Gebirge zwischen Kasachstan und Russland schon Schlimmeres durchgemacht.

Sein Job war es gewesen, Menschen aufzuspüren, und weil das jetzt hinter ihm lag, versuchte er gar nicht erst, nach dem kleinen Mädchen und seiner Mutter zu suchen, als er am nächsten Morgen in die Innenstadt von Teton Ridge fuhr. Innenstadt war allerdings eine großzügige Bezeichnung für die Mitte eines Ortes mit weniger als zweitausend Einwohnern. Es gab eine Handvoll Restaurants und Geschäfte, eine Polizeistation als Anbau eines Gerichtsgebäudes, das vermutlich die komplette Lokalverwaltung beherbergte, eine riesige Futter-und-Saatgut-Handlung und einen kleinen Baumarkt. Wer mehr brauchte, musste es entweder online bestellen oder es in Jackson Hole oder Pinedale besorgen.

Als Erstes brauchte Connor einen heißen Kaffee und ein noch heißeres Frühstück. Deshalb parkte er vor einem Diner namens Biscuit Betty’s, und der Duft von brutzelndem Schinkenspeck ließ seinen Magen sofort knurren. Er war auf halbem Weg zur Tür, als er das blonde Mädchen sah, das gerade aus der Bäckerei nebenan hüpfte.

Amelia.

Er blieb stehen, als Dahlia ihr folgte, auf den Armen einen Stapel pinkfarbener Schachteln, so hoch, dass er nur die Spitze ihres wippenden Pferdeschwanzes sehen konnte.

Sofort eilte er hinüber und nahm ihr die drei obersten Kartons ab. „Ich helfe Ihnen.“

Dahlias Lächeln verblasste. Hatte sie jemand anderen erwartet? Einen Freund vielleicht?

„Ich kann das allein tragen“, beharrte sie mit gerunzelter Stirn.

„Oh, hi, Mr. Rem’ton.“ Amelia strahlte ihn an. „Mommy hat gesagt, dass wir Sie lange nicht mehr sehen werden, weil Sie auf Ihrer schrottigen alten Ranch arbeiten müssen.“

„Schrottig habe ich nicht gesagt“, warf Dahlia ein. „Ich habe heruntergekommen gesagt.“

„Sie ist heruntergekommen und schrottig.“ Connor unterdrückte ein Lächeln. „Ich fange mit der Arbeit an, sobald ich ein paar Vorräte eingekauft habe.“

„Mommy hat Mrs. Burnworth in der Bäckerei erzählt, dass Ihr Haus innen wahrscheinlich noch schlimmer aussieht als draußen und dass …“

„Hier, Peanut.“ Dahlia drückte Amelia eine Schachtel in die Arme. „Trag die für mich, dann bekommst du zu Hause einen Apfel-Muffin.“

Das kleine Mädchen kippte den Karton zur Seite, bis der Deckel aufzuklappen drohte, als es davonrannte.

Connor versuchte, ernst zu bleiben, als Dahlia ihm einen verlegenen Blick zuwarf. „Ich muss wirklich aufpassen, was ich sage, wenn sie dabei ist.“

„Ich unterhalte mich gern mit ihr. Sie ist ein kluges Mädchen und …“ Er verstummte, als er Amelia durch eine Tür unter einem Holzschild mit der Aufschrift Saloon laufen sah. Automatisch musste er daran denken, wie sein Vater ihn als Kind in einige der weniger feinen Kneipen von Dorchester, Massachusetts mitgenommen hatte. „Ist sie gerade in die Bar gegangen?“

„Ja.“ Dahlia ging so langsam weiter, als wäre es vollkommen normal, dass eine Fünfjährige den örtlichen Pub betrat. „Das tue ich jetzt auch.“

„Ist es nicht etwas zu früh für einen Drink?“ Er hörte den Vorwurf in seiner Stimme und ärgerte sich darüber. Er kannte diese Frau doch gar nicht. Was fiel ihm ein, seine eigenen Kindheitserfahrungen auf ihre Tochter zu projizieren? „Entschuldigung, das geht mich gar nichts an.“

„Sie haben recht.“ Dahlia drehte sich zu ihm um. Ihre Schultern waren gestrafft, die Augen fast violett vor Zorn. „Es geht Sie, meine Mom oder sonst jemanden nichts an, wie ich meine Tochter großziehe.“

Wow! Gestern war sie still gewesen und hatte das Reden ihrer Fünfjährigen überlassen, aber heute war sie kämpferisch und nahm kein Blatt vor den Mund.

„Das wollte ich auch nicht andeuten. Ich habe nur aus eigener Erfahrung eine Feststellung getroffen.“

„Kann ich mir etwas zu trinken machen, Mommy?“ Amelia hielt mit ihrem kleinen Körper die schwere Holztür auf. Sie hatte einen halb aufgegessenen Muffin in einer Hand und Zimtkrümel an der Wange. „Dieses Mal tue ich auch nicht so viele Kirschen rein.“

„Natürlich, Peanut“, antwortete sie, bevor sie eine Hand auf die Hüfte legte, Connor ansah und eine Braue hochzog.

Gestern war sie – erschöpft und mit verweinten Augen – dennoch attraktiv gewesen, aber heute ließen der herausfordernde Blick und die entschlossene Miene sie geradezu sexy erscheinen.

„Jedenfalls bin ich vorhin an einer Bibliothek vorbeigekommen, und ein kluges Mädchen wie Amelia würde wahrscheinlich lieber dort hingehen als in einen Saloon …“ Connor brach ab, als Dahlias Augen und Mund schmal wurden.

