Heirat ausgeschlossen ...?

– oder –

 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

Manche Aufträge sind einfach zu gut, um sie abzulehnen. Und so sagt die schöne Innenarchitektin Chey Simmons Ja, als der vermögende Brodie Todd sie bittet, sein kürzlich erworbenes Herrenhaus elegant einzurichten. Dabei hat Chey zunächst gezögert, weil man Brodie Arroganz und Exzentrik nachsagt - was überhaupt nicht stimmt! Tatsächlich ist er der faszinierendste Mann, dem sie je begegnet ist. Und genau das wird für Chey zum Problem. Denn eine Affäre ist für sie undenkbar, eine Ehe noch mehr! Zudem hat sie sich ganz bewusst gegen Kinder entschieden, denn Karriere und Familie passen nun mal nicht zusammen, findet sie. Und zudem ist Brodie, der sie liebevoll umwirbt, nicht wirklich frei: Seine Exfrau Janey liegt nach einem Unfall im Koma und wird ebenfalls im Herrenhaus gepflegt. Viel spricht gegen ein Happy End - aber noch mehr für die Liebe …
  • Erscheinungstag 09.05.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733757007
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Mit gemischten Gefühlen spähte Chey durch die Windschutzscheibe zu der hohen Doppeltür unter dem breiten Balkon und dann hinab auf den Brief in ihrer Hand. Einerseits hätte sie am liebsten die gebieterische Vorladung zusammengeknüllt und dem arroganten Mann ins Gesicht geworfen, der sie geschickt hatte. Andererseits hoffte sie seit Jahren, das baufällige, über ein Jahrhundert alte Herrenhaus in die Finger zu bekommen, das unter dem Namen ‚Fair Havens‘ bekannt war. Es zu restaurieren bedeutete einen Meilenstein für ihre Karriere und dazu einen sehr lukrativen, auch wenn sie nicht auf das Geld angewiesen war.

‚Chez Chey‘, der elegante kleine Antiquitätenladen im French Quarter, von dem aus sie ihren Betrieb als Innenausstatterin führte, war ebenso bekannt und respektiert wie ihre Fähigkeiten als Architektin. In fünf Jahren harter Arbeit hatte sie sich auf Renovierung und Restaurierung spezialisiert. Erst in der vergangenen Woche war sie für ihre Fachkenntnisse bei einer Veranstaltung der einflussreichen Heritage Society geehrt worden. Diese Organisation machte sich um den Denkmalschutz in New Orleans sehr verdient. Anlässlich jener Veranstaltung hatte Chey die Großmutter von Brodie Todd kennengelernt. Als Resultat hatte der wohlhabende Besitzer von ‚BMT Travel‘ Chey hierher in sein baufälliges Herrenhaus zitiert.

Erneut verspürte Chey Entrüstung über seine Arroganz. Todd war wohl bekannt als Exzentriker. Die Medien hatten gebührend über seine Rückkehr in diese Gegend berichtet und darüber spekuliert, ob er auch den Hauptsitz seiner Reiseagentur von Dallas nach New Orleans verlegen würde. Außerdem wurde behauptet, dass er seine Geschäfte vornehmlich von seinem Schlafzimmer aus führte. Jedenfalls nahm er keinerlei Rücksicht auf andere. Sein kurzer Brief besagte lediglich, wann und wo er Chey zu empfangen bereit war, und ließ keinerlei Raum für Terminverhandlungen. Es verdross sie mächtig, dass sie sich verpflichtet fühlte, seinem Diktat zu folgen.

Doch die Renovierung von Fair Havens bedeutete für Chey die Erfüllung eines großen Traumes. Das Gebäude war vor dem Bürgerkrieg aus dunkelrotem Ziegelstein errichtet worden. Sein Erscheinungsbild war geprägt von ehemals weißen Säulen, großen Balkonen und zahlreichen Fenstern. Eine breite, halbkreisförmige Steintreppe führte zur Haustür. Das gesamte Holz musste dringend abgeschliffen, versiegelt und lackiert werden, und auch das Mauerwerk war an zahlreichen Stellen reparaturbedürftig.

