Julia Ärzte zum Verlieben Band 215

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EIN HERZ FÜR DR. TEMPLETON von COLETTE COOPER

Berühmt, arrogant und ein Herzensbrecher: Starchirurg Dr. Max Templeton ist alles, was Schwester Lois verabscheut. Doch als er sie überredet, bei seiner Gala zu singen, verfällt sie trotzdem seinem Charme. Gegen jede Vernunft lässt sie sich auf eine Liebesaffäre ein …

LIEBE IST DAS GRÖSSTE ABENTEUER von ANNIE CLAYDON

Dr. Hope Ashdown stockt der Atem – der neue Vertretungsarzt in ihrer Praxis ist ihre Jugendliebe Theo! Jahrelang hat Hope ihre Mutter gepflegt, nun sehnt sie sich nach Freiheit und Abenteuer. Aber Theo will endlich sesshaft werden. Gibt es für sie eine Zukunft zu zweit?

RETTUNGSEINSATZ FÜR DAS GLÜCK von SUE MACKAY

Vier unvergessliche Nächte mit dem geheimnisvollen Nick, dann zieht Sanitäterin Leesa nach Cairns. Monate später steht er plötzlich vor ihr – als ihr neuer Kollege bei der Luftrettung. Die Leidenschaft zwischen ihnen flammt sofort wieder auf. Öffnet er ihr nun sein Herz?


  • Erscheinungstag 04.04.2026
  • Bandnummer 215
  • ISBN / Artikelnummer 9783751540902
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Colette Cooper, Annie Claydon, Sue MacKay

JULIA PRÄSENTIERT ÄRZTE ZUM VERLIEBEN BAND 215

Colette Cooper

1. KAPITEL

Heute würde Lois Newington also den neuen Facharzt treffen. Er hatte bereits vor zwei Tagen angefangen, aber sie war auf einer Schulung gewesen und hatte ihn noch nicht kennengelernt. Verrückt, wie das ganze Krankenhaus von ihm schwärmte. Na, sie würde ihm bestimmt nicht zu Füßen fallen wie der Rest. Dr. Sexy mit seinem Stethoskop konnte noch so oft im Fernsehen auftreten – Lois war das egal. Männern hatte sie komplett abgeschworen.

Sie spürte angenehm kühle Luft um ihre nackten Waden, als jemand hinter ihr den Vorhang um die Liege zur Seite zog. Sie drehte sich nicht um, aber trat einen Schritt zur Seite, damit genug Platz war. Ablenken lassen durfte sie sich nicht. Das hier war ein Notfall.

Wahrscheinlich war es einer der Assistenzärzte. Die wollten immer gern bei Herzstillständen zusehen und Erfahrung sammeln. Und solange sie nicht im Weg standen, war das auch in Ordnung.

Lois gab laute, klare Anweisungen wie aus dem Lehrbuch. Sie hatte schon viele Male eine Wiederbelebung angeleitet, und auch wenn ihr verständlicherweise das Adrenalin durch die Adern fuhr, blieb sie konzentriert und ihrem Team immer einen Schritt voraus. Cool. Souverän. Wenn es eine Sache gab, die Emilio, dieser Drecksack, nicht an ihr hatte kritisieren können, dann ihre beruflichen Fähigkeiten.

„Atemwege gesichert?“

„Ja, gesichert“, sagte die Kollegin.

Lois sah auf den Herzmonitor. „Kammerflimmern. Rhythmus eignet sich für einen Schock. Bitte laden.“

Die schrillen Töne des Defibrillators waren zu hören – aber der Blick der Kollegin war nicht auf den Patienten gerichtet, sondern auf den Neuankömmling, der schweigend hinter Lois zu stehen schien. Der Chefkrankenpfleger Tom zählte laut die Herzdruckmassage mit, aber alle anderen blickten an ihr vorbei und schienen die Schultern gestrafft zu halten.

Sie brauchte keinen sechsten Sinn, um zu wissen, wen sie alle so anstarrten. Der Neuankömmling musste Max Templeton sein, Chirurg von Gottes Gnaden und lang ersehnter Nachfolger für Emilio, diesen Drecksack. Lois drehte sich nicht um. Der Defibrillator gab mit einem Piepen seine Einsatzbereitschaft an.

„Alle zurücktreten … Schock verabreichen.“

Der Körper des Patienten krümmte sich unter dem elektrischen Strom.

„Rhythmus überprüfen.“

Sie hielt die Luft an und betete stumm, dass sich die erratische Kurve auf dem Monitor in einen normalen Sinusrhythmus verwandelte. Wenn nicht, war das Leben des Patienten wirklich in Gefahr.

„Kammerflimmern.“ Die gebieterische Männerstimme hinter ihr ließ sie fast in die Luft springen.

„Noch einen Schock verabreichen … sofort.“

„Gerät laden“, rief Lois.

Was kommt der hier einfach rein und ruft Befehle?

Ein Assistenzarzt drückte auf den Ladeknopf, und der Defibrillator fing erneut an zu piepen. Lois öffnete den Mund, aber war nicht schnell genug.

„Alles zurück … Schock verabreichen“, sagte Max Templeton mit seiner lauten Stimme.

Sie hatte keine Zeit, sich umzudrehen und diesem Kerl zu erklären, dass sie diesen Einsatz leitete. Hatte er noch nie etwas von Protokollen gehört? Er wollte wohl einfach der Größte im Raum sein – genau so, wie es mit Emilio immer gewesen war, dem Drecksack.

Der war inzwischen verschwunden, aber sie war noch hier und versuchte, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Und jetzt war sein Ersatz genauso wie er? Sie hatte es fast gewusst. Der einzige Unterschied: Sie würde sich nicht Hals über Kopf in diesen Max Templeton verlieben. Nicht in einer Million Jahre.

Der elektrische Schock fuhr in den Patienten, und Lois starrte erneut auf den Monitor. Verdammt, er hatte immer noch …

„Kammerflimmern. Noch einen Schock.“ Die Männerstimme hinter ihr strahlte eine Autorität aus, der sich niemand widersetzte. „Ich brauche einen Drahtschneider und ein Thorakotomie-Kit. Adrenalin hat er bekommen, oder?“

Jetzt stellte er sich neben sie, fast nah genug, dass sich ihre Arme berührten. Sie sah ihn immer noch nicht an, aber sie wusste ja, wer es war, der da jegliches Protokoll ignorierte.

Der sehnlichst erwartete, berühmt-berüchtigte Max Templeton. Sein Ruf als brillanter Chirurg stand außer Frage, und sie freute sich schon darauf, ihn bei der Arbeit zu sehen. Was sie allerdings infrage stellte, war sein Ruf als Mann, der sich als Gottes Geschenk an die Medizin sah … und an die Frauen …

Nach Emilio hätte sie sich ja wirklich über jeden anderen Kollegen gefreut. Genauer: Nach dem Ablauf von Emilios Sechs-Monats-Vertrag und seiner Rückkehr nach Italien, wo eine Frau und eine kleine Tochter auf ihn warteten, von denen er ihr seltsamerweise nie etwas erzählt hatte. Niemand konnte schlimmer sein als dieser Lügner und Betrüger.

Hatte sie gedacht. Und jetzt war da Max Templeton.

Der Fernsehstar.

Sie würde ihm nicht die Genugtuung geben, sich umzudrehen und ihn anzuerkennen – so gern sie es auch wollte.

„Dr. Harper, bitte das Gerät laden.“

Der Assistenzarzt drückte auf den Knopf. Gut, er hörte also wieder auf sie.

„Zurücktreten“, sagte sie mit einem Blick auf alle, die um das Bett herumstanden.

„Schock.“ Max Templetons Befehl kam nur eine Millisekunde vor ihrem eigenen.

Es ging nicht anders: Sie drehte sich um. Dachte er etwa, sie könne das hier nicht? Oder war er einfach der arrogante Egozentriker, mit dem sie gerechnet hatte?

