Die Schöne und ihr Boss

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"Das sollten Sie lieber nicht tun", sagte er. "Was?", fragte sie unschuldig. "Mich anschauen, als ob Sie mich küssen möchten." Als Gabrielle das verwilderte Anwesen in Malibu erreicht, würde sie am liebsten umkehren! Warum hat sie sich bloß darauf eingelassen, für den ehemaligen Hollywoodstar Deacon Santoro als Assistentin zu arbeiten? Die ganze Welt hält er seit einem verhängnisvollen Unfall auf Abstand, weigert sich sogar, Gaby persönlich kennenzulernen. Bis die Schöne ihrem geheimnisvollen Boss in seinem üppig blühenden Rosengarten unvermittelt gegenübersteht: Einsam und verletzt wirkt er auf sie, und schroff weist er sie ab. Doch er hat nicht mit Gabys weichem Herzen gerechnet …


  • Erscheinungstag 09.10.2018
  • Bandnummer 212018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733710477
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

PROLOG

„Das darf doch nicht wahr sein!“

Gabrielle Dupré kauerte auf einem harten, schwarzen Plastikstuhl. Er stand in einem kleinen Raum mit grauen Wänden, in dem eine bedrückende Stille herrschte. Noch nie war sie an einem solchen Ort gewesen – in einer Polizeistation! Wie hatte es nur so weit kommen können?

Jetzt war sie schon zwei Stunden hier, und es sah nicht gut aus. Gerade hatte sie ihren letzten Trumpf ausgespielt und konnte nur hoffen, dass er sich auszahlte.

„Mach dir keine Sorgen.“ Ihr Vater sah sie über den Tisch hinweg an. „Alles wird gut.“

„Gut? Vater, weißt du eigentlich, in welchen Schwierigkeiten du steckst?“

„Gaby, verstehst du denn nicht? Wenn ich dadurch allen die Wahrheit über dieses Monster verkündet habe, war es die Sache wert“, meinte er im Brustton der Überzeugung. „Manchmal muss ein Mann eben tun, was er tun muss.“

„Und manchmal sollte er sein Gehirn einschalten, bevor er handelt“, stieß sie zornig hervor.

Ihr Vater tätschelte beruhigend ihre Hand. „Du wirst sehen, das wird schon wieder.“

Sie hätte es verhindern müssen! Warum nur war sie nicht da gewesen? Das letzte halbe Jahr musste sie zwei Jobs ausüben, um das Geld für all die Rechnungen aufzubringen. Mittlerweile dachte sie sogar daran, einen dritten Job anzunehmen. Jetzt, wo die Gesundheit ihres Vaters immer schlechter wurde und er im Rollstuhl saß, musste sie allein dafür sorgen, dass sie über die Runden kamen.

Zudem kümmerte sie sich jeden Tag um ihn, denn er trauerte immer noch um ihre Tante, die vor vier Monaten durch einen Unfall gestorben war. Dass die Polizei den Unfall nicht hatte aufklären können, machte es auch nicht besser. Und dass die Boulevardpresse, einschließlich des Blatts, bei dem sie gerade einen Job in der Verwaltung ergattert hatte, fortwährend darüber schrieb, ebenfalls nicht. Irgendeine ungenannte Quelle brachte die Zeitungen immer wieder dazu, den bekannten Filmschauspieler Deacon Santoro zu beschuldigen.

„Du hast dich die ganze Woche über zum Anwesen von Deacon Santoro geschlichen? Und ich dachte, du hättest eine heimliche Freundin! Wenn ich gewusst hätte, was du vorhast, hätte ich dich daran gehindert.“

Er beugte sich vor. „Willst du etwa nicht die Wahrheit erfahren?“

„Natürlich will ich das. Ich habe deine Schwester auch sehr gerngehabt. Sie war so etwas wie eine zweite Mutter für mich. Aber es gibt bessere Wege, die Wahrheit zu erfahren. Du hättest keinen solchen Krawall vor dem Haus von dem Mann machen sollen.“

