Im Namen der Königin

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Die tiefblauen Augen des tollkühnen Iren, der sie in letzter Sekunde aus der Gewalt der Engländer befreite, erkennt Emma sofort wieder. Ist denn tatsächlich Conor O'Neil ihr unbekannte Held – der Berater der englischen Königin?


  • Erscheinungstag 30.08.2023
  • ISBN / Artikelnummer 9783745753646
  • Seitenanzahl 244
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

PROLOG

Irland, 1546

E inen schönen guten Morgen, Conor.“ Die alte Bäuerin lachte den jüngeren Sohn von Gavin O’Neil, den Herrn über Ballinarin, freundlich an. „Bist wohl mit deiner Familie hier auf dem Markt, was?“

„Jawohl, Mistress Garrity.“ Der neunjährige Conor blieb an dem Verkaufshäuschen der Frau stehen und blickte begehrlich auf die ausgebreiteten Backwaren. Der Tisch bog sich geradezu unter den köstlich duftenden, reich verzierten Pasteten. Hier verweilte er am Markttag immer am liebsten. Nicht weit von ihm entfernt sah er seinen Vater und Pater Malone ihr Ale genießen. Einige Männer aus dem Dorf gesellten sich zu den beiden, und schon bald war eine lebhafte Unterhaltung in Gang.

Auf der gegenüberliegenden Seite der Grünfläche, die sich genau in der Mitte des Wochenmarktes befand, entdeckte Conor seine Mutter und Schwester. Moira und Briana O’Neil bewunderten die Seidenbänder und kostbare Spitze, die die junge Verkäuferin ihnen anbot. Ganz in ihrer Nähe unterhielt sich Rory, Gavins und Moiras Ältester, mit einigen jungen Männern aus dem Dorf. Kichernd und errötend schlenderten Mädchen an ihnen vorüber. Und die Jünglinge gaben vor, sie nicht zu bemerken.

Ringsum herrschte lautes, geschäftiges Treiben. Händler priesen ihre Waren an, Hühner gackerten, in Wassereimern schlängelten sich Fische, und Muscheln sowie unterschiedliche Meeresfrüchte wurden feilgeboten. Natürlich gab es auch Bauern, die Lämmer oder Obst und Gemüse verkauften.

„Sechs Söhne habe ich aufgezogen“, sagte Mistress Garrity in jener melodischen Stimme, die Conor so sehr liebte. „Und deshalb weiß ich auch, was ein Knabe wie du jetzt am liebsten hätte.“ Zwinkernd reichte sie ihm eine Pastete. Wie jede Woche griff Conor in seine Hosentasche, um eine Münze hervorzuholen. Und wie jede Woche gab Mistress Garrity ihm noch ein süßes Teilchen, wobei sie im Verschwörerton flüsterte: „Das zweite Stück ist umsonst, damit du nicht hungern musst, bevor du wieder zu Hause bist.“

Die beiden wechselten einen Blick tiefsten Einverständnisses und lächelten sich zu. Conor biss von der Pastete ab und stieß einen Seufzer purer Verzückung aus. Doch bevor er erneut abbeißen konnte, wurde er von hinten angerempelt und so unsanft zur Seite gestoßen, dass er zu Boden stürzte.

Im Fallen schaute sich Conor um und erkannte ungefähr ein Dutzend englische Soldaten, die sich rücksichtslos einen Weg durch die Menge bahnten.

Das Stimmengewirr verstummte. Mit einem Mal herrschte völlige Stille. Sogar kleine Kinder, die bis zu diesem Moment unter Johlen und Rufen zwischen den Ständen herumgerannt waren, waren schlagartig ruhig.

„Was wollt ihr hier?“, rief schließlich ein Landarbeiter den Engländern zu.

„Wir sind hungrig, alter Mann, und wir haben vor, uns etwas zu essen zu holen.“ Einer der Söldner, anscheinend ihr Anführer, trat mit voller Wucht gegen einen der Verkaufstische, der daraufhin umkippte. Ungerührt hob er den kleinen Verschlag mit Federvieh hoch und reichte ihn an einen seiner Männer weiter. Dann wandte sich der Soldat an die Umstehenden, die schweigend und hilflos das Geschehen beobachteten. Lachend erklärte er: „Und da wir gerade so schön am Zuge sind, nehmen wir eure Silbertaler auch gleich noch mit.“

Die Söldner begannen nun, Eimer mit Fisch und gefüllte Brotkörbe an sich zu raffen. Gleichzeitig griffen sie ungeniert in die Geldbehälter und ließen die Münzen in ihre Taschen wandern.

Einer der Soldaten, der den Stand mit den Pasteten entdeckt hatte, füllte einen Korb damit und herrschte Mistress Garrity dann an: „Wo ist dein Geld, Alte?“

Sie drehte die Taschen ihres Gewandes nach außen und förderte einige Silbertaler zutage, die sie dem Soldaten in die ausgestreckte Hand legte.

Dieser zerrte an ihrem Kleid und zog sie dicht an sich heran. „Ich will alles, verstehst du mich?“

Verschämt senkte Mistress Garrity den Kopf. „Mehr habe ich nicht.“

„Lügnerin!“ Er schlug ihr heftig ins Gesicht, sodass ihr Kopf zur Seite flog. Dann stieß er sie brutal zurück.

Ein kleines Mädchen stürzte mit einem Aufschrei herbei und klammerte sich weinend an die Röcke der alten Frau. Conor erkannte das Kind. Er spielte manchmal Fangen mit ihm.

„Sei still, Glenna“, versuchte Mistress Garrity, die Kleine zu beruhigen. „Deiner Großmutter geht es gut.“

Triumphierend entriss ihr der Soldat das Kind und hielt ihm ein Messer an die Kehle. „Los jetzt, Alte. Entweder gibst du mir auf der Stelle dein restliches Geld, oder du wirst das Blut von dem Mädchen spritzen sehen. Und um ganz sicherzugehen, dass du den heutigen Tag niemals vergisst, werde ich mich noch mit der Kleinen vergnügen, bevor ich sie töte.“

Bei diesen Worten griff Conor, der reglos auf dem staubigen Boden gelegen hatte, nach seinem unter dem Kittel verborgenen kleinen Dolch. Solange er zurückdenken konnte, war ihm beigebracht worden, sich mutig wie ein Krieger zu verhalten. Bei den Worten des Soldaten fühlte er, wie sein Blut in Wallung geriet.

Trotz seiner Jugend war ihm klar, was Glenna bevorstand, sollte der Soldat seine Drohung wahr machen. Also musste er ihm Einhalt gebieten.

Conor warf einen Blick hinüber zu seinem Vater. Der griff soeben nach seinem Schwert. Auf der anderen Straßenseite zog Rory seinen Dolch aus der Scheide.

Doch was konnten die beiden und er, Conor, schon gegen ein Dutzend bewaffnete englische Soldaten ausrichten? Letztendlich würden die O’Neils ihre Widersacher lediglich zu noch größerer Brutalität anstacheln.

Um sein eigenes Leben sorgte sich Conor überhaupt nicht. Vielmehr hatte er schlagartig das Gefühl, dass das Schicksal seiner Mutter und seiner Schwester, ja, sogar das Schicksal des gesamten Dorfes, davon abhing, was er als Nächstes tun würde. Blitzartig traf ihn die Erkenntnis, dass er sie alle retten konnte mit der einzigen echten Waffe, über die er verfügte. Und das war nicht sein Dolch.

