Collection Baccara Band 373

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NUR EINMAL DIESE LIPPEN SPÜREN
von ROCHON, FARRAH

Schon ihr Foto hat ihn um den Verstand gebracht! Als Bailey nun vor ihm steht, kann der Journalist Micah nur noch daran denken, wie es wäre, ihre Lippen auf seiner Haut zu spüren. Würde das Topmodel ihm nur vertrauen! Leider denkt sie, dass er auf eine Sensations-Story hofft …

BEWEISE MIR, DASS DU MICH LIEBST!
von LABRECQUE, JENNIFER

Auf der Highschool war er zu unsicher, um sie zu erobern. Jetzt ist Logan ein selbstbewusster Geschäftsmann, der immer noch von heißen Stunden mit Jenna träumt. Doch bevor er seine Sehnsucht gestehen kann, muss er ihr das Liebste nehmen, das sie besitzt …

IN SINNLICHER MISSION
von HINGLE, METSY

Mitten im Sturm findet Josie ihn an der einsamen Landstraße - mit zwei Babys! Wer ist der Mann ohne Gedächtnis? Josie will seine Vergangenheit enträtseln - und ahnt nicht, dass der attraktive Fremde nicht nur ihr Leben, sondern auch ihr Herz in Aufruhr versetzen wird …

  • Erscheinungstag 08.11.2016
  • Bandnummer 0373
  • ISBN / Artikelnummer 9783733723354
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Farrah Rochon, Jennifer LaBrecque, Metsy Hingle

COLLECTION BACCARA BAND 373

FARRAH ROCHON

Nur einmal diese Lippen spüren

spürenSeine dunkle Stimme jagt ihr erregende Schauer über den Rücken, jede Berührung von ihm lässt Schmetterlinge in ihrem Bauch flattern. Micah Jones ist Baileys Traummann! Aber das Supermodel darf ihm nicht verfallen: Denn Micah ist Journalist – und Bailey hat Angst, dass er ihre Gefühle nur für seinen beruflichen Vorteil ausnutzen will …

JENNIFER LABRECQUE

Beweise mir, dass du mich liebst!

Logan war Jennas große Liebe – und er hat ihre Gefühle verletzt wie kein anderer Mann. Nach vielen Jahren taucht er, mittlerweile ein erfolgreicher Unternehmer, wieder in ihrem Leben auf. Und beteuert, dass er sie immer geliebt hat! Zögernd gibt sich Jenna seinen Zärtlichkeiten hin – um zu erfahren, dass seine heißen Küsse nur Lügen sind …

METSY HINGLE

In sinnlicher Mission

Blake weiß, wie er heißt – mehr nicht. Als er nach seinem Unfall erwacht, ist er verwirrt: Warum fuhr er mit zwei Babys durch die Nacht? Und wie kommt er ins Haus dieser sexy Frau? Nur eines weiß er sicher: Seine Retterin weckt in ihm ein unglaubliches Begehren! Erst als die Erinnerung zurückkehrt, wird ihm klar, dass es keine Zukunft mit ihr gibt …

1. KAPITEL

Tief in Gedanken versunken, saß Bailey Hamilton auf dem Rücksitz des schwarzen Mercedes S 600, während die Limousine die Columbus Avenue hinunterfuhr. Sie atmete tief und gleichmäßig ein, um ihre Nerven zu beruhigen, doch das mulmige Gefühl im Bauch ließ nicht nach.

Die Limousine hielt an einer roten Ampel. Scharen von Fußgängern strömten über die Straße, als ob heute ein ganz gewöhnlicher Dienstagnachmittag wäre. Für die meisten von ihnen war es das vermutlich auch. Bailey hingegen konnte sich fast nicht mehr daran erinnern, wann sie sich zum letzten Mal normal gefühlt hatte. Während der vergangenen Monate war es ihre größte Angst gewesen, dass sie dieses Gefühl vielleicht nie wieder empfinden würde.

Doch das werde ich nicht zulassen.

Das hatte Bailey sich geschworen, als sie letzte Woche ihr Exil auf den Virgin Islands verlassen hatte und nach New York zurückgekommen war. Die letzten zwei Monate hatte sie in einem Zustand der ständigen Unruhe verbracht – aber damit war jetzt Schluss. Bailey würde nicht länger tatenlos dabei zusehen, wie dieser Verrückte langsam ihr Leben zerstörte. Heute unternahm sie den ersten Schritt auf dem Weg zurück in die Normalität. Es war allerhöchste Zeit.

Und dennoch … mit jedem Meter, den sich der Wagen seinem Ziel näherte, verstärkte sich das ungute Gefühl im Magen. Bailey schloss fest die Augen hinter ihrer überdimensionalen Sonnenbrille und lehnte den Kopf gegen die Nackenstütze. Doch die düsteren Vorahnungen ließen sich nicht unterdrücken.

Dabei hatte Bailey selbst auf der Pressekonferenz bestanden. Zum ersten Mal seit zwei Monaten würde sie sich den Journalisten zeigen und ihnen Rede und Antwort stehen.

Bailey hatte es so satt, jeden Tag die wilden Spekulationen über ihr plötzliches Verschwinden in der Zeitung zu lesen. Von Tag zu Tag wurden die Geschichten absurder. Je mehr die Familie versuchte, sie von alledem abzuschirmen, desto aggressiver wurde der Ton der Medien. Heute würde sie dem Ganzen endlich ein Ende setzen.

Der Wagen bog in die Einfahrt zur Tiefgarage ab, die sich auf der 65th Street unter dem Lincoln Center befand. Auf einmal hatte Bailey das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Ihr Hals und Brustkorb fühlten sich an wie zugeschnürt, und ihr Herz begann wie wild zu schlagen. Eine beginnende Panikattacke. Inzwischen kannte Bailey die Anzeichen nur allzu gut. In den vergangenen Wochen waren sie immer wieder aufgetreten.

Unter Aufbringung ihrer gesamten Willenskraft versuchte Bailey, sich zu beruhigen. Langsam und konzentriert atmete sie ein und aus.

„Du schaffst das“, beschwor sie sich leise.

Es war nicht leicht gewesen, ihre Familie zu der Pressekonferenz zu überreden. Sie davon zu überzeugen, dass sie sich von dem Zwischenfall erholt habe und stark genug sei. Bailey selbst hatte darauf bestanden, dass die Pressekonferenz an demselben Ort stattfinden sollte, an dem sie zwei Monate zuvor entführt worden war. Kurz bevor sie auf der Fashion Week ihren großen Auftritt als Model für Roger Hamilton Designs, das Modelabel ihrer Familie, hätte haben sollen.

Jetzt allerdings saß Bailey wie erstarrt auf dem Rücksitz des Wagens ihres Bruders, nur wenige Meter entfernt von dem Keller, in dem sie bewusstlos gelegen hatte, bevor man sie entdeckt hatte. Auf einmal bezweifelte sie, ob es wirklich eine so gute Idee gewesen war, wieder an den Ort des Geschehens zurückzukehren. Warum habe ich bloß nicht auf Briannas Rat gehört und darauf bestanden, dass die Pressekonferenz bei RHD in SoHo stattfindet? warf Bailey sich im Stillen vor.

„Hör auf, du schaffst das!“, versicherte Bailey sich wieder.

„Natürlich schaffst du das“, bekräftigte ihr Bruder Daniel vom Fahrersitz aus.

Baileys und Daniels Blicke trafen sich im Rückspiegel, und sie lächelte ihren Bruder an. Gott sei Dank hatte sie ihre Familie. So sehr ihr das übertrieben besorgte Verhalten ihrer Verwandten auch manchmal auf die Nerven ging, wusste Bailey doch, dass sie die Qualen der letzten Monate ohne deren Unterstützung niemals überstanden hätte.

Bailey atmete noch einmal tief durch, als Daniel, der inzwischen ausgestiegen war, ihr die Wagentür öffnete und die Hand hinhielt, um ihr beim Aussteigen zu helfen.

„Hey, Bailey“, Daniel zögerte und warf einen prüfenden Blick zur Tiefgaragentür. „Ich bin fest davon überzeugt, dass du das schaffen wirst. Aber du solltest nicht vergessen, dass du es nicht tun musst. Ein Wort von dir und wir fahren wieder.“

„Ich laufe auf keinen Fall weg. Ich bin bereit.“

„Sicher?“

„Ja, ganz sicher.“ Bailey drückte seine Hand. „Ich muss da jetzt durch. Ich kann mich nicht länger verstecken, Daniel. Ich muss denen da draußen zeigen, dass ich mich nicht fertigmachen lasse.“

Und ganz besonders demjenigen, der mir das hier angetan hat … und immer noch draußen frei herumläuft.

Bei dem Gedanken zuckte Bailey zusammen, als ob sie einen Stromschlag bekommen hätte. Vielleicht befand sich der Angreifer sogar unter den Reportern.

Reiß dich zusammen! befahl sie sich und warf einen Blick auf ihr Spiegelbild in der Seitenscheibe der Limousine. Die dunkelbraune Stoffhose und der cremefarbene Rollkragenpullover unter dem rostbraunen Trenchcoat aus der letzten RHD-Kollektion waren eine gute Wahl gewesen.

Zufrieden mit dem, was sie sah, wandte Bailey sich zu ihrem Bruder um und setzte ein betont optimistisches Lächeln auf. „Gehen wir!“

Als sie die Plaza vor dem Lincoln Center erreichten, stand schon eine Ansammlung von Reportern und Fotografen um das Podium, das so vor der Fontäne aufgestellt worden war, dass das Metropolitan Opera House im Hintergrund zu sehen war. Die Spannung war förmlich mit den Händen zu greifen, als Bailey und Daniel sich der Menge näherten, und mit jedem Schritt wurde Bailey nervöser.

Vor dem Zwischenfall im September hatte Bailey den Kontakt mit der Presse genossen und sich gerne allen Fragen gestellt, die sich um ihren kometenhaften Aufstieg zum Supermodel drehten. Heute konnte sie sich nichts Schlimmeres vorstellen, als all diesen Reportern entgegenzutreten.

Rechts vom Podium stand ihre gesamte Familie versammelt.

Baileys Mutter, das ehemalige Model Lila Hamilton, löste sich sofort aus der Gruppe, als sie Bailey sah, und ging ihr zügig, und anscheinend vollkommen mühelos, auf ihren zehn Zentimeter hohen Stilettos entgegen.

„Wie geht es dir, Liebling?“, begrüßte Lila Bailey und strich ihr sanft über den Arm. „Du weißt, dass du das nicht machen musst, oder?“

Die Besorgnis, die sich auf dem Gesicht ihrer Mutter abzeichnete, ließ Bailey beinahe schwach werden, doch sie würde sich nicht von ihrem Vorhaben abhalten lassen. „Es geht schon“, versicherte sie ihrer Mutter und gleichzeitig sich selbst.

