Historical Lords & Ladies Band 75

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SIE SIND MEIN GLÜCKSSTERN, GEORGINA
von MARSHALL, PAULA

  • Erscheinungstag 30.08.2019
  • Bandnummer 0075
  • ISBN / Artikelnummer 9783733737252
  • Seitenanzahl 400
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Paula Marshall, Ann Lethbridge

HISTORICAL LORDS & LADIES BAND 75

1. KAPITEL

Hast du schon das Neueste gehört, Georgie? Der Erbe von Jesmond House ist aufgetaucht. Du solltest besser nicht mehr mit den Kindern im Jesmond Park spielen.“

Georgie – oder richtiger Georgina – war damit beschäftigt, die Saiten der alten Gitarre ihres verstorbenen Halbbruders nachzuziehen. Ihr gegenüber saß ihre verwitwete Schwägerin, die zwar nur einige Jahre älter als sie selbst, aber eine kränkliche Frau war und ihr Leben auf dem Sofa zubrachte.

„Wer ist denn der neue Besitzer?“

„Keine Ahnung.“ Caro Pomfret seufzte. „Mir gegenüber hat Miss Jesmond nie irgendwelche Verwandten erwähnt. Du hattest doch den Kontakt zu ihr.“ Sie sah ihre Schwägerin missbilligend an. „Glaubst du, das ist die richtige Kleidung, um mit den Kindern in den Park zu gehen?“

Georgie lächelte nachsichtig. Sie trug ein Hemd, eine Kniebundhose und Stiefel – Reitkleidung, die einst ihrem Halbbruder John gehört hatte. Ihr kastanienbraunes Haar war kurz geschnitten, so wie es vor ein paar Jahren Mode gewesen war – aber Georgie richtete sich selten nach der gängigen Mode. Kleidung und Frisur mussten lediglich praktisch sein.

„Ich spiele mit Gus und Annie hinten im Park.“ Georgie schlug versuchsweise ein paar Akkorde an. „Dort, wo uns nur Vögel und Eichhörnchen beobachten.“

„Mag ja sein. Du vergisst nur, dass dieser Teil des Parks an Miss Jesmonds Anwesen grenzt. Stell dir vor, irgendein Gentleman begegnet dir dort. Was würde er von Miss Pomfret aus Pomfret Hall halten, die wie ein Stallbursche herumläuft.“

„Ach, Caro, nun übertreib aber nicht. Außerdem bin ich nicht mehr Miss Pomfret, sondern die respektable Witwe von Charles Herron aus Church Norwood, die zurzeit in unserem beiderseitigen Interesse hier lebt.“

Das stimmte zwar nicht ganz, denn das Interesse lag mehr bei Caro Pomfret. Die Pomfrets waren nie reich gewesen, und als Georginas Halbbruder John nach einem Jagdunfall verstorben war, hatte er seiner Frau Caro und den Zwillingen gerade genug zum Leben hinterlassen. Nur um der beiden Kinder ihres Halbbruders willen hatte Georgina sich entschlossen, in ihr Elternhaus zurückzukehren und mit ihrer Schwägerin zusammenzuleben, die seit dem plötzlichen Tod ihres eigenen Mannes kränklich war. Georgie selbst hatte ein ansehnliches Vermögen von ihrer Mutter – der zweiten Frau ihres Vaters – geerbt. Und auch ihr Mann hatte ihr eine respektable Summe hinterlassen einschließlich eines Hauses, das zurzeit an einen reichen Inder vermietet war. Georgina war zwar erst fünfundzwanzig, dennoch hatte sie nicht den Wunsch, wieder zu heiraten.

„Kein Gentleman würde dich so für eine respektable Frau halten, Georgie“, stöhnte Caro.

„Ob respektabel oder nicht, mich interessieren die Männer nicht“, erklärte Georgie abschließend und stimmte, glücklich, dass sie die Gitarre wieder zum Leben erweckt hatte, mit ihrer weichen Altstimme ein Lied an. Dann stand sie auf. „Verzeih, Caro, aber ich möchte die Kinder nicht warten lassen.“

„Denk dran, dass ihr nicht über Miss Jesmonds Grundstück geht. Wir wollen unseren neuen Nachbarn doch nicht gleich zu Anfang verärgern.“

„Ich denke immer daran, was du mir sagst“, log Georgie. „Ruh dich aus, dann können wir heute Abend alle zusammen Karten spielen.“

„Wenn ich nicht wieder Kopfschmerzen habe“, jammerte Caro. Sie sah ihrer Schwägerin kopfschüttelnd nach. Georgie ist flach wie eine Bohnenstange, sodass man sie in den alten Kleidern ihres Bruders leicht für einen Jungen halten kann, dachte Caro hämisch und schon im Halbschlaf. Es verwunderte sie nicht, dass ihre Schwägerin einen ältlichen Mann geheiratet hatte – wohl aus finanziellen Gründen, und, wie Caro vermutete, weil kein anderer Georgie genommen hätte.

Währenddessen wanderte Georgie durch den kleinen Park, in dem niemand die gepflegten Rasenflächen betreten durfte. Gus und Annie rannten fröhlich hinter ihr her. Die drei waren auf dem Weg zu einem großen Rasenstück am äußersten Ende des Jesmond Parks. Dort konnten die Kinder nach Herzenslust Kricket spielen, weit entfernt von den missbilligenden Blicken ihrer Mutter.

Der neue Besitzer von Jesmond House stand derweil an der Terrassentür seines Hauses und schaute hinaus in einen verwilderten Garten und einen verwahrlosten Park, in dem ein kleiner halb verfallener Pavillon stand. Die mahnenden Worte seines früheren Arbeitgebers klangen Jesmond Fitzroy in den Ohren: „Wissen Sie, worauf Sie sich einlassen? Es ist hoffentlich keine Laune.“ Damals hatte er Ben Wolfe gerade mitgeteilt, dass er das Anwesen seiner Großtante geerbt hatte und von seinen Pflichten entbunden werden wollte, um einen neuen Anfang zu wagen, weit weg von dem geschäftigen Leben in London. „Nein, keine Marotte“, erinnerte sich Jesmond geantwortet zu haben. „Der Grund ist auch nicht, dass ich nicht mehr für Sie arbeiten will – ich verdanke Ihnen mehr, als ich Ihnen je entgelten kann.“ Ben Wolfe hatte bescheiden abgewehrt: „Sie schulden mir längst keinen Dank mehr. Ich will nur sichergehen, dass Sie Ihren Schritt sorgfältig überlegt haben. Aber Sie wissen ja, Sie sind jederzeit willkommen.“ Jesmond hatte darauf nur geantwortet: „Ich werde unsere Zusammenarbeit vermissen“, und Ben freundschaftlich die Hand gedrückt.

Die beiden Männer hätten unterschiedlicher nicht sein können. Beide waren groß und stattlich, aber Ben war ein grauäugiger, schwarzhaariger Bär, der eher wie ein Faustkämpfer denn wie ein reicher Mann aus einer alten Familie aussah. Jesmond dagegen war blauäugig und hellhäutig, im klassischen Sinne attraktiv, mit der Figur und der Haltung eines Athleten. Bens Frau Susanna hatte die beiden einmal, was das Äußere anbetraf, Schwert und Degen genannt. Im Geschäftsleben jedoch waren beide gleich gewieft – Jesmond, weil der etwas ältere Ben ihn dazu gemacht hatte, und Ben von Natur aus.

„Finanziell werden Sie ja keine Schwierigkeiten haben“, hatte Ben mit leicht gehobenen Brauen geäußert. „Und falls doch …“ Jesmond hatte das Angebot zu schätzen gewusst, aber sorglos geantwortet: „Meine Großtante hat mir Kapital hinterlassen, und ich selbst bin auch nicht ganz unvermögend.“

Diese Antwort war allerdings mehr Ausflucht als Lüge. Ben brauchte nicht zu wissen, dass Jesmond selbst reich geworden war, weil er dem Beispiel seines Arbeitgebers gefolgt war. Genau wie Ben hatte er 1815 Aktien gekauft und nicht wie viele andere verkauft. Seitdem hatte er immer wieder klug investiert, und obwohl er nicht so vermögend wie Ben war, so war er doch wohlhabender als die meisten Menschen. Seine wahre finanzielle Lage verheimlichte Jesmond, denn bereits als junger Mann hatte er gelernt, seine Karten niemals offen auf den Tisch zu legen. Damals hatte Ben Wolfes freundschaftlicher Rat ihn vor dem Bankrott gerettet.

Heute war Jesmond allerdings der Ansicht, dass er nicht länger Bens mächtigen Beistandes bedurfte. Nur wenn er die altbekannten Pfade verließ, glaubte Jesmond auch eine Frau finden zu können. Er hatte allerdings keine Ahnung gehabt, was ihn am Ende seiner Reise in den Süden von Nottinghamshire erwarten würde. Als Kind war er gerne zu seiner Großtante gefahren. Mit den Jahren war der Kontakt zu ihr abgebrochen, nur manchmal hatte er sich etwas wehmütig an fast vergessene Zeiten erinnert. Bis dann eines Tages der Brief ihres Anwalts mit der Mitteilung gekommen war, dass sie Jesmond das Haus und ein kleines Vermögen an Bargeld vererbt hatte.

Seine erste Reaktion war gewesen, das Haus unbesehen zu verkaufen. Doch eine plötzliche Eingebung hatte ihn anders entscheiden lassen. Und nun stand er in diesem vom Zerfall gekennzeichneten Haus, das ihn kaum noch an das gepflegte prächtige Anwesen seiner Jugend erinnerte.

Nun gut! Es würde der gesamten Ersparnisse seiner Großtante und eines Teils seiner eigenen bedürfen, um das Haus wieder in dem alten Glanz erstrahlen zu lassen. Und so passte es, dass an diesem Punkt seiner Überlegungen Twells, das betagte Faktotum seiner Großtante, sich ehrfürchtig näherte und murmelte: „Um diese Stunde am Nachmittag pflegte Miss Jesmond ihren Tee zu nehmen. Wollen Sie diese Sitte beibehalten, Sir?“

Jesmond wollte schon ablehnen, als er sich plötzlich an die sonnigen Sommernachmittage seiner Kindheit erinnerte. An die Großtante, mit der zusammen er Tee getrunken hatte, an einen jungen Twells, der ihr zur Hand gegangen war. Diese Erinnerung und die Vorstellung, wie beängstigend und verwirrend seine Gegenwart für den alten Mann sein musste – obwohl Jesmond sofort nach seiner Ankunft den wenigen verbliebenen Bediensteten seiner Großtante ihr Verbleiben im Haus zugesichert hatte –, brachte ihn zu dem Meinungswechsel.

„Gerne, Twells. Und anschließend mache ich einen Spaziergang durch den Park bis zu dem Feld, wo früher die Dienerschaft Kricket spielte.“

Der alte Mann strahlte ihn an. „Daran erinnern Sie sich noch, Sir? Bei Ihrem letzten Besuch waren Sie ja noch ein junger Spund und ich war auch noch flinker auf den Beinen. Ich bringe den Tee sofort.“ Und während er davoneilte, murmelte er unentwegt: „Mrs. Hammond wird sich freuen.“

Nachdem Twell gegangen war, bereute Jesmond fast seinen übereilten Entschluss, einen Spaziergang zu machen. Er trug nämlich immer noch seine Stadtkleidung – modisch enge Pantalons, eleganter Gehrock mit passender Weste und hochgeschlungenem Krawattentuch, das er eigenhändig gebunden hatte. Sein Kammerdiener hatte ihn nämlich verlassen, um die Gastwirtschaft seines Vaters in Devon zu übernehmen, und Jesmond fragte sich manchmal, ob er nicht deshalb so plötzlich London und seine alten Gewohnheiten aufgegeben hatte. Auf dem Land konnte er sich lässiger kleiden als in der Stadt, wo ein Mann nach seinen Äußeren beurteilt wurde.

