Der Earl und die Bastardtochter

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Miss Emily Townsends Herz klopft zum Zerspringen, als man sie in das prächtige Herrenhaus einlässt. Wie wird der Earl of Breamore reagieren, wenn sie ihm mitteilt, dass sie seine Tochter ist? Dieses pikante Detail steht in einem Brief ihrer verstorbenen Mutter. Und da Emily mittellos ist, muss der Earl ihr helfen. Doch als er den Raum betritt, schwinden ihr fast die Sinne. Er ist höchst attraktiv und viel zu jung, um ihr Vater zu sein. Verzweifelt flieht sie, doch kurz darauf spürt der Earl sie auf und macht ihr einen skandalösen Vorschlag: Er will eine Vernunftehe. Mit ihr, der unehelichen Bastardtochter eines namenlosen Adligen!


  • Erscheinungstag 31.03.2026
  • Bandnummer 450
  • ISBN / Artikelnummer 9783751539906
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Joanna Johnson

Der Earl und die Bastardtochter

1. KAPITEL

Als Emily Townsend an der imposanten Fassade von Huntingham Hall emporblickte, wusste sie, dass es kein Zurück gab.

Der fünf Meilen lange Fußmarsch von der Nachbarstadt Brigwell hierher hatte länger als erwartet gedauert, und sie fürchtete, derangiert auszusehen. Sie strich sich eine schlaffe Haarsträhne zurück und wünschte, ihr Nacken wäre von der Sommersonne nicht so schweißfeucht. Schließlich musste sie sich von ihrer besten Seite zeigen, sobald sie endlich den Mut fände, an diese Tür zu klopfen. Abermals schaute sie an dem größten Haus hinauf, das sie je gesehen hatte, und atmete tief durch.

Es war aus dem gleichen Warwickshire-Stein erbaut wie die Schule, in der sie von Geburt an gelebt hatte, doch damit endete die vage Ähnlichkeit zwischen den beiden Gebäuden auch schon. Miss Laycocks Etablissement bestand aus kaum mehr als einer größeren Kate, in der das obere Stockwerk den Internatsschülerinnen vorbehalten war, zu denen auch Emily zählte. Ungeachtet der vollmundigen Versprechungen der Annoncen in der Brigwell Gazette war das Internat weder besonders vornehm noch renommiert. Es hatte sich nie wie ein richtiges Zuhause angefühlt, obwohl Emily kein anderes kannte, und so regte sich trotz ihrer Anspannung leise Vorfreude in ihr.

Falls sie recht hatte …

Die Vorfreude wuchs, und Emily bemühte sich, sie zu bezähmen. Wenn sie allzu große Erwartungen hegte, wäre es nur umso schmerzhafter, sollten diese zerstört werden, zumal so viel auf dem Spiel stand. Ihr war unmissverständlich – und urplötzlich – gesagt worden, dass sie an der Laycock-Schule für junge Damen nicht länger willkommen sei. Daher war ihr nichts anderes übrig geblieben, als zu handeln und all ihre Hoffnungen auf das zu setzen, was sie vor zwölf Jahren auf einem verschmierten Stück Papier gesehen hatte.

Die Hand, die sie an den kunstvollen Glockenzug hob, zitterte heftig, und sie schluckte gegen die aufkeimende Nervosität an, während sie dem Läuten lauschte. Gleich würde diese Tür geöffnet werden, und sie würde sich in einer Situation wiederfinden, die sie sich unzählige Male vorgestellt hatte, und dann …

Und dann … was?

Dieser Fremde, den sie nicht von ihrer Ankunft unterrichtet hatte, würde entzückt sein, sie zu sehen … oder? Falls nicht, standen die Chancen gut, dass sie gleich hier vor Scham starb, doch sie hatte keine Wahl. Also rang sie sich ein Lächeln ab, als die Tür aufging, und verschränkte die Hände ineinander, um das Zittern zu kaschieren.

„Guten Morgen. Ich würde gern Lord Breamore sprechen. Ist er zu Hause?“

Sie legte so viel Selbstvertrauen in ihre Stimme, wie sie aufbringen konnte, froh darüber, dass sie stundenlang vor dem Schlafzimmerspiegel geübt hatte, denn der Butler verneigte sich, statt sie sogleich abzuweisen.

„Jawohl, Ma’am. Bitte kommen Sie herein.“

Er trat zurück, und mit einem letzten Blick über die Schulter folgte Emily ihm. Sie hatte es geschafft, durch die Eingangstür zu gelangen, und schon das kam ihr wie ein Sieg vor, wobei ihr Triumphgefühl Ehrfurcht wich, als sie über die Schwelle trat.

Allein das Vestibül war größer als Miss Laycocks gesamter Salon. Mit der hohen Decke, dem glänzenden Marmor und dem Sonnenlicht, das durch die hohen Fenster hereinfiel, wirkte es eher wie ein Palast denn wie ein Haus. Nie zuvor hatte sie sich derart deplatziert gefühlt. Sie nahm ihre verblichene Haube ab und reichte sie einem wartenden Dienstmädchen. Selbst die Dienstboten waren besser gekleidet als sie, und hastig verbarg sie die auffällige geflickte Stelle an der Innenseite ihres Handschuhs. Als der Butler sich ihr wieder zuwandte, betete sie, ihr vor Panik rasender Puls möge sich beruhigen.

„Ich werde Seine Lordschaft von Ihrem Erscheinen in Kenntnis setzen. Wen darf ich melden?“

„Miss Townsend. Miss Emily Townsend.“

Wachsam lauerte sie auf eine Reaktion, aber der Name sagte ihm anscheinend nichts.