Lila nahm Baileys Hand, und sie gingen zusammen zu den anderen. Bailey nickte ihrem Vater Roger Hamilton zu. Der Patriarch der Familie und Chef von Roger Hamilton Designs würde die Presseerklärung verlesen. Roger Hamilton stieg auf das Podium, um die Konferenz zu beginnen.

„Ich danke Ihnen, dass Sie heute hier erschienen sind. Wir haben uns entschlossen, diese Pressekonferenz abzuhalten, um den Fehlinformationen, die seit der Fashion Week in den Medien verbreitet wurden, eine Ende zu bereiten. Wie Sie alle wissen, sollte meine Tochter Bailey als das Gesicht des Unternehmens Roger Hamilton Designs auf der diesjährigen Fashion Show auf dem Laufsteg er scheinen. Aufgrund unvorhergesehener Umstände konnte sie jedoch nicht auftreten. Seitdem wurde viel über die Gründe spekuliert, ich kann Ihnen jedoch versichern …“

„Bailey, waren Sie auf Entzug?“, unterbrach ihn ein Reporter mit einem Zwischenruf.

Roger Hamiltons Gesicht wurde rot vor Zorn. Bailey legte ihm beschwichtigend die Hand auf die Schulter, um ihn von einer wütenden Entgegnung abzuhalten. „Lass mich das machen.“

„Ganz bestimmt nicht“, erwiderte er und schüttelte energisch den Kopf.

„Es nützt nichts, wenn ich mich noch länger verstecke. Sie geben doch nicht eher Ruhe, bis sie es von mir selbst gehört haben.“

Es war ihrem Vater deutlich anzumerken, dass er sich lieber einem Rudel hungriger Löwen gestellt hätte, als Bailey den Fragen der sensationslüsternen Reporter auszuliefern. Dennoch machte er ihr widerstrebend Platz.

Bailey trocknete ihre schweißnassen Handflächen an ihrem Mantel, als sie an die Mikrofone trat, und bedankte sich im Stillen dafür, dass sie daran gedacht hatte, ihre Sonnenbrille aufzusetzen, als auf einmal tausend Blitzlichter vor ihr aufzuflackern schienen. Doch der Moment, um sich zu verstecken, war vorüber. Und sie würde sich auch nicht länger verstecken. Vor nichts und niemandem.

Bailey nahm die dunkle Sonnenbrille ab und legte sie vor sich auf das Rednerpult.

„Zunächst möchte ich mich bei Ihnen bedanken, dass Sie alle heute hier erschienen sind.“ Ihre Stimme klang fest und ließ nicht ansatzweise erkennen, wie nervös sie war. Gut so, dachte sie, wenigstens diese Genugtuung gebe ich ihnen nicht. „Als ich den Vorschlag gemacht habe, eine Pressekonferenz abzuhalten, hatten wir eigentlich vorgesehen, dass mein Vater Ihnen eine Erklärung vorliest. Jetzt habe ich allerdings den Eindruck, dass diese Erklärung nicht ausreicht. Sie alle sind hier, um Fragen zu stellen.“

Sofort brach ein Ansturm an Fragen los, doch Bailey hob beschwichtigend beide Hände.

„Lassen Sie mich bitte erst aussprechen. Ich habe eine Reihe von Vermutungen bezüglich meines ‚plötzlichen Verschwindens‘ gehört …“ Sie zeichnete mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft, bevor sie fortfuhr. „Von einer Entzugsklinik, weil ich angeblich ein Drogenproblem habe, bis hin zu einer heimlichen Schönheits-OP in Südamerika war alles Mögliche dabei. Lassen Sie mich eins klarstellen: Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie eine illegale Substanz angerührt, und als ich einmal etwas Stärkeres als Champagner getrunken habe, ist mir so schlecht geworden, dass ich ab dem Moment die Finger davon gelassen habe.“

„Und was ist mit der Schönheits-OP?“, fragte Nathan Porter, ein Kolumnist, der seit Jahren über die RHD-Shows berichtet hatte.

Es versetzte Bailey einen Stich, dass ein Mensch, der sie seit Jahren kannte und ein häufiger Gast im RHD-Atelier gewesen war, etwas Derartiges fragen konnte. Sie bedachte ihn mit ihrem freundlichsten Lächeln, bevor sie ihm antwortete. „Verzeih, wenn ich eingebildet klingen sollte, Nathan, aber an meinem Gesicht ist nichts, was ein Schönheitschirurg verbessern könnte.“

Bailey wusste, dass sie mit ihrer Erwiderung Lacher ernten würde. Bailey stand in dem Ruf, eines der unprätentiösesten Models im Business zu sein.

Baileys kurzes Triumphgefühl erhielt sofort einen Dämpfer, als die nächsten Fragen auf sie abgefeuert wurden.

„Was ist mit dem Kokainbriefchen, das in der Nacht, in der Sie verschwunden sind, angeblich bei Ihnen gefunden wurde?“

„Ja, genau, was ist mit dem Kokain?“

„Seit wann nehmen Sie Drogen?“

„Stimmt es, dass Sie fast an einer Überdosis gestorben wären?“

„Weshalb waren Sie so lange verschwunden?“

„Waren Sie auf Entzug?“

Die feindseligen Fragen prasselten mit einer derartigen Gewalt von allen Seiten auf Bailey ein, dass sie unwillkürlich einen Schritt vom Rednerpult zurückwich. Sie hatte das Gefühl, dass sich unsichtbare Hände um ihren Hals legten und ihr langsam die Luft abschnürten.

„Ich… ich hatte einen Schwächeanfall“, erwiderte sie stammelnd und brachte damit die Erklärung vor, die ihre Familie der Presse präsentiert hatte, während sie sich in ihrem Versteck auf den Virgin Islands befunden hatte.

„Wer versorgt Sie mit Drogen?“

„Niemand …“, entgegnete sie zunehmend aufgebracht, „… ich habe noch nie in meinem Leben Drogen genommen! Das sagte ich doch bereits.“

„Was ist dann mit dem Kokain? Wieso hatten Sie es bei sich?“

Baileys Vater übernahm wieder ihren Platz am Rednerpult. „Uns ist bewusst, dass viele Ihrer Fragen unbeantwortet sind, aber ich bitte Sie, sich noch etwas zu gedulden, da zurzeit noch polizeilich ermittelt wird, und wir noch nicht über die Einzelheiten sprechen können. Eines kann ich Ihnen jedoch versichern, meine Tochter Bailey war in keine kriminellen Aktivitäten verwickelt.“

„Helfen Ihnen die Drogen, so schlank zu bleiben?“, fragte ein Reporter einer großen Tageszeitung ohne Roger Hamiltons Statement auch nur im Geringsten zu beachten.

„Sind Sie wegen Magersucht in Behandlung, Bailey?“, rief ein anderer Journalist von der Seite.

„Die Pressekonferenz ist hiermit beendet“, unterbrach Baileys Vater die aggressive Fragerei. Dann legte er Bailey den Arm um die Schultern und führte sie vom Podium zu ihrer Mutter und ihren Brüdern.

Bailey konnte das heftige Zittern, das ihren Körper schüttelte, nicht länger unterdrücken. Sie wusste, dass sie die Pressekonferenz zu einem Abschluss bringen musste. Wegzulaufen würde alles nur noch schlimmer machen.

Doch dazu war Bailey zu entsetzt. Ich will nur noch weg hier, dachte sie verzweifelt.

Abgeschirmt von ihren Brüdern Kyle und Daniel, die der Familie einen Weg durch die Menge der Journalisten bahnten, lief sie zurück zur Tiefgarage. Die bohrenden Fragen der Reporter hallten noch in ihrem Kopf nach.

Nein, die Presseleute waren nicht ihre Freunde, das hatte sie jetzt begriffen.

Ihre gesamte Familie hatte sie davor gewarnt, sich so bald nach ihrer Rückkehr wieder ins Licht der Öffentlichkeit zurückzubegeben, aber Bailey hatte nicht auf sie hören wollen. Genauso wenig, wie sie dem Wunsch ihrer Familie, noch länger in St. Thomas zu bleiben, Folge leisten wollte. Nach dem, was gerade geschehen war, fragte sich Bailey allerdings, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn sie auf die wohlmeinenden Worte ihrer Eltern und Geschwister gehört hätte.

„Ich habe dich doch gewarnt“, wiederholte Kyle zum bestimmt hundertsten Mal, während er wie ein gefangener Tiger von einer Seite des Raumes zur anderen wanderte.

„Ja, hast du.“ Bailey knetete ihren Nasenrücken. „Mehrfach.“

Zusammengekauert, die Arme um ein Kissen geschlungen, saß Bailey auf dem Sofa im Wohnzimmer ihrer Eltern. Die gesamte Familie war in der Penthouse-Suite des Apartmentkomplexes, der zu einem Teil ihren Eltern gehörte, versammelt. Bailey selbst bewohnte zusammen mit ihrer Schwester Brianna eine Wohnung im zehnten Stock desselben Gebäudes, und auch ihre beiden Brüder lebten hier. Wenn die ganze Familie zusammenkam, trafen sie sich allerdings immer in der Wohnung ihrer Eltern.

Jeder der im Raum Anwesenden hatte gesehen, wie Bailey nach der Pressekonferenz beinahe zusammengebrochen war. Wenn sie nur daran dachte, wand sie sich vor Scham.

Während der letzten Stunde hatte sie alles daran gesetzt, ihre Familie nicht merken zu lassen, wie sehr sie die Pressekonferenz erschüttert hatte. Denn Bailey wusste genau, dass ihre Eltern sie sonst sofort ins nächste Flugzeug setzen würden, das sie aus New York wegbrachte.

Bailey drückte sich das Kissen gegen den Bauch.

„Du bist noch nicht so weit, dich der Presse zu stellen“, sagte Kyle. „Diese Geier kennen kein Erbarmen.“

„Diese Geier waren manchmal aber auch ganz nützlich für RHD“, entgegnete Bailey. „Oder hast du die vielen Artikel und Features, in denen deine Designs gezeigt wurden, schon vergessen?“

„Darum geht’s jetzt nicht“, schnaubte Kyle.

Seine Verlobte Zoe Sinclair packte Kyle am Saum seines Hemdes und zog ihn neben sich auf die Lehne des Sessels. Dann wandte sie sich an Bailey.

„Das einzig Wichtige ist doch, ob ihr mit der Pressekonferenz das erreicht habt, was ihr wolltet“, unterbrach Zoe beschwichtigend den Disput. „Meinst du, das habt ihr, Bailey?“

„Ich wollte hauptsächlich beweisen, dass ich kein Junkie bin. Vielleicht hätte ich noch meine Krankenakte mitbringen sollen. Wahrscheinlich ist das das Einzige, was die Reporter dazu bringen würde, mir endlich zu glauben.“

Brianna trat ins Wohnzimmer und brachte Bailey die Tasse Tee, um die sie gebeten hatte. Dann gesellte Brianna sich zu ihr aufs Sofa. „Unglücklicherweise befürchte ich, dass die Pressekonferenz genau das Gegenteil bewirkt hat. Jetzt sind die Reporter erst recht neugierig geworden“, fügte Brianna hinzu.