Ohne die möglichen Folgen zu bedenken, sprang Conor auf die Füße und rief dem Soldaten, der noch immer das Mädchen festhielt, mit überraschend kräftiger Stimme zu: „Ist es wahr, dass Ihr den Treueeid auf Euren König abgelegt habt?“

Der Angesprochene war über diese Frage so erstaunt, dass er das weinende Kind vergaß und seine Aufmerksamkeit jetzt auf Conor richtete. „Ja, habe ich. Und was geht dich das an?“

Conor zuckte die Schultern. Die anderen Engländer begannen, einen Kreis um ihn und den Söldner zu bilden. Conor betete im Stillen darum, dass sein Vater sich noch eine Weile zurückhalten würde. Die Vorstellung, sowohl ihn als auch seinen Bruder an diese Barbaren zu verlieren, war ihm unerträglich. Es musste einen Weg geben, diese Situation unblutig zu beenden.

„Dann kann es nicht stimmen, was ich über Euren König gehört habe.“

„Und das wäre?“

„Dass er ein Ehrenmann ist.“

Der Soldat machte wütend einen Schritt auf Conor zu und kniff die Augen zusammen. „Du wagst es, den König von England zu beleidigen?“

„Wenn er ein ehrenhafter Mann ist und Ihr ihm Treue geschworen habt, kann es doch wohl nicht sein, dass Ihr ein unschuldiges Mädchen tötet. Nach den Gesetzen deines eigenen Landes wird Diebstahl mit dem Kerker bestraft. Doch das Auslöschen eines unschuldigen Lebens ist ein Verbrechen, das mit dem Tode geahndet wird.“

Der Soldat wirkte nun, sehr zur Schadenfreude seiner Kameraden, verunsichert. „Na Ian“, rief einer von ihnen ihm zu, „da hat’s dir wohl die Sprache verschlagen.“ Und ein anderer fügte hinzu: „Der irische Knabe hat dich in eine Falle gelockt.“ Ein Dritter meinte: „Es ist wohl besser, du lässt die Kleine frei, bevor unser guter König selbst eintrifft und Vergeltung übt.“

„Ich habe schon oft gehört, dass diese Iren einen scharfen Verstand besitzen“, ließ sich einer der Engländer vernehmen. „Dieser Junge hat bewiesen, dass dies stimmt. Er hat dich übertrumpft, Ian.“

Der Anführer der Soldatengruppe war hinzugetreten und erklärte zornig: „Ich will hier keinen Ärger. Wir sind der Nahrung und des Goldes wegen gekommen, und wenn wir diesen Ort verlassen, wird kein Blut an unseren Händen kleben. Ist das klar, Ian?“

Die beiden sahen sich einen Augenblick lang an. Schließlich gab Ian nach und ließ das Mädchen frei. Glenna lief zu ihrer Großmutter, in deren Armen sie leise schluchzte.

Jetzt wandte Ian sich Conor zu und zog ihn grob zu sich heran. „Du hast eine sehr scharfe Zunge, irischer Hundesohn.“

Conor schlug das Herz heftig. Wenn der Soldat jetzt den Dolch unter seinem Kittel entdeckte, würde er ihn wohl damit töten. Doch Conor bekämpfte seine Furcht und sah dem Soldaten schweigend in die Augen.

„So ist’s besser. Sieh nur zu, dass du nicht zu viel redest, wenn du dein goldenes Zünglein behalten willst. Sonst könnte es passieren, dass ich es dir mit meinem Messer herausschneide.“ Der Engländer stieß noch einen bösen Fluch aus und warf Conor zu Boden, ehe er davonstürmte.

Kurz darauf verschwanden auch die anderen Unruhestifter so schnell, wie sie aufgetaucht waren.

Die Dorfbewohner scharten sich um Conor. Jeder wollte ihm auf die Schulter klopfen, die Hand schütteln oder ihm übers Haar streichen. Sie überschlugen sich förmlich mit ihren Lobreden auf seine Tapferkeit. Besonders Mistress Garrity dankte ihm immer wieder.

„Du hast meine kleine Glenna gerettet, Conor O’Neil“, rief sie ein ums andere Mal aus. „Ohne deinen Mut und deine klugen Worte hätte der Bastard ihr Gewalt angetan und ihr die Kehle durchgeschnitten. Und niemand hätte ihn in seiner Raserei aufhalten können.“

Als Conors Familienangehörige näher traten, machten die Dorfbewohner respektvoll Platz. Seine Mutter und Schwester umarmten ihn liebevoll, und Rory klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. Nachdenklich und schweigend betrachtete sein Vater ihn.

„Wie bist du auf die Worte gekommen, die du dem Soldaten gesagt hast?“, wollte Gavin O’Neil schließlich von seinem Zweitgeborenen wissen.

Conor zuckte die Schultern. Er rechnete jeden Moment damit, dass sein Vater eine Kostprobe seines allseits berüchtigten Temperaments gab. „Ich weiß es nicht. Sie fielen mir mit einem Mal ein. Und ich musste einfach etwas tun. Sonst hättet Ihr Gebrauch von Eurem Schwert gemacht und Rory von seinem Messer.“

„Es ist unsere Pflicht, die zu verteidigen, die wir lieben“, erklärte Gavin würdevoll. „Und du weißt, ich bin imstande, ein Schwert sehr gut zu gebrauchen, so wie du und dein Bruder im Umgang mit euren Dolchen geschickt seid.“

„Ja, Vater. Aber manchmal sind Worte besser als Schwerter. Ganz besonders dann, wenn dadurch Blutvergießen verhindert werden kann.“

Über Conors Kopf hinweg tauschte Gavin einen vielsagenden Blick mit seiner Frau, und im selben Moment wussten er und Moira, dass Conor über eine Macht verfügte, die größer war als die jener, die mit Schwertern kämpften. Eine unvorstellbar große Macht!

Es gab in Spanien, Frankreich und Italien Orte, an denen ein Jüngling, der über einen scharfen Geist verfügte, viel lernen würde. Durch sorgfältiges Studium der Schriften, verfasst von den großen Gelehrten der Welt, könnte ein fähiger Geist dahin gehend geschult werden, eines Tages durch die Macht des Wortes einer ganzen Armee Einhalt zu gebieten.

Sollte Conor O’Neil tatsächlich der Retter der Iren sein? War es möglich, dass er für sein Volk den Weg aus der Unterdrückung durch die verhassten Engländer würde ebnen können?

Es gab für Gavin keinen Zweifel daran, dass sein jüngerer Sohn ein ebenso hervorragender Kämpfer wie er, Gavin, und Rory werden würde, denn Conor verfügte über Mut, Kraft, eine ruhige Hand und weise Voraussicht. Aber wenn er zusätzlich im gleichen Maße die Fähigkeiten erwarb, die einen guten Vermittler und Botschafter auszeichneten, würde er für die Engländer ein kaum zu besiegender Gegner werden.

Die O’Neils schuldeten es nicht nur Conor und ihrer Familie, sondern dem ganzen Land, alles zu tun, was in ihrer Macht stand, um ihren zweitgeborenen Sohn auf diesen Weg zu bringen und ihn vorbehaltlos in seiner Entwicklung zu unterstützen.

In späteren Jahren gab es auf Ballinarin viel zu erzählen und zu debattieren. Conor O’Neil wusste seine Worte wie eine mächtige Waffe zu gebrauchen und hatte sich einen Ruf als berühmter Redner erworben. Doch über einen anderen wurde noch viel mehr gesprochen. Ein geheimnisvoller Mann, der sein Antlitz stets verbarg, hatte einen einsamen Feldzug gegen die brutalen, über das Land ziehenden Horden englischer Soldaten begonnen.

Dieser außergewöhnliche Kämpfer sprach niemals ein Wort, wenn er irgendwo Engländer dabei ertappte, wie sie irische Frauen und Kinder misshandelten und schändeten, sondern tötete sie ohne Umschweife, indem er ihnen die Kehlen durchschnitt.

Stets war er in die Kutte eines Mönchs gehüllt mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze. Landauf, landab raunte man sich beinahe ehrfürchtig den Namen zu, den ihm seine irischen Landsleute verliehen hatten: Heaven’s Avenger, der Rächer des Himmels.

