Ein Milliardär zum Verlieben

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Playboys wie Joshua Cantrell findet Cassie Walker normalerweise gar nicht anziehend! Doch der Milliardär, den sie bisher nur aus der Klatschpresse kannte, ist ganz anders: sympathisch und so unwiderstehlich, dass Cassie seinem Charme erliegt. Eine Nacht lang träumt sie davon, mit ihm in Los Angeles ein glückliches Leben zu führen. Aber am nächsten Morgen erklärt Joshua ihr, dass sie nicht mit ihm kommen kann ...
  • Erscheinungstag 22.02.2016
  • Bandnummer 4
  • ISBN / Artikelnummer 9783733773625
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Cassie, ich habe einen Sonderauftrag für Sie.“

Es war acht Uhr an einem Sonntagabend, und Cassie Walker befand sich im Büro von Direktor Reynolds, Leiter des Northbridge College. Eben erst hatte er sie zu Hause angerufen und aufgefordert, sofort zu ihm zu kommen. Ihre Neugierde war geweckt.

„In Ordnung“, erwiderte sie vorsichtig. Sie saß etwas steif auf einem der beiden Besucherstühle vor Reynolds’ Schreibtisch.

„Ich wende mich übrigens auch im Namen unseres Bürgermeisters an Sie, denn schließlich geht es hier um eine Angelegenheit, die ihn und sogar die ganze Stadt betrifft.“

„Aha.“

„Sagt Ihnen der Name Alyssa Johansen etwas?“, erkundigte sich Reynolds.

Northbridge College war eine Privatakademie in der Kleinstadt Northbridge im Bundesstaat Montana. Auch Cassie hatte hier studiert – und war seit ihrem Magisterabschluss vor vier Jahren als Studienberaterin tätig. Natürlich kannte sie nicht jeden der 237 Studenten persönlich, aber auf dem kleinen Campus hatte sie fast alle Gesichter schon einmal gesehen und praktisch alle Namen gehört.

„Alyssa Johansen“, wiederholte sie. „Sie studiert im ersten Semester und kommt von außerhalb.“ Nicht besonders viele Studenten aus anderen Bundesstaaten fanden ihren Weg an das College, deswegen konnte Cassie sich auch so gut an die Achtzehnjährige erinnern. „Ich habe mich schon ein paar Mal mit ihr unterhalten, würde aber nicht behaupten, dass ich sie gut kenne. Das Semester hat ja erst vor drei Wochen angefangen. Jedenfalls hat es ihretwegen noch keine Schwierigkeiten gegeben.“

Sie hatte nicht die leiseste Ahnung, was die hübsche und lebhafte junge Frau angestellt haben sollte, dass der Direktor Cassie an einem Sonntagabend zu sich rief – und das auch noch im Namen des Bürgermeisters!

„Wissen Sie, es ist so: In Wirklichkeit heißt sie gar nicht Alyssa Johansen“, raunte Reynolds ihr zu, als ginge es um ein Staatsgeheimnis.

„Und wer ist sie dann?“

„Ihr richtiger Name lautet Alyssa Cantrell.“

„Cantrell? Wie Joshua Cantrell?“, erkundigte sich Cassie. Darauf war sie allerdings nur deswegen gekommen, weil der Direktor den Nachnamen besonders betont hatte. „Ganz genau“, bestätigte Reynolds.

Wer hin und wieder die Zeitung oder eine Illustrierte las oder auch nur an der Supermarktkasse einen kurzen Blick auf die Schlagzeilen der Regenbogenpresse warf, stolperte dabei automatisch über den Namen Joshua Cantrell. Als „Tennisschuh-Tycoon“ war er in aller Munde.

