Eine Braut für den Wüstenprinzen

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Damals küsste Diplomat Suleiman die schöne Sara im Mondschein. Jetzt soll er sie gegen ihren Willen zum Sohn des Sultans bringen - als dessen zukünftige Frau. Ein Auftrag, gegen den sein Herz sich wehrt ...


  • Erscheinungstag 21.07.2016
  • ISBN / Artikelnummer 9783733768843
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Ein Besucher steht unten am Empfang und will dich sprechen.“

„Wer denn?“ Sara sah nicht einmal auf. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich auf eine Zeichnung, die vor ihr auf dem Tisch lag.

„Er … hat sich nicht vorgestellt.“

Jetzt blickte Sara doch auf und wunderte sich über den seltsam entrückten Gesichtsausdruck der jungen Bürogehilfin. Hatte der Weihnachtsmann auf seinem Rentierschlitten etwa schon frühzeitig Geschenke bei Alice abgeliefert?

„Und das Heiligabend!“, meinte Sara trocken und blickte aus dem Fenster. Der Nachmittagshimmel war grau. Es regnete. Keine einzige Schneeflocke in Sicht. Schade, dachte Sara. Vielleicht hätte etwas Schneegestöber ihre Stimmung gehoben. Sie machte sich nichts aus Weihnachten und atmete jedes Jahr erleichtert auf, wenn das Fest vorbei war.

Alice zuliebe rang Sara sich ein Lächeln ab. „Jedenfalls mache ich gleich Feierabend und gehe nach Hause. Vertreter will ich nicht sehen, und sonst auch niemanden. Sag dem Mann, er soll sich einen Termin fürs nächste Jahr geben lassen.“

„Er hat aber gesagt, er muss dich unbedingt sprechen“, beharrte Alice.

Als Sara den violetten Filzstift weglegte, registrierte sie mit Unwillen ihre zitternden Finger. Es bestand doch gar kein Grund zur Panik. In dem hellen freundlichen Büro dieser überaus erfolgreichen Werbeagentur war sie völlig sicher. Trotzdem hatte sie plötzlich ein ungutes Gefühl.

„Was soll das heißen?“, fragte sie irritiert und versuchte, die aufsteigende Panik zu verbergen. „Was hat er genau gesagt?“

„Dass er dich sprechen will“, wiederholte Alice und machte wieder so ein seltsames Gesicht. „Er bittet um einige wenige Minuten deiner kostbaren Zeit, wie er sich ausdrückte.“

Ein eisiger Schauer lief Sara über den Rücken bei dieser altmodischen Wendung, die im Wortschatz eines modernen Menschen schlichtweg nicht mehr existierte. Beunruhigt fragte sie stockend: „Wie … wie sieht er denn aus?“

Selbstvergessen spielte Alice mit dem Anhänger ihrer Halskette und schloss verzückt die Augen. „Er sieht einfach … unglaublich aus. Nicht nur seine Figur. So einen durchtrainierten Körper bekommt man nur, wenn man jeden Tag Stunden im Fitnessraum verbringt. Aber das Tollste sind wohl seine Augen“, fügte sie verträumt hinzu.

„Was ist so besonders an denen?“, fragte Sara in scharfem Tonfall und wartete nervös auf die Antwort.

„Sie sind schwarz. Richtig schwarz. Wie ein mondloser Nachthimmel. Wie …“

„Alice!“ Sara versuchte, die junge Bürohilfe aus ihrem Tagtraum zu wecken. So kannte sie Alice gar nicht. Gleichzeitig ahnte sie, wer das Mädchen so durcheinandergebracht hatte und hoffte inständig, die Ahnung würde sich nicht bestätigen. Vielleicht handelte es sich nur um eine Verwechslung und nicht um den absoluten GAU ihres Lebens. „Sag ihm …“

„Sag es mir doch einfach selbst, Sara!“

Bei dem kühlen Tonfall der ihr nur zu bekannten Männerstimme wirbelte Sara schockiert herum. Der Anblick des an der Bürotür stehenden Mannes löste erst Schmerz, dann heiße Sehnsucht in ihr aus. Fünf lange Jahre hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Er hatte sich verändert. Der dunkle Teint, das markante, kluge Gesicht … Die überwältigende Aura, die ihr Herz erobert hatte… Alles schien wie immer, und doch …

Saras Herz klopfte aufgeregt.