Insgesamt war Chey jedoch beeindruckt von dem grundlegend gesunden Zustand des Gebäudes. Alle fünf Schornsteine waren intakt. Wenn es auch ein wenig verwahrlost aussah, so war das nicht verwunderlich. Der alte Mr. Houser, der frühere Besitzer, hatte das Anwesen schließlich schändlich vernachlässigt.

Das Haus stand gute fünfzig Meter von der Straße entfernt und wurde durch wild wucherndes Grünzeug vor neugierigen Blicken abgeschirmt. Eine kleine Armee von Gärtnern hatte sich jedoch bereits an die Arbeit gemacht, den Dschungel zu lichten.

Chey ließ den Wagen auf der breiten Auffahrt stehen und blickte betrübt zu einer wundervollen Vogeltränke aus Marmor, die umgekippt auf dem Rasen vor dem Haus lag. Die Schale hatte einen Durchmesser von mindestens einem Meter, und nur mehrere starke Menschen zusammen würden sie mit vereinten Kräften wieder aufrichten können.

Für ihr Zusammentreffen mit Brodie Todd hatte Chey ein pinkfarbenes, mit Hellgrau abgesetztes Designerkostüm aus ihrer Frühlingsgarderobe ausgewählt. Es bestand aus einem engen, knielangen Rock und einer kurzen, asymmetrisch geschnittenen Jacke. Hellgraue Strümpfe und rauchgraue Schuhe mit hohen, modisch breiten Absätzen vervollständigten ihr Outfit. Das lange blonde Haar hatte sie zu einer Rolle am Hinterkopf hoch gesteckt, ihr Make-up war sparsam, aber fachkundig aufgetragen: Chey war der Inbegriff einer eleganten, kompetenten Geschäftsfrau.

Eine kleine Messingglocke hing an einem schmiedeeisernen Arm neben der Tür. Chey schüttelte kräftig den Klöppel. Als Resultat hallte das Glockenspiel lautstark über das gesamte Anwesen. Es veranlasste die Gärtner, von ihrer Arbeit aufzublicken, und Chey, die Glocke hastig mit beiden Händen zu umfassen und zum Schweigen zu bringen.

Mit einem rostigen Knarren öffnete sich die Tür. Eine zarte, blasse Frau mit Pferdeschwanz erschien. „Miss Simmons? Ich bin Kate, die Haushälterin. Kommen Sie doch bitte herein.“

„Danke.“

„Die Familie wartet im Wintergarten.“ Kate bedeutete Chey, ihr zu folgen, und huschte mit energievollem, federndem Gang durch die große Eingangshalle, an einer Wendeltreppe vorbei und zur Rückseite des riesigen Hauses. „Sie ist da“, verkündete Kate und entschwand.

Flüchtig nahm Chey viel Glas und üppige Pflanzen wahr, bevor eine kultivierte Stimme ertönte. „Hallo. Sie heißen Chey, nicht wahr? Oder ist Ihnen Miss Simmons lieber?“

Chey lächelte die große, schlanke Frau an, die ein hellgrünes Strickkostüm und einen bunten Schal um den schwanengleichen Hals trug und auf sie zukam. „Mrs. Todd. Es freut mich, Sie wieder zu sehen, und Chey ist mir recht.“

„Dann müssen Sie mich Viola nennen.“ Die Frau schloss ihre langen, leicht knorrigen Finger um Cheys Hand. „Gestatten Sie mir, Ihnen meinen Enkel und meinen Urenkel vorzustellen.“ Sie wirbelte herum, und ihr kinnlanges silbriges Haar wirbelte mit ihr. „Sie sind da drüben, auf der anderen Seite dieses Dschungels, und kämpfen mit einer Fitnessbank.“

Chey bahnte sich einen Weg durch unzählige Grünpflanzen in Tontöpfen und Holzkästen. Sie hörte ein Klappern und Gemurmel, gefolgt von einer hohen Stimme: „Guck mal, Daddy! Guck mal!“

„Nein, Seth!“, warnte Viola.

