Das ist Amore, Liebling!

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Ein Jahr nachdem sie ihren untreuen Ehemann verlassen hat, kehrt Grace zurück an die sonnige Amalfiküste. Ihr Kopf will Donato nicht verzeihen - dennoch kann ihr Körper den Versöhnungsversuchen des Italieners kaum widerstehen. Bis Grace erfährt, was dahintersteckt.


  • Erscheinungstag 05.04.2015
  • ISBN / Artikelnummer 9783733787271
  • Seitenanzahl 128
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

„Entschuldigung, aber ist alles in Ordnung mit Ihnen?“

„Wie bitte?“ Grace fühlte sich, als wäre sie gerade von einem dunklen, kalten Ort zurückgekehrt, als sie die Stewardess ansah, die sich mit besorgter Miene über sie beugte. „Oh, ja, danke, es ist alles in Ordnung.“ Da die Stewardess nicht überzeugt zu sein schien, fügte Grace schnell hinzu: „Ich habe schon den ganzen Tag Kopfschmerzen, das ist alles.“

Die große, schlanke Stewardess setzte ihr berufsmäßiges Lächeln voller Mitgefühl auf, als sie sich wieder aufrichtete. „Ich hole Ihnen Tabletten, ja?“

Grace rang sich ein Lächeln ab und nickte. „Wenn es Ihnen keine Umstände macht.“

Wenn sie die Angst und die Panik, die sie verspürte, doch nur so leicht kurieren könnte wie Kopfschmerzen! Sie hatte kaum gegessen und geschlafen, seit sie das Telegramm erhalten hatte. Erneut rief sie sich die sachlichen Worte ins Gedächtnis, während ihr Magen revoltierte.

Donato Vittoria hat mich beauftragt, Sie von dem plötzlichen Tod seiner Mutter in Kenntnis zu setzen und Sie um die Teilnahme an der Beerdigung am 23. April zu bitten. Die Trauerfeier findet mittags in der Kirche der Madonna di Mezz’ Loreto statt.

Das war alles gewesen. Signor Fellini, der Anwalt der Vittorias, hatte keine weiteren Erklärungen abgegeben oder ihr vorgeschlagen, sich mit der Familie in Verbindung zu setzen.

Das Telegramm war auch keine Nachricht gewesen, sondern eine Anordnung, erteilt vom Oberhaupt des Vittoria-Clans, dessen Wort Gesetz war – Donato. Das werde ich nicht aushalten, dachte Grace verzweifelt und schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass sie die nächsten Tage überstehen möge.

„Hier, bitte.“

Grace kehrte wieder in die Wirklichkeit zurück, als sie die angenehme Stimme der Stewardess hörte und diese ihr ein Glas Wasser und zwei Tabletten reichte.

„Wir landen bald. Dann geht es Ihnen bestimmt besser“, fügte die Stewardess fröhlich und ein wenig herablassend hinzu.

„Danke.“ Nachdem Grace die Pillen genommen hatte, lehnte sie sich in ihrem Sitz zurück und schloss die Augen. Offenbar glaubte die Stewardess, sie hätte Flugangst. Sie hatte tatsächlich Angst, schreckliche Angst sogar, aber nicht vor dem Fliegen.

Reiß dich zusammen, sagte sie sich wütend. Du bist dreiundzwanzig und eine erwachsene Frau, kein nervöses Schulmädchen. Allerdings wirkte sie zu ihrem Bedauern fünf Jahre jünger, denn sie war nur etwas über einen Meter sechzig groß, hatte widerspenstige rotgoldene Locken und ein sehr zartes Gesicht. Daran änderte auch ihre schicke Aufmachung nichts.

Doch sie fühlte sich alt. Grace schauderte und ballte die Hände in ihrem Schoß zu Fäusten. Uralt fühlte sie sich. Mehr als alt genug, um mit Donato und seiner Familie fertig zu werden.

Als sie nach ihrer Landung in Neapel mit ihrem Koffer vor dem Flughafengebäude stand, um ein Taxi zu rufen, verriet ihre Haltung Entschlossenheit.