„Danke, Ma’am. Seine Lordschaft wird gleich herunterkommen.“

Emily versuchte erneut zu lächeln, obwohl sich ihre Glieder wie Wasser anfühlten, während sie dem Dienstmädchen folgte. Noch immer schwitzte sie im Nacken, und noch immer hämmerte ihr das Herz gegen die Rippen. Als sie in einen Salon geführt wurde, der ihr wie der größte der Welt erschien, sank sie mehr auf ein Sofa nieder, als dass sie sich setzte.

Das Dienstmädchen verschwand und ließ Emily mit ihren Gedanken allein.

„Seine Lordschaft wird gleich herunterkommen.“

Erneut sprudelte prickelnde Vorfreude in ihr auf, und erneut versuchte sie, diese zu unterdrücken. Von diesem Tag hatte sie geträumt, seit sie neun Jahre alt gewesen war und die verbotene Schublade voller Geheimnisse am Schreibtisch der seligen Mrs. Laycock aufgebrochen hatte. Ihr Fund hatte ihre Welt auf den Kopf gestellt. Das Stück Papier hatte viele Fragen beantwortet, doch die größte harrte noch einer Lösung, und Emily schlug das Herz bis zum Halse, als sich Schritte näherten und ihr bewusst wurde, dass das letzte Rätsel bald geklärt werden würde.

Als die Tür aufgestoßen wurde, fuhr sie atemlos hoch. Auf der Schwelle stand ein Mann, dessen Gesicht im Schatten lag, doch als er eintrat, war Emily, als hätte sie einen Tritt in den Magen erhalten.

„Guten Morgen. Miss Townsend, richtig? Ich bin Lord Breamore. Sie wollten mich sprechen?“

Der Earl lächelte, und die aufrichtige Wärme seines Lächelns spiegelte sich in seinen dunklen Augen. Er war so hochgewachsen, dass Emily das Kinn recken musste, um ihm ins Gesicht zu sehen – ein schönes Gesicht, das zu würdigen sie gewiss mehr Muße gehabt hätte, wäre ihr nicht so eng ums Herz gewesen.

Aber er ist viel zu jung. Hier stimmt doch etwas nicht, oder?

Es fühlte sich an wie eine kalte Dusche. All ihre Vorfreude verflüchtigte sich, ihre zage Hoffnung zerrann, während sie zu dem Mann aufsah, der nicht derjenige war, der er hätte sein sollen. Die ersten Worte, die sie an ihn richtete, gerieten unverblümter als beabsichtigt.

„Sie sind Lord Breamore? Der einzige Lord Breamore?“

Ob ihrer Direktheit hob er kaum merklich die fast schwarzen Brauen, aber auch einen Mundwinkel, ein flüchtiges Lächeln.

„Leider ja. Im Allgemeinen gibt es jeweils nur einen von uns.“

Kurz blickte er nachdenklich drein. „Vielleicht haben Sie mit meinem Onkel gerechnet, Ephraim Gouldsmith? Dem früheren Earl?“

Emily schluckte. Mit einem Mal war ihre Kehle so trocken, dass sie daran zu ersticken glaubte. „Vielleicht.“

„In dem Fall habe ich bedauerlicherweise schlechte Neuigkeiten. Er ist vor zwei Monaten gestorben.“

Der unerwartete Lord forderte sie mit einer Geste auf, Platz zu nehmen, und abermals sank sie auf das Sofa nieder. Obwohl Bestürzung und Verwirrung sie übermannten, gelang es ihr, sich auf die einzige gesellschaftlich akzeptable Erwiderung zu besinnen.

„Das tut mir leid, Mylord. Mein aufrichtiges Beileid.“

Der Earl deutete ein Nicken an. Der noch nicht lange zurückliegende Todesfall erschütterte ihn anscheinend kaum. Beiläufig fragte sich Emily, was es mit seiner Gleichgültigkeit auf sich haben mochte, ehe die Wirklichkeit alles andere überschattete.

Ich komme zu spät. Falls Ephraim Gouldsmith tatsächlich mein Vater war, werde ich ihn nie kennenlernen … und uns wird nie die gemeinsame glückliche Zukunft vergönnt sein, von der ich geträumt habe.

Das Gewicht, das auf ihrer Brust lastete, wich einem Eissplitter. Das Einzige, was ihr jämmerliches Dasein seit Jahren einigermaßen erträglich machte, war der Traum, eines Tages dem Vater zu begegnen, über den niemand ihr etwas erzählen wollte. Keiner an der Schule, an der sie als Neugeborenes abgegeben worden war, hatte ihr je echte Sympathie entgegengebracht. Mrs. Laycock hatte ihr gelegentlich ein verkniffenes Lächeln oder eine steife Ermunterung gewährt, doch nachdem sie gestorben war und ihre Tochter die Leitung übernommen hatte, war selbst dieser kümmerliche Quell der Anerkennung versiegt. Miss Laycock war noch strenger als ihre Mutter und zögerte nie, zum Rohrstock zu greifen, um aus Emily eine ehrbare junge Frau zu machen. Wenngleich eine uneheliche Geburt offenbar ein nicht zu behebendes Schandmal war, egal, wie oft man ihr auf die Fingerknöchel schlug. Die einzige Zukunft, die einer bedauernswerten Kreatur wie ihr zugestanden wurde, war die einer Gouvernante bei einer Familie, die bereit war, über ihre anrüchige Herkunft hinwegzusehen und ihr dafür einen Hungerlohn zu zahlen. Eine solche Position war für sie gefunden worden, bei einer Familie, die fast hundert Meilen von Brigwell entfernt lebte, praktisch auf der anderen Seite des Landes und damit weit fort von ihrem vertrauten Umfeld. Um diesem Schicksal zu entrinnen, hatte sie den einzigen Trumpf ausgespielt, den sie auf der Hand zu haben glaubte.