„Was das ein Ja oder Nein, was das Adrenalin angeht?“, fragte er ruhig, aber streng.

Tiefblaue, hypnotische Augen, die sie regelrecht zwangen zu antworten. So oft hatte sie diese Augen schon in Zeitungen und Zeitschriften gesehen. Doch ihre wahre Macht zeigte sich erst, wenn man ihm gegenüberstand.

Sie riss sich von seinem Blick los. „Druckmassage beginnen.“

Jetzt hatte sie genau zwei Minuten Zeit, ihm zu antworten. Dieses Mal drehte sie sich komplett zu ihm um und ließ ihren Blick über seinen gesamten Körper wandern. Groß war er. Je höher ihr Blick kletterte, desto stärker klopfte ihr Herz.

Er war sportlich und stark, seine Haut von der Sonne geküsst, breite Schultern und kräftige Oberarme. Er sah aus wie eine Hochglanzwerbung für ein teures Aftershave. Nur die Krankenhauskleidung und das Stethoskop, das er sich lässig um den Hals gelegt hatte, ließen ihn wie einen Arzt wirken und nicht wie einen Olympioniken.

Das war er also.

Starr ihn nicht so an, wie all die anderen.

Lois war Profi.

„Ja, wir haben Adrenalin verabreicht, wie laut Protokoll vorgesehen. Der Blutdruck des Patienten fiel sehr plötzlich auf sechzig zu dreißig, der Zentraldruck war auf zwei, Puls bei hundertzehn, dann kam das Kammerflimmern. Wir haben ihm zwei Runden Herzdruckmassage verabreicht, und das hier war der dritte Schock des zweiten Zyklus. Und Sie sind …?“

Es war kaum zu glauben, aber ihr Herz legte noch einen Zahn zu. Hatte sie das wirklich so gesagt? Es bestand ja kein Zweifel, wer er war, aber er sollte hier nicht einfach so angetanzt kommen und davon ausgehen, dass alle ihn kannten. Er hatte keinen Zugangspass angeheftet, und Lois’ Bedürfnis, ihn auf all seine kleinen Unregelmäßigkeiten hinzuweisen, die sie finden konnte, war riesig.

Nach genau zwei Minuten drehte sie sich wieder zu ihrem Team. „Erneut den Rhythmus prüfen.“

Alle hielten inne, damit sich die chaotischen grünen Linien auf dem Monitor beruhigten. Das ununterbrochene hohe Piepsen zeigte ihnen bereits an, dass kein Rhythmus zu sehen sein würde.

Verdammt.

„Weiter machen mit der Herzdruckmassage.“

„Er braucht eine Thorakotomie.“

Seine Stimme war immer noch ganz ruhig, aber seine Worte ließen Lois scharf einatmen. Er wollte auf der Intensivstation am offenen Herzen operieren? Das war unglaublich.

Schon nahm Max Templeton ein Sterilpack aus dem Regal und trat vor. Er nahm sich Raum – und alle starrten ihn an. Dann riss er die Verpackung auf und legte das Päckchen so auf das Bett, dass die silbern glänzenden Instrumente ordentlich nebeneinander lagen.

„Weitermachen mit der Druckmassage, bis ich so weit bin.“

Die anderen folgten seiner Anweisung und führten methodisch ihre Aufgaben durch, alle in der Hoffnung, dass Max Templeton die Rettung brachte.

Alle kannten ihn. Sein Gesicht war eines der bekanntesten überhaupt. Aber Lois fand es arrogant, dass er sich nicht vorgestellt hatte. Niemand fragte nach, dabei gab es doch immer wieder Scharlatane, die sich einfach selbstbewusst genug als Ärzte ausgaben.

Sie würde sich das nicht bieten lassen. Sie sprach leise, aber direkt. „Ich sehe, dass Sie unsere Krankenhauskleidung tragen, aber ich kann Sie nicht einfach die Brust dieses Mannes aufschneiden lassen, ohne zu wissen, wer Sie sind.“

Sein tiefblauer Blick traf ihren – und sie bekam keine Luft mehr. Er war live noch schöner als im Fernsehen, fast unwirklich schön. Sie hörte die Geräusche und Ausrufe der anderen, die versuchten, den Mann am Leben zu halten. Aber einen kurzen Moment lang versank Lois in diesen Augen. Er sagte nichts, schien sie abzuschätzen.

Sie zog sich ihr Oberteil zurecht und erwiderte seinen Blick. Sie würde nicht wegschauen, würde sich nicht von seiner Attraktivität ablenken lassen.

Jetzt zog er eine dunkle Augenbraue hoch. „Max Templeton, Herz-Lungen-Chirurg.“

War das etwa der Anflug eines Grinsens in seinem Gesicht? Doch bevor sie sich sicher sein konnte, war es schon wieder verschwunden. Und dann legte er ihr, zu ihrer Überraschung, die Hände auf die Schultern und schob sie zur Seite.

Er nahm sich ein Paar steriler Handschuhe. „Ich habe Mr. Ferns hier gestern operiert und seine Aortenklappe ersetzt. Ich werde ihn definitiv heute nicht sterben lassen.“

Er griff nach der Drahtschere. „Den Verband ab bitte.“

Unfassbar. Kaum ein Chirurg würde solch einen Eingriff außerhalb eines Operationssaals versuchen. Sie zog sich ebenfalls schnell ein Paar Handschuhe über. Wenn er das wirklich machen wollte, musste es schnell gehen. Sie beugte sich vor und zog den Verband von der Brust des Patienten.

„Das ist sehr unüblich so, Dr. Templeton.“

„Er hat eine Herztamponade“, antwortet er und schnitt die Stiche auf der Brust mit Leichtigkeit durch. Dann blickte er die drei Assistenzärzte auf der anderen Seite des Bettes an. „Einer von Ihnen muss auch Handschuhe anziehen und den Wundhaken halten.“

Jetzt wendete er sich wieder an Lois und schnitt gleichzeitig den ersten der Drähte durch, die das Brustbein des Patienten zusammenhielten. „Er stirbt, wenn wir nicht das Blut aus dem Herzbeutel bekommen.“ Der nächste Draht. „Und das wird nicht passieren.“

Offensichtlich. Aber so einfach ließ sie sich nicht zum Schweigen bringen. „Sie können doch nicht auf Station eine Thorakotomie machen.“

„Das sehen Sie doch.“

„Sie könnten es mit einer Perikardpunktion versuchen.“

„Ich weiß.“ Ein weiterer Draht.

„Das wäre weniger traumatisch.“

„Ich weiß.“ Der letzte Draht. Er zog das Brustbein auseinander, führte einen Wundhaken ein und übergab den an einen der Assistenzärzte mit der Anweisung, vorsichtig, aber kräftig zu ziehen.

Lois führte ihren Arm durch seinen. Der elektrische Schock, den sie bei der Berührung verspürte, ärgerte sie. Sie drückte dicke Stapel Mull gegen die Wundränder, um der Blutung Einhalt zu gebieten. Die rote Flüssigkeit drang schnell durch den Stoff und wärmte ihre Finger in den Handschuhen. Wenn Max Templeton Mist baute, würde sie sofort Hilfe anfordern. Aber bislang machte er alles richtig.

„Tamponade. Und bitte eine …“

Lois legte ihm eine große Spritze und eine lange Nadel in die ausgestreckte Hand. Seine Überraschung tat ihr gut. Sie war schließlich schon seit vier Jahren als Krankenschwester auf der Intensivstation und im Operationssaal und wusste genau, was sie bei einer Thorakotomie zu tun hatte.

„Danke, Schwester …?“

„Newington.“ Sie zeigte auf ihren Zugangspass und hielt ihm gleichzeitig eine Schale hin, in die er die Spritze legen konnte. Dabei streifte sie seinen Unterarm. Wieder ein elektrischer Schock, der dem des Defibrillators in nichts nachzustehen schien.

