Echter Schatz – falscher Duke

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Es ist so ungerecht! Allies Geschwister dürfen auf Expeditionen in ferne Länder gehen, Schätze suchen und Abenteuer erleben, während sie daheimbleiben und das Antiquitätengeschäft der Familie führen muss. Dann aber belauscht die impulsive Allie ein Gespräch unter höchst verdächtigen Kunden und erfährt, dass die Kronjuwelen gestohlen werden sollen. Endlich ihre Gelegenheit zu glänzen! Warum nur glaubt ihr der gut aussehende, aber brummige Scotland-Yard-Mann Benedict nicht, dass der größte Schatz des Königreichs in Gefahr ist? Allie setzt alles daran, ihn zu überzeugen, doch ohne Erfolg. Ist es bereits zu spät – für die Juwelen und für ihr Herz?


  • Erscheinungstag 24.01.2026
  • Bandnummer 182
  • ISBN / Artikelnummer 9783751540353
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Christy Carlyle

Echter Schatz – falscher Duke

Christy Carlyle

Guter Kaffee und britische Serien mit aufwendigen historischen Kostümen sind die Dinge, die Christy Carlyle antreiben. In ihren Romanen schreibt sie am liebsten über Helden und Heldinnen, die ihrer Zeit voraus sind. Da sie selbst einen Abschluss in Geschichte hat, liebt die Autorin es, beim Schreiben ihre Leidenschaft fürs Historische und ihren unerschütterlichen Glauben an ein Happy End zu vereinen.

Für meine Freundinnen und Freunde, die mich gut durch die letzten Jahre gebracht haben: Jim, Monica, Darcy, Charis, Maire, Rae, Erica. Ich danke euch. Eure Freundschaft und Ermutigungen, eure Bereitschaft, mir zuzuhören, und euer Rat haben mir mehr geholfen, als euch bewusst ist.

PROLOG

Bedford Square, London

29. September 1896

Detective Inspector Benedict Drake verschränkte die Arme vor der Brust und unterdrückte ein Frösteln. Dichter Nebel hatte sich über die Stadt gelegt und beißende Kälte mitgebracht. Er hatte den Cabbie gebeten, ihn eine Straßenkreuzung früher abzusetzen, und jetzt hatte er seinen Beobachtungsposten eingenommen. Er wartete in der mitternächtlichen Dunkelheit darauf, dass sich im Stadthaus am anderen Ende des Platzes etwas tat.

Sein eigener Herzschlag dröhnte ihm in den Ohren und er musste den Drang unterdrücken, über die Straße zu stürmen und die Vordertür aufzureißen, um endlich den Mann in die Finger zu bekommen, hinter dem er seit Wochen her war.

Aber dieser Verbrecher war gerissen und unberechenbar.

Drake wusste sehr gut, dass Geduld ihm jetzt am meisten nützte, aber es war verflucht schwer, untätig zu sein.

Der Mann, der das Stadthaus vor zehn Minuten betreten hatte, war ein kleiner Dieb, aber er stand eindeutig in Kontakt mit dem Verbrechergenie. Deswegen war Drake zum Schatten von Amos Howe geworden, war dem Mann in Spielhöllen gefolgt, in Bordelle und ekelhafte Löcher, in denen Tiere zur Belustigung von Trunkenbolden miteinander kämpfen mussten. Hin und wieder hatte er überlegt, ob er anderen Hinweisen nachgehen sollte, weil er die Hoffnung verloren hatte, dass gerade dieser Verschwörer ihn zu demjenigen führen würde, auf den es ankam.

Aber auch wenn er nicht immer der Geduldigste war, in Sachen Beharrlichkeit machte ihm so leicht niemand etwas vor. Wenn er einmal eine Spur gefunden hatte, verlor er sie nie wieder und seine Intuition, die mit kühler, reiner Logik gepaart war, ließ ihn so gut wie nie im Stich.

Und diese Logik sagte ihm, dass Howe ihn gerade eben ins Zentrum der kriminellen Unternehmung geführt hatte. Das vornehme Stadthaus, in dem der Halunke vor einer Viertelstunde verschwunden war, gehörte ihm nicht. Howe hatte sich in den dunkelsten Gassen des East End einen Namen gemacht und die Treffpunkte, die er regelmäßig besuchte, lagen alle in diesen Straßen.

Der Kopf hinter der Erpressung wohnte dagegen hier. Drake spürte es in seinen Knochen.

Er holte vorsichtig seinen Revolver aus der Manteltasche. Er war kein Freund von Gewalt, aber er vermutete, dass der Erpresser, der nur als M bekannt war, Feuerwaffen im Anschlag hatte.

Er konnte nicht abschätzen, wie viele ihn im Haus erwarteten, aber er würde ihnen allein gegenüberstehen.

Dieser Fall hatte die höchste Sicherheitseinstufung bekommen, benötigte höchstmögliche Diskretion und sein Mentor hatte ihn persönlich ausgewählt, weil er den Ruf hatte, erfolgreich zu sein, wenn anderen scheiterten.

Heute Abend würde es nicht anders sein.

Das Stadthaus lag nicht am vornehmsten Platz in London, aber es war elegant und gut beleuchtet. An dieser Ecke des Bedford Square wohnte jemand, der Einfluss hatte.

Aber war dieser Jemand wagemutig genug, den britischen Thronfolger zu erpressen?

Die Briefe waren in Umschlägen mit roten Flecken gekommen, die Worte in ihnen waren aus Zeitungen ausgeschnitten oder in einer krakeligen Schrift geschrieben, die kaum zu lesen war. Der Erpresser behauptete, in Besitz von Briefen und Fotografien von Prince Edward dem Siebten zu sein, die einen Skandal für die Krone bedeutet hätten, wenn sie an die Öffentlichkeit gelangt wären.

Drake war es ziemlich egal, womit der Prinz seine Mußestunden verbrachte, aber der königlichen Familie lag sehr viel daran, einen Skandal zu vermeiden.

Und so wartete er, bis das Warten ihm fruchtlos erschien.

Nachdem eine halbe Stunde vergangen war, verließ Drake seine Deckung zwischen den Bäumen und Büschen auf dem Platz und machte sich auf den Weg zu den Stallungen hinter der Häuserreihe. Als er auf das Tor des Hauses zukam, in das Howe verschwunden war, empfing ihn das Knurren und dann schnelles, aufgeregtes Kläffen eines Wachhundes, den er irgendwie übersehen haben musste. Als das Tier an der Kette zerrte, mit dem es angebunden war, sah Drake, dass es in einem bemitleidenswerten Zustand war – verfilztes Fell, magerer Körper und Augen, die eher Angst als Bissigkeit vermittelten.

„Du hast nichts von mir zu befürchten“, flüsterte er dem Hund zu und versuchte, denselben sanften Ton anzuschlagen, in dem seine Schwester mit den Streunern sprach, die sie immer wieder nach Hause bringen musste.

Der Hund bellte noch einmal und stellte dann ein Ohr auf.

„So ist es gut, Junge. Du brauchst keine Angst zu haben.“ Doch sobald er den nächsten Schritt machte, knurrte der Hund tief in der Kehle. Das Tier wusste, was von ihm erwartet wurde, selbst wenn ihn derjenige, dem dieses Stadthaus gehörte, misshandelt hatte.

„Du machst deine Sache gut“, musste Drake zugeben und bemerkte dann, wie an der Hintertür des Hauses eine Lampe anging. Er zog sich in den Schatten zurück, während der Hund vom Bellen ins Winseln überging.

Die Hintertür wurde geöffnet und im Gegenlicht war der Umriss eines Mannes zu sehen.

„Weswegen zum Teufel bellst du die ganze Zeit?“ Der Mann, der in der Tür stand – nach der untersetzten Gestalt und dem zerbeulten Zylinder zu urteilen musste es Howe sein –, ließ den Blick durch die Stallungen und den dunklen Garten schweifen.