„Vielleicht sollten wir die Bewachung verstärken?“, schlug Daniel vor.

„Nein!“ Heftig setzte Bailey ihre Tasse auf dem Couchtisch ab. „Auf keinen Fall noch mehr Bodyguards. Eigentlich will ich überhaupt keinen Bodyguard mehr, der mir auf Schritt und Tritt folgt.“

„Das steht außer Frage.“ Ihr Vater, der während der Diskussion unverhältnismäßig still geblieben war, schaltete sich nun ein. Die Arme vor der Brust überkreuzt, stand Roger Hamilton vor dem marmornen Kamin und warf einen Blick in die Runde, der deutlich machte, dass er keinen Widerspruch duldete. „Die Bodyguards bleiben so lange in deiner Nähe, bis dein Angreifer gefasst ist.“

„Ich halte das nicht mehr aus.“ Mit einer um Verständnis heischenden Geste hielt sie ihm die geöffneten Handflächen entgegen. „Könnt ihr euch nicht vorstellen, wie grässlich es ist, ständig unter Bewachung zu stehen? Nein, das könnt ihr nicht, weil ihr alle das Recht habt, euch frei zu bewegen, ohne dass euch ständig jemand folgt.“

„Weil von uns auch keiner von einem Verrückten überfallen und einfach halbtot liegen gelassen wurde. Du hättest sterben können, Bailey“, erwiderte ihr Vater.

„Wenn derjenige, der mich überfallen hat, mich hätte töten wollen, dann würde ich jetzt nicht hier stehen.“

Bei diesen Worten zuckte ihre Mutter zusammen, und Bailey bereute sofort, so harsch gewesen zu sein. Auch wenn sie davon überzeugt war, dass sie recht hatte. Sie alle wussten immer noch nicht, weshalb Bailey vor zwei Monaten entführt worden war, aber sie war davon überzeugt, dass es dem Täter nicht darum gegangen war, sie zu töten.

Zumindest versuchte sie, sich das einzureden. Die Alternative – dass ihr Entführer vielleicht darauf spekuliert hatte, dass sie erst nach Tagen anstatt nach wenigen Stunden gefunden wurde – war zu schrecklich, um sie in Betracht zu ziehen.

Bailey verbarg das Gesicht in den Händen und atmete tief durch, um sich zu beruhigen. Als sie wieder aufsah, nahm sie den besorgten Ausdruck in den sonst so zuversichtlich blickenden braunen Augen ihrer Mutter wahr.

„Es tut mir leid“, sagte Bailey. „Aber ich kann so nicht weitermachen. Muss ich mich etwa den Rest meines Lebens verstecken?“

„Natürlich nicht für immer, Liebling. Du musst nur so lange warten, bis der Täter gefasst ist“, entgegnete ihre Mutter.

„Und wenn die Polizei ihn nie findet?“

Düsteres Schweigen erfüllte den Raum. Alle wussten, dass diese Möglichkeit durchaus bestand.

Bailey musste sich überwinden, um fortzufahren. „Wir müssen den Tatsachen ins Auge blicken: Das Ganze ist jetzt zwei Monate her – und die Chancen, dass die Polizei noch etwas herausfindet, stehen schlecht.“

„Sag das nicht“, unterbrach Lila sie heftig. „Die Ermittlungen laufen auf Hochtouren. Sie werden denjenigen, der dir das angetan hat, ganz sicher finden und einsperren, Bailey.“

„Das werden sie sicher, Mom“, sagte Bailey, weil sie wusste, dass ihre Mutter das jetzt hören wollte. „Aber ich kann nicht wie eine Gefangene leben, bis es so weit ist.“

„Keiner hält dich gefangen, Bailey“, wies ihr Vater sie zurecht. An seinem strengen Gesichtsausdruck konnte sie ablesen, dass er in dieser Sache nicht nachgeben würde. Als er dann unvermittelt auf Geschäftliches zu sprechen kam, wusste sie, dass das Thema Bodyguards damit abgehakt war.

Bailey war so frustriert, dass sie am liebsten geschrien hätte.

Stattdessen ließ sie sich wieder ins Sofa sinken und hörte ihrer Familie nur mit halbem Ohr zu, während sie ihren eigenen Gedanken nachhing.

In den vergangenen zwei Monaten hatte die Angst ihr Leben komplett im Griff gehabt, doch dem wollte Bailey nun ein Ende machen.

Und das würde ihr am besten gelingen, wenn sie wieder anfing, das zu tun, womit sie sich vor dem Überfall beschäftigt hatte. Bailey beschloss, die Idee, die in der vergangenen Woche in St. Thomas in ihr aufgekeimt war, heute direkt anzusprechen. Sie wartete ab, bis die Unterhaltung über einen potenziellen neuen RHD-Zulieferer abgeschlossen war, bevor sie das Wort ergriff.

„Bevor ihr jetzt alle geht, wollte ich gerne noch etwas mit euch besprechen.“ Bailey hob das Kissen an ihre Brust und begann, nervös mit den Fingern über die Nähte zu fahren. „So wie es aussieht, wird die Presse nicht so bald lockerlassen. Deshalb denke ich, dass wir uns die derzeitige Publicity zunutze machen sollten.“

Alle im Raum sahen sie überrascht an.

Plötzlich mutiger geworden, legte Bailey das Kissen zur Seite und legte die Hände gefaltet in den Schoß. Sie atmete tief durch, bevor sie ihre Idee zum ersten Mal laut aussprach. „Ich finde, dass RHD eine zweite Show ansetzen sollte.“

Einen Moment lang sagte niemand etwas, bis Brianna das verblüffte Schweigen durchbrach. „Aber die Fashion Week war doch erst vor zwei Monaten.“

„Na, und? Gibt es etwa ein Gesetz, das verbietet, dass wir nur während der Fashion Week eine Show machen dürfen? Mir ist schon klar, dass die Modebranche nur ein paarmal im Jahr während der großen Shows im Fokus der Öffentlichkeit steht, aber im Moment sind aller Augen auf RHD gerichtet. Gut, der Grund dafür und die Umstände mögen schwierig sein, aber warum sollten wir nicht daraus Profit schlagen?“

Bailey wandte sich an ihre Schwester, auf deren Unterstützung sie üblicherweise zählen konnte. „Denk doch mal darüber nach, Brianna. Es wäre die perfekte Gelegenheit, um unsere neue Resort-Kollektion vorzustellen.“ An alle gerichtet fuhr sie fort. „Ich bitte euch doch nur, mal darüber nachzudenken.“

Bailey konnte die Spannung, die den Raum plötzlich erfüllte, fast körperlich spüren, aber sie würde nicht nachgeben. Sie musste sich einfach durchsetzen. Eine weitere Show würde ihr die Möglichkeit geben, ihre frühere Kraft und Energie, die ihr dieser verdammte Bastard genommen hatte, wiederzuerlangen. Wenn sie erst wieder auf dem Laufsteg stand, würde ihr das helfen. Davon war sie hundertprozentig überzeugt.

„Vielleicht ist eine außer der Reihe stattfindende Show keine so üble Idee, aber der Bodyguard bleibt“, entgegnete Roger Hamilton, dem sein Unbehagen deutlich anzumerken war.

„Dad …“

„Das diskutiere ich nicht, Bailey.“

„Dad hat recht“, mischte Daniel sich ein. „Du brauchst jemanden, der auf dich aufpasst.“

Wieder überkam Bailey das überwältigende Bedürfnis, laut zu schreien. Sie wusste, dass ihre Familie es nur gut mit ihr meinte, aber als Nesthäkchen der Familie hatte Bailey schon in der Kindheit eine ausreichend große Portion an Fürsorge bekommen. Vielleicht sollte sie einmal mit ihren Eltern alleine sprechen, wenn die älteren Brüder nicht dabei waren. Immerhin hatte sie erreicht, dass ihr Einfall Gehör gefunden hatte und ihr Vater ernsthaft bereit zu sein schien, darüber nachzudenken.

Das Gespräch nahm bald darauf eine andere Richtung und wandte sich der in Kürze stattfindenden Hochzeit von Kyle und Zoe zu. Bailey tat so, als ob sie der Unterhaltung interessiert folgte, doch innerlich fühlte sie sich vollkommen unbeteiligt. Wie konnte sie in ihrer Situation Interesse für Blumenarrangements und Geschenkelisten aufbringen, während sie gerade vor dem Scherbenhaufen ihres Lebens stand?

Bailey fragte sich, ob es ihr jemals wieder gutgehen würde. Immer wieder überfielen sie völlig unvermittelt Erinnerungen an den schrecklichen Moment der Entführung. Dann hatte sie das Gefühl, als ob ihr jemand die Kehle zudrückte, und ihr brach der kalte Schweiß aus.

Bailey strengte sich so an, wieder zurück zur Normalität zu finden. Aber wie zum Teufel sollte ihr das gelingen, wenn derjenige, der ihr das angetan hatte, immer noch draußen frei herumlief? Wie sollte sie sich jemals wieder normal fühlen, wenn sie ihr Leben unter der ständigen Bewachung von Bodyguards fristen musste?

Von allen Angstgefühlen, die sie seit der Entführung plagten, war dies das Schlimmste: die Angst, sich niemals wieder normal zu fühlen.

2. KAPITEL

„Hey, Chris, hast du das Material über den Korruptionsskandal der Preachers for Prosperity gefunden?“ Micah Jones blickte auf den Bildschirm vor sich und telefonierte über den Lautsprecher mit seinem Kollegen. „Ich brauche auch noch Ausschnitte aus Ezra Singletons neuem Film für das Interview heute Abend.“

Mit einer Hand blätterte er durch die auf seinem Schreibtisch verteilten Papiere, während er gleichzeitig durch das Onlinearchiv der New York Times scrollte. Micah war dabei, die Informationen, die er heute Abend in Connect, der von ihm produzierten und moderierten einstündigen Talkshow, die auf New Yorks WLNY Kabelkanal ausgestrahlt wurde, noch einmal zu überprüfen.

Micahs Blick fiel auf den zweiten Monitor, der im rechten Winkel von dem anderen Bildschirm auf seinem Schreibtisch stand, von dem ihn Bailey Hamiltons wunderschöne braune Augen anstrahlten. Das Foto war auf der gestrigen Pressekonferenz am Lincoln Center aufgenommen worden, und jedes Mal, wenn sein Blick darauf fiel, stockte ihm der Atem, so bezaubernd war sie.

