Historical Saison Band 123
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Bronwyn Scott, Liz Tyner
HISTORICAL BAND 123
IMPRESSUM
HISTORICAL erscheint in der Verlagsgruppe HarperCollins Deutschland GmbH, Hamburg
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Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0 Fax: +49(0) 711/82 651-370 E-Mail: kundenservice@cora.de |
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| Leitung: | Julia Fischer (v. i. S. d. P.) |
| Grafik: | Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Bildredaktion) |
Deutsche Erstausgabe 2026 in der Reihe HISTORICAL, Band 123
© 2021 by Nikki Poppen
Originaltitel: „Revealing the True Miss Stansfield“
erschienen bei: Mills & Boon Ltd., London
in der Reihe: HISTORICAL ROMNCE
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Carlotta Jakob
© 2024 by Elizabeth Tyner
Originaltitel: „The Viscount’s Wallflower Wager“
erschienen bei: Harlequin Books, Toronto
in der Reihe: HISTORICAL
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.
Übersetzung: Charlotte Kesper
Abbildungen: Harlequin Books S.A., alle Rechte vorbehalten
Veröffentlicht im ePub Format in 01/2026 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.
E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 9783751540513
Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte des Autors und des Verlags bleiben davon unberührt.
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Bronwyn Scott
Seasalter, Kent – August 1820
„Ich werde dich reich machen.“ Verlockende Worte von einem galanten Gentleman. Galant genug, um Adelaide Stansfield dazu zu bewegen, von ihrem Gemälde aufzublicken und erfreut über den Anblick zu lächeln, der sich ihr bot: Bennett Galbraith lag mit ungezwungener Eleganz auf der Picknickdecke, die auf dem Kieselstrand von Seasalter ausgebreitet war, die Sonne ließ sein blondes Haar golden schimmern, seine Haut hatte die Farbe von warmem Toast. Er war charmant und attraktiv, und wenn er in Seasalter war, machte er keinen Hehl daraus, dass er ihr gehörte – ein Gedanke, der Addys Herz höher schlagen ließ.
Sie warf ihm einen neckischen Blick unter dem Rand ihres Strohhutes zu. „Gestern sagtest du, du würdest mich berühmt machen.“ Bennett sagte immer solche ausgefallenen Dinge.
Das gehörte zu seinem Charme, und obwohl sie sich nach einem Jahr seiner ungezwungenen Schmeicheleien daran gewöhnt hatte, war sie keineswegs davon gelangweilt. Vielleicht war es eitel von ihr, aber insgeheim fand sie es erfrischend, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Dass es die Aufmerksamkeit eines gut aussehenden Mannes war, machte es umso reizvoller.
Normalerweise war es ihre ältere Schwester Artemisia, die die Aufmerksamkeit auf sich zog. Artemisia war es, die im vergangenen Jahr die Männerdomäne der Royal Academy of Arts gestürmt hatte, um die Ernennung zum Royal Artist zu fordern, und die dann, als die Akademie ihre Forderung ablehnte, wieder hinausstürmte, um ihre eigene Schule zu gründen. Es war Artemisia, die nach ihrer Flucht nach Italien den Viscount St. Helier geheiratet hatte, und Artemisia, die vor einem Monat den Erben der St. Helier-Dynastie zur Welt gebracht hatte, einen süßen kleinen Jungen namens Michael Caravaggio. Addy störte der Ruhm ihrer Schwester nicht. Artemisia war für die Bühne geboren. Addy war sich nicht sicher, ob dies auch für sie galt, obwohl es sie manchmal in den Fingern juckte, es auszuprobieren.
„Nun?“ Bennett schenkte ihr ein träges Lächeln, hielt seine grünen Augen auf sie gerichtet, sodass ihr unter seinem eindringlichen Blick ganz warm wurde. „Ich könnte dich berühmt machen und reich, Addy. Ich könnte beides, du müsstest dich nur dazu durchringen, mich machen zu lassen.“ Er hob eine blonde Augenbraue. „Manchmal glaube ich, du traust es mir einfach nur nicht zu.“
„Nein, das ist es nicht. Ich zweifle nicht an dir.“ Obwohl ihr tatsächlich nicht ganz klar war, wie er es machen würde. Sie verstand eigentlich nicht, womit Bennett seinen Lebensunterhalt verdiente. Er behauptete, ein unabhängiger Gentleman zu sein, aber soweit sie wusste, besaß er kein Land, was bedeutete, dass er keine Pächter und daher auch keine Pachteinnahmen hatte. Dennoch schien er immer Geld zu haben, er trug ständig eine neue Weste oder schenkte ihr luxuriöse Geschenke. „Es ist nur so, dass ich weder das Geld noch den Ruhm brauche“, erklärte Addy. „Meine Familie ist wohlhabend, mein Vater und meine Schwester sind berühmt genug für uns alle zusammen.“
Sie war mit diesem Geld und diesem Ruhm aufgewachsen. Ihr Vater war bereits ein berühmter Künstler gewesen, als sie schließlich alt genug war, um das zu begreifen. Addy hatte sich nie nach etwas gesehnt, was man mit Geld kaufen konnte. Seit sie vier Jahre alt war, hielt sie einen Pinsel in der Hand. Alle hatten erwartet, dass sie in die Fußstapfen ihrer Familienmitglieder treten würde, und das hatte sie auch getan. Im Laufe der Jahre hatte sie eine Virtuosität entwickelt, mit der sie den anderen in nichts nachstand, aber keine Leidenschaft, zumindest nicht für die Malerei. Sie malte, weil sie ein Talent dafür besaß, weil sie darin brillierte, aber es war die Kunstgeschichte, die sie liebte – nicht, dass jemals jemand danach gefragt hätte. Die Stansfields waren keine Historiker, sie waren Maler.
Bennett lachte spöttisch über ihre Antwort. „Jeder braucht Geld, Addy. Ein angenehmes Leben zu führen, ist nicht dasselbe wie reich zu sein. Wäre es nicht wunderbar, eigenes Geld zu haben? Nicht auf das Taschengeld deines Vaters warten oder um Erlaubnis bitten zu müssen, um etwas zu kaufen? Du könntest frei sein. Nicht einmal Artemisia ist das. Sie hat einen Ehemann“, sagte Bennett verächtlich. Addy verspürte ein Kribbeln – die Vorstellung, etwas zu haben, das Artemisia nicht hatte, etwas, das nur ihr gehörte, übte einen ganz eigenen Reiz aus. Bennetts Trick hätte vielleicht funktioniert, wenn Addy eifersüchtig gewesen wäre oder wenn Artemisia irgendwie unglücklich mit ihren Entscheidungen gewesen wäre. Aber natürlich war beides nicht der Fall. Sie war nicht eifersüchtig, und Artemisia war glücklich, nahezu glückselig in ihrer Ehe. Artemisia hätte den Viscount nicht geheiratet, wenn sie die Befürchtung hätte haben müssen, dass dies auf Kosten ihrer Freiheit ginge.
Unabhängigkeit, Freiheit, die Chance, ihren eigenen Weg zu gehen … Ruhm und Reichtum wären dabei durchaus hilfreich. Die Versuchung nagte an ihr. Wie wäre es wohl, voll und ganz auf eigenen Füßen zu stehen? Addy konnte nicht so tun, als hätte sie nie daran gedacht. Wie wäre es, aus Artemisias Schatten und dem ihres Vaters herauszutreten? Als talentierte Künstlerin und Historikerin anerkannt zu sein? Rasch verdrängte sie diese Gedanken. „Vielleicht irgendwann einmal, aber nicht jetzt. Artemisia braucht mich zu sehr, jetzt, da das Herbstsemester beginnt und das Baby versorgt werden muss.“ Der Unterricht würde in den frisch renovierten Räumlichkeiten stattfinden. St. Helier und andere hatten den größten Teil des Jahres damit verbracht, eine alte Fischerei in eine Kunstschule umzubauen, damit die Schule vollständig aus dem Bauernhaus ausziehen und mehr Schülerinnen aufnehmen konnte. Sechzehn Mädchen wurden für diesen Herbst erwartet, doppelt so viele wie im letzten Jahr. Und es war geplant, mehr Kurse anzubieten. Artemisia würde das alles ohne sie nicht schaffen.