Die Dunkelheit brach bereits herein, als sich die zwölfjährige Emma Vaughn auf den Nachhauseweg machte. Sie war im Dorf bei dem Apotheker gewesen, der ihr für die kränkelnde Mutter eine Mischung aus Kräutern hergestellt hatte, denen eine besondere heilende Wirkung zugeschrieben wurde.

Emma hielt den Leinenbeutel mit der Arznei dicht an sich gepresst. Der Mann hatte für die Zusammenstellung länger gebraucht, als sie gedacht hatte, und Emma war angesichts der fortgeschrittenen Stunde unbehaglich zumute. Doch für ihre Mutter war ihr kein Weg zu weit und kein Aufwand zu mühsam.

Bei dem Geräusch herannahenden Hufgeklappers schrak Emma aus ihren Gedanken auf. Ängstlich sah sie sich um. Sie glaubte, ihr Herz müsse stehen bleiben, als sie in den Reitern englische Soldaten erkannte. Wie hatte sie nur so unvorsichtig sein können! Sie wusste, wie jeder in Irland, was diese hartherzigen Männer unter Spaß verstanden.

Hastig raffte sie die Röcke und rannte, so schnell sie konnte. Sie verließ den Pfad und lief über die Wiesen in der Hoffnung, dass das hohe Gras ihre Verfolger behindern und deren Vorankommen verlangsamen würde. Doch diese hatten Emma längst entdeckt. Johlend und lachend jagten sie hinter ihr her.

Emma lief vor Angst noch schneller. Aber ihre Kräfte ließen bald nach, denn sie war für ihr Alter recht zart und klein. Sie spürte schmerzhafte Stiche in der Brust, doch Emma wusste, dass sie nicht innehalten durfte.

Gerade als sie vor sich den Waldrand sah, an dem sie vielleicht einen Moment hätte verharren können, brachen aus dem Schutz der Bäume weitere Soldaten hervor.

Entsetzt erkannte Emma, dass es für sie kein Entrinnen gab. In welche Richtung sie sich jetzt auch wandte, überall sah sie Reiter auf sich zupreschen.

„Ich habe sie!“, rief einer der Männer triumphierend, als hätte er ein wildes Tier gestellt. Er griff nach Emma, hob sie mühelos zu sich hoch in den Sattel und hielt sie dann umklammert, während er seinen Hengst in den Wald lenkte. Dort hatten die Soldaten ihr Lager aufgeschlagen.

„Da ich das Mädchen gefangen habe, will ich auch der Erste bei ihr sein“, verlangte der Söldner, während er abstieg und Emma dabei mit sich zog. „Ihr könnt dann haben, was ich von ihr übrig lasse.“ Er lachte. „So wie sie aussieht, wird sie mir wohl kaum viel Vergnügen bereiten. Nun, ich muss das Beste draus machen …“ Wieder stieß er ein für Emma schaurig klingendes Lachen aus.

Seine Kameraden stimmten in das Gelächter ein. Ein Fass wurde geöffnet, aus dem sich jeder mit Ale bediente.

„Sie ist ja noch ein Kind“, beschwerte sich einer von ihnen, woraufhin ein anderer meinte: „Umso besser. Dann können wir ihr beibringen, was wir uns unter einer Frau vorstellen. Vielleicht verhält sie sich so geschickt, dass wir sie für eine Weile bei uns lassen.“

Der Soldat, der Emma keinen Augenblick losgelassen hatte, zog sie jetzt hinter sich her an den Rand des Lagers, wo er offensichtlich seine Schlafstatt hatte. Grob stieß er sie zu Boden, dann warf er sich auf sie. Emma blieb der Entsetzensschrei im Halse stecken, als der Mann seine Lippen auf ihre presste. Ihr wurde übel von dem sauren Geruch, den er verströmte.

Obwohl jede Bewegung unmöglich schien, fand Emma in ihrer Angst ungeahnte Kräfte. Mit einer Hand tastete sie herum und fühlte plötzlich einen Stein unter ihren Fingern. So fest sie konnte, schlug sie ihn ihrem Peiniger auf den Hinterkopf.

Der Soldat stieß einen Schmerzenslaut aus. „Na warte, du kleine Hexe“, zischte er böse. „Ich erteile dir eine Lektion, die du niemals vergessen wirst.“ Er packte ihre Handgelenke und drückte sie über ihrem Kopf auf die Erde. Mit der freien Hand schlug er ihr so heftig ins Gesicht, dass Emma einen Moment schwarz vor Augen wurde. „Jetzt wirst du mir zu Willen sein!“

Erschöpft erkannte sie, dass ihre Kraft nicht ausgereicht hatte, um dem Mann wirkungsvollen Schaden zuzufügen, und wappnete sich innerlich für das, was ihr jetzt widerfahren würde.

Doch während er ihr die Röcke hochschob und sich an ihren Unterkleidern zu schaffen machte, hielt er mit einem Male wie erstarrt inne. Emma sah in der Dämmerung einen Gegenstand silbrig aufblitzen. Gleichzeitig trat ein glasiger Ausdruck in die Augen ihres Peinigers, und im nächsten Moment fiel er leblos nach vorn.

Emma spürte, wie eine neue Woge von Furcht sie überflutete, als ihr klar wurde, dass er aus dem Hinterhalt getötet worden war. Sie schlug wie wild um sich, um den schweren Körper, der auf ihr lag, zur Seite zu schieben. Ihr Gesicht, die Hände und die Kleider waren bereits blutverschmiert.

Der Tote wurde jäh von ihr fortgerissen. Fassungslos sah Emma nach oben zu der hoch aufgerichteten Gestalt im Mönchsgewand, von deren Gesicht lediglich die Augen erkennbar waren. Noch niemals in ihrem Leben hatte Emma Augen von solch einem tiefen Blau gesehen. „Wer seid Ihr? Was …?“

Der Unbekannte schüttelte den Kopf und legte Emma einen Finger auf die Lippen. Dann drehte er sich wortlos um und begann, sich im Schutze von Büschen und umgestürzten Bäumen den Soldaten zu nähern, die am Feuer saßen und betrunken herumgrölten.

Emma richtete sich ein wenig auf und beobachtete entsetzt und erstaunt zugleich, wie der Fremde einem nach dem anderen die Kehle durchschnitt. Dabei bewegte er sich so schnell und geschmeidig, dass keines seiner Opfer Zeit zum Schreien oder für irgendeine Gegenwehr fand.

Als er zu ihr zurückkehrte, schluchzte Emma vor Erleichterung. Tränen strömten ihr über das Gesicht, die er ihr behutsam mit dem Daumen abwischte. In seinen Augen erkannte sie den Ausdruck von Zorn und Mitgefühl zugleich. Schweigend nahm er sie auf die Arme und trug sie zu seinem Pferd, das an einem Baum angebunden war.

„Ich danke Euch“, sagte sie scheu, als sie vor dem Mann im Sattel saß. „Ich weiß, was geschehen wäre, wenn Ihr nicht aufgetaucht wäret.“

Wieder legte er ihr einen Finger auf die Lippen, um sie zum Schweigen zu bringen. Dann zog er sie enger an sich, sodass Emma den Kopf an seine Schulter legen konnte, und ritt langsam los.

Es kam ihr so vor, als wäre die Welt um sie herum verstummt. Es war völlig still, und nicht einmal das Rascheln von Blättern war zu vernehmen, als sie durch den Wald ritten, den Bach durchquerten und die Richtung einschlugen, wo in der Ferne die Lichter einer Ansiedlung erkennbar wurden.