Da saß Jesmond Fitzroy nun, an einem milden Mainachmittag, trank Tee, aß Törtchen mit Konfitüre, und staunte, dass Mrs. Hammonds sich an die Vorliebe seiner Kindheit erinnerte. In London hätte er um diese Zeit an seinem Schreibtisch gesessen oder wäre dabei gewesen, einen delikaten – oder weniger delikaten – Auftrag für Ben Wolfe zu erledigen. Es war für Jesmond ungewohnt, dass ihm der Tag ganz allein gehörte, und er wusste nicht so recht, was er mit dieser neuen Freiheit anfangen sollte.

Er stand auf, ging langsam über die Terrasse, schlenderte die Treppe und die Böschung hinunter, an den vernachlässigten Blumenbeeten vorbei. Schließlich erreichte er ein schief in den Angeln hängendes Holztor, durch das man, wie er sich erinnerte, zum Kricketplatz kam. Helle Kinderstimmen und ein Ruf „Gut gefangen!“ machten ihn neugierig.

Im Stillen musste Jesmond lachen. Vermutlich spielten Kinder aus dem Dorf auf der Wiese, wo in seiner eigenen Kindheit ein betagter Esel gegrast hatte. Es galt nur noch ein kleines Gehölz zu durchschreiten, bis er den Platz erreichte, wo die Eindringlinge sich vergnügten.

Trotz des fröhlichen Geschreis waren es nur drei, wie er feststellte. Ein etwa zehnjähriger Junge und ein gleichaltriges Mädchen – der Kleidung nach Pächterskinder – und ein ähnlich gekleideter Jüngling mit kastanienbraunem Haar. Sie spielten mit einem groben Kricketschläger und nur einem Tor. Die drei waren so in ihr Spiel vertieft, dass sie Jesmond zunächst gar nicht bemerkten, bis das Mädchen, das gerade im Ballbesitz war, von dem Jungen geschlagen wurde.

Jesmond klatschte anerkennend in die Hände. „Guter Schlag. Darf ich mitspielen?“

Die drei sahen sich erstaunt um. „Sie müssen der neue Besitzer von Jesmond House sein“, sagte der Jüngling. „Entschuldigen Sie, dass wir hier spielen, aber es ist der einzige Rasenplatz in der Nähe. Vermutlich möchten Sie, dass wir gehen.“

Ein hübscher Junge – wie Fitzroy feststellte – mit einem kecken Gesicht und einer klaren angenehmen Stimme, der trotz seiner derben Kleidung sauber und ordentlich aussah.

„Ach, Georgie!“, rief der kleine Junge vorwurfsvoll. „Er hat doch gesagt, er will mitspielen. Gib ihm deinen Schläger, Annie. Oder wollen Sie lieber fangen, Sir?“

Aha, noch so ein wohlerzogener Bauernlümmel, dachte Jesmond. „Ich war nie ein guter Fänger, bin aber kein schlechter Schlagmann.“

Annie reichte ihm ihr Schlagholz. „Beurteilen Sie Georgies Fänge nicht nach dem, was ich bekommen habe.“ Gus, der ihr mit einer Geste bedeutete, den Mund zu halten, hielt sie davon ab, mehr zu verraten.

Vor diesem Georgie muss ich mich also in Acht nehmen, dachte Jesmond und fand, dass er selbst, in seiner engen Hose und der modisch steifen Krawatte, die ihm kaum erlaubte, den Kopf zu drehen, für ein zünftiges Spiel nicht angemessen gekleidet war. Andererseits war Georgie schmächtig – obwohl manchmal die Schmächtigen die erfolgreichsten und geschicktesten Ballmänner waren. Jesmond befreite sich von seiner Krawatte und öffnete den obersten Hemdknopf, bevor er Habachtstellung einnahm.

Der Anlauf des Jungen war kurz, der Ball, gekonnt geworfen, sauste auf Jesmond zu, der ihn hoch, wegen der jugendlichen Mitspieler, aber nicht zu kräftig, schlug. Gus schrie vor Begeisterung, Annie verfolgte, den Finger im Mund, staunend die Flugbahn des Balles, gleichzeitig rannte Georgie los, verpasste jedoch um Zentimeter die Aufschlagstelle. Der Ball rollte ins Gebüsch. Mit offener Jacke und fliegenden Rockschößen spurtete der Halbwüchsige hinterher.

Jesmond hielt den Atem an. Es war nicht zu übersehen! Georgie war kein Halbwüchsiger, sondern ein Mädchen in Jungenkleidern. Und so wie Miss Georgie auf den Knien nach dem Ball suchte, ein richtiger Wildfang.

Ein Urteil, das sich bestätigte, als sie den Ball mit gestrecktem Arm warf. „Gus! Dein Wurf!“

Gus fing den Ball. „Oh, Georgie, gegen den Dandy habe ich keine Chance!“

Amüsiert, dass Gus ihn für einen mondänen Müßiggänger hielt, hob Jesmond sein Schlagholz zum Salut. Der Junge belohnte ihn mit einem kämpferischen Blick und ein paar schwachen Würfen, die Jesmond mit mehr Respekt beantwortete, als ihnen zukam. Gus’ vierten Wurf ließ Jesmond jedoch passieren, wurde aber von Georgie – oder besser Georgina – abgepasst. Sie lachte triumphierend.

„Fabelhaft, Georgie! Der kann ja richtig spielen!“, schrie Gus.

Sofort wurde Georgie wieder ernst. „Was soll das, Sir?“, fragte sie etwas beleidigt, während sie den Ball mit gestrecktem Arm hielt. „Wollten Sie das Spiel beenden?“ Doch bevor Jesmond antworten konnte, fuhr sie fort: „Oh, entschuldigen Sie meinen rauen Ton. Sie müssen Miss Jesmonds Erbe sein. Wir sind lediglich ganz gewöhnliche Eindringlinge. Es ist also Ihr gutes Recht, mir einen Fallrückzieher anzubieten. Es war ausgesprochen zuvorkommend, dass Sie Gus die Tore haben schlagen lassen. Nochmals, entschuldigen Sie.“

Jesmond, der inzwischen Annie das Schlagholz zurückgegeben hatte, schmunzelte über Miss Georgies impulsiven Redeschwall. „Absolut nicht!“, sagte er, während er über den Platz auf sie zuging. Als er ihr gegenüberstand, verbeugte er sich formvollendet, um das Bild des eleganten Dandies zu bestätigen. „Entschuldigen Sie, dass ich es übertrieben habe. Ich hätte wissen sollen, dass Master Gus einen guten Lehrmeister hat. Könnten wir uns wohl einen Moment alleine unterhalten?“

Georgie sah ihn prüfend an. Eine beeindruckende Gestalt, groß und breitschultrig, ganz anders als ihr verstorbener Mann, der ein schmächtiger Wissenschaftler gewesen war. Der Erbe von Jesmond House war überaus attraktiv. In der Umgebung von Netherton gab es keinen Mann, der ihm auch nur im Entferntesten das Wasser reichen konnte. Goldblond, blaue Augen, eine gerade Nase und ein schmaler etwas spöttisch verzogener Mund, wie Georgie verwirrt bemerkte – so stellte man sich den Prinzen im Märchen vor. Auch seine Stimme war angenehm, obwohl es eine Stimme war, die gewohnt war, zu befehlen. Georgie überlegte, was er ihr wohl zu sagen hatte, während sie die Zwillinge bat, alleine weiter zu spielen.

Jesmond musterte sie kritisch. Von Nahem konnte man sie nicht für einen Jungen halten, obwohl sie die Jacke zugeknöpft hatte, sodass sich ihre kleinen Brüste unter dem Hemd nicht mehr abzeichneten. Er nahm an, dass sie noch nicht zwanzig war. Später erkannte er, wodurch er sich hatte täuschen lassen: durch ihre natürliche Art, ihre Unbefangenheit und ihren offenen Blick.

„Mein Name ist Jesmond Fitzroy, und ich bin, wie Sie richtig vermutet haben, der neue Eigentümer von Jesmond House. Miss Jesmond war meine Großtante und ich bin auf einer ersten Inspektionstour über meinen Besitz. Ich habe durchaus nichts dagegen, dass Sie und Ihre Geschwister auf meinem Land spielen. Nur ein wenig verwundert bin ich und besorgt, dass ein junges Mädchen in Jungenkleidern herumläuft. Heutzutage treiben sich überall eine Menge Gauner herum. Ich halte es deshalb für meine Pflicht, Ihre Eltern darauf hinzuweisen, wie gefährlich es für Sie sein kann. Wären Sie so freundlich, mir Ihren Namen zu nennen?“

Anfänglich hatte Georgina ihn noch freundlich angelächelt, doch gegen Ende seiner wohlgemeinten, aber so gänzlich misslungenen Ratschläge war ihr Blick finster und zornig. Sie biss sich auf die Lippen – und schwieg.

Jesmond wartete, und da sie offensichtlich nicht antworten wollte, wiederholte er seine Frage etwas nachdrücklicher. „Ihren Nachnamen bitte, Miss Georgina?“

„Reden Sie immer so geschwollen, Mr. Fitzroy?“, fragte sie leise, aber sichtlich wütend. „Gus und Annie sind nicht meine Geschwister. Und Ihre Predigten können Sie in Zukunft jemand anderem halten, denn selbstverständlich werde ich Ihr Anwesen nicht wieder betreten – weder in Röcken noch in Hosen.“ Ihr Temperament brannte mit ihr durch. „Nur zu Ihrer Information, Sir! Meine Eltern sind tot, und ich bin durchaus fähig, für mich selbst zu sorgen.“ Ehe er antworten konnte, kehrte sie ihm den Rücken. „Gus, Annie! Sammelt Schläger und Tore ein! Wir gehen!“

„Einen Moment, bitte“, versuchte Jesmond sie zu halten.

„Moment?“, schrie Georgie unbeherrscht. „In einem Moment sind wir weg!“

„Nein!“, befahl Jesmond ganz entgegen seiner üblichen ausgeglichenen Art. „Sie werden mir sofort sagen, wie Sie heißen und wo Sie wohnen. Irgendjemand in Ihrer Umgebung wird doch so viel Verstand besitzen, Sie zur Ordnung zu rufen.“

„Oh, ja!“, erwiderte sie und dachte wütend an Caro und deren ständiges Gejammer. „Sicher gibt es jemanden. In Pomfret Hall – dort finden Sie auch uns drei! Und nun wünsche ich Ihnen einen schönen Tag! Ich nehme an, dass Sie Gentleman genug sind, mich nicht weiter aufzuhalten.“

„Oh, ja!“, bestätigte er ihr wütend. Sie hatte seinen Vorsatz zunichtegemacht, in jeder Situation die Beherrschung zu bewahren. „Ich hege durchaus nicht den Wunsch, eine Hosen tragende Kratzbürste aufzuhalten. Einen schönen Tag noch! Und etwas mehr Einsicht in Zukunft!“

Auf dem Weg zurück nach Pomfret Hall bedauerte Georgie ihre harschen Worte, rot vor Scham gedachte sie ihrer Begegnung mit dem neuen Besitzer von Jesmond House. Was hatte sie nur dazu gebracht, sich so daneben zu benehmen? Sie fand keine Antwort, denn sie wollte sich nicht eingestehen, dass Miss Jesmonds Erbe sie vom ersten Moment an aus der Fassung gebracht hatte. Wie eine ungezogene Göre hatte er sie behandelt. Ihr Stolz war zutiefst verletzt.

2. KAPITEL

Georgina, was ist los? Du bist ja so still.“ Caro hatte wie immer ein wenig gejammert, bevor sie sich dann doch überreden ließ, Karten zu spielen. Und nun, nach einem frühen Abendessen, hatte sie sich in ihre bevorzugte Ruhestellung auf dem Sofa begeben mit einem Buch ihrer Lieblingsautorin, in dem sie lustlos blätterte.

Georgina war dabei, ein Puppenkleidchen zu flicken, das Caros Mops Cassius, der normalerweise ähnlich schläfrig war wie sein Frauchen, in einem ungewöhnlichen Temperamentsausbruch zerrissen hatte.

„Du könntest mir schon eine Antwort geben“, mahnte Caro vorwurfsvoll.