„Grace.“

Grace erstarrte, als sie die tiefe, kühle Stimme mit dem italienischen Akzent hörte. Dann atmete sie tief durch und drehte sich um.

„Donato.“ Sie betrachtete den großen dunkelhaarigen Mann, der vor ihr stand und sie aus zusammengekniffenen Augen musterte. Er hatte sich nicht verändert. Obwohl ihr Herz sofort schneller klopfte, durfte sie sich nicht anmerken lassen, wie ängstlich sie war, sonst legte man es ihr womöglich als Schwäche aus und verwandte es gegen sie. „Das mit deiner Mutter tut mir sehr leid“, sagte sie leise. „Sie war eine wirklich große Dame.“

„Ja, das war sie“, bestätigte Donato kühl. Wie immer war er perfekt gekleidet und trug ein dunkelblaues Baumwollhemd und eine legere Hose. Sein Anblick ließ das Herz jeder Frau höher schlagen.

Aber nicht ihres, nie wieder. „Ihr Tod kam unerwartet?“, erkundigte Grace sich vorsichtig.

„Es war eine Gehirnblutung.“ Donato berührte mit der Hand seine Stirn und lenkte ihre Aufmerksamkeit damit auf die schwere goldene Uhr an seinem sonnengebräunten Handgelenk und den breiten goldenen Ring am Mittelfinger. Dann wandte er sich um und deutete auf einen Mann, der hinter ihm stand. „Antonio wird dein Gepäck nehmen …“

„Ich werde nicht in der Casa Pontina wohnen“, erklärte sie schärfer als beabsichtigt und fügte daher schnell hinzu: „Ich … habe mir bereits eine Unterkunft gesucht.“ Hektisch fragte sie sich, woher er gewusst hatte, wann sie in Neapel eintreffen würde, und warum er gekommen war.

„Wo solltest du sonst wohnen?“, erkundigte er sich mit der für seine Familie typischen Arroganz.

Grace presste die Lippen zusammen. „Ich habe für drei Tage ein Zimmer im Hotel La Pergola reservieren lassen.“

„Unter den gegebenen Umständen halte ich das für nicht angebracht, und das weißt du. Man erwartet von dir, dass du in der Casa Pontina wohnst.“

Als der livrierte Chauffeur ihr auf Donatos Zeichen hin den Koffer abnehmen wollte, wich sie damit einen Schritt zurück. „Ich muss jetzt nicht mehr tun, was man von mir erwartet“, entgegnete sie heftig. „Du kannst mich nicht herumkommandieren wie alle anderen.“

„Alle anderen, Grace?“, wiederholte Donato trügerisch ruhig und mit einem harten Unterton. „Ich hatte ganz vergessen, dass du zu Übertreibungen neigst.“

„Das überrascht mich nicht“, erwiderte sie bitter. „Mich überrascht nur, dass du dich noch an meinen Namen erinnerst.“

„Oh, ich erinnere mich noch an alles an dir, mia piccola. Du wirst Antonio jetzt dein Gepäck überlassen und in der Casa Pontina wohnen.“ Sein Plauderton stand in krassem Widerspruch zu dem Funkeln in seinen Augen.

„Warum sollte ich das tun?“, rief sie hitzig.

„Weil meine Mutter es gewollt hätte.“

Ihr Zorn verflog sofort, denn sie musste sich eingestehen, dass Donato recht hatte. Ich bin es Liliana schuldig, dachte sie traurig. Die stolze aristokratische Italienerin, die in ihrer Familie das Sagen gehabt hatte, war immer so freundlich und liebenswürdig zu ihr gewesen. Liliana zuliebe würde sie, Grace, sogar drei Tage und drei Nächte mit Donato unter einem Dach wohnen.

„Also gut.“ Als sie das triumphierende Funkeln in seinen Augen sah, biss sie sich auf die Lippe und verkniff sich eine weitere Bemerkung. Mit Lilianas Tod war ihre letzte Verbindung zu Italien abgebrochen, und sie würde diese Farce so würdevoll überstehen, wie Liliana es von ihr erwartet hätte. „Dann müssen wir unterwegs am Hotel anhalten, damit ich meine Buchung stornieren kann.“

Si, kein Problem.“ Es klang so selbstgefällig, dass ihr Magen sich zusammenzog.

