Julia Extra Band 456

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VERFÜHRT VON EINEM SPANISCHEN MILLIARDÄR von LUCAS, JENNIE
Ein glutvoller Blick des spanischen Milliardärs Santiago Velazquez, und Kellnerin Belle erschauert vor Verlangen. Obwohl sie weiß, dass es für sie und ihn keine Zukunft geben kann, wird sie schwach und lässt sich zu einer Nacht der Leidenschaft hinreißen. Mit unerwarteten Folgen …

NAOMI UND DER PLAYBOY von MARINELLI, CAROL
Die Liebe ist für den attraktiven Playboy-Tycoon Sev Derzhavin nichts als ein skrupelloses Spiel: Je öfter seine schöne Assistentin Naomi seine Avancen zurückweist und ihm die kalte Schulter zeigt, umso stärker fühlt er sich herausgefordert, sie zu erobern …

VERLIEBT IN EINEN LÜGNER? von STEPHENS, SUSAN
An der italienischen Amalfiküste trifft die junge Engländerin Callie einen aufregenden Fremden. Luca, wie er heißt, ist so sündhaft attraktiv, dass sie spontan den ersten Urlaubsflirt ihres Lebens wagt. Ein Fehler? Kaum hat sie sich Luca hingegeben, entpuppt er sich als Betrüger!

GEFÄHRLICHES SPIEL MIT DEM FEUER von SINGH, NINA
Nur für einen Tag spielt Unternehmer R.J. Davet das glückliche Paar mit seiner Noch-Ehefrau Angeline. Natürlich bloß, um ihren neuen Geschäftpartner von ihrer Seriosität zu überzeugen - und nicht, weil er Angeline insgeheim immer noch leidenschaftlich begehrt! Oder doch?


  • Erscheinungstag 16.10.2018
  • Bandnummer 0456
  • ISBN / Artikelnummer 9783733710880
  • Seitenanzahl 450
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Jennie Lucas, Carol Marinelli, Susan Stephens, Nina Singh

JULIA EXTRA BAND 456

JENNIE LUCAS

Verführt von einem spanischen Milliardär

Die unschuldige junge Belle fasziniert den zynischen Milliardär Santiago Velazquez wie keine Frau zuvor. Doch nach einer heißen Nacht macht sie ihm ein schockierendes Geständnis …

CAROL MARINELLI

Naomi und der Playboy

Wenn Naomi sich nicht das Herz brechen lassen will, muss sie den Annäherungsversuchen ihres sexy Bosses Sev Derzhavin widerstehen! Schließlich hat er gleich klargestellt, dass er nur Sex will …

SUSAN STEPHENS

Verliebt in einen Lügner?

Bevor Prinz Luca der Pflicht gehorcht und sich eine adlige Braut sucht, will er noch einmal seine Freiheit genießen! Inkognito verführt er die junge Engländerin Callie zu einer erregenden Affäre …

NINA SINGH

Gefährliches Spiel mit dem Feuer

Als Angeline in geschäftlichen Schwierigkeiten steckt, kann ihr nur einer helfen: ausgerechnet ihr Ex R.J. Davet! Ein Spiel mit dem Feuer beginnt, denn noch immer knistert es heiß zwischen ihnen …

1. KAPITEL

Belle Langtry hatte Santiago Velazquez von dem Moment an gehasst, als sie ihn erblickte.

Na ja, natürlich nicht von dem genauen Moment an. Sie war ja auch nur ein Mensch. Als sie sich zum ersten Mal auf der Hochzeit ihrer Freunde im vergangenen September kennengelernt hatten – Belle war Trauzeugin und Santiago Trauzeuge –, hatte sie sich blenden lassen von seiner Attraktivität, der Größe, den breiten Schultern und seinem muskulösen Körper. Sie hatte aufgeblickt in seine dunklen, gefühlvollen Augen und gedacht: Wow! Träume werden wirklich wahr.

Dann hatte Santiago sich dem Bräutigam zugewandt und seinem Freund angeraten, Darius könne immer noch „weglaufen“ und seine Braut am Altar stehen lassen. Und das vor Letty!

Braut und Bräutigam hatten den Vorschlag zwar hölzern belacht, doch Belle hasste Santiago seit diesem Augenblick leidenschaftlich. Jedes weitere Wort von ihm war zynischer und ärgerlicher als das vorherige. Keine zehn Minuten später stritten sich die beiden auch schon; und bis zum Ende der Hochzeit wünschte Belle sich, er würde der Welt einen Gefallen tun und sterben. So unverblümt wie sie war, konnte sie nicht widerstehen und sagte es ihm. Er antwortete mit Sarkasmus. So ging das nun seit vier Monaten.

Natürlich, dachte Belle bitter, musste er es sein, der sie hier draußen fand, wie sie auf und ab ging im dunklen, verschneiten Garten hinter Lettys und Darius’ Anwesen an der Küste. Heulend.

Zitternd in ihrem dünnen schwarzen Kleid hatte sie in der Dunkelheit auf den wilden Atlantik hinausgeblickt. Das rhythmische Getöse der Wellen passte zum Hämmern ihres Herzens.

Den ganzen Tag über hatte sie das bezaubernde Neugeborene ihrer Freundin im Arm gehalten, weil Letty die gesamte Beerdigung ihres Vaters über geweint hatte. Gegen Ende der abendlichen Trauerfeier hatte Belle der Schmerz in ihrem Herzen dann schließlich überwältigt, als sie das friedlich schlafende Baby hielt. Sanft hatte sie Letty das Kleine gereicht, eine Entschuldigung gemurmelt und sich dann in den dunklen, schneebedeckten Garten geflüchtet.

Draußen pfiff ein eisiger Wind und ließ die Tränen auf ihrer Haut gefrieren, während sie hinaus in die Dunkelheit starrte, tief betrübt vor Kummer.

Niemals würde sie ein eigenes Baby haben.

Niemals, seufzten die Wellen des Atlantiks. Niemals, niemals.

„Belle?“, hörte sie eine raue Stimme. „Bist du hier draußen?“

Santiago! Scharf atmete sie ein. Der letzte Mann, der sie so zu Gesicht bekommen sollte!

Lebhaft konnte sie sich das höhnische Grinsen auf dem Gesicht des Spaniers vorstellen, wenn er sie wegen ihrer Kinderlosigkeit in Tränen aufgelöst auffand. Sich hinter einen Baum duckend, hielt sie den Atem an und hoffte inständig, dass er sie nicht sehen würde.

„Hör auf, dich zu verstecken“, sagte er und klang amüsiert. „Du trägst ein schwarzes Kleid und stehst im Schnee.“

Zähneknirschend trat sie hinter dem Baum hervor und log: „Ich habe mich nicht versteckt.“

„Was machst du denn sonst hier draußen?“

„Ich habe einfach etwas frische Luft gebraucht“, antwortete sie verzweifelt und wünschte, er würde sie in Ruhe lassen.

Ein Lichtstrahl, der aus einem Fenster im zweiten Stock des Herrenhauses fiel, erhellte die harten Umrisse von Santiagos kraftvollem Körper in dem schwarzen Anzug und dem gut geschnittenen Kaschmirmantel. Ihre Blicke trafen sich, und sie war wie elektrisiert.

Santiago Velazquez ist viel zu attraktiv, dachte sie erschauernd. Zu sexy. Zu mächtig. Zu reich.

Darüber hinaus war er ein selbstsüchtiger, zynischer Playboy, dessen einziges Interesse seinem riesigen Vermögen galt. Wahrscheinlich besitzt er Tresorräume, in denen er schwimmen konnte, dachte sie, und sah ihn rücklings durch Hundert-Dollar-Scheine schwimmen. Und gleichzeitig die Freundlichkeit und den Respekt verhöhnen. Sie hatte gehört, dass er seine zahlreichen One-Night-Stands wie unbezahltes Personal behandelte. Belles Gesichtsausdruck verhärtete sich. Die Arme verschränkt wartete sie, bis er durch den Schnee auf sie zuschritt.

Wenige Meter vor ihr hielt er an. „Du hast keinen Mantel an.“

„Mir ist nicht kalt.“

„Ich höre doch, wie deine Zähne klappern. Hast du vor, zu erfrieren?“

„Was kümmert es dich?“

„Mich? Gar nichts“, entgegnete er sanft. „Wenn du erfrieren willst, bitte. Aber ist es nicht etwas egoistisch, Letty die Planung einer weiteren Beerdigung aufzuzwingen? Bestattungen sind so mühsam. Und Hochzeiten. Und Taufen. Das alles eben.“

„Jede menschliche Interaktion, die etwas Gefühl erfordert, muss anstrengend für dich sein“, konterte Belle.