In den Armen des Fremden fühlte sich Emma eigentümlich warm und geborgen. Sie wusste, dass ihr nichts Böses widerfahren konnte, solange er sie so hielt. Als sie den Pfad erreichten, der zu den kleinen Häusern führte, zügelte er das Pferd, stieg ab und half dann Emma aus dem Sattel. „Ihr müsst mir Euren Namen sagen, Sir“, bat sie, „damit mein Vater Euch danken kann.“

Er schüttelte den Kopf.

„Seid Ihr stumm? Ist das der Grund für Euer Schweigen?“, wollte sie wissen.

Er gab auch weiterhin keine Antwort.

Emma streckte ihm die Hand entgegen. „Dann will ich Euch noch einmal danken, Sir, von ganzem Herzen. Ich werde niemals vergessen, was Ihr heute Abend für mich getan habt.“

Obwohl er sein Gesicht fast vollständig verhüllt hatte, konnte Emma am Leuchten seiner Augen erkennen, dass ihr Retter lächelte. Er umschloss mit beiden Händen ihre schmale Hand und drückte sie kurz. Daraufhin schwang er sich in den Sattel, und Emma lief zu ihrem Haus.

An der Tür drehte sie sich um und sah, dass der Unbekannte gewartet hatte, bis sie tatsächlich in Sicherheit war. Er hob die Hand und ließ sein Pferd einmal kurz vorn hochsteigen. Dann preschte er los und war Augenblicke später in der Dämmerung verschwunden.

Von diesem Tag an erzählte Emma Vaughn allen, die es hören wollten, von dem geheimnisvollen Fremden, der ihre Ehre und ihr Leben gerettet hatte. Wenn sie gefragt wurde, wie ihr wunderbarer Retter ausgesehen habe, konnte sie nur seine Augen beschreiben. Tiefblaue Augen, die wundersam leuchteten und den Ausdruck zeitloser Weisheit und großer Leidenschaft hatten.

Obwohl Emma beinahe noch ein Kind war, hatte sie ihr Herz bereits an ihren Retter verloren. Um ihrem Helden nachzueifern, überwand sie ihr furchtsames Wesen. Sie erlernte die Kunst der Selbstverteidigung mithilfe eines Dolches, den sie fortan ständig bei sich trug. Sie schwor sich, dass kein Mann sie jemals wieder als wehrloses Geschöpf vorfinden würde.

Die Kunde von den Taten des schweigenden Mönchs drang selbst in die entlegensten Ecken Irlands. Überall erzählte man sich voller Ehrfurcht von dem „Rächer des Himmels“, der unerschrocken für unschuldige Mädchen und Frauen sein Leben riskierte.

1. KAPITEL

Irland, 1563

I ch wünschte, du würdest nicht nach England gehen, Conor.“ Moira O’Neils Stimme bebte vor unterdrückter innerer Bewegung. Sie umarmte ihren jüngeren Sohn und kämpfte gegen Furcht und Sorge um ihn an.

Moira wusste, dass Conor weithin als Irlands überzeugendster, talentiertester Redner galt. Ihr war auch bewusst, dass er ein ausgezeichneter Krieger war, dessen kämpferische Qualitäten nur von denen seines älteren Bruders Rory übertroffen wurden. Ein Mann wie er, der sowohl mit dem Schwert als auch mit Worten umzugehen wusste, konnte zweifellos auf sich selbst aufpassen. Doch trotzdem nagte die Sorge an Moira. Schließlich würde sich ihr Sohn in das Land des Feindes begeben, sozusagen in die Höhle des Löwen.

Damit folgte er den Plänen seines Vaters, die dieser seit Conors Jugendzeit geschmiedet hatte. Schon sehr früh war klar geworden, dass Conor über eine besondere und wundervolle Gabe verfügte. Durch die Kraft seiner Worte, mit Logik und geschliffenen Formulierungen gelang es ihm, Menschen dazu zu bringen, ihren Verstand über ihre Gefühle zu setzen. Zu verhandeln, statt zu kämpfen. Und Frieden zu schließen, statt Krieg zu führen.

Auch in anderer Hinsicht war Conor von der Natur sehr großzügig ausgestattet worden. Seiner Mutter entgingen die verlangenden Blicke nicht, die ihm die jungen Frauen nachwarfen. Er war ein überaus gut aussehender junger Mann. So war es gar nicht verwunderlich, dass sogar die Königin äußerst angetan von ihm war. Elisabeth von England, eine den weltlichen Dingen gegenüber sehr aufgeschlossene Monarchin, war bekannt dafür, dass sie sich gern mit hübschen jungen Männern umgab.

Sie duldete diese jedoch nur so lange in ihrer Nähe, wie die Herren es verstanden, ihre Herrscherin zu amüsieren. Sobald Elisabeth das Interesse an einem ihrer Günstlinge verlor, fand sich dieser unvermittelt in arger Not, manchmal sogar in Gefahr, weil ihm die Königin dann jeglichen Schutz entzog.

Moira seufzte tief auf. „Es kommt mir vor, als wäre es erst gestern gewesen, seit du mit Rory aus der Hölle Londons zurückgekehrt bist. Und nun gehst du dorthin zurück, wo dein Bruder beinahe sein Leben verloren hätte.“

„Mir wird schon nichts passieren, Mutter“, versicherte Conor. „Ich gehe schließlich auf ausdrückliche Einladung der Königin. Welche Gefahr sollte mir da schon drohen?“

Ja, was sollte ihm zustoßen? Moira dachte an die Ränke am Hofe der Königin. Doch ihren Argwohn behielt sie für sich.

„Ich bin sehr stolz auf dich, Conor.“ Gavin O’Neil klopfte ihm kräftig auf die Schulter. „Du wirst uns allen Ehre machen“, fügte er hinzu. „Deiner Familie. Deinen Landsleuten. Und unsere Nachkommen werden deinen Namen preisen wegen des Opfers, das du für dein Land bringst. Wenn du die englische Königin nicht dazu überreden kannst, uns in Ruhe zu lassen, so wirst du ihr doch wenigstens nahe genug sein, um zu hören, was sie und ihre Ratgeber mit uns vorhaben.“

„Ich werde mein Möglichstes tun, Vater“, versprach Conor und wandte sich dann an seinen Bruder. Die beiden jungen Männer schüttelten sich ernst die Hände. „Du wirst dich um die Angelegenheiten auf dieser Seite des Meeres kümmern?“ Conor schaute ihn fragend an.

„Worauf du dich verlassen kannst.“ Rory lächelte. „Das andere überlasse ich dir ganz allein, und das aus tiefster Seele.“ Er musterte seinen Bruder abschätzend. „Letzte Nacht hat es wieder einen Angriff auf eine Gruppe englischer Soldaten gegeben“, bemerkte er. „‚Der Rächer des Himmels‘ überraschte sie dabei, wie sie gerade einem Mädchen Gewalt antun wollten. Wortlos schnitt er ihnen die Kehlen durch – mit einem recht kleinen Dolch.“

Conor trat einen Schritt zurück. „Ach ja?“

Rory nickte. „Wie all die anderen vor ihr, so behauptet auch diese Kleine, ihr Rächer habe übermenschliche Kräfte. Sie erzählt jedem, er sei so groß wie ein Riese und sehe so gut aus wie ein junger Gott, obwohl sie sein Gesicht nicht hatte erkennen können.“

„Daran wird doch deutlich, wie derartige Geschichten entstehen“, erwiderte Conor gleichmütig. „Wenn sie sein Gesicht nicht sehen konnte, wäre es doch auch möglich, dass es von Narben entstellt ist.“

Conor neigte sich jetzt zu Rorys Frau, um sie auf die Wangen zu küssen. „Pass nur weiterhin gut auf meinen Bruder auf, Anna Claire“, bat er. „Er scheint allmählich seinen gesunden Menschenverstand zu verlieren.“

Sie lachte. „Ich kümmere mich um ihn. Wirst du meinem Vater meine Grüße überbringen?“

„Ja, vorausgesetzt, ich treffe ihn noch an, bevor er in See sticht.“ Lord James Thompson, Anna Claires Vater, war Conors einziger Freund unter den engsten Beratern der Königin. Doch erst vor wenigen Tagen war auf Ballinarin die Nachricht eingetroffen, dass Lord Thompson von der Königin nach Spanien entsandt werden würde. Es gab Hinweise, die besagten, er solle vom Hof verbannt werden, weil er sich mit dem von der Königin favorisierten jungen Lord Dunstan überworfen habe.