„Hören Sie nur nicht auf, Mr. Big City Rancher.“ Sie beugte sich leicht vor. „Bestimmt haben Sie noch jede Menge weiser Worte über Familienangelegenheiten auf Lager. Ihre Großtante Connie war übrigens eine wundervolle Frau und hat es nicht verdient, allein in einer betreuten Wohneinrichtung zu sterben, ohne auch nur von einem einzigen Angehörigen besucht zu werden.“

Autsch. Connors schlechtes Gewissen war auch so schon groß genug. „Ich hätte sie viel früher besucht, wenn ich von ihr gewusst hätte.“

„Na ja, Sie hatten es jedenfalls eilig, Ihr Erbe kennenzulernen.“

Sie standen sich auf dem Bürgersteig gegenüber, und er sah praktisch den Dampf aufsteigen, den sie gerade abließ. Er konnte sich nur mit Mühe beherrschen. Wie kam sie dazu, seine Entscheidungen zu kritisieren? Er hatte nie um ein Erbe oder etwas anderes in seinem Leben gebeten. Ganz im Gegenteil, er bezweifelte stark, dass …

„Da ist der Hund!“, rief plötzlich eine Stimme. Connor fuhr gerade noch rechtzeitig herum, um Amelia auf die Straße rennen zu sehen.

Er hatte die pinkfarbenen Schachteln bereits fallen gelassen und rannte ihr hinterher, als er die Hupe des großen Lastwagens hörte.

Der Warnschrei erstarb in Dahlias Hals genau in dem Moment, als Connor ihre Tochter mit sich auf den Mittelstreifen riss, bevor der Lastwagen sie erfassen konnte.

Sie selbst entging nur knapp einem roten Kleinwagen, als sie zu ihrer Tochter rannte. Ihre Stimme kehrte gerade rechtzeitig zurück, um Jay Grovers Tieflader ein paar ausgewählte Schimpfworte hinterherzurufen.

„Ist ihr etwas passiert?“, fragte Dahlia keuchend. Sie standen zu dritt in der Mitte des Stampede Boulevard. Na ja, eigentlich standen nur zwei von ihnen, denn Connor hielt ihre Tochter noch auf den Armen.

„Ich glaube, es geht ihr gut“, erwiderte er atemlos.

Eben hatte sie noch auf den Mann losgehen wollen, doch jetzt konnte sie ihm nicht mehr böse sein. Er hatte ihrer Tochter schließlich das Leben gerettet.

„Wo ist der Hund?“ Amelia zappelte auf seinen Armen und hielt besorgt nach dem zottigen weißen Vierbeiner Ausschau.

„Oh, Peanut, erst einmal bringen wir dich hinein. Wir können später nach ihm suchen.“

„Aber was ist mit der Schule? Ich darf nicht wieder zu spät kommen.“

Dahlia sah auf die Uhr. Es war fast halb acht. Amelia hörte sich an, als würde sie sich dauernd verspäten, dabei wollte sie immer die Erste sein, damit sie die Klassenhamster füttern konnte.

„Ich brauche noch ein paar Minuten.“ Dahlia steckte die zitternden Hände in die Hosentaschen. In diesem Zustand wollte sie sich nicht ans Steuer setzen.

„Aber ich habe Miss Walker versprochen, dass wir die Muffins für den Basar mitbringen.“

„Ich kann euch fahren“, bot Connor an.

„Danke“, sagte Dahlia erleichtert. „Ich muss nur noch kurz etwas holen. Können Sie retten, was von den Muffins übrig ist?“

Sie ließen ein Motorrad passieren und gingen zum Bürgersteig in Richtung des Gebäudes, das Dahlia gekauft und liebevoll restauriert hatte. Connors Blick zuckte zum Obergeschoss und dem Schild, auf dem in goldenen Buchstaben Big Millie’s stand.

Er fragte nicht nach, was vermutlich an den Kartons lag, die er mit dem Deckel nach unten auf den Armen hielt, und an Amelia, die ihn nach dem weißen Hund löcherte. Dahlia eilte hinein, schnappte sich die Safari-Park-Lunchbox und den Rucksack ihrer Tochter und folgte ihm zu seinem Mietwagen.

Vor der Grundschule richteten sich etliche Augenpaare auf Dahlia, als sie aus dem Cabrio stiegen – dessen Dach an diesem kühlen Morgen zum Glück geschlossen war.

„Kann ich mit den Schachteln helfen?“, fragte Connor.

„Ja“, sagte Amelia. „Nein!“, widersprach ihr Dahlia. Das Letzte, was sie jetzt brauchte, waren andere Eltern, die sie fragten, was sie mit einem Großstadtcowboy zu tun hatte, den niemand hier kannte. „Parken Sie einfach dort drüben. Ich bringe Amelia schnell hinein.“

„Vergessen Sie unseren Hund nicht“, rief ihre Tochter ihm hinterher.

„Welcher Hund?“, fragte Marcus King, in der Uniform des County Sheriffs, noch bevor die Wagentür geschlossen war.

„Du meine Güte, Marcus. Du hast mich halb zu Tode erschreckt“, fuhr Dahlia ihren großen Bruder an, der seine Zwillinge Jack und Jordan zur Schule brachte.

„Der Hund, den ich und mein neuer Freund Connor gefunden und wieder verloren haben. Bis nachher, Mommy.“ Amelia winkte ihr zu und rannte dann hinter ihren Cousins her.

Marcus schaute auf das Kennzeichen von Connors Mietwagen. „Wer ist das?“

„Connie Danielsʾ Neffe, der gerade die Rocking D geerbt hat.“ Sie drückte ihm die Bäckerschachtel in die Arme. „Ich möchte, dass du die hier zum Basar bringst, bevor Melissa Parker herkommt und dich zur monatlichen Happy Hour für Singles einlädt.“

Ihr Bruder ergriff die Flucht.

Als Dahlia wieder zu Connor ins Cabrio stieg, rutschte sie sofort tiefer in den Sitz hinein.

