Bianca Extra Band 85

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LIEBE, LÜGEN, LEIDENSCHAFT von KATHY DOUGLASS
Als sexy Brandon Danielson ihr im strömenden Regen bei einer Autopanne seine Hilfe anbietet, ist Hotelerbin Arden wie hypnotisiert. Um die Ehrlichkeit ihres unfassbar gut aussehenden Retters zu testen, verschweigt Arden ihm, wer sie wirklich ist. Und das hat fatale Folgen …


SEHNSUCHT NACH SO VIEL MEHR … von CARO CARSON
Heiß und sinnlich - was die Notärztin aus Leidenschaft mit dem umschwärmten Zach Bishop verbindet? Natürlich nur eine Affäre. Zu mehr ist die kühle Brooke nicht bereit. Doch dann macht der aufregende Playboy ihr ein Angebot, das ihren Lebensplan völlig aus den Angeln hebt …


DUELL MIT MEINEM LIEBSTEN FEIND von WENDY WARREN
Dieser arrogante, aber auch verboten attraktive PR-Typ will den Ruf ihrer Kinderstation aufpolieren? Dagegen wehrt sich Hebamme Eden vehement; LJ Logan weiß ja nicht mal, wie man Babys wickelt! Aber warum überfällt Eden ein Verlangen nach ihm, das ihr schier den Verstand raubt?


ENDLICH GLÜCKLICH, ENDLICH DEIN von RACHAEL JOHNS
Single-Dad Lachlan ist wie Balsam für ihre Seele - und Kellnerin Eliza verliebt sich Hals über Kopf in ihren Chef. Nicht nur im Job sind sie ein perfektes Team, sondern auch privat ein Traumpaar. Doch dann zwingt ein unvorhergesehenes Ereignis Eliza, Lachlan sofort zu verlassen …
  • Erscheinungstag 30.06.2020
  • Bandnummer 85
  • ISBN / Artikelnummer 9783733748111
  • Seitenanzahl 448
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Kathy Douglass, Caro Carson, Wendy Warren, Rachael Johns

BIANCA EXTRA BAND 85

KATHY DOUGLASS

Liebe, Lügen, Leidenschaft

Einer Frau trauen? Eher schließt Gourmetkoch Brandon sein Restaurant für immer! Nur für seine neue und bescheidene Kellnerin Arden legt er die Hand ins Feuer. Bis er eine unglaubliche Entdeckung macht …

CARO CARSON

Sehnsucht nach so viel mehr …

Schön und unnahbar! Für Rettungsarzt Zach Bishop gleicht die Eroberung der smarten Brooke einem sinnlichen Feuerwerk. Doch nach einer überraschenden Nachricht steht Zach plötzlich vor einer schweren Wahl …

WENDY WARREN

Duell mit meinem liebsten Feind

PR-Genie LJ ist von der widerspenstigen Eden fasziniert. Die hübsche Hebamme lehnt sein Konzept ab? Dann soll sie es besser machen! Eden nimmt ihn beim Wort – und LJ revanchiert sich auf seine Art …

RACHAEL JOHNS

Endlich glücklich, endlich dein

Single, Dad und Workaholic! Keine gute Mischung, das weiß Lachlan McKinnel. Aber mit Eliza an seiner Seite bekommt sein Leben wieder Sinn. Obwohl er ahnt, dass seine neue Liebe etwas vor ihm verbirgt …

1. KAPITEL

Arden Wexford schlug mit der flachen Hand auf das Lenkrad, dann drehte sie noch einmal den Zündschlüssel herum.

Nichts. Nicht beim dritten Versuch, beim zehnten und beim neunzehnten ebenso wenig. Schließlich gab sie es auf.

Sie seufzte schwer, stieg aus dem Auto und knallte die Tür hinter sich zu. Dann wagte sie einen Blick unter die Motorhaube, auch wenn sie keinen blassen Schimmer hatte, wonach sie dort überhaupt suchen sollte.

Ihr großes Abenteuer, wie sie dieses Desaster nannte, seit ihr geliebter Beetle liegen geblieben war, entpuppte sich langsam als große Katastrophe.

Immerhin hätte sie längst in Florida sein können – zumindest näher beim Haus ihrer Eltern, wo die Familie oft den Winter verbrachte. Stattdessen war sie hier im Nirgendwo gestrandet. Im Nirgendwo in North Carolina.

Hätte sie doch auf ihre Eltern gehört und den gediegenen, zuverlässigen Mercedes Sedan genommen, den sie ihr vor zwei Jahren zum Collegeabschluss geschenkt hatten.

Doch in diesem kirschroten Käfer zu sitzen fühlte sich jedes Mal an, als würden ihre Brüder sie einmal ganz dick umarmen. Dieses Auto hatte sie immer zum Lächeln gebracht, und vor allem nach der unschönen Geschichte mit Michael-dem-Mistkerl brauchte sie etwas, das ihre Laune hob.

Trotzdem wäre sie jetzt weitergekommen, wenn sie den Alte-Leute-Wagen bevorzugt hätte. Und sie wäre weiter weg von Baltimore, Maryland, und von Männern, die zu ziemlich schmutzigen Tricks griffen, um an ihr Vermögen zu gelangen.

Mit habgierigen Typen war sie fertig, ein für alle Mal.

Sie würde sich in der Winterresidenz ihrer Eltern verschanzen und in Zukunft allen menschlichen Schlangen aus dem Weg gehen – gesetzt den Fall, dass sie es ja aus North Carolina herausschaffte.

Zornig versetzte sie dem Vorderreifen einen Tritt, auch wenn er überhaupt nicht für ihre Misere verantwortlich war. Wenn doch bloß der Motor anspringen würde …

Für einen Augenblick wollte sie sich wieder hinter das Lenkrad klemmen und den Schlüssel zum zwanzigsten Mal herumdrehen, entschied sich aber dann dagegen. Heute würde doch kein Wunder mehr geschehen.

Sie nahm ihre Handtasche aus dem Auto, schloss es ab und suchte nach ihrem Handy.

Kein Empfang.

Ein weiteres lautes Seufzen entrang sich ihrer Brust. Wenn sie sich richtig erinnerte, hatte sie vor Kurzem ein Straßenschild passiert, das den nächstgelegenen Ort ankündigte – Small Briar oder so ähnlich. Das Städtchen sollte in sechs Meilen Entfernung liegen, und sie hatte seither mindestens anderthalb Meilen hinter sich gebracht.

Die restlichen Meilen würde sie also laufen müssen. Dies stellte kein Problem dar, immerhin ging sie regelmäßig joggen. Zum Joggen trug sie allerdings keine niedlichen Sandalen mit hohem Absatz.

Die Sandalen wären perfekt gewesen für den Flug, der ihr ursprünglich vorgeschwebt hatte – hätte ihr Bruder nicht im letzten Augenblick den Privatjet nach Monte Carlo geschickt, um ein Meeting in einem der Wexford Luxury Hotels abzuhalten.

Er hatte ihr angeboten, mitzukommen und sich etwas zu erholen, während er dort arbeitete, aber sie hatte dankend abgelehnt. Ihren Brüdern mochte es nichts ausmachen, in Klatschspalten aufzutauchen und regelmäßig auf Fotos der vermeintlich Reichen und Schönen abgebildet zu sein, doch darauf konnte Arden gut und gerne verzichten. Stattdessen hatte sie sich selbst ins Auto gesetzt.

Und das hatte sie nun davon. Der Highway entrollte sich vor ihr wie ein endloses graues Band, und keines der wenigen Autos, das an ihr vorbeifuhr, drosselte auch nur geringfügig die Geschwindigkeit.

Wurde nicht immer die Freundlichkeit der Südstaatler angepriesen? Allerdings hätte Arden auch keinen Fremden auf dem Highway aufgelesen. Und sie war sich nicht einmal sicher, ob sie selbst zu jemandem ins Auto steigen würde.

Bisher hatte sich der Tag freundlich gezeigt – warm mit einer angenehmen sanften Brise. Dementsprechend war Arden gekleidet: Mit dem leichten T-Shirt und dem farbenfrohen Rock glaubte sie sich gut für den Roadtrip gerüstet.

Das änderte sich jetzt, da sich am Horizont schwarze Wolken bedrohlich zusammenballten. Die Temperatur war während der vergangenen halben Stunde dramatisch gefallen, und sie sehnte sich nach einem warmen Pullover.

Schon lag der Geruch von Regen in der Luft und erinnerte sie an den Wetterbericht, den sie vorhin im Radio gehört hatte: Ein Sturm war erwähnt worden. Allerdings hatte sie die Worte nicht weiter beachtet, weil sie zu diesem Zeitpunkt längst im nächsten Bundesstaat sein wollte.

Arden beschleunigte ihre Schritte. Hoffentlich konnte sie sich zumindest irgendwo unterstellen, sobald der Regen einsetzte. Etwa eine Meile hatte sie bereits hinter sich gebracht. Immer wieder warf sie einen Blick auf das Display ihres Telefons, doch es zeigte keinen Empfang.

Erstaunlich, ihr guter alter Käfer hatte sie also direkt ins Mittelalter geschleudert – irgendwo zwischen Baltimore und Tampa.

Nun, es half alles nichts: Sie musste tapfer weitergehen, bis sich zum wiederholten Mal ein Steinchen in ihre Sandale verirrte und sich schmerzhaft in ihre Fußsohle bohrte.

Kopfschüttelnd blieb sie stehen, streifte den Schuh ab und schüttelte den Stein heraus. Von einem Paar Sandalen, das etwa eintausend Dollar gekostet hatte, konnte sie wohl nicht erwarten, dass es auch noch bequem war. Dafür waren die Schuhe wirklich hübsch anzuschauen.

Sobald sie die Zivilisation erreichte, würde sie ausgiebig ihre geschundenen Fußsohlen massieren, nahm sie sich vor, und versuchte sich zu neuer Kraft anzuspornen.

Sie war nur wenige Schritte gegangen, als sie hörte, wie ein Wagen seine Fahrt verlangsamte. Einige Meter vor ihr kam er zum Stehen. Es handelte sich um einen großen silberfarbenen Pick-up-Truck – ein neueres Modell in gut gepflegtem Zustand.

Gleich darauf wurde die Fahrertür geöffnet, und ein Mann stieg aus. Er war so groß, dass sein Kopf sogar über die Fahrerkabine des riesigen Trucks ragte.

Mit lässigen Schritten ging er um den Pick-up herum. Er trug das Haar zu Dreadlocks gedreht, die mit einem Gummiband zusammengefasst waren und bis auf die Mitte seines Rückens fielen.

Seine Schultern waren so breit, dass sich Arden unwillkürlich fragte, ob der Typ im Flugzeug wohl zwei Sitze benötigte. Und sie waren so breit, dass dadurch seine schmalen Hüften und der flache Bauch besonders gut zur Geltung kamen.

Er sah wirklich gut aus, mit Haut in der Farbe von dunkler Schokolade und einem ausgeprägten, charakterstarken Kinn. Seine Augen leuchteten beinahe schwarz und musterten sie mit einem schnellen, forschenden Blick von Kopf bis Fuß.

Ein Schauer lief über ihre Haut, doch dieses Mal hatte es nichts mit der Außentemperatur zu tun.

Auch wenn er sich nicht im Entferntesten bedrohlich verhielt, hallten in ihrem Kopf sämtliche Warnungen, die sie je von ihren Eltern und Brüdern gehört hatte. Und waren reiche Töchter nicht auch eine beliebte Beute für Entführer, um Lösegeld zu erpressen?

Ardens Blick huschte in alle Richtungen. Weit und breit sah sie keinen weiteren Wagen. Sie war hier draußen ganz allein – allein mit einem Fremden, der langsam auf sie zukam.

Hektisch machte sie einen Schritt rückwärts und wäre beinahe gestolpert.

Der Mann schien ihre Gedanken zu erraten. Sofort hob er die Hände und wich zurück, bis sein Rücken die Ladefläche des Trucks berührte. „Ich will Ihnen nichts tun. Ich will bloß helfen. Ich habe Ihr Auto am Straßenrand gesehen, das heißt, falls Sie einen roten Beetle fahren.“

Seine Stimme war angenehm tief und dunkel, außerdem redete er so sanft auf sie ein, als wolle er ein ängstliches Kind beruhigen. Arden nickte.

„Dann sind Sie bereits ganz schön weit gelaufen, aber bis nach Sweet Briar sind es immer noch zwei Meilen.“ Er blickte auf zum sich verfinsternden Himmel. „Für diese Gegend gab es eine ernst zu nehmende Sturmwarnung. Springen Sie in meinen Wagen, und ich nehme Sie mit in die Stadt.“

Er machte einen harmlosen Eindruck, aber die jahrelangen Ermahnungen vor Fremden hatten sich zu tief in ihr eingebrannt, als dass sie sie einfach zu ignorieren vermochte. Selbst seine samtweiche Stimme konnte sie nicht umstimmen.