Er überragte ihre zierliche Gestalt um knapp dreißig Zentimeter. Dass einige Frauen ihm beim Spitznamen Ángel nannten, konnte sie gut verstehen. Er hatte das Gesicht eines Engels – eines dunklen Engels, dachte sie gereizt. Den der Himmel als Rausschmeißer einsetzen könnte, um die kleinen Leute fernzuhalten und alle herumzukommandieren. Santiago mochte reich und attraktiv sein, trotzdem war er der zynischste, gefühlloseste, verabscheuungswürdigste Mann auf Erden. Er war alles, was sie zutiefst hasste.

„Moment!“ Er kniff die schwarzen Augen zusammen und betrachtete sie aufmerksam im fahlen Mondlicht, das die Wolken überzog. „Weinst du etwa?“

Heftig und schnell blinzelte sie, um es zu verbergen. „Nein.“

„Doch.“ Seine grausamen, sinnlichen Lippen zogen sich spöttisch nach oben. „Ich weiß, dass du ein erbärmlich weiches Herz hast. Aber das geht selbst für dich zu weit. Du kanntest Lettys Vater kaum. Und trotzdem finde ich dich hier vor, wie du nach der Beerdigung um ihn trauerst, allein im Schnee, wie eine tragische viktorianische Verrückte.“

Im Normalfall hätte das ausgereicht, um sie zu provozieren. Nicht heute. Denn Belle war wirklich tieftraurig. Und sie wusste, wenn sie den leisesten Anflug einer Emotion zeigte, würde er sie noch mehr verhöhnen. Wie verzweifelt wünschte sie, Santiago wäre nicht derjenige gewesen, der sie gefunden hätte und fragte ihn nur: „Was willst du?“

„Darius und Letty sind schlafen gegangen. Eigentlich wollte Letty dich suchen, aber das Baby brauchte sie. Ich soll dich auf dein Gästezimmer führen und die Alarmanlage einschalten, sobald du wohlbehalten im Haus bist.“

Seine rauchige Stimme, die einen spanischen Akzent aufwies, schien sich über sie lustig zu machen. Sie hasste es, wie er es schaffte, dass sie vor Verlangen erschauerte, obwohl sie ihn so sehr ablehnte.

„Ich habe meine Meinung geändert, was das Übernachten betrifft.“ Das Letzte, was sie jetzt wollte, war es, sich die ganze Nacht in einem Gästezimmer hin und her zu wälzen, allein mit ihren quälenden Gedanken. „Ich will einfach nach Hause.“

„Nach Brooklyn?“ Santiago sah sie ungläubig an. „Dafür ist es zu spät. Alle, die in die Stadt zurückwollten, sind schon vor Stunden aufgebrochen. Wegen des Eissturms wurde gerade die Schnellstraße gesperrt. Es könnte Stunden dauern, bis sie freigegeben wird.“

„Warum bist du überhaupt noch hier? Hast du keinen Hubschrauber und ein paar Flugzeuge? Das liegt sicher nicht daran, weil dir Letty und Darius wichtig sind.“

„Die Gästezimmer hier sind gut, und ich bin müde. Vor zwei Tagen war ich noch in Sydney. Davor in Tokio.“ Er gähnte. „Und morgen fliege ich nach London.“

„Du Ärmster“, höhnte Belle, die immer vom Reisen geträumt hatte, aber nie geschafft hatte, das Geld zu sparen, selbst für ein Economy-Ticket.

Seine vollen Lippen deuteten ein Lächeln an. „Ich weiß deine Anteilnahme zu schätzen. Aber wenn es dir nichts ausmacht, dein Stummfilmdrama zu beenden, würde ich dich gern auf dein Zimmer begleiten, um dann in meins zu gehen.“

„Wenn du gehen willst, bitte.“ Sie wandte sich ab, damit er nicht ihr erschöpftes, verweintes Gesicht sehen konnte. „Sag Letty, ich wäre schon gegangen. Ich nehme den Zug zurück in die Stadt.“

„Ist das dein Ernst?“ Skeptisch sah er auf sie herab. „Wie willst du denn zum Bahnhof kommen? Ich bezweifle, dass überhaupt Züge fahren …“

„Dann gehe ich eben zu Fuß!“ Plötzlich hörte sich ihre Stimme schrill an. „Ich werde jedenfalls nicht hier schlafen!“

Santiago hielt inne.

„Belle“, sagte er, und seine Stimme war sanfter, als sie es je bei ihm gehört hatte. „Was ist los?“

Er streckte die Hand aus, legte sie auf ihre Schulter und anschließend auf ihre Wange. Zum ersten Mal überhaupt berührte er sie, und sogar in der kalten Dunkelheit durchzuckte es sie heiß wie Feuer. Ihre Lippen öffneten sich leicht.

„Selbst wenn etwas wäre, warum sollte ich es dir sagen?“

Sein Lächeln wurde noch breiter. „Weil du mich hasst.“

„Und?“

„Also, egal, was es ist, du kannst es mir sagen. Denn dir ist ja egal, was ich denke.“

„Stimmt“, gab sie trocken zu. Das klang zu gut. Sie presste die Lippen zusammen. „Aber du könntest es in die Welt hinausposaunen.“

„Habe ich je Geheimnisse verraten?“

„Nein“, räumte sie gezwungenermaßen ein. „Doch du sagst oft gemeine und beleidigende Sachen. Du bist herzlos und unhöflich und …“

„Nur direkt ins Gesicht, nie hinter dem Rücken von anderen.“ Seine Stimme war leise. „Erzähl es mir, Belle!“

Wolken schoben sich vor den Mond, sodass kurzzeitig Dunkelheit herrschte. Irgendwie spürte sie verzweifelt den Drang, ihren Schmerz mit jemandem zu teilen. Tatsächlich hätte sie keine geringere Meinung von ihm haben können. Und er wahrscheinlich auch nicht von ihr.

Sonderbar, wie tröstlich dieser Gedanke war. Bei Santiago musste sie sich nicht verstellen. Sie musste nicht immerzu gut gelaunt und fröhlich sein oder diejenige, die es den anderen unter allen Umständen recht machte. Schon als kleines Mädchen hatte Belle gelernt, negative Gefühle für sich zu behalten. Denn Ehrlichkeit bewirkte, dass die Leute einen nicht mehr mochten. Dass sie einen verließen, auch und vor allem Menschen, die man liebte.

Santiago war daher der Einzige, dem sie es überhaupt sagen konnte. Bei dem sie wirklich sie selbst sein konnte. Denn wann er für immer aus ihrem Leben verschwand, würde sie eine Party schmeißen.

Sie holte tief Luft. „Es ist das Baby.“

„Der kleine Howie?“

„Ja.“

„Ich habe auch meine Schwierigkeiten mit ihm. Babys!“, sagte er und verdrehte die Augen. „All diese Windeln, dieses Geheule. Aber was will man machen? Einige Menschen scheinen sie zu wollen.“

„Wie ich.“ Der Mond kämpfte sich durch die Wolken, und Belle sah mit Tränen in den Augen, die im Mondlicht schimmerten, zu ihm auf. „Ich will ein Baby.“

Er starrte auf sie hinab, dann schnaubte er. „Aber natürlich willst du das. Du romantische Närrin! Du sehnst dich nach Liebe, Blumen, dem ganzen Paket.“ Er zuckte die Schultern. „Aber deswegen brauchst du doch nicht zu heulen. Wenn du so verrückt bist, eine Familie zu wollen, leg dir einfach eine zu. Werde sesshaft, kauf ein Haus, heirate! Niemand hält dich auf.“

„Ich … Ich kann nicht schwanger werden“, flüsterte sie. „Nie. Es ist unmöglich.“

„Woher willst du das wissen?“

„Weil …“ Belle sah hinunter auf die Spuren im Schnee. Das Licht des Mondes erschuf seltsame Schattierungen, mischte ihre und seine Fußstapfen. „Ich weiß es einfach. Es ist medizinisch ausgeschlossen.“

Sie wappnete sich für seine zwangsläufigen Fragen: Medizinisch ausgeschlossen? Wieso? Was ist passiert? Wann und warum?

Aber er überraschte sie.

Er streckte die Arme aus, zog sie einfach in seine Arme und unter seinen schwarzen Kaschmirmantel. Augenblicklich fühlte sie sich von seiner Wärme, seiner Kraft getröstet, während er ihr langes dunkles Haar streichelte. „Es wird alles gut werden.“

Sie sah zu ihm auf und spürte den Kloß in ihrem Hals. Wie wohl sie sich der Hitze seines Körpers an ihrem bewusst war!

