Das Schloss der verbotenen Träume

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Dieser selbstgefällige Marquess of Mantaigne will Dayspring Castle für sich beanspruchen und wagt es sogar, ihr einen Kuss zu rauben! Polly Trethayne ist empört. Schließlich war sie es, die das Schloss vor dem Verfall gerettet hat. Doch warum schlägt Pollys Herz in der Nähe des attraktiven Marquess bloß so schrecklich schnell?
  • Erscheinungstag 25.03.2020
  • ISBN / Artikelnummer 9783733716011
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Tom Banburgh, Marquess of Mantaigne, sah deutlich, dass die vornehme Gesellschaft bitter enttäuscht werden würde. Wenn man von dem Ausdruck in Luke Winterleys Augen ausging, würde er seine ihm frisch angetraute Braut, ehemals Lady Chloe Thessaly, wohl nicht lange genug aus dem Bett lassen, damit sie die Stadt besuchen konnte. Also würde der ton sein Urteil über die neue Viscountess Farenze erst fällen können, wenn ihr Gatte glaubte, auf sie verzichten zu können – wahrscheinlich erst in etwa zehn Jahren, wenn die Leute Glück hatten.

„Kann das nicht warten bis nach eurer Hochzeitsreise?“, fragte Tom mit einer gewissen Unruhe, als Lady Chloe einen Umschlag aus ihrem Retikül holte. Er hätte an das niederträchtige Testament seiner Patentante denken sollen, selbst an diesem frohen Tag, der eigentlich nur dank Virginia hatte zustande kommen können. Und jetzt war er dem glücklichen Paar völlig treuherzig wie ein dummer Junge in die Bibliothek gefolgt – und in die Falle. Was sollten sie ihm auch sonst sagen wollen, kurz bevor sie nach Devon in ihre Flitterwochen aufbrachen, als dass er der Nächste sei?

„Hier, Sie sind der Nächste, fürchte ich, Tom“, sagte Chloe mit einem kläglichen Lächeln, wie um ihm zu bestätigen, dass der Inhalt ihn nicht erfreuen würde. Wie konnte ein Blatt Papier sich nur so schwer anfühlen? „Luke sagt, wir werden wochenlang fort sein, und Sie müssen vorher beginnen, was Lady Virginia für Sie vorgesehen hat, wenn Sie in den drei Monaten, die Sie Zeit haben, damit fertig werden wollen.“

„Verflixt noch mal, es ist der Anfang der Saison“, entgegnete Tom, nachdem er erfolgreich den Drang bekämpft hatte, den Brief der neuen Frau seines besten Freundes einfach an den Kopf zu werfen und sich schlichtweg zu weigern. „Na ja, dann bringe ich es eben hinter mich“, meinte er dann leichthin und drehte den Brief in der Hand hin und her, als könnte er so seine Lektüre hinauszögern.

„Sieh dir doch an, was mir mein Vierteljahr eingebracht hat“, meldete Luke sich mit einem betörten Lächeln, das Tom – wie er sich einredete – ausgesprochen abstoßend fand.

„Stellst du dir etwa vor, ich könnte mich am Ende von Virginias hanebüchener Aufgabe, welche das auch immer sein mag, brav verkuppeln lassen?“, konterte er, denn insgeheim hatte er das ungute Gefühl, dass seine listige Patentante genau das im Sinn gehabt hatte.

„Irgendwann wirst du an die Erbfolge denken müssen“, erinnerte Luke ihn ruhig.

„Das habe ich bereits und bin zu dem Schluss gekommen, dass die Banburghs nicht viel aufzuweisen haben, was sie der Welt empfiehlt, wen kümmert es also, wenn es in Zukunft keinen mehr von uns gibt?“, antwortete Tom zynisch lächelnd und fühlte sich sofort besser.

Er hielt Chloes skeptischem Blick stand. Sie und Luke würden zweifellos eine ganze Horde von Kindern großziehen, und er wünschte ihnen dazu alles Glück der Welt, hegte aber nicht den geringsten Wunsch, es ihnen gleichzutun, und war außerdem ein ganzes Leben lang gut ohne Familie ausgekommen.

„Wohl wahr“, stimmte Luke mit einem ungeduldigen Blick auf die Tür zu. „Warum lassen wir ihn nicht in Ruhe seinen Brief lesen, mein Liebling? Ein sehr kleiner Teil von mir wäre gern dabei, um zu sehen, wie er dabei genauso in Rage gerät wie ich, als ich an der Reihe war, aber ich kann nicht länger damit warten, unsere Hochzeitsreise anzutreten.“

„Luke, es geht um deinen besten Freund, weißt du“, wandte Chloe streng ein, aber kaum hatte sie ihm in die Augen geblickt, schien sie nicht mehr in der Lage zu sein, irgendetwas anderes zu sehen als ihn.

„Haben Sie eine Ahnung, worum es bei meiner Aufgabe geht, Lady Chloe?“, fragte Tom, um die Liebenden an seine Anwesenheit zu erinnern, bevor er es war, der statt ihnen die Bibliothek hastig verlassen musste.

„Nein, ich soll nur die Briefe übergeben“, gab Cloe mit einem bedauernden Achselzucken zurück.

Toms Blick fiel auf seinen Namen, in der Handschrift seiner Patentante geschrieben, und wieder drohte seine Trauer ihn zu überwältigen. Ihre Abwesenheit lastete schwer auf ihm, während er sich wieder einmal klarmachen musste, dass Virginias Witz, Wärme und Energie diese Welt für immer verlassen hatten. Sie und Virgil hatten seinem Leben Licht und Wärme geschenkt, und der Gedanke an sie erfüllte ihn mit tiefer Verzweiflung.

