Im Chalet der geheimen Weihnachtswünsche

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Für Extremsportler Dax D’Aureval ist keine Abfahrt zu steil, kein Berg zu hoch! Nur die Verantwortung für seinen Sohn, der neuerdings bei ihm wohnt, macht ihm Angst. Und weil er einen spektakulären Imagefilm in den Alpen drehen muss, braucht er dringend eine Nanny. Die hinreißende Single Mum Simone erklärt sich bereit, auszuhelfen. In der romantischen Abgeschiedenheit seines Chalets kommen sie sich ungeahnt näher. Aber Simones innigen Wunsch, seinen gefährlichen Job aufzugeben, will Dax einfach nicht erfüllen. Riskiert er damit alles: Leben – und Liebe?


  • Erscheinungstag 01.11.2022
  • Bandnummer 2569
  • ISBN / Artikelnummer 9783751510059
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

PROLOG

Chamonix, 5. Dezember …

„Du wirst oft als furchtlos beschrieben. Bist du das?“

Dax D’Aureval spürte, wie sich sein Magen zusammenkrampfte. Fing das Mikrofon, das an seiner Jacke befestigt war, die schnellen Schläge seines Herzens auf? Er hörte, wie sein Blut in den Ohren rauschte. Langsam atmete er ein und aus, damit die allzu vertrauten Gefühle zur Ruhe kamen, dann schaute er an der Kameralinse vorbei in Pierres erwartungsvolles Gesicht. „Echt jetzt? Stellst du mir dieselbe Frage schon wieder?“

Pierre nickte, woraufhin Dax tief seufzte. Pierre filmte all seine spektakulären Snowboardtricks für die Sponsoren, aber für die Dokumentarfilme reichten reine Aktionaufnahmen nicht aus. Sie brauchten Interviewmaterial, um eine Tonspur über die Bilder legen zu können. Außerdem mochten es die Fans, sein Gesicht zu sehen. Je näher, desto besser. Sie wollten wissen, wie er tickte. Als ob er das selbst wüsste! Alles, was er tun konnte, war, Pierres Fragen so ehrlich wie möglich zu beantworten – wobei er natürlich seinen Charme hemmungslos spielen ließ. In den sozialen Medien besaß er Hundertausende Follower, weshalb sein Job darin bestand, die von ihm vertretenen Marken ins Rampenlicht zu bringen. Wenn das bedeutete, vor der Kamera zu plaudern und kleine Witzchen zu machen, die als Teaser für die Dokumentation verwendet werden konnten, dann ging das in Ordnung. Das war Teil des Sponsorings, Teil des Lebens, das er sich geschaffen hatte. Freeriding, das Fahren mit dem Snowboard durch unberührte Natur abseits der Pisten, war seine Leidenschaft, also bereitete es ihm keine Probleme, darüber zu sprechen.

In diesem Moment jedoch herrschte in seinem Inneren ein einziges Chaos. Seine Kehle fühlte sich staubtrocken an. Er stand kurz davor, eine der härtesten Pisten von Chamonix zu bezwingen. Was er nun brauchte, war eine Phase der Ruhe, in der er seine Angst sortieren und in gute und schlechte Aspekte einteilen konnte … und keine Fragen zu seinen Gefühlen.

Er warf einen kurzen Blick zum Lift hinüber. Sein Team stand dort bereit und wartete auf ihn. Seine Begleiter. Seine Freunde. Verrückte Extremsportler! Sie alle verbrachten ihr Leben damit, die gefährlichsten Abfahrten auf ihrem Snowboard zu riskieren. Er war nicht der Einzige.

Dax holte tief Luft und setzte sein Pokerface auf. „Ich würde mich nicht als furchtlos bezeichnen … ganz und gar nicht. Man kann nicht tun, was ich tue, ohne Angst zu haben.“ Er schluckte. „Im Augenblick empfinde ich wirklich große Angst, aber ich versuche nicht, meine Furcht zu verdrängen, weil das Gefühl auch nützlich ist.“ Er lächelte. „Angst bereitet einen auf die Gefahr vor. Sie hält dich in Bewegung. Es ist eine seltsame Angst …“ Ein Kribbeln lief seine Wirbelsäule entlang. „Irgendwie liebe ich sie.“

Die Kamera zoomte näher an ihn heran. „Liebe ist ein starkes Wort, Dax. Aber ist es wirklich Liebe, oder könnte es auch Sucht sein?“