Inzwischen war ihm der tosende Gefühlssturm, der in seinem Körper losbrach, wenn er ein Bild von Bailey sah oder auch nur an sie dachte, schon vertraut. Das Verlangen war so heftig, dass es ihn trotzdem immer wieder überraschte. Micah lehnte sich in seinem Stuhl zurück und legte den Kopf in den Nacken, die Augen fest zugekniffen, als ließe sich die Erregung, die jede Faser seines muskulösen Körpers durchfuhr, so unterdrücken.

Vermutlich ist es ganz gut, dass ich gestern nicht zur Pressekonferenz eingeladen war, dachte er. Wenn er beim Anblick eines Fotos von Bailey schon so aus der Fassung geriet, wie hätte er dann reagiert, wenn er ihr gegenübergestanden hätte?

Zuerst war Micah enttäuscht gewesen, dass er sich die Pressekonferenz wie all die anderen im Fernsehen ansehen musste. Es war ihm zwar klar, dass er nicht zu den Reportern gehörte, die gewöhnlich über die Fashionbranche berichteten, aber immerhin war er der Letzte gewesen, der Bailey interviewt hatte, bevor die Katastrophe über die Familie Hamilton hereingebrochen war.

Und da hatte er auch schon seine Antwort für die fehlende Einladung.

Seit dem Abend, an dem Bailey mit einem Kokainbriefchen in der Hand bewusstlos in der Tiefgarage des Lincoln Centers gefunden worden war, hatte es das Leben mit den Hamiltons und insbesondere mit Bailey nicht gut gemeint. Micah nahm an, dass die Familie bemüht war, Bailey von allem abzuschirmen, was sie an die vergangenen Ereignisse erinnern könnte. Unglücklicherweise gehörte auch er selbst dazu.

Micah wusste, was es für Bailey bedeutet hätte, auf der Fashion Week zu laufen, und konnte sich nur ausmalen, wie entsetzlich enttäuscht sie gewesen sein musste, dass es nicht dazu gekommen war. Immer wieder dachte er daran zurück, wie aufgeregt Bailey gewesen war, als er sie am Vorabend der Show interviewt hatte. Damals berichtete sie ihm, wie sie schon als kleines Mädchen bei ihrer ersten RHD-Fashionshow im Publikum gesessen und davon geträumt hatte, eines Tages selbst über den Catwalk zu laufen.

Bailey hatte unermüdlich daran gearbeitet, diesen Traum zu verwirklichen, und es war ihr tatsächlich gelungen, sich einen Namen in der Branche zu machen. Vor dem Zwischenfall war Bailey eines der gefragtesten Nachwuchsmodels gewesen, der man eine steile Karriere prophezeite. Aus diesem Grund waren Micah und die anderen Leute von der Presse auch so verwundert gewesen, als Bailey auf einmal nicht bei der RHD-Show auftauchte.

Und dann wurde sie Stunden später auf einmal mit den Drogen gefunden.

Man mochte ihn naiv nennen, aber Micah glaubte den hässlichen Gerüchten, die wenig später überall im Internet und in anderen Medien verbreitet wurden, nicht eine Sekunde. Die Frau, die er interviewt hatte, war nicht drogensüchtig. Er hatte genug davon in seinem Leben gesehen, um einen Junkie zu erkennen, selbst wenn dieser seine Sucht so geschickt wie möglich verbergen mochte. Nein, es musste etwas anderes dahinterstecken.

Micah wollte unbedingt aufdecken, was wirklich passiert war – und darin unterschied er sich nicht von seinen Kollegen.

Außerdem musste er Bailey wiedersehen.

Ihre Versuche, sich seit ihrer Ankunft in New York vor den Paparazzi zu verbergen, waren erfolglos gewesen. Hunderte von Fotos und Videos von ihr schwirrten durchs Netz und durch die Printmedien. Doch die flüchtigen Aufnahmen, wie sie in ein Taxi stieg oder die Studios von RHD betrat, reichten Micah nicht. Er musste ihr direkt gegenüberstehen.

Micah ertappte sich dabei, erneut wie gefesselt auf die Aufnahme von Bailey zu starren. Frustriert stöhnte er auf und zwang sich, den Blick abzuwenden. Just in diesem Augenblick sprang ein Fenster auf dem anderen Monitor auf, und eine Nachricht erschien, die ihn daran erinnerte, dass er noch eine Show zu produzieren hatte.

Micah klickte auf den Link, den Chris ihm geschickt hatte, und speicherte das Video mit den restlichen Dateien für Connect zusammen ab. Micahs Sendung war die beliebteste Show im Abendprogramm des Senders, und es war ein Running Gag unter seinen Kollegen, dass die Show nur deshalb so populär war, weil die Leute Micahs hübsches Gesicht sehen wollten. Micah wusste jedoch, dass er die hohen Einschaltquoten vor allem seinen Talkgästen zu verdanken hatte. Er hatte das Glück gehabt, einige der berühmtesten New Yorker Celebrities für ein Interview gewinnen zu können.

Micah druckte die Liste von Fragen aus, die er für das Interview von Ezra Singleton am Abend vorbereitet hatte. Nachdem er die erste Frage dreimal gelesen hatte und sich immer noch nicht darauf konzentrieren konnte, warf er das Blatt entnervt auf den Schreibtisch. Wie sollte er sich auf das heutige Interview vorbereiten, wenn alles, woran er denken konnte, die Idee war, die eben in seinem Kopf aufgeblitzt war? Die beste Idee, die er in seiner gesamten Karriere je gehabt hatte.

Im Moment gab es eine Person in New York, nach der wirklich jeder Journalist lechzte, um von ihr ein Exklusivinterview zu bekommen. Doch Micah hatte den Vorteil, dass er der letzte Journalist gewesen war, der sie interviewt hatte.

Ob es ihm gelingen würde, Bailey Hamilton dazu zu bringen, ihm ein Exklusivinterview zu geben?

„Du kannst es auf jeden Fall versuchen“, sagte Micah laut.

Micah suchte Baileys Nummer in seinem Smartphone und zögerte einen Moment, bevor er den Touchscreen berührte, um die Nummer zu wählen. Sein Pulsschlag ging schneller, und er hörte das Blut in seinen Ohren rauschen. Himmel, er war so aufgeregt wie ein verliebter Schuljunge.

Es klingelte viermal, bevor eine weiche, sehr feminin klingende Stimme am anderen Ende „Hallo“ sagte.

Ihre Stimme.

Sein Körper reagierte sofort so, wie er es erwartet hatte. „Hi, Miss Hamilton.“ Schnell korrigierte er sich: „Bailey“.

Bei dem Interview im September hatte sie ihm angeboten, sie mit dem Vornamen anzureden. Micah wollte versuchen, an die Vertrautheit, die damals rasch zwischen ihnen entstanden war, anzuknüpfen. „Ich bin’s, Micah Jones von WLNY.“

„Oh, ja. Hi.“

„Hallo“, sagte er noch mal und zuckte innerlich zusammen. Ganz schön blöder Einstieg für einen Mann, dessen Beruf darin bestand, Leuten Fragen zu stellen. Er benahm sich wirklich wie ein Schuljunge! Micah räusperte sich und versuchte es noch einmal. „Ich hoffe, dass ich nicht störe. Ich habe gestern die Pressekonferenz gesehen. Schön, dass Sie wieder in New York sind und es Ihnen gut geht.“

„Danke …“, erwiderte Bailey und fügte dann mit einem wenig fröhlich klingenden Lachen hinzu: „… obwohl Ihnen wahrscheinlich nicht viele zustimmen würden, dass es mir gut geht. Einigen Kommentaren zufolge, die ich gestern im Netz gelesen habe, wird behauptet, dass ich meinen Mantel angelassen hätte, damit man die Einstichstellen an meinen Armen nicht sieht.“

„Kümmern Sie sich nicht um diesen Müll.“

„Und das von einem Reporter.“

„Ich bin nicht im eigentlichen Sinne Reporter. Ich bin Produzent, Regisseur und Interviewer.“

„Mr. Jones, wollten Sie etwas Bestimmtes oder rufen Sie an, um mir Ihren Lebenslauf mitzuteilen?“

Aua, das tat weh. Okay, die Zeit für harmloses Geplänkel war ganz offensichtlich vorüber.

Im September hatte ihre Stimme noch nicht diesen scharfen Klang gehabt. Micah zweifelte nicht daran, dass die negative Aufmerksamkeit, mit der Bailey und ihre Familie während der vergangenen Monate überhäuft worden waren, schuld daran war.

„Bitte, nennen Sie mich Micah. Und ja, Sie haben recht. Ich rufe nicht einfach so an. Um unser letztes Interview weiterzuführen …“

„Ich habe kein Interesse daran, ein Exklusivinterview zu führen.“

„Nein, es geht diesmal nicht um ein Interview“, warf Micah rasch ein, bevor sie den Anruf beenden konnte.

Es gab eine Pause. „Was genau wollen Sie mir denn vorschlagen?“

Ja, was will ich eigentlich genau vorschlagen? Natürlich wollte er ein Exklusivinterview. „Ich … ich dachte an ein Format, das über das gewöhnliche Interview hinausgeht. Was würden Sie dazu sagen, wenn ich mit Ihnen einen einstündigen Dokumentarfilm drehe, der ihr Leben als angehendes Supermodel und als Mitglied der wichtigsten afroamerikanischen New Yorker Fashion-Familie zeigt?“

Micah hatte keine Ahnung, wo er diese Idee plötzlich hergezaubert hatte, aber er musste zugeben, dass ihm der Gedanke gefiel.

„Einen Dokumentarfilm?“, wiederholte Bailey skeptisch. „Wohl eher nicht …“

„Warten Sie, Bailey. Lassen Sie mich erklären, was ich meine.“ Micah wollte noch nicht aufgeben. „Ich weiß, was Sie gestern mit der Presskonferenz erreichen wollten.“

„Ich wollte nach meiner Abwesenheit wieder in Verbindung mit den Medien treten.“

„Sie wollten auch den negativen Schlagzeilen, in die Roger Hamilton Designs in den letzten Monaten geraten ist, ein Ende setzen.“ Micah würde nicht zulassen, dass Bailey ihn oder sich selbst weiter belog. „Es tut mir leid, Ihnen das sagen zu müssen, Bailey, aber das ist Ihnen leider nicht gelungen.“

„Oh, danke“, erwiderte sie sarkastisch.

„Sie kämpfen gegen einen ungleichen Gegner. Die Journalisten wollen nicht hören, dass es Ihnen gut geht und bei RHD alles läuft wie üblich. Die Presseleute wollen Dramen.“

„Den Presseleuten wäre es am liebsten, mich in einer dunklen Gasse beim Schnupfen von Kokain zu erwischen.“

„Da haben Sie leider recht, genau diese Art von Schmutz lieben die Medien.“

„Und Sie denken also, dass ich mich einverstanden erklären könnte, Ihnen das für eine ganze Stunde zu präsentieren?“

„Nein“, widersprach Micah nachdrücklich. „Hören Sie, Bailey, mir geht es nicht darum, Ihre Situation auszunutzen. Und, nur zur Information, ich glaube nicht, dass die Drogen Ihnen gehörten.“

Am anderen Ende der Leitung wurde es so still, dass Micah schon befürchtete, Bailey habe aufgelegt.