Arden schüttelte den Kopf. „Danke. Das ist wirklich nett, aber ich laufe lieber. Ein bisschen Regen hat noch niemandem geschadet. Und noch ist es ja nicht so weit.“

Wie aufs Stichwort zerriss in diesem Augenblick ein lang gezogener Blitz den dunklen Himmel, gleich darauf grollte der Donner, und es begann zu regnen.

„Es macht mir wirklich nichts aus, Sie mitzunehmen.“

Arden legte den Kopf zur Seite und starrte ihn an. Irgendetwas war seltsam. Er klang aufrichtig, und seine Körperhaltung wirkte nicht gefährlich, dennoch schien er nicht sonderlich begeistert von dem Gedanken zu sein, sie tatsächlich mitzunehmen.

Er schien sich vielmehr zwingen zu müssen, das Angebot auszusprechen. In diesem Moment erinnerte er Arden an einen zwölfjährigen Jungen, der von seiner Mutter gezwungen wurde, ein Mädchen zum Tanzen aufzufordern.

Nicht gerade vertrauenerweckend.

„Nein, danke. Ich riskiere es, nass zu werden.“ Mit jeder Sekunde wurde der Regen heftiger, doch nass zu sein war immerhin besser, als tot zu sein – oder was auch immer der Fremde im Sinn hatte.

Brandon starrte die Frau an und fragte sich, ob sie noch ganz bei Trost war. Das Haar klebte ihr bereits regennass am Kopf, und die Tropfen rannen über ihr Gesicht und in ihre Augen.

Das hellgraue T-Shirt mit irgendeinem schicken, orange-pinkfarbenen Design darauf legte sich wie eine zweite Haut um ihre Brüste und ihre schmale Taille. Offenbar war ihr noch gar nicht bewusst, dass das Shirt im Regen fast durchsichtig wurde. Es enthüllte einen weißen, mit Spitze besetzten BH, und er versuchte, rasch den Blick abzuwenden.

Sie war bereits bis auf die Knochen durchnässt und wollte trotzdem laufen?

Natürlich wollte sie das. Das hier war noch das Sahnehäubchen auf einem ohnehin schon vergeudeten Tag.

Stundenlang hatte er bereits in der Bank verbracht, wo er von einem Angestellten zum nächsten geschickt worden war und aufgefordert wurde, irgendeinen vermeintlichen Fehler in der Abrechnung des Restaurants aufzuklären.

Und nun verschwendete er weitere Zeit, um einer starrsinnigen Frau aus der Patsche zu helfen.

Er war müde und gereizt und wollte den Tag bloß noch hinter sich bringen, aber trotz allem konnte er diese Frau nicht einfach im Regen stehen lassen. Das verboten ihm sein Gewissen, seine Moral und nicht zuletzt seine gute Erziehung. Sowohl seine Eltern als auch seine Großeltern hätten ihm die Hölle heißgemacht, wenn er diese Lady nicht aus ihrer Notlage befreit hätte.

Er rieb sich über den Nacken.

Die junge Frau reckte das niedliche kleine Kinn in wilder Entschlossenheit nach vorn.

„Hören Sie mal, ich kann Sie nicht einfach hier stehen lassen. Ich habe eine Schwester, und ich würde mir wünschen, dass ihr jemand zu Hilfe kommt, wenn ihr Auto auf dem Highway liegen bleiben würde – und dass sie vernünftig genug wäre, um Hilfe auch anzunehmen.“

„Selbst von einem Mann, den sie überhaupt nicht kennt?!“

Brandon schnaubte leise. Darauf ließ sich nur eines erwidern. „Mein Name ist Brandon Danielson. Mir gehört ein Restaurant in Sweet Briar.“ Mit diesen Worten griff er in die hintere Tasche seiner Jeans, nahm den Geldbeutel und zog aus diesem den Führerschein heraus und hielt ihn hoch – auch wenn er bezweifelte, dass sie den Namen auf diese Entfernung entziffern konnte.

„Das bin ich. Sie können den Schein behalten, wenn Sie sich dadurch besser fühlen. Himmel, meinetwegen können Sie selbst fahren, wenn Sie sich dadurch sicherer fühlen.“

Sie nickte, wirkte aber noch nicht vollständig überzeugt. „Okay“, sagte sie schließlich. „Danke.“

„Sie können mir danken, wenn wir es durch diesen Sturm geschafft haben.“

Auf dem unebenen, regennassen Randstreifen geriet die Frau mehrmals ins Stolpern, bis sie es zur Beifahrertür schaffte. Sie stellte den Fuß auf das Trittbrett und griff nach der Halteschlaufe, um in den hohen Truck zu steigen. Dabei rutschte die Sandale weg.

Instinktiv streckte er den Arm aus und umfing ihre unfassbar schmale Taille.

Das Gefühl ihres weichen Körpers an seinem ließ ihn zusammenzucken. Plötzlich war er sich ihrer Gegenwart überdeutlich bewusst, und er ließ Arden abrupt los.

Was war nur los mit ihm? Er hatte hier die Rolle des guten Samariters zu spielen, nicht die des Aufreißers, der Frauen auf der Straße auflas. Er musste jetzt einfach praktisch denken.

„Ich helfe Ihnen beim Einsteigen.“ Bevor sie etwas erwidern konnte, nahm er sie auf die Arme und setzte sie behutsam auf den Beifahrersitz. Selbst völlig durchnässt war sie wirklich ein Fliegengewicht. Sicher wog sie kaum mehr als fünfundfünfzig oder sechzig Kilo.

Er schlug die Autotür zu, ging um den Wagen herum und setzte sich hinters Steuer. Sobald er den Motor angelassen hatte, begann die Luft im Wageninneren zu zirkulieren, und ihr Duft wurde in seine Nase geweht.

Himmel, sie roch so gut. Nach Shampoo und nach Regen – wie nicht anders zu erwarten –, aber noch nach etwas anderem. Sie roch nach Blumen und Sonnenschein. Und nach Glück.

Du liebe Zeit, wo in aller Welt war dieser Gedanke hergekommen? Er schüttelte den Kopf, in der naiven Hoffnung, er könne damit weitere dumme Gedanken abschütteln. Dann spähte er auf den Beifahrersitz.

Obwohl der Regen ihr Make-up beinahe abgewaschen hatte, sah sie unglaublich schön aus. Ihre karamellfarbene Haut war bemerkenswert rein und samtig, und ihre Augen strahlten in einem sanften hellen Braun. Mit den hohen Wangenknochen und den perfekt geformten Lippen hätte sie wirklich das Zeug zum Model gehabt.

Allerdings hätte er ihre Schönheit vermutlich mehr zu schätzen gewusst, wenn sie sich weniger starrsinnig verhalten hätte. Außerdem, rief er sich in Erinnerung, betrachtete man schließlich auch ein schönes Kunstwerk stets mit einem gewissen Abstand.

Und daran würde er sich halten.

In diesem Moment wandte sie den Kopf und sah ihn mit weit geöffneten Augen an. Ihre Zähne hatten hörbar zu klappern begonnen. Ob dies allerdings ihren durchweichten Kleidern oder ihrer Nervosität geschuldet war, vermochte er nicht zu sagen.

Brandon drehte die Heizung an und lenkte den Wagen zurück auf die Straße. Obwohl die Scheibenwischer auf höchster Stufe arbeiteten, kamen sie kaum gegen den heftigen Regen an.

„Der Truck hat eine Sitzheizung“, sagte er und deutete auf einen Knopf. „Und auf dem Rücksitz liegt eine Jacke. Ziehen Sie sie über.“

Zögernd ließ sie den Türgriff los, an den sie sich bisher geklammert hatte, und drehte an besagtem Knopf. „Ich brauche Ihre Jacke nicht. Mir geht’s gut. Außerdem sind Sie genauso nass wie ich.“

„Möglich.“ Er griff nach hinten und bekam die Jeansjacke zu fassen. „Aber sehen Sie sich mal Ihr Shirt an. Vielleicht wollen Sie es sich noch anders überlegen.“

Sie sah auf ihr Dekolleté hinab und gab ein leises Quietschen von sich. „Oh, ich sehe aus, als käme ich gerade von einem Wet-T-Shirt-Contest“, sagte sie unglücklich. „Allerdings ohne Preis.“

Er konnte ein leises Lachen nicht zurückhalten. Es stimmte, bei einem Wet-T-Shirt-Wettbewerb hätten sicherlich Frauen mit mehr Oberweite gewonnen – immerhin ging es darum, besonders viel Brust zu sehen, nachdem die Teilnehmerinnen in ihren weißen Shirts mit kaltem Wasser übergossen wurden.

Aber erstens trugen die Ladies bei solchen Wettbewerben keine BHs unter den Shirts, und zweitens war an diesen Brüsten hier absolut nichts auszusetzen.

Nicht, dass er so genau hingesehen hätte. Nicht lange zumindest.

„Wie heißen Sie?“

Das war nun wirklich keine schwere Frage, dennoch schien sie zu zögern, als müsste sie darüber nachdenken. „Arden W… West. Einfach Arden“, fügte sie rasch hinzu.

Er hob die Braue. „Schön, Arden … Was führt dich nach North Carolina?“

Sie sah ihn misstrauisch an und lehnte sich in Richtung Tür. „Woher willst du wissen, dass ich nicht von hier bin?“

„Wegen des Akzents. Die Leute hier reden anders – Südstaatenslang.“

Sie nickte und schien sich wieder zu entspannen. „Stimmt.“

„Außerdem hab’ ich dein Auto gesehen, schon vergessen? Das Nummernschild war aus Maryland.“

„Oh.“ Nun wirkte sie beinahe zerknirscht.

„Und? Was bringt dich in unsere Gegend?“

„Mein Auto ist hier liegen geblieben.“ Um ihre Mundwinkel spielte ein schelmisches Lächeln, und irgendwie traf ihn dieses Lächeln mit unerwarteter Heftigkeit mitten in die Brust. Für einen Moment fiel es ihm schwer, Atem zu holen.

„Sweet Briar ist eine kleine Stadt, aber sie scheint so etwas wie eine magnetische Anziehungskraft zu haben, die Neuankömmlinge anlockt und nicht mehr loslässt. Ein bisschen wie in Hotel California.“

„Du kannst zwar auschecken, aber niemals wirklich gehen?“

Brandon nickte. Es gefiel ihm, dass sie den Klassiker der Eagles ebenso gut kannte wie er. Er hatte den Song schon immer gemocht.

„Bist du denn ursprünglich von hier?“

„Nein.“

Als er nichts weiter dazu sagte, sah sie ihn von der Seite an und hob fragend die Brauen.

„Chicago – ich bin vor drei Jahren hierhergezogen.“ Es war ihm lieber, nicht auf die Gründe einzugehen. Für gewöhnlich gab er nicht allzu großzügig Informationen über sein Leben preis. Schon gar nicht vor hübschen Fremden.

Allerdings schien es sie zu beruhigen, wenn er über sich selbst sprach, also konnte er ebenso gut weiterreden, solange er sich an Oberflächlichkeiten hielt.

Dann veränderte sich ihr Blick. Er hatte nun beinahe etwas Schelmisches. „Hat dich denn die magnetische Anziehungskraft hier festgehalten? Oder bist du freiwillig geblieben?“

„Freiwillig.“ Damals hatte er Chicago und diese verlogene Sylvia gar nicht schnell genug hinter sich lassen können. Und als ein Freund ihm davon berichtet hatte, wie gerne seine Cousins im ruhigen Sweet Briar lebten, war er in das erste verfügbare Flugzeug nach North Carolina gestiegen.

Arden nickte, dann sah sie aus dem Seitenfenster. Ein Blitz erhellte für den Bruchteil einer Sekunde die Szenerie, gleich darauf krachte der Donner. Der Regen fiel wie aus Eimern vom Himmel, und das Abwassersystem würde sicher nicht lange mit den Wassermassen mithalten können. Die Straßen in Sweet Briar waren gewiss schon überflutet.

Brandon wagte nicht, den Truck zu seiner gewohnten Geschwindigkeit auszufahren. Quälend langsam kamen sie auf der regengefluteten Straße entlang. Schließlich musste er sogar unter einer Fußgängerbrücke halten und warten, bis die nächste Sturmböe abgeflaut war.

Endlich erschien das Straßenschild im regengrauen Zwielicht, das den Eintritt in die Kleinstadt ankündigte: Sweet Briar – 1.976 Einwohner.

Vom Beifahrersitz kam ein erleichtertes Seufzen, und Brandon fragte sich, ob sie womöglich doch mehr Angst gehabt hatte, als sie sich anmerken ließ.

„Gibt es hier ein Hotel? Oder nein, besser wäre eine Autowerkstatt. Dann können sie gleich meinen Wagen holen“, sagte sie hoffnungsvoll.