Lag es an der fehlenden Kopfbedeckung? An dem Maßanzug, anstelle des wehenden Gewands? Das schwarze Jackett brachte seinen durchtrainierten Oberkörper ebenso gut zur Geltung wie jedes Seidengewand. Die maßgeschneiderte Hose betonte die langen kraftvollen Beine. Das sichere Auftreten des engsten Beraters des Sultans von Qurhah zeichnete ihn weiterhin aus, allerdings strahlte er auch eine gewisse Härte aus, die Sara zum ersten Mal wahrnahm.

Macht! Ja, er trat auf wie ein Mann mit viel Macht.

Tiefes Misstrauen beschlich Sara. „Suleiman …“, stieß sie mit bebender Stimme hervor. „Was tust du denn hier?“

Sein Lächeln war frostig. Noch eisiger als bei ihrer letzten Begegnung. Damals, als er sich aus ihrer leidenschaftlichen Umarmung befreite und sie mit einem verächtlichen Blick bestrafte.

„Die Frage kannst du dir sicher selbst beantworten, Sara.“ Er kam näher und blickte mit seinen klugen schwarzen Augen auf sie herab. „Du bist doch eine intelligente Frau – wenn auch etwas vom Weg abgekommen, wie mir scheint, sonst hättest du längst reagiert auf die wiederholten Bitten des Sultans, nach Qurhah zurückzukehren, um seine Frau zu werden.“

„Ach ja?“ Es tat ihr weh, dass es ihm offensichtlich überhaupt nichts ausmachte, dass sie einen anderen Mann heiraten sollte.

„Ja, dein Verhalten ist idiotisch.“

Bei der versteckten Drohung, die in seinem Tonfall mitschwang, stockte Sara der Atem, auch Alice schien die Luft anzuhalten.

Sara hatte sich schnell wieder gefangen und musterte die Büro­hilfe mit den topmodischen rosa Strähnchen im Haar und dem knallengen Minirock. Eigentlich hatte sie Entsetzen in Alice’ Miene erwartet – schließlich war Suleimans Bemerkung nicht gerade politisch korrekt. Doch das junge Mädchen starrte Suleiman immer noch bewundernd an.

Das hätte sie sich ja denken können. Der große schwarzhaarige, blendend aussehende Macho hatte der Kleinen offensichtlich den Kopf verdreht. Die gut aussehenden Kollegen in Gabe Steels Werbeagentur hatten sie dagegen kalt gelassen. Da musste erst ein Suleiman Abd al-Aziz mit seiner orientalischen Aura auf­tauchen.

Warum sollte es Alice anders ergehen als ihr selbst? In Suleimans Gesellschaft rückten andere Männer automatisch in den Hintergrund, selbst wenn es sich bei ihnen um Adelige handelte. Das war schon immer so gewesen. Doch inzwischen hatte Suleimans Ausstrahlung eine zusätzliche Qualität angenommen, die Sara noch nicht ganz erfassen konnte. Aber sie witterte Gefahr.

Die Zuneigung, mit der er sie früher angeschaut hatte, war aus seinem Blick verschwunden. Der Mann, den sie seit ihrer Kindheit kannte, der ihr das Reiten beigebracht hatte, existierte nicht mehr. Kühl und ernst, fast hasserfüllt sah er sie an. Obwohl – Hass? Nein, Hass war eine zu starke Emotion, die verschwendete er sicher nicht an sie. Sein Blick schien eher auszudrücken, dass sie ihm lästig war, dass er lieber ganz woanders gewesen wäre, als ausgerechnet in ihrem Büro.