Er konnte sein Spiegelbild im Objektiv sehen. Ja, seine Abfahrten sahen riskant aus … ja, einem flüchtigen Beobachter hätte es vielleicht so vorkommen können, als sei er einer gefährlichen Sucht verfallen – als sei er ein Mann, der gerne mit dem Tod flirtete. Aber beim Freeriden ging es darum zu leben und nicht zu sterben. Pierre wusste das nur zu gut, weil er selbst Extrem-Snowboarder war. Er provozierte ihn absichtlich, weil er die Ansicht entkräften wollte, dass Extremsportarten nur etwas für Nervenkitzel suchende Adrenalinjunkies waren. Normalerweise hätte Dax sich darauf eingelassen, aber heute war ihm aus irgendeinem Grund nicht danach.

Vielleicht lag es daran, dass die Kamera zu nahe war, oder weil die Jungs am Lift allmählich unruhig wurden oder weil sich sein Magen immer mehr verkrampfte. Er spürte, wie der Gedanke „Was, zum Teufel, mache ich hier eigentlich?“ sich immer weiter in seinem Kopf ausbreitete. Er musste ihn dringend abschütteln, bevor er sich endgültig festsetzte. Er musste auf den Berg und sich seiner Angst stellen.

„Ich weiß nicht, ob es eine Sucht ist … aber es ist eine Art Besessenheit.“ Er hielt inne. „Wenn ich den Berg hinunterjage, empfinde ich eine seltsame und irgendwie fremde Macht in mir, die ganz schön wild und definitiv ein bisschen verrückt ist …“ Er sah, wie Pierre sich versteifte, aber er sprach einfach weiter. „Ich verstehe es selbst nicht, aber diese Kraft treibt mich an und weckt in mir den Wunsch nach mehr. Höher. Härter. Schneller. Ich bin immer auf der Jagd nach etwas …“ Dax zuckte mit den Schultern und unterdrückte ein Lächeln. „Ist das eine Sucht?“

„Dax!“ Pierre senkte die Kamera. „Das ist der falsche Text.“

Er verspürte einen Stich in seiner Brust. „Tut mir leid, Mann. Etwas anderes habe ich heute nicht für dich.“ Das Blut in seinen Adern pulsierte schneller, als sein Körper Adrenalin freisetzte, das ihn auf das vorbereitete, was er gleich tun würde. Er nahm das Mikrofon ab und reichte es Pierre zurück. Dann schulterte er seinen Rucksack. „Du solltest die Aufnahme trotzdem benutzen, weil es die Wahrheit ist … auch wenn du sie nicht hören willst.“ Sein Herz pochte aufgeregt. „Ich meine, irgendwie fordern wir das Schicksal schon heraus. Wir besitzen zwar die Erfahrung, die Fähigkeiten, die Ausrüstung. Wir treffen alle notwendigen Vorsichtsmaßnahmen. Trotzdem lässt es sich nicht leugnen: Wir suchen nach den unmöglichsten Abfahrten. Nach Routen, die noch niemand zuvor genommen hat, und wir fahren sie hart und schnell.“ Wieder zuckte er die Schultern. „Daraus folgt, dass wir ein bisschen verrückt sein müssen.“

1. KAPITEL

Paris, 5. Dezember, ein Jahr später …

Mit gesenktem Kopf eilte Simone Cossart durch das Schneegestöber über den Place du Palais Royal in Paris. Wie gerne hätte sie das Gesicht dem Himmel zugewandt und einige Flocken auf der Zunge schmelzen lassen. Sie liebte den Schnee und die Art und Weise, wie er die Stadt in ein märchenhaftes Wunderland verwandelte. Aber heute hatte sie keine Zeit zu trödeln. Sie wollte unbedingt vor Dax D’Aureval im Bistro sein, um ruhig und gefasst zu wirken, wenn er eintraf … wobei die Betonung auf „wirken“ lag, weil sie sich nicht im Geringsten ruhig und gefasst fühlte.

