Julia Royal Band 51

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ENTFÜHRT VON EINEM PRINZEN von SUSAN STEPHENS

Prinz Ram glaubt zu träumen, als er in Monte Carlo seine Jugendliebe Mia wiedertrifft: Aus dem süßen Mädchen ist eine atemberaubende Frau geworden! Ram ist verzaubert und lädt Mia auf seine Luxusjacht ein. Doch als er sie verführen will, reagiert Mia völlig unerwartet.

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  • Erscheinungstag 04.04.2026
  • Bandnummer 51
  • ISBN / Artikelnummer 9783751539746
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Susan Stephens, Anne McAllister, Julia James

JULIA ROYAL BAND 51

Susan Stephens

1. KAPITEL

Dieses Gespräch erforderte all ihren Mut. Kaum zu glauben, wenn man bedachte, dass sie dem besten Freund ihres Bruders früher unbefangen und kumpelhaft begegnet war. Doch seitdem war viel Zeit vergangen. Inzwischen gefiel Ram sich in der Rolle des hocharistokratischen Playboys.

Mia hingegen hatte ganz andere Probleme.

Narben und Probleme und das brennende Bedürfnis, endlich wieder Rennen zu fahren. Sie dachte gar nicht daran, so leicht aufzugeben.

Natürlich reizte sie auch die Gelegenheit, Ram wiederzusehen. Da brauchte sie sich gar nichts vorzumachen.

Wann hatte sie eigentlich zuletzt mit ihm gesprochen? Egal, jedenfalls war es viel zu lange her. Nervös wartete Mia, dass sich am anderen Ende der Leitung jemand meldete. Wollte man den Medien Glauben schenken, hatte auch Ram sich sehr verändert. Allerdings war von ihm angekündigt worden, dass er plante, sein Playboy-Dasein demnächst zu beenden, um sich ganz dem Wohl seines Volkes in Ramprakesh zu widmen. Zuvor wollte er noch einmal seinem Hobby frönen und mit seinem Superrennwagen an einer Rallye durch Europa teilnehmen.

Mia war sofort wie elektrisiert gewesen, als sie aus den Nachrichten erfuhr, dass Rams Beifahrer erkrankt war. Das war ihre Chance! Ram brauchte dringend einen neuen Beifahrer, sonst konnte er an der letzten Etappe, die durch die verschlungenen Straßen von Monte Carlo führte, nicht teilnehmen. An diesem mondänen Ort hatte Mia nach einem Rennunfall, der sie fast das Augenlicht gekostet hätte, ein neues Leben angefangen.

Lange hatte sie befürchtet, nie wieder Rennen fahren zu können, und nun bot sich aus heiterem Himmel doch eine Gelegenheit, eine Wettfahrt auf höchstem Niveau zu bestreiten. Vorausgesetzt, Ram würde sie als Kopilotin akzeptieren. Mit ihrer Überzeugungskraft und Sturheit aus Kindertagen würde ihr das hoffentlich gelingen. Wenn er sich gleich meldete, würde sie einfach so tun, als hätten sie sich erst kürzlich gesehen.

Eigentlich hatte Ram früher jede Herausforderung von ihr angenommen. Ihr wurde heiß, als sie sich an seine frech blitzenden Augen erinnerte. Als Teenager war er der Star ihrer heißesten Träume gewesen. Dabei hätte Ram sie niemals angerührt. Diese Sicherheit hatte ihre Fantasie wohl noch weiter angeregt. Doch daran wollte sie jetzt nicht denken.

Energisch fuhr sie sich durchs kurze dunkle Haar und las erneut die Schlagzeile, die sie auf die verrückte Idee gebracht hatte. Der Maharadscha auf Stippvisite in Monaco. Ram, besser bekannt unter seinem Titel, sah blendend aus und verfügte über immensen Reichtum, ganz zu schweigen von seinem unwiderstehlichen Sex-Appeal. Außerdem war er noch immer der beste Freund ihres Bruders – und Mias …

Jugendschwarm?

Der Versuch, den Deckel auf dieser Büchse geschlossen zu halten, erwies sich als unmöglich. Ram bedeutete ihr so viel mehr, spielte jedoch nach wie vor in einer ganz anderen Liga als sie. Die englische Ausgabe der Monte Carlo Times übte sich nicht gerade in Zurückhaltung, wenn es um die Reichen und Schönen ging, und Ram Varindha war nicht nur das, sondern entstammte auch der alten Herrscherfamilie eines exotischen Landes. Somit zählte er zu den bevorzugten Gästen des glamourösen Fürstentums Monaco.

Mias Herz tat einen Sprung, als eine ihr bekannte, samtweiche Stimme sich verdächtig mürrisch klingend meldete.

„Ram?“ Sie gab sich kühl und selbstbewusst. „Ich bin’s, Ram.“

Stille.

„Ich bin’s. Mia.“

„Mia?“

Erneute Stille. Offensichtlich ging er im Geiste seine Telefonliste nach einer Mia durch, die in Monte Carlo wohnte.

„Welche Mia?“

Es gab also mehrere Frauen namens Mia in seinem Leben.

„Tu bloß nicht so, als würdest du dich nicht an mich erinnern!“ Kleine Schweißperlen bildeten sich auf ihrer Stirn. So schwierig hatte Mia sich das Gespräch nicht vorgestellt.

Doch geschlagen gab sie sich natürlich nicht! Hindernisse waren schließlich dazu da, überwunden zu werden.

Unbewusst rückte sie ihre mit Edelsteinen verzierte Augenklappe zurecht.

Als die Wirkung des Narkosemittels einsetzte, träumte ich, ich würde Ram einen Eispickel ins kalte Herz rammen, aber sein Herz war aus Stein und der Eispickel rutschte ab. Als ich aufwachte, war ich blind. Dieser Albtraum hatte sie nach dem Unfall schon unzählige Male gepeinigt. Nun ergab sich endlich eine Gelegenheit, dem Albtraum ein Ende zu setzen und das Gefühl der Verlassenheit zu überwinden, das sie überwältigt hatte, als Ram aus ihrem Leben verschwunden war.

Dieses Erlebnis lag Jahre zurück. Sie hätte längst darüber hinweg sein müssen. Nun bot sich endlich die Chance, zu beweisen, dass sie keine Angst hatte, sich Ram und dem Leben zu stellen. Diese Chance wollte sie sich auf keinen Fall entgehen lassen.

„Du wirst dich doch wohl daran erinnern, wie ich dich auf deinem besten Hengst geschlagen habe, als du so unvorsichtig warst, deine Pferde im Stall meiner Eltern unterzubringen, oder?“

„Mia Spencer-Dayly?“

Na endlich! Aber er könnte ruhig etwas erfreuter klingen.

„Höchstpersönlich.“ Mia gab sich betont gut gelaunt.

Fairerweise musste sie zugeben, dass sie die Blicke der Jungen nicht unbedingt auf sich gezogen hatte. Warum sollte Ram sich also darauf freuen, sie wiederzusehen? Sie war immer der burschikose Typ gewesen, der lieber den Stall ausmistete oder den Traktor kurzschloss, statt mit ihren Geschlechtsgenossinnen über die neuste Mode zu plaudern. Und Ram hatte seinen Kopf wohl kaum in Comics gesteckt, sondern lieber ein anschaulich illustriertes Kamasutra verinnerlicht. Wie auch immer, es kam nicht infrage, die Flinte ins Korn zu werfen!

Und sollte der Bericht in der aktuellen Tageszeitung der Wahrheit entsprechen, dachte auch der auf dem nebenstehenden Foto abgebildete große sonnengebräunte, unverschämt gutaussehende Mann mit dem dichten schwarzen Haar und Dreitagebart nicht ans Aufgeben.

„Was willst du, Mia?“

„Was ich will? Die Frage ist doch wohl eher, wie du aus der Klemme kommst, in der du steckst, Ram.“ Fasziniert blieb ihr Blick auf dem Foto hängen. Ram hatte einen Daumen durch eine Gürtelschlaufe geschoben, die Finger zeigten auf sein bestes Stück.