Sie hatte wohl selbst schuld. Es war ein Fehler gewesen, sich damals in seine Arme zu werfen, sich küssen zu lassen und insgeheim auf so viel mehr zu hoffen …

Sara rang sich ein Lächeln ab. Sie hatte wirklich alles versucht, Suleiman und die Gefühle, die er in ihr entfesselt hatte, zu vergessen. Kaum stand er vor ihr, war alles wieder da. Ihr Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen. Aus Liebe? Dafür hatte sie ihre Gefühle damals gehalten. Doch leider konnte Suleiman niemals ihr gehören.

Sie musste ihre Emotionen unter Kontrolle behalten. Suleiman durfte nicht wissen, was sie noch immer für ihn empfand. Noch einmal könnte sie seine Zurückweisung nicht ertragen.

„Wie nett, mal so völlig unerwartet vorbeizuschauen, Suleiman“, flötete Sara betont lässig. „Leider habe ich gerade gar keine Zeit. Heute ist Heiligabend.“

„Du hast dir noch nie etwas aus Weihnachten gemacht, Sara. Solltest du inzwischen wirklich die Werte des Abendlandes für dich entdeckt haben?“

Verächtlich blickte er sich in dem Großraumbüro um. Festlich glitzernde Girlanden waren um Poster geschlungen, die Beispiele erfolgreicher Werbekampagnen darstellten. In einer Ecke stand ein üppig geschmückter Tannenbaum mit elektrischen Kerzen und einem funkelnden Stern als Spitze. Suleimans Miene verfinsterte sich.

Hastig verbarg Sara ihre bebenden Hände unterm Schreibtisch. Suleiman durfte nicht merken, dass sie sich plötzlich fürchtete. Ob vor ihm oder vor ihren Gefühlen wusste sie nicht.

„Ich bin wirklich sehr beschäftigt. Und Alice will sicher nicht hören …“

„Das braucht Alice auch nicht, denn sie wird sich jetzt zurückziehen, damit wir uns unter vier Augen unterhalten können“, fuhr Suleiman dazwischen und schenkte der Bürohilfe ein magisches Lächeln. „Nicht wahr, Alice?“

Sara konnte nicht umhin zu beobachten, wie Alice unter dem Blick förmlich dahinzuschmelzen schien. Die sonst so coole Londonerin errötete sogar und wirkte plötzlich wie ein verknallter Teenie. Fehlte nur noch, dass sie ohnmächtig zu Boden sank!

„Selbstverständlich.“ Aufreizend flatterte Alice mit den Wimpern. Auch das war neu. „Darf ich Ihnen vorher noch einen Kaffee bringen?“, fügte sie hoffnungsvoll hinzu.

„Für Kaffee … bin ich gerade nicht in Stimmung“, entgegnete Suleiman. In Saras Ohren klang das, als hätte er gerade ein eindeutiges Angebot abgelehnt. Vielleicht hatte sie sich das aber auch nur eingebildet. „Obwohl Sie sicher ganz fantastischen Kaffee machen“, fügte er mit seinem magischen Lächeln hinzu, das Alice prompt verzauberte.

„Jetzt reicht’s aber.“ Sara konnte das nicht mehr mit ansehen. „Alice besorgt den Kaffee im Laden nebenan“, erklärte sie schnippisch. „Sie hat sicher nicht vor, nach Brasilien zu fliegen und die Bohnen selbst zu pflücken.“

„Pech für Brasilien“, sagte Suleiman leise vor sich hin.

Sara hielt dieses Schauspiel keine Sekunde länger aus. „Danke, Alice“, sagte sie in scharfem Tonfall zu der Bürohilfe, die Suleiman selbstvergessen anhimmelte. „Du kannst jetzt Feierabend machen. Ach ja: Frohes Fest.“

„Danke.“ Widerstrebend setzte Alice sich in Bewegung. „Dann bis zum neuen Jahr. Fröhliche Weihnachten.“

Schweigend beobachteten Sara und Suleiman, wie das Mädchen nach der großen Umhängetasche griff, in der sich bereits eines der großen Weihnachtsgeschenke befand, die im Auftrag von Gabe Steel an alle Mitarbeiter verteilt worden waren. Erst als die Schritte des Mädchens auf dem Weg zum Lift verhallt waren, wandte Suleiman sich Sara zu und musterte sie spöttisch.