Vielleicht war sie verrückt, weil sie sich so kurzfristig mit Dax treffen wollte. Es war ja nicht so, dass er jemals etwas für sie getan hätte. Er hatte nie seinen Sohn Yannick aus ihrer Wohnung abgeholt und sich auch nie für die Spielnachmittage mit ihrer Tochter Chloe revanchiert, obwohl Chloe und Yann seit ihrem ersten Schultag beste Freunde waren. Nein, immer war es das australische Au-pair-Mädchen Amy, das Yannick abholte. Es war Amy, die sie vor Yanns und Chloes erstem Treffen leise gewarnt hatte, dass Yanns Mutter gestorben war und sie den Jungen besser nicht darauf ansprechen sollte. Mehr hatte Amy nicht erzählt – und damals war Simone mit ihrem neuen Job im Schulbüro, dem ersten richtigen Job seit Jahren, zu beschäftigt gewesen, um sich darüber Gedanken zu machen. Sie hatte sich einfach nur gefreut, dass Chloe sich in der Schule gut eingelebt und einen so netten Freund gefunden hatte. Doch jetzt lasteten all die Dinge, die sie nicht über Yann und seinen mysteriösen Vater wusste, schwer auf ihr. Sie hatte keine Ahnung, was auf sie zukam. Amy hatte sie darum gebeten, sich mit Dax zu treffen, um etwas Geschäftliches zu besprechen, aber sie wusste wirklich nicht so recht, was sie davon halten sollte!

Das Kinn gegen die Brust gepresst, kämpfte Simone sich weiter durch den winterlichen Wind. Warum hatte sie keine Mütze aufgesetzt? Handschuhe angezogen? Dabei hatte sie heute Morgen die Wettervorhersage gehört. Deshalb hatte sie ja auch dafür gesorgt, dass Cloe gut eingepackt war, aber irgendwie hatte sie vergessen, sich selbst vor der Kälte zu schützen. Und jetzt zahlte sie den Preis dafür. Ihre Finger waren eiskalt, ihre Nase war wahrscheinlich gerötet. Sie spürte, wie die Schneeflocken auf ihr Haar fielen und feucht auf ihren Wangen schmolzen. Ruhig und gefasst? Von wegen.

Tapfer marschierte sie weiter, bis sie das eine Ende des Platzes erreicht hatte. Dort blieb sie stehen. Vor sich erkannte sie das Bistro Royal. Karmesinrote Vordächer und glitzernde Lichter, überbordend weihnachtlich dekorierte Fenster, heimeliges Interieur. Wunderschön. Genau deswegen war sie vor zehn Jahren nach Paris gekommen, um dieses Leben zu führen … in dieser Stadt der Lichter und der Romantik, in dieser Stadt voller vibrierender Cafés und der großen Träume …

Zerbrochenen Träumen …

Sie biss sich auf die Lippen. Es hatte keinen Sinn, sich jetzt damit zu befassen. Es gab Dringenderes zu erledigen, wie zum Beispiel in das Café zu gehen, sich aufzuwärmen und sich etwas zurechtzumachen!

Hastig stürmte sie auf den Eingang zu, streifte flüchtig den Schnee von ihrem Mantel und griff nach der Türklinke … eine Hand in einem Männerhandschuh kam ihr zuvor.

„Oh …“ Abrupt versuchte sie stehenzubleiben, hatte jedoch noch zu viel Schwung und drohte, nach vorne zu kippen.

Sie spürte, wie jemand sie festhielt. „Entschuldigung, ich habe Sie nicht gesehen! Geht es Ihnen gut?“

Aus dem Augenwinkel nahm sie eine blaue Jacke wahr. „Ja, ich glaube schon.“

„Sind Sie sicher?“ Der Fremde ließ ihren Arm los und trat einen Schritt zurück.

„Ja, alles in Ordnung, wirklich. Es war nicht Ihre Schuld …“ Sie sammelte sich und schaute auf. „Ich hatte es eilig …“ Weiter kam sie nicht. Monsieur Blaue Jacke sah teuflisch gut aus. Außerdem kam er ihr seltsam bekannt vor, jedenfalls der Teil von ihm, den sie zwischen seiner dunkelgrünen Mütze und dem hochgeschlagenen Jackenkragen erkennen konnte. Er war glatt rasiert, dunkle Augenbrauen überschatteten große braune Augen, in denen der Schalk zu funkeln schien … oder vielleicht lag das auch an der Weihnachtsbeleuchtung des Cafés, die die verführerischen warmen Tiefen zum Leuchten brachte. Es war schwer zu sagen. Auf einmal fiel ihr das Atmen schwer.