Bennett lächelte sie sanft an. „Es wird immer einen Grund geben. Wenn es nicht die neuen Schülerinnen sind oder das neue Baby, dann wird es ein weiteres neues Baby sein. Du wirst dein Leben damit verbringen, Artemisia bei der Verwirklichung ihrer Träume zu unterstützen, auf Kosten deiner eigenen.“ Er beugte sich vor, streckte eine Hand nach ihr aus und umfasste ihr Kinn. „Addy-Sweet, du solltest diesen Herbst in Florenz sein und mit den anderen angehenden Künstlern die Meister der Renaissance in den Uffizien studieren, statt in Seasalter zu verkümmern.“ Sein ansteckendes Lächeln wurde breiter. „Florenz im Herbst ist spektakulär. Die Touristen sind weg, die Luft ist frisch und der neue Wein da.“
„Hör auf, Bennett, du weißt, wie unbedingt ich dorthin möchte“, schimpfte sie lachend, aber es war eigentlich nicht lustig. Italien war ihr Traum, und seine Worte befeuerten nur ihre Sehnsucht danach. Sie war seit ihrer Kindheit nicht mehr dort gewesen. Was für ein Erlebnis das wäre! Sie sah es schon vor ihrem inneren Auge: Sie spazierte über die Piazza della Signoria, vorbei am Palazzo Vecchio, skizzierte Ammannatis Neptunbrunnen, faulenzte unter den Bögen der Loggia, trank Kaffee in den Cafés und lauschte den Straßenmusikern. Es wäre ein Stückchen Himmel auf Erden, aber dieses Jahr war es unerreichbar. Sie schüttelte bedauernd den Kopf. Sie durfte dieser Fantasie nicht nachgeben. „Bitte, Bennett. Dränge mich nicht. Ich kann dieses Jahr nicht fahren.“ Sie konnte Artemisia nicht im Stich lassen. Artemisia hatte sie großgezogen, ihr jahrelang all ihre Liebe als Schwester und Mutterersatz geschenkt, nachdem ihre Mutter gestorben war. Artemisia war damals zehn gewesen, selbst noch ein Kind, und sie erst zwei. Sie wollte sich revanchieren und ihrem frisch geborenen Neffen die beste Tante sein, die man sich vorstellen konnte, und ihre Schwester unterstützen, so wie ihre Schwester sie unterstützt hatte.
Bennett lehnte sich zurück und dachte nach. „Wenn du nicht nach Florenz reisen kannst, kann Florenz vielleicht zu dir kommen.“ Er tat furchtbar geheimnisvoll, als er aufstand. „Ich möchte dir etwas zeigen. Kommst du mit?“ Er griff nach der Ledertasche in Form einer Röhre, die er mitgebracht hatte, und hängte sie sich um.
„Aber meine Pinsel! Die sind ruiniert, wenn ich sie nicht auswasche und die Farbe eintrocknet!“, rief Addy. Was auch immer Bennett war, er war selbst kein Künstler. Sonst hätte er es besser gewusst, als sie zu bitten, ihre Utensilien spontan beiseitezulegen. Pinsel zu ruinieren war die achte Todsünde im Hause Stansfield.
Bennett winkte einen Diener herbei und bedeutete ihm, das Picknick und die Farben zusammenzuklauben. „Dafür sind die Bediensteten da, Addy-Sweet.“
„Meine Pinsel brauchen besondere Pflege. Das sind die italienischen, die du mir geschenkt hast“, protestierte Addy. Sie mochte es nicht, wie Bennett die Bediensteten herumkommandierte, vor allem, wenn sie ihm nicht unterstanden. Sie waren St. Helier unterstellt, aber Bennett hatte keine Skrupel, ihre Dienste in Anspruch zu nehmen. Er selbst schien nicht einmal einen Kammerdiener zu beschäftigen, zumindest tauchte er immer ohne Begleitung in Seasalter auf.
„Ich bin sicher, St. Heliers Mann weiß, wie man Pinsel pflegt. Wenn nicht, kaufe ich dir neue.“ Der Diener trat vor, um sich um ihre Malsachen zu kümmern, und Addy bedachte ihn mit einem entschuldigenden Lächeln, während sie sich bei Bennett unterhakte.
„Du bist zu gutmütig, Addy, Diener kennen ihren Platz, und sie müssen wissen, dass du ihn auch kennst“, erklärte er, als sie losgingen. „Du tust ihnen keinen Gefallen, wenn du sie ihre Arbeit nicht machen lässt. Das ist eher eine Beleidigung für sie.“ Bennett war heute sehr von sich eingenommen. Das konnte sie nicht ausstehen, aber sie wollte den Nachmittag nicht mit einem Streit kaputtmachen. Er war erst gestern nach dreiwöchiger Abwesenheit nach Seasalter zurückgekehrt. Er sprach nie darüber, wo er gewesen war, nur dass seine Reise geschäftliche Gründe gehabt hatte.
Sie hatte ihn vermisst, obwohl sie wohl kein Recht dazu hatte. Bennett Galbraith kam und ging, wie es ihm gefiel. Sie hatte keinen Anspruch auf ihn. Wer wusste schon, wen er traf, wenn er weg war? Er war die Art von Mann, den eine Frau zweimal ansah, ein Mann, der jede Frau haben konnte, wenn er wollte. Nutzte er das? Sie hatten nie darüber gesprochen. Sie wusste nur, dass er, wenn er in Seasalter war, ganz für sie da war, und hatte nie mehr verlangt. Er kam und ging wie die Gezeiten. Wenn etwas Festeres sie miteinander verbunden hätte, wäre es etwas anderes gewesen. Dann hätte sie es wissen wollen. Und vielleicht wollte sie ihn auch nicht darauf ansprechen, aus Angst, seine Gunst zu verlieren oder zu aufdringlich zu wirken.
Sie blieben auf halbem Weg zum Strand stehen. „Ich habe dir etwas mitgebracht.“ Seine Augen funkelten, als er sich die Röhre aus Leder von der Schulter rutschen ließ und öffnete. Er drehte die Tasche um, und heraus glitt eine in Ölzeug gewickelte Rolle. Er grinste Addy an, als er die Leinwand entfaltete. „Weißt du, was das ist?“
Es war ein Wunderwerk, viel zu wertvoll, um es am Strand der heißen Sonne auszusetzen. „Du solltest es wegpacken.“ Die Historikerin in ihr war entsetzt und wollte es beschützen, auch wenn es ihre Neugierde weckte. Sie konnte nicht widerstehen, einen weiteren Blick darauf zu werfen. Ihr stockte der Atem, als sie die satten Farben auf der Leinwand betrachtete: das tiefe Rot, das leuchtende Blau und das strahlende Gelb der Renaissance-Meister.
„Na? Was ist es? Erzähl es mir!“, drängte Bennett ungeduldig.
„Es ist alt“, sagte sie, nachdem sie einen Moment in sich gegangen war. „Vielleicht aus dem 16. Jahrhundert. Auf jeden Fall italienisch.“ Sie blinzelte. In dem grellen Licht konnte sie nicht viel erkennen. Sie sollten das Gemälde zusammenrollen und mit ins Haus nehmen. Aber vorher würde sie noch einen letzten Blick darauf werfen.
Addy runzelte die Stirn. „Sieh dir die Perspektive an, Bennett. Der Maler arbeitet mit einer zweidimensionalen Fläche, und doch erzeugt der Einsatz der Luftperspektive einen dreidimensionalen Effekt. Das gibt uns Aufschluss über den Entstehungszeitraum.“
„Glaubst du, es ist ein Raffael?“, fragte Bennett. Addy lächelte nachsichtig. Nicht jeder schätzte die Feinheiten der Kunstgeschichte. Bennett gehörte eher zu den praktischen Menschen.
„Nein.“ Addy schüttelte den Kopf. „Raffael hätte einen Fluchtpunkt verwendet. Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, es ist im Stil von Perugino gemalt, der sein Meister war. Das wäre schon etwas.“
„Woher weißt du, dass es nicht Peruginos eigenes Werk ist?“
Addy rollte die Leinwand vorsichtig auf. Selbst wenn es das Werk eines Niemands wäre, war es dennoch ein eindrucksvolles kunstgeschichtliches Zeitzeugnis. Es verdiente Respekt. „Ich kann mich nicht erinnern, es je zuvor gesehen zu haben.“ Sie blätterte gedanklich durch Kataloge mit Abbildungen von Peruginos Werken: „Die Geburt Christi“, „Die Schlüsselübergabe“, „Madonna in der Glorie mit den Heiligen“, „Pietà“. Das religiöse Thema des Bildes passte zu seinem Gesamtwerk, ebenso wie der Stil und die Farbgebung, aber sie war sich sicher, das Bild nicht zu kennen. Natürlich war es möglich, dass sie es übersehen hatte. Wie aufregend, wenn es ein bedeutendes Werk wäre. Es gab Wege, das festzustellen. Ihr begann der Puls zu rasen. „Gibt es eine Signatur?“ Sie ließ den Blick suchend über das Gemälde schweifen. „Woher hast du es?“
„Von einem französischen Adligen, der gerade schwierige Zeiten durchlebt. Alter Adel, nicht Napoleons neuer Adel.“ Bennett zuckte mit den Schultern. „Es gibt keine Signatur, aber das ist nicht wichtig. Es ist für dich. Ein Geschenk.“ Er rollte die Leinwand wieder auf und verstaute sie vorsichtig wieder in der Lederröhre.