„Jetzt hast du aber die Chefin heraushängen lassen, Sara.“

Sie senkte den Blick. Wenn Suleiman ihren Namen aussprach, wurde ihr noch immer heiß vor Verlangen. Unwillkürlich ließ sie die Zunge über die trockenen Lippen gleiten und erinnerte sich an den erregenden Kuss von damals. Den verbotenen Kuss …

Es war am Abend der Krönung ihres Bruders Haroun zum König von Dhi’ban passiert, einem Ereignis, das wegen der Spannungen zwischen den Wüstenstaaten an ein Wunder grenzte. Die Würdenträger aus den Nachbarländern waren geschlossen eingetroffen, um der Krönungszeremonie beizuwohnen. Auch der berüchtigte Sultan von Qurhah und dessen Gesandter Suleiman waren präsent.

Sara wusste noch genau, wie kühl sie dem Sultan begegnete, dem sie versprochen war. Doch wer hätte ihr daraus einen Vorwurf machen können? Die Heirat war der Preis für die Übernahme des Schuldenbergs, der sich in ihrem Heimatland aufgetürmt hatte. Im Grunde genommen hatte ihr Vater sie wie eine Ware verschachert.

Den ganzen Abend über hatte sie kaum ein Wort mit dem mächtigen Herrscher des Nachbarlandes gewechselt, der irgendwie bedrohlich auf sie wirkte. Der Sultan schien sich über ihre vorgeblich unbekümmerte Art zu amüsieren, statt sich darüber zu ärgern, dass seine Zukünftige ihm aus dem Weg ging. Doch die meiste Zeit hatte er sowieso mit den anderen Staatsoberhäuptern konferiert.

Umso mehr freute sie sich auf ein Wiedersehen mit dem Gesandten des Sultans. Sechs lange Jahre waren sie getrennt voneinander gewesen. Doch nun hatte Sara nach dem Besuch eines Internats in England ihren Schulabschluss in der Tasche und war rechtzeitig zur Krönung ihres Bruders heimgekehrt.

Suleiman hatte ihr das Reiten beigebracht, als sie noch ein Kind gewesen war. Während der beiden langen Sommer, in denen der alte Sultan mit ihrem Vater über die Schuldenübernahme verhandelte, verbrachte Sara viel Zeit mit Suleiman. Es wurden zwei wunderbare und unvergessliche Sommer für sie. Doch mit dem Ende des zweiten Sommers kam für Sara auch das Ende der Freiheit: Sie wurde dem Sohn des Sultans versprochen …

Das Feuerwerk zu Ehren von Saras Bruder war ein Höhepunkt der Krönungsfeierlichkeiten. Sara freute sich unbändig, als es ihr gelang, sich in der Menschenmenge einen Platz an Suleimans Seite zu sichern.

Zuerst hatte es Suleiman allerdings die Sprache verschlagen, weil Sara sich in den sechs Jahren sehr verändert hatte. „Wie alt bist du jetzt?“, fragte er, nachdem er sie eingehend von Kopf bis Fuß gemustert hatte.

„Achtzehn.“ Mit einem strahlenden Lächeln überspielte sie ihre Enttäuschung darüber, dass er vergessen hatte, wie alt sie war. „Jetzt bin ich erwachsen.“

„Ja, du bist erwachsen“, hatte er nachdenklich bestätigt, als wäre ihm das von allein nicht bewusst geworden.

Danach hatten sie sich angeregt unterhalten, über die Zeit im Internat und über ihre Zukunftspläne.

„Ich möchte gern Kunst studieren“, erzählte sie.

