Der Fürst und das Showgirl

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Liebe auf den ersten Blick gibt es für Schauspielerin Mina Hart nur auf der Bühne … bis sie den umwerfend attraktiven Erik Thoresen im Zuschauerraum entdeckt. Bei seinem Anblick vergisst die unschuldige Mina alles, was in ihrem Leben zählt und gibt den Annäherungsversuchen des schönen Fremden nach. Was als prickelnder Flirt beginnt, endet in einer sinnlichen Liebesnacht. Doch als am nächsten Morgen Paparazzi vor seiner Luxussuite warten, scheint ihr Liebestraum zerstört. Denn Erik ist der Thronfolger eines nordischen Fürstentums, der sie plötzlich für ein berechnendes Showgirl hält …


  • Erscheinungstag 19.01.2016
  • Bandnummer 2215
  • ISBN / Artikelnummer 9783733702328
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Er war wieder da.

Mina hatte sich vorgenommen, nicht nach ihm Ausschau zu halten. Doch als sie aus den Kulissen trat, blickte sie wie unter Zwang zu den Zuschauern, die sich im Stehbereich vor der Bühne versammelt hatten. Ihr Herz schlug schneller, als sie ihn dort entdeckte.

Die einzigartige Architektur des Shakespeare Globe Theatre am Londoner Südufer der Themse ermöglichte es den Schauspielern, von der Bühne aus die Gesichter der Zuschauer zu erkennen. Das Theater war ein genialer Nachbau des berühmten elisabethanischen Schauspielhauses, ein offenes Amphitheater, über dem der Himmel sich wie jetzt bei einsetzender Dämmerung rötlich blau färbte. Wie im Originaltheater wurden nur sanfte Beleuchtungsquellen eingesetzt. Ohne das blendende Rampenlicht konnte Mina die markanten Züge des Mannes, seine ausgeprägten Wangenknochen, das männlich energische Kinn mit dem leichten Bartschatten deutlich ausmachen.

Er lächelte nicht, wirkte ernst, fast streng, doch seine sinnlichen Lippen faszinierten Mina. Von der Bühne aus konnte sie die Farbe seiner Augen nicht erkennen, dafür die hellen Strähnchen im dunkelblonden Haar. Er trug dieselbe schwarze Lederjacke wie an den drei vorhergehenden Abenden und sah so umwerfend aus, dass Mina den Blick nicht von ihm abwenden konnte.

Warum mochte er erneut ins Theater gekommen sein? Sicher, Joshuas Harts Regiedebüt mit der berühmten Liebesgeschichte Romeo und Julia war mit positiven Kritiken überhäuft worden – doch was veranlasste jemanden, sich dasselbe Stück an drei Abenden hintereinander stehend anzusehen? Na ja, vielleicht konnte der Mann sich einen Galerieplatz nicht leisten. Stehplätze waren billig und begehrt, weil man von dort aus den besten Blick auf die Bühne hatte und den Schauspielern ganz nahe war.

Mina wollte sich abwenden, doch irgendwie stand sie völlig im Bann dieses Mannes. Jetzt sah er sie so durchdringend an, dass sie unwillkürlich den Atem anhielt. Die Welt um sie herum versank – der Zuschauerraum, die anderen Schauspieler –, es gab nur noch ihn.

Undeutlich wurde Mina bewusst, dass es still um sie geworden war: Die anderen Schauspieler warteten auf ihren Einsatz. Doch Mina fiel ihr Text nicht ein. Sie bekam es mit der Angst zu tun, als ihr bewusst wurde, dass Hunderte Augenpaare auf sie gerichtet waren.

Meine Güte! Lampenfieber – der schlimmste Albtraum jedes Schauspielers. Ihre Zunge war wie gelähmt, der kalte Schweiß brach ihr aus. In aufsteigender Panik tastete sie nach ihrem Hörgerät.

„Reiß dich zusammen, Mina!“, flüsterte ihr ein anderer Darsteller zu. Und endlich schien ihr Hirn wieder zu funktionieren! Sie atmete tief ein und sprach ihre erste Textzeile.