Ihr Vater stieß einen schweren Seufzer aus und lehnte sich wieder im Rollstuhl zurück. „Alles andere hat doch nicht funktioniert. Immer wieder habe ich die Behörden angerufen. Immer wieder sagten sie, der Unfallbericht würde veröffentlicht, sobald die Untersuchungen abgeschlossen sind.“

„Weißt du eigentlich, wie mächtig Mr. Santoro ist?“

Ihr Vater zog die buschigen Augenbrauen zusammen. „Was glaubst du wohl, warum ich hingegangen bin? Die Polizei hilft uns nicht, weil er sie gekauft hat. Also dachte ich, die Medien könnten mir helfen. Die machen doch alles für eine gute Schlagzeile.“

„Ihre Aufmerksamkeit hast du jedenfalls. Es standen so viele Reporter vor der Polizei, dass man mich durch den Hintereingang führen musste.“

Über das müde Gesicht ihres Vaters mit den Zweitage-Bartstoppeln huschte ein zufriedenes Lächeln. „Es funktioniert, Gaby. Du wirst sehen.“

Ihr Vater hatte leider die schlechte Angewohnheit, zuerst zu handeln und dann zu denken. Und sie musste dann die Scherben zusammenkehren. „Und ist es das wert, dass du dafür ins Gefängnis gehst? Oder eine saftige Geldstrafe zahlst, die uns ruinieren wird?“

Bevor ihr Vater antworten konnte, ging die Tür auf. Ein grauhaariger Polizeibeamter trat ein. „Wir haben den Kläger erreichen können.“

„Und?“

Der Beamte schüttelte den Kopf. „Er weigert sich, sich mit Ihnen zu treffen.“

Sie hatte so gehofft, der Mann würde auf ihre eindringliche Bitte hin die Anklage fallen lassen. „Es muss doch eine Möglichkeit geben, ihn zu sprechen.“

Der Beamte räusperte sich. „Ich soll Ihnen sagen, dass er am Telefon ist. Sie können von meinem Büro aus mit ihm sprechen.“

Im Nu war sie aufgesprungen und hinausgeeilt. Sie wusste nicht, ob es ihr dieses Mal gelingen würde, die Sache wieder in Ordnung zu bringen. Doch sie würde alles tun, um ihren Vater zu beschützen.

Der Beamte führte sie zu seinem Schreibtisch und reichte ihr den Hörer. Dann wurde er nach draußen zu einem festgenommenen Mann gerufen, der ziemlich tobte.

Gabrielle drehte der Szene den Rücken zu und sagte: „Hallo.“

„Ich werde die Anklage nicht fallen lassen.“ Deacon Santoro ließ sich noch nicht einmal dazu herab, hallo zu sagen.

Trotzdem weckte seine Stimme ihr Interesse. Sie war tief und voll, und niemand musste Gabrielle sagen, mit wem sie sprach. Nachdem sie jeden seiner Filme x-mal gesehen hatte, würde sie diese Stimme überall erkennen.

„Ich wäre Ihnen wirklich dankbar, wenn wir darüber reden könnten.“

„Ich habe nicht vor, noch weiter darüber zu reden. Ich habe mit Ihnen gesprochen, das ist alles, wozu ich bereit bin. Ich muss jetzt aufhören.“

„Warten Sie!“

„Sie vergeuden nur Ihre Zeit. Ihr Vater wird sich dem Richter stellen müssen.“

Aus irgendeinem Grund fühlte sie sich immer mehr zu ihm hingezogen. Ihr Verstand sagte ihr, dass er wirklich der Letzte war, von dem sie träumen sollte. Trotzdem sehnte sie sich danach, seine Stimme immer wieder zu hören.

Sie riss sich zusammen. Die Zukunft ihres Vaters hing davon ab, dass sie alles wieder in Ordnung brachte.