Georgie nahm eine Stecknadel aus dem Mund und seufzte. „Entschuldige, irgendwie bin ich heute Abend geistesabwesend.“ Ein wenig verwundert überlegte sie, was sie Caro antworten sollte, denn normalerweise hätte sie ihrer Schwägerin sofort von dem Zusammentreffen mit Jesmond Fitzroy erzählt. Gus und Annie hatten glücklicherweise von dem heftigen Wortwechsel nichts mitbekommen und ihrer Mutter nur von dem fremden Mann im Park berichtet. Und Caro, die wie üblich viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen war, hatte ihren Kindern wieder einmal nicht zugehört.

Georgies ungewöhnliche Schweigsamkeit schien Caro aber zu beunruhigen. „Du hast dich doch nicht erkältet? Dr. Meadows meint nämlich, ich dürfe mich in meinem angegriffenen Zustand nicht anstecken.“

„Nein, ich werde nicht krank. Wir haben heute Nachmittag beim Kricket-Spielen auf der Wiese Miss Jesmonds Erben getroffen.“

Caro setzte sich beleidigt auf. „Und davon hast du bis jetzt nichts gesagt? Sehr rücksichtslos, Georgina! Endlich passiert einmal etwas in Netherton, und du behältst es für dich!“

„Nun übertreib aber nicht, Caro. Wir hatten doch noch gar keine Gelegenheit, in Ruhe miteinander zu reden.“

„War das der fremde Gentleman, von dem die Kinder sprachen?“, lenkte Caro ab.

„Hm. Jesmond Fitzroy, Miss Jesmonds Großneffe“, antwortete Georgie wortkarg.

„Und? Wie sieht er aus? Wie alt ist er? Ein Gentleman?“

Georgie dachte an den perfekt gekleideten Mr. Jesmond Fitzroy, an seine exquisite städtische Garderobe. „Absolut.“

„Das kann doch nicht alles sein. Du musst wissen, ob er jung oder alt ist!“

„In den Dreißigern. Sehr attraktiv.“

„Hat er was von einer Frau gesagt?“ Der plötzliche Eifer in Caros Stimme überraschte Georgina.

„So lange haben wir nicht miteinander gesprochen. Er war alleine dort und hat uns erlaubt, auch weiterhin auf der Wiese Kricket zu spielen. Aber ich bin mir nicht sicher, ob wir das Angebot annehmen sollen.“

„Unsinn! Warum denn nicht? Ein attraktiver junger Mann – möglicherweise ohne Frau – ein Gewinn für Netherton. Ob er wohl reich ist? Wir müssen ihn unbedingt zum Dinner einladen. Am besten machst du ihm einen formellen Besuch.“ Caro sah Georgina etwas ängstlich an. „Hat er etwa deine Breeches bemerkt?“

„Natürlich“, erwiderte Georgie patzig. „Selbstverständlich ziehe ich ein Kleid an, falls ich ihm überhaupt einen Besuch abstatten sollte.“

„Wieso falls? Du hast doch sonst nichts zu tun! Du würdest mir eine große Freude machen, und das würde endlich ein wenig Abwechslung in mein eintöniges Leben bringen. Wir sollten uns seiner Freundschaft versichern, bevor Mrs. Bowlby das tut. Die reißt in letzter Zeit sowieso alles an sich. Schließlich bin ich immer noch Mrs. John Pomfret von Pomfret Hall!“

Höflich hielt sich Georgie zurück. Wenn ihre Schwägerin ihr Leben nicht auf der Chaiselongue zubringen würde, wäre es für Mrs. Bowlby bestimmt nicht so leicht, die grande dame von Netherton zu spielen. Dass Caro überhaupt noch ein gesellschaftliches Leben führte, hatte sie Georgie zu verdanken. Und die tat es im Grunde nur im Andenken an ihren Bruder und für Annie und Gus, die sonst ganz vernachlässigt würden.

Und so willigte sie schließlich ein, obwohl sie keine große Lust hatte, Mr. Fitzroy einen Besuch abzustatten. „Wenn du Mrs. Bowlby unbedingt ausstechen willst, weshalb machst du dann nicht selbst einen Besuch? So weit ist es doch nicht zu deinem nächsten Nachbarn.“

Caro stöhnte leidend. „Du weißt genau, Georgie, weshalb ich so wenig ausgehe. Die Anstrengung ist viel zu groß. Ich kann einfach nicht in Netherton herumlaufen und überall Einladungen zum Dinner verteilen. Außerdem tust du das doch gerne.“

Aber nicht bei Mr. Jesmond Fitzroy, dachte Georgie mürrisch. Wieso zeigte Caro überhaupt plötzlich so viel Interesse an ihrem Nachbarn? Richtig! Caro war fast dreißig, John drei Jahre tot, und es gab wenige Männer in diesem Teil von Nottinghamshire, die Caro wohl für passend hielt, eine Mrs. John Pomfret zu ehelichen. Deshalb der Rückzug auf das Sofa? Das Erscheinen eines jungen attraktiven Mannes, nur wenig älter als sie selbst und vermögend, gab ihr wohl eine völlig andere Perspektive als die derben Landedelmänner aus der Umgebung.

Irgendwie bekümmerte Georgie dieser Gedanke. Seltsam, denn eigentlich war ihre Erinnerung an Mr. Jesmond Fitzroy eher unangenehm. Möglicherweise gaben er und Caro aber ein gutes Paar ab, ihre gemeinsame Kritik an ihr würde sie bestimmt vereinen.

„Bevor halb Netherton bei Mr. Fitzroy vorspricht, stattest du ihm morgen Vormittag einen Höflichkeitsbesuch ab. Dieser Banker Bowlby tut ja so, als habe er die Position übernommen, die Gus einmal zusteht, wenn er erst alt genug ist.“ Sie sank erschöpft in ihre Kissen zurück. „Du kannst Mr. Fitzroy und seine Gattin, wenn er eine hat, ja morgen zum Dinner einladen.“

Georgie wollte auf jeden Fall ein weiteres Tête-à-tête mit ihrem neuen Nachbarn vermeiden, Caros Bitte aber auch nicht ablehnen, da dies nur zu langatmigen Diskussionen geführt hätte. Also beschloss sie, am nächsten Morgen einen Diener mit einer Dinnereinladung für den kommenden Freitag nach Jesmond House zu schicken. Die zwei Tage bis dahin würden Mr. Fitzroy etwas Zeit geben, sich einzuleben, obwohl er nicht danach aussah, als brauche er Zeit zum Einleben. Dieser Mann konnte sich bestimmt sofort überall zurechtfinden – ob in Netherton oder anderswo.

Netherton war der Einwohnerzahl nach ein Dorf, dennoch hatte es kleinstädtisches Flair. Es gab einige gute Geschäfte, zwei Posthaltereien, eine Bank, und obwohl Netherton kein offizielles Heilbad war, besaß es eine prächtige Wandelhalle, wo man das Heilwasser trinken konnte, das von der nahen St.-Anne-Quelle herbeigeschafft wurde. An zwei Nachmittagen in der Woche wurde in der Grand Hall sogar Tee und Kuchen zu den Klängen eines Streichquartetts serviert.

Neben Pomfret Hall und Jesmond House gab es in der näheren Umgebung noch eine Reihe anderer respektabler Landsitze, deren adelige Eigentümer der kleinen Stadt zu einem regen gesellschaftlichen Leben verhalfen. Und so machte denn auch die Nachricht, dass der Erbe von Jesmond House eingetroffen war, schnell die Runde.

Am Nachmittag nach Georginas Zusammentreffen mit Jesmond hielt Mrs. Bowlby, die Frau des Bankiers, in ihrem Empfangszimmer im Kreise ihrer Busenfreundinnen Hof.

„Bist du ganz sicher, dass er wirklich hier seinen Wohnsitz nehmen will, Letithia?“ Mrs. Bowlby konnte ihre Begeisterung über die Ankunft des Neulings kaum unterdrücken. „Ich möchte mich nämlich nicht zum Narren machen, indem ich ein leer stehendes Haus besuche und mich obendrein noch von diesem arroganten Butler abfertigen lassen muss. Den wird der Erbe sowieso als Erstes entlassen.“

„Der Gentleman ist schon eingezogen“, versicherte Miss Letithia Markham, eine verarmte Cousine der Bowlbys, die bei ihnen lebte. „Bereits vor zwei Tagen ist er angekommen, hat seine Köchin unserer Köchin erzählt. Er möchte erst Haus und Hof inspizieren, deshalb hat er seine Ankunft nicht publik gemacht. Und den Butler, den hat er nicht entlassen, und auch die alten ehemaligen Bediensteten wieder eingestellt. Damit musst du dich wohl abfinden, Maria.“ Diese kleinen Stiche, die sie ihrer Cousine hin und wieder versetzen konnte, waren für Miss Markham ein ungeheurer Genuss. Leider war sich Mrs. Bowlby nie ganz sicher, ob diese kleinen Bosheiten mit Absicht oder aus Versehen geäußert wurden.

„So ein Narr! Weißt du mehr? Familie? Geld? Alter? Verheiratet?“

Miss Letithia lächelte. „Oh, ja. Mr. Jesmond Fitzroy ist Miss Jesmonds Großneffe. Verheiratet ist er nicht. Über Familie oder Vermögen konnte unsere Köchin nichts berichten.“

„Fitzroy!“, murmelte die alte Miss Walton von Walton Court. „Seltsamer Name! Ja, ich erinnere mich dunkel.“

„Königssohn bedeutet der Name“, verkündete Mrs. Bowlby.

„Oh, wie romantisch“, flötete Mrs. Firth.

„Mrs. Pomfret hat Mr. Fitzroy schon eine Dinner-Einladung geschickt, die er – so sagt unsere Köchin – erfreut angenommen haben soll.“

„Soso! Wer hätte das gedacht! Immer leidend – und dennoch so schnell!“, konnte sich Mrs. Bowlby nicht verkneifen zu sagen.

„Ist sonst noch jemand eingeladen?“, erkundigte sich Miss Walton mit fragendem Blick in die Runde.

„Würde mich nicht überraschen, wenn er ihr einziger Gast ist“, meinte Mrs. Bowlby mit einem höhnischen Lächeln. Ganz offensichtlich schien sie zu befürchten, ihre Stellung, Nethertons tonangebende Dame zu sein, wieder zu verlieren, da Caro Pomfret wohl beschlossen hatte, ihre Chaiselongue zu verlassen. Mrs. Bowlby hatte schon eine weitere bitterböse Bemerkung auf der Zunge, als der Butler Mrs. Charles Herron ankündigte.

Georgie sah sehr charmant aus in ihrem grünen Ausgehkleid, eine Farbe, die ihr rotbraunes Haar und ihre grünen Augen besonders zur Geltung brachte. Bei einem Blick in den Spiegel hatte sie sich selbst so hübsch gefunden, dass sie am liebsten Mr. Jesmond Fitzroy mit einem überraschenden Besuch verwirrt hätte. Nur um ihm zu zeigen, wie falsch es war, die Frau des Professors Charles Herron als Wildfang in Reithosen abzustempeln.

Georgina war immer wieder erschrocken und amüsiert zugleich über das leere Geschwätz, welches das Leben in der Provinz beherrschte. Ihre Ehe mit einem angesehenen Wissenschaftler, einem Professor der Universität zu Oxford, hatte sie mit einer ganz anderen Gesellschaftsschicht in Berührung gebracht. Zwar war es notwendig gewesen, sich äußerlich in eine zurückhaltende konventionelle Ehefrau zu verwandeln, aber das hatte sie als gerechten Ausgleich für ihren Eintritt in die Welt der Wissenschaft betrachtet, in der ihr Mann eine so hervorragende Stellung gehabt hatte. Nach ihrer Rückkehr nach Netherton verspürte Georgina diese Leere nun umso deutlicher. Aber weder das, noch dass ihr Rückfall in ihren vorehelichen ungezwungen fröhlichen Lebensstil eine Art stille Rebellion gegen die Langeweile in Netherton war, konnte sie Caro anvertrauen.