„Ich hatte ganz andere Pläne, verführerische und wilde, wenn ich das sagen darf“, sagte er, um seine wahren Gefühle zu verbergen.

„Wüstling“, erwiderte Luke mit der Gutmütigkeit eines Mannes, dessen wildeste Träume in Kürze wahr werden würden. „Irgendwie bringt es Spaß, dich so winden zu sehen. Falls Virginia uns vom Himmel aus beobachten kann, bin ich sicher, dass sie deinen Anblick sogar mehr als ich genießt.“

„Vielen Dank“, meinte Tom trocken. „So wie ich sie kenne, wird es keine leichte Aufgabe sein.“

„Nun, jene verführerisch wilden Pläne werden wohl warten müssen, aber wir müssen jetzt gehen, und Sie müssen allein herausfinden, welche Herausforderung Virginia Ihnen zugedacht hat“, sagte die neue Lady Farenze.

„Ach, ich weiß nicht, jetzt fängt es doch gerade an, interessant zu werden. Müssen wir wirklich schon aufbrechen?“, fragte ihr Gatte amüsiert.

„Oh ja, wir müssen, Luke Winterley“, erwiderte Chloe mit einem ernsten Blick, der ihn nur lachen ließ.

Tom hatte seinen Freund nicht mehr so unbeschwert und fröhlich gesehen, seit er ein junger Bursche gewesen war. Doch die Heirat, die sein Vater für ihn arrangiert hatte, als Luke kaum zwanzig Jahre alt gewesen war, hatte ihm viel zu früh alle jugendliche Lebensfreude ausgetrieben und ihn in einen Einsiedler verwandelt, nachdem seine herzlose Frau ihn verlassen hatte. Danach hatte Luke sich mit seiner kleinen Tochter auf seinem Schloss verbarrikadiert. Tom dankte Virginia insgeheim, dass es ihr gelungen war, Luke aus seiner eisigen Vereinsamung zu reißen, aber er wollte dennoch nicht das nächste Opfer auf ihrer Liste sein.

„Gut, dann lassen wir dich also tun, was du zu tun hast, Mantaigne. Gib dir Mühe, uns nicht zu sehr zu vermissen, ja?“, meinte Luke mit einem spöttischen Blick auf Tom und einem leidenschaftlichen auf seine Frau, die errötete und ihm hastig vorauseilte, offensichtlich ebenso ungeduldig, ihr Eheleben zu beginnen, wie er.

Die Tür schloss sich hinter ihnen, und Tom blieb allein, in der Hand den letzten Brief, den er jemals von seiner Patentante erhalten würde. Er wünschte, sie wäre hier, und könnte ihm verraten, was für verrückte Ideen sie dieses Mal wieder gehabt hatte. Hier hatte er die schönsten Jahre seiner Kindheit verbracht und fragte sich manchmal, ob er sie nur geträumt hatte – als Besitzer eines uralten Schlosses und riesiger Anwesen, aber in Wirklichkeit Herr über nichts.

„Bonapartes kaiserliche Leibgarde könnte heute Nacht an den Klippen entlangmarschieren, und wir würden es nicht einmal mitbekommen.“

Polly Trethayne schüttelte den Kopf, dann fiel ihr ein, dass ihre Begleiterin sie in der Finsternis nicht sehen konnte. „Ich denke schon, dass wir etwas merken würden“, flüsterte sie und wünschte, ihre Freundin und Verbündete wäre im Haus geblieben. „Falls es aber Schmuggler sein sollten, müssen wir wirklich still sein.“

„Besser, wir wissen nicht, wann sie sich hier herumtreiben, wenn Sie mich fragen“, beschwerte Lady Wakebourne sich ein wenig leiser.

„Nun, ich habe Sie aber nicht gefragt, und wir können nicht einfach dabeistehen und sie Castle Cove als Landeplatz benutzen lassen, wann immer ihnen der Sinn danach steht. Die Konstabler werden es gewiss feststellen und Bericht erstatten, und das Letzte, was wir wollen, ist doch, dass der Marquess of Mantaigne zum ersten Mal in seinem Leben Interesse an Dayspring Castle zeigt. Er wird uns nur, ohne einen Moment zu zögern, auf die Straße setzen und das arme, alte Schloss völlig verfallen lassen.“

„Selbst wenn er will, dass Dayspring ins Meer stürzt, wie die Hiesigen sagen, bin ich sicher, dass es ihm lieber wäre, wir blieben hier, als dass jeder dahergelaufene Gauner es als Versteck benutzt.“

„Einer oder zwei tun es vielleicht schon, und was den Rest der Welt angeht, sind wir diese Gauner. Nein, möge er lange fernbleiben“, meinte Polly energisch.

Es war wie ein kleines Wunder für sie gewesen, dass sie Lady Wakebourne begegnet war und dann diesen Ort gefunden hatte, der auf Befehl Seiner Lordschaft leer stand, und Polly betete seit sechseinhalb Jahren, dass der Mann sich auch weiterhin nicht hier blicken lassen würde. Allein der Gedanke an die sechs schrecklichen Monate, in denen sie mit einem Baby im Arm und zwei kleinen Jungen an ihrer Seite durch die Gegend geirrt war, ließ sie erschaudern.

„Ich bezweifle, dass irgendetwas ihn von den Freuden einer Londoner Saison weglocken könnte, also müssen wir Gauner uns wohl keine Sorgen machen“, flüsterte Lady Wakebourne mit leisem Bedauern in der Stimme.