„Aber er hat doch nichts Schlimmes getan!“

„Ich betrachte Stalking als eine ernste Beschuldigung.“

„Stalking?“ Diese Anschuldigung hörte sie zum ersten Mal. Unwillkürlich fragte sie sich, was ihr Vater ihr sonst noch nicht erzählt hatte.

„Ja. Er verfolgt mich mit Telefonanrufen, schleicht mit dem Fernglas um mein Anwesen und macht Jagd auf meine Angestellten.“

„Das … tut mir leid. Glauben Sie mir, er würde niemals jemandem etwas antun, dazu wäre er gar nicht in der Lage, aber in letzter Zeit …“

„Ja?“

„Nun, er ist nicht mehr er selbst. Wenn Sie ihn kennenlernen würden …“

„Das habe ich nicht vor. Das alles ist nicht mein Problem.“

Er hatte ja recht, aber würde ihm wirklich ein Zacken aus der Krone fallen, wenn er ein wenig großzügiger wäre? Vielleicht sollte sie ihm die Situation erklären. „Mein Vater ist nicht mehr jung. Und nicht gesund.“

„Wie ich schon sagte, das ist nicht mein Problem.“

Der Mann gab keinen Millimeter nach. Die Wirkung seiner aufregenden Stimme begann nachzulassen. „Hören Sie, Mr. Santoro, es tut mir leid, dass mein Vater Ihnen Ärger gemacht hat“, sagte sie entschlossen. „Aber ihn anzuzeigen, bringt doch nichts. Bestimmt gibt es einen anderen Weg, die Sache zu regeln.“

„Daran hätte Ihr Vater früher denken sollen.“

Wieso tat der Mann so, als wäre er völlig unschuldig? Hätte er in jener schicksalhaften Nacht anders gehandelt, hätte ihr Vater ihn nicht belästigt. Wütende Anschuldigungen lagen ihr auf der Zunge.

Aber was würden die ihr bringen? Na ja, einen Moment lang würde sie sich bestimmt besser fühlen.

Doch würde es, langfristig gesehen, ihrem Vater helfen? Bestimmt nicht.

„Wenn das dann alles ist, ich muss jetzt los.“

„Nein, das ist nicht alles.“ So leicht kam er ihr nicht davon. „Mein Vater tat, was er für meine Tante das Beste hielt.“

„Was hat Ihre Tante mit all dem zu tun? Gehört sie vielleicht zu den Leuten, die er anstachelt, Lügen zu verbreiten und Abfall auf mein Grundstück zu werfen?“

Wusste er wirklich nicht, wer ihr Vater war? „Meine Tante stand nicht vor Ihrem Anwesen. Sie starb bei dem Autounfall.“

Sie konnte hören, wie er überrascht nach Luft schnappte. Es folgte ein langes Schweigen. War sie endlich zu ihm durchgedrungen? Trotzdem wagte sie es noch nicht, aufzuatmen. Während des kurzen Gesprächs hatte sie erkannt, dass dieser Mann nicht so leicht seine Meinung änderte. Doch sie durfte nicht aufgeben.

Deacon Santoro schwieg und musste diese Neuigkeit erst einmal verarbeiten. Wieso hörte er jetzt erst von der Familie dieser Frau?

Dann fiel es ihm wieder ein. Die Polizei hatte gesagt, die Frau hätte keine Familie. Keine noch lebenden Eltern, keinen Ehemann und keine Kinder. Nur noch einen Bruder. Deacon hatte nicht daran gedacht, nach Nichten und Neffen zu fragen.

Er schluckte schwer. „Sie sind ihre Nichte?“

„Ja. Ich heiße Gaby.“

„Von Gabrielle?“

„Ja. Meine Tante war die Einzige, die mich Gabrielle nannte.“

Kümmern Sie sich um Gabrielle.

Jede Nacht verfolgten ihn diese Worte im Schlaf. Bis jetzt hatte er ihre Bedeutung nicht verstanden. Die Frau, die bei dem Unfall starb, hatte ihm gesagt, er sollte sich um ihre Nichte kümmern.