Langsam zeichnete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht ab. „Ich hatte es auch eilig, aus dem Schnee herauszukommen.“ Er schloss die Augen und runzelte die Stirn ein wenig. „Was merkwürdig ist, denn eigentlich liebe ich Schnee.“

„Ich auch … obwohl …“ Der Unbekannte zog die Mütze vom Kopf und offenbarte einen Schopf aus dunklen Locken. Unwillkürlich bohrte sie die Fingernägel in ihre Handflächen. „Obwohl ich wirklich wünschte, ich hätte meine Mütze nicht vergessen.“

„Hier.“ Er streckte ihr die Hand entgegen und ließ seine Mütze zwischen zwei Fingern baumeln. „Nehmen Sie meine.“

Verwundert starrte sie ihn an. Wer schenkte einer völlig Fremden einfach so seine Mütze? Ihr Herz pochte wild. Flirtete er etwa mit ihr? Sie schluckte. „Das ist sehr nett von Ihnen, aber ich kann unmöglich …“

„Doch, Sie können. Ich möchte, dass Sie die Mütze annehmen.“ Er neigte den Kopf und schaute sie halb belustigt, halb ernst an. „Ich besitze einen unendlichen Vorrat an Mützen, also kann ich diese auf jeden Fall für eine Dame in Not entbehren.“

Jetzt schlug ihr das Herz bis zum Hals. In Not traf es nicht einmal annähernd. Sie glühte förmlich. Ein mysteriöses Kribbeln breitete sich von ihren Zehen bis zu den Haarspitzen aus. Und seine Augen verrieten ihr, dass er es sehen konnte und genau wusste, welche Wirkung er auf sie hatte. Er flirtete wirklich mit ihr.

Auf einmal wurde Simone klar, dass es ihr nichts ausmachte. Sie mochte ihn. Sie mochte es, wie er seinen Blick über ihr Gesicht wandern ließ, der auf ihrem Mund verweilte, ihn dann wieder nach oben wandern ließ, um ihr tief in die Augen zu schauen. Sie spürte, wie ihr Körper reagierte. Hitze durchströmte sie. Wenn sie seine Mütze annahm, würde dann noch mehr passieren? Vielleicht war es ein Zeichen …

Stopp!

Simone wich seinem Blick aus. Was tat sie denn da? Gab sich albernen Fantasien hin! Sie war nicht auf der Suche nach einem Mann. Und an glückliche Zufälle glaubte sie nicht. Nicht mehr. Auf einmal fröstelte sie, ihr war kalt. Schon einmal waren ihre Träume mit Füßen getreten worden. Ihre Liebe war gestorben und mit ihr auch ihre rosarote Sicht auf die Welt. Denn das war alles, was dieser alberne Flirt bedeutete: ein rosaroter Moment, der nur kurz Trost spendete.

„Also?“ Seine Stimme holte sie in die Gegenwart zurück. Mit funkelnden Augen klopfte er die Schneeflocken aus der Mütze. „Betrachten Sie es als Entschädigung dafür, dass ich Sie fast umgerannt hätte.“

„Das haben Sie gar nicht. Ich bin in Sie gelaufen, weil ich nicht hingesehen habe, wo …“

Er zog die Augenbrauen hoch.

Auf einmal schien die Welt stillzustehen, wunderbare Wärme erfüllte ihre Brust. Er schien wirklich fest entschlossen zu sein, ihr seine Mütze zu schenken. Und das Leuchten in seinen Augen machte es unmöglich, das Geschenk abzulehnen. Simone presste die Lippen zusammen und streckte lächelnd die Hand aus. „Einverstanden. Danke! Das macht den Rückweg zur Metro viel angenehmer.“ Sie steckte die Mütze in die Tasche. „Sie sind sehr ritterlich.“

Ein feines Lächeln umspielte seine Lippen. „Das kann ich nicht beurteilen, aber danke.“ Einen Moment hielt sein Blick noch den ihren gefangen, dann blinzelte er. „Ich sollte hineingehen. Ich bin verabredet.“

Zweifellos mit seiner hinreißenden Freundin! Sie wischte den Gedanken beiseite. „Ich auch.“

Der Fremde zog die Tür auf und trat einen Schritt zurück. Dann spürte sie eine ganz leichte Berührung zwischen den Schulterblättern. „Nach Ihnen.“

In der Damentoilette stellte sie ihre Tasche ab und wartete, bis der Nachhall seiner Berührung verschwunden war. Erst danach betrachtete sie sich im Spiegel.