„Du hältst mich sicher für einen furchtbaren Menschen“, meinte sie und löste sich von ihm. „Eine schlechte Freundin, weil ich Letty beneide, obwohl sie gerade ihren Vater verloren hat. Den ganzen Tag habe ich ihr süßes Baby im Arm gehalten und sie dabei beneidet. Ich bin die schlechteste Freundin auf der ganzen Welt.“

„Hör auf!“ Die Hände um ihr Gesicht gelegt, sah Santiago grimmig zu ihr hinab. „Du weißt, dass ich dich zwar für eine Närrin halte … die auf einer pinkfarbenen Wolke umgeben von zuckersüßen Träumen lebt. Eines Tages wirst du die rosarote Brille abnehmen müssen und die Wahrheit über diese herzlose Welt erfahren …“

„Ich …“ Krächzend brach Belle ab.

Er legte einen Finger auf ihre Lippen. „Doch selbst ich kann sehen, dass du eine gute Freundin bist.“

Wie schön warm sich sein Finger auf ihren prickelnden Lippen anfühlte! Plötzlich überkam sie der schockierende Wunsch, ihn zu küssen. Noch nie hatte sie etwas derart Schockierendes gedacht – sie, eine unerfahrene Jungfrau! So wenig sie ihn mochte, irgendetwas an diesem unverschämt sexy Spanier zog sie an. Und machte ihr Angst.

Zitternd wandte sie den Kopf ab. Sie erinnerte sich an all die Frauen, die er bekanntermaßen verführt hatte. Die Frauen, die sie verachtete, weil sie bereitwillig eine Kerbe in seinem Bettpfosten wurden. Doch zum ersten Mal konnte sie mit ihnen fühlen. Denn nun hatte sie selbst die beeindruckende Wucht seines Charmes erlebt.

„Eigentlich hast du Glück.“ Santiago bedachte sie mit einem schiefen Lächeln. „Babys? Heirat? Wer würde denn so eine undankbare Verantwortung wie die für eine Familie am Hals haben wollen?“ Er schüttelte den Kopf. „Da kann nichts Gutes bei herauskommen. Es gleicht einem Gefängnisurteil. Du kannst etwas Besseres haben.“

Verständnislos starrte sie ihn an. „Etwas Besseres als eine Familie?“

Er nickte.

„Freiheit“, erwiderte er ruhig.

„Aber ich will keine Freiheit.“ Ihre Stimme war kaum zu hören. „Ich will geliebt werden!“

„Wir alle wollen Dinge, die wir nicht haben können“, erklärte er mit rauer Stimme.

„Woher willst du das wissen? Du hast dich doch noch nie nach etwas gesehnt, ohne es dir gleich zu nehmen.“

„Da liegst du falsch. Es gibt etwas, das ich will. Seit vier Monaten. Oder besser jemanden. Aber ich kann sie nicht haben.“

Vier Monate. Mit einem Mal schlug Belles Herz wild in ihrer Brust. Er meinte doch nicht … Niemals könnte er meinen …

War es wirklich möglich, dass Santiago Velazquez, der berühmte Milliardär aus New York, ein Mann, dem Supermodels zu Füßen lagen, Belle wollte? Eine einfache Kellnerin aus der texanischen Provinz?

Ihre Blicke trafen sich im Mondlicht. Von ihren Ohrläppchen, über ihre Brüste bis hin zu ihren Fußsohlen, wurde sie am ganzen Körper von einem Zittern erfasst.

„Ich will sie. Aber ich kann sie nicht haben“, ergänzte er leise. „Nicht einmal, wenn sie jetzt vor mir stehen würde.“

„Wieso nicht?“, hauchte sie.

„Ah.“ Er verzog den Mund. „Sie will Liebe. Das sehe ich in ihrem Gesicht. Höre es an ihrer Stimme. Sie braucht die Liebe wie die Luft zum Atmen. Würde ich sie nehmen, würde sie mir gehören, dann würde sie all ihre romantischen Sehnsüchte auf mich projizieren. Und letztlich dadurch zugrunde gehen.“ Mit dunklen, tiefgründigen Augen sah er auf sie herab. „Denn so sehr ich ihren Körper will … ihr Herz will ich nicht.“

Hinter dem sanften silbernen Schimmer in seinen schwarzen Haaren konnte sie schwach den Schatten des Herrenhauses erkennen. Leise drangen die Wellen des Atlantiks an ihr Ohr, die sich am unsichtbaren Ufer brachen.

Doch plötzlich kniff Belle die Augen zusammen, als sie erkannte, dass Santiago mit ihr spielte. Mit ihr liebäugelte. Wie eine Katze mit scharfen Krallen mit einer Maus. „Lass das!“

„Was denn?“

Energisch hob sie das Kinn. „Ist dir langweilig? Brauchst du etwas Gesellschaft in deinem Bett, und ich bin die Einzige, die hier verfügbar ist?“ Sie blitzte ihn an. „Andere Frauen mögen auf dein Playboy-Gehabe hereinfallen, aber ich glaube dir kein einziges Wort. Wenn du mich wirklich wolltest, würdest du dich von nichts und niemandem aufhalten lassen. Weder von meinen Gefühlen noch vom Risiko, mich zu verletzen. Du würdest mich einfach verführen, ohne den Hauch eines schlechten Gewissens. Denn das macht ein Playboy nun einmal. Folglich willst du mich nicht. Du bist einfach nur gelangweilt.“

„Du liegst falsch, Belle.“ Grob zog er sie an sich heran, wieder unter seinen teuren schwarzen Kaschmirmantel. Sie spürte seine Körperwärme, sah wie sein dunkler Blick hungrig ihren suchte. „Seit Darius’ und Lettys Hochzeit will ich dich. Genauer gesagt, seit du mir zum ersten Mal gesagt hast, ich solle zur Hölle fahren.“ Seine sinnlichen Lippen verzogen sich zu einem Lächeln, während er ihre Wange berührte und sie intensiv beobachtete. „Und egal, was du denkst, es ist nicht meine Absicht, naive junge Frauen dazu zu bringen, sich in mich zu verlieben.“

„Du denkst, ich würde mich augenblicklich in dich verlieben?“

„Ja.“

Sie schnaubte ungläubig. „Mit deinem Ego hast du keinerlei Probleme, was?“

Unter seinem Blick wurde ihr heiß. „Belehre mich eines Besseren!“

„Du irrst dich.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich will Liebe, ja. Würde ich einen Mann treffen, den ich respektieren und bewundern könnte, könnte ich mich leicht verlieben. Aber dieser Mann bist nicht du, Santiago.“ Sie sah ihn geradeheraus an. „Egal, wie reich oder sexy du sein magst. Wenn du mich also willst, tut es mir leid. Ich will dich nicht.“

Da änderte sich sein Gesichtsausdruck. Seine Augen funkelten im Mondlicht.

„Ach, nein?“ Sanft strich er mit seinem Daumen über ihre zitternde Unterlippe und flüsterte: „Bist du sicher?“

„Ja“, hauchte sie, unfähig, sich von ihm oder seinem dunklen Blick zu lösen.

Seine Hand fuhr ihren Arm entlang nach unten, und er sah sie an, als wäre sie das schönste und begehrenswerteste Geschöpf auf Erden. „Und wenn ich dich in mein Bett holen würde, würdest du dich nicht verlieben?“

„Nicht im Geringsten. Ich halte dich für einen absoluten Mistkerl!“

Trotz ihrer Worte konnte sie ein Zittern nicht unterdrücken. Und sie wusste, er hatte es gespürt. Denn seine Mundwinkel zuckten und zeigten seine männliche Zufriedenheit.

Zärtlich streichelte er über ihr Haar. Was das Zittern noch verstärkte. Er roch nach Sandelholz und Kaminfeuer. Sie spürte unter dem langen schwarzen Mantel seinen kraftvollen Körper an ihrem.

„Dann besteht ja keinerlei Grund, sich zurückzuhalten. Vergiss die Liebe!“ Sanft hob er ihr Kinn an. „Kein Bedauern, kein Schmerz. Vergiss alles, was das Schicksal dir verwehrt hat. Genieß eine Nacht lang, was du kriegen kannst, jetzt und hier.“

„Du meinst, dich genießen?“

Eigentlich sollte die Frage sarkastisch klingen, doch Belles hämmerndes Herz verfälschte ihren Ton. Sie klang atemlos. Sehnsüchtig.