„Für mich?“ Es war ein schönes Geschenk. In London wäre es unangebracht gewesen, es anzunehmen, aber in Seasalter konnte man diese einengenden Konventionen wohl ignorieren. Sie waren weit weg von der Gesellschaft. Niemand achtete auf sie.
Bennett reichte ihr die Lederröhre. „Das habe ich gemeint, wenn du nicht nach Florenz reisen willst, dann kommt Florenz eben zu dir. Jetzt kannst du deine Fähigkeiten anhand des Werks eines Meisters verfeinern, ohne dein Zuhause zu verlassen. Ich habe noch andere, wenn du mit diesem fertig bist, genug, um dich den ganzen Herbst zu beschäftigen. Die gebe ich dir später, dann stehen sie dir alle zur Verfügung. Versprich mir, dass du sie für mich malen wirst, dass du fleißig übst.“ Er küsste sie zärtlich auf die Nase. „Ich glaube an dich, Addy.“ Er zwinkerte ihr vergnügt zu. „Während du malst, könnten wir so tun, als wären wir in Florenz.“
Und all das andere, wovon sie träumte? In ihrer Sehnsucht nach Florenz ging es nicht nur um Kunst und die Malerei, es ging darum, mit ihm allein zu sein, zu zweit durch Europa zu reisen, jeder Tag wäre aufregend und spannend, und sie hätte Bennett ganz für sich allein. Sie würde sich nicht mehr fragen müssen, ob er sich mit Frauen traf, die in jedem Hafen auf ihn warteten, wenn er auf Reisen war. Sein Blick ruhte auf ihr, seine klaren grünen Augen, die alle möglichen Gefühle in ihr auslösten, nicht zuletzt eine gewisse Wärme in ihren Adern, ein leises Staunen darüber, dass sie irgendwie das Ziel seiner Avancen war. Es war erstaunlich, dass er mit ihr durchbrennen, mit ihr ein Abenteuer erleben wollte.
Das warf die Frage auf, warum? Wie konnte es sein, dass ein so schneidiger, geheimnisvoller und weltgewandter Mann von ihr fasziniert war, einer jungen Frau, die ein einfaches Leben führte und die die rustikale Umgebung von Seasalter den zivilisierten Annehmlichkeiten Londons vorzog?
„Du bist zu gut zu mir, Bennett.“ Es fiel ihr schwer, ihm sein Verhalten gegenüber den Bediensteten übel zu nehmen, wenn er sie so ansah, wie er es gerade tat – als wollte er sie mehr als jede andere Frau auf der Welt. Es schmeichelte ihr ungemein. Noch nie hatte ein Mann ihr so viel Aufmerksamkeit geschenkt. Sie wusste kaum, wie sie damit umgehen sollte.
„Ich habe dich vermisst, während ich weg war, Addy.“ Er hob ihr Kinn mit Daumen und Zeigefinger an und sprach mit sanfter Stimme. „Du schätzt dich selbst viel zu gering. Du bist weitaus talentierter als alle anderen Mädchen, die ich kenne, und weitaus selbstloser. Das sind bewundernswerte Eigenschaften, attraktive Eigenschaften. Und dann ist da noch dein Haar, rotbraun im Winter, zimtfarben in der Sonne, ein Vorhang aus glänzender Seide, durch den ich meine Finger gleiten lassen möchte.“ Bei diesen Worten begann ihr, das Herz schneller zu schlagen. Das Ganze entwickelte sich schnell zu einer Szene aus einem Roman von Mrs. Radcliffe, und sie war vollkommen überfordert. Männer verehrten Artemisia, nicht sie.
„Was machst du denn da, Bennett?“ Sie lächelte zittrig und ein wenig unbehaglich, aber auch nicht dazu in der Lage, ihn abzuweisen.
Sein Mund war ganz nah an ihrem Ohr, seine Stimme zärtlich, sein Atem strich über ihr Ohr und ließ einen Schauer der Erregung durch ihren Körper laufen. „Ich liebe dich, Addy-Sweet. Ich hatte auf meiner Reise viel Zeit zum Nachdenken, und ich habe an dich gedacht, an uns, daran, wie wir uns seit über einem Jahr kennen und dass ich dir noch nicht meine Absichten offenbart oder dich geküsst habe, und dass es Zeit ist für Küsse, für mehr zwischen uns.“ Er küsste sie auf die Nase. „Ich verehre dich, Addy, ich verehre deine Sommersprossen und deine süßen Lippen. Wie ich davon geträumt habe, wie sie schmecken würden, wie sie sich unter meinen anfühlen würden.“
Es war ein behutsamer Kuss; er ließ den Mund auf ihrem verweilen, während er ihr tief in die Augen schaute, selbst als er sich zurückzog. Es gab keinen Grund zur Eile. Sie waren allein am Strand, also konnten sie sich Zeit lassen. Seine Hände hatte er ihr warm und fest um die Taille gelegt, hatte sie eng an sich gezogen. Es war nicht das erste Mal, dass er sie berührte. Es war ein Jahr voller Berührungen gewesen, eine Hand höflich an ihrem Rücken, das Anbieten seines Arms beim Spazierengehen, Tänze bei Owen Ganns jährlichem „Oyster Ball“, der eigentlich kein Ball war. Aber dies war der intimste Moment, den sie je miteinander geteilt hatten, aber auch diese Intimität konnte ihre Bedenken nicht zerstreuen. Was hatte sich verändert? Was war während seiner letzten Reise geschehen? Was sah er in ihr?
Sicherlich, wenn man verliebt war, fegten die Gefühle solche Zweifel beiseite. Aber es gab auch genügend Warnsignale. Artemisia machte keinen Hehl aus ihrer Abneigung ihm gegenüber. Aber Artemisia mochte ohnehin nur wenige Menschen und war grundsätzlich überaus misstrauisch. Ihre Schwester kannte Bennett nicht so gut wie sie. Hatte Bennett sie nicht im letzten Jahr darin bestärkt, mit Artemisia nach London zu fahren? Hatte er nicht geduldig auf ihre Rückkehr nach Seasalter gewartet? Artemisia hatte die Befürchtung geäußert, dass er Addy ausnutzen könnte, aber wann hatte Bennett jemals versucht, einen Vorteil aus ihrer Bekanntschaft zu schlagen? Nicht ein einziges Mal hatte er ihren Status als Tochter eines berühmten Künstlers ausgenutzt. Stattdessen wollte er stets nur das Beste für sie und ermutigte sie, ihre Malerei zu verbessern. Vielleicht hatte Bennett sogar recht, wenn er sagte, Artemisia lehne ihn nur ab, weil er sie von ihrer Schwester entfernen könnte – und wo wäre Artemisia ohne sie? Oder sie ohne Artemisia? Sie waren noch nie lange voneinander getrennt gewesen, außer letztes Jahr für ein paar Monate, als Artemisia sie ohne ein Wort verlassen hatte.
Ein beunruhigender Gedanke schoss ihr durch den Kopf. Artemisia war gegangen, ohne sich zu verabschieden oder eine Erklärung abzugeben. Warum sollte sie sich jetzt verpflichtet fühlen, zu bleiben?
Warum solltest du ihretwegen bleiben? Worauf warten? Vielleicht hat Bennett recht, es wird immer einen Grund geben zu bleiben, warum nicht jetzt gehen, solange er bereit ist, dich mitzunehmen?
Weil es einfach zu schön war, um wahr zu sein. Warum sollte er so etwas tun? Was wollte er denn mit einer Frau wie ihr?
„Was willst du, Bennett?“ Sie versuchte erneut, seine Absicht zu ergründen. Sie lächelte ihn in dem Bewusstsein an, dass sie noch immer unschicklich dicht beieinanderstanden.