Ach herrje! Sie sah furchtbar aus, durchnässt vom Schnee und zerzaust vom Wind. Irgendwie würde sie es schaffen, ihr Gesicht und die Haare in Ordnung zu bringen. Das Chaos in ihrem Inneren stand auf einem anderen Blatt. Wie konnte eine flüchtige Begegnung sie nur so durcheinanderbringen?

Gerade wollte sie den Reißverschluss ihrer Handtasche öffnen, hielt dann jedoch inne und fischte die Mütze aus ihrer Jackentasche. Weich wie Kaschmir. Sie las das Etikett. Wow! Es war tatsächlich Kaschmir. Simone hob sie an ihr Gesicht und atmete tief ein. Wunderbar. Sie hatte geahnt, dass der Fremde gut riechen würde. Frisch … wie Bergluft. Sie erinnerte sich an seine natürliche Ausstrahlung, an die Spuren sommerlicher Bräune und oh, an diese verführerischen Augen, an die ruhige Art, mit der er jeden Teil ihres Gesichts betrachtet hatte. Ein Kribbeln lief ihr über den Rücken. Sie versuchte, das Gefühl festzuhalten. Wie lange war es her, dass sie so bewusst einen anderen Menschen wahrgenommen hatte? Dass ihr in seiner Gegenwart so schwindelig geworden war? Er hatte Emotionen in ihr geweckt, indem er sie nur angesehen hatte!

Simone ließ die Hände sinken. Normalerweise sahen Männer sie nicht so an – oder vielleicht bemerkte sie es nur nicht, weil André immer da war, obwohl er längst fort war. Keiner hatte je so gelächelt wie er. Keiner hatte sie je so angesehen, dass sie glaubte, ihr Herz würde stehen bleiben. Für Chloe hatte sie die Erinnerungen am Leben gehalten, damit ihre Tochter wusste, wie sehr ihr Papa sie geliebt hatte … und für sich selbst, weil die Erinnerungen alles waren, was ihr geblieben war. Nur dank ihnen hatte sie die Tage voller stiller Tränen und innerem Zorn durchgestanden oder den Tag, an dem seine Eltern sich von ihr abgewandt hatten.

Jetzt kniff sie die Augen zusammen und schob die düsteren Gedanken beiseite. In den vergangenen drei Jahren hatte sie sich nur darum gekümmert, Chloe glücklich zu machen und einigermaßen über die Runden zu kommen. Doch nun hatte der Blick eines Fremden ihr den Atem geraubt und ihre Sinne in Alarmbereitschaft versetzt. Auf einmal ging es um sie.

Unvermittelt wurde die Tür aufgerissen. Hastig stopfte Simone die Mütze zurück in ihre Tasche. Die junge Frau, die hereinstürmte, sah wunderschön aus. Augenblicklich war die Luft in dem kleinen Raum von einem unverkennbaren Duft erfüllt: zweihundert Euro pro Flakon! War sie diejenige, die der Unbekannte treffen wollte? Sie würden großartig zusammenpassen …

Halt!

Simone schlüpfte aus ihrem Mantel, kramte nach ihrer Bürste und fuhr sich damit durch das feuchte Haar. Warum fügte sie sich selbst seelische Schmerzen zu? Hatte sie nicht schon genug zu tun? Zum Beispiel sich um ein eilig arrangiertes Treffen zu kümmern, weil ein Mann, den sie nicht einmal kannte, ihr ein interessantes Angebot gemacht hatte? Darüber sollte sie nachdenken, selbst wenn die Situation sich noch immer ein bisschen unwirklich anfühlte …

Vor ein paar Tagen war Amy mit aschfahlem Gesicht ins Schulbüro gekommen. Bei ihrem Vater sei gerade Krebs diagnostiziert worden, hatte sie erzählt. Die Prognose sah nicht gut aus. Sie wollte zurück nach Melbourne, sobald Dax einen Flug für sie finden konnte. Simone war noch dabei, die Nachricht zu begreifen, als Amy eine weitere Bombe platzen ließ. Ob sie in Erwägung ziehen könnte, Dax dabei zu helfen, sich über Weihnachten um Yannick in seinem Chalet in Chamonix zu kümmern?

