Der Ritter und die schöne Irin

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Ein schrecklicher Fluch lastet auf Brida O’Connaill: Die schöne Irin darf niemals eine Familie haben. Um Verehrer zu entmutigen, gibt sie vor, mit einem Ritter verheiratet zu sein, der auf Kreuzzug ist. Doch dann flüchtet sich eines Tages der verletzte Sir Thomas Lovent in ihr Dorf. Dort verbreitet sich das Gerücht, ihr lange verschollener Ehemann sei endlich zurückgekehrt. Schlimmer noch: Thomas weckt in Brida ein gefährlich sinnliches Verlangen! Bei jeder Berührung spürt sie, dass er ihr vom Schicksal bestimmt ist. Darf sie ihren Gefühlen folgen, oder muss sie die Liebe dem grausamen Fluch opfern?


  • Erscheinungstag 12.05.2026
  • Bandnummer 453
  • ISBN / Artikelnummer 9783751539937
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

Melissa Oliver

Der Ritter und die schöne Irin

PROLOG

Sommer 1221 – Kinnerton Castle an der walisischen Grenze

Brida O’Connaill verließ die große Halle von Kinnerton Castle und trat ins Freie hinaus, in die milde Abendluft. Hinter ihr erklang das fröhliche Stimmengewirr des Hochzeitsempfangs, das gut zu dem schönen Sternenhimmel passte.

Den Kopf in den Nacken gelegt, schloss sie die Augen, holte tief Atem, wollte das Wunder dieser Nacht einsaugen. Und dazu eine traumhafte, vollkommene Hochzeit … Eine Vereinigung zweier Menschen, die füreinander geschaffen waren.

Dennoch vermochte Brida die Verzweiflung nicht zu verbannen, die sie schon den ganzen Tag quälte. Gewiss, sie freute sich, weil ihre Freundin Gwenllian ferch Hywel endlich das große Glück mit ihrem Liebsten, Sir Ralph de Kinnerton, gefunden hatte – nach bedrückender jahrelanger Trennung. Das Allerbeste erhoffte sie für die beiden. Und doch …

Auch Brida sehnte sich nach einem Leben, das sie nach ihren eigenen Wünschen gestalten könnte. Aber das würde nicht geschehen. Keine Heirat, keine Kinder, keine Familie. Unmöglich nach all dem, was ihrer Familie vor einigen Jahren in Irland zugestoßen war.

Das Grauen, seinerzeit prophezeit, galt immer noch. Und ihr blieb nichts anderes übrig, als ein Leben in Einsamkeit und stiller Betrachtung zu führen. Das tat sie seit dem verhängnisvollen Tag, an dem ihre männliche Verwandtschaft dahingerafft worden war. Damals hatte sie geschworen, ledig und kinderlos zu bleiben. Bisher hatte sie sich noch nicht dazu durchringen können, dem Beispiel ihrer trauernden Mutter zu folgen und ins Kloster zu gehen.

An Abenden wie diesem, voller Glück und Zuversicht, wurde ihr der erzwungene Verzicht besonders schmerzlich bewusst …

Genug davon! Denn sie – Brida O’Connaill – war eine vernünftige, bodenständige Frau. Für Gwenllian eine nützliche Gefährtin – wenn sich auch alles ändern würde, weil die Freundin jetzt die Herrin von Kinnerton Castle war.

Entschlossen verdrängte sie die Wehmut, die sie befallen hatte, und schenkte zwei Rittern, die beschwipst aus der Halle wankten, ein schwaches Lächeln. Ohne Brida zu beachten, torkelten sie langsam zum Pförtnerhäuschen beim Tor und stießen gegen den Blumenschmuck, den sie so sorgsam zusammen mit anderen Frauen im Innenhof aufgebaut hatte.

Rote und blaue Lichtnelken aus Gwenllians walisischer Heimat, rosa und violette Glockenheide, zusammengebunden mit Salbei und Eisenkraut aus dem Grenzgebiet von Wales, verzierten die Bogengänge. An allen Säulen wand sich Geißblatt empor und verströmte süßen, berauschenden Duft – vor allem in der Nacht. Brida atmete ihn ganz tief ein, füllte ihre Brust erneut damit und seufzte.

„Ich habe mich gefragt, wohin Sie verschwunden sein könnten, Mistress Brida …“ Hinter ihr erklang eine leise, gedehnte Männerstimme, die sie sofort bewog, die Zähne zusammenzubeißen. „Und jetzt entdecke ich Sie hier draußen, offenbar in nachdenklicher Stimmung.“

Um ihn zu erkennen, musste sie sich nicht umdrehen. Sir Thomas Lovent: der hochgewachsene, attraktive, hoch angesehene Ritter, der ein seltsames Prickeln in ihrem Bauch erzeugte – und gleichzeitig ebenso heftigen Ärger.

Das gelang ihm, seit sie ihn vor ein paar Wochen auf dem Turnier kennengelernt hatte, auf dem ihre Freundin Gwen wieder mit ihrem so lange tot geglaubten Verlobten, Sir Ralph de Kinnerton, vereint worden war. Für die beiden war der Weg zueinander nicht glatt verlaufen, sondern von Tragödien, Feindschaft und Herzenskummer behindert. Brida und Sir Thomas hatten sich verbündet und ihnen geholfen, trotzdem erneut zueinanderzufinden.

Jetzt, bei der Erinnerung an dieses Glück, kehrten wie üblich Bridas Gedanken an ihr eigenes Schicksal zurück. Zu allem Überfluss kam auch noch dieser vermaledeite Mann zu ihr heraus – Thomas Lovent, dem es anscheinend ein ungeheures Vergnügen bereitete, sie zu ärgern.