„Ist es nicht offensichtlich, Addy-Sweet? Ich will dich.“ Er beugte sich vor, um sie wieder auf den Mund zu küssen. Er presste sich an sie, seine Stimme war leise und heiser, als er ihr ins Ohr flüsterte: „Spürst du, was du mit mir machst, Addy? Du bringst mich um den Verstand.“ Die Worte waren zu viel, zu übertrieben, wie so viele seiner Komplimente. Inmitten des aufwühlenden Gefühls, das seine Umarmung in ihr auslöste, flüsterte in ihrem Kopf eine mahnende Stimme: Wie kannst du ihn um den Verstand bringen, wenn er dich kaum kennt?
London – Oktober
Inspektor Hazard Manning beugte sich über das Ölgemälde, schloss die Augen, um sich voll und ganz zu konzentrieren, und atmete tief ein. Er konnte eine Fälschung riechen wie ein Jagdhund eine Fährte. Er atmete aus. Eine Fälschung hatte keinen Geruch. Sie roch nach nichts.
Das Gemälde, das in Lord Monteiths Galerie hing, hatte keinen Geruch. Ein Beweis dafür, dass es nicht alt war. Alte Gemälde rochen nach Schimmel oder Moder. Diese Leinwand roch vollkommen neutral. Er beugte sich erneut vor und atmete noch einmal tief ein, wohl wissend, dass Lord Monteith im Hintergrund stand und gespannt auf sein Urteil wartete. Er atmete wieder aus. Nichts, außer vielleicht einem Hauch von Terpentin – ein Rückstand von den Pinseln, nicht von der Farbe selbst. Entgegen der landläufigen Meinung roch Ölfarbe nicht. Monteith lief nun unruhig auf und ab, aber Hazard ließ sich nicht hetzen. Hätte Monteith den Kauf nicht so überstürzt getätigt, wäre er gar nicht erst in diese Situation geraten. Und er wäre nicht von seinen Ermittlungen in einem Mordfall in den East Docks, der seit Februar ungelöst war, weggerufen worden.
Nun gut. Jetzt war er hier. Er konnte genauso gut sorgfältige Arbeit leisten, um sich einen späteren erneuten Besuch zu ersparen. Hazard holte eine Lupe hervor, beugte sich abermals über das Gemälde, nahm die Details ins Visier und murmelte nachdenklich vor sich hin. Vorsichtig hob er das Gemälde an, um die Rückseite zu untersuchen, auf der Suche nach einer Signatur, aber die Rückseite des Gemäldes war so makellos wie die Farbe geruchlos. Schließlich trat er von dem angeblichen Perugino zurück – einem lange verschollen geglaubten Werk, das übersehen worden sein sollte, als man den Katalog erstellt hatte. Nur ein Narr würde das glauben.
„Wie lautet Ihr Urteil?“, fragte Monteith atemlos vor Sorge.
„Es ist nicht von Perugino. Es stammt auch nicht aus seiner Werkstatt. Die Farben sind falsch“, begann Hazard eine Erklärung darüber, dass das Kobaltblau, in dem das Gewand der Jungfrau Maria gehalten war, zu neu sei, eine moderne Farbe, die erst seit 1802 verwendet wurde, und dass Perugino für das Gewand der Jungfrau Maria in der Regel Azurit verwendet habe, wenn er sparen wollte, oder Ultramarin, wenn nicht. „Ultramarin war außerordentlich teuer, Perugino ließ es sich von seinen Auftraggebern zusätzlich bezahlen.“ Einer seiner Professoren in Oxford war ein Renaissance-Experte gewesen und hatte ihn mit seiner Leidenschaft für die spannenden Details aus dem Leben der jeweiligen Künstler angesteckt.
Monteith lachte leise: „Sie sind in der Bow Street verschwendet, Manning. Sie wissen viel zu viel. Sie sollten im British Museum arbeiten, wo sich die Leute für solche Dinge interessieren.“
„Vielen Dank, Mylord. Aber das Museum hat keine Stellen zu vergeben. Bow Street schon“, entgegnete Hazard höflich. Für das British Museum zu arbeiten und die Echtheit ausländischer Kunstwerke zu überprüfen, die dem Haus zum Kauf angeboten wurden, wäre ein Traum, aber das war eine Aufgabe für Gentlemen-Gelehrte, Männer mit Beziehungen oder Titeln. Er war auf sich allein gestellt. Er war der zweite Sohn eines Landedelmannes aus Sussex mit einem unvollendeten Studium in Oxford. Alle Beziehungen, die er einst gehabt haben mochte, hatte er vor Jahren bewusst abgebrochen.
„Ich will natürlich mein Geld zurück. Das Gemälde war teuer!“ Monteith war wieder ganz geschäftlich.
„Wir werden den Kerl finden“, versicherte Hazard selbstbewusst, obwohl er noch keine einzige Spur hatte. „Es kommt auf die Details an, Mylord, so schnappen wir diese Bastarde. Ein Krimineller übersieht immer etwas. Ich nicht. Ich hätte jedoch ein paar Fragen an Sie, wenn Sie nichts dagegen haben.“ Die Gründlichkeit war es, die ihn von anderen Ermittlern, ob privat oder nicht, unterschied. Sein guter Ruf war der Grund, warum Monteith ihn engagiert hatte. Es war nicht das erste Mal, dass er dem Earl aus einer peinlichen Situation heraushalf. Details und Diskretion waren seine Leitmotive, auch wenn es nicht die von Monteith waren.
Sie machten es sich in Monteiths Büro bequem, mit einem guten Glas Brandy vor sich; Monteith trank in seiner Verzweiflung reichlich. „Niemand darf erfahren, was ich getan habe, Manning“, sagte er nicht zum ersten Mal. Hazard nickte, nicht überrascht, dass Monteiths erste Sorge seiner Reputation galt und nicht dem Verbrechen an sich. Der Earl gab sich als Sammler von Renaissancekunst. Er glaubte, das würde ihn intelligent und gebildet erscheinen lassen. Der Mann war in seiner Jugend einmal in Italien gewesen, auf seiner Grand Tour, die Jahrzehnte vor Napoleons Vormarsch in Europa stattgefunden hatte.
„Natürlich, Mylord. Ich würde nicht im Traum daran denken, Ihr Unglück öffentlich zu machen“, versicherte Hazard ihm, obwohl dies nicht unbedingt bedeutete, dass seine Schmach nicht in die Öffentlichkeit gelangen würde. Der Earl of Bourne, ein echter Sammler und Kenner, war es gewesen, der das Gemälde, um das es ging, infrage gestellt hatte. Er konnte nicht kontrollieren, wem Bourne davon erzählen würde.
Hazard holte einen Bleistift und sein kleines Notizbuch hervor. „Bitte sagen Sie mir, wie Sie an dieses Gemälde gekommen sind?“
Monteith rutschte unwohl auf seinem Stuhl hin und her. „Mir wurde gesagt, es gehöre einem französischen Adligen, der in Ungnade gefallen sei, und stamme aus dessen Privatsammlung.“ Es war eine plausible Geschichte. Seit der Revolution verkauften französische Adlige Kunstwerke aus ihrem Besitz, um sich über Wasser zu halten, und es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass ein Perugino an die englische Küste gelangte.
Mehr aber war Monteith offenbar nicht willens preiszugeben. Hazard war geduldig. Er würde die ganze Geschichte schon noch erfahren. Mit Geduld hatte er während des Krieges Codes geknackt. Er hatte früh gelernt, dass man einen Code, um ihn entschlüsseln zu können, aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten musste, bis sich einem der Sinn offenbarte. „Haben Sie den Franzosen getroffen? Hatten Sie persönlichen Kontakt zu ihm?“
„Nein, es lief alles über einen Agenten.“ Monteith wirkte fast beleidigt, als hätte Hazard wissen müssen, dass er sich selbstverständlich nicht die Hände an irgendwelchen Geschäften schmutzig machen würde. Der Earl schlug ein Bein über das andere und knetete die Hände. Der Mann war sichtlich nervös oder verlegen.
Hazard machte sich Notizen und stellte beiläufig die nächste Frage. „Hat dieser Agent einen Namen?“ Angesichts der Nervosität, die der Mann an den Tag legte, kam Hazard der Gedanke, dass der Earl vielleicht jemanden schützen wollte. Sich selbst vielleicht? Monteith liebte sich selbst über alles. Er würde niemals zugeben wollen, dass er mit jemandem von zweifelhaftem Ruf Geschäfte gemacht hatte.