„Kein Hotel. Wir haben nur ein paar Pensionen.“ Er beugte sich vor, kniff die Augen zusammen und versuchte, durch den Regenschleier etwas zu erkennen. Wie er bereits befürchtet hatte, stand das Wasser schon fast kniehoch in den Straßen der Stadt. „Es gibt eine Werkstatt, aber ich bin sicher, John hat für heute bereits dichtgemacht.“

Sie warf einen raschen Blick auf ihre Uhr und sah ihn ungläubig an. „Es ist erst fünf Uhr!“

„Für gewöhnlich schließt er zwischen vier und halb fünf. So ist das eben in der Kleinstadt.“

„Verstehe.“ Eine kleine steile Falte bildete sich zwischen ihren hübschen Brauen. „Gibt es noch einen anderen Mechaniker?“

„Nein, nur John. Und um ehrlich zu sein, glaube ich nicht, dass er dein Auto bei dem Wetter überhaupt holen würde. Du hast die Straßenverhältnisse ja selbst gesehen.“

Sie dachte einen Moment nach. „Okay. Kannst du mich dann bitte zu einer der Pensionen fahren?“

„Kein Problem. Das Sunrise B&B ist nur ein paar Blocks entfernt. Morgen früh kannst du John anrufen. Sag ihm, dass du es eilig hast, dann wird er sich bestimmt gleich um dich kümmern.“

„Danke.“

„Kristina wird dir Johns Nummer geben. Kristina gehört die Pension.“

„Apropos anrufen …“ Hektisch zog sie ein Handy aus der Tasche und prüfte das Display. Dann breitete sich ein Lächeln auf ihrem Gesicht aus. „Hier habe ich endlich wieder Empfang! Ich habe das düstere Mittelalter hinter mir gelassen!“

Brandon blinzelte. „Wie bitte?!“

Sie lachte. „Schon gut. Ich fühle mich wieder der Zivilisation verbunden.“

Kurz darauf lenkte Brandon den Truck in die Einfahrt eines mächtigen viktorianischen Herrenhauses.

Arden neigte den Oberkörper und spähte durch die Windschutzscheibe zu dem imposanten Haus auf, das in diesem Moment von einem Blitz erhellt wurde. „Das soll das Sunrise B&B sein?“

„Ja.“

„Es sieht aus wie ein Gruselhaus.“ Sie sah zum Haus, dann zurück in sein Gesicht. „Bist du sicher, dass hier nicht Herman und Lily wohnen?“

Er lachte überrascht auf. Demnach mochte sie ebenfalls die alte TV-Serie aus den Sechzigern, The Munsters, genau wie er. „Ganz sicher. Auch wenn die Straße Mockingbird Lane heißt.“

„Im Ernst? The Munsters wohnten in der Mockingbird Lane 1313!“

„War nur Spaß. Das hier ist die Rose Street.“

Sie schüttelte die kleine Faust in seine Richtung. „Oh, das ist nicht komisch!“

Brandon widerstand dem Impuls, laut loszulachen, doch ein Lächeln konnte er nicht aufhalten. „Doch, ist es.“

Sie grinste. „Na schön, ist es.“

„Es mag jetzt im Sturm unheimlich aussehen, aber es ist ein sehr schönes Haus. Gut erhalten und liebevoll eingerichtet. Du wirst dich sehr wohl darin fühlen.“

„Hast du hier je übernachtet?“

„Nein, ich habe selbst ein Haus in der Stadt. Aber vertrau mir. Kristina Harrison ist eine sehr nette Person. Und sie hat Geschmack. Die Pension wird dir gefallen.“

„Okay.“

„Bleib sitzen. Ich helfe dir.“ Er hatte den Truck zur Hälfte umrundet, als sich die Beifahrertür öffnete. Arden sprang aus dem Auto. Das Aufspritzen von Wasser war zu hören, gefolgt von einem leisen Aufschrei.

„Ich weiß, ich weiß – sag nichts.“ Sie lachte und machte einen großen Schritt aus der Pfütze in der Einfahrt. „Ich wollte dir eben keine Umstände machen.“

Darüber konnte er bloß den Kopf schütteln – als ob es Umstände gemacht hätte, ihr aus dem Wagen zu helfen und sie über ein paar Pfützen zu tragen. Doch es schien ihr lieber zu sein, mit ihren Sandalen den Spießrutenlauf über die Einfahrt aufzunehmen, als auf seine Hilfe zu warten.

Zwar kannte er diesen Starrsinn von sich selbst – die Dinge partout ohne fremde Hilfe in die Hand nehmen zu wollen –, trotzdem blieb er vorsichtshalber in ihrer Nähe, um sie aufzufangen, falls sie erneut ins Straucheln geraten sollte.

Ohne weitere Zwischenfälle erreichten sie den imposanten Treppenaufgang. Inzwischen war auch er bis auf die Haut durchnässt und hatte es eilig, die Klingel zu betätigen.

Kurz darauf wurde die hübsche Glastür geöffnet. „Du liebe Güte. Kommt rein, bevor ihr euch eine Lungenentzündung holt!“, sagte Kristina und winkte sie herein.

„Danke.“ Brandon trat beiseite, um Arden den Vortritt zu lassen.

Arden schlüpfte ins Haus. Kristina war eine hübsche Frau, und Arden schätzte ihr Alter auf Mitte zwanzig. „Ich hole euch Handtücher“, bot Kristina sofort an und scheuchte die beiden ins Wohnzimmer.

Arden überkam ein schlechtes Gewissen, weil sie nasse Spuren auf dem glänzenden Marmorboden im Flur hinterließ.

Im Wohnzimmer betrachtete sie sehnsüchtig die gemütlichen Sofas und den mächtigen Kamin, in dem leider kein Feuer brannte.

„Hier.“ Kristina war zurückgekehrt und reichte ihnen beiden weiche, flauschige Handtücher. „Brandon, was bringt dich und deine Freundin bei diesem Unwetter hierher?“

Brandon nahm ein Handtuch entgegen und schenkte Kristina ein gewinnendes Lächeln.

Dieses Lächeln ließ in Arden die widersprüchlichsten Gefühle aufkochen. So etwas wie … Eifersucht. Meine Güte. Sie fühlte sich besitzergreifend … Warum? Was ging es sie an, wen Brandon anlächelte? Sie kannte ihn ja nicht einmal. Und hatte sie nicht gerade festgestellt, dass Männer in Wahrheit Schlangen waren? Vielleicht hatte Brandon bisher noch nicht seine Zähne gezeigt, aber das hieß doch nicht, dass er sich nicht blitzschnell umdrehen und zubeißen konnte.

Und Arden hatte kein Interesse mehr daran, gebissen zu werden.

Brandon erklärte Kristina die Situation und erzählte von Ardens Autopanne.

„Oh, du armes Ding. Das ist ja furchtbar“, wandte sich Kristina an Arden.

Brandon rieb sich mit dem Handtuch über das Gesicht. Seine Brustmuskeln spannten sich an, und plötzlich wurde Arden bewusst, dass sie ihn anstarrte.

Ihr war nicht mehr kalt, im Gegenteil. Mit einem Mal fühlte sie sich überhitzt.

Energisch trocknete sie ihr Haar und ermahnte sich, dass ein schöner Körper nicht gleichzusetzen war mit einem guten Herzen, auch wenn sich Brandon ihr gegenüber bisher sehr ritterlich verhalten hatte. Und er wusste nicht einmal, dass sie reich war.

„Arden braucht ein Zimmer für die Nacht“, erklärte er gerade Kristina.

„Oh, nein! Ich bin völlig ausgebucht! Carmens und Trents Hochzeit findet dieses Wochenende statt. Und die ersten Gäste sind heute Nachmittag eingetroffen“, erklärte die junge Pensionswirtin bedauernd.

„Jetzt schon? Es ist erst Montag.“

„Viele Gäste erweitern ihren Aufenthalt zu einem Urlaub. Sweet Briar ist in den vergangenen Jahren immer beliebter geworden. Wir sind sogar fast den gesamten Sommer über ausgebucht.“

Arden nieste.

„Gesundheit. Tut mir wirklich leid, dass ich kein Zimmer für dich frei habe. Ich würde dir ja das Come On Inn empfehlen – auch wenn mir dieser Reginald Thomas gehörig auf die Nerven geht –, aber dort ist ebenfalls alles reserviert. Natürlich waren wir längst vor ihm ausgebucht. Er hat bloß abgefangen, was wir nicht mehr aufnehmen konnten.“

Arden nickte und trocknete mit dem Handtuch ihre Beine ab, wo das Regenwasser in kleinen Rinnsalen aus dem durchnässten Rock tropfte. Sie brauchte wirklich dringend trockene Kleidung.

„Also, was wirst du tun?“, fragte Kristina, und soweit Arden es beurteilen konnte, war diese fremde Frau wirklich besorgt um sie – erstaunlich, da sie Arden doch gar nicht kannte.

Doch Brandon war schneller mit der Antwort. „Es bleibt uns ja keine Wahl. Sie kommt mit zu mir.“

2. KAPITEL

„Ich soll mit zu dir kommen?!“, fragte Arden, sobald sie wieder in seinem Truck saßen. „Es wird hier ja wohl noch irgendwo eine Pension geben, die ein Zimmer für mich hat.“

Brandon war bewusst, dass Arden ihn scharf ins Auge gefasst hatte. Genauso scharf wie vorhin, bevor sie in sein Auto gestiegen war. Er konnte ihr Zögern gut verstehen, auch wenn es keinen Grund für sie gab, Angst zu haben.

„Du hast Kristina ja gehört: Die einzigen beiden Pensionen in Sweet Briar sind ausgebucht. Sonst gibt es bloß noch ein paar Motels am Highway, etwa zwanzig Meilen entfernt. Aber erstens würde ich nicht darauf bauen, dass die Straßen befahrbar sind, und zweitens würde ich nicht das Risiko eingehen, dorthin zu fahren. Vielleicht sind sie ebenfalls schon für die Nacht besetzt.“

Sie nickte, wirkte aber nicht im Mindesten überzeugt oder gar begeistert. Doch an den Tatsachen war nichts zu ändern, und das schien sie einzusehen.

Der Regen schlug noch mit derselben Heftigkeit gegen die Windschutzscheibe.

In Wahrheit war Brandon nicht gerade wild darauf, sie bei sich aufzunehmen. Aber hatte er eine Wahl? Er konnte sie nicht einfach dem Sturm aussetzen und ihrem Schicksal überlassen. Er hatte sie bis hierher mitgenommen, und irgendwie fühlte er sich jetzt für ihre Sicherheit verantwortlich.

Er würde John anrufen und dafür sorgen, dass ihr Auto gleich am nächsten Morgen repariert würde, und sie dann ihrer Wege ziehen lassen. Damit hätte er sogar die hohen moralischen Anforderungen seiner Eltern erfüllt.

Sie glitten durch den Sturm und passierten auf ihrem Weg die Tankstelle. Alles lag wie ausgestorben da, und die gedämpften Lampen über den ausgeschalteten Zapfsäulen warfen ein gespenstisches Licht auf die Straße.

Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen.

„Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Meine Schwester Joni wohnt bei mir.“

„Und wird sie auch zu Hause sein?“

Er nickte, griff nach seinem Telefon und wählte Jonis Nummer. Dann drückte er die Lautsprechertaste. „Hey, Brandon.“

„Joni, ich bin in ein paar Minuten zu Hause. Und ich bringe einen Gast mit.“

Joni lachte. „Ich weiß. Kristina hat gerade angerufen.“

„Hey, diese Frau hat den falschen Beruf ergriffen! Sie hätte Reporterin werden sollen.“

Seine Schwester lachte erneut. „Kann uns das Mädel hören?“

„Ja.“

Brandon warf Arden einen Blick zu. Ein leichtes Lächeln kräuselte ihre Mundwinkel.

„Keine Angst. Mein Bruder ist wirklich harmlos. Und ich weiß bereits, dass du bis auf die Haut durchnässt bist. Ich werde dir schon mal ein paar Klamotten von mir raussuchen.“

„Danke. Ich weiß das wirklich zu schätzen.“

„Kein Ding.“

Brandon beendete das Gespräch und sah sie an. „Besser?“

Sie lächelte ihn an, und für einen Moment war es, als würde die Sonne durch die Wolken brechen.

An der Stelle, wo einst sein Herz gewesen war, schien sich etwas zu regen. Doch er beschloss, den Impuls zu ignorieren.

„Viel besser. Danke, dass du sie angerufen hast.“

„Sicher. Ich will nicht, dass du die gesamte Nacht über Todesängste ausstehst. Wir sind ja nicht im Horrorfilm.“

Der dankbare Blick, den sie ihm zuwarf, traf ihn mitten in die Brust. Es war, als würde er ihn an der Stelle wärmen, wo sich Bitterkeit und Kälte eingenistet hatten.

Brandon rieb mit der Hand über seine Brust, wo die Narbe zurückgeblieben war. Sie sollte ihn daran erinnern, Abstand zu wahren. Das letzte Mal, als er sich einer Frau geöffnet hatte, war er auf der Intensivstation gelandet.