„Alyssa hat sich unter dem Namen Alyssa Johansen in Northbridge eingeschrieben, damit sie hier studieren kann wie jede andere Studentin auch“, erklärte der Direktor. „Nur ganz wenige Menschen wissen, dass sie Joshua Cantrells jüngere Schwester ist, seine erheblich jüngere Schwester. Sie ist bei ihm aufgewachsen. Diese Presseleute lassen die beiden ja nicht in Ruhe.“

Reynolds schwieg kurz, um seine Enthüllungen sacken zu lassen, dann fuhr er fort: „Wie Sie wissen, beginnt morgen unsere Woche der offenen Tür für Eltern und Verwandte. Und viele Angehörige, die nicht hier in der Gegend wohnen, reisen schon heute an.“

„Ja.“ Damit erzählte der Direktor Cassie nichts Neues. „Eigentlich sollte Kirk Samson ja die Aufgabe übernehmen, die ich jetzt Ihnen übertragen möchte. Immerhin ist er fürs Fundraising zuständig. Unglücklicherweise ist Kirk heute bei der Gartenarbeit gestürzt und hat sich dabei am Rücken verletzt. Er liegt im Krankenhaus und ist mindestens eine Woche lang außer Gefecht. Seine Frau hat vor einer Stunde angerufen.“

„Das tut mir wirklich leid“, sagte Cassie.

„Also sind wir darauf angewiesen, dass Sie für ihn einspringen“, verkündete der Direktor.

„Und was genau soll ich machen? Mit Fundraising kenne ich mich überhaupt nicht aus.“

„Wie gesagt, Alyssa möchte hier ein möglichst normales Studentinnenleben führen“, fuhr Reynolds fort und überging Cassies Frage einfach. „Dazu gehört eben auch, dass ihr Bruder und Vormund an der Woche der offenen Tür teilnimmt. Joshua Cantrell legt großen Wert darauf, hier bei ihr zu sein. Uns wiederum ist es wichtig, ihm jemanden zur Seite zu stellen, der sich um seine persönlichen Bedürfnisse kümmert. Damit möchte ich Sie jetzt beauftragen.“ So, wie der Direktor es formulierte, klang es in Cassies Ohren fast anstößig. Das musste ihm ebenfalls klar geworden sein, denn er verbesserte sich sofort: „Wir brauchen einfach jemanden, der ihn auf dem Campus herumführt und ihm die Stadt zeigt, damit er sich hier praktisch wie zu Hause fühlt.“

„Aber ich bin gerade erst in mein neues Haus gezogen“, erinnerte Cassie ihn. „Alle meine Sachen stecken in Umzugskartons, außerdem muss ich mir noch Möbel kaufen und mich einrichten. Eigentlich wollte ich nächste Woche jede freie Minute dafür nutzen.“

„Ich weiß, dass Sie viel zu tun haben“, räumte Reynolds ein. „Aber ob Sie Ihre Kisten diese oder nächste Woche auspacken, spielt doch keine große Rolle, oder? Jetzt ist erst mal wichtig, dass Cantrell sich hier wohlfühlt, damit er dem College und der Stadt zugetan ist.“

„Also, ich weiß nicht“, sagte Cassie vorsichtig. Der Vorschlag ihres Vorgesetzten gefiel ihr ganz und gar nicht, und zwar nicht nur wegen der unausgepackten Umzugskartons.

„Bitte, Cassie. Wir brauchen Sie“, drängte der Direktor weiter. „Sie sind nämlich genau die Richtige: ein bodenständiges Northbridge-Mädchen ohne Allüren, Glanz und Gloria. Ich kenne niemanden, der uns besser vertreten könnte.“

„Ich glaube, es wäre besser, wenn Sie jemand anders darum bitten könnten“, erwiderte Cassie. „Das Ganze wird sonst eine Riesenenttäuschung … für alle Beteiligten.“ Schließlich hatte sie schon einmal einen wichtigen Menschen in ihrem Leben bitter enttäuscht. „Vielleicht engagieren Sie doch lieber jemanden mit Glanz und Gloria.“ Cassie gruselte sich davor, eine ganze Woche mit einem berühmten Mann verbringen zu müssen – einem äußerst attraktiven, wohlhabenden und weit gereisten Mann. Sie wusste jetzt schon, dass sie sich in seiner Gegenwart schrecklich gehemmt fühlen würde. Weil er sie nämlich ständig daran erinnern würde, wie unspektakulär und bodenständig sie doch war, wie sehr ihr Glanz und Gloria fehlten …