„Und weshalb sind Sie sich dessen so sicher?“ Die Schärfe in ihrem Tonfall hatte abgenommen.

„Sagen wir einfach, dass ich mich für einen guten Menschenkenner halte. Sicher sind Sie nicht jemand, der seine Gesundheit einem solchen Risiko aussetzen würde. Geben Sie mir die Möglichkeit, Sie der Öffentlichkeit als die Bailey Hamilton zu zeigen, die ich im September erlebt habe.“

„Und wen haben Sie im September erlebt, wenn ich fragen darf?“ Der schneidende Tonfall war vollkommen aus ihrer Stimme gewichen, stattdessen klang Bailey jetzt nur noch neugierig.

Micahs Herz schlug schneller. „Ich habe eine Frau getroffen, die genau weiß, wohin sie will, und ihren Weg konsequent und mutig geht. Eine Frau, die freundlich und rücksichtsvoll ist, aber trotzdem allen, die ihr begegnen, Respekt abringt. Aber das war nicht dieselbe Frau, die ich gestern bei der Pressekonferenz gesehen habe. Die Frau, die ich gestern gesehen habe, wirkte unsicher und verängstigt.“

Micah hörte Bailey frustriert seufzen.

„Lassen Sie sich das von jemandem sagen, der seit einer Weile in der Medienbranche arbeitet. Je mehr Sie einknicken, umso weniger respektieren die Presseleute Sie und umso boshafter werden sie. Verstecken Sie sich nicht länger, Bailey. Ich kann Ihnen dabei helfen, denen zu zeigen, dass Sie wieder da sind. Und zwar stärker als je zuvor.“

Wieder verging ein Moment des Schweigens, bis sie fragte: „Was springt dabei für Sie heraus?“

„Was meinen Sie?“

„Ach, kommen Sie schon. Denken Sie etwa, ich glaube, dass Sie diesen Dokumentarfilm machen wollen, weil Sie ein so netter Mensch sind? Ohne eine Gegenleistung dafür zu erwarten? Lassen Sie sich das von jemandem sagen, der schon eine Weile in der Modelbranche unterwegs ist“, entgegnete sie und schleuderte ihm seine eigenen Worte entgegen. „Das Klischee ist falsch. Ein Model zu sein, bedeutet nicht, gleichzeitig ein Dummchen zu sein.“

„Das habe ich nie von Ihnen …“

„Wissen Sie eigentlich, wie viele Anfragen ich für Interviews erhalten habe, seitdem ich wieder in New York bin? Und wie viel man bereit ist, für ein Exklusivinterview zu zahlen?“

„Es geht mir nicht nur darum, eine Story von Ihnen zu bekommen, Bailey. Natürlich habe ich auch einen Vorteil davon, aber ist das so schlimm? Ich gebe Ihnen die Möglichkeit, Ihre Geschichte zu erzählen, ohne dass die Presse ihre eigene Version daraus macht.“

„Und Sie erwarten von mir, dass ich Ihnen vertraue, dass Sie die Story nicht so verdrehen, wie es für Ihre Zwecke am besten ist?“

„So arbeite ich nicht. Ich denke, das wissen Sie auch von unserem letzten Interview.“

„Seit unserem letzten Interview habe ich eine Menge darüber gelernt, wie Reporter arbeiten.“

Ständig von ihr mit den anderen Reportern in einen Topf geworfen zu werden, hinterließ einen bitteren Beigeschmack bei Micah. „Geben Sie mir eine Stunde. Nur eine Stunde. Lassen Sie mich Ihnen erklären, was ich vorhabe und wie ich Ihnen und RHD helfen kann.“

„Nein danke. Ich habe schon gesehen, was die Medien für mich und meine Familie tun können. Und das ist alles andere als schön. Einen angenehmen Tag noch, Mr. Jones.“

Die Leitung war auf einmal tot, und Micah hörte nur noch Stille. Ungläubig und enttäuscht starrte er auf das Telefon. Mit einem frustrierten Seufzer legte er das Smartphone auf den Tisch. Das Gespräch hätte nicht schlechter verlaufen können.

Bailey stützte sich mit den Händen auf den Küchentresen und versuchte den Impuls zu unterdrücken, die Fenster- und Türriegel zu überprüfen. Genau das hatte sie vor einigen Stunden bereits getan. Alle Türen und Fenster waren verschlossen. Sie war in Sicherheit.

Bailey schloss die Augen, ihre Arme zitterten, als sie die Hände zu Fäusten ballte und gegen die kalte Granitplatte presste. Kalte Schauer liefen ihr den Rücken hinunter. Sie konzentrierte sich auf ihre Atmung. Langsam atmete sie tief ein und aus.

„Das ist doch verrückt“, flüsterte sie.

Unfähig, ihr Bedürfnis noch einen Moment länger zurückzuhalten, stieß sie sich von der Arbeitsplatte ab und rannte zur Wohnungstür. Sie rüttelte am Türgriff und stellte sicher, dass der Riegel vorgeschoben war. Die nächsten zehn Minuten verbrachte Bailey damit, bei jedem Fenster im Apartment das Gleiche zu tun. Sie sah in die Schränke, hinter jede Tür. Obwohl sie wusste, dass es lächerlich war, konnte sie nicht damit aufhören.

Als Bailey endlich fertig war, strömten ihr die Tränen über das Gesicht. Dass sie den Impuls, alles zum zweiten Mal zu überprüfen, nicht unterdrücken konnte, machte ihr mindestens ebenso viel Angst, als wenn sie tatsächlich festgestellt hätte, dass die Wohnungstür nicht verriegelt gewesen wäre. Bailey wusste, dass ihr Verhalten nicht normal war. Immer wieder sagte sie sich, dass sie es schaffen würde. Dass sie alleine damit klarkommen würde. Aber je mehr sie versuchte, die Panikattacken und die zwanghaften Handlungen abzuwehren, umso stärker kehrten sie zurück. Vielleicht würde alles besser werden, wenn sie wieder anfing zu arbeiten.

Als Bailey sich wieder auf ihrem Platz auf dem Sofa verkrochen hatte, nahm sie ihr iPhone zur Hand.

Während der letzten Stunde war Bailey zwischen dem Wunsch, Micah anzurufen und sich dafür zu entschuldigen, wie abrupt sie das Gespräch beendet hatte, oder ihn einfach zu vergessen, hin und her geschwankt.

Ihn einfach zu vergessen, war allerdings fast unmöglich. Micah Jones war kein Mann, den man einfach so vergaß.

Außerdem trug er nicht die Schuld daran, dass die Pressekonferenz am Lincoln Center so katastrophal verlaufen war. Bei ihrem Telefonat hatte Bailey jedoch allen Ärger und die Enttäuschung an ihm ausgelassen. Bailey war so frustriert über die gestrigen Ereignisse, dass sie es nicht in Worte fassen konnte. Trotzdem gab ihr das nicht das Recht, Micah dafür verantwortlich zu machen, nur weil er ein Journalist war. Im Gegenteil zu den Presseleuten gestern hatte Micah ihr keine hämischen Fragen gestellt.

Bailey öffnete die Anruferliste, doch als sie gerade Micahs Nummer anwählen wollte, überlegte sie es sich wieder anders, legte das Telefon auf den Tisch und nahm stattdessen ihr iPad in die Hand. Wenn sie Micah anriefe, um sich zu entschuldigen, würde das nur weitere Fragen nach sich ziehen, und dem fühlte Bailey sich gerade nicht gewachsen.

Bailey wandte ihre Aufmerksamkeit dem Bildschirm ihres iPads zu und scrollte durch die Fotos von der Fashion Week in Paris. Brianna war in die Stadt der Liebe gereist, um RHD dort zu vertreten – stattdessen hatte sie sich überraschenderweise verliebt. Bei dem Gedanken an ihre Schwester und Collin Childs musste Bailey unwillkürlich lächeln. Sie war überglücklich für Brianna, die es mehr als verdient hatte, endlich auch im Privatleben ihr Glück zu finden.

Brianna würde vermutlich das Gleiche in Baileys Fall behaupten, aber ihr Liebesleben war im Moment das Letzte, was Bailey beschäftigte.

Bailey blickte auf die Fotos der Models, die mit ausdruckslosen Gesichtern über den Laufsteg schritten, und analysierte ihre Körpersprache. Mit sechzehn Jahren hatte sie angefangen zu modeln, war also seit zehn Jahren im Geschäft, aber sie suchte immer nach Wegen, wie sie ihre Performance noch verbessern konnte.

Bailey versuchte, sich auf die Fotos auf dem Bildschirm zu konzentrieren, doch ihre Gedanken schweiften immer wieder ab. Wie sollte sie die Leute nur davon überzeugen, dass sie kein drogensüchtiges Model war?

Wenn Bailey es recht überlegte, konnte sie den Presseleuten die wilden Spekulationen nicht einmal übelnehmen. Immerhin hatte man sie mit einem Kokainbriefchen in der Hand gefunden. Weshalb also sollte man ihr jetzt glauben, wenn doch alle Beweise gegen sie sprachen?

Das Problem war, dass die ermittelnden Polizeibeamten darauf bestanden hatten, dass sie der Öffentlichkeit gegenüber keine Details über die Entführung erzählte. Bailey waren daher die Hände gebunden. Sie hatte nur die Möglichkeit, die Presse irgendwie davon zu überzeugen, dass sie noch die Alte war. Wenn ich nur wüsste, wie! dachte Bailey verzweifelt.

Das Gedankenkarussell in Baileys Kopf kam plötzlich zum Stehen. Moment mal, dachte sie. Micah Jones kann mir tatsächlich helfen!

Micah Jones war nicht wie die anderen Journalisten. Bailey hatte das vom ersten Moment an gespürt, als sie ihm gegenüber auf der Couch im Studio Platz genommen hatte. Micah war so authentisch, dass sie sich sofort bei ihm wohlgefühlt hatte. Außerdem war der Dokumentarfilm, den er ihr vorgeschlagen hatte, wirklich etwas ganz anderes als die üblichen Interviews. Und sollte es ihr zu viel werden oder sie das Gefühl bekommen, dass ihr das Projekt entglitt, konnte sie immer noch abspringen. Bei dem Film hätte sie eine gewisse Kontrolle.

Bailey suchte im Internet nach dem Video von dem Interview, das Micah Jones mit ihr für Connect im September geführt hatte.

