Bianca Extra Band 78

– oder –

Im Abonnement bestellen
 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

SÜSSER IST KEIN WINTERWUNDER
von MELISSA SENATE

  • Erscheinungstag 17.12.2019
  • Bandnummer 78
  • ISBN / Artikelnummer 9783733736798
  • Seitenanzahl 448
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Melissa Senate, Allison Leigh, Marie Ferrarella, Caro Carson

BIANCA EXTRA BAND 78

MELISSA SENATE

Süßer ist kein Winterwunder

Eine Traumfrau und vier süße Babys! Nachdem Polizist Theo sich tot stellen musste, um seine Frau zu schützen, sind sie sein größtes Geschenk. Aber um ihre Liebe zu retten, muss er eine Entscheidung treffen …

ALLISON LEIGH

Ein gewagter Weihnachtsdeal

Milliardär Linc ist von Maddie fasziniert, die nur als Not- Nanny in seiner Villa lebt. Und je näher Weihnachten rückt, desto heftiger begehrt er sie. Fatal, denn als Ex seines Bruders ist sie tabu …

MARIE FERRARELLA

Alles für ein Date mit dir!

Ärztin Mikki liebt ihren Beruf. Doch sich mit der gleichen Leidenschaft in eine Romanze stürzen? Nein danke! Die Fehler ihrer Eltern wiederholt sie nicht! Aber warum ist sie gegen Jeff dann nicht immun?

CARO CARSON

Frei, wild und so verliebt

Wenn er in Emilys strahlende Augen blickt, vergisst Ex-Marine Benjamin selbst den größten Schmerz. Er ist schwer verliebt! Doch um sie vor seinen Erinnerungen zu schützen, weist er Emily ab … ein Fehler?

1. KAPITEL

„Etwas Altes, etwas Neues, etwas Geliehenes, etwas Blaues.“

Die zukünftige Braut Allie Stark, geborene MacDougal, stand umgeben von ihren Schwestern Merry und Lila vor dem Spiegel im Brautzimmer des Rathauses in Wedlock Creek, als Lila sie an den alten Hochzeitsbrauch erinnerte. Lila war diejenige der Drillinge, die immer großen Wert auf Traditionen legte. Obwohl man die heute bevorstehende Hochzeit wohl kaum als traditionell bezeichnen konnte.

„Hm, etwas Altes.“ Lila musterte sie nachdenklich. „Ah, du trägst Grandmas Perlenohrringe. Perfekt.“

„Meine Schuhe sind etwas Geliehenes.“ Merry zeigte auf die lachsfarbenen Wildlederpumps, die Allie gerade trug.

Die Pumps passten perfekt zu dem lachsfarbenen Bleistiftrock mit passender Kostümjacke. Es war Allies Outfit für alle besonderen Gelegenheiten in ihrem Leben. Aber die Absätze ihrer dazu passenden Schuhe waren schon schrecklich abgenutzt gewesen, also hatte Merry ihr ausgeholfen.

„Und etwas Neues“, fuhr Lila fort. „Sexy Dessous vielleicht?“

Allie verzog das Gesicht. Ihre Schwestern wussten doch genau, dass sexy Dessous in der Beziehung zwischen ihr und ihrem Verlobten wohl kaum eine Rolle spielen würden. Sie wäre nicht überrascht, wenn sie und Elliot sich am heutigen Hochzeitsabend einen Film ansehen, sich dann einen Gutenachtkuss auf die Wange geben und früh schlafen gehen würden.

Sie betrachtete sich von oben bis unten im Spiegel. „Ich glaube, ich habe überhaupt nichts Neues.“ Als verwitwete Mutter von elf Monate alten Vierlingen hatte sie sich in den letzten zwei Jahren nicht eine neue Sache geleistet – und bei der notwendigen Babyausstattung für die Vierlinge hatte es sich auch nur um gebrauchte Kleidungsstücke oder Geschenke gehandelt.

„Doch, das hast du.“ Merry nickte Lila zu, die Allie daraufhin ein kleines Etui überreichte.

„Was ist das?“

Merry lächelte. „Öffne es, es ist unser Hochzeitsgeschenk.“

„Ach, Leute.“ Sie sah von einer Schwester zur anderen, öffnete dann das Etui und betrachtete das wunderschöne ovale Goldmedaillon, das an einer filigranen Goldkette befestigt war.

„Jetzt öffne das Medaillon“, forderte Lila sie auf.

In dem Medaillon befand sich ein klitzekleines Foto ihrer lächelnden vier Babys Tyler, Henry, Ethan und Olivia, das erst vor ein paar Wochen aufgenommen worden war. „Ich bin ganz hin und weg.“ Gerührt umarmte sie ihre Schwestern. „Aber es überrascht mich, dass ihr mir etwas zur Hochzeit schenkt.“

Ihre Schwestern hatten nämlich kein Geheimnis daraus gemacht, wie wenig sie von ihrer Hochzeit mit Elliot Talley hielten. Sie hatten mehrmals betont, dass sie für Allie und die Vierlinge da sein würden und dass Allie keinen Mann heiraten sollte und musste, in den sie nicht verliebt war.

„Natürlich haben wir ein Geschenk für dich“, erwiderte Lila. „Wir lieben und unterstützen dich.“ Sie nahm die Halskette aus dem Etui und legte sie Allie an. Dann betrachtete sie naserümpfend den Freundschaftsring, den ihre Schwester von Elliot zur Verlobung geschenkt bekommen hatte.

Doch Allie brauchte und wollte gar keinen Diamantring. Sie hatte einen zum Ehering passenden Goldring mit einem wunderschönen Solitär. Ihr vor fast zwei Jahren verstorbener Ehemann hatte ihr den Ring sechs Monate vor ihrer Hochzeit geschenkt. Das war jetzt sieben Jahre her.

Sie hatte die beiden Ringe an den rechten Ringfinger gesteckt, nachdem Elliot ihr einen Heiratsantrag gemacht hatte. Doch sie hatten zusammen nicht richtig an den Ringfinger der rechten Hand gepasst, also hatte sie die Ringe schließlich weggelegt und war schluchzend in Tränen ausgebrochen.

„Warte, was ist denn mit etwas Blauem?“ Lila strich sich die langen blonden Locken zurück. „Du hast gar nichts Blaues.“

Sie hatte nun wieder das Gesicht von Sergeant Theo Stark vor ihrem geistigen Auge, als sie ihn zum ersten Mal als vierundzwanzigjährigen Kadetten auf der Polizeiakademie gesehen hatte. Vor fast zwei Jahren war er im Einsatz gestorben. „Doch, sicher habe ich das. Die Erinnerung an Theo in seiner blauen Uniform habe ich immer in meinem Herzen.“

„Oh, du meine Güte. Ich fange gleich an zu weinen“, sagte Lila ergriffen.

„Ich auch.“ Merry nahm ihre Schwestern fest in die Arme.

Lila trat zurück und reichte Allie ein Taschentuch. „Du ruinierst dir noch das Make-up. Mit verschmierter Wimperntusche kannst du Elliot nicht heiraten.“

Merry öffnete den Mund, um etwas zu sagen, aber dann drehte sie sich weg und setzte ein freundliches Gesicht auf.

Allie wusste genau, was ihrer Schwester auf der Zunge gelegen hatte: Du kannst Elliot nicht heiraten. Sie verabredete sich erst seit drei Monaten mit dem netten, verantwortungsbewussten Steuerberater. Sex hatten sie noch nie gehabt. Elliot, der einundvierzig Jahre alt und damit zehn Jahre älter war als sie, wünschte sich eine Familie, die sie bekanntlich bereits hatte. Außerdem kamen sie sehr gut miteinander aus.

Die Beziehung hatte ihm noch dazu viele neue Kunden eingebracht, denn den Leuten in Wedlock Creek kam er vor wie ein Heiliger. Seit seinem Heiratsantrag galt er in der kleinen Stadt als Held – und als verwitwete Mutter von Vierlingen tat sie allen immer nur leid.

In den ersten paar Monaten nach der Geburt der Babys hatte Allie kaum gewusst, wie sie ein Baby versorgen sollte – geschweige denn Vierlinge, doch ihre Familie, die Nachbarn, und sogar Fremde in der Stadt hatten sich um sie geschart und sie bei allem unterstützt.

Ihre Tiefkühltruhe war immer noch gefüllt mit Suppen bis hin zu Aufläufen, die ihr Freunde und Nachbarn vorbeigebracht hatten. Sie hatte eine Küchenschublade voller Geschenkgutscheine für Baby Blitz, und sehr viele Leute hatten sich bereitwillig als Babysitter angeboten.

Doch nach sechs Monaten war ihr klar geworden, dass sie endlich anfangen musste, auf eigenen Beinen zu stehen und zu lernen, wie sie allein für ihre Vierlinge sorgen konnte. Schließlich hatten ihre Schwestern sie dazu gedrängt, sich neu zu orientieren und sich wieder zu verabreden, doch es hatte keinen einzigen Interessenten gegeben. Kein Wunder bei einer Mutter von vier Babys.

Als Elliot sie vor drei Monaten um ein Date gebeten hatte, war sie so überrascht und gerührt gewesen, dass sie spontan Ja gesagt hatte. Er war ein sehr häuslicher Typ. Er kochte gern interessante Nudelgerichte, spielte mit den Babys und brachte ihnen oft kleine Geschenke wie Beißringe mit.

Außerdem hatte er sie bis jetzt nicht zum Sex gedrängt, was ihr in Anbetracht ihrer körperlichen Erschöpfung ehrlich gesagt mehr als nur recht war. Er hatte gesagt, das könne warten, bis sie dazu bereit war – und wenn sie niemals dazu bereit wäre, würde es auch kein Problem darstellen.

Ihre Schwestern verstanden natürlich, warum sie Elliot trotz der fehlenden Leidenschaft ihr Jawort geben wollte, das verstand jeder. Sie mochte Elliot und sie wollte, dass ihre Kinder einen Vater hatten. Jemanden, dem sie vertrauen und auf den sie zählen konnte. Jemanden, der ihren Kindern Sicherheit bieten würde.

Im Gegensatz zu Theo, der als Polizist während seiner Einsätze ständig in Gefahr geraten war, musste sie sich bei Elliot nicht fortwährend Sorgen machen, ob er abends heil nach Hause kommen würde.

Also hatte sie Ja gesagt und damit gleichzeitig akzeptiert, dass Theo Stark nie mehr zu ihr zurückkommen würde. Er war fünf Jahre lang ihr Ehemann gewesen, bevor sie ihn und damit auch jegliche Hoffnung verloren hatte, ihre zuletzt kriselnde Ehe retten zu können. Das war ihr unsagbar schwergefallen.

Da es sich hierbei um keine Liebeshochzeit handelte, hatte sie auch nicht die berühmte und wunderschöne jahrhundertealte Wedlock Creek Wedding Chapel gebucht, die Hochzeitspaare aus dem ganzen Land anzog.

Laut einer Legende bekamen die in der Hochzeitskapelle getrauten Paare immer Mehrlinge – ob es nun durch Glück, Wissenschaft oder purem Zufall dazu kam … Allies verstorbene Eltern hatten vor zweiunddreißig Jahren darin geheiratet und Drillinge bekommen, Allie und Theo hatten darin geheiratet und Vierlinge bekommen.

Das Standesamt im Rathaus mit den Neonröhren und der tristen Einrichtung stand in hartem Kontrast zu der viktorianischen Hochzeitskapelle mit den Buntglasfenstern, die einen unweigerlich an eine Hochzeitstorte erinnerte. Die Glocke im Turm sah sogar fast wie ein Herz aus.

Hundertzweiundsechzig Gäste hatten sich einst in der Kapelle versammelt, um mitzuerleben, wie Theo und sie sich das Jawort gaben. Heute würden außer ihr und Elliot nur die Schreibkraft und Empfangsdame des Standesamtes als Trauzeuginnen dabei sein.

„Wir machen uns jetzt auf den Rückweg“, sagte Merry. „Wir sehen uns dann, wenn du gegen zwei Uhr nach Hause kommst.“

Allie nickte. Ihre Schwestern umarmten sie ein letztes Mal, dann gingen Lila und Merry zurück zu Allies Haus, um dort auf die Vierlinge aufzupassen. Zum Mittagessen waren die Babys bei Allies älterer Nachbarin eingeladen gewesen. Die wundervolle Großmutter hatte ebenfalls in der Hochzeitskapelle geheiratet und daraufhin selbst Vierlinge großgezogen.

Elliot und sie hatten geplant, sich zur Feier des Tages ein üppiges Mittagessen im Marcello’s, dem großartigen italienischen Restaurant in der Stadt, zu gönnen und anschließend sofort ihr Leben als verheiratete Eltern von elf Monate alten Vierlingen zu beginnen.

Die Flitterwochen fielen dieses Mal ebenfalls aus. Theo und sie waren vor sieben Jahren nach Paris geflogen, um dort ein gemeinsames Wochenende zu verbringen. Längere Flitterwochen hatten sie sich damals nicht leisten können.

Allie warf erneut einen Blick in den Spiegel und dachte an das strahlend weiße, trägerlose Hochzeitskleid mit der aufwendigen Perlenstickerei zurück, das sie bei der Hochzeit damals getragen hatte. Sie war sich wie eine Prinzessin vorgekommen. In diesem Kostüm komme ich mir stattdessen wie eine Erwachsene vor, dachte sie.

Wie fühlte es sich wohl an, Allie Talley zu sein? Die letzten sieben Jahre lang war sie Allie Stark gewesen. Doch im Leben lief nicht immer alles nach Plan, und wenn man aus der Bahn geworfen wurde, musste man sich, so gut es ging, an die Gegebenheiten anpassen und neue Pläne schmieden.