Ihre Kollegen und Kolleginnen hatten wohl recht gehabt mit ihrer Einschätzung, was den Neuen anging. Er war wahnsinnig attraktiv, das war nicht zu bestreiten, und zu ihrer Überraschung und ihrem Ärger klopfte ihr Herz wie verrückt, seit sie ihn zum ersten Mal angesehen hatte.

Vor sechs Monaten war Emilio zu seiner Familie in Italien zurückgekehrt und hatte ihr Selbstbewusstsein zerschmettert zurückgelassen. Sie würde sich nicht noch einmal vom Charme eines schönen Mannes einlullen lassen. Ohnehin lebte Max Templeton in einer ganz anderen, viel glamouröseren Welt, in der er sie nicht einmal bemerken würde.

Über Max Templeton war so einiges bekannt. Nach dem Studium hatte er sich schnell einen Namen als einer der weltbesten Herzchirurgen gemacht, und schon bald standen die Stars bei ihm Schlange, um sich behandeln zu lassen. Dank seines guten Aussehens und Charmes war er perfekt fürs Fernsehen und schien genauso viel Zeit auf roten Teppichen zu verbringen wie im Operationssaal. Kürzlich war er zu seinen Wurzeln nach England zurückgekehrt, um ein Programm zum pränatalen Herzscreening einzuführen, aber aus unbekannten Gründen hatte er hier am Krankenhaus nur einen Viermonatsvertrag unterschrieben.

Außerdem wusste man, dass er offensichtlich Herzen nicht nur reparierte, sondern auch in Reihe brach. Und nach dem letzten dunklen Kapitel mit Emilio in ihrem eigenen Leben würde Lois sich von seinem Nachfolger fernhalten, der offensichtlich genauso gestrickt war. Nie wieder würde sie sich so verletzen lassen.

„Fünfzig Milliliter aspiriert.“ Er war voll konzentriert. „Er ist sehr bradykard – nicht genug Druck.“

Max griff in die Brust des Patienten und massierte das Herz direkt. Rhythmisch drückte er es zusammen und ließ es dann wieder los, damit es erneut von selbst zu schlagen anfing.

Lois beobachtete die grünen Linien auf dem Monitor. Das Blinken und Piepen sagte ihnen, was sie sowieso schon wussten – dass ihre Maßnahmen immer verzweifelter wurden und das Leben ihres Patienten auf des Messer Schneide stand.

Max Templeton hatte die Zähne zusammengebissen, und Schweißtröpfchen zeigten sich auf seiner Stirn.

Niemand traute sich zu atmen. Nur das rhythmische Zischen und Klicken der Beatmungsmaschine und das ununterbrochene Piepen des Monitors waren zu hören. Alle Augen waren auf Max Templeton gerichtet, der das Herz des Patienten in seiner Hand hielt. Die Zeit stand still.

„Absaugen.“

Lois führte den Absaugschlauch in die Brusthöhle ein, wo sich das Blut staute. Danach konnte Max wieder mehr sehen.

„Besserer Druck auf der Arterie“, sagte sie mit einem Blick auf den Monitor.

Sie mochte weder schlank, schön und attraktiv sein – und Emilio hatte ihr das immer wieder so bestätigt –, aber hier kannte sie sich aus.

„Über sechzig“, bestätigte Max. „Ausreichend fürs Hirn. Aber wie es wirklich läuft, sehen wir, wenn ich das Herz wieder loslasse. Alle bereit?“

Niemand widersprach. Er hörte mit der Massage auf und drehte den Kopf zum Monitor.

„Fünfundsechzig.“ Innerlich beschwor Lois den Bildschirm. „Druck bei siebzig.“

Und plötzlich bestand wieder Hoffnung.

„Gut.“ Max Templeton nahm die Hand aus dem offenen Brustkorb und wischte sich mit dem Unterarm über die Stirn. Er atmete langgezogen aus, und seine Züge entspannten sich. „Wie können wir sicherstellen, dass der Patient nicht mehr blutet und eine neue Tamponade braucht?“

Die drei Assistenzärzte sahen ihn an wie verängstigte Rehe in einem Autoscheinwerfer. Er nahm dem einen Assistenzarzt den Wundhaken ab und legte ihn in die sterile Schale, bevor er nach dem Handgelenk des Patienten griff. Er sah sein Publikum an, als wartete er immer noch auf eine Antwort.

Und da zeigte er plötzlich sein berühmtes Lächeln. Der Effekt war so verblüffend, dass Lois nachprüfen musste, ob ihr der Mund offen stand. Wie konnte jemand erst so eiskalt und arrogant sein und im Handumdrehen so freundlich und entspannt?

„Die Antwort lautet: Wir können es gar nicht sicherstellen“, sagte Max. „Es gibt keine Möglichkeit zu wissen, ob sich das Perikard wieder mit Blut füllt. Falls das passiert und jemand von Ihnen im Dienst ist, rufen Sie mich bitte an. Tagsüber oder nachts. Ob ich Dienst habe oder nicht. Okay, vielen Dank Ihnen allen.“

Lois wusste nicht mehr, was sie denken sollte. Uninteressant würde es bestimmt nicht sein, mit ihm zu arbeiten.

Aber was störte sie an ihm?

Sein Superstar-Status? Sein Selbstbewusstsein? Dass er sich offenbar überhaupt nicht fürs Protokoll interessierte? Dass er Grenzen überschritt, um einen Patienten zu retten?

Die Assistenzärzte verließen den Raum. Eine der Schwestern zog den Vorhang hinter sich zu und lächelte Max dabei unnötig kokett zu. Lois verdrehte ungläubig die Augen.

„Wollen Sie noch ein Echokardiogramm, Dr. Templeton?“, fragte sie scharf.

Es war egal, wie die anderen sich verhielten. Sie konnten so viel mit ihm flirten, wie sie wollten. Sie konnten noch so jung und schlank sein wie diese Krankenschwester. Noch so selbstbewusst sein.

Lois war noch nie gut im Flirten gewesen. Wann immer sie es versuchte, fand sie sich selbst albern. Wahrscheinlich musste man so etwas schon als Teenager lernen, wenn man mit seinen Freundinnen ausging oder bei Tanzveranstaltungen der Schule. Das hatte sie alles nie gemacht. Sie hatte ihre Mutter gepflegt und keine Zeit für solche Übergangsrituale gehabt. Sie war auch nie bei Freundinnen zu Besuch gewesen, um sich gemeinsam für eine Party zu schminken und die Kleider der anderen anzuprobieren.

Nicht einmal mit Emilio hatte sie geflirtet. Es war ein Rätsel, wie sie überhaupt zusammengekommen waren. Na ja, er war es gewesen, der sich angestrengt hatte. Und sie war dumm genug gewesen, ihm seine leeren Komplimente zu glauben.

„Nein, danke“, sagte Max. „Das Blut ist weg, die Zahlen sehen gut aus. Sollen wir ihn wieder zusammennähen?“

Tom schlüpfte aus der Kabine und kam einen Moment später mit einem Nähpack zurück, das er auf das Bett legte. „Ich würde dann woanders weitermachen. Kann ich gehen, Lois?“

Erneut war Max schneller. „Klar.“

Dann beugte er sich noch einmal über den Patienten, steckte sich das Stethoskop in die Ohren und lauschte dem Herz des Patienten.

Tom zog die Augenbrauen hoch und grinste Lois an. Dann verschwand er wieder und ließ Lois mit Max allein.

Sie biss sich auf die Unterlippe. „Vielleicht wollen Sie ja die Klappe noch mal überprüfen.“

Das war das normale Vorgehen, und es war ihre Pflicht, ihn darauf hinzuweisen, auch wenn er noch so ein berühmter Chirurg war.

Er griff nach den sterilen Handschuhen aus dem Nähpack, das Tom bereits geöffnet hatte. Dann sah er Lois mit seinen tiefblauen Augen direkt ins Gesicht. Sein Lächeln machte sie sprachlos. „Ein EKG ist nicht nötig.“

Lois sah ihm zu, während er die Brust des Patienten wieder schloss, völlig auf seine Arbeit konzentriert. Es war bestimmt gerechtfertigt, dass ihn alle für seine Arbeit lobten. Er hatte gerade mitten auf der Intensivstation diesen Mann aufgeschnitten und ihm das Leben gerettet.