„Um meine Stimmung müssen Sie sich wahrlich nicht sorgen, Sir Thomas“, konterte sie und hoffte, ihr scharfer Tonfall würde ihn zur Rückkehr in die Halle veranlassen. Leider drängte er ihr wieder einmal seine unerwünschte Gesellschaft auf.

„Ganz im Gegenteil, Mistress!“, entgegnete er und lächelte ironisch. „Bitte bedenken Sie – würde ich meinem Freund Ralph einen Gefallen erweisen, wenn ich einem Gast auf seinem Hochzeitsfest gestatte, hier draußen im Hof allein zu verweilen?“

„Ich fühle mich keineswegs allein, ich brauche einfach nur frische Luft.“ Und Zeit, um über die Zukunft nachzudenken. Über meine Zukunft. Wie eintönig und betrüblich sie auch verlaufen mag …

„Nun, dann kann ich ja bei Ihnen bleiben, Ihre Einsamkeit beenden und Sie unterhalten.“

„Sir Thomas …“, begann sie und straffte ihr Rückgrat. „Um ehrlich zu sein – es wäre mir angenehmer, Sie würden das nicht tun.“

„Brida, Brida, Brida!“ Seufzend schüttelte er den Kopf. „Wie wir beide wissen, würden Sie sich freuen, wenn ich an Ihrer Seite umherschlendere und mit Ihnen plaudere – wenn ich Ihnen helfe, diese Schwermut zu überwinden.“

Welch eine widerwärtige Überheblichkeit und Anmaßung!

Andererseits – wieso war es ihm gelungen, ihre Stimmung so gut einzuschätzen? Noch dazu mühelos. Das erschien ihr ziemlich beängstigend … Kein Wunder, dass Thomas Lovent bei den Frauen ungemein beliebt war. Weil er eine ausgezeichnete Menschenkenntnis besaß? Offenkundig. Und er wusste es. Darauf bildete er sich eine ganze Menge ein. Das gewaltige Selbstvertrauen, das er ausstrahlte, war ebenso berechtigt wie unerquicklich.

„Bitte bemühen Sie sich nicht, ich benötige keine Hilfe. Denn ich fühle mich weder einsam noch schwermütig.“

„Oh, wie erfreulich!“ Thomas Lovent lachte leise. „Sehr gern bleibe ich eine Weile im Freien, in dieser schönen Sommernacht – wenn Sie damit einverstanden sind.“

„Tun Sie, was immer Ihnen beliebt. Das tun Sie ja immer.“ Brida wanderte zu einem der Bogengänge, und wie sie befürchtet hatte, folgte er ihr.

„Selbstverständlich bin ich verpflichtet, auf Ihre Sicherheit zu achten, Mistress Brida. Mitten in der Nacht darf ich Sie hier draußen nicht allein lassen.“

„Vielen Dank, Ihre Sorge ist jedoch überflüssig. Ich kann sehr gut auf mich selbst aufpassen.“

Als sie ihm einen Seitenblick zuwarf, sah sie eine erhobene Braue. „Daran zweifle ich nicht, Mistress. Aber vielleicht erlauben Sie mir trotzdem ein bisschen Galanterie.“

„Ist es das, was Sie anstreben, Sir Thomas?“

„Ja. Und die eitle Hoffnung, ich könnte Ihnen ein winziges Lächeln entlocken.“

Gegen Bridas Willen zuckten ihre Mundwinkel. „Ah, und Sie glauben, Sie wären dieser Herausforderung gewachsen?“

„Welch ein Mann wäre ich, würde ich nicht zumindest den Versuch wagen?“

Abrupt blieb sie stehen und wandte sich ihm zu. „Ein alles andere als galanter?“

Erst jetzt schaute sie ihn genauer an. Er trug eine edle Leinentunika in der Farbe seiner Augen, die sie an die grünen Hügel ihrer Heimat Irland nach einem langen Regen erinnerten. Dazu passten ein Wams aus weichem Leder und eine dunkelbraune Hose, die muskulöse Beine umschloss – nicht, dass Brida die zu gründlich musterte. Groß und kraftvoll gebaut, lehnte er an einer Säule, die Arme verschränkt, und erwiderte ihren forschenden Blick.

„Also erkennen Sie meine Zwickmühle, Mistress, und ich wünsche mir sehnlichst, Sie stehen mir bei.“

Die Lippen zusammengepresst, schüttelte sie den Kopf.

„Ah, nun sehe ich den Anflug eines Lächelns!“

Unmöglich, es nicht zu vertiefen … Was für ein verflixter, ausgebuffter Charmeur!

„Welch ein wunderbarer Erfolg!“, meinte er und winkte ab. „Nein, Sie müssen mir nicht danken.“

„Sollte ich etwa?“

„Natürlich“, entschied er grinsend. Zerzaustes dunkelblondes Haar fiel ihm in die Stirn, fast bis zu den mutwillig glitzernden Augen. „Schon oft wurde ich wegen meines einfühlsamen Wesens gepriesen, weil es mir stets gelingt, meine Mitmenschen aufzuheitern – mit meiner mitreißenden Gesellschaft und einem unwiderstehlichen Charme.“

„Was mich betrifft, ich brauche weder das eine noch das andere.“

„Wie liebenswürdig Sie immer wieder sind, Mistress …“ Lachend neigte er den Kopf. „Hören Sie bloß auf mit diesen Lobeshymnen, sonst erröte ich womöglich noch.“

Brida verdrehte die Augen. „Und hören Sie endlich auf, mich zu provozieren, Sir!“

„An Ihre scharfe Zunge bin ich längst gewöhnt.“ Thomas Lovent seufzte abgrundtief. Dann neigte er sich ein wenig vor, eindringlich schweifte sein Blick über ihr Gesicht. „Sie wissen doch, dass ich Sie nur ein bisschen necke.“

Genau mit dieser Attitüde schaffte er es immer wieder, sie zu verwirren. Erst ärgerte er sie mit seiner selbstgefälligen Witzelei, und im nächsten Moment erzeugte er ein Gefühl der Nähe, das sie in Verlegenheit brachte und ein unwillkommenes Prickeln durch ihren Körper jagte.