Aber ich habe ihn zu spät gelegt.

Am Rande nahm sie wahr, dass der Earl einen Glockenzug neben dem Kamin betätigte und sich anschließend in einem Sessel neben dem Sofa niederließ. Teure Teppiche dämpften die Schritte seiner Stiefel. Während sie mit leerem Blick auf die gewebten Muster niederstarrte, erfasste Verzweiflung sie wie eine frostige Brise.

Hatte sie sich so lange auf diesen Tag gefreut, nur um mit einem solchen Ausgang belohnt zu werden? Dem Papier in Mrs. Laycocks Schreibtisch war zu entnehmen gewesen, dass Emilys anonyme Mutter im Kindbett gestorben war, aber herauszufinden, dass ihr Vater noch lebte, hatte ihr als Neunjährige die Kraft gegeben durchzuhalten. Ein unglücklich platzierter Fleck hatte seinen Nachnamen unkenntlich gemacht, sodass nur sein Titel neben dem verwischten Stempelabdruck seines Siegelrings zu sehen gewesen war, doch das hatte ihr genügt. In der Gegend von Brigwell gab es nur einen Lord, und zwar Breamore, und obwohl Emily ihn nie zu Gesicht bekommen hatte, wusste sie, dass es seine Unterschrift sein musste. Wer sonst verfügte nicht nur über die Mittel, im Voraus für ihre Unterbringung und Ausbildung zu zahlen, sondern war auch noch bereit, dies zu tun?

Diese Großzügigkeit hatte sie davon überzeugt, dass sie ihm etwas bedeutete, und im Laufe der Jahre hatte sich diese Gewissheit in ihrem einsamen, nach Zuneigung hungernden Herzen festgesetzt, bis aus ihrem nebulösen Vater in ihrer verklärten Vorstellung eine geradezu mythische Figur geworden war. In ihrer verzweifelten Sehnsucht nach Zugehörigkeit hatte sie sich an etwas geklammert, von dem sie sich schmerzlich wünschte, es möge wahr sein. An eine eherne Auffassung, in die sie sich geflüchtet hatte, wann immer ihr kaltes Leben an der Schule unerträglich zu werden drohte – dass Väter dazu da waren, ihre Töchter zu lieben, auch wenn sie diese nicht immer behalten konnten, und dass ihr Vater sie eines Tages aus dieser trostlosen Existenz befreien werde, die er ihr aus gutem Grund auferlegt haben musste.

Es folgte eine bedeutungsschwangere Pause. Ihr ahnungsloser Gastgeber erwartete eindeutig eine Erklärung dafür, dass eine stumme, sichtlich unglückliche Frau in seinem Salon saß, doch als sich abzeichnete, dass er keine erhalten würde, lehnte er sich vor.

„Wir haben also festgestellt, dass ich nicht derjenige bin, den Sie sehen wollten, aber kann ich Ihnen trotzdem dienlich sein? Vielleicht, wenn Sie mir verraten, weshalb Sie meinen Onkel sprechen wollten?“

Emily schaute auf. Er betrachtete sie interessiert, und erstmals fielen ihr seine lebhaft funkelnden Augen auf. Sie waren dunkel, leuchteten jedoch zugleich vor Intelligenz und Gutmütigkeit. Er war attraktiv, wurde ihr bewusst, nun da sie ihn eingehender musterte. Die beiden Grübchen, die seinen Mund umrahmten, kündeten davon, dass er oft lächelte, und die Kontur seines Kiefers wirkte wie von einem Bildhauer gemeißelt. Seine Nase war ein wenig schief. Offenbar war sie vor langer Zeit gebrochen und gerichtet worden, und der kleine Makel verlieh seiner Schönheit, die ansonsten vielleicht allzu ebenmäßig gewesen wäre, einen gewissen Charakter. Alles in allem war sein Anblick durchaus ergötzlich, wodurch Emily sich in ihrer gegenwärtigen Lage umso unwohler fühlte.

Was sollte sie ihm sagen? Dass sie gekommen sei, um sich zu erkundigen, ob sein gerade erst beigesetzter Onkel ihr abwesender Vater sei? Der einzige Mensch, der sie davor bewahren konnte, in die Fremde geschickt zu werden, um dort für ein Almosen zu schuften, für das ein unehelich geborenes Mädchen auch noch dankbar sein sollte? Das würde kein besonders schmeichelhaftes Licht auf sie beide werfen – sein Onkel ein ehebrecherischer Vater und sie selbst das heimliche, unerwünschte Produkt seiner Indiskretion. Fieberhaft suchte sie nach einer Antwort, die keine komplette Lüge war.

„Soviel ich weiß, war er ein Freund meiner Mutter.“

Das mag sogar stimmen, dachte sie unbehaglich, während sie beobachtete, wie Lord Breamore die Brauen zusammenzog.

Irgendeine Art von Beziehung musste zwischen ihrer armen namenlosen Mutter und dem früheren Earl bestanden haben, auch wenn sie nur kurzlebig gewesen war. Ein Kind konnte in wenigen Augenblicken gezeugt werden, hatte eine der älteren Internatsschülerinnen ihr einst erklärt. Und obwohl sich Emily damals nicht völlig sicher gewesen war, was das andere Mädchen gemeint hatte, wusste sie heute immerhin so viel, dass sich die Röte auf ihren Wangen um einige Nuancen vertiefte.