„Ach … wer hat mich gerufen?“

Kat Nichols, die die Krankenschwester spielte, atmete erleichtert ein.

Mina wusste, dass sie „die vierte Mauer“ missachtet hatte, die goldene Schauspielerregel, nie auf das Publikum zu achten. Nur Sekunden hatte sie sich von der Figur der blutjungen Julia gelöst und den Zuschauern einen Blick auf sich selbst gestattet – Mina Hart, die fünfundzwanzigjährige hörbehinderte Schauspielerin.

Es war unwahrscheinlich, dass jemand im Zuschauerraum von ihrer Hörschwäche wusste. Nur wenigen außerhalb der Familie und des engsten Freundeskreises war bekannt, dass sie mit acht Jahren an Meningitis erkrankt war und eine Hörschwäche zurückbehalten hatte. Die Hörhilfen, die sie trug, waren so klein, dass sie unter ihrem langen Haar nicht auffielen. Dank einer neuen Erfindung konnte sie damit auch telefonieren und Musik hören. Manchmal vergaß Mina fast, wie einsam und abgeschnitten sie sich als Kind gefühlt hatte, für das die Welt über Nacht stumm geworden war.

Doch obwohl sie sich auf ihre Hörhilfen verließ, waren einige Gewohnheiten geblieben. Sie konnte erstaunlich gut von den Lippen lesen und beobachtete Lady Capulet, die nun ihren Text sprach.

„Sag mir, Tochter Julia, wie denkst du übers Heiraten?“

Die Poesie von Shakespeares Stücken war Musik in Minas Ohren und berührte sie tief. Die Wirklichkeit versank, sie war nicht mehr die Schauspielerin Mina Hart, sondern Julia, das vierzehnjährige Mädchen, das einen Mann heiraten sollte, den seine Eltern ausgesucht hatten. Ein Mädchen, das zur Frau wurde, ohne sich verlieben zu dürfen, und noch nicht wusste, dass es am Ende des Abends sein Herz hoffnungslos an Romeo verloren haben würde.

Mit klarer, reiner Stimme erwiderte Julia ihrer Mutter. „Es ist eine Ehre, die ich nicht erstrebe.“

Die Vorführung lief ohne Patzer weiter, doch irgendwie spürte Mina die ganze Zeit, dass der Mann im Publikum sie nicht aus den Augen ließ.

Shakespeares Tragödie der unglücklich Liebenden näherte sich dem Ende.

Erik Thoresen hatte über zwei Stunden gestanden, seine Beine schmerzten, doch er spürte es kaum. Gebannt blickte er zur Bühne, zu Julia, die neben ihrem toten Ehemann kniete, einen Dolch ergriff und ihn sich ins Herz stieß.

Allgemeines Seufzen erfüllte den Zuschauerraum wie eine Trauerbrise. Natürlich wusste jeder, wie die Tragödie ausging, doch als Julia leblos über ihren geliebten Romeo sank, verspürte Erik ein ungewohntes Ziehen in der Kehle. Alle Ensemblemitglieder waren begnadete Schauspieler, doch Mina Hart, die Julia, war etwas Besonderes. Ihre ergreifende Verkörperung der jungen Liebenden elektrisierte ihn.

Vor drei Tagen hatte Erik nach einem weiteren aufreibenden Tag voller Debatten zwischen dem Regierungsrat von Storvhal und britischen Kabinettsvertretern spontan beschlossen, sich das Stück im Shakespeare Globe Theatre anzusehen. Das Fürstentum Storvhal zwischen Norwegen und Russland wurde seit achthundert Jahren von der Dynastie Thoresen regiert. Und als Regent und Staatsoberhaupt herrschte Erik uneingeschränkt über den gewählten Regierungsrat. Seit dem Tod seines Vaters Fürst Geir ruhte die Verantwortung für das Wohl des Fürstentums voll auf seinen Schultern. Bisher hatte er niemandem anvertraut, dass er diese Bürde, die ihm mit der Geburt auferlegt worden war, manchmal als drückend empfand.