Zum Glück schien er ihr Unbehagen nicht zu bemerken. „Wollen Sie mir jetzt verraten, warum Sie die Einsamkeit gesucht haben, statt mit uns die Hochzeit zu feiern?“

Mit dieser Frage verstärkte er ihre Beklommenheit. „Eigentlich nicht, Sir Thomas.“

„Gut, dann reden wir über das Wetter. In letzter Zeit ist es so schwierig vorherzusehen …“

Erleichtert über den Themenwechsel, nickte sie. „Wir wussten gar nicht, ob wir nicht nur die Halle, sondern auch den Hof schmücken sollten. Weil wir Angst hatten, ein plötzlicher Wolkenbruch würde all die Blumengirlanden zerstören.“

„Das glaube ich Ihnen. Nie kann man morgens wissen, was die Elemente für die nächsten Stunden planen. Aber glücklicherweise war heute alles in bester Ordnung.“

„Ja“, murmelte sie.

Sie wanderten wieder durch den Hof, und es dauerte eine Weile, bis Thomas Lovent das Schweigen brach. „Ich verstehe das, Brida.“

„Was, Sir?“

„Vielleicht trauen Sie mir nicht. Gestatten Sie mir trotzdem zu versichern – ich begreife das Bedürfnis, in sich zu gehen. Wenn man das Glück guter Freunde beobachtet, wird einem eigener Kummer umso schmerzlicher bewusst. Insbesondere angesichts einer ungewissen Zukunft und belastender Zweifel.“

Sie schluckte, erkannte die Aufrichtigkeit seiner Worte und hob den Kopf, sah seinen Blick in die Ferne schweifen. Woher kam seine plötzliche Nachdenklichkeit? Konnte sich seine Stimmung innerhalb eines Wimpernschlags ändern?

„Da haben Sie wohl recht, Sir.“

Er antwortete nicht, und sie überlegte, ob er ihre oder seine eigenen Emotionen meinte. Machte Thomas Lovent sich tatsächlich Gedanken über seine Zukunft? Genauso unsicher und bedrückt wie sie selbst? Zumindest entstand dieser Eindruck. Wie eigenartig … Dieser unerwartet ernsthafte Wesenszug dieses konsequenten Spaßvogels faszinierte sie viel stärker, als sie es zulassen durfte.

Nun seufzte er wieder und schaute sie an. „Schluss mit dieser Trübsal!“

Sie nickte, wünschte die Rückkehr des grinsenden Charmeurs und seiner Neckereien. Dabei fühlte sie sich sicherer. „Wollen wir unsere Unterhaltung über das Wetter fortsetzen?“

„Sehr gern. Zum Beispiel könnte ich erwähnen, wie merkwürdig mild dieser Abend wurde, nach dem wenig verheißungsvollen Tagesanbruch.“

„Und ich würde ergänzen, so viele Dinge seien alles andere als vielversprechend – um nicht zu sagen, sogar enttäuschend …“

„Ah, aber nicht diese fantastische Nacht mit einem perlweiß leuchtenden Mond!“

„Sir, Sir überraschen mich. Und die Sterne?“

„Die strahlen genauso wundervoll und verzaubern uns.“

Ein schwaches Lächeln umspielte Bridas Lippen. „Oh, Sie haben Ihren Beruf verfehlt, Sir Thomas. Schreiben Sie doch poetische Oden und Balladen für unerfahrene Mädchen.“

Er runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf. „Mit Ihrem Hohn verletzen Sie mich, Mistress.“

„Unabsichtlich! Bitte glauben Sie mir, denn ich bewundere Ihr Talent für Albernheiten.“

„Vergessen Sie bloß nicht meinen umwerfenden Charme!“

„Wie könnte ich?“

Brida verblüffte sich selbst. Warum sagte sie so etwas? Sie hob den Kopf, sah ein Grinsen, das sich langsam auf Thomas Lovents Lippen ausbreitete. Zwischen ihnen schien die Zeit stillzustehen, während sie einander anstarrten.

O Gott, warum sah der Mann so unglaublich gut aus? Und warum wirkte seine Nähe so verlockend? Von einem seltsamen Bann erfasst, beobachtete sie, wie sich das Amüsement in seinen Augen plötzlich in etwas anderes verwandelte – in das Aufflammen einer jähen Begierde, die ihr den Atem raubte und fordernd in ihr Inneres drang, ihren Blick zu seinem Mund lenkte. Und ehe sie merkte, was sie tat, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und presste ihre Lippen fest auf seine.

Heiliger Himmel, an der Hochzeitstafel muss ich zu viel Wein getrunken haben.

Er wirkte keineswegs erschrocken über Bridas Kühnheit, nur ein bisschen verwirrt, als würde er aus einem irrealen Traum erwachen. Dann umfing er sie mit starken Armen, erwiderte den Kuss voller Glut, zog sie immer enger an sich. Viel zu nah. Noch nie war sie so fest an einen Körper gedrückt worden.

Schwindelerregend. Immer verführerischer. Und der Kuss bekundete ein wachsendes Verlangen, so deutlich, dass ihre Knie beinahe einknickten. Spielerisch glitt seine Zunge über ihre Lippen, öffnete ihren Mund.