„Noch mal ganz von vorn, Mia. Woher hast du meine Privatnummer?“

„Von Tom natürlich.“ Den Zusatz „Blödmann“ verkniff sie sich, weil sie verhindern wollte, dass Ram das Gespräch abrupt beendete. Andererseits musste sie zu dem burschikosen Umgangston zurückkehren, der immer zwischen ihnen geherrscht hatte. Nur wenn sie an die alten Zeiten anknüpfte, würde Ram vielleicht auf ihren Vorschlag eingehen.

„Was willst du, Mia?“

Plötzlich herrschte gähnende Leere in ihrem Gehirn.

„Hat Tom dich gebeten, mich anzurufen?“

„Nein.“

„Worum geht es denn?“

Hätte sie sich doch nur besser auf dieses Gespräch vorbereitet! Sie wartete einige Sekunden, bis ihr Herzklopfen nachließ. Tom und Ram waren noch immer beste Freunde, doch der Kontakt zu ihr war schon lange abgebrochen. Kein Wunder, dass Ram ihr mit Misstrauen begegnete. „Um die Zeitung von heute.“ Energisch riss Mia sich zusammen. „In dem Artikel steht, dass du Hilfe brauchst.“

„Mein Beifahrer ist krank. Moment mal …“ Nun schwante ihm, worauf sie hinauswollte. „Willst du etwa vorschlagen …“

„Ich könnte dir helfen.“

„Du?“, rief Ram verblüfft. War sie nun völlig verrückt geworden?

„Wieso nicht? Ich habe genug Erfahrung.“ Sie hatte einige internationale Rallyes für Nachwuchsfahrer gewonnen, bis der Unfall ihre hoffnungsvolle Karriere abrupt beendet, beziehungsweise unterbrochen hatte – vorausgesetzt, Ram gäbe ihr diese Chance zu einem Neuanfang.

„Das ist nicht dein Ernst, Mia.“

„Doch! Sogar mein voller Ernst.“

„Vergiss es! Sonst noch was? Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit, herumzustehen und mir dummes Zeug anzuhören.“

„Ich auch nicht, du Holzkopf.“

„Wie hast du mich gerade genannt?“

Die Atmosphäre wurde eisig, doch dann überwog Rams Sinn für Humor. Mia spürte, dass sich das Blatt nun zu ihren Gunsten wenden würde. Sie hatten den frotzelnden Umgangston von früher wiederbelebt. „Aber wenn du meine Hilfe ablehnst …“

Deine Hilfe?“

„Ich bin nicht nur Empfangsdame in einem Schönheitssalon, sondern auch preisgekrönte Rallyefahrerin.“

„Von Spielzeugautos vielleicht.“

Mia verkniff sich ein triumphierendes Lächeln. Jetzt zappelte er an ihrer Angel. Sie konnte es deutlich fühlen. Während sie sich praktisch neu erfunden hatte und im glamourösesten Schönheitssalon von Monte Carlo als Empfangsdame arbeitete, gab Ram den kosmopolitischen Playboy. Sie musste den Einsatz erhöhen und ihre Karten klug ausspielen.

Ram, der Playboy …

Eigentlich hätte man das schon damals voraussehen können. Er war ja schon immer geheimnisumwittert, sexy und gefährlich gewesen.

„Bist du noch dran?“, erkundigte er sich barsch, als ihr gerade ein prickelnder Schauer über den Rücken lief.

„Ja, klar.“

Wo er wohl wohnte? War er mehr Aristokrat oder Herzensbrecher? Berufsrallyefahrer oder schlimmer Junge? Ram war ungefähr zur gleichen Zeit von der Bildfläche verschwunden wie sie selbst. Daher musste sie mühsam alles über ihn herausfinden. Aber was wäre das Leben ohne Herausforderungen?

„Sag mir einfach, was du willst, Mia.“

„Was ich will? Dein Beifahrer hat sich doch einen Virus eingefangen. Vielleicht ist ihm auch aus Angst vor deinem lausigen Fahrstil das Herz in die Hose gerutscht. Ist ja auch egal. Ich habe dich angerufen, um dir mitzuteilen, dass ich für dich da bin, Ramekin.“ Sie wusste, dass ihn sein Kosename zur Weißglut treiben würde.

„Auf dich habe ich gerade gewartet“, raunzte er verächtlich.

„Wer würde denn sonst so kurzfristig einspringen?“ Mia ließ sich nicht beirren. „Wer lässt sich schon freiwillig darauf ein, mit dem größten Angeber der Welt den ganzen Tag lang ein winziges Cockpit zu teilen? Wer aus deinem Bekanntenkreis hat denn noch die Rallye Davington für Nachwuchsfahrer gewonnen und befindet sich zufälligerweise gerade hier?“

„In Monte Carlo?“

„Nein, du Holzkopf, in Ashford, Massachusetts. Natürlich in Monte Carlo! Du bildest dir doch wohl nicht ein, ich würde deinetwegen Geld für ein Ferngespräch ausgeben, oder?“ Langsam kam sie in Fahrt. Es machte ihr richtig Spaß, nach so langer Zeit mal wieder die Klingen mit dem unbezwingbaren Ram zu kreuzen. Damals hatte sie noch Zöpfe getragen und ihren Lutscher wie eine todbringende Waffe geschwungen.

„Na schön, treffen wir uns also.“

Rams unerwartetes Nachgeben elektrisierte sie förmlich. „Wo?“

„Im L’Hirondelle.“

Da sie nicht zu enthusiastisch wirken wollte, kritisierte sie seinen Vorschlag erst einmal. „Ausgerechnet in dem spießigen Schuppen? Ich dachte, du hättest dich inzwischen geändert.“

„Inwiefern?“, fragte er amüsiert.

„Na ja, es hätte ja sein können, dass du nicht mehr ganz so aufgeblasen bist.“

„Wir sehen uns um achtzehn Uhr im L’Hirondelle.“ Er beharrte auf seinem Vorschlag. „Meinst du, das schaffst du?“

Also hatte er nicht vergessen, dass sie meistens zu spät kam. „Können wir uns nicht im Club treffen?“

„In welchem Club, Mia?“

Er klang, als würde er langsam die Geduld verlieren. „Das fragst ausgerechnet du?“ Sie gab sich betont ungläubig. Er konnte ja nicht wissen, dass sie über den gefragtesten Club der Saison nur durch ihre Mitbewohnerinnen Bescheid wusste. Die hübschen Mädchen waren stets über die neuesten Trends informiert, wohingegen Mia sich eigentlich nie für die Clubszene interessiert hatte, weil sie eben einfach kein Partygirl war. „Im Columbus. Wo sonst?“

„Dort verkehrst du?“

Sorglos ging sie darüber hinweg. „Du hast von dem Club gehört?“ Wenn nicht Ram, wer dann?

„Klar. Deshalb weiß ich auch, dass dort um sechs noch nicht geöffnet ist.“

Verflixt! Mia ärgerte sich über ihren dummen Fehler. Die Mädchen hatten doch erzählt, dass im Columbus erst spät in der Nacht etwas los war. Und es war ja klar, dass Ram sich möglichst früh mit ihr treffen wollte, um später ohne sie um die Häuser zu ziehen. „Ich habe erst um achtzehn Uhr Feierabend. Können wir uns nicht später treffen?“ Dann hätte sie wenigstens noch Zeit für eine Rundumerneuerung. Die Mädchen würden es schon richten. Für das Wiedersehen mit Ram wollte sie so gut wie möglich aussehen.

„Dann komm direkt von der Arbeit zum Hotel.“ Ram ging nicht auf ihren Vorschlag ein. „Ich habe sowieso noch am Wagen zu tun. Etwas frische Luft wird mir daher ganz guttun.“

Aha, er betrachtete sie also als willkommene Abwechslung zu seinen Ölputztüchern. Sehr schmeichelhaft!