„Lass mich dir eine Nacht lang Freude bereiten. Ohne Bedingungen. Ohne Folgen. Hör auf, dauernd an die Zukunft zu denken“, bot er leise an, eine Hand an ihre Wange gelegt. „Eine Nacht lang kannst du erfahren, wie es sich anfühlt, wirklich total lebendig zu sein.“

Sein schwarzer Blick brannte in ihren Augen, und die kalte Januarnacht knisterte, wie es sonst nur in Texas im Juli möglich war.

Sich ihm eine Nacht hinzugeben? Ohne Konsequenzen, ohne Bedingungen?

Belle starrte schockiert zu ihm auf.

Sie hatte noch nie mit jemandem geschlafen. Noch nicht einmal fast. Tatsächlich war sie eine achtundzwanzigjährige Jungfrau, die sich ein Leben lang nur um andere gekümmert hatte. Und dabei keinen einzigen Traum für sich selbst erfüllt hatte.

Nein. Ihre Antwort war Nein. Selbstverständlich.

Oder nicht?

Er gab ihr keine Chance, zu antworten. Seinen Kopf neigend, küsste er ihre Wange. Ließ seine Lippen auf ihrer Haut verweilen, bis er sie langsam bewegte. Sinnlich. Sie hielt den Atem an. Als er den Kopf hob, starrte sie ihn mit großen Augen an. Ihr gesamter Körper schien zu summen, irgendwie hatte er eine Saite in ihr zum Klingen gebracht.

„In Ordnung“, hörte sie sich sagen und ihr eigener Leichtsinn ließ sie nach Luft schnappen. Belle öffnete den Mund, um es zurückzunehmen. Doch sie hielt inne.

Eine Nacht lang kannst du erfahren, wie es sich anfühlt, wirklich total lebendig zu sein.

Wann hatte sie das zum letzten Mal gespürt?

Hatte sie sich je so gefühlt?

Oder war sie immer nur das brave Mädchen gewesen, das sich bemühte, den anderen zu gefallen, die Regeln zu befolgen und ihr Leben durchzuplanen?

Was hatte es ihr je eingebracht, brav zu sein? Außer Verzweiflung und Einsamkeit?

Santiagos dunkle Augen funkelten, als er ihre Zweifel sah. Und er zögerte nicht. Er umfasste ihr Gesicht und zog es zu sich heran. Sie spürte seinen warmen Atem auf ihrer zarten Haut.

Langsam senkte er seinen Mund auf ihren, heiß und verlangend. Er forderte Einlass.

Sie spürte die Berührung seiner Zunge. Die kalte Winterluft heizte sich lodernd auf.

Noch nie zuvor war sie so geküsst worden. Die lauen Zärtlichkeiten, die sie vor sieben Jahren ertragen hatte, waren nichts im Vergleich zu dieser unbarmherzig fordernden Umarmung, zu diesem … dunklen Feuer.

In seinen Armen war sie verloren, in seinem fordernden Kuss, seinen Händen. Heißes Verlangen durchströmte sie, wie eine Flutwelle, die jeden Gedanken, jede Vernunft unter sich begrub. Sie vergaß zu denken, vergaß ihren eigenen Namen.

Sie hatte keine Ahnung gehabt, dass es so sein könnte …

Anfänglich reagierte Belle unsicher, bald danach packte sie ihn bei den Schultern und klammerte sich an ihn.

Ihre Abneigung für Santiago verwandelte sich in Glut, als er sie in der dunklen Winternacht am Rande des Meeres küsste und unsichtbare Wellen laut gegen das Ufer krachten.

Sie wusste nicht, wie lange sie in der kalten Nacht aneinandergeklammert dagestanden hatten. Sekunden oder Stunden vielleicht. Aber als er sich schließlich von ihr löste, ahnte sie, dass sie nie mehr dieselbe sein würde. Im Mondlicht vermischte sich ihr Atem.

Den Bruchteil einer Sekunde lang starrten sie einander an, während es zu schneien begann.

Wortlos nahm Santiago Belles Hand und zog sie in Richtung Haus. Sie konnte das Knirschen gefrorenen Schnees unter ihren abgewetzten schwarzen Ballerinas hören, konnte die Wärme seiner Hand an ihrer spüren.

Gemeinsam betraten sie das Herrenhaus aus dem neunzehnten Jahrhundert mit seinen dunklen Eichenvertäfelungen und dem antiken Mobiliar. Im Inneren war es dunkel und still. Alle, einschließlich des Personals, schienen zu Bett gegangen zu sein. Santiago schloss die große schwere Tür hinter ihnen und gab einen Code in das Sicherheitssystem ein.

Sie eilten die Hintertreppe hinauf, kaum fähig, so lange mit dem Küssen aufzuhören, um zum zweiten Stock zu gelangen.

Belle erzitterte. Sie konnte das doch nicht tun? Einem Mann, den sie nicht mal mochte, geschweige denn liebte, bereitwillig ihre Jungfräulichkeit zu schenken?

Aber wie er sie ins Gästezimmer am anderen Ende des Korridors zog, blieb ihr kaum Zeit, Luft zu holen. Sein langer schwarzer Mantel fiel auf den Boden, und er zog sie in seine Arme. Die Hände um ihr Gesicht gelegt, strich er mit dem Daumen über ihre geschwollene Unterlippe.

„Du bist so wunderschön“, flüsterte er und ließ seine Hände durch ihr langes braunes Haar gleiten, in dem sich Eis und Schneeflocken verfangen hatten. „Wunderschön und mein …

Dann neigte er den Kopf und küsste sie hungrig. Heiße Leidenschaft erfasste Belle, die bis tief in ihr Innerstes drang. Ihre Brüste wurden schwer. Aufreizend streichelte er sie, hypnotisierte sie mit den auf sie einstürmenden Gefühlen. Und als sie bemerkte, dass er den Reißverschluss ihres schwarzen Kleides öffnete, fiel es auch schon zu Boden.

Noch vor einer Stunde hatte sie ihn gehasst. Jetzt stand sie halbnackt in seinem Schlafzimmer.

Nachdem er sie auf sein Bett gesetzt hatte, legte er Anzugjacke, Weste und Krawatte ab. Kein einziges Mal ließ er sie aus den Augen, während er sein schwarzes Hemd aufknöpfte. Wie gemeißelt wirkte seine muskulöse Brust, auf der sich Licht und Schatten brachen. Sich auf das Bett neben sie werfend, zog Santiago sie mit einem heiseren Stöhnen an sich und küsste sie feurig. Langsam knabberte er sich den Weg hinunter bis zu ihrer Kehle. Sie bog den Kopf nach hinten in das Kissen und schloss die Augen. Zärtlich umfasste er jede ihrer Brüste über dem BH aus weißer Baumwolle, schlüpfte unter den Stoff, um die Spitzen zu streicheln und zu reizen.

Ihren BH lösend, warf er ihn auf den Boden und senkte dann den Kopf. Erst saugte er an einer, dann an der anderen Brust. Das Gefühl, das sie durchzuckte, war so scharf, so neu, so wild, dass sie nach Luft schnappte und seine Schultern fest umklammerte.

Santiago eroberte ihren Mund, bevor er sich küssend den Weg zu ihrem flachen, nackten Bauch bahnte. Zärtlich umspielte seine Zunge ihren Bauchnabel. Dann setzte er seinen Weg nach unten fort.

Mit den Händen umfasste er ihre Hüften und schmiegte sich an ihre Schenkel. Dann fühlte sie seinen warmen Atem zwischen ihren Oberschenkeln. Er hielt sie fest, drückte sanft ihre Beine auseinander und küsste erst die eine Innenseite, dann die andere, bevor er ihren Slip auszog. Ihre Beine weit öffnend, neckte er sie zuerst mit seinem warmen Atem, dann, quälend langsam, senkte er seinen Mund und kostete sie.

Die Lust, die sie erfasste, war so unerwartet und heftig, dass sie ihre Fingernägel in seine Schultern grub, als seine Zunge in ihr Zentrum vorstieß, heiß und feucht.

Die Hüften fest umklammert, liebkoste er sie mit seiner Zunge so lange, bis sie sich ins Bettlaken krallte und die Luft anhielt. Im einen Moment leckte er sie zärtlich, im nächsten tauchte er seine Zunge tief in sie hinein. Sie hörte einen Schrei, und erst dann wurde ihr bewusst, dass sie selbst es war.

Immer schneller neckte seine Zunge ihre Weiblichkeit und erhöhte den Druck, bis Belle den Rücken durchbog. Da ließ er einen Finger in sie hineingleiten, dann zwei und massierte sie, bis sie die Spannung kaum noch ertragen konnte. Nach Luft ringend, baute sich die Ekstase in ihr auf, trug sie immer weiter. Höher … höher … und dann …

Katapultierte sie dem Höhepunkt entgegen, bis sie explodierte und erst ganz langsam wieder auf die Erde zurückkehrte. So etwas hatte sie noch nie erlebt. Es war die reine Wonne.

