Bianca Weekend Band 45

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UNERWARTET KAM DAS GLÜCK von BARBARA GALE

Eine Grippe zwingt die Ärztin Maggie zu einem Aufenthalt in Primrose. Ein Dorf ohne Attraktionen – außer Rafe Burnside. Der attraktive Farmer pflegt sie liebevoll und beschert ihr damit heftiges Herzklopfen. Doch Maggie gibt sich cool, denn Rafe scheint weiter seiner Ex-Frau nachzutrauern …

EIN HERZ AUS PUREM GOLD von KAY WILDING
In den Armen des begüterten Unternehmers Jack Sherrod glaubt Frances an der Reling des Kreuzfahrtschiffs für Momente: Dies ist der Mann ihres Lebens! Aber wieso sollte Jack sich für eine wie sie interessieren? Außer ihrer Liebe hat sie ihm doch nichts zu bieten …

GIB MEINEM HERZEN EIN ZUHAUSE von MARTHA SHIELDS

Travis ist reich und berühmt, aber sehr einsam. Da begegnet er zufällig Rebecca wieder, seiner Freundin aus Kindertagen. Plötzlich weiß er: Sie ist die Richtige! Aber als er sie für sich gewinnen will, macht er einen großen Fehler ...


  • Erscheinungstag 16.05.2026
  • Bandnummer 45
  • ISBN / Artikelnummer 9783751538534
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Barbara Gale, Kay Wilding, Martha Shields

BIANCA WEEKEND BAND 45

Barbara Gale

1. KAPITEL

Maggie versuchte, nicht in Panik zu geraten. Ihre Scheibenwischer liefen auf Hochtouren, während sie nach Kräften bemüht war, ihren Lieferwagen auf dem schmalen Bergpass auf Kurs zu halten. Dabei entfuhren ihr Schimpfworte, von denen sie gar nicht gewusst hatte, dass sie zu ihrem Wortschatz gehörten.

Dies war ihre letzte Tour, schwor sie sich. Sie war einfach schon zu alt für solchen Unsinn. Sollten doch die jüngeren Ärzte mal zeigen, was sie drauf hatten! Eine haarsträubende Fahrt durch die verregnete Berglandschaft New Hampshires entsprach jedenfalls nicht ihrer Vorstellung von Spaß, auch nicht im Hochsommer.

Als fahrende Ärztin, die für die Mobile Clinic of New England unterwegs war, gehörte es für Maggie beinahe schon zum Handwerk, sich zu verfahren. Normalerweise empfand sie das als Abenteuer, aber diese Abenteuer fanden für gewöhnlich auch in ihrer Heimatregion Massachusetts statt.

Die Tour durch New Hampshire hatte sie einem kranken Freund zuliebe angenommen, und die letzten drei Wochen waren zunächst auch traumhaft gewesen. Es war ihr leichtgefallen, sich in New Hampshire, seine White Mountains und seine wunderbaren Bewohner zu verlieben. Letztere hatten ihr ohne zu zögern ihre Häuser und Herzen geöffnet.

Aber in diesem Moment, von Schweißausbrüchen und Hustenanfällen gebeutelt, verspürte sie keine Lust, verlassene Feldwege zu erkunden. Sie befand sich mit einer fiebrigen Grippe allein in den Bergen, um sie herum ging ein schweres Gewitter herunter, ihr Handy hatte keinen Empfang und sowohl ihre Thermoskannen als auch ihr Tank waren fast leer.

Wäre sie doch vorhin nur ihrer inneren Stimme gefolgt und hätte kehrtgemacht! Andererseits, wenn sie nicht bald eine Tankstelle fände, war das auch gleichgültig. Dann würde sie nämlich bald weder vorwärts noch zurück fahren.

Sie konnte natürlich anhalten und sich im Laderaum ihres kleinen Lieferwagens schlafen legen. Doch das kam nur im äußersten Notfall infrage. Wer wusste schon, ob auf dieser entlegenen Bergstraße jemals jemand kommen und sie finden würde.

Maggie wehrte sich gerade gegen die ersten Anzeichen einer beginnenden Migräne, als ihr Glück sich schließlich wendete. Sie war sich sicher, dass ihre fiebrigen Augen etwas am Wegesrand erspäht hatten. Und tatsächlich: Beinahe völlig von Gestrüpp verdeckt und im dichten Regen kaum lesbar lehnte dort an einem Baum ein Straßenschild. Die weiße Farbe blätterte bereits ab, und die Hälfte der Schrift fehlte, aber immerhin, es war ein Straßenschild und somit ein Hinweis auf Zivilisation.

Bitte, lieber Gott, lass es Bloomville sein! Ihrer Karte zufolge musste es sich um Bloomville handeln.

Pr m se

350 Einw.

3 km

Promise? Das Schild kündigte jedenfalls nicht Bloomville an.

350 Einw. Das war ja winzig!

3 km. Waren das nun drei oder dreißig Kilometer? Der Blick auf die Tankanzeige ließ Maggie inständig hoffen, dass es nur noch drei waren. Entschlossen lenkte sie ihren Wagen in die Richtung, in die das Schild wies.

Zehn Minuten später erspähte sie durch den dichten Regenschleier die heruntergekommene Zapfsäule einer verlassen aussehenden Tankstelle. Über ihr donnerte es so laut, dass es ihr beinahe egal war, ob die Zapfsäule in Betrieb war, solange sie hier nur irgendeinen Menschen antreffen würde.

Doch dieser einsame Ort bot keinen vielversprechenden Anblick für jemanden, der sich wie sie nach menschlicher Gesellschaft und einer heißen Tasse Tee sehnte. Auf einem Schild an dem kleinen Tankstellenhäuschen stand zwar „geöffnet“, aber die dunklen Fenster wirkten wenig einladend. Alles hier sah verlassen aus, auch wenn das Schild das Gegenteil behauptete.

Maggie fasste sich ein Herz und verließ das schützende Innere ihres Wagens, um von grollendem Donner begleitet rasch in Richtung Haus zu laufen.

„Hallo! Ist da jemand?“, rief sie. Erleichtert stellte sie fest, dass die Tür unverschlossen war. Allerdings ließ der Geruch abgestandener Luft, der ihr entgegenschlug, nicht auf die Anwesenheit von Menschen hoffen. Zögernd blieb sie im Türrahmen stehen, bis sich ihre Augen einigermaßen an den dunklen Raum gewöhnt hatten.

Sogar ohne Licht konnte sie die Staubschicht erkennen, die die Waren in den Regalen überzog. Am anderen Ende des Ladens befand sich eine Verkaufstheke, die über und über mit vergilbten Zeitungen bedeckt war. Der Mülleimer in der Ecke quoll über von Pfandflaschen.

„Hallo?“, rief sie erneut. Es musste doch irgendjemand da sein! Gedankenverloren griff sie nach einer Tüte Erdnüsse in dem rostigen Regal neben sich und las das Haltbarkeitsdatum. Das Rascheln der Verpackung war offensichtlich wirkungsvoller als ihre Rufe.

„Ich hoffe, Sie haben vor, dafür zu zahlen?“

Erschrocken fuhr Maggie herum und sah eine ältere Dame hinter einem mottenzerfressenen grünen Vorhang hervorkommen. Um den Hinterkopf der Frau wand sich ein dicker grauer Zopf, und ihre tief liegenden Augen wirkten wie zwei braune Kieselsteine in ihrem sonst völlig farblosen Gesicht.

„Guten Tag“, grüßte Maggie möglichst freundlich. „Ich bin zufällig hier vorbeigekommen und habe zum Tanken angehalten. Also ‚zufällig‘ trifft die Sache vielleicht nicht ganz … Ich glaube, ich habe mich verfahren.“

„Sie glauben, Sie haben sich verfahren?“, wiederholte die Frau spöttisch mit einem Rasseln in der Stimme.