Also schenkte Georgina Mrs. Bowlby ein liebenswürdiges Lächeln und tat, als hätte sie keinen größeren Wunsch, als in diesem Empfangszimmer zu sitzen, einen dünnen Tee zu trinken und sich an einem Schwatz über abwesende Nachbarn zu beteiligen.

„Wie ich gehört habe, soll Mrs. Pomfret unseren neuen Nachbarn zum Dinner eingeladen haben“, ging Mrs. Bowlby direkt zum Angriff über. „Darf man fragen, ob Sie ihm schon begegnet sind, Mrs. Herron?“

Nachdem sie einmal darüber geschlafen hatte, fand Georgina, dass sie an diesen Mr. Fitzroy viel zu viele Gedanken verschwendete, und so fiel es ihr auch leicht, der Medusa – wie sie das weibliche Ungeheuer, dem sie gegenübersaß, im Stillen nannte – Rede und Antwort zu stehen. „Oh, ja. Rein zufällig! Ich ging mit den Kindern spazieren, als wir ihn auf einer Wiese zwischen Pomfret Hall und Jesmond House trafen.“ Sie hielt inne, um die erwartungsvollen Gesichter um sich herum zu studieren.

„Und was halten Sie von ihm?“, wollte Miss Walton in ihrer üblichen direkten Art wissen.

„Er macht einen sehr zuvorkommenden Eindruck. War nach Londoner Mode gekleidet“, erzählte Georgie lächelnd, als ob sie mit Mr. Fitzroy Artigkeiten ausgetauscht und sich nicht mit ihm ein Wortgefecht geliefert hätte.

„Er soll so um die dreißig sein“, meinte Mrs. Bowlby. „Hat er etwas von seiner Familie oder einer Ehefrau gesagt?“

„Wir haben nur kurz miteinander gesprochen, für persönliche Fragen war es weder die rechte Zeit noch der rechte Ort. Sicherlich werden wir bald alles erfahren. Bis dahin müssen wir uns eben gedulden.“ Das Lächeln, das sie diesmal den versammelten Damen bot, war das von Mrs. Charles Herron aus Church Norwood – kühl und gebieterisch, keinen Widerspruch duldend. Es tötete das weitere Gespräch über Jesmond Fitzroy, und die Damen richteten ihr Interesse auf den Gesellschaftsball, der in zwei Wochen stattfinden sollte. Georgie verabschiedete sich bald darauf, und prompt klatschte das Damenklübchen nun über sie.

„Mrs. Herron scheint mir für ihr Alter etwas zu selbstsicher“, meinte Mrs. Bowlby bemerken zu müssen.

„In Pomfret Hall soll sie ja in Breeches herumlaufen“, tat Mrs. Firth kund.

Die Klatschbasen sahen einander schockiert an und Miss Wanton gab ihren abschließenden Kommentar: „Man kann nur hoffen, dass Mr. Fitzroy sie nicht in diesem Aufzug gesehen hat. Welchen Eindruck müsste er von den Menschen in Netherton haben!“

An jenem Tag, an dem Jesmond Fitzroy abends zum Essen nach Pomfret Hall geladen war, fuhr er früh morgens mit der Gig nach Netherton. Sein extravagantes Curricle hatte er vorerst nicht mit in die Provinz gebracht. Um keinen Preis auffallen, war seine Devise – nicht mittellos, aber auch nicht überdurchschnittlich reich wollte er erscheinen. Und das war genau der Eindruck, den er bei seinem ersten Auftreten im Innenhof des „Weißen Löwen“ machte, als er einem eifrigen Stallknecht die Zügel übergab.

„Wie finde ich die Bank?“, erkundigte sich Jesmond und rückte seinen Hut zurecht – nicht zu fesch und auch nicht zu würdevoll. Diesmal war er nicht wie der vornehme Londoner Geschäftsmann gekleidet, sondern trug einen diskreten Anzug, der ihm für seinen ersten Auftritt in der Kleinstadt geeignet schien.

„Wenn Sie den Hof verlassen, gehen Sie nach links, Sir. Die Bank ist nicht zu übersehen.“

Jesmond dankte mit einem nicht zu üppigen Trinkgeld. Die Hauptstraße war belebt, und er war Ziel einiger neugieriger Blicke. Der Knecht hatte recht gehabt. Die Bank war nicht zu übersehen. Jesmond drückte gegen die schwere Eichentür mit der Messingplatte, die ihm anzeigte, dass es sich um Bowlbys Bank handelte. Im Inneren unterschied sich das Geldinstitut nicht von jeder andern Provinzbank, und dennoch war alles sehr anders als bei Coutts in London, wo Jesmond seine Konten hatte.

Ein schmächtiger Mann in dezentem Schwarz näherte sich ihm. „Kann ich Ihnen helfen, Sir?“

„Jesmond Fitzroy von Jesmond House, Miss Jesmonds Erbe“, erklärte er kurz. „Ich hätte gerne Mr. Bowlby gesprochen. Ich habe ihn bereits aus London von meinem Kommen informiert.“

„Einen Moment, bitte, Mr. Fitzroy.“

Jesmond nahm Platz, schaute auf die Portraits der verstorbenen Bowlbys an den Wänden und dachte, dass es einfacher gewesen war, Mr. Coutts in seinem Londoner Büro aufzusuchen als Mr. Bowlby in seiner Provinzbank.

Doch dann öffnete sich die Tür und Mr. Bowlby, gefolgt von seinem Buchhalter, kam ihm mit ausgestreckter Hand entgegen. „Ich freue mich, Miss Jesmonds Neffen begrüßen zu dürfen“, polterte er, das feiste Gesicht zu einem Lächeln verzogen. „Kommen Sie, Sir.“ Mit einer Geste wies er den Weg, setzte sich hinter seinen monumentalen Schreibtisch und bat Jesmond, in dem Armsessel ihm gegenüber Platz zu nehmen. „Was kann ich für Sie tun, Sir?“

Jesmond schaute sich kurz in dem gediegen eingerichteten Raum um. „Zunächst würde ich gerne die Besitzurkunden von Jesmond House in Verwahrung nehmen, die, soweit ich weiß, bei Ihnen deponiert sind. Gab es einen speziellen Grund, weshalb sie nicht bei dem Anwalt meiner Großtante, Mr. Crane, aufbewahrt werden?“

„Nein, Sir, durchaus nicht. Ich war ein langjähriger Freund Ihrer Tante, und als sie, nachdem die Hypothek abgetragen war, andeutete, dass ich die Verträge unter Verschluss halten sollte, habe ich nicht weiter mit ihr darüber diskutiert. Selbstverständlich werde ich sie Ihnen morgen nach Jesmond House schicken. Gibt es sonst noch etwas, das ich für Sie tun kann?“

„Ich würde gerne ein kleines Konto hier bei Ihnen eröffnen. Mein Hauptkonto wird vorerst die Bank in London weiter führen.“

Mr. Bowlby rieb sich die fetten Hände. In der Manier des Weisen, der den Dummen aufklären will, riet er: „Sir, das wird Ihnen nur Unannehmlichkeiten bereiten, wenn Sie in Netherton Ihren ständigen Wohnsitz haben. Klüger wäre es, Ihr Konto hierher zu transferieren. Wir haben einen ausgezeichneten Ruf.“

Irgendwie konnte Jesmond diesen Bankier nicht leiden. Es war nur ein Gefühl, aber die vielen Jahre der Zusammenarbeit mit Ben Wolfe hatten ihn gelehrt, seiner ersten Eingebung zu vertrauen. Dennoch ließ er sich nichts anmerken. Im Gegenteil – er versprühte seinen Charme, für den er in Londoner Kreisen bekannt war. „Da ich mich noch nicht endgültig entschlossen habe, ob ich Netherton zu meinem ständigen Domizil mache, halte ich es für klüger, fürs Erste meine gegenwärtigen Bankverbindungen beizubehalten. Sicherlich werden Sie gerne auch ein kleines Konto für mich führen.“

Die wahre Höhe seines Vermögens brauchte dieser Mann nicht zu erfahren. Mr. Bowlby musste sich das Vertrauen eines Jesmond Fitzroy erst erarbeiten, denn der hatte längst gelernt, dass in der Welt der Geschäfte und Banken durchaus nicht alles Gold war, was glänzte.

„Aber gewiss, Sir. Kein Konto ist zu klein. Ich wollte Ihnen nur behilflich sein. Das Bankgeschäft ist ein schwieriges Geschäft, und Gentlemen finden sich oftmals nicht so leicht zurecht.“ Durchaus verständlich, wenn man Ihnen glaubt, war Jesmonds stiller Kommentar, während Mr. Bowlby sich erkundigte: „Gibt es sonst noch etwas, das ich für Sie tun kann?“

„In der Tat“, erwiderte Jesmond süffisant. „Könnten Sie mir sagen, wo Mr. Crane sein Büro hat?“

„Aber selbstverständlich, Sir.“ Mr. Bowlby erhob sich und geleitete Mr. Fitzroy vor die Bank, wo er ihm zuvorkommend den Weg zeigte. Jesmond verbeugte sich, dankte und ging die wenigen Schritte zu Mr. Cranes Kanzlei.

Dort erwartete ihn eine Überraschung.

Die Überraschung war nicht Mr. Crane, der im Gegensatz zu dem poltrigen, geschäftstüchtigen Mr. Bowlby ein honoriger ältlicher Gentleman war. Auch die Kanzlei war zurückhaltend vornehm, an den Wänden hingen keine protzigen Ölgemälde, sondern schlichte Landschaftsaquarelle. Nein, die Überraschung bestand aus Mr. Cranes Auskunft über die Höhe der Erbschaft.

„Leider habe ich Sie falsch informiert, Sir. Als ich Miss Jesmonds Finanzen näher analysierte, musste ich feststellen, dass das Gut weniger als die Hälfte dessen wert ist, was ich Ihnen in meinem Brief andeutete. Wie es scheint, hat sie unkluge Investitionen getätigt, gewinnbringende Aktien gegen schlechte eingetauscht. Ich habe mit Mr. Bowlby darüber gesprochen, und er versicherte mir, dass sie gegen seinen ausdrücklichen Rat gehandelt habe. Sie hatte wohl einen befreundeten Ratgeber in London. Sie musste sich sogar Geld borgen und deponierte ihre Besitzurkunden als Sicherheit bei der Bank. Zur Rückzahlung des Kredits hat sie einen Teil ihres Landes an die Bank veräußert.“

„Aber Mr. Bowlby hielt die Urkunden weiter zurück“, sagte Jesmond nachdenklich.

„Nun, sie hat Mr. Bowlby vertraut. Und ich wollte Miss Jesmond nicht drängen.“„Ja, verständlich“, sagte Jesmond, obwohl er durchaus nicht überzeugt war.

„Sir, ich möchte ausdrücklich betonen, dass ich Sie nicht absichtlich über die Höhe der Erbschaft getäuscht habe. Ich wusste wirklich nicht, dass es um Miss Jesmonds Vermögenslage so schlecht stand. Hoffentlich haben Sie nun nicht schon voreilige Entscheidungen getroffen.“

„Nein, durchaus nicht.“ Das Vermögen seiner Tante hatte Jesmond als ein Aufgeld betrachtet. Mehr war er an dem Haus interessiert, und darauf hatte die Bank keine Ansprüche mehr. Es irritierte Jesmond nur, dass Bowlby von alledem nichts erwähnt hatte. Welchen Vorteil konnte dem Bankier das Einbehalten der Besitzurkunden bringen? Wieso hatte Bowlby selbst das Land erworben? War die Transaktion etwa nicht durch die Bücher gelaufen? Einer, der glaubte, dass Jesmond Fitzroy von Geldgeschäften keine Ahnung habe – speiste der ihn vielleicht auch nur mit der halben Wahrheit ab?