Die Haarspraywolken im Salon nahmen ihr fast die Luft zum Atmen, und das schwere Parfüm ihres Chefs tat ein Übriges. Wie Ram legte auch Monsieur Michel keinen Wert auf Zurückhaltung. Wahrscheinlich würde Ram sich hier sofort heimisch fühlen. Von wegen! Vielleicht war es ihre einzige Chance, ihn davon zu überzeugen, dass sie die ideale Beifahrerin für ihn war, wenn sie ihn aus dem Gleichgewicht brachte. „Da ich dir einen Gefallen tue, könntest du dich ruhig hierher bemühen.“

Nun hieß es abwarten.

Sie wartete und wartete. War Ram inzwischen eingeschlafen? „Sechs Uhr im Maison Rouge?“, fragte sie nach.

„Maison Rouge?“ Das klang gelangweilt. „Ist das nicht der schicke Frisiersalon in der Hauptstraße?“

„Du brauchst gar nicht so überrascht zu tun.“

„Ich bin lediglich erstaunt, dass du da arbeitest. Wolltest du nicht Karriere als Innenarchitektin machen?“

„Schon.“ Aber wer stellte schon jemanden mit Narben im Gesicht ein? Außer Monsieur Michel. Der hatte sie quasi von der Straße aufgelesen und in seinen Laden gezerrt, weil sie angeblich den faszinierendsten ‚Look‘ hatte, der ihm je unter die Augen gekommen war. Mia war so überwältigt gewesen von seinem lila Lidschatten, dass sie gar nicht in der Lage gewesen war, sich zu widersetzen.

„Machst du deinen Job gut?“, fragte Ram ungeduldig.

„Ich begrüße unsere Kundinnen, Ram. Vereinbare Termine, rede jede Kundin mit ihrem Namen an und lächle freundlich. Da kann man nicht viel falsch machen.“

„Solange man dir keine Schere in die Hand drückt.“

Er spielte darauf an, wie sie als Zwölfjährige seinem preisgekrönten Pferd den Schweif gestutzt hatte. Oje! „Du bist dann um sechs Uhr hier?“ Sie hielt den Atem an.

„Vielleicht.“

Hörte sie ein Lächeln aus seinem Tonfall heraus? Bevor sie sich darüber schlüssig werden konnte, beendete Ram das Gespräch.

Jetzt musste sie dem Schicksal wohl seinen Lauf lassen. Allerdings nicht, ohne etwas nachzuhelfen. Entschlossen telefonierte Mia erneut. Die Mädchen mussten ihr helfen …

2. KAPITEL

Das Leben steckt voller Überraschungen, dachte Ram. Mia Spencer-Daylys unvermuteter Anruf erinnerte ihn an seine Schulzeit, die er in einem englischen Internat verbracht hatte. Der chaotische Lebensstil der Spencer-Daylys hatte ihn fasziniert. Da er von Bediensteten seiner Eltern aufgezogen worden war, fand er es natürlich himmlisch, einmal in einer richtigen Familie zu leben, auch wenn sie ausgesprochen unorganisiert war. Wenn er auf Toms Einladung die Ferien dort verbracht hatte, war Mia immer die Hauptattraktion für ihn gewesen. Ständig hatte sie ihn an der Nase herumgeführt, wohingegen man ihn zu Hause wie einen Gott verehrte.

Irgendwas machte ihn jetzt allerdings stutzig. Tom und er waren in Verbindung geblieben, aber Tom hatte seine Schwester nie erwähnt, und Ram fragte nicht nach ihr, weil er sich nicht aufdrängen oder indiskret sein wollte. Trotzdem hatte er oft an Mia gedacht. Und plötzlich meldete sie sich bei ihm und bot ihm an, für seinen erkrankten Beifahrer einzuspringen.

Sollte er Mias Angebot annehmen?

Und die Büchse der Pandora öffnen?

Mia war die kleine Schwester seines besten Freundes und somit tabu. Allerdings ließ sich nicht abstreiten, dass es heftig zwischen ihnen geknistert hatte. Damals gab es ständige Neckereien und Frotzeleien zwischen ihnen, aber jetzt …

Jetzt war Mia erwachsen. Und selbst während des kurzen Telefongesprächs hatte er wieder das vertraute Knistern gespürt. Aus Erfahrung wusste er, dass aus einem kleinen Funken ein flammendes Inferno werden konnte.

Seit wann scheute er davor zurück, mit dem Feuer zu spielen?

Dieses Mal könnte er sich die Finger verbrennen.

Schon damals hatte er davon geträumt, die kleine Wildkatze zu zähmen. Mias natürlicher Charme reizte ihn – und ihr Esprit und ihre Fröhlichkeit waren eine willkommene Ablenkung gewesen. Mia und er im Bett – das versprach ein Feuerwerk der Lust zu werden.

Genau deshalb musste er auch jetzt die Finger von ihr lassen.

Aber es war ja wohl erlaubt, einen Drink mit ihr zu nehmen. Außerdem hatte Mia es bei Rallyes einfach drauf, und er konnte gut eine Beifahrerin gebrauchen, die mit scharfem Blick morgen die Karte für ihn las. Eigentlich wäre Mia die ideale Besetzung.

In Monte Carlo gab es von allem mehr als anderswo. Mehr Reichtum, mehr Glamour, mehr Sicherheit. Es war definitiv der faszinierendste Ort der Welt, dachte Mia, als sie ihren Posten am Empfang des glamourösen Frisiersalons bezog.

Und genau hier würde sie Ram wiedersehen. Ram, den Maharadscha, den Mann, über den alle Welt spekulierte. Und wie würde ihr alter Kumpel auf die neue Mia reagieren? Die Zeiten der langen Zöpfe waren definitiv vorbei.

Kritisch betrachtete sie ihr Spiegelbild und erinnerte sich an den Tag, als Monsieur Michel ihr spontan einen Job in seinem Salon angeboten hatte. Der schlaue Fuchs hatte natürlich sofort richtig vermutet, dass sie über keinerlei Erfahrung im Friseurgewerbe verfügte, aber ihr aristokratisch klingender Name erwies sich als sehr nützlich. Seit seiner bewegten Jugend hatte Monsieur Michel eine Schwäche für exzentrische Vertreter des verarmten Landadels, die sich irgendwie über die Runden brachten. Kurzentschlossen stellte er Mia daher als Empfangsdame ein, denn an die ausgefransten Haarspitzen seiner Herzoginnen konnte er sie natürlich nicht heranlassen.

Monsieur war durch nichts mehr aus der Ruhe zu bringen. Statt sich von Mias Narben erschrecken zu lassen oder entsetzt zu fragen, wie sie dazu gekommen war, bestand der exzentrische Haarkünstler darauf, dass Mia ihre Krankenkassenaugenklappe gegen eine von ihm entworfene, mit Edelsteinen besetzte Augenklappe tauschte. Außerdem sollte Mia mit sofortiger Wirkung auf den Namen Arabella hören, benannt nach der berüchtigten Seeräuberin Arabella Drummond, dem Schrecken der Sieben Weltmeere.

Mia gefiel es, sich zu kostümieren. Schon als Kind hatte sie sich gern verkleidet und war in ihre eigene Fantasiewelt geflüchtet. So ein fabelhaftes Outfit hatte ihr damals allerdings nicht zur Verfügung gestanden.

Monsieur hatte ihr dunkles Haar so geschnitten, dass die Narben verdeckt waren. Von einem Ohr baumelte ein großer Goldring, zu kurzen Leder-Hotpants trug Mia weit über die Knie reichende Lederstiefel. An einem mit Nieten besetzten, um die Hüften geschlungenen Ledergürtel waren Notizblock und Kugelschreiber befestigt – nicht dass es je etwas zu notieren gab –, aber Monsieur meinte, man müsste auf alle Eventualitäten vorbereitet sein.