Verwandte gab es nicht, erklärte Amy, es sei kompliziert. Dax würde ihr alles erklären, wenn sie sich mit ihm traf. Und dann sagte sie, dass er bereit war, ihr zu zahlen, was auch immer sie forderte. Eine hervorragend platzierte Information! Amy wusste genau, dass sie knapp bei Kasse war. Amy wusste, dass ihre Tochter nur wegen Simones Job im Schulbüro auf Yanns teure Privatschule ging. Und Amy hatte ihre Wohnung in ihrer ganzen erbärmlichen Pracht gesehen: die von den Wänden abblätternde Farbe, das zerschlissene Linoleum, den unaufhörlich tropfenden Wasserhahn.

Simone steckte die Haare hoch und fixierte den lässigen Knoten mit einem Gummiband. Amy wusste, dass sie ihre Wohnung hasste und umziehen wollte, sobald sie die Probezeit bestanden hatte und auf ihr Gehalt zählen konnte. Kurzum, Amy wusste, dass sie dringend Geld brauchte.

So! Die Haare waren fertig. Sie befeuchtete ein Taschentuch und wischte die verschmierte Wimperntusche ab. Weihnachten in den französischen Alpen zu verbringen, war bestimmt keine schlechte Idee, auch wenn ihre Eltern enttäuscht sein würden, wenn Chloe und sie nicht zu ihnen auf den Bauernhof kamen. Mit einem tiefen Atemzug schob sie die vertrauten Schuldgefühle beiseite. Maman und Papa wussten nicht, wie es ihr seit Andrés Tod wirklich ging und wie groß ihre finanzielle Misere tatsächlich war. Es ihnen zu sagen hätte nur zu unangenehmen Fragen geführt, die zu beantworten sie noch nicht bereit war.

Als Nächstes zog sie einen Lippenstift aus der Tasche und trug ihn sorgfältig auf. Sie würde das Geld, das ihr für den Aufenthalt in Chamonix geboten wurde, einfach nicht erwähnen. Stattdessen würde sie behaupten, sie könne die Einladung Chloe zuliebe nicht ausschlagen. Und das war zumindest nicht gelogen.

Sie verstaute alle Utensilien wieder in ihrer Tasche und schloss den Reißverschluss. Das Geld war der Hauptgrund zu fahren, aber auch ohne es fand sie es verlockend, Chloe ein magisches Weihnachtsfest in den Bergen zu schenken.

Chloe liebte Schnee. Sie liebte es, Schneehasen zu bauen. Mit langen Ohren. Und Zweigen als Schnurrhaare! Unwillkürlich erschien ein Lächeln auf Simones Lippen. Und „Chalet“ klang so gemütlich. Vor ihrem inneren Auge sah sie eine heimelige Szenerie vor sich, mit knisterndem Feuer und kuscheligen Fellen auf dem Boden. Jedes Klischee war vorhanden!

Weihnachten war für sie wegen André immer die schlimmste Zeit des Jahres – vielleicht würde es leichter werden, wenn sie an einem Ort weilte, an dem sie nicht Mamans wenig subtilen Versuchen ausweichen musste, sie mit einem einsamen Landwirt zu verkuppeln. Sich um Yann zu kümmern, war definitiv keine harte Arbeit! Er war ein ruhiges Kind und schien Chloe zu vergöttern. Er war so süß mit seinen großen Augen, den dunklen Augenbrauen und den braunen Locken …

Ihr Herz setzte einen Schlag aus. Nein! Sie musste sich am Waschbecken festhalten, als sie die Szene vor der Tür vor ihrem inneren Auge Revue passieren ließ. Dieses Gefühl der Vertrautheit. Die Form seiner Nase, seines Mundes, seine dunklen Haare … Oh, Gott! Warum hatte sie es nicht gleich erkannt? Monsieur Blaue Jacke war der Vater von Yannick. Der Mann, der mit ihr geflirtet hatte, war Dax D’Aureval!

Dax blickte sich zum Eingang um und suchte noch einmal das Innere des Cafés ab. Simone Cossart sollte jeden Moment eintreffen. Schlank, hatte Yanns Au-pair-Mädchen sie beschrieben, mit ernsten Augen und dunklem Haar. Aber er konnte nicht aufhören, die Gäste an den Tischen zu mustern und nach der Frau Ausschau zu halten, die er vor der Tür angerempelt hatte.