Sie würde alles dafür geben, um ihr altes, unzulängliches Leben zurückzuerhalten und eine zweite Chance zu bekommen, doch in zwanzig Minuten würde sie Elliot heiraten. Alles wird gut, versuchte sie sich einzureden. Alles, was sie tat, tat sie für ihre Babys. Für Tyler, Henry, Ethan und Olivia. Doch plötzlich war weglaufen alles, was sie tun wollte.

Ich lebe. Ich bin nicht tot. Ich musste meinen Tod nur vortäuschen. Ich war die ganze Zeit über am Leben …

Theo Stark, der eine Sonnenbrille trug und einen Stetson tief in die Stirn gezogen hatte, saß im Fernfahrerrestaurant an der Stadtgrenze von Wedlock Creek und übte gerade zum wiederholten Mal in Gedanken, was er zu Allie bei ihrem ersten Wiedersehen nach fast zwei Jahren sagen würde.

Auf der Fahrt vom Süden Wyomings nach Wedlock Creek hatte er sich die Worte immer wieder zurechtgelegt, aber je näher er der Stadt gekommen war, desto weniger richtig fühlten sich diese Worte an. Natürlich war es die Wahrheit, doch seine Frau hielt ihn immerhin für tot.

Zunächst einmal würde er wahrscheinlich überhaupt nichts sagen müssen, denn die Tatsache, dass er lebte, war schließlich nicht zu übersehen. Um kurz nach halb fünf heute Morgen hatte er den Anruf erhalten. Der Serienmörder, der sein gesamtes Leben komplett auf den Kopf gestellt hatte, war tot. Die Gefahr war vorüber, und er konnte endlich wieder aus der Deckung kommen.

Letztes Jahr um diese Zeit hatte er sich nichts mehr gewünscht, als diesen Anruf zu erhalten, um an Weihnachten nach Hause zurückkehren zu können. Zu diesem Zeitpunkt hatte er sich bereits seit vielen Monaten auf einer abgeschieden gelegenen Viehranch versteckt.

Er hatte dort unter falschem Namen gelebt, gearbeitet und gerade genug Geld verdient, um über die Runden zu kommen und – falls nötig – schnell umziehen zu können. Jetzt, nach so vielen weiteren Monaten war endlich der erlösende Anruf gekommen. Nun konnte er nach Hause zurückkehren.

Als die Kellnerin mit der Kaffeekanne an den Tisch kam, um ihm noch eine Tasse Kaffee einzuschenken, senkte er automatisch den Kopf und nickte nur, um sich zu bedanken, denn er durfte nicht riskieren, dass jemand ihn erkannte, bevor er Allie alles erklärt hatte.

Er griff nach der kostenlosen Wochenzeitung Wedlock Creek Chatter, die ein anderer Gast auf dem Tisch liegen gelassen hatte, und gab vor, interessiert darin zu lesen. Als die Kellnerin wegging, wollte er die Zeitung schon wieder weglegen, doch dann fiel ihm eine kleine Hochzeitsanzeige auf. Sein Herz hämmerte wild, als er die Anzeige zwei Mal hintereinander las.

Theo warf achtlos einen Zehndollarschein auf den Tisch, stürmte aus dem Lokal, stieg in sein Auto und raste los … zu Allie, zu seiner Ehefrau, die gerade im Begriff war, einen anderen Mann zu heiraten. Nein, nein, nein.

Ihm blieben noch genau zwanzig Minuten, um sie davon abzuhalten, und er war noch eine Viertelstunde vom Rathaus entfernt. Als erfahrener Sergeant beim Police Department Wedlock Creek wusste er, dass ein Streifenwagen versteckt in der Gasse kurz hinter der East Elm Road stand. Die Leute fuhren nämlich gern zu schnell auf der Zufahrtsstraße zur Stadtmitte.

Aber er konnte es gerade nicht riskieren, als Verkehrssünder gestoppt zu werden, denn außer einem FBI-Agenten und einem Bundespolizisten wusste niemand, dass er bei der Explosion während der schiefgelaufenen Observierung nicht ums Leben gekommen war.

Mit seinem Captain würde er später reden. Allie war die eine Person, die es verdiente, die Wahrheit zuerst von ihm zu erfahren. Er würde ihr alles erklären und … und dann was? Er umklammerte das Lenkrad. Sie wollte gleich einen anderen Mann heiraten.

Vielleicht sollte er es einfach dabei belassen. Allie verdiente es, geliebt zu werden, glücklich zu sein und ein gutes Leben mit diesem Elliot Talley, dem Steuerberater, zu führen. Steuerberater riskierten schließlich nicht ständig ihr Leben. Sie wurden nicht in dunklen und angeblich verlassenen Gebäuden fast in die Luft gejagt und mussten nicht ihren eigenen Tod vortäuschen.

Doch unabhängig davon war Allie bereits verheiratet. Also musste er die Hochzeit stoppen. Das war alles, was er im Moment sicher wusste. Er parkte jetzt hinter dem Rathaus, rannte in das Gebäude und direkt zum Standesamt.

Am Ende des langen Flurs hing ein goldfarbenes Schild mit der Aufschrift Trauungen. Er sog tief die Luft ein und öffnete die Tür. Wie ein Verrückter wollte er gerade rufen: Stoppt die Hochzeit! Aber die Frau, die neben dem Mann vor einem Podest stand, war gar nicht Allie.

Das Paar drehte nun eindeutig verärgert über die Störung die Köpfe zu ihm um. „Entschuldigung.“ Er schloss die Tür hastig wieder. Puh. Andererseits … vielleicht war es ja schon zu spät, vielleicht hatte die Trauung früher als geplant stattgefunden.

Neben dem Raum war eine Tür, die laut dem Schild, ins Brautzimmer führte. Als Theo vor dieser Tür stand, wusste er einfach, dass Allie sich in diesem Zimmer befand. Er fühlte es. Er fühlte sie. Seine Ehefrau Allie.

Er holte tief Luft und wollte seine Sonnenbrille abnehmen, aber am anderen Ende des Flurs gingen gerade Leute vorbei, die er wiedererkannte. Es war jetzt vier Minuten vor zwölf Uhr. Um die richtigen Worte zu finden und ihr die Wahrheit zu sagen, blieb ihm leider keine Zeit mehr. Er klopfte an.

Allie, die wunderschöne Allie, öffnete ihm lächelnd die Tür und fragte, ob sie ihm mit der Krawatte helfen sollte. Offenbar hatte sie ihren Bräutigam erwartet. Doch dann erkannte sie ihn und erstarrte.

Allie hatte gerade noch mal ihre Lippen nachgezogen, als es an der Tür klopfte. Es war jetzt vier Minuten vor zwölf Uhr. Vermutlich brauchte Elliot Hilfe beim Binden der Krawatte. In der Erwartung, Elliots blasses, freundliches Gesicht zu sehen, öffnete sie die Tür.

Doch es war nicht Elliot, es war ein Geist! Es war Theo. Er trug eine Sonnenbrille und einen schwarzen Stetson, den er tief in die Stirn gezogen hatte. Er kann es nicht sein. Sie war wie betäubt und alles drehte sich. Ich träume nur. Ich habe Halluzinationen. „Theo“, flüsterte sie fassungslos. „Theo?“

Er setzte den Stetson und die Sonnenbrille jetzt ab, und steckte sie in die Tasche seiner schwarzen Lederjacke. Sie schnappte immer noch nach Luft. Er sah so echt aus. Dieselben dicken dunklen Haare und diese intensiven grünen Augen … dieselbe Narbe entlang des markanten Kinns … 1,86 m groß … muskulös wie immer.

Mit offenem Mund starrte sie ihn an und streckte dann wie eine Irre die Hand aus, um ihn zu berühren. Er kann nicht hier sein. Er ist vor fast zwei Jahren gestorben.

War sein Geist hierhergekommen, um ihr zu sagen, dass sie Elliot – einen Mann, den sie gar nicht liebte – nicht heiraten sollte? Oder war er hier, um ihr seinen Segen zu geben?

„Ich bin es wirklich“, sagte Theo leise und legte die Hand sanft an ihre Wange. „Oh, Allie. Es tut so gut, dich zu sehen. Ich habe dir so viel zu erzählen.“

Er ist es wirklich. Sie spürte seine Hand deutlich auf ihrer Wange. „Es tut so gut, mich zu sehen?“, stotterte sie. „Was ist passiert?“ Sie schüttelte den Kopf und war sicher, dass er danach nicht mehr da sein würde. „Ich war bei deiner Beerdigung. Du bist …“

Theo schloss die Tür hinter sich, nahm ihre Hände und führte sie behutsam zu den Stühlen, die neben dem Spiegel standen. „Ich bin in dieser Nacht nicht gestorben, Allie“, fügte er mit erstickter Stimme hinzu, als sie sich setzten. „Aber ich musste es alle glauben lassen, um dich zu schützen.“

Erneut schüttelte sie langsam den Kopf und versuchte zuzuhören, als er etwas über einen Serienmörder erzählte, nach dem er und sein Team monatelang gefahndet hatten.

„Er hat gedroht …“ Er verstummte, als jemand an die Tür klopfte.

„Äh, Allie? Ich muss mit dir reden.“

Das war Elliot Talley, ihr Verlobter. Der Mann, den sie in zwei Minuten heiraten sollte. Sie warf einen Blick auf Theo, der aus dem Blickfeld rückte und schnell die Sonnenbrille aufsetzte.

„Allie? Ich muss wirklich dringend mit dir reden.“ Er klopfte erneut.

Sie stand auf. Elliot, das Timing ist perfekt, denn ich muss auch mit dir reden. Anscheinend werde ich nämlich zur Bigamistin, wenn ich dich heirate. Sie öffnete die Tür. Elliot stand nun vor ihr und sah aus wie ein Geist. Er war leichenblass und sein Gesicht war schmerzverzerrt.

„Oh, Allie. Ich kann das nicht tun. Es tut mir leid. Ich dachte, ich könnte es, aber ich kann es leider nicht. Ein Baby ohne Probleme, aber …“ Er schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid. Vielleicht habe ich einfach nur kalte Füße und komme später wieder zur Vernunft, aber das glaube ich nicht.“

Er griff nach ihrer Hand und drückte sie, dann drehte er sich um und rannte den Flur hinunter. Sie starrte ihm mit offenem Mund hinterher, bis er verschwunden war. Das trifft sich ja gut, dachte sie.

Theo sah aus dem Fenster. „Ist er das? Der Mann, der gerade über den Parkplatz rennt?“

Sie ging zum Fenster hinüber. Ihr Bräutigam lief hektisch zu seinem Auto. Aber viel stärker nahm sie wahr, dass Theo neben ihr stand. Sie beobachteten beide, wie Elliot einstieg und wegfuhr. Dann sank sie auf einen Stuhl. Theo lebte! Sie konnte es einfach nicht fassen.

„Woher hast du überhaupt gewusst, dass du hierherkommen musst?“ Weil er mich im Auge behalten hat. Nur das machte einen Sinn. Er hatte es nicht zulassen können, dass sie einen anderen Mann heiratete, denn sie hatte ja bereits einen quicklebendigen Ehemann, der wohlauf war. Also war er schnell hierhergekommen, um die Hochzeit zu verhindern.

Sie stellte sich vor, wie Theo in letzter Minute in die Trauung geplatzt wäre und gerufen hätte: Wie sich herausstellt, bin ich gar nicht tot!

Offensichtlich verliere ich gerade den Verstand, dachte sie. Ihr toter Ehemann saß neben ihr, und sie war komplett durch den Wind. Sie konnte einfach keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Kannte etwa das gesamte Police Department die Wahrheit? Hatten seine Kollegen ihn darüber informiert, was in ihrem Leben passiert war? War er deshalb in letzter Sekunde hier aufgetaucht?

Nein, so war es nicht gewesen. Plötzlich wusste sie mit Sicherheit, dass niemand sie in seinem Auftrag im Auge behalten hatte. Auch wenn er in der Lage gewesen war, sie zu verlassen und sich zwei Jahre lang tot zu stellen, hätte er keinesfalls fortbleiben können, wenn er von den Vierlingen erfahren hätte. Sie wusste nicht wirklich, warum er seinen Tod vorgetäuscht hatte, aber sie kannte ihn.

Du meine Güte. Er hatte keine Ahnung, dass er Vater war. Ihre Gedanken überschlugen sich. Sie hatte so viele Fragen an ihn. Erneut schüttelte sie den Kopf und versuchte, einen Sinn in all dem zu erkennen. Theo war hier. Er holte einen Zeitungsausschnitt aus der Tasche seiner Lederjacke und zeigte ihn ihr.

Ah, die Hochzeitsanzeige. Allie hatte keinerlei Aufsehen wegen der Hochzeit erregen wollen, aber ihre Schwestern hatten darauf bestanden, wenigstens diese Anzeige aufzugeben. Sie hatte nur nachgegeben, um das mitleidige Flüstern der Leute zu beenden, das sie immer noch im Supermarkt oder auf dem Babyspielplatz hörte. Da ist die arme Witwe mit den Vierlingen!

Sie konnte sich sehr gut vorstellen, was die Leute jetzt flüstern würden: Wie sich herausstellt, war ihr Ehemann überhaupt nicht tot, und sie hatte keine Ahnung! Diese arme, nicht verwitwete Frau mit den Vierlingen!