Drake duckte sich weiter in seinen Mantelkragen hinein und hoffte inständig, dass Howe ihn nicht bemerkte.

Howe machte einen Schritt nach vorn. „Dummer Köter, verdammt.“

Der Hund kauerte sich hin und kläffte traurig.

Wag es ja nicht. Drake verlor keine Zeit und schoss auf das Haus zu, solange Drake ihm den Rücken zuwandte und das Tier beschimpfte.

Er machte einen solchen Aufstand, dass ein Diener den Kopf aus der Hintertür des Stadthauses steckte, das an das von M grenzte. Drake scheuchte den Mann mit einer Hand zurück ins Haus.

Dann nutzte er den Augenblick, um zu Howe hinzurennen, der ihn jetzt endlich näher kommen hörte und sich nach ihm umdrehte. Der Dieb wühlte in seiner Tasche, aber Drake hob seinen eigenen Revolver und zielte auf das Gesicht des Mannes.

„An Ihrer Stelle würde ich das nicht tun“, sagte er leise zu dem Dieb.

Howe wurde kreidebleich in dem Licht, das aus der geöffneten Tür fiel.

Sie waren sich schon einmal begegnet, aber Howe hatte in den letzten Wochen nicht gemerkt, dass Drake ihm auf Schritt und Tritt gefolgt war. Er war zu beschäftigt damit gewesen, Opfer auszuspähen und ihnen die Taschen zu leeren.

„Wie viele sind da drinnen?“ Drake hielt den Revolver noch immer auf Howe gerichtet.

Howe ließ ihn nicht aus den Augen und er schien vor Furcht erstarrt zu sein.

Drake hatte etwa ein Dutzend Verbrechen beobachtet, während er Howe gefolgt war. Diese allein hätten ausgereicht, um ihn ins Gefängnis zu bringen, aber der Dieb war klug genug, um zu wissen, dass der Erpressungsversuch das schlimmste war, weil es um die königliche Familie ging. So gut wie niemand forderte die Macht der Krone heraus, ohne sich selbst zu schaden.

„Nur ich“, murmelte er schließlich.

„Versuch’s noch mal. Wie viele sind da drinnen?“

„Der bringt mich um“, flüsterte er. Der Mann schien vor Drakes Augen in sich zusammenzuschrumpfen. Er ließ die Schultern hängen und senkte das Kinn, wie um seinen Hals zu schützen. „Ein Wort und er schlitzt mir die Kehle auf.“

„Vielleicht sollten Sie sich Ihre Freunde besser aussuchen, Amos.“ Drake hatte immer schon vermutet, dass M einen so groben Kerl wie Howe ausgesucht hatte, um die Drecksarbeit für ihn zu übernehmen. Jedem zu drohen, der sich in seine Geschäfte einmischte, und wenn nötig auch die Fäuste sprechen zu lassen, aber Howe erwies sich als ziemlich schwächlicher Schläger.

„Wir gehen zusammen ins Haus, wie wäre das?“ Er zeigte mit seiner Waffe auf die Hintertür und hob den Blick, um sicherzugehen, dass aus den Fenstern auf der Rückseite des Hauses keine Waffen auf ihn gerichtet waren. An den meisten waren die Vorhänge zugezogen und keine Spur von Licht zu sehen. Jeder Wächter, der sein Geld wert war, wusste, dass ihm die Dunkelheit einen Vorteil verschaffte.

Howe ging auf die Tür zu, legte eine Hand an den Rahmen und schien sein Selbstvertrauen ein stückweit zurückzugewinnen. Er drehte sich um und sah Drake an, dann baute er sich breitbeinig auf und verschränkte die kräftigen Arme. „Wenn Sie da reinwollen, müssen Sie an mir vorbei.“

In seinen Tonfall mischte sich ein wenig Verwegenheit, in einer Schlägerei wäre der Mann ein furchterregender Gegner gewesen. Aber einer von ihnen beiden war bewaffnet.

Drake ließ seine Waffe ein Stück sinken und zielte auf die Brust des Diebes. „Eine Kugel geht schneller durch Sie hindurch, als Sie gucken können. Wollen Sie das riskieren?“

Der Wachhund kauerte neben der Eingangsstufe und winselte leise und unheilverkündend.

Howe sah sich um, als ob er etwas gehört hätte, das Drake nicht wahrnehmen konnte.

„Gehen Sie zur Seite.“ Drake machte zwei Schritte auf ihn zu. „Sofort.“

Der Hund stand auf und bellte einmal tapfer, als Drake näher kam.

Howe schüttelte stur den Kopf. „Wenn ich Sie reinlasse, bin ich so gut wie tot.“

Er wollte Zeit gewinnen.

Dann hörte Drake, warum.

Von der Vorderseite des Hauses her war die laute Stimme eines Mannes zu hören. Dann das Rascheln von Zügeln und das Klappern von Pferdehufen.

Drake trieb Howe so schnell vor sich her, dass der Mann kaum Zeit hatte, die verschränkten Arme sinken zu lassen, ehe Drake ihn zur Seite schob und die Hintertür öffnete. Er stellte fest, dass die Küche so gut wie leer war, dann fand er die kurze Treppe, die zum Erdgeschoss hinaufführte. Es gab im ganzen Haus keine Möbel und das Licht, das er von der Straße aus gesehen hatte, war gelöscht.

Er sah sich um, während er die Eingangshalle betrat, aber konnte die Kutsche bereits losfahren hören, als er die Vordertür aufriss.

Eine geschlossene schwarze Kutsche ohne Kennzeichen mit einem einzelnen, dunkel gekleideten Kutscher verschwand in halsbrecherischem Tempo, überquerte den Platz und raste auf die Hauptstraße.

Er hatte keine Ahnung, ob es der schwer zu fassende M oder ein anderer Verschwörer war, der da gerade entkommen war, aber einen von ihnen hatte er in der Hand und er würde aus Amos Howe alles herausbekommen, was er wusste.

Er stapfte in die Küche zurück und sah, dass sich Howe auf den Weg zu den Stallungen machen wollte.

„Zwingen Sie mich nicht, Ihnen hinterherzulaufen“, brüllte Drake. Dann hob er seinen Revolver, spannte den Hahn und hoffte, dass Howe das Klicken gehört hatte.

Der Dieb drehte sich nach ihm um. „Mit den Briefen hatte ich nichts zu tun.“

Drake ging auf ihn zu, ohne die Hände des Mannes aus den Augen zu lassen. Howe sah schon wieder abgeschlagen aus.

„Ich hab das alles satt, wenn Sie’s genau wissen wollen“, nuschelte er, als Drake ihm Handfesseln anlegte.

Der Dieb machte es ihm so einfach, dass Drake ein unheilverkündender Schauer über den Rücken lief.

Er führte Howe zurück ins Haus. Dieses Mal bemerkte er den Knopf, den Howe gedrückt haben musste. Einen schwarzen Knopf in einem goldfarbenen Kasten, der an der Küchenschwelle befestigt war. Ein weiß angestrichenes Kabel lief um den Türrahmen herum und verschwand hinter den Küchenschränken.

„Sie haben ihn gewarnt.“ Drake schob den Mann in die Küche und fesselte Howe mit seinem Gürtel am Geländer des Emailleofens.

„Sie bleiben hier.“ Drake sah Howe in die Augen, als er den Knoten zuzog. „Das ist Ihre letzte Chance, mir zu sagen, wie viele Leute ich da oben antreffen werde.“

Howe schüttelte den Kopf. „Keinen Einzigen, Inspektor. Ich bin von einer Lieferung zurückgekommen, dann sind Sie aufgetaucht und alles ist in die Hose gegangen.“

„Eine Lieferung?“

„Wenn er will, dass ich was ausliefere, gehe ich zu ihm.“ Howe zuckte mit den Schultern. „Dann bringe ich es dahin, wo es hinsoll.“

„Wie zum Beispiel ein Drohbrief an den Prince of Wales?“

Howe schluckte und zog erneut den Kopf ein. „Damit wollte ich nichts zu tun haben, wie gesagt.“

Drake glaubte ihm nicht. Kein verfluchtes Wort.