Oh … Konnte ein Kuss wirklich so köstlich schmecken? Noch dazu Thomas Lovents Kuss?

Allzu lange kannte Brida diesen Mann nicht. Nur ein paarmal waren sie sich wegen der gemeinsamen Freunde begegnet. Und sie wusste, welchen Ruf der berüchtigte Frauenheld genoss. Hin und wieder hatten sie einige bedeutungslose Worte gewechselt. Niemals so lange wie an diesem Abend. Und sie war nie in die Gefahr geraten, sich so zu benehmen. Auch bei keinem anderen Mann. Das passte einfach nicht zu ihr.

Dennoch küsste sie ihn jetzt wider besseres Wissen. So leidenschaftlich und hungrig wie er sie. Niemals hätte sie seine betörende Nähe dulden sollen – niemals auch nur die Andeutung von Emotionen, die sie nicht empfinden durfte. Für eine Frau wie sie war ein Mann von seiner Sorte bedrohlich. Dies konnte kein gutes Ende finden.

Abrupt riss sie sich los und taumelte zurück. „Nein – nicht …“, stammelte sie atemlos, als er wieder nach ihr greifen wollte. „Das war – ein Fehler.“

„Brida?“ Seine leise, sanfte Stimme schien in ihrem ganzen Körper widerzuhallen.

„Unmöglich …“ Sie schüttelte den Kopf, trat noch weiter zurück. „Was ich getan habe, kann ich nicht glauben.“

In seiner Haltung schien sich etwas zu verändern. Las sie eine Kränkung in seinem Blick?

„Moment mal, es war nur ein Kuss.“

Diese Bemerkung überraschte sie nicht. Zweifellos küsste er überall sämtliche Frauen, die er traf. Also war dieser eine Kuss nebensächlich. „Vielleicht für Sie, Sir. Nicht für mich.“

„Ich fürchte, Sie vergessen, wer damit angefangen hat, Brida.“

„Und Sie waren natürlich verpflichtet, den Kuss zu erwidern.“

„Allerdings. Und jetzt machen Sie viel zu viel daraus.“

„Wie achtlos von mir …“

Offensichtlich erschien ihm ihr Schrecken übertrieben. Wie sollte der verdammte Mann auch ahnen, welche Sehnsucht er in ihr weckte? Welche Wünsche, die sich nie erfüllen ließen? Dass sie solchen Anfechtungen immer widerstehen musste?

„Niemals hätte es geschehen dürfen“, flüsterte sie. „Weder mit Ihnen noch mit sonst irgendwem. Schon gar nicht mit jemandem von Ihrer Art!“

„Von ... meiner Art?“ Er versteifte sich. „Was heißt das?“

„Ein Mann von Ihrer Sorte hält das Leben nur für eine Bühne seiner charmanten Fassade. Fröhlich zieht er von einem Ort zum anderen, nimmt sich unbekümmert, was er will, ohne Gedanken an engere Bindungen, ohne Verantwortungsgefühle.“

Aus Thomas Lovents Gesicht wich alle Farbe, seine Augen glitzerten frostig. „Ist das so?“, fragte er tonlos.

Großer Gott, was hatte sie getan?

Zu spät erkannte Brida, in welch falsche Richtung ihre Bitterkeit sie gesandt, wie schwer sie Sir Thomas beleidigt hatte. Und sosehr er sie auch ärgerte – das hatte er nicht verdient.

Seine nächsten Worte trieften von Verachtung und zornigem Hohn. „Wie glücklich muss ich mich schätzen, dass ich so eindringlich über meine beklagenswerten Charakterschwächen informiert worden bin!“

So freimütig hätte sie nicht sprechen sollen. Ihr Fehlverhalten durfte sie ihm nicht vorwerfen, ihn traf keine Schuld.

Nun müsste sie etwas sagen. Doch die erforderlichen Worte blieben ihr im Hals stecken. Am nächsten Tag würde sie sich entschuldigen, den Wein, den Mond und die verflixten Sterne zum Vorwand für ihren Fehler nehmen. Dazu war sie jetzt außerstande. Wenn sie ihre Emotionen zu erklären suchte, würde sie in Tränen ausbrechen. Statt das zu riskieren, wandte sie sich einfach ab und ging davon.

Brida O’Connaill fand jedoch keine Gelegenheit mehr, Sir Thomas Lovent um Nachsicht zu bitten, weil er Kinnerton schon in der Morgendämmerung verließ und nie mehr zurückkehrte.

1. KAPITEL

London – 1224, drei Jahre später

Thomas Lovent folgte der schmalen, mit Kopfsteinen bepflasterten Brücke, die zum South Gate führte, dem steinernen Wachturm. Dahinter gelangte man nach Thorney Island. Diesen kaum benutzten Zugang zog er der direkteren Route vom West Gate zur Westminster Abbey vor. Es gefiel ihm, um die Mühle herumzuwandern. Und es verschaffte ihm genug Zeit, um seine Gedanken zu ordnen, bevor er seinem Lehnsherrn gegenübertrat, dem obersten Justiciar von England, Hubert de Burgh, Earl of Kent.

Aber nicht in dieser Nacht. Und es ging nicht nur um de Burghs und König Henrys Treffen mit Llewelyn of Wales, dem Fürsten von Gwynedd, nahe der englisch-walisischen Grenze. Da war noch etwas, das Tom an den Ereignissen dieses Abends beunruhigte, die ihn nach Westminster zurückgeführt hatten – was genau konnte er nicht definieren. Das gefiel ihm nicht. Es passte nicht zu einem Mann, der seinen untrüglichen Instinkt und ein schnelles Urteilsvermögen für seine Pflichten in de Burghs Dienst brauchte.