Der Jüngling, der zwischen Rory und Anna Claire stand, schaute bewundernd zu Conor auf. Innis war ein Waise, der bei Rory und dessen bezaubernder Frau ein neues Zuhause gefunden hatte. Unter ihrer liebevollen Pflege gedieh er prächtig und wuchs zu einem kräftigen jungen Mann heran.

Conor zerzauste ihm das blonde Haar. „Wenn ich das nächste Mal abreise, könntest du mich vielleicht begleiten“, sagte er.

„Meinst du das wirklich?“

„Ja, Innis. Obwohl ich glaube, dass ich, wenn ich eines Tages aus England zurückkehre, wohl einige Zeit zu Hause bleiben werde.“ Bei diesen Worten drehte sich Conor zu seiner kleinen Schwester um, der Tränen über die Wangen liefen.

„Bitte, weine jetzt nicht“, bat Conor. „Du wirst sehen, dass ich wieder hier bin, bevor du überhaupt Zeit hattest, mich zu vermissen.“

„Ich vermisse dich jetzt schon ganz schrecklich“, brachte Briana schluchzend hervor und klammerte sich an ihn. „Ich will nicht, dass du gehst.“

„Das weiß ich doch.“ Conor küsste sie sacht auf die Schläfe. „Aber wenn die englische Königin eine Einladung ausspricht, ist diese gleichbedeutend mit einem Befehl. Ich muss Elisabeths Ruf folgen.“

„Sie ist aber nicht meine Königin.“ Briana löste sich aus Conors Umarmung und stampfte mit dem Fuß auf. Sie verlor schnell die Beherrschung. Offenbar hatte sie das ungestüme Temperament ihres Vaters geerbt. „Und deine Königin ist sie auch nicht, Conor.“

„Das stimmt. Aber ich habe gelernt, dass es oftmals sinnvoller ist, den Feind geschickt mit Worten in Sicherheit zu wiegen, als ihm mit erhobenem Schwert zu begegnen. Also werde ich nach England reisen, meine Kleine, und dort Augen und Ohren offen halten.“ Er lächelte ihr aufmunternd zu. „Und ich würde der Königin sogar einen Minnesang darbieten, wenn ich damit mein Volk vor den englischen Schwertern schützen könnte.“

Kurz darauf stieg Conor auf sein Pferd, das ein Stallknecht für ihn am Zügel hielt, und hob die Hand zum Gruß. Dann winkte er auch ein letztes Mal all den Bediensteten zu, die sich versammelt hatten, um ihm für seine Reise Gottes Segen zu wünschen, bevor er schließlich sein Ross auf die Straße nach Dublin lenkte.

Kurz bevor er das Dorf erreichte, drehte er sich im Sattel um und schaute zurück auf Ballinarin. Sein Zuhause war noch nicht einmal außer Sichtweite, und bereits jetzt spürte er die Sehnsucht tief in seinem Innern. Seit er ein Junge gewesen war, hatte er beinahe genauso viel Zeit fern der geliebten Heimat verbracht wie in Irland. Er hatte bei einem Gelehrten in Rom die Klassiker der Antike studiert, in einem spanischen Kloster fließend Spanisch gelernt. Nach zwei Jahren in Paris konnte er sich auch auf Französisch unterhalten.

Mehr als alles andere wünschte er, den Rest seines Lebens auf Ballinarin bleiben zu können und nur noch mit weichem irischem Akzent gesprochene Worte zu hören. Doch gleichzeitig war sich Conor der Pflicht bewusst, die er seinem Vater, seiner Familie und seinem Volk gegenüber hatte. Dafür war er in fernen Ländern unterrichtet und ausgebildet worden.

Er würde sich redlich bemühen, nicht mit dem Schwert zu kämpfen, sondern mit Worten, und damit für den Frieden eintreten. Doch sollten seine Anstrengungen nicht erfolgreich sein, so würde Conor sich niemals dem Unterdrücker beugen. Er tastete nach dem Dolch, der im Taillenband steckte. Mit dieser Waffe wurden schon zahlreiche englische Soldaten getötet.

Nein, Conor hatte keine Möglichkeit, dem Schicksal zu entrinnen.

Clermont House, außerhalb Londons

„Ich bin es allmählich leid, auf den Thron zu warten.“ Der Earl von Huntington ging unruhig hin und her. „Elisabeth wird mit jedem Tag beliebter bei ihren Untertanen.“

Begütigend legte seine Schwester Henry eine Hand auf den Arm. „Königinnen sterben irgendwann.“

Er stieß einen unwirschen Laut aus. „Unsere liebe Elisabeth ist jung und gesund. Sie kann uns alle überleben.“

„Nun, sie muss ja nicht … auf natürliche Weise sterben.“

Henry sah seine Schwester mit neu erwachtem Interesse aufmerksam an. „Was hast du vor?“, erkundigte er sich.

„Nichts Besonderes“, entgegnete Celestine, „sondern das, was wir schon immer wollten, Henry: dass du König wirst.“ Sie drehte sich zu dem Besucher um, der den Wortwechsel schweigend mit angehört hatte. „Und du, Dunstan, wirst noch reicher. Ich … als die neue Lady Vaughn verfüge bereits über sehr viel Macht, besonders über eine ganz bestimmte Person, die alles tun wird, was ich sage.“

Henrys Stirnfalte vertiefte sich. „Wie kannst du so sicher sein, Celestine, dass deine Stieftochter für uns spionieren wird?“

Seine Schwester trat näher an das Fenster und deutete nach draußen. „Siehst du sie da unten? Ihre Absichten sind leicht vorhersehbar und zu durchschauen. Sie hält sich zwar für klug und stark, aber ich werde sie eines Besseren belehren.“

Celestine lächelte ihren Bruder aufmunternd an. „Überlass Emma Vaughn ruhig mir, und hör auf, dir Sorgen zu machen. Bereite dich lieber auf deine Regentschaft als König von England vor.“

Lord Huntington wischte die Bemerkungen seiner Schwester mit einer ungeduldigen Handbewegung beiseite. „Ich bin nicht bereit, bis in alle Ewigkeit zu warten, Celestine.“

„Ich auch nicht“, ließ sich jetzt Lord Dunstan vernehmen. „Ich verfolge nämlich auch noch meine eigenen Pläne.“

„Tu das nur“, versetzte Celestine. „Hoffentlich hast du dafür gesorgt, dass deine Vorhaben auch gelingen. Ich nämlich bin auf alle Möglichkeiten vorbereitet. Bei mir wird keine Unternehmung fehlschlagen.“

In ihrem Ankleidegemach bereitete sich Celestine für das Treffen mit ihrer ältesten Stieftochter vor. Sie zog eine beeindruckende Robe an, in der sie äußerst herrschaftlich wirkte, als sie die Stufen hinabschritt und im Salon ihren großen Auftritt hatte.

„Du widerborstiges Geschöpf! Ich hatte dir befohlen, dich von diesem Haus fernzuhalten. Es ist schon großzügig genug von mir, dir zu erlauben, dich im Londoner Stadthaus deines Vaters aufzuhalten.“ Celestine hatte etwas von einer besonders edlen Kurtisane an sich in ihrem raffiniert geschnittenen Kleid, in dem ihre üppige Figur aufreizend zur Geltung kam.