Aber selbst wenn er geglaubt hätte, dass Howe die Wahrheit sagte, musste er sichergehen.

Deswegen durchsuchte er alle Zimmer. Alle waren leer und nicht möbliert. Das Stadthaus war so sauber, als wäre es zum Verkauf vorgesehen oder gerade erst gemietet worden. Wo es eingebaute Schränke gab, standen die Schubladen offen. Schranktüren waren spaltbreit geöffnet. Und das Klappern seiner eigenen Schritte war das Einzige, was er hörte, während er sich überall im Gebäude umsah. Er klappte sogar die Leiter herunter, die sich an der Decke eines Flurs im obersten Stock verbarg, um auf den Dachboden zu kommen, aber dort fand er nur Staub und ein Skelett aus Holzbalken.

Er schlug mit einer Faust gegen einen dieser soliden Balken.

Verfluchte, teuflische falsche Spuren; bei diesem Fall hatte es schon viel zu viele davon gegeben.

Vielleicht hatte Howe gewusst, dass er beschattet wurde, und die Überraschung, die er im Garten an den Tag gelegt hatte, war nur gespielt gewesen. Und wenn Howe es gemerkt hatte, dann die Gefahr, die man M nannte, ebenfalls.

Und ihn zu einem leeren Stadthaus geführt.

Er seufzte erschöpft, während ihn die Müdigkeit überkam. Aber dann holte er Luft, um seine Lunge zu füllen und seinen Geist wach zu machen. Es gab heute Abend noch viel zu tun.

Zuerst musste er eine Droschke finden. Dann beförderte er Howe hinein. Gerade als er selbst einsteigen wollte, hörte er von der Rückseite von Ms leerem Stadthaus ein trauriges Heulen.

„Wie heißt er?“

Howe brummte und schüttelte entschieden den Kopf.

„Der Hund, Mann. Wie heißt der Hund?“

„Woher soll ich das denn wissen, verdammt?“

Drake überlegte nicht lange. Nachdem er überlegt hatte, was Helen dazu sagen würde, gab es keine Unklarheiten mehr.

Er drehte sich um und rannte durch das Haus und zur Hintertür wieder hinaus. Der Hund hob abrupt den Kopf, als wäre er erschrocken, ihn wiederzusehen.

„Ich habe den Fall heute Abend vielleicht nicht gelöst, aber ich kann dir etwas Ordentliches zu fressen besorgen.“

Er nahm einen Stein, mit dem er das Schloss zertrümmerte, das den Hund an seiner Kette an die Wand des Stadthauses fesselte und dann führte er ihn an der zerrissenen Kette durch das Haus. Der Hund duckte sich, als er neben ihm herlief, als versuchte er, nicht aufzufallen, voller Angst vor was auch immer ihn innerhalb der makellosen Mauern erwarten würde.

„Den siehst du nie wieder“, versprach Drake dem Hund. „So viel kann ich dir versprechen.“

1. KAPITEL

Stadthaus der Familie Prince in der Nähe von Mayfair, London, 6. Oktober 1896

„Tut mir leid, Schwesterlein.“

Alexandra Prince war gerade dabei zu packen. Vielmehr befand sie sich im Auge eines Wirbelsturms aus Gepäck. Sie war noch nie weiter als bis ins Stadtzentrum gekommen, deswegen hatte sie keine Ahnung gehabt, was sie mitnehmen musste, und der größte Teil ihrer Kleider lag auf dem Bett verstreut.

Aber es war alles für nichts. Es würde keine Reise geben.

Die Stimme ihres Bruders klang aufrichtig, aber das milderte den Stich überhaupt nicht. Sorgte nicht dafür, dass sich ihre Brust weniger leer anfühlte.

„Mr. van Arsdale will nur Eve und mich sehen und sein Brief ist erst heute angekommen.“

Allie schwieg und presste ihre Lippen aufeinander. Das Herz tat ihr weh – ein echter, brennender Schmerz in der Mitte ihrer Brust – und sie war sicher, dass sie anfangen würde zu weinen, sobald sie etwas sagte. Dann würde Dom ein noch schlechteres Gewissen bekommen und versuchen, sie zu trösten. Und es gab nichts, was sie weniger gebrauchen konnte als Mitleid.

„Du weißt doch, wie lange die Post von Amerika hierher braucht.“ Dominic schnippte mit dem Brief an seine Handfläche, als würde er sich über den einzelnen dicken, leinenen Briefbogen ärgern. „Warum zur Hölle hat er kein Telegramm geschickt?“

„Ist schon gut, Dom.“ Sie rang sich die vier Worte ab und sofort lief ihr eine Träne über die Wange, warm und unerwünscht. Sie wischte sie eilig weg.

„Eve und ich wollten gern, dass du mitkommst. Das kannst du mir glauben.“ Er verzog den Mund zu einer Grimasse und sein Kiefer spannte sich wie immer, wenn er an etwas verzweifelte. Er ließ den Blick über die verstreuten Kleider auf ihrem Bett schweifen und sie glaubte zu sehen, dass er feuchte Augen bekam.

Allie wandte ihm den Rücken zu, weil sie ihre eigenen Tränen nicht mehr zurückhalten konnte, nachdem sie einmal angefangen hatten.

„Wir sehen uns morgen früh, dann können wir die andere Angelegenheit besprechen“, sagte er schließlich leise. „Bitte vergiss nicht, wie sehr es uns leidtut.“

„Ich weiß.“

Nachdem er verschwunden war, sank Allie auf ihr Bett, ohne sich darum zu kümmern, dass sie ihr neues Reisekleid zerknitterte. Sie presste sich eine Faust auf den Mund und versuchte, die Verärgerung und Verzweiflung, die in ihr hochkamen, zu unterdrücken, aber sie konnte die Tränen nicht zurückhalten. Wenn sie ordentlich weinte, kam sie vielleicht darüber hinweg. Es war immerhin keine große Überraschung.

Sie machten sich auf die Reise und sie blieb hier. So war es immer gewesen.

Es war dumm von ihr gewesen, zu glauben, dass es anders kommen würde, auch wenn Eveline und Dominic sich darauf gefreut hatten, sie auf diese Expedition mitzunehmen. Mr. van Arsdale, der amerikanische Sammler, der die Unternehmung finanzierte, hatte keinen Grund, sie einzubeziehen. Sie war keine Expertin für Artefakte der Wikinger. Oder der Angelsachsen.

Er hatte die beiden Princes angeheuert, die am besten für diese Expedition geeignet waren.

Und wieder einmal passte Allie nicht wirklich dazu, zumindest war dieses Gefühl ihr vertraut. Es war ihr schon lange so vorgekommen, als ob sie nicht in ihre berühmte Familie passte.

Oh, sie zweifelte nicht daran, dass ihre Geschwister sie liebten. Genau wie ihre Mutter und ihr Vater, als sie noch am Leben gewesen waren. Ihre Mutter hatte sie geradezu abgöttisch geliebt. Und in ihrer langen Geschichte waren die Princes immer für die Stabilität ihrer Familienbande bekannt gewesen.

Aber sie waren auch für ihre Heldentaten bekannt und genau dabei konnte Allie nicht mithalten.

Die Familie Prince hatte keinen Adelstitel und war nur einigermaßen vermögend, aber sie waren eine Familie von bedeutenden Persönlichkeiten.

Was auch immer ein Prince sich in den Kopf gesetzt hatte, erreichte er auch.

Allen voran Allies Vater.

Octavius Prince hatte in Oxford Geschichte studiert, aber seine Berühmtheit beruhte auf seinen archäologischen Funden, seinem Riecher für vergrabene Schätze und seinen Beziehungen zu Königin Victoria, die sich einmal an ihn gewandt hatte, um einen Edelstein wiederzufinden, der im königlichen Besitz nicht mehr aufzufinden gewesen war.