„Haben Sie das gehört?“, fragte Polly drängend und lauschte mit einem unguten Gefühl in die rabenschwarze Nacht. „Ich hätte schwören können, dass sich auf der Landseite des Hauses ein Fenster geöffnet oder geschlossen hat.“

„Der Wind vielleicht?“

„Es ist windstill. Hier dürfte es nichts anderes geben als Füchse und Eulen.“

„Dann hat sich vielleicht irgendein armes Geschöpf hineinverirrt und kann nicht wieder hinaus“, meinte Lady Wakebourne.

„Ich weigere mich zu glauben, dass Fledermäuse und Vögel Fenster öffnen oder Läden entriegeln können“, sagte Polly so gelassen sie nur konnte, obwohl ihr eher danach zumute war, eine Aufforderung in die Nacht hinauszurufen, man möge sich stellen, damit, wer immer dort draußen war, nicht glaubte, sie ließe mit sich spaßen.

„Morgen gehen wir hin und sehen nach, aber wenn du jetzt auch nur einen weiteren Schritt in die Richtung machst, werde ich aus vollem Hals schreien.“

„Aber dann werden sie schon längst fort sein“, beschwerte sich Polly, wenn sie auch wusste, dass Lady Wakebourne recht hatte und es zu gefährlich gewesen wäre, sich in den unbenutzten Flügeln des Schlosses einem unbekannten Feind zu stellen.

Ihre drei Brüder mussten zuerst erwachsen werden und unabhängig sein, bevor sie frei war, Abenteuer zu erleben, aber es war nicht leicht für sie, ihr Trethayne-Temperament zu unterdrücken und in Ruhe nachzudenken, bevor sie zu einer Tat schritt. Der Gedanke an die Leichtsinnigkeit ihres Vaters ließ sie allerdings endgültig ihren eigenen Übermut zügeln. Sie allein stand zwischen ihren Brüdern und einem Leben im Armenhaus und war entschlossen, keinen von ihnen in die fürchterliche Lage zu bringen, in die sie der Tod ihres Vaters gebracht hatte, als sie selbst ein naives siebzehnjähriges Mädchen gewesen war.

„Wenigstens werden wir erfahren, ob diese Bösewichte nicht nur in den Schauerromanen vorkommen, meine Liebe. Aber wenn es sie doch geben sollte, müssen wir ihnen irgendwie weismachen, dass es im Schloss spukt und sie besser verschwinden sollten.“

„Vielleicht sollte ich mir das Haar kurz schneiden, mir einen schönen Mantel ausleihen und einfach aufs Schloss zureiten und vorgeben, ich sei der Marquess of Mantaigne, der beschlossen hat, wieder heimzukommen“, schlug Polly vor und wusste im selben Moment, dass sie keine absurdere Idee hätte haben können.

„Und vielleicht sollten Sie aufhören, jene albernen Schauerromane zu lesen, die uns die Schwester des Vikars immer gibt.“

„Ja, die Geschichten darin sind ungefähr genauso wahrscheinlich wie die Vorstellung, Lord Mantaigne würde jemals hierherkommen, ohne dass man ihn dafür entführen und gewaltsam herschleppen müsste“, stimmte Polly widerwillig zu. „Also spielen wir besser die Gespenster.“ Und damit folgte sie ihrer Freundin zurück zum Burgverlies, das zurzeit das Einzige war, was sie ein Zuhause nennen konnte.

„Ich hätte den Butler und die Haushälterin von Tayne vorausschicken sollen, Peters. Die hätten dann vielleicht auf Dayspring einige Räume gefunden, die nicht völlig verwahrlost sind nach so vielen Jahren, und sie für uns bewohnbar gemacht.“

Tom brachte seine perfekt aufeinander abgestimmten Schimmel am Pförtnerhaus zum Stehen und wünschte sich Hunderte von Meilen weit weg von hier. Dayspring Castle wurde in den Reiseführern über diese Grafschaft als einer der großartigsten Landsitze gelobt, aber Tom spürte, wie sich ihm der Magen zusammenzog vor Grauen, und das schon beim bloßen Anblick des Schlosses, wie es sich um die Felskuppe wand wie ein gefährliches Raubtier aus einem seiner schlimmsten Albträume.

„Sie hätten sich sofort aus dem Staub gemacht“, sagte sein Begleiter. „Es bräuchte eine ganze Armee von Dienern, um einen solchen Ort auch nur halbwegs herzurichten, nachdem er so lange leer gestanden hat.“

„Stimmt“, erwiderte Tom ein wenig verärgert über den kaum verhohlenen Vorwurf in Peters’ Ton. Immerhin hatte Tom zugelassen, dass das verflixte Schloss überhaupt erst in diesen üblen Zustand geraten war.

Er betrachtete den Mann nachdenklich. Ein sehr seltsamer, sogar geheimnisvoller Anwalt, wenn er es sich recht überlegte.

Aber alles an dieser Angelegenheit war seltsam und undurchsichtig, und Tom musste zugeben, dass Peters sich für Luke und die Aufgabe, die Virginia ihm gestellt hatte, bislang als sehr nützlich erwiesen hatte. Nach allem, was James Winterley, der auf unerklärliche Weise die merkwürdigsten Dinge wusste, ihm über diesen Mann gesagt hatte, hatte Peters mehreren Gentlemen des ton dabei geholfen, ihre diversen Leichen im Keller aus dem Weg zu schaffen.

Also blieb Tom keine andere Wahl, als diesem Mann zu vertrauen, selbst wenn er dadurch viel zu viel preisgab. „Sie werden nur drei Monate hier sein. Der Himmel allein weiß, warum Virginia glaubte, ich bräuchte Sie die ganze Zeit an meiner Seite. Vielleicht rechnete sie damit, dass ich von Ihnen mit vorgehaltener Pistole den Hügel hinaufgetrieben werden muss.“

„Die verstorbene Lady Farenze wies mich lediglich an, Sie in Dorchester zu treffen und bis hierher zu begleiten. Ich kann nicht sagen, was Ihre Patentante im Sinn hatte, Mylord“, antwortete Peters leicht pikiert und machte kein Hehl aus seiner Missbilligung.