Im selben Moment rief eine tiefere, schroffe Stimme: „Nein! Du klemmst dir …“ Ein Knall ertönte, und dann ein Wimmern. „… den Finger“, vollendete der Mann resigniert. „Lass mich mal sehen.“

Das Wimmern war bereits verstummt, als Chey zu Viola trat. Der Mann kniete auf nackten Beinen und beugte den dunklen Kopf über einen kleinen Jungen in seinen ebenfalls nackten Armen. Neben ihnen lagen ein Wirrwarr aus Gestängen und eine gepolsterte Bank.

„Es blutet gar nicht“, sagte der Mann, während er den winzigen Finger des Kindes untersuchte. „Der Nagel ist auch okay.“ Er hob die kleine Faust und küsste den erhobenen Finger. „Etwas Erdbeermarmelade macht es wieder gut. Grandma gibt dir welche.“ Er verlieh dem Kosewort eine französische Aussprache.

Chey war überrascht, als sie den leuchtend roten Haarschopf des Kindes erblickte, das sich in Violas ausgebreitete Arme stürzte.

„Grandma, darf ich den Finger in das Glas stecken?“

„Wenn du unbedingt willst.“ Sie hob ihn auf die Arme.

„Bitte.“ Der Junge nahm ihr Gesicht zwischen die Hände, wobei der verletzte Finger abstand.

Viola lachte. „Brodie, steh auf und sprich mit dieser Frau“, sagte sie und ging davon. Über ihre Schulter starrte der kleine Wildfang Chey neugierig an und winkte ihr zu. Sie lächelte ihn an, bevor sie ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Mann richtete, der gerade aufstand.

Irgendetwas veranlasste sie, einen Schritt zurückzuweichen. Vielleicht lag es an seiner beachtlichen Größe oder an der nackten, gebräunten Haut, von der er viel zeigte, denn er trug nur Shorts, ein ärmelloses Turnhemd und Turnschuhe ohne Socken. Andererseits war es vielleicht auch der starke Kontrast zwischen seinen hellblauen Augen und den kohlrabenschwarzen Haaren, der Chey so beeindruckte. Oder aber es lag an seinem Gesicht, das sehr markant und dennoch ausgesprochen gut aussehend war. Vielleicht war es aber auch nur der unverhohlen neugierige und anerkennende Blick, der über ihre Gestalt glitt und schließlich auf ihrem Gesicht ruhte.

Plötzlich spürte Chey, dass ihr Herz heftig pochte. Sie wich einen weiteren Schritt zurück, und der Mann bedachte sie mit einem wissenden und herausfordernden Lächeln, das ihr fast ein wenig Angst einjagte.

Er legte ihr eine Hand auf die Schulter und nahm ihre Finger mit der anderen. Ein Prickeln schoss durch ihren Arm, bis in die Brust. Der Mann stand einfach da und starrte Chey an, bis sie aus Selbstschutz den Blick abwandte.

„Brodie Todd“, sagte er leise. „Und Sie müssen die Designerin sein, Chey Simmons.“

Sie zog eine Augenbraue hoch. „Architektin, Restaurateurin und Inneneinrichterin.“

„Gut.“ Er lächelte. „Chey. Ein interessanter Name.“

„Eigentlich heiße ich Mary Chey.“

„Mary Chey. Das gefällt mir. Es freut mich, Sie kennenzulernen. Sie sind mir wärmstens empfohlen und Ihr Talent aufs Höchste gepriesen worden. Allerdings hat mir niemand gesagt, dass Sie auch so hübsch sind.“

Erneut wandte sie den Blick ab und murmelte: „Danke.“

„Keine Ursache.“ Er ließ die Hand von ihrer Schulter am Arm hinabgleiten. „Gehen wir Kaffee trinken.“ Er zog sie förmlich zu einem runden Glastisch in einer Ecke. Viola saß dort, mit dem Kind auf dem Schoß, das gerade den Finger aus einem Marmeladenglas zog und ihn sich in den Mund steckte.