Offenbar ahnte der Direktor, was gerade in ihr vorging. Noch bevor sie seine Bitte ablehnen konnte, sagte er schnell: „Cassie, wir stecken wirklich in der Klemme. Und ich bin mir ganz sicher, dass Sie die Richtige sind. Schließlich sind Sie Alyssa Cantrells Studienberaterin. Da wird es niemanden verwundern, dass wir Sie damit beauftragt haben, sich um ihren Bruder zu kümmern. Sie sind unaufdringlich …“

Na toll, da hatte sie ja mittlerweile einen ganzen Katalog von Tugenden beisammen: Sie besaß also weder Glanz noch Gloria, war bodenständig und dazu auch noch unaufdringlich. Wirklich beeindruckend.

„… also möchte ich Sie von ganzem Herzen bitten, mir diesen einen großen Gefallen zu tun“, beendete der Direktor seine Ausführungen.

Reynolds hatte während ihres Studiums alles Menschenmögliche getan, um ihr Stipendien und sonstige Fördermittel zu besorgen, bis sie ihren Abschluss in der Tasche hatte. Ihm war klar gewesen, dass Cassies Familie nicht das Geld hatte, sie zu unterstützen. Wenn er sie jetzt also um einen persönlichen Gefallen bat, konnte sie unmöglich Nein sagen. Wahrscheinlich wusste er das auch und hatte sich diesen psychologischen Trick deswegen als letzten Ausweg überlegt.

„Ich kann ihn gern ein wenig herumführen, wenn es nur darum geht“, sagte Cassie schließlich.

„Das wäre schon mal hervorragend“, triumphierte der Direktor. „Könnten Sie vielleicht sofort damit anfangen? Joshua Cantrell ist gerade mit seiner Schwester im Aufenthaltsraum der Dozenten, und ich möchte Sie beide gern miteinander bekannt machen. Danach begleiten Sie ihn doch bitte zum ehemaligen Präsidentenhäuschen, dort ist er nämlich untergebracht. Wir haben das Haus renoviert, neu eingerichtet und grundreinigen lassen.“

„Wie bitte? Ich soll jetzt sofort zu ihm?“ Cassie klang beunruhigt.

Eigentlich hatte sie sich erst umziehen wollen, bevor sie hergekommen war, aber der Direktor hatte ihr versichert, dass ihr Aussehen keine Rolle spielte. Er wüsste schließlieh, dass sie erst an diesem Wochenende mit Sack und Pack und der tatkräftigen Unterstützung ihrer Familie ins neue Haus gezogen war und demnach noch in Arbeitsmontur herumlief. Also hatte Cassie ihn beim Wort genommen und war einfach so gekommen.

Jetzt sah sie kritisch an sich hinunter. Sie betrachtete die Jeans mit dem Riss im Knie und das gelbe T-Shirt, das sie in den Hosenbund gesteckt hatte. Die Tennisschuhe an ihren Füßen stammten nicht aus der Produktion von Joshua Cantrell. Das dicke kinnlange Haar hatte sie einfach zu einem Zopf zusammengebunden. Außerdem war sie vollkommen ungeschminkt. So, wie sie aussah, würde sie sich normalerweise niemandem vorstellen lassen, schon gar nicht so einem bekannten und attraktiven Mann wie Joshua Cantrell.

