Geliebter Wikinger – ewiger Feind?

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Verzweifelt steht die junge Angelsächsin Ædwen mit einem ungeliebten Mann vor dem Altar. Da wird das Portal heftig aufgestoßen, und ein hochgewachsener Wikinger betritt die Klosterkirche. Ein Schauer läuft Ædwen über den Rücken, als sie ihn erkennt: Stefan! Ihm hat sie vor einem Jahr das Leben gerettet, seine Kampfeswunden geheilt, mit ihm die Sinneslust erfahren und heimlich das Ehegelübde geleistet. Doch als der geliebte Nordmann erfuhr, dass ihr Vater seine Familie grausam umgebracht hat, verließ er Ædwen wutentbrannt. Warum ist Stefan jetzt zurückgekehrt – etwa, um ihre zweite Heirat zu verhindern?


  • Erscheinungstag 17.03.2026
  • Bandnummer 449
  • ISBN / Artikelnummer 9783751539890
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

Sarah Rodi

Geliebter Wikinger – ewiger Feind?

1. KAPITEL

England, 1017

„Du schaffst das“, murmelte Ædwen vor sich hin und zwang sich, langsam das Kirchenschiff entlangzugehen. „Das Schlimmste hast du doch schon hinter dir.“

Es war ihr Hochzeitstag. Sie sollte Freude empfinden, doch stattdessen überkam sie ein überwältigendes Gefühl der Angst. Die Kirchenglocken läuteten im selben düsteren Tempo wie ihr schweres Herz. Denn für diesen Tag hatte ihr Vater, Lord Manvil of Eastbury, sie gezwungen, alles zu opfern – für diese arrangierte, lieblose Ehe. Eine Verbindung, die er für so wichtig erachtete, dass ihr Glück und alles, was sie liebte, dafür aufgegeben worden war.

Sie konzentrierte sich darauf, einen Fuß vor den anderen zu setzen, und versuchte, das Meer angelsächsischer Gesichter in der Gemeinde auszublenden, deren abschätzende Blicke ihr folgten, während sie auf den Altar zuging. Diese Kirche innerhalb des Klosters mit ihren vertrauten Holzbalken und den Kirchenbänken, auf denen sie so oft gesessen hatte, war in den vergangenen Jahren ihre Zuflucht gewesen. Doch heute fühlte es sich an, als würde sie für ihre Fehler eingekerkert werden.

Sie zeigte allen ein aufgesetztes Lächeln, aber innerlich spürte sie nichts als tiefe Verzweiflung darüber, dass sie sich am Ende doch der Pflicht hatte beugen müssen und jetzt Lord Werian heiraten musste, damit ihr Vater noch mehr Macht gewann, mehr Soldaten, um seine Ländereien zu beschützen, eine noch größere Streitkraft gegen Knut, den neuen dänischen König Englands.

Sie konnte sich nicht einmal dazu aufraffen, Lord Werian anzusehen, als sie ihm näher kam. Und als spüre er, dass sie im letzten Moment noch versuchen könnte, gegen ihn zu rebellieren, packte ihr Vater ihren Arm fester und stieß sie vorwärts, in eine Zukunft, die sie nicht wollte. Es gab keine Möglichkeit zu entkommen.

Aber sie wusste, dass sie nicht fliehen würde. Sie brauchte diese Vereinigung, denn sonst würde sie ihr Kind niemals wiedersehen.

„Wir sind hier vor Gott und dieser Gemeinde versammelt, um diesen Mann und diese Frau im heiligen Bund der Ehe zu vereinen …“

Ædwen hörte die Worte des Priesters, aber es kam ihr so aberwitzig vor, als würde alles einer anderen Frau zustoßen. Allerdings lebte sie schon seit einer ganzen Weile nur ein halbes Leben. Seit man ihr die Tochter grausam entrissen hatte, während sie schlief, und ohne ihre Einwilligung einer anderen Familie gegeben hatte.

Plötzlich wurden die Worte des heiligen Mannes von einem wahren Donnern galoppierender Pferde übertönt, das vor der Kirche zu ihnen durchdrang. Die Erde schien unter ihren Füßen zu beben. Die ganze Gemeinde sah sich unruhig um. Das Hämmern der Hufe hörte auf und wurde von männlichen Stimmen abgelöst, die in herrischem Ton Befehle blafften, dann folgten schwere, schnelle Schritte.

Ihr sträubten sich die Nackenhaare. Irgendetwas stimmte nicht.

„Macht euch bewusst, denn Ihr werdet am Jüngsten Tag Rede und Antwort stehen müssen, dass Ihr, falls Ihr oder irgendjemand in dieser Gemeinde von einem Hemmnis wisst, das Euch verbietet die Ehe rechtmäßig einzugehen, es jetzt gestehen müsst …“

Vom Eingang her war ein Gerangel zu hören. Der Priester hielt inne und sah über Ædwens Schulter hinweg. Seinem Blick folgend, wandte sie sich um, und ihr stockte der Atem, als sich ein Aufgebot der Königlichen Leibgarde hereindrängte.

Seltsam. Warum sollten die Männer des Königs über ihre Hochzeit hereinbrechen?

Und dann sah sie ihn.

Einen hochgewachsenen, dunklen Krieger, der sich bücken musste, um hereinkommen zu können. Danach richtete er sich zu seiner vollen, imposanten Größe auf, und der glühende Blick aus seinen blauen Augen heftete sich auf sie.

„Ich kenne ein solches Hemmnis“, verkündete er.

Ædwen schwankte leicht. Sie erkannte ihn sofort, und der Schrecken darüber ließ sie unwillkürlich nach Luft ringen. Unfähig, den Blick von ihm zu nehmen, sog sie seinen Anblick regelrecht ein, denn sie kannte dieses harte, attraktive Gesicht und diese durchdringenden Augen … Sie hatte ihn zwar seit dem vergangenen Winter nicht gesehen, aber sie würde ihn nie vergessen.