„Sie sagen, Ihre Mutter sei mit ihm befreundet gewesen? Das ist … interessant.“

Er zog die Mundwinkel nach unten. Sein Kinn wies ebenfalls ein Grübchen auf, das er geistesabwesend rieb. Seine Skepsis ließ Emily den Atem anhalten. „Ich hätte nicht gedacht, dass er in seinem Leben auch nur einen einzigen Freund gehabt hätte, geschweige denn eine Frau.“

Sie sah ihn zögern. Offenbar wählte er seine nächsten Worte mit Bedacht. „Er war nicht gerade dafür bekannt, dass er die Damenwelt schätzte. Ich nehme an, Sie haben ihn nie kennengelernt?“

Die Frage rührte empfindlich an den Kern ihres Kummers. „Nein, Mylord. Ich hatte nie das Vergnügen.“

„Nun, das sollten Sie vielleicht lieber als Segen erachten.“

Er verzog den Mund, und Emily runzelte die Stirn. Was mochte er damit meinen?

„War er kein angenehmer Mensch?“

Zu ihrer Überraschung lachte Lord Breamore kurz auf, ein Laut, der hohl im Zimmer widerhallte. Anscheinend wirkte sie verstört, denn er hob entschuldigend eine Hand.

„Verzeihen Sie. Es ist nur so, dass sich mein Onkel mit vielen Worten beschreiben ließe, aber angenehm ist keines davon.“

Mit einem Nicken wies er auf ein Gemälde, das an einer prächtig tapezierten Wand hing. „Sehen Sie selbst. Sogar auf seinem Porträt schaut er griesgrämig drein, und das ist nichts verglichen mit seinem mürrischen Blick zu Lebzeiten.“

Emily wandte sich um. Sie hatte keine Ahnung, wie der ehemalige Lord Breamore ausgesehen hatte, und wappnete sich für die Begegnung von Angesicht zu Angesicht, auch wenn das seine aus Ölfarbe statt aus Fleisch und Blut bestand. Ob sich ihre Nasen ähnelten? Ob sie das gleiche ungewöhnliche rotblonde Haar hatten?

Sie hatte erwartet, zumindest eine gewisse Ähnlichkeit zwischen sich selbst und dem Mann in dem reich verzierten Rahmen zu erkennen … doch es gab keine.

Es war, als hätte der Künstler den Auftrag erhalten, in jeder Hinsicht das genaue Gegenteil von ihr zu erschaffen. Das gemalte Gesicht war kantig, ihres rundlich. Seine Haut wies einen olivfarbenen Ton auf, ihre hingegen war rosig und weiß, und sein gewelltes Haar war von einem wenig charakteristischen Mittelbraun. Auch seine dunklen Augen standen im Kontrast zu ihren blauen, und der Ausdruck darin entsprach exakt dem, was sein Neffe beschrieben hatte. Ephraim Gouldsmith stierte finster auf sie herab. Jeder Pinselstrich dünstete Missmut aus, und zum ersten Mal beschlichen Emily leise Zweifel.

Habe ich mich geirrt?

Es bestand nicht die geringste Ähnlichkeit. Onkel und Neffe wiesen unbestreitbar Gemeinsamkeiten auf; die Tönung von Haut, Augen und Haar sowie die Kieferpartie waren eindeutig über Generationen hinweg vererbt worden. Doch sie selbst verband rein äußerlich nichts mit der Familie.

Aber wenn nicht er …?

Aus den Augenwinkeln sah sie, dass ihr Gastgeber das Porträt ebenfalls studierte. In seiner Miene lag wenig Zuneigung, und als er sprach, schwang unüberhörbar Abneigung in seiner Stimme mit.

„Ich glaube nicht, dass er je einen wohlwollenden Gedanken an irgendwen verschwendet hat. Falls Ihre Mutter eine Ausnahme darstellte, muss sie in der Tat eine bemerkenswerte Frau gewesen sein – er hielt Damen für eine Vergeudung von Lebenszeit, der nur Narren frönen. Deshalb hat er sich auch nie damit aufgehalten zu heiraten. Sein Geld war meines Wissens der einzige Gefährte, dessen Gesellschaft er genossen hat.“

Er ließ den Blick noch einen Moment lang auf seinem Onkel verweilen, bevor er ihn abwandte, und Emily folgte seinem Beispiel. Ephraims gemalte Augen ließen sie frösteln. Sein Blick war zutiefst feindselig, so als grollte er ihr, weil sie es gewagt hatte, sein Heim zu betreten, und das Fehlen jedweder Ähnlichkeit …

Wie wahrscheinlich war es, dass ein Mann, der Frauen offenbar verabscheute, ein ungewolltes Kind zeugte? Mit seinem mangelnden Interesse am schönen Geschlecht und seinem gänzlich anderen Aussehen mehrten sich die Beweise, die gegen eine Vaterschaft sprachen, und dementsprechend wuchs Emilys Ratlosigkeit.

Zuerst habe ich geglaubt, er müsse mein Vater sein, dann finde ich heraus, dass er tot ist, und nun bin ich mir nicht einmal mehr sicher, ob er überhaupt mein Vater war.

Das war zu viel, um es in diesem opulenten Salon zu verdauen, in dem sie sich mit jeder Sekunde unwohler fühlte. Sie musste fort von hier, um nachzudenken, und erleichtert stellte sie fest, dass ein wenig Kraft in ihre Beine zurückgekehrt war. Sie schickte sich an aufzustehen.