Die Kellnerin in der Taverne bei Westcheap hatte Erinnerungen geweckt. An rabenschwarzes Haar, milchweiße Haut, stürmische blaue Augen. An eine Frau, die er vergessen wollte – Brida O’Connaill. Ihre verächtlichen Worte hatten ihn viel zu tief verletzt. Das verstand er nicht. Und es gehörte zu den Gründen, die ihm verwehrt hatten, in jenen Teil des Landes zurückzukehren, seinen Freund Ralph de Kinnerton zu besuchen, dem er seither immer nur am Hof begegnet war.

Je seltener er an Brida O’Connaill dachte, desto besser.

Verdammt, wie lächerlich hatte er sich an jenem Abend vor drei Jahren gemacht! Noch immer entsann er sich überdeutlich, wie er das Wortgefecht genossen hatte, den Triumph, nachdem es ihm gelungen war, die Freundin von Lady Gwenllian, Ralphs frisch angetrauter Gemahlin, aus der Fassung zu bringen. Irgendetwas an Brida hatte ihn zu dieser Provokation gezwungen.

Vielleicht ihre steife, hochmütige, herablassende Haltung – jedenfalls war es unbeschreiblich amüsant gewesen, sie zu ärgern. Bis sich alles plötzlich geändert hatte. Bis zu ihrem Kuss. Bis all seine Sinne auf ganz neue, bisher nie erlebte Art erwacht waren …

Ihre Worte danach hatten sich unauslöschlich in sein Gedächtnis eingegraben. Trotz der kurzen, flüchtigen Bekanntschaft meinte sie, er hielte das Leben nur für eine Bühne seiner charmanten Fassaden.

Bedauerlicherweise musste er ihr sogar recht geben. Genauso präsentierte er sich aller Welt. Weil es seinen Zwecken nützte, wie er eingeschätzt wurde. Ein attraktiver Müßiggänger, den nichts hervorhob außer seiner Muskelkraft, seinem besonderen Geschick mit dem Schwert und seinen witzigen Sprüchen. Dank dieser Tarnung leistete er seinem Lehnsherrn effektvolle Dienste – als Agent der Krone mit blitzschneller Auffassungsgabe und notfalls erforderlicher Skrupellosigkeit.

Dennoch – an jenem längst vergangenen Abend hatte der scharfe Tadel, von Mistress Bridas eben noch so verzehrend geküssten Lippen ausgesprochen, einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Den hatte er verscheuchen wollen, sich eingeredet, das alles wäre nie passiert.

Und doch … Seit damals versuchte er, vielleicht teilweise unbewusst, sich zu ändern, in einen ehrenwerteren Menschen zu verwandeln.

Wie auch immer, es war unwichtig. Sie war unwichtig. Nur seine geheime Arbeit für die Krone zählte. Und das Geld, das er verdiente, mit dem er seine Lebensumstände verbesserte – und vor allem die der einzigen Frau, die ihm etwas bedeutete. Nämlich alles. Seine arme, vom Schicksal viel zu schwer geprüfte Schwester. Für sie beide wollte er das Dasein erträglicher machen, nach allem, was sie erlitten hatten.

Tom hoffte, ein Haus zu erlangen, eventuell sogar ein kleines Lehnsgut. Etwas, was sie ein Heim nennen konnten. Dort würde er endlich vernünftig für Joan sorgen. Mit jedem Tag verschlechterte sich ihr Zustand. Und er würde sie nicht noch einmal enttäuschen.

Nicht mehr so wie früher, als die Gewissensbisse wie Bleigewichte an seinem Hals gehangen und ihn immer tiefer in einen schwarzen Abgrund hinabgezogen hatten. Nur weil er nicht rechtzeitig zur Stelle gewesen war, um das Feuer zu löschen, das seine Familie vernichtet hatte – alle außer der jüngeren Schwester. Nie wieder würde er sich so verdammt fahrlässig verhalten. Stattdessen wollte er alles verhindern, was Joan noch zusätzlich schaden mochte. Vielleicht, so hoffte er, würde er seinen verhängnisvollen Fehler eines Tages wiedergutmachen.

Tom lenkte seine Gedanken in die Gegenwart und auf seine Mission zurück. Während einer Abkürzung durch das Gras des Obstgartens zog er im heftigen Wind, der vom Fluss heraufwehte, den Umhang enger um seinen Körper, die Kapuze tiefer ins Gesicht. Nachdem er das Gatter geöffnet hatte, führte ihn ein Pfad immer näher zum geheimen Treffpunkt.

Aufmerksam sah er sich um und atmete auf. Nichts Verdächtiges. In dieser Nacht war seine Anonymität besonders wichtig. Auf der bestand der Mann, mit dem er sprechen sollte.

Warum der Informant diesen Ort im Freien gewählt hatte, noch dazu mitten im Regierungsgebiet, war unverständlich. Vielleicht bot die geheiligte Atmosphäre der Kirche, der Westminster Abbey, einen gewissen Schutz. Für die Tatsachen, die der Mann belauscht hatte und Tom verraten wollte, verlangte er eine beträchtliche Summe. Arbeitete er hier oder in der Nähe?

Jedenfalls war das ganze Arrangement gefährlich und zugleich faszinierend. Irgendein seltsames Gefühl weckte ein wachsendes Unbehagen, da Tom nicht wusste, wer ihn erwartete. Nun, das würde er bald feststellen und Hinweise auf eine heimliche Verschwörung gegen die Krone ergattern. Damit wollte er Hubert de Burgh seine unentbehrliche Tüchtigkeit beweisen, da sein Lehnsherr an ihm zu zweifeln schien.