Stefan.

Ihre erste Liebe.

Der Vater ihres Kindes.

Einen flüchtigen Moment lang wurde sie von einem verräterischen Hochgefühl mitgerissen.

Er ist hier. Er ist zurückgekommen.

Ihr Herz machte einen Sprung vor Glück.

Doch dann erinnerte sie sich wieder, und ihre Freude zerbrach wie eine Welle an einer Felsenküste. Schmerz und Zorn explodierten in ihrer Brust, die Gesichter in der Kirche begannen vor ihren Augen zu verschwimmen und sie wankte und stützte sich an der Kirchenbank ab.

Sie musste an das letzte Mal denken, als sie ihn gesehen hatte – an dem Morgen, an dem er ihr die Unschuld geraubt hatte. Es war der schönste Tag ihres Lebens gewesen, und in den Monaten seitdem hatte sie sich oft gefragt, wie es von einem Moment, in dem sie nicht die Hände voneinander hatten lassen können, plötzlich dazu gekommen war, dass er voller Abscheu und Wut vor ihr zurückgewichen war. Ein riesiger Abgrund hatte sich zwischen ihnen aufgetan, und die Worte, die er ihr ins Gesicht geschleudert hatte, waren hässlich und unverzeihlich gewesen. Er war so schnell aus ihrem Leben verschwunden, doch die allzu kurze Liebe füreinander hatte eine nachhaltige Auswirkung gehabt.

Ihn jetzt und hier wiederzusehen, erschütterte sie bis ins Innerste. Wo war er die vergangenen fünfzehn Monate gewesen? Und warum kam er auf diese Weise während ihrer Hochzeitszeremonie in die Kirche gestürzt? Es ergab einfach keinen Sinn, aber es konnte nichts Gutes bedeuten, denn er verabscheute sie. Seine Gegenwart hier war gefährlich. Sie drohte alles zu ruinieren.

Ihre Hände begannen zu zittern, als sie Stefan jetzt entschlossen auf sich zuschreiten sah. Seine Männer rauften sich mit den Wachen ihres Vaters, und die Gemeinde tuschelte voller Sorge und Aufregung. Ædwen hielt den Atem an, während seine große, grimmige Gestalt immer näher kam.

„Unter dem Kommando der Königlichen Leibgarde: Diese Zeremonie kann nicht stattfinden“, sagte er mit seiner tiefen, herrischen Stimme, die laut in der Kirche widerhallte.

Ædwens Herz setzte einen Schlag aus. Plötzlich herrschte atemlose Stille in der Kirche. Lord Werian und ihr Vater sprangen vor.

„Warum nicht?“, fragte der Priester und senkte die Bibel.

„Weil es nicht rechtmäßig wäre, Vater“, sagte Stefan. Er war bei Ædwen angekommen und trat in den Lichtstrahl der Sonne, der durch das Fenster drang. Er sah aus wie ein dunkler Engel – oder wie der Teufel –, der ihr geschickt worden war, um sie zu quälen. Seine Augen glühten wie Bernstein. Sie verrieten den Zorn, den er empfand. „Denn die Dame ist bereits verheiratet. Mit mir.“

Entsetztes Keuchen erfüllte die Kirche, und Lord Werian zuckte merklich zusammen. Ædwen wurde schwindlig.

„Das ist gelogen!“, brüllte ihr Vater. Sein Gesicht lief purpurrot an und er verstärkte den Griff um Ædwens Ellbogen. Sie war fast froh über seine Stütze, denn ohne sie wäre sie vielleicht gefallen.

Sie hatte von einem solchen Moment geträumt. Oft. Eine lange Zeit hatte sie sich nach Stefans Rückkehr gesehnt, davon dass er zu ihr zurückkommen und sie für sich fordern würde. Davon dass er ihr sagen würde, er hätte keins seiner schrecklichen Worte ernst gemeint.

Aber jetzt nicht mehr.

Zu viel war geschehen – Dinge, die nicht vergeben werden konnten und die niemals passiert wären, wenn er an ihrer Seite geblieben wäre, so wie er es ihr geschworen hatte. Er hatte gesagt, sie würden für immer zusammen sein, doch stattdessen war es ein einziger Tag gewesen. Er hatte sie verlassen, als sie ihn am meisten gebraucht hatte, und der Gedanke daran war zu bitter, als dass sie ihn je vergessen könnte.

Er durfte nicht hier in Eastbury sein. Nicht heute. Wenn er diese Hochzeit verhinderte, würde sie ihr Kind niemals wiedersehen!

Ihr Kind … und sein Kind – eine Tochter, von der er nichts wusste.

„Es war eine heimliche Hochzeit, Vater. Wir schworen uns unter vier Augen ewige Treue“, sagte Stefan. Seine unverwechselbare, samtweiche Stimme ließ ihr Herz höher schlagen, und Bilder erschienen vor ihrem inneren Auge, die Ædwen nicht verdrängen konnte – wie sie nackt in Stefans Armen gelegen hatte, den Kopf an seiner Schulter, während er ein dünnes Seidenband um ihren Finger wickelte. Er hatte ihr gesagt, es sei ein Zeichen dafür, dass sie für immer aneinander gebunden sein würden.

„Das ist wahrlich eine sehr ernste Anschuldigung, Mylord“, sagte der Priester. „Lady Ædwen, kann das wahr sein?“

Aller Blicke lagen auf ihr. Demütigung schnürte ihr die Kehle zu.