Maggie antwortete mit einem kleinen nervösen Lachen. „Okay, also ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mich verfahren habe. Ich war auf dem Weg nach Boston und bin falsch abgebogen. Aber bei dem Regen da draußen bin ich froh, dass ich überhaupt hierhergefunden habe. Zuletzt war ich auf der Suche nach Bloomville, um dort die Nacht zu verbringen. Aber das hier ist nicht Bloomville, oder?“ Maggie sah sich verlegen um. „Ich glaube, auf dem Straßenschild, dem ich gefolgt bin, stand ‚Promise‘, aber ich bin mir nicht ganz sicher. Ich kenne mich in New Hampshire leider nicht allzu gut aus.“

„Sie sind in Primrose!“, fauchte die ältere Dame sie an. „Hier gibt es kein ‚Promise‘.“

Diese Feindseligkeit ist bestimmt nur aufgesetzt, versuchte sich Maggie zu beruhigen. Mitleidig beobachtete sie, wie die Frau mühsam, auf einen Stock gestützt, in Richtung Kasse humpelte und sich mit einem Seufzer in einem Schaukelstuhl niederließ. Als Ärztin war Maggie sofort klar, dass sie unter großen Schmerzen leiden musste, aber die Erfahrung hatte sie gelehrt, ihr Mitgefühl für sich zu behalten.

„Ich würde gern volltanken. Ich habe gehupt, aber niemand ist gekommen.“

„Da hängt ein Selbstbedienungsschild. Könnte das der Grund sein?“, entgegnete die Frau trocken. „Mit diesen Beinen hier kann ich schon lange keine Kundschaft mehr bedienen. Im Übrigen habe ich nur noch Super, Fräuleinchen. Das letzte Normalbenzin habe ich vor einer Woche verkauft. Aber da dies hier weit und breit die einzige Tankstelle ist, müssen Sie wohl nehmen, was Sie bekommen.“

„Und dankbar dafür sein“, fügte Maggie ernüchtert hinzu, ohne sich von dem beißenden Ton der Frau einschüchtern zu lassen. „Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie die Besitzerin dieser Tankstelle sind?“

„Welchen anderen Grund gäbe es denn, hier zu sein?“, fragte die Frau spitz, während sie mit schmerzverzerrtem Gesicht die Beine hochlegte.

Aus den Augenwinkeln sah Maggie, dass ihre Knöchel trotz Stützstrümpfen dick angeschwollen waren. Sie musste Höllenqualen leiden. Doch wenn man dem stolzen Ausdruck in ihren Augen Glauben schenken durfte, so wollte sie alles, nur kein Mitleid von einer Fremden.

„Gut, dann gehe ich mal meinen Tank auffüllen.“

„Machen Sie das. Die Erdnüsse berechne ich Ihnen auch.“

Nichts anderes habe ich erwartet, seufzte Maggie innerlich und verstaute die Tüte mit Nüssen in ihrer Handtasche, bevor sie durch den Regen zum Auto sprintete. Gegen die Wassermassen, die es herabschüttete, half auch ihre Kapuze nichts.

Als sie am Auto ankam, war sie vollkommen durchnässt und musste ein paar Mal hintereinander heftig niesen. Wenn sie nicht bald in trockene Kleidung wechselte, würde sie am nächsten Morgen mit einer Lungenentzündung aufwachen – natürlich nur, wenn sie überhaupt das Glück hatte, eine Schlafstelle zu finden.

Maggie befüllte den Tank und kehrte, nachdem sie sich auf der Schwelle wie ein nasser Hund geschüttelt hatte, in den Laden zurück. „Wissen Sie, was ich jetzt mindestens genau so zu schätzen wüsste wie Benzin?“, wandte sie sich wieder an die ältere Frau. „Eine warme Mahlzeit. Ich wäre Ihnen wirklich dankbar, wenn Sie mir den Weg zum nächsten Restaurant beschreiben könnten.“

Diese ging über Maggies Bitte mit einem missbilligenden Gesichtsausdruck hinweg. „Wie ich sehe, fahren Sie einen Wagen der Mobile Clinic of New England.“

„Ja … das ist richtig … Ich wundere mich allerdings, dass Sie den Schriftzug durch diesen Regen hindurch lesen können.“

„Meine Augen funktionieren noch ganz gut, Fräuleinchen.“

Okay. Maggie war bemüht, höflich zu bleiben. „Liegen Sie hier auf der regionalen Route?“

„Wie man’s nimmt. Wir gehören eigentlich zur Bloomville-Route. Aber nur, wenn die uns nicht vergessen“, gab sie zurück und begleitete ihre Antwort mit einem verächtlichen Schnauben. „Wissen Sie, Bloomville liegt auf der anderen Bergseite, und wir sind wohl schwer zu finden, bei all den Bäumen hier draußen“, fügte die ältere Frau bissig hinzu.

Maggie hätte beinahe laut aufgelacht, riss sich jedoch im letzten Moment zusammen. Egal wie schlecht gelaunt diese Frau sein mochte, einen Sinn für Humor hatte sie auf jeden Fall. „Das klingt, als ob sie die mobile Klinik manchmal benutzen.“

„Mache ich auch, wenn sich die denn mal herbequemen.“

Der unüberhörbare Vorwurf, der in diesen Worten mitschwang, ließ Maggie die Stirn runzeln. „Soll das heißen, die Klinik hat einen Termin verpasst?“

„Genau das soll es heißen. Sie hätte hier eigentlich schon letzten April Station machen sollen, kam aber nie.“

Ach, also darum ging es hier. Und es war ganz klar, wer das Versäumnis nun ausbaden sollte.

„Dass die Klinik damals nicht gekommen ist, lag wirklich nicht an mir. Ich fahre normalerweise eine Runde in Massachusetts. In New Hampshire bin ich nur diesen Monat als Vertretung für einen Freund unterwegs gewesen. Haben Sie denn mal angerufen und gefragt, was los war?“

„Natürlich, aber ich wurde nur immer weiterverbunden. Keiner wusste Bescheid, alle sagten nur, sie würden das überprüfen … blablabla.“

Maggie war ehrlich überrascht. „Normalerweise sind die sehr gründlich, was so etwas angeht. Wie wär’s, wenn ich mich mal erkundige … sobald ich wieder auf den Beinen bin. Ich habe mir wohl eine böse Erkältung eingefangen.“

Wie zur Bestätigung musste Maggie mehrmals hintereinander heftig niesen. Doch die ältere Dame schien überhaupt keine Notiz von Maggies schlechtem Gesundheitszustand zu nehmen. Bedachte man den Zustand ihrer eigenen Beine, konnte man ihr daraus wohl nicht mal einen Vorwurf machen.

„Wie schon gesagt“, erklärte Maggie nach einem erneuten lautstarken Niesen, „ich glaube, ich bin irgendwo falsch abgebogen, wahrscheinlich sogar ein paar Mal falsch abgebogen“, setzte sie ärgerlich hinzu. „Und ich sehe im Moment keine andere Möglichkeit, als mir irgendwo ein Zimmer zu nehmen. Könnten Sie mir bitte den Weg zur nächstgelegenen Pension erklären?“

„Benzin … Essen … ein Zimmer …“, murmelte die ältere Dame vor sich hin. „Ich weiß gar nicht, wann wir das letzte Mal einen Besucher in Primrose hatten.“

Wie das wohl kommt.

Maggie zwang sich mit zusammengebissenen Zähnen zu einem Lächeln. „Das bedeutet wohl nichts Gutes für mich.“

„Nein, das tut es nicht“, pflichtete ihr die alte Frau ohne eine Spur von Mitgefühl in der Stimme bei.

In ihrem momentanen Zustand von Unterkühlung und völliger Erschöpfung war die Häme einer anderen Person das Letzte, was Maggie ertragen konnte. Andererseits konnte sie es sich kaum erlauben, den einzigen Menschen zu verärgern, der ihr – so er denn nur wollte – den Weg zu einer rettenden Nachtunterkunft weisen konnte.

In der Hoffnung, doch noch eine heiße Tasse Tee zu bekommen, versuchte Maggie ihr Glück ein letztes Mal: „Sehen Sie, Mrs. …?“

„Louisa Haymaker ist mein Name.“

„Sehen Sie, Mrs. Haymaker“, wiederholte Maggie. „Ich bin vollkommen durchnässt und durchgefroren, außerdem bin ich müde und hungrig. Es würde mich nicht überraschen, wenn ich eine Lungenentzündung bekäme. Jedenfalls kann ich heute Abend keinen Kilometer weit mehr fahren. Es muss doch irgendeinen Ort hier in der Nähe geben, wo ich übernachten kann. Ich zeige Ihnen gern meinen Ausweis …“

Normalerweise verabscheute es Maggie, ihren Titel hervorzukehren, aber hier schien es keine andere Möglichkeit zu geben.