Mia und ihre Kolleginnen lagen ihrem exzentrischen Chef regelrecht zu Füßen, zumal es sein Herzenswunsch war, dass sich alle Menschen unter seinem Dach wohlfühlten. Es tat ihr gut, freundschaftlich und völlig ohne Vorurteile behandelt zu werden. Nach dem Unfall, der sie das linke Augenlicht gekostet und viele Narben – auch auf ihrer Seele – hinterlassen hatte, musste sie sich zunächst durch eine sechsmonatige Reha quälen. Es hatte viel Zeit beansprucht, sich wieder im Leben zurechtzufinden. Und wie so oft in ihrem Leben war sie auch hierbei von einem Extrem ins andere gefallen. Zuerst hatte sie im eisigen winterlichen Norden Europas als Ranger gearbeitet, ohne Verbindung zur Außenwelt. Anschließend war sie im glamourösesten Fürstentum der Welt gelandet. Hier wurde französisch gesprochen, und es existierten zwei Währungen: gutes Aussehen und Geld. Da sie über keins von beiden verfügte, waren die Voraussetzungen denkbar schlecht. Doch Mia redete sich ein, wenn sie es hier schaffen würde, dann würde sie es überall auf der Welt zu etwas bringen. Dank Monsieur Michel fühlte sie sich in ihrem Glauben bestärkt.

Ihr neuer Look kokettierte damit, dass sie Verletzungen erlitten hatte. Okay, sie war auf einem Auge blind. Na und? So war das jetzt eben. Sie war nie eine atemberaubende Schönheit gewesen, aber wenigstens war sie jetzt etwas Besonderes. Arabella Drummond? Klar, diese Figur verkörperte sie jetzt. Ironisch verzog Mia das Gesicht, als ein Muskel in ihrer Wange zu zucken begann.

Bei einem letzten Blick auf das Foto von Ram auf der Titelseite der Tageszeitung stellte sie fest, dass er wohl zu den attraktivsten Männern der Welt gehörte. Außerdem umgab ihn die Aura eines Draufgängers. Jede halbwegs vernünftige Frau hätte die Beine in die Hand genommen und schleunigst das Weite gesucht.

Genau deshalb traf sie sich heute Abend mit ihm …

„Du hast jetzt lange genug in den Spiegel geschaut, chérie. Du bist wunderschön, und die Kundinnen warten.“

Die Gedanken an Ram mussten einstweilen beiseitegeschoben werden. Mia musste sich auf ihren Job konzentrieren. Mit dem Wissen, dass der Maharadscha ganz in ihrer Nähe war, würde ihr das nicht gerade leichtfallen. Doch sie durfte Monsieur Michels Vertrauen in sie nicht enttäuschen.

Er war so gut zu ihr, und er hatte ihr eingebläut, dass Schönheit im Auge des Betrachters liegt. Für ihn waren alle Menschen schön.

„Hopp, hopp!“ Lächelnd scheuchte er Mia zu ihrem Arbeitsplatz.

Sie wusste genau, warum der Meistercoiffeur sie eingestellt hatte: Angesichts der entstellten Piratenbraut am Empfang fühlte sich jede Kundin automatisch schön.

Das technische Problem am Rennwagen war schneller behoben als erwartet. Ram duschte und zog sich um. Dabei dachte er an das bevorstehende Wiedersehen mit Mia. Eigentlich könnte er das Treffen doch vorverlegen. Er freute sich richtig auf die Gesellschaft einer aufregenden Frau. Und mit Mia wurde es ihm bestimmt nicht so schnell langweilig wie mit den affektierten Bohnenstangen, mit denen er in letzter Zeit ausgegangen war.

Mia und er hatten sich nicht gerade in aller Freundschaft getrennt. Ihre letzte Begegnung fand auf der Verlobungsfeier ihres Bruders statt. Damals war sein Schicksal bereits vorgezeichnet gewesen: Er musste nach Ramprakesh zurückkehren und eine Frau heiraten, die man für ihn ausgewählt hatte. So war es Tradition in seinem Land.

Besser gesagt: So war es Tradition in seinem Land gewesen.

Als Abschiedsgeschenk hatte er Mia ein Haute-Couture-Kleid aus Paris überreicht. Inzwischen wusste er selbst, dass er damit übertrieben hatte. Aber er wollte ihr doch nur den Abschied versüßen. Vielleicht traf es sie dann nicht ganz so hart, wenn er ihr erklärte, er müsste zu Hause heiraten und seinen Platz in einer Welt einnehmen, die sie niemals mit ihm teilen könnte. Durch diese krasse Geste wollte er Mia zu verstehen geben, dass er sie immer lieben würde, auch wenn er sie jetzt aufgeben müsste, ohne sie je richtig gekannt zu haben.

Beim Einpacken des Kleides hatte er die Vision einer Traumnacht mit Mia gehabt. Wie jung er damals gewesen war. Jetzt war er zynisch und konnte noch immer nicht glauben, dass ihre Traumnacht in einem Desaster geendet hatte.

Müßig, noch einen Gedanken daran zu verschwenden. Energisch riss Ram sich zusammen. Er platzte fast vor Neugier, denn er wusste nicht im Ansatz, welchen Weg Mia seit jener Nacht eingeschlagen hatte.

Monte Carlo lässt sich nicht auf eine Rennstrecke reduzieren, dachte er, als er den kurzen Weg zu Mias Arbeitsplatz zu Fuß zurücklegte. Das Fürstentum Monaco war ein kleines rosa Juwel, reich an Kultur und Traditionen und perfekt gelegen am azurblauen Mittelmeer. Mia schien sich hier heimisch zu fühlen. Seltsam, damals hatte sie Traditionen und übertriebenen Luxus noch strikt abgelehnt. Was hatte sie also an der französischen Riviera verloren, wo man sich mit Geld Träume erfüllen konnte?

Irgendetwas verschwieg sie ihm.

Nun, er würde es bald herausfinden.

Mia lehnte am Fenster des Aufenthaltsraums und knabberte während der Pause an einem Croissant. Gedankenverloren ließ sie den Blick über die atemberaubende Aussicht gleiten und fragte sich, ob sie dem Wiedersehen mit Ram wirklich gewachsen war. Vielleicht sollte sie vor dem Treffen an den Strand gehen, um sich etwas zu entspannen. Dort könnte sie ungestört ihren Träumen nachhängen und …

„Du hast Besuch, Mia.“

Erschrocken wandte Mia sich um, als Monsieur Michel hereinkam. Wer mochte sie hier besuchen? Niemand wusste, dass sie in Monte Carlo war. Außer einem Mann.

„Wenn du willst, schicke ich ihn wieder fort.“ Ihr Chef musterte sie besorgt, als er bemerkte, wie schockiert sie war.

„Nein, nein, das ist schon okay.“ Mia hatte sich wieder gefasst und leckte sich den Zuckerguss von den Fingern, bevor sie zur Spüle eilte, um sich die Hände zu waschen. „Ich komme gleich.“ Vielleicht war es sogar besser, die Begegnung mit Ram so schnell wie möglich hinter sich zu bringen …

„Er wartet in meinem privaten Wohnzimmer“, erklärte Mias Chef und musterte sie erneut besorgt.

„Vielen Dank, Monsieur.“

„Falls du mich brauchst, ziehst du einfach an der Klingelschnur.“

Seine Besorgnis um sie rührte Mia. „Danke schön, aber das wird nicht nötig sein. Ich freue mich auf seinen Besuch.“ Diese kleine Notlüge war doch wohl gestattet, oder?

Mutige Vorsätze waren gut und schön, sich daran zu halten, eine ganz andere Sache, dachte Mia, als sie nervös den Frisiersalon mit den vielen Spiegeln durchquerte. Es herrschte eine entspannte Arbeitsatmosphäre, aber die Welt der Kolleginnen war ja auch nicht ins Wanken geraten. Im Gegensatz zu ihrer eigenen. Energisch beschloss Mia, sich nicht darum zu kümmern, wie sie aussah oder was Ram von ihr hielt. Es war ihr Leben, und Ram sollte sie gefälligst so akzeptieren, wie sie jetzt war, oder er könnte gleich wieder gehen. Natürlich wäre ihr Anblick ein Schock für ihn. Sei’s drum. Sie hatte diese Herausforderung gewollt, um sich etwas zu beweisen.