Santiago löste sich von ihr und entledigte sich seiner restlichen Kleidung. Rasch nahm er seinen Platz zwischen ihren Beinen ein und ergriff ihre nackten Hüften. Noch während sie nach Luft rang, vereinte er sich mit ihr.

Er hatte davon geträumt.

Seit vier Monaten hatte Santiago davon geträumt, diese sündhaft schöne Frau zu verführen, die ihn so verachtete. Er hatte sich vorgestellt, ihre herrlichen vollen Rundungen in seinen Armen zu halten, ihren nackten Körper unter sich zu spüren. Er hatte sich ausgemalt, wie er ihre vollen rosaroten Lippen küsste und ihr Gesicht sich vor Leidenschaft verdunkelte. Er hatte geträumt, wie er sie nahm, sie ausfüllte und bis zur Neige kostete.

Doch jetzt, da er endlich in sie hineinstieß, spürte er eine nicht Barriere, die er nicht erwartet hatte. Er erstarrte. Das hatte er sich im Traum nicht vorgestellt.

„Du bist noch Jungfrau?“, keuchte er schockiert.

Langsam öffnete Belle die Augen. „Nicht mehr.“

Er biss die Zähne zusammen. „Habe ich dir wehgetan?“

„Nein“, erklärte sie leise.

Etwas in ihrem Ausdruck ließ ihn erzittern. Etwas in ihrer Stimme traf ihn direkt ins Herz. Er spürte eine seltsame Regung in seinem Herzen: Zärtlichkeit. „Du lügst“, gab er zurück.

„Ja.“ Ihre weichen, schlanken Hände griffen nach seinen Schultern und zogen ihn herunter. Herunter zu ihr, luden ihn ein zu seiner eigenen Ekstase, zu seinem eigenen Untergang. „Aber hör nicht auf“, flüsterte sie. „Bitte, Santiago …“

Seinen Namen auf ihren Lippen zu hören, ließ ihn scharf einatmen. Wie war es möglich, dass in der heutigen Zeit eine Frau, selbst eine romantisch veranlagte, idealistische Frau wie Belle Langtry, noch unberührt war? Eine Jungfrau. Santiago war der einzige Mann, der diese berauschende Frau je berührt hatte.

Tief in seiner Seele spürte er die Gefahr, die darin lag. Eigentlich drängte es ihn zur Flucht.

Doch sein Körper, noch immer mit ihr verbunden, fühlte genau das Gegenteil, als er in ihr schönes Gesicht blickte, aus dem die pure Leidenschaft sprach. Er erschauerte. Eine überwältigende Sehnsucht baute sich in ihm auf, versetzte ihn in freudige Erregung, strömte durch ihn hindurch und konzentrierte sich in seiner tief in ihr vergrabenen, harten Männlichkeit.

Langsam neigte er den Kopf. Zuerst küsste er sie voller Zärtlichkeit. Doch der Kuss wurde immer inniger, und er streichelte sanft ihre Brüste.

Sie hatte den perfekten Körper, kurvig und reif. Jeder Mann würde alles dafür geben, eine solche hitzige Göttin in seinem Bett zu haben. Und dass diese Göttin auch noch eine Jungfrau war …

Er zitterte ein wenig und stieß, ohne es zu bemerken, noch ein wenig tiefer. Ein leises Stöhnen entschlüpfte ihr, als er den Kopf senkte und ihre Brustspitze in den Mund nahm. Augenblicklich beschleunigte sich ihr Atem, wurde zu einem leidenschaftlichen Keuchen.

Ihre Hüften fest umklammert, nahm er langsam seinen Rhythmus auf, eroberte ihren Mund, streichelte ihre Brüste. Aufmerksam wandte er sich ihrem Ohrläppchen zu und knabberte bedächtig an ihrem Hals. Er spürte wie sie Belle ihren Leib entgegendrängte, weil das Feuer in ihr von Neuem zu lodern begann, und sie küsste ihn hungrig.

Allmählich verlor er das letzte Bisschen seiner Selbstbeherrschung. Sie war so feucht und doch so eng. Trotzdem nahm sie ihn ganz in sich auf. Obwohl er sich fragte, ob er nicht zu groß für sie war, wurden seine Stöße immer tiefer. Santiago spürte, wie sie sich um ihn zusammenzog, wie sie ihre Fingernägel in seine Schultern drückte. Als er hörte, wie ihr leises Stöhnen sich in einen wollüstigen Schrei verwandelte, konnte er sich nicht mehr zurückhalten. Er schloss die Augen in reinster Ekstase und warf seinen Kopf zurück, bis sein Schrei in der dunklen Stille des Schlafzimmers widerhallte. Wie in einem Wirbel erklomm er den vollkommensten Gipfel der Lust, den er je erlebt hatte, und verströmte sich in sie.

Ermattet ließ er sich aufs Bett neben Belle fallen und hielt sie mit geschlossenen Augen fest an sich gepresst. Ein paar Sekunden lang breitete sich in ihm vollkommener Frieden aus, ein Gefühl nach Hause zu kommen. So etwas hatte er noch nie erlebt.

Unvermittelt riss er die Augen auf. Er bedauerte es so sehr, dass er einen fahlen Geschmack im Mund hatte.

„Du hattest recht“, seufzte Belle, auf deren Gesicht sich ein hoffnungsvolles Lächeln abzeichnete. „Ich fühle mich unglaublich lebendig. So etwas habe ich mir nicht einmal in meinen Träumen ausgemalt. Die reinste Magie!“ Sie schmiegte ihren Rücken an seine nackte Brust und zog seine Arme noch enger um sich, bevor sie fortfuhr: „Vielleicht bist du ja doch kein so schlechter Kerl. Vielleicht könnte ich dich sogar ein wenig mögen.“

Grimmig betrachtete Santiago sie im Mondlicht, das zum Schlafzimmerfenster hereinfiel. Er hatte gerade den perfekten Höhepunkt erlebt.

Mit einer Jungfrau.

Einer Romantikerin!

Mit Belle zu schlafen, hatte ihn zutiefst berührt. Noch nie hatte er körperlich eine solche Befriedigung erfahren. Und seine Seele …

Sie gähnte. „Ich hoffe nur, uns hat niemand gehört.“

„Bestimmt nicht“, entgegnete er schroff. „Letty und Darius schlafen im anderen Flügel, und das Haus ist aus Stein.“ So wie mein Herz, dachte er.

„Gut. Ich würde es nicht überleben, wenn Letty es wüsste. Nach allem, was ich über dich gesagt habe.“

„Was hast du ihr denn gesagt?“

„Dass du ein herzloser, egoistischer Bastard bist.“

Er straffte die Schultern. „Ich bin nicht beleidigt, denn es stimmt ja.“

„Witzbold!“ Sie schaute schläfrig zu ihm auf. „Weißt du, egal was du davon hältst: Liebe und Ehe sind nicht immer ein Gefängnis. Schau dir Letty und Darius an.“

„Sie sehen glücklich aus“, gab er zähneknirschend zu, ergänzte aber: „Wobei das Aussehen natürlich trügen kann.“

Sie runzelte die Stirn. „Du glaubst wohl an niemanden? An nichts?“

„Doch. An mich selbst.“

„Du bist unglaublich zynisch.“

„Ich sehe die Welt wie sie ist, nicht so, wie ich sie gern hätte.“ Ewige Liebe? Eine glückliche Familie? Mit fünfunddreißig hatte Santiago schon genug von der Welt gesehen, um zu wissen, dass diese Art von Wunder dünn gesät waren. Der Normalzustand war eher die Tragödie. „Bereust du etwa schon, mit mir geschlafen zu haben?“

Kopfschüttelnd lächelte sie ihn schüchtern an und sah dabei so schön aus, dass sein Herz bis zum Halse schlug. „Du tust mir gut. Und ich bin froh, dass du hier bist.“ Sie gähnte, schloss die Augen und schmiegte sich an ihn. „Ich würde es nicht ertragen, heute Nacht allein zu sein. Du hast mich gerettet …“

An seiner Brust schlief sie innerhalb von Sekunden ein.

Santiago sehnte sich danach, zu schlafen. Einfach liegen zu bleiben.

Überall blinkten Warnleuchten auf.

Er betrachtete Belle, wie sie so ruhig und weich in seinen Armen schlief, so rechthaberisch, träumerisch und liebenswürdig. So optimistisch.

Du hast mich gerettet.