Vielleicht war der Mann ein Jakobiner? Aber Tom wäre es ohnehin gleichgültig gewesen, wenn Peters eine Revolution planen sollte, solange sie nur diese verdammte Sache hinter sich brachten und wieder abreisen konnten, sobald das Problem beseitigt war. „Ich glaube, ich habe schon erwähnt, wie sehr es mir missfällt, ständig ‚Mylord‘ genannt zu werden“, sagte er und betrachtete verwundert das alles andere als verfallene Pförtnerhaus.

„Ich soll für kurze Zeit Ihren Sekretär spielen, Mylord, und nicht Ihresgleichen.“

Tom bezweifelte das insgeheim. Gleichzeitig wunderte er sich über sein so untypisches Interesse an einem anderen Menschen. Er hatte zwar seine Patentante und auch Virgil sehr geliebt, aber beide lebten nicht mehr, und es war ihm recht gut gelungen, sich den Rest der Welt vom Leib zu halten. Bis auf Luke und dessen Tochter, flüsterte ihm eine innere Stimme zu. Und jetzt schienen auch Lady Chloe und ihre temperamentvolle kleine Nichte einen Platz in seinem seiner Meinung nach kalten Herzen erobert zu haben. Wie hatte er nur so unvorsichtig sein können, so viel Anteil an dem Wohlergehen anderer Menschen zu nehmen?

Er starrte zu einem bestimmten Fenster im uralten Burgverlies hinauf, und düstere Erinnerungen regten sich und wisperten ihm zu, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, sich so lange von diesem Ort ferngehalten zu haben. Virginia hatte ihm in ihrem Brief mitgeteilt, dass einer ihrer unzähligen Freunde sie davon in Kenntnis gesetzt habe, etwas gehe in Dayspring nicht mit rechten Dingen zu. Tom sollte herausfinden, was nicht in Ordnung war mit dem Schloss. Das Einzige, was hier allerdings nicht mit rechten Dingen zuging, wie Tom fand, war die Tatsache, dass das verdammte Schloss noch immer stand. Nur für einen Menschen – für die Frau, die den kleinen verwirrten Wilden, der er damals gewesen war, bei sich aufgenommen und geliebt hatte – wäre er jemals zurückgekommen.

„Wer Sie auch sein wollen, Sie werden sich hier nicht besonders amüsieren“, warnte er Peters und zügelte die Geschwindigkeit seiner Schimmel.

„Ich werde es überleben. Ich bin nicht besonders zimperlich.“

„Umso besser. Mein letzter Vormund beschäftigte nur einige wenige Bedienstete, als er den Besitz für mich übernahm, und ich zahlte alle aus, als ich großjährig wurde.“

Peters zuckte die Achseln, als wollte er sich endlich seiner Aufgabe widmen und wieder verschwinden, bevor er gegen seinen Berufsethos verstieß und seinem Klienten offen kundtat, was er davon hielt, wenn jemand ein historisches Gebäude wie dieses einfach verwahrlosen ließ.

„Ich hoffe, wir können zumindest ein, zwei Zimmer einigermaßen herrichten, um die wenigen Tage, die ich beabsichtige zu bleiben, auszuhalten“, fügte Tom mürrisch hinzu.

„In der Tat. Wenn das Schloss mir auch gut erhalten vorkommt, trotz Ihrer Anweisung, es zu vernachlässigen.“

„Und offenbar auch nicht so unbewohnt, wie es sein sollte“, fügte Tom nachdenklich hinzu, als ihm auffiel, dass ein dünner Rauchschwaden aus einem Schornstein im ältesten Teil des Schlosses stieg.

Gewiss machte das Gebäude einen leicht heruntergekommenen Eindruck, aber war nicht im Entferntesten die Ruine, die Tom eigentlich nach so langer Zeit erwartet hätte. Die tiefen Furchen in dem Weg, der zu Castle Cove, der Bucht am Fuß des Schlosses, führte, ließ Tom noch mehr darüber rätseln, wer es gewesen war, der das Anwesen davor gerettet hatte, endgültig ins Meer zu stürzen. Virginia hatte recht gehabt, ihn herzuschicken, damit er nach dem Rechten sah, und er stellte sich vor, wie sie ihm von ihrem Platz im Himmel herab zurief, sie habe es ihm ja gleich gesagt! Er musste bei dem Gedanken ein Lächeln unterdrücken.

Sie fehlte ihm so sehr, dass er manchmal ganz betäubt war vor Schmerz und dann wieder unendlich zornig. Lord Mantaigne empfand für niemanden viel, aber Virginia hatte er mehr geliebt, als ihm bewusst gewesen war, bevor sie ihm schließlich für immer genommen worden war. In jedem Fall hatte er bereits als Kind einen Entschluss gefasst, dem er auch jetzt noch treu blieb: Er würde niemals heiraten und riskieren, dass sein Sohn völlig allein blieb in dieser feindseligen Welt. Die Winterleys mochten seine Absicht untergraben haben, für keinen Menschen etwas zu empfinden, aber heiraten würde er nicht. In all den Jahren hatte er auch keine Frau kennengelernt, ohne die er nicht hätte leben können, also würde er ihr wohl kaum ausgerechnet in dieser verstaubten Ecke der Welt begegnen.

„Ganz offensichtlich findet hier ein gewisser Verkehr statt“, bemerkte Peters mit einem Blick auf den unebenen Untergrund, offenbar in der Annahme, Tom sei zu dumm oder zu achtlos, es selbst zu begreifen.