Schlimmer als bei Toms und Rams Abiturball konnte es gar nicht werden. Der Erlös der Veranstaltung diente wohltätigen Zwecken, und die Eintrittskarten waren heiß begehrt. Damals war sie sechzehn und hatte nur durch Zufall eine Einladung erhalten, da Rams weibliche Begleitung kurz vor dem Ball wegen einer Grippe absagen musste.

Mit Tom und seiner Freundin tauchten Ram und Mia schließlich bei der Veranstaltung auf. Mia trug damals eine Kurzhaarfrisur mit leuchtend roten Strähnen und hatte sich in ein knöchellanges schlammgrünes, mit Pailletten besetztes Chiffonkleid gehüllt, das ihre Mutter von einer Tante geschenkt bekommen hatte. Mia fand die Vorstellung unwiderstehlich, als hässliches Entlein am Arm eines achtzehnjährigen, unwiderstehlichen orientalischen Prinzen zu erscheinen und mit ihrem Auftritt die vielen hübschen Mädchen zu schockieren. Als Ram ihr sogar ein – selbstverständlich nicht ernst gemeintes – Kompliment machte, hatte sie nur herausfordernd behauptet: „Das Kleid ist ein Originalmodell und gerade der letzte Schrei.“

Ram hatte nicht einmal mit der Wimper gezuckt. Wahrscheinlich betrachtete er es als seine gute Tat des Tages, die Schwester seines besten Freundes auszuführen.

Seitdem hatte sie sich sehr verändert und war auf alles vorbereitet.

Fragte sich nur, warum ihr Herz zum Zerspringen klopfte.

Mia betrat Monsieur Michels Privatwohnung, zog die Tür hinter sich zu und lehnte sich einen Moment lang dagegen. Die letzte Begegnung mit Ram auf Toms Verlobungsfeier war seltsam gewesen. Sie hatte sich so viel Mühe mit ihrem Äußeren gegeben, damit Ram endlich die Frau in ihr sah und nicht nur den Kumpel. Inzwischen waren sie ja beide erwachsen, wie Ram sehr richtig festgestellt hatte, als er ihr erklärte, dass sein Leben nun eine andere Richtung einschlagen würde. Er gab sich ganz cool, aber er hatte ihr ein Abschiedsgeschenk mitgebracht, und einen Moment lang dachte Mia, er würde sie küssen. Vielleicht hatte sie sich das auch nur eingebildet. Warum musste er sie so erniedrigen? Erst später erkannte sie, dass das Kleid die Abfindung eines reichen Jungen war, der keine Verwendung mehr für seine Jugendfreundin hatte.

Sie war weder hübsch noch interessant genug, die Aufmerksamkeit eines Mannes wie Ram auf Dauer zu fesseln. Das war ihr inzwischen klar geworden. Doch damals war sie noch sehr jung und verletzlich gewesen. Als Ram aus ihrem Leben verschwand, hatte sie mit allen Mitteln versucht, die Lücke zu füllen, die er hinterlassen hatte. Ständig suchte sie neue Herausforderungen. Ihr Leben war der reinste Hochseilakt. Sie brauchte den Kick. Eines Tages musste das ja schiefgehen. Als sie nach dem schweren Rennunfall in einer Klinik für Brandopfer wieder aufwachte und sah, dass es anderen Menschen noch schlechter ging als ihr, hatte sie genug von ihrem sinnentleerten Leben. Ram war ja schon lange fort.

Und jetzt war er wieder da.

Die Ärzte hatten ihr geraten, mutig zu sein, auch wenn sie vielleicht ihr Augenlicht verlieren würde.

Verfügte sie über genug Mut?

Gleich würde sie es herausfinden. Ram Varindha befand sich ganz in ihrer Nähe.

Noch zögerte sie, Monsieur Michels Wohnzimmer zu betreten. Hier hatte er das Einstellungsgespräch mit ihr geführt. Sie erinnerte sich, wie kühl und angenehm schattig es dort war. Der Blick aus dem Fenster führte in einen hübschen Innenhof mit Weinranken und farbenprächtigen Bougainvilleen. Das Zimmer war sehr gemütlich eingerichtet. Zwei Sofas standen sich auf einem abgetretenen Teppich gegenüber, Spiegel in vergoldeten Rahmen waren bereits leicht blind, in einer Ecke stand ein Flügel.

Ich kann hier nicht den ganzen Tag herumstehen, dachte Mia, atmete tief durch und ging hinein. Rams Anwesenheit ließ das Zimmer gar nicht mehr so gemütlich wirken.

Sie zog die Tür hinter sich zu und lehnte sich gegen die Wand. Wie gern hätte sie die Zeit zurückgedreht, und wie sehr wünschte sie, hübsch und anziehend zu sein.

Ram stand mitten im Zimmer. Spontan wäre sie fast zu ihm gelaufen, doch seine Unnahbarkeit hielt sie auf Distanz.

„Mia?“

Sein Tonfall klang schockiert.

„Gefällt dir mein Outfit?“ Sie wusste ganz genau, dass nicht das Piratenkostüm, sondern die Augenklappe ihn schockiert hatte. Als sie seinen Gesichtsausdruck bemerkte, hätte sie fast der Mut verlassen.

Doch Ram hatte seine Gefühle blitzschnell wieder unter Kontrolle. „Du überraschst mich immer wieder, Mia. Seit wann hast du die Piratenflagge gehisst?“

Ihre Blicke trafen sich. Mia hatte ganz vergessen, wie schön Rams Augen waren. Und er war noch anziehender und männlicher als in ihrer Erinnerung.

„Es erstaunt mich, dass du hier arbeitest, Mia.“

„Ja?“ Herausfordernd stützte sie eine Hand auf die Hüfte und dachte gar nicht daran, diesem attraktiven Fremdling, dem nichts zu entgehen schien, zu erklären, warum sie Zuflucht in Monsieur Michels Salon gesucht hatte.

„Ich dachte immer, Aussehen ist dir nicht so wichtig.“

„Ach, für mich ist das alles hier nur Theater.“ Interessiert ließ sie den Blick über ihn gleiten. In Jeans, engem Top und einfachen Sandalen, in denen seine nackten Füße steckten, strahlte Ram so viel Erotik aus, dass Mia bei seinem Anblick fast schwindlig wurde. Aber seine Augen blickten seltsam kühl. Das war neu. Offensichtlich waren die vergangenen Jahre auch für ihn nicht einfach gewesen. Instinktiv spürte sie, dass er gar nicht der Playboy war, der nichts anbrennen ließ. Offensichtlich hatten die Klatschreporter ihm dieses Image verpasst, um ihre Auflagen zu steigern.

Mias romantische Jugendliebe hatte sich in einen harten, unnachgiebigen Mann verwandelt, der ungeniert ihre Narben musterte.

„Ich hatte ja keine Ahnung, Mia …“

„Woher auch?“ Zögernd kam sie näher. Sollte er sie doch ruhig anstarren. „Ich habe meine Familie gebeten, es nicht in der Gegend herumzuposaunen. Und um deine unausgesprochene Frage zu beantworten: Ich bin nicht gehandicapt. Wahrscheinlich bin ich sogar doppelt so schnell wie andere, solange ich nicht im falschen Moment blinzele.“

Früher hätte er über diese Bemerkung gelacht, dachte Mia. Stattdessen blickte er sie weiterhin forschend an, als wollte er hinter die Kulissen blicken.

Schweigend schauten sie einander an. Plötzlich fühlte Mia sich wieder wie das achtjährige oder dreizehnjährige Mädchen, das völlig hingerissen war von Ram. Als Sechzehnjährige hatte sie sich nichts sehnlicher gewünscht, als in seinen Armen zu liegen …

Daran hatte sich nichts geändert.

Ram verlagerte das Gewicht auf den anderen Fuß. „Mir gefällt dein Outfit.“ Plötzlich verzog sich sein Mund zu einem frechen Lächeln.

„Das beruhigt mich ungemein“, gab sie trocken zurück.