Das Ansehen, das ihm diese Unternehmung eingebracht hatte, hatte ihm auch zur Heirat mit der Tochter eines Vicounts verholfen. Allies Mutter hingegen hatte sich stilleren Ruhm erworben, indem sie die Einzelheiten ihrer gemeinsamen Expeditionen in anschaulichen Zeichnungen und wortgewandten Texten dargestellt hatte.

Dom und Eve hatten Papa auf seinen Abenteuern begleitet, sobald sie dafür alt genug gewesen waren.

Und Allie?

Sie war zu Mamas Gesellschafterin erzogen worden. Als Kind war sie viel krank gewesen, deswegen hatte sie eine Vorliebe für ruhige Beschäftigungen entwickelt – Lesen, Schreiben, Stricken und irgendwann auch Radfahren in den Parks von London.

Sie kam kaum auf dumme Gedanken, wie ihre Geschwister, aber sie sehnte sich nach der Selbstsicherheit, die alle Princes auszeichnete. Und doch, ganz gleich, wie hoch sie ihre Ziele steckte, ihr schien der Hang der anderen Princes zu außergewöhnlichen Leistungen zu fehlen. Sie liebte es allerdings, zu forschen, vor allem wenn es um genealogische Fragen ging oder die Geschichten von Piratinnen. Als Kind hatte sie sogar angefangen, ein Buch über Piratinnen zu schreiben – was damals als eine größtenteils fantastische Geschichte angefangen hatte, war inzwischen zu einer ernsthafteren Untersuchung geworden.

Aber sie interessierte sich nicht dafür, vergrabene Piratenschätze zu finden.

Allie ging es weit mehr darum, etwas von Wert zu tun, als etwas Wertvolles zu finden.

Leider hinderte ihr eigener Charakter sie daran. Sie war unbeholfen, sagte häufig das Falsche oder redete überhaupt zu viel. Deshalb kränkte sie andere immer wieder, wenn sie versuchte, hilfreich zu sein.

Mama glaubte, dass ein Pensionat sie mit all seinen Regeln der Etikette zähmen konnte. Aber so viel davon war nur Unsinn darüber gewesen, Gentlemen Vorrang zu geben oder welcher Platz Ladys in der Gesellschaft zustand und welcher nicht. Mit fünfundzwanzig war Allie trotzdem klar, dass Diplomatie und Feinfühligkeit angebracht waren, ehe man mit seinen Gedanken herausplatzte.

Das Problem war nur, dass ihre Zunge nicht immer mitspielte.

Vor Kurzem hatte es einen Zwischenfall mit einem langjährigen Kunden im „Princes of London“, dem Antiquitätengeschäft der Familie, gegeben und der adlige Herr hatte sich beschwert. Als Oberhaupt der Familie betrachtete es ihr Bruder als seine Aufgabe, solche Angelegenheiten abzuwiegeln, und das hatte er auch getan, aber er hatte ihr noch nicht den mahnenden Vortrag gehalten, der solchen Zwischenfällen unweigerlich folgte.

Morgen Vormittag, wie er gesagt hatte, würden sie dieses Gespräch führen.

Also warf Allie sich aufs Bett – nachdem sie es freigeräumt hatte –, kämpfte weiter mit ihrer Enttäuschung und fürchtete sich vor was auch immer Dom ihr morgen früh zu sagen hatte.

Nach einer unruhigen Nacht wachte Allie früh auf, wusch sich, zog sich an, und machte sich, gerade als die ersten Zeichen der Morgendämmerung die Mauern des Hauses erhellten, auf den Weg in die Moulton Street zum Antiquitätengeschäft der Familie.

Sie hatte überlegt, ob sie später hingehen sollte, nachdem Dom und Eve abgereist waren, um dem Abschied und den Entschuldigungen und Doms Mahnungen zu entgehen, was auch immer er glaubte, ihr sagen zu müssen. Aber sie war kein Feigling und das Geschäft zu öffnen war ihre Pflicht.

Dom hatte sich zwar angewöhnt, in der Wohnung über dem Laden zu schlafen, die früher die ganze Familie beherbergt hatte, aber er interessierte sich trotzdem kaum für das Tagesgeschäft mit den Antiquitäten. Eve und Allie hatten den Verdacht, dass er nur deswegen dort oben wohnte, um sie von seinen Liebschaften abzuschirmen.

Allie war noch keine drei Schritte zur Tür hineingekommen, als sie schon hörte, wie ihre Geschwister im Hinterzimmer miteinander flüsterten.

„Lass mich mit ihr reden“, sagte Eve leise.

Sie war von ihnen allen die Ausgeglichenste. Wenn Schwierigkeiten drohten, wandte Allie sich lieber an Eve.

„Nein, ich mache das.“ Doms nachdrücklicher Tonfall verhieß nichts Gutes.

Allie holte tief Luft, um sich für alles zu wappnen. Seine Vorhaltungen waren bei Weitem nicht so scharf, wie die ihres verstorbenen Vaters gewesen waren, aber er hatte die schreckliche Angewohnheit, sich in fast jeder Frage für im Recht zu halten.

„Sag nichts über Tante Jokaste“, warf Eve ein wenig lauter ein.

Als sie den Namen der Lady hörte, überkam Allie eine Mischung aus Trauer und Zärtlichkeit. Sie vergötterte ihre Tante, aber Allie befürchtete seit Langem, dass sie sich glichen wie ein Ei dem anderen. Die hässlichen Entlein im Clan der Princes. Die Unbeholfenen, die nie ganz in eine Familie passten, in der Ruhm und erstaunliche Fähigkeiten an der Tagesordnung waren. Die Damen, die man letzten Endes aufs Land abschob.

Vielleicht planten sie ein solches Schicksal für Allie, aber sie würde sich dem mit aller Macht entgegenstellen.

Sie war vielleicht keine typische Prince, wagemutig und schneidig und mit allen Wassern gewaschen, aber sie würde die Unabhängigkeit niemals aufgeben, die ihre Eltern ihr gestattet hatten. Sie hatten sie nie dazu gedrängt, zu heiraten oder eine „angemessene Position für eine Dame“ einzunehmen, und sie hatten all ihren Kindern den gleichen Anteil am Vermögen und dem Geschäft der Familie vererbt.

Nein, sie würde sich nicht aufs Land schicken lassen, wie man es mit ihrer Tante gemacht hatte.

„Was habt ihr mir zu sagen?“, sagte sie so unerschrocken und gleichmütig, wie sie konnte.

Dom stand in der Tür zwischen dem Laden und seinem gemütlichen Hinterzimmer. Er drehte sich auf ihre Frage hin um. „Morgen, Allie.“

„Morgen“, erwiderte sie fröhlich.

Sie war auf alles gefasst. Sie konnte diplomatisch sein, wenn nötig. Und sie war ganz sicher kein Kind, dem man eine Lektion erteilen musste. Wenn sie ihr das Geschäft überlassen wollten, solange sie fort waren, mussten sie ihr vertrauen.

Und in diesem Fall hatte sie nichts falsch gemacht. Lord Corning hatte vielleicht nicht gefallen, wie „übermäßig unverblümt“ sie war, aber Allie hatte nur helfen wollen. Das Richtige tun. Und das bedeutete unglücklicherweise oft, dass sie Menschen sagen musste, was sie nicht hören wollten, und brachte sie in Schwierigkeiten.

Dom ging auf der Suche nach irgendetwas im Hinterzimmer auf und ab. Wahrscheinlich ging es um sein bevorzugtes Notizbuch und seinen Füllhalter, den er ständig verlegte.