Emma Vaughn, die unruhig vor dem Kamin hin und her gegangen war, während sie auf ihre Stiefmutter gewartet hatte, blieb stehen und sah die zweite Frau ihres Vaters herausfordernd an.

„Hast du etwa geglaubt, die Dienstboten würden mich nicht darüber informieren, dass du wie eine Landstreicherin um das Haus streichst?“

„Das tat ich nicht“, widersprach Emma hitzig. „Ich bin gekommen, um meinen Vater und meine kleine Schwester zu besuchen.“

„Ich habe dir doch bereits gesagt, dass du sie nicht sehen darfst.“

„Du hast kein Recht, mir zu verbieten, meine Familie aufzusuchen.“

„Ich habe jedes Recht der Welt, denn ich bin jetzt deine Stiefmutter. Und nicht nur deine, sondern auch Sarahs. Außerdem bin ich die rechtmäßige Ehefrau deines Vaters. Als solche habe ich die Pflicht, auf meinen Gatten achtzugeben.“

„Gatten!“, wiederholte Emma verächtlich. „Er ist dir doch völlig egal. Dein Interesse gilt ausschließlich der Vermehrung seines Reichtums.“

Böse lächelte Celestine. „Welcher jetzt auch mir gehört. Und ich werde ihn so nutzen, wie ich es für richtig halte. Du, Emma, wirst keinen Taler davon sehen.“

„Das Vermögen meines Vaters interessiert mich nicht.“

„Wenn es tatsächlich so ist, verschwinde von hier.“

„Ja, das will ich gern tun“, erwiderte Emma, „aber erst, nachdem ich meinen Vater und meine Schwester gesprochen habe.“

„Das verbiete ich dir.“

„Du hartherzige, hinterhältige Person. Wenn mein Vater wüsste, welch abgrundtief grausames Spiel du spielst, würde er diese Ehe für ungültig erklären und dich öffentlich auspeitschen lassen.“

„Hüte deine scharfe Zunge“, warnte Celestine sie. „Ich bin nämlich jetzt, wie ich dir in Erinnerung rufen möchte, die Herrin in Clermont House. Und als solche sage ich dir, dass dein Vater und deine Schwester dich nicht sehen wollen.“

„Das ist eine Lüge! Mein Vater liebt mich und würde sich niemals von mir abwenden. Sarah betet mich förmlich an, denn ich bin wie eine Mutter für sie.“ Mit einem Mal kam Emma ein schrecklicher Gedanke. Hastig trat sie auf ihre Stiefmutter zu und umklammerte deren Arm. „Was hast du ihnen gesagt? Was hast du getan, dass sie sich gegen mich stellen?“

Sie schaute Celestine in die Augen und erkannte in dem Blick der Stiefmutter eisige Kälte, gepaart mit einem kaum wahrnehmbaren Ausdruck leiser Belustigung.

„Die beiden haben keine Ahnung, dass du mich aus diesem Haus verbannt hast, nicht wahr? Aber sie müssten doch Verdacht geschöpft haben … Um Himmels willen, sind sie etwa krank? Ist ihnen etwas Schlimmes zugestoßen?“

Vielsagend sah Celestine Emmas Finger an ihrem Arm an. „Lass mich sofort los“, verlangte sie gebieterisch. „Sonst werde ich dich aus dem Haus werfen lassen und dafür sorgen, dass du es niemals wieder betreten darfst.“

Nachdem Emma ihrer Aufforderung nachgekommen war, goss Celestine sich ein wenig Wein in einen Becher. Schweigend und nachdenklich musterte Celestine ihre Stieftochter. Sie war höchst zufrieden, dass das Mädchen keinerlei Anzeichen von Ärger mehr zeigte, sondern vielmehr auffallend blass geworden war und offenkundig große Angst hatte, Vater und Schwester könnten ein Unheil zugestoßen sein.

„Wie wichtig ist es dir, deine Familie zu sehen?“, wollte Celestine wissen.

„Es ist mein allergrößter, dringendster Wunsch.“ Emmas Stimme zitterte kaum merklich. „Ich möchte mich nur vergewissern, dass sie nicht krank sind. Sollten beide nach einem Treffen von mir verlangen, dass ich niemals wiederkomme, werde ich ihrem Wunsch entsprechen. Aber, bitte, Celestine, lass mich persönlich mit ihnen sprechen.“

„Deine Schwester ist nicht mehr hier.“

„Weshalb nicht? Wo ist sie denn?“

„Ich musste Sarah aufs Land schicken. Dort lebt sie bei Freunden.“

„Aber warum?“ Schreckliche Angst erfasste Emma. „Sie ist doch erst sechs Jahre alt und noch viel zu klein, um ihren Vater zu verlassen.“

„Jung genug, um zu vergessen.“

„Ich verstehe nicht …“

„Ich wollte Sarah nicht länger in deiner Nähe aufwachsen lassen“, erklärte Celestine kühl. „Du hattest schon viel zu viel Einfluss auf sie. Sie weigerte sich, meine Autorität anzuerkennen, gerade so wie du. Sie wird lernen, wem sie zu gehorchen hat. Deshalb werde ich sie von dir fernhalten. Aber vielleicht erlaube ich dir, deinen Vater zu sehen.“

„Oh Celestine, das wäre …“

Diese brachte Emma mit einer Handbewegung zum Schweigen. „Bewahre dir deine Dankbarkeit für einen späteren Zeitpunkt auf. Zunächst einmal wirst du etwas für mich tun müssen, um mir zu beweisen, dass du meine Freundlichkeit auch tatsächlich verdienst.“

„Alles tue ich, wirklich alles.“ Emma war unendlich erleichtert.

„Nun, wie dir wohl bekannt ist, bin ich mit der Königin verwandt. Wir sind Cousinen. Ich verfüge über die richtigen Verbindungen, um dich am Hofe unterzubringen und dir eine Stellung als Zofe der Königin zu verschaffen.“

„Aber … ich hatte doch gar keine Ausbildung oder Erziehung für solch eine Position“, wandte Emma ein. „Ich wüsste gar nicht, was ich dort tun sollte. Und außerdem kenne ich doch niemanden im Palast.“

„Das ist nur von Vorteil. Du wirst sie schon noch alle kennenlernen. Und eine Person im Besonderen.“ Celestine senkte die Stimme, damit niemand, der vielleicht zufällig etwas von ihrer Unterhaltung mitbekam, verstand, worum es ihr ging.

„Es wird gemunkelt, dass Elisabeth sehr angetan ist von einem bestimmten Iren, dessen Rat sie momentan sehr schätzt. Ich muss wissen, um welche Vorschläge es sich handelt und wie die Königin dazu steht.“

Emma stieß einen Schreckenslaut aus. „Du meinst, ich soll die Königin belauschen?“

„Nun dramatisiere die Sache nicht unnötig. Es gibt bei Hofe keine Geheimnisse“, bemerkte Celestine. „Ich möchte nur über das, was ohnehin irgendwann jeder erfährt, etwas eher in Kenntnis gesetzt werden.“

Heftig schüttelte Emma den Kopf. „So etwas kann ich nicht tun. Was du von mir verlangst, das ist Unrecht.“

„Nun, wenn du meinst … Die Entscheidung liegt bei dir.“ Celestine drehte ihr den Rücken zu und sah aus dem Fenster. „Wie ich gehört habe, passieren auf dem Lande häufig … nun sagen wir mal, Unfälle. Ein zartgliedriges Kind fällt von einem Heuwagen oder gerät unter die Hufe eines durchgehendes Pferdes …“

Bei dieser unverhohlenen Drohung zog Emma scharf die Luft ein.