Gegen ein freundliches Gespräch war nichts einzuwenden, und Arden brauchte das jetzt, um sich wohlzufühlen, auf keinen Fall würde er eine emotionale Bindung zwischen ihr und sich zulassen.

„Meine Brüder haben immer gesagt, ich hätte eine lebhafte Fantasie. Deswegen sehe ich mir nie Horrorfilme an.“

„Niemals?“

„Niemals. Danach wäre ich nur noch damit beschäftigt, unter mein Bett zu sehen, in die Schränke, aus dem Fenster … Ich würde gar nicht mehr ruhig schlafen können.“

Er nickte. „Das da ist unser Haus. Das dritte auf der linken Straßenseite.“

Arden lehnte sich zurück und seufzte. „Von hier sieht es ja ziemlich normal aus.“

„Den Drachen halten wir im Keller gefangen.“

„Gut zu wissen.“

Lächelnd lenkte Brandon den Wagen in die Einfahrt.

Keine Minute später rannten sie durch den Regen, überquerten einen weiten Hinterhof und eilten die Stufen einer schmalen Treppe hinauf. Schon wurde die Tür geöffnet, und eine junge Frau begrüßte sie mit einem herzlichen Lächeln.

Arden nahm an, dass es sich um Joni handelte. Sie hatte freundliche Augen und wirkte überaus sympathisch. „Kommt schnell rein. Es gießt ja wie aus Kübeln“, sagte sie.

Gleich hinter der Tür streifte Arden die inzwischen schlammbespritzten Sandalen ab und sah sich um. Sie hatten das Haus durch den Waschraum betreten, und Joni führte sie nun in die Küche.

Staunend betrachtete Arden die Einrichtung. Der große Raum war mit glänzenden, teuren Küchenutensilien bestückt, wie man sie sonst bloß in Restaurants vorfand. Eine lange, auf Hochglanz polierte Marmortheke zog sich an der gesamten Längsseite entlang, und gegenüber stand ein schwerer, solider Holztisch mit wunderschöner Maserung. Am Kopfende des Raums befand sich ein Kamin aus Stein.

Doch was Ardens Aufmerksamkeit besonders fesselte, war der köstliche Duft, der den gesamten Raum erfüllte. Wie zur Antwort machte sich ihr Magen bemerkbar und knurrte laut.

„Sorry.“ Ardens Wangen brannten vor Scham, und sie legte rasch die Hand auf den Bauch, um das Geräusch zu dämpfen.

Joni fegte ihre Entschuldigung mit einer lässigen Handbewegung beiseite. „Quatsch, wofür denn? Du bist nicht nur durchnässt, du bist auch hungrig. Wenn ich du wäre, würde ich wahrscheinlich mit bloßen Händen in die Töpfe greifen.“

Das brachte Arden zum Lachen, und sie fühlte sich nicht länger peinlich berührt. Sie begann sogleich, Joni zu mögen.

„Ich hab’ ein paar Klamotten für dich. Die werden dir besser passen als die Jeansjacke meines Bruders. Komm, ich zeig dir das Bad. Nach einer heißen Dusche wirst du dich gleich viel besser fühlen. Es dauert noch ein paar Minuten, bis das Abendessen fertig ist.“

Heißes Wasser und trockene Kleidung klangen in Ardens Ohren wie der Himmel auf Erden.

„Sicher? Ich will dir keine Umstände machen.“

„Unsinn. Du machst mir keine Umstände.“

„Danke.“

„Hier geht’s lang.“ Joni legte Arden schwesterlich den Arm um die Schultern und geleitete sie durch den Flur an den Fuß einer Treppe.

Es war Arden mehr als unangenehm, dass sie überall Regentropfen auf dem gepflegten Holzfußboden hinterließ, aber das ließ sich nicht ändern – sie hätte sich wohl kaum in der Küche ausziehen können.

Joni schien es nichts auszumachen. Mit federnden Schritten führte sie Arden die Treppe hinauf. Brandon folgte schweigend.

„Du kannst hier schlafen“, sagte Joni, öffnete die Tür zu einem Schlafzimmer und zeigte das direkt angrenzende Bad. „Als wir hier eingezogen sind, hat Brandon einiges umbauen lassen. Er wollte aus den kleinen Räumen Badezimmer machen, und zuerst war ich gar nicht damit einverstanden. Aber jetzt finde ich es super.“

Noch während sie redete, ging Joni mit tänzelnden Schritten vom Schrank zur Kommode, holte ein flauschiges Badetuch heraus, legte es auf die marmorne Ankleidebank und brachte aus einem Schränkchen im Badezimmer verschiedene Fläschchen und Tiegel zum Vorschein. Shampoo, Haarspülung und Duschgel landeten neben dem Handtuch.

„Bin sofort zurück“, versprach sie und kehrte gleich darauf mit einem Stapel sorgfältig gefalteter Kleider zurück. Arden nahm alles dankend entgegen, dann ließ Joni sie allein.

Erst jetzt wagte Arden, in den Spiegel über der Kommode zu schauen.

Es war kein schöner Anblick. Der Regen hatte zwar das Make-up aus ihrem Gesicht gewaschen, nicht aber den langen Streifen schlammigen Spritzwassers, der sich über ihre Wange zog.

Das nasse Haar war vom Wind zerzaust, und irgendwie hatte sich ein kleiner Zweig in dem feuchten Wust verfangen. Arden seufzte, klaubte den Zweig aus ihrem Haar und zog sich aus.

Selten im Leben hatte sich eine heiße Dusche so gut angefühlt. Arden hätte stundenlang im wohltuenden Strom stehen können, doch das wäre ziemlich unhöflich gewesen. Sie war nur Gast in diesem Haus – und obendrein ein unerwarteter – und sollte sich besser beeilen, um nicht zu spät zum Abendessen zu kommen.

Rasch öffnete sie die Shampooflasche und gab eine haselnussgroße Menge davon in ihre Handflächen. Joni benutzte dieselbe Marke wie sie selbst, und während sie das Shampoo in ihrem Haar verteilte und den gewohnten Duft einatmete, verflog auch noch der letzte Rest Anspannung.

Nachdem sie fertig war, sah sie Jonis Kleider durch. Aus den verschiedenen Stücken wählte sie ein langärmeliges Baumwolloberteil und eine Jeans aus. Die Hose war ein wenig zu lang, sodass sie die Fußenden hochkrempeln musste, ansonsten passten die Sachen ganz gut.

Schließlich verließ sie das Schlafzimmer. Im Flur sah sie sich aufmerksam um. Was sie vorhin nicht bemerkt hatte, war die liebevolle Einrichtung: ein Mix aus moderner Bequemlichkeit und dem Charme eines alten Hauses.

Die hohen Räume waren sämtlich mit zierlichen Fußleisten und Kranzprofilen ausgestattet, die mit ihrer hellen Farbe einen hübschen Kontrast zu den dunkel gehaltenen Wänden bildeten.

Das Wohnzimmer war zwar stilvoll eingerichtet, aber definitiv zum Wohnen gemacht, nicht nur zum Anschauen. Überall gab es gemütliche Kissen, und über einem ledernen Liegestuhl war eine weiche Decke drapiert.

Arden hörte Stimmen und folgte ihnen durch den Flur in die Küche.

Dort wurde sie erneut von diesem köstlichen Duft eingehüllt.

„Komm, setz dich. Das Essen ist gleich fertig.“ Joni deutete auf einen Platz an dem schönen langen Holztisch. In der Mitte des Tischs stand eine kleine Vase mit frischen Blumen.

Das Heulen des Windes lenkte Ardens Blick in Richtung Fenster, doch die Vorhänge waren zugezogen. Man konnte den Regen gegen die Scheiben prasseln hören, und der Gedanke, noch immer draußen im Unwetter herumzuirren, ließ Arden erschauern. Wenn Brandon sie nicht mitgenommen hätte, wäre es ein sehr unschönes Abenteuer geworden.

Verstohlen warf sie Brandon einen Seitenblick zu. Er hatte sich ebenfalls umgezogen und trug nun ein graues Poloshirt, das über seiner breiten Brust spannte. Auch die lässige Jeans konnte nicht darüber hinwegtäuschen, wie durchtrainiert und muskulös seine Oberschenkel waren.

Dieser Mann stand den Statuen in nichts nach, mit denen sich Arden im Zuge ihrer Kunstgeschichtskurse am College befasst hatte.

Sie schüttelte den Kopf. Solche Gedanken hatte sie für gewöhnlich nicht im Sinn. Auch wenn sie in ihrem Leben schon einigen gut aussehenden Kerlen begegnet war, hatte sie sich nie benommen wie ein … Groupie.

„Ich bin dir wirklich dankbar für die Kleider, Joni. Ich werd’ sie dir so schnell wie möglich zurückgeben.“

Joni winkte ab. „Keine Bange. Ich habe mehr als genug Klamotten.“ Dann fixierte sie Brandon mit einem scharfen Blick. „Sag jetzt nichts.“

„Ich bin ganz still.“

„Gut!“

„Aber wenn ich etwas gesagt hätte, dann, dass du mehr Klamotten hast als drei normale Menschen zusammen.“

Joni versuchte, ihm die Leinenserviette an den Kopf zu werfen, doch er fing sie mit einer lässigen Bewegung ab. Dann öffnete er die Ofentür und warf einen prüfenden Blick auf den Inhalt.

Mit einem Lächeln auf den Lippen verfolgte Arden die Kabbeleien der Geschwister. Ganz offensichtlich wohnten sie nicht nur zusammen, weil sie miteinander verwandt waren, sondern sie schienen auch sehr gute Freunde zu sein.

Sie seufzte leise. Wenn das Verhältnis zwischen ihr und ihren Brüdern doch genauso gut wäre – Blake und Jax liebten sie und hätten alles für sie getan, aber für die beiden würde Arden dennoch nie eine andere sein als die kleine, hilflose Schwester, die sie beschützen mussten. Und notfalls müssten sie über deren Kopf hinweg entscheiden.

Natürlich war es gut zu wissen, dass die älteren Brüder ihr aus jedem Schlamassel heraushelfen würden, aber irgendwie schienen die beiden nicht mitbekommen zu haben, dass sie inzwischen erwachsen geworden war.

Und solange sie Arden nicht auf Augenhöhe begegneten, war es schwierig, eine ausgewogene Beziehung zu pflegen.

Aus diesem Grund hatte sie ihnen die hässlichen Umstände verschwiegen, die zum Ende der Beziehung mit Michael-dem-Mistkerl geführt hatten. Arden hatte ihnen lediglich mitgeteilt, dass sie Schluss gemacht hatte – mehr brauchten Blake und Jax nicht zu wissen. Sonst wären sie einmal mehr darin bestätigt gewesen, dass Arden auf den Schutz ihrer großen Brüder angewiesen war.

Inzwischen hatte Brandon eine dampfende Schüssel auf den Tisch gestellt und begann, Suppe in die Schalen zu schöpfen. Joni reichte warmes Brot dazu.

„Kann ich euch bei irgendetwas helfen?“, fragte Arden und versuchte, die finsteren Gedanken beiseitezuschieben.

„Überhaupt nicht. Du darfst dich einfach entspannen“, sagte Joni und stellte eine Schale auf Ardens Platz.

Auch Brandon setzte sich nun zu ihnen an den Tisch, und als er seinen Stuhl heranzog, nahm Arden den leichten Duft nach Seife wahr, den seine Haut ausströmte.

Ihr Herz schien einen Schlag auszusetzen, um dann doppelt so heftig weiterzuschlagen. Dann wurde ihr bewusst, dass er sie erwartungsvoll ansah, als sei er gespannt auf ihre Meinung.

Arden griff zum Löffel und kostete die Suppe. Intensive schwere Aromen breiteten sich auf ihrer Zunge aus und erfüllten heiß und köstlich ihren Mund. In ihrem Leben hatte sie in einigen der besten Restaurants der Welt gespeist, aber diese italienische Wurstsuppe stach bei Weitem heraus.

Bevor sie sich bremsen konnte, entschlüpfte ihr ein Laut absoluter Genugtuung.

Brandon starrte sie an, der Ausdruck in seinen schwarzen Augen vollkommen unleserlich. Ihre Blicke blieben aneinander haften – und die Zeit schien stillzustehen.

Arden hielt den Atem an. Ihr kam eine Fliege in den Sinn, die einer räuberischen Spinne ins Netz gegangen war – so ähnlich fühlte sie sich im Augenblick. Um nichts in der Welt war es ihr möglich, den Blick abzuwenden.

„Sieh an“, sagte Joni und lachte, während sie zwischen Brandon und Arden hin und her sah.

Ihre Stimme schien den Zauber zu brechen, und Arden senkte den Blick.