„Haben Sie Dank für Ihre Zeit, Mylord, von der ich bereits zu viel beansprucht habe. Ich wünsche Ihnen einen guten Tag.“

Sie sah, dass er sich vorneigte, als wollte er etwas sagen, doch er kam nicht dazu, weil just die Salontür geöffnet wurde. Ein Dienstmädchen erschien mit einem Teetablett, stellte es auf einem nahen Tisch ab, knickste auf den gemurmelten Dank des Earls hin und verließ lautlos das Zimmer.

Während die Tür wieder geschlossen wurde, lächelte er. Beim Betrachten des Porträts hatten sich seine Züge verhärtet, doch nun hob er die Mundwinkel. Das entging Emily nicht, doch ihr blieb keine Zeit, sich zu fragen, weshalb ihr das auffiel, da er bereits nach dem Tee griff.

„Wenn Sie sich schon zum Aufbruch entschlossen haben, trinken Sie zuvor wenigstens einen Tee. Ich möchte ja nicht unhöflich erscheinen, aber Sie sehen aus, als hätten Sie ihn nötig.“

Es mochte untypisch anmuten, dass Andrew als Earl die Teekanne selbst ergriff. Dabei betrachtete er verstohlen die niedergeschlagene Miene der geheimnisvollen Miss Townsend. Sie war bleich geworden, die bezaubernde Röte war einer seltsam kummervollen Blässe gewichen, und ihm blieb nicht verborgen, dass ihre Finger zitterten, als sie sich geistesabwesend das Haar zurückstrich. Es war von einem außergewöhnlichen Rotblond, und erneut fragte er sich, was diese attraktive junge Frau nach Huntingham Hall geführt haben mochte.

Er schenkte ihr eine Tasse ein und schob sie zu ihr hinüber. Sie wirkte tatsächlich, als bräuchte sie etwas zu trinken, wenn auch vielleicht etwas Stärkeres als Tee. Bei seinem Eintreten hatte sie ausgesehen, als würde sie gleich in Ohnmacht fallen, ihre blauen Augen geweitet vor Schreck, der rasch in Bestürzung umgeschlagen war. Nach wie vor war ihm vollkommen schleierhaft, wieso. Klar auf der Hand lag allein, dass sie Onkel Ephraim erwartet hatte, und die Neuigkeit von seinem Ableben hatte sie weit mehr getroffen, als es der alte Satansbraten verdiente.

„Oh … vielen Dank, Mylord. Sehr freundlich von Ihnen.“

Er sah sie zögern, bevor sie nach dem Tee griff. Offenkundig war sie in Gedanken woanders, und während sie sich eine Prise Zucker in den Tee rührte, nutzte er die Gelegenheit, seinen eigenen Gedanken freien Lauf zu lassen.

Hatten sie und Onkel Ephraim etwa eine Affäre gehabt? War es das? Fast hätte er das Gesicht verzogen, denn es war keineswegs angenehm, sich diese stille junge Frau in Ephraims knorrigen Klauen vorzustellen. Sogleich jedoch verwarf er den Gedanken. Sie hatte den vorigen Earl nicht gekannt, und außerdem stimmte, was er ihr erzählt hatte. Nie hatte sein Onkel eine Frau begehrlich angeschaut, stets nur voller Verachtung, und die Wahrscheinlichkeit, dass sie sein Interesse geweckt hatte, falls sich ihre Wege tatsächlich gekreuzt haben sollten, war praktisch nicht vorhanden.

Sie behauptet, ihre Mutter sei mit ihm befreundet gewesen, aber das muss eine Lüge sein. Mein Onkel hatte nichts als Geld im Sinn; und es ist mehr als offensichtlich, dass Miss Townsend keines besitzt.

Ihre Kleidung war sauber, aber geflickt, und ihre Schuhsohlen waren abgenutzt, wie er mit der Anteilnahme eines Menschen erkannte, der einst in einer ähnlichen Lage gewesen war. Sein Onkel hatte sich ausschließlich mit Reichen abgegeben, so als wäre Armut ansteckend … wie Andrew nur allzu gut wusste.

Als spürte sie, dass er sie zu enträtseln trachtete, sah sie auf, begegnete seinem Blick und errötete zart. Unbehaglich verlagerte sie ihr Gewicht auf dem Sofa, und Andrew war froh darüber, dass sie ihn nicht bei der Begutachtung ihres Kleids ertappt hatte. Vermutlich fühlte sie sich in diesem hochherrschaftlichen Haus schon unwohl genug.

So wie ich als Knabe, wenn sich mein Onkel dazu herabgelassen hat, mich herzubeordern. Es war, als beträte ich ein Vipernnest und kein Haus, denn ich war immerzu von der Furcht beseelt, ihm könnten meine verschlissenen Manschetten oder meine stets zu kleinen Hemden auffallen.

Er trank seinen Tee, wobei er vorgab, nicht zu bemerken, dass Miss Townsend sich verstohlen umschaute. Schließlich konnte er seine Neugier nicht länger bezähmen.

„Sie sagten, mein Onkel habe Ihre Mutter gekannt, ohne indes zu erwähnen, weshalb Sie hergekommen sind. Sind Sie ganz sicher, dass ich Ihnen nicht helfen kann?“

Er rechnete damit, dass sie ihn mit einer weiteren fadenscheinigen Lüge abspeisen werde, doch sie schüttelte lediglich den gesenkten Kopf und starrte in ihre Tasse.

„Nein, haben Sie Dank. Es spielt keine Rolle mehr. Ich glaube, ich habe einen Fehler begangen.“

Ihre Stimme gab nichts preis, doch das kaum merkliche Beben eines Muskels an ihrem Mund verriet sie. Aus irgendeinem Grunde war sie aufgewühlt und versuchte, es zu verhehlen. Obwohl Andrew vor Neugier brannte, bewog sein Gewissen ihn, das Thema zu wechseln.