Während Jesmond diese Überlegungen anstellte, fuhr Mr. Crane unbeirrt fort: „Sie müssen noch die Überschreibungsdokumente unterzeichnen, Mr. Fitzroy. Danach bleibt es Ihnen überlassen, ob meine Kanzlei Sie wie ehemals Miss Jesmond vertreten soll.“

„Vorerst ja“, erwiderte Jesmond höflich. „Natürlich nur für meine Geschäfte in Netherton, in London vertritt mich seit vielen Jahren eine andere Kanzlei.“

Mr. Crane nickte. „Ich verstehe. Dann bitte ich Sie nun, mich von meiner Verantwortung zu entbinden.“

Jesmond stand auf, verbeugte sich leicht und setzte sich wieder. „Kommen wir also zum Geschäft. Informieren Sie mich detailliert über den Teil des Besitzes der verstorbenen Miss Jesmond, der von Ihnen und nicht von dem Bankier Bowlby verwaltet worden ist.“

Mr. Crane sah ihn forschend an. Hatte er sich getäuscht? Sein erster Eindruck von Mr. Fitzroy war der eines charmanten, unbedarften jungen Mannes gewesen. Was hatte Mr. Fitzroy mit seiner letzten Bemerkung über den Bankier Bowlby gemeint? Mr. Crane fragte nicht nach, und Jesmond gab auch im Verlauf des Gesprächs nichts mehr von sich, was dem Anwalt Anlass zu weiterem Nachdenken hätte geben können.

Schweigend hörte Jesmond zu, wie der alte Advokat Miss Jesmonds verwickelte Vermögensverhältnisse darlegte. Danach verabschiedete man sich in beiderseitigem guten Einvernehmen.

Jesmond schlenderte noch ein wenig über die Hauptstraße und kehrte dann zur Posthalterei zurück, um in seinen Einspänner zu steigen. Nachdem er den Hof des „Weißen Löwen“ verlassen hatte, folgte ihm auf dem Heimweg eine Kutsche bis zu der Weggabelung, wo es nach Pomfret Hall ging. Mrs. Pomfret bekommt Besuch, überlegte Jesmond kurz. Aber seine Gedanken drehten sich mehr um den Bankier Bowlby und um das, was Crane mitgeteilt – oder verschwiegen – hatte.

„Garth? Warum hast du uns nicht informiert, dass du kommst? Georgie, läute bitte nach der Haushälterin. Sie soll sofort das Zimmer für meinen Bruder herrichten.“

Sir Garth Manning beachtete seine Schwester kaum. Er war zunächst damit beschäftigt, Georgie anzulächeln, die ein schlichtes graues Baumwollkleid mit weißem Leinenkragen und ein wenig Spitze an den langen Ärmeln trug.

„Mach um Gottes willen keine Umstände, Caro. Du weißt doch, wie impulsiv ich bin. Ich hatte ja keine Ahnung, dass deine Schwägerin hier ist. Sie sehen liebreizend aus, liebe Schwester – so darf ich Sie doch nennen?“

Georgina, die nie viel von Sir Garth gehalten hatte, hätte am liebsten geantwortet: ‚Nein, das dürfen Sie nicht‘, aber eingedenk ihrer unerfreulichen Begegnung mit Jesmond Fitzroy war sie mit rüden Bemerkungen vorsichtiger. So schenkte sie dem Bruder ihrer Schwägerin lediglich ein hintergründiges Lächeln, was dieser als Zustimmung deutete.

„Dann bleiben wir dabei. Mrs. Herron wäre ja auch zu umständlich.“

„Aber korrekt“, konnte sich Georgie nicht verkneifen.

„… und langweilig!“

Da konnte Georgie nicht widersprechen. Nichts war langweiliger als die Wahrheit, wie Jesmond Fitzroy ihr erst kürzlich klargemacht hatte.

„Oh, Garth, du kommst gerade zur rechten Zeit“, informierte Caro ihren Bruder, der neben ihr auf dem Sofa Platz genommen hatte. „Jetzt haben wir zwei attraktive Männer in Netherton!“

„Zwei?“, fragte Sir Garth ungläubig. „Wer ist denn mein Rivale?“

Caro war nur zu glücklich, ihrem Bruder über den neuen Besitzer von Jesmond House zu berichten.

„Ist er wohlhabend?“

„Vermutlich“, meinte Caro. „Schließlich hat er Miss Jesmonds Vermögen geerbt und das ist bestimmt nicht wenig. Er kommt heute Abend zum Dinner.“

Sir Garth hob seine dunklen Brauen. Alles an ihm war dunkel, das glänzende schwarze Haar, die düsteren habichtartigen Gesichtszüge, die die fantasiebegabte Georgie immer an einen Schurken aus einem ihrer Abenteuerromane erinnerten.

„In der letzten Zeit war die alte Dame doch nicht mehr ganz klar im Oberstübchen“, meinte Garth. „Verkauft ihr Land für schlechte Aktien. Wenn du dir den Mann angeln willst, Caro, dann erkunde besser vorher, was er in der Tasche hat. Noch einen unvermögenden Ehemann – verzeih, liebe Schwester Georgie – kannst du dir nicht erlauben, Caro.“

„Ist es nicht etwas früh, ihn als potenziellen Ehemann zu betrachten, lieber Bruder? Wir kennen ihn ja nicht einmal.“

„Dein Wohlergehen liegt mir stets am Herzen. Es ist nicht alles Gold, was glänzt, liebste Caro.“

Sir Garth scheint zu wissen, wovon er spricht, dachte Georgina zynisch, da sie vermutete, dass es ihn nur nach Netherton trieb, um seine Schwester anzupumpen.

Georgie saß im Salon und blätterte in einem Magazin, während sie auf die Ankunft von Mr. Fitzroy wartete, als Caro in eleganter Abendtoilette hereinschwebte. Sie strebte nicht wie gewöhnlich sofort auf das Sofa zu, sondern drehte sich in der Mitte des Raumes, hob ihren Fächer und schaute verschämt über dessen Rand. „Wie sehe ich aus, Georgie?“

Caro Pomfret sah bezaubernd aus. Das goldblonde Haar, die blauen Augen, der helle rosige Teint hatten nichts von ihrem Glanz verloren, obwohl sie bereits auf die dreißig zuging. Sie trug ein eisblaues Abendkleid mit einem durchsichtigen Tüllüberwurf, der mit seidig-glänzenden Vergissmeinnicht bestickt war. Ihre blonden Locken wurden durch ein Band in einem etwas dunkleren Blau zusammengehalten, auf das ein schmaler Blütenkranz aus Vergissmeinnicht appliziert war. Ihre Füße steckten in zierlichen Escarpins. Es schien, als hätten die drei Jahre, die Caro müßig auf dem Sofa zugebracht hatte – während andere für sie sorgten –, ihre Schönheit eher noch gesteigert. Ihre Figur war zwar etwas fülliger geworden, aber gerade das faszinierte die meisten Gentlemen, wie Georgie neidlos zugeben musste. Dieser Aufwand war einzig und allein zu Ehren von Mr. Fitzroy erfolgt, was auch Sir Garth sofort bemerkte, als er ins Zimmer kam.

Neben ihrer strahlenden Schwägerin kam sich Georgie in ihrem grünen Kleid mit der cremefarbenen Spitze gar nicht elegant vor. Doch Sir Garth beugte sich so galant über ihre Hand, als sei Georgie das schönste Mädchen weit und breit. „Als ich Ihnen vor vielen Jahren das letzte Mal begegnete, da waren Sie noch die bescheidene kleine Schwester. Die Zeit hat Wunder bewirkt.“

Was sollte man auf so ein widerwärtiges Kompliment antworten? Georgie legte ihr Magazin beiseite, dankte halbherzig und blieb durch Mr. Fitzroys Ankunft vor weiteren unsinnigen Komplimenten verschont.

Genau so hatte sie ihn in Erinnerung: gut aussehend, gepflegt, selbstsicher, exzellente aber unauffällige Kleidung. Caro hielt die Luft an, als er sich über ihre Hand beugte. Garth hob sein Monokel, begutachtete den Gast und näselte: „Wir sind uns wohl noch nicht begegnet, Sir.“

Jesmond betrachtete ihn kühl. Mrs. Pomfrets Bruder hatte also in der Kutsche gesessen, die ihm heute Morgen gefolgt war. Ein bekannter Londoner Dandy mit allen Merkmalen desjenigen, der sich von Geburt an in dieser Gesellschaft bewegte. „Ich lebe wie viele am Rande des ton.“

„Wie ich gehört habe, sind Sie meiner Schwägerin, Mrs. Charles Herron, bereits begegnet, Mr. Fitzroy“, sagte Caro und nahm Georgie, die sich etwas im Hintergrund gehalten hatte, bei der Hand.

Es war schwer zu sagen, wem die Begegnung peinlicher war – Jesmond oder Georgie. Der Wildfang mit der Kniebundhose! Das jungenhaft kurze rotbraune Haar mit einem schwarzen Band zurückgehalten, das exzellent geschnittene schlichte grüne Kleid, der tiefe Ausschnitt zeigten deutlich, dass sie eine attraktive junge Frau Anfang zwanzig war. Nur die grünen Augen, die ihn trotzig musterten, erinnerten Jesmond noch an das Zusammentreffen im Park.

Während er diese Überlegungen anstellte, erklärte Mrs. Pomfret ihm, dass Mrs. Herron wie sie selbst verwitwet sei. „Sie versteht es viel besser als ich, mit meinen beiden lebhaften Sprösslingen umzugehen“, seufzte Caro, als sei Georgie ihr Kindermädchen.

Man tauschte Belanglosigkeiten aus über Netherton und die verstorbene Miss Jesmond, und Jesmond fand, dass Mrs. Caroline Pomfret bestimmt eine untadelige Ehefrau abgeben würde.

„Ich mochte die alte Dame sehr“, heuchelte Caro, obwohl die beiden einander abgrundtief gehasst hatten. Es war Georgie, die bis zu ihrer Eheschließung freundschaftlichen Kontakt zu Miss Jesmond gepflegt und die letzten Tage der alten Dame mit ihrer fröhlichen Gegenwart erhellt hatte. Aber genau das berichtete Caro nun von sich selbst. „Sie können sich also denken“, meinte sie abschließend mit einem betörenden Lächeln, „wie glücklich ich bin, Miss Jesmonds geliebten Neffen kennenzulernen.“

Großneffe, verbesserte Georgie im Stillen wütend.

„Natürlich kannte Georgie Ihre Tante auch ein wenig. Aber wir hatten keine Ahnung, wer wohl ihr Erbe sei“, seufzte Caro.

„Ich auch nicht“, erwiderte Jesmond, der die Aufmerksamkeit einer schönen Frau durchaus genoss. „Es ist schon lange her, dass ich meine Tante besuchte. Ich bin der Letzte der Familie.“

„Familie kann man sich zwar nicht aussuchen, aber jene, die keine haben, sollte man bemitleiden“, meinte Garth.

Jesmond verbeugte sich dankend. „Es macht einsam“, gab er zu. „Aber auch abhängig, obwohl das auf Ihre Schwester und Mrs. Herron sicher nicht zutrifft.“

„Sicher nicht“, erwiderte Garth. „Wir sind ganz glücklich.“

„Ja“, seufzte Caro erneut und fügte dann schnell hinzu: „bis ich meinen Mann verlor.“

Georgie hielt sich im Hintergrund, sie weigerte sich, an dieser gegenseitigen Lobhudelei teilzunehmen. Etwas unwillig vermerkte sie allerdings, dass Jesmond Caro bewunderte. Dabei schien er es selbst nicht einmal zu bemerken, und möglicherweise fiel es auch sonst niemandem auf, nur Georgie hatte das Gefühl, dass sie seine Empfindungen deuten konnte. Ihr verstorbener Mann hatte sie gelehrt, Fremde einzuschätzen und ihr Mienenspiel zu deuten, und sie bereute nun, dass sie bei der ersten Begegnung Jesmond aus purem Zorn falsch eingeschätzt hatte. In einer kleinen Gemeinde wie in Netherton blieb es nicht aus, dass man sich in Zukunft häufiger begegnen würde. Es wäre unklug, mit ihm verfeindet zu sein, fand sie, denn das würde nur unschönen Klatsch hervorrufen. Deshalb zwang sie sich zu einer unverfänglichen Frage: „Hatten Sie schon Gelegenheit, sich in Netherton umzusehen, Mr. Fitzroy?“

„Ja, heute Morgen. Ich musste zur Bank und zu Miss Jesmonds Anwalt. Eine überraschend lebendige kleine Stadt. Sie hat sich sehr verändert, seit ich vor zwanzig Jahren zum letzten Mal hier war.“

Georgie war glücklich, dass man nun doch noch zu einem zivilisierten Gespräch kam. „Mein verstorbener Vater und Mr. Bowlby haben sich sehr um die Stadt verdient gemacht. Vor ungefähr fünfzehn Jahren haben sie den Bau der Gesellschaftsräume in Gang gesetzt, die Straßen verbreitern lassen, den öffentlichen Park und den kleinen botanischen Garten am Ende der Hauptstraße geschaffen. Mein Vater und Ihre Großtante waren leidenschaftliche Gärtner, die eine Menge Blumen und Bäume für die öffentlichen Anlagen gespendet haben.“

Daraufhin erzählte Jesmond, dass er bereits beschlossen habe, den Park um Jesmond House wieder herrichten zu lassen.