„Sorry.“ Peinlich berührt starrte sie in ihre Suppenschale. Was ist nur los mit mir? Sie zwang sich, Joni anzusehen. „Das ist die beste Suppe, die ich je gegessen habe! Du bist eine großartige Köchin.“

Joni schüttelte den Kopf. „Ich doch nicht. Ich kann nicht mal Brot toasten, ohne dass es gleich schwarz wird. Brandon ist hier der Chefkoch.“

Arden riskierte einen Blick und nahm sich fest vor, sich nicht mehr von diesen faszinierenden dunklen Augen einfangen zu lassen. „Du hast die Suppe zubereitet? Wow, sie schmeckt umwerfend!“

„Danke.“ Seine Stimme klang ein winziges bisschen gepresst. Vorhin im Auto war er sehr liebenswürdig gewesen, doch inzwischen schien er seine Hilfsbereitschaft zu bereuen, als wollte er mehr Abstand halten.

„Brandon ist Besitzer und Chefkoch des berühmtesten Restaurants im gesamten Bundesstaat: Heaven on Earth.“

„Oh ja, der Name passt“, bestätigte Arden und wünschte, ihre Suppenschale wäre ein bisschen größer. Gleich nachdem sie aufgegessen hatte, entfernte Brandon jedoch die leere Schale und holte stattdessen die Teller.

„Vorsicht!“, sagte er, als er die Hauptspeise auf den Tisch stellte, „es ist sehr heiß.“

„Das sieht großartig aus. Was ist es?“

„Im Ofen gegarter Seebarsch mit Orangen, Tomaten und Oliven.“

Arden sah ihn voll Begeisterung an. „Das hast du alles gemacht, während ich duschen war?“

„Nein, nein. Ich habe das Essen schon heute Vormittag vorbereitet. Joni hat es in den Ofen geschoben, als wir nach Hause kamen.“

Sie nahm einen Happen. Dieses Mal verkniff sie sich das befriedigte Aufseufzen, das ihr allerdings erneut auf den Lippen lag. Eine Mischung von Aromen verschmolz in ihrem Mund zu einer selten erlebten Geschmacksexplosion. Selbst damals, als sie nach dem Highschoolabschluss eine Weile in Frankreich und Italien gewohnt hatte, war ihr nichts so Köstliches auf den Tisch gekommen.

Joni nahm einen Schluck aus ihrem Glas und fragte dann: „Wo wolltest du denn hin, bevor dein Auto liegen geblieben ist?“

„Sei doch nicht so neugierig!“, wurde sie prompt von Brandon zurechtgewiesen.

Joni wedelte mit der Hand, als würde sie seinen Einwand wie eine lästige Fliege verscheuchen. Noch immer sah sie Arden erwartungsvoll an.

Normalerweise hätte sich Arden geärgert, wenn ihr ein Fremder eine so persönliche Frage gestellt hätte, doch Joni kam ihr gar nicht wie eine Fremde vor, vielmehr wie eine Freundin. „Ich bin auf dem Weg nach Florida.“

„Zum Urlaubmachen? Oder für einen neuen Job?“

Arden schüttelte den Kopf. „Weder noch. Ich wollte bloß für eine Weile weg.“

„Weg wovon?“ Diese Frage kam von Brandon, und offensichtlich hatte seine Neugier über seinen Anstand gesiegt.

Wer ist hier neugierig?!“, konterte Joni.

Brandon sah seine Schwester finster an, dann schenkte er Arden ein entschuldigendes Lächeln. „Tut mir leid. Vergiss die Frage.“

„Nein, das ist doch okay. Meine Beziehung ist gerade in die Brüche gegangen, ziemlich unschön. Ich wollte also ein bisschen Abstand gewinnen. Ich unterrichte Naturwissenschaften in der Mittelstufe, und momentan sind ohnehin Sommerferien, also habe ich beschlossen, dass ich ebenso gut für eine Weile die Stadt verlassen kann.“

„Oh. Und was hattest du vor in Florida?“, wollte Joni wissen.

Brandon sah sie warnend an und schüttelte kaum merklich den Kopf, trotzdem schien er an der Antwort seines Gastes ebenso interessiert zu wie seine Schwester.

„Nichts Besonderes, ehrlich gesagt“, musste Arden zugeben. Und mit einem Mal schien ihr die Vorstellung, allein im Ferienhaus ihrer Eltern zu sitzen und sich selbst zu bemitleiden, gar nicht mehr besonders verlockend. Eigentlich war es sogar eine ziemlich traurige Vorstellung.

Eine erbärmliche Vorstellung. War sie denn wirklich so fertig, dass sie sich wochenlang vor der Welt verstecken musste, um über einen miesen Typen hinwegzukommen?

Nein. Nein, verdammt noch mal. Sie war doch eine starke Frau.

„Und jetzt hängst du in Sweet Briar fest.“ Brandon legte das Besteck auf den leeren Teller und schob ihn in die Tischmitte. Arden tat es ihm nach. „John ist ein fähiger Mechaniker. Du wirst im Nullkommanichts wieder auf der Straße sein.“

Brandon erhob sich und begann, den Tisch abzuräumen. Noch bevor sich eine der beiden Frauen rühren konnte, hatte er die Teller eingesammelt und in die Spülmaschine gestellt. Daraufhin entschuldigte er sich und verließ die Küche.

Arden sah ihm nach, und sie kam nicht umhin zuzugeben, was er für ein außergewöhnlich hübsches Exemplar von einem Mann war.

Der Inbegriff der Männlichkeit.

An einer Beziehung hatte sie zwar jegliches Interesse verloren, aber immerhin hatte sie hier etwas Schönes zum Anschauen. Allerdings sollte sie nicht derart direkt schauen, schon gar nicht vor seiner Schwester. Hastig griff Arden nach ihrem Kaffeebecher.

Sie durfte sich nicht hinreißen lassen – nicht von Brandons Aussehen, nicht von seiner Gastfreundschaft. Und auf keinen Fall durfte sie sich noch einmal von ihren Gefühlen ablenken lassen. Gefühle waren trügerisch, und am Ende wurde einem wehgetan.

Zum Glück würde sie erst gar keine Gelegenheit haben, Gefühle zu entwickeln, denn schon morgen wurde ihr Auto repariert.

Und dann hieß es: Auf Wiedersehen, Sweet Briar.

3. KAPITEL

Arden erwachte mit dem Gesang der Vögel. In der Ferne bellte ein Hund.

Sie streckte sich und schlug die Augen auf. Im ersten Moment war sie ein bisschen verwirrt, doch dann fiel ihr ein, wo sie sich befand.

Sie erinnerte sich an die Autopanne und daran, wie Brandon sie gerettet hatte.

Energisch sprang sie aus dem Bett und betrat das angrenzende Badezimmer. Für gewöhnlich war sie überhaupt kein Morgenmensch, doch heute fühlte sie sich überraschend erfrischt und gestärkt. Das lag vermutlich daran, dass sie sprichwörtlich wie ein Baby geschlafen hatte.

Nachdem sie die Zähne geputzt, sich gewaschen und die Haare gebürstet hatte, trug sie etwas Lipgloss auf und brachte das Bad in Ordnung. Dann schüttelte sie die Kissen im Schlafzimmer auf, streifte die Kleider von gestern über, die inzwischen gewaschen und getrocknet waren, und betrat leise den Flur.

Schon konnte sie Brandons und Jonis Stimmen hören und folgte ihnen nach unten in die Küche.

„Guten Morgen“, grüßte Joni freundlich von ihrem Platz an dem großen Tisch. „Nimm dir Kaffee, wenn du möchtest.“

„Danke.“ Arden nahm sich eine Tasse, füllte sie mit heißem Kaffee und gab Zucker und Amaretto-Sahne-Aroma hinein.

„Brandon und ich haben gerade über dich gesprochen.“

„Echt?“

„Ja“, bestätigte Brandon.

Bis jetzt hatte es Arden vermieden, ihm in die Augen zu sehen. Nun zwang sie sich, hinüber zum Fenster zu schauen, wo Brandon lässig am Rahmen lehnte.

Hatte er gestern im Zwielicht schon gut ausgesehen, so wirkte er im hellen Tageslicht umwerfend. Kinn und Wangen waren rasiert und so glatt wie die Haut eines Babys.

Unwillkürlich ballte sie die Hand zur Faust – um zu verhindern, den Arm nach ihm auszustrecken und über seine Wange zu streicheln.

Heute Morgen wurden seine langen Dreadlocks nicht von einem Haargummi gebändigt, sondern fielen lose um seine Schultern. Zu einem einfachen weißen T-Shirt trug er blaue Jeans, und sein Look wirkte besonders lässig, weil er die Knöchel gekreuzt hatte und seine Pose mit jeder Faser verriet, wie selbstsicher und entspannt er in seinen eigenen vier Wänden war.

Ihr Herz begann wild zu schlagen, doch sie versuchte, ihrer Stimme einen unbeteiligten Klang zu geben. „Will ich wissen, was ihr über mich gesagt habt, oder soll ich lieber wieder raufgehen?“

Er lächelte. „Wir haben über deine Lage gesprochen.“

Dieses Lächeln verwandelte ihr Gehirn vorübergehend in Luft. „Welche Lage?“

„Deine Autopanne.“

„Oh, ach so.“ Hastig nahm sie einen Schluck Kaffee und hoffte, dass das Koffein ihre Gehirnzellen wieder anregen würde.

„Ich habe mit John telefoniert. Er wird dein Auto holen und sich so schnell wie möglich darum kümmern. Da ich deine Nummer nicht wusste, habe ich ihm gesagt, dass er mich anrufen soll, sobald er das Problem gefunden hat. Ich dachte, du möchtest vielleicht vorher wissen, was los ist, bevor er mit der Reparatur beginnt. Ist das für dich so in Ordnung?“

Sie nickte. Er hatte bereits alles für sie in die Wege geleitet und ihr Sorgen und Stress erspart. Natürlich sollte sie ihm dankbar sein, und das war sie – wenn er sie in diesem Moment bloß nicht so sehr an ihre Brüder erinnert hätte, die glaubten, ihr immer vorgreifen zu müssen.

„Ja, natürlich. Vielen Dank.“

„Kein Problem.“ Er warf einen Blick auf seine Armbanduhr. „Ich muss jetzt ins Restaurant. Bis nachher.“

Arden musste sich zusammennehmen, um ihm nicht nachzustarren, als er die Küche verließ.

„Was hältst du von Frühstück?“, wollte Joni wissen. In ihren Augen lag ein belustigter Schimmer, als ob sie bemerkt hätte, wie Arden ihren Bruder ansah.

„Das hört sich hervorragend an, aber leider bin ich genauso untalentiert in der Küche wie du: Toast anbrennen lassen würde mir auch passieren. Ich fürchte, die einzig fähige Person hat gerade das Haus verlassen.“

Das brachte Joni zum Lachen. „Ich meinte auch nicht hier. Brandon würde einen Anfall bekommen, wenn ich versuchen würde, ohne seine Anweisung seinen Herd zu benutzen. In der Stadt gibt es einen Diner, wo man ein gutes Frühstück bekommen kann. Sogar Brandon geht manchmal dorthin, obwohl er sich beim Essen am liebsten auf sich selbst verlässt.“

„Großartig. Ich bin dabei.“

Zehn Minuten später betraten sie Marbel’s Diner. Er war genau so, wie Arden sich ein Kleinstadt-Frühstücks-Restaurant ausgemalt hatte: abgeteilte Nischen mit leuchtend roten Vinylbänken, gerahmte Fotos von Schauspielerinnen und Schauspielern an den Wänden und eine altmodische Musicbox, die gerade einen Song aus den Fünfzigerjahren spielte.

Es war wirklich ein Ort zum Verlieben.

Fast jeder Tisch war besetzt, und während Joni vorausging, um einen freien Platz zu suchen, grüßte sie in alle Richtungen. Offenbar war hier tatsächlich die halbe Stadt zum Frühstücken versammelt.

Arden nahm Platz und studierte die laminierte Speisekarte. Die Auswahl war beeindruckend. Arden liebte gutes Essen, für sie war Essen so etwas wie ein Hobby, und sie hatte das Glück, einen guten Stoffwechsel zu haben – sonst hätte sie vermutlich inzwischen das Gewicht einer Sumoringerin.

Nach einigen Minuten hob sie den Blick und musste feststellen, dass Joni ihre Karte nicht einmal aufgeschlagen hatte.

„Weißt du schon, was du willst?!“

„Das Dienstagsangebot ist unschlagbar. Du bekommst Porridge, Frühstückskartoffeln, zwei Würstchen, Speck und zwei Pfannkuchen. Und du kannst wählen, ob du dazu Spiegeleier oder Rühreier möchtest.“

„Und das alles für zwei Dollar?“, witzelte Arden.

Doch Joni verzog nicht einmal den Mund zum Lächeln. Stattdessen legte sie die Hand auf Ardens Arm und sagte ernst: „Mach dir darüber keine Gedanken. Das Frühstück geht auf mich.“

Arden hätte dieses Missverständnis am liebsten gleich aufgeklärt, doch die Kellnerin kam ihr zuvor.