Mit dem Kinn auf der Hand abgestützt sah sie sich das Interview zum ersten Mal an. Normalerweise vermied sie es, ihre eigenen Fernsehinterviews anzuschauen, weil sie so selbstkritisch war und sich jedes Mal schämte, wenn sie bemerkte, wie nervös sie gewesen war.

Als Bailey sich dabei zuhörte, wie sie über ihr erstes Mal auf dem Laufsteg erzählte, krümmte sie sich innerlich vor Verlegenheit. Aber bei der nächsten Frage und ihrer Antwort darauf liefen ihr kalte Schauer über den Rücken. Micah fragte, ob sie ein bestimmtes Ritual befolgte, bevor sie auf den Laufsteg ging. Entsetzt umklammerte Bailey das iPad auf ihrem Schoß, als sie sich erzählen hörte, dass sie sich vor dem großen Moment einen Ort suche, an dem sie allein sei und den Lauf in Gedanken durchgehen könne.

„Oh, mein Gott“, flüsterte sie entsetzt und legte sich die zitternde Hand vor den Mund.

Daher hatte ihr Angreifer also gewusst, dass sie allein sein würde. Bailey selbst hatte ihm alle notwendigen Informationen geliefert.

„Was hast du dir nur dabei gedacht?“

Gar nichts, du hast gar nichts gedacht, überlegte sie im Stillen. Wie hätte sie auch auf die Idee kommen sollen, dass jemand ihr Übles wollte? Wie hätte sie ahnen können, dass ihre Antwort auf Micahs Frage ihr so gefährlich werden würde?

Und so war es auch … sie hatte es nicht wissen können. Ebenso wenig, wie Micah hätte ahnen können, dass seine Frage dazu führen würde, dass Bailey von einem Verrückten entführt wurde. Bailey kannte Micah nicht gut, aber sie wusste instinktiv, dass Micah sie niemals absichtlich in Gefahr gebracht hätte.

Als Bailey sein Gesicht auf dem Bildschirm ansah, überkam sie das gleiche warme Gefühl, dass sie schon bei ihrem ersten Treffen gehabt hatte. Ihre Haut kribbelte, als sie den unbestreitbar gut aussehenden Micah betrachtete. Seine hellbraune Haut und die intelligenten braunen Augen, mit denen er sie so intensiv angesehen hatte. Bailey hatte sich sofort entspannt. Ein vertrautes Gefühl, als ob sie sich schon lange kennen würden, war in ihr aufgestiegen.

Bailey war ihm gegenüber ganz offen gewesen. Ein großer Fehler, den sie vermutlich noch lange bereuen würde. Nächstes Mal würde sie klüger sein.

Nächstes Mal? Wieso nächstes Mal? Bailey hatte sich bereits gegen den Dokumentarfilm entschieden. Sie müsste wahnsinnig sein, wenn sie Micah Jones erlauben würde, in ihrem Leben herumzuwühlen.

Andererseits wäre ein Dokumentarfilm das perfekte Mittel, um ihr Bild in den Medien zu korrigieren. Vorausgesetzt, sie konnte über den Inhalt bestimmen. So hätte sie die Gelegenheit zu zeigen, dass sie noch immer die alte Bailey war.

Dass alles normal war.

Bailey starrte einen Moment lang auf ihr iPhone, bevor sie Micahs Nummer anwählte.

Dieser hob nach dem ersten Klingeln ab. „Micah Jones“, sagte er. Seine Stimme war tief und vertrauenerweckend. Professionell. Und sehr freundlich.

Bailey räusperte sich. „Hallo, Mr. Jones. Ich bin’s noch mal, Bailey Hamilton.“

Es entstand eine kurze Pause. „Oh, Bailey. Hi.“

Bailey spürte seine Überraschung. Auf einmal klang seine Stimme deutlich weniger souverän.

„Ich war vielleicht ein bisschen voreilig bei unserem Telefonat vorhin. Vielleicht könnten Sie mir doch noch mehr über Ihre Idee für den Dokumentarfilm erzählen. Sind Sie noch daran interessiert?“

„Ja, auf jeden Fall“, erwiderte Micah und wirkte jetzt überhaupt nicht mehr professionell, sondern aufgeregt wie ein kleines Kind. „Was hat Sie dazu gebracht, Ihre Meinung zu ändern?“

„Ich habe noch mal darüber nachgedacht, was Sie vorhin gesagt haben. Dass der Film mir die Möglichkeit gibt, meine Seite der Geschichte zu erzählen.“

„Und es gibt genug Leute, die darauf warten.“ Seine Stimme hatte etwas an sich, dass gleichzeitig überzeugend und beruhigend wirkte. „Sollen wir uns in den Ateliers von RHD treffen?“

Bailey riss erschrocken die Augen auf. Ihr war nicht klar gewesen, dass es so schnell konkret werden würde. „Wie bitte?“

„Ob wir uns bei RHD treffen sollen. Ich gehe davon aus, dass ich das Projekt erst der ganzen Familie schmackhaft machen muss, bevor wir loslegen können.“

Bailey lachte auf. „Sie haben ja ziemlich schnell begriffen, wie es bei der Familie Hamilton läuft.“

„Es ist allseits bekannt, wie eng Ihre Familie verbunden ist.“

„Ja, und das ist gleichzeitig ein Segen und ein Fluch.“

„Wie meinen Sie das?“, fragte Micah neugierig.

„Nicht so wichtig.“ Bailey würde jetzt nicht anfangen, Details über ihre Familie auszupacken. Nicht gegenüber jemandem, den sie kaum kannte. „Haben Sie morgen Zeit?“

„Ja, perfekt. Morgen Nachmittag hätte ich ein paar Stunden Zeit. Passt es Ihnen gegen eins?“

„Das sollte sich einrichten lassen.“ Nicht, dass sie sonst etwas zu tun gehabt hätte.

„Vielen Dank, Bailey. Ich freue mich sehr, dass Sie es sich noch mal überlegt haben.“

„Bisher habe ich Ihnen noch keine Zusage gemacht, außer, dass ich bereit bin, mich mit Ihnen zu treffen.“

„Das allein ist schon mal ganz schön viel. Vielen Dank. Ich verspreche Ihnen, dass Sie es nicht bereuen werden.“

Doch schon kurz nachdem Bailey aufgelegt hatte, stiegen Zweifel in ihr auf. War es wirklich die richtige Entscheidung? Würde sie sich nicht wieder einer Gefahr aussetzen, wenn sie sich bereit erklärte, bei dem Film mitzuwirken?

Als die Panik sie in Wellen überkam, klammerte Bailey sich verzweifelt an der Sofalehne fest. Ihr wurde so eng um die Brust, dass sie meinte zu ersticken.

„Hör sofort auf damit!“

Langsam lockerte Bailey den Griff ihrer Hände und richtete sich auf.

Nein, diesmal würde sie sich nicht einschüchtern lassen. Sie würde den Film machen. Zu ihren Bedingungen. Und dem Entführer und allen anderen zeigen, dass sie zurück war und ihr Leben wieder im Griff hatte.

3. KAPITEL

Bailey sah Micah schon, als er an den großen Fensterscheiben des Cafés vorbeilief, in dem sie sich verabredet hatten. Wenig später betrat er den Laden durch die gläserne Schwingtür und blickte sich suchend im Raum um.

Als Micah sie entdeckt hatte, breitete sich ein Lächeln auf seinem attraktiven Gesicht aus, und auf einmal stellte Bailey sich eine Frage, die ihr bisher noch nicht in den Sinn gekommen war: Wie hatte sie vergessen können, wie attraktiv Micah war? Wie sollte sie damit umgehen, wenn sie nun zusammen arbeiteten?

Micah Jones war die Verkörperung männlicher Attraktivität. Mit seinen dunklen Augen blickte er sie schon von Weitem so intensiv an, dass ihr ganz warm wurde. Micah trug eine braune Wildlederjacke, die perfekt zu seiner dunkelbraunen Cordhose passte. Als er auf den Tisch zukam, an dem Bailey saß, löste er den rotbraun karierten Schal, den er locker um den Hals geschlungen hatte.

„Hi“, begrüßte er sie. „Ich hoffe, dass ich Sie nicht zu lange habe warten lassen.“

„Überhaupt nicht“, log Bailey. Sie hatte sich bereits vor über einer Stunde aus dem Apartment geschlichen, als der Bodyguard gerade im Badezimmer war.

Micah deutete mit einer Kopfbewegung auf die Tasse Kaffee, die vor ihr stand. „Haben Sie etwas dagegen, wenn ich mir auch kurz noch einen Kaffee hole, bevor wir anfangen?“

„Nein, natürlich nicht“, entgegnete Bailey.

Während Micah vor dem Tresen stand und die Karte, die an der Wand oberhalb des Tresens angebracht war, studierte, nutzte Bailey die Gelegenheit, ihn noch eingehender zu mustern. Seine breiten Schultern füllten jeden Zentimeter seiner Jacke aus. So wie er gebaut war, hätte er ebenso gut Profifootballer sein können. Allerdings musste sie zugeben, dass sein attraktives Gesicht und die fesselnden braunen Augen wie gemacht für das Fernsehen waren.

Als sie ihn beobachtete, stellte Bailey fest, dass seine entspannte und souveräne Art, die bei ihr sofort bewirkt hatte, dass sie sich wohlfühlte, nicht aufgesetzt war. Aus jeder seiner Bewegungen, aus der Art, wie er stand, wurde es deutlich. Micah strahlte eine Ruhe und Gelassenheit aus, dass man gern in seiner Nähe war.

Was aus Gründen, die Bailey bisher nicht in Betracht gezogen hatte, auch eine Gefahr aus ganz anderer Richtung darstellen konnte. Es hatte keinen Sinn, sich etwas vorzumachen. Seit Micah das Café betreten hatte, fühlte Bailey sich ganz kribbelig. Als ob ich nicht schon genug Sorgen habe! schalt sie sich innerlich. Dass mir meine Libido jetzt dazwischenfunkt, hat mir gerade noch gefehlt.

Micah kam zurück an den Tisch, stellte einen Pappbecher darauf und setzte sich ihr gegenüber.

„Vielen Dank noch mal, dass Sie dazu bereit waren, sich mit mir zu treffen. Ich muss Sie allerdings warnen. Ich werde alles daransetzten, um Sie davon zu überzeugen, bei dem Projekt mitzumachen, Bailey. Ich weiß genau, dass wir einen fantastischen Film machen können. Und nicht nur das. Auch, dass Sie davon profitieren werden.“

„Warum erzählen Sie mir nicht erst mal, was Sie genau vorhaben? Aber zuerst möchte ich Sie warnen: Auf keinen Fall gebe ich Ihnen wieder ein Live-Interview in Ihrer Show. Ich gebe es in keiner Show, um genau zu sein. Ich werde mich bestimmt nicht noch mal lächerlich lassen machen.“

Micah runzelte die Stirn und warf ihr einen fragenden Blick zu. Wie dunkel seine Augen waren. Fast schwarz. Wenn Bailey ihm zu lange in die Augen sah, wurde sie so nervös, dass es ihr fast den Atem raubte.