Georgie strahlte ihn an. „Ihre Großtante würde sich sehr freuen. Sie hatte nämlich immer befürchtet, dass nach ihrem Tod ihr Garten nie wieder in seiner alten Pracht erblühen würde.“

Caro unterdrückte ein Gähnen. Blumen und Bäume interessierten sie herzlich wenig. Und so versuchte sie schnell, das Thema zu wechseln. „Ich hatte mir gedacht, Mr. Fitzroy, dass Sie ein Abendessen im kleinen überschaubaren Kreis vorziehen würden. Ein formelles Dinner könnte Sie leicht überwältigen, da halb Netherton Ihre Bekanntschaft machen möchte.“

Georgie konnte sich kaum vorstellen, dass Mr. Jesmond Fitzroy leicht zu überwältigen war.

„Sehr aufmerksam, Madam. Sicherlich ist es angenehmer, die Neugier nach und nach zu befriedigen“, antwortete Mr. Fitzroy charmant, aber nicht ganz ehrlich. Längst hatte er die Erfahrung gemacht, dass es stets das Beste war, seine neue Umgebung so schnell wie möglich kennenzulernen. Er hätte nichts dagegen gehabt, wenn Mrs. Pomfret zu seinen Ehren den größten Teil der Nethertoner Gesellschaft eingeladen hätte.

Auch dieses Mal verstand es nur Georgie, seine Gedanken zu lesen. Ein Gefühl sagte ihr, dass Mr. Fitzroy nicht so oberflächlich war, wie er sich gab. Der Blick, mit dem sie ihn streifte, war folglich eine Spur zu spöttisch, als dass es Jesmond – der stets auf der Hut war – nicht aufgefallen wäre.

Aha, dachte er, Mrs. Charles Herron ist ein gescheiter Wildfang. Caro Pomfret dagegen erschien ihm charmant und liebenswert, sodass er ihr Tugenden andichtete, die sie absolut nicht besaß.

Nur Sir Garth, der die Tischrunde mit Geschichten über die große Gesellschaft unterhielt, schätzte er richtig ein. Manning tat, als sei er mit allem, was in London Rang und Namen hatte, gut befreundet und warf reichlich mit Spitznamen um sich. Lord Palmerston war der ‚Amor‘, Lord Granville der ‚Gehörnte‘, Lady Jersey die ‚Schweigsame‘ und so weiter … Was tat so jemand in der Provinz? In einer Kleinstadt, wo ein winziger Park und ein paar Gesellschaftsräume die einzigen Attraktionen waren?

Der Mann ist ein Schwindler, fand Jesmond und beschloss, Garth Manning im Auge zu behalten. Während Jesmond im Stillen diese Überlegungen anstellte, und dabei weiter Konversation über den neuesten Hofklatsch mit Manning und seiner Schwester machte, blieb die exzentrische Mrs. Herron, wie Jesmond feststellte, ungewöhnlich still. Wer mochte nur der verstorbene Mr. Herron gewesen sein, der diesen rothaarigen Wildfang geehelicht hatte, fragte er sich.

Man war noch beim zweiten oder dritten Gang, als der Butler leise mit Caro Pomfret sprach, die ihn mit einer leichten Handbewegung an Georgie verwies. Wieder wurde geflüstert und schließlich stand Georgie auf. „Entschuldigen Sie mich. Annie hat wohl schlecht geträumt und verlangt nach mir.“

Jesmond erhob sich mit einer kurzen Verbeugung. Sir Garth folgte etwas überrascht seinem Beispiel. „Bei schlechten Träumen braucht es keine Entschuldigung“, sagte Jesmond lächelnd.

„Schade, dass Georgie keine eigenen Kinder hat“, sagte Caro mit leisem Bedauern, nachdem ihre Schwägerin gegangen war. „Sie versteht sich so gut mit ihnen. Mein Gesundheitszustand erlaubt es mir ja leider nicht, mit ihnen herumzutoben. Georgie hat Gott sei Dank eine Pferdenatur.“

Endlich begann Jesmond Caro etwas kritischer zu betrachten. Eigentlich machte Mrs. Pomfret einen ganz gesunden Eindruck – aber vielleicht entsprach dieser Eindruck nicht ganz der Wahrheit.

Sir Garth hatte sofort begriffen. „Langsam erholst du dich doch wieder von dem Schock nach dem Tod deines Mannes, nicht wahr?“, näselte er besorgt, dass seine Schwester mit ihrer Bemerkung einen potenziellen Verehrer verprellen konnte, noch dazu einen, der Jesmond House geerbt hatte. Lächelnd wandte er sich an Mr. Fitzroy: „Unsere liebe Georgie hat so ein kräftiges Naturell – stark und bestimmend ist sie, während Caro lange gar nicht auf der Höhe war.“

Die starke, bestimmende Mrs. Herron habe ich kennengelernt, dachte Jesmond, der sich an Georgies Reaktion auf seinen wohlgemeinten Rat erinnerte. Mrs. Herron fehlte einfach das Feingefühl der sensiblen Caro Pomfret.

Georgie kehrte erst zurück, als man bereits wieder im Salon saß und darauf wartete, dass der Tee serviert wurde. An Annies Bett zu sitzen, sie zu trösten und ein Märchen vorzulesen, fand Georgie wesentlich erfreulicher, als Artigkeiten mit Personen wechseln zu müssen, die sie nicht ausstehen konnte. Doch leider war Annie bald wieder eingeschlafen, und Georgie musste in den Salon zurückkehren. Schweigsam und verdrießlich verfolgte sie, wie Caro und Jesmond sich gegenseitig anhimmelten. Aber recht schnell bemerkte sie, dass Jesmond mit scheinbar trivialen Äußerungen Caro und Garth Informationen entlockte.

Langatmig ließ Caro sich über den anmaßenden Bankier Bowlby aus. „Wären mein Schwiegervater und mein Mann nicht so früh gestorben, wäre Mr. Bowlby niemals eine so prominente Persönlichkeit in Netherton geworden“, klagte sie theatralisch. „Er hält sich für einen Landedelmann. Selbst der Kauf von Miss Jesmonds minderwertigem Land macht ihn zu nichts anderem, als er nun einmal ist: ein Kaufmann, der zum Adel gehören will.“

„Leider wissen wir nicht einmal, wer der alte Bowlby war“, erläuterte Sir Garth. „Der tauchte einst hier in Netherton auf, mit wenig Geld und, wie man zugestehen muss, einer Menge Tatkraft. Behauptete, sein Vater sei Bowlby aus dem Dorf Bowlby in der Nähe von Worksop. Eines Tages übernahm er dann die Bank von dem alten kinderlosen Gardiner.“

Danach tratschte man über die Wiltons und die Firths. Georgie mühte sich, ein unhöfliches Gähnen zu unterdrücken, denn das Meiste hat sie schon unzählige Male gehört. Es wunderte sie nur, weshalb Jesmond Fitzroy daran interessiert war. Jesmond Fitzroy! Ein lächerlicher Name. Fitz! Das passte viel besser. Bei der Vorstellung, dass sie ihn so nennen würde, musste Georgie innerlich lachen.

Jesmond, ganz auf den Klatsch in Netherton konzentriert, schaute zu Georgie hinüber, die ruhig mit unbeteiligter Miene auf ihrem Stuhl saß, und verstand die Botschaft, die ihre lebhaften strahlenden Augen mitzuteilen hatten. Plötzlich wollte er mehr wissen über sie, über ihren verstorbenen Mann, weshalb sie hergekommen war, um Mrs. Pomfrets Haushalt zu führen und ihre Kinder zu beaufsichtigen. War vielleicht dieser unausstehliche Garth Manning ihretwegen hier? Eine unangenehme Vorstellung! Unangenehm? Was geht es mich an, wenn Manning es auf Mrs. Herrons kleines Vermögen abgesehen hat, fragte Jesmond sich. Viel besaß sie bestimmt nicht, aber wenn man so verzweifelt wie Manning war, dann war wenig immerhin etwas. Weshalb sollte Manning verzweifelt sein? Jesmond hatte keine Ahnung. Er wusste nur, dass Manning der Bruder dieser sanften hübschen Frau und der Verehrer ihrer flegelhaften Schwägerin war.

Als es Zeit war zu gehen, beugte Jesmond sich zu erst über Mrs. Herrons und dann etwas tiefer und länger über Caro Pomfrets Hand. Garth Manning beobachtete die Szene mit Wohlwollen. Jesmond war sich sicher, falls er um Caro Pomfrets Hand anhalten sollte, dass Manning seine Bitte nicht ablehnen würde.

In Jesmond House erwartete Jesmond ein etwas aufgeregter Twells. „Sir, Sie haben Besuch.“

„Um diese Zeit?“

„Der Besucher kam, kurz nachdem Sie gegangen waren, Sir. Da er sich nicht abwimmeln ließ, habe ich ihn in die Bibliothek geführt.“

Jesmond warf Hut und Mantel auf die alte Bank in der Halle und ging langsam in Richtung Bibliothek. „Soll ich Sie ankündigen, Sir?“, fragte Twells besorgt.

Es klang so müde, dass Jesmond sich umschaute. „Twells, Sie warten nicht noch einmal so lange auf mich. Es gibt doch sicher einen jungen Lakai. Henry Craig zum Beispiel, der kann doch die Aufgabe übernehmen.“

„Ich bin der Butler in diesem Haus, Sir“, protestierte Twells respektvoll.