Zweck seines Besuchs in London war die Erörterung von Vorschlägen für ein neues Handelsabkommen zwischen Britannien und Storvhal. Doch wegen endloser bürokratischer Verflechtungen waren die Verhandlungen ins Stocken geraten. Ein Theaterbesuch fern diplomatischer Verwicklungen würde ihn auf andere Gedanken bringen, hatte er gehofft. Keineswegs hatte er jedoch erwartet, dass die Hauptdarstellerin des Stückes ihn völlig verzaubern würde.

Die Vorführung war beendet, die Schauspieler erschienen vor dem Vorhang und verneigten sich. Erik konnte den Blick nicht von Mina Hart abwenden. Es war die letzte Aufführung des Stückes im Globe gewesen. Und es war auch sein letzter Abend in London, nachdem er das Handelsabkommen mit England endlich unter Dach und Fach gebracht hatte. Am nächsten Morgen würde er nach Storvhal zurückfliegen, um seinen Verpflichtungen in der Heimat nachzukommen. Und, wie seine Großmutter ihm ständig vorhielt, um endlich eine passende Braut als Fürstin heimzuführen, die dem Land einen Thronerben schenkte.

„Es ist deine Pflicht, die Nachfolge der Dynastie zu sichern“, hatte die neunzigjährige Fürstin Eldrun ihn wieder und wieder ermahnt, seit sie an einer lebensbedrohenden Lungenentzündung erkrankt war. „Nichts wünsche ich mir mehr, als dich verheiratet zu wissen, ehe ich sterbe.“

Seelische Erpressung hätte Erik bei jedem anderen unbeeindruckt abgeschüttelt. Seit der Kindheit war ihm eingeschärft worden, dass Pflicht und Verantwortung wichtiger seien als persönliche Befindlichkeiten und Wünsche. Ein einziges Mal hatte er sein Herz über den Verstand herrschen lassen. Damals war er Anfang zwanzig gewesen und hatte sich in ein bildschönes russisches Model verliebt. Doch nachdem er erfahren musste, dass Karena ihn betrog, hatte er eine undurchdringliche Mauer um sich errichtet.

Seine Großmutter war der einzige Schwachpunkt in seiner Abwehr. Fünfzig Jahre lang hatte Fürstin Eldrun ihren Mann Fürst Frederik bei den Regierungsgeschäften unterstützt, und Erik hatte größte Hochachtung vor ihr. Als sie krank wurde und die Ärzte ihn gewarnt hatten, er müsse mit dem Schlimmsten rechnen, war ihm bewusst geworden, wie wichtig ihr Rat ihm war. Aber nicht einmal aus Liebe zu seiner Großmutter wollte Erik sich zu einer Ehe drängen lassen. Wenn er so weit war, würde er heiraten. Eine Liebesheirat dürfte es kaum werden. Als Fürst von Storvhal genoss er viele Privilegien, doch sich zu verlieben gehörte nicht dazu – wie bei seinen Wikingervorfahren.

Erik versuchte, sich seine ungewöhnliche Anteilnahme an der Tragödie von Romeo und Julia zu erklären. Sicher bewegte sie ihn so, weil er wusste, wie schlecht es um die Gesundheit seiner Großmutter stand. Heute war der zwölfte Jahrestag des tödlichen Hubschrauberabsturzes seines Vaters in Monaco – dem Spielplatz der Reichen und Schönen, wo Fürst Geir sich am liebsten getummelt hatte. Sehr zum Entsetzen der Menschen von Storvhal. Im Gegensatz zu seinem Vater widmete Erik sich unermüdlich den Staatsgeschäften und hatte die Unterstützung der Bevölkerung so nach und nach zurückgewonnen. Doch diese Beliebtheit hatte ihren Preis.