Donato nickte und schnippte mit den Fingern, woraufhin Antonio, der ein pockennarbiges Gesicht und eine kräftige Statur hatte, Grace entschuldigend ansah. „Scusi, signora.“

Ihr früherer Eindruck, dass Donatos Chauffeur nicht wie ein Hausangestellter, sondern vielmehr wie ein Mitglied der sizilianischen Mafia aussah, bestätigte sich einmal mehr, als sie diesem zum Mercedes folgte. Donato hatte sie untergehakt, und sie fühlte sich, als würde er sie zum Schafott führen.

Ursprünglich hatte sie geplant, in Neapel zu übernachten und am nächsten Morgen mit einem Leihwagen zur Beerdigung nach Sorrento zu fahren, um am Abend wieder zurückzukehren. Allerdings hätte sie sich denken können, dass er dazwischenfunken würde.

Donato öffnete ihr die Wagentür, doch Grace zögerte und schaute ihn an. „Woher wusstest du, wann ich in Neapel lande?“

„Spielt das eine Rolle?“ Er gab sich kühl und distanziert – ein Verhalten, das sie von früher kannte. Normalerweise schüchterte er seine Gesprächspartner damit ein, aber sie ließ sich dadurch nicht abschrecken.

„Ja, das tut es.“ Sie hielt seinem Blick stand, und ihre blauen, von dichten Wimpern gesäumten Augen funkelten entschlossen. „Ich wusste gar nicht, dass ich irgendjemand von meinen Plänen erzählt habe.“

„Das hast du wohl auch nicht.“

Seine herablassende Art machte sie ganz aggressiv. „Also, woher wusstest du es dann?“, beharrte Grace.

„Ich weiß fast alles über dich, Grace.“ Noch immer machte es sie ganz schwach, wenn er ihren Namen aussprach, doch sie wäre lieber über glühende Kohlen gelaufen, als es zuzugeben.

„Das heißt?“, fragte sie scharf.

„Soll ich dir wirklich alles sagen, was ich über dich weiß?“, erkundigte er sich gespielt überrascht. „Hier, wo jeder uns hören kann?“

„Hör auf mit diesen Spielchen, Donato“, sagte sie resigniert.

Donato betrachtete ihr blasses Gesicht. „Glaubst du wirklich, dass ich Spielchen spiele, mia piccola? Nichts liegt mir ferner.“ Für einen Moment flackerte in seinen Augen etwas auf, aber gleich darauf wandte er sich ab und deutete auf den Wagen. „Steig ein, dann sage ich dir, was du wissen willst.“

Da sie keine andere Wahl hatte, nahm sie auf dem Rücksitz Platz. Als er sich neben sie setzte, roch sie den Duft seines herbfrischen Aftershave, das er eigens für sich anfertigen ließ. Sofort verspürte sie ein vertrautes Prickeln und fragte sich, wie viele Nächte sie in seinen Armen gelegen und diesen betörenden Duft eingeatmet haben mochte, nachdem Donato und sie sich leidenschaftlich geliebt und Momente höchster Ekstase erlebt hatten.

Damals hatte sie geglaubt, dass sie den Rest ihres Lebens zusammen verbringen würden und nichts auf der Welt sie beide trennen könnte, weil sie zwei Teile eines Ganzen wären. Doch sie hatte daraus gelernt … Grace presste die Lippen zusammen und atmete tief durch. Und wie sie daraus gelernt hatte!

„Und?“ Obwohl ihr das Herz bis zum Hals klopfte, sah sie Donato betont ausdruckslos an, als sie sich zu ihm umdrehte. „Woher wusstest du, wann ich in Neapel lande?“

„Ich war das ganze letzte Jahr über jeden deiner Schritte informiert, Grace“, erwiderte er ruhig. „Das wundert dich doch nicht, oder?“

„Über jeden meiner Schritte?“, wiederholte sie verwirrt. „Ich verstehe nicht …“ Plötzlich wurde ihr klar, was er meinte. „Willst du etwa behaupten, du hättest mich beobachten lassen?“, fügte sie wütend hinzu.