„Er ist ein Agent, mehr weiß ich nicht“, antwortete Monteith schließlich. „Und ein weiterer Mann hat das Gemälde meinem Angestellten übergeben.“
„Ah.“ In dieser Geschichte kamen zu viele namenlose Männer vor, als dass sie gut enden konnte. Namenlose Männer waren schwerer aufzuspüren. Hazard nickte und griff nach seinem Glas. Er roch am Brandy, trank einen Schluck und kam zu dem Schluss, dass der „Agent“, von dem Monteith sprach, ein Schmuggler war. Darauf hätte er die Taschenuhr seines Vaters verwettet. Auch der Brandy war geschmuggelt. Das Gemälde zweifellos ebenfalls. Die Puzzleteile fügten sich langsam zusammen. Ein Franzose, der absichtlich ein gefälschtes Gemälde verkaufte? Wusste der Schmuggler davon oder war es ein Versehen gewesen?
„Gab es Angaben zur Herkunft des Gemäldes?“, fragte Hazard. Das würde Aufschluss darüber geben, wie vorsätzlich der Schmuggler gehandelt hatte. Wenn ja, hätte der Schmuggler möglicherweise selbst an die Echtheit des Gemäldes geglaubt. Dann läge die Schuld eindeutig beim Franzosen. Das verwendete Blau deutete darauf hin, dass es sich um ein neues Werk handelte, höchstens siebzehn Jahre alt. Aber selbst daran hatte er seine Zweifel. Er hatte das Terpentin gerochen. Für einen Experten wie ihn roch es neu. Nur ein Dummkopf wie Monteith würde den Geruch für alt halten. Er schloss eine Wette mit sich selbst ab. Es gab keine Herkunftsangabe. Warum sollte es, wenn noch nicht einmal eine Signatur vorhanden war?
Monteith schüttelte den Kopf. „Die Papiere sind bei der Überfahrt verloren gegangen. Das Schiff geriet in ein Unwetter, und einige Dinge gingen über Bord.“
Hazard lag es auf der Zunge zu fragen, ob dieser Zufall dem Earl nicht seltsam vorgekommen sei, aber er hielt sich zurück. Es hatte keinen Sinn, die Intelligenz des Earl infrage zu stellen, und obwohl sein Verstand ein scharfes Werkzeug war, war seine Zunge ein freundlicheres Instrument. Monteith war ein alter Mann. Hazard wollte ihn nicht in seinem Stolz kränken. Stattdessen sagte er: „Ich verstehe.“ Er verstand tatsächlich. In dem blinden Eifer, mit seiner Sammlung Eindruck zu schinden, hatte Monteith seine Hausaufgaben nicht gemacht. Der Erwerb klassischer Kunstwerke war ein langwieriger Prozess, der viel Recherche und die Beratung durch Experten erforderte, um Situationen wie diese zu vermeiden. Monteith hatte sich wie üblich kopfüber in ein unüberlegtes Desaster gestürzt. Er hatte sich nicht gefragt, warum ihm ein lange verschollener Perugino exklusiv und privat angeboten wurde, obwohl der bei einer offiziellen Auktion deutlich mehr eingebracht hätte.
„Ich will mein Geld zurück, und ich will, dass der Mann, der das getan hat, gefasst und bestraft wird. Fälschung ist ein Verbrechen, das mit dem Tod geahndet wird“, schimpfte Monteith und schenkte sich noch einen Brandy ein.
„Manchmal“, fühlte sich Hazard genötigt, den tobenden Monteith zu korrigieren. „Das Fälschen von Geld ist das Vergehen, das mit dem Tod bestraft wird.“ Ein Kunstfälscher konnte zu einer Strafe verurteilt werden oder mit Deportation rechnen oder seltener, je nach Schwere des Falls, mit dem Tod. Mit dem Gesetz war er vertraut. Der Tote in den East Docks war ein Fälscher mit weitreichenden Fähigkeiten gewesen. Als Fälscher für die Londoner Unterwelt hatte er Dokumente, Urkunden, Pfundnoten und wer weiß was noch alles gefälscht. Derzeit sahen sie nur die Spitze des Eisbergs.
Monteith kippte seinen Brandy hinunter. „Typen wie er, wer auch immer dieser Fälscher ist, werden die Kunstwelt verderben, wenn Gemälde wie diese in unsere Sammlungen gelangen.“ Hazard war allerdings der Ansicht, dass es auch noch andere Möglichkeiten gab, wie die Kunstwelt durch Betrug verdorben werden konnte, angefangen bei dem Mann, der ihm gegenübersaß.
„Ich verstehe, wie Sie sich fühlen“, sagte Hazard vorsichtig, um das Gespräch wieder in eine sinnvolle Richtung zu lenken. Ohne einen Hinweis, und sei er noch so gering, konnte er keine Ermittlungen aufnehmen. „Aber ohne einen Namen, wie soll ich den Agenten kontaktieren?“ Er würde den Mann befragen müssen, und selbst das würde vielleicht nicht ausreichen. Nach Frankreich zu segeln und den französischen Adligen ausfindig zu machen, möglicherweise auch nicht. Es würde ihm schwerfallen, zu beweisen, dass der Schmuggler wissentlich gefälschte Waren verkauft hatte, und der Franzose war nicht verpflichtet, sich vor einem englischen Gericht zu verantworten. „Wie kann ich mit diesem Agenten in Kontakt treten? Wie hat er Sie kontaktiert?“ Er dachte dabei an Monteiths Angestellte, aber Monteith bezog die Frage auf sich persönlich.
„Damit gebe ich mich doch nicht ab!“ Monteith schüttelte ungeduldig mit dem Kopf. „Wenn ich etwas will, sage ich meinen Leuten, sie sollen es arrangieren.“
Reiche Männer wie Monteith kümmerten sich nie um Details. Sie erteilten Anweisungen, und andere Männer führten sie aus, setzten die Pläne in die Tat um und sorgten dafür, dass die Wünsche ihres Dienstherrn erfüllt wurden. Männer wie er. Männer wie diejenigen, die mit ihm gedient hatten und an seiner Seite gestorben waren. Er hatte nicht alle beschützen können, nicht einmal seinen eigenen Bruder, trotz des Versprechens, das er seinem Vater gegeben hatte.
„Dann müssen Sie mit ihnen sprechen“, sagte Hazard eindringlich und beugte sich vor. „Ich muss Ihnen klar sagen, dass ich ohne den Namen des Agenten Ihren Fälscher nicht aufspüren kann. Wenn Sie Ihre Angestellten befragen oder Ihren Sekretär damit beauftragen könnten, werde ich gern alles in meiner Macht Stehende tun, um Ihnen zu helfen.“ Hazard stand auf. „Vielen Dank für Ihre Zeit“, sagte er, obwohl es seine kostbare Zeit gewesen war, die er zur Verfügung gestellt hatte.
Er begab sich zur Tür und ordnete seine Gedanken. Das war wirklich interessant. Monteith hatte ihm zwar eine Geschichte erzählt, aber Hazards Instinkt sagte ihm etwas anderes. Dieser Instinkt täuschte ihn selten – nur einmal hatte er ihn im Stich gelassen.
Draußen wurde er von einer kühlen Herbstbrise begrüßt. Es war ein langer Weg vom Portland Square zu seinem Schreibtisch in der Bow Street, aber sein Geist war dankbar für die Gelegenheit zum Nachdenken und sein Körper für die Bewegung an der frischen Luft. Er atmete tief ein und nahm den Wechsel der Jahreszeiten bewusst wahr. Er genoss London im Herbst mit seinen purpurroten Blättern und weniger überfüllten Straßen. Er ließ seine Gedanken schweifen, während er einen Fuß vor den anderen setzte.
War der französische Adlige eine Erfindung? Die Farbe war zu neu. Immer wieder musste er an das Kobaltblau denken. Es war nicht nur nicht das von Perugino bevorzugte Blau, es war einfach zu neu, eine Farbe, die erst nach der Jahrhundertwende verwendet wurde. Warum hatte man ihm diesen Bären aufgebrummt? Weil Monteith die Geschichte glauben würde. Es war die Art von Geschichte, die Monteith in der nächsten Saison bei Tisch erzählen konnte. Hazard konnte Monteith schon hören, wie er seine Gäste unterhielt, während sie in die Galerie strömten, um das verlorene Meisterwerk zu bewundern. „Es hing jahrhundertelang an einer Wand in einem französischen Schloss … mein Agent hat mich darauf aufmerksam gemacht … ein verlorener Perugino …“
Es kam alles auf den Agenten an, dessen Dienste Monteith offenbar regelmäßig in Anspruch nahm und der dessen Vertrauen genoss, ob zu Recht oder zu Unrecht. Monteith schien diesem Mann blind zu vertrauen, ohne etwas über ihn zu wissen: weder seinen Namen noch seine Adresse oder wo er zu finden war. Aber jemand in Monteiths Diensten wusste es.