Nur dass er gegen jegliches Protokoll verstoßen hatte, keinen Zugangspass trug und mit den Mitarbeitenden sprach, als ob er hier das Sagen hatte und nicht sie.

„Sie haben sich über den fehlenden Ausweis geärgert, Schwester“, sagte er und unterbrach sie in ihren Gedanken. Sie straffte die Schultern, aber er sah sie gar nicht an, sondern arbeitete weiter an seinem Patienten, der dunkle Schopf vorgebeugt. Lange, schlanke Finger.

Es war hypnotisierend. Rein beruflich gesehen.

„Alle Mitarbeitenden müssen jederzeit ihren Zugangspass tragen“, sagte sie mit leicht krächzender Stimme. Nach dem, was ihm gerade gelungen war, schien die Sache mit dem Ausweis wirklich albern.

„Ich war noch nicht fertig mit dem Umziehen, als der Notruf wegen des Herzstillstands kam.“ Jetzt drehte er sich zu ihr, und seine intensiv blauen Augen verursachten ihr fast selbst einen Herzstillstand.

Was tat er da nur? Sie interessierte sich nicht mehr für Männer!

Schon wendete er sich erneut seinem Patienten zu, und sie konnte wieder besser atmen.

„Und wenn ich mir nicht mehr sicher wäre“, fuhr er fort, „wie ich eine Aortenklappe richtig einsetze, dann sollte ich, ehrlich gesagt, wohl lieber in Pension gehen.“

Bescheidenheit gehörte jedenfalls nicht zu seinen Tugenden.

Doch dann lächelte er, und seine Augen funkelten wie Sterne.

„Ich weiß, was Sie denken, Schwester Newington.“

Dass er unglaublich großartig aussah?

„Ich bezweifle es, Dr. Templeton.“

Er senkte seinen Blick und sah sich noch einmal die Nähte an. „Sie denken, dass ich ein arroganter Idiot bin.“

Womit er nicht unrecht hatte. Außerdem hatte sie jedoch gedacht, dass sie ihm gern für immer und ewig in die blauen Augen sehen würde.

„Das Tragen eines Zugangspasses ist für alle Mitarbeitenden obligatorisch, ob Sie nun Reinigungspersonal sind oder Chirurg, und ich würde mich freuen, wenn Sie sich das nächste Mal daran halten würden, wenn Sie auf meine Station kommen. Es gibt schließlich gute Gründe.“

Max schnitt den Faden ab, warf die Nadel und die Pinzette in das gebrauchte Päckchen und sah auf die Armbanduhr, ohne auf ihren Kommentar einzugehen.

„Fertig?“, fragte er.

Sie schluckte und hielt seinem Blick stand. Max Templeton kannte es nicht anders, als dass sich ihm alle zu Füßen warfen. Sie nicht. Ganz bestimmt nicht.

„Er gehört ganz Ihnen, Schwester Newington“, sagte er mit einer Geste zum Patienten hin.

Sie tat einen Schritt nach vorn, um die Wunde zu säubern. Aber Max trat nicht zur Seite, und so berührten sich wieder ihre Unterarme.

Er strahlte so viel Wärme aus. Viel zu viel. Warum ging er nicht?

„Ich kümmere mich“, sagte sie.

„Da bin ich mir sicher, Schwester. Bitte, fangen Sie an. Ich sehe mir nur noch einen Moment die Herzfrequenz an.“

Sie versuchte also so zu tun, als ob er gar nicht da war, zog einen Verband aus der Verpackung und legte ihn über die Naht. In ihr ging es drüber und drunter. Warum nur waren ihre Knie so schwach?

Er konnte etwas. Zweifellos.

Und von Emilio kannte sie es doch bereits, mit einem Chirurgen zusammenzuarbeiten, der sich als Gottesgeschenk sah. Sie hatte ihn überlebt. Wenn auch nur knapp.

Männer wie Emilio und Max konnten alles machen, was sie wollten, mit wem auch immer sie wollten. Und wenn sie letztes Jahr eine Sache gelernt hatte, dann dass man Männern nicht trauen konnte. Insbesondere nicht den gutaussehenden, erfolgreichen Männern.

2. KAPITEL

Es war eine Lüge. Er musste die Herzfrequenz des Patienten nicht mehr im Auge behalten. Das rhythmische Piepen sagte ihm doch ganz genau, wie es dem Mann ging. Aber es war knapp gewesen, und wenn es knapp wurde, kam das Beste und das Schlimmste an ihm zum Vorschein.

Einerseits war er dann so konzentriert, dass er dem Patienten alles geben konnte, was er hatte. Er rief alles ab, was er jemals gelernt hatte, damit der Patient überlebte – genau so, wie er es sich damals gewünscht hatte, vor all den Jahren, als das Leben seines Bruders in seinen Händen gelegen und er es nicht hatte retten können.

Andererseits wurde er halt auch zu einem arroganten Idioten. Er arbeitete daran, und manchmal gelang es ihm schon, nicht so übertrieben selbstbewusst und herablassend zu wirken … aber eben noch nicht immer.

Er träumte davon, einmal zu einem Notfall zu kommen und dabei gar nichts zu fühlen. Dann würde er mit einem freundlichen Lächeln und in einem professionellen Ton die richtigen Befehle geben, und alle würden ihn für ganz cool halten, während er Entscheidungen über Leben und Tod fällte. Aber bei jedem Notfall kamen Erinnerungen von früher hoch, die er so gern vergraben wollte.

Dann war er wieder der zwölfjährige Junge, der seinen Zwillingsbruder nicht gerettet hatte.

An dem Tag, an dem William gestorben war – der Tag, an dem alles kaputt gegangen war –, hatte er sich selbst etwas versprochen: So etwas würde er nie wieder zulassen. Er war Herzchirurg geworden und tat alles dafür, seine Patienten und Patientinnen nicht zu verlieren. Hier am St. Martin’s würde er noch den Rest des Versprechens einlösen.

Max sah die Krankenschwester an, die ihm bei dem Eingriff so souverän zur Seite gestanden hatte. Die Krankenhauschefin hatte bereits von Lois Newington geschwärmt – sie sei ein absoluter Profi, die die ganze Abteilung wie eine gut geölte Maschine am Laufen hielt.

Allerdings hatte ihm niemand gesagt, dass Schwester Newington verlockende Komm-ins-Bett-Augen und unglaubliche Kurven hatte und den Leuten offenbar ordentlich in den Hintern treten konnte. Und das gefiel ihm.

Da mochte er noch so sehr zu den besten Herz-Lungen-Chirurgen weltweit gehören – als sie ihn wegen des fehlenden Ausweises ermahnt und dann auch noch seine Entscheidung, die Brust des Mannes zu öffnen, infrage gestellt hatte, hatte er sich wieder wie ein Erstsemester gefühlt.

Natürlich war es richtig, dass sie Fragen stellte. Nur war ihm das lang nicht mehr passiert. Und gerade das machte es so interessant …

„Übrigens, gut gemacht“, sagte er und wunderte sich selbst über sein Lob.

Sie sammelte den Müll vom Bett und warf ihn in eine Abfalltüte. „Dass ich Sie nicht rausgeschmissen habe, damit Sie Ihren Zugangspass holen?“

„Das wäre wohl in diesem Moment nicht im Interesse des Patienten gewesen.“

Sie hob den Blick und erwiderte seinen. Die Zeit stand still.

Und dann lächelte sie.

Und sein Magen schlug einen Salto.