Ram wurde wieder ernst. „Was ist aus meinem Mädchen geworden, Mia?“

„Es ist erwachsen geworden.“

Das Wiedersehen mit Mia verlief ganz anders, als er es sich ausgemalt hatte. Auch hatte er nicht erwartet, von seinem Beschützerinstinkt schier überwältigt zu werden, als er sah, was aus seinem frechen Schelm geworden war. Mias unerschütterlicher Kampfgeist war offensichtlich nicht mehr vorhanden. Ihm konnte sie nichts vormachen. Wie ein geprügelter Hund hatte sie sich nach Monte Carlo geschleppt, um ihre Wunden zu lecken. Ausgerechnet am glamourösesten Ort der Welt! War das so eine Art Selbstbestrafung? Auch er hatte ein ziemlich wildes Leben geführt, war aber vergleichsweise glimpflich davongekommen.

Wieso hatte Tom ihm nicht erzählt, was passiert war?

Dafür konnte es nur eine vernünftige Erklärung geben: Mia hatte sich ihre Verletzungen zugezogen, als er selbst mit einer Tragödie hatte fertig werden müssen. Eins stand sofort für ihn fest: Er konnte Mia nicht ihrem Schicksal überlassen.

„Dann lass uns über die Rallye reden“, schlug er vor, als wäre nichts geschehen. „Bist du sicher, dass du dich nicht überforderst?“

„Natürlich bin ich sicher. Ich kann auch mit nur einem Auge sehr gut sehen, Ram.“

Das klang wieder nach der alten Mia. Halbwegs beruhigt erklärte er: „Bei der letzten Etappe geht es um ein Zeitfahren auf den verschlungenen Straßen des Fürstentums und …“

„Genau das Richtige für mich.“ Sie unterbrach ihn. „Ich habe die Strecke unzählige Male auf dem Fahrrad zurückgelegt und kenne jede Kurve und jedes Schlagloch auswendig.“

„Du könntest sie also mit verbundenen Augen fahren?“

Die Frage schockierte sie im ersten Moment, bis ihr bewusst wurde, dass Ram zu dem neckenden Ton ihrer Kindertage zurückgefunden hatte. „Wenn du das Risiko eingehen willst, bin ich dabei.“

„Abgemacht.“ Er wandte sich zum Gehen.

„Du gibst mir den Job?“

Die Unsicherheit, die Hoffnung, die in Mias Frage mitschwang, versetzte ihm einen Stich mitten ins Herz. „Enttäusche mich ja nicht!“

„Niemals!“ Sie hielt seinem Blick stand.

Was war nur mit ihnen geschehen? Mias Verletzungen waren unübersehbar, aber auch er hatte sich völlig verändert.

„Nur eins noch, Ram …“

„Ja?“ Gespannt wartete er darauf, dass sie weitersprach.

„Wieso fährst du Rennen, obwohl du dein Land regieren sollst?“

Mit diesem Gegenangriff hätte er eigentlich rechnen müssen. „Tja, ich …“ Er wechselte das Standbein, um Zeit zu gewinnen.

„Es geht mich ja nichts an, aber …“

„Du sagst es. Ich will nur ein letztes Mal …“

„Ich hau dir eine runter, wenn du jetzt ‚Hurra schreien‘ sagst.“

Ram lächelte amüsiert. „Das ist die Mia, die ich kenne.“

„Die Mia, die keine Herausforderung auslässt? Du hast es erfasst.“ Verlegen senkte sie den Kopf, als ihr bewusst wurde, dass dies nichts mehr mit dem Wettstreit ihrer Kindertage zu tun hatte.

„Vielleicht sollten wir uns den Streckenverlauf auf der Karte gemeinsam ansehen, bevor du den Job annimmst.“

„Das ist nicht nötig.“

Aber er bestand darauf. Nicht nur, um sicherzugehen, dass sie die Strecke wirklich verinnerlicht hatte.

„Also gut.“ Mia gab nach. „Wo treffen wir uns?“

„Ich lasse dich abholen.“

„Du lässt mich abholen?“

„Ich schicke dir meinen Fahrer, Mia.“

„Kommt nicht infrage, Ram.“

„Willst du den Job oder nicht?“

„Ich will als dein Beifahrer arbeiten und denke nicht daran, mich in dein Gefolge einzureihen.“

„Dann entscheide dich, Mia.“

Wollte sie den Job tatsächlich? Wollte sie sich wirklich auf die Gefahr, den Stress, aber auch den Spaß einlassen? Wollte sie Zeit mit Ram verbringen? „Wenn du bereit bist, einer halb blinden Beifahrerin zu vertrauen …“

Betont gelassen zuckte er die Schultern. „Die Zeit läuft mir davon. Ich nehme, was ich kriegen kann.“

3. KAPITEL

Das Wiedersehen mit Mia hatte Ram tief erschüttert. Nachdem er nach seiner Rückkehr ins Hotel eine Stunde lang telefonisch Anordnungen gegeben hatte, schöpfte er jetzt auf dem Balkon seines Penthouses frische Luft.

Zum ersten Mal in seinem Leben war er sehr froh, über Geld und Einfluss zu verfügen. Innerhalb einer Stunde würde seine Jacht im Hafen eintreffen, alles andere war ebenfalls arrangiert. Niemals würde er jemanden im Stich lassen, von dem er annahm, er benötigte seine Hilfe, und er dachte nicht daran, Mia wieder zu verlassen. Ihm war klar, dass sie kein Mitleid wollte, und er hätte auch lieber auf weitere Komplikationen in seinem Leben verzichtet, aber Mias Verletzungen hatten ihn aufgerüttelt. Bisher hatte er es sich leichtgemacht, regierte sein Land aus der Ferne und ließ sogar einen Ökopalast bauen, in dem er eines Tages zu wohnen gedachte.

Dieser Tag lag nun nicht mehr in weiter Ferne. Das Wiedersehen mit Mia hatte ihm die Augen geöffnet. Mia brauchte jetzt Hilfe und Unterstützung, auch sein Volk brauchte ihn vor Ort. Die Tage, an denen er das Land aus der Ferne regierte, waren gezählt. Er hatte beschlossen, nach Hause zu fahren und Mia mitzunehmen. Wenn er sicher sein konnte, dass sie geheilt war, konnte sie ihr gewohntes Leben wieder aufnehmen und die alte Mia sein. Ram fühlte sich schrecklich schuldig, weil er nicht für Mia und die Familie seines besten Freundes da gewesen war, als sie seine Hilfe so dringend benötigt hätten. Es war nicht fair, Tom Vorwürfe zu machen, denn schließlich hatte Mia ihre Familie zum Stillschweigen verdonnert. Aber seit wann schlossen die Spencer-Daylys ihn aus ihrem Leben aus?

Vermutlich seit er alle Brücken hinter sich abgebrochen hatte.

Mias Kostümierung war ihm völlig gleichgültig. In einem Salon, der einer Theaterbühne glich, liefen auch alle ihre Kolleginnen und natürlich der Chef selbst in den seltsamsten Verkleidungen herum. Allerdings fand er es schade, dass sie ihre Karriere als Innenarchitektin offenbar an den Nagel gehängt hatte. Aber sexy war ihr Outfit, das musste er unumwunden zugeben. Andere Bilder von Mia tauchten vor seinem geistigen Auge auf: Mia in Toms abgeschnittenen Jeans, Mia, die Bäume hochkletterte, Mia in einem altmodischen Ballkleid, damit konnte er umgehen. Aber Mia in engen schwarzen Ledershorts, die kaum ihre Pobacken bedeckten …

Ram ärgerte sich über sich selbst. Eigentlich wollte er Mia selbstlos helfen, und nun begehrte er sie plötzlich selbstsüchtig. Schnell lenkte er sich mit Gedanken an den Unfall ab. Es nötigte ihm Respekt ab, wie Mia ihr Leben danach wieder in den Griff bekommen hatte. Sie beide hatten immer das Risiko geliebt und wollten Sieger sein. Er hatte Glück gehabt, Mia nicht. Er stand zu seinem Wort, sie als Beifahrerin zu engagieren. Vorausgesetzt, sie tauchte rechtzeitig zum morgigen Rennen auf. Er war sich ziemlich sicher, dass sie sich das nicht entgehen lassen würde.