Theo sah sie an. „Du kennst doch das Fernfahrerrestaurant zehn Minuten vor der Stadtgrenze, oder?“

Natürlich. Während ihrer fünfjährigen Ehe hatten sie x-mal dort getankt. Am Anfang, als sie nächtelang nur geredet hatten, waren sie morgens um halb drei dort hingefahren, um Omeletts und Pommes zu essen und sich dann anzugaffen, wie Liebeskranke in einem Hormonrausch. In dem billigen Schnellrestaurant gab es tolle Schokomilchshakes, und sie waren mindestens zweimal in der Woche dort gewesen. Natürlich war es Jahre her. Es war gewesen, bevor …

„Nun, ich habe dort getankt, und ein paar Tassen Kaffee getrunken, während ich überlegt habe, wie ich dir am besten sagen kann, dass ich noch lebe. Ich hatte mir während der gesamten fünfstündigen Fahrt schon Gedanken darüber gemacht, aber plötzlich konnte ich nur noch daran denken, dass ich dich so sehr belogen und betrogen habe und was du wohl für ein Gesicht machen würdest. Ich war wie gelähmt … bis ich die Hochzeitsanzeige gesehen habe.“

Sie stand auf und ging zum Fenster. „Wenn du sagst, du hast es getan, um mich zu schützen, dann glaube ich dir.“ Dennoch machte ihr etwas zu schaffen. Vielleicht war er ja auch ganz erleichtert gewesen, ihr und der problematischen Ehe entkommen zu können.

„Als ich die Anzeige gesehen habe, bin ich so schnell hergekommen, wie ich nur konnte.“

„Nun, wie sich herausgestellt hat, hättest du deinen Kaffee noch in Ruhe austrinken können.“ Sie starrte auf den großen, festlich geschmückten Weihnachtsbaum, der vor dem Rathaus stand, und drehte sich dann zu ihm um.

Halb erwartete sie, dass er nicht mehr dort stehen würde, und dass alles nur ein Traum gewesen war. Er sah so verdammt gut aus und trug Sachen, die sie noch nie zuvor an ihm gesehen hatte. Kleider, die der Theo Stark, den sie gekannt hatte, niemals angezogen hätte. Cowboystiefel und eine verblichene Jeans, die seinen muskulösen Körper so unglaublich sexy in Szene setzte.

Theo mochte dunkle Kleidung, schwarze Hosen und Hemden. Die schwarze Lederjacke hingegen passte schon eher zu ihm. Aber sie war zu robust, um sein Stil zu sein. Wo warst du die ganze Zeit über? Warum hast du dich nicht bei mir gemeldet? Irgendwie, nur ein einziges Mal? Doch sie brachte die Worte nicht über die Lippen. Sie konnte ihn nur anstarren, während ihr all diese Fragen durch den Kopf gingen.

Er runzelte die Stirn. „Allie, was hat dein Verlobter gemeint, als er gesagt hat: Ein Baby, ohne Probleme?“

„Wenigstens hatte ich diesbezüglich recht, du weißt es wirklich nicht.“

„Was weiß ich nicht?“

Dass uns heute beiden die Überraschung unseres Lebens ins Haus steht. Sie holte das Goldmedaillon unter der Kostümjacke hervor, öffnete es und zeigte ihm das Foto.

Theo trat näher, betrachtete das Foto und sah sie verwirrt an. „Vier Babys. Vierlinge. Wer sind sie?“

„Es sind deine Kinder“, antwortete sie. Er trat erschrocken einen Schritt zurück. Offenbar war es ein Schock für ihn. Sie war überrascht, dass ihn niemand je darüber informiert hatte.

Andererseits hatte sie keine Ahnung, wie das genaue Prozedere war, wenn Polizisten ihren Tod vortäuschen mussten, um andere zu schützen. Sehr wahrscheinlich hatte er seiner Kontaktperson gesagt, dass er nicht über ihr Leben auf dem Laufenden gehalten werden wollte. Da ging sie jede Wette ein.

Wie bitte?“ Er starrte sie ungläubig an.

Sie nickte. „Nur ein paar Tage, bevor du …“ Sie stockte. Was? Er ist ja schließlich nicht gestorben. Er ist fortgegangen. Fast zwei Jahre lang. „Ein paar Tage vorher habe ich herausgefunden, dass ich schwanger bin.“

„Oh, Allie.“ Kopfschüttelnd trat er auf sie zu.

Sie nahm wahr, dass er sie in die Arme nehmen wollte, aber dieses Mal war sie es, die einen Schritt zurückging.

„Ich bin Vater?“

In seiner Stimme schwang eine Mischung aus Angst und Verwunderung mit. „An dem Abend, als du … als die Explosion stattgefunden hat, wollte ich es dir eigentlich sagen.“ Sie würde niemals vergessen, was sie empfunden hatte, nachdem sie den Schwangerschaftstest gemacht hatte. Sie hatte gehofft, dass ein Baby ihre Ehe vielleicht retten könnte.

Doch dann war ihr klar geworden, dass ein Baby eine Ehe nicht retten konnte und es auch nicht sollte. Sie mussten ihre Ehe selbst retten – woran sie in dem Jahr zuvor kläglich gescheitert waren.

Also war sie nicht sofort mit der Neuigkeit herausgeplatzt. Doch Theo war an diesem Abend nicht nach Hause gekommen. Sie hatte ihn nicht auffordern können, einen Plan zur Rettung ihrer Ehe auszuarbeiten. Wegen des Babys. Trotz des Babys.

„Du warst schwanger?“, flüsterte er mit brüchiger Stimme.

„Mit Vierlingen. Mann, du bist buchstäblich gerade noch einmal davongekommen.“ Haha, dachte sie und brach dann in Tränen aus. Als er sie jetzt in seine Arme zog, ließ sie es zu und entspannte sich ein wenig.

Monatelang nach seinem Tod hatte sie sich gewünscht, von ihm in den Armen gehalten zu werden. Obwohl sie ständig besorgt um ihn gewesen war, hatte sie sich doch immer sehr sicher bei ihm gefühlt. Sie hatte geglaubt, dass sie all ihre Probleme lösen könnten, wenn er sie in die Arme genommen hatte – sogar als es in ihrer Ehe schon gekriselt hatte.

„Warum hast du mich denn nicht angerufen oder mir eine SMS geschickt? Irgendetwas? Wie hast du mich glauben lassen können, dass du tot bist? Wie?“ Ihr strömten Tränen über das Gesicht. Sie löste sich von ihm und griff nach der Schachtel mit den Papiertüchern, die auf dem Tisch stand.

„Ich konnte es nicht riskieren, Allie. Ich kann dir gar nicht sagen, wie oft ich ein Prepaid-Handy in der Hand gehalten und darauf gebrannt habe, deine Stimme zu hören und es dir zu sagen, aber ich konnte es einfach nicht.“

Sie atmete tief ein und wischte sich die Tränen weg.

„Wir haben so viel nachzuholen und ich habe so viel gutzumachen“, fügte er hinzu. „Fortzugehen war das Härteste und Schlimmste, was ich jemals tun musste.“

„Aber du hast es getan“, flüsterte sie.

Er ging zu ihr und nahm ihre Hände in seine. „Ein Serienmörder hat dein Leben bedroht. Mir war nur wichtig, dass du in Sicherheit bist. Ich war der einzige Zeuge, der ihn vor Gericht belasten konnte. Durch meinen angeblichen Tod hatte er keinen Grund mehr, hinter dir her zu sein.“

Allie schüttelte den Kopf. Sie wollte alles wissen und gleichzeitig nichts darüber hören – oder vielleicht auch nur nicht jetzt.

Theo schloss einen Moment lang die Augen. „Weil ich wusste, wie unglücklich ich dich mache und wie sehr ich als Ehemann versage, dachte ich einen Sekundenbruchteil lang sogar, es wäre die richtige Entscheidung, meinen Tod vorzutäuschen.“

Er sah aus dem Fenster, bevor er hinzufügte: „Zu diesem Zeitpunkt war es die richtige Entscheidung. Ich erzähle dir all die schmutzigen Details, wenn und wann du sie hören willst, inklusive des Anrufs, dass McBruin endlich getötet worden ist. Aber jetzt will ich nur noch mit dir zusammen sein und meine Kinder kennenlernen.“

„Zwei der Babys sehen dir ähnlich, eins sieht mir ähnlich und ein Baby uns beiden.“

„Sind es Jungen? Mädchen?“, fragte er mit leuchtenden Augen.

„Drei Jungen und ein Mädchen.“

„Ich bin Vater“, flüsterte er überwältigt. „All die Zeit über hatte ich vier Babys.“ Er schlug die Hände vor das Gesicht.

„Sie sind unfassbar toll. Es sind gesunde, glückliche, wundervolle kleine Wesen“, sagte sie und sah, wie sich seine Miene aufhellte. „Theo, wo warst du die ganze Zeit über?“

„Auf einer abgelegenen Viehranch in Wyoming.“

„Du warst ein Cowboy?“ Plötzlich machten seine Kleider Sinn.

Er nickte. „Ja, ich habe schnell gelernt und hart gearbeitet. Du glaubst gar nicht, wie viele Cowboys es dort gibt, die ihrem Leben in der einen oder anderen Form davongelaufen sind.“

„Das ist traurig.“

„Ich weiß. Aber harte, ehrliche Arbeit bringt einen Menschen zum Nachdenken. Dreiviertel dieser Männer haben sich in dieser Zeit zum Positiven gebessert.“

„Vermutlich gehörst du auch dazu, denn du bist sofort nach Hause gekommen, als du erfahren hast, dass der Serienmörder tot ist.“ Sie sah ihn intensiv an. Ihren Ehemann. „Ich nehme mal an, du holst dir jetzt deinen Job zurück?“

„Das habe ich vor, aber ich werde mich erst nach Neujahr zum Dienst zurückmelden, denn zuerst möchte ich mich voll und ganz auf uns konzentrieren, Allie. Auf unsere Familie. Ich habe immerhin vier Babys, die ich kennenlernen muss.“

Sie starrte ihn überrascht an. „Das zu hören, habe ich ehrlich gesagt, nicht erwartet. Ich dachte eher, du sagst mir nur kurz Bescheid, dass du noch am Leben bist, und bist dann wieder weg, um Verbrecher zu jagen.“

Er schüttelte den Kopf. „Im Moment hast du Vorrang. Wir.“

In ihren Augen brannten Tränen. „Vor diesem speziellen Abend damals hast du zu mir gesagt, dass es vielleicht das Beste wäre, wenn wir uns trennen.“

„Vielleicht war das damals auch so, doch jetzt habe ich das Gefühl, ein anderer Mensch zu sein. Ich kann es nicht erklären. Ich weiß nur, dass ich für dich gestorben bin. Buchstäblich und im übertragenen Sinn. Ich weiß, was ich für dich empfinde, aber ich weiß auch, dass ich ein schrecklicher Ehemann war, und dir jeden Tag das Herz gebrochen habe.“

„Ich erinnere mich. Also was jetzt?“

„Jetzt würde ich gern nach Hause kommen und noch einmal ganz von vorn anfangen, wenn es dir recht ist.“

„Es wird aber anders sein als früher. Ich habe jetzt alle Hände voll damit zu tun, vier elf Monate alte Babys zu versorgen. Außerdem arbeite ich hart. Nachdem … ich bin als Mietköchin sehr gefragt. Die Leute engagieren mich für alle möglichen Kochaufträge. Wenn ich also gerade nicht im Kinderzimmer bin, stehe ich in der Küche vor dem Herd.“

„Ab jetzt werde ich da sein, um dir zu helfen und dich zu unterstützen.“

Er würde also einfach wieder einziehen und als ihr Ehemann mit ihr zusammenleben? Das klang absolut verrückt. „Theo, mit uns hat es damals nicht mehr funktioniert. Du wolltest keine Kinder haben, doch jetzt gehören gleich vier Babys zur Familie. Was lässt dich glauben, dass du dieses Leben jetzt führen willst?“

„Ich weiß nur, dass ich eine zweite Chance habe, und die will ich unbedingt ergreifen. Ja, ich habe gesagt, dass ich niemals Kinder haben will. Aber jetzt reißt es mich einfach vom Hocker, dass ich welche habe.“

Eine zweite Chance. Sie erinnerte sich noch gut daran, was sie gedacht hatte, bevor er an die Tür geklopft hatte. Sie würde alles dafür geben, ihr altes, unzulängliches Leben zurückzuerhalten und eine zweite Chance zu bekommen. „Nur aus Pflichtgefühl zu bleiben, wird unsere Ehe ganz zerstören“, warnte sie ihn.

„Ich bin jetzt Vater und ich nehme diese Verantwortung sehr ernst. Ich muss schließlich elf Monate wiedergutmachen, Allie. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass du die Schwangerschaft allein und unter furchtbaren Umständen durchstehen musstest.“

Als er freiwillig mit dem gefährlichsten Einsatzkommando von Wedlock Creek und Umgebung auf Verbrecherjagd gegangen war, hatte er kaum damit umgehen können, die Verantwortung für eine Frau zu haben, die daheim auf ihn wartete und ganz krank vor Sorge war. Die zusätzliche Verantwortung für vier Babys würde er garantiert keine Woche lang aushalten.

Vielleicht mussten sie das erst beide erleben, um dann zu ihren getrennten Leben zurückzukehren, oder vielleicht überraschte er sie auch beide. Dafür drückte sie natürlich die Daumen.

Allie liebte Theo noch immer, doch sie wollte ihre alte Ehe nicht wieder zurückhaben oder ihn unglücklich sehen, weil er sich ihr gegenüber – und jetzt auch noch seinen Kindern gegenüber – verpflichtet fühlte. Also würden sie es ausprobieren und herausfinden müssen, ob er wirklich ein Familienvater sein konnte.

„Ich sage dem Standesbeamten jetzt erst mal Bescheid, dass er mich von der Liste streichen kann, und anschließend gehen wir nach Hause.“

Er setzte daraufhin die Sonnenbrille und den Stetson wieder auf. „Nach Hause. Du hast ja keine Vorstellung, wie glücklich mich dieses eine Wort macht.“

2. KAPITEL

Als Theo in die Einfahrt ihres gemeinsamen Hauses bog, sah er, dass Lila gerade ein goldfarbenes Spruchband mit den Worten Herzlichen Glückwunsch, Frischvermählte! an die Tür hängte. Als sie sah, dass Allie wieder zurückkam, lief sie schnell ins Haus.