„Kennt Ihr diesen Mann tatsächlich?“

Sie brauchte Stefan nur anzusehen, und es reichte bereits, um ihr Herz wild klopfen zu lassen. So war es von Anfang an gewesen. Und er stand so dicht vor ihr, dass sie die Hitze spüren konnte, die von seinem großartigen Körper ausging. Und wie immer fühlte sie sich unwiderstehlich zu ihm hingezogen.

Sie kannte ihn sehr wohl, obwohl er jetzt anders aussah. Er sah sogar noch attraktiver aus, wenn das möglich war. Als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, war er muskulös, aber schlank gewesen, noch immer jungenhaft, und mit schlichten Kleidern angetan, die sie im Kloster für ihn gefunden hatten. Jetzt war er breiter geworden, größer, und er trug das eindrucksvolle Kettenhemd der Königlichen Garde. Außerdem trug er ein Schwert. War er einer von Knuts Männern geworden? Was Sinn ergeben würde, denn schließlich war Stefan – genau wie ihr neuer König – Däne …

An jenem Tag, als die unheilverkündende Flotte der Nordmänner vor der Küste von Eastbury gesichtet wurde, hatte die Luft unnatürlich still gewirkt, und das Meer war unbewegt. Ædwen hatte auf den Stufen des Klosters gestanden, wo sie ihre Tage verbrachte, und hatte beobachtet, wie die bedrohlichen Langschiffe näher kamen. Das Ochsenhorn und die Kirchenglocken hatten die Siedlung ihres Vaters lautstark davor gewarnt, dass sie angegriffen wurden. Während die Männer sich auf den Kampf vorbereitet und am Strand aufgestellt hatten, waren die Frauen voller Schrecken losgelaufen, um ein Versteck für die Kinder und das Vieh zu finden.

Doch Ædwen hatte keine Angst gehabt, jedenfalls nicht um sich, denn sie hatte gewusst, dass die Männer ihres Vaters den Feind zerstören würden. Ihr Vater hatte die Männer aus dem Norden Heiden genannt. Gottlose. Und er hatte sich schon eine ganze Weile auf ihre Ankunft vorbereitet.

Obwohl Ædwen nicht wusste, ob die dänischen Wikinger in Frieden an ihre Küsten kamen oder um das Land zu plündern, hatte sie den Wunsch gehabt, sie zu warnen, da sie wusste, welches Schicksal sie hier erwartete. Sie hatte ihren Vater angefleht, Gnade zu zeigen. Aber am Ende war er gnadenlos vorgegangen. Die fürchterliche Szene, die sich ihnen danach gezeigt hatte, bewies, dass es keine Schlacht gewesen war, sondern ein Massaker.

Nachdem das Gemetzel vorbei war, brannten einige Gehöfte noch, leblose Körper lagen überall verstreut, und die flache Brandung färbte sich rot vom Blut der Toten und Verwundeten. Die Angelsachsen zogen sich zum Burgsaal ihres Vaters zurück, um auf ihren Sieg anzustoßen, ohne der Verwüstung, die sie hinterlassen hatten, noch einen Gedanken zu schenken. Doch Ædwen, gemeinsam mit den Mönchen und Nonnen des Klosters, war vorsichtig zum Strand gegangen, um den verwundeten Angelsachsen zu helfen. Stattdessen hatte sie Stefan gefunden …

Jetzt musterte sie ihn wie gebannt. Sein Haar war noch immer dunkel, aber ein wenig länger und auch zerzaust, als wäre er mit der Hand hindurchgefahren. Sie wusste, wie dieses starke Kinn sich unter ihren Fingern anfühlte, doch jetzt wurde es von einem gepflegten, dichten Bart bedeckt. Sie erinnerte sich auch, wie es sich angefühlt hatte, in seinen kraftvollen Armen zu liegen und sich in der Wärme seiner Zuneigung zu sonnen. Allerdings waren seine hellen Augen, die je nach Stimmung die Farbe wechselten, dunkel geworden in seinem Zorn.

Ob sie ihn kannte? Früher einmal hatte sie es geglaubt. Aber es hatte auch Zeiten gegeben, da hatte sie sich gewünscht, ihn an jenem Tag am Strand nicht gefunden zu haben. Sie wünschte sich, sie hätte ihren Gefährten nicht zugerufen, ihr zu helfen. Aber er war nur ein junger Mann gewesen, ungefähr so alt wie sie, und er war verwundet, atmete aber noch. Sie hätten ihn unmöglich einfach liegen lassen können …

Jetzt sah er mehr denn je wie ein Däne aus. Grimmig. Die markante silberfarbene Narbe auf seiner Stirn erinnerte an alles, was zwischen ihnen vorgefallen war. Er war ein Mann, der seine innere Wildheit mühsam in Schach hielt. Er war faszinierend. Einschüchternd. Und sie fragte sich, ob ihr Vater nicht doch recht hatte und alle dänischen Wikinger wirklich grausam waren. Denn Stefan hatte ihr das Herz gebrochen und ihre Träume und ihr ganzes Leben zerstört.

Nein, diesen Mann kannte sie nicht mehr.

„Lady Ædwen?“, drängte der Priester.

Ihr Mund war trocken, und die erniedrigende Situation trieb ihr die Röte ins Gesicht. Und dann wurde ihr etwas klar. Stefan war nach all dieser Zeit nicht gekommen, um sie zurückzufordern, weil sie ihm etwas bedeutete. Er war gekommen, um sich zu rächen. So wie er es angedroht hatte. Und welche Rache wäre befriedigender für ihn, als sie des Ehebruchs oder sogar der Bigamie anzuklagen und vor allen, die sie kannten, Schande über sie und ihren Vater zu bringen?

Aber sie würde ihr Kind verlieren. Das durfte sie auf keinen Fall zulassen.