Wenn er den Agenten aufspüren könnte, würde er auch den Fälscher finden. Die beiden arbeiteten zweifellos zusammen, um Kopien echter Kunstwerke an ahnungslose, finanzkräftige Sammler wie Monteith zu verkaufen. Wer auch immer der Fälscher war, er war gut. Das war nicht das Werk eines zweitklassigen Straßenkünstlers. Aber Fälscher waren normalerweise auch talentiert. Sie konnten sich keine Fehler leisten. Sie waren wie er, legten Wert auf Details. Details machten den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg. Fehler konnten das Leben kosten – der Tote in den East Docks war der Beweis dafür. Er bedauerte es, nicht länger vor Ort sein zu können, um diesen Fall aufzuklären, aber Monteiths Problem hatte Vorrang.
Während er auf die notwendigen Informationen von Monteiths Leuten wartete, befragte Hazard seine Quellen in Covent Garden und seine Kollegen in der Bow Street, ob aktuell weitere Fälschungen in der Stadt aufgetaucht waren. Ein guter Inspektor lernte schnell, dass man, wenn die eigenen Augen nicht ausreichten, die Augen und Ohren anderer nutzen musste. Ein guter Inspektor, wie ein guter Soldat, überließ nichts dem Zufall, und er war ein sehr guter Soldat gewesen, bevor er Inspektor geworden war. Bevor er einen entscheidenden Fehler gemacht hatte. Aber seit dem letzten Sommer und dem Tod des Fälschers in den East Docks war keine Fälschung mehr in Umlauf geraten. Der Tote hatte inzwischen immerhin einen Namen bekommen: Peter Timmons, ein Mann, der unglücklicherweise seine Geheimnisse mit ins Grab genommen hatte. Zweifellos ein Tod, der aus genau diesem Grund von der Unterwelt arrangiert worden war. Die Männer, denen Hazard den Fall übertragen hatte, standen vor einer weiteren unüberwindbaren Mauer. Manchmal musste man lernen, damit zu leben, dass man einen Fall nie aufklären würde.
Dann irgendwann traf eine Nachricht von Monteith ein. Es gab immer noch keinen Namen, aber einen Ort. Der Agent nutzte Seasalter in Kent als Kontaktpunkt zu den Schmugglern – vorausgesetzt, der Agent war nicht selbst ein Schmuggler. Es war die erste nützliche Information, die er von Monteith erhalten hatte. Seasalter, abseits gelegen inmitten des Nichts, war für zwei Dinge bekannt: Austern und Schmuggel. Nein. Moment. Er zwang sich, nichts zu überstürzen. Seasalter war noch für etwas anderes bekannt.
Er durchforstete sein Gedächtnis, während er seine Sachen packte, und die Antwort kam ihm, als er ein Hemd in die Reisetasche warf. Dort befand sich die neue Kunstschule, geleitet von Viscount St. Helier und seiner Frau, der Malerin Artemisia Stansfield, Tochter von Sir Lesley Stansfield. St. Helier war ein bekannter Künstler und auch Kunstkritiker, sein Vater, der Earl of Bourne, war Großbritanniens führender Sammler englischer Kunst und der Mann, der die Echtheit von Monteiths Gemälde angezweifelt hatte. Vielleicht könnte er St. Helier und seine Frau um Rat fragen, während er sich umhörte. Er würde eine freundliche Verbindung in Seasalter brauchen. Schmugglergemeinschaften waren bekanntermaßen sehr verschlossen gegenüber Fremden. Er war ehrlich zu sich selbst. Diese kleine Reise war nicht besonders vielversprechend. Er brach auf ohne einen Namen, nur mit einem Ort und einzelnen Puzzleteilen, die er – mit etwas Glück – zu einem Ganzen zusammensetzen würde.
Er hatte den ganzen Tag damit verbracht, verschiedene Szenarien durchzuspielen. Sicher war nur, dass Monteiths Agent in Seasalter war. Lieferte der Schmuggler die Fälschungen dort aus? Oder arbeitete der Fälscher irgendwo in der Nähe? Oder gab es mehrere Fälscher an verschiedenen Orten? Das würde die Sache noch komplizierter machen.
Er kam in Seasalter an und machte sich kurz nach vier Uhr auf den Weg zum Haus der Stansfields, ihm schmerzte der Hintern von einem Tag im Sattel auf holprigen Straßen. In London lief er zwar kilometerweit, aber in der Stadt ritt er nicht – etwas, das er vermisste. Der Unterricht war gerade zu Ende, und Grüppchen von Mädchen im Alter von zehn bis fünfzehn Jahren tummelten sich auf dem Hof und genossen die letzten Sonnenstrahlen des Herbsttages. Die schlichte Szene rührte ihn. Wäre er ein Maler gewesen, hätte er die Szene gern gemalt, die Unschuld ihrer blauen Röcke und weißen Blusen, ihre Zöpfe und Schleifen, ihr Kichern eingefangen, wenn sie miteinander alberten. Er hörte Bruchstücke ihrer Gespräche, als er an der zu einer Schule umgebauten alten Fischerei vorbei und den Weg hinauf zum Haus der Stansfields ritt.
„Ich hoffe, die Signora lässt die Oberstufe als Nächstes eine Gentileschi kopieren.“
„Wir malen ein Blumenstillleben von Mrs. Moser.“
„Ich frage mich, wann wir endlich einen Akt malen dürfen.“
Es folgte Gekicher. Ein Funken inspektorischen Misstrauens begann Risse in die Unschuld des Augenblicks zu schlagen, als er sich aus dem Sattel schwang und zur Haustür ging. Er klopfte und hielt seine Visitenkarte bereit. Er hatte keine Zeit gehabt, sich vorher anzukündigen. Was, wenn der Schmuggler die Bilder gar nicht importierte? Was, wenn es sich nicht um einen Fälscher handelte, der in dieser Gegend arbeitete, sondern tatsächlich gleich mehrere, die alle an einem Ort versammelt waren? Was, wenn es eine Schlange im Paradies gab?
Sie waren mit dem kleinen Michael im Garten des Bauernhauses und machten ihre übliche Pause zwischen den Unterrichtsstunden und vor dem Dinner. Michael trank zufrieden an Artemisias Brust, als die Nachricht kam. Mrs. Harris, die gefürchtete Haushälterin und strenge Torwächterin, erschien voller Entschlossenheit. Niemand kam an ihr vorbei. Sie bewachte die Privatsphäre der Familie wie ein Drache seinen Goldschatz. „Hier ist ein Mann, der mit dem Viscount oder Lady St. Helier sprechen möchte.“ Ihr Missmut angesichts der Störung war deutlich zu hören, als sie von einer Schwester zur anderen blickte und nicht wusste, welcher sie die Karte geben sollte. Artemisia hatte alle Hände voll mit dem Säugling zu tun.
Addy griff nach der Karte. „Inspektor Hazard Manning. Aus London, Artemisia.“ Sie runzelte die Stirn. „Erwartet Darius ihn vielleicht? Ich frage mich, was er will. Kennst du ihn?“
Artemisia schüttelte den Kopf. „Wir können ihn unmöglich empfangen. Ich bin beschäftigt.“ Sie legte das Baby an die andere Brust. „Darius ist noch nicht zu Hause, und wir erwarten heute keine Besucher. Mrs. Harris, sagen Sie ihm, der Viscount ist nicht da, und wir empfangen niemanden. Er soll versuchen, für morgen einen Termin mit dem Sekretär meines Mannes zu vereinbaren.“
„Nein, warten Sie, Mrs. Harris. Ich kann ihn empfangen!“, rief Addy. Sie warf Artemisia einen Blick zu. „Wenn er aus London kommt, ist er bestimmt müde, und was auch immer er will, es kann offensichtlich nicht bis morgen warten. Wahrscheinlich ist er direkt hierhergekommen, anstatt im Crown Halt zu machen.“ Sie lächelte. „Das letzte Mal, als ein unangemeldeter Besucher in unserem Bauernhaus aufgetaucht ist, war es Darius, und wir wissen ja, wie das ausgegangen ist.“
Addy stand auf. „Bleib hier, Artemisia, und ruh dich aus, wenn der Kleine fertig ist. Ich kümmere mich um unseren unerwarteten Gast. Bringen Sie ihn in den vorderen Salon, Mrs. Harris. Servieren Sie bitte Tee und eine Kleinigkeit zu essen. Er ist wahrscheinlich ausgehungert. Stellen Sie für das Dinner einen zusätzlichen Teller bereit und dekantieren Sie eine Flasche von dem Rotwein, den der Viscount so gern mag, nur für alle Fälle.“
Artemisia streckte ihre freie Hand nach Addy aus. „Danke, Schwester“, sagte sie liebevoll. „Ich weiß nicht, wie ich diese Tage, diese Monate ohne dich bewältigen würde. Du bist mein Fels in der Brandung.“
„So wie du meiner seit so vielen Jahren.“ Addy drückte ihrer Schwester liebevoll die Hand. „Dafür sind Schwestern da.“ Es wärmte ihr das Herz, Artemisia glücklich und ausgeglichen zu sehen, nach Jahren voller Enttäuschungen und Kämpfe. Die Welt war nicht immer freundlich zu Frauen, die sich ihr entgegenstellten. Artemisia hatte tapfer und hartnäckig gekämpft. Sie hatte es verdient.