„Mein Name ist Dr. Margaret Tremont. Ich bin Ärztin. Mir geht es überhaupt nicht gut. Am liebsten möchte ich einfach nach Hause, aber da das nicht geht, möchte ich gern in ein Hotel.“ Um Atem ringend legte Maggie zwanzig Dollar auf den Tresen. „Ich glaube, ich habe Ihnen das Benzin noch nicht bezahlt.“

Wie eine Schlange schoss Louisa Haymakers Hand nach vorn. Rasch steckte die alte Dame das Geld ein. Maggie fiel auf, dass sie keinerlei Anstalten machte, ihr das Wechselgeld zurückzugeben.

„Und wenn Sie mir nun noch den Namen eines Hotels oder einer Pension nennen könnten, bin ich auch schon weg.“

Bevor Louisa Haymaker ansetzen konnte, etwas zu erwidern, wurden sie vom unerwarteten Zuschlagen der Tür überrascht. Beide Frauen fuhren erschrocken zusammen. Doch als Maggie sich herumdrehte, sah sie nur einen kleinen Jungen.

„Louisa, wo steckst du denn? Wir sind jetzt da!“ Die Heiterkeit, die der Junge trotz des mehr als ungemütlichen Wetters ausstrahlte, war herzerwärmend. Maggie musste lächeln, als sie sah, dass er den ganzen Boden nass getropft hatte. Louisa Haymakers Laune verbesserte sich durch diesen Anblick hingegen nicht.

„Amos Burnside, wie oft muss ich dir noch sagen, dass du die Türe nicht so zuschlagen sollst! Wer soll sie denn reparieren, wenn sie kaputtgeht? Und schau nur, was du für eine Schweinerei auf dem Boden machst“, krächzte sie und deutete mit ihrem Stock auf die Pfütze, in der der Junge stand.

Er hatte eine Baseballmütze auf, sodass Maggie seine Augen kaum erkennen konnte, aber sie hatte den Eindruck, als würde der Junge gleich zu weinen anfangen. Maggie schätzte ihn auf sieben oder acht, und seine hohe Kinderstimme gab ihr recht.

„Ich kann doch nichts dafür, dass es so regnet, Louisa“, protestierte er empört.

„Na ja, das ist wohl wahr, mein Kind. Schau mal, wir haben einen Gast.“

Amos folgte der Bewegung von Louisas Augen. Offenkundig erstaunt, eine Fremde zu sehen, schob er seine Mütze in den Nacken, um Maggie besser inspizieren zu können. Sie war überrascht, als unter der Mütze ein langer Schopf seidig blonden Haars zum Vorschein kam.

„Wer sind Sie denn?“, fragte er mit weit aufgerissenen, blau schimmernden Augen.

Vollkommen eingenommen von seiner engelsgleichen Schönheit erwiderte Maggie: „Mein Name ist Margaret Tremont, aber meine Freunde nennen mich Maggie.“

„Sie sehen aber blass aus“, sagte er mit ernstem Gesicht.

„Sie ist krank. Das merkst du doch“, wies Louisa ihn zurecht. „Die junge Dame brauchte Benzin. Sie sagt, sie sei Ärztin.“

Amos’ Lächeln war eine entzückende Mischung aus Freude und Neugier. „Wirklich? Eine waschechte Ärztin?“

„Eine waschechte Ärztin“, bestätigte Maggie lächelnd.

„Wow! Das muss ich meinem Dad erzählen. Ich bin Amos Burnside. Meine Freunde nennen mich Amos“, sagte er mit seinem natürlichen Charme.

„Schön dich kennenzulernen, Amos“, krächzte Maggie, der nun auch noch die Stimme versagte.

„Louisa hat recht. Sie klingen wirklich krank. Wenn Sie eine richtige Ärztin sind, warum machen Sie sich nicht selbst wieder gesund?“

Wenn das nur so einfach wäre, dachte Maggie. Doch da war Amos schon beim nächsten Thema, wie Kinder nun einmal waren. „Was machen Sie denn hier, Dr. Tremont? Ist noch jemand krank? Wie lange bleiben Sie denn? Es ist gefährlich, nachts Auto zu fahren, sagt mein Dad.“

„Hoppla, junger Mann. Das sind aber viele Fragen auf einmal. Also, soweit ich weiß, ist niemand außer mir krank“, erklärte sie. „Ich war auf dem Heimweg – ich wohne in Boston –, als ich von dem Gewitter überrascht wurde und zufällig an Mrs. Haymakers Tankstelle vorbeikam. Das war mein Glück, denn ich hatte fast kein Benzin mehr. Noch glücklicher aber wäre ich, wenn ich außerdem ein Bett und eine Großpackung Taschentücher finden würde. Ich wollte Mrs. Haymaker gerade nach dem Weg zur nächsten Pension fragen, als du hereinkamst.“

Verwirrt wendete sich Amos an Louisa. „Louisa, warum hast du ihr denn nicht von den Hütten hinterm Haus erzählt? Entschuldigung, Frau Doktor, Louisa muss das wohl vergessen haben.“ Amos lächelte verlegen, als sei das alles seine Schuld. „Sie haben das Schild wohl übersehen.“

„Ich habe wohl so einiges übersehen“, sagte Maggie mit einem flüchtigen Blick in Louisas Richtung.

„Louisa hat hinter dem Haus eine Pension. Sie heißt ‚Jack’s Haven‘, nach Jack, Louisas Mann. Na ja, Mr. Jack ist tot. Aber wenn er noch leben würde, wäre er ihr Mann.“

„Amos Burnside“, sagte die alte Dame mahnend, „du weißt doch ganz genau, dass die Zimmer nicht mehr vermietet werden können. Sie sind zugig und feucht“, schickte sie nachdrücklich in Maggies Richtung hinterher. „Wenn man, wie Sie, krank ist, kann man sich wirklich Besseres vorstellen. Sie brauchen ein warmes Zimmer mit einem Dach, das nicht über Ihnen zusammenzubrechen droht.“

„Louisa, das Dach ist wieder in Ordnung. Dad hat es doch erst letzte Woche repariert“, erinnerte sie der Junge. „Weißt du nicht mehr? Ich habe ihm doch geholfen. Außerdem gibt es hier keinen anderen Ort, wo sie bleiben kann. Wenn es tatsächlich zu kalt sein sollte, helfe ich Ihnen gern, ein Feuer zu machen. Mein Dad hat mir gezeigt, wie das geht, als wir letztes Wochenende zusammen zelten waren.“

Wenn Blicke töten könnten … Aber Louisa war machtlos. Amos war nicht zu stoppen. Maggie musste sich auf die Unterlippe beißen, um nicht laut loszulachen. Mit bewusster Höflichkeit sagte sie: „Danke schön, Amos. Ich wäre dir für deine Hilfe sehr dankbar.“

Gott sei Dank! Diesen Jungen schickt der Himmel!

„Mmmh“, zögerte Louisa, aber sie wusste, dass sie verloren hatte. Sie musste Maggie beherbergen, wenn sie keine Szene machen wollte. „Es wird wohl gehen … aber nur für eine Nacht.“

Diese Einschränkung gefiel Maggie gar nicht, aber immerhin hatte sie nun den Fuß in der Tür. „Vielen Dank, Mrs. Haymaker. Der Gedanke, noch nach Bloomville zu fahren, war beängstigend, aber noch schlimmer wäre es gewesen, im Auto zu übernachten.“

„Sie sind den ganzen Weg aus Bloomville hierher gefahren?“ Amos war sichtlich beeindruckt.

„Nein, ich habe mich auf dem Weg nach Bloomville verfahren. Laut meiner Karte ist es gar nicht mehr so weit, nur etwa siebzig Kilometer. Aber bei dem Regen konnte ich die Schilder kaum lesen.“

„Es ist so weit weg, dass ich erst einmal da gewesen bin“, bedauerte Amos.

„Aber wie ist das denn möglich?“, fragte Maggie ehrlich überrascht. „Es liegt doch nur auf der anderen Seite des Bergs.“

„Mein Dad fährt ab und zu hin, in einem Notfall oder um Lebensmittel zu kaufen, aber ich darf nie mitkommen. Er sagt immer, dass es dort nichts gibt, was wir hier nicht auch haben. Rafe sagt …“

„Wer ist denn Rafe?“, warf Maggie ein.