Er starrte auf das kleine, renovierungsbedürftige Haus, von dem er während der letzten beiden Jahre so oft geträumt hatte. Nach der Hochzeit war es für Allie und ihn perfekt gewesen, doch dann war ihnen das Haus schnell zu klein geworden war. Allie hatte es aus sentimentalen Gründen aber behalten wollen.

Also hatten sie erwogen, einfach noch ein Zimmer anzubauen. Natürlich hatte Allie angefangen, von einem Kinderzimmer zu reden, doch er hatte ein zusätzliches Zimmer eher als Rückzugsort für ihn betrachtet, das außerdem genug Platz für ihre ganzen Kochbücher und Rezeptsammlungen geboten hätte.

Ein Baum in der Nähe der Haustür war mit einer Lichterkette geschmückt worden, und an der Tür hing ein Adventskranz. Er war überrascht, dass Allie nicht das gesamte Haus weihnachtlich dekoriert hatte, denn sie liebte Weihnachten.

„Oh, du lieber Himmel, meine Schwestern!“ Sie starrte auf das golden glitzernde Spruchband. „Ich bereite sie mal besser vor. Warte eine Sekunde hier, ja?“ Als er nickte, stieg sie aus.

Lila und Merry liefen auf die Veranda, warfen Reis in die Luft und riefen: „Wir gratulieren der Braut und dem Bräutigam.“ Als Allie stehen blieb und den Kopf schüttelte, musterten ihre Schwestern sie stirnrunzelnd. „Was ist denn los, Allie?“, fragte Merry.

„Ich … es …“, stammelte sie. „Der …“ Sie ließ die Schultern hängen und warf ihm einen hilfesuchenden Blick zu.

Oh, zur Hölle. Theo stieg aus und nahm die Sonnenbrille ab. Allies Schwestern starrten ihn fassungslos an.

„Theo?“, flüsterte Merry blinzelnd.

Was?“ Lila blieb der Mund offen stehen.

„Ich habe gute Nachrichten“, erklärte Allie. „Wie sich herausgestellt hat, ist Theo noch am Leben, und Elliot hat plötzlich kalte Füße bekommen. Das Timing hätte gar nicht besser sein können, denn sonst hätte ich jetzt vielleicht zwei Ehemänner.“

Merry verschränkte die Arme vor der Brust. „Als wir gegangen sind, wolltest du heiraten, und jetzt kommst du plötzlich mit deinem toten Ehemann nach Hause. Erkläre es uns, und zwar jetzt sofort.“

„Ein Klopfen an der Tür hat alles geändert.“ Sie warf Theo einen Blick zu. „Vor mir stand auf einmal Theo. Sehr lebendig. Es ist eine lange Geschichte und hat mit einem Serienmörder zu tun, dem er auf der Spur war. Er musste sich totstellen, um mich schützen zu können. Doch der Killer ist jetzt tot. Deshalb konnte Theo wieder nach Hause kommen.“

Er nickte, als die beiden Schwestern ihn intensiv anstarrten. „Ich kann alles noch genauer erklären, aber erst später, wenn Allie und ich die Möglichkeit hatten, miteinander zu reden.“

„Danke, dass ihr auf die Babys aufgepasst habt.“ Sie schaute ihre Schwestern flehentlich an. Jetzt geht bitte und stellt keine weiteren Fragen. Ich erzähle euch später alles.„Wir haben die Babys vor zehn Minuten ins Bett gebracht. Sie sollten noch gut anderthalb Stunden schlafen“, erklärte Merry.

Allie bedankte sich bei ihren Schwestern, die sich nun auf den Weg zu ihrer nur ein paar Minuten entfernten Wohnung in der Main Street machten, dann nickte sie Theo lächelnd zu und ging die Stufen zur Veranda hinauf.

Das letzte Mal, als wir diese Stufen hinaufgegangen sind, waren wir nur zu zweit, und ich war in den Monaten davor in Gedanken fast immer nur mit meinem Job beschäftigt gewesen.

Als er das Haus jetzt betrat, war er überwältigt, wie vertraut ihm alles war. Hier hatte er zusammen mit Allie ein gemeinsames Leben aufgebaut.

Das Wohnzimmer mit dem Kamin sah noch genauso aus wie früher. Auf der Küchentheke stand wie immer eine große Schüssel mit Äpfeln, denn Allie liebte Äpfel. In ihrem gemeinsamen Schlafzimmer im ersten Stock hatte sich ebenfalls nichts geändert.

Allies Parfümflakons standen noch immer vor dem Spiegel auf der Frisierkommode, und auf dem Nachttisch auf seiner Bettseite lag immer noch der Polizeiroman, den er vor knapp zwei Jahren gelesen hatte.

Das Buch liegt immer noch neben der Lampe, dachte er und atmete vor Erleichterung leise auf. Verlobter oder nicht – Allie hatte sich nicht wirklich neu orientiert. Er drehte sich um. Sie stand direkt hinter ihm.

Er sah unwillkürlich auf ihre linke Hand. Sie trug den Ehering, den er ihr an den Finger gesteckt hatte nicht mehr, sondern einen anderen Goldring. Vielleicht hatte sie sich doch neu orientiert. Vielleicht hatte sie das Buch einfach nur noch nicht in das Regal im Wohnzimmer geräumt. „Die Babys sind im Gästezimmer?“

„Es ist jetzt das Kinderzimmer“, meinte sie lächelnd.

Theo nickte, dann ging er mit ihr zum Zimmer gegenüber, öffnete leise die Tür und schaute hinein. Das Zimmer war durch Jalousien abgedunkelt. Vier weiße Kinderbettchen standen an den Wänden. An jedem war außen eine kleine Tafel befestigt, auf dem mit farbiger Kreide der jeweilige Name des Babys stand.

Er betrat das aufgeräumte Zimmer und blieb auf dem blauen Teppich mit den gelben Sternen vor einem der Kinderbettchen stehen. Der Name auf der Tafel lautete Olivia. Seine Tochter lag auf dem Rücken und lächelte leicht im Schlaf. „Sie ist so schön“, flüsterte er ergriffen.

„Das ist Olivia. Links daneben schläft Ethan“, erklärte Allie. Als er seinen Sohn betrachtet hatte, der genau wie Olivia seine dunklen Haare geerbt hatte, fügte sie hinzu: „Und gegenüber schlafen Tyler und Henry.“

Theo ging nun zu Tylers Bett. Der dunkelhaarige Junge sah tatsächlich Allie ähnlich. Beim ebenfalls dunkelhaarigen Henry war nicht so leicht zu erkennen, wem er ähnelte. „Vier Babys … wie hast du das nur allein geschafft?“

„Nun, heute Mittag war ein gutes Beispiel dafür. Unsere Nachbarin Geraldine hat auf die Vierlinge aufgepasst und sie mittags gefüttert, während Merry und Lila eine Weile bei mir im Rathaus waren, dann haben meine Schwestern die Babys dort abgeholt und sie für ihr Mittagsschläfchen ins Bett gebracht. Mit viel Hilfe ist es kinderleicht.“

„Du kannst aber nicht jeden Tag immer Hilfe gehabt haben.“

„Nein. Es hat natürlich auch schwere Stunden und Tage gegeben, aber trotz des Zeit- und Schlafmangels und obwohl man keine einzige ruhige Minute und keinen Moment mehr für sich hat, konnte ich immer irgendwie weitermachen, denn meine Babys sind die Belohnung für all die Mühe.“

„Ich kenne dieses Gefühl in Bezug auf dich Allie. Ganz egal, wie sehr unsere Ehe in den letzten Monaten vor meinem Verschwinden auch in der Krise gesteckt hat, du warst immer noch meine Frau, und wir waren immer noch die Starks.“

Als sie nach Luft schnappte, wusste er nicht, ob sie gerührt oder schockiert war. Einerseits glaubte er, sie genau zu kennen, aber andererseits hatte er zwei Jahre verloren und das Gefühl, überhaupt nichts mehr von ihr zu wissen. Sie hatte ihren Ehemann begraben und ein Jahr lang allein Vierlinge großgezogen. Offenbar war sie eine sehr starke Frau.

Doch war sie noch immer seine Frau? Konnten sie ihre zuletzt kriselnde Ehe fortsetzen, auch wenn inzwischen so viel Zeit vergangen war? Ganz zu schweigen davon, dass er seinen Tod vorgetäuscht hatte. Er hoffte sehr, dass es noch nicht zu spät für sie beide war.

„Ich wünschte, ich könnte die Babys jetzt sofort auf den Arm nehmen“, sagte er. „Ich will sie alle im Arm halten und ihnen sagen, dass ihr Dad da ist … dass ich wieder daheim bin.“ Er sah Tyler an und strich sanft über den Rücken seines Kindes. „Olivia, Ethan, Henry und Tyler.“ Er sah Allie an. „Sie sind nicht nach irgendwelchen Familienmitgliedern benannt. Haben dir die Namen einfach so gefallen?“

„Sie sind nach dir benannt, und zwar in der Reihenfolge ihrer Geburt.“

„Nach mir?“

„Der jeweilige Anfangsbuchstabe.“

Tyler, Henry, Ethan, Olivia. T.H.E.O. Er starrte sie fassungslos an und war so gerührt, dass er keinen einzigen Ton mehr herausbrachte.

„Ich hatte eine Liste mit so vielen Namen, aber keiner davon hat sich richtig angefühlt. Meine und deine Eltern, unsere Großeltern, Tanten und Onkel. Doch dann dachte ich plötzlich, es sind vier Babys, und dein Vorname hat vier Buchstaben. Das war es.“ Sie ließ zu, dass er einen Moment lang stumm ihre Hand hielt.

„Ich werde dich nicht wieder enttäuschen, Allie, und die Kinder auch nicht.“

Sie sah ihn eine Weile schweigend an und sagte dann schließlich: „Ich könnte eine Tasse Kaffee vertragen, du auch?“

Er nickte, folgte ihr nach unten in die Küche und wollte zwei Becher aus dem Schrank holen, als sie den Kaffee aufsetzte, doch dann wurde ihm bewusst, dass er nicht einfach so an ihre Schränke gehen konnte. Fast zwei Jahre lang war es ihr Haus gewesen, nicht seins oder ihr gemeinsames.

„Allie, sag du mir, wie es laufen soll. Fühlst du dich wohl dabei, wenn ich wieder hier einziehe? Oder brauchst du noch etwas Zeit?“

Sie holte zwei Becher aus dem Schrank und erwiderte: „Das hier ist auch dein Haus.“

„Das war es aber eine lange Zeit nicht mehr. Doch ich will hier sein, und ich will eine zweite Chance.“

Sie drehte sich zu ihm um. „Ich auch.“

Ihre Beziehung musste sich zwangsläufig ändern, weil sie jetzt Eltern waren, und genau das machte ihm Hoffnung. Sie hatten jetzt vier Babys, die sie anspornen sollten, alles dafür zu tun, dass ihre Ehe funktionierte. „Also wohne ich jetzt wieder hier?“

Sie nickte lächelnd und schenkte ihnen Kaffee ein. „Bestimmt wird es ein paar Tage ein bisschen heikel sein, doch wir haben viel nachzuholen. Allerdings lief es vor zwei Jahren nicht mehr besonders gut mit uns.“

„Ich weiß, aber das war mein Fehler.“

„Zu einer Ehe gehören immer zwei Menschen mit ihren jeweiligen Erwartungen.“ Sie setzte sich an den Küchentisch.

Er setzte sich ihr gegenüber. „Bist du wegen Elliot Talley enttäuscht?“

„Ehrlich gesagt, bin ich froh, dass er kalte Füße bekommen hat, denn sonst hätte ich die Beziehung mit ihm beenden müssen und mich schrecklich dabei gefühlt. Er ist ein guter Kerl und hat zum Glück gerade noch rechtzeitig bemerkt, dass ihm die ganze Sache über den Kopf gewachsen ist.“

Über den Kopf gewachsen? Wegen der Vierlinge bestimmt, nahm Theo an. „Und ich? Wie, denkst du, werde ich mich machen?“

„Du bist ein ganz anderes Kaliber, Sergeant Stark. Du dienst und schützt, das ist dein Motto. Die Frage ist nur, ob du wirklich ein Leben als Familienvater führen willst.“

War er jetzt dazu bereit? Er wusste es nicht. Doch die Babys waren da, und das war alles, was zählte. „Ich werde nicht vor der Verantwortung fliehen.“

„Waaah! Waah! Waaah!“

„Nun, jetzt hast du die Möglichkeit herauszufinden, wie du dich machen wirst.“ Sie stand auf. „Die Vierlinge sind nämlich wach. Ich übernehme zwei Babys und du übernimmst die anderen beiden.“

Theo taten die beiden Babys ein bisschen leid, für die er jetzt zuständig sein würde. Aber immerhin hatte er im Dienst schon ab und zu ein Baby auf dem Arm gehalten und sogar gelernt, notfalls bei einer Geburt mitzuhelfen.

Er folgte Allie ins Kinderzimmer, wo sie Tyler aus dem Bettchen hob, ihn auf den Wickeltisch legte und schnell seine Windel wechselte. Er ging zu Ethans Bett hinüber und hob den winzigen Jungen hoch. Sein Herz hämmerte wie wild. Ethan starrte ihn mit seinen braunen Augen neugierig an, als er ihn sanft an seine Brust drückte. „Hey, Kleiner, du brauchst wahrscheinlich einen Windelwechsel, und dafür sorge jetzt ich.“

Ethan packte sein Ohr, zog daran und lachte.