„Wie kommen Sie darauf, dass ich Sie lächerlich machen könnte? Habe ich Ihnen während unseres letzten Interviews irgendeinen Anlass dazu gegeben?“

„Nein, aber haben Sie nicht selbst gesagt, dass Sie die Pressekonferenz gesehen haben?“

„Ich würde niemals so mit Ihnen umgehen wie diese Reporter.“ Micah faltete die Hände auf dem Tisch und beugte sich zu ihr hinüber. „Sehen Sie, Bailey, ich weiß, dass Ihre letzten Erfahrungen mit der Presse sehr unerfreulich waren, aber Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, dass ich versuchen würde, aus Ihrer Geschichte Profit zu schlagen. Ich bin ein seriöser Journalist.“

„Es ist mir egal, wie seriös Sie sind. Sie sollen nur wissen, dass ich nicht wieder bei Ihnen auf der Couch lande.“

Erstaunt hob er eine Augenbraue.

Ihr wurde über und über heiß, und sie errötete. „Sie wissen, was ich meine.“

Seine Lippen verzogen sich zu einem sexy Grinsen, als er nach seinem Kaffee griff. „Ja, ich weiß“, erwiderte Micah, nachdem er einen Schluck getrunken hatte. „Aber das spielt keine Rolle, weil ich nicht vorhabe, Sie zu mir auf die Couch zu holen.“

Bailey biss sich auf die Unterlippe, um nicht zu lachen. Das kurze Geplänkel voller zweideutiger Anspielungen war den Umständen vollkommen unangemessen.

Sie räusperte sich und setzte sich aufrechter hin. „Was genau schwebt Ihnen denn vor?“

Wieder zog Micah eine Braue hoch.

„Bezüglich des Dokumentarfilms, meine ich.“ Himmel, sie hatte wirklich keine Energie dafür übrig, sich auf einen Flirt mit Micah Jones einzulassen.

„Bevor Sie sich das fragen – ich habe nicht vor, etwas zu tun, das Sie in schlechtem Licht dastehen lässt.“

„Wie kommt es, dass sich ein Reporter auf einmal solche Sorgen um mein Ansehen macht?“

Sein tiefer Seufzer war echt, und Bailey begriff, dass ihr Sarkasmus bei Micah vollkommen unangebracht war. Er war ihr gegenüber immer ehrlich und freundlich gewesen.

„Tut mir leid“, sagte sie entschuldigend. „Ich bin sonst nicht so zickig. Schieben Sie es auf den Schlafmangel und den Stress.“

„Sie zu stressen ist das Letzte, was ich will. Ich möchte den New Yorkern einen Einblick in Ihr Leben und in Ihre Perspektive ermöglichen. Und natürlich haben Sie recht damit, dass ich auch einen Nutzen davon habe. Das Interview mit Ihnen bei Connect hat bislang alle Zuschauerquoten getoppt. Und das ist Ihnen zu verdanken.“

„Mir?“

„Ja, Ihnen, Bailey. Sie waren umwerfend. Sie repräsentieren das glamouröse Supermodel, sind aber gleichzeitig sympathisch und natürlich rübergekommen. Sie waren vollkommen anders, als ich es erwartet hatte.“

Bailey legte einen Ellenbogen auf den Tisch und stützte das Kinn auf der Hand ab. „Was haben Sie denn erwartet?“

„Eine Diva. Aber das waren Sie nicht. Sie waren so … authentisch.“

Ein Lächeln umspielte ihre Lippen. „Lustig, dass Sie das sagen. Mein Bruder Daniel hat sich einen neuen Slogan für RHD überlegt: Authentic Fashion.“

„Für mich ist das mehr als ein Slogan. Es drückt wunderbar aus, was Sie wirklich sind, und was ich der Welt zeigen möchte. Ich will den Zuschauern einen Eindruck vermitteln, wie es ist, Bailey Hamilton zu sein.“

Das ist nicht schwer: Sie ist verwirrt, verängstigt. Auf dem besten Wege, verrückt zu werden.

Nein, wies Bailey sich zurecht. Das war nicht sie, und das war auch nicht das, was sie der Welt zeigen würde. Oder Micah. Bei seinen schmeichelhaften Worten war wieder dieses prickelnde Gefühl in ihrem Körper aufgestiegen.

Bailey kicherte. „Glauben Sie wirklich, die Leute sind wild darauf zu erfahren, dass die echte Bailey Hamilton lieber in Jogginghosen und einem alten T-Shirt rumläuft, als in den schicken Outfits, die sie in der Öffentlichkeit trägt?“

„Sie sind die einzige Frau, die ich kenne, die selbst in Jogginghose und T-Shirt aussieht wie ein Star.“

Wenn Micah nicht so sanft und verführerisch gesprochen hätte, vielleicht hätte Bailey dann nicht auf einmal tausend Schmetterlinge im Bauch gehabt. Als sie sich in die Augen blickten, war Bailey von der Intensität und Hitze, die aus Micahs Blick sprachen, völlig perplex. Viel zu lange hielten sie den Blick, als dass sich leugnen ließ, was gerade zwischen ihnen passierte.

Bailey wandte als Erste die Augen ab. Scheinbar interessiert betrachtete sie eines der Schwarz-Weiß-Fotos, die an der Wand des Cafés hingen.

„Also“, sagte sie, als sich ihre Atmung endlich wieder beruhigt hatte. „Gehe ich recht in der Annahme, dass es in Ihrem Film um mehr geht, als mich und meine Garderobe zu zeigen?“

Bailey sah wieder zu Micah, nur um festzustellen, dass er sie immer noch unverwandt anblickte. Auf einmal packte sie heftiges Verlangen.

„Micah, das geht nicht“, flüsterte sie. Bailey konnte sich jetzt nicht noch damit auseinandersetzen. Viel zu viel stand auf dem Spiel. Wie sollte sie da noch mit der starken Anziehung, die offenbar zwischen ihnen bestand, umgehen?

„Ich weiß.“

Keiner von beiden konnte leugnen, wie stark sie sich zueinander hingezogen fühlten. Die gegenseitige Anziehung war so heftig, dass Bailey das Gefühl hatte, Funken zwischen ihnen hin- und herspringen zu sehen. Aber Bailey wollte nichts davon wissen.

„Der Dokumentarfilm“, sagte sie und brachte das Gespräch damit wieder zu dem Grund ihres Treffens zurück.

„Ja“, entgegnete Micah mit rauer Stimme und räusperte sich, als er mit dem Daumen über den Touchscreen seines Smartphones fuhr. „Ich hab ein paar Ideen gesammelt. Ich wollte den Zuschauern einen Einblick in die Arbeitsweise bei RHD und das Modelbusiness geben. So wie Sie es erleben, meine ich. Und ich will Ihre Geschichte erzählen, Bailey.“

„Warum ausgerechnet ich?“

„Weil alle Sie wollen.“

Es lag ihr auf der Zunge zu fragen, ob das Gleiche für ihn galt, aber so viel Mut brachte Bailey nur auf dem Laufsteg auf. Stattdessen trank sie einen Schluck von ihrem Kaffee, während sie das, was Micah gesagt hatte, verarbeitete und seinen durchdringenden Blick mied.

Micah legte die Ellenbogen auf den Tisch, faltete die Hände und stützte die Stirn für einen Moment in den Händen ab, bevor er den Kopf wieder hob und Bailey ansah. „Okay, ich möchte ganz ehrlich sein.“ Micah atmete tief durch. „Ich fühle mich zu Ihnen hingezogen. Sehr sogar. Vom ersten Moment an.“

Baileys Puls begann zu rasen, und Hitze durchströmte ihren ganzen Körper. Bevor sie jedoch antworten konnte, fuhr Micah fort. „Aber das ist nicht der Grund dafür, dass ich den Film machen möchte. Eigentlich wird es dadurch nur härter.“

Bailey konnte ein Lachen nicht unterdrücken.

Micah sah sie kurz erstaunt an, bis er begriff. „Sie wissen, was ich meine.“

„Ich weiß. Ich fühle mich auch …“

Micah schüttelte heftig den Kopf. „Sagen Sie mir bloß nicht, dass es Ihnen auch so geht. Das will ich gerade gar nicht hören. Hören Sie, Bailey, ich möchte Sie für den Dokumentarfilm gewinnen und nichts anderes. Ich würde meine rechte Hand dafür geben, wenn mehr daraus werden könnte, aber ich halte das für keine gute Idee. Nicht, wenn wir zusammen arbeiten wollen.“

Bailey war klar, dass das, was er vorschlug, für sie beide das Beste war. Dennoch konnte sie das Gefühl der Kränkung nicht ganz unterdrücken. Rasch schob sie es zur Seite.

Außerdem hatte Bailey gerade genug mit der Bewältigung der Ereignisse der vergangenen Monate zu tun. Romantische Verwicklungen waren das Letzte, was sie jetzt noch brauchte. Ihre Entscheidung, bei dem Dokumentarfilm mitzuwirken, hatte andere Gründe, und das durfte sie nicht vergessen. „Sie haben recht. Wir sollten das Ganze rein professionell betrachten.“

Micahs Schultern entspannten sich, aber sein Gesicht drückte eine Mischung aus Sehnsucht und Bedauern aus.

Bailey konnte gut nachempfinden, was in ihm vorging.

„Also habe ich Sie davon überzeugen können, dass dieser Dokumentarfilm eine geniale Idee ist?“, fragte Micah augenzwinkernd.

„Vielleicht“, erwiderte Bailey und lachte. „Aber unglücklicherweise bin ich nicht die Einzige, die Sie überzeugen müssen.“

„Ah, ja. Richtig“, sagte er seufzend und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Wie konnte ich nur den Rest des Hamilton-Klans vergessen?“

Bailey lachte. „Ja, wie konnten Sie nur?“ Sie hörte auf zu lachen, als sie bemerkte, dass Micah hinter sie blickte und sein Körper sich auf einmal anspannte. „Was ist?“

„Ich will Sie nicht beunruhigen, Bailey, aber da hinten ist ein Typ, der vor ungefähr zehn Minuten reingekommen ist und seitdem nicht aufgehört hat, Sie anzustarren.“

Bailey schaute hinter sich und zuckte unter dem vorwurfsvollen Blick ihres Bodyguards zusammen. „Oh, toll“, murrte sie und fühlte sich wie ein Teenager, der bei etwas Verbotenem erwischt worden war.

Sie drehte sich um, sodass sie Nick, einen der drei Bodyguards, die zu ihrer Bewachung abgestellt worden waren, ganz sehen konnte, und machte ihm ein Zeichen, dass er noch warten sollte. Dann wandte sie sich wieder Micah zu. „Fragen Sie nicht.“

„Sie müssen nicht antworten, aber ich muss fragen, wer das ist.“

Natürlich musste er das. Schließlich war Micah Reporter, mochte er noch so sehr darauf bestehen, dass er anders als die anderen war.