In Storvhal war es schwer, dem Scheinwerferlicht zu entkommen. Die Medien beobachteten ihn genau, stets auf Anzeichen lauernd, dass er sich wie sein Vater zum Playboy und Partylöwen entwickelte. Zu Hause konnte er es sich nicht leisten, allein auszugehen wie hier in London. Wenn er in Storvhal ins Theater ging, musste er für jeden im Zuschauerraum sichtbar in der Fürstenloge sitzen. Unerkannt in der Menge zu stehen und von der berühmtesten Liebesgeschichte der Welt fast zu Tränen gerührt zu sein wäre für ihn zu Hause nie infrage gekommen.

Gebannt betrachtete er Mina Hart. Dem Zeitalter des Stückes entsprechend, trugen die Schauspieler Renaissancekostüme. Mit ihrem langen rötlich braunen Haar, das ihr feines herzförmiges Gesicht rahmte, und dem schlichten weißen Gewand, das ihre zierliche Gestalt weich umspielte, wirkte sie so unschuldig und dennoch unglaublich erotisch …

Nie gekanntes Verlangen durchflutete Erik, er konnte der Versuchung nicht widerstehen, sich auszumalen, wie es sein müsste, sich Mina Hart zu nähern. Doch da war die unüberbrückbare Wahrheit: Sein Leben gehörte der Pflicht. An den drei vorhergehenden Abenden hatte er sich in eine Fantasiewelt geflüchtet. Jetzt hieß es wieder, sich der Wirklichkeit zu stellen.

Dies war das letzte Mal, dass er Mina betrachten konnte. Während er versuchte, sich ihre Züge für immer einzuprägen, verspürte er ein seltsames Ziehen in der Brust.

„Leb wohl, Julia“, flüsterte er.

„Kommst du noch auf einen Schluck mit, Mina?“, fragte Kat Nichols, als sie das Theater verließen. „Wir treffen uns alle im Riverside Arms, um unseren Erfolg zu feiern.“

Eigentlich hatte Mina gleich nach der Abschiedsvorführung nach Hause gehen wollen, doch Kats unternehmungslustiges Lächeln stimmte sie um. „Na gut, ich komme auf einen Drink mit. Komisch, mir vorzustellen, dass wir jetzt nicht mehr im Globe auftreten.“

„Dafür spielen wir möglicherweise bald am Broadway, Mina.“ Kat warf ihr einen bedeutsamen Blick zu. „Jeder weiß, dass dein Vater Verhandlungen führt, mit dem Stück nach New York zu gehen. Hat er dir nichts davon gesagt?“

Mina schüttelte den Kopf. „Alle denken, mir als Tochter würde Joshua alles anvertrauen, aber er behandelt mich nicht besser als den Rest der Truppe. Für die Rolle der Julia musste ich drei Mal vorsprechen. Dad bevorzugt mich kein bisschen.“

Bei seiner Tochter verhielt er sich eher noch strenger und kritischer als bei anderen Schauspielern. Joshua Hart war ein begnadeter Schauspieler und unbarmherziger Perfektionist. Es war nicht leicht, mit ihm auszukommen. Minas Beziehung zu ihm war angespannt, seit er ihr nach den Dreharbeiten in Amerika vorgeworfen hatte, den Namen Hart in Verruf zu bringen.

Kat ließ sich nicht beirren. „Stell dir vor, wir würden am Broadway auftreten! Das wäre eine einmalige Chance, Karriere zu machen. Und wer weiß, vielleicht entdeckt uns ein berühmter Filmregisseur und holt uns nach Hollywood.“

„Glaube mir, Hollywood ist nicht so traumhaft“, bemerkte Mina trocken.

Neugierig sah Kat sie an. „Ich habe Gerüchte gehört … was ist wirklich passiert, als du den Film in Amerika gedreht hast?“

Mina zögerte. Sie war mit Kat befreundet, doch über die dunkelste Episode ihres Lebens wollte sie nicht reden. Selbst jetzt noch schmerzte es, an ihre Beziehung mit dem Filmregisseur Dexter Price erinnert zu werden – die in einer Katastrophe geendet hatte. Wie hatte sie so dumm sein können, sich in Dex zu verlieben? Damals war sie für ihre erste Filmrolle allein nach Los Angeles geflogen und einfach nur jung und naiv gewesen!