„Vorsicht, sonst denke ich noch, es ist Ihnen peinlich, mit mir gesehen zu werden“, sagte er und bog auf den Stampede Boulevard ein.

„Ich will nur keine Fragen beantworten müssen.“

„Wie die von dem Polizisten?“, entgegnete Connor. „Er scheint sich mein Kennzeichen und Aussehen genau eingeprägt zu haben.“

„Das ist mein Bruder. Er ist der Sheriff hier und meint immer, mich beschützen zu müssen.“

„Cool“, sagte Connor.

„Was ist daran cool?“

„Als ich jung war, hätte ich gern jemanden gehabt, der mich beschützt.“

„Wurden Sie als Kind gemobbt?“

„Nicht mehr als andere. Aber mein Dad war oft weg, und meine Mom hatte zwei Jobs. Ich habe mir immer Geschwister gewünscht.“

Dahlia dachte an die anderen fünf Kings. „Glauben Sie mir, das wird überschätzt. Sie mischen sich andauernd in mein Leben ein und streiten untereinander. Wenn Sie meine Tochter für eine Quasselstrippe halten, sollten Sie mal den Rest der …“

Sie zügelte sich, bevor sie zu viel über ihre Familie verriet.

„Danke, dass Sie rechtzeitig bei Amelia waren und uns hergefahren haben.“

„Kein Problem.“ Er lächelte, und in ihrem Bauch vollführte etwas einen Salto. Connor Remington mochte in Teton Ridge vollkommen deplatziert wirken, aber er sah nun mal verdammt gut aus, und es war eine Weile her, dass Dahlia allein mit einem Mann in einem Auto gesessen hatte, den sie nicht seit Kindertagen kannte, attraktiv oder nicht.

„Wo soll ich Sie absetzen? Burnworth’s? Seltsamer Name für eine Bäckerei.“

„Sie können hier halten.“ Dahlia zeigte auf die freien Parkplätze in der Nähe der altmodischen Anbindestange für Pferde vor Big Millie’s.

Zu ihrer Überraschung stieg er mit ihr aus. „Sie müssen mich nicht hineinbringen.“

„Ich wollte vorhin frühstücken gehen.“ Er schaute auf das Vordach aus Zedernholz, das sie vor drei Jahren angebracht hatte, um den Charakter des historischen Gebäudes zu erhalten. „Sie arbeiten hier?“

„Der Laden gehört mir.“

„Hallo, Dahlia.“ Mrs. Burnworth, die Miteigentümerin der Bäckerei, eilte mit wehender Schürze auf sie zu. „Hinter der Backstube lungert wieder einer der Köter deiner Tochter herum. Kenny hat schlechte Laune und beklagt sich über Allergien, die er gar nicht hat. Ich muss dich warnen. Wenn ihr wieder versucht, ein Tier nach oben zu schmuggeln, meldet er euch dem Gesundheitsamt.“

„Ist es ein zottiger weißer Hund?“, fragte Connor.

Mrs. Burnworth musterte ihn. „Sind Sie vom Tierschutz?“

„Nein, ich …“

In diesem Moment ertönte irgendwo hinter dem Gebäude ein klägliches Bellen. Dahlia schloss den Saloon auf und eilte zum Hintereingang. Kaum hatte sie die schwere Sicherheitstür geöffnet, raste ein schmutziges Fellknäuel an ihr vorbei durch die Küche und sprang direkt in Connors Arme.

Kenny Burnworth, Mrs. Burnworthʾs Bruder und einer der größten Hypochonder der Stadt, tauchte jetzt, bewaffnet mit einem Pfannenwender, hinter dem Hund auf. Rasch hob Dahlia eine Hand. „Ich kümmere mich schon um ihn, Mr. Burnworth.“

Der Hund, der sich nun in Sicherheit in Connors Armen befand, jaulte auf, und der Bäcker nieste demonstrativ. „Das hoffe ich, Dahlia, denn dies ist jetzt schon das zweite Mal in diesem Monat. Sind Sie vom Tierschutz?“

Connor drückte den Hund fester an sich. „Nein, Sir.“

„Schade.“ Mr. Burnworth nieste wieder. „Mir wäre es lieber, dieser Laden wäre noch ein Bordell und kein verdammtes Asyl für jeden Streuner in dieser Stadt.“

Als ihr Nachbar ging, schloss Dahlia das Fliegengitter und holte eine kleine Wasserschüssel. Connor folgte ihr aus der Küche in den Saloon.

Er setzte den Hund auf den Boden und blieb bei dem verängstigten Tier. Dahlia wurde warm ums Herz. Um sich abzulenken, suchte sie nach etwas zu fressen. Auf dem langen Bartresen fand sie ein halbes Glas Orangensaft und einen von Amelias Muffins.

Als der Welpe das angebotene Stück verschlang, stand Connor langsam auf, sah sich im Raum um und zog eine Augenbraue hoch. „War das hier wirklich mal ein Bordell?“

Dahlia straffte die Schultern. „Ja, 1890 hatten Frauen nicht viele Möglichkeiten, allein für ihren Lebensunterhalt zu sorgen. Noch weniger, wenn ihre Ehemänner verschwanden und sie mit einem kleinen Kind zurückließen. Also hat meine Ururgroßmutter ihre beste Chance genutzt.“

„Ihre Ururgroßmutter war Big Millie? Ist sie das?“ Er zeigte auf ein altes Foto über der gusseisernen Kasse. „So groß sieht sie gar nicht aus.“

„Ihre Tochter hieß ebenfalls Amelia, und die Leute nannten sie Big Millie und Little Millie. Ihr Porträt ist …“ Dahlia suchte nach den richtigen Worten, um die wenig attraktive, geradezu Furcht einflößende Frau zu beschreiben, die ihr Herz stets auf der Zunge getragen und angeblich eine übernatürliche Menschenkenntnis besessen hatte. „Es ist nicht ganz so schmeichelhaft und hängt woanders.“

Das lebensgroße Porträt hing über dem Kamin im Haupthaus der Two Kings Ranch.