„Das weiß ich. Aber vielleicht sollten Sie einmal in Erwägung ziehen, einen vertrauenswürdigen Nachfolger anzulernen. Sie wissen, dass ich Sie und Ihre Arbeit schätze, ich appelliere nur an Ihren gesunden Menschenverstand. Und jetzt gehen Sie zu Bett, ich finde schon selbst meinen Weg.“

Jesmond öffnete die Tür zur Bibliothek. Er hatte nicht die leiseste Ahnung, wer der Besucher wohl sein konnte. Ein Mann saß auf einem Stuhl und las ein Buch beim Kerzenschein. „Kite! Wo, zum Teufel, kommen Sie denn her?“

„Schön, wenn man als Teufelskerl bezeichnet wird“, gab Kite zurück. Er war ein großer schlanker Mann, mit intelligenten Gesichtszügen, gediegen gekleidet, halb Buchhalter, halb Gentleman. Er sprach gebildet, obwohl er, wie Jesmond wusste, auch den Dialekt der Londoner Arbeiter beherrschte. „Lesen Sie erst einmal diesen Brief, Sir.“

Jesmond brach das Siegel und begann zu lesen. Der Brief kam von Ben Wolfe, der ihm schrieb, dass er ihm James Kite schicke, da er dessen finstere Miene nicht mehr ertragen könne, seit Jesmond gegangen war. „Ich glaube, dass Kite in Ihr neues Leben in Netherton passt“, schrieb Ben Wolfe weiter. „Schicken Sie ihn nicht weg, er folgt Ihnen aus freien Stücken und kann für Sie als Ihre rechte Hand das tun, was Sie für mich getan haben. So habe ich denn zwei gute Männer verloren. Mein einziger Trost ist, dass er Sie vor Schwierigkeiten bewahren wird. Susanna sendet Ihnen genau wie ich die besten Wünsche für die Zukunft. Ihr Freund, Ben Wolfe.“

Jesmond schaute Kite an. „Kennen Sie den Inhalt dieses Briefes?“

„Sinngemäß, ja.“

„Ist es wirklich Ihr Wunsch?“

„Ja!“

„Ihre Arbeit als mein Sekretär hier in der Provinz ist sehr viel anders als die in London.“

„Sir, Sie brauchen überall in der Welt jemanden, der Ihnen den Rücken freihält.“

„Würden Sie gegebenenfalls auch als mein Kammerdiener fungieren?“

„Ich tue alles, was Sie wollen, Sir.“

„Ich habe gerade entdeckt, dass ich Ihre speziellen Fähigkeiten benötige. Wenn die Arbeit vielleicht auch nicht so gefährlich wie in London ist.“

„Das wird sich herausstellen.“

Kite war immer so kurz angebunden, erinnerte sich Jesmond. „Offiziell haben Sie eine Stellung als mein Sekretär. Morgen kommt der Mann, der das Vermögen meiner Tante bis zu ihrem Tod verwaltete. Protokollieren Sie das Gespräch – und hören Sie zu. Sie konnten immer gut zuhören.“

„Eine meiner Stärken, Sir.“

„Ihr Zimmer wird nicht sehr komfortabel sein.“ Jesmond läutete nach dem Lakai. „Das ganze Haus ist nicht komfortabel. Sie können mir helfen, es zu restaurieren.“

„Mit Freuden, Sir.“

Er sah Kite nach, wie er Craig, Twells neuem Gehilfen, folgte, und wusste nicht, ob er lachen, fluchen oder sich gar gratulieren sollte. Schließlich entschied Jesmond sich für das Letztere.

Die Menschen in Netherton wussten nicht, was sie erwartete, erst recht aber nicht Garth Manning und Mr. Bowlby, auf deren Spuren Jesmond Kite setzen wollte.

3. KAPITEL

Jesmond hatte das Ausmaß und den Einfallsreichtum, mit dem die Bewohner von Netherton ihr gesellschaftliches Leben organisierten, unterschätzt. Am folgenden Morgen bekam er eine Einladung für den Samstagnachmittag zu einem Gartenfest bei den Bowlbys.

„Soll ich antworten, dass Sie die Einladung dankend annehmen, Sir?“

„Tun Sie das, Kite. Und bevor heute Nachmittag Parsons, der ehemalige Gutsverwalter, kommt, will ich mir mein Anwesen einmal zu Pferde ansehen.“

„Haben Sie eine Karte, Sir?“

Jesmond hielt ein brüchiges Stück Papier in der Hand. „Es zeigt die Grenzen der hiesigen Güter, einschließlich der Ländereien, die meiner Tante einst gehörten. Wir sehen uns dann beim Mittagessen, Kite. Stöbern Sie in der Zwischenzeit mal auf dem Dachboden. Schauen Sie vor allem nach Schriftstücken und Dokumenten.“

„Ja, Sir.“ Kite verschwand so leise, wie er gekommen war, und Jesmond konnte sich darauf verlassen, dass seine Befehle unverzüglich und zu seiner vollen Zufriedenheit ausgeführt wurden.

Es war ein herrlicher Morgen, den Ross und Reiter genossen. Jesmond hielt ab und zu an, um die Karte zu lesen. Schließlich ritt er über einen Pfad, der an einem Feld entlang führte, das von einem Bachlauf gesäumt wurde, der die Grenze seines Besitzes war und weiter unterhalb in den Trent mündete. Plötzlich sah er Gus am Ufer des Bachs entlang laufen. Der Junge winkte aufgeregt. Jesmond hätte seinen letzten Penny verwetten können, dass der Wildfang in der Nähe war. Er stieg vom Pferd, band Tearaways Zügel an einen Ast und zwängte sich durch die niedrige Hecke auf das Feld.

„Gut, dass Sie hier vorbeikommen, Sir“, rief Gus atemlos. „Georgie hat ein Dorfkind aus dem Fluss gerettet. Sie wollte nicht, dass ich Hilfe hole, aber sie hat sich den Fuß verstaucht. Bitte, kommen Sie, Sir!“

Hatte er doch richtig vermutet – Georgie Herron steckte in Schwierigkeiten! Hoffentlich nicht in ernsthaften! Typisch Mrs. Georgie, einem ertrinkenden Kind nachzuspringen! Die damenhafte Caro hätte so etwas bestimmt nicht getan, aber die wäre auch nicht mit ihren Kindern über Feld und Wiesen gestromert.

Georgie saß am Bachufer, unter ihrem klatschnassen Hemd zeichneten sich ihre Brüste ab, das feuchte Haar hing ihr in Strähnen ins Gesicht. Auf dem Schoß hielt sie das nasse weinende Kind und versuchte es zu trösten. Als sie Gus mit Jesmond kommen sah, stand sie mühsam auf. Was mag er nun wieder von mir denken, fragte sie sich verzagt.

„Sitzen bleiben!“, schnauzte er sie an.

„Oh, Fitz! Weshalb müssen Sie nur immer schimpfen, sobald Sie mich sehen?“

„Natürlich muss ich schimpfen“, antwortete er, froh, dass sie ihren Widerspruchsgeist nicht verloren hatte. Den respektlosen ‚Fitz‘ hatte er gar nicht wahrgenommen.

„Herrje, was erwarten Sie denn? Hätte ich die Kleine ertrinken lassen und dann bei dem Anblick ohnmächtig werden sollen?“

„Natürlich nicht! Zeigen Sie mir erst einmal das Kind, und dann sehe ich mir Ihren Fuß an.“ Er schaute ich um. „Wo ist denn Annie?“

„Fitz, das Kind ist ein Mädchen, falls Sie es noch nicht gemerkt haben sollten, und Annie hatte keine Lust mitzukommen.“

„Na ja, dann scheint die ja wenigstens zu wissen, dass Frauen sich hier draußen nicht herumtreiben sollen. Gus, halte du das Mädchen mal, und Sie ziehen den nassen Strumpf aus, damit ich mir den Schaden ansehen kann. Außerdem – wer erlaubt Ihnen eigentlich, mich Fitz zu nennen?“

„Der, der Ihnen erlaubt, mich ständig herumzukommandieren – der große Lenker, wenn Sie so wollen. Der, der unser Leben organisiert, nur dass er sich bei dem weiblichen Geschlecht sehr ungeschickt anstellt!“

Jesmond, der sich über ihren Fuß beugte, musste über ihre geistreiche Erwiderung herzlich lachen.

„Georgie war sehr mutig. Sie dürfen nicht mit ihr schimpfen“, versuchte Gus seine Tante in Schutz zu nehmen, da er nicht verstand, was Jesmond so lustig fand.

„Mr. Fitzroy ist bestimmt nicht böse mit mir, Gus. Ich war auch nicht mutig, ich war nur ungeschickt und habe im Wasser den Halt verloren“, erklärte Georgie, die es seltsam beruhigend empfand, wie Fitz über ihr nacktes Bein und ihren Fuß strich. Fast war sie enttäuscht, als er die Untersuchung beendete.

„Nicht schlimm“, meint er. „Leicht verstaucht vermutlich. Sie sollten den Fuß nicht belasten. Mein Pferd steht dort hinten. Bis dahin trage ich Sie. Gus kann das Pferd nach Hause führen, und ich nehme das Mädchen auf den Arm. Wissen Sie, wo sie hingehört?“

„Ich habe sie noch nie gesehen. Sie müssen mich aber nicht tragen. Ich kann ganz gut alleine laufen.“

„Dickkopf!“, neckte Jesmond sie. „Wollen Sie etwa eine leichte Verstauchung verschlimmern, die Bowlby-Einladung absagen und auf dem großen Ball nicht tanzen können?“

„Dickkopf? Fitz, ich bitte doch um etwas Respekt für eine Witwe!“, erklärte sie lachend.

Ihre grünen Augen strahlten ihn an, und Fitz, der sich irgendwie schon an diesen Namen gewöhnt hatte, nahm Georgie auf den Arm und drückte sie an sein Herz. Jetzt erst bemerkte er, dass sie vor Kälte zitterte. Er stellte sie noch einmal auf den Boden und zog seine Jacke aus. „Wickeln Sie sich darin ein.“

„Nicht nötig“, lehnte Georgie ab. Wie hypnotisiert starrte sie einen Moment lang auf seinen nur mit einem Hemd bekleideten muskulösen Oberkörper. „Danke für das Angebot, Fitz. Aber ich bin so nass, dass ich die Jacke ruiniere.“

„Wollen Sie sich erkälten?“, fuhr er sie an. „Komisch, dass mich sonst niemand Fitz nennt!“

„Vermutlich hat man Angst, Ihnen einen Spitznamen zu geben. Benehmen Sie sich immer wie ein kleiner Despot?“

„Also das finde ich aber wirklich unhöflich“, sagte er streng und ging damit auf ihren fröhlichen Ton ein. „Wenn Sie jetzt nicht friedlich sind, überlasse ich Sie hier draußen den Wölfen.“

„Hier gibt es keine Wölfe“, sagte Gus mürrisch. „Und wenn Sie Georgie nicht helfen, dann melde ich das dem Vikar.“

„Er meint es nicht ernst, er will mich nur ärgern, Gus“, beruhigte Georgie den Jungen.

„Wirklich?“, fragte Jesmond gut gelaunt. Mittlerweile hatten sie Tearaway erreicht und Jesmond hob Georgie in den Sattel. „Nach Pomfret Hall ist es nicht weit. Sie müssen sofort ein heißes Bad nehmen!“

„Befehle, immer Befehle, Fitz! Was waren Sie in Ihrem vorherigen Leben? Offizier?“ Etwas in seinem Gesicht verriet ihn. „Aha! Ich habe recht!“

„Sie sind der gescheiteste Wildfang, dem ich je das Unglück hatte über den Weg zu laufen“, antwortete er sanft und musste plötzlich lächeln, da er sich erinnerte, dass Ben Wolfe einmal etwas Ähnliches über seine Frau Susanna geäußert hatte.

„Was für ein Soldat waren Sie, Fitz?“

„Ein ganz gewöhnlicher“, wehrte er ab. „Aber das ist lange her.“

„Lange her?“ Gus war begeistert, endlich einen wirklichen Soldaten kennenzulernen. „Dann müssen Sie ja ein Baby gewesen sein!“

„Etwas älter als du jetzt war ich schon, Master Gus. Aber grün hinter den Ohren – sehr grün.“

„Grün, Fitz?“, meldete sich Georgie von ihrer luftigen Höhe. „Kaum zu glauben!“

„Doch, Mrs. Georgie! Ich darf Sie doch so nennen?“

„Gut, wenn ich Fitz sagen darf! In der Öffentlichkeit sind Sie natürlich Mr. Fitzroy, mit Betonung auf der ersten Silbe. Und grün sind Sie wahrhaftig nicht. Man sagt, die Armee macht aus einem Jungen einen Mann.“

„Kann sein, aber genug von mir. Jetzt darf ich Sie auch etwas fragen: Sind Sie immer so gerade heraus, Mrs. Georgie?“

Schweigen. Jesmond wechselte das Kind, das mittlerweile vor lauter Erschöpfung eingeschlafen war, von einem Arm in den anderen. Verwundert fragte er sich, weshalb Georgie plötzlich so zurückhaltend war. Sie vermied es, ihn anzusehen, und ihre Körperhaltung verriet ihm, dass zum ersten Mal, seit er ihr begegnet war, ihre Schlagfertigkeit sie verlassen hatte.