Andererseits hatte sie wohl keine andere Wahl – das wurde ihr umso klarer, als sich der Direktor erneut zu Wort meldete: „Es ist sogar absolut erforderlich, dass Sie sich sofort um ihn kümmern“, sagte er. „Ich habe Cantrell und seine Schwester schon viel zu lange warten lassen, und jetzt bin ich beim Bürgermeister zum Abendessen eingeladen. Er hat da gerade irgendeinen Wichtigtuer zu Besuch.“

„Ach so …“

Wenig später schob der Direktor Cassie auch schon mit sanfter Gewalt aus dem Zimmer, und dann stiegen sie gemeinsam die Treppe zum ersten Stock hinauf.

„Es geht uns wirklich nur darum, dass Cantrell sich hier wohlfühlt“, erklärte Reynolds. „Unsere kleine Stadt soll ihn mit ihrem Charme verzaubern. Mehr verlangen der Bürgermeister und ich ja gar nicht.“

Cassie nickte verunsichert. Gerade waren sie vor dem Dozentenzimmer angekommen. Als sie ihr Spiegelbild im Glasfenster der Tür erblickte, zuckte sie zusammen. Ich bin eine richtige Landpomeranze, durchfuhr es sie. Und genau das würde auch Joshua Cantrell von ihr denken. Ihr Selbstwertgefühl sank gegen Null.

In diesem Augenblick klopfte der College-Direktor einmal kurz an und öffnete anschließend die Tür.

Als Cassie den berühmten Joshua Cantrell erblickte, hatte er ihr den Rücken zugewandt. Er stand mit seiner Schwester am Fenster an der gegenüberliegenden Seite des Dozentenzimmers. Der Direktor schob Cassie vor sich her in den Raum.

Die junge Frau, die Cassie unter dem Namen Alyssa Johansen kennengelernt hatte, zeigte ihrem Bruder gerade etwas draußen auf dem Campus. Offenbar hatten sie das Klopfen nicht bemerkt und auch nicht mitbekommen, dass die Tür geöffnet wurde.

Dadurch hatte Cassie die Gelegenheit, sich Joshua Cantrell einmal genauer anzusehen – allerdings von hinten. Ihr Blick fiel auf seine breiten Schultern und glitt über die Rückseite seiner Lederjacke hinunter zu den schmalen Hüften, dem knackigen Po, den langen Beinen.

Der Direktor räusperte sich, um die beiden Cantrells auf sich und Cassie aufmerksam zu machen. Diesmal hatte er Erfolg: Alyssa und ihr Bruder drehten sich um.

Cassie erschrak. Nicht, dass Joshua Cantrell etwas Abschreckendes an sich hatte, im Gegenteil. Aber auf allen Bildern, die sie in den letzten Monaten von ihm gesehen hatte, war er ihr eher wie ein Waldarbeiter vorgekommen, nicht wie ein typischer Jetsetter. Auf den Bildern hatte er längeres Haar gehabt, einen Vollbart getragen und in seinem Aussehen an ein zotteliges Mammut erinnert.

Nun stand er ihr frisch rasiert gegenüber. Sein schwarzes Haar war gerade noch lang genug für einen sexy Strubbelkopf.

„Es tut mir leid, wenn ich Sie störe“, sagte der Direktor.

„Aber ich würde Ihnen gern Cassie Walker vorstellen.“

„Entschuldigen Sie bitte meinen Aufzug“, klinkte sie sich ein. „Hier am College laufe ich normalerweise nicht so herum. Es ist bloß so, dass ich dieses Wochenende erst umgezogen bin, und als mich der Direktor angerufen hat, war ich gerade dabei, Kartons auszupacken. Und weil er mir leider nicht gesagt hat, worum es hier geht …“

Du liebe Güte, was ist denn das für eine Begrüßung?, dachte Cassie und brach abrupt ihren Redeschwall ab. Da stand ihr dieser unglaublich attraktive Mann gegenüber, und sie redete lauter dummes Zeug – und dazu nur von sich.