„Ich hatte keine andere Wahl, als ihn hier zu behandeln“, sagte er, „auch wenn Sie damit nicht einverstanden waren.“

„Lassen Sie es nur nicht zur Gewohnheit werden.“ Sie sah sich das Chaos um das Bett herum an und seufzte übertrieben. „Das macht nur Unordnung.“

Ihre Augen funkelten, und jetzt konnte er sein eigenes Lächeln auch nicht mehr unterdrücken.

„Tut mir leid. Ich helfe Ihnen.“

Er nahm die benutzte Schere, ging aber davon aus, dass die Schwester ihm sofort sagen würde, er solle sich um die nächsten Patienten kümmern gehen, wie es die meisten Schwestern taten.

„Sehr nett.“ Sie reichte ihm den Wundhaken. „Gemeinsam ist man schneller fertig.“

Lois Newington war offenbar nicht wie die meisten Schwestern. Und er konnte seinen Blick nicht von ihr lösen. Ihrem Ruf schien sie jedenfalls gerecht zu werden – selbstbewusst, kompetent, alles unter Kontrolle. Perfekt für eine Krankenschwester in der Intensivstation.

„Sie meinen es bestimmt gut mit der Hilfe“, sagte sie schließlich und blickte auf seine Hände, in denen er – gefühlt seit Stunden – eine Packung Mullverband hielt, „aber wenn Sie etwas aufheben, müssen Sie es dann auch weglegen, sonst gilt es nicht als Aufräumen … Sie sind so etwas wohl nicht gewöhnt.“

„Was meinen Sie?“, fragte er verwundert.

Sie verdrehte die Augen und nahm ihm den Mullverband ab. „Gehen Sie ruhig.“

Schon wieder fühlte er sich wie im ersten Semester.

„Ich muss eh einen Bypass operieren“, sagte er.

Was tat sie ihm da an? Er war Chirurg, Facharzt, einer der besten im ganzen Land – und diese Krankenschwester schimpfte mit ihm. Interessanterweise machte es ihm aber nichts aus, ganz im Gegenteil.

„Ich weiß.“ Sie streckte sich, um den Vorhang aufzuziehen. Sein Blick wanderte ihren Körper hinunter, und er atmete tief ein, als ihre Uniform ein Stück nach oben rutschte und er ihre nackten Kniekehlen sah. „Mr. Swain kommt nach der Operation direkt hierher, und ich habe ihm versprochen, da zu sein, wenn er aufwacht.“

Seine eigenen Gedanken ließen ihn schwindeln, und es gelang ihm einfach nicht, sie zu unterdrücken. Schwester Lois Newington sah in dieser blauen Uniform so gut aus, wie es ihm noch bei niemandem aufgefallen war.

Aber das spielte keine Rolle. Er war nur aus einem Grund hier und hatte nicht die Zeit, irgendetwas anderes anzufangen. Dass er Herzchirurg war, war ja nicht einfach so passiert. Es hatte ihn viel Zeit, Energie und Geld gekostet. Wenn er dieses neue Projekt zum Laufen brachte, würde er William zwar nicht zurückbekommen, aber immerhin würden nicht noch weitere Familien auseinandergerissen werden. Dafür musste er alles geben, was er hatte. Denn er hatte seinem Zwilling versprochen, dass das, was ihm passiert war, niemandem anders mehr passieren würde.

„Dann bis später“, sagte er. „Falls Sie dann noch Schicht haben.“

„Das kommt darauf an, wie lange Sie mit Mr. Swain beschäftigt sind.“

Sie zog den Vorhang auch das letzte Stück zurück, und plötzlich standen sie mitten in der geschäftigen Station mit ihren klickenden Beatmungsgeräten, piepsenden Monitoren, lauten Alarmen. Er musste sich wirklich um seinen Patienten kümmern, aber stattdessen stand er hier mit dieser faszinierenden Frau und hoffte, dass ihre Schicht noch eine Weile dauerte.

„Ich bin bestimmt noch da“, versicherte sie ihm jetzt. „Ich gehe erst, wenn alle Patienten und Patientinnen nach ihren OPs gut angekommen sind. Ich schlafe nie.“

Ihre Antwort überraschte ihn nicht, und der Ernst in ihren Augen bestätigte ihm ihre Entschlossenheit. Er mochte das und musste lächeln.

Ein rein berufliches Lächeln. Privat interessierte ihn nichts daran. Er verbrachte – natürlich – gern Zeit mit Frauen, und es gab immer eine für ein oder zwei Nächte … meist weil er gute Beziehungen in die Fernsehwelt hatte. Aber etwas Längeres? Nein, danke. Das bedeutete nur, jemanden in seinen Kopf zu lassen, und in seinem Kopf war es so durcheinander, dass das keine gute Idee war.

Erneut trafen sich ihre Blicke, und sein Puls beschleunigte sich wie ein Rennwagen. Das Summen und Brummen der Station trat wieder in den Hintergrund. Es gab nur noch sie beide, diesen einen langen Moment, als sie sich ansahen.

Dann senkte sie die Lider und verbarg ihr wunderbares Lächeln. Sie schob die Hände in die Taschen und sah sich um. Ihr Selbstvertrauen war mit einem Mal verschwunden.

Was war passiert?

Aber warum fragte er sich das. Es war nicht wichtig.

Er wollte nicht einmal etwas Kurzes. Es gab zu viel anderes zu tun. Manchmal war es hier in London die Hölle, aber er war geblieben und hatte sich selbst versprochen, dass er erst gehen würde, wenn er sein Ziel erreicht hatte. Sein Plan war Kalifornien – weit weg von der Stadt, in der er aufgewachsen war und in der sich sein Leben früh für immer verändert hatte. Und jetzt lag das Ziel so nah.

„Ich muss in den OP“, sagte er schließlich.

„Ja.“ Sie sah auf die Uhr, zog einen Stift aus ihrer Brusttasche und schrieb etwas auf die große Akte am Fußende des Bettes. „Je schneller Sie mit Mr. Swain fertig sind, desto schneller haben wir ihn hier.“

Und da war sie wieder, die selbstbewusste Lois Newington von vorhin.

„Danke noch einmal für Ihre Hilfe, Schwester.“

Er ging. Er wollte nicht, aber er ging – und er wollte auch nicht zugeben, dass er nicht wollte. Auch umdrehen würde er sich nicht. Auf gar keinen Fall. Er stieß die Schwingtüren zum Operationsbereich auf und wandte sich an eine Krankenschwester. „Wir können mit Mr. Swain von Station sechs loslegen. Ich bin in fünf Minuten fertig.“

Im Waschraum stand er vor dem langen Becken und rieb sich die dunkelorange Jodlösung auf Hände und Arme. Er rubbelte und wusch sie wieder ab, wiederholte das Ganze, und währenddessen hatte er die ganze Zeit Bilder von Lois vor dem inneren Auge, die sich einfach nicht vertreiben ließen. Schließlich trocknete er sich die Arme ab und schob sie in den sterilen Kittel.

Diese Augen.

Er nahm sich ein Paar Handschuhe und zog auch die an.

Diese Kurven. Dieses freche, glitzernde Selbstvertrauen.

Gleichzeitig schien sie verletzlich und versuchte, es zu überspielen, indem sie sich gleich etwas zu tun suchte. Ob es einen Grund dafür gab?

„Bereit, Max?“

Er zuckte zusammen.

Toby stand da, der Anästhesist. „Der Patient schläft. Du kannst loslegen.“

„Alles klar.“

Jetzt musste er alle Gedanken an Lois auf später verschieben. Oder einfach ganz damit aufhören. Er würde bald gehen. London war schon seit Langem nicht mehr seine Heimat. Es war einfach ein Ort, an dem er seine Pflicht tat. Danach würde er verschwinden. Die Erinnerungen taten einfach zu weh, und nach all den Jahren mit Studium, Prüfungen, Recherche und langen Arbeitsschichten hatte er sich einen Ortswechsel verdient. Daran würde nichts etwas ändern.

Tom reichte ihr die Flasche mit dem Anästhetikum.

„Das war alles ziemlich dramatisch, oder?“, sagte er.