„Rafe ist mein Dad. Manchmal sage ich Dad zu ihm und manchmal Rafe. Er holt gerade Louisas Lebensmittel aus dem Auto. Rafe sagt, dass Leute, die zu weit von zu Hause weggehen, irgendwann den Weg zurück nicht mehr finden. Genau wie meine Mutter. Sie ist weggegangen, als ich ein Baby war, und wir haben sie nie wiedergesehen. Rafe sagt …“

„Amos!“, unterbrach ihn Louisa, die die Offenheit des Jungen nicht gutzuheißen schien. „Ich glaube nicht …“

Doch bevor Louisa weitersprechen konnte, flog die Tür auf, und ein regendurchnässter Mann trat herein. Er brachte den Geruch von nassen Blättern und feuchter Wolle mit in den Raum. Obwohl er groß und kräftig gebaut war, bewegte er sich fast elegant. Er balancierte drei Papiertüten mit Lebensmitteln in seinen starken Armen, während er die Tür hinter sich vorsichtig mit dem Absatz seines Stiefels schloss.

„Amos“, sagte der Mann mit ruhiger und doch tadelnder Stimme. „Wo bleibst du denn? Du solltest mir doch mit den Lebensmitteln helfen, nachdem du nach Louisa gesehen hast.“

Maggie war sofort fasziniert von dieser ruhigen, tiefen Stimme, die so ernst klang. Aber während Amos Burnside einem Sonnenstrahl glich, war sein Vater eher die Personifizierung rauer Männlichkeit. Sein Gesicht war von tiefen Falten durchfurcht und von einem wilden Dreitagebart überzogen.

Trotzdem konnte Maggie ihren Blick kaum von ihm wenden. Sein nasses Haar hing ihm wie ein schwarzer Vorhang in die Stirn, und unter den ernsten dunklen Brauen funkelten zwei braune Augen hervor. Die markante Nase passte zu seinem kantigen Kiefer, der ihn männlich und sinnlich zugleich erscheinen ließ.

Die fleckigen Jeans und die schlammbedeckten Arbeitsstiefel zeugten von einem Leben, das wohl hauptsächlich unter freiem Himmel stattfand. Das Auffallendste an ihm aber war seine Körpergröße. Er war bestimmt 1,90 m groß und beinahe halb so breit – einer jener Männer, die durch ihre Statur allein schon Männlichkeit und Stärke ausstrahlten. Maggie konnte sich nicht vorstellen, dass dieser Mann irgendeinen Raum nicht durch seine bloße Anwesenheit beherrscht hätte.

Irgendetwas musste ihm ihre Anwesenheit verraten haben, denn plötzlich wandte Rafe sich in ihre Richtung. Mit einem fragenden Blick sah er ihr tief in die Augen. Dann veränderte sich seine Haltung leicht. Ein angestrengter Ausdruck erschien auf seinem Gesicht.

Maggie versuchte es mit einem Lächeln, doch er reagierte nicht darauf. Sie fühlte sich ertappt, und die Schamesröte stieg ihr ins Gesicht. Mit seinem Blick, aus dem zugleich Verachtung und Interesse sprachen, schien er sie geradewegs zu durchbohren.

Maggies unmittelbarer Eindruck war, dass dieser Mann eine tiefe Traurigkeit in sich trug. Rafes Schultern waren angespannt, und er schien weit vor seiner Zeit gealtert zu sein. Vielleicht lag es auch an der Art und Weise, wie er sich bewegte, langsam und als ob es ihm große Mühe bereitete. Mit einer gewissen Schwermut.

Und doch sagte ihr irgendetwas, dass dieser Mann früher einmal glücklich und unbeschwert gewesen war, auch wenn man ihm heute davon kaum noch etwas anmerkte.

Oder las sie zu viel in die Situation hinein? Und warum stockte ihr Atem so plötzlich?

Da hat wohl jemand irgendwo eine falsche Abzweigung genommen, dachte Rafe mürrisch, während er die Einkaufstüten vorsichtig absetzte und die Fremde unverhohlen anblickte. Ende dreißig – wenn er sich nicht irrte – und, ihrer roten Nase nach zu urteilen, ziemlich krank. Er hatte keine Ahnung, wer sie war und was sie hier machte, aber eines stand fest: Das Städtchen Primrose hatte keine Gäste.

„Was geht denn hier vor sich?“, fragte er mit ruhiger Stimme, in der leiser Unmut mitschwang.

„Hallo Dad, das ist Maggie Tremont!“, verkündete Amos, und es war unüberhörbar, wie sehr er sich freute, dass endlich einmal etwas passierte. „Sie hat sich verfahren, Dad! Und stell dir vor: Sie ist Ärztin, eine waschechte Ärztin!“

Maggie ließ Rafes abschätzenden Blick erneut über sich ergehen. Ganz gleich, wer sie war, Rafe blieb unbeeindruckt, und wenn sie die Königin von Saba gewesen wäre. Dabei war ihr schon oft gesagt worden, dass sie sehr hübsch sei. Ihre Nase war elegant, und wenn sie lachte, glitzerten ihre grauen Augen, ohne dass es ihr bewusst wurde. Auch ihr Teint war mit seiner Mischung aus Sommersprossen und rosigen Wangen ausgesprochen attraktiv.

Auf alle Fälle hatte Maggie genug Selbstbewusstsein, um dem missbilligenden Blick eines Mannes standhalten zu können. Selbst einem Mann mit solch unglaublich breiten Schultern.

Sie hörte nur mit halbem Ohr hin, als Louisa begann, ihre Anwesenheit zu erklären. Die Art und Weise, wie man über sie sprach, als sei sie gar nicht im Raum, ärgerte sie zwar, aber sie fühlte sich zu schwach, um einzugreifen. Außerdem hörte sie auf ihren gesunden Menschenverstand. Zickig zu reagieren, würde sie bei diesen beiden ohnehin nicht weiterbringen.

„Ja, mein Name ist tatsächlich Dr. Margaret Tremont“, sagte sie schließlich mit müder Stimme. „Ich gehöre zu einer Gruppe von Ärzten, die für die Mobile Clinic of New England arbeiten.“

Rafe blickte sie nachdenklich an. „Wir gehören zum Patientenkreis der mobilen Klinik, aber unser Ansprechpartner ist Dr. Marks.“

„Ja, ich kenne ihn, er ist ein netter Mann. Und keine Sorge, ich bin nicht sein Ersatz. Ich gehöre noch nicht einmal zum New Hampshire Team. Normalerweise arbeite ich in Massachusetts, denn ich lebe in Boston. Um genau zu sein, bin ich gerade nicht einmal im Dienst. Ich habe mich verfahren. Eben war ich noch auf der Route 93 South, und dann … war ich’s auf einmal nicht mehr“, seufzte sie.

Rafes Blick war jetzt tadelnd. „Der Straßenverlauf hier in der Gegend ist tatsächlich ein bisschen verwirrend. Aber so sehr nun auch wieder nicht.“

„Es hat gereicht, um mich zu verfahren“, erwiderte Maggie beinahe schuldbewusst und fragte sich gleichzeitig, ob das in dieser Gegend wohl als Todsünde galt. „Wie schon gesagt, ich kenne mich hier nicht aus, aber geben Sie mir einen Monat, und ich kenne hier jeden Winkel wie meine Westentasche. Ich habe einen guten Orientierungssinn … normalerweise“, fügte sie leise lächelnd hinzu.

Doch Rafe war keineswegs beschwichtigt. „Für jemanden mit einem guten Orientierungssinn sind Sie aber ziemlich weit vom Weg abgekommen.“

„Ist das so?“, sagte sie trocken und dachte, dass sie, wenn sie sich nicht in den nächsten fünf Minuten hinlegen konnte, wahrscheinlich auf Louisas abgetretenem Linoleumfußboden zusammenbrechen musste. Geistesgegenwärtig griff sie nach ihrer Tasche und zog ihr Scheckbuch heraus. „Sind hundert Dollar für eine Nacht ein angemessener Preis, Mrs. Haymaker?“

Das großzügige Angebot wurde von Louisa nur mit einem Schnauben beantwortet. „Und vielleicht darf Amos mir ja tatsächlich ein Feuer machen, Mr. Burnside?“, fügte Maggie entschlossen hinzu.