„Natürlich.“ Er betrachtete sie kühl und presste verächtlich die Lippen zusammen.

„Natürlich?“, rief sie schrill, weil sie mittlerweile keinen Wert mehr darauf legte, cool zu wirken. Noch nie in ihrem Leben war sie so wütend gewesen. „Du sitzt einfach da und erzählst mir, dass du mich hast bespitzeln lassen, ohne auch nur die geringsten Gewissensbisse oder Schuldgefühle zu verspüren? Wie kannst du es wagen, Donato? So tief kannst nicht einmal du sinken.“

„Vorsichtig, Grace.“ Nun beugte er sich zu ihr herüber. Seine Augen funkelten kalt. „Das lasse ich mir nicht bieten.“

„Das lässt du dir nicht bieten?“ Sie achtete kaum auf Antonio, der stoisch am Steuer saß und vom Flughafengelände herunterfuhr. Durch die Trennscheibe konnte er nichts hören, aber sicher merkte er, dass sie sich stritten. „Und was ist mit mir? Du bist in meine Privatsphäre eingedrungen und hast mich wie einen Goldfisch im Glas behandelt …“

Donato fluchte leise auf Italienisch, bevor er antwortete: „Das ist lächerlich, und ich habe nicht die Absicht, diese Unterhaltung fortzusetzen.“

„Aber du hast jemanden dafür bezahlt, mich zu bespitzeln!“, rief sie schrill. „Woher nimmst du das Recht dazu? Es ist … es ist unmoralisch.“

„Ich rede nicht mit dir darüber, solange du derart hysterisch bist“, erklärte er eisig. „Außerdem ist es zu diesem Zeitpunkt nicht angebracht.“

Seine Worte riefen ihr Lilianas schönes, stolzes Gesicht ins Gedächtnis, und sie verkniff sich eine weitere Bemerkung. Ich darf nicht vergessen, dass ich zu Lilianas Beerdigung gekommen bin, sagte sie sich gequält. Und Donato hatte seine Mutter über alles geliebt. Aber wenn sie wieder in England war …

Grace biss sich auf die Lippe und atmete einige Male tief durch, um sich zu beruhigen. So konnte es nicht weitergehen. Zwölf Monate lang hatte sie gezögert, den Weg fortzusetzen, den sie eingeschlagen hatte. Sie wusste, dass es dazu nun keinen Grund mehr gab. Aber es tat trotzdem weh, und deswegen war sie wütend auf sich selbst. Doch jetzt waren die Würfel gefallen.

Als Antonio kurz darauf vor dem eleganten Hotel La Pergola hielt, beugte Donato sich vor und ließ die Trennscheibe herunter. „Antonio wird deine Buchung stornieren lassen“, sagte er über die Schulter zu Grace, nachdem der Chauffeur den Motor abgestellt hatte.

„Ich mache das lieber selbst“, erwiderte sie schnell, um Donato zu beweisen, dass sie auch allein zurechtkam.

„Wie du wünschst.“ Er wollte ihr die Tür öffnen, aber sie stieg schnell aus und ging hocherhobenen Hauptes die breite geschwungene Eingangstreppe hoch.

Im Foyer blieb sie einen Moment stehen, bevor sie zur Rezeption ging. Das unerwartete Wiedersehen mit Donato hatte sie so aus der Fassung gebracht, dass sie ganz weiche Knie bekommen hatte. „Ganz ruhig, Grace“, sagte sie leise zu sich selbst. Er wusste genauso gut wie sie, dass es ein für alle Mal vorbei war. Und wenn sie die nächsten Tage überstanden hatte, konnte sie wieder nach Hause zurückkehren. Sie wohnte in einem kleinen Ort in Kent und war dort als Sprechstundenhilfe in der ärztlichen Gemeinschaftspraxis tätig.