Angetrieben von Entschlossenheit und Verbitterung straffte sie die Schultern und hob stolz das Kinn. Sie zwang sich zu sprechen. „Ich kannte ihn vor langer Zeit. Aber das ist belanglos. Es sollte keinen Einfluss auf die heutige Zeremonie haben.“

„Aber kann es wahr sein, Lady Ædwen, was dieser Mann sagt? Seid Ihr bereits verheiratet?“, beharrte der Priester.

„Natürlich ist es nicht wahr!“, brüllte ihr Vater außer sich. „Dieser Heide sollte sofort hinausgeworfen werden!“

Stefan kniff leicht die Augen zusammen. Er stützte die Hände auf die Hüften und machte einen Schritt auf Ædwen zu, wie um zu beweisen, wie wenig ihn die Worte ihres Vaters kümmerten. „Sie gab freiwillig ihre Zustimmung. Zu einer Heirat reicht das Wort der zwei Menschen aus, die sich miteinander verbinden wollen, ist es nicht so, Vater?“

Ædwen schüttelte bedrückt den Kopf. Nichts hatte sich geändert. Stefan war noch immer so hasserfüllt wie an dem Tag, als er sie verlassen hatte.

„Habt Ihr wirklich diese Zustimmung gegeben, Lady Ædwen? Ohne die Billigung der Kirche und Eures Vaters?“, fragte der Priester. „Habt Ihr diesen Mann geheiratet? Ich muss es wissen.“

Ædwen spürte, wie sich alles um sie zu drehen begann. Sie spürte auch die Finger ihres Vaters an ihrem Arm. Panik schnürte ihr die Kehle zu. Würde Stefan sie wirklich dazu zwingen, es zuzugeben – vor der ganzen Gemeinde –, und sie und ihre Familie demütigen?

Es herrschte Todesstille um sie herum, als würde jedermann den Atem anhalten, um ihre Antwort nicht zu verpassen. Und alle schienen sich plötzlich in diesem kleinen, stickigen Kirchenschiff dichter um sie zu drängen.

„Du wirst doch sicher nicht lügen? Nicht in eurem Haus Gottes?“, hörte sie Stefans grausame Stimme.

Ædwen gab auf. Er hatte recht. Er wusste, wie stark ihr Glaube war und dass sie natürlich nicht lügen würde. Nicht hier.

Was in den Herzen aller verborgen ist, wird aufgedeckt werden …

Ja, sie hatte diesem Mann gelobt, seine Frau zu werden – und im Geheimen, da sie wusste, dass ihr Vater ihnen nie erlaubt hätte, zusammen zu sein. Sie war Angelsächsin und Stefan war Däne, aber sie war so in ihn verliebt und sich seiner so sicher gewesen, dass sie bereit gewesen war, sich gegen die Wünsche ihres Vaters zu stellen und sogar seinen Zorn auf sich zu ziehen. Mit Stefan an ihrer Seite war sie mutig genug gewesen.

Nachdem sie sich an jenem Morgen geliebt hatten, strich Stefan mit dem Finger über ihren behelfsmäßigen Ehering und ihren Arm bis zu ihrem Herzen, und bat sie, seine Frau zu werden. Aber sie hatte ihm gesagt, dass sie ihm etwas verraten musste, bevor sie heiraten konnten. Wenn er es ihr doch nur erlaubt hätte. Stattdessen hatte er nur behauptet, nichts, was sie sagen könne, würde seine Liebe verringern, und hatte angefangen, sie zu küssen. Er hatte geflüstert: „Hiermit nehme ich dich zu meiner Gemahlin“, und sie hatte ihn zu ihrem Gemahl genommen.

Jetzt schluckte sie mühsam. „Ja, aber es waren nur Worte gewesen. Keine echte Hochzeit …“

Denn nachdem er ihr Geheimnis am folgenden Tag herausgefunden hatte, war die Liebe in ihm gestorben. Es war die kürzeste Ehe in der Geschichte der Menschheit geworden.

Die Gemeinde hatte sich inzwischen schockiert erhoben. Sie teilten ihre Empörung miteinander, und der Lärm in der Kirche wurde ohrenbetäubend.

„Da es keine Zeugen gegeben hat, kann es kaum bewiesen werden“, warf ihr Vater ein. Sie konnte die Wut spüren, die ihn erzittern ließ. „Und Ihr seid ein Heide“, fuhr er Stefan an. „Ich denke, das allein schon hebt jede Vereinigung auf.“

„Unsere Verbindung mag ja unerlaubt gewesen sein, aber sie war nicht gegen das Gesetz.“ Stefan verschränkte die Arme vor der Brust. „Und wenn es meine Religion ist, an der Ihr Anstoß nehmt, dann wird wohl die Tatsache, dass sie mein Bett geteilt hat, alles rechtsgültig machen.“

Wieder erfüllte schockiertes Gemurmel die Kirche, und Ædwin spürte die Demütigung wie einen Schlag ins Gesicht. Sein glühender Blick schien sie verbrennen zu wollen und zwang sie, sich zu erinnern. Und wie sollte sie auch je vergessen können? Heiße Röte stieg ihr in die Wangen, als sie an eng miteinander verschlungene Körper dachte, an seine heißen Küsse, die er mit gierigem, offenem Mund auf ihre Haut gepresst hatte. Die Intimität und die Lust, die er ihr gegeben hatte, war etwas gewesen, was sie noch nie erlebt hatte. Und dann hatte er ihr alles plötzlich genommen.