Er lockerte gerade vor dem Eingang zum Clubhaus des Motorsportclubs die Muskeln, als Mia am nächsten Tag auf ihn zukam und mit der feuerfesten Kleidung, für die er gesorgt hatte, vor seinem Gesicht herumwedelte. Wie unglaublich sinnlich ihre Lippen waren.

Allerdings waren sie jetzt fest zusammengepresst.

Ram ahnte, was Mia so aufgebracht hatte. „Da du dich im Motorsport auskennst, solltest du wissen, dass du feuerfeste Kleidung tragen musst“, erklärte er.

„Klar weiß ich das, aber du hättest mir ruhig vorher sagen können, dass dein Logo überall darauf prangt. Dann hätte ich mir etwas Unauffälligeres leihen können.“

„Hast du was gegen nackte Frauen?“

Sie bedachte ihn mit einem vernichtenden Blick. „Nur in Kamasutraposen.“

„Die Anzüge sind ja auch für ein reines Männerteam gedacht.“

„Entschuldige bitte, dass ich Brüste habe.“

„Bist du fertig?“

„Du hast mich reingelegt, Ram.“

„Wieso denn das?“ Perplex musterte er sie. „Du hast doch deine Hilfe angeboten. Und du hast die Rennkleidung mit keinem Wort erwähnt. Hör jetzt bitte auf zu nörgeln, Mia. Konzentrier dich lieber darauf, die beste Kartenleserin der Welt zu sein.“

Sie fluchte unterdrückt.

„Enttäusch mich nicht!“

„Gleichfalls.“ Wütend funkelte sie ihn an. „Wir sind ein Team. Schon vergessen?“

„Das Siegerteam“, rief er ihr nach, als sie im Clubhaus verschwand, um sich umzuziehen.

Der Helm war nicht gerade sexy – weiß mit einem roten Streifen und schwarzem Visier. Rams sexistisches Logo prangte auf einer Seite. Sollte sie je die Gelegenheit dazu haben, würde sie dieses Logo ändern. Mia zog den feuerfesten Overall an und verzog unwillig das Gesicht, als sie den – für Männer – praktischen Schlitz entdeckte.

Nun steckte sie also von Kopf bis Fuß in feuerfester Kleidung, nur ausgerechnet ihr Höschen bestand nicht aus feuerfestem Material. Gerade das wäre in Rams unmittelbarer Nähe wichtig gewesen …

Sie musste endlich aufhören, ihn als Sexobjekt zu betrachten! Jetzt ging es darum, die Rallye zu gewinnen. Ram war lediglich ihr Teamkollege. Und das auch nur vorübergehend. Damit musste sie sich abfinden.

Mia vergewisserte sich, dass alle Reißverschlüsse zugezogen waren, und begann, sich auf die bevorstehende Aufgabe zu konzentrieren. Sie war eine gute Rallyefahrerin gewesen, Ram gehörte zur Spitzenklasse. Es erfüllte sie mit Stolz, mit ihm zu fahren. Auch ihr Selbstbewusstsein wurde gestärkt.

Das sank allerdings gleich wieder auf den Nullpunkt, als sie die Umkleidekabine verließ und Ram draußen von weiblichen Fans umringt sah. Immerhin blickte er kurz auf, um ihr zuzulächeln. Im Rennanzug und einer schwarzen Baseballmütze auf dem lockigen schwarzen Haar und mit diesem sexy Lächeln sah er einfach unwiderstehlich aus. Leider war ihm das nur zu bewusst.

Es irritierte sie, wie die Frauen ihn anhimmelten. Energisch bahnte sie sich einen Weg zwischen den Fans hindurch. Grinsend beobachtete Ram, wie sie sich unter Einsatz der Ellbogen zu ihm vorkämpfte.

„Bist du so weit, Ram? Oder soll ich schon mal vorgehen, damit du in Ruhe Autogramme schreiben kannst?“, fragte sie frech.

Einen Moment lang hielt er amüsiert ihren Blick fest, dann wandte er sich seinen Verehrerinnen zu, ohne den Blickkontakt zu Mia zu unterbrechen. „Sieht so aus, als müsste ich meiner Kopilotin Mut zusprechen.“

„Ha, ha, ha!“ Wütend wandte Mia sich ab.

Kein Wunder, dass Ram darauf bestanden hatte, sie früh ins Bett zu schicken, damit sie fit und ausgeruht für das Zeitfahren war. Vielleicht hätte er seinen Rat auch selbst befolgen sollen, statt sich die Nacht in Clubs um die Ohren zu schlagen, wie Mia vermutete. Allerdings hatte sie in der Zeitung nichts über ihn gefunden. Aber das musste gar nichts heißen. Was wussten die Medien schon von ihm?

Was wusste sie selbst von ihm?

Nichts.

Nur, dass sie den Anblick der Frauen, die ihm förmlich zu Füßen lagen, nicht ertragen konnte. Dabei war Ram ihr doch völlig gleichgültig, oder?

Eilig machte sie sich auf den Weg. Dabei wusste sie nicht einmal, in welche Richtung sie gehen musste. Sie wollte nur weg von Ram und seinen Groupies.

Erschrocken fuhr sie zusammen, als Ram sie am Arm festhielt.

„Zeit für die technische Überprüfung“, erklärte er und schob Mia in Richtung Rennleitung.

Ärgerlich schüttelte sie ihn ab, setzte sich aber bereitwillig in Marsch. Es war ihr wichtig, sich genau an die Regeln zu halten. Die Formalitäten waren überstanden, jetzt konnte sie sich endlich in den Rennwagen zwängen.

Allerdings war der Sitz extra für Rams langbeinigen dänischen Beifahrer gefertigt worden. Mia rutschte hin und her, bis sie eine bequeme Position gefunden hatte. Ram hatte sich ans Steuer gesetzt und beobachtete sie interessiert. Verflixt! Sie hatte nicht damit gerechnet, ihm so nahe zu sein. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, sich freiwillig als Kopilotin zu melden? Wie sollte sie diese Nähe unbeschadet überstehen?

„Alles klar?“, fragte Ram und ließ den Motor aufheulen.

Mia ließ den Blick über das komplexe Armaturenbrett gleiten und war sofort vertraut damit. Zustimmend nickte sie. Jetzt konnte sie es kaum erwarten, endlich loszufahren. Die Fahrt würde ihr sicher helfen, über das Trauma des Rennunfalls hinwegzukommen.

Staub wurde aufgewirbelt, Funken zischten aus dem Auspuff, als Ram die Bremse löste und Gas gab. Durch die Schwerkraft wurde Mia ruckartig gegen die Rückenlehne gedrückt. Sie liebte hohes Tempo, aber Ram musste es natürlich gleich übertreiben. Mia erschrak so sehr, dass sie völlig vergaß, was sie zu tun hatte.

„Anweisungen!“, bellte Ram ins Mikrofon und fügte noch etwas hinzu, was Mia – glücklicherweise – nicht verstand. Seine Miene sprach sowieso Bände.

Von nun an konzentrierte Mia sich völlig auf die Strecke und die Straßenkarte. Kurz und knapp gab sie Anweisungen, während die Gebäude nur so an ihr vorbeiflogen. Ab und zu warf sie einen Blick auf den Fahrer, der bewundernswert ruhig dasaß, je nach Bedarf bremste und schaltete, und zwar mit bemerkenswert flüssigen Bewegungen.

Rams Bemerkungen fielen brüsk aus, aber nicht rüde. Er war voll aufs Rennen konzentriert. Das gefiel Mia. Er gefiel ihr leider viel zu sehr …

Sein unerschütterliches Selbstbewusstsein wirkte ansteckend. Langsam entspannte Mia sich und passte sich dem Rhythmus des Rennens an. Ram wusste genau, was zu tun war, offenbar gehörte er zu den Menschen, die erst zur Höchstform aufliefen, wenn sie unter Druck standen. Mia fand das sehr sexy. Wie elegant seine Handbewegungen waren. Hier im Rennwagen. Und auch im Schlafzimmer?