Rafe warf ihr einen unterkühlten Blick zu, aber zumindest sagte er nicht Nein. Hundert Dollar waren viel Geld, das wusste sie.

„Als ich das letzte Mal nachgesehen habe, lag in Nummer drei noch etwas Feuerholz, Amos“, sagte Louisa rasch.

Amos war begeistert. „Wird gemacht!“, salutierte er, zog sich verschmitzt die Mütze über sein goldenes Haar und sprang nach draußen.

„Danke, dass ich bleiben darf, Mrs. Haymaker“, sagte Maggie schwach. Mit zittrigen Händen machte sie sich daran, einen Scheck auszustellen.

Rafe schien ihre elende Verfassung zumindest zum Teil bemerkt zu haben. Immerhin drehte er sich um und murmelte: „Ich gehe dem Jungen helfen.“

Auch Louisa schien beschwichtigt. „Weißt du, Rafe, das junge Fräulein hier ist eigentlich ein Gottesgeschenk. Dass sie Ärztin ist, bedeutet, dass du mich nächste Woche nicht nach Bloomville zu diesem Fußspezialisten fahren musst. Natürlich nur, falls sie sich meine Füße anschaut.“

„Mir hätte die Fahrt nichts ausgemacht“, erwiderte Rafe mürrisch, als er auf die Tür zusteuerte.

„Das weiß ich doch, Rafe. Du bist wirklich eine treue Seele. Aber es wäre trotzdem eine Entlastung für dich.“

„Ich sehe mir ihre Füße gerne an, Mrs. Haymaker“, warf Maggie rasch ein. „Sobald ich wieder auf den meinigen stehe.“ Am Rande der völligen Erschöpfung konnte Maggie Louisa gerade noch eine gute Nacht wünschen, bevor sie Rafe fluchtartig nach draußen folgte.

Auf der überdachten Veranda machten sie beide kurz halt. Sie zögerten, hinaus in den heftigen Sturm zu treten. Jeder Windstoß bedeckte ihre Wangen mit kaltem Regen. Sie standen so dicht beieinander, dass Maggie seinen Atem wie einen warmen Hauch auf ihrer Haut spürte.

Nicht einmal ihre regendurchnässte Kleidung konnte die Hitze abkühlen, die plötzlich in ihr aufstieg. Sie meinte zu erkennen, wie sich seine großen dunklen Augen verkleinerten und ein vorsichtiger, aber eindeutig interessierter Blick ihre Lippen streifte.

Im nächsten Moment jedoch hatte er sich wieder gefangen. Beinahe ärgerlich drehte er sich auf dem Absatz um und lief hinaus in die Nacht.

Maggie versuchte, ihren Herzschlag zu beruhigen, indem sie sich selbst zur Ordnung rief. Als sie endlich wieder normal atmen konnte, rannte sie so schnell sie konnte durch den Regen zum Auto und fuhr um das Haus herum zu den Hütten, die in der Dunkelheit kaum erkennbar waren.

Zu ihrer großen Erleichterung sah sie, dass eine der Hütten erleuchtet war. Mit letzter Kraft öffnete sie die Tür und beeilte sich, ins Trockene zu kommen. Das Innere der Hütte bestand aus einem heruntergekommen wirkenden Raum, der schon bessere Zeiten gesehen haben mochte. Auf dem Bett lag ein abgenutzter Überwurf, die Vorhänge waren verstaubt, und die Möbel hatten Flecken. Aber das alles war Maggie in diesem Moment egal.

Am anderen Ende des Raums war Amos damit beschäftigt, ein Feuer zu entfachen, verursachte dabei jedoch hauptsächlich jede Menge Rauch. Maggie hustete laut, in der Hoffnung, er würde aufgeben. Verlegen und voller Tatendrang sprang Amos auf. „Keine Sorge, ich krieg das Feuer gleich an“, versprach er und griff nach mehr Holz.

„Vielleicht solltest du auch ein bisschen Papier benutzen, Amos. Das Holz sieht schon schimmlig aus. Was meinst du?“

„Rafe sagt, wer Papier zum Feuermachen benutzt, der schummelt.“

„Dein Vater hat wirklich zu allem eine Meinung“, sagte Maggie so wertfrei wie möglich.

„Das stimmt. Er ist der klügste Mann in Primrose. Das sagen alle.“

„Sag bloß“, murmelte Maggie, als sie plötzlich unter dem Fenster einen elektrischen Heizofen entdeckte. Hoffnungsvoll schaltete sie ihn an und wurde nach einem kleinen Knall und ein paar Klicks und Klacks von einem freundlichen Summen begrüßt. Als sie ihre Hand über die Lüftung hielt, fühlte sie tatsächlich so etwas wie Wärme herausströmen. Mit einem spitzbübischen Lächeln drehte sie sich zu Amos und sagte: „Das ist Schummeln, Amos, und du kannst deinem Vater ruhig davon erzählen.“

„Das können Sie auch selbst tun“, hörte sie im gleichen Moment eine tiefe Stimme hinter sich grollen. Als sie sich umsah, stand Rafe Burnside im Türrahmen. In der Hand hielt er ihren Koffer, den sie auf der Schwelle abgestellt hatte.

Maggie beobachtete, wie er in die Hütte trat, begleitet von seinem langen Schatten, der alles andere, sogar die vergilbten Tapeten und den ausgefransten blauen Teppich, zu verschlucken schien. Sein geschmeidiger Körper glitt dicht an ihrem vorbei, als er den Koffer neben dem Bett abstellte. Er roch nach Wald.

Beunruhigt von der Wirkung, die seine Anwesenheit auf sie hatte, bemühte sich Maggie, den Anschein von Normalität zu wahren.

„Hier, Amos, lass mich dich für deine Mühe entschädigen“, sagte sie und zückte ihren Geldbeutel. „Ich weiß gar nicht, was ich ohne dich gemacht hätte.“

Aber Rafe hielt sie zurück, und seine Augen waren vor Ärger ganz schmal. „Amos braucht ihr Geld nicht, Dr. Tremont. Was der Junge tut, tut er aus Hilfsbereitschaft.“

Peinlich berührt wich Maggie zurück. „Ich wollte niemanden beleidigen. Ich dachte einfach …“

Aber egal, was sie hatte sagen wollen, Rafe war schon verschwunden, bevor sie ihren Satz beenden konnte.

Auch Amos sprang nun auf, um seinem Vater zu folgen. Bevor er aus der Türe lief, warf er ihr noch ein strahlendes Lächeln zu. „Gute Nacht, Dr. Tremont.“

„Danke schön, Amos. Dir auch eine gute Nacht.“

Dann war auch der Junge verschwunden, und Maggie hörte nur noch, wie Rafe die Zündung seines Wagens betätigte und das Motorgeräusch langsam in der Nacht verschwand.

Was war da gerade nur mit ihr passiert? Was hatte ihr Herz so schnell schlagen lassen? Doch nicht etwa der Anblick eines erwachsenen Mannes, der sich dringend mal wieder rasieren sollte. Aber warum auch immer – auf einmal stand ihre ganze Welt kopf. Sie fragte sich, ob sie wohl sehr zerrauft ausgesehen hatte und ob sie diesen Furcht einflößenden Mann jemals wiedersehen würde. Egal, was er von ihr hielt, sie konnte an nichts anderes mehr denken als an ihn.

2. KAPITEL

Als Maggie am nächsten Morgen erwachte, war die Luft in der Hütte warm und trocken. Draußen regnete es immer noch, und ihr ganzer Körper schmerzte. An Aufstehen war überhaupt nicht zu denken. Zu erschöpft, um auch nur auf die Toilette zu gehen, vergrub sie sich wieder unter der warmen Decke und döste erneut ein.

Wenig später wurde sie geweckt, weil jemand eine warme Tasse Tee an ihre Lippen hielt. Doch sosehr die Person sie auch zum Trinken ermunterte, mehr als ein paar Schlucke konnte sie nicht nehmen, bevor sie wieder in einen unruhigen Schlaf fiel. Sie träumte von einer rauen Hand, die ihr das nasse Haar aus der Stirn strich, und von dem Duft nach Tannen.