Bereits wenige Minuten, nachdem sie ihre Reservierung hatte stornieren lassen, saß sie wieder im Wagen. Die Fahrt führte nun über Land, wo sich die ganze zauberhafte Schönheit Italiens entfaltete. Seit sie vor fünf Jahren zum ersten Mal in diese Gegend gekommen war, liebte Grace diese Landschaft. Damals war sie achtzehn gewesen und hatte voller Elan ihre Stellung als Kindermädchen bei einem jungen Ehepaar mit zwei Kindern angetreten, die sie vor einem Jahr schweren Herzens wieder aufgegeben hatte.

Hier, wo die gewundenen Straßen von Steinhäusern mit Terrakottaziegeln oder von Weinbergen und Olivenhainen gesäumt waren, die zu den weiter zurückliegenden Gehöften gehörten, war Italien noch ursprünglich, und damals hatte diese Schönheit sie zu Tränen gerührt.

Sorrento war eine sehr malerische Stadt, und die Casa Pontina, eine prächtige Villa aus dem siebzehnten Jahrhundert, die sich seitdem im Besitz der Vittorias befand, lag hoch über der Bucht von Neapel. Von ihren alten, von Bougainvilleen bewachsenen Balkonen aus hatte man einen herrlichen Blick auf das blaue Wasser. Die nähere Umgebung von Sorrento war wunderschön und ausgesprochen geschichtsträchtig, und sie, Grace, hatte sich hoffnungslos in sie verliebt – und in Donato.

Er war ein Freund ihrer ehemaligen Arbeitgeber, und sie hatte ihn zwei Wochen nach ihrer Ankunft in Italien kennengelernt. Er war damals fünfundzwanzig gewesen und hatte sehr erfahren gewirkt. Für sie war es Liebe auf den ersten Blick gewesen.

Grace fragte sich, wie sie den Aufenthalt in der Casa Pontina unbeschadet überstehen sollte, wenn die Erinnerungen dort unweigerlich auf sie einstürmten.

Wenige Monate bevor sie damals nach Italien gekommen war, war sein Vater gestorben und hatte Donato als seinem ältesten Sohn die Villa, sein gesamtes Vermögen und auch das Familienunternehmen hinterlassen. Mit Hilfe einiger leitender Angestellter, die ihm und seiner Familie eng verbunden waren, hatte er die Geschäfte übernommen.

Bianca, Donatos schöne Adoptivschwester, hatte mit siebzehn seinen besten Freund geheiratet und lebte im einige Kilometer entfernten Stadtteil Sant’ Agnello, wo ihr Ehemann große Orangenhaine besaß. Sein Reichtum war allerdings auf den Geschäften der Bellini in Neapel begründet.

Obwohl Bianca nur einige Monate jünger war als sie, hatte Grace nie ein gutes Verhältnis zu ihr gehabt. Sie hatte sich zwar um sie bemüht, aber Bianca war immer eifersüchtig auf sie gewesen, weil sie ein so gutes Verhältnis zu Donatos Familie hatte. Besonders der kleine Lorenzo, Donatos jüngerer Bruder, hatte sehr an ihr gehangen. Er war ein richtiger Nachzügler, denn bei Donatos Geburt hatte man Liliana gesagt, dass sie keine Kinder mehr bekommen könne.

„Hattest du keine Probleme, weil du plötzlich abreisen musstest?“, riss Donatos Stimme sie aus ihren Gedanken.

Grace schaute ihn an. „Nein.“ Dann wandte sie schnell den Blick ab, weil ihr bewusst war, dass Donato immer noch eine starke Anziehungskraft auf sie ausübte. „Alle waren sehr verständnisvoll.“

„Und Dr. Penn? War er auch … sehr verständnisvoll?“, erkundigte er sich ausdruckslos.

„Jim? Ja, natürlich. Ich sagte doch, dass alle …“ Sie verstummte und sah ihn wieder an, doch er schaute mit versteinerter Miene nach vorn.

Sie wusste nicht, warum er ausgerechnet von Jim Penn sprach, denn schließlich gab es noch drei andere Ärzte in der Praxis. Offenbar hatte sein Informant gute Arbeit geleistet.