„In England?“

„Natürlich. In Dhi’ban gibt es keine Kunsthochschule.“

„Ohne dich ist Dhi’ban nicht dasselbe, Sara.“

Vielleicht lag es an seinem ungewöhnlich emotionalen Tonfall, dass sie sich auf die Zehenspitzen stellte und Suleimans Wange zärtlich streichelte. „Ist das nun gut oder schlecht?“, fragte sie neckend.

Sie sahen einander tief in die Augen. Sara vergaß alles um sich her. Behutsam zog er ihre Hand hinunter. Eine tiefe Sehnsucht ergriff Sara. Und Suleiman schien es ebenso zu gehen, denn so selbstsicher wie er sonst war, so unentschlossen schaute er sie nun an. Dann schüttelte er langsam abwehrend den Kopf, als versuchte er, aufflammendes Verlangen zu verdrängen. Vergeblich. Denn im nächsten Moment neigte Suleiman den Kopf und berührte Saras Lippen mit seinen.

Und es war genau so, wie es in all den Liebesromanen beschrieben war, die sie in den vergangenen Jahren verschlungen hatte.

Das Feuerwerk am Himmel fand nun zwischen Suleiman und ihr statt, sowie ihre Lippen sich berührten. Sara sah Regenbögen, Sternschnuppen und empfand heißes, wildes Verlangen. Sie jubilierte, als ihr bewusst wurde, dass ihr geliebter Suleiman sie tatsächlich küsste. Und wie er sie küsste. Sehnsüchtig schmiegte sie sich enger an ihn. Er umfasste ihre Taille und zog Sara in eine leidenschaftliche Umarmung. Als er ihre Brüste an seinem Oberkörper spürte, umfasste er verlangend ihren Po.

Wie hart Suleiman war, wie fantastisch sich seine Umarmung anfühlte! „O Suleiman.“ Saras entzücktes Wispern brachte ihn wieder zur Besinnung. Sofort beendete er den Kuss und schob Sara von sich.

Einen Moment lang sah er sie nur starr an, mit einem Blick, der Hoffnung in ihr aufkeimen ließ. Doch dann hatte er seine Gefühle wieder im Griff. Beschämt schloss er für einen Moment die Augen, bevor er vorwurfsvoll hervorstieß: „Benimmst du dich so in England? Bietest du freizügig deine Reize an, obwohl du dem Sultan versprochen bist? Was bist du nur für eine Frau, Sara?“

Das hätte sie selbst gern gewusst. Doch ihre Welt war gerade ins Wanken geraten, und Sara wusste gar nichts mehr. Sie hatte nicht erwartet, dass Suleiman sie küssen würde und schon gar nicht, dass sie so heftig darauf reagieren würde. Sie sehnte sich nach viel mehr als nur nach einem Kuss. Doch Suleiman sah sie an, als hätte sie gerade ein unerhörtes Verbrechen begangen.

Beschämt drehte sie sich auf dem Absatz um und ergriff die Flucht. Tränen verschleierten ihren Blick, als sie völlig aufgelöst davonstolperte.

In den Zeitungen wurde am nächsten Tag berichtet, dass die Prinzessin Freudentränen über die Krönung ihres Bruders vergossen habe …

Sara blinzelte einige Male und fand sich in der beunruhigenden Gegenwart wieder. Suleiman lächelte spöttisch. Anscheinend wartete er auf eine Reaktion. Hatte er ihr eine Frage gestellt? Ach nein, es war nur ein sarkastischer Kommentar gewesen. Sie räusperte sich. „Das hast du falsch verstanden“, behauptete sie. „Ich arbeite hier als eine von vielen Angestellten in der Kreativabteilung. Die Chefin bin ich nicht.“

„Dass du kreativ bist, lässt sich wirklich nicht abstreiten. Das spiegelt sich sogar in deiner aufreizenden Kleidung wider. Trägt man so was jetzt in Europa?“

Am liebsten hätte sie sich verbeten, dass er sie so intensiv von Kopf bis Fuß musterte, denn er weckte damit sofort ihr Verlangen. Besonders als Suleiman den Blick auf ihren Brüsten ruhen ließ, bevor er schließlich am Saum des Wollminikleides verharrte, um dann die überknielangen Stiefel zu betrachten. „Dir scheint es jedenfalls zu gefallen“, antwortete sie schließlich frech.