Joshua Cantrell war einfach umwerfend. Sein Gesicht war makellos und männlich-kantig geschnitten, er hatte eine ausgeprägte Kieferpartie und hohe Wangenknochen. Er hatte eine volle, sinnliche Unterlippe und eine dünnere Oberlippe. Um seinen Mund lag ein entschlossener Zug – als könnte man dem Mann so leicht nichts vormachen. Seine Nase war gerade und wirkte sehr maskulin. Und dann diese silbergrauen Augen …

Auf Cassies misslungene Begrüßung hin sah er den College-Direktor an. „Dann haben Sie sie also an ihrem freien Sonntag extra von zu Hause weggeholt und hierher kommen lassen … bloß meinetwegen?“

„Ach, das ist doch nicht schlimm“, meldete Cassie sich schnell wieder zu Wort. „Ich wusste nur nicht, dass ich hier jemanden wie Sie treffen würde …“ Was sagte sie denn da, sie machte ja alles nur noch schlimmer! „Ich meine, ich wusste nicht, dass ich mich hier überhaupt jemandem vorstellen sollte“, verbesserte sie sich schnell. „Sonst hätte ich mich vorher natürlich umgezogen.“

„Wieso, Sie sehen doch gut aus“, schaltete Alyssa sich ein. „Wir laufen auch nicht anders herum.“

Damit hatte sie gar nicht so unrecht: Alyssa steckte in Jeans und T-Shirt – genau wie ihr Bruder, der darüber noch eine Lederjacke trug.

„An Ihnen gibt es wirklich nichts auszusetzen“, sagte Joshua Cantrell und musterte Cassie erneut, dann schenkte er ihr ein Lächeln, bei dem bestimmt schon unzählige Frauen schwach geworden waren.

„Auf jeden Fall freue ich mich sehr, Sie kennenzulernen, Mr. Cantrell“, sagte Cassie und hoffte, dass alle Anwesenden möglichst schnell ihren peinlichen Auftritt vergessen würden.

„Ich freue mich auch. Aber nennen Sie mich doch bitte Joshua.“

„Und ich heiße Cassie“, erwiderte sie – und hätte sich am liebsten sofort auf die Zunge gebissen, weil ihr im Nachhinein auffiel, wie überflüssig und sogar anmaßend das geklungen haben musste.

„Cassie ist Studienberaterin für die Erstsemester“, schaltete Alyssa sich ein. „Ihr habe ich es zu verdanken, dass ich aus diesem grausamen Chemiekurs raus bin und stattdessen Biologie belegen konnte.“

Jetzt ergriff Direktor Reynolds das Wort: „Ja, und außerdem hat Cassie sich bereit erklärt, Ihnen während der Woche der offenen Tür persönlich zur Seite zu stehen. Sie ist sehr diskret und fällt nie besonders auf.“

„Ein richtiges Mauerblümchen“, murmelte Cassie leise vor sich hin. Ihr gefiel dieses vermeintliche Kompliment ganz und gar nicht … ebenso wenig wie die Tatsache, dass der Direktor in ihr ein Mädchen vom Lande ohne Glanz und Gloria sah.

Obwohl sie sehr leise gesprochen hatte, hatte Joshua Cantrell die Sache mit dem Mauerblümchen offenbar mitbekommen. Zum Glück äußerte er sich nicht dazu, zumindest nicht mit Worten. Stattdessen zog er einfach die dunklen Augenbrauen zusammen, als wollte er ihr widersprechen, und das gefiel Cassie.

„Ja, diese Woche würde ich hier gern inkognito bleiben“, sagte er dann. „Wenn Sie mich dabei unterstützen könnten, wären Alyssa und ich Ihnen sozusagen ewig dankbar.“

„Na ja, hier hat bestimmt jeder schon mal ein Bild von Ihnen in der Zeitung gesehen, da kann ich Ihnen nichts versprechen – nur, dass ich mir wirklich Mühe geben werde“, entgegnete Cassie.