„Das kann man wohl sagen“, entgegnete der verärgert, doch dann fragte er sich, ob es eine Verbindung gab zwischen dem eindeutig befahrenen Weg und demjenigen, der für das so adrett gepflegte Pförtnerhaus verantwortlich war. „Da also eindeutig mehr Menschen anwesend sind als erwartet, sollte ich mich angemessen anmelden.“

„Mag sein, aber ich weiß leider nicht, wie man das Posthorn anwendet, kann Sie also auch nicht ankündigen, wie es Ihnen gebührt.“

„Ich wusste, ich hätte meinen Stallmeister mitnehmen sollen und Sie in einem der Wagen nachkommen lassen, Peters. Reichen Sie mir das Horn und halten Sie die Leinen, während ich ausprobiere, ob ich wenigstens dafür nicht zu dumm bin.“

„Ich habe nie gesagt, dass Sie dumm seien, Mylord.“

„Ach, nur dass ich ein Taugenichts bin?“, schoss Tom in seinem unfreundlichsten Ton zurück, weil es ihn quälte, wieder hier zu sein, und warum sollte er der Einzige sein, der litt?

„Ich kann mir nicht denken, dass meine Meinung über wen auch immer Ihnen wichtig sein könnte.“

„Sie unterschätzen sich, Peters.“

„Wirklich, Mylord?“, sagte der Mann mit seiner gewohnten Zurückhaltung.

Tom fragte sich zum zigsten Mal, warum Virginia geglaubt hatte, er brauche einen Helfer. Aber vielleicht hatte sie ja recht. Irgendetwas stimmte hier tatsächlich ganz und gar nicht. Dennoch verstärkte er Peters’ schlechte Meinung von ihm, indem er arrogant die Augenbrauen hob und herrisch die Hand nach dem Posthorn ausstreckte.

Die Schimmel akzeptierten den Wechsel der Leinen mit einer Ruhe, die Tom erstaunte. Er produzierte einen ohrenbetäubenden Laut mit dem Horn, und als sich im Pförtnerhaus nichts rührte, rief er laut Befehle, wie er es als Junge von Virgils Kutscher gelernt hatte. Er wollte schon aufgeben und doch den Weg zur Bucht einschlagen, als ein ältlicher Mann die Tür des Hauses öffnete und ans Tor gestapft kam.

„Sie werden noch die Toten wecken“, beschwerte er sich erbittert. „Im Schloss werden Sie nicht willkommen geheißen, selbst wenn ich Sie einlassen würde“, meinte er und blickte Tom mit vor der Nachmittagssonne zusammengekniffenen Augen an.

„Ich erwarte auch kein Willkommen, also seien Sie so freundlich, uns zu öffnen, bevor ich zu dem Schluss komme, dass es besser gewesen wäre, den Steinhaufen dem Erdboden gleichzumachen.“

Sie sind der Marquess of Mantaigne?“, kam die verblüffte Frage.

„So hat man mir jedenfalls gesagt.“

„Aber er soll ein hochnäsiger Stadtgeck sein, der sich niemals im Tageslicht blicken lässt und sich mit dem Prince of Wales rumtreibt. Wenn er nicht zu viel damit zu tun hat, mit den Frauen anderer Männer zu tändeln und zu saufen wie ein Loch, heißt das natürlich. Sind Sie sicher, Sie wollen er sein?“

„Wer sonst würde das nach einer so glühenden Zusammenfassung meines Lebens zugeben? Aber, wenn ich fragen darf, mit wem habe ich die Ehre?“

„Partridge, Mylord.“

„Dürfte ich Sie jetzt bitten, das Tor zu öffnen? Ich würde gern mein eigenes Schloss betreten, wenn es Ihnen nicht allzu viel ausmacht“, sagte Tom in einem gefährlich süßen Ton, der Menschen, die ihn gut kannten, hätte aufhorchen lassen.

„Besser Sie gehen von hinten rein, wenn Sie schon hinein müssen. Es ist im besten Fall ein baufälliger Steinhaufen, Mylord, und es ist keiner da, um die Vordertür aufzumachen. Dieses Tor hier ist seit Jahren nicht mehr geöffnet worden.“

Tom musterte die gut geölten Scharniere und das vom Gras säuberlich befreite Kopfsteinpflaster zu beiden Seiten des erst kürzlich gestrichenen schmiedeeisernen Tors. „Ich mag ja wie ein Schwachkopf aussehen, Partridge, aber gelegentlich bin ich zu einem vernünftigen Gedanken fähig“, erklärte er und wies auf das wohl geölte Tor.

„Ein Mann hat schließlich seinen Stolz, und ich bin kein Faulpelz.“

„Wie lobenswert. Und jetzt hören Sie auf, mich anzuschwindeln, und machen das verfluchte Tor auf.“

Der Mann begegnete Toms Blick herausfordernd, und als der ihn unverwandt musterte, gab er mit widerwilligem Respekt nach und ging ins Häuschen, um mit einem riesigen Schlüssel zurückzukommen. Er steckte ihn in das massive Schloss, drehte ihn um und Tom war nicht erstaunt zu sehen, dass das Tor sich so leicht öffnen ließ, als wäre es erst heute Morgen benutzt worden. Er dankte Partridge übertrieben überschwänglich, und während der alte Mann das Tor recht lärmend zufallen ließ, fragte er sich, wen der alte Fuchs wohl zu warnen versuchte.

„Ich bin immer noch erstaunt, dass ein so altes Gebäude nach so vielen Jahren der Vernachlässigung nicht kurz davor ist zusammenzufallen“, stellte Peters fest, während Tom seine Schimmel den uralten Weg entlangtraben ließ und auszusehen versuchte, als würde ihm nichts in der Welt Sorge bereiten.