Von William Geraint, Toms früherem Mentor, war er dem Justiciar empfohlen worden, und das hatte er mehrfach gerechtfertigt. Trotzdem fürchtete er, seine Position wäre noch nicht gefestigt. Gewiss musste er wesentlich mehr leisten – insbesondere, weil de Burgh derzeit mit immer neuen Intrigen gegen den jungen König und sich selbst konfrontiert wurde.

Tom spähte in alle Richtungen, ehe er zu einer Abzweigung schlich und einen schmaleren Kiesweg erreichte. Der führte ihn schließlich zum südlichen Kreuzgang der Abbey. Der Mond erzeugte schwarze Schatten, erhellte die hohen hölzernen, reich geschnitzten Bögen.

Außer seinen eigenen Schritten hörte Tom nichts. Irgendwas stimmte hier nicht, es war zu still. Etwas langsamer setzte er seinen Weg fort, eine Hand am Griff seines Dolchs, blickte sich erneut um, eingehüllt in die unheimliche Dunkelheit.

Diese Mission erschien ihm immer bedenklicher. Dafür war er offenbar aus einem einzigen erkennbaren Grund ausgewählt worden: weil der unbekannte Bote, der ihn zu diesem Rendezvous gelockt hatte, nur ihm vertraute. Nun – so, wie es jetzt aussah, traf das wohl kaum zu.

Sollte er in eine Falle tappen? In Fangstricke, die mit einem Plan außerhalb seines Begriffsvermögens zusammenhingen? Aber wozu? Das musste er herausfinden. Nur deshalb war er nicht schon längst umgekehrt. Vorsichtig, argwöhnisch – und maßlos neugierig ging er weiter.

„Ist da jemand?“, fragte er.

Keine Antwort. Sein Puls beschleunigte sich, und er zog eine der brennenden Fackeln aus der eisernen Halterung an der Kreuzgangwand, schwenkte sie umher. Vergeblich suchte er irgendetwas Ungewöhnliches zu entdecken. Nichts. Da war niemand.

Und plötzlich hörte er es. Leise Schritte – ein Innehalten, dann wieder Schritte, die sich schnell entfernten. Hastig folgte Tom diesen Geräuschen, bog um die Ecke des südlichen Kreuzgangs, wandte sich ostwärts, spähte in alle Richtungen. Endlich erblickte er eine schattenhafte Gestalt auf einem schmalen Pfad und stürmte auf sie zu, obwohl ihn eine innere Stimme zur Vorsicht ermahnte.

„Halt!“, rief er. „Was soll das alles?“

Der Vermummte blieb stehen und schaute über seine Schulter, die Kapuze eines dunkelgrünen Umhangs verhüllte seinen Kopf.

„Sir Thomas Lovent?“, murmelte er.

„Wer will das wissen?“

„Folgen Sie mir! In einigem Abstand – bis ich sicher bin, dass mir keine Gefahr droht.“

„Einverstanden, aber sagen Sie mir, wer Sie sind.“

„Nicht hier.“

Der Mann drehte sich um, eilte auf dem schmalen Weg weiter, führte Tom zu einer Tür und öffnete sie.

Knarrend schwang sie auf, und sie stiegen eine steinerne Treppe zur Pyxiskammer hinunter, die den Kronschatz enthielt. Die Gruft war dunkel, bis auf die Fackel in Toms Hand. War es ein Fehler gewesen, dem Fremden zu trauen, ihn in diese Tiefen zu begleiten?

„Zeigen Sie sich!“, verlangte er. „Wo sind Sie?“

In alle Richtungen schwenkte er die schwache Flamme, doch der Mann war in den Schatten verschwunden. Tom ging in der Kammer umher, vorbei an geschnitzten Truhen und Kästen, die wichtige Staatsverträge und politische Dokumente enthielten.

„Verdammt, wo verstecken Sie sich?“, stieß er hervor. „Wer sind Sie? Was hat dieses Katz-und-Maus-Spiel zu bedeuten?“

Keine Antwort. Unheimliches Schweigen. Nicht einmal ein Hauch, der Tom auf die Anwesenheit des Mannes hingewiesen hätte. Allmählich gelangte er zu der Überzeugung, dass er tatsächlich in eine Falle getappt war. Wie auch immer, er musste den Sinn dieser nächtlichen Ereignisse herausfinden – insbesondere, wer dahintersteckte.

Ohne die geringste Vorwarnung warf sich jemand auf ihn, presste alle Luft aus seiner Brust, zwang ihn, die Fackel fallen zu lassen. Eine Hand ausgestreckt, um einen Faustschlag in sein Gesicht abzuwehren, was misslang, zog er mit der anderen den Dolch in der panischen Hoffnung, den unbekannten Feind irgendwie abzuwehren.

Ohne Erfolg. Viel zu heftig wurde er in den Bauch getreten und krümmte sich zusammen. Ein gewaltiger Schlag gegen den Rücken schleuderte ihn auf den gepflasterten Boden. Auch der Dolch entglitt ihm.

Während er würgte und sich im Dunkel zu orientieren suchte, vernahm er, wie sich Schritte entfernten, wie die Tür hinter dem Angreifer ins Schloss fiel.

Stöhnend presste Tom eine Hand an seinen schmerzenden Bauch und kam mühsam auf die Beine, schleppte sich zu der Fackel und hob sie auf – auch den Dolch, den er in die Scheide zurücksteckte.