Er hatte an Amys traurige Nachricht gedacht, hatte sie und sich selbst auch bemitleidet, und dann war die unbekannte Frau plötzlich aufgetaucht. Sein persönlicher Schneeengel voller weißer Flocken, die auf ihren Wangen schmolzen und ihr Haar wie Konfetti schmückten. Für ein paar himmlische Augenblicke hatten ihre strahlenden Augen und ihr warmes Lächeln ihn verzaubert. Zum ersten Mal seit Monaten hatte er sich lebendig gefühlt. Doch jetzt war sie nirgends zu entdecken, und er wünschte sich, sie zu sehen. Ein flüchtiger Blick würde schon reichen, aus der Ferne, irgendetwas … bitte …

Halt!

Es sah ihm gar nicht ähnlich, sich in Gedanken an jemanden zu verlieren. Das hatte er nie getan, niemals! Dax schloss die Augen. Vielleicht war es nur ein weiteres Symptom seiner wachsenden Verwirrung. Sein ganzes Leben war außer Kontrolle geraten, warum also nicht auch seine Gefühle? Es wäre das Tüpfelchen auf dem i.

Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und verspürte einen Anflug unendlicher Müdigkeit. War er wirklich hier in einem Bistro in Paris und versuchte, einen Kinderbetreuungs-Notfall zu lösen? Vor vier Monaten war er nicht einmal Vater gewesen, hatte keinen sechsjährigen Sohn gehabt, der ihn bei jeder Gelegenheit in den Wahnsinn trieb. Vor vier Monaten war er noch frei wie ein Vogel gewesen und hatte geplant, ein neues Abenteuer in Alaska in Angriff zu nehmen.

„Hallo …“

Sein Herz pochte schneller. Schneeengel? Graues Kleid, gepflegtes Haar, rote Lippen. Anders als zuvor und doch gleich.

„Du bist Dax D’Aureval, nicht wahr?“ Eine leichte Röte lag auf ihren Wangen, als sie ihn aufmerksam musterte. „Yannicks Vater?“

„Ja, aber …“ Er blinzelte, um die Verwirrung aus seinem Kopf zu vertreiben, dann schaute er sie wieder an. Einen Moment schien der Raum ganz still zu stehen, dann entzündete sich ein kleiner Funke in seiner Brust. „Du bist Simone Cossart?“

Die Frau nickte. „Ja.“

„Wow!“ Was? Er sprang auf, sein Herz klopfte noch schneller. „Ich meine, Hallo. Noch einmal.“

„Hallo … noch einmal.“ Ein Lächeln erhellte ihren Blick, doch dahinter bemerkte er auch Misstrauen. Plante sie bereits ihre Flucht? Herrje! Wenn er gewusst hätte, wer sie war, hätte er niemals an der Tür mit ihr geflirtet. Panik stieg in ihm auf.

Es war zu spät, die Zeit ließ sich nicht zurückdrehen, aber er konnte den Reset-Knopf drücken und versuchen, ihr klarzumachen, dass es hier um ein Geschäft ging. Nicht mehr und nicht weniger. Es musste ihm gelingen, sie an Bord zu holen. Yanns Glück hing davon ab … und seine eigene Karriere gleich mit.

„Also …“, setzte er betont fröhlich ein, während er den Tisch umrundete und einen Stuhl für sie zurechtzog. „Das ist ja wirklich lustig, dass wir uns so getroffen haben. Ohne zu wissen …“

„Ja, sehr!“ Ihr Blick traf den seinen und hielt ihn fest, während er wieder auf seinem Stuhl Platz nahm. „Ich dachte die ganze Zeit, dass du mir irgendwie bekannt vorkommst.“ Sie lächelte, der misstrauische Ausdruck war aus ihren Augen verschwunden. Dax spürte einen Anflug von Erleichterung, er hatte sich für die richtige Strategie entschieden. „Ich kann nicht fassen, dass ich es nicht sofort bemerkt habe. Ich meine, Yannick ist dir wie aus dem Gesicht geschnitten.“

Genau das hatte er damals auch gedacht, als Yanns Foto auf seinem Handy erschienen war. Kein DNA-Test nötig! Er zwang sich zu einem Lächeln. „Ja, das ist er, obwohl seine Augen heller sind.“