„Die Wahrheit, Fitz. Wollen Sie wirklich die Wahrheit wissen?“, sagte sie schließlich nachdenklich. „Die Antwort ist Nein!“

Was hätte sie ihm antworten sollen? Die Frage erinnerte sie an die Vergangenheit, an eine Zeit, die sie vergessen wollte. Sie konnte nicht wissen, dass der Mann, der neben ihr ging, den gleichen Wunsch hatte. Plötzlich fühlte sie sich verzweifelt, müde und kalt. Die Heiterkeit, die sie seit seinem Auftauchen aufrecht gehalten hatte, schwand. Sie zitterte vor Kälte, selbst seine Jacke konnte sie nicht wärmen.

Jesmond bemerkte sofort, dass sie am Ende ihrer Kräfte war. „Kannst du mir helfen, junger Mann?“, wandte er sich an Gus. „Es ist nicht mehr weit. Traust du dir zu, das Mädchen alleine nach Pomfret Hall zu tragen, während ich mit deiner Tante voraus galoppiere? Ich schicke dir sofort Hilfe.“

„Keine Angst, ich werde nicht ohnmächtig“, protestierte Georgie. „Ich friere nur fruchtbar.“

„Ein heißes Bad!“, erinnerte Jesmond sie. „Je schneller, desto besser! Geben Sie mir die Zügel und lassen Sie mich aufsteigen.“

Sie widersprach nicht, was ihm zeigte, dass sie wirklich Hilfe brauchte.

„Das sieht dir wieder ähnlich, Georgie“, jammerte Caro leise. „Nur du stürzt dich wegen eines fremden Kindes in den Fluss. Ehrenwert, aber töricht! Hätte Gus nicht Hilfe holen können?“

„Und ich bleibe am Ufer sitzen und sehe ihrem Todeskampf zu?“

Amüsiert beobachtete Jesmond, wie Caro ihm einen hilflos fragenden Blick zuwarf. „Weiß vielleicht jemand, wem das Kind gehört?“

„Es ist ein Mädchen!“, antwortete Georgie wütend, sodass Jesmond ihr beruhigend die Hand auf den Arm legte und mahnte: „Ihre Zofe kommt, gehen Sie hinauf!“

Madge Honey war bereits in den Fünfzigern und früher Georgies Kinderfrau gewesen. Sie kam gerade rechtzeitig, als Georgie Jesmond anblaffte: „Schon wieder Befehle, Fitz!“, und beschwichtigte: „Na, na, Miss Georgie! Nun kommen Sie erst einmal mit rauf. Sie sind ja völlig durchnässt. Ich habe Ihnen ein schönes warmes Bad bereitet.“

Sie führte Georgie weg, die sich theatralisch an den Kopf fasste: „Hat sich denn alles gegen mich verschworen? Sie reden ja schon wie Mr. Fitzroy, Madge!“

„So? Na, dann scheint er ja ein recht vernünftiger Gentleman zu sein.“

Jesmond versuchte ernst zu bleiben. Caro lächelte wehmütig und meinte: „Madge ist die Einzige, die in letzter Zeit Einfluss auf Georgie hat. Wenn ich nur daran denke …“ Sie schüttelte den Kopf. „Oje, Mr. Fitzroy! Sie holen sich ja noch den Tod. Der Butler wird Ihnen sofort eine Jacke meines verstorbenen Mannes bringen. Und Tee wird auch gleich serviert.“

Jesmond wollte ablehnen, aber Caro sah ihn so charmant an, dass er nachgab. Sie plauderte fröhlich drauf los, bis Jesmond sie unterbrach: „Ich würde gerne wissen, ob Gus mit dem kleinen Mädchen angekommen ist.“

„Oh, ja!“, wehrte Caro mit einer leicht unwilligen Geste ab. „Die Haushälterin hat sich schon darum gekümmert. Jetzt müssen wir auch noch herausfinden, wem das Kind gehört“, seufzte sie.

Glücklicherweise kam in diesem Moment Sir Garth herein, denn Jesmond fiel keine Antwort ein, die in den Ohren seiner Gastgeberin nicht nach Kritik geklungen hätte.

„Sie haben meine Schwägerin gerettet, Fitzroy? Was hat sie nun schon wieder angestellt?“

„Nichts, was Mrs. Herron diskreditieren würde“, erwiderte Jesmond kühl und stellte insgeheim erstaunt fest, dass er Georgie verteidigte. „Ganz im Gegenteil! Mutig hat sie ein Kind aus dem Fluss gerettet. Glücklicherweise kam ich gerade vorbei und konnte sie nach Hause bringen, bevor sie sich den Tod holt. Sie hat sich den Fuß verstaucht. Nur leicht, wie ich glaube, aber Mrs. Pomfret hat bereits den Arzt rufen lassen.“

Den unterschwelligen Tadel ignorierte Sir Garth lächelnd. „Sehr nobel. Hätte man was anderes von ihr erwartet? Glücklich der Mann, der ein so nützliches Weib bekommt.“ Seinem Mienenspiel nach schien er wohl zu glauben, dass er selbst der Glückliche sein würde.

Sie verdient einen Besseren als diesen eingebildeten Stutzer, fand Jesmond. Er musste sich schnellstens verabschieden – dieser Garth Manning schlug ihm auf den Magen.

Nachdem Jesmond gegangen war, ließ Garth sich in den Sessel fallen und sah seine Schwester fragend an. „Wen von euch beiden favorisiert er denn nun? Dich oder Georgie?“

„Georgie?“ Caro lachte schrill. „Aber doch nicht Georgie! Die beiden können sich nicht ausstehen. Er hält sie für eine wilde Range.“

„So? Nun, manche Männer haben durchaus ein Faible für diese Art Frauen.“

„Aber nicht Mr. Fitzroy. Hast du nicht gemerkt, wie besonnen der ist?“

„Ein Geheimniskrämer“, überlegte Sir Garth. „Möchte doch gar zu gerne mehr über den wissen.“

Gleiches dachte Jesmond über Sir Garth Manning.

Kite hatte Jesmond eine Schachtel mit staubigen Dokumenten, die er auf dem Dachboden gefunden hatte, auf den Schreibtisch gestellt. Bevor er sich an die Durchsicht der Papiere machen konnte, erschien Jack Wild, einer seiner Pächter, bei ihm. Ein Vater, der Jesmond um Hilfe bei der Suche nach seiner kleinen Tochter bitten wollte, die seit dem Morgen aus dem Garten verschwunden und nirgends zu finden war. Jesmond konnte den völlig aufgelösten Mann beruhigen und ihm sagen, dass Mrs. Herron das Mädchen gerettet hatte, und gestattete ihm, seine Tochter mit dem Gig aus Pomfret Hall zu holen.

„Eine Frage noch, Mr. Wild, bevor Sie gehen. Sie arbeiten doch auf dem Gut?“

„Gewiss, Sir. Mein ganzes Leben habe ich für Miss Jesmond gearbeitet. Seit Mr. Parsons gekündigt wurde, gibt es allerdings nicht mehr so viel zu tun.“

„Ich hoffe, ich kann Parsons wieder einstellen.“

„Parsons kommt bestimmt gerne zurück. Er arbeitet gelegentlich für den Bankier Bowlby.“

Irgendwie hat der Bankier Bowlby seine Finger überall drin, fand Jesmond.

Parsons, der Verwalter der verstorbenen Miss Jesmond, ein kräftig gebauter Mann mit einem wettergegerbten Gesicht, erschien am frühen Nachmittag und wurde in die Bibliothek geführt. „Sie wollten mich sprechen, Mr. Fitzroy?“

„Richtig. So viel ich weiß, waren Sie der Gutsverwalter meiner Tante“, kam Jesmond sofort zur Sache. „Wann und weshalb hat man Ihnen gekündigt?“

Parsons wusste nicht so recht, was er von Miss Jesmonds Erben halten sollte. „Nachdem Miss Jesmond den größten Teil ihres Landes verkauft hatte, brauchte sie meine Dienste nicht mehr und konnte mich auch nicht mehr bezahlen, wie sie sagte“, erklärte er vorsichtig.

Jesmond lehnte sich in seinem Sessel zurück. „Und weshalb hat sie das Land verkauft?“, fragte er so, als sei er eigentlich nicht an der Antwort interessiert.

„Wegen Fehlinvestitionen, wie sie sagte, und Bankier Bowlby würde ihr helfen, die Schulden abzuzahlen, indem er ihr das Land so schnell wie möglich abkaufte.“ Parsons Mienenspiel verriet nicht, was er wirklich dachte.

„Haben Sie eine Ahnung, was er gezahlt hat?“

„Nein, Sir. Sie schien zufrieden, aber …“

„Aber?“, fragte Jesmond erstaunt nach.

„Entschuldigen Sie, Sir, zu der Zeit war sie nicht mehr so ganz klar im Kopf, und ich weiß nicht, ob sie alles richtig verstanden hat.“

„Sie waren dabei?“

„Als Bankier Bowlby sie besuchte? Ja!“

„Es wurde keine Summe genannt? Oder die Höhe ihrer Schulden?“

„Nein. Darüber hatte man wohl schon zuvor bei einem Treffen in der Bank gesprochen. Der Kaufvertrag war bereits vorbereitet, der Butler und ich sollten nur als Zeugen fungieren.“

„Sie haben den Vertrag nicht gelesen?“

„Nein, Sir. Als ich darum bat, versicherten mir der Bankier und auch Miss Jesmond, dass sie den Vertrag im gegenseitigen Einvernehmen aufgesetzt hätten.“

„Aber Sie sagten doch, dass Miss Jesmond nicht mehr ganz klar im Kopf war.“

„Richtig, Sir. Ich habe es noch einmal versucht, und da ist Miss Jesmond böse geworden und hat mich rausgeschickt. Sie sagte, ich würde versuchen, sie zu ruinieren. Einer der Lakaien hat dann an meiner Stelle die Urkunde bezeugt. Kurz darauf hat sie mich entlassen. Ich vermute, Bankier Bowlby hatte ihr das empfohlen. Obwohl er immer wieder betonte, dass es ihm leidtäte, und mich nun für Gelegenheitsarbeiten einstellt.“

„Glauben Sie ihm?“

„Nein, Sir. Aber ich brauche die Arbeit. Ich habe Familie.“

„Würden Sie für mich arbeiten? In Ihrer alten Stellung?“

„Sie besitzen nur wenig Land, Sir. Zu wenig für einen Verwalter.“

Jesmond lächelte kühl. „Das lassen Sie mal meine Sorge sein!“

Parsons sah zu Kite, der sich Notizen machte. „Verzeihen Sie, Sir, was macht der Mann dort?“

„Mr. Kite schreibt mit, was wir besprechen, falls ich mich später nicht mehr genau erinnern kann. Er hält jetzt fest, dass ich Ihnen eine Stelle angeboten habe, zu einem etwas höheren Lohn, als Sie von Miss Jesmond erhielten. Und er wird auch Ihre Antwort festhalten. Die da wäre …“

„Dass ich akzeptiere, Sir. Und dass ich mich frage, was meine Pflichten sind.“

Jesmond sah sich um. „Haben Sie das, Kite?“

„Ja, Sir.“

„Also gut, Parsons. Ihre Arbeit beginnt am Montag. Dann werden wir besprechen, was in Zukunft Ihre Aufgabe ist. Sonst noch Fragen?“

Parsons starrte Jesmond fassungslos an. „Nein, Sir. Aber entschuldigen Sie die Bemerkung, Sir, Sie sind ein komischer Kauz.“

Autor

Paula Marshall

Als Bibliothekarin hatte Paula Marshall ihr Leben lang mit Büchern zu tun. Doch sie kam erst relativ spät dazu, ihren ersten eigenen Roman zu verfassen, bei dem ihre ausgezeichneten Geschichtskenntnisse ihr sehr hilfreich waren. Gemeinsam mit ihrem Mann hat sie fast die ganze Welt bereist. Ihr großes Hobby ist das...

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Ann Lethbridge wuchs in England auf. Dort machte sie ihren Abschluss in Wirtschaft und Geschichte. Sie hatte schon immer einen Faible für die glamouröse Welt der Regency Ära, wie bei Georgette Heyer beschrieben. Es war diese Liebe, die sie zum Schreiben ihres ersten Regency Romans 2000 brachte. Sie empfand das...

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