„Hat Little Millie das Geschäft später übernommen?“

„Ja, kurz vor der Prohibition. Sie betrieben die einzige Flüsterkneipe zwischen Casper und Idaho Falls. Als die illegalen Schnapsbrenner nicht mehr genug liefern konnten, haben sie das Obergeschoss dichtgemacht und dort ihren eigenen Alkohol gebrannt.“

Verblüfft sah Connor sie an, und Dahlia unterdrückte ein Lächeln. Wenn er mit verstorbenen Angehörigen so leicht zu schockieren war, würden einige ihrer lebenden – wie ihre Schwester Finn oder ihre Tante Freckles – ihm garantiert den Rest geben.

Neugierig schaute er sich in dem Saloon um. „Sieht hier alles noch so aus wie damals?“

„Ich habe versucht, möglichst viel von der Originaleinrichtung zu erhalten.“ Nach der Scheidung war dies ihre Lebensaufgabe und Zuflucht geworden. „Nur die kleineren … Zimmer oben habe ich in eine große Wohnung umgewandelt.“

„Sie dürfen in Ihrer eigenen Wohnung keine Haustiere halten?“, fragte er mit Blick auf den zotteligen Hund, der es sich zu seinen Füßen bequem gemacht hatte, seinen Bauch zum Streicheln präsentierte und dadurch erkennen ließ, dass er ein Rüde war.

Natürlich konnten sie ihn behalten. Das Gebäude gehörte schließlich ihr, und die Wohnung war vom Saloon getrennt. Aber wenn Dahlia jetzt nachgab, würde Big Millie’s bald jeden Hund und jede Katze im Umkreis von Meilen beherbergen, denn ihre Tochter brachte jeden Streuner mit, der ihr über den Weg lief. Sie seufzte leise. „Ein süßer Welpe wie dieser braucht Bewegungsfreiheit. Vermutlich würde er sich auf einer Ranch wohlfühlen. An einem Ort mit viel Land und einem einsamen Eigentümer …“

Connor schüttelte den Kopf. „Netter Versuch, aber ich brauche keine Gesellschaft.“

„Sie sind ihm den ganzen Weg von Ihrer Ranch zur Straße gefolgt.“

„Um nachzusehen, ob er ein Halsband trägt oder Hilfe braucht.“

„Deshalb hängt er so an Ihnen.“

Die Andeutung eines Lächelns umspielte seinen Mund.

Dahlia kraulte den Hund zwischen den Ohren. Leider brachte das ihr Gesicht viel zu dicht an Connors, und erneut spürte sie seine Nähe.

Ihre Blicke trafen sich. Seine Stimme war tief und leise. „Na gut, ich helfe Ihnen, aber nur weil ich es Amelia versprochen habe.“

„Natürlich.“ Dahlia erhob sich. „Dr. Roman hat einen Scanner. Wenn der Hund gechipt ist, kann sie Ihnen helfen, den Halter zu finden.“

„Dr. Roman?“ Er nahm den Hund auf die Arme und erhob sich. „Warum habe ich das Gefühl, dass Sie und Amelia darin geübt sind, ahnungslosen Fremden streunende Tiere aufzuschwatzen?“

„Wem denn sonst?“ Sie ging hinter die Bar. „Jeder andere in der Stadt ist schlau genug, meiner Tochter aus dem Weg zu gehen, wenn sie sich für ein Tier interessiert.“

Wenn Connor ein richtiger Rancher werden wollte, musste er lernen, sich um alle möglichen Tierarten zu kümmern. Im Grunde tat sie dem gut aussehenden Großstädter also sogar einen Gefallen, und wenn sie ihn davon abhalten konnte, sich in ihre Angelegenheiten einzumischen, würde es ihr auch bestimmt wesentlich leichter fallen, nicht an ihn zu denken.

3. KAPITEL

„Lassen Sie mich raten“, schmunzelte Dr. Roman. „Die kleine Amelia Deacon hat Sie überredet, diesen Streuner zu adoptieren, oder?“

Also hießen sie mit Nachnamen Deacon. Connor speicherte die Information. „Sie kennen Amelia und ihre Mom?“

„Ja, mein ältester Sohn ist mit Dahlia und Finn in die Schule gegangen.“ Die Tierärztin setzte eine Lesebrille auf und konzentrierte sich dann auf den neuen Patienten. „Diese Familie schickt mir mehr Schützlinge, als ich bewältigen kann.“

Finn. Noch ein Name, noch eine Information. Connor sammelte Hinweise wie Amelia Deacon herrenlose Tiere. Er wusste nur noch nicht, wohin diese Spur führen würde und warum er ihr überhaupt folgen wollte. Mit der Rocking D hatte er nämlich alle Hände voll zu tun. Er war nicht auf dem Markt für Hunde oder alleinerziehende Mütter. Egal, wie hübsch sie auch waren.

Die Mutter, nicht der Hund.

Der verängstigte Vierbeiner roch noch schlimmer, als er aussah. Connor beobachtete, wie Dr. Roman das schlammverkrustete Fellknäuel untersuchte. Er würde die Mietwagenfirma dafür bezahlen müssen, dass sie den Gestank von der kurzen Fahrt von Big Millie’s zur Praxis entfernte, und wenn sie den Tierhalter fanden, würde er ein ernstes Wort mit ihm oder ihr reden.