Sie schüttelte den Kopf, als könnte sie so die Erinnerung vertreiben. Unwillkürlich schlang sie beschützend die Arme um sich. Aber er wusste nichts von den Folgen. Er war lange fort gewesen und konnte nicht wissen, dass er ihr etwas geschenkt hatte, das sie immer an ihn erinnern würde. Aber was hätten die neun Monate Gefangenschaft und ihr Schweigen, um den Ruf ihres Vaters zu schützen, genützt, wenn Stefan jetzt entschlossen war, sie ein zweites Mal zu ruinieren?

„Sagt, hat sie in der Nacht vor der Hochzeit auch bei Euch gelegen?“, fragte Stefan Lord Werian, aber sein Vorwurf galt ihr, und sie erschauderte. Wie konnte er so grausam sein?

Lord Werian wandte sich empört an ihren Vater. „Wusstet Ihr davon?“

Die Leute kamen aus den Bänken heraus, entrüstet über den Skandal, der enthüllt wurde.

Ædwen stellte entsetzt fest, dass Lord Werian ebenfalls voller Abscheu vor ihr zurückwich. Die Hochzeit würde nicht stattfinden.

Sie würde ihre Tochter für immer verlieren …

„Ich bin sicher, das können wir schnell regeln. Und leise“, flüsterte sie Lord Werian verzweifelt zu.

„Das denke ich nicht. Ich will Euch nicht mehr.“ Er schüttelte den Kopf. „Ihr seid von einem Dänen befleckt worden.“

Sie spürte, wie Übelkeit in ihr aufstieg. Sollte die Ehe nicht zustande kommen, würde dann wenigstens ihr Vater Gnade zeigen? Sie hatte ein wunderschönes Mädchen zur Welt gebracht und sich zunächst in der Zurückgezogenheit des Klosters um ihr Baby gekümmert. Doch eines Morgens war sie aufgewacht, und ihre Tochter war fort. Ædwen war gezwungen gewesen, zur Burg ihres Vaters zurückzukehren und sich auf die Hochzeit vorzubereiten. Sie war verzweifelt gewesen und untröstlich, als hätte sie einen Teil von sich verloren.

Ihr Vater hatte ihr versprochen, das Kind einer edlen Familie zu geben, wo es ein gutes Leben führen würde. Aber Ædwen hatte nicht ohne ihr Baby leben wollen. Sie hatte das Essen verweigert und ihm gedroht, ihn vor allen bloßzustellen. Und daraufhin war er einen Kompromiss mit ihr eingegangen. Wenn sie die Ehe mit Werian einginge, würde er dafür sorgen, dass sie ihre Tochter heimlich wiedersehen konnte.

Ein qualvoller Monat war vergangen, und jetzt war endlich der Tag gekommen, auf den sie gewartet hatte. Sie musste sich vergewissern, dass Ellan in Sicherheit war, und sie wieder in die Arme schließen. Aber jetzt … Ihre Lippen bebten, während sie ihre letzte Hoffnung schwinden sah.

„Ich könnte Euch für Eure Behauptungen töten, aber ich will Gnade zeigen und gebe Euch Geld für Eure Abreise, um nicht den glücklichen Tag meiner Tochter endgültig zu verderben“, fuhr ihr Vater Stefan heftig an.

Stefan allerdings trat noch einen Schritt näher an sie heran. „Ich will Euer Geld nicht“, sagte er verächtlich und legte die Hand an den Griff seines Schwertes. „Ich will meine Familie zurück, die Ihr mir genommen habt. Aber da das unmöglich ist, nehme ich stattdessen Eure Familie. Eure Tochter. Meine Frau.“

Ædwen sah ihn fassungslos an. Wollte er sie wirklich zurückhaben? Sie war entsetzt, denn sie hatte geglaubt, dass er sie beschämen und die Hochzeit verhindern wollte, nicht dass er sie mitnehmen wollte. Warum tat er das? Er verabscheute sie doch genauso sehr wie sie ihn.

„Auf diese Weise zeige ich Gnade“, fuhr Stefan fort. „Diese Kirche und auch Eure Krieger sind von den Männern des Königs umringt. Wollt Ihr heute etwa gegen Euren Monarchen aufbegehren?“

Ædwens Augen füllten sich mit Tränen. Sie wollte nicht, dass wegen ihr ein Blutbad geschah. „Mylord … Stefan … bitte“, begann sie und wandte sich an den Mann, den sie einmal gekannt und geliebt hatte. „Warum tust du das?“ Sie senkte die Stimme. „Du begehrst mich nicht einmal …“

„Nein, das tue ich wirklich nicht“, sagte er mit kalter Stimme. „Dennoch sind wir in den Augen Gottes und auch in meinen verheiratet. Und als meine Frau wirst du mir Respekt entgegenbringen und deine Pflicht erfüllen. Wenigstens das schuldest du mir.“

Stefan zog sein Schwert und gleichzeitig hoben auch seine Männer ihre Waffen, und die Gemeinde schrie entsetzt auf. Er sieht wie sein Vater aus, stellte Ædwen fest – der Mann, den sie am Strand hatte kämpfen sehen. Ein kalter, rücksichtsloser dänischer Krieger. Hatte sein Verlangen nach Rache ihn so sehr verändert?

„Auf Befehl des Königs wird diese Zeremonie aufgelöst“, verkündete er. „Und jetzt werden wir uns zurückziehen und Lady Ædwen mitnehmen. Wer immer es wagen sollte, sich uns in den Weg zu stellen, wird niedergestreckt.“

Ædwen spürte, wie ihr Vater ihren Ellbogen losließ. Also war er nicht bereit, sich gegen König Knut zu stellen oder dessen Männer zu bekämpfen. Jedenfalls heute nicht. Er würde zunächst Unterstützung finden müssen …

Stefan legte die große Hand auf ihre Taille. Seine Wärme drang durch den Seidenstoff ihrer Tunika und schien ihre Haut zu verbrennen, während er sie zur Tür führte – vorbei an den fassungslos starrenden Leuten –, und sie wollte nur, dass diese Qual endlich ein Ende fand.