Jetzt bekam er die Chance, diesen letzten Wunsch zu erfüllen. Aber wie? Er brauchte Zeit, das alles zu verarbeiten, Zeit, um einen brauchbaren Plan zu entwickeln.

Er räusperte sich. „Ich wusste nicht, dass sie Ihre Tante war. Das hat mir niemand gesagt.“

„Vielleicht können Sie meinen Vater jetzt verstehen. Er trauert um seine jüngere Schwester und kann nicht klar denken.“

„Das mindert aber nicht den Schaden, den ich durch ihn erlitten habe.“ Dank ihres Vaters hatte wieder einer seiner Angestellten gekündigt. Und dank der negativen Publicity wollten die Produzenten nicht mehr mit ihm arbeiten.

„Ich werde alles tun, um das wieder in Ordnung zu bringen.“

Er hatte Hochachtung vor ihr, dass sie einen Schaden wiedergutmachen wollte, den sie gar nicht angerichtet hatte. „Von welcher Summe reden Sie?“

„Sie wollen Geld?“ In ihrer Stimme schwang Verzweiflung mit.

Nein. Geld besaß er genug. Aber er wollte nicht, dass die Unterhaltung schon zu Ende war. Nicht, bevor er ein wenig mehr über diese Frau wusste. „Sie haben mir angeboten, alles wiedergutzumachen. Und ich habe eine Menge Geld verloren, weil durch Ihren Vater zwei Produktionen nicht zustande kamen.“

„Ich … ich habe kein Geld. Bitte, glauben Sie mir. Ich mache zwei Jobs, um uns über Wasser zu halten.“

„Uns?“ Ehe er sich versah, war das Wort heraus. Er sah die Frau vor sich, mit Ehemann und Kindern.

„Ja, meinen Vater und mich.“

Jetzt hätte Deacon einfach auflegen sollen, aber er konnte nicht. Der Vater war zu weit gegangen, nicht die Tochter. Und dann waren da noch diese Worte, die ihn verfolgten.

Kümmern Sie sich um Gabrielle.

„Was haben Sie vor?“, fragte er.

„Ich könnte mit den Medien sprechen.“

„Nein. Je weniger gesagt wird, desto besser.“

„Und wenn mein Vater und ich versprechen, den Mund zu halten, lassen Sie dann die Anklage fallen?“

„Nein. Nicht nur mein Name wurde durch den Schmutz gezogen. Meine Sekretärin wurde von dem Mob vor meinem Haus beleidigt und mit Sachen beworfen, als sie vom Lunch kam. Sie hat gekündigt.“

„Oh.“ Gabrielle schwieg einen Moment. „Aber was kann ich Ihrer Meinung nach tun, um das alles wiedergutzumachen?“

„Sie müssen gar nichts tun. Sie haben dieses Chaos ja nicht angerichtet.“ Etwas sagte ihm, dass Gabrielle nicht das erste Mal hinter ihrem Vater aufräumte. Sich um sie zu kümmern, bedeutete vielleicht, sie zu befreien. Etwas zu tun, damit sie nicht immer für ihren Vater auf Abruf da sein musste. „Es ist Ihr Vater, der sich dem, was er angestellt hat, stellen muss.“

„Aber er hat nicht die Kraft, einen Prozess durchzustehen!“

„Es ist nicht das erste Mal, dass Sie für Ihren Vater alles wieder in Ordnung bringen, oder?“

„Nein.“ Rasch fügte sie hinzu: „Aber er braucht mich.“

„Kann Ihr Vater für sich kochen?“

„Ja, aber er …“

„Seine Wäsche machen und einkaufen?“

„Ja, aber …“

„Meistens machen Sie alles für ihn, nicht wahr?“

„Natürlich. Ich bin seine Tochter. Jetzt sagen Sie mir endlich, was ich tun kann, um die Sache wieder in Ordnung zu bringen.“

In diesem Moment wusste Deacon, was er tun musste. Bevor er es sich anders überlegen konnte, sagte er: „Arbeiten Sie für mich.“

1. KAPITEL

Zwei Tage später.