„Das ist … mein Bodyguard.“

Jetzt sah Micah sie nicht länger neugierig, sondern besorgt an. „Bailey, was ist wirklich während der Fashion Week passiert?“, fragte er beschwörend. „Ich glaube kein Wort von der Geschichte, dass Sie einen Schwächeanfall hatten. Ich habe doch gesehen, wie sehr Sie sich auf den Auftritt bei der Show von RHD gefreut haben. Sie konnten kaum still sitzen, so aufgeregt waren Sie. Was ist wirklich an dem Abend passiert?“

„Sie haben mir versprochen, mich nicht mit neugierigen Fragen zu bombardieren.“

„Ich spreche jetzt nicht als Journalist, Bailey. Ich spreche zu Ihnen als jemand, der sich Sorgen um Sie macht. Ich will nur wissen, ob bei Ihnen alles in Ordnung ist.“

Bailey legte den Kopf schräg und sah Micah fragend an. „Weshalb?“, fragte sie, obwohl sie die Antwort bereits in seinem Blick, aus dem mehr als bloße Besorgnis sprach, ablesen konnte. Auf einmal musste sie sich eingestehen, dass es viel schwieriger sein würde als gedacht, die leidenschaftlichen Gefühle zwischen ihnen zu unterdrücken.

Wenn Bailey ehrlich war, hatte die starke Anziehung zwischen ihnen bereits vom ersten Moment an bestanden. Bailey hatte versucht, ihre Gefühle als unbedeutend abzutun, aber an der unvermittelten Heftigkeit, mit der es sie erwischt hatte, war nichts unbedeutend. Wenn Micah sie ansah, brannte ihre Haut förmlich, wo seine Blicke sie trafen.

Micah reichte die Hand über den Tisch. „Bailey“, sagte er, bevor sein Telefon klingelte und beide vor Schreck zusammenzuckten. Micah zog seine Hand zurück.

Erst als Bailey ausatmete, bemerkte sie, dass sie den Atem angehalten hatte.

An seinem Gesichtsausdruck konnte Bailey deutlich erkennen, dass Micah nicht erfreut war über das, was er hörte.

„Tut mir leid, ich fürchte wir müssen unser Treffen jetzt beenden“, verkündete Micah, nachdem er aufgelegt hatte, und zog eine Grimasse. „Ich muss zurück ins Studio.“

„Kein Problem.“ Bailey unterdrückte die leise Enttäuschung, die in ihr hochgestiegen war. „Wann sollen wir uns in den Studios treffen?“

„Je eher desto besser. Heute Nachmittag haben wir ein Produktionsmeeting, und danach weiß ich Näheres über den Sendetermin.“

„Meinen Sie nicht, dass Sie zuerst mit meiner Familie sprechen sollten? Sie scheinen sich ziemlich sicher zu sein, dass sie ihr Einverständnis geben wird.“

Micahs Lächeln war fast unwiderstehlich. „Ich denke, dass wir wissen, was wir zu tun haben.“ Er zwinkerte ihr zu. „Ich melde mich später.“

Micah stand auf und nickte Baileys Bodyguard im Vorübergehen zu, als er das Café verließ.

„Kannst du mal aufhören, die ganze Zeit hin und her zu laufen? Du machst mich ganz wahnsinnig“, forderte Brianna, die an ihrem Zeichentisch saß, ihre Schwester Bailey auf.

„Ich laufe gar nicht hin und her“, verteidigte Bailey sich. „Ich … sehe mich nur um.“

„Seit wann siehst du dich hier um?“ Brianna blickte von ihrer Arbeit auf und sah Bailey prüfend an. „Was ist los mit dir?“

Bailey fluchte innerlich. Ihre Schwester kannte sie einfach zu gut, als dass sie etwas vor ihr verbergen konnte. Panik stieg in ihr auf. Was würde Brianna dazu sagen, dass Bailey sich heimlich mit Micah Jones getroffen hatte?

Es nützte nichts. Die Bombe würde früh genug platzen, und sie brauchte die Unterstützung ihrer Schwester.

Bailey schluckte. „Nicht wütend werden, okay?“, sagte sie und blickte Brianna bittend an. „Ich habe mich vorhin mit Micah Jones getroffen. Du weißt doch, der Typ, der mich vor ein paar Monaten interviewt hat.“

„Natürlich weiß ich, wer Micah Jones ist. Aber warum zum Teufel hast du dich mit ihm getroffen? Du weißt doch genau, dass du dich am besten von der Presse fernhältst, bis sich der Sturm gelegt hat.“

„Bis sich der Sturm gelegt hat? Glaubst du wirklich, das erledigt sich einfach von selbst? Sei doch mal ehrlich, Brianna. Du weißt doch genau, dass die Journalisten nicht einfach aufhören werden, Fragen zu stellen.“

„Das heißt noch lange nicht, dass du dich wissentlich in die Höhle des Löwen begeben solltest.“

„Als Höhle des Löwen würde ich Micah Jones nicht gerade bezeichnen“, warf Bailey ein. Als sie bemerkte, wie Brianna die Augen zusammenkniff, begriff sie, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Immerhin war Brianna es gewesen, die sie nach dem Interview aufgezogen und gefragt hatte, ob es zwischen ihnen gefunkt hätte.

Bailey ließ ihrer Schwester keine Zeit, sie darauf anzusprechen. „Weißt du, die Pressekonferenz hat doch gezeigt, dass die Medien die Geschichte einfach so darstellen, wie es ihnen am besten in den Kram passt. Sie wollen eine Story, die sich verkauft.“

„Und was ist so anders mit Micah Jones? Der, wenn ich mich recht erinnere, auch für die Medien arbeitet?“

Bailey wusste, dass ihre Schwester sich der gleichen Argumente bediente wie sie selbst noch am Vortag. Aber Bailey hatte auch erkannt, dass Micah anders war.

Und Bailey brauchte einen Verbündeten, der ihr dabei half, das Bild, das in der Öffentlichkeit von ihr entstanden war, zu korrigieren. Instinktiv wusste sie, dass Micah diese Person war. Sie musste nur noch ihre Familie davon überzeugen. Und die heftigen Gefühle, die er in ihr hervorrief, bekämpfen. Das würde die Sache dann um einiges leichter machen.

„Ich bin nicht so naiv zu glauben, dass die Gerüchte einfach so verstummen werden. Aber wenn ich Micah erlaube, exklusiv über mich zu berichten, kann ich der Öffentlichkeit das vermitteln, was ich will“, sagte Bailey.

„Und wie genau stellst du dir das vor? Wie exklusiv soll das sein?“

Bailey errötete. „Es ist nicht das, was du denkst, also hör auf damit.“

„Komm schon, Bailey. Du weißt genau, dass ich in dir lesen kann wie in einem offenen Buch. Denkst du, ich hätte nicht bemerkt, wie ihr euch angesehen habt? Wenn Mom und Dad nicht zugesehen hätten, wärst du am liebsten auf seiner Couch über ihn hergefallen.“

„Brianna!“, rief Bailey aus. Wenn sie nicht so geschockt gewesen wäre, hätte sie lachen müssen. „Er hat mir vorgeschlagen, einen Dokumentarfilm über mich zu drehen. Ich finde die Idee ziemlich gut, Brianna.“

„Das hört sich so an, als ob du dich schon entschieden hättest.“

„Als ob das eine Rolle spielen würde. Du weißt genau, dass alles, was mich angeht, erst vom Familienrat abgesegnet werden muss. Und wenn es nach Dad ginge, würde er mich bis auf Weiteres irgendwo einsperren.“

„Bailey, sei doch vernünftig. Keiner versucht, dir absichtlich das Leben zur Hölle zu machen. Es geht lediglich um deine Sicherheit.“ Brianna nahm Baileys Hände zwischen ihre und drückte sie. „Weißt du eigentlich, was für Ängste wir um dich ausgestanden haben? Eine Zeit lang war ich auch der Meinung, dass es das Beste wäre, dich irgendwo zu verstecken, wo du in Sicherheit bist. Ich weiß, dass es lästig ist, ständig von Bodyguards bewacht zu werden, aber solange dein Kidnapper noch frei herumläuft …“

Brianna ließ die letzten Worte unausgesprochen, aber Bailey verstand auch so, was ihre Schwester meinte. Doch Bailey war es leid, ihr Leben von der Angst bestimmen zu lassen.

„Wenn ich mich noch länger verstecke, hat der Kidnapper gewonnen, Brianna. Und das kann ich nicht zulassen. Und solange die Polizei ihn noch nicht gefasst hat, kann mir das Projekt mit Micah vielleicht helfen, meinen Ruf in der Öffentlichkeit wieder herzustellen. Außerdem geht es nicht um ein Live-Interview, bei dem mir Fangfragen gestellt werden. Es ist ein Dokumentarfilm, und ich kann bestimmen, was gezeigt werden darf.“

„Das stimmt natürlich“, gab Brianna ihr recht. „Und was kann ich dabei für dich tun?“

„Du musst mir helfen, Dad zu überzeugen.“

Brianna sah Bailey zweifelnd an. „Du weißt genau, dass es unmöglich ist, Dad von etwas zu überzeugen, wenn er einmal eine Entscheidung getroffen hat. Wenn er nicht einverstanden ist, kann niemand etwas dagegen ausrichten.“

„Ich muss es wenigstens versuchen.“ Baileys Stimme klang flehend. „Wenn ich noch lange so tatenlos bleibe, werde ich verrückt. Ich kann doch nicht darauf warten, dass endlich alles wieder gut wird. Ich muss etwas tun.“

„Einverstanden, Bailey. Ich helfe dir dabei.“

„Danke“, Bailey umarmte ihre Schwester stürmisch.

Brianna lächelte sie traurig an. „Viel Glück dabei, den Rest der Familie zu überzeugen. Du wirst es brauchen.“

4. KAPITEL

Micah stand direkt vor dem alten, fünfstöckigen Fabrikgebäude in SoHo, in dem das Multi-Millionen-Dollar-Imperium RHD sein Hauptquartier eingerichtet hatte.

Bevor er das Gebäude betrat, rückte Micah den Schulterriemen seiner ledernen Umhängetasche zurecht. Die mit Jeans und Sweatshirt leger bekleidete Empfangsdame begrüßte ihn.

Autor

Metsy Hingle
Die vielfach mit Preisen ausgezeichnete Autorin Metsy Hingle behauptet, dass für sie überhaupt nichts anderes als das Schreiben von Liebesromanen in Fragen kommen konnte, denn schließlich stammt sie aus New Orleans, eine der romantischsten Städte der Welt. „Ich bin eine überzeugte Romantikerin, die fest daran glaubt, dass die Liebe zwischen...
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