„Das ist doch schon mal etwas.“

Erneut schaltete sich der Direktor ins Gespräch ein: „Wenn Sie so weit sind, kann Cassie Ihnen ja das Haus zeigen, das wir für Sie hergerichtet haben.“

„In Ordnung“, sagte Joshua.

Draußen vor dem Verwaltungsgebäude verabschiedete sich Reynolds mit überschwänglichen Worten von Joshua Cantrell und betonte erneut, dass er bei Cassie hervorragend aufgehoben wäre.

„Ich gehe jetzt lieber wieder in mein Wohnheim“, verkündete Alyssa, nachdem der Direktor weg war. „Wir schreiben morgen früh im Literaturkurs einen Test, und ich habe das Buch dazu immer noch nicht fertig gelesen. Ist das in Ordnung?“, wandte sie sich an ihren Bruder.

„Klar, geh ruhig“, sagte er. „Ich war heute sowieso den ganzen Tag unterwegs und freue mich jetzt schon auf eine heiße Dusche. Danach falle ich gleich ins Bett.“

Alyssa stellte sich auf Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Danke. Auch dafür, dass du diese Woche hergekommen bist. Und für alles, was du angestellt hast, damit es hier einigermaßen glattgeht.“

„Kein Problem“, sagte Joshua leichthin. Trotzdem sah man ihm an, dass die Dankbarkeit seiner Schwester ihn nicht kaltließ. Es gefiel Cassie, dass der ultracoole Erfolgsmensch Joshua Cantrell offenbar einen weichen Kern hatte.

Dann wünschte Alyssa auch ihr eine gute Nacht und verschwand. Auf einmal war Cassie mit Joshua allein. Da standen sie nun unter den Ulmen, die mindestens genauso alt waren wie der Campus, und ließen sich die frühherbstliche Abendluft durch die Haare wehen.

„Das sind ja Grübchen.“

„Wie bitte?“ Cassie hatte zunächst nicht mitbekommen, dass Joshua inzwischen nicht mehr seiner Schwester hinterher sah, sondern sich ihr zugewandt hatte.

„Über irgendetwas haben Sie doch eben gelächelt, und dabei habe ich Ihre Grübchen entdeckt“, erklärte er.

Ihr war gar nicht bewusst gewesen, dass sie über seine Reaktion auf Alyssas Dankbarkeit gelächelt hatte. Um ihre Verlegenheit zu überspielen, beschloss sie, einfach überrascht zu tun. „Ach, wirklich? Grübchen habe ich?“ Joshua ließ sich auf das Spiel ein und beugte sich zu ihr herüber, um sich die Sache genauer anzusehen. „Allerdings, und zwar in jeder Wange eins. So sieht ganz bestimmt kein Mauerblümchen aus.“

Cassie verzog das Gesicht und versuchte Joshua zu ignorieren – was nicht gerade leicht war, denn er stand direkt neben ihr. Schnell nickte sie in die Richtung, in die sie gehen mussten. „Hier geht’s lang. Der Direktor hat Sie im alten Präsidentenhäuschen untergebracht.“

Doch Joshua Cantrell wies stattdessen mit dem Kinn in Richtung Parkplatz. „Kann ich meine Maschine über Nacht hier stehen lassen, oder ist es sicherer, wenn ich sie mit zum Haus nehme?“

„Maschine?“, wiederholte Cassie.

„Ja, ich bin mit dem Motorrad vom Flughafen gekommen, das steht jetzt hier vorn.“

Cassie sah zum Parkplatz hinüber, und ihr Blick fiel auf eine imposante schwarze Harley Davidson. Und dabei war sie sich so sicher gewesen, dass Joshua sich in Billings einen Mietwagen genommen hatte. „Sie sind den ganzen Weg hierher Motorrad gefahren?“

„Tja, ich wollte mich ja erst mit Polizeieskorte herkutschieren lassen, aber dann wäre ich wohl nicht lange inkognito geblieben“, scherzte er.