„Ganz im Gegenteil“, behauptete er mürrisch. „Der Sultan wäre sicher auch entsetzt, wenn er dich jetzt sehen könnte. Das Kleid ist viel zu kurz. Aber das ist wohl Absicht.“

„Hier laufen alle Mädchen so herum, Suleiman. Miniröcke sind der letzte Schrei. Außerdem mildern die blickdichte Strumpfhose und die Stiefel die Wirkung ab. Oder bist du anderer Meinung?“

Sein Blick war unerbittlich. „Ich bin nicht hier, um über die Länge deines Rocks zu diskutieren. Und auch nicht darüber, dass du deine Reize zur Schau stellst wie die Hure, die du ja bist.“

„Aha. Was führt dich dann her?“, fragte sie spöttisch.

„Die Frage solltest du dir selbst beantworten können. Aber da du deine Verpflichtungen offensichtlich nicht besonders ernst nimmst und inzwischen vergessen haben könntest, will ich dir gern auf die Sprünge helfen. Die Stunde der Wahrheit hat geschlagen, Sara. Du musst deinem Schicksal jetzt ins Auge sehen.“

„Es ist nicht mein Schicksal“, fuhr sie ihn an.

„Nenn es, wie du willst. Jedenfalls bin ich hier, um dich nach Qurhah zu bringen, wo du den Sultan heiraten wirst, so wie es vor all den Jahren von deinem Vater zugesagt wurde. Er hat dich damals an Sultan verkauft, und der fordert nun sein Recht. Er möchte endlich die Allianz zwischen euren beiden Ländern festigen, um die Region zu befrieden“, erklärte Suleiman kühl.

Sara ballte die noch immer unter dem Tisch versteckten Hände zu Fäusten. Ihr brach der Angstschweiß aus. Sie hatte so sehr gehofft, die schwarze Wolke über ihrer Zukunft würde sich irgendwann auflösen, wenn sie lange genug ignoriert wurde.

„Das kann nicht dein Ernst sein, Suleiman“, stieß sie schließlich mit brüchiger Stimme hervor. Mit allen Mitteln wollte sie gegen diesen archaischen Menschenhandel angehen, bei dem Frauen zu Lustobjekten degradiert und auf dem Markt feilgeboten wurden. Sara atmete tief durch. „Falls doch, tut es mir leid, aber ich werde ganz sicher nicht mitkommen. Den Weg hierher hättest du dir sparen können. Mein Lebensmittelpunkt liegt hier in England, ich besitze die britische Staatsangehörigkeit und bin eine freie Bürgerin. Ich will und werde den Sultan nicht heiraten. Du kannst mich nicht dazu zwingen.“

„Ich hatte gehofft, du würdest freiwillig mitkommen, Sara.“ Im Tonfall seiner tiefen melodischen Stimme schwang unverkennbar eine Drohung mit.

Wieder rann Sara ein ahnungsvoller Schauer über den Rücken. „Hast du dir wirklich eingebildet, ich würde lammfromm mit nach Qurhah kommen?“

„Ich hoffe es. Das wäre nämlich für alle Beteiligten die vernünftigste Lösung.“

„Träum weiter, Suleiman!“

Schweigend maßen sie einander mit Blicken. Heiße Wut stieg in Suleiman auf. Er hatte ja geahnt, dass Sara es ihm nicht leicht­machen würde. Insgeheim befürchtete er sogar, es könnte der schwierigste Einsatz seines Lebens werden. Dabei hatte er schon Kriege, Folter und schreckliche Entbehrungen überstanden.