„Hoffentlich hatten Sie keinen allzu weiten Weg. Es ist recht warm heute, und nach Ihrem Kleid zu urteilen sind Sie hergelaufen.“

„Ja, Mylord. Von Brigwell.“

Er hob die Brauen. Brigwell lag mindestens fünf Meilen entfernt, jenseits eines Flickenteppichs aus Feldern und holperigen Wegen. Es dürfte eher ein Gewaltmarsch denn ein Spaziergang gewesen sein, und um einen solchen in Kauf zu nehmen, musste man schon ein klares Ziel vor Augen haben … was erneut die Frage aufwarf, weshalb Miss Townsend diese Strapaze auf sich genommen hatte.

„Das ist eine nicht zu verachtende Strecke. Ich glaube, ein Gentleman würde Ihnen für den Heimweg seine Kutsche zur Verfügung stellen.“

Zum ersten Mal, seit er den Salon betreten hatte, schenkte sie ihm ein Lächeln. Es geriet zaghaft, lenkte seine Aufmerksamkeit aber sogleich auf die Form ihrer Lippen.

„Kein Gentleman sollte sich meinetwegen Umstände machen, Mylord. Ich gehe gern zu Fuß. Ein paar Meilen machen mir nichts aus.“

Wieder flüchtete sie sich hinter ihre Teetasse, die blauen Augen unter den Wimpernkränzen verborgen. Was immer sie dachte, es war nicht weniger rätselhaft als ihr Erscheinen in seinem Haus.

Wissen tat er indes, dass ihre Antwort ihm gefiel. Die Tage, da er überallhin hatte zu Fuß gehen müssen, waren natürlich vorüber, seit Onkel Ephraim seinen letzten Atemzug getan hatte. Bisweilen vermisste er die Freiheit, über ein Feld wandern zu können und den Sonnenschein auf seinem nach oben gewandten Gesicht zu spüren. Nun beanspruchten seine neuen Pflichten einen Gutteil seiner Zeit, denn der jüngst geerbte Titel brachte neben zahlreichen Privilegien – und Veränderungen – auch eine schwere Bürde aus Verantwortung mit sich.

Nicht dass ich die Uhr zurückdrehen wollte. Nicht nach allem, was Mutter und ich durchlitten haben, um dies zu erreichen.

Andrew goss sich eine weitere Tasse Tee ein, nicht so sehr, weil ihm danach war, sondern eher, um seine Hände zu beschäftigen. In drei Schlucken stürzte er ihn hinunter, wobei er wünschte, es hätte sich um Port oder Wein oder sonst irgendetwas gehandelt, das besser geeignet war, missliebige Erinnerungen zu vertreiben.

Andrews Vater hätte Ephraim beerben sollen, aber er war einem Fieber erlegen, und so war das Gouldsmith-Vermächtnis auf seinen kaum fünfjährigen Sohn übergegangen. Man hätte meinen können, Lord Breamore würde sich seiner armen Schwägerin und ihres nunmehr vaterlosen Kindes annehmen, um sie zu unterstützen und ihnen in ihrer Trauer beizustehen, doch nichts dergleichen war geschehen. Onkel Ephraim hatte keinen Finger gerührt, und noch heute, über zwanzig Jahre später, sah Andrew im Geiste das tränenüberströmte Gesicht seiner Mutter vor sich, als sie beide gezwungen gewesen waren, ihre Sachen zu packen und das Heim zu verlassen, das sie sich nicht länger leisten konnten. Seine Mutter hatte nur über ein kleines Witwenvermögen verfügt und damit streng haushalten müssen. Sie hatte Dienstboten entlassen und Schmuck veräußert, bis von ihrem einst komfortablen Dasein nur noch ein trauriger Rest übrig geblieben war. Andrew hatte einem Grafentitel entgegengeblickt, doch das hätte man ihm während jener mageren Jahre nicht angesehen, und jedweder Stolz, den er angesichts des Erbes verspürt haben mochte, war schon im Laufe seiner Kindheit zerronnen.

Erst im fortgeschrittenen Alter hatte der alte Earl sich für ihn interessiert und seinen unwilligen Erben gelegentlich zu sich zitiert, wenngleich diese Besuche keinem der Beteiligten viel Freude bereitet hatten. Ephraim hatte missfallen, dass Andrew Reichtum und Status geringschätzte, und Andrew hatte geärgert, dass sein Onkel von beidem wie besessen war.

Eine Bewegung vom Sofa her ließ ihn aufmerken. Miss Townsend regte sich. Sie hatte ihre Tasse abgestellt und machte Anstalten aufzustehen. Andrew riss sich zusammen und kehrte in die Gegenwart zurück.

„Ich sehe, Sie bestehen darauf aufzubrechen. Aber Scherz beiseite, gestatten Sie mir, meines Onkels … meine Kutsche vorfahren zu lassen?“

Miss Townsend strich ihre Röcke aus. Sie hatte die erlesenen Plätzchen auf dem Teetablett nicht angerührt, weshalb es keine Krümel zu entfernen gab, und so beschlich ihn der Verdacht, dass sie lediglich seinem Blick auszuweichen versuchte. „Nein, vielen Dank, Mylord. Ich gehe sehr gern zu Fuß, und selbst wenn es eine Strecke von zwanzig Meilen wäre, könnte ich ein solch großzügiges Angebot keinesfalls annehmen. Das wäre nicht richtig.“

„Nicht? Wieso das?“

Die unbedachte Frage war ihm entschlüpft, bevor er sich eines Besseren besinnen konnte. Er erkannte seinen Fauxpas, als er sah, wie Miss Townsends Wangen sich tiefrot färbten.