Binnen kürzester Zeit war sie Dexters lässigem Charme erlegen. Rückblickend fragte Mina sich, ob sie sich so stark zu Dexter hingezogen gefühlt hatte, weil er sie an ihren Vater erinnerte. Beide waren mächtige, in der Schauspielwelt hochgeachtete Männer, und Dex hatte sie so ermutigt, wie sie es sich immer von ihrem Vater gewünscht hatte. Als Mina dann herausgefunden hatte, dass Dex sie belog, hatte ihr nicht nur sein Verrat das Herz gebrochen, sondern auch die Erfahrung, dass ihr Vater sie nicht unterstützt hatte, als sie ihn am meisten brauchte …

„Mina?“

Kats Stimme unterbrach ihre Gedanken. Sie zog die Eingangstür des Pubs auf und lächelte ihrer Freundin entschuldigend zu. „Das erzähle ich dir ein andermal.“

In der Bar ging es turbulent zu, sodass Kat das Thema nicht verfolgte. An einem Tisch in der Nähe entdeckte Mina eine Schauspielerin aus ihrer Truppe. „Ich hole uns die erste Runde“, erbot sie sich. „Halte mir einen Platz frei, Kat.“

Während Mina sich einen Weg zur Theke bahnte, beschloss sie, mit den anderen ein Glas Wein zu trinken und dann zu gehen. Der Lärm im Pub verwirrte sie, sie sehnte sich nach der Stille und dem Frieden ihres Apartments. Vermutlich saßen unter den Gästen auch Reporter. Gerüchte gingen um, Joshua Hart wolle mit Romeo und Julia nach New York gehen, und letzte Woche waren im Theater Paparazzi in der Hoffnung auf eine Sensationsmeldung herumgeschwirrt.

Mühsam schob Mina sich zwischen den Gästen vor der Bar hindurch und versuchte, den Barkeeper auf sich aufmerksam zu machen. „Entschuldigen Sie bitte …“

Der Barmann hantierte einfach weiter, und sie fragte sich, ob er sie nicht gehört hatte. Die lauten Hintergrundgeräusche im Pub machten es ihr schwer, die eigene Stimme zu hören. Gleich darauf passierte es Mina wieder: Ein anderer Barkeeper überging sie und bediente jemand anders. In solchen Situationen war Mina sich ihrer Hörschwäche schmerzlich bewusst. Die Hörhilfe war ausgezeichnet, doch hier kam Mina sich unsichtbar vor, obwohl sie sich im Spiegel hinter der Bar sehen konnte.

Während sie auf ihr Spiegelbild blickte, berührte jemand ihre Schulter. Sie verkrampfte sich und ihr Herz begann zu jagen, als sie ihn erkannte – den Mann aus dem Zuschauerraum. Aus unmittelbarer Nähe wirkte er noch umwerfender, als sie ihn von der Bühne her in Erinnerung hatte.

Seine Augen waren von einem leuchtenden Topasblau, die Brauen eine Schattierung dunkler als das dunkelblonde, mit hellen Strähnchen durchzogene Haar. Im Theater hatte er seltsam ernst gewirkt, doch jetzt lächelte er sie auf eine Weise an, die sie atemlos machte.

„Kann ich Ihnen helfen?“

Mina konnte seinen Akzent nicht einordnen. Doch seine dunkle, rauchige Stimme jagte ihr Schauer über die Haut. Langsam drehte sie sich zu ihm um.

„Mit meiner Größe mache ich Barkeeper mühelos auf mich aufmerksam“, sagte er. „Darf ich Sie zu einem Drink einladen?“

Mit seinem Aussehen und dieser Ausstrahlung würde ihn garantiert niemand ignorieren. Mina wurde verlegen, als ihr bewusst wurde, dass sie ihn immer noch fasziniert ansah. „Ich wollte eine Runde für meine Freunde bestellen … danke.“

Sie sprach nicht weiter, weil er sie weiter so eindringlich ansah. In ihren Ohren rauschte es, ihr Herz begann zu jagen, während sie seine kantigen männlichen Züge betrachtete.