2. KAPITEL

Stefan trat aus der Kirche ins Tageslicht hinaus. Der heiße Nachmittag passte zu der kochend heißen Wut, die ihn gepackt hatte. Ungeduldig schlang er den Arm um Ædwens Taille und zerrte sie zu seinem Pferd.

Sie hatte es zugelassen, dass er sie aus der Kirche führte, vielleicht weil sie noch ganz benommen war von allem, was eben geschehen war, aber als sie noch mehr seiner Männer sah und sein Pferd, das auf sie wartete, spürte er, wie sie zögerte und sich von ihm zu lösen versuchte.

Er packte ihr Handgelenk, und als er ihre Haut spürte, überlief es ihn heiß – sehr zu seinem Ärger. Bei dem Gedanken daran, sie wiederzusehen, hatte er gehofft, er würde ihr in die Augen sehen können, ohne etwas zu fühlen. Stattdessen hatte sein Herz schneller geschlagen, als ihre Blicke sich in der Kirche getroffen hatten. Und jetzt brannte seine Haut. Helvete! Er wollte sich nicht mehr zu ihr hingezogen fühlen. Er hasste sie!

Die Frau, die sein Kind geboren und es dann weggegeben hatte.

Ædwen trug ihr langes blondes Haar offen und unbedeckt. Voller Widerwillen presste Stefan die Lippen zusammen. Es ziemte sich nicht für eine verheiratete Frau, ihr Haar offen zu zeigen – das würde er ändern, noch bevor sie die nächste Siedlung erreicht hatten. Sie trug außerdem eine erlesene Braut-Tunika in Blau, einer Farbe, die für Reinheit stand, aber diese Lüge hatte er ja bereits entblößt. Ædwen sah hinreißend aus, wie eine wahre Edeldame, und doch hatte sie ihr vornehmes Blut vor ihm geheim gehalten. Am Ende hatte sich herausgestellt, dass sie alles andere als edel war …

„Komm mit“, sagte er knapp und zog sie unsanft mit sich zu seinem Pferd.

Er ließ sie nur einen Moment los, um die Zügel zu ergreifen, und schon drehte sie sich blitzschnell um und begann zu laufen. Gereizt schwang Stefan sich in den Sattel, spornte sein Pferd mit dem Druck seiner Fersen an, bis er sie erreicht hatte, und packte sie unter den Achseln. Er riss sie zu sich hoch und drückte ihren Rücken an seine Brust, während sie protestierend einen erstickten Schrei ausstieß. Sie wehrte sich heftig, wobei ihr Po sich unweigerlich an seinem Schoß rieb.

„Hör auf damit!“, fuhr er sie knurrend an. „Mach das nicht noch einmal und denk nicht einmal daran zu fliehen.“

Er spürte, dass er sich nicht mehr im Griff hatte. Ihre Nähe weckte nach einer so langen Zeit der Trennung noch immer heißes Verlangen in ihm, und er war bestürzt über seine Reaktion. Die amüsierten Blicke seiner Männer steigerten seine Wut, aber wenigstens hatte ihn noch keiner von ihnen gefragt, warum seine Frau versuchte, einen anderen Mann zu ehelichen, obwohl sie noch mit ihm verheiratet war. Der Gedanke allein genügte, um seinen Stolz zu verletzen.

Knapp wies er seine Männer an, schon vorauszureiten, und zwang sich, ruhig zu leiben. Er hatte es geschafft. Er war rechtzeitig gekommen, hatte Ædwen in seiner Gewalt und würde diesen elenden Ort für immer mit ihr verlassen.

Keinen Moment länger wollte er in Eastbury bleiben. Schon der Anblick der vertrauten Mauern des Klosters auf den Klippen, des Wattenmeers, der einsamen Buchten und des riesigen Strandes, wo das Boot seines Vaters über den Kies gerutscht war, reichte aus, um eine enorme Welle verhasster Erinnerungen zurückzubringen.

Jetzt erinnerte er sich an die brutale Schlacht. Er konnte fast noch das Geräusch hören, das entstand, wenn Metall auf Holz traf – die Schwerter und Äxte der Angelsachsen gegen ihre Schilder. Er hörte das Ächzen der Männer seines Vaters, die sich gegen eine Macht zu wehren versuchten, die doppelt so groß war wie ihre. Er erinnerte sich an das Wehklagen der Dorfbewohner und spürte noch seine schmerzende Stirn, als er an der Schläfe getroffen wurde. Noch immer konnte er den metallischen Geschmack von Blut schmecken und erinnerte sich, wie er die Augen geschlossen und den Tod angefleht hatte, ihn zu nehmen – und dann hatte sie sich über ihn gebeugt …

Als gestern Abend ein Bote angekommen und ihm mitgeteilt hatte, dass Ædwins Hochzeit mit Lord Werian bevorstand, hätte ihn nichts davon abhalten können zu kommen. Er würde nicht zulassen, dass sie ihn entehrte. Nicht noch einmal. Sie war seine Frau – die Frau, die sein Kind empfangen und in ihrem Leib getragen hatte –, ohne es ihm zu sagen. Der heutige Tag war die Gelegenheit für ihn, sich endlich an ihr zu rächen.