Brodie drückte Chey neben seiner Großmutter auf einen Stuhl. „Wie mögen Sie ihn am liebsten?“

Verwirrt blinzelte sie zu ihm auf.

„Den Kaffee.“

„Schwarz.“

Ihre Verwirrung amüsierte ihn. Er trat zu einem Servierwagen an der Glaswand und schenkte dort eine Tasse Kaffee aus einer silbernen Kanne ein. Chey verfolgte jede seiner Bewegungen.

„Wie gefällt Ihnen unser Pool?“, erkundigte sich Viola.

Abrupt lenkte Chey den Blick zunächst zu Viola und dann auf den Ausblick hinter der Glaswand. Der Pool besaß riesige Ausmaße und wurde von vier altgriechischen Fontänen flankiert. An beiden Enden standen von Pflanzen umgebene Lauben. Ein schmiedeeiserner Zaun war um den gesamten Bereich errichtet worden. Zum Glück gab es in diesem sehr klassischen Rahmen nichts aus Plastik oder ähnlich modernem Material. Dafür standen unter den Bäumen zahlreiche Bänke und Tische aus Stein. Außerhalb des Poolbereichs befand sich ein umfangreicher, von Pinien umgebener Spielplatz – ein wahres Paradies für einen kleinen Jungen. „Es ist wunderschön“, sagte Chey nachdrücklich.

„Die Lauben dienen als Badehaus und Bar“, erklärte Brodie. Er brachte ihr die Kaffeetasse, ließ ihr eine schwere Leinenserviette auf den Schoß fallen und stellte ihr einen Kuchenteller hin. „Essen Sie ein Stück Ananastorte.“ Sein gebieterischer Ton ließ Chey verärgert aufblicken, doch als sie sein Lächeln sah, schwand ihre Empörung sogleich. „Es ist eine von Marcels Spezialitäten, und Sie wissen ja, wie launisch Chefköche sein können. Sie kränken ihn zutiefst, wenn Sie nicht essen.“

Sie schnappte sich die Gabel, die er ihr reichte. Er sank auf den Stuhl neben Chey. Um seine Mundwinkel zuckte es, als er immer noch ein Lächeln zu unterdrücken versuchte. Offenbar wusste er genau, welche Wirkung er auf sie ausübte. Gelassen lehnte er sich zurück, nippte an seinem Kaffee und beobachtete Chey über den Rand der Tasse hinweg.

Verlegen blickte Chey hinab auf ihren Teller. Die Torte war noch warm und verströmte ein verlockendes Aroma, das ihr den Mund wässrig machte. „Sie essen ja selbst gar nichts“, stellte Chey fest.

Brodie schmunzelte. „Ich bin eben diszipliniert.“

Sie schloss flüchtig die Augen, während sie die Torte probierte, und seufzte genüsslich. „Das schmeckt ja himmlisch.“

„Deshalb hatte Brodie auch schon vier Stücke“, offenbarte Viola.

Chey zog eine Augenbraue über seine Definition von „diszipliniert“ hoch, aber sie konnte es durchaus nachempfinden.

„Ich könnte eine ganze Torte davon aufessen. Und ich tue es auch, sofern mir nicht eine freundliche Seele zu Hilfe kommt.“

„In diesem Fall nehme ich vielleicht noch ein Stück.“

Brodie lachte. „Ich mag Frauen mit gesundem Appetit.“

„Wenn sie wie du isst, muss sie auch wie du trainieren“, warf Viola ein. Sie verzog das Gesicht. „All das Geschwitze und Gestöhne! Ich verstehe nicht, warum du nicht einfach weniger isst.“

„Grandma ist die Königin der Selbstverleugnung“, bemerkte Brodie liebevoll. „Sie probiert Marcels Torten nicht mal.“