Als die Tierärztin fertig war, gab sie ihrem Patienten eine Leckerei. „Ich sehe nichts Ungewöhnliches, aber wir werden ihn säubern müssen, bevor wir uns sicher sein können. Sein Fell ist so verfilzt, dass unser Scanner vielleicht etwas übersehen hat.“

Conner war ein sparsamer Mensch und hatte nur selten bezahlten Urlaub genommen, was bedeutete, dass er noch ein paar Gehaltsschecks erwartete. Leider würde er das meiste davon für die Ranch brauchen, und er hatte keine Ahnung, was der Tierarztbesuch ihn kosten würde.

„Keine Angst“, sagte Dr. Roman. „Dahlia übernimmt die Rechnung.“

Das gefiel Connor überhaupt nicht. Ein Saloon in einer kleinen Rinderzüchterstadt in Wyoming warf bestimmt nicht viel ab. „Nein, ich bezahle, was der Hund braucht.“

Zwei Stunden später bereute Connor seine Zusage zutiefst.

Er war frühstücken, in den Baumarkt und zum Supermarkt gegangen, bevor er in die Tierarztpraxis zurückkehrte, um die Rechnung zu begleichen. Zusammen mit seiner Kreditkarte bekam er die Leine eines sauberen, frisch geschorenen weißen Hundes, an dem kaum noch etwas an den Streuner erinnerte, den er hier abgeliefert hatte.

„Was soll ich mit ihm?“, fragte Connor und starrte auf das bunt gestreifte Tuch um den Hals des Vierbeiners.

Der Assistent, dessen purpurroter Overall zu seinem gefärbten Irokesenschnitt passte, warf ihm einen erstaunten Blick zu. „Nimm ihn mit nach Hause, Bro. Füttere ihn. Spiel mit ihm. All die Dinge, die Leute mit ihren Haustieren machen.“

„Aber er ist nicht mein Haustier“, protestierte Connor, als der Mann ihm den Kreditkartenbeleg gab. „Gibt es hier kein Tierheim oder Tierfreunde oder so etwas?“

„Du hast unterschrieben und die Rechnung bezahlt, also ist er jetzt dein Haustier.“

Connor hatte einen Kofferraum voller Tiefkühlgerichte und Eiscreme und saß mit einem kleinen weißen Hund auf dem Beifahrersitz in seinem Cabrio. Wenn er von den anderen Ranchern der Gegend ernst genommen werden wollte, musste er unbedingt die Schlüssel finden, die zu dem alten Pick-up in seiner Scheune gehörten.

Wie hatten eine attraktive Frau und ein kleines Mädchen es bloß geschafft, seine Planung so gründlich durcheinanderzubringen … und wieso hatte er es zugelassen?

Er kannte die Antwort. Amelia war so offen und ehrlich und hatte ein so reines Herz, dass er es nicht fertiggebracht hatte, sie zu enttäuschen. Aber seine Reaktion auf ihre Mutter war eine ganz andere Sache. Dahlia hatte etwas Rätselhaftes an sich, und hätte er mehr Zeit, wäre er versucht, sie besser kennenlernen zu wollen.

Eigentlich wollte er den Hund am nächsten Tag ins Tierheim in Pinedale bringen, aber zuerst brauchte er eine neue Batterie und eine neue Benzinpumpe für den alten Pick-up. Irgendwann erschien Tomas Ochoa, dem die Nachbarranch im Norden gehörte, um mit ihm über den kaputten Zaun zwischen ihren Ländereien zu sprechen. Connor bot an, die Hälfte der Reparaturkosten zu übernehmen, und Tomas schlug vor, seinen Sohn und einen Schulfreund helfen zu lassen, damit die Arbeit rechtzeitig zur Kalbungszeit abgeschlossen war. Die Teenager machten einen so tollen Job, dass Connor sie außerdem anheuerte, um ihm beim Einzäunen der Koppel zur Hand zu gehen.

Eine der Freundinnen seiner Großtante brachte ihm etwas zu essen vorbei und empfahl ihm eine Frau, die als Haushälterin einspringen könnte. Der Bote des Baumarkts nannte ihm ein paar Cowboys, die sich etwas dazuverdienen wollten, aber Connor hatte noch keine Pferde und erst recht kein Geld, um Leute einzustellen. Einer der Deputys des Sheriffs sah, wie er eines Abends bei Biscuit Betty’s etwas zu essen holte, und lud ihn zum Basketballspielen ein.

Alle waren freundlich und erkundigten sich nach dem weißen Welpen, der Connor nicht mehr von der Seite wich. Bisher war er noch niemandem begegnet, der Dahlia Deacon und ihre Tochter nicht kannte, aber sobald er mehr über die Frau erfahren wollte, wurden die Einheimischen sofort verschlossen und wechselten das Thema. Diese kleine Stadt war anders als die dicht besiedelten Gegenden, in denen er aufgewachsen war. Die Bewohner von Teton Ridge waren so neugierig, wie er es erwartet hatte, aber auch herzlich und offen. Niemand sparte mit Ratschlägen und Empfehlungen.