Erst als Louisa Haymaker einige Stunden später fest an ihrer Schulter rüttelte, erwachte Maggie erneut.

„Kommen Sie schon, Dr. Tremont. Es ist höchste Zeit aufzuwachen. Es ist schon fast eins. Ich habe Ihnen eine Tasse Kamillentee und Aspirin mitgebracht.“

Nur widerwillig öffnete Maggie ihre geschwollenen, fiebertränenden Augen. „Ich fühle mich überhaupt nicht wohl!“, krächzte sie und schluckte die Tabletten herunter, die Louisa ihr hinhielt. „Aber waren Sie heute Morgen nicht schon mal da? Ich meine mich zu erinnern …“

„Oje, Sie sind aber wirklich krank!“, erwiderte Louisa vorwurfsvoll. „Und Sie wollen hier die Ärztin sein. Was soll ich denn jetzt mit Ihnen machen?“

„Sie müssen gar nichts machen“, versicherte Maggie. „Lassen Sie mich einfach ein paar Tage hierbleiben. Dann geht es mir bestimmt besser. Es ist ja nur eine Erkältung.“

„Dr. Tremont, ich habe hier draußen drei Grippewellen überstanden. Ich erkenne eine Grippe, wenn ich eine sehe.“ Doch Maggie schlief bereits wieder.

Als sie das nächste Mal erwachte, hörte sie vor ihrem Fenster die Vögel singen, und auf ihrem Gesicht lag ein wärmender Sonnenstrahl, der von draußen hereinfiel und die Hütte in ein unwirklich helles Licht tauchte. Sie hatte immer noch nicht die Kraft aufzustehen, aber zumindest gelang es ihr, den Kopf zu drehen. Als sie dies tat, war sie überrascht, Rafe Burnside zu sehen, der neben ihrem Bett saß.

„Es wurde aber auch Zeit, dass Sie aufwachen“, grummelte er. Immer noch völlig erschöpft konnte Maggie nichts erwidern. Aber da war es wieder, jenes Herzrasen, das Rafes Anblick in ihr auslöste. Was hatte dieser Mann nur an sich, das sie so verwirrte? Trotz des Fiebers war ihr ganzer Körper erregt.

Sie räusperte sich und tat so, als ob seine Anwesenheit sie überhaupt nicht berührte.

„Wieviel Uhr ist es?“, fragte sie mit heiserer Stimme.

„Bald Mittag“, sagte er, sich erhebend. „Warum wollen Sie das wissen? Sie können sowieso noch nicht aufstehen.“

„Aus Gewohnheit, nehme ich an“, entgegnete Maggie kampfeslustig. „Und was machen Sie hier?“

Rafes Mundwinkel zuckte. Es war schon lange her, dass ihn jemand so angefahren hatte. Irgendwie fand er das amüsant.

„Ich bin nur vorbeigekommen, um zu sehen, wie Louisa das Gewitter überstanden hat.“

„Und? Wie geht es ihr?“, fragte sie unter heftigem Husten.

„Um einiges besser als Ihnen“, sagte Rafe und reichte ihr eine Packung Taschentücher.

„Es ist nicht viel kaputtgegangen. Ihre Tür muss repariert werden, und ein paar Äste sind abgebrochen. Ich kümmere mich bei nächster Gelegenheit darum.“

„Sie sorgen wirklich gut für sie. Sind Sie verwandt?“

„Nein, hier in Primrose muss man nicht verwandt sein, um sich umeinander zu kümmern.“ Mit vorsichtigen Griffen half er ihr, sich aufzusetzen. Maggie errötete, als er sie dabei ertappte, wie sie auf seine Hände starrte. Es waren die großen, dunkel behaarten, sonnenverbrannten Hände eines Farmers, und auf ihre Art waren sie schön.

„Vielen Dank für alles“, sagte sie schwach. „Ich glaube, von jetzt an komme ich allein zurecht.“

„Tatsächlich? Bin ich also entlassen?“, fragte er spöttisch, während er ihr aus einer Thermoskanne etwas Tee eingoss. Als sie versuchte, davon zu trinken, zitterten ihre Hände so sehr, dass sie wohl oder übel erneut Rafes Hilfe annehmen musste. Sein „Hab-ich’s-doch-gewusst“-Gesichtsausdruck war dabei so unübersehbar, dass es ihr schwerfiel, Dankbarkeit zu empfinden.

Es ärgerte sie, dass er sauber und frisch geduscht war, während sie selbst sich so verschwitzt und ungepflegt fühlte. Als er sich leicht über sie beugte, stellte sie missmutig fest, dass sein seidig schwarzes Haar nach Tannen roch. Am meisten aber verunsicherte sie, dass seine Hand ihre Lippen streifte, als er ihr den süß duftenden Tee hinhielt. Zum Glück verdeckte ihr offenes Haar ihre Wangen, die in diesem Moment bestimmt rot erglühten.

„Wo ist denn Amos?“, fragte sie in ihrer Verunsicherung rasch. Eine höfliche Unterhaltung war bestimmt die beste Ablenkung.

„Der Junge hat Pflichten zu erledigen“, erwiderte Rafe vollkommen unbeeindruckt.

„Ach, natürlich. Grüßen Sie ihn bitte schön von mir!“

Rafe nickte nur.

„Sind Sie hier eigentlich der Bürgermeister?“, hörte sie sich selbst scherzhaft fragen.

„Es geht Ihnen wohl schon etwas besser.“

„Warum?“

„Na, wenn Sie sich schon wieder über andere lustig machen.“

„Ich wollte mich nicht über Sie lustig machen. Ich dachte einfach …“

„Hören Sie, ich bin nur hier, weil Louisa mich gebeten hat, nach Ihnen zu sehen.“

Na dann, vielen Dank auch.

„Und ich muss zugeben, Sie hatte recht. Sie sehen wirklich erbärmlich aus.“

Maggie zog sich die Decke bis an die Nasenspitze und wünschte, er wäre … na ja … etwas charmanter. Das konnte sie sich zumindest leichter eingestehen als ihren dringlichen Wunsch, Greta Garbo in ihrer Rolle der Kameliendame zu gleichen.

Sie konnte ja nicht ahnen, dass sie selbst in diesem Moment einen ganz bezaubernden Anblick abgab. Ihre dunkelroten Locken lagen wild auf dem weißen Kissen ausgebreitet, und ihre großen, braunen Augen bildeten einen atemberaubenden Kontrast zu ihrer hellen, beinahe durchsichtigen Haut.

„Wenn Sie nichts mehr brauchen, gehe ich wohl besser und sehe nach Amos“, sagte er und hantierte verlegen mit der Thermoskanne.

„Vielleicht könnten Sie mir noch die Nummer eines Lieferservice geben, damit ich mir etwas zu essen bestellen kann?“

Rafe musste unwillkürlich lächeln. „In Primrose gibt es keinen Lieferservice.“

„Nicht? Und was ist mit einem Restaurant?“

„Nein.“

„Kein einziges Restaurant?“

„Nein. Nicht einmal einen Imbiss.“

„Was gibt es denn überhaupt in dieser Stadt?“

„Es gibt hier eigentlich überhaupt keine Stadt, Dr. Tremont. Eher eine Art Gemeinschaft.“

„Welche Art von Gemeinschaft denn?“

„Familien, Dr. Tremont. Familien, die sich umeinander kümmern. Wenn wir etwas brauchen, fragen wir einander. Bisher hat das immer gut funktioniert.“

Maggie verbrachte die nächsten Tage in einer Art Dämmerzustand. In den kurzen Momenten, in denen sie wach war, trank sie von dem Tee, den Louisa ihr in regelmäßigen Abständen vorbeibrachte, und knabberte etwas Toast. Am dritten Tag hatte das Fieber endlich etwas nachgelassen, und sie konnte ihren Körper strecken, ohne dass jede Bewegung ihr Schmerzen bereitete. Nun konnte sie endlich auch die lang ersehnte Dusche nehmen.

Vorsichtig setzte sie ihre Füße auf den kalten Parkettboden und trippelte – noch etwas wackelig auf den Beinen – ins Bad. Unter der Dusche nahm sie sich viel Zeit, wusch sich die Haare und seifte ihren fiebergeschundenen Körper sorgsam ein. Dann genoss sie einfach den Strom des heißen Wassers, der an ihr herablief.