Natürlich konnte sie sein Angebot nicht annehmen. Eine Frau wie Miss Townsend dürfte sich des Standesunterschiedes zwischen ihnen schmerzlich bewusst sein und würde niemals den Eindruck erwecken wollen, sie wüsste nicht, wo ihr Platz war. Dabei rang er selbst noch damit, den seinen zu akzeptieren.

In ihren Augen war er privilegiert und reich und bewegte sich in einer ihr fremden Welt, wenngleich seine Position nicht nur das Offensichtliche mit sich brachte. Er hatte zweifellos mehr mit seinem leicht schäbig gewandeten, unverhofft aufgetauchten Gast gemein als mit den kultivierten jungen Damen, die ihn belagerten, kaum dass er einen Fuß in einen Ballsaal setzte. Aber es wäre abwegig, ihr dies erklären zu wollen. Sie war eine Fremde; sie beide verkehrten in völlig unterschiedlichen Kreisen, und es war höchst unwahrscheinlich, dass er sie je wiedersehen würde. Zudem wäre es töricht, so zu tun, als hätte sich nichts verändert, obwohl sein Leben sich grundlegend gewandelt hatte.

Seine Mutter hatte versucht, ihn vorzubereiten. Von Kindesbeinen an war ihm das erhabene Erbe vor Augen geführt worden, das auf ihn wartete. Sie hatte sich nach Kräften bemüht, ihn für eine Welt zu rüsten, die sie beide nach dem Tod seines Vaters gnadenlos verstoßen hatte. Dennoch kam er sich wie ein Hochstapler vor. Seine Mutter, Lady Gouldsmith, hatte getan, was sie konnte, um aus ihm einen angehenden Earl zu machen, doch stärker als alles andere hatten ihn die ärmlichen Verhältnisse geprägt, in welche die Not sie getrieben hatte.

Die Spielkameraden seiner Kindheit waren nicht die Sprösslinge von Rittern und Baronets gewesen, sondern Lehrlinge und Pfarrerssöhne, durchaus anständig, jedoch ohne Renommee. An der Seite dieser umgänglichen, aber gewöhnlichen jungen Burschen war auch er zum Mann gereift. Als er alt genug gewesen war, hatte er gar eine Anstellung als Hauslehrer angenommen, eine unvorstellbare Schmach in den Augen des ton. Er indes hatte Befriedigung daraus gezogen, seiner Mutter allwöchentlich redlich verdientes Geld zu überreichen. Jahrelang hatte er als einfacher Gentleman gelebt, nie wohlhabend, aber zufrieden mit der bescheidenen Existenz, die er sich aufgebaut hatte. Und als der schwarz umrandete Brief mit der Nachricht von Ephraims Tod eingetroffen war, hatte ihm dies förmlich den Boden unter den Füßen weggezogen.

„Nun gut. Wenn Sie darauf bestehen.“

Er sah Erleichterung über ihre Miene huschen. Anscheinend konnte sie es kaum erwarten zu entfliehen, und er verspürte nicht den Wunsch, sie aufzuhalten, denn er wollte das Gefühl, ins Fettnäpfchen getreten zu sein, nicht unbedingt in die Länge ziehen.

Er verbeugte sich. „Es war mir ein Vergnügen, Ihre Bekanntschaft zu machen, Miss Townsend. Ich bedaure, dass ich nicht mehr für Sie habe tun können.“

Seine Galanterie wurde mit einem weiteren betörenden Lächeln belohnt, wenngleich es diesmal ein wenig aufgesetzt wirkte. „Machen Sie sich nichts daraus, Mylord. Ich hätte mich gar nicht erst aufdrängen dürfen und möchte mich aufrichtig dafür entschuldigen, dass ich Ihnen zur Last gefallen bin.“

Würdevoll sank sie in einen tiefen Knicks, sodass ihre Knie fast den Teppich berührten, und schritt anschließend zur Tür. Ihr Gang wirkte bemerkenswert selbstsicher, und Andrew wurde bewusst, dass er sie gern länger betrachtet hätte. Noch einmal wandte sie sich um, knickste ein letztes Mal und verschwand – um dorthin zurückzukehren, woher auch immer sie gekommen war, ohne dass er wusste, was sie überhaupt hergeführt hatte.

2. KAPITEL

Emily richtete den Blick unverwandt auf ihre Schale, während sie ihr Frühstück aus dünnem Haferbrei hinunterwürgte. Wenn sie sich auf ihrem Platz möglichst klein machte und leise war, würde Miss Laycock sie vielleicht nicht bemerken, sodass ihr eine Unterhaltung erspart bliebe.

Aber ihre Hoffnung war vergebens.

„Sind Sie etwa krank?“

Die scharfe Stimme ertönte vom oberen Ende des Tisches her, und als Emily aufschaute, fand sie sich dem nicht minder scharfen Blick eines Augenpaars ausgesetzt.