„Irgendein törichter Narr hat meine Befehle missachtet“, sagte er jedoch gereizt.

Die Erinnerung daran, wie er hierhergeschleppt worden war – blutend, zerschrammt und bettelnd, man möge ihn doch bitte loslassen, bevor sein Vormund ihn zu fassen bekomme –, quälten ihn. Doch jetzt war er der Herr über das gesamte Anwesen, und er schob entschlossen den Gedanken an jenen zerlumpten, verängstigten Jungen beiseite, der er damals gewesen war.

„Ich frage mich, ob Sie auch jetzt noch zu Ihren Befehlen stehen“, sagte Peters ruhig.

„Ich auch“, sagte Tom trocken.

Er ging davon aus, dass niemand sie an der Eingangstür empfangen würde, und fuhr also direkt weiter zu den Ställen. Zwei Seiten des Gebäudes, das die Ställe ausmachte, die große Pforte und der beeindruckende Glockenturm waren geschlossen und leer, die Farbe blätterte ab und ein schmiedeeiserner Zaun, wohl von einem Sturm umgeworfen, rostete einsam vor sich hin. Der Rest jedoch machte einen ordentlichen, wohl erhaltenen Eindruck, und zwei Pferde blickten neugierig aus dem Stall heraus, als würden sie sich über Gesellschaft freuen.

„Wer zum Teufel hält sich hier auf? Ich hatte befohlen, es so leer zu lassen wie die Taschen eines Bettlers. Es können auch keine Verwandten sein, weil ich keine mehr habe.“

„Wie wollten Sie sich dann um Ihre Pferde kümmern, geschweige denn die Wagen und Männer, die uns folgen?“

„Der Wagen ist vollgepackt mit Zaumzeug, Hafer und Decken für die Pferde, also würde ich mir an Ihrer Stelle eher Sorgen um Ihre eigene Bequemlichkeit machen.“

„Das werde ich auch, sobald wir die Tiere im netten, behaglichen Stall untergebracht haben, den irgendjemand für sie bereitgehalten hat“, sagte Peters mit einem misstrauischen Blick auf den Hof. Tom wusste, dass er sich dieselben Gedanken machte wie er – wofür leere, saubere Ställe so dicht an der Küste normalerweise benutzt wurden.

„Halten Sie Ihre Pistole bereit, während wir uns um die Pferde kümmern“, warnte Tom seinen Begleiter.

2. KAPITEL

Es dauerte nicht lange, bis sie die vier Pferde ausgespannt, in vier Boxen geführt und danach kräftig abgerieben hatten. Sobald sie sich abgekühlt hatten, brachten Tom und Peters ihnen in bereits gefüllten Wassereimern zu trinken und überließen es ihnen, zufrieden vom gefüllten Heunetz zu fressen, das praktischerweise auch schon bereithing. Tom merkte erst, dass sich ihnen jemand genähert hatte, als der schwache Strahl der Nachmittagssonne von der halb geöffneten Stalltür durch einen Neuankömmling verdunkelt wurde. Nach außen hin die Ruhe selbst, verwünschte Tom sich insgeheim, weil er seinen Rock und die Pistole abgelegt hatte und sie jetzt nicht erreichen konnte. Er wandte sich voller Herausforderung zu dem Eindringling um, die sich allerdings rasch in Ungläubigkeit verwandelte.

„Lieber Gott!“, rief er aus, völlig überwältigt von dem Anblick einer strahlenden, dreisten Göttin – die ihm ausgerechnet hier auf Dayspring erschien!

„Minerva oder Hera?“, hörte er Peters leise im gleichen verzauberten Ton sagen und spürte einen Anflug von Ärger darüber, dass der Bursche dieselbe Frau angaffte, die er selbst vom ersten Moment an wild begehrte. Er konnte kaum den Augenblick abwarten, da sie ihre langen schlanken Beine um seine Hüften schlingen und ihn in die höchsten Höhen des Olymps hochschnellen lassen würde – sobald er ihr nur diese skandalösen Hosen ausgezogen hatte.

„Sie sollten wenigstens versuchen, Griechenland und Rom in Ihrem Kopf auseinanderzuhalten, bevor Sie wieder derlei alberne Vergleiche anstellen“, bemerkte das schöne Traumbild verstimmt, womit es bewies, dass es nicht nur über sehr gutes Gehör, sondern auch eine klassische Bildung verfügte – und die verführerischsten Beine, die Tom je gesehen hatte, ob nun in seinem Schlafzimmer oder in den vornehmen Salons. Er sehnte sich danach, sie nackt bewundern zu können, sobald es ihm gelang, ihre Besitzerin dazu zu überreden, oder noch besser, dazu, ihm zu erlauben, sie zu lieben.

„Ich wäre an beiden Orten glücklich, wenn Sie nur bei mir wären, Athena“, brachte Tom hastig hervor und verbeugte sich galant vor ihr.

„Und ich habe keine Zeit für solchen Unsinn, Mr. Wer-immer-Sie-auch-sind. Sie selbst werden viel zu sehr damit beschäftigt sein, Ihre schönen Pferde wieder an jenen netten, kleinen Wagen anzuspannen und mit ihnen dorthin zurückzufahren, wo Sie hergekommen sind, um weiterhin in so lächerlichen Vorstellungen zu schwelgen.“

„Warum sollte ich das tun?“

„Weil ich verlange, dass Sie sie sofort aus unseren Ställen entfernen.“

Unsere Ställe?“, wiederholte er gereizt. Seltsamerweise war ihm der Gedanke, sie könne jemanden haben, mit dem sie auf irgendeine Weise verbunden war, äußerst unangenehm.