Mit welcher dieser Frauen er wohl die Nacht verbracht hatte?

Vielleicht mit allen?

Hastig schob Mia diese Vorstellung beiseite und warnte Ram vor den Haarnadelkurven, die er gleich zu bewältigen hatte. „Scharfe Rechtskurve hundert Meter voraus!“, kommandierte sie und stellte sich vor, wie sie ihn zähmen würde, statt sich ihm einfach vor die Füße zu werfen, wie die anderen Frauen es offensichtlich taten. Eine kleine Tagträumerei war doch wohl erlaubt, oder? Solange sie ihm rechtzeitig mitteilte, wie er fahren musste.

Mia fühlte sich in ihrem Element. Sie wusste, dass sie einen guten Job machte. Selbst Ram konnte an ihrer Technik nichts auszusetzen haben.

Und was war mit seiner Technik?

Natürlich war die Atmosphäre im Cockpit angespannt und hochkonzentriert. Aber Mia spürte auch ein erotisches Knistern. Ob Ram das auch wahrnahm?

Im Höchsttempo schoss der Wagen eine der seltenen Geraden auf der Strecke entlang. Adrenalin wurde durch Mias Adern gepumpt. Dann schrie sie panisch auf, als Ram in mörderischem Tempo in die nächste Haarnadelkurve einfädelte.

„Alles in Ordnung?“, fragte er besorgt und legte ihr beruhigend eine Hand aufs Knie.

Mia zuckte zusammen. Die kurze Berührung schockierte sie mehr als die halsbrecherische Fahrt. „Ja“, stieß sie atemlos hervor und riss sich schnell zusammen.

Jetzt ging es in die nächste Haarnadelkurve. Ram war ein ausgezeichneter Fahrer. Selbstsicher und geschickt steuerte er den Rennwagen, während Mia die erotische Spannung kaum noch aushielt. Immer wieder entschlüpfte ihr ein Stöhnen. Wie gut, dass das im Lärm der Motorengeräusche unterging. Nicht auszudenken, wenn Ram es hören würde …

Er war wirklich ein Traummann. Traumfahrer. Mia korrigierte sich schnell, als es um die letzte Kurve ging und Ram auf der Zielgeraden noch einmal Gas gab.

Erleichtert atmete Mia auf, als sie die Zielflagge passiert hatten und Ram das Rennmonster mit quietschenden Reifen stoppte. Mia nahm den Helm ab, lehnte sich im Sitz zurück und lachte glücklich. Die eben gemachte Erfahrung war unglaublich gewesen und dazu sehr lehrreich. Das Rennen war einfach gut gelaufen, wie sie ungerührt feststellte, als Ram seinerseits den Helm abnahm und sich durch die Locken fuhr.

„Lebst du noch?“, fragte er und schaute sie an.

Was für eine Frage! Noch nie zuvor hatte sie sich so lebendig gefühlt. „Hast du auf die Zeit geachtet? Wenn ich richtig gerechnet habe, liegen wir drei Sekunden unter dem Rekord vom letzten Jahr.“

„Nicht schlecht. Gut, dass du deine Hausaufgaben gemacht hast“, fügte er trocken hinzu.

Hatte er etwas anderes erwartet? Misstrauisch warf Mia ihm einen Blick zu. Nein, hatte er nicht.

Und dann brach er in herzliches Gelächter aus.

„Was findest du denn so lustig?“, fragte sie und runzelte die Stirn.

„Offensichtlich hast du vergessen, dass ich durch die Kopfhörer alles mitbekommen habe. Jedes noch so leise Geräusch aus deinem Mund.“

„Oh.“ Beschämt senkte sie den Kopf.

„Jedes Stöhnen, jeden sexy Seufzer.“ Ram nickte bestätigend und musterte sie selbstgefällig.

„Das amüsiert dich natürlich. Aber ich fürchte, du hast dir das alles nur eingebildet. Wahrscheinlich solltest du mal zum Ohrenarzt gehen.“

„Und du solltest dein sexuelles Verlangen besser in den Griff bekommen“, erwiderte er schlagfertig.

4. KAPITEL

Das Podium, vor dem sich eine große Menschenmasse versammelt hatte, lag in strahlendem Sonnenschein. Die Doppelmagnumflaschen Champagner lagen auf Eis und warteten darauf, entkorkt zu werden. Die siegreichen Fahrer standen kurz davor, ihre Pokale in Empfang zu nehmen. Mia und Ram standen allerdings nicht dabei, sondern in der Menge. „Was hat das zu bedeuten, Ram? Wieso stehst du nicht da oben?“

„Wegen der Strafpunkte.“

„Wofür?“, fragte sie fassungslos.

„Dafür, dass ich dich in letzter Minute ins Team geholt habe. Ich bin froh, dass ich das Rennen überhaupt fahren durfte. Das habe ich nur meiner Überzeugungskraft zu verdanken. Leider wurde das Zeitfahren nicht gewertet.“

„Das ist so ungerecht!“, rief Mia empört.

„So sind aber die Regeln.“

„Es tut mir schrecklich leid, Ram.“

„Halb so wild. Ohne dich hätte ich das Rennen gar nicht erst fahren können.“

„Es wäre sicher jemand anders eingesprungen.“

„Das hätte aber nicht halb so viel Spaß gemacht.“ Er lächelte anzüglich.

Sofort lief Mia ein lustvoller Schauer über den Rücken. „Dann macht es dir nichts aus, nicht gewonnen zu haben?“

„Nein, eine Umarmung ist eine viel größere Belohnung.“ Ram zog sie an sich. Leider tauchte wie auf Kommando in diesem Moment sein weiblicher Fanclub auf.

„Ich sollte dich wohl lieber deinen Bewunderinnen überlassen“, neckte Mia.

Ram lachte sie nur aus. „Wage es ja nicht.“ Schnell verschwand er mit ihr in der Menge.

„Ich soll dir wohl helfen, den Frauen den Spaß zu verderben.“

„Ist das so offensichtlich?“ Er stöhnte gespielt verzweifelt.

„Allerdings.“

„Schau mal, das wäre unser Pokal gewesen.“ Ram zeigte aufs Podium, als sie dort vorbeikamen.

„Silber muss man sowieso ständig putzen. Aber ich finde, sie hätten dir irgendeinen Preis verleihen sollen. Schließlich warst du am schnellsten.“

„Du wirst es nicht glauben, aber ich habe durchaus einen Preis bekommen“, behauptete er geheimnisvoll.

Warum hatte sie sich dazu überreden lassen? Mit Ram Rennen zu fahren war eine Sache, aber mit ihm zu Abend zu essen? Nur die übliche Feier nach einem Rennen hatte er ihr versichert. Da wäre es doch unhöflich gewesen, die Einladung abzulehnen, oder? Schließlich gingen die anderen Teams auch alle aus, und es würde auffallen, wenn Ram und sie sich nicht blicken ließen.

Alles schön und gut, aber wie sollte sie vor ihm verbergen, dass sie vor Verlangen nach ihm ...

Autor

Anne Mc Allister
Anne Mcallister, Preisträgerin des begehrten RITA Award, wurde in Kalifornien geboren und verbrachte ihre Ferien entweder an kalifornischen Stränden, auf der Ranch ihrer Großeltern in Colorado oder bei Verwandten in Montana. Genug Gelegenheiten also, um die muskulösen Surfer, die braungebrannten Beach-Volleyballer und die raubeinigen Cowboys zu beobachten! Am Besten gefielen...
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Julia James

Julia James lebt in England. Als Teenager las sie die Bücher von Mills & Boon und kam zum ersten Mal in Berührung mit Georgette Heyer und Daphne du Maurier. Seitdem ist sie ihnen verfallen. Sie liebt die englische Countryside mit ihren Cottages und altehrwürdigen Schlössern aus den unterschiedlichsten historischen Perioden...

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