Lois hielt die Flasche hoch und stach eine Nadel durch den Gummiverschluss. Winzige Luftblasen bewegten sich durch die Flüssigkeit.

„Du meinst die Thorakotomie?“

„Ja. Wie ein Superheld ist er in den Raum geschwebt. Ich habe mich kurz gefragt, ob er unter seinen normalen Klamotten einen hautengen Gummianzug anhatte.“ Tom grinste. „Das war das erste Mal, dass du ihn gesehen hast, oder?“

„Allerdings.“

Lois kümmerte sich weiter um die Vorbereitung der Infusionslösung. Sie wollte so gern vergessen, wie Max sie mit seinen blauen Augen angesehen hatte – und wie heftig ihr das Herz in der Brust geklopft hatte. Aber den ganzen Nachmittag hatte sie schon an nichts anderes denken können. Und jetzt musste Tom ihn auch noch erwähnen.

„Willkommen im Fanclub“, sagte Tom schwärmerisch. Doch dann änderte sich sein Gesichtsausdruck. „Warum sind die gutaussehenden Männer alle heterosexuell?“

Er seufzte theatralisch und brachte sie damit zum Lachen. „Nicht aufgeben, Tom. Dein strahlender Ritter wird schon eines Tages auftauchen. Komm, lass uns hiermit weitermachen.“

Sie zeigte auf die Infusionsbeutel – Hauptsache, sie musste nicht mehr über Max Templeton reden. Über sein ansprechendes Profil. Darüber, wie er konzentriert das Herz seines Patienten in der Hand gehalten und ihm das Leben gerettet hatte. Das würde sie wohl nie vergessen, auch wenn sie es den ganzen Nachmittag lang versucht hatte.

Mit Ausnahme seiner chirurgischen Fähigkeiten interessierte sie nichts an ihm. Romantische Gefühle? Nix da!

Er hatte gesagt, er würde nach dem Bypass zurück auf die Station kommen. Ihr Puls beschleunigte sich. Wie er sie nach dem Aufräumen angelächelt hatte. Ihr war so heiß geworden, dass sie hatte wegsehen müssen. Hoffentlich war ihm das nicht aufgefallen. Hoffentlich hatte sie sich nächstes Mal besser unter Kontrolle, wenn sie sich trafen.

Max Templeton war anders als alle Männer, die sie je kennengerlernt hatte. Verdammt. Erneut fing ihr Herz wie wild an zu klopfen.

3. KAPITEL

Lois prüfte die nächste Checkliste. Sauerstoffversorgung und Absaugpumpe, Infusionspumpen und alle Unterlagen – das Zimmer war für den Patienten bereit. Hinter sich hörte sie, wie die Doppeltüren aufschwangen.

Ihr Herz setzte einen Schlag lang aus. Max. Er war früh dran.

Der Krankenpfleger grinste ihr zu, während er das Bett mit dem Patienten darin ins Zimmer rollte, exakt zwischen den Geräten ausrichtete und die Bremse feststellte.

„Guten Abend, Schwester.“

„Guten Abend, Dom.“

Kein Max Templeton.

Lois lächelte Dom zu, aber die flatternden Schmetterlinge hatten sich in Steine verwandelt und sanken in ihre Magengrube. Sie hatte sich so gefreut, ihn wiederzusehen, und die Enttäuschung war groß. Sie zog sich die Uniform zurecht und sah dem Anästhesisten entgegen, der in den Raum getreten war.

„Alles gut gelaufen“, sagte Toby, zog den Sauerstoffschlauch von dem tragbaren Zylinder und reichte ihn ihr. „Dreifach-Bypass mit Pumpe, wie geplant. Ein Venentransplant vom linken Bein, zwei Blutkonserven. Noradrenalin bei vier Milliliter pro Stunde. PCA. Die letzten Blutgaswerte waren okay. Thoraxdrainage in situ und offen. Alle Anweisungen für die Weiterbehandlung wie immer in der Akte.“

„Was ist mit seiner Familie?“

Lois steckte die Kabel von den tragbaren Monitoren in die Stationsmonitore über dem Bett, die hell wurden und die Vitalwerte des Patienten in verschiedenfarbigen Wellenformen anzeigten.

„Sie wissen Bescheid und kommen morgen zu Besuch. Templeton ist mit allem zufrieden. Willst du noch etwas wissen?“

„Nein, das war’s. Danke, Toby.“

Die Schmetterlinge in ihrem Bauch hatten bei Erwähnung von Max’ Namen gleich wieder zu tanzen begonnen.

„Gut gemacht, Mr. Swain“, sagte Toby und berührte den Arm des Patienten. „Schlafen Sie gut heute Nacht. Sie sind hier ausgezeichnet versorgt.“

Lois versuchte, die Schmetterlinge zu beruhigen, und lächelte Toby zu. Er war herzlich und freundlich und kümmerte sich gut um all seine Patienten. Sein Gesicht war sympathisch, und er stand mit beiden Beinen auf dem Boden. Verheiratet war er mit Lois’ bester Freundin Natalie, die auch hier als Krankenschwester arbeitete. Ein erstes Baby war auf dem Weg, und die beiden waren sehr glücklich.

Es war schön, ein so verliebtes Paar zu sehen.

Wie es sein musste, von einem Mann so sehr geliebt zu werden?

Vielleicht würde sie das niemals erfahren. Ihre Mutter hatte ihr immer zu verstehen gegeben, dass Lois nicht liebenswert war. Nicht attraktiv genug, dass sich jemals jemand in sie verlieben würde. Nachdem ihre Mutter dann gestorben war, war Lois irgendwann klar geworden, dass diese grausamen Worte möglicherweise ein Versuch gewesen waren, Lois an sich zu fesseln. Lois hatte sich immer ihrer Stellung bewusst bleiben, hatte nicht glauben sollen, ihre Mutter jemals wegen eines Freunds oder gar eines Ehemanns verlassen zu dürfen.

Und es hatte funktioniert. Es funktionierte sogar immer noch. Es dauerte extrem lang, die Gründe hinter der Bösartigkeit ihrer Mutter zu verstehen. Ein wenig Fortschritt hatte Lois in den letzten Jahren schon gemacht, aber dann war Emilio aufgetaucht und hatte sie so verarscht, dass jeglicher Fortschritt sich in Luft aufgelöst hatte.

„Bis morgen früh, Mr. Swain.“ Auch sie berührte kurz die Hand des Patienten. „Schlafen Sie gut.“

„Danke, Schwester … dass Sie Ihr Versprechen gehalten haben.“

Sie hatte noch nichts gegessen, und es war spät. Doch als sie an der Hauskapelle vorbeikam, hielt sie inne. Dort würde es ruhig und leer sein. Eine gute Gelegenheit, für den Gottesdienst am Sonntag zu üben. Das Abendessen konnte noch eine halbe Stunde warten – außerdem hatte sie wirklich genug Reserve auf den Hüften.

Die Tür quietschte leise. In der Kapelle flackerten ein paar Kerzen. Der Duft nach Bienenwachs schwebte durch den dunklen Raum. Sie drückte auf einen der Wandschalter, die den Altar in sanftes Licht tauchten. Sie ging nach vorn, zog dabei ihre Fleecejacke aus, legte sie auf einem Stuhl ab und ihre Tasche darauf. Das Licht ließ einen Teil der bunten Glasfenster hinter dem Altar aufleuchten.

Nur ihre Schritte auf den Terrakottafliesen waren zu hören, und so spät würde sonst wohl niemand mehr vorbeikommen. Perfekt.

Der Kirchenchor war während ihrer Kindheit eine Fluchtmöglichkeit gewesen. Neben der Schule hatte sie sonst kaum irgendwo hingedurft. Im Chor fühlte sie sich aufgehoben und hatte Freundschaften, während es in der Schule und im Studium stets anstrengend gewesen war. Und zu Hause hatte sie ihre Mutter pflegen müssen.