Nachdem sie beide das Dienstagsangebot bestellt hatten, erhob Arden Einwand. „Du brauchst mir das Frühstück nicht zu spendieren. Ich habe Geld.“

„Und ein kaputtes Auto. Meine Mutter ist auch Lehrerin, daher weiß ich, wie viel man verdient – vor allem am Anfang.“

„Nun, vielleicht sieht es für dich so aus, aber …“

„Kein Aber. Du darfst das Frühstück ebenso annehmen wie unser Gästebett. Sag einfach Danke und lächle.“

Für Arden war es mehr als ungewohnt, dass jemand ihre Rechnung übernehmen wollte. Sonst erwartete man von ihr, den Geldbeutel zu zücken – schließlich kannte man ihren berühmten Nachnamen.

Nach einem Abendessen oder Kaffeetrinken schienen ihre Bekannten nur darauf zu warten, dass sie die Rechnung beglich. Und wenn sie wirklich einmal eingeladen wurde, dann stellte sich später heraus, dass die Person dafür eine Gegenleistung erwartete.

Bei Joni war die Sache anders. Sie wusste nicht einmal, dass Arden eine Wexford war. Also musste Joni ja davon ausgehen, dass Arden ihre Gastfreundschaft annahm und sie danach niemals wiedersehen würde. Joni hatte einfach keine Hintergedanken – sie war schlicht eine nette Person.

Trotzdem fühlte Arden sich schlecht dabei, Joni über ihre wirkliche finanzielle Situation im Unklaren zu lassen, wollte Joni allerdings auch nicht beleidigen, indem sie deren Einladung ausschlug.

Sie würde das Frühstück annehmen und sich später revanchieren – vielleicht mit einem Mittagessen oder einem Cocktail.

„Danke. Das ist lieb von dir“, sagte sie lächelnd.

„Gerne.“ Joni erwiderte ihr Lächeln. Während des Frühstücks erzählte sie Arden Anekdoten aus dem Leben in Sweet Briar.

Es gelang ihr, kleine Geschichten über die Einwohner zu erzählen, ohne dass es sich wie Klatsch anhörte. Nichts daran, was Joni sagte, war gehässig oder missgünstig. Im Gegenteil: So wie Brandons Schwester das Leben hier darstellte, konnte Arden den Eindruck gewinnen, Sweet Briar sei der Himmel auf Erden.

Nach dem Essen wollte Arden zumindest das Trinkgeld übernehmen, doch Joni ließ sich nicht beirren. Stattdessen sagte sie: „Wenn du unbedingt helfen willst, dann kannst du mich zum Jugendzentrum begleiten. Ich bin die Leiterin und muss dort etwas erledigen.“

„Klar. Das mache ich gerne.“

Zu Ardens Überraschung war das Jugendzentrum ein dreistöckiges Gebäude mit einem farbenfrohen Graffito auf der Frontseite. Einer idyllischen kleinen Stadt wie Sweet Briar hatte Arden gar nicht so viel urbanen Flair zugetraut.

Joni folgte ihrem Blick und nickte stolz. „Die Stadt hat das Gebäude finanziert, aber die Einrichtung und das Arbeitsmaterial müssen wir irgendwie durch Spenden stemmen. Es ist eigentlich nie genug Geld da, aber Not macht auch erfinderisch. Wir haben mit den Kids schon tolle Projekte gemacht. Und die Nachfrage ist groß. Es tut gut, zu wissen, dass man gebraucht wird.“

Sie öffnete den Kofferraum und deutete auf ein Dutzend Kisten und Kartons. „Hilfst du mir, die reinzutragen?“

„Klar.“

Im Inneren des Gebäudes wurde Arden ein weiteres Mal überrascht. Die Innenwand war ebenfalls mit einem Gemälde verziert – schöner und kunstvoller, als Arden es in dieser Größe je gesehen hatte.

Joni erzählte ihr von der Künstlerin, die aus Sweet Briar stammte und nach New York gezogen war und deren Kunst inzwischen in den höchsten Kreisen gehandelt wurde. Wie sich herausstellte, war Carmen Shields diejenige, die am kommenden Wochenende Sweet Briars Polizeichef Trenton Knight heiraten würde.

„Brandon liefert das Hochzeitsessen. Oh, das wird eine Riesensache! Da kommen ein paar wichtige Leute aus New York, und ich hoffe so sehr, dass sie auf Brandons Restaurant aufmerksam werden.“

„Aber das Restaurant läuft doch gut, oder?“

„Schon, hier. Aber Brandon sagt immer, wer sich nicht weiterentwickelt, der wird auf Dauer nichts erreichen – Stillstand ist Rückschritt.“

Wie oft hatte Arden diesen Satz von ihrem Vater und ihren Brüdern gehört. Wexford Industries war zwar sowieso eine andere Hausnummer, doch das Prinzip blieb schließlich dasselbe.

Als sie zum Auto zurückkehrten, um die restlichen Kartons zu holen, beugte sich gerade jemand über den Kofferraum.

Das weißte T-Shirt spannte über den Rückenmuskeln, und die langen Dreadlocks fielen über seine Schultern.

Bei Brandons Anblick lief Arden das Wasser im Mund zusammen.

„Hey, was machst du denn hier?!“, fragte Joni und lehnte sich an ihr Auto.

„John hat angerufen. Ich habe vorhin vergessen, Arden nach ihrer Telefonnummer zu fragen, und dein Telefon ist wie üblich ausgeschaltet.“

„Ups.“ Joni machte nicht den Eindruck, als ob ihr das sonderlich leidtäte. Sie hob die Schultern, grinste Brandon an, schnappte sich ein paar weitere Kartons und trug sie ins Gebäude.

Arden wollte es ihr nachtun. Sie musste ihre Hände beschäftigen, ehe sie noch auf die dumme Idee kam, sich kokett durchs Haar zu fahren.

Der Karton, nach dem sie griff, war unerwartet schwer, und im Inneren rollte etwas zur Seite, was den Karton zum Kippen brachte.

Brandon streckte die Hand aus, um ihr zu helfen, wobei seine Finger ihren Arm berührten.

Ardens Knie wurden weich. Ihr Blick flog auf und blieb an seinen Augen haften – die Zeit schien wieder einmal stillzustehen.

Küss mich. Der Gedanke kam so heftig und brennend, dass sie erschrocken zurückwich. Dabei stolperte sie über eine der Boxen, die Brandon bereits aus dem Kofferraum gehoben hatte.

Brandon fing Arden auf. Die Wärme seiner Hände sandte kleine Hitzewellen durch ihren Körper. Das war nicht gut. Gar nicht gut.

„Danke.“ Ardens Stimme war atemlos. Um etwas Abstand zwischen sich und Brandon zu schaffen, wich Arden einen Schritt zurück.

Brandon warf ihr einen seltsamen Blick zu – ganz so, als ob er ahnte, was sie eben gedacht hatte. „Willst du nicht wissen, was er gesagt hat?“

„Wer?“

„John.“ Offensichtlich war ihr Blick ebenso leer wie ihr Kopf, denn die nächsten Worte sprach er sehr langsam aus. „Der Mann, … der … dein Auto … repariert.“

„Ach so, klar. Was hat er gesagt?“

„Er konnte dein Auto zwar auf seinen Hänger verladen und in die Stadt holen, aber er braucht die Schlüssel. Sobald wir die Kartons reingetragen haben, nehme ich dich mit und setze dich in der Werkstatt ab.“

Der Gedanke, erneut mit ihm im Truck zu sitzen, ließ sie erschauern – Schulter an Schulter auf der Vorderbank, umgeben von seinem köstlichen männlichen Duft. Und es ließ sie kurzzeitig vergessen, dass sie mit Männern abgeschlossen hatte.

„Das brauchst du wirklich nicht zu tun. Ich habe dir schon genug Ärger gemacht.“

„Das ist überhaupt kein Problem.“ Brandon klemmte sich eine Kiste unter den Arm und balancierte eine zweite auf der Hand. „Johns Werkstatt liegt auf dem Weg zum Restaurant.“

Brandons Blick glitt zu der Frau, die keine Armeslänge von ihm entfernt im Truck saß.

Zum wiederholten Mal fragte er sich, was in aller Welt in ihn gefahren war. Er hatte sich geschworen, Abstand zu halten, aber irgendwie zog es ihn schon wieder in Ardens Nähe.

Joni hätte Arden ebenso gut bei der Werkstatt absetzen können. Wider besseres Wissen und ohne nachzudenken, hatte er selbst dieses Angebot gemacht.

Sicher, Arden war hübsch anzuschauen und schien dieselben Dinge zu mögen wie er – vor Sylvias Verrat hätte er nichts dagegen gehabt, mit einer solchen Frau zu flirten, aber diese Zeit der Unschuld war vorbei. Wenn er schlau war, würde er sich von ihr fernhalten, denn nie wieder wollte er sich so mies fühlen wie nach der Katastrophe mit Sylvia.

Er richtete den Blick auf die Straße. Der Morgen war klar und hell, und es würde ein heißer Tag werden. Die Sonne war inzwischen so blendend, dass er den Sichtschutz herunterklappen musste.

Allerdings schützte ihn das nicht vor Ardens blendendem Lächeln. Es legte sich warm um sein Herz und drohte seinen Eispanzer zum Schmelzen zu bringen. Doch noch war es nicht so weit, und er würde es auch nicht so weit kommen lassen.

Zum Glück verließ sie Sweet Briar wieder, sobald ihr Auto repariert war.

„Sweet Briar ist wirklich die niedlichste kleine Stadt, in der ich je war“, sagte sie mit Blick aus dem Fenster.

Gut. Über unpersönliche Dinge konnte er bedenkenlos mit ihr sprechen. „Also gefällt es dir besser als gestern Abend?“

„Oh ja. Im Sonnenlicht sieht alles viel netter aus, fast wie auf einer Postkarte.“ Staunend betrachtete sie die hübschen kleinen Läden, die altmodischen Aushängeschilder aus Eisen und die verzierten Sitzbänke für Fußgänger.

„Und es sieht alles so sauber aus – kein einziges Blatt auf dem Gehweg. Wenn ich diesen Sturm gestern nicht selbst erlebt hätte, würde ich nicht daran glauben. Als ob … kleine Elfen heute Nacht aufgeräumt hätten.“

Er hob die Brauen. „Elfen?“

Sie wandte sich ihm zu, und ein verstehender Ausdruck trat in ihr Gesicht. „Ach! Deswegen warst du heute Morgen schon so früh im Restaurant. Du hast die Straße gekehrt!“

„Erwischt.“

„Nun, wie eine Elfe siehst du ja wirklich nicht aus.“

Gegen seinen Willen musste er lachen, denn er mochte ihren schrägen Sinn für Humor. Und es tat ihm beinahe leid, dass sie ihr Ziel bereits erreicht hatten.

Er parkte den Truck am Straßenrand vor der Werkstatt Howard & Söhne und wollte gerade aussteigen, als Arden ihm behutsam die Hand auf den Arm legte.

Ihre Haut war so weich und warm und rief Gefühle in ihm wach, die er am liebsten sofort verbannt hätte. Nie im Leben hatte er so heftig auf eine so unschuldige Berührung reagiert.

„Du brauchst wirklich nicht mitreinzukommen. Ich bin mir sicher, du hast tausend andere Dinge zu tun.“

Das stimmte zwar, dennoch wollte er sie begleiten – nicht, dass es nötig gewesen wäre, denn John verhielt sich absolut zuverlässig. Zudem hatte Joni bereits eingewilligt, Arden abzuholen, sobald sie die Arbeit im Jugendzentrum abgeschlossen hatte. Noch dazu war er ja nicht für Arden verantwortlich. Seine Angewohnheit, Frauen retten zu wollen, hatte ihm im Leben nichts als Ärger gebracht. Und je mehr Zeit er mit Arden verbrachte, desto stärker würde er in ihr Leben hineingezogen werden.

Also zwang er sich zu einem Nicken, startete den Wagen und fuhr davon, sobald sie auf dem Gehweg stand.

Er musste sich jetzt zusammenreißen. Zu seinem eigenen Besten.

Keine zehn Minuten später trat Arden mit ihrer Reisetasche zurück auf die Straße.

Sie hatte die Tasche aus dem Auto geholt und danach John die Schlüssel überlassen.

Währenddessen hatte der Mechaniker die gesamte Zeit über geredet. Wie sich herausstellte, war John ein harmloser netter Kerl mit einem rundlichen Gesicht und freundlichen braunen Augen. Inzwischen wusste Arden, dass er verheiratet war, zwei Kinder hatte und die Mädels manchmal in der Werkstatt mit ihrem Puppenhaus spielen ließ.

Das war allerdings nicht das Einzige, was sie erfahren hatte. John würde sich zunächst um Emma Johnsons Auto kümmern müssen. Emmas Tochter hatte eine Frühgeburt, weswegen Emma so schnell wie möglich nach Tennessee fahren wollte. John hatte allerdings darauf bestanden, vorher die Bremsen zu reparieren. Außerdem gab es wohl noch einen anderen Notfall, um den er sich kümmern würde, bevor er sich dann Ardens Beetle vornahm.