„Ich weiß. Ohren sind lustig.“ Er konnte nicht aufhören, das Baby anzusehen, das Allies Augen, ihren Gesichtsausdruck und ihre dicken, welligen Haare geerbt hatte, aber die Nase und den Mund hatte der Junge eindeutig von ihm.

„Du hast den armen Ethan noch nicht einmal zum Wickeltisch gebracht, während ich schon drei Babys gewickelt habe“, meinte sie lachend.

„Oh, richtig.“ Schnell legte er seinen Sohn auf die Wickelunterlage der zweiten Kommode. Natürlich wusste er, wie man eine Windel wechselte. Grundkenntnisse in der Säuglingspflege hatten zur Ausbildung auf der Polizeiakademie gehört. Aber dem eigenen Kind die Windel zu wechseln, war etwas vollkommen anderes.

„Das war nur Spaß. Im Gegensatz zu dir habe ich darin viel Übung.“ Sie sah, dass er ein langes Gesicht machte, und biss sich auf die Lippen. „Ich wollte damit nicht sagen, dass …“

„Schon gut. Du hast absolut recht. Ich habe keinerlei Übung. Aber ich habe vor, in Zukunft eine Menge Windeln zu wechseln“

Sie lachte. „Von mir aus gern.“

Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder Ethan zu. Die Windel abzunehmen und wegzuwerfen, war der einfache Teil. Das Baby trat mit den rundlichen Beinen und kreischte leise. Theo lächelte seinen Sohn an.

„Pass auf, dass er dich nicht anpinkelt“, erklärte Allie. „Windeln sind rechts in der obersten Schublade. Maisstärkepuder und Salben liegen daneben, für den Fall, dass die Haut wund ist.“

Theo puderte Ethans Po, bevor er die frische Windel unter das Baby legte. Er brauchte ein paar Sekunden länger, um die Klebestreifen richtig zu befestigen, als er sollte, doch dann zog er Ethan den Strampelanzug wieder an, wiegte ihn an seiner Brust und atmete seinen Duft tief ein. Ich bin dein Vater, und du bist mein Sohn!

Sie deutete auf ihre frisch gewickelte Tochter. „Du nimmst noch Olivia. Ein Baby in jedem Arm. Das Familienzimmer ist zwar klein, aber absolut baby- und kindersicher. Darin können sie nach Herzenslust spielen und krabbeln.“

Familienzimmer? Vor zwei Jahren hatte es noch keinen solchen Raum gegeben. Er hob seine Tochter hoch.

„Ba da!“, kreischte Olivia.

„Hallo, kleine Lady.“ Ich bin dein Vater! Mit Olivia auf dem linken und Tyler auf dem rechten Arm folgte er Allie vorsichtig ins Familienzimmer, das früher das Esszimmer gewesen war. Aber sie hatten es sowieso nur benutzt, wenn sie Besuch gehabt hatten.

Jetzt war das Zimmer zitronengelb gestrichen, auf dem Boden lagen Schaumstoffmatten mit aufgedruckten Buchstaben und Zahlen, und alles war mit Gummikanten versehen worden. Es gab eine Unmenge Spielzeug, Stofftiere und einen großen Laufstall. In einem Regal standen außerdem Bilder- und Kinderbücher.

Nachdem Allie und er die Babys auf die Schaumstoffmatten gesetzt hatten, fingen diese sofort an zu krabbeln. Er betrachtete sie hingerissen, konnte sie aber bald nicht mehr auseinanderhalten und verlor den Mut.

„Für dich ist es vermutlich ganz einfach, die drei Jungen nicht zu verwechseln, doch ich habe vergessen, wer welchen Strampelanzug trägt. Zumindest fällt mir jetzt wieder ein, dass Ethan den grünen anhat.“

„Ethan trägt immer grün, Tyler blau und Henry orange. Olivia trägt die Farbe, nach der mir gerade ist. Ich kann die Jungen auseinanderhalten, aber für meine Schwestern oder alle anderen, die mir helfen, ist es so einfacher. Auf diese Weise verpasst kein Baby eine Mahlzeit oder wird doppelt gefüttert oder etwas in der Art.“

Theo musterte die Gesichter der Jungen. „Ah, Tyler hat ein wenig markantere Gesichtszüge als Henry, und Ethans Haare sind heller als die Haare seine Brüder. Ethan und Tyler haben braune Augen, Olivia und Henry grüne Augen.“

Sie nickte anerkennend. „Es gibt noch viel mehr Unterschiede. Sie sind sehr individuell, auch wenn sie Vierlinge sind. Olivia liebt im Gegensatz zu ihren Brüdern Kichererbsenpüree. Ethan mag Schokoladeneis, aber Henry isst nur Vanilleeis. Tyler ist am experimentierfreudigsten und isst sogar gern Gemüse.“

Er lächelte. „Ich muss noch viel über die Vierlinge lernen. Sie sind so wunderschön, gesund und glücklich – genau, wie du gesagt hast. Ich möchte dieses Zimmer am liebsten nie mehr verlassen.“

Allie lachte. „Oh, versuch erst einmal zwanzig Minuten.“

Als er nach ihrer Hand griff, spürte er ihr Zögern. Er musste ihr Zeit lassen, das wusste er. Eine Woche vor seinem Tod hatte er ihr noch gesagt, dass sie vielleicht eine Auszeit von ihrer Ehe nehmen sollten. Er war damals erst nach zwei Uhr morgens nach Hause gekommen, Allie war noch wach und außer sich gewesen.

Er hatte sich so auf den Fall McBruin konzentriert, dass er nicht daran gedacht hatte, anzurufen oder eine SMS zu schicken. Er hatte die Einladung zu einer Party einer ihrer Schwestern vollkommen vergessen. Allie hatte sich darauf gefreut und sich extra ein neues Kleid dafür gekauft.

In dieser Nacht hatten sie einen furchtbaren Streit gehabt, in der alle Punkte auf den Tisch gekommen waren. Sie hatte eine Familie gründen und mehr von ihm haben wollen, er hatte mehr Freiraum beansprucht, um seinen Job so erledigen zu können, wie es nötig war.

Vielleicht sollten wir eine Auszeit nehmen … Er hatte damals nicht gewusst, ob er es wirklich so meinte oder nicht, und sich innerlich dafür gehasst. Sie war so verletzt gewesen. Er wusste immer, wie er mit sich und der Welt umzugehen hatte, aber wenn es um Allie und ihre Ehe ging, war er ständig ins Schwimmen geraten und hatte ihr jeden Tag das Herz gebrochen.

Lass das alles hinter dir und fange jetzt neu an, sagte er sich. Er war schließlich nicht mehr derselbe Mensch wie vor zwei Jahren und Allie auch nicht. Er setzte sich auf den Boden, und spielte und schmuste mit den Babys.

Bisher hatte er es für ein Klischee gehalten, wenn Leute sagten, nichts würde schöner klingen als das Lachen ihrer Kinder, aber jetzt wusste er, dass sich nichts so schön anhörte wie das Kichern seiner Babys.

„Da-da!“ Henry warf lachend einen Schaumstoffwürfel in seine Richtung.

Theo sog den Atem ein. „Hat er mich gerade Da-da genannt?“

„Um ehrlich zu sein, nennt er alle Männer so, vom Postboten bis hin zu unserem zweiundneunzigjährigen Nachbarn drei Häuser weiter. Das entspricht einfach dem Entwicklungsstadium in diesem Alter.“

„Mit der Ausnahme, dass Henry dieses Mal recht hat.“ Er lächelte selig, hob seinen Sohn hoch und fuhr mit einem Finger über die unglaublich zarte Babywange. „Du hast recht, Henry, ich bin dein Da-da. Ich bin dein Daddy.“

Allie brach auf einmal in Tränen aus.

„Hey“, sagte er sanft und streckte den anderen Arm nach ihr aus. „Was ist denn los?“

„Ich dachte, das würde ich niemals hören. Ich dachte, die Kinder würden nie hören, dass ihr Vater zu ihnen sagt: Ich bin dein Daddy. Dass ihr Vater für sie da ist und sie auf dem Arm hält.“ Sie lächelte unter Tränen.

Er nickte. Die Emotionen schnürten auch ihm die Kehle zu. Er hob Tyler hoch. „Ich bin dein Daddy!“ Er küsste ihn auf den Kopf, dann tat er dasselbe mit Ethan und Olivia.

Allie wischte sich mit einem Papiertaschentuch die Tränen weg. „Ich muss sagen, Theo, es läuft wirklich gut.“

Ausnahmsweise hatte er sie mal auf eine gute Art zum Weinen gebracht. Doch ihm klang das Wort in den Ohren, das sie nicht gesagt hatte: Bislang.

Doch dann warf Olivia einen Schaumstoffwürfel auf Henry. Der Junge kreischte, und Theo erlebte, wie sich Allie plötzlich in eine Supermama verwandelte, die ihre Tochter sanft zurechtwies. Auf einmal war er mittendrin im Geschehen und hatte fast das Gefühl, zu dieser Familie zu gehören.

Als er einen Blick auf Allie warf, bemerkte er jedoch ihre spürbare Distanz und fühlte sich wieder ausgeschlossen. Mit Babys hatte man es leicht, es gab keine Vergangenheit, sie redeten nicht. Man kümmerte sich einfach um sie, zog sie auf, liebte sie, und alles war gut. Allie hingegen stand auf einem vollkommen anderen Blatt.

Doch er hatte fast zwei Jahre lang auf diesen Moment gewartet und wollte deshalb alles dafür tun, dass ihre Ehe funktionierte. Ganz egal, wie aufreibend es sein, oder wie lange es dauern würde.

Ein paar Stunden später bereitete Allie in der Küche Käseravioli zu. Zur Feier des Tages wollte sie etwas Besonderes kochen. Theo hatte die Käseravioli mit der Marinara-Sauce nach dem Rezept ihrer Großmutter immer geliebt. Die Vierlinge würden ihre geliebten Ravioli klein geschnitten in zerlassener Butter serviert bekommen.

Sie konnte hören, wie er im Familienzimmer mit den Babys redete. Er hatte sogar schon versucht, ihnen eine Geschichte vorzulesen, dann aber festgestellt, dass elf Monate alte Babys noch nicht lange still sitzen konnten. Also war er dazu übergegangen, einfach mit seinen Kindern auf dem Boden herumzukrabbeln.

Ihr war das Herz aufgegangen. Damit sie sich um das Abendessen kümmern konnte, war sie schließlich in die Küche gegangen. Als wenn es das Normalste von der Welt wäre, dass ihr Ehemann und der Vater ihrer Kinder mit den Babys im Familienzimmer spielte, während sie kochte. Sie zwickte sich, um sicherzugehen, dass sie nicht träumte.

Ihr Handy summte. Es war eine SMS von Lila, und sie lächelte unwillkürlich, als sie diese las.

Wir stehen immer noch unter Schock und sterben vor Neugier.

Alles ist gut. Er spielt gerade mit den Babys. Wir treffen uns morgen, dann gibt es mehr Infos. Umarmung und Kuss, Allie.

Beim Abschütten der Nudeln bemerkte sie plötzlich, dass sie immer noch den Freundschaftsring trug, den Elliot ihr bei seinem Heiratsantrag gegeben hatte. Sie nahm den Ring vom Finger, legte ihn in die Schublade mit den Gummibändern und Küchenzetteln und betrachtete ihre Hand. Das ist schon besser.

Ihre Eheringe waren im Schmuckkasten in der untersten Kommodenschublade, die sie niemals öffnete. Sollte sie ihren Ehering mitsamt dem Aufsteckring wieder anziehen und ihm auch seinen Ehering geben? Oder sollten sie damit warten, bis sie sich wieder vertrauter waren?

Sie vertagte diese Entscheidung fürs Erste und ging ins Familienzimmer, wo Theo gerade mit den kichernden Babys Fangen spielte. Das ist alles, was ich je gewollt habe, und jetzt habe ich es. Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Ehe und das Familienleben funktionieren.

Noch fühlte er sich für sie wie ein Fremder an, aber er war ja auch erst für ein paar Stunden zurück in ihrem Leben. Sie musste ihnen beiden einfach Zeit lassen. Wir werden es uns verdienen, die Eheringe wieder zu tragen! „Das Abendessen ist gleich fertig. Ich nehme zwei Babys und du nimmst zwei?“

„Abgemacht.“ Olivia und Ethan kreischten vergnügt, als er sie hochhob. „Es gibt Abendessen, Babys.“

Allie, die Angst hatte, vor Glück in Tränen auszubrechen, schnappte sich schnell Tyler und Henry und folgte ihm in die Küche.

„Als wir dieses Haus damals gekauft haben, waren Vierlinge nun wirklich nicht einkalkuliert gewesen.“ Er setzte Olivia und Ethan in zwei der Kinderstühle, die rund um den Küchentisch standen.

Bei ihrem dritten Date hatte Allie ihn gefragt, ob er irgendwann Kinder haben wollte. Sie hatte bereits gewusst, dass sie ihn heiraten wollte, denn Theo war der Mann ihrer Träume. Er hatte daraufhin über seine beruflichen Zukunftspläne geredet und geantwortet, dass er vielleicht eines Tages mal Kinder haben wollte.

Da sie zu dieser Zeit beide erst vierundzwanzig Jahre alt gewesen waren, hatte sie seine Antwort hingenommen. Sie war schließlich auch noch nicht bereit für ein Kind gewesen. Also hatte sie die Liebe ihres Lebens geheiratet und auf eines Tages gesetzt.

Doch im Alter von neunundzwanzig Jahren hatte er sich immer noch nicht vorstellen können, Kinder zu haben, und ihre Auseinandersetzungen hatten sich nicht mehr nur um sein großes Engagement für seinen Job gedreht, sondern vor allem um seine Weigerung, ihr zu sagen, wann sie endlich eine Familie gründen würden. In dem letzten Jahr ihrer Ehe hatten sie sich dann fast nur noch gestritten.