Erst nach zehn Minuten gelang es ihr, sich von dem wohltuenden Strahl loszureißen. Rasch schlüpfte sie in ein frisches Nachthemd und trocknete ihre Haare. Erschöpft, aber glücklich kroch sie zurück ins Bett und schlief sofort wieder ein.

Etwa eine Stunde später erwachte sie und sah aus den Augenwinkeln Rafe an ihrem Bett stehen, der einen zugedeckten Kochtopf in der Hand hielt.

„Kommen Sie immer in anderer Leuts Zimmer ohne anzuklopfen?“, fragte sie, während sie sich noch den Schlaf aus den Augen rieb.

„Ich habe angeklopft, aber Sie haben mich nicht gehört, und diese Schüssel ist ziemlich heiß. Und Sie … sind Sie immer so schlecht gelaunt, wenn Sie geweckt werden?“, erwiderte er und wühlte mit der freien Hand in einem Karton, den er ebenfalls mitgebracht und auf ihrem Nachttisch abgestellt hatte. Nach und nach kamen daraus ein tiefer Teller, Besteck und einige rotwangige Äpfel zum Vorschein.

„Die sind von meiner Farm. Ich habe eine Obstwiese mit Apfelbäumen. ‚The Burnside Apple Orchard‘.“

„Sie züchten Äpfel? Die sehen wirklich toll aus“, sagte Maggie bewundernd.

„Sie kommen direkt vom Baum. Sie sind ganz knackig und vielleicht noch ein bisschen sauer. Es ist eigentlich noch zu früh für Äpfel.“

„Säuerlich mag ich sie am liebsten. Ich weiß diese Geste wirklich zu schätzen. Sie wissen ja: Jeden Tag ein Apfel ist besser als jeder Arzt.“

„Na ja, das scheint in Ihrem Fall ja nicht funktioniert zu haben.“

„Vielleicht, weil ich bisher keine Äpfel aus Ihrem Anbau hatte.“

Rafe drehte sich weg und antwortete nicht, aber Maggie hatte das Gefühl, dass er sich über das Kompliment freute.

„Sie fühlen sich wohl schon etwas besser, wenn man den benutzten Handtüchern im Badezimmer Glauben schenken darf.“

Überrascht darüber, dass ihm das aufgefallen war, wusste Maggie nicht, was sie erwidern sollte. „Ich fühle mich wie nach einem Boxkampf über zehn Runden gegen Mohammed Ali“, erklärte sie schließlich scherzhaft, „aber ich bin definitiv auf dem Wege der Besserung.“

Als sie sich zum Beweis ein wenig aufrichten wollte, wurde sie von seinen Blicken daran erinnert, dass sie nichts weiter trug als ein dünnes Nachthemd. Um ihre Verlegenheit zu überspielen, sprach sie rasch weiter: „Ich niese schon viel weniger und mein Appetit kehrt auch langsam zurück. Was auch immer Sie da in dieser Schüssel haben, guter Mann, nur her damit!“

„Ach das? Das ist nur Schottische Brühe. Nichts Besonderes, die Reste von gestern. Aber ich dachte, ich bringe sie mal mit.“

„Von mir werden Sie keine Beschwerden hören. Aber was ist Schottische Brühe?“, fragte Maggie, während sie bereits dazu ansetzte, ihren Löffel in die Schüssel zu tauchen.

„Feinste Schildkrötensuppe. Ich gehe davon aus, das schmeckt Ihnen?“

„Hmm, ja … es geht so …“, sagte Maggie und hielt mitten im Löffeln inne. Als Rafe ihren angewiderten Gesichtsausdruck sah, musste er lachen. „Um Himmels willen! Nun essen Sie schon! Eine Schottische Brühe besteht einfach aus Lammfleisch und Getreide.“

Erleichtert auflachend probierte Maggie die Suppe. „Die schmeckt richtig gut.“

„Das Lob werde ich an Amos weitergeben. Es war seine Idee, Ihnen die Reste zu bringen.“

„Aber Sie waren der Koch, oder?“

Rafe, der inzwischen am Fenster stand und hinaussah, antwortete nicht. Doch anstatt sich über seine Schweigsamkeit zu ärgern, begriff Maggie langsam, dass dieser Mann einfach nicht gern große Worte über Selbstverständlichkeiten machte.

Während sie – ebenfalls wortlos – die Suppe löffelte, genoss sie den Anblick seiner breiten Schultern. Als sich ihr Magen schließlich weigerte, noch mehr Nahrung aufzunehmen, stellte sie zufrieden und gestärkt den Teller zur Seite und lehnte sich mit einem tiefen Seufzer zurück in die Kissen. „Toll, diese Sonne … ich würde mich gerne ein bisschen vor die Türe setzen. Nur ein paar Minuten“, fügte sie rasch hinzu, als sie seinen besorgten Gesichtsausdruck sah.

„Sie sind die Ärztin. Sie werden schon wissen, was gut für Sie ist“, brummte er gutmütig.

Während Maggie rasch in frische Jeans schlüpfte und einen blauen Wollpulli überwarf, wartete er draußen auf der Veranda auf sie.

„Hmmm, genau was der Arzt verordnet hat“, scherzte sie, als sie sich ein paar Minuten später neben ihn in einen Liegestuhl fallen ließ und ihre nackten Füße der Sonne entgegenstreckte.

„Sind Sie wirklich Ärztin?“, fragte er vorsichtig.

„Ja. Warum glaubt mir das denn keiner?“

„Vielleicht, weil Sie so jung aussehen“, sagte er und sah gedankenverloren auf ihre rot lackierten Zehennägel.

Maggie errötete. Mit Komplimenten hatte sie noch nie gut umgehen können. Sie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Außerdem war sie gar nicht sicher, ob Rafe ihr überhaupt ein Kompliment gemacht hatte. Seine Worte klangen schmeichelhaft, aber seine Stimme hatte einen rauen Unterton, den sie sich nicht erklären konnte.

Dabei hätte Maggie in diesem Moment wirklich keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit eines Komplimentes haben müssen. Mit den unzähligen Sommersprossen, die ihre hellen Wangen übersäten, ihrem energischen kleinen Kinn, das sich der Sonne entgegenstreckte und einem genießerischen Lächeln auf ihren roten Lippen gab sie einen wahrlich entzückenden Anblick ab. Das musste auch Rafe sich eingestehen. Selbst wenn er sich sagte, dass ihm egal war, wie sie aussah.

„Wo ist denn Amos?“, fragte sie und genoss die wärmende Sonne auf ihrem Gesicht.

„Beschäftigt.“

„Richtig. Seine Pflichten. Ich vergaß. Aber es ist Sonntag?“

„Kühen ist es egal, welcher Wochentag es ist. Sie wollen gemolken werden, sogar an Weihnachten und Ostern.“

„Hat er denn auch mal Zeit zum Spielen, bei all den Pflichten?“

„Sobald er seine Pflicht erledigt hat, geht er mit Freunden Kanu fahren. Es sind ja nur zwei Kühe. Aber es tut Kindern gut, Verantwortung zu tragen.“

„Und Sie? Fahren Sie nicht Kanu?“

„Schon seit Jahren nicht mehr“, erwiderte Rafe mit undurchschaubarer Miene.

„Bedeutet das, dass Sie sich von Ihren eigenen Pflichten losgerissen haben, nur um mir Suppe vorbeizubringen?“

„Das ist kein Problem. Ich werde meinen restlichen Pflichten nachgehen, sobald ich mich hier verabschiedet habe. Und wie sieht’s bei Ihnen aus, jetzt, wo es Ihnen besser geht? Haben Sie keine Termine, die Sie einhalten müssen?“

„Wollen Sie mich schon wieder loswerden, Mr. Burnside? Vorsicht! Gleich bin ich beleidigt.“

„Wenn man bedenkt, dass Sie eigentlich im April hätten hier sein sollen, und jetzt ist es Juli …“

„Wenn Sie auf die fahrende Klinik anspielen, irren Sie sich, Mr. Burnside. Wie ich bereits Louisa zu erklären versucht habe, liegt das Dorf gar nicht auf meiner Route. Aber ich verspreche Ihnen, gleich morgen früh werde ich die Zentrale anrufen und herausfinden, was damals vorgefallen ist. Ich hoffe, dann können wir diese Angelegenheit endlich vergessen“, fügte sie seufzend hinzu.