Santiago fühlte sich wie gerädert. Vorsichtig löste er sich von ihr, stand auf und lief nackt zu seinem auf dem Boden liegenden zerknitterten Mantel. Nachdem er das Handy aus der Tasche gezogen hatte, wählte er die Nummer seines Piloten.

Der Mann bemühte sich, munter zu klingen. Um elf Uhr abends in einer kalten Winternacht. „Sir?“

„Holen Sie mich ab“, erklärte er. „Ich bin in Fairholme.“

Ohne auf eine Antwort zu warten, legte Santiago auf. Ein letztes Mal blickte er zu Belle herüber, die vom Mondlicht beschienen in seinem Bett schlief. Wie eine unschuldige junge Frau aus einer anderen Zeit. Er konnte sich nicht daran erinnern, dass er je so unschuldig gewesen war. Nicht bei seiner Kinderstube.

Was sie auch sagen mochte, sie würde ihn lieben wollen. Sie würde es versuchen wollen und sich dabei wie eine Motte an einer Flamme verbrennen.

Schließlich war er ihr erster Mann.

Er biss die Zähne zusammen. Hätte er das gewusst, hätte er sie nie verführt. Denn er hatte eine Regel: keine Jungfrauen. Keine unschuldigen Herzen. Nie ging er mit einer Frau ins Bett, der es etwas bedeuten könnte.

Trotzdem hatte er gerade eine unschuldige Jungfrau verführt. Und dann noch die Freundin von Darius’ Frau.

Er hasste sich selbst. Nach Nadia hatte er sich geschworen, sich nie mehr auf jemanden einzulassen. Wozu auch? Warum sollte man auf etwas setzen, das garantiert zum Verlust führen würde? Dann könnte man ja gleich sein Geld – oder seine Seele – zum Fenster hinauswerfen.

Lautlos zog Santiago sich an, bevor er seine Reisetasche packte. An der Tür zögerte er, hörte den schwermütigen Unterton in Belles Stimme.

Du glaubst wohl an niemanden? An nichts?

Er hatte sie belogen. Hatte gesagt, er würde an sich selbst glauben.

Doch die ehrliche Antwort lautete Nein.

Belle würde allein aufwachen, würde feststellen, dass er fort war. Eine Nachricht war unnötig. Sie würde schon verstehen. Er war wirklich der herzlose Mistkerl, der er behauptete zu sein.

Als hätte es da je Zweifel gegeben, höhnte er. Voller Bedauern und Selbstverachtung drehte er sich um und ging den Korridor entlang.

Santiago wünschte sich, er hätte sie nie berührt.

2. KAPITEL

Fröstelnd stand Belle an einem warmen Juliabend auf dem Bürgersteig in Santiagos eleganter Anliegerstraße in Manhattans Upper East Side. Gut gekleidete Gäste kletterten aus glänzenden Autos und stiegen die Stufen empor, wo sie läuteten und ihnen vom Butler die Tür geöffnet wurde.

Ein Butler, dachte sie bitter. Wer hatte denn heutzutage einen Butler?

Santiago Velazquez!

Das Problem war nicht der Butler. Sie betrachtete die Gruppe junger Schönheiten der Schickeria, die kichernd auf fünfzehn-Zentimeter-Absätzen und in Designer-Cocktailkleidern die Stufen zu seinem Brownstone-Haus hinaufeilten.

Sie ließ den Blick über ihr eigenes übergroßes T-Shirt, die Stretch-Shorts und die Flip-Flops wandern. Make-up trug sie keins. Das braune Haar hatte sie zu einem unordentlichen Pferdeschwanz zurückgebunden. Sie würde zu seiner noblen Party passen wie ein streunender Hund.

Sie gehörte nicht hierher. Und sie wollte ihn auch nie wiedersehen! Schließlich hatte er sie im Januar, nachdem sie miteinander geschlafen hatten, eiskalt abserviert. Ihre Jungfräulichkeit in einem One-Night-Stand an diesen herzlosen, zynischen Playboy zu verlieren, war ein Fehler gewesen, den sie ihr Leben lang bereuen würde.

Allerdings konnte sie New York nicht einfach verlassen. Nicht, ohne ihm vorher zu sagen, dass sie schwanger war.

Schwanger! Jedes Mal, wenn sie daran dachte, stockte ihr der Atem. Es war ein Wunder. Kein anderes Wort traf es besser. Denn immerhin hatte ein Arzt ihr vor sieben Jahren unmissverständlich gesagt, das würde nie passieren.

Ein leises Lächeln umspielte Belles Lippen, als sie die Hände über ihren weit vorstehenden Bauch gleiten ließ. Irgendwie war in jener katastrophalen Nacht das Unmögliche geschehen. Sie hatte ihren tiefsten Herzenswunsch erfüllt bekommen: ein eigenes Baby.

Daran war nur eins schlimm.

Ihr Lächeln verblasste. Dass ausgerechnet Santiago von allen Männern auf der Welt der Vater ihres Ungeborenen war …

Sie hatte versucht, es ihm zu sagen. Hatte ihm mehrere Nachrichten hinterlassen, in denen sie ihn bat, sie zurückzurufen. Was er nicht tat. Worüber sie fast froh war. Denn so konnte sie das tun, was sie wollte: New York verlassen, ohne ihm zu sagen, dass er Vater werden würde.

Doch ihre Freundin Letty hatte sie davon überzeugt, noch einen letzten Versuch zu unternehmen. „Die Wahrheit kommt immer heraus“, hatte sie erklärt. „Wiederhole nicht meine Fehler.“

Deshalb war sie jetzt hier, gegen besseren Wissens, und legte auf ihrem Weg hinaus aus der Stadt einen Zwischenstopp an seinem luxuriösen Sandsteinhaus ein.

Allein bei dem Gedanken, Santiago zum ersten Mal, seit er sich mitten in der Nacht aus ihrem Bett gestohlen hatte, gegenüberzustehen, wäre sie am liebsten zu ihrem Pick-up zurückgekehrt, der zwei Blocks entfernt stand. Sie wollte nach Süden auf die Schnellstraße fahren, das Gaspedal durchtreten und keinen Blick nach hinten werfen, bis sie in Texas angekommen war.

Doch sie hatte die Entscheidung getroffen, ihm die Nachricht zu übermitteln, dass er Vater werden würde. Belle versuchte stets, das Richtige zu tun. Selbst wenn es schmerzte. Sie würde jetzt nicht zum Feigling werden. Nicht seinetwegen.

Die Hände zu Fäusten geballt, wartete sie, bis die letzte Limousine abgefahren war, und überquerte dann in der Dämmerung die Straße. Zitternd ging sie die steinernen Stufen hinauf und klopfte an die große Eichentür.

Der Butler nahm sie kurz in Augenschein und begann die Tür zu schließen, wobei er verächtlich sagte: „Lieferanten- und Angestellteneingang ist hinten.“

Doch sie stellte einen Fuß in die Tür. „Verzeihung. Ich muss mit Santiago sprechen. Bitte.“

Überrascht sah der Mann sie bei der vertrauten Verwendung des Vornamens seines Arbeitgebers an. Als hätte eine kleine Maus darauf bestanden, den Bürgermeister New Yorks sehen zu wollen. „Wer sind Sie?“

„Richten Sie ihm aus, Belle Langtry müsse ihn dringend sprechen.“ Sie hob das Kinn und versuchte, ihr Herzklopfen zu ignorieren. „Es ist ein Notfall.“

Finster öffnete der Butler die Tür gerade so weit, dass sie durchschlüpfen konnte. Auf dem Marmorboden der Empfangshalle des eleganten Hauses klackten die Sohlen von Belles Flip-Flops. Sie konnte einen kurzen Blick auf die Champagner trinkende reiche Gesellschaft im Ballsaal werfen, während Kellner mit Silbertabletts durch die Menge gingen. Dann entdeckte sie den Gastgeber, der seine Gäste um eine Kopflänge überragte, und sie holte scharf Luft. Dunkel und gut aussehend übertraf Santiago Velasquez seine Gäste in jeder Hinsicht.

Hochmütig deutete der Butler auf den gegenüberliegenden Gang. „Warten Sie dort!“

Hinter der Tür entdeckte Belle ein Büro mit in Leder gebundenen Büchern und einem großen Schreibtisch aus dunklem Holz. Mit zitternden Knien sank sie auf den teuren Drehstuhl. Ihre Wangen brannten noch immer, seit sie Santiago aus der Ferne gesehen hatte. Bei dem Gedanken, dass sie ihm gleich gegenüberstehen würde, bekam sie es mit der Angst zu tun.

In jener Nacht hatten sie Leidenschaft und Gefühle wie ein Wirbelwind erfasst. Sie war bis zu den Sternen katapultiert worden. Es war so sinnlich, so atemberaubend gewesen. Mehr als sie sich je erträumt hätte.