Als sie verlobt gewesen waren, hatte sie zu ihm gesagt, dass sie gern in der Wedlock Creek Chapel heiraten wolle. Augenzwinkernd hatte sie dann auf die Mehrlingslegende verwiesen und hinzugefügt, dass sie dann nächstes Jahr vielleicht Fünflinge hätten. Er hatte nur erwidert, dass doch nun wirklich niemand an diese Fruchtbarkeitslegende glaubte.

Doch Allie glaubte daran. In Wedlock Creek gab es unzählige Mehrlinge jeden Alters von Ehepaaren, die einst in der Kapelle geheiratet hatten. Natürlich kannte sie auch Paare, die sich in der Kapelle ihr Jawort gegeben hatten und Einzelkinder bekommen hatten oder sogar kinderlos geblieben waren. Dennoch hatte sie daran glauben wollen.

Da Theo nicht bereit für Kinder gewesen war, hatte sie pflichtschuldigst verhütet. Aber dann hatte es einen verrückten Abend gegeben, an dem sie und Theo sich schrecklich gestritten hatten. Anschließend hatte er sich bei ihr entschuldigt und sie einfach in die Arme genommen.

Sie hatte sich an ihn geklammert und sich gewünscht, dass alles anders wäre, und gewusst, dass er es sich innerlich auch wünschte. Sie hatte seinen Kuss erwidert, und er hatte sie auf dem Sofa so zärtlich und leidenschaftlich geliebt, dass sie seine Liebe wie schon seit Monaten nicht mehr gefühlt hatte.

An diesem Abend waren die Vierlinge gezeugt worden. Doch am nächsten Abend hatte er vergessen, dass sie zu einer Preisverleihung gehen wollten, bei der Merry zur Grundschullehrerin des Jahres in Brewster County ausgezeichnet wurde.

Er war nicht zu erreichen gewesen, was sie von jeher hasste, und erst um drei Uhr morgens von einer Verbrecherjagd nach Hause gekommen. Er hatte sich entschuldigt und sein Verhalten begründet, und sie hatte ihm nicht die Schuld darangeben können.

Doch die Auseinandersetzungen und die Verletzungen hatten nicht aufgehört und letzten Endes dazu geführt, dass sie nur noch nebeneinanderher gelebt hatten. Als er in den letzten Wochen vor seinem Tod ihre körperliche Nähe gesucht hatte, war sie ihm stets ausgewichen.

„Jetzt habe ich Ravioli an der Wange kleben“, sagte Theo.

Sie schreckte aus ihren Erinnerungen auf. „Ich wollte dir noch sagen, dass du auf durch die Gegend fliegende Raviolistücke aufpassen musst.“ In diesem Moment landete auch ein Raviolistückchen auf ihrer Bluse. „Nein, nein, nein, Henry Stark. Mit Essen wird nicht herumgeworfen.“

„Es wird hier bestimmt niemals langweilig“, meinte Theo. „So viel ist sicher.“

Allie trank einen Schluck Wein. „Oh, es gibt auch viele langweilige Momente. Glaub mir.“

Er lachte. „Die Ravioli sind köstlich wie immer. Ich habe deine Kochkünste vermisst.“

„Es hat immer Spaß gemacht, für dich zu kochen, denn dir schmeckt alles.“ Egal, welches Rezept sie auch ausprobiert hatte – er hatte immer alles mit Appetit und Genuss gegessen.

Nach dem Abendessen badeten sie gemeinsam die Babys. Mit seiner Hilfe waren die Vierlinge blitzschnell sauber und frisch angezogen. Anschließend durften die Kinder noch ein bisschen spielen, dann brachten Theo und sie die Babys ins Bett. „Gewöhnlich lese ich ihnen vor dem Einschlafen noch eine Geschichte vor.“

„Das übernehme ich heute.“ Er ging zu dem Regal hinüber und suchte ein Buch heraus, dann setzte er sich auf den Schaukelstuhl. „Das Buch heißt Vier kleine Ponys“, sagte er zu den Vierlingen und fing an zu lesen.

Seine Stimme wiegte sogar Allie fast in den Schlaf, die sich ebenfalls hingesetzt hatte. Als er die Geschichte zu Ende gelesen hatte, waren die Babys allesamt eingeschlafen. „Gut gemacht“, flüsterte sie.

Er lächelte. „Ich glaube, ein Stück Ravioli ist unter meinem Hemd gelandet. Ich könnte eine Dusche gebrauchen. Ich hole nur schnell meinen Matchbeutel aus dem Auto.“

Die Vorstellung, dass dieser große, achtzig Kilo schwere Prachtkerl mit seinem muskulösen Körper gleich unter ihrer Dusche stehen würde, ließ sie plötzlich vor Erregung erschauern. „Einen Matchbeutel? Mehr hast du nicht?“

„Nein. Die letzten zwei Jahre war ich schließlich nur ein Geist, da braucht man nicht viel.“

3. KAPITEL

Als Theo mit dem Matchbeutel zurück ins Haus kam, saß Allie auf der letzten Treppenstufe und sprang auf.

„Wo das Bad ist, weißt du ja. Darin findest du alles, was du brauchst.“

„Danke.“ Er ging in das geräumige Bad im ersten Stock. Als er unter dem heißen Duschstrahl stand, entspannte er sich. Er seifte sich ein und wusch sich mit Allies Shampoo die Haare. Den frischen Duft des Shampoos hatte er immer mit ihr in Verbindung gebracht. Anschließend zog er eine verblichene Jeans und ein langärmeliges T-Shirt an und verließ das Bad.

Allie kam aus dem Schlafzimmer und blieb ruckartig stehen. „War das Wasser heiß genug?“

Sie ist offenbar nervös. „Ja. Die Dusche hat wirklich gutgetan. Ich fühle mich wie neu geboren.“

„Gut, denn jetzt habe ich noch viele Fragen.“

„Das kann ich mir vorstellen, und du verdienst Antworten. Ich erzähle dir alles, was du wissen möchtest.“

Sie musterte sein Outfit. „Deine Sachen sind alle auf dem Dachboden. Ich konnte sie nicht weggegeben. Aber meine Schwestern haben mich schließlich davon überzeugt, deine Kleider wenigstens aus dem Schrank zu räumen.“

„Das kann ich nachvollziehen. Später hole ich alles herunter.“ Als sie nickte, folgte er ihr ins Wohnzimmer. Sie setzten sich aufs Sofa.

Allie deutete auf die silberne Urne, die auf dem Kaminsims stand. „Also was ist wirklich da drin?“

Er schämte sich für das, was sie wegen ihm durchgemacht hatte. „Ich bin mir nicht sicher.“ Als sie ihn einen Moment lang wütend anstarrte, nahm er es ihr nicht übel.

„Was ist an diesem Abend genau passiert, Theo?“

„Du weißt ja, dass ein paar Kollegen und ich sowie ein FBI-Agent den Serienmörder Leo McBruin fassen wollten. Du weißt auch, dass McBruin zwei Wochen vorher einen Mann getötet hatte – was ich bezeugt hatte.“ Er sah sie nervös an. „Bist du sicher, dass du das alles hören willst?“

Sie trank einen Schluck Wein und flüsterte: „Ja.“

„Obwohl meine Schicht schon lange beendet war, bin ich allein noch einer Spur gefolgt, die zu einem verlassenen Lagergebäude am Stadtrand geführt hat. Ich dachte, wenn die Spur zu McBruin führt, kann ich immer noch Verstärkung rufen. Tatsächlich stand der Killer auf einmal gut fünf Meter von mir entfernt in diesem Lagerhaus.“

Allie schnappte hörbar nach Luft. „Schon gut, Theo“, sagte sie, als er automatisch innehielt. „Ich will es hören.“

„McBruin und ich haben uns angesehen, und er hat mich sofort als den Zeugen erkannt. Ich bin mit der Waffe im Anschlag in Deckung gegangen, und er ist aus meinem Blickfeld verschwunden. Doch nach zehn Minuten ist er wiedergekommen. In der Zwischenzeit hat er offenbar gründlich recherchiert. Er hat mich bei meinen Namen genannt und gesagt, dass er sich schon darauf freue, meine hübsche Frau und ihre Schwestern umzubringen.“

„Meine Schwestern? Lila und Merry hat er auch bedroht?“

Er nickte. „Dann hat er gesagt, dass er auch meinen Vater töten wird, der momentan im Zimmer 241 im Altenheim sitzt und sich noch nicht einmal mehr an seinen eigenen Namen erinnern kann.“

„Oh, Theo“, flüsterte sie mit erstickter Stimme.

„McBruin hat mich provoziert und verhöhnt, damit ich aus der Deckung komme und er mich erschießen kann. Dann habe ich gesehen, wie er eine Bombe ins Zimmer geworfen hat und lachend weggerannt ist.“

„Aber du hast es nach draußen geschafft“, flüsterte sie.

„Ja. Aber das wusste McBruin nicht. Die Explosion hat das gesamte Lagergebäude zerstört. Doch ich konnte durch einen geborstenen Teil der Rückwand in den dichten Wald dahinter entkommen. Ich war voller Schrammen, aber ansonsten unverletzt.“

„Captain White und zwei Officer haben mitten in der Nacht an unserer Haustür geklingelt“, erzählte Allie daraufhin tonlos. „Sie haben mir gesagt, dass du tot bist. Dein kaum identifizierbarer Leichnam wäre in den Trümmern gefunden worden. Sie haben mir deinen Ehering, deine Dienstmarke und deinen Ausweis gegeben. Wie hast du all das organisieren können?“

„Als ich gehört habe, dass McBruin mit dem Auto weggefahren ist, habe ich sofort meinen FBI-Kontaktmann angerufen und ihm berichtet, was passiert ist. Ich habe ihm gesagt, dass er mich für tot erklären lassen muss, um dich, deine Schwestern und meinen Dad zu schützen, und er hat zugestimmt.“

Theo hatte den Gedanken einfach nicht ertragen können, dass Allie oder ihren Schwestern wegen ihm etwas zustoßen könnte. „Ich sollte verschwinden und mittels eines Wegwerfhandys, wenn nötig weitere Infos liefern. Er hat gesagt, dass er mich sofort benachrichtigen würde, wenn McBruin gefasst würde oder tot ist. Heute früh kam dann endlich der Anruf.“

„Welcher Leichnam wurde denn dann in dem Lagerhaus gefunden?“

Erneut überkam ihn die Scham. „Es gab gar keine Leiche. Es war der Einfall des FBI-Agenten, der das Täuschungsmanöver zusammen mit einem Bundespolizisten organisiert hat. Er hat sich in dieser Nacht mit mir getroffen. Ich habe ihm den Ring und meinen Ausweis gegeben und er mir eine Geldsumme, damit ich verschwinden kann.“

„Du lieber Himmel.“ Sie schlang die Arme um ihren Oberkörper.

„Da ich unsere Ehe sowieso zerstört und dir täglich das Herz gebrochen hatte, dachte ich, dass du auf diese Weise wenigstens neu anfangen und jemanden finden könntest, der dich glücklich macht.“

„Aber du bist wieder nach Hause gekommen … was, wenn ich mit einem anderen Mann liiert und glücklich gewesen wäre?“

Theo starrte sie an. War sie enttäuscht, dass er zurückgekommen war? Mit Talley hatte es offenbar nicht funktioniert. Aber vielleicht hoffte sie ja auf einen anderen netten Mann mit einem sicheren und vorhersehbareren Job? Ungeachtet dessen musste er ihr die Wahrheit sagen.

„Ich hatte gar nicht vor zurückzukommen. Der Plan war es, mich in jedem Fall weiterhin tot zu stellen, und dir damit das Leben zu lassen, das du verdienst.“

„Warum bist du dann doch zurückgekommen?“, flüsterte sie mit brüchiger Stimme.

„In dem Moment, als ich von McBruins Tod erfahren habe, hatte ich das überwältigende Bedürfnis, nach Hause zu kommen, um dich zu sehen, und um dir zu sagen, dass ich noch am Leben bin. Ich wollte dich um Verzeihung und um eine zweite Chance bitten. Ich hatte nicht erwartet, so zu empfinden. Aber ich wollte unbedingt nach Hause kommen. Mehr als alles andere auf der Welt.“

Sie legte einen Moment lang die Hand auf seinen Arm. „Ich bin sehr froh, dass du dich nicht an diesen Plan gehalten hast.“

Ich auch, wollte er ihr sagen und sie fest in die Arme nehmen, aber sie schien nachzudenken, und er wollte keine emotionalen Entscheidungen für sie treffen. „Also hast du diesen Talley gar nicht geliebt?“

„Nicht wie …“ Sie hielt inne. „Ich wollte ihn nur wegen der Kinder heiraten, damit sie ein sicheres Leben haben. Ich brauchte einen Lebenspartner, der Sicherheit versprach.“

„Das kann ich verstehen.“ Auch wenn ihm bei dem Gedanken die Galle hochstieg. Fast hätte ein anderer Mann seine Kinder großgezogen, seine Frau geliebt und das Leben geführt, das er beinahe achtlos weggeworfen hätte. Er blickte auf ihren Ringfinger und bemerkte, dass sie den anderen Ring nicht mehr trug. Gut.