„Merke dir eines, Mädchen.“ Celestine wandte sich wieder zu ihr um und bedachte Emma mit einem eiskalten Blick. „Du wirst weder deinen Vater noch deine Schwester jemals wiedersehen. Oder …“, setzte sie höhnisch hinzu, „… erst bei ihrem Begräbnis. Und nun geh endlich. Lass mich allein.“ Sie machte eine unmissverständliche Handbewegung.

„Warte“, bat Emma, doch ihre Stiefmutter schüttelte ungnädig den Kopf.

„Ich habe genug von dir. Einer der Dienstboten wird dich nach draußen begleiten. Und das gesamte Personal wird Instruktionen erhalten, dass du niemals wieder einen Fuß in das Haus deines Vaters setzen darfst.“ Celestine tippte ungeduldig mit der Fußspitze auf den Boden.

Tapfer hielt Emma die Tränen zurück. „Also gut“, erklärte sie leise, „ich tue, was du von mir verlangst.“

Celestine versagte sich jede triumphierende Gebärde. Innerlich jubelte sie. Es war wirklich einfach gewesen, Emma an ihrer empfindlichsten Stelle zu treffen. Laut sagte sie, wobei sie das Mädchen von Kopf bis Fuß musterte: „Ich werde umgehend eine Nachricht an den englischen Hof schicken. Ich hoffe doch, dass du über einige passende Gewänder verfügst. In diesem schrecklichen Kleid kannst du kaum vor die Königin treten. Und lass dir das Haar anders frisieren. Schließlich hast du nur einen einzigen Zweck bei Hofe zu erfüllen. Du musst das Interesse von diesem Iren wecken, und zwar so schnell wie möglich. Sein Name ist Conor O’Neil.“

2. KAPITEL

Am Hofe von Elisabeth I. von England

M ajestät, bitte, hört mich an! Ihr müsst Eure Macht dazu nutzen, diesen aufsässigen Bauern eine Lektion zu erteilen, damit sie Euch fortan treu ergeben sind.“ Lord Dunstan, einer von Elisabeths engsten Beratern und als solcher mit der Lösung des „irischen Problems“ betraut, sah seine Monarchin fest an.

Mit dem Begriff „irisches Problem“ bezeichneten die Engländer die ständigen Auseinandersetzungen mit den Iren. Gerade in diesem Moment saß die Königin mit ihrem Rat zusammen, um über die Schwierigkeiten zu sprechen. Lynley Dunstan war der Wortführer.

„Wir haben diese Barbaren nach wie vor nicht unterworfen, Hoheit“, erklärte er. „Sie stellen sich gegen unsere Gesetze und nutzen unser Vertrauen schamlos aus. Ja, sie verunglimpfen sogar unsere Kirche, über die Ihr, wie ich ausdrücklich anmerken möchte, die Schirmherrschaft habt. Ich weiß noch, wie Euer Vater …“

„Hört auf damit“, unterbrach die Königin ihn kühl. „Dieses Thema langweilt mich. Außerdem möchte ich meinen irischen Redekünstler begrüßen.“

Dunstan wurde vor Wut blass. Aus zusammengekniffenen Augen beobachtete er den gut aussehenden jungen Mann, der sich soeben vor der Regentin verneigte. Diese befahl ihrem schon etwas älteren Berater Lord Humphrey, seinen Stuhl für den Neuankömmling frei zu machen, sodass dieser neben ihr sitzen konnte.

„Da seid Ihr ja, Conor, und wieder einmal zu spät.“

„Ja, Majestät.“ Er war noch immer außer Atem, als er den Kopf tief über die ausgestreckte Hand beugte. „Ich bitte Euch untertänigst um Vergebung. Ich habe keinerlei Zeitsinn.“

„Ich vergebe Euch, mein Lieber. Kommt. Lasst Euch neben Eurer Königin nieder, Conor O’Neil.“

Lynley Dunstan spürte, wie ihm bei der Erwähnung des Namens das Blut in den Kopf stieg. Er wandte sich den anderen Beratern zu, die die Begrüßung zwischen Elisabeth und Conor in einiger Entfernung eisig schweigend beobachteten. „Seit dieser Ire eingetroffen ist, benimmt sich unsere junge Königin, als ob sie verhext wäre“, erklärte er leise.

Lord Humphrey nickte zustimmend. „Jeden Tag in den vergangenen zwei Wochen musste O’Neil auf ihren Wunsch hin bei Tisch den Ehrenplatz an ihrer Seite einnehmen. Doch nicht nur das. Er ist bei jeder Jagdgesellschaft, jedem Ausflug ins Grüne oder großen Empfang dabei, weil sie es so will.“

Dunstan bebte vor unterdrückter Erregung. „Frauen sind begeistert von ihm. Die meisten Männer finden ihn klug und schlagfertig. Und zu allem Übel entschuldigt er sich nicht einmal für das Verhalten seiner Landsleute. Jedes Kind weiß doch, dass sein Bruder, der berüchtigte Blackhearted O’Neil, unzählige englische Soldaten kaltblütig ermordet hat. Wurde er für seine Gräueltaten bestraft? Nein, ganz im Gegenteil. Er wurde von der Königin begnadigt. Sie erlaubte ihm sogar, nach Irland zurückzukehren. Er lebt dort als freier Mann auf Ballinarin, dem Familiensitz der O’Neils.“

Lord Humphrey bedachte ihn mit einem lauernden Blick. „Wie ich hörte, hat er die Frau geheiratet, die Ihr eigentlich haben wolltet?“

Betont gleichmütig zuckte Dunstan die Schultern. Niemals würde er die bittere Niederlage eingestehen. „Anna Claire Thompson wollte ich gewiss nicht. Das Einzige, was mich an ihr interessierte, war ihr irisches Anwesen, Clay Court.“

„Und das gehört Euch jetzt.“

„Jawohl!“ Doch Dunstans Triumph war nur von kurzer Dauer gewesen. Die irischen Dienstboten, deren Familien schon seit Generationen in Clay Court in Brot und Arbeit gestanden hatten, waren lieber Hals über Kopf davongelaufen, als ihrem neuen englischen Herrn zu dienen. Dunstan war gezwungen gewesen, sein eigenes Personal von England aus nach Irland zu schicken – ein kostspieliges Unterfangen. Doch trotz erheblicher Geldmittel, die er in das einst stolze Anwesen gesteckt hatte, verfiel es zusehends.

Aber er würde es dieser Anna Claire schon zeigen, ihr und allen anderen. Das hatte sich Lynley fest vorgenommen. Einen ersten Erfolg hatte er bereits vermelden können: Lord Thompson, Anna Claires Vater und ein enger Berater der Königin, war auf Dunstans Empfehlung hin von Elisabeth nach Spanien entsandt worden. Und schon bald würde er sie auch dazu bringen, mit dem unliebsamen Iren in ähnlicher Weise zu verfahren.

„Rory O’Neil lebt wie ein Herrscher, während er andere irische Krieger dazu anstachelt, ihre Waffen gegen England zu erheben“, erklärte Dunstan hasserfüllt. „Und währenddessen ist unsere geliebte Königin von Conor so angetan, dass sie seinen Ratschlägen ganz besondere Aufmerksamkeit schenkt. Sie hat ihm sogar schon den Titel ‚Lord Wyclow‘ verliehen und ihm das entsprechende Herrenhaus geschenkt.“

Diese Tatsache allein war für Lord Dunstan ein Stachel in seinem Herzen, denn er hasste jeden Mann, der Dinge besaß, die er selber als sehr erstrebenswert erachtete. Und auf den Wyclow-Besitz hatte er schon lange begehrlich geblickt.

Zu allem Überfluss lehnte es Conor beharrlich ab, den Titel zu tragen. Es wurde außerdem gemunkelt, er habe das Land rund um Wyclow an die dort lebenden Dorfbewohner abgetreten und ihnen genug Mittel zur Verfügung gestellt, um den Besitz unterhalten und bewirtschaften zu können.