„Ich meinte damit doch bloß, dass das eine ganz schön lange Strecke für eine Motorradfahrt ist.“

„Stimmt. Deswegen freue ich mich auch so auf meine Dusche.“

Was ist eigentlich heute Abend mit mir los? fragte Cassie sich. Ich stelle mich ja nur noch dämlich an!

Damit musste jetzt Schluss sein, und zwar sofort. Wie waren sie überhaupt auf das Thema Motorrad gekommen? – Ach ja, er hatte sie gefragt, ob er seine Maschine neben dem Hauptgebäude stehen lassen konnte.

„Das Häuschen des Präsidenten liegt ganz am anderen Ende vom Campus, aber Sie können das Motorrad ruhig hier vorn lassen, da passiert nichts. Der letzte Autodiebstahl in Northbridge liegt inzwischen zehn Jahre zurück, und das war eher ein Versehen als ein richtiges Verbrechen. Ephraim McCain war damals schon neunundsiebzig und hatte seinen Transporter mit dem von Skipper Thompson verwechselt, weil der die gleiche Farbe hatte. Also ist Ephraim in Skippers Wagen gestiegen und damit losgefahren …“

„Ohne Schlüssel?“

„Na ja, bis zu diesem Zwischenfall haben hier alle Leute ihre Autoschlüssel einfach stecken lassen. Jedenfalls ist Ephraim mit Skippers Transporter weggefahren, und Skipper hat seinen Wagen als gestohlen gemeldet. Aber wie gesagt, es war wirklich bloß ein Irrtum und wurde auch nicht weiter verfolgt.“

Joshua Cantrell lachte leise. „Ich nehme an, dass der gute Ephraim heute nicht mehr Northbridge unsicher macht, wenn er vor fünfzehn Jahren schon neunundsiebzig war?“

„Ach, er ist auch mit vierundneunzig noch ziemlich gut dabei, bloß den Führerschein hat er inzwischen abgegeben.“

Joshua Cantrell lachte laut los. „Beeindruckend. Gut, dann zeigen Sie mir jetzt doch bitte das alte Präsidentenhäuschen.“

Cassie führte ihn einen Weg entlang, vorbei an den immer noch saftiggrünen Rasenflächen vom Campus. Weil sie nicht wusste, worüber sie sonst reden sollte, machte sie eine kleine Tour daraus und erklärte Joshua die verschiedenen Gebäude, an denen sie vorbeikamen. Außerdem erzählte sie ihm die Geschichte des ersten Präsidenten von Northbridge College, der bis zu seinem Tod in dem kleinen Haus gelebt und eines Tages während eines Spaziergangs einen Herzinfarkt bekommen hatte. „Er ruhte sich gerade auf einer Gartenmauer aus, als es passiert ist“, erzählte Cassie. „Die Leute, die ihn dort sitzen sahen, dachten, er würde bloß ein bisschen dösen.“

„Und wie alt ist er geworden?“

„Siebenundneunzig.“

„Du liebe Güte, hier leben die Menschen ja ewig!“

„Nun, der eine oder andere hat schon ein stolzes Alter erreicht“, erwiderte Cassie und fuhr dann mit ihren Erklärungen zum Präsidentenhäuschen fort. „Der Nachfolger des ersten College-Präsidenten hatte Frau und Familie, und für so viele Personen war das Häuschen zu klein. Seitdem steht es also leer. Direktor Reynolds hat es extra für Ihren Besuch wieder herrichten lassen.“

In diesem Augenblick erreichten sie das Präsidentenhäuschen. Es lugte hinter einer üppigen Hecke hervor, die bis unter die Sprossenfenster mit ihren hübschen Fensterläden reichte. Links und rechts standen uralte Bäume. Das Haus selbst war im spätmittelalterlichen Stil erbaut, hatte ein spitz zulaufendes Dach und Erkerfenster.