„Natürlich nicht“, bestätigte Viola. „Ich probiere auch nicht Kokain oder Tabak oder ähnlich schädliche Dinge.“

„Pfefferminzlikör erscheint übrigens nicht auf ihrer Liste der schädlichen Dinge.“

Viola täuschte Empörung vor. „Pfefferminzlikör ist das wirksamste Mittel, das je erfunden wurde. Und Alkohol in Maßen hat noch niemandem geschadet.“

Brodie zwinkerte Chey zu. „Grandma beschränkt ihren Alkoholkonsum strikt auf zwei Minzliköre pro Tag, einen nach dem Mittagessen und einen als Schlummertrunk.“

„Genau“, bestätigte Viola. „Und ich bin mit achtzig noch genauso gesund wie du mit sechsunddreißig.“

Chey verschluckte sich beinahe an ihrem Kaffee und schaffte es nur mit Mühe, die Tasse abzusetzen. „Sie sind achtzig?“

„Zweiundachtzig, um genau zu sein“, erwiderte Brodie für Viola, die stolz dreinblickte – bis ein Klecks Marmelade auf ihrer Brust landete.

Alle Augen richteten sich auf das Kind, das ebenso überrascht wirkte wie alle anderen. Es hatte die Hand bis zum Daumenansatz ins Glas gesteckt, durch Schütteln die Marmelade am Boden lockern wollen und das Resultat offensichtlich nicht vorausgesehen.

„Seth!“, schalt Viola, während der sich die ganze Hand in den Mund steckte. Sie tauchte eine Serviette in ihr Wasserglas und rieb an dem Fleck.

Brodie stöhnte, blickte zu Chey und erklärte: „Er ist erst drei.“ Dann nahm er das Marmeladenglas von Seths Schoß. „Er braucht wohl wirklich ein Kindermädchen.“

„Er braucht eine Mutter“, widersprach Viola.

„Er hat eine Mutter.“

„Unsinn.“ Viola benetzte erneut die Serviette und griff nach dem Jungen, doch der glitt von ihrem Schoß und lief in einem großen Bogen um Brodie herum zu Chey. Dem kleinen Wildfang kam offensichtlich nicht in den Sinn, dass er unwillkommen sein könnte.

Impulsiv griff sie nach ihrer Serviette und packte die klebrige Hand, bevor sie Schaden anrichten konnte. Da er bereits auf ihren Schoß kletterte, schob sie hastig seine Füße von ihrem Rock fort. Seth lehnte den Kopf zurück an ihre Brust und spähte zu ihr auf. „Du bist so hübsch wie Mommy.“

Chey lächelte matt und fragte sich unwillkürlich, warum die Zeitungen nichts von Brodies Ehefrau erwähnt hatten. „Danke. Wenn du auf meinem Schoß bleiben willst, junger Mann, müssen wir dir aber erst mal die Hand waschen.“

Als Viola sich zu ihm beugte und seine Finger abwischte, hielt er tatsächlich still.

Leichthin bemerkte Brodie: „Sie haben offensichtlich Erfahrung, Mary Chey. Haben Sie selbst Kinder?“

„Nein. Aber einunddreißig Nichten und Neffen.“

Klappernd stellte er seine Tasse ab. „Einunddreißig?“

„Bald werden es sogar zweiunddreißig“, wusste Chey zu berichten.