„Das mit der Reise tut mir immer noch leid“, sagte er in abwesendem Tonfall. „Uns beiden, aber was die Sache mit Lord Corning angeht, kannst du nicht einfach immer wieder …“ Er zuckte mit den Schultern, als wüsste er nicht, wie er ihr erklären sollte, was er meinte. „Zur Hilfe eilen, vor allem nicht, wenn sie nicht erwünscht ist.“

„Eilen?“, wiederholte Allie. „Ich bin nicht geeilt.“

Das brachte ihr einen typischen Großer-Bruder-Blick ein. „Du weißt genau, was ich meine.“ Sein Tonfall war immer noch sanft. „Du bist zu voreilig, Schwesterchen. Dir fällt etwas ein und du sprichst es aus. Du setzt dir etwas in den Kopf und los geht’s.“

Galt das nicht für jeden? Die Menschen entschieden, was sie sagen und aussprechen wollten. Sie überlegten, was sie tun sollten, und taten es dann. Sie hätte gern genau das gesagt, aber zwang sich selbst, stumm zu bleiben.

„Eine kurze Pause. Ein längeres Nachdenken. Ein wenig Zögern würde dir außerordentlich guttun“, rief er ihr über die Schulter hinweg zu, während er weitersuchte und auf dem polierten Holzboden auf und ab stapfte.

„Auf dem Regal da hinten“, sagte Allie zu ihm und zeigte auf die Gegenstände, die er dort hingelegt und vergessen hatte.

„Ah.“ Er sammelte Notizbuch und Federhalter ein und steckte beides in seine Jacketttasche. „Ja, da sind sie.“

Ein einfaches Dankeschön hätte nicht geschadet, aber er war gerade der Dominic Prince, der sich durch nichts von seinem ursprünglichen Ziel abbringen ließ, wodurch der größte Teil seiner üblichen Rücksichtnahme zu verfliegen schien.

„Ich will damit nur sagen, dass du aufpassen solltest, wie du mit Kunden sprichst, wenn wir nicht hier sind.“

Sie verstand, warum ihr Bruder sich Sorgen machte, dass ein langjähriger Kunde des Geschäfts gekränkt sein könnte. Und sie verstand ebenso, dass sich Dom als der Älteste dafür verantwortlich fühlte, den guten Ruf und den Erfolg des Geschäfts zu erhalten.

Er blieb stehen und klopfte auf seine Jackentasche, wie um sich zu versichern, dass das Notizbuch, das er hineingesteckt hatte, noch immer an seinem Platz war. Dann seufzte er. Ein Teil der Anspannung wich aus seinem Gesicht und er schenkte ihr sein charmantes, schiefes Lächeln, bei dem andere Damen weiche Knie bekamen.

„Ich wünschte, du würdest mitkommen, aber pass auf dich auf, solange wir weg sind.“ Die aufrichtige Zuneigung in seinem Tonfall hatte die gewünschte Wirkung.

Allie nickte und lächelte und tat, was sie konnte, um ihn zu besänftigen. „Bitte mach dir keine Sorgen, Dom. Ich komme schon zurecht.“

Das schien genau die falsche Feststellung zu sein. Er spannte seinen markanten Kiefer und hob herablassend eine dunkle Augenbraue, was leider Allie und ihre Schwester dazu brachte, sich noch vehementer zu verteidigen.

„Hier werden keine Kunden beleidigt, kleine Lex.“

Wenn er sich vorgestellt hatte, dass es seinen Tadel mildern würde, wenn er den Kosenamen aus ihrer Kindheit benutzte, hatte er sich geirrt. Kein Stück.

Allie musste etwas sagen. Er war vielleicht der Draufgänger in der Familie, aber sie hatte die Geschäfte geführt – oder geholfen, sie zu führen –, solange er und Eve unterwegs zu Ausgrabungen oder auf der Jagd nach Antiquitäten waren.

„Ich bin kein Kind mehr, Dom. Und wenn du dir Sorgen machst, wie ich den Laden führe, solltest du vielleicht hierbleiben und es selbst machen. Ich komme schon seit Jahren allein zurecht und bislang ist noch keine Katastrophe über das Geschäft hereingebrochen.“

„Niemand will leugnen, dass du alles für uns am Laufen hältst“, mischte sich Eve in diesem Augenblick ein. „Hab ich recht, Dominic?“

Als mittleres Kind übte sich Eve schon seit vielen Jahren als Vermittlerin. Und Allie war dankbar dafür, dass wenigstens eins ihrer Geschwister sie verteidigen wollte. Aber es wurde Zeit, dass sich Dominic ebenfalls auf ihr Urteil verließ.

Vielleicht würde sie nie irgendetwas Besonderes erreichen, aber sie wusste, wie man das Geschäft führte, auch wenn sie sich nach mehr sehnte.

„Du machst das mit der Geschäftsführung sehr gut.“ Er warf Eve einen Blick aus seinen stahlblauen Augen zu und richtete ihn dann wieder auf Allie. „Aber der Zwischenfall mit Lord Corning …“

„Ich wollte nur hilfreich sein.“

Eve baute sich vor Dom auf und sah ihn an. „Wir sollten uns auf den Weg zum Bahnhof machen, findest du nicht? Sonst verpassen wir noch den Zug.“

Dom schob sich an Eve vorbei. Seine Wangen waren rot geworden. „Du hast den Mann im Parlament zur Rede gestellt.“

„Seine Lordschaft hat versucht, uns eine Fälschung zu verkaufen, und hat zugegeben, dass er schon einige an seine Freunde weiterverkauft hatte. Ich habe ihm einen Gefallen getan, indem ich ihn das habe wissen lassen, und ich bin in seinem eigenen Büro gewesen“, stellte Allie fest. „Aus deinem Mund hört es sich so an, als ob ich ins Oberhaus gestürmt wäre.“

„Das traue ich dir auch noch zu.“

„Ich würde dir mehr als nur ein bisschen Kleingeld bezahlen, um das zu sehen“, sagte Eve und brach dann in ein leises, spitzbübisches Lachen aus.

Allie musste lächeln, obwohl sie verärgert war.

Dom verdrehte die Augen und marschierte auf Allie zu, um sie kurz an sich zu drücken.

„Bring dich einfach nicht in Schwierigkeiten, solange wir fort sind. Mir zuliebe. In Ordnung?“

„Aber natürlich“, verkündete sie, nachdem er sie wieder losgelassen hatte. Es war allerdings schon ein wenig absurd, wenn ein Mann vom Ruf ihres Bruders irgendjemanden dazu aufrief, vorsichtig zu sein.

„Ihr beide auch nicht.“ Sie warf ihrer Schwester einen Seitenblick zu. „Passt auf euch auf.“

„Ich glaube, mit der Wildnis von Norfolk können wir umgehen“, sagte Eve mit ihrem üblichen Selbstvertrauen.

Eve war sanftmütig und ausgeglichen, genau wie ihre Mutter. Allie wünschte sich oft selbst einen kühleren Kopf.

Voreilig. Das war ein Vorwurf, den Dom ihr häufiger machte als jeden anderen.

Wenn die Situation es erforderte, hielt sie allerdings viel davon, keine Zeit zu verschwenden. Galt das nicht für jeden?

Sie machten sich auf den Weg zu einer Expedition, die sich auf die Suche nach einem angelsächsischen Schatz machte. Einige Dokumente, die sie aus dem Nachlass eines Duke erworben hatten, legten den Schluss nahe, dass es an der Küste von Norfolk einen solchen geben konnte. Eve stellte schon seit Jahren Nachforschungen über einen möglichen Schatz in Yorkshire an, doch Dom glaubte nicht, dass dort viel zu finden war.

Ihre Eltern waren ebenfalls dem Reisen und der Faszination von Ausgrabungen erlegen gewesen. Allie interessierte sich weit mehr für historische Dokumente als für Juwelen oder Münzen. Trotzdem verstand sie, wie spannend es war, einen Pinsel und eine Kelle in die Hand zu nehmen, in der Erde zu graben und etwas von historischem Wert zu entdecken. Jedes einzelne Stück, das durch ihr Geschäft ging, besaß einen Wert, weil es eine Geschichte über die Vergangenheit zu erzählen hatte. Das war ein Aspekt an der Arbeit im Geschäft, den sie liebte. Leidenschaft für geschichtliche Forschung war ihr ebenso in die Wiege gelegt worden, wie ihr Anteil an Princes of London.