Das Ave-Maria war perfekt für ihren Mezzosopran. Sie liebte die wunderschöne, zarte, emotionale Melodie. Wenn Lois vor anderen Menschen singen musste, stellte sie sich immer vor, dass niemand da war und über sie urteilen konnte. Im Chor versteckte sie sich in der hintersten Reihe.

Sie hatte sich schon oft geschworen, dass sie ihre Kinder, falls sie jemals welche bekommen würde, stets ermutigen würde, so laut zu singen, wie sie wollten. Wann immer sie wollten. Denn sie selbst hatte das nicht gedurft.

Sie schloss die Augen und begann zu singen, zuerst ganz sanft, aber dann wurde ihre Stimme kräftiger und intensiver, und sie schickte sie bis in alle Ecken der Kapelle, erreichte das Crescendo des Stücks und wurde dann wieder leiser.

Nach den letzten Takten atmete sie tief durch.

Da hörte sie, wie ein Stuhl über den Boden kratzte. Lois erstarrte. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte sie, in die Dunkelheit zu blicken. Ganz hinten stand ein dunkler Umriss auf und kam durch den Mittelgang auf sie zu. Instinktiv trat sie einen Schritt zurück.

Jetzt fielen die Altarlichter auf die Figur.

Max Templeton.

Was machte der denn hier?

Er blieb in einiger Entfernung zu ihr stehen und grinste unangenehm berührt, die Hände in den Hosentaschen. „Ich bin’s nur.“

Ich bin’s nur? Er war so ungefähr der letzte Mensch, den sie hier hatte sehen wollen. Wie ein schleichender Panther auf Futtersuche war er aus der Dunkelheit gekommen. Ob er in der Stille ihr hastig schlagendes Herz hören konnte?

„Das sehe ich … jetzt.“

„Es tut mir leid, ich wollte Sie nicht erschrecken.“

Jetzt kam er auf sie zu, und sie musste an sich halten, um nicht davonzulaufen. Er blieb vor dem Altarpodest stehen und somit drei Stufen unter ihr. Ihre Augen waren auf gleicher Höhe, und im Kerzenlicht sahen seine blauen Augen aus wie ein tiefes, tiefes Meer, in das sie eintauchen wollte.

„Sie haben eine wunderschöne Stimme, Schwester Newington.“

Hitze durchströmte sie, die auch auf ihren Wangen zu sehen sein musste.

„Ach, ich habe nur geübt. Mit Instrumenten ist das natürlich viel besser.“ Sie schob die Hände in die Taschen.

„Ohne Instrumente war es ganz großartig. Perfekt.“

Sein ehrlicher Blick hypnotisierte sie.

Sie kräuselte die Nase. Sie war nicht perfekt. „Es war ganz in Ordnung, schätze ich. Ich wusste nicht, dass jemand hier ist. Sind Sie gerade erst reingekommen?“

„Nein, ich war schon da.“

„Oh …“

„Es war ein anstrengender Tag. Ich wollte nur fünf Minuten Ruhe.“

„Im Dunkeln? Dann hätten Sie etwas sagen sollen.“

Inzwischen trug er Jeans und ein blaues Hemd ohne Krawatte, das perfekt zu seinen Augen passte. Erste Stoppeln hatten sich auf seinen Wangen gebildet, die sie nur zu gern angefasst hätte.

„Ich wollte so gern zuhören.“

„Warum?“

Es war unhöflich, nichts zu sagen. Jeder andere hätte sich bemerkbar gemacht.

„Ich war neugierig.“

„Ich dachte, es wäre niemand da.“ Sonst hätte sie sich dem Lied niemals so hingegeben. Mit einem Mal fühlte sie sich wie nackt und verschränkte instinktiv die Arme vor der Brust.

„Ich wollte Sie nicht unterbrechen“, sagte er und lächelte. Nicht dieses Aftershave-Werbeanzeigen-Lächeln, das er sonst nutzte, sondern sanfter. Lois befürchtete, dass ihre Knie sie nicht mehr lang aufrechthalten würden, und verschränkte die Arme noch fester.

Nie wieder würde sie sich von einem schönen Gesicht und einem strahlenden Lächeln täuschen lassen. Er hatte eine Grenze überschritten. „Sie hätten sich wirklich bemerkbar machen müssen.“

„Ich bin froh, dass ich das nicht getan habe.“ Kein bisschen Reue war in seiner Stimme zu hören. „Im Gegenteil.“

„Ihnen gefällt es also, sich wie ein Spion im Dunkeln zu verstecken?“

„Eher wie ein Agent.“

„Das ist doch dasselbe.“

Er lachte. „Ich meine einen Musikagenten. Einer, der nach neuen Talenten sucht.“

Jetzt machte er sich auch noch über sie lustig. „Ich muss nach Hause und etwas essen. Morgen früh um sieben muss ich schon wieder hier sein.“

„Ich habe auch noch nichts gegessen. Sollen wir uns zusammen etwas suchen? Ich lade Sie ein – als Entschuldigung, dass ich hier herumspioniert habe.“

Oh, nein. Jetzt wollte sie endgültig fliehen. Sie wünschte sich in die Sicherheit ihrer Wohnung. Weit weg von diesem Kerl. Wie sollte sie ihm nur jemals wieder unter die Augen treten?

„Kommen Sie – wir sind beide müde und haben Hunger. Die Straße runter gibt es eine gute Pizzeria. Sie sehen aus, als könnten Sie eine Pizza vertragen.“

Er drehte sich um und nahm ihre Jacke und ihre Tasche vom Stuhl, ging einige Schritte weiter den Gang herunter und wartete dann auf sie.

Er hatte recht: Sie war müde und hatte Hunger und wusste gut, dass sie aussah wie jemand, die gern Pizza aß. Zu viel Pizza, die sich hauptsächlich auf ihren Hüften niederließ. Und morgen müsste sie sich ja ohnehin wieder mit ihm auseinandersetzen, also konnte sie das auch heute Abend schon erledigen.

„Die Margherita ist besonders gut“, sagte er.

Sie seufzte. Sie konnte wohl kaum darauf hoffen, dass er ihren Auftritt hier einfach vergaß, und der Boden würde sich auch nicht mehr auftun, um sie zu verschlingen.

Das Buntglasfenster warf Lichter wie Edelsteine auf ihn, Rubine, Saphire, Smaragde. Als ob ihn der Himmel geschickt hätte.

Mit hoch erhobenem Kopf ging sie auf ihn zu, nahm sich ihre Fleecejacke und die Tasche und ging an ihm vorbei.

„Sie bezahlen.“

Max wusste, dass er nicht schweigend im Dunkeln hätte sitzen bleiben sollen. Als Lois hereingekommen war, hatte er gedacht, dass sie eine Kerze anzünden oder einige Minuten dasitzen und wieder gehen würde. Aber dann hatte sie die Lampen über dem Altar eingeschaltet und sich wie auf einer Bühne hingestellt. In dem Moment hätte er sich bemerkbar machen müssen, aber er war zu neugierig gewesen.

Zum Glück. Ihre Stimme war beeindruckend. Einzigartig. Und er wollte sie gern bei sich in der lang geplanten Show haben. Aber sie war verständlicherweise nicht glücklich darüber, dass er ihr zugehört hatte.

Sie liefen gemeinsam den kurzen Weg zum Restaurant und unterhielten sich über den warmen Sommerabend. Während der langen Schichten im Krankenhaus vergaß man oft, dass es überhaupt so etwas wie Wetter gab.

Max wählte einen Tisch in einer Ecke aus. Auf der Wand daneben war ein italienischer Garten gemalt, inklusive schlanker Zypressen in Terrakottatöpfen. Der Kellner kam sofort und tauschte die Kerze auf dem Tisch aus.

„Warum saßen Sie denn überhaupt dort in der Kapelle?“, fragte Lois, als der junge Mann sie mit den Speisekarten allein ließ.

„Ich war jedenfalls nicht als Spion unterwegs“, sagte Max schließlich.