„Wie viele Geschwister haben Sie denn?“

„Neun.“

„Zehn Kinder? Heiliger Strohsack! Dieses eine macht mich ja schon fertig.“

„Das kann ich mir denken.“

„Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich liebe diese kleine Nervensäge.“ Brodie strich Seth über das rote Haar. „Ich würde ihn für nichts auf der Welt eintauschen, aber zehn von seiner Sorte würde ich einfach nicht verkraften.“

„Nicht viele Leute könnten das“, räumte Chey ein. „Meine Geschwister haben maximal fünf, nämlich Frank und Mary Kay. Bay und Thomas haben je vier. Johnny, Mary May, Matt und Anthony bringen es auf je drei, und Mary Fay hat eins und erwartet eins.“

Brodie lächelte. „Heißen alle Frauen in Ihrer Familie Mary?“

„Jede einzelne, einschließlich meiner Mutter Mary Louise. Sie ist wohl im Herzen eine Dichterin, sie hat uns nämlich alle gereimt. Mary May, Kay, Fay und Chey. Als ich kam, waren ihr wohl die Standardnamen ausgegangen. Habe ich erwähnt, dass mein Bruder Bailey Bay genannt wird? Und ich werde Mary gerufen. Ich nehme an, Chey klingt für alle zu merkwürdig.“

„Aber Ihnen ist Chey lieber?“

„Na ja, Mary klingt furchtbar gewöhnlich.“

„Und an Ihnen ist überhaupt nichts Gewöhnliches“, verkündete Brodie unverblümt.

„Das hoffe ich doch“, scherzte sie und ignorierte den wohligen Schauer, der ihr über den Rücken rieselte.

Da griff ihr Gastgeber über den Tisch und legte seine Hand auf ihre. „Ich glaube, es ist an der Zeit, Ihnen das Haus zu zeigen. Es sei denn, Sie haben es ernst gemeint mit dem zweiten Stück Torte.“

„Leider nicht.“ Chey entzog ihm die Hand und schob ihren Stuhl zurück. „Wie Ihre Großmutter ziehe ich es vor, etwas mehr Selbstbeherrschung zu üben.“

Brodie übergab Seth an Viola. „Ich habe da meine eigene Theorie zu dem Thema: Wenn man im Allgemeinen Selbstbeherrschung übt, ist es auch ein besonderer Genuss, sie gelegentlich abzulegen. Meinen Sie nicht?“, fragte er in vertraulichem Ton.

Chey hüstelte. „Ich ziehe es vor, meine überhaupt nicht zu verlieren.“

„Vielleicht haben Sie nur noch keine Verlockung gefunden, der Sie nicht widerstehen können.“ Abrupt wandte er sich an Seth. „Mach Grandma nicht zu viel Stress, verstanden?“

Der Junge nickte mit zwei Fingern im Mund.

Chey wandte sich an Viola. „Es hat mich sehr gefreut, Sie wieder zu sehen.“

„Ich weiß, dass Sie uns gut tun werden“, sagte Viola. Sie blickte Brodie an, und eine stumme Verständigung erfolgte zwischen ihnen.

Als er Cheys Arm nehmen wollte, schreckte sie automatisch vor der Berührung zurück. Es war töricht und verräterisch dazu, und es trieb ihr eine verlegene Röte in die Wangen.

Brodie lächelte nur und verschränkte die Hände hinter dem Rücken. Das Verlangen in seinen hellblauen Augen war so offenkundig, dass es keiner weiteren Worte bedurfte, sie wusste seinen Blick auch so zu deuten.

2. KAPITEL

„Wie viele Zimmer hat das Haus?“, erkundigte sich Chey, als sie mit Brodie den Rundgang begann.

„Achtundzwanzig in den beiden unteren Etagen. In der dritten befinden sich die Wäscherei und die Wohnung von Marcel und Kate, die die beiden erst kürzlich selbst renoviert haben, also haben Sie damit nichts zu tun. Außerdem gibt es dort noch die Dachkammer, die ich als Lagerraum für alles Mögliche benutze, und so soll es eigentlich auch bleiben. Sie dürfen sich dort gern einmal umschauen. Viele der Möbel kommen mir ganz brauchbar vor, aber das können Sie besser beurteilen.“

„In diesen alten Häusern sind oft wertvolle Antiquitäten versteckt. Möglicherweise finden sich sogar ursprüngliche Einrichtungsgegenstände darunter.“

„Das wäre ja toll.“

Gründlich inspizierten sie das Erdgeschoss mit seinen zahlreichen Räumen: Küche, Frühstückszimmer, Ballsaal, Salon, Speisesaal für mindestens zwei Dutzend Personen, Garderobe, Billardzimmer, Rauchersalon, Wohnzimmer, zwei Toiletten und Waschräume, dazu gab es noch einen antiquierten Fahrstuhl aus den Dreißigern. Die Küche war vollkommen neu renoviert und mit hochwertigen Geräten ausgestattet, doch zu Cheys Erleichterung waren die ursprünglichen Bodenfliesen, die Deckenbalken und die Kohleöfen erhalten geblieben.