Auf was hatte sie sich da eingelassen?

Gabrielle Duprés Herz schlug schneller, als sie auf die mit einem Tor verschlossene Zufahrt zu Santoros Villa einbog. Die Fahrt von Bakersfield hierher hatte mehr als vier Stunden gedauert. Sie hatte wirklich keine Lust, jeden Tag diesen langen Arbeitsweg auf sich zu nehmen. Zum Glück war Newton, ein alter Freund, vor kurzem in die Stadt zurückgekehrt. Er hatte bei ihrem Vater ein Zimmer gemietet und war bereit, ein Auge auf ihn zu haben, während sie hier arbeitete.

Deacon zahlte ihr mehr, als sie bisher für ihre beiden Jobs zusammen bekommen hatte, Kost und Logis inbegriffen. Unter anderen Umständen wäre sie über ein solches Angebot begeistert gewesen. Doch da ihr Vater überzeugt war, dass Mr. Santoro den Tod ihrer Tante verursacht hatte, fühlte sie sich bei der ganzen Sache unwohl.

Sie streckte den Arm durchs Fenster und drückte auf den Knopf der Sprechanlage. Ohne dass sich jemand meldete, schwang das Tor auf. Sie war ziemlich neugierig auf das, was sie auf der anderen Seite der Mauer erwartete.

Sie steuerte das alte rote Cabrio ihres Vaters auf das verwilderte Grundstück. Bestimmt war der Ort einmal sehr schön gewesen, aber jetzt wirkte er entsetzlich vernachlässigt. Das Gras schien seit Ewigkeiten nicht mehr gemäht worden zu sein, die Hecken waren nicht geschnitten, und im Blumengarten wucherte das Unkraut.

Im Internet hatte sie gelesen, Deacon Santoro wäre nach dem tödlichen Unfall zum Einsiedler geworden. Wie es schien, lagen die Paparazzi nicht völlig falsch. Mit diesem Anwesen stimmte definitiv etwas nicht.

Das Malibu-Strandhaus war ein bemerkenswertes Stück Architektur aus dem vergangenen Jahrhundert. Gabrielle hielt an, um sich alles genauer ansehen zu können. Sie hatte das Gefühl, beobachtet zu werden, und blickte an dem wuchtigen weißen Gebäude hinauf. Niemand war an einem der Fenster zu sehen, doch ganz oben bewegten sich Vorhänge. Plötzlich war ihr, als würde jemand mit eisigen Fingern über ihren Rücken streichen.

Jetzt werde bloß nicht melodramatisch. Schließlich ist das hier kein Geisterhaus.

Doch das unangenehme Gefühl blieb. Wenn das alles hier nicht wegen ihres Vaters gewesen wäre, sie hätte auf der Stelle kehrtgemacht.

In der Bibliothek hatte man ihre Kündigung nicht annehmen wollen. Stattdessen stellte man sie frei, solange sie für Deacon arbeitete. Sie war dankbar, dass es einen Job gab, zu dem sie zurückkehren konnte, hatte sie so doch eine Sorge weniger.

Als sie bei der Boulevardzeitung kündigte, beging sie allerdings den Fehler, Deacon Santoros Namen zu erwähnen. Das hatte das allgemeine Interesse geweckt. Am Ende saß sie plötzlich dem Verleger persönlich gegenüber. Und als dann die ganze traurige Wahrheit ans Licht kam, versicherte ihr der Verleger, sie müsse nicht kündigen. Man erhöhte sogar ihr Gehalt.

Das Geld war mehr als willkommen. Die Kosten für die Medikamente ihres Vaters überstiegen langsam ihre Möglichkeiten. Doch dann stellte sich heraus, dass man von ihr erwartete, alle schmutzigen Details, die sie über Deacon Santoro herausfinden konnte, brühwarm an die Redaktion weiterzuleiten. Zunächst weigerte sie sich. Die Wahrheit über den Tod ihrer Tante aufzuspüren, war eine Sache. Informationen über Santoros Privatleben auszugraben, eine andere.