Nach einer langen, unruhigen Nacht hatte er Wintancaester bei Morgengrauen mit seinen Männern verlassen und war unermüdlich geritten, ohne Rast zu machen, bis sie die Küste erreicht hatten. Dieser Ort hatte einmal seine Rettung, seine Hoffnung bedeutet, doch später nur noch, um ein christliches Wort zu benutzen, seine Hölle auf Erden. Vor der Kirche war er so abrupt zum Stehen gekommen, dass sein Pferd sich aufgebäumt hatte. Er hatte die Kirche so energisch betreten, dass sich alle zu ihm umgedreht hatten. Aber er war nicht auf seine Reaktion vorbereitet gewesen, als er Ædwin wiedergesehen hatte. Es war eine Mischung aus Zorn und Erleichterung gewesen, die ihn erschütterte.

Was wäre geschehen, wenn er nicht rechtzeitig gekommen wäre? Hätte sie diesem fremden Mann wirklich Treue geschworen, so wie sie es damals bei ihm getan hatte? Der Gedanke zerriss ihm das Herz.

Ædwen versuchte wieder, sich aus seinem Griff zu befreien, aber er war zu stark für sie.

„Hör auf, dich zu wehren. Du wirst nur fallen und umkommen!“

Und er versuchte, ungerührt zu bleiben, aber sein Körper wollte ihm nicht gehorchen. Er hatte sich bemüht zu vergessen, wie es sich angefühlt hatte, sie in seinen Armen zu spüren – ihre warmen, weichen Rundungen dicht an seine Brust und seinen Schoß gepresst, den blumigen Duft ihres Haars in der Nase. Ein Stöhnen entfuhr ihm, und er erkannte, dass die erzwungene Nähe eine ebenso große Qual für ihn war wie eine Strafe für sie. Es erschreckte ihn, dass er sofort hart wurde, dass er so heftig auf sie reagierte – trotz allem …

„Warum tust du mir das an?“, schrie sie. Doch dann sackte sie zusammen, gab auf und wandte das Gesicht ab.

Stefan spürte den eisigen Wind nicht, zu sehr mit seinen widersprüchlichen Gefühlen beschäftigt. Er konnte sie nicht begreifen. Wollte sie Lord Werian wirklich heiraten? Das war unmöglich. Der Mann war fast doppelt so alt wie sie.

„Wir müssen zurück“, flehte sie ihn verzweifelt an.

„Niemals!“

Er wollte diese Gegend weit hinter sich lassen und so viel Abstand zwischen Ædwen und Lord Werian und ihren Vater bringen wie nur möglich.

„Du hast meine Hochzeit verhindert und mich vor der ganzen Gemeinde bloßgestellt. Warum?“

Ihre gemeinsame Nacht war unvorstellbar schön gewesen, aber die Ereignisse des folgenden Tages hatten sie besudelt. Wenn Ædwen ihn allerdings gezwungen hätte, wäre er noch weitergegangen. Er hätte allen von dem Muttermal über ihrer linken Hüfte erzählt – die er unzählige Male geküsst hatte. Aber es gab noch einen viel überzeugenderen Beweis als das.

Er hätte ihnen erzählt, dass es ein Kind gab, eine Mischung aus angelsächsischem und dänischem Blut. Er hätte vor nichts Halt gemacht, um zu erreichen, was er sich vorgenommen hatte. Die Gäste der Hochzeit waren ganz offensichtlich schockiert gewesen. Hatte er Ædwen wirklich ruiniert? Für jeden anderen Mann sicher. Er stieß einen zufriedenen Seufzer aus.

„Hattest du vergessen, dass du bereits vermählt bist?“ Man konnte keiner Frau vertrauen.

„Mein Vater sagte, nur eine Heirat mit einem Christen würde gültig sein. Die Vereinigung zwischen einem Dänen und einer christlichen Angelsächsin ist verboten.“

Stefan presste kurz die Lippen zusammen und stieß dann aufgebracht hervor: „Du willst Lord Werian also heiraten? Und mit ihm das Bett teilen?“

„Nein!“, rief sie, fast als würde der Gedanke sie abstoßen. „Natürlich nicht, aber …“

Ihre Antwort beschwichtigte ihn ein wenig, und er versuchte, sich zu entspannen. „Dann habe ich dir ja einen Gefallen getan“, sagte er barsch.

Sie schüttelte den Kopf. „Du weißt nicht, was du getan hast.“

Er kniff leicht die Augen zusammen. Ihr Haar kitzelte seine Wange. „Was denn? Die Pläne deines Vaters zerstört? Seine Ehre? Das hätte ich schon vor langer Zeit tun sollen.“

„Du hast alles ruiniert“, flüsterte sie betroffen.

Das tat ihm nicht leid. Er wollte, dass ihr Vater für seine Schandtaten zahlte, für all den Schmerz, den er verursacht hatte. Und sie sollte ihm dankbar sein. Er hätte den Mann mit seinem Schwert niederstrecken oder seinen Männern befehlen können, die angelsächsische Burg zu zerstören, da er wusste, dass Lord Manvil seine Macht gegen den König einsetzen würde, sobald sich ihm die Gelegenheit bieten würde. Aber er hatte es nicht getan. Ihr zuliebe. Er hatte seine Wut gezügelt, und er hatte sie vor einer Verbindung gerettet, die sie gar nicht wollte, wie sie ihm gerade eben gestanden hatte.

Dann sah er, dass sie weinte, und es erschreckte ihn. Weinte sie, weil sie diesen Mann nicht hatte heiraten können? Das konnte er nicht glauben. Noch nie hatte er sie weinen sehen, nicht einmal als er ihr an jenem finsteren Tag im vergangenen Winter gesagt hatte, dass er sie verlassen würde.

Seine Stimme wurde weicher. „Ædwen …“

Sie schüttelte den Kopf, aber die Tränen liefen ihr noch immer über die Wangen. Sie war stets so gleichmütig gewesen, so fröhlich. Es war einer der Gründe, weswegen er sich in sie verliebt hatte. Sie hatte ihn selbst an jenen Tagen aufgeheitert, an denen alles andere düster geschienen hatte.