„Nein, Miss Laycock. Es geht mir gut.“

Die Schulleiterin wirkte wenig überzeugt. Sie verengte die Augen, und Emily wappnete sich angesichts der gestrengen Musterung. Vermutlich sah sie tatsächlich krank aus, denn da sie die Nacht damit verbracht hatte, über ihren Besuch auf Huntingham Hall nachzugrübeln, hatte sie kaum geschlafen. Allerdings würde sie sich eher die Zunge abbeißen, als zuzugeben, was ihr zu schaffen machte. Miss Laycock durfte nicht erfahren, dass einer ihrer Schützlinge auch nur in der Nähe eines vornehmen Hauses gewesen war. Damit würde sich Emily nur eine Ohrfeige einhandeln, weil sie sich Dinge anmaßte, die ihr nicht zustanden. Sie argwöhnte, dass sie selbst mit ihren stolzen einundzwanzig Jahren nicht dagegen gefeit war, die im gerechten Zorn geführte Hand zu spüren zu bekommen.

„Sie haben noch kein Wort gesprochen, seit Sie sich gesetzt haben. Ist Ihnen eine Laus über die Leber gelaufen?“

„Nein, Ma’am. Wie gesagt, mir fehlt nichts.“

Aus den Augenwinkeln sah sie zwei der anderen Internatsschülerinnen einen bangen Blick wechseln. Es war nicht klug, Miss Laycock zu reizen, und Emily wurde von einem unguten Gefühl befallen, als ein weiterer stechender Blick sie traf.

„Es freut mich zu hören, dass Sie sich nichts zugezogen haben. Der Zeitpunkt wäre höchst unpassend, denn ich habe heute Morgen einen weiteren Brief von Mrs. Swanscombe erhalten.“

Bedächtig tippte sie auf das gefaltete Blatt Papier neben ihrem Gedeck. „Sie verlangt, dass Sie bis zum Fünfzehnten dieses Monats bei ihr erscheinen. Offenbar sind die drei vorherigen Gouvernanten allesamt nach kurzer Zeit gegangen, und das praktisch von heute auf morgen. Sie will, dass der Unterricht der Kinder baldmöglichst wieder aufgenommen wird.“

Die böse Vorahnung verdichtete sich. „Bis zum Fünfzehnten? Aber bis dahin ist es kaum mehr eine Woche!“

„Ganz recht. Nun da Ihre Einstellung beschlossene Sache ist, sehen weder Mrs. Swanscombe noch ich einen Grund, die Angelegenheit hinauszuzögern.“

In aller Seelenruhe tupfte sich Miss Laycock den Mund mit ihrer Serviette ab, als hätte sie nicht soeben mit wenigen Sätzen den Kurs von Emilys Leben geändert. Emily selbst konnte nur stumm vor Schreck zusehen, wie die übrigen Mädchen angelegentlich ihren Schoß betrachteten.

Nur noch eine knappe Woche, bevor sie ihre vertraute Welt verlassen sollte, um eine Anstellung anzutreten, die sie nie gewollt hatte? Der Gedanke erfüllte sie mit Grauen, das wie ein Anker auf ihre Brust niedersank, auf der ohnehin schon schwer die Verwirrung und Enttäuschung des gestrigen Tages lasteten. Ihr Besuch auf Huntingham Hall hätte sie davor bewahren sollen, fortgeschickt zu werden, statt ihr Schicksal umso unausweichlicher erscheinen zu lassen. Wobei sie mit ihrem kühnen Unterfangen natürlich nicht allein Miss Laycocks Pläne hatte durchkreuzen wollen.

Wäre Lord Breamore ihr Vater gewesen, hätte sie endlich die Familie gefunden, nach der sie sich immer gesehnt hatte. Nach einem Dasein ohne jede Zuneigung wünschte sie sich vor allem, geliebt zu werden, die Geborgenheit einer sicheren Umarmung zu fühlen und zu wissen, dass sie geschätzt und behütet wurde. Dass all ihre Träume zerplatzt waren, drohte sie niederzuschmettern. Der alte Earl war tot, und selbst wenn er ihr Vater gewesen wäre – was sie inzwischen bezweifelte –, würde sie nunmehr nie die Chance erhalten, ihn kennenzulernen. All ihre Hoffnungen rannen ihr wie bitterer Sand durch die Finger. Kein Silberstreif leuchtete am Horizont ihres Lebens. Die Lichtgestalt ihres Vaters, die sie jahrelang gegen die Einsamkeit heraufbeschworen hatte, verwandelte sich in einen Schatten, und der Verlust dieser tröstlichen Wärme hinterließ eine Leere in ihr, die sie bis ins Mark spürte.

In ihrer Kehle hatte sich ein Kloß gebildet, den sie mit einem Schluck lauwarmem Tee zu lösen versuchte. Sie war sich bewusst, dass Miss Laycock sie beobachtete. Jenen Argusaugen entging nichts, und sie ahnte, dass sie in Schwierigkeiten steckte, als die Schulleiterin die Lippen schürzte. 

„Sie könnten sich ruhig ein wenig dankbarer zeigen. Nicht jeder würde eine Gouvernante mit Ihrem Hintergrund einstellen.“

Ihr Ton war schneidend, und die anderen Mädchen am Tisch zogen den Kopf ein. Die Macht der Gewohnheit veranlasste Emily, hastig einzulenken.

„Ich bin dankbar, Ma’am. Es ist nur … Das Haus ist fast hundert Meilen entfernt. Ich kenne dort niemanden, und sagten Sie nicht, es liege etwas abgeschieden …?“

„Es stimmt, dass es keine unmittelbaren Nachbarn und in nächster Nähe auch keine Stadt gibt, aber welche Rolle spielt das? Mrs. Swanscombe hat sechs Kinder, die sie allesamt als ‚lebhaft‘ bezeichnet. Daher werden Sie viel zu beschäftigt sein, um an Zerstreuung zu denken.“

Miss Laycock sprach mit der Autorität eines an Gehorsam gewohnten Menschen, und Emily biss die Zähne zusammen.

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