Am Ende kam man überein, dass sie weiterhin auf der Gehaltsliste geführt wurde und dafür täglich Informationen über den Unfall lieferte. Schließlich musste jemand für Gerechtigkeit sorgen, wenn die Justiz schon nichts unternahm. Und so war Gaby nicht nur hergekommen, weil sie ihren Vater beschützen wollte, sondern auch, um die Wahrheit über den Unfall herauszufinden.

Der Plan schien ganz einfach zu sein. Sie würde für Santoro die Assistentin spielen und sich mit ihm anfreunden. Dann würde sie ihn dazu bringen, ihr von dem Unfall zu erzählen. Falls ihr das gelang, konnte sie so am Ende hoffentlich beweisen, dass er die Verantwortung dafür trug. Dann würde die Welt die Wahrheit erfahren, so wie ihr Vater es sich schon so lange wünschte. Und sie selbst konnte wieder in ihr eigenes Leben zurückkehren.

Sie fuhr den Wagen zu einem freien Platz neben einer schon etwas älteren, grauen Limousine.

Sie stieg aus und wusste nicht so recht, welchen Weg sie nehmen sollte. Das Gebäude war von einem weiteren Zaun mit etlichen Toren umgeben, aber nirgendwo stand, wohin sie führten.

Aus den Augenwinkeln nahm sie eine Bewegung wahr und entdeckte in einiger Entfernung eine Gestalt.

„Entschuldigen Sie bitte“, rief Gabrielle.

Der Mann beugte sich, mit dem Rücken zu ihr, über einen Rosenbusch.

Sie rief wieder.

Der Mann richtete sich auf. Er trug Jeans, ein schwarzes Hemd und eine Baseballkappe. Hatte er sie gehört?

„Hallo, können Sie mir sagen, durch welches Tor ich gehen muss?“ Weil sie keine Lust hatte, sich die Seele aus dem Leib zu schreien, begann sie, die schmutzigen Steinstufen hinunterzuklettern, die in den Garten führten. Als sie die letzte Stufe erreicht hatte, war der Mann verschwunden. In der Hoffnung, ihn noch zu finden, ging sie einfach weiter. Aber er war nirgends zu sehen.

Merkwürdig …

Sie wollte schon wieder gehen, blieb dann aber doch stehen und sah sich um. Sie stand am Rand eines großen Rosengartens, durch den sich ein Pfad schlängelte. Anders als der Rest des verwilderten Gartens war der Teil hier sehr gepflegt. Aber warum?

Gabrielle ging zum Parkplatz zurück. Im schlimmsten Fall würde sie es an jedem Tor versuchen und alle Türen öffnen, an denen sie vorbeikam, bis sie die richtige fand. Eigentlich hätte man schon erwarten können, dass Mr. Santoro zu ihrer Begrüßung bereitstand.

Sie sah sich um. Zu beiden Seiten des Parkplatzes gab es Türen. Die vom großen Haupthaus und sechs Garagentüren. Das Gebäude über den Garagen schien ein Gästehaus zu sein.

Unsicher wanderte ihr Blick zwischen den beiden Gebäuden hin und her. Gerade als sie sich entschieden hatte, es im Haupthaus zu probieren, ging eine der Türen auf. Na also, jetzt kam Mr. Santoro doch noch, um sie zu begrüßen.

Sie lief zur Tür und blieb abrupt stehen, als eine ältere Frau mit weißen Haaren und einem runden rosigen Gesicht herausgeeilt kam. Kopfschüttelnd murmelte sie etwas vor sich hin, aber Gaby konnte nicht verstehen, was sie sagte.

Als die Frau sie erblickte, erschien ein Lächeln auf ihrem Gesicht. Sie hatte freundliche Augen, und es war ein warmes Lächeln.