„Die Leute haben ein Recht auf medizinische Versorgung“, sagte Rafe nachdrücklich. „Wir zahlen genauso Steuern wie jeder andere. Wir verlangen auch gar nicht mehr, als dass die fahrende Klinik regelmäßig hier vorbeikommt.“

„Mr. Burnside, ich verstehe Ihren Ärger. Wenn ich morgen die Zentrale anrufe, könnte ich versuchen, sie zu überreden, meine Termine zu ändern und mich ein wenig hierbleiben zu lassen.“

„Das wäre nur fair, aber ich verlasse mich lieber nicht darauf“, erwiderte er leise, während er sich erhob. „Wie auch immer, da es Ihnen ja nun besser geht, brauchen Sie mich wohl nicht mehr. Louisa lässt Ihnen ausrichten, dass sie für Sie mitkochen wird, bis Sie abreisen. Noch ein oder zwei Tage, dann fühlen Sie sich bestimmt wieder ganz wie Sie selbst.“

„Oh, prima! Genau, was ich mir schon immer gewünscht habe: mich fühlen wie ich selbst“, murmelte sie leise in sich hinein.

Und da war es … fast. Maggie sah, wie sich Rafes Mundwinkel ganz leicht verzogen, fast so weit, dass man von einem Lächeln hätte sprechen können. Aber nein, sie musste sich vertan haben. Rafe Burnside lächelte nie. Soviel war sicher.

Maggie sah zu, wie er mit langen, sicheren Schritten zu seinem Auto lief. In Jeans und staubigen Schuhen wirkte er wie ein richtiger Landarbeiter. Ein einsamer Mann mit einem einsamen Beruf, dachte sie, als er in seinem roten Ford davonfuhr.

Woran er in all diesen einsamen Stunden des Pflügens, Säens und Dreschens – was auch immer das war – wohl dachte? Ob er dabei manchmal von einem anderen Leben träumte? Oder ob er nur an den Preis für Saatgut dachte und daran, ob sein Sohn neue Winterstiefel brauchte?

Vielleicht dachte er aber auch an nichts Bestimmtes, während er mit seinem Traktor die Felder bewirtschaftete, und ließ seine Gedanken einfach schweifen. Sie fragte sich, ob auch sie zu so einem Leben in der Lage wäre.

Kurz nachdem Rafe gegangen war, schlief Maggie wieder ein. Während sie so in der warmen Nachmittagssonne vor sich hindöste, träumte sie von einem großen, sonnengebräunten Mann, Ähren und endlosen grünen Weiten, über die sie barfuß hinweglief. Sie war fast enttäuscht, als Louisa sie in der Dämmerung weckte, indem sie sie unsanft an der Schulter rüttelte. „Wachen Sie auf, Fräulein Tremont. Ich dachte, Sie haben vielleicht Hunger. Es gibt nichts Besonderes, aber eine warme Mahlzeit könnte Ihnen nicht schaden.“

Das Angebot kam wie gerufen. Maggies Magen knurrte schon wieder merklich. „Da haben Sie recht, Louisa. Rafe Burnside sagte schon, dass Sie so nett sind und mich verpflegen wollen, bis ich ganz gesund bin.“

Louisa war sichtlich überrascht. „Rafe war hier?“

„Ja, war er“, sagte Maggie, während sie ihre Glieder streckte.

„Seltsam. Das wusste ich gar nicht.“

„Er hat mir Brühe vorbeigebracht.“

„Interessant“, murmelte Louisa nachdenklich.

Louisas Zuhause bestand in einer kleinen Wohnung, die über der Tankstelle lag. Am Ende einer schmalen Stiege, die hinter einem grünen Vorhang im Laden nach oben führte, trat man direkt in das Wohnzimmer der alten Dame, das über und über mit Erinnerungsstücken angefüllt war.

„Wie schön Sie es haben“, sagte Maggie mit einem Blick auf die ausgeblichenen Bilder an der Wand.

„Wenn ich eine Haushälterin hätte, dann hätte ich es schön“, scherzte Louisa und stellte einen Krug mit Eistee auf den Esstisch. Der Tisch war liebevoll für zwei Personen gedeckt. Louisa hatte offensichtlich damit gerechnet, dass Maggie ihre Einladung annehmen würde. Auf dem Tisch lag eine blütenweiße Tischdecke, auf der zwei schöne blaue Teller standen. Die Trinkgläser waren zwar alte Marmeladengläser, und das Besteck sah schon etwas abgegriffen aus, aber was auch immer Louisa gekocht hatte, stand dampfend in der Mitte und verströmte einen fantastischen Geruch.

„Es gibt Rindergulasch“, sagte Louisa, während sie die Speise bereits auf die Teller verteilte.

Maggies Herz schlug höher. „Es riecht wunderbar! Es ist eine Ewigkeit her, dass ich ein selbst gekochtes Essen bekommen habe. Und heute ist das schon mein zweites. Sie verwöhnen mich wirklich! Zu Hause esse ich meistens in der Kantine. Ich verbringe sehr viel Zeit in der Klinik“, setzte sie erklärend hinzu, als sie Louisas fragenden Blick sah. „Ich arbeite im Mercy Hospital in Boston. Da habe ich mein Büro. Außerdem habe ich noch eine eigene kleine Praxis in der Stadt.“

„Sie sind also viel unterwegs. Haben Sie keine Familie?“

„Nein, habe ich nicht“, gab Maggie zu.

„Das klingt einsam“, merkte Louisa an.

Maggie war überrascht. Manchmal war es das tatsächlich, aber wie konnte Louisa das ahnen? Nachdenklich strich sie Butter auf die Scheibe Brot. Es stimmte. Sie hatte es sich bisher nie eingestanden, aber Einsamkeit war das Gefühl, das sie schon seit Monaten begleitete.

Um dieses Gefühl zu bekämpfen, hatte sie sich in letzter Zeit zu allem Möglichen überreden lassen – sogar zum Bergsteigen, obwohl sie eigentlich genau wusste, dass sie Wandern hasste. Sie war einem Fitnessstudio beigetreten und einmal wöchentlich in einen Debattierklub gegangen. Vielleicht fehlten ihr ja ein sportlicher Ausgleich oder geistvolle Gespräche, sie wusste es nicht. Das Einzige, was sie wusste, war: Es fehlte ihr etwas.

„Haben Sie dieses Brot gebacken?“, fragte Maggie, um das Thema zu wechseln.

„Das ist Sauerteig“, erwiderte Louisa, die gar nicht bemerkt hatte, was sie mit ihrer Bemerkung ausgelöst hatte. „Meine Mutter hat mir beigebracht, wie man es bäckt. Ich mache das schon länger, als ich denken kann.“

„Dann verdient Ihre Mutter ein dickes Lob“, sagte Maggie begeistert. „Es schmeckt fantastisch. Sie sind wohl in Primrose zur Welt gekommen?“

„Die meisten Leute, die hier leben, sind auch hier geboren.“

„Auch Rafe und Amos?“

Louisa nickte.

„Und die Mutter von Amos?“

„Die“, sagte Louisa verächtlich, „lebt hier schon lange nicht mehr. Rose Burnside ist gegangen, kurz nachdem Amos auf die Welt kam. Vor mittlerweile sieben Jahren. Sie ist gerade lang genug geblieben, um ihr Baby abzustillen, und – schwups – weg war sie. Einfach auf und davon.“

Maggie war entsetzt. „Sie hat einfach ihr Kind verlassen? Wo ist sie denn hin?“

Louisa zuckte mit den Schultern. „...

Autor

Kay Wilding
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Martha Shields
Martha Shields war schon Geschichtenerzählerin, als sie aufwuchs. Sie verbrachte viele Stunden mit ihrer Schwester und sie erfanden Geschichten um sich zu unterhalten. Das machte ihre Liebe zum Wort ersichtlich und führte Martha Shields zu einer Ausbildung zur Journalistin. Frisch aus dem College entdeckte Martha Shields Liebesromane und fand letztendlich...
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