„Das ist gut.“ Nun wandte Donato sich ihr zu und lächelte humorlos. „Sicher wird er dich vermissen.“

„So schnell wohl kaum. Meine Kollegin Claire, mit der ich auch befreundet bin, ist sehr tüchtig.“

„Das habe ich nicht gemeint“, sagte er leise.

Einen Moment lang blickte sie ihn misstrauisch an. „Hör zu, Donato, ich sagte doch, dass ich keine Lust habe, irgendwelche Spielchen zu spielen …“, begann sie dann.

„Ich auch nicht!“, erklärte er scharf. „Hast du Lorenzo vergessen, Grace? Er hat dich nämlich nicht vergessen. Seit meine Mutter tot ist, ist er untröstlich und redet nur noch von dir. Als du vor einem Jahr abgereist bist, war er am Boden zerstört …“

„Wag es ja nicht, mir die Schuld dafür zu geben“, rief sie wütend. „Du weißt genau, warum ich abgereist bin. Es war deinetwegen.“

„Du hast getan, was du tun wolltest.“ Jetzt hatte er sich wieder unter Kontrolle. „Und du hast es nicht einmal für nötig gehalten, mich darüber zu informieren. Stattdessen bist du einfach gegangen.“

„Du hättest mir folgen können.“ Erst in diesem Augenblick wurde Grace klar, dass sie es insgeheim gehofft hatte. Doch er war ihr nicht nachgereist, und im Lauf der Zeit war alles in ihr gestorben.

„Und wozu?“, fragte er ausdruckslos. „Um wieder mit dir zu streiten? Ich dachte, du hättest genug gelitten und wolltest endlich deine Ruhe haben.“

„So war es auch. Und so ist es immer noch.“ Sie hatte ihm so wenig bedeutet, dass er sie einfach hatte gehen lassen. Und er hatte sie nicht gebeten, zu Lilianas Beerdigung zu kommen, weil er noch etwas für sie empfand, sondern weil er glaubte, sie könnte Lorenzo trösten. Ich hasse ihn, dachte sie. Ich hasse und verachte ihn.

Den Rest der Fahrt legten sie in angespanntem Schweigen zurück.

Grace war völlig durcheinander und entsetzt darüber, dass Donato nach wie vor eine so starke Wirkung auf sie ausübte. Sie hatte gehofft, gegen seine Reize immun zu sein und mit jener Lebensphase ein für alle Mal abgeschlossen zu haben. Sie hatte sich gewünscht, ihm gegenüber völlig gleichgültig zu sein, um endlich mit der Vergangenheit abschließen zu können.

Und nun stand Donato, der für all ihren Kummer verantwortlich war, ihr wieder im Weg … Nein, das ist nicht fair, verbesserte sie sich im Stillen. Wir waren ja auch einmal glücklich miteinander …

Sofort rief sie sich zur Ordnung. Sie durfte jetzt auf keinen Fall daran denken, weil sie sonst zusammenbrechen und sich damit endgültig erniedrigen würde.

Doch als sie schließlich die schmalen Straßen von Sorrento erreichten, wusste Grace, wo sie zuerst hingehen musste. Irgendetwas zog sie wie magisch dorthin. Die Luft war erfüllt vom schweren Duft der Zitronen, als sie bergauf zur Casa Pontina fuhren, und nachdem sie das große schmiedeeiserne Tor zum Anwesen der Vittorias hinter sich gelassen hatten, hielt es Grace kaum noch auf dem Sitz.

„Können … können wir in den kleinen Garten gehen?“, flüsterte sie, woraufhin Donato sich zu ihr umdrehte und sie durchdringend ansah.

„Ich glaube, das ist keine so gute Idee“, erwiderte er leise. „Du bist müde von der Reise, und Lorenzo wartet schon …“

„Das ist mir egal.“ Sie warf ihm einen flüchtigen Blick zu, bevor sie wieder nach vorn schaute. Als er ihren Gesichtsausdruck sah, beugte er sich vor und ließ die Trennscheibe herunter, um Antonio eine Anweisung auf Italienisch zu geben.