„Gibt es hier auch Heinzelmännchen?“, erkundigte sich Joshua im Scherz, als Cassie den Haustürschlüssel unter der Fußmatte hervorholte, um damit die übergroße Eingangstür zu öffnen.

Cassie fand das gar nicht lustig. „Ich glaube nicht, dass das College welche engagiert hat“, erwiderte sie nüchtern. Dann trat sie zur Seite, damit er an ihr vorbei ins Haus gehen konnte, aber er ließ ihr den Vortritt. Also wusste er sich doch anständig zu benehmen – obwohl er gerade ihre Heimatstadt beleidigt hatte. Jedenfalls war es ihr so vorgekommen.

„Ich glaube, hier erklärt sich so ziemlich alles von selbst“, sagte sie und legte den Schlüssel auf den Tisch gleich neben dem Eingang. „Es gibt nur einen großen Raum, und der ist Küche, Schlaf- und Wohnzimmer in einem.“ Sie machte eine ausladende Handbewegung und gab Joshua einen Moment Zeit, damit er sich alles kurz ansehen konnte.

Der große Raum war frisch gestrichen und dazu tadellos sauber. Außerdem waren die Sitzmöbel offenbar neu bezogen worden.

„Da hinten ist das Bad“, erklärte Cassie und wies auf eine Holztür in der Schlafnische. „Darin steht eine alte Wanne mit Klauenfüßen und Duschstange. Kein Luxus, aber es müsste alles funktionieren.“

Gerade wollte sie nach Joshuas Gepäck fragen, da erblickte sie die beiden Lederkoffer am Fußende des Bettes. „Oh, Ihre Sachen sind ja auch schon da“, sagte sie überflüssigerweise.

„Ja, ich habe sie herschicken lassen. Schön, dass alles gut angekommen ist.“

Cassie ging zum Kühlschrank und öffnete die Tür. Wie sie erwartet hatte, war er voller Vorräte. Dann warf sie einen Blick in den Schrank, der über der nagelneuen Kaffeemaschine hing. „Kaffee und Filter finden Sie hier“, informierte sie Joshua. „Cornflakes auch. Und in der Schale dort drüben liegt frisches Obst. Heinzelmännchen sind uns hier allerdings noch nicht über den Weg gelaufen.“

Joshua quittierte ihre spitze Bemerkung mit einem leisen Lachen. „Schade auch. Die hätte ich nämlich gern kennengelernt.“

Als Cassie ihn ansah, lächelte er freundlich zurück. Offenbar ahnte er gar nicht, dass er sie mit seinem Heinzelmännchen-Witz verärgert hatte. Wahrscheinlich war sie auch einfach nur überempfindlich, wenn es um ihre Heimatstadt ging. Das lag natürlich an ihrer Vorgeschichte … und an einem Mann, der ganz anders gewesen war als Joshua Cantrell. Also überwand sie ihre leichte Verstimmung und schlug einen freundlicheren Tonfall an. „Brauchen Sie sonst noch etwas?“

„Nein, ich bin bestens versorgt. Es gibt zwar kein Telefon, aber ich habe ja mein Handy dabei. Alles andere kann ich mir bestimmt irgendwie organisieren.“

Wahrscheinlich braucht er nur kurz mit den Fingern zu schnippen, und schon kommen der Direktor oder der Bürgermeister angerannt, dachte Cassie, sagte aber nichts. Stattdessen lächelte sie Joshua Cantrell kurz zu.

Autor

Victoria Pade

Victoria Pade ist Autorin zahlreicher zeitgenössischer Romane aber auch historische und Krimi-Geschichten entflossen ihrer Feder. Dabei lief ihre Karriere zunächst gar nicht so gut an. Als sie das College verließ und ihre erste Tochter bekam, machte sie auch die ersten schriftstellerischen Gehversuche, doch es sollte sieben Jahre dauern, bis ihr...

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