Was um alles in der Welt hatte er soeben erlebt? War er in den Untergrund der Westminster Abbey zu einem geheimen Treffen gelockt worden, das gar nicht stattfinden sollte? Damit er niedergestreckt wurde? Warum? Sollte jemand gewarnt werden? Hubert de Burgh?

Tom wagte einige Schritte in die Finsternis. Und da stieß sein Fuß gegen etwas Weiches – und dennoch Unnachgiebiges. Er richtete die Fackel hinab, und ihm stockte der Atem. In einer Blutlache lag bäuchlings eine reglose Gestalt.

Tod und Teufel …

Er sank auf ein Knie, drehte den Schwerverletzten vorsichtig herum. Er lebte noch – gerade noch.

Würgend rang der Mann nach Luft und versuchte zu sprechen. Tom riss einen Streifen aus seiner Tunika, zerknüllte ihn und presste ihn auf die tiefe Brustwunde, um die Blutung zu stillen. Röchelnd presste der Mann einen schwachen Laut hervor.

„Seien Sie ganz ruhig“, bat Tom besänftigend, „regen Sie sich nicht zu sehr auf.“ Er nahm die kleine Wasserflasche von seinem Waffengurt, öffnete sie und hielt sie dem Sterbenden an die Lippen. Die andere Hand unter seinem Kopf, bemühte er sich, ihm einen Schluck einzuflößen.

„Thomas Lovent?“, keuchte der Mann.

„Ja, zu Ihren Diensten, Sir. Wie ich annehme, sollte ich Sie heute Nacht treffen?“

Für einen Moment schloss der Mann die Augen und nickte. „Holen Sie meine Börse – in der Truhe ganz hinten …“

Tom sprang auf und nahm aus der einzigen geöffneten Truhe einen kleinen Lederbeutel, der offenbar hastig auf mehrere zusammengerollte Dokumente geworfen worden war. Dann kniete er wieder neben dem Mann nieder, dem es immer schwerer fiel, Atem zu schöpfen.

„Bringen Sie das zu Hubert de Burgh …“ Flehend umklammerte der Mann mit letzter Kraft Toms Tunika. „Bitte …“

„Ja, gewiss“, versprach Tom und schob wieder einen Arm unter den Kopf des Fremden – außerstande, auch nur ansatzweise zu begreifen, was in dieser sonderbaren Nacht geschah.

„Eine Verschwörung“, hauchte der Todgeweihte. „Ein Verräter.“

„Was für eine Verschwörung, wer ist der Verräter?“, drängte Tom.

Doch da quoll ein Blutschwall aus dem Mund des Unbekannten, und er tat seinen letzten Atemzug. Zu spät.

Behutsam ließ Tom den Kopf des Toten zu Boden sinken, schloss ihm die Augen und machte ein Kreuzzeichen über seiner Stirn. Er seufzte bedrückt und stand auf, befestigte den Beutel an seinem Schwertgurt, hängte auch die Wasserflasche wieder an ihren Platz.

Welch ein schreckliches Chaos – und nach den trommelnden Schritten zu schließen, die sich viel zu schnell näherten, schien es noch schlimmer zu werden. Er postierte sich neben der Tür, und als sie aufflog und zwei oder drei Männer in die Gruft rannten, stürmte er blitzschnell hinaus, die Stufen zum Kreuzgang empor und ins Freie.

Lange dauerte es nicht, bis die Neuankömmlinge die Situation in der Pyxiskammer feststellten und Tom folgten, da sie ihn für den Mörder halten mussten.

„Halt!“, schrie einer der Männer. „Dieb … Bandit … Meuchelmörder …“

Tom lief weiter, so schnell seine Beine ihn trugen. Angesichts der Blutflecken auf seiner Tunika würde niemand an seine Unschuld glauben. Außerdem konnte er weder den Wachen der Abbey noch irgendwelchen Beamten oder Soldaten trauen, nicht einmal den Männern, die ebenso wie er selbst für de Burghs Geheimdienst arbeiteten. Denn jeder Kronagent arbeitete allein, musste sich nur vor einem einzigen Oberherrn verantworten.

So schnell wie möglich musste Tom zu de Burgh gelangen.

Doch der hielt sich derzeit für etwa eine Woche in Wales auf. Dieses Ziel wollte Tom sofort ansteuern – falls er seine momentane brenzlige Lage überstehen würde.

Er rannte den menschenleeren Kreuzgang entlang nach Norden, in den Innenhof, die Verfolger viel zu dicht auf den Fersen. Nur in der Abbey selbst würde er ihnen entrinnen können.

„Halt! Elender Schurke … Mörder …“

Im Kirchenschiff angekommen, lief er zur Baustelle der Marienkapelle, die erst seit Kurzem errichtet wurde, und sprang in eine Vertiefung. Hektische Stimmen folgten ihm. Auf allen vieren kroch er zwischen zwei große, unbehauene Felsblöcke unterhalb eines Gerüsts, das im Mondschein einen kreuzförmigen Schatten auf den Sandboden warf.

Bald umgaben ihn die Echos zahlreicher Schritte, und sein Herz hämmerte so heftig gegen die Rippen, dass er fürchtete, die Feinde würden es hören.

O Gott, in welch eine grausige Gefahr hatte er sich manövriert? Würde er diesen unheimlichen Ort jemals unversehrt verlassen?

Rasch zog er seine Kapuze tief ins Gesicht, krümmte sich zusammen, verwandelte seine hochgewachsene Gestalt in eine reglose, im Finstern hoffentlich unsichtbare Kugel. Er wartete – und wartete. Völlig reglos. Um keinesfalls entdeckt zu werden, zwang er sich zu möglichst flachen, kaum vernehmlichen Atemzügen.