Artemisia lächelte. „Ich vergesse immer wieder, dass du erwachsen bist, dass du schon einundzwanzig bist.“ Sie sah auf das Baby hinunter. „Es ist schwer zu glauben, dass auch dieses Kind einmal groß werden wird.“ Sie ließ Addys Hand los. „Nochmals vielen Dank, dass du dich um unseren Besucher kümmerst.“
Addy ging zum vorderen Salon und blieb kurz stehen, um ihr Aussehen in dem kleinen Spiegel im Flur zu überprüfen: Sie nickte sich halbwegs zufrieden zu. Keine Farbflecken auf Wangen oder Kinn, keine widerspenstigen Haarsträhnen, die sich aus dem Chignon, den sie immer zum Arbeiten trug, gelöst hatten. Ihre Nase war von Sommersprossen gesprenkelt, aber dagegen konnte man nichts machen, das war wohl der Fluch der Rothaarigen, nahm sie an. Aber alles in allem sah sie respektabel genug aus. Sie straffte die Schultern und betrat den Salon. „Guten Tag, Inspektor, ich bin Miss Stansfield, wie kann ich Ihnen helfen?“
Der Mann auf dem Sofa stand sofort auf, als sie eintrat. Er war viel größer und breiter, als sie erwartet hatte. Seine schiere, raue Männlichkeit war einschüchternd und überraschend. Irgendwie hatte sie sich einen Inspektor als einen eher kleinen, schmerbäuchigen Mann mit Brille und rundem Gesicht vorgestellt, der fast sein ganzes Leben hinter einem Schreibtisch verbrachte. Dieser Mann war das genaue Gegenteil. Sie standen beide da und starrten sich schweigend an. Anscheinend war er von ihrem Anblick ebenfalls überrascht. Natürlich. Er hatte Artemisia oder Darius erwartet, die berühmte Furie der Kunstwelt oder den Viscount. Addys Erscheinen anstelle dieser illustren Persönlichkeiten musste eine Enttäuschung sein, wie so oft.
„Bitte nehmen Sie Platz, Inspektor. Der Viscount ist nicht zu Hause, und meine Schwester ist verhindert.“ Sie nahm auf dem Stuhl gegenüber dem Sofa Platz und hoffte, Selbstsicherheit auszustrahlen. „Ich werde Ihnen helfen, wo ich kann, und wenn das nicht ausreicht, können Sie sich an den Sekretär meines Schwagers wenden, um einen Termin zu vereinbaren.“ Mrs. Harris kam wie auf Stichwort mit dem Teetablett herein, das mit verschiedenen Köstlichkeiten beladen war – Schinkensandwiches, die sich zwischen den Zitronen-Sahne-Törtchen von Foake’s Bakery auftürmten, die jeden Donnerstag geliefert wurden.
Addy schenkte dem Inspektor eine Tasse Tee ein und sah ihm dabei in die dunklen Augen. Sie hob die Augenbrauen, um nach Milch oder Zucker zu fragen. Der Blick, mit dem er ihren erwiderte, war hellwach und durchdringend, und sie konnte sich gut vorstellen, wie ein Verdächtiger sich darunter winden würde.
„Weder noch, danke.“ Der Inspektor nahm Tasse und Untertasse, die in seinen großen Händen winzig wirkten. Tatsächlich kam Addy der Raum auf einmal kleiner vor. Der Mann füllte ihn mit seiner Präsenz voll und ganz aus. Sie konnte den Wind an ihm riechen. Er musste den ganzen Weg geritten sein.
„Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise, auch wenn sie zweifellos lang war.“ Addy versuchte, Konversation zu machen, während sie an ihrem milchweißen Tee nippte.
„Das Wetter hat mitgespielt, danke. Ich genieße jeden schönen Tag. Man weiß nie, wie viele davon einem in dieser Jahreszeit noch bleiben. Die Schülerinnen schienen es auch so zu empfinden. Ich bin auf dem Weg hierher an ihnen vorbeigekommen. Sie waren im Innenhof. Die Schule scheint zu florieren.“ Er griff mit einem Lächeln, das gerade weiße Zähne und eine Spur von Freundlichkeit zeigte, die die Schärfe seines Blicks ausglich, nach einem Zitronentörtchen. „Die sind köstlich“, sagte er, nachdem er gekostet hatte.
„Ja, die Bäckerei in der Stadt ist herausragend.“ Was wollte er von ihr? Sie konnte nicht entscheiden, ob dies eine subtile Befragung oder belangloses Geplauder war. Sie versuchte, seine Absichten zu erraten. „Was unsere Schülerinnen angeht, so hat Lady St. Helier jede einzelne persönlich ausgewählt. Sind Sie deswegen hier? Möchten Sie uns eine Kandidatin für die Schule vorschlagen?“ Wenn es um eine potenzielle Schülerin ging, wollte Artemisia immer alle Details wissen. Vielleicht hatte er eine Tochter? Obwohl er zu jung zu sein schien, um eine Tochter im richtigen Alter für Artemisias Schule zu haben. Sie schätzte ihn auf Ende zwanzig. Vielleicht eine jüngere Schwester, obwohl diese viel jünger sein müsste, um für einen Platz in der Schule infrage zu kommen.
„Nein …“ Er hielt inne, verschlang das restliche Törtchen mit einem Bissen und nahm sich ein Schinkensandwich. „Ich bin dienstlich hier. Ich hoffe, der Viscount könnte mir vielleicht einen Rat geben, was einige Unregelmäßigkeiten anbetrifft, die in London aufgetreten sind. Es geht, wenn man so will, um Kunst.“
„Ich bin sicher, er würde Ihnen gern helfen“, entgegnete Addy, obwohl sie sich fragte, warum er nicht einfach einen Brief geschickt und sich die Reise erspart hatte, wenn er nur einen Rat wollte. Vielleicht war es einfach die Dringlichkeit seines Anliegens, die ihn zu dieser Reise veranlasst hatte? So würde er schneller eine Antwort erhalten, als wenn er auf die Post warten müsste. Was war denn nur so dringend? „Wohnen Sie im Crown?“ Addy bemühte sich, das Gespräch am Laufen zu halten.
„Ja.“ Er aß ein weiteres Sandwich und trank seine Teetasse leer. Trotz seiner offensichtlich guten Manieren gehörte Zurückhaltung anscheinend nicht zu seinem Repertoire.
„In diesem Fall würden Sie vielleicht gern zum Dinner bei uns bleiben. Mrs. Harris kocht besser als der Koch des Crown, und St. Helier wird zum Essen zu Hause sein.“ Vielleicht hatte er sich eine Einladung zum Dinner erhofft? Aber was sollte sie in der Zwischenzeit mit dem Inspektor machen? Sie hatte nicht darüber nachgedacht, wie sie ihn unterhalten könnte, und es würde noch gut eineinhalb Stunden dauern, bis das Abendessen serviert würde.
„Das ist sehr freundlich, wenn es Ihnen nicht zu viel Mühe macht“, sagte er. „Vielleicht könnte ich Sie in der Zwischenzeit um eine Führung durch die Schule bitten? Ich habe in der Zeitung davon gelesen und würde sie gern selbst sehen.“
Addy sprang erleichtert auf. „Ich hole meinen Mantel und sage Mrs. Harris, wo wir sind.“
Draußen, an der frischen Luft, schien er in seinem natürlichen Habitat zu sein. Mit langen Schritten ging er neben ihr her. Sein Mantel wirbelte ihm um die Beine, sein dunkles Haar wurde ihm vom Wind aus dem Gesicht geweht, was sein markantes Kinn und seine klaren, männlichen Gesichtszüge betonte. Addy warf ihm mehr als einen Blick zu, während sie den kurzen Weg zur Schule zurücklegten. Da war ein robuster Stolz an ihm, was ihn je nach Perspektive wie ein Arbeiter oder ein Gentleman erscheinen ließ. Diese Vielseitigkeit war ihm wahrscheinlich in seinem Beruf überaus nützlich, da es ihm ermöglichte, sich jeder Situation anzupassen.