Das Anwesen war sehr weitläufig, und verschiedenartige tropische Bäume, Büsche und Blumen säumten die großen Rasenflächen und die Wege. Dazwischen standen versteckt einige Lauben, und es gab auch einen Obstgarten, in dem Orangen-, Aprikosen-, Mandel-, Feigenbäume und Bananenstauden wuchsen. Antonio fuhr jedoch zu dem kleinen, von Mauern umgebenen Garten, der von einer immergrünen Eiche beschattet wurde.

„Grace?“ Donato umfasste ihren Arm, als Grace nach dem Aussteigen an ihm vorbeigehen wollte, sodass sie gezwungen war, ihn anzuschauen. „Wäre es nicht besser, wenn du damit bis morgen warten würdest?“, erkundigte er sich leise.

„Lorenzo macht es bestimmt nichts aus, noch einige Minuten zu warten …“

„Ich hatte nicht an Lorenzo gedacht, sondern an dich.“

Sie nahm seine Worte kaum wahr, weil sie wie gebannt das hohe Holztor auf dem Hang betrachtete und dabei an jenen Tag im Juni vor fast zwei Jahren dachte, als sie vor Kummer ganz außer sich gewesen war.

Er nahm ihre Hand, als sie zusammen den Steinweg nach oben gingen, und Grace ließ es geschehen. Schließlich öffnete er das Tor, und sie betrat mit klopfendem Herzen vor ihm den Garten.

„Es sieht noch genauso aus wie damals“, sagte sie leise.

Donato nickte. „Ja, natürlich.“

Die alten Mauern waren an einigen Stellen von purpurfarbenen, roten und weißen Bougainvilleen überwachsen, und der Duft von Eisenkraut, Begonien und verschiedenen anderen Blumen lag in der Luft. Auf dem kleinen Rasen in der Mitte befand sich ein kleiner Springbrunnen, der von stark duftenden Sträuchern gesäumt war. Dazwischen luden Sitzplätze zum Verweilen ein.

Es war eine Oase der Ruhe, und früher hatte sie, Grace, hier viele glückliche Stunden verbracht.

Donato und sie gingen zum anderen Ende des Gartens, wo man ein kleines rechteckiges Stück Boden abgeteilt hatte. Es lag etwas erhöht und war von einer niedrigen Mauer umgeben und mit winzigen Blumen bepflanzt. An seinem Ende befand sich ein Grabstein in Form eines Teddybären und mit der Aufschrift: „Paolo Donato Vittoria, im Alter von sechs Monaten von seinen Eltern Donato und Grace gegangen. Du wirst immer in unseren Herzen weiterleben.“

2. KAPITEL

„Grace! Grace!“, rief der zehnjährige Lorenzo begeistert, als er Grace sah. Doch kaum hatte sie ihn in den Arm genommen, klammerte er sich an sie und brach in Tränen aus.

„Sch, ist ja gut.“ Sie setzte sich mit ihm auf eine der Steinstufen, die zur Eingangstür führten, und hielt ihn fest, bis er sich einigermaßen beruhigt hatte. „Ist ja gut, Schatz.“ Was für dumme Dinge wir in Momenten wie diesen sagen, dachte sie, während sie das Kinn in dem schwarzen Schopf des Jungen barg. Er hatte gerade seine Mutter verloren, zu der er ein sehr enges Verhältnis gehabt hatte. Für ihn war eine Welt zusammengebrochen.

„Ich wusste nicht, ob du kommen würdest.“ Aus dunklen, tränenverschleierten Augen sah Lorenzo sie an. „Du warst so lange weg.“

„Ich habe dir doch gesagt, dass Grace kommen würde, oder?“, meinte Donato leise. „Und nun ist sie hier, wie ich dir versprochen habe. Allerdings möchte sie nicht ertränkt werden, bevor sie das Haus betritt. Benito wartet nämlich auch auf sie, und er hat mittlerweile einige Wörter dazugelernt“, fügte er finster hinzu.