Zwei Wochen später sprach ihn in der Futterhandlung ein älterer Gentleman mit buschigem grauem Bart und struppigen Augenbrauen unter einem Strohhut an. „Bist du der Junge, der Connie Danielsʾ alte Ranch geerbt hat?“

Connor war zweiunddreißig und ein dekorierter Ex-Soldat, aber wenn ein alter Cowboy einen Junge nannte, verbesserte man ihn lieber nicht. „Ja, Sir. Ich bin Connor Remington.“

„Mein Name ist Rider. Ich erinnere mich an deinen Dad Steve. Samstagabends hat er immer bei Big Millie’s gepokert. Ich war dabei, als er das preisgekrönte Longhorn der Rocking D verloren hat, mit nicht mehr als ein Paar Neunen auf der Hand. Danach hat die alte Connie ein Machtwort gesprochen.“ Rider schüttelte den Kopf, aber bevor Connor sich für die Liebe seines Vaters zu Whiskey und Spielkarten entschuldigen konnte, sprach der alte Mann weiter. „Hab gehört, du willst dort draußen Morgan-Pferde züchten.“

In Teton Ridge gab es offenbar keine Geheimnisse. Nicht, dass Connor etwas zu verbergen hätte. „Ja, Sir. Das habe ich vor.“

Rider verschränkte die Arme vor der Brust. „Womit fängst du an?“

Connor erzählte ihm daraufhin von dem dreijährigen Hengst, den er bei einer Auktion in Cody gekauft hatte, nachdem er letzte Woche den Mietwagen in Jackson abgegeben hatte. Der Hengst sollte in ein paar Tagen geliefert werden, und Connor musste noch die kleinen Ställe vorbereiten. Die beiden Männer unterhielten sich gute zwanzig Minuten über Pferdezucht, danach schien der alte Cowboy überzeugt davon zu sein, dass Connor wusste, wovon er sprach. „Ich habe einige Stuten, die Ende des Monats gedeckt werden müssen. Warum bringst du deinen neuen Hengst nicht vorbei? Dann sehen wir mal, wie er sich mit den Ladies verträgt, und wenn er einer gefällt, werden wir uns bestimmt einig.“

Connor fiel eine Last von den Schultern. Dies war der Durchbruch, auf den er gehofft hatte. Er hatte geplant, selbst in einige Zuchtstuten zu investieren, aber er brauchte auch zusätzliches Geld, um es in die Rocking D stecken zu können, während er darauf wartete, dass seine Investition sich in wertvollen Fohlen auszahlte.

„Das klingt gut.“ Connor gab dem Mann die Hand. „Wo befindet sich denn Ihre Ranch?“

Der Cowboy nahm den Hut ab und kratzte sich den Kopf. „Ein paar Meilen von deiner entfernt, die Straße entlang.“

Offenbar wurde von Connor erwartet, dass er jede einzelne Ranch und jeden Cowboy in Ridgecrest County kannte. Sicher, er hatte von den größeren Betrieben wie Twin Kings und Fallow’s Crossing gehört, aber noch wusste er nicht, wer wo arbeitete.

Nach einem Moment setzte Rider seinen Hut wieder auf. „Übrigens, ich weiß, dass die Sünden der Väter nicht immer auf die Söhne übergehen, aber falls du auf der Suche nach einem guten Pokerspiel bist, findest du das nicht mehr bei Big Millie’s. Meine Nichte führt einen respektablen Laden.“

Connors Puls beschleunigte sich. „Dahlia ist Ihre Nichte?“

„Richtig.“ Rider zog einen Mundwinkel hoch. „Hab gehört, dass du in der Stadt nach ihr gefragt hast.“

Okay, offenbar sprachen die Leute in Teton Ridge nicht nur über Connors Zuchtpläne. „Dass ich nur ein guter Nachbar sein wollte, nehmen Sie mir vermutlich nicht ab, was?“

„Ha! Wenn ich für jeden jungen Kerl, der meinen Nichten ein guter Nachbar sein wollte, einen Morgen Land bekäme, hätte ich längst die größte Ranch in Wyoming.“

„Sir, bei allem Respekt, Dahlia Deacon ist eine sehr nette Lady und eine tolle Mutter, und bestimmt möchten viele Männer sie näher kennenlernen, aber ich versichere Ihnen, meine ganze Energie gehört momentan der Rocking D. Ich habe keine Zeit, jemanden zu umwerben, der eindeutig nicht umworben werden will.“

„Hat Dahlia dir gesagt, dass sie nicht umworben werden will?“, fragte Rider.

„Das war nie Thema.“ Und würde es wahrscheinlich auch nie werden.

Rider senkte die Stimme. „Darf ich dir einen Rat geben, mein Sohn?“

Seit dem Tod seines Vaters hatte niemand Connor mehr Sohn genannt, und er wusste nicht, wie er das finden sollte. Aber ein Rat war dennoch nicht zu verachten. „Ja.“

„Dahlia wird das Thema niemals ansprechen, aber wenn der richtige Mann auftaucht, wird Amelia es ihr schon sagen.“ Rider drehte sich um und ging zur Kasse.

Connor musste an die Worte seines Vaters denken. Ein Remington weiß immer, wann er die Richtige gefunden hat. Er schüttelte das unheimliche Gefühl ab. Dieses ganze Gerede über Steve Remington brachte ihn auf seltsame Gedanken.

Außerdem bezweifelte er, dass eine Mutter Beziehungstipps von ihrer Fünfjährigen annehmen würde. Zumal Amelia offenbar nicht gerade wählerisch war, was fremde Menschen und Tiere betraf.

„Komm schon, Mommy. Wir müssen nach ihm sehen. Es ist schon einen ganzen Monat her.“

„Zwei Wochen“, verbesserte Dahlia ihre Tochter viel zu früh an einem Samstagmorgen. „Bestimmt kümmert sich Mr. Remington ganz wundervoll um den Hund.“

„Aber ich weiß noch nicht mal, ob er einen Namen hat.“

Sie durfte nicht einfach nachgeben, aber sie konnte Amelia glauben lassen, es wäre von Anfang die Idee ihrer Mutter gewesen, Connor zu besuchen. Deshalb bogen Dahlia und Amelia fünfundvierzig Minuten später frisch geduscht mit Donuts und Hundequietschies auf die Rocking D ein.

Dahlia parkte und widerstand dem Impuls, in den Rückspiegel zu schauen. Warum sollte es wichtig sein, wie sie aussah, wenn sie Connor besuchte?