Ein umwerfender Mann!

Waren Julia auch die Knie weich geworden, als sie Romeo zum ersten Mal gegenüberstand? In ihrer Charakterstudie der Rolle hatte Mina sich vorzustellen versucht, was in der jungen Julia vor sich ging, als sie sich Hals über Kopf in den jungen Romeo verliebte. In ihre Haut zu schlüpfen war Mina schwerer gefallen, als sie gedacht hatte. Konnte man sich wirklich auf den ersten Blick in jemanden verlieben, dem man noch nie begegnet war?

Wohl nicht. Die Geschichte von Romeo und Julia war ein Märchen. Doch jetzt, mit einem Herzschlag, begriff Mina, dass es möglich war, sich unwiderstehlich zu einem völlig Fremden hingezogen zu fühlen. Noch unerklärlicher war, dass dieser Mann ebenso zu empfinden schien. Er kniff die Augen zusammen und betrachtete sie eindringlich.

Jemand schob sich an Mina vorbei zur Bar und stieß sie gegen den Fremden, sodass ihre Brüste ihn berührten. Es war, als hätte sich ein Stromkreis geschlossen, alles in ihr begann zu pulsieren, ihre Brustspitzen wurden hart. Sie fühlte sich benommen, als sie seine Körperwärme spürte und der würzige Duft seines Aftershaves sie einhüllte.

Verwirrt zuckte Mina zurück. Der Fremde beobachtete sie immer noch scharf, als versuchte er, ihre Gedanken zu lesen. Sie riss sich zusammen und sagte spontan: „Sie waren heute Abend im Theater. Ich habe Sie gesehen. Hat Ihnen das Stück gefallen?“

Mit seinen unglaublich blauen Augen schien er bis auf den Grund ihrer Seele zu blicken. „Sie waren – erstaunlich.“

Er sprach leise, eindringlich, und es berührte Mina seltsam, als seine Wangen Farbe annahmen. Sie hatte den Eindruck, dass die Worte ihm ungewollt herausgerutscht waren.

Es war tödlich, an seine Lippen zu denken. Sie waren so sinnlich, dass Mina kaum atmen konnte.

„Sie waren gestern Abend da … und vorgestern auch“, platzte sie heraus.

„Ich konnte nicht anders.“ Immer noch sah er sie so durchdringend an, dass sie den Blick nicht abwenden konnte. Eine seltsame Schwäche überkam sie, ihr Magen begann zu flattern. Wie magisch angezogen neigte sie sich dem Fremden leicht entgegen, sie war machtlos gegen diese Kraft, die sie zu ihm zog.

Er sah sie immer noch so eindringlich an, dann schüttelte er den Kopf, als versuchte er, sich die Wirklichkeit vor Augen zu rufen. Unvermittelt strich er sich das dunkelblonde Haar aus der Stirn.

„Verraten Sie mir, was Ihre Freunde trinken möchten, und ich bestelle die Drinks für Sie.“

Freunde? Der Bann war gebrochen. Mina rief sich zur Ordnung und sah sich in dem überfüllten Pub um, dann nannte sie dem Fremden eine Liste von Getränken. Tatsächlich gelang es ihm mühelos, den Barkeeper auf sich aufmerksam zu machen. Minuten später hatte Mina die Runde bezahlt, und überlegte, wie sie das Getränketablett heil durch das Menschengewühl balancieren könnte.