„Unsere, meine, was immer Sie vorziehen. Ich jedenfalls ziehe es vor, Sie würden so bald wie möglich von hier verschwinden und aufhören, meine Beine anzustarren.“

„Wenn Sie nicht wollen, dass man sie anstarrt, sollten Sie vielleicht wieder Ihre Röcke anlegen. Wir Männer können nun einmal nicht widerstehen, wenn so hinreißende weibliche Reize uns so verführerisch dargeboten werden.“

„Ein wahrer Gentleman würde nicht hinschauen“, sagte sie vorwurfsvoll und sah Tom mit einer Überheblichkeit an, die Minerva oder Hera alle Ehre gemacht hätte.

„Und ob er es tun würde, nicht wahr, Peters? Peters hier ist ein wirklicher Gentleman, Athena, wenn ich auch nichts weiter bin als ein Edelmann“, erwiderte er, ganz und gar nicht sicher, ob es ihm gefiel, dass man ihn betrachtete, als wäre er eine widerliche Raupe auf einem Salatblatt.

„Das behaupten Sie“, sagte sie skeptisch.

Wie oft hatte Tom gewünscht, die Welt könnte ihn sehen, ohne ständig an sein Vermögen und seinen Stand zu denken, und jetzt wollte er gerade diese Göttin damit beeindrucken? Verrückt, sagte er sich. Außerdem trat eine Göttin nicht in dieser ausgefallenen Mischung altmodischer Sachen auf, die aussahen, als hätten sie seinen Vorfahren gehört, bevor sie diese seltsame Frau schmückten.

„Das weiß ich“, antwortete er kühl.

„Dann beweisen Sie es.“

Er lachte über den Gedanken, sich beweisen zu müssen, und noch dazu auf Dayspring. Sollte er ihr danken, weil sie ihn von der Qual abgelenkt hatte, die seine Rückkehr an diesen verfluchten Ort mit sich brachte? „Erwarten Sie etwa von mir, ein Empfehlungsschreiben von den Schirmherrinnen von Almack’s oder eine Einladung nach Carlton House vorzuweisen? Vielleicht reicht aber auch der Eintrag meiner Geburt in der hiesigen Pfarrei, was meinen Sie, Peters?“

„Alles könnte gefälscht sein“, warf sie spöttisch ein, bevor Peters den Mund öffnen konnte.

„Ich bin nicht bereit, mich auf meinem eigenen Grund und Boden rechtfertigen zu müssen, Madam.“ Tom fand, dass es an der Zeit war, das – sicher sehr amüsante – Spielchen zu beenden.

„Jeder in dieser Gegend weiß, dass der Marquess of Mantaigne sich um diese Jahreszeit nie weit von den Londoner Klubs in St. James oder den Salons in Mayfair entfernt und außerdem geschworen hat, niemals hierherzukommen, solange er lebt. Sie sollten sich Ihre Geschichte besser zurechtlegen, wenn Sie vorhaben, sich als jener müßige Narr auszugeben.“

„Sie halten mich tatsächlich für nützlicher und weniger eitel als Lord Mantaigne? Hat Ihnen noch niemand verraten, dass der Schein trügen kann?“

„Nicht so sehr, wie es in Ihrem Fall sein müsste“, konterte sie triumphierend.

Einige rotbraune Locken hatten sich aus dem langen Zopf befreit, der ihr über die Schulter fiel, umspielten ihre Stirn und lenkten Tom vom Thema ab. Er fragte sich, wie es sein konnte, dass er sie so unwiderstehlich weiblich fand, obwohl ihr Aufzug und ihre Manieren alles andere waren als das.

„Blau“, sagte er nachdenklich, während er ihr in die geheimnisvollen Augen blickte. Ihre ausdrucksvollen Augenbrauen betonten noch ihr Stirnrunzeln, und ihr Lächeln musste voller Schalk sein – wenn sie sich je dazu herabließe, ihn anzulächeln, was im Moment eher unwahrscheinlich war. Umso besser vielleicht, dachte er wie betäubt, sonst würde ich mich noch in ihren wundervollen Augen verlieren und ein für alle Mal ihrem Zauber verfallen.

„Nein, sie könnten auch grau sein“, fuhr er fort. „Oder auch grün.“

Erschrocken weiteten sich ihre grau-blauen Augen mit den grünen Sprenkeln, als ihr bewusst wurde, dass er von ihrer Augenfarbe sprach. Sie warf Peters schnell einen fragenden Blick zu, als könnte Tom ein Wahnsinniger sein und der Anwalt sein bedauernswerter Betreuer.

„Ich bin der sechste Marquess of Mantaigne und zwar fast schon mein ganzes Leben lang“, teilte Tom ihr unwirsch mit, „aber wer zum Henker sind Sie?“

„Das geht Sie nichts an“, fuhr sie ihn heftig an.

„Wie ironisch, dass ich nach all diesen Jahren zurückkehre und niemand zu glauben scheint, ich hätte ein Recht dazu, meinen Sie nicht auch, Peters?“

„Vieles im Leben ist ironisch, Mylord“, antwortete Peters nicht besonders hilfreich.

„Wohl wahr“, sagte Tom mit einem vielsagenden Blick, der seine widerwillige Gastgeberin erröten lassen sollte.