Weil sie und ihre Tochter sich nicht angekündigt hatten, an einem Samstagmorgen um halb neun? Oder weil sie ein Kribbeln verspürte, als er mit Brettern und einer Leiter aus dem Stall kam?

„Da ist er!“, rief Amelia und schnallte sich los, noch bevor Dahlia den Motor ausgestellt hatte. Ich muss unbedingt die Kindersicherung reparieren lassen, dachte sie und folgte dem Mädchen, das allerdings nicht zu Connor, sondern zu dem Hund rannte, der hübscher zurechtgemacht war als sein neuer Halter. Wenigstens hatte dieser die Sneaker und die nagelneue Hose gegen getragene Cowboystiefel und verwaschene Jeans eingetauscht.

„Tut mir leid, dass wir einfach unangemeldet hier auftauchen“, sagte Dahlia.

Als Connor das Holz ablegte, straffte sich das Arbeitsshirt über seiner breiten Brust. Ihr Mund wurde trocken.

„Ich habe gerade frei, und Amelia wollte unbedingt nach dem Hund sehen und hören, ob Sie ihn schon getauft haben. Ich wollte nicht den ganzen Vormittag mit ihr diskutieren. Leider habe ich Ihre Nummer nicht, sonst hätte ich Sie vorgewarnt. Nicht, dass ich sie haben will … die brauche ich nämlich wirklich nicht, und das hier kommt auch nie wieder vor. Meine Tochter und ich tauchen normalerweise nicht unangemeldet bei Fremden auf. Zumal Sie bestimmt viel zu tun haben. Das neue Dach auf den Ställen sieht übrigens toll aus. Oh, und wir haben Donuts mitgebracht.“

Was war plötzlich in sie gefahren? Sie redete ja auf einmal sogar noch mehr als Amelia. Dahlia kniff die Augen zu, atmete tief durch und zählte bis drei.

„Das klingt großartig“, sagte er nur.

„Welcher Teil?“

„Alle.“ Sein spöttisches Lächeln wurde wissend. „Aber vor allem die Donuts. Ich habe nämlich noch nicht gefrühstückt.“

Er wandte sich Amelia zu, die im Staub saß, während der weiße Welpe ihr Glasur und Puderzucker vom Gesicht leckte. „Ich habe Schokomilch in der Küche.“

Verblüfft holte Dahlia den Bäckerkarton und die Hundespielsachen aus dem Wagen. Sie hatte in der letzten halben Minute länger mit Connor gesprochen als bei ihren ersten zwei Begegnungen, und er reagierte mit nicht mehr als Schokomilch und klingt großartig?

Sie biss sich auf die Lippe, als sie zu dem Mann ging, der jetzt neben ihrer Tochter und dem Hund kniete und laut über mögliche Rassen im Stammbaum des kleinen weißen Streuners nachdachte.

„Vielleicht ist er zum Teil ein Pudel?“, schlug Amelia vor.

„Das kann sein. Die Tierärztin meinte, es könnte auch ein Terrier sein. Jedenfalls weiß er, wie man eine Fährte aufnimmt und die Dachse aufspürt, die sich anscheinend unter dem alten Hühnerstall dort drüben ein Zuhause einrichten wollen.“

„Sind da Hähne drin? Onkel Rider hat einen, der richtig gemein ist. Der heißt Diablo und pickt nach Leuten, wenn sie die Eier einsammeln. Nur mich nicht.“ Amelia wartete keine Antwort ab, sondern rannte zu dem schiefen Hühnerstall, der auf Connors Reparaturliste offenbar an letzter Stelle stand.

„Deinem Onkel Rider bin ich übrigens neulich in der Futterhandlung begegnet“, erzählte Connor beiläufig, und Dahlia fühlte, wie sich ihre Nackenhaare aufrichteten. Wenn der Mann herausfand, wer ihre Familie war, würde sie ihn garantiert nie wieder loswerden. Männer und Frauen warfen ihre Lassos liebend gern nach den Kings aus, oder besser gesagt nach deren Geld und Prestige. Sie wusste nie, wer sie wirklich mochte oder nur hinter jemandem aus einer der reichsten und erfolgreichsten Familien von Wyoming her war.

„Er hat meine Nummer notiert, denn wenn mein neuer Hengst da ist, soll ich ihn auf seine Ranch zu den Stuten bringen. Die ist offenbar in der Nähe, aber ich weiß noch immer nicht, wer wo lebt.“

Rider hielt es nicht für nötig, Leuten seinen Nachnamen zu nennen, und schon gar nicht seine Adresse. Er war vielleicht nicht so berühmt wie sein Zwillingsbruder, der ehemalige Vizepräsident Roper King, aber als alter Rodeostar und Miteigentümer der zweitgrößten Ranch in Wyoming war er prominent genug.

„Woher wissen Sie, dass Rider mein Onkel ist?“

„Er hat erwähnt, dass er meinem Vater mal bei Big Millie’s begegnet ist, und mich wissen lassen, dass Sie ein respektables Etablissement führen, und wenn ich meinem Vater ähnlich bin, soll ich mich von dort fernhalten.“

Dahlia musterte ihn. „Und?“

Er zuckte mit den Achseln. „Ich versuche es, aber Sie finden mich ja andauernd.“

„Ob Sie Ihrem Vater ähnlich sind.“ Nicht, dass sie eine Ahnung hatte, wer sein Vater war oder was das beweisen sollte. „Haben Sie gerade gesagt, Sie versuchen, mir aus dem Weg zu gehen?“

„Nicht so, wie Sie es verstehen wollen.“

Das war eindeutig eine Premiere für Dahlia. Natürlich erwartete sie nicht, dass der Mann – oder irgendein Mann – sich nach ihr verzehrte, aber gewöhnlich war sie es, die jemanden mied. „Sollte ich mich jetzt geschmeichelt fühlen, dass Sie mit mir nichts zu tun haben wollen?“

„Ich habe nicht gesagt, dass ich es nicht will, Dahlia. Das würde ich nämlich gern, und genau deshalb wehre ich mich auch dagegen.“

Die Andeutung, zusammen mit der Verwendung ihres Vornamens, löste ein warmes Kribbeln in ihr aus. Sie wusste, warum sie Abstand zu Connor gehalten hatte, und jetzt war sie äußerst neugierig, warum er es getan hatte. Doch bevor sie ihn fragen konnte, kamen Amelia und sein ziemlich süßer Hund auf sie beide zugerannt.