Es waren seine Haare, die ihm dieses Robustheit verliehen, entschied sie. Seine dunkle Mähne trug er lang und offen, was nicht dem aktuellen Modegeschmack entsprach. Dennoch stand ihm das vom Wind Zerzauste. Er schien kein Sklave der Mode zu sein, was ihn irgendwie interessant machte. Addy warf einen Blick auf seine Stiefel. Keine von Mr. Hoby, es waren einfach nur Stiefel. Hochwertig verarbeitet, und sie sahen sehr bequem aus. Genauso wie der Mantel. Der Inspektor kleidete sich nach seinem Geschmack, nicht nach seinem Geldbeutel. Ein Mann von gutem Stand also. Und ein ehrlicher Mann. Er hatte sich nicht eigens herausgeputzt, sondern war als er selbst gekommen. Nicht wie Bennett, dachte sie plötzlich. Bennett kleidete sich stets teuer, übertrieben, gab für Kleidung viel Geld aus.
Sie gelangten an eine unebene Stelle des Fußwegs, und er bot ihr seine Hand an. „Darf ich Ihnen helfen, Miss Stansfield? Ich möchte nicht, dass Sie sich meinetwegen den Fuß verstauchen.“ Seine Hand war warm und angenehm rau, wo ihre Handfläche seine berührte. Diese Rauheit strahlte Zuversicht aus, diese Hand wusste, was sie zu tun hatte, wusste, wie man festhielt, auch wenn Seile scheuerten und Kälte in die Haut stach. Diese Hand würde nicht loslassen. Sie war nicht wie die Hand von Bennett. Dieser Vergleich schoss ihr ebenso unwillkürlich durch den Kopf wie der erste Gedanke. Warum verglich sie die beiden überhaupt? Bennett war Vergnügen, der Inspektor war Ernsthaftigkeit. Der Inspektor war nicht einmal ihretwegen hier. Er war wegen ihres Schwagers hier. Auf einmal wurde ihr bewusst, dass er sie ansah.
„Nun, Miss Stansfield? Erfahre ich Ihre Zustimmung? Würden Sie mich malen?“ Der Inspektor lachte leise, und Addy errötete. „Ich nehme an, Künstler betrachten jeden als potenzielles Porträtmotiv. Ich fürchte allerdings, ich würde Sie nur enttäuschen. Ich bin keine große Schönheit.“
Nicht im herkömmlichen Sinne, nein, aber er hatte etwas Anziehendes an sich. Eine unvollendete Schönheit vielleicht, die sich eher durch ihre raue Intensität auszeichnete als durch die glatte Vollkommenheit, die Männer wie Bennett attraktiv machte.
Bennett war ein goldener Prinz aus einem Märchen. Niemand würde Hazard Manning mit einem prunkvollen Prinzen verwechseln.
„Und Inspektoren? Wie sehen sie die Welt?“ Addy lachte ein wenig verlegen, weil ihr klar war, dass er ihr einen Ausweg geboten hatte, nachdem er sie beim Starren erwischt hatte.
„Düster, fürchte ich. Berufsrisiko.“
„Dann passt Ihr Vorname zu Ihnen“, meinte Addy lächelnd. „Wie ein Gärtner namens Gardener oder ein Schmied namens Smith.“
„Das ist nur Zufall, das versichere ich Ihnen.“ Er hielt ihr die Tür zur Schule auf. Die Robustheit eines Arbeiters, die Manieren eines Gentlemans, dachte sie, als sie hindurchging. Vielleicht gehörte er zu den Männern, die zwischen zwei Welten lebten. Bennett musste wohl auch so ein Mann sein, wie sie oft dachte.
Hazard schärfte alle seine Sinne, während er Miss Stansfield lauschte, die ihm die Schule zeigte. Wenn es eine Schlange im Garten Eden gab, dann musste sie hier sein, unter all den unschuldigen Evas, die er zuvor im Innenhof gesehen hatte. Die Mädchen waren inzwischen ins Haus gegangen. Er konnte sie oben in den Schlafsälen lachen und reden hören, in Vorfreude auf das Abendessen. Was für eine reizvolle Atmosphäre St. Helier und seine Frau hier geschaffen hatten. Es war schwer vorstellbar, dass inmitten dieses Idylls Verbrechen lauerten. Er wollte es sich nicht vorstellen. Aber er musste. Das war die erste Regel der Ermittlungsarbeit. Niemand und nichts durfte über jeden Verdacht erhaben sein, bis das Gegenteil bewiesen war. Seine Welt war in der Tat düster, damit andere im Licht leben konnten.
Miss Stansfield ging vor ihm in eines der Klassenzimmer im Erdgeschoss und streifte ihn mit dem Duft des Sommers in ihrem Haar. Er versuchte, es zu ignorieren und sich auf den Raum zu konzentrieren. Welche Hinweise würde er hier finden? Jede Spur der alten Fischfabrik, die dieser Ort einst gewesen war, war vollständig beseitigt worden. Die Klassenzimmer waren mit Fenstern und Licht, Staffeleien und allen Utensilien für arbeitende Künstler ausgestattet. An den warmen cremefarbenen Wänden hingen Leinwände mit bekannten Szenen und beliebten Werken der alten Meister. „Ihre Schülerinnen sind talentiert“, lobte Hazard, während er die Gemälde betrachtete, und sich ihm der Magen zusammenzog.
Er hätte sich lieber Bilder von albernen Obstkörben und Blumenvasen gewünscht, wie die meisten jungen Mädchen sie malten, oder dass die Arbeiten schlecht ausgeführt worden wären, aber diese Werke waren gekonnt gemalt. Artemisia Stansfield – Lady St. Helier, korrigierte er sich im Stillen – hatte ihre Schülerinnen mit gutem Blick ausgewählt. Die hervorragende Qualität machte seinen Verdacht nur noch plausibler, vorausgesetzt, eine junge Lady konnte für eine solche Sache gewonnen werden. Fälschungen würden nicht leichtfertig vorgenommen werden. Ehre war keine Kleinigkeit, ebenso wenig wie die Furcht vor Lady St. Helier.
Er hatte die berüchtigte – oder berühmte, je nachdem, wen man fragte – Artemisia Stansfield noch nie getroffen. In jedem Fall eilte ihr Ruf ihr voraus; eine Frau, die das Establishment herausgefordert und vor der gesamten Versammlung der Royal Academy das Wort „Penis“ ausgesprochen hatte, würde ihren Schülerinnen ordentlichen Gehorsam beibringen. Sie würde sich nicht so leicht übervorteilen oder täuschen lassen. Wenn in ihrer Akademie etwas Unschickliches vor sich ging, würde sie davon erfahren und dem ein Ende bereiten. Sicherlich war Lord St. Helier vom gleichen Schlag. Ein solcher Skandal würde ihre Schule ruinieren und ihr hart erarbeitetes Renommee mit sich reißen. Das war beruhigend. Sie würden keine kriminellen Machenschaften dulden. Sie würden die Schlange am Hals packen und sie erwürgen. Hazard entspannte sich. Es würde für eine Schlange nicht leicht sein, in dieses ungewöhnliche Paradies zu gelangen und sich dort festzusetzen.
„Unterrichten Sie auch, Miss Stansfield?“ Er hatte gewusst, dass Sir Lesley Stansfield zwei Töchter hatte, aber diese Tatsache war angesichts der überwältigenden Geschichte der Älteren leicht zu vergessen.
„Ja, ich unterrichte die jüngeren Mädchen in der ersten Klasse.“ Sie betraten ein zweites Klassenzimmer. „Das sind meine Schülerinnen. Ich unterrichte sie in Kunstgeschichte und Grundtechniken.“
Er schlenderte durch den Raum und betrachtete die Bücher in den Regalen. Vasaris „Lebensläufe der berühmtesten Maler, Bildhauer und Architekten“, da Vinci, Michelangelo. Alles alte Freunde aus seiner Zeit in Oxford. Er kannte diese Texte, hatte viele Abende damit verbracht, sie zu studieren. „Sehr beeindruckend.“
„Danke, ich finde es wichtig, dass die Mädchen verstehen, warum sie malen. W...