„Und der FBI-Agent und der Bundespolizist haben dir gegenüber wirklich nicht erwähnt, dass deine Frau während deiner Abwesenheit Vierlinge bekommen hat?“

„Ich bezweifle, dass sie es wussten, denn sie haben dich nach meinem angeblichen Tod nur noch ungefähr einen Monat im Auge behalten, dann war klar, dass du, deine Schwestern und mein Vater nicht mehr Gefahr sind. Vermutlich war die Schwangerschaft zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu sehen und niemandem bekannt.“

„Die Schwangerschaft war erst zu sehen, als ich im vierten Monat war. Bis zu diesem Zeitpunkt haben nur meine Schwestern darüber Bescheid gewusst.“

„Ich gebe zu, dass ich nicht um Informationen über dich gebeten habe, denn ich hätte nicht damit umgehen können.“ Er hatte nämlich Tag und Nacht an sie gedacht, als er sich auf den Weg zu der Viehranch mitten im Nirgendwo gemacht hatte, die nach Hilfskräften gesucht hatte. Doch alles über ihr Leben zu wissen, und nicht daran teilhaben zu können, hätte ihn umgebracht.

Sie rieb sich das Gesicht. „Ich bin so müde.“

„Kein Wunder nach diesem Tag. Warum gehst du nicht ins Bett? Ich kann hier unten auf dem Sofa schlafen.“ Er würde alles dafür geben, neben Allie zu liegen, denn die Fantasie, neben seiner Ehefrau einzuschlafen, hatte ihn so manche Nacht in der Schlafbaracke auf der Ranch überstehen lassen.

Allie schüttelte den Kopf. „Du bist mein Mann. Wenn wir wollen, dass unsere Ehe wieder gut läuft, sollten wir nicht noch mehr Abstand zueinander einlegen. Wir brauchen keine getrennten Schlafzimmer.“

Hoffnung stieg in ihm auf. „Das empfinde ich genauso.“

„Ich rede hier aber nicht über Sex“, fügte sie hinzu. „Dafür bin ich noch nicht bereit. Nicht, bis wir wieder vertrauter miteinander sind. Vor zwei Jahren hat es uns daran nämlich bitterlich gefehlt.“

Er nickte. „Verstanden.“ Er wollte sie so sehr, aber allein die Vorstellung, sie zu berühren, zu spüren und sie zu lieben, war so überwältigend, dass es für sie beide besser wäre, wenn sie sich Zeit ließen damit.

Allie konnte kaum atmen. Der Platz neben ihr war fast zwei Jahre lang leer gewesen. Jetzt lag Theo neben ihr im Bett. Er trug ein T-Shirt und eine blaue Jogginghose. Sie trug wie üblich ein T-Shirt und eine Yogahose. Sie hatte allerdings eine ganze Schublade voller sexy Dessous, die sie hoffentlich eines Tages wieder öffnen würde.

Sie lagen beide auf dem Rücken und starrten an die Decke. Seltsam. Sie drehte sich auf die Seite und sah ihn an – woraufhin er sich ebenfalls auf die Seite drehte und sie betrachtete. „Ich bin so froh, dass du zurückgekommen bist, das wollte ich ausdrücklich sagen, damit es bei all dem, was sonst noch gesagt werden muss, nicht in Vergessenheit gerät.“

Er lächelte und betrachtete ihr Gesicht lange.

Die Liebe von jemandem zu spüren und gleichzeitig so verunsichert zu sein, war eigenartig. Sie wollte am liebsten durch seine Nackenhaare streichen, die so sexy waren, dass sie kaum die Finger davon lassen konnte. Als Polizist hatte er seine Haare immer sehr kurz getragen, und durch die harte Arbeit auf der Ranch war er sogar noch muskulöser geworden.

„Ich kann dir überhaupt nicht sagen, wie gut es sich anfühlt, wieder in diesem Bett zu liegen. Mein Bett in der Schlafbaracke war eher eine Pritsche.“

„Hast du wenigstens mit den anderen Arbeitern Freundschaften geschlossen?“

„Meistens bin ich für mich geblieben, aber dort waren immer alle füreinander da. Auch wenn man nicht immer wusste, woher die anderen Männer kamen.“

„Und …“ Sie biss sich auf die Lippe. Sie wollte es eigentlich gar nicht wissen.

„Und was?“

„Frauen“, sagte sie schließlich leise.

„Es gab nur dich in meiner Fantasie, Allie. Das schwöre ich dir.“ Als sie feuchte Augen bekam, strich er durch ihre Haare. „Hey, das ist alles ein bisschen viel, aber es wird besser werden.“

Sie nickte. „Elliot und ich haben nie … ich meine … ich will, dass du das weißt.“

„Ich war tot, Allie! Die Urne stand auf dem Kaminsims. Was immer während meiner Abwesenheit passiert ist, wäre absolut verständlich.“

„Wir haben uns geküsst, aber mehr nicht. Er hat mich nicht einmal nackt gesehen.“

„Moment mal. Ihr hattet wirklich nie Sex?“

„Nein. Es war einfach nicht so eine Beziehung.“

Er drehte sich wieder auf den Rücken und starrte an die Decke, dann nahm er ihre Hand in seine und schaute sie an. „Das ist vielleicht eine Unterhaltung.“

Sie lachte. „Das stimmt. Können wir vielleicht das Thema wechseln?“

„Bitte.“

„Gehst du morgen zu Captain White?“

„Ja, aber es wird anders werden, Allie. Ich werde nicht mehr an derart gefährlichen Einsatzkommandos teilnehmen, ich bin jetzt Vater von vier Kindern. Ich werde hier genauso gebraucht.“

„Wirst du denn glücklich sein, wenn du nur noch ein ganz gewöhnlicher Polizist bist?“

„Ich werde wegen dir und den Vierlingen glücklich sein.“

Doch das war keine richtige Antwort auf ihre Frage. Wenn er sich erst mal daran gewöhnt hatte, eine Familie zu haben, würde er sich bestimmt wieder danach sehnen, mit einer Taskforce auf Verbrecherjagd zu gehen. Diese Sache beunruhigte sie am meisten, denn dann könnten sie wieder an denselben Punkt wie vor zwei Jahren kommen.

„Der Bundespolizist hat gesagt, dass er den Captain anruft und ihm offiziell erklärt, was passiert ist“, fuhr er fort. „Also rede ich morgen mit Captain White und gehe dann zu meinem Dad.“

„Ich habe deinen Vater weiterhin jede Woche besucht“, erklärte sie. Clinton Stark wurde jetzt bereits seit fünf Jahren im Alzheimerflügel des örtlichen Altenpflegeheims betreut.

„Wirklich?“

Allie nickte. Als sie angefangen hatten, sich zu verabreden, hatte Theo über die schwierige Beziehung zu seinem Vater geredet. Obwohl sich die beiden Männer sehr ähnlich waren, hatten sie doch sehr unterschiedliche Weltanschauungen.

Als Kind hatte Theo seinen Vater vergöttert. Er hatte unbedingt in dessen Fußstapfen treten und Polizist werden wollen. Als Theo dann ein Teenager gewesen war, hatten er und Clinton Stark nicht einmal mehr in den wesentlichen Grundsätzen der Strafverfolgung übereingestimmt und sich zunehmend entfremdet.

Sein Vater war nun schon viele Jahre so schwer an Alzheimer erkrankt, dass er Theo nicht mehr erkannte. Sie wusste, dass Theo es hasste, keinen Frieden mehr mit ihm schließen zu können. Bis zu seinem vortäuschten Tod vor zwei Jahren, hatte er seinen Vater ein paar Mal im Monat besucht und getan, was immer ihm möglich gewesen war.

„Das war sehr nett von dir. Allerdings weiß er ja nicht, wer du bist.“

„Nein, aber er ist eine Verbindung zu dir gewesen und der einzig lebende Großelternteil unserer Kinder. Ich habe die Vierlinge sogar ein paar Mal mitgenommen.“

Von seinen Gefühlen überwältigt, drehte er sich wieder auf den Rücken. „Danke, dass du ihn weiterhin besucht hast. Er hat dich immer gemocht und gesagt, dass ich im Leben ausnahmsweise einmal etwas richtig gemacht habe, als ich dich geheiratet habe.“

Allie lächelte. „Ich bin froh, dass du morgen zu ihm gehst. Sie haben das Altenpflegeheim schon weihnachtlich geschmückt.“

„Gut.“ Nach einem Moment meinte er: „Apropos Weihnachten. Ich möchte Weihnachten für die Vierlinge wirklich gern zu etwas ganz Besonderem machen.“

Ihr ging das Herz auf. „Ich auch, es ist immerhin ihr erstes Weihnachtsfest.“

„Nun, was sie angeht, bist du die Expertin. Die Geschenke auszusuchen, muss ich deshalb leider dir überlassen.“

„Sie bekommen zu Weihnachten ihren Dad zurück. Das ist doch wohl das beste Geschenk, das sie bekommen können.“

Theo legte die Hand an ihre Wange, und sie hielt seine Hand dort fest. Sie spürte fast körperlich die wachsende Verbindung zwischen ihnen. Es gab also doch noch Hoffnung.

Nachts hörte Theo einen Schrei und schreckte hoch, doch dann registrierte er, dass Allie neben ihm im Bett lag. Er war zu Hause. Der Schrei ertönte erneut. Eines der Babys schrie. Sein Baby! Allie drehte sich auf die andere Seite, wachte jedoch nicht auf.

Er sah auf den Wecker, der auf dem Nachttisch stand. Es war gerade zweiundzwanzig Minuten nach fünf Uhr. Kein Wunder, dass er sich schon so ausgeruht fühlte, denn auf der Viehranch hatte jeder Morgen für ihn um halb sechs morgens angefangen.

Leise stand er auf, um sie nicht zu stören. Am Abend und in der Nacht hatte er die Arme um sie schlingen und sich an sie kuscheln wollen. Ein- oder zwei Mal hatte er bemerkt, dass sie dasselbe Bedürfnis hatte, aber er war es ihr schuldig, es langsam angehen zu lassen, damit sie sich wieder an ihn gewöhnen konnte.

Im Kinderzimmer stand Olivia in ihrem Kinderbettchen und streckte die Arme nach ihm aus. „Was ist denn mit dir, mein Mädchen?“, flüsterte er und wechselte ihr zuerst die Windel. „Besser? Oder wachst du morgens immer um diese Zeit auf?“

Seine Tochter sah jetzt wieder zufriedener aus, und ihr fielen die Augen zu. „Hm, du scheinst wohl doch noch eine halbe Stunde Schlaf zu brauchen.“ Er setzte sich mit ihr auf den Schaukelstuhl, schaukelte sacht hin und her und sang ihr dabei leise ein Lied vor. In Rekordzeit schlief sie wieder ein.

Er starrte Olivia hingerissen an. „Ich habe elf Monate deines Lebens verpasst, und elf Monate im Leben deiner Brüder. Ich werde mir keine weitere Minute mehr entgehen lassen.“ Er würde nicht mehr zulassen, dass er nur für seine Arbeit lebte.

Im Laufe der Jahre hatte sich Allie einige Male darüber beschwert, dass seine Arbeit immer wichtiger gewesen war als sie, obwohl er ihr bei der Hochzeit versprochen hatte, dass sie für ihn immer an erster Stelle stehen würde.

Doch er hatte sie immer wieder enttäuscht und gemeinsame Wochenendpläne zunichte gemacht. Die Arbeit hatte sogar an Hochzeitstagen und ihren Geburtstagen Vorrang gehabt. Er hatte Allie erklärt, dass er nicht vorgehabt hatte, das Versprechen zu brechen, er hatte dieses Versprechen nicht brechen wollen. Aber der Antrieb, das organisierte Verbrechen aufzuklären, war ihm bereits als Kind eingepflanzt worden. Damals hatte er miterlebt, wie sein Vater für die Sicherheit in Wedlock Creek gesorgt hatte. Dieser hatte immer wieder sein Leben riskiert, bis eine Schussverletzung ihn schließlich dazu gezwungen hatte, seine Pflicht bis zum Ruhestand am Schreibtisch zu erfüllen.

Sein Vater und eine Tante waren seine einzigen Bezugspersonen gewesen, denn seine Mom war gestorben, als er noch ein Kind gewesen war. Jetzt lebte nur noch sein Vater, der ihn aber nicht erkennen würde, wenn er ihn heute besuchte.

Egal. Er hatte lange Zeit im Namen seines Vaters Verbrecher gejagt, doch jetzt hatte er nicht nur Allie, sondern auch seinen Kindern versprochen, dass sie fortan an erster Stelle stehen würden. „Versprochen, meine Süße“, flüsterte er und küsste Olivia auf den Kopf, bevor er sie zurück ins Kinderbettchen legte.

Nicht schlecht. Es ist mein erster offizieller Tag als Vater, und ich bekomme den Bogen langsam heraus. Aber einen Moment später schrie Olivia schon wieder, und dann schrie Henry, dicht gefolgt von Tyler. Nur Ethan lag noch still im Bett. Theo rannte daraufhin zu ihm, um sich davon zu überzeugen, dass der Junge noch atmete. Eine Sekunde später fing auch Ethan an zu schreien.

Was jetzt? Um welches Baby sollte er sich zuerst kümmern? Er blieb wie angewurzelt vor den Kinderbetten stehen.

„Obwohl sie noch so klein sind, können sie sehr, sehr laut sein.“ Allie kam ins Zimmer und hob Henry hoch. Dann blieb sie vor Tylers Bett stehen und kitzelte den Jungen ein wenig. „Ich bin gleich bei dir.“ Zuletzt vertröstete sie Ethan auf dieselbe Weise.

„Olivias Windel habe ich schon gewechselt, doch dann haben plötzlich alle auf einmal zu schreien angefangen, und ich war ratlos.“

Sie lächelte. „Zuerst ist es ein ziemliches Chaos, aber du gewöhnst dich noch daran. Kümmerst du dich um Tyler?“ Sie legte Henry frisch gewickelt zurück ins Bett. „Ich übernehme dann Ethan.“

Theo legte Tyler auf den Wickeltisch. „Ich glaube, mein Trommelfell ist gerade geplatzt.“ Aber ihm war eigentlich gar nicht zum Scherzen zumute. Allie bewerkstelligte diese Morgenroutine schon seit über einem Jahr ganz allein, und er war damit vollkommen überfordert. Dabei war er sich noch Minuten vorher wie der Vater des Jahres vorgekommen.