Arden konnte gar nicht anders, ihr war dieser John auf Anhieb sympathisch. Auch wenn sie hoffte, dass er über sie selbst nicht ebenso freizügig redete wie über seine anderen Kunden.

Gerade dachte sie darüber nach, in welche Richtung sie sich wenden sollte, als ihr Telefon klingelte. Die Anruferkennung meldete ihren Bruder Jax – das bedeutete, mit Sicherheit würde auch ihr Bruder Blake mithören.

„Arden, wo in aller Welt steckst du?!“, fragte Jax, sobald sie das Gespräch entgegengenommen hatte.

Seufzend zog Arden die rollbare Reisetasche zu einer der schmiedeeisernen Bänke und ließ sich dort nieder. In wenigen Worten erklärte sie ihren Brüdern, wo sie sich befand und wie es dazu gekommen war.

„Da machst du endlich mit diesem nichtsnutzigen Typen Schluss, aber anstatt mit uns zu reden, fährst du alleine durch das halbe Land“, beschwerte sich Blake im Hintergrund, als Arden zu Ende berichtet hatte.

Mit solchen Sprüchen hatte sie gerechnet. Die beiden würden ihre kleine Schwester am liebsten bei sich in Baltimore behalten und in Watte packen.

Natürlich war es schön, dass sie das Nesthäkchen vor Problemen bewahren wollten, aber leider hielten sie Arden auf diese Weise davon ab, ihre eigenen Erfahrungen zu machen.

Für Jax und Blake verkörperte sie nichts als die hilflose kleine Schwester. Wenn sie aufrichtig war, hatte sie selbst dazu beigetragen, indem sie sich stets blind auf die Hilfe ihrer Brüder verlassen hatte.

Doch dieses Verhalten würde sie von nun an ändern, denn es war an der Zeit, auf den eigenen Beinen zu stehen.

„Wenn du sowieso noch nicht in Florida bist, dann kannst du ebenso gut zurückkommen“, wandte Jax ein.

Und Michael-dem-Mistkerl über den Weg laufen? Niemals. „Nein.“

Flüstern war zu hören. Offenbar berieten ihre Brüder den nächsten Schritt. „Wir wollen helfen“, sagte Blake schließlich.

„Ich weiß doch, aber ich brauche einfach etwas Zeit für mich. Und … Luft zum Atmen.“

Schweigen. Dann folgten die Worte: „Na schön. Das verstehen wir. Und wir müssen sicher sein, dass es dir gut geht.“

„In Ordnung. Ich werde euch jeden Sonntag anrufen.“

„Und Mittwoch.“

Herrje. „Jeden Sonntag, das reicht doch wohl. Versprochen.“

Unterdrücktes Fluchen. „Wenn du meinst. Melde dich, wenn du etwas brauchst.“

„Mach ich. Bye.“

„Bye. Wir lieben dich, Arden.“

Sie beendete das Gespräch.

Nun, das konnte sie einen Fortschritt nennen – zum ersten Mal hatte sie sich gegen ihre übermächtigen Brüder durchgesetzt.

Arden erhob sich von der Sitzbank und sah sich neugierig um. Im hellen Sonnenlicht wirkte das Städtchen wirklich wie ein idyllisches Postkartenmotiv.

Langsam schlenderte sie die Straße entlang. Sie war gerade einen Block gegangen, als sie Brandons Restaurant entdeckte. Es war ein Gebäude aus rotem Backstein mit großen Fenstern und farbenfrohen Blumenkübeln zu beiden Seiten der geschmackvollen, mit Gold gerahmten gläsernen Eingangstür.

Heaven on Earth wirkte überaus einladend.

Arden legte die Hand auf die Klinke. Das Restaurant war nicht verschlossen.

Eigentlich schuldete sie ihm keine Erklärung, aber solange sie Gast in seinem Haus war, hielt sie es für höflich, ihn über den Stand der Dinge informiert zu halten – zumindest, was ihr Auto anging.

Der Gastraum war leer, also ließ Arden ihre Reisetasche im Eingangsbereich stehen und schlängelte sich durch die Tische hindurch in den hinteren Teil des Restaurants.

Von dort hörte sie Brandons Stimme. Sie schien aus seinem Büro zu kommen, und Arden wollte sich schon zum Gehen wenden, als ihre Aufmerksamkeit von einer weiblichen Stimme gefangen genommen wurde.

„Ich fühle mich so furchtbar, dass ich dich ausgerechnet jetzt hängen lassen muss – mit dem Probeessen, mit der Hochzeitsfeier … Ich weiß doch, wie wichtig diese Termine für dich sind, Brandon. Aber ich muss einfach nach Hause fahren. Meine Großtante hat mich praktisch aufgezogen. Ich verdanke ihr alles. Ich kann sie nach dem Schlaganfall nicht einfach alleinlassen.“

„Natürlich nicht, die Familie geht vor. Mach dir keine Sorgen, ich werde das schon schaffen.“

„Aber dir fehlen doch jetzt schon zwei Kellnerinnen. Du wirst unheimlich in Stress geraten …“

„Wir bekommen das schon hin. Gibt es irgendetwas, was ich für dich tun kann?“

„Nein, alles in Ordnung. Ich hatte ohnehin nicht viel zum Packen.“

Arden hörte das Rascheln von Papieren. „Hier ist dein letzter Gehaltsscheck. Ich habe dir auch ein Arbeitszeugnis ausgestellt.“

„Oh, danke. Ich war so durch den Wind, an so etwas habe ich gar nicht gedacht.“

„Solltest du irgendwann nach Sweet Briar zurückkommen, kannst du jederzeit wieder hier anfangen, ja?!“

„So weit habe ich noch gar nicht gedacht. Vielen Dank, Brandon. Ich werde nie vergessen, wie du dich für mich eingesetzt hast. Richte bitte allen liebe Grüße von mir aus, ja?“

„Natürlich. Und wenn du irgendetwas brauchst, ruf mich einfach an.“

„Danke.“

Die Tür wurde aufgestoßen, und eine junge Frau drängte sich an Arden vorbei. Sie wischte sich die Tränen von den Wangen, eilte durchs Restaurant und verschwand durch die Eingangstür.

Zögernd klopfte Arden an die leicht geöffnete Bürotür.

Brandon saß am Schreibtisch und füllte einen Bogen Papier aus. Als sie eintrat, hielt seine Hand mit dem Stift inne, und er hob den Blick.

Ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht, während er sich im Stuhl zurücklehnte.

Unwillkürlich begann ihr Puls zu jagen.

Warum wirkte dieser Mann bloß derartig auf sie? Wenn sie nicht vorsichtig war, würde sie noch vergessen, dass sie sich ganz und gar nicht für Männer interessierte.

„Ich hoffe, ich störe dich nicht.“

Er schüttelte den Kopf und winkte sie herein. „Setz dich.“

„Danke. Ich habe vorhin mit John gesprochen. Er hat gerade eine Menge Arbeit und wird sich heute nicht mehr um mein Auto kümmern können. Ich will dir und Joni aber keine weitere Nacht zur Last fallen. Vielleicht kann ich ein Zimmer in einem der Motels am Highway bekommen.“

„Das wird nicht nötig sein, du fällst uns nicht zur Last. Du kannst bleiben, so lange du möchtest.“

„Vielen Dank. Ich … ich habe beim Reinkommen mitangehört, was du zu der Kellnerin gesagt hast.“

„Zu Nora?“

Sie nickte. „Wie es aussieht, wirst du jede Hilfe brauchen, die du kriegen kannst. Und ich würde gerne helfen.“

„Du hast nicht zufällig Erfahrung als Kellnerin, oder?“, fragte er halb im Spaß.

„Zufällig habe ich das, ja. Während der letzten beiden Jahre im College habe ich in einem Vier-Sterne-Restaurant gejobbt.“

Obwohl ihre Familie sehr vermögend war, hatten ihre Eltern erwartet, dass Arden und ihre Brüder den Wert von Geld zu schätzen wussten, indem sie sich selber etwas dazuverdienten.

Sie kannten zu viele negative Beispiele reicher Kinder, die sich auf dem Vermögen der Eltern ausruhten und deren Geld regelrecht verbrannten, als sei es nur Papier. Jeder kann arbeiten, der jung und gesund ist, pflegte ihr Vater zu sagen. Winston Wexford hielt nichts von verzogenem, faulem Nachwuchs und bestand darauf, seine Kinder schon während der Highschool in den Ferien jobben zu lassen, ebenso wie später auf dem College.

Er kam zwar für die Studiengebühren auf, bezahlte Wohnung und Autos, doch für alle weiteren Wünsche mussten Arden und ihre Brüder selbst einstehen.

Winston Wexford hatte für jedes seiner Kinder einen beträchtlichen Treuhandfonds eingerichtet, doch darüber durften sie erst ab ihrem dreißigsten Lebensjahr verfügen. Bis dahin, so hoffte er, hatten sie gelernt, ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sein – und ihren eigenen Beitrag dazu zu leisten.

Regelmäßig erhielten die Kinder großzügige Zuwendungen, doch inzwischen waren sie tatsächlich stolz darauf, ihr eigenes Geld zu verdienen.

„Wirklich?“

Sie nickte. „Ja. Wenn du also Hilfe brauchst, bin ich da.“

„Ich weiß das wirklich zu schätzen. Normalerweise würde Joni einspringen, aber sie ist selbst zur Hochzeit eingeladen. Wie wär’s, wenn du heute Abend schon einmal herkommst, um ein Gefühl für die Arbeit hier zu bekommen? Natürlich bezahle ich dich dafür.“

„Das brauchst du nicht. Immerhin wohne ich in deinem Haus.“

„Das spielt keine Rolle. Du wirst bezahlt. Wenn du möchtest, kann ich dir schon jetzt ein paar Dinge erklären, damit du dich später besser zurechtfindest.“

Arden folgte Brandon in die Küche. Er bewegte sich sehr selbstsicher in dem Raum mit den makellos gepflegten Geräten, und aus jeder seiner Geste sprach der Stolz darauf, was er erreicht hatte.

Sie versuchte sich seine Erläuterungen genau einzuprägen. Doch immer wieder wurde sie vom Spiel seiner Muskeln unter dem Shirt abgelenkt, von seinen breiten Schultern und seiner straffen Brust. Am meisten fasziniert war sie allerdings von seinem Rücken. Als er einen Stuhl aus dem Weg schob, war genau zu erkennen, welche Muskeln sich dort anspannten.

Nach der kleinen Besichtigungstour durch das gesamte Restaurant kehrten sie in sein Büro zurück. Brandon drehte sich zu ihr um. Sein Lächeln ließ Schmetterlinge in ihrem Bauch aufflattern. Bestimmt wusste er es nicht, doch dieses Lächeln war wirksam wie eine Waffe.

„Und, hast du noch Interesse?“

„Absolut.“

„Schön. Dann lass uns zu den Formalitäten übergehen.“

„Formalitäten?“

„Ja klar. Ich möchte dich angemessen entlohnen.“

Auf keinen Fall konnte sie einen Vertrag unterschreiben oder ihm den Personalausweis zeigen – dann hätte er ihren Nachnamen erfahren.

Natürlich hätte sie gerne daran geglaubt, dass es für ihn keinen Unterschied machen würde, aber in der Vergangenheit war ihr zu oft das Gegenteil bewiesen worden – Reichtum veränderte die Menschen.

Trotzdem wollte sie ihm helfen. Laut Joni konnte sich dieser Hochzeitsempfang als eine wichtige Karrierechance entpuppen, und diese Chance sollte nicht zum Scheitern verurteilt sein, weil es ihm an Personal mangelte.

Sie holte tief Atem – und hatte eine Idee. „Bezahlst du Joni?“

„Nein. Sie kann ziemlich stur sein und erlaubt es mir nicht. Aber sie behält das Trinkgeld.“

„Dann machen wir beide es genauso!“ Immerhin war sie nicht auf sein Geld angewiesen, er jedoch auf ihre Hilfe.

„Das geht doch nicht. Du kannst nicht umsonst arbeiten.“

„Warum nicht? Schließlich zahle ich nichts für die Übernachtung. Wenn du darauf bestehst, mich zu bezahlen, dann bestehe ich darauf, euch etwas für die Übernachtung zu geben – oder ich muss eben ausziehen. Und da alle Pensionen belegt sind und ich nicht einmal ein Auto habe, um zu den Motels zu fahren, werde ich vermutlich auf einer Parkbank enden.“

Sie verhielt sich ein bisschen hinterhältig, doch das musste sie sein, wenn sie ihm helfen wollte.

Er öffnete den Mund – sicher, um ihr zu widersprechen –, daher kam sie ihm rasch zuvor. „Also, das ist meine Bedingung. Schlag ein oder lass es bleiben.“

Er zog die Stirn kraus. Dann nickte er langsam, doch die Hand hob er nicht, um einzuschlagen. „Na gut. So wird’s gemacht.“

4. KAPITEL

Brandon legte behutsam den mit Sesam umhüllten Thunfisch auf den Teller und dekorierte das Gericht mit einer Beere und einem Tupfen Wasabipaste.