Vor noch gar nicht allzu langer Zeit hätte Elisabeth wohl Lord Dunstan Titel und Besitz zukommen lassen. Dunstan hatte sich förmlich gelabt an der Zuneigung, die die junge Königin ihm so offenkundig entgegengebracht hatte. Er hatte es unbeschreiblich genossen, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen und zu den engsten Vertrauten der Monarchin zu gehören. Ganz besonders wusste er die Macht zu schätzen und zu nutzen, die mit all diesen Vergünstigungen verbunden war. Doch das hatte mit dem Eintreffen des Iren ein unerwartetes Ende gefunden.

„Ich beginne, mich hier zu langweilen“, erklärte die Königin jetzt und erhob sich. Sofort standen die Männer auf und verneigten sich tief, während die anwesenden Damen in einem respektvollen Hofknicks versanken. „Wir werden jetzt den Empfangssalon aufsuchen.“

„Kommt, setzt Euch hierher zu mir, Conor.“ Elisabeth ließ sich auf einer Chaise nieder und klopfte mit einer Hand einladend auf den Platz neben sich.

„Womit wünschen Majestät heute unterhalten zu werden?“, erkundigte sich Conor ehrerbietig.

„Erzählt mir mehr über die in eurer Jugend in Paris verbrachte Zeit. Das amüsiert mich sehr“, verlangte sie.

„Nun denn. Ich erinnere mich noch gut an die Nacht, als …“ Conor wusste, dass er ein begnadeter Geschichtenerzähler war. Er nahm von einem Bediensteten einen Kelch Wein entgegen, lehnte sich entspannt zurück und fuhr mit seiner Erzählung fort. Er genoss es, die Zuhörer in seinen Bann zu ziehen und sie zum Lachen zu bringen. Während er sprach, ließ er den Blick schweifen und entdeckte dabei plötzlich ein ihm fremdes Gesicht in der Menge.

Das Mädchen war noch jung, kaum älter als achtzehn Jahre, und bewegte sich mit natürlicher Anmut. Inmitten der farbenfrohen Gewänder stach ihr eigenes durch seine zartgelbe Farbe und den züchtigen Halsausschnitt hervor. Doch am meisten fiel auf, dass der Unbekannten das Kleid viel zu groß war.

Während alle, die sich in der Nähe der Königin aufhielten, bemüht waren, möglichst vorteilhaft zu wirken, schien die junge Dame genau das Gegenteil zu bezwecken. Das braune Haar hatte sie zu einer einfachen Knotenfrisur aus dem Gesicht gekämmt. Gerade in diesem Moment strich sie sich einige Strähnen, die sich aus der strengen Frisur gelöst hatten, aus dem Gesicht.

Die Geste war so anrührend, dass sich Conor einen Augenblick an Briana erinnert fühlte. Seine kleine Schwester hielt sich auf Ballinarin stets sehr viel lieber in den Stallungen auf als in der Gesellschaft der vornehmen Gäste ihrer Eltern.

Elisabeth stieß einen tiefen Seufzer aus. „Ich beneide Euch, Conor“, gestand sie. „Wenn ich doch nur meine Kindheit ähnlich ungezwungen hätte verbringen können. Aber mir wurden niemals irgendwelche Freiheiten gestattet.“

„Ja, Majestät, das ist mir bekannt. Jedermann weiß, dass Ihr eine freudlose Jugend hattet. Stets wart Ihr in irgendwelchen prachtvollen Palästen, in denen ergebene Dienstboten Euch jeden Wunsch von den Augen ablasen. Und Ihr wurdet von Eurem Volk geliebt, wo immer es Eurer Hoheit ansichtig wurde.“

Allgemeines Gelächter folgte diesen Ausführungen, und auch die Königin hatte offenkundig Gefallen an Conors trockenem Humor, in den sich stets eine Spur Ironie einschlich. Es gab kaum jemand, von dem sie es sich hätte gefallen lassen, auf diese leicht spöttische Weise beurteilt zu werden. Dass Conor sich dies erlauben durfte und damit bei Elisabeth sogar Erfolg hatte, steigerte sein Ansehen noch.

„Majestät“, unterbrach Dunstan die angeregte Unterhaltung zwischen Conor und der Königin, „ich bin mir der Tatsache bewusst, dass Ihr des irischen Problems überdrüssig seid und eine dauerhafte Lösung dafür anstrebt. Ich muss Eure Hoheit jedoch darauf hinweisen, dass sich die Angriffe auf englische Soldaten nicht mehr nur auf irischen Boden beschränken, sondern inzwischen hier in England, ganz in unserer Nähe, ausgeführt werden.“

„Ach was“, wischte Elisabeth Dunstans Ausführungen mit einer Handbewegung beiseite, „dabei handelt es sich doch lediglich um Gerüchte.“ Ihre Augen schienen Funken zu sprühen. „Was sollte ich Eurer Meinung nach tun, Dunstan? Jeden Mann einsperren lassen, der eine Mönchskutte trägt?“

Lynley zuckte die Schultern. „Da ich für diese Personen herzlich wenig Interesse aufzubringen vermag, hätte ich keine Schwierigkeiten mit einer solchen Aktion. Dann könnte dieser unbekannte Gesetzlose auf jeden Fall sein Unwesen nicht mehr in diesen Gewändern treiben.“

„Wenn dieser sogenannte ‚Rächer des Himmels‘ so gerissen ist, wie man ihm nachsagt, wird er mühelos eine andere Möglichkeit finden, seine wahre Identität zu verschleiern.“ Elisabeth wandte sich an Conor. „Was meint Ihr dazu, mein irischer Heißsporn?“

Er schenkte ihr sein umwerfendstes Lächeln. „Ich glaube, es wäre einfacher, jeden Soldaten ins Gefängnis zu werfen, der dabei ertappt wird, wie er sich ein unschuldiges Mädchen mit brutaler Gewalt gefügig macht.“

Lord Dunstan stieß einen verächtlichen Laut aus. „Wenn ein solches Gesetz existierte, hätte England bald keine Armee mehr.“

Elisabeth hob konsterniert die Brauen. „Ich wusste nicht, dass derartiges Verhalten unter meinen Soldaten so verbreitet ist.“

„Das Benehmen dieser Männer würde die zarten Empfindungen Eurer Majestät in unentschuldbarer Weise verletzen.“ Lynley warf Conor einen vielsagenden Blick zu. „Doch andererseits ist das Verhalten der Soldaten eine – wenn auch traurige – Tatsache. Sie nehmen sich, was sie begehren.“

Conor sprach weiterhin ruhig und ohne spürbare innere Beteiligung. „Wollt Ihr damit ausdrücken, Lord Dunstan, dass die Ehre unschuldiger Menschen der Preis ist, den Ihre Majestät zahlen muss, um eine Armee unterhalten zu können?“

Lynley nickte. „Krieg verändert die Männer. Sie lernen, wie Tiere nur noch ihren Instinkten zu folgen.“

Conor bot all seine Selbstbeherrschung auf, um den Zorn, der in ihm aufwallte, unter Kontrolle zu halten. Seine Stimme klang unverändert höflich und freundlich, als er sagte: „Das mag auf einige zutreffen, Dunstan. Anderen wiederum gelingt es, sich ihre Würde zu bewahren und trotzdem für ihre Rechte einzustehen.“

„Wollt Ihr damit etwa andeuten, Ihr würdet die Taten dieses Gesetzlosen gutheißen?“

Autor

Ruth Langan
Ruth Langan (auch als Ruth Ryan Langan bekannt) war eine ausgezeichnete Schülerin an der High School, die auf Grund ihrer Leistungen ein volles College – Stipendium bekam. Sie wollte am College ihren Englisch – Abschluss machen. Ihre Pläne veränderten sich auf Grund finanzieller Probleme und sie ging ins Arbeitsleben. Sie...
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