Zum Teufel. Da waren ihm sogar ihr Eigensinn und Zorn lieber. Besser wäre gewesen, wenn sie ihm die Stirn geboten und mit ihm gestritten hätte, bis die Funken sprühten.

Er ließ einen der Zügel los, um ihr mit der Hand beruhigend über den Arm zu streichen. „Ædwen …“, sagte er wieder.

Aber sie schüttelte ihn ab. Sie schluchzte so sehr, dass ihr ganzer Körper bebte.

Stefan fluchte leise. Sie würden die Reise unterbrechen müssen, obwohl sie gerade erst begonnen hatte. Er gab Maccus, seiner rechten Hand, ein Zeichen weiterzureiten und an der Flusskreuzung auf ihn zu warten, während Ædwen und er kurz haltmachten.

Maccus nickte und setzte sich an die Spitze der Männer, aber nicht bevor er einen schnellen Blick auf Ædwens verzweifeltes Gesicht geworfen hatte. Stefan kam sich wie ein Unmensch vor. Er verließ den Küstenweg und hielt auf eine Gruppe großer Felsen auf der Spitze der nächsten Klippe zu, bevor er das Tempo seines treuen Pferdes verlangsamte. Angekommen, schwang er sich aus dem Sattel und half Ædwen herunter. Sie war zu aufgelöst, um sich gegen ihn zu wehren.

Er führte sie zu einem Felsen, und sie setzte sich und verbarg das Gesicht in den Händen. Und Stefan sah ihr bestürzt zu, während sie weinte, bis ihre Tränen endlich zum Versiegen kamen. Obwohl er wusste, dass es ein Fehler wäre, wünschte er, er könnte sie trösten, aber er musste standhaft bleiben. Auf keinen Fall durfte er sich von ihren Tränen beeinflussen lassen.

Er ballte die Hände zu Fäusten.

Es stimmte, er hatte sie alleingelassen, nachdem er erfahren hatte, was sie und ihr Vater getan hatten. Aber trotz all der Zeit, die sie getrennt gewesen waren, war ihre Bindung für ihn noch immer etwas, das sie ehren mussten. Als er von der bevorstehenden Hochzeit gehört hatte, war er außer sich gewesen vor Eifersucht. Die Vorstellung von Ædwen in den Armen eines anderen Mannes war unerträglich gewesen. Noch dazu eines brutalen Verbündeten ihres Vaters und nachdem sie geschworen hatte, dass sie ihm, Stefan, gehörte.

Auf ihren Widerstand war er vorbereitet gewesen. Er hatte damit gerechnet, dass sie sich wehrte – aber nicht mit diesen Tränen. Diese Reaktion war sehr viel verstörender und sehr viel gefährlicher, weil sie drohte ihn zu erweichen.

Hastig ermahnte er sich, nicht zu vergessen, wer sie war und was sie getan hatte.

Er stieß heftig den Atem aus und fuhr sich mit der Hand durchs Haar, während er die karge Landschaft aufnahm, die nur hier und da ein Gehöft aufwies – das trostlose Flachlandgebiet erstreckte sich so weit das Auge reichte. Es ermöglichte ihm, jeden sehen zu können, der sich ihnen nähern mochte, und er war froh, dass ihnen die Männer ihres Vaters nicht gefolgt waren. Jedenfalls noch nicht. Immerhin etwas. Es dürfte nicht schaden, wenn sie eine Weile hierblieben. 

Er sah die Wellen an die Küste unter ihnen schlagen. Diese riesige Bucht, dieser Strand, sagte viel darüber aus, wer er war. Diese Gewässer hatten ihn an den Ort hier gebracht – fort von seiner schmerzlichen Vergangenheit und zu einer neuen, verheißungsvollen Zukunft. Doch was auf sie gewartet hatte, als sie hier ankamen, war unvorstellbar gewesen in seiner Grausamkeit. Dieser Ort würde ihn für immer daran erinnern. Das Meer konnte gnadenlos sein, genau wie der Kampf damals, aber es konnte auch ruhig sein, genau wie jene, die jetzt ihren Frieden gefunden hatten. Der Sand und die Steine waren wie die Trauer, die er spürte – sie würden durch nichts fortgespült werden.

Vor langer Zeit wäre er vielleicht schwimmen gegangen, um seine Gefühle und sein Verlangen abzukühlen. Aber in Wintancaester waren sie weit vom Meer entfernt. Er war lange nicht mehr geschwommen, und es hatte ihm gefehlt. Plötzlich sehnte er sich schmerzlich danach, durch das kalte Wasser zu gleiten, aber sie waren noch immer in feindlichem Gebiet, also mussten sie schnell weiter.

Er drehte sich wieder zu Ædwen um. Sie zitterte, ihre volle Unterlippe bebte. Zweifellos setzte jetzt der Schock ein. Stefan hatte damit gerechnet, dass sie überrascht sein würde und auch entsetzt, ihn wiederzusehen, aber insgeheim hatte er gehofft, sie würde irgendwie auch erleichtert sein, vielleicht sogar erfreut. Er löste seinen Umhang und legte ihn ihr um die Schultern. Ihre Finger berührten seine Hand, als sie ihn von ihm entgegennahm, und sein Herz schlug schneller.

Autor

Sarah Rodi

Sarah Rodi war schon immer eine hoffnungslose Romantikerin. Sie wuchs mit alten Liebesfilmen auf, die ihr Großvater ihr empfohlen hatte, und verschlang Liebesromane aus der örtlichen Bibliothek. Sarah lebt in dem Dorf Cookham in Berkshire, wo sie gerne mit ihrem Mann, ihren beiden Töchtern und ihrem Hund am Ufer der...

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