Die anderen Räume waren größtenteils schäbig und baufällig und seit mindestens vierzig Jahren nicht mehr renoviert worden. Tapeten hatten sich gelöst und Parkettböden waren verrottet.

Das zweite Stockwerk war besser erhalten. Eine lange Galerie nahm die gesamte Rückseite des Hauses ein und führte auf einen Balkon über dem Wintergarten. Zwei schmalere Korridore gewährten Zugang zu den vierzehn separaten Schlafgemächern. Wie in vielen alten Häusern wiesen zahlreiche Räume Verbindungstüren auf, die teilweise zugemauert waren.

Brodie hatte ein vorläufiges Büro in einem der vorderen Zimmer des Hauses eingerichtet und Strom-, Telefon- und Datenleitungen für mehrere Computer installieren lassen. Der von ihm beauftragte Elektriker hatte das gesamte Haus überprüft und einen Bericht angefertigt, aus dem hervorging, dass einige Räume zwanzig Jahre alte Leitungen und andere gar keine Elektrizität hatten.

„Danke“, sagte Chey, als Brodie ihr die Planskizze überreichte. „Das erleichtert es mir gewaltig, mein Angebot aufzustellen.“

„Welches Angebot?“

„Ich dachte, sie wollten von mir ein Angebot für das Projekt“, sagte sie verwirrt.

„Ich will, dass Sie das Projekt beaufsichtigen“, entgegnete er tonlos.

„Soll das heißen, dass Sie sich bereits entschieden haben?“

„Ich hatte mich schon entschieden, bevor ich den Brief geschrieben habe.“

„Noch bevor Sie mich kennengelernt haben?“

Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Es gibt bessere Wege, sich über jemanden kundig zu machen, wenn es um Geschäfte geht. Ich dachte, Sie wüssten das. Außerdem hat meine Großmutter Sie ja schon bei dieser Teeparty kennengelernt. Sie ist nur zu dem Zweck hingegangen, nachdem meine Nachforschungen bestätigten, dass Sie die beste Person für den Job sind.“

„Sie haben Nachforschungen über mich anstellen lassen?“

„Sehr gründliche sogar, aber nur über Ihr Geschäft. Ich schnüffle nie im Privatleben eines Menschen herum.“

„Das ist aber ein seltsames Geschäftsgebaren, finden Sie nicht?“, fragte sie schroff.

„Im Gegenteil. Ich halte diese Vorgehensweise sogar für sehr effektiv.“

„Aber was ist mit der menschlichen Ebene? Manchmal gibt es da Konflikte.“

„Auf lange Sicht engagiere ich lieber jemanden, der gute Arbeit leistet, auch wenn ich ihn persönlich nicht besonders mag, als festzustellen, dass eine mir sympathische Person schäbige Arbeit leistet.“

„Das ist Ansichtssache“, entgegnete Chey kühl.