„Hallo, meine Liebe. Sie müssen Mr. Santoros neue Assistentin sein.“

Gabrielle erwiderte ihr Lächeln. „Die bin ich. Ich heiße Gaby Dupré.“

„Willkommen, Miss Dupré. Sie können mich Mrs. Kupps nennen.“

„Es freut mich, Sie kennenzulernen, Mrs. Kupps.“ Gaby streckte ihr die Hand entgegen. „Aber bitte, sagen Sie ruhig Gaby zu mir.“

Die Frau lachte und schüttelte ihr kurz die Hand. „Es freut mich auch, Sie kennenzulernen, Gaby.“

„Verraten Sie mir, was ich zu tun habe?“

Die Frau schüttelte den Kopf. „Da habe ich leider keine Ahnung, meine Liebe. Ich bin die Haushälterin und Köchin.“

Gaby war enttäuscht. „Wissen Sie denn, wer es mir sagt?“

„Vermutlich Mr. Santoro selbst.“

„Oh, und kommt er bald?“

Die Frau schnalzte mit der Zunge. „Zurzeit zeigt er sich nicht oft.“

„Noch nicht einmal auf seinem eigenen Besitz?“

Die Frau schüttelte den Kopf und machte ein ernstes Gesicht. „Er zieht es vor, in seinen Räumen zu bleiben.“

Die ganze Situation wurde von Minute zu Minute seltsamer.

„Und wie soll ich dann mit ihm zusammenarbeiten?“

„Er wird Sie anrufen.“

Und dann erklärte Mrs. Kupps ihr, wo das Büro war. Gaby fand es schnell und sah sich um. Weiße Wände und zwei einander gegenüberstehende Schreibtische. Bilder vom Meer, ein paar Muscheln und Dinge, die man sonst noch so am Strand finden konnte, schmückten den Raum. Aber nichts wies auf den Mann hin, dem dieser weitläufige Besitz gehörte. Es gab keine Filmplakate, keine Fotos mit Kollegen, keine Preise. Es schien, als hätte er bewusst alles, was auf ihn hinwies, aus dem Raum entfernt. Aber warum?

Auf der Suche nach irgendeiner Nachricht ließ Gaby den Blick über den Schreibtisch wandern.

Da klingelte das Telefon.

Er hätte Gabrielle nie hierher bringen sollen.

Das war ein Fehler gewesen.

Unruhig ging Deacon in seinem Arbeitszimmer auf und ab. Diese Frau mit der honigsüßen Stimme war gefährlich. Wegen ihr würde er an all das Schreckliche denken müssen. Wenn er sich nur an diesen Unfall erinnern könnte. Wenn er nur wüsste, ob er an allem schuld war!

Er würde auf der Hut sein müssen. Als Nichte der Frau, die in seinen Armen gestorben war, konnte sie vollenden, was ihr Vater begonnen hatte – seine völlige Vernichtung.

Fast hätte sie ihn im Rosengarten erwischt.

Der Garten war seine Oase, der Ort, wo er sich wie ein normaler Mensch fühlen konnte und nicht wie ein Mann, den man mit allen Hunden hetzte, um die Wahrheit zu erfahren. Eine Wahrheit, die er selbst nicht kannte.

Zum Glück hatte er rechtzeitig verschwinden können. Doch als sie ihm mit süßer Stimme hinterherrief, überkam ihn plötzlich ein überwältigendes Verlangen, das Gesicht zu sehen, zu dem diese warme Stimme gehörte.

Hinter einem Busch war er stehen geblieben und hatte sich umgedreht. Ihr Anblick traf ihn wie ein Blitz. Er wusste nicht, wie lange er dort stand und sie dabei beobachtete, wie sie nach ihm suchte. Die langen Haare schwangen bei jeder Kopfbewegung hin und her, und ihr Gesicht war einfach – bezaubernd.

Er stand zu weit weg, um die Farbe ihrer Augen erkennen zu können, aber er stellte sich vor, sie wären blau. Sein Blick schweifte über ihre freche kleine Nase hinunter zu den vollen, rosigen Lippen. Oh ja, sie würde bestimmt eine verstörende Wirkung auf ihn ausüben.