Jemand trat an den Rand der Baugrube, schwenkte eine Fackel hin und her.

Verdammt … Toms Finger umkrampften den Griff seines Dolches. Notfalls würde er kämpfen. Oder irgendwie flüchten …

Nichts geschah, die Schritte entfernten sich, die Umgebung verdunkelte sich wieder, bis auf das Mondlicht.

Dem Himmel sei Dank!

Höchste Zeit zu verschwinden …

Er kletterte aus der Grube, huschte in eine Ecke des Kirchenschiffs, tastete sich von einer Säule zur anderen bis zum Ausgang.

Vor dem Tor fielen zwei Männer über ihn her. Einen schlug er ins Gesicht und streckte ihn nieder, dem anderen versetzte er einen Tritt in den Bauch und stürmte davon, ehe sie sich aufrappeln und ihm folgen konnten.

Er floh durch das West Gate des Abbey-Geländes, warf immer wieder einen Blick über die Schulter.

Verflucht! Offenkundig hatte er zu viele Feinde alarmiert, denn etwa ein Dutzend jagte hinter ihm her. Er rannte die Tothill Street hinab, durch Hintergassen und schmale Wege mit Kopfsteinpflaster im Halbkreis zurück zur Themse.

Am Kai ließ sich niemand blicken. Erleichtert atmete er auf und verbarg sich unter einem Torbogen, bis er nicht mehr bezweifelte, dass er die Meute abgeschüttelt hatte. Dann eilte er im Schatten der Häuser zur London Bridge. Dort würde er sein Pferd beim Wachtposten der Chapel of St. Thomas Becket abholen, der gelegentlich für ihn arbeitete.

Danach musste Tom schnell und zielstrebig handeln, die Stadt noch in dieser ereignisreichen Nacht verlassen und nach Wales reiten, um Hubert de Burgh die Nachricht des verstorbenen Agenten zu überbringen.

2. KAPITEL

Brida O’Connaill verdrehte die Augen und schnitt eine Grimasse, als sie einen Mann im kleinen Dorf Kinnerton, in dem sie seit drei Jahren wohnte, auf sich zukommen sah.

So lange hatte sie nicht in dieser Gegend bleiben wollen. Doch ihre Freundin Gwenllian, die Herrin von Kinnerton Castle, hatte darauf bestanden. Jetzt war Brida froh, dass sie sich dazu hatte überreden lassen. Dieser landschaftlich sehr schöne Teil von England, nahe der walisischen Grenze, verhalf ihr zu einem Gefühl der Zufriedenheit und inneren Ruhe, das sie vorher nicht für möglich gehalten hätte.

Sie führte ein Leben, das ihr gefiel – nicht in der Burg, wie Gwen es wünschen würde, sondern sie bevorzugte ein hübsches Haus im Dorf. Manche Leute mochten es seltsam finden, dass sie auf den Luxus der Burg verzichtete, aber Brida genoss die Freiheit ihres selbstbestimmten Daseins, obgleich sie einen Großteil ihrer Zeit im Kinnerton Castle verbrachte. Ihr kleines Haus hatte sie nach ihrem eigenen Gutdünken eingerichtet. Darin fühlte sie sich wohl, vor allem heimisch. Sogar in ihrer Einsamkeit. 

Allerdings gab es ein kleines Problem in dieser bescheidenen, angenehmen Existenz. Denn damit kein falscher Eindruck entstand, war sie gezwungen, vor den Dorfbewohnern zu rechtfertigen, warum sie – eine erwachsene Frau – allein lebte. Wieso sie nicht geheiratet hatte. Und so gaukelte sie ihnen vor, ihr Ehemann sei auf einer Pilgerreise ins Heilige Land. Oder er befinde sich im Dienst irgendeines Lords.

Dieses Lügenmärchen veränderte sie von Zeit zu Zeit. Gwen und deren Gemahl Ralph, Lord de Kinnerton, hatte Brida längst ins Vertrauen gezogen und gebeten, ihr kleines Geheimnis nicht zu verraten. Das hatten beide versprochen und sie bei ihrem Täuschungsmanöver sogar unterstützt.

Auf diese Weise war der erforderliche Zweck erreicht worden. Die ledigen jungen Dorfbewohner behelligten Brida nicht und berücksichtigten ihre Situation, glaubten bereitwillig an den mysteriösen Gatten, der niemals erschien.

Obwohl dies allen Gesetzen der Natur widersprach, obwohl sie eine schöne, gesunde junge Frau war. Im Lauf der Jahre hatte sie – von der Unanfechtbarkeit ihrer Erfindung überzeugt – die Geschichte immer mehr ausgeschmückt. Allmählich wusste sie gar nicht mehr so genau, was sie den Leuten erzählt hatte.

Wie auch immer, der Fantasiegemahl schützte sie vor unangenehmer Neugier und erleichterte ihr das Gebot, nie zu heiraten, keinen Interessenten jemals an sich heranzulassen. Denn sie musste sichergehen, dass sich die Vergangenheit nicht wiederholen würde. Die Prophezeiung niemals herauszufordern, grausame Zerstörung und qualvolles Herzeleid zu verhindern, war ihre wichtigste Pflicht.

O Gott, noch mehr zu erdulden als bisher – wie soll ich das verkraften?

Aber unglücklicherweise wurde die Situation in letzter Zeit immer unhaltbarer. Zu viele Leute besprachen ihre „Ehe“ ganz offen, manche empfahlen ihr sogar, die bedauerliche Situation zu überdenken, die den ständig abwesenden Gatten betraf. Sollte sie nicht herausfinden, wo genau er sich aufhielt – ob er überhaupt noch lebte?

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