„So sehe ich es aber. Also, sind wir uns einig oder nicht?“

„Das kommt ganz drauf an. Ich meine, wenn ich kein Angebot für das Projekt abgeben soll, kann ich nur davon ausgehen, dass Sie mir ein bestimmtes Gehalt bieten.“

Brodie schüttelte den Kopf. „Keineswegs. Ich weiß, wie viel dieser Auftrag mir wert ist und vermutlich kosten wird. Also werde ich die Summe, die ich auszugeben bereit bin, auf ein Bankkonto einzahlen, auf das Sie unbeschränkten Zugriff haben. Ich erwarte, dass drei Viertel der Summe in das Haus einfließen. Der Rest gehört Ihnen. Wenn Sie mehr verbrauchen, wird dadurch Ihr Verdienst geschmälert. Wenn Sie weniger ausgeben – nun, ich warne Sie, dass ich hervorragende Qualität erwarte und persönlich die Arbeit und die Rechnungen prüfen werde.“

Es war ein äußerst fairer Vorschlag, der jedoch einen Haken hatte. „Und was ist, wenn ich mit der Summe nicht zufrieden bin, die Sie auszugeben gedenken?“

„Dann suche ich mir jemand anderen“, sagte Brodie unverblümt. „Aber ich glaube schon, dass Sie einwilligen. Übrigens sollen Sie das gesamte Projekt von A bis Z beaufsichtigen. Sie sind der Boss, in jeder Hinsicht.“

„Abgesehen davon, dass Sie mich überwachen werden.“

„Nur um sicher zu gehen, dass ich etwas Vollwertiges für mein Geld bekomme. Ich werde Ihnen in fachlicher Hinsicht nicht hereinreden. Die Expertin sind schließlich Sie, oder?“

Etwas schärfer als beabsichtigt erwiderte Chey: „Darauf können Sie wetten.“

Brodie grinste. „Ich vertraue darauf. Nicht, dass ich ein großes Risiko eingehe. Zufällig weiß ich, dass Sie nicht nur Architektur und Design studiert, sondern auch tischlern, klempnern und mauern gelernt haben.“

Sie wusste nicht recht, ob sie beleidigt oder beeindruckt sein sollte, und entschied sich schließlich für Ersteres. „Warum haben Sie dann gefragt?“

Brodie lächelte ungerührt. „Nur um zu sehen, wie Sie reagieren. Ich mag keine falsche Bescheidenheit.“

„Und ich mag keine Arroganz.“

Er lachte laut auf. „Ist es denn arrogant, seine Hausaufgaben zu erledigen? Sich zu vergewissern, dass jemand dem Job gewachsen ist?“

Voller Sarkasmus entgegnete sie: „Sie halten sich wohl für eine bessere Geschäftsperson als mich, weil ich nie jemanden so gründlich überprüfe, mit dem ich Verträge schließe.“

„Sie berappen ja auch nicht eine Million Dollar.“

Fassungslos starrte Chey ihn an. Es war fast doppelt so viel, wie sie ihm durch Einsatz all ihrer Überzeugungskünste zu entlocken erwartet hatte. Sie schluckte ihre Verblüffung hinunter und brachte schließlich hervor: „Damit kann ich arbeiten.“

„Das hoffe ich doch.“ Brodie reichte ihr die Hand. „Sind wir uns also einig?“

„Vollkommen.“ Sie legte die Hand in seine. Ein Prickeln wie von einem Stromschlag rann ihr den Arm hinauf und den Rücken hinab. Was hatte dieser Brodie Todd an sich, das diese Reaktion auslöste? Es beunruhigte sie sehr. Sie ließ es normalerweise nicht zu, dass Männer ihr derart unter die Haut gingen, und es gefiel ihr ganz und gar nicht, dass sie in diesem Fall keinerlei Kontrolle über sich zu haben schien.

„Der Vertrag wird morgen Vormittag in Ihrem Büro sein.“ Brodie ließ ihre Hand los. „Wollen wir jetzt unsere Inspektion fortsetzen?“

Autor

Arlene James
Arlene James schreibt bereits seit 24 Jahren Liebesromane und hat mehr als 50 davon veröffentlicht. Sie ist Mutter von zwei wundervollen Söhnen und frisch gebackene Großmutter des, wie sie findet, aufgewecktesten Enkels aller Zeiten. Darum hat sie auch im Alter von 50 plus noch jede Menge Spaß.

Sie und ihr Ehemann,...
Mehr erfahren