Natürlich hatte Suleiman versucht, den Auftrag abzulehnen. Er hatte dem Sultan erklärt, dass diese Aufgabe nicht zu seinem neuen Leben passte. Doch aus Loyalität und Zuneigung zu seinem ehemaligen Arbeitgeber hatte er dann doch zugesagt. Wer sonst sollte Sara dazu bringen, den Sultan zu heiraten, wenn nicht ­Suleiman? Niemand kannte Sara so gut wie er selbst …

Ein Gefühl des Bedauerns flackerte in ihm auf, das er sofort verdrängte.

„Deine Unverschämtheit ist wohl dem lockeren Lebenswandel des Abendlandes zuzuschreiben“, entgegnete Suleiman grimmig.

„Wirfst du mir etwa vor, meine Freiheit zu genießen?“, konterte sie aufgebracht.

„Nein, deine Respektlosigkeit stört mich.“ Suleiman rang sich ein Lächeln ab. „Weißt du, Sara, ich verstehe ja, dass du … wie nennt ihr Frauen das? Ach ja, dass du dich selbst finden musstest.“ Er lachte trocken. „Männer verlieren sich glücklicherweise eher selten und müssen sich daher auch nicht wiederfinden.“

„Du arroganter Mistkerl!“

Er überhörte die Beleidigung. „Es gibt zwei Möglichkeiten, wie es jetzt weitergeht: Entweder die einfache Variante oder die harte Tour.“

„Soll heißen, wir machen es auf deine Art und nicht auf meine?“, fragte sie sarkastisch.

„Bravo! Du hast es erfasst. Wenn du mitspielst, weil du weder deiner eigenen Familie noch der des Sultans Schande machen willst, sind alle zufrieden.“

„Zufrieden? Wie soll das denn gehen?“ Saras Tonfall klang schrill.

„Reg dich nicht auf! Unsere Reise nach Qurhah hätten wir uns wohl beide freiwillig nicht ausgesucht, aber da uns nichts anderes übrigbleibt, können wir sie doch wenigstens wie zivilisierte Menschen hinter uns bringen.“

„Zivilisiert?“ Sara sprang so heftig auf, dass die bunten Filzstifte vom Schreibtisch rollten, doch in ihrer Wut bemerkte sie das nicht einmal. Sie hätte sich sowieso nicht nach den Stiften gebückt, weil ihr Rock zu kurz war. Was fiel Suleiman eigentlich ein, hier aufzutauchen und sich zu benehmen, als gehörte die Agentur ihm? Er besaß tatsächlich die Frechheit, ihr zu befehlen, mit ihm zurückzukehren und einen Mann zu heiraten, den sie kaum kannte, nicht besonders mochte und schon gar nicht liebte!

„Du nennst es zivilisiert, eine Frau zu zwingen, sich an ein Versprechen zu halten, das gegeben wurde, als sie noch ein kleines Mädchen war? Wir reden hier von einer Zwangsheirat, Suleiman“, schleuderte sie ihm wütend entgegen.

Suleiman blieb hart. „Du weißt, dass dein Vater dieses Versprechen gegeben hat.“

„Mein Vater hatte keine andere Wahl. Er stand kurz vor dem Bankrott.“

„Den er sich mit seinem verschwenderischen Leben selbst zuzuschreiben hatte. Der Vater des Sultans hat ihn davor bewahrt, alles zu verlieren.“

„Aber um welchen Preis? Jetzt soll ich für die Fehler meines Vaters büßen und den einzigen Sohn des Sultans heiraten. Das ist unmenschlich.“

Suleiman schien einen Moment lang zu erstarren. Dann hatte er sich wieder gefangen, kniff die Augen zusammen und verbarg sie hinter den dicht bewimperten Lidern, um seine Reaktion zu verschleiern.

Autor

Sharon Kendrick
Fast ihr ganzes Leben lang hat sich Sharon Kendrick Geschichten ausgedacht. Ihr erstes Buch, das von eineiigen Zwillingen handelte, die böse Mächte in ihrem Internat bekämpften, schrieb sie mit elf Jahren! Allerdings wurde der Roman nie veröffentlicht, und das Manuskript existiert leider nicht mehr.

Sharon träumte davon, Journalistin zu werden, doch...
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