Er wollte nicht darüber reden. Die Trauer um William trug er jeden einzelnen Tag mit sich herum, aber heute war es besonders schlimm gewesen. Andere Menschen konnten sich in solchen Fällen an ihre Familien wenden, aber das war bei ihm schon lange nicht mehr möglich. Und so war er in der kleinen Kapelle gelandet.

Lois stippte ihr Brot in das Schälchen mit Olivenbrot und hob es an ihre Lippen. Aber sie biss nicht hinein. Unter ihren langen Wimpern hervor sah sie ihn ironisch an. „Okay, dann frage ich anders. Warum haben Sie mich heimlich beobachtet, statt sich zu melden, wie die meisten Menschen es wohl getan hätten?“

Jetzt biss sie in das Brot, und das Öl glänzte auf ihren Lippen. Sie ließ nicht locker, aber er wollte kein Mitleid von ihr. Stattdessen wollte er, dass sie für ihn sang.

„Es tut einfach gut, da zu sitzen und nach einem langen Tag zu Atem zu kommen.“ Das war zumindest keine Lüge, wenn auch nicht die ganze Wahrheit. „Schmeckt das Brot gut?“

Sie tupfte sich die Lippen mit der Serviette ab und ignorierte seine Frage. „Sind Sie religiös?“

Nicht nach all dem, was er erlebt hatte. Kein wohlmeinender Gott würde es so viel Schmerz zulassen. „Nein. Die Kapelle ist nur der einzige Raum im Krankenhaus ohne Lärm und Chaos. Und ohne Menschen, die etwas von einem wollen.“

Er musste allerdings zugeben, dass es ein seltsamer Ort war, um seinen eigenen Geburtstag zu feiern. Aber er hatte in Ruhe an seinen Zwillingsbruder William denken wollen, der seit über zwanzig Jahren diesen Geburtstag nicht mehr mit ihm feiern konnte.

Ohnehin war in seiner Familie seit über zwanzig Jahren nicht mehr gefeiert worden. Mit Williams Tod hatte das alles aufgehört: keine Geburtstage, kein Weihnachten, keine Abschlussfeier.

„Margherita für zwei?“

Der dunkelhaarige Kellner lächelte und stellte eine riesige Pizza auf den Tisch.

Lois machte große Augen. „Sie hatten recht – die ist wirklich groß genug für zwei. Auch wenn ich seit einer frühen Mittagspause gar nichts mehr gegessen habe. Im Notfall würde ich es auch allein schaffen.“

Sie lächelte ihn entschuldigend an, und er konnte seinen Blick nicht von ihr losreißen.

„Dann wünsche ich einen guten Appetit.“

Aber Lois hatte sich bereits ein Stück geschnappt, biss hinein und stöhnte zufrieden.

„Schmeckt?“

„Mmm.“ Sie bedeckte ihren Mund mit einer Hand. „Sehr gut. Aber ich darf das auf keinen Fall alles alleine essen. Kommen Sie oft hierher?“

„Zu oft.“ Er machte eine Grimasse und nahm sich ebenfalls ein Stück Pizza, dessen Käse sich appetitlich in die Länge zog. „Die Pizzeria liegt auf meinem Heimweg, und es ist so praktisch, sich einfach etwas zu bestellen. Ich kann leider nicht gut kochen.“

„Italienische Pizza ist einfach die beste.“ Lois nahm sich ein zweites Stück, wickelte sich den Käse um einen Finger und steckte ihn in den Mund. „Das war eine gute Idee von Ihnen.“

„Ich kann noch eine bestellen.“

„Bloß nicht.“ Sie klopfte sich auf die Hüfte und seufzte. „Viel zu viele Kalorien.“

Was hatten nur die Frauen immer mit dem Kalorienzählen? Sie war perfekt. Er hatte nie verstanden, warum Frauen spargeldünn sein wollten.

„Über die Kalorien müssen Sie sich keine Sorgen machen. Außerdem sind Sie Opernsängerin – sind die nicht immer üppig?“

Ihm blieb die Luft im Hals stecken. Was hatte er denn da gesagt? Er nahm sein Weinglas, aber der Geschmack des Chiantis kam kaum bei ihm an. Hatte das etwa wie ein Flirt geklungen? Verdammt.

„Ich brauche noch einen Espresso. Sie auch?“

Wenn sie reagiert und zurückgeflirtet hätte, hätte er nicht widerstehen können – und das war gefährlich. Aber Lois wirkte nicht wie jemand, die sich beim ihm einschleimen wollte, um ins Fernsehen zu kommen. Sie war professionell und wahrscheinlich ohnehin mit irgendeinem Glückskeks zusammen.

Ein Gedanke, der ihm gar nicht gefiel. Zumindest trug sie keinen Ehering – das hatte er vorhin schon geprüft und sich selbst dafür ausgeschimpft.

„Nein, danke.“ Sie schob den Teller von sich, legte ihre Serviette darauf und zog sich den Reißverschluss der Fleecejacke mit dem Krankenhauslogo bis zum Kinn. „Ich muss jetzt nach Hause.“

Sie sah ihn dabei nicht an. Etwas hatte sich verändert. Vielleicht hatte sie auch gedacht, dass er flirtete, und mochte das nicht. Mit einem Mal war sie ganz anders.

Verdammt, hatte er sie wirklich „üppig“ genannt?

„Nehmen Sie doch noch ein Stück.“ Er wies mit dem Kinn auf die Pizza.

„Ich bin satt, danke.“

„Und ein schneller Kaffee?“ Der Kellner kam auf Max’ Winken hin, und Max bestellte einen Espresso für sich. „Sie auch, Lois?“

Er wollte nicht, dass sie schon ging. Er musste sie schließlich noch wegen seiner Show fragen.

Und vielleicht sah er sie auch gern an.

Und vielleicht war das auch der schönste Geburtstag, den er seit Langem gehabt hatte.

Sie zögerte noch, seufzte dann aber und nickte. „Einmal entkoffeiniert, bitte.“

Gut! Auch wenn er sich bemühen musste, sie nicht anzustarren. Das war keine gute Idee. Er hatte eine Mission. Jahre hatte er bereits darauf hingearbeitet, und bald war es so weit. Jetzt hieß es, sie so schnell wie möglich abzuschließen.

London war anstrengend. Hier war er aufgewachsen, hier hatte er mehrere Leben ruiniert … Als er zwölf gewesen war, hatte er natürlich keine andere Wahl gehabt, als bei seinen Eltern zu bleiben, die so von ihrer eigenen Trauer verzehrt worden waren, dass sie ihm alle Schuld zugewiesen und sich kaum noch mit ihm abgegeben hatten.

Einmal war er weggelaufen. Das war am ersten Jahrestag von Williams Tod gewesen, und er hatte geglaubt, dass er für den Schmerz und die Traurigkeit seiner Eltern verantwortlich gewesen war. Es war nicht auszuhalten gewesen. Am nächsten Morgen hatte ihn die Besitzerin des Hausbootes gefunden, in dem er die Nacht verbracht hatte, und nach Hause gebracht.

Als sein Vater einige Monate später gestorben war, hatte seine Mutter gesagt, es sei sein gebrochenes Herz gewesen. Auch dafür sei Max verantwortlich.

Seitdem war es immer sein Plan gewesen, Herzchirurg zu werden. Wenn er anderen Menschen helfen konnte, konnte er den Tod seines Bruders und seines Vaters vielleicht eines Tages irgendwie wiedergutmachen. Vielleicht würde dann sogar seine Mutter stolz auf ihn sein.

...

Autor

Annie Claydon

Annie Claydon wurde mit einer großen Leidenschaft für das Lesen gesegnet, in ihrer Kindheit verbrachte sie viel Zeit hinter Buchdeckeln. Später machte sie ihren Abschluss in Englischer Literatur und gab sich danach vorerst vollständig ihrer Liebe zu romantischen Geschichten hin. Sie las nicht länger bloß, sondern verbrachte einen langen und...

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