Wie die von Zara. Vertraute Wut stieg in ihm auf. Es war falsch, schlecht von den Toten zu denken, aber er konnte nicht anders, als wütend auf Zara zu sein. Sie hätte ihm sagen müssen, dass er einen Sohn hatte. Sie hatte gewusst, dass er ein D’Aureval war – aber abgesehen von Reichtum und Status seiner Familie hatte er sich aus eigener Kraft einen Ruf in der Welt der Freerider erarbeitet. Es wäre ein Leichtes gewesen, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Stattdessen hatte sie Yann für sich behalten. Im Moment lebte er mit den Folgen und scheiterte dabei ständig. Und zu scheitern war gar nicht seine Art …

„Darf ich Ihre Bestellung aufnehmen?“

Auf einmal stand eine Kellnerin an ihrem Tisch, die ihn unverwandt ansah. Dax riss sich zusammen. „Simone? Was möchtest du?“

Simone lächelte die Frau an. „Café au lait und ein Glas Wasser, bitte.“

„Und für Sie, Monsieur?“

„Ich nehme einen Espresso, danke.“

Die Kellnerin tippte etwas in ein Gerät in ihrer Hand, dann drehte sie sich um.

Dax musterte Simone. „Okay, wir sollten wohl anfangen. Amy sagte, du kannst nicht lange bleiben?“

„Das stimmt.“ Sie lächelte entschuldigend. „Chloe ist in der Ballettschule. Ich muss sie gleich abholen.“

„Verstehe.“ Auch er lächelte, um seine Nervosität zu verbergen. Er war es nicht gewohnt, über sein Privatleben zu sprechen, aber nun blieb ihm nichts anderes übrig. Er musste ihr klarmachen, dass sie die Einzige war, die ihm helfen konnte. Also holte er tief Luft. „Danke, dass du gekommen bist. Du weißt bestimmt, dass Amy uns verlässt …“

„Ja“, murmelte sie leise. „Es ist schrecklich, was mit ihrem Vater ist. Warum passieren die schlimmen Dinge immer an Weihnachten?“ 

Hatte sie selbst schon etwas Ähnliches durchmachen müssen? Es kam ihm so vor, als hätte sie es, aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um danach zu fragen. Er zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht, aber die Situation ist schlimm für Amy … und, offen gesagt, für mich auch. Sie war mir eine große Hilfe.“ Amy hatte sich auf eine Weise mit Yann verstanden, die ihm verschlossen zu sein schien. Er drängte den Gedanken beiseite und versuchte, seiner Stimme Optimismus zu verleihen. „Es war Amys Idee, dich zu fragen, weißt du. Sie sagte, du kommst gut mit Yannick aus.“

„Nun …“, erwiderte sie zögernd. „Yann ist kein schwieriges Kind …“

Nicht schwierig? Er verspürte einen Stich in seiner Brust. Yann war zwar ruhig, aber der Umgang mit ihm fiel ihm trotzdem nicht leicht.

„Die meiste Zeit merke ich kaum, dass er da ist.“

Mit ‚da‘ meinte sie ihre Wohnung – einen Ort, den er bislang tunlichst gemieden hatte. Ein flaues Gefühl breitete sich in ihm aus. Er hätte dieses Gespräch auf eine andere Art führen können, aber die Schuldgefühle, die er wegen Yanns häufigen Verabredungen zum Spielen mit Chloe empfand, wurden dadurch nicht weniger.

„Simone …“ Es fiel ihm zunehmend schwer, ihrem Blick standzuhalten. „Danke, dass du Yann so oft zu euch eingeladen hast.“ Er holte tief Luft. „Es tut mir leid, dass ich mich noch nicht revanchiert habe.“

„Das ist schon okay.“

„Ist es nicht …“ Er sah, wie Schmerz in ihren Augen aufblitzte. „Du warst nett, und ich war unhöflich. Das war nicht meine Absicht. Es ist nur so, dass …“

„Nur war?“

Pure Verzweiflung strömte durch seine Adern. „Als Vater bin ich der totale Versager, okay! Andere Eltern treffen. Mit ihnen reden! Verabredungen zum Spielen! Das ist alles neu für mich.“

„Neu?“ Sie zog die Augenbrauen zusammen. „Aber Yann ist sechs.“

Autor

Ella Hayes

Ella Hayes lebt zusammen mit ihrem Ehemann und ihren beiden erwachsenen Söhnen in einer ländlich geprägten Region von Schottland. Ihre frühere Arbeit als Kamerafrau fürs Fernsehen und als professionelle Hochzeitsfotografin habe ihr eine Fülle an Material für ihre schriftstellerische Tätigkeit beschert, vor allem im Hinblick auf ihre Liebesromane, so die...

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