Wieder kam ihr der Fremde zu Hilfe. „Das übernehme ich“, erklärte er ihr. „Wo sitzen Ihre Freunde?“

Kat staunte nicht schlecht, als sie Mina im Gefolge eines hochgewachsenen blonden Wikingers bemerkte. Er stellte das Tablett mit den Getränken auf den Tisch, und Mina überlegte, ob sie ihn einladen sollte, sich zu der Runde zu gesellen. Wenn Kat ihn nur nicht so hingerissen ansehen würde …

„Danke für Ihre Hilfe. Übrigens – ich bin Mina.“ Da sie befürchtete, er könnte sie im allgemeinen Lärm nicht gehört haben, versuchte sie, die Antwort von seinen Lippen abzulesen.

Er lächelte amüsiert. „Ich weiß. Ihr Name stand im Theaterprogramm.“ Er reichte ihr die Hand. „Ich bin Erik.“

„Das ist kein englischer Name“, bemerkte Mina und versuchte, nicht an den festen Druck seiner Finger zu denken, als sie ihm die Hand reichte. Die Berührung durchzuckte sie wie ein Stromstoß, es fiel ihr schwer, ihm die Hand wieder zu entziehen.

Einen Moment zögerte er, dann erwiderte er: „Da haben Sie recht. Ich bin aus Storvhal.“

„Das liegt doch in Russland … am nördlichen Polarkreis, stimmt’s?“

Erik zog leicht die Brauen hoch. „Ich bin beeindruckt. Storvhal ist ein winziges Land, eigentlich eine Insel. Die meisten haben keine Ahnung, wo es liegt.“

„Ich löse leidenschaftlich gern Kreuzworträtsel“, gestand Mina ihm. „Darin kommt Storvhal öfter vor.“

Meine Güte, das klang nach Langweilerin, die viel Zeit allein verbrachte, dachte sie ironisch. Meist glaubten die Leute, Schauspieler führten ein aufregendes, glanzvolles Leben, doch nichts lag der Wahrheit ferner. Wie oft hatte sie zwischen zwei Rollen nur herumgesessen, gelegentlich auch als Putz- oder Regalhilfe in Supermärkten gearbeitet! Wenn sie nicht gerade Superstars waren, mussten viele Schauspieler sich anderswo ein Zubrot verdienen. Mina selbst war nicht aufs Geldverdienen angewiesen. Die Schauspielerei lag ihr einfach im Blut.

Die Harts waren eine bekannte Theaterdynastie, allen voran Joshua Hart, der als bedeutendster Shakespeare-Darsteller der letzten dreißig Jahre galt. Schon als Kind hatte Mina unbedingt Schauspielerin werden wollen. Nicht einmal der Gehörverlust hatte sie davon abgehalten, alles zu tun, um ihren Traum zu verwirklichen.

Das hatten die enttäuschenden Erfahrungen in Los Angeles dann geschafft. Die Dreharbeiten hatten Mina die Augen geöffnet. Der Berühmtheitskult in der amerikanischen Filmindustrie, der blühende Klatsch und die Intrigen waren ihr verhasst. Nach den traumatischen Erfahrungen in Los Angeles war sie ernüchtert nach England zurückgekehrt und hatte über einen neuen beruflichen Anfang nachgedacht: als Theatertherapeutin.

Eins stand für Mina fest: Auf keinen Fall wollte sie ihr Privatleben nochmals auf den Titelseiten der Boulevardblätter wiederfinden. Selbst jetzt noch schauderte sie, wenn sie daran dachte, wie erniedrigend es für sie gewesen war, erlogene Geschichten über ihre Beziehung zu Dexter Price in den Zeitungen zu entdecken. Die Paparazzi hielten nichts von wahrheitsgetreuer Berichterstattung, und Mina war oft genug zur Zielscheibe ihrer unbarmherzigen Skandalgier geworden. Bald hatte sie den Medien gegenüber tiefstes Misstrauen entwickelt – vor allem vor dem Mann, der in diesem Moment den Pub betrat.