„Hey, Mr. Rem’ton. Sehen Sie mal, er folgt mir auch ohne Leine. Tante Finn sagt, wenn man die richtige Ausstattung hat, laufen sie einem nach, wenn man es darauf anlegt. Das bedeutet wohl, ich habe die richtige Ausstattung. Genau wie Mommy.“

„Du meine Güte, Amelia.“ Dahlia sah, wie Connors Schultern zuckten. „Bitte wiederhole nicht alles, was Tante Finn sagt.“

„Ist dein Onkel Rider mit Tante Finn verheiratet?“, fragte Connor das Mädchen, als er nicht länger lachen musste.

Amelia kicherte. „Nein, Onkel Rider ist mit Tante Freckles verheiratet, aber sie wohnen nicht zusammen, weil Tante Freckles gesagt hat, sie ist zu alt für solchen Unsinn. Tante Finn ist so alt wie Mommy, also noch nicht richtig alt. Sie sind Zwillinge. Schade, dass ich kein Zwilling bin, aber Mommy hat gesagt, sie will keine Babys mehr. Tante Freckles hat zu Mommy gesagt, sie soll die Küken nicht zählen, bevor sie geschlüpft sind. Wann kommen denn deine Hühner?“

Damit war Amelia wieder bei ihrem Lieblingsthema.

„Ich habe noch keine Hähne oder Hennen, aber heute Nachmittag wird mein erster Hengst geliefert.“

„Welche Farbe hat er? Wie heißt er? Wo bringen Sie ihn unter? Haben Sie einen Sattel? Tante Finn hat gesagt, jeder Cowboy braucht einen eigenen Sattel. Kann ich mir den Stall ansehen?“ Amelia rannte zu dem großen Gebäude, an dem frische rote Farbe glänzte.

Während der nächsten halben Stunde führte Connor das Mädchen geduldig an den leeren Boxen, der halb leeren Sattelkammer und dem gefüllten Futterraum vorbei und beantwortete eine Frage nach der anderen. Dahlia und der weiße Hund folgten gehorsam – Dahlia mit der Donut-Schachtel in der Hand.

Sie war froh, dass er ihr das Ganze abnahm. Sie liebte es, wie neugierig ihre Tochter war, aber manchmal kam sie sich vor wie bei einem Dauerquiz. Von den Geschwistern war Dahlia ihren Eltern am unähnlichsten. Ihre Mutter Sherilee King gab lieber ein Bankett für tausend ihrer engsten Freunde, als in Ruhe zu Hause zu essen. Marcus war der Sheriff von Ridgecrest County. Duke war ein Football-Held gewesen, bevor er ein hochdekorierter Navy-Pilot wurde. Tessa war Politikberaterin mit eigener Fernsehsendung. Finn leitete die Millionen-Dollar-Ranch der Familie. MJ, das Baby der Familie, hatte sich jüngst etwas Ärger eingehandelt, aber sie war sich sicher, dass er sich irgendwann ebenfalls in die Erfolgsstory einreihen würde, denn genau das taten die Kings. Sie waren besser als andere.

Außer Dahlia. Sie hatte ihr Design-Studium ein Semester vor dem Abschluss abgebrochen, weil sie von einem One-Night-Stand schwanger geworden war. Sie hatte darauf bestanden, den Mann zu heiraten, obwohl sie gewusst hatte, dass eine Ehe mit einem Musiker, der dauernd auf Tournee war, nur scheitern konnte.

Nicht, dass sie die kurze Beziehung mit Micah Deacon bereute. Schließlich war Amelia daraus hervorgegangen. Außerdem verstanden sie und Micah sich ziemlich gut, und Amelia liebte die Videochats mit ihrem Vater und die Besuche bei ihm, wenn er mal zu Hause war.

Dahlia war mit ihrem Leben in Teton Ridge glücklich und zufrieden, aber es gab stets die unausgesprochene Erwartung, dass sie viel mehr als nur Mutter und Barbetreiberin hätte werden können.

„Aber wie kommt das Baby in den Bauch von dem Pferdemädchen?“, fragte ihre Tochter Connor, der plötzlich nervös an seinem Hemdkragen zupfte.

Statt sich auf seinen gebräunten Hals zu konzentrieren, kam Dahlia ihm zu Hilfe. „Peanut, warum lassen wir Mr. Remington nicht weiterarbeiten?“

„Na gut.“ Amelia seufzte dramatisch. „Tante Finn hat versprochen, dass ich zusehen darf, wenn das nächste Mal ein Pferdebaby geboren wird. Dann frage ich eben sie.“

Dahlia nahm sich vor, mit ihrer Schwester noch mal darüber zu reden. „Bedank dich bei Mr. Remington für die Besichtig...

Autor

Christy Jeffries
Christy Jeffries hat einen Abschluss der University of California in Irvine und der California Western School of Law. Das Pflegen von Gerichtsakten und die Arbeit als Gesetzeshüterin haben sich als perfekte Vorbereitung auf ihre Karriere als Autorin und Mutter erwiesen. Mit zwei Energiebündeln von Söhnen, der eigenwilligen Großmutter und einem...
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