Dann gab er der zuständigen Kellnerin ein Zeichen, den Teller zu Tisch sieben zu bringen.

Für einen Dienstagabend war das Restaurant überraschend voll. Brandon wusste, dass dies mit der anstehenden Hochzeit zu tun hatte und einige Gäste bereits heute ihr Abendessen im Heaven on Earth einnahmen, bevor sie in den Genuss des Hochzeitsdinners kommen würden.

Das hätte seine Laune eigentlich heben müssen, doch seine Gedanken verloren sich immer wieder in Sorgen um die neue Kellnerin.

Er glaubte ihr zwar, dass sie Erfahrung im Restaurantwesen besaß, doch das allein schien ihm nicht auszureichen, um sich in einer fremden Küche zurechtzufinden. In jedem Restaurant herrschten schließlich andere Gewohnheiten, und normalerweise brauchte eine neue Kellnerin mindestens eine Woche, um vollständig mit allem vertraut zu sein.

Der anstehende Hochzeitsempfang war eine wichtige Sache, und er konnte es sich nicht erlauben, Fehler zu machen. Das beste Essen konnte darunter leiden, wenn es von einer Kellnerin nicht entsprechend präsentiert wurde.

Ganz gleich, wie Ardens Pläne aussahen und wie lange sie in Sweet Briar bleiben würde: Den Hochzeitsempfang musste sie irgendwie ohne Pannen überstehen.

Brandon versuchte, den aufwendigen Gerichten seine volle Aufmerksamkeit zu schenken. Er spürte kaum, wie die Zeit verflog. Als sich der Ansturm zwei Stunden später gelegt hatte, ging er in sein Büro, tauschte den befleckten weißen Kittel gegen eine blaue Anzugjacke und das Haarnetz gegen ein ledernes Band, mit dem er die Dreadlocks im Nacken zusammen hielt.

Mindestens einmal ließ er sich jeden Abend im Speiseraum blicken, um sich mit seinen Gästen auszutauschen. Ihm war es wichtig, mit ihnen im Gespräch zu bleiben, Lob entgegenzunehmen oder auch Kritik – und das lieber persönlich, als es aus Facebook oder Yelp zu erfahren.

Für einen Augenblick verharrte er im Flur und beobachtete das Geschehen im Speiseraum. Die eleganten grauen Wände und die bodenlangen graublauen Vorhänge bildeten den perfekten Hintergrund für die blütenweißen Tischdecken und kunstvoll gefalteten Leinenservietten.

Die silbernen Lüster mit Kristallelementen warfen ein angenehmes Licht auf die Szenerie, und sanfte Hintergrundmusik untermalte die elegante Stimmung, ohne aufdringlich zu wirken.

Zufrieden löste sich Brandon aus dem Schatten und betrat den Speiseraum.

Ardens Anblick zog ihn in seinen Bann.

Sie hielt ein Handy auf eine Gruppe Menschen gerichtet, die für das Foto auf einer Seite ihres Tisches zusammengerückt waren.

Selbst in der Uniform aus weißer Bluse und schlichtem schwarzem Rock sah sie umwerfend aus.

Anstatt das Haar lang zu tragen, hatte sie es zu einer Art Long Bob schneiden lassen, und ihr sanft gewelltes Haar schmeichelte ihrer Gesichtsform.

Früher hatten Brandon Frauen mit langem Haar besser gefallen, und er fand es schöner und femininer, doch seitdem er selbst lange Dreadlocks trug, sollte er seine Meinung vielleicht noch einmal überdenken.

An Arden jedenfalls sah die Frisur mehr als schmeichelhaft aus. Die halblangen Haare waren der perfekte Rahmen für ein Gesicht, das er wieder und wieder ansehen wollte. Ihre hellbraunen Augen strahlten Wärme und Freundlichkeit aus.

Da er sie nach dem Wolkenbruch gesehen hatte, wusste er inzwischen, dass ihre schöne karamellbraune Haut nicht das Ergebnis von Make-up, sondern von Natur aus makellos war.

Doch was ihn wirklich gefangen hielt, waren ihr ansteckendes Lächeln und ihre offene, liebenswürdige Art – auch wenn er nicht beabsichtigte, sich von irgendjemandem gefangen nehmen zu lassen.

Arden bemerkte Brandon und begann strahlend zu lächeln. Sein Herz stolperte daraufhin, dann schlug es umso schneller. Nur mit Mühe unterdrückte er ein Fluchen, denn er wollte auf keinen Fall ihrem Zauber erliegen.

Seine Hand strich über die Brust an der Stelle, wo sich die Narben befanden. Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte er Frauen vertraut. Doch diese Phase war endgültig vorbei.

Das letzte Mal, als er sein Vertrauen verschenkt hatte, war er nur knapp mit dem Leben davongekommen. Keiner Frau würde er mehr Glauben schenken, selbst wenn sie einen Lügendetektortest mit Bravour bestehen sollte. Nie mehr.

Brandon plauderte eine Weile mit seinen Gästen und kehrte schließlich in die Küche zurück. Dort verfiel er rasch wieder dem unvergleichlichen Zauber, aus guten Zutaten unvergessliche Gerichte zu kreieren.

Zu später Stunde, als auch der letzte Gast das Restaurant mit einem glücklichen Seufzen auf den Lippen verlassen hatte, räumte die Belegschaft die Küche auf.

Nachdem sich alle verabschiedet hatten, blieb Brandon mit Arden allein zurück. Sie hatte sein Angebot dankend angenommen, gemeinsam nach Hause zu fahren.

Brandon versuchte sich einzureden, dass es eine ganz logische Entscheidung war, die aber auch gar nichts damit zu tun hatte, mehr Zeit mit ihr verbringen zu wollen.

Als sie nach draußen auf die Straße traten, hatte der Wind aufgefrischt. Die silbernen Windspiele in den Bäumen neben dem Restaurant wurden sanft zum Klingen gebracht.

Tagsüber war es angenehm warm gewesen, aber jetzt spürte man die kühle Brise, die vom nahen Ozean heranwehte und die Stadt abkühlte. Arden kreuzte fröstelnd die Arme vor der Brust und wünschte, sie hätte an einen warmen Pullover gedacht.

„Ist dir kalt?“, fragte Brandon. Er war ihr so nahe, dass sie seinen Atem auf ihren Wangen spüren konnte. Ihr Magen schlug eine Pirouette.

„Nicht wirklich.“ Der Wind nahm zu und griff in ihr Haar. „Na ja, vielleicht ein bisschen.“

Er streifte sein Jackett ab und legte es um Ardens Schultern.

Für eine Sekunde schloss sie die Augen und erlaubte sich, in dieser fürsorglichen Geste zu schwelgen. Er hatte die Jacke vorgewärmt, und Arden wurde umgeben von seinem reinen männlichen Moschusduft.

Unwillkürlich seufzte sie.

Dann riss sie die Augen auf. Was in aller Welt tat sie hier? Noch vor einem Tag hatte sie sich in Baltimore geschworen, auf keinen Kerl mehr hereinzufallen. Michael-der-Mistkerl hatte sich anfangs auch wie ein Gentleman gegeben, bis die Maske gefallen war und er sein wahres Gesicht gezeigt hatte.

Darauf würde sie nicht noch einmal hereinfallen.

Ganz egal, wie nett Brandon sich verhielt oder wie angenehm er roch: Sie würde nicht so dumm sei, sich deswegen in ihn zu verlieben. Sie war schließlich strikt auf Männerdiät.

Brandon öffnete für Arden die Autotür und ließ sie einsteigen. Um auf andere Gedanken zu kommen, fragte sie: „Wie kommt es, dass dieser Junge in deiner Küche arbeitet? Er sieht noch schrecklich jung aus.“

„Matt?“ Brandon ließ den Motor an. „Er ist gerade sechzehn geworden. Aber er arbeitet schon seit zwei Jahren für mich. Inoffiziell. Er kam schon vor Jahren zu mir und bat mich, ihm einen Job zu geben. Ich lehnte immer wieder ab, bis ich erfuhr, dass er mit dem Geld seine geschiedene Mutter unterstützt. Da beschloss ich, dass ich ihm ebenso gut ein paar kleine Aufgaben im Restaurant geben konnte. Anfangs habe ich ihn bloß ein bisschen putzen lassen.“

„Das war sehr nett von dir.“

Brandon winkte ab. „Inzwischen ist mir Matt eine wirklich große Hilfe. Ich bin einfach froh, dass er da ist.“

Arden nickte schweigend.

Brandon gibt Menschen eine Chance, die Hilfe brauchen, dachte sie. Brandon gibt mir ein Dach über dem Kopf, weil ich es nötig habe. Vielleicht gehört er wirklich zu den Guten. Also liegt es vielleicht nahe, dass ich das Gefühl habe, ihn schon lange zu kennen.

Das Gefährliche daran war bloß, dass es sich anfühlte, als könne sie nicht mehr ohne ihn sein.

Wenige Tage später blieb Arden auf dem Weg von der Restaurantküche im Speiseraum stehen und betrachtete die Szenerie. Für die Hochzeitsprobe von Carmen und Trent mit dem anstehenden Rehearsal Dinner hatten sie den Raum in Lila- und Grautönen dekoriert, die Stühle mit hübschen Hussen versehen und überall elegante silberne Kerzenleuchter aufgestellt.

Arden musste zugeben, dass der Raum unglaublich romantisch aussah – und seufzte leise.

„Will ich wissen, was dieses Seufzen zu bedeuten hat?“

Verdammt. Für einen so großen Mann konnte sich Brandon erstaunlich leise nähern.

„Du, vergiss nicht dies: Ein Seufzer bleibt doch nur ein Seufzer“, zitierte sie den Musicalsong As Time Goes By aus dem bekannten Film.

„Casablanca!“, erkannte Brandon auf Anhieb.

Arden lächelte ihn erfreut an.

„Hast du den Film gesehen?“, fragte er beiläufig. „Am Sonntag gibt es in Willow Creek ein Filmfestival über Humphrey Bogart. Einen Tag nach der Hochzeit – wenn du dann noch hier bist, solltest du hingehen.“

„Danke für den Tipp. So wie es aussieht, wird mein Auto ohnehin nicht schnell fertig.“

„Würdest du denn gerne weg?“, wollte er wissen.

„Nicht wirklich“, entgegnete sie, und in diesem Augenblick wurde ihr bewusst, dass es stimmte. Sweet Briar gefiel ihr außerordentlich gut. Es war ein hübsches Städtchen, die Menschen schienen sehr freundlich, und – das war das Beste daran – niemand wusste, dass sie eine Wexford war.

Brandon nickte. Gedankenverloren strich er über seinen Kittel. Es schien, als würde er einen inneren Dialog führen, als würde er das Für und Wider von etwas abwägen, bevor er es zur Sprache brachte.

In den vergangenen Tagen war er sehr zurückhaltend gewesen. Noch immer freundlich, aber irgendwie gehemmt, als wolle er sich selbst bremsen.

„Ich werde auch hingehen“, sagte er schließlich. „Wenn du möchtest, kann ich dich mitnehmen.“

„Wirklich?“, hakte sie nach.

„Sicher.“

„Na, dann würde ich sagen, wir haben ein Date.“ Es sollte ironisch und leicht dahingesagt klingen, aber in dem Moment, in dem sie es aussprach, kam es Arden falsch vor. „Ich … ich meine, kein Date in dem Sinne“, verhaspelte sie sich.

„Ich weiß schon, was du meinst“, versicherte er und trat einen Schritt zurück.

Arden konnte förmlich sehen, wie er die Mauer zwischen ihnen wieder hochzog. „Na dann, zurück an die Arbeit!“, sagte er und schien genauso um Leichtigkeit bemüht, wie Arden eben geklungen hatte.

Arden sah ihm nach. Er wirkte, als ob es ihm bereits leidtun würde, dass er sie zum Filmfestival eingeladen hatte.

Vielleicht sollte sie ihn erlösen und das vermeintliche Date absagen, aber das brachte sie nicht übers Herz.

Der Gedanke, mit einem Mann auszugehen, der nicht wusste, dass sie eine Wexford war – und obendrein mit diesem Mann –, war schlicht zu verlockend, um die Einladung auszuschlagen.

Am Tag der Hochzeit gab es für Arden viel zu tun. Durch das Restaurantfenster beobachtete sie, wie das Brautpaar hereinkam, während sie letzte Vorbereitungen traf, Kerzen anzündete und Tischdecken glatt strich.

Autor

Wendy Warren

Wendy lebt mit ihrem Ehemann in der Nähe der Pazifikküste. Ihr Haus liegt nordwestlich des schönen Willamette-Flusses inmitten einer Idylle aus gigantischen Ulmen, alten Buchläden mit einladenden Sesseln und einem großartigen Theater. Ursprünglich gehörte das Haus einer Frau namens Cinderella, die einen wunderbaren Garten mit Tausenden Blumen hinterließ. Wendy und...

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