Mina erstarrte, als sie ihn erkannte. Steve Garratt war der Reporter, der ihre Beziehung zu Dexter an die Öffentlichkeit gezerrt hatte. In einem ekelhaften Artikel hatte er ihr unterstellt, mit dem Filmregisseur zu schlafen, um ihre Karriere voranzutreiben, während Dexters Ehefrau sich einer Krebsbehandlung unterzog. Der ganze Artikel hatte praktisch nur aus Lügen bestanden. Minas Wahrheit sah anders aus. Sie hatte Dex geliebt, sich mit ihm auf eine Beziehung eingelassen – bis sie erfahren musste, dass er verheiratet war. Doch ihre Seite der Geschichte hatte niemanden interessiert. Am allerwenigsten Steve Garratt.

Was wollte er hier in England? Es war unwahrscheinlich, dass er ausgerechnet jetzt zufällig hier auftauchte, während Gerüchte die Runde machten, Joshua Harts Produktion von Romeo und Julia würde am Broadway aufgeführt werden. Garratt war hinter einer Story her.

Mina wurde noch misstrauischer, als der Journalist ihr jetzt zur Begrüßung zunickte.

Schon begann er, sich einen Weg durch die Menge hindurchzubahnen. Mina geriet in Panik. Es wäre unsagbar peinlich, wenn der Mann vor ihren Freunden aus der Theatertruppe auf den Skandal in Los Angeles zu sprechen käme. Nach zwei Jahren müsste die Sache doch längst vergessen sein!

Unschlüssig sah sie den umwerfenden Mann an, der sich ihr als Erik vorgestellt hatte. Sie kannte ihn überhaupt nicht! Dass sie sich so stark zu ihm hingezogen fühlte, hatte sie sich vermutlich nur eingeredet.

„Nett, Sie kennengelernt zu haben“, sagte sie leise zu ihm. „Danke für Ihre Hilfe.“

Erik begriff, dass er damit verabschiedet war. Eine ganz neue Erfahrung für einen Fürsten. Unter Umständen hätte er sich darüber amüsiert, doch in ihm regte sich so etwas wie Eifersucht, weil er bemerkt hatte, wie seltsam Mina den Mann ansah, der den Pub betreten hatte. War er ihr Freund? Aber natürlich ging ihn das nichts an. Vielleicht hätte er Mina doch lieber nicht in den Pub folgen sollen. Ihr unübersehbares Interesse für den Kerl, der jetzt auf sie zukam, sagte Erik, dass es klüger war, einfach zu gehen.

„Gern geschehen.“ Er kämpfte gegen das Bedürfnis an, sie einfach bei der Hand zu nehmen und aus der überfüllten Kneipe irgendwohin zu entführen, wo er mit ihr allein sein konnte.

Was, zum Teufel, war nur heute Abend in ihn gefahren? Er benahm sich völlig idiotisch. Höchste Zeit, sich die lachhafte Faszination für Mina Hart aus dem Kopf zu schlagen.

„Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend“, verabschiedete er sich knapp und verließ den Pub, ohne noch einmal zurückzublicken.

„Mina Hart! Was für eine nette Überraschung!“, begrüßte Steve Garratt sie locker. Er roch nach abgestandenem Zigarettenrauch, und Mina rümpfte die Nase, als er sich leicht zu ihr vorbeugte.

„Ich kann an unserer Begegnung beim besten Willen nichts nett finden“, erwiderte sie kühl. „Außerdem glaube ich nicht, dass Sie überrascht sind, mir zu begegnen. Sie sind nicht ohne Grund hier. Und ich kann mir auch denken, was Sie suchen.“

Der Journalist grinste, sodass seine nikotinvergilbten Zähne sichtbar wurden. Im Pub war es heiß, und sein gerötetes Gesicht wurde um eine Schattierung dunkler. „Ein Vögelchen hat mir zugezwitschert, dass Sie bald Premiere am Broadway feiern.“

Autor

Chantelle Shaw
Chantelle Shaw ist in London aufgewachsen. Mit 20 Jahren heiratete sie ihre Jugendliebe. Mit der Geburt des ersten Kindes widmete sie sich ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter, ein Vollzeitjob, da die Familie bald auf sechs Kinder und verschiedene Haustiere anwuchs.

Chantelle Shaw entdeckte die Liebesromane von Mills & Boon,...
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