Nun lächelte der Junge schwach. „Einer der neuen Gärtner hat ihm einige Schimpfwörter beigebracht“, flüsterte er.

„Tatsächlich?“ Grace lächelte ebenfalls und drückte ihn noch einmal, bevor sie wieder aufstand. „Und so, wie ich Benito kenne, wiederholt er sie mit Genuss.“ Benito war sein Papagei, ein großer Vogel, der ziemlich Furcht einflößend aussah und sofort seinen Schnabel und seine Krallen einsetzte, wenn er jemanden nicht mochte. Seinen jungen Besitzer hingegen liebte er über alles.

Lorenzo nahm Grace bei der Hand und führte sie zur Eingangstür, die offen stand. Obwohl sie seinen Händedruck als tröstlich empfand, war sie sich überdeutlich des Mannes bewusst, der ihnen folgte, als sie die Casa Pontina betraten.

In der hellen Eingangshalle mit dem schönen polierten Holzfußboden und den weißen Wänden, an denen exquisit gerahmte Bilder hingen, war es sehr ruhig. Auf einem Tisch stand eine Schale mit frisch geschnittenen, herrlich duftenden Blumen. Fast rechnete Grace damit, dass Liliana jeden Moment aus dem Wohnzimmer kommen würde, um sie zu begrüßen.

Liliana hatte für ihre Familie gelebt und ihre drei Kinder über alles geliebt. Die Tatsache, dass Bianca ihr Adoptivkind gewesen war, hatte diese für sie noch kostbarer gemacht. Und sie, Grace, war für Liliana ebenfalls wie eine Tochter gewesen, nachdem sie Donato geheiratet hatte.

Doch sie hatte keine Zeit, noch länger darüber nachzudenken, denn Lorenzo zog sie mit sich den Flur entlang, der am Wohnzimmer, am Esszimmer und an Donatos Arbeitszimmer vorbei zum hinteren Teil des Hauses führte, in dem sich der Frühstücksraum, die Küche sowie zwei große Wohnräume befanden. Der hintere davon war Lorenzos Spielzimmer und führte auf eine kleine überdachte Terrasse mit Blick auf die grünen Rasenflächen und den großen Swimmingpool dahinter.

Benito saß auf seiner Stange und murrte vor sich hin, während er einen der Gärtner beobachtete, der in einiger Entfernung Unkraut jätete. Als er jedoch Grace’ Stimme hörte, verlieh er seiner Freude Ausdruck, indem er auf seiner Stange hin und her tänzelte, einen lauten Schrei ausstieß und sich aufplusterte. Dann neigte er den Kopf, damit sie ihn streicheln konnte.

„Er erinnert sich an mich. Ich dachte, er hätte mich längst vergessen.“ Vor Rührung war Grace den Tränen nahe, als sie den bunten Vogel streichelte.

„Dich vergisst man nicht so leicht“, erklang Donatos Stimme leise hinter ihr.

Wütend drehte Grace sich zu Donato um. Ihre Wangen glühten. Zwölf Monate lang hatte sie nichts von ihm gehört. Er hatte weder angerufen noch geschrieben. Und nun wagte er es, zu behaupten, sie würde man nicht so leicht vergessen?

„Wie geht es Maria?“, erkundigte sie sich angespannt. Maria Fasola, jung und hübsch, war eine Freundin der Familie – und seine Geliebte. „Ich hoffe, gut“, fügte Grace grimmig hinzu, bevor er antworten konnte.

„Soweit ich weiß, ja.“ Er blickte sie ausdruckslos an. „Sollte es aus irgendeinem Grund nicht der Fall sein?“

Autor

Helen Brooks
Bereits seit über 20 Jahren veröffentlicht die britische Autorin unter dem Pseudonym Helen Brooks Liebesromane, unter ihrem richtigen Namen Rita Bradshaw schreibt sie seit 1998 historische Romane. Weit über 40 Bücher sowie einige andere Werke sind bisher unter dem Namen Helen Brooks erschienen, von Rita Bradshaw gibt es 14 Romane....
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