Eve kam auf Allie zu und flüsterte: „Deine Zeit wird kommen. Versprochen.“

Es war ein schmerzvoll vertrautes Gefühl. Eines Tages, hatte man ihr gesagt, würde sie Papa ebenfalls begleiten können. Sie hatte es nie getan, aber sie hatte ein Leben lang Erinnerungen wie diese gesammelt – sich zu verabschieden und allein zurückzubleiben.

Eve umarmte sie ausgiebig und herzlich und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. „Wir sind sicher nicht länger als vierzehn Tag fort.“

Die Mietdroschke, die sie zum Bahnhof St. Pancras bringen sollte, wartete bereits vor der Tür und sie brauchten nur wenige Minuten, um ihre Koffer unterzubringen und sich auf den Weg zu machen.

Allie stand auf dem Bürgersteig und winkte ihnen nach, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Sie versuchte, den Kloß in ihrem Hals herunterzuschlucken. Sie hatte das schon so oft getan und trotzdem versetzte es ihr jedes Mal einen Stich, wenn sie sich ohne sie auf den Weg machten.

Vielleicht konnte sie ihre eigene Expedition planen, nicht um einen Schatz zu finden, sondern um ihre Forschung über Piratinnen voranzubringen. Sie dachte über diese Idee nach, bis der Herbstwind ein paar Blätter vor ihr aufwirbelte, dann ging sie zurück ins Haus.

Im Laden brachte sie die Aufgaben zu Ende, die erledigt werden mussten, bevor sie öffnen konnte. Der Ladenkater Grendel beobachtete sie mit ungewöhnlichem Interesse.

„Keine Sorge, Gren.“ Es war, als ob das Tier ihre Enttäuschung spüren konnte. „Ich weiß, dass ich eines Tages dran bin. Meine große Stunde, wie Papa immer gesagt hat.“

Sie legte die letzten Stücke vorsichtig in die große Vitrine, eine Parüre aus großen, glitzernden Diamanten und Smaragden, die auf einem Sockel aus schwarzem Samt lag – die kostbarsten Schmuckstücke im gesamten Geschäft. Allie wusste die Schönheit solcher Stücke durchaus zu schätzen, aber sie beflügelten ihre Fantasie nicht so, wie etwa die Steinschlosspistole in der Vitrine daneben. Piratinnen wie Anne Bonny und Mary Read hatten vielleicht selbst eine solche Pistole benutzt.

Im Hinterzimmer wurde eine Tür geöffnet und Allie lächelte.

Mr. Gibson war der Goldschmied ihres Geschäfts und er kümmerte sich um Reparaturen – seine Leidenschaft waren Uhrmacherei und -reparaturen, aber der Mann konnte fast alles reparieren, was man ihm brachte und er schnitt und fasste Edelsteine mit präziser Perfektion. Außerdem war er ein Antiquar mit umfangreichem historischem Wissen, das dem ihres Vaters gleichkam. Die beiden waren Freunde gewesen und Alister Gibson hatte darauf bestanden, zu bleiben, nachdem ihr Vater gestorben war, auch wenn Dom den Mann dazu gedrängt hatte, in den wohlverdienten Ruhestand zu gehen.

„Ganz allein heute, Miss Prince?“

„Jetzt, da Sie hier sind, nicht mehr“, begrüßte Allie den älteren Herrn lächelnd.

Normalerweise blieb er in seiner Werkstatt, wo er Neuerwerbungen restaurierte oder Edelsteine fasste, aber seine Anwesenheit sorgte dafür, dass Allie sich weniger einsam fühlte, solange ihre Geschwister auf Expedition waren.

„Ich würde sagen, Kaffee und Scones wären angebracht. Was denken Sie?“

Er verzog den Mund unter seinem silbergrauen Schnurrbart wie zu einem Lächeln. „Habe ich schon einmal nein zu einer Tasse von nebenan gesagt?“

Das konnte keiner von ihnen. Die Princes waren mit einem Kaffeehaus gleich neben ihrem Geschäft gesegnet. Der Duft, der zu ihnen herüberwehte, war für sie alle meist eine willkommene Ablenkung und Hawlstons Kaffee und Gebäck schmeckten genauso köstlich, wie sie dufteten.

„Bin gleich wieder da“, rief Allie, während sie in ihren Mantel schlüpfte.

Sie sah zu der Wand von Uhren im Geschäft hinauf. Gerade noch genug Zeit, um Kaffee und Leckereien zu holen, ehe ihre Freundin Jo zu ihrem üblichen Plausch am Mittwochmorgen kam. Sie hatten sich angewöhnt, sich eine Stunde vor Ladenöffnung zu treffen, um über Bücher zu sprechen und sich jenseits des wachsamen Blickes von Jos Mutter, Lady Wellingdon, auszutauschen.

Im Kaffeehaus war viel Betrieb, aber Mrs. Cline, die den Kaffeeausschank leitete, lächelte, als sie sah, wie Allie hereinkam.

Allie hob drei Finger und formte mit dem Mund das Wort „Lavendel-Scones.“

Die dunkelhaarige Chefin nickte und wies mit dem Kinn auf eine Sitznische, wo Allie auf ihre Bestellung warten durfte. Diese befand sich direkt hinter der Tür zur Küche, wo es gerade genug Platz für einen einzelnen Stuhl gab. Normalerweise durften Gäste die Küche nicht betreten, aber da die Princes Nachbarn waren und täglich kamen, machte Mrs. Cline eine Ausnahme.

Wenn so viele Gäste da waren, musste Allie mit Sicherheit länger warten, also holte sie das Notizbuch hervor, das sie überall bei sich trug. Sie fing sofort an, sich Ideen für Forschungsexpeditionen zu notieren, die sie Dom vorschlagen konnte, wenn er zurück war.

Sie hatte es satt, auf ihre große Stunde zu warten.

2. KAPITEL

Scotland Yard

Drake ging mit langen Schritten über den Flur zum Büro seines Vorgesetzten, voller Vertrauen in die Arbeit, die er geleistet hatte und die sich endlich auszahlen musste.

Er hatte seinen Schlaf und seine Mahlzeiten und alles andere geopfert, was ein Leben ausmachte, um sich ganz auf den Erpressungsfall und die verworrenen, schmutzigen Machenschaften eines Prinzen zu konzentrieren. Wenn ihn heute der Lohn dafür erwartete, war es das alles wert gewesen.

Er war mit nichts als leeren Taschen und dem festen Willen zur Polizei gegangen, sich und seine Schwester aus dem Albtraum zu befreien, den das Schicksal ihnen zugedacht hatte, aber er war nie damit zufrieden gewesen, auf Fußstreife zu gehen. Es war immer sein Ziel gewesen, aufzusteigen.

Verdammt, vielleicht brachte er es eines Tages sogar weiter als bis zum Chief Inspector. Aber im Augenblick war das der Titel und die Aufgabe, auf die er es seit Jahren abgesehen hatte und er würde sie genießen. Er würde der jüngste Mann sein, der es je so weit geschafft hatte, genau wie er einer der jüngsten gewesen war, die zum Detective Inspector befördert worden waren.

Er überlegte, was er sagen sollte, wenn Haverstock ihm die Beförderung anbot. Unter Kollegen versuchte Drake, ausschließlich Gleichmut und Selbstbeherrschung zu zeigen. Gefühlsausbrüche waren in der Polizeiarbeit nichts als eine Störung und in den speziellen Fällen, die Haverstock ihm persönlich zugeteilt hatte, konnte er keine Störungen gebrauchen.

Aber der Chief Constable würde Dankbarkeit von ihm erwarten. Vielen Dank, Sir schien ihm zu wenig zu sein. Es wird aber auch Zeit war viel zu ehrlich. Ich werde Sie nicht enttäuschen, Sir war das, was Haverstock wirklich hören wollte, so viel war ihm klar. Der ältere Mann hatte Drake unter seine Fittiche genommen, ihm Ratschläge gegeben, aber ihm auch auf die Sprünge geholfen. Er teilte ihm die Fälle zu, die am meisten Diskretion erforderten. Fälle, die möglicherweise von ihm verlangten, dass er sich vorsichtig am Rande der Gesetzmäßigkeit bewegte und ihn sogar überschritt, wenn es sein musste.