Irgendwie hatte er das Gefühl, dass sie nicht wusste, wie hinreißend sie war. Sie musste an die ein Meter achtzig groß sein, da sie kaum das Kinn heben musste, um ihm ins Gesicht zu sehen, und es ihr sogar gelang, ihn von oben herab anzublicken und die vornehme Nase zu rümpfen, als röche sie einen übelkeitserregenden Gestank. Der größte Teil ihrer eindrucksvollen Gestalt bestand aus ihren, wie ihm schien, unendlich langen Beinen, und Tom wünschte fast, er besäße ein Monokel, durch das er sie hätte betrachten und noch mehr in Rage versetzen können. Allerdings war auch der Rest von ihr nicht weniger aufregend als ihre Beine. In den engen Reithosen, dem Hemd und der engen Spenzer-Jacke hätte er tatsächlich ein Dummkopf sein müssen, wenn ihm nicht ihre ausgesprochen weiblichen Rundungen auffielen.

Was ihn wunderte, war, dass sie hier auf Dayspring in solchem Aufzug herumlief, ohne dass sie von einem Pack Schürzenjägern verfolgt wurde, wie es normalerweise bei einer schutzlosen Frau der Fall war. Und doch musste sie sich ungestört bewegen können, denn sonst hätte sie ihren Kleidungsstil schleunigst geändert. Offenbar musste er sie ernster nehmen, als ihm lieb war. Wenn es je eine Frau gegeben hatte, die entschlossen zu sein schien, sich in Schwierigkeiten zu bringen, dann ganz gewiss diese streitlustige junge Göttin. Aber er hatte weder die Zeit noch die Energie, sich ihrer Herausforderung zu stellen.

„Sie sehen keinem der Gemälde der früheren Mantaignes ähnlich, die überall im Schloss hängen“, informierte sie ihn mit einem wütenden Blick, wie er ihm nicht mehr zuteil geworden war, seit er Virginia das letzte Mal geärgert hatte.

„Es würde mich wundern, wenn ein Porträt meines Vaters die Herrschaft meines früheren Vormunds überlebt hätte, aber man sagt, ich schlage nach ihm“, erklärte Tom und fragte sich, warum er sich die Mühe machte.

„Wissen Sie es nicht?“, fragte sie misstrauisch.

„Ich erinnere mich weder an meinen Vater noch meine Mutter.“

„Das mag ja sein, aber Sie sind keinem der Porträts ähnlich“, beharrte sie vorwurfsvoll.

Er ahmte das Seufzen eines gelangweilten Stutzers der vornehmen Gesellschaft nach und hoffte, sie fand es genauso hochnäsig, wie er beabsichtigte. Jetzt musterte sie seine verstaubten, aber perfekt zugeschnittenen Stiefel etwas genauer, dann ließ sie den Blick verächtlich über die Jacke gleiten, auf die Weston jetzt wahrscheinlich nicht mehr ganz so stolz gewesen sein würde, und zum ersten Mal bemerkte er eine gewisse Unsicherheit an ihr. Sie atmete plötzlich etwas unruhiger, ein Hauch von Verzweiflung zeigte sich in ihren schönen Augen, als wäre die Wahrheit zu viel für sie und müsste so lange wie möglich geleugnet werden.

„Ich vermute, Sie kennen die Galerie besser als ich. Mein Vormund erlaubte mir nie, jenen Teil des Gebäudes zu erforschen, als ich hier lebte“, gestand er ihr.

„Die Dorfbewohner sagen auch, dass Lord Mantaignes Vormund ein grausamer Mann gewesen sei“, entgegnete sie, halb bereit, ihre Vorurteile zu überdenken.

„Wie taktvoll von ihnen“, meinte er mit einem bitteren Lächeln.

Warum zum Henker hatte er sich von Virginia zwingen lassen zurückzukommen? Tom wollte diesen erstickenden Stall verlassen und in die frische Luft hinausgehen, die leicht nach Fisch und Salz roch, nach Seetang und nach dem weiten Meer. Das zumindest hatte sein Vormund ihm nicht nehmen können. Wie hatte er all das vergessen können und die vielen anderen Dinge, die er an diesem Ort geliebt hatte? Und das trotz der Gleichgültigkeit und Grausamkeit, die er hatte erleiden müssen. Der Duft des Meeres erweckte eine seltsame Sehnsucht nach einem Zuhause in ihm, der er sich bis zu diesem Augenblick nicht einmal bewusst gewesen war.

Er hatte damals oft sein Leben riskiert, als er die uralten Steine des Nordturms hinuntergeklettert war, sobald seine Füße groß genug gewesen waren, um auf den Unebenheiten und Spalten im Stein Halt zu finden. Grably war zu feige gewesen, um die „Ausgeburt des Teufels“, wie er Tom genannt hatte, wenn niemand zuhörte, zu beseitigen, aber der gemeine, hinterhältige Schurke hätte keine Träne vergossen, wäre Tom zufällig zu Tode gestürzt.

„Sie könnten es wohl sein“, gab die selbsternannte Herrin von Dayspring Castle recht ungnädig zu und riss Tom aus seinen Gedanken. „Sie sind im richtigen Alter, aber Maggie sagte, der kleine Lord habe wie ein Engel ausgesehen, der vom Himmel gefallen ist. Ich finde nicht, dass Sie besonders engelgleich aussehen.“

„Sie kennen also meine frühere Amme?“, fragte er viel zu eifrig. Die Erinnerung an die einzige beständige Person in seinem Leben, nachdem sein Vater gestorben war und bis sein Vormund sie fortschickte, hatte ihn überrumpelt.

Autor

Elizabeth Beacon
Das ganze Leben lang war Elizabeth Beacon auf der Suche nach einer Tätigkeit, in der sie ihre Leidenschaft für Geschichte und Romane vereinbaren konnte. Letztendlich wurde sie fündig. Doch zunächst entwickelte sie eine verbotenen Liebe zu Georgette Heyer`s wundervollen Regency Liebesromanen, welche sie während der naturwissenschaftlichen Schulstunden heimlich las. Dies...
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