Aber geschehen war nun einmal geschehen, und jetzt er musste mit den Folgen klarkommen.

Deacon griff mit seiner gesunden Hand nach dem Telefon und tippte die Nummer des Büros ein. Es klingelte zwei Mal, dann antwortete Gabrielle. Ihre Stimme klang wie eine Mischung aus Vanille und Karamell mit einem Hauch von Honig.

Er durfte keine Zeit mit solch dummen Gedanken verlieren!

Konzentriere dich!

„Wie ich sehe, haben Sie beschlossen, unsere Vereinbarung einzuhalten.“

„Hatte ich denn eine andere Wahl?“

„Jeder hat die Wahl …“

„Nicht in diesem Fall.“

„Und Sie konnten jemanden finden, der sich um Ihren Vater kümmert?“

„Newton, ein Freund von mir, hat ein Auge auf ihn.“

Ihre Loyalität dem Vater gegenüber beeindruckte ihn. Trotzdem war er nicht bereit einzulenken. Ihr Vater hatte ihm nicht nur eine schlechte Presse verschafft und seine Angestellten aus der Fassung gebracht. Er hatte auch die Paparazzi auf ihn gehetzt. Im Fernsehen und im Internet liefen Berichte über Deacon. Journalisten belagerten sein Telefon – auch seine Privatnummer – und wollten die „Wahrheit“ wissen.

In dem wenigen Schlaf, den er noch fand, litt er wieder unter wilden Albträumen. Allerdings verblassten die Bilder, wenn er erwachte, und die Erinnerung versank im Unterbewusstsein.

Die Erinnerung würde vielleicht nie mehr zurückkehren, hatten ihn die Ärzte gewarnt. Er wollte aber unbedingt die Wahrheit wissen, selbst wenn sie bedeutete, dass er für den Tod eines Menschen verantwortlich war. Mit der Ungewissheit zu leben, war eine Qual, die sein Innerstes zerstörte.

„Sagen Sie mir, wo wir uns treffen können, und dann erklären Sie mir, wie Sie sich unsere Zusammenarbeit vorstellen.“

Gabrielles Stimme riss ihn aus seinen Gedanken.

„Das wird nicht nötig sein“, erwiderte er.

„Aber ja doch!“

Ihrer Stimme war anzuhören, wie verwirrt sie war. Aber es ging nun einmal nicht anders. Er brauchte wirklich keinen, der ihn mitleidig betrachtete. Für ihn war es das Beste, im Hintergrund zu bleiben. Der Unfall hatte ihm bleibende Narben beschert, innerlich wie äußerlich. Seine Karriere als Schauspieler war vorbei. Er war jetzt auf der Suche nach neuen Aufgaben.

Deacon räusperte sich. „Alle Anweisungen sind in Ihrem Computer. Das Passwort heißt Strand.“

„Kommen Sie später noch im Büro vorbei?“

„Nein.“

„Ich verstehe nicht …“

„Der Kontakt zwischen uns findet übers Telefon statt. Oder über E-Mails.“

„Und was ist mit Papieren, die Sie unterschreiben müssen? Vermutlich bin ich für Ihre Geschäftskorrespondenz zuständig.“

„Ja. Neben der Innentür finden Sie einen Briefkastenschlitz. Werfen Sie dort alles ein, was ich durchlesen muss.“

„Das erscheint mir aber nicht sehr rationell. Es macht mir nichts aus, es …“

„Nein!“ Er hatte keine Lust, sich zu rechtfertigen. Schließlich war er der Chef. Etwas ruhiger meinte er: „So lautet die Abmachung. Wenn sie Ihnen nicht gefällt, steht es Ihnen frei zu gehen.“

„Und mein Vater?“

„Wird für den Ärger, den er verursacht hat, geradestehen müssen.“

„Nein. Das kann ich nicht machen.“

Autor

Jennifer Faye
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