Haverstock wusste genau, wie weit ein Mann in seinem Ehrgeiz gehen würde, und er lockte Drake jetzt schon seit Jahren mit dieser Beförderung.

Aber dieser Fall hatte mehr von ihm verlangt als jeder andere zuvor. Höllische Wochen ohne richtigen Schlaf. Falsche Spuren. Letzte Nacht und bis in den frühen Morgen, nachdem er eine Woche lang an dem Howe-Fall gearbeitet hatte, hatte der Dieb ihn zu einer Pension geführt. Eine gewaltsame Auseinandersetzung mit einem weiteren von Ms Schergen endete damit, dass er unter den Dielenbrettern Briefe entdeckte, die angeblich vom Prinzen stammten, und dazu ein Foto, das den Thronerben in einem Zustand zeigte, von dem die Krone nicht wollen konnte, dass die Öffentlichkeit ihn so sah.

Es hatte den Anschein, dass die Erpressung an sich vereitelt worden war, aber M war weder identifiziert noch verhaftet worden. Und das ärgerte Drake so sehr, dass er angefangen hatte, mit den Zähnen zu knirschen, bis ihm der Kiefer wehtat.

Er verabscheute lose Fäden, wie jeder Detektiv.

Vor der Tür von Haverstocks Büro in den tiefsten Tiefen des Gebäudes von Scotland Yard blieb Drake kurz stehen, um seine Kleider zu ordnen. Er hatte nach den Ereignissen der letzten Nacht kaum Zeit gehabt, sich frisch zu machen, aber das musste reichen.

Haverstock hatte ihm befohlen, ihn sofort auf den Stand der Dinge zu bringen. Also betrat Drake das Büro seines Vorgesetzten und überreichte ihm zusammen mit den Dokumenten, die er in der Pension gefunden hatte, einen Bericht, den er gerade selbst getippt hatte, so gut es mit seinen müden Augen und den winzigen Tasten eben ging.

Er stand wie immer kerzengerade und mit durchgedrückten Schultern da. Er kümmerte sich nicht um seine schmerzenden Muskeln oder seine abgeschürften Knöchel und verschränkte die Hände hinter dem Rücken. Er war sehr geübt in diesem Ritual, schweigend und hoch aufgerichtet dazustehen, während er darauf wartete, dass der ältere Mann sein Urteil zu der Arbeit abgab, die er geleistet hatte.

Seine Vorgesetzten waren vielleicht nicht immer mit seiner Vorgehensweise einverstanden, aber er tat immer, was er konnte, um Ergebnisse abzuliefern. Für Drake gab es keinen anderen Weg. Er war in der Vergangenheit kläglich gescheitert, deswegen konnte er jetzt nichts anderes ertragen als Erfolg.

Und Haverstock wusste das. Drake war für heikle Fälle vorgesehen, weil er seine Loyalität und seine Verschwiegenheit unter Beweis gestellt hatte. Nur der Erpressungsfall hatte in ihm Zweifel an den Entscheidungen des älteren Mannes geweckt.

Deswegen hielten ihn der schwer zu fassende M und der Ehrgeiz, den Mann zu erwischen, nachts wach. Er würde ihn finden und dazu würde er eben tun, was nötig war. Darin unterschied sich Drake von seiner Konkurrenz um Beförderungen und die Gunst ihrer Vorgesetzten.

Der Chief Constable war zur Terrorismusabwehr abkommandiert worden und mochte die Arbeit, die Krone und die Familie, die sie trug, zu schützen. Drake war seine Arbeit bei Scotland Yard lieber, bei der er Verbrechen gegen normale Bürger von London aufklärte, aber der verfluchte, halb gelöste Erpressungsfall war derjenige, der ihm die Beförderung einbringen würde, auf die er es abgesehen hatte.

„Kommen Sie herein, Drake.“ Der weißhaarige Mann nahm den Bericht und fing sofort an, ihn zu lesen.

„Hm-hm“, murmelte Haverstock, während er mit einem runzligen Finger die getippten Zeilen entlangfuhr.

Vor Jahren hätten diese Äußerungen Drakes Sicherheit vielleicht erschüttert und dafür gesorgt, dass sich ihm der Magen umdrehte. Heute war er erschöpft und erpicht darauf, dass die Formalitäten dieser Lagebesprechung erledigt waren, damit er anfangen konnte, sich zu überlegen, wie er seiner neuen Aufgabe gerecht werden sollte.

„Sie beeindrucken mich immer wieder, Drake“, sagte der alte Mann schließlich und sah von den Papieren auf.

„Es freut mich, das zu hören, Sir.“ Er lächelte nicht. Brüstete sich nicht. Erlaubte dem Aufflammen von Stolz, das er empfand, nicht, seine Haltung aufzuweichen oder sich auch nur einen Augenblick auf dem Lob auszuruhen.

„Ich werde die betreffenden Seiten darüber informieren, dass die Bedrohung beseitigt ist.“ Er tippte auf die Papiere, die vor ihm lagen. „Und wir sind sicher, dass alle Beweise des Erpressers gefunden und vernichtet worden sind? Dass es keine weiteren Kopien gibt?“

„So sicher, wie wir sein können, Sir. Mithilfe dessen, was mein Informant mir gesagt hatte, habe ich das Foto und die beiden Briefe gefunden, was alles ist, auf das sich die Erpresserschreiben bezogen haben. Ich habe Howe bei der Befragung so unter Druck gesetzt, dass ich davon ausgehe, dass er uns alles erzählt hat.“

„Sehr gut.“ Er hatte nicht mehr als einen Blick voll Abscheu für die Briefe und die Fotografie übrig, ehe er sich mit seinem Stuhl umdrehte und alles ins Feuer warf, das im Kamin brannte. „Gott sei Dank hat sich diese geschmacklose Angelegenheit erledigt, ohne die Krone und die königliche Familie in Verruf zu bringen.“

„Nicht erledigt, Sir. Wir wissen immer noch nicht, wer M ist. Aber ich werde ihn finden.“ Er spürte die Wahrheit diese Feststellung, auch wenn er noch nicht wusste, wo er weiter nach dem Mann suchen sollte. Aber er hatte in den zehn Jahren seiner Laufbahn jeden Fall gelöst. Diesen würde er auch lösen. „Sie wissen, dass ich nicht aufgebe, ehe ich alle offenen Fragen geklärt habe.“

„Ich vermute, dass den Mann der Mut verlassen hat und dass er wieder in der Versenkung verschwinden wird, nachdem er es nicht geschafft hat, dem Prinzen echten Schaden zuzufügen. Sie haben Ihre Sache gut gemacht.“ Haverstock lächelte, was eine Seltenheit war. „Sie lassen mich nie hängen, hab ich recht, mein Sohn?“

„Niemals.“ Bei den Worten mein Sohn verspürte er einen Stich seiner alten Wut in seinem Inneren. Er ballte die Hände, die er noch immer auf dem Rücken hielt, zu Fäusten. Erinnerungen drängten in seinem Geist an die Oberfläche.

Tief durchatmen. Und weiteratmen. Er unterdrückte die Panik, die sich in ihm regte, wenn er seinen Gedanken erlaubte diese alten Wege zu gehen. Die Vergangenheit war tot und vorbei. Sie hatte keinen Einfluss mehr. Seine Zukunft war das Einzige, was zählte. Nur die Aufgaben, die er erledigen wollte, nur die Macht, die er sich davon erhoffte, dass er eines Tages so weit kam, dass er Haverstocks Titel tragen durfte. Verdammt, vielleicht sogar noch weiter.

Und Haverstock meinte es gut.