Bis zu dem Moment, als er sie sitzen gelassen hatte und sie allein zum Frühstück hinuntergehen musste. Es stimmte schon, er hatte ihr nur eine Nacht versprochen. Aber er hatte es noch nicht einmal geschafft, diese eine Nacht durchzuhalten.

Nachdem sie Fairholme verlassen hatte, war sie in ihr winziges Apartment in Brooklyn zurückgekehrt, das sie mit zwei Mitbewohnern teilte, die beide von ihren Eltern finanziert wurden.

Einen Monat später entdeckte sie ihre Schwangerschaft. Das änderte alles. Denn ihr Baby verdiente Besseres als eine Wohnung, die sie mit Fremden teilte, eine unsichere Zukunft und unbezahlte Rechnungen. Es verdiente Besseres als einen Vater, der keine Lust hatte, ihre Anrufe entgegenzunehmen.

Belle war mit großen Erwartungen nach New York gekommen. Nach einem knappen Jahrzehnt, in dem sie ihre beiden jüngeren Brüder aufgezogen hatte, konnte sie mit siebenundzwanzig endlich die Kleinstadt verlassen, entschlossen, ihre Träume zu verwirklichen.

Stattdessen hatte sie alles vermasselt.

Sie wollte ein Vermögen verdienen? Jetzt hatte sie zehn Dollar weniger in der Tasche, als an dem Tag vor achtzehn Monaten, als sie Texas verlassen hatte.

Sie wollte ihren Namen in leuchtenden Lettern sehen? Sie war von jeder Talent-Agentur in New York abgelehnt worden.

Aber das Schlimmste … Sie schluckte schwer … Sie wollte endlich die Liebe finden, die wahre Liebe, die ewig hielt. Stattdessen hatte sie zugelassen, von einem Mann geschwängert zu werden, den sie hasste.

Belle hatte die Nase voll von New York. Sie würde nach Hause gehen. Die beiden Koffer fertig gepackt in ihrem Truck, konnte es losgehen. Nur eines stand noch auf ihrer To-do-Liste, das es zu erledigen galt.

Santiago Velazquez darüber zu informieren, dass er Vater wurde.

Im Moment war sie sich allerdings nicht mehr sicher, ob sie dazu in der Lage sein würde. Allein ihn im Ballsaal zu sehen, hatte sie völlig aus der Bahn geworfen. Vielleicht war das ein Fehler. Vielleicht sollte sie gehen …

Santiago stürmte zur Tür herein. Als er sie in seinem Stuhl sitzen sah, sprühten seine Augen Funken. „Was, zum Teufel, willst du hier?“

Nach all den Monaten begrüßte er sie so? Belle erstarrte auf ihrem Stuhl, verschränkte die Arme über ihrem Bauch. „Ich freue mich auch, dich zu sehen.“

Kaum hatte er die Tür hinter sich geschlossen, sah Santiago sie mit seinen schwarzen, harten Augen durchdringend an und wiederholte gefährlich: „Ich habe dich etwas gefragt. Was willst du hier, Belle? Ich glaube, ich habe unmissverständlich klargemacht, dass ich dich nie wiedersehen möchte.“

„Das hast du.“

Er kam im schummrigen Arbeitszimmer näher. „Warum hast du dann meinen Butler mit einem Trick dazu gebracht, mir auszurichten, es wäre ein Notfall?“

„Das war kein Trick. Es stimmt.“

„Ein Notfall? Wirklich?“ Er grinste höhnisch. „Lass mich raten. Nach all den Monaten ist dir klar geworden, dass du ohne mich nicht leben kannst. Und du bist gekommen, um mir deine ewige Liebe zu erklären.“

Der kalte Spott in seiner Stimme ließ sie zurückzucken.

„Gnade Gott der Frau, die dich wirklich liebt.“ Sie holte tief Luft und starrte ihn zornig an. „Keine Sorge. Ich verabscheue dich. Mehr als jemals zuvor.“

Kurz blitzte ein seltsamer Ausdruck in seinen Zügen auf, doch dann lächelte er kalt. „Großartig. Warum störst du meine Party?“

In seinem Blick lag so viel Hass. Wie sollte sie es über sich bringen, ihm zu sagen, dass sie mit seinem Baby schwanger war? „Ich wollte dir nur sagen … Ich verlasse New York …“

„Das ist dein Notfall?“ Er lachte ungläubig. „Noch ein weiterer Punkt, der heute zu feiern ist, neben dem Geschäftsabschluss.“

Ihre Nackenhaare stellten sich auf. „Lass mich ausreden!“

„Dann mach schon!“ Die Arme verschränkt, sah er auf sie herab, als wäre er ein König und sie nichts weiter als eine arme Bäuerin, die im Dreck vor ihm lag. „Und lass mich zurück zu meinen Gästen.“

Sie holte tief Luft.

„Ich bin schwanger.“

Ihre leise Stimme hallte in der Stille des Arbeitszimmers wider. Seine dunklen Augen weiteten sich vor Schock. Was fast schon komisch aussah.

„Wie bitte?“

Langsam erhob sie sich, ließ die Arme zur Seite fallen und gab damit den Blick frei auf ihren Babybauch, der sich unter ihren von der Schwangerschaft geschwollenen Brüsten und unter ihrem übergroßen T-Shirt wölbte. Einen Moment lang sagte er nichts. Und sie hielt den Atem an, fürchtete sich, ihn anzuschauen. Ein sehr dummer Teil von ihr hoffte wider alle Hoffnung, dass er sie überraschen würde. Dass er sich plötzlich in den warmherzigen, unwiderstehlichen Mann verwandeln würde, den sie in jener kalten Januarnacht kurz erblicken durfte. Dass er sie in seine Arme nehmen und sie, erfreut über diese Nachricht, küssen würde.

Ihre Hoffnungen wurden umgehend zerstört.

„Schwanger?“

Nun sah sie doch zu ihm hinüber. Er hatte die Zähne fest zusammengebissen, seine Augen waren dunkel vor Zorn.

„Ja“, presste sie hervor.

Was er als Nächstes tat, kam unerwartet.

Er zog sie an sich und legte seine Hände auf ihr Baumwoll-Shirt, um die unverkennbare Schwellung ihres Bauches selbst zu spüren.

Dann ließ er sie fallen, als hätte er sich verbrannt. „Du hast gesagt, das wäre medizinisch ausgeschlossen.“

„Ja, ich dachte, es wäre so …“

„Du sagtest, du könntest niemals schwanger werden!“

„Es ist ein … ein Wunder.“

„Wunder!“ Er schnaubte, dann kniff er die Augen zusammen und musterte sie. „Und ich dachte, du hättest nicht das Zeug für den Broadway. Keine Frau, die je hinter meinem Geld her war, hat mir so überzeugend ins Gesicht gelogen. Ich dachte sogar, du wärst eine engelsgleiche Unschuld. Tja, doch eher eine kleine Schauspielerin.“

Diese ruhige, heisere Stimme mit dem spanischen Akzent schnitt ihr ins Herz. Sie taumelte zurück. „Du denkst, ich hätte die Schwangerschaft geplant?“

Er lachte leise. „Du hast mich echt erwischt mit deiner Art, die wahre Liebe zu verteidigen. Damit, dass ich dich allein im Garten vorfinde, weinend, weil du nie ein Baby haben könntest. Ich bin beeindruckt. Ich hatte keine Ahnung, dass du eine so ausgebuffte Lügnerin bist.“

„Ich habe nicht gelogen!“

„Schluss mit dem Theater! Komm zu dem Punkt, wo du mir einen Preis nennst.“

„Preis?“, fragte sie verwirrt.

„Es gibt nur einen Grund, warum du mich in dein Bett gelockt und mich mit flatternden Augen dazu gebracht hast, kein Kondom zu benutzen …“

Sie protestierte empört. „Das habe ich nie getan!“

„… und das ist Geld. Aber ich gebe zu“, warf er ihr lässig hin, während er sie musterte, „du hast es dir verdient. Keine Frau hat mich je so gründlich reingelegt. Außer …“ Der Ausdruck auf seinem Gesicht änderte sich. „Wie viel willst du?“

„Ich will kein Geld.“ Der Raum begann sich um sie herum zu drehen. „Ich dachte einfach, du hättest das Recht, es zu wissen.“

„Perfecto“, entgegnete er ungerührt. Er schritt zur Tür und öffnete sie. „Du hast es mir gesagt. Und jetzt mach, dass du verschwindest!“

Schockiert starrte Belle ihn an. Erstaunt, dass ein Mann auf die Neuigkeit seines ungeborenen Kindes derart kaltblütig reagieren konnte, ohne einen Funken Interesse, geschweige denn Verantwortung zu zeigen. „Mehr hast du nicht zu sagen?“

„Was hast du erwartet?“, höhnte er. „Dass ich auf die Knie falle und dich anflehe, mich zu heiraten? Ich muss dich enttäuschen.“

Fassungslos starrte Belle ihn an. Da hatte sie achtundzwanzig Jahre lang von einem Märchenprinzen geträumt, von der wahren Liebe – und mit diesem Mann hatte sie geschlafen?