„Habe ich schon erwähnt, dass die Vierlinge jeden Morgen zwischen fünf und halb sechs Uhr aufwachen? Sie sind vier, und du hast nur zwei Hände. Man braucht also Zeit, um seinen eigenen Rhythmus zu finden.“

Allie war immer schon gut darin gewesen, seine Gedanken zu erraten und seine Körpersprache zu deuten. „Danke.“ Er musste unbedingt ein guter Vater werden. Er durfte sie nicht enttäuschen.

Nach dem Frühstück ging Allie ins Bad, um zu duschen, während Theo im Familienzimmer mit den Vierlingen spielte. Er vermisste sie bereits in dem Augenblick, in dem sie das Zimmer verließ. Doch in Rekordzeit kam sie zurück. Ihre langen, noch feuchten Haare fielen ihr über die Schultern, was sehr sexy war. Sie trug Jeans und einen hellrosa Pullover.

„Jetzt bist du an der Reihe“, sagte sie lächelnd.

„Du musst dich jetzt nicht mehr beeilen, du kannst morgen früh ruhig zwanzig Minuten lang duschen.“

„Vorsicht, ich könnte dich beim Wort nehmen, aber dann wird kein heißes Wasser mehr für dich da sein.“

Nach noch mehr Nächten, in denen er neben ihr liegen und sie nicht anfassen könnte, wäre eine kalte Dusche sowieso angesagt. Er lächelte. „Ich bin bald zurück.“ Er duschte schnell, zog sich ein Joggingoutfit an und rief Captain White an.

„Hat Agent Fielding Sie schon informiert?“, fragte er, nachdem sich White gemeldet hatte.

„Ja. Zwei Jahre Ihres Lebens, Stark! Das ist wahre Opferbereitschaft. Ich bin sehr stolz auf Sie.“

Theo entspannte sich. „Ich hatte ja keine andere Wahl.“

„Ich weiß. Doch dank Ihrer Informationen ist Wyoming von diesem Serienmörder befreit worden. Ich habe mit dem Bürgermeister geredet. Wir haben nie einen Ihrer Kollegen in Ihre Position befördert. Also ist Ihr Job noch zu haben. Doch auch, wenn es nicht der Fall wäre, würde ich darauf bestehen, eine Stelle für Sie zu schaffen.“

„Danke Captain, aber ich habe Allie versprochen, dass ich erst nach Neujahr wieder arbeiten werde. Ich habe Vierlinge, wussten Sie das?“

„Das weiß die ganze Stadt, Stark. Sogar ich habe schon auf die kleinen Racker aufgepasst. Hey, ich bin gerade im Begriff, meine Runde zu drehen. Treffen wir uns im Park? Dann erzähle ich Ihnen von der kleinen Feier, die Ihnen zu Ehren heute Nachmittag stattfindet. Ich habe die Pressemitteilung schon herausgegeben. Also sorgen Sie dafür, dass Sie dort sind.“

Theo lachte. „Ich komme bestimmt.“

„Oh, Sie Arme! Sie tragen ihren Ehering ja immer noch nicht.“

Allie kannte die Frau kaum, die gerade auf ihre linke Hand starrte. Die halbe Stadt hatte sich im Festsaal des Rathauses versammelt, um an der kleinen Ehrenfeier für Theo teilzunehmen. Merry und Lila, die neben ihr standen, schirmten sie ab, um jede weitere Unterhaltung zu verhindern. Zum Glück herrschte großes Gedränge im Saal. „Das habe ich bestimmt schon fünfundzwanzig Mal gehört, seit ich den Saal betreten habe.“

Sie hatte daran gedacht, den Ehering mit dem dazu passenden Diamantring anzuziehen, als Theo ihr von der kurzfristig über die sozialen Medien angekündigten Ehrenfeier erzählt hatte, doch die Ringe wieder anzuziehen, fühlte sich irgendwie so gewaltig an, als wenn sie und Theo wieder miteinander schlafen würden. Diese Vertrautheit konnte man nicht erzwingen, sie musste verdient werden.

„Ihr süßen Vierlinge!“ Eine Frau aus Allies Nachbarschaft beugte sich jetzt über den Kinderwagen. „Die Schätzchen können sich so glücklich schätzen, jetzt haben sie ihren Daddy wieder. Es ist ein Weihnachtswunder!“

Allie nickte lächelnd. Diese Kommentare gefielen ihr, auch davon hatte es eine Menge gegeben, seit sich herumgesprochen hatte, dass Theo lebte. Ihre Kinder hatten ihren Vater wieder, und ja, in gewisser Weise war es tatsächlich ein Weihnachtswunder.

„Seine Selbstlosigkeit angesichts dieser schweren Gefahr …“, sagte Captain White auf dem Podium, und die Leute klatschten begeistert Beifall.

Ihr Ehemann war definitiv ein Held. Doch sie wollte sichergehen, dass der Held das Leben als treu sorgender Familienvater wirklich wollte. Sie war jetzt seit einem Jahr allein mit den Babys, und in der Lage, sie auch weiterhin allein großzuziehen.

Aber wenn sich herausstellte, dass Theo mit dem Familienleben doch nicht umgehen konnte, nachdem er Teil ihres Lebens und des Lebens der Kinder geworden war, wäre sie garantiert erneut am Boden zerstört, und die Babys würden ihren Vater bestimmt vermissen.

Könnte sie ihn wieder lieben? Ach was. Sie hatte doch niemals aufgehört, ihn zu lieben. Sie würde emotional allerdings ein wenig Abstand halten müssen, bis sie wusste, wie es zwischen ihnen lief. In zwei Wochen war Weihnachten. Wenn er bis dahin seine Arbeit nicht zugunsten seiner Familie zurückstellen konnte, dann würde er ihr und den Kindern niemals Vorrang einräumen können.

Verdammt, sie verlangte ja nicht einmal mehr, an erster Stelle zu stehen, sondern wollte nur genauso wichtig sein wie sein Job. Er war schließlich nicht der einzige engagierte, mutige und erfahrene Officer in Wedlock Creek, der an Taskforces teilnehmen und mit der Bundespolizei zusammenarbeiten konnte.

Nach der Preisverleihung war Theo von Kollegen, Nachbarn und alten Bekannten umringt. Doch nach Hause zu fahren und mit Allie und den Vierlingen zusammen sein zu können, war alles, was er wollte. Er sah, wie sich all die wohlmeinenden Leute über den riesigen Kinderwagen mit den vier Plätzen beugten. Alle Babys fingen auf einmal an zu schreien.

„Die Pflicht ruft!“, sagte ein Kollege lächelnd zu ihm.

Ja, er war seinen Kindern verpflichtet. Genau wie er seinem Job verpflichtet gewesen war. Wenn er das Ganze so sah, würde es ihm bestimmt leichter fallen, ihnen Vorrang zu geben. Er ging zu Allie hinüber und flüsterte: „Bereit, von hier zu verschwinden?“

„Oh, dem Himmel sei Dank.“

Er lächelte. „Lass uns gehen.“ Als sie im Auto saßen, fragte er: „Geht es dir gut?“

„Sehr gut. Mein Ehemann lebt. Der Vater meiner Kinder ist zurück. Ich wusste, dass es viele Kommentare und Fragen geben würde. Vermutlich stehe ich noch immer ein bisschen unter Schock. Mir hat gefallen, wie der Captain seine Rede beendet hat: Willkommen daheim, Sergeant Stark.

„Ich kann gar nicht sagen, wie glücklich ich bin, wieder hier zu sein.“

„Was steht denn als Nächstes an? Besuchst du deinen Dad? Wir können dich auch gern begleiten.“

„Das wäre mir tatsächlich lieb.“ Ihm war es nämlich immer schwergefallen, seinen Dad im Altenpflegeheim zu besuchen. Mit seiner Familie an seiner Seite fühlte er sich plötzlich viel entspannter.

Als sie dort ankamen, brachte die Betreuerin seines Vaters die Familie in den Gemeinschaftsraum im zweiten Stock. Clinton Stark saß im Rollstuhl vor einem großen Fenster und sah hinaus auf einen bunt geschmückten Weihnachtsbaum, der vor dem Heim stand.

Aufgewühlt trat Theo einen Schritt zurück. Er hatte seinen Vater so lange nicht mehr gesehen und wollte ihm sagen, dass er noch lebte. Vor zwei Jahren war Allie zu Clinton Stark gegangen, um ihm mitzuteilen, dass sein Sohn tot war, vielleicht hatte sein Vater ja trotz der Krankheit begriffen, was passiert war.

Er kniete neben seinem Vater und nahm seine Hand. „Hallo, Dad, ich bin es.“ Als sein Vater ihm den Kopf zuwandte, lächelte er. Theo erklärte ihm kurz, was passiert war, obwohl ihm bewusst war, dass Clinton Stark nicht einmal wusste, dass sein Sohn mit ihm redete, aber es fühlte sich dennoch gut an, es ihm zu sagen.

„Dad“, sagte Clinton lächelnd. „Schön, dich zu sehen.“

In Theos Augen brannten Tränen. Er wusste, dass er seinem Großvater sehr ähnlich sah. Er warf Allie einen Blick zu und bemerkte, dass auch sie mit den Tränen kämpfte.

„Ist Mom auch hier?“ Clinton sah sich neugierig um.

„Heute bin nur ich gekommen.“

„Es ist immer so schön, dich zu sehen.“ Clinton gähnte, dann fielen ihm die Augen zu. Nach ein paar Minuten war er eingeschlafen.

Seine Betreuerin, die in der Nähe geblieben war, kam nun zu ihnen. „Ich bringe ihn für ein Schläfchen in sein Zimmer. Ich freue mich, dass Sie wieder hier sind, Sergeant Stark.“

„Danke.“ Er sah seinem Vater hinterher und ging dann zu Allie. „Es gibt so vieles, das ich ihm sagen will, und doch kann ich es ihm nicht mitteilen.“

„Doch, das kannst du. Selbst wenn er es nicht so versteht, wie du es willst. Du bist es schließlich, der sich so viel von der Seele reden muss.“

„Wir werden niemals Frieden schließen können. Diese Chance ist schon lange vertan.“

„Du kannst Frieden schließen, Theo … mit dir.“

Doch er wusste nicht wie. Aber dann fing Olivia plötzlich an zu schreien, und sie verließen das Altenpflegeheim, um die Bewohner nicht zu stören. Als er die kalte Dezemberluft einatmete, hatte er plötzlich den Drang, lange joggen zu gehen, um allein zu sein und einen klaren Kopf zu bekommen. Vielleicht aber auch, um alles verdrängen zu können.

Doch dann streckte Olivia die Arme nach ihm aus, und plötzlich war es viel wichtiger, sie zu beruhigen, als sich besser zu fühlen. Das war doch schon ein Fortschritt. Er nahm Olivia auf den Arm und drückte sie sanft an seine Brust. Allie, die ihn beobachtete, strahlte vor Glück.

Nachdem die Vierlinge an diesem Abend eingeschlafen waren, streckte sich Theo im Bett aus. Er war nach dem langen, anstrengenden Tag unglaublich erschöpft. Aber als er Allie gebannt dabei zusah, wie sie in langen Streichbewegungen eine nach Rosen duftende Lotion auf ihre Beine auftrug, war er plötzlich wieder hellwach.

„Um ehrlich zu sein, ist es nicht einfach, mit dir im Bett zu liegen und meine Hände bei mir zu behalten. Ganz besonders, wenn du so etwas machst.“

„Es ist sexy, wenn ich meine Zehen mit Lotion einreibe?“

„Ja, das ist es.“

Sie lachte, stellte die Lotion auf den Nachttisch, legte sich dann unter die Decke und drehte sich zu ihm.

„Waah! Waah-waah!“

Theo wartete noch einen Moment ab, ob sich der Schreihals wieder beruhigen würde. Dieser Tipp stand nämlich in dem Babyratgeber, den er gerade las. Aber der nächste Babyschrei ertönte schon kurz danach. Als Allie aufstehen wollte, sagte er: „Ich gehe, du bist schließlich ein Jahr lang aufgestanden.“

Sie lächelte. „Zu hören, dass das jemand sagt, ist wirklich nett.“

Autor

Marie Ferrarella

Marie Ferrarella zählt zu produktivsten US-amerikanischen Schriftstellerinnen, ihren ersten Roman veröffentlichte sie im Jahr 1981. Bisher hat sie bereits 300 Liebesromane verfasst, viele davon wurden in sieben Sprachen übersetzt. Auch unter den Pseudonymen Marie Nicole, Marie Charles sowie Marie Michael erschienen Werke von Marie Ferrarella. Zu den zahlreichen Preisen, die...

Mehr erfahren
Allison Leigh

Allison Leigh war schon immer eine begeisterte Leserin und wollte bereits als kleines Mädchen Autorin werden. Sie verfasste ein Halloween-Stück, das ihre Abschlussklasse aufführte. Seitdem hat sich zwar ihr Geschmack etwas verändert, aber die Leidenschaft zum Schreiben verlor sie nie. Als ihr erster Roman von Silhouette Books veröffentlicht wurde, wurde...

Mehr erfahren
Caro Carson
Mehr erfahren
Melissa Senate

Melissa Senate hat viele Romane für Harlequin Enterprises und andere Verlage geschrieben, inklusive ihres ersten veröffentlichten Romans „See Jane Date“, der für das Fernsehen verfilmt wurde. Unter dem Pseudonym Meg Maxwell war sie auch Autorin von sieben in der Harlequin Special Edition-Reihe erschienenen Büchern. Ihre Romane werden in über...

Mehr erfahren