Er war bei Gott nicht der Mann, der Drake früher Sohn genannt hatte, obwohl er für dieses Privileg nicht mehr getan hatte, als mit seiner Mutter ins Bett zu gehen und ihr Essen zu essen und Raum in dem zu kleinen Zimmer einzunehmen, in dem sie gewohnt hatten. Narr, Ungeziefer, Nichtsnutz – die Lieblingsschimpfworte des gemeinen Kerls wurden immer von einem Schlag oder einem Tritt begleitet, um ihnen mehr Nachdruck zu verleihen.

Bis zu dem Tag, an dem Drake größer und stärker geworden war als der Liebhaber seiner Mutter. Bis zu dem Tag, an dem er seine Geschwister aus diesem schäbigen Zimmer geholt und nie zurückgekehrt war.

Sein leiblicher Vater war ein Phantom. Eine sagenhafte Gestalt, über die seine Mutter ihm wilde Geschichten erzählt hatte, um seinem kindlichen Verstand etwas zu geben, an dem er sich festhalten konnte. Sie hatte behauptet, er sei ein Adliger gewesen – ein Duke –, auch wenn Drake ihr das nie geglaubt hatte. Doch manchmal benutzte er diese Geschichte als eine Art Währung, um sich Respekt zu verschaffen, allerdings hatten ihm diese Versuche auch genauso oft Spott eingebracht.

Als grüner Anfänger bei der Polizei hatte er einem Kameraden die Geschichte erzählt und man hatte ihm den Spitznamen Duke verpasst. Zuerst hatten sie ihn damit aufgezogen, aber jetzt, nachdem seine Kollegen gesehen hatten, wozu er fähig war und wie gnadenlos er dabei vorging, benutzten sie seinen Beinamen kumpelhaft. Respektvoll.

Haverstock natürlich nicht. Diesem Mann ging die Hierarchie über alles. Die Annahme, dass das Blut eines Duke in Drakes Adern floss, machte es wahrscheinlich schwieriger, väterlich mit ihm umzugehen, das ganze Gewicht seiner Macht und Überlegenheit zu spüren.

Deswegen hatte Drake nichts gegen ein gelegentliches Mein Sohn in ihren Gesprächen und duldete, dass der Mann sich einbildete, dass Drake eines Tages seiner Tochter den Hof machen würde. Er hätte eine Menge getan, um in der Hierarchie bis auf Haverstocks Posten aufzusteigen, aber eine junge Lady als Bauernopfer zu benutzen, kam nicht infrage.

„Ich weiß, worauf Sie es abgesehen haben, Drake. Aber das kann ich Ihnen nicht bieten.“ Haverstock schien zu bemerken, dass sich ein Muskel in Drakes Kiefer spannte und hob den Zeigefinger. „Noch nicht.“

„Wann?“

„Bald, Drake. Bald. Ihr Tag wird kommen. Stanhope wird zum Jahresende befördert. Damit wird eine Stelle als Chief Inspector frei.“

Haverstock ließ die Worte verführerisch tanzen, aber dabei ließ er Drake nicht aus den Augen.

Der Mann betrachtete ihn als Werkzeug. Mit Lob gehärtet und vom Ehrgeiz geschliffen. Er war sicher, dass dem älteren Mann bewusst war, dass er einen Drahtseilakt vollführte, indem er ihm ein bisschen Macht gab und ihm immer noch etwas vorenthielt. Er wollte seinen Ehrgeiz anstacheln, damit er härter arbeitete, um sich zu beweisen, aber dieses Spiel konnte er nicht unbegrenzt in die Länge ziehen.

Ein Hund, den man hungern lässt, wurde irgendwann bissig.

„Ich verlasse mich darauf, dass es bald sein wird, Sir“, verkündete Drake, dann änderte er die Haltung, weil er annahm, dass man ihn wegtreten lassen würde, sodass er mit etwas Glück an seinem Schreibtisch ein Nickerchen machen konnte, bevor die anderen zur Arbeit kamen.

„Essen Sie am Samstag mit uns zu Abend, Drake. Wir sind auf eine Gesellschaft bei Lord Wellingdon eingeladen. Er ist schon lange ein Befürworter von Gesetzen zur Kinderarbeit und versucht jetzt, das Gesetz zum Wohnungsbau für die Arbeiterschaft durchzubringen, von dem ich weiß, dass Sie es gern verabschiedet sehen würden. Mrs. Haverstock und Lavinia würden sich sehr freuen, Sie zu sehen.“

Drake hatte schon von Wellingdon gehört. Genau wie seine Schwester behielt er Gesetze und Verordnungen im Blick, die denen helfen sollten, die es am schwersten hatten, wie sie selbst in ihrer Jugend, ein Dach über dem Kopf und einen vollen Magen zu haben. Er und Helen und ihr jüngerer Bruder George hatten viele Stunden gearbeitet, als sie hätten Kinder sein sollen. 

„Ich würde Lord Wellingdon gern kennenlernen. Vielen Dank für die Einladung. Um wie viel Uhr soll ich kommen?“

Haverstock wedelte beinahe verächtlich mit der Hand. „Wann auch immer Sie hier mit Ihrer Arbeit fertig sind und sich frisch gemacht haben. Wenn Sie früher bei uns zu Hause ankommen, haben Sie und Lavinia mehr Zeit, um sich zu unterhalten, bevor wir aufbrechen müssen.“

„Ausgezeichnet.“ Drake nickte und hob eine Augenbraue. „Ist das alles, Sir?“

Haverstock streckte einen Arm aus und legte eine Hand auf ein Dokument auf seinem Schreibtisch. „Es gibt noch eine letzte Sache. Ich dachte, dass Sie es gern wissen würden.“ Er blätterte, wie Drake jetzt erkannte, in einem handgeschriebenen Polizeibericht. „Man hat Howe vor ein paar Stunden gefunden.“

„Das ist nicht möglich.“ Er ging im Geiste sein letztes Treffen mit dem Mann durch. „Er wollte London verlassen.“

Drake hatte seinem widerstrebenden Informanten selbst das Geld für eine Fahrkarte gegeben, auch wenn er es für besser hielt, Haverstock nichts davon zu sagen. Der Chief hätte es als Schwäche aufgefasst.

„Nun, wie es aussieht scheint er das nicht schnell genug getan zu haben.“

Drake schnappte sich das Formular und überflog eilig die sauber geschriebenen Worte. Das Blut gefror ihm in den Adern und dann überkam ihn stattdessen eine brennende Wut.

Howe war im East End gefunden worden. In einem der Bordelle, die er bevorzugte. Und man hatte ihm die Kehle durchgeschnitten, genau wie er Drake gewarnt hatte, falls er Ms Identität enthüllte. Aber er hatte es nicht getan. Howe hatte ihm Hinweise gegeben, die Drake zu dem Erpressungsmaterial geführt hatten, aber der Dieb hatte sich standhaft geweigert, den Kopf hinter allem zu verraten.

Und er hatte schreckliche Angst gehabt, nachdem Drake ihn endlich entlassen hatte.

„Mir ist klar, dass der Mann ein nützlicher Informant gewesen ist, aber ich hatte keine Ahnung, dass es Sie so treffen würde.“ Haverstock musterte ihn mit einem prüfenden Stirnrunzeln.

„Als ich den Mann vor einigen Stunden zum letzten Mal gesehen habe, war er noch am Leben. Es schockiert mich ein wenig, Sir. Nichts weiter.“

Diese Antwort schien Haverstock zufriedenzustellen und er lehnte sich wieder in seinem Stuhl zurück.

Autor

Christy Carlyle
<p>Guter Kaffee und britische Serien mit aufwendigen historischen Kostümen sind die Dinge, die Christy Carlyle antreiben. In ihren Romanen schreibt sie am liebsten über Helden und Heldinnen, die ihrer Zeit voraus sind. Da sie selbst einen Abschluss in Geschichte hat, liebt die Autorin es, beim Schreiben ihre Leidenschaft fürs Historische...
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