Sie wurde so zornig, dass ihr fast die Galle überlief. „Wow! Du hast mich durchschaut. Ja, ich will dich heiraten, Santiago. Wer würde denn nicht die Frau des widerlichsten, kaltherzigsten Mannes auf der Welt werden wollen? Und ein Baby mit dir großziehen?“ Sie lachte hart. „Was für einen wundervollen Vater du doch abgeben würdest!“

Sein Ausdruck wurde undurchdringlich. „Belle …“

„Du nennst mich eine Lügnerin, eine Goldgräberin. Dabei weißt du nur zu gut, dass ich noch Jungfrau war!“ Zitternd hob sie das Kinn. „Hast du das gemeint, als du mich naiv nanntest? Hast du entschieden, derjenige sein zu wollen, der mir die Wahrheit über die herzlose Welt zeigt?“

„Schau …“

„Ich hätte nie hierherkommen dürfen.“ Tränen brannten in ihren Augen. Einmal hatte sie ihn ihre Tränen sehen lassen, und er hatte sie mit zärtlichen Küssen und zuckersüßen Worten in ihr Verderben gelockt. Lieber würde sie sterben, als ihm zu gestatten, sie noch einmal schwach zu sehen. „Vergiss das Baby. Vergiss, dass ich existiere.“ Kurz hielt sie an der Tür inne und sah sich ein letztes Mal nach ihm um. „Ich wünschte, jeder andere wäre der Vater meines Babys gewesen“, stieß sie hervor. „Das ist ein Fehler, den ich den Rest meines Lebens bereuen werde.“

Sie drehte sich um und eilte am hochnäsigen Butler und an den Schönen und Reichen vorbei, die wirkten, als hätten sie nie auch nur das geringste Problem in ihrem glamourösen Leben gehabt. Sie ging nach draußen, wo es allmählich abkühlte, und wäre fast die Treppe hinuntergestolpert. Den halben Weg den Block herunter war sie in ihren Flip-Flops gerannt, bevor sie bemerkte, dass Santiago ihr nicht folgte.

Gut. Es war ihr egal. Als sie ihren 1978er Chevy erreichte, stieg sie ein und ließ den Motor aufheulen. Erst nach dem Lincoln-Tunnel legte sich das Zittern ihrer Hände.

Schon bei ihrem allerersten Treffen hatte sie gewusst, dass Santiago ein tödliches Gift war. Wie konnte sie nur so blöd gewesen sein, sich von ihm verführen zu lassen?

Erstickt schluchzte Belle, fasste das Lenkrad fester und fuhr Richtung Süden auf die Schnellstraße an der Mautstelle Jersey. Sie war entzückt über das Baby, aber was hätte sie darum gegeben, wenn ein anderer der Vater gewesen wäre!

Nachdem Santiago in den vergangenen Monaten auf keinen ihrer Anrufe reagiert hatte, versuchte sie sich einzureden, dass das Baby und sie ohne ihn besser dran waren. Trotzdem hatte ein Teil von ihr auf ein weiteres Wunder gehofft: Wenn sie Santiago von ihrer Schwangerschaft erzählte, würde er bestimmt Vater werden wollen. Ein Ehemann. Und sie könnten einander lieben und glücklich sein.

So dumm.

Sie wischte sich über die Augen. Stattdessen hatte er nicht nur kalt lächelnd sein ungeborenes Kind aufgegeben, sondern sie auch noch beschimpft und aus seinem Haus geworfen, weil sie es gewagt hatte, ihm von der Schwangerschaft zu erzählen!

Das Grausamste war, dass sie überrascht war. Von Anfang an hatte er seine Gefühle unmissverständlich klargemacht. Er sah Babys als lästige Verpflichtung, und die Liebe war nur etwas für Trottel.

Belle weinte, bis ihre Augen brannten. Um Mitternacht dann fuhr sie in ein an der Straße gelegenes Motel, wo sie bis zum Morgengrauen unruhig schlief.

Am folgenden Tag begann sie die schnurgerade Straße zu beruhigen. Allmählich hatte sie das Gefühl, gerade noch davongekommen zu sein. Sie brauchte keinen kalten, herzlosen Mann, der ihren Seelenfrieden ruinierte und das Herz ihres Kindes brach. Besser, Santiago gab sie jetzt auf als später.

Am dritten Tag dann begann sie, nachdem sie Meilenstein um Meilenstein und die grünen sanften Hügel im Osten von Texas hinter sich ließ, die vertraute Landschaft ihrer Heimat zu erkennen, und ihr wurde leichter ums Herz. Diese nicht enden wollende Weite, in der lediglich ein paar Büsche der unbarmherzigen Sommersonne an einem strahlend blauen Himmel ausgesetzt waren, hatte etwas Besänftigendes.

Als sie ein süßes Flattern in sich spürte, legte Belle eine Hand auf ihren Bauch. „So sei es“, flüsterte sie. Dieses Baby würde ihr allein gehören. Sie würde den Rest ihres Lebens damit verbringen, dieses Wunder zu würdigen und sich auf ihr Kind konzentrieren.

Selbst jetzt am frühen Morgen war es schon heiß. Aber obwohl die Klimaanlage des Trucks nicht funktionierte, war es auszuhalten, denn sie hatte beide Fenster geöffnet.

Als sie die Grenzen ihres Heimatörtchens passierte, holte sie tief Luft. Zu Hause. Auch wenn es ohne ihre beiden jüngeren Brüder nicht dasselbe war. Ray lebte nun in Atlanta und der einundzwanzigjährige Joe in Denver. Aber hier ergab das Leben jedenfalls noch einen Sinn.

Kaum dass sie auf die unbefestigte Auffahrt fuhr, trat sie mit voller Wucht in die Bremse.

Hinter ihrem Haus stand ein großer schwarzer Hubschrauber in der mit Wüstenbeifuß übersäten Grassteppe.

Sie hielt die Luft an. Ein Hubschrauber? Dann erblickte sie zwei schwergewichtige, in der Nähe herumlungernde Leibwächter. Das konnte nur bedeuten …

Tief einatmend, richtete sie ihren Blick auf das alte Blockhaus mit der abblätternden Farbe. Ihr Herz setzte einen Schlag aus.

Auf der hölzernen Veranda stand, die Arme verschränkt, ein finster wirkender Santiago.

Was wollte er hier?

Voller Angst stellte sie den Motor ihres Trucks ab.

Tief durchatmend kletterte Belle aus dem Wagen, warf den langen braunen Pferdeschwanz nach hinten und schlug die Tür mit einem lauten Quietschen zu.

„Was machst du in Texas?“ Kämpferisch hob sie das Kinn, um das Zittern ihrer Stimme zu verbergen. „Lass mich raten: Dir sind ein paar neue Möglichkeiten eingefallen, mich zu beleidigen?“

Er kam die halb verfallene Holztreppe herunter. Seine schwarzen Augen funkelten. „Vor drei Nächten bist du mit einem äußerst schockierenden Vorwurf in meinem Haus aufgetaucht.“

„Dass du mich geschwängert hast?“ Wild gestikulierend entgegnete sie wütend: „Was für eine abscheuliche Anschuldigung! Kein Wunder, dass ich verschwinden sollte!“

Er knirschte mit den Zähnen. „Ich dachte, du bluffst. Und dass du mit mir handeln wollen würdest. Ich hatte erwartet, dass du postwendend umkehrst und mir deine Forderung über eine bestimmte Summe Geld unterbreitest.“

Die Bekanntgabe ihrer Schwangerschaft als Handel zu bezeichnen! Er war der mieseste Typ überhaupt. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Schnell blinzelnd sah sie sich zu seiner Entourage und dem Hubschrauber auf dem Acker um. Gelassen fragte sie: „Wie hast du meine Adresse herausgefunden?“

„Das war ganz einfach.“

„Du musst seit Stunden warten.“

„Zwanzig Minuten.“

„Zwanzig? Wie das?“, stieß sie hervor. „Du konntest nicht wissen, wann ich ankomme. Ich wusste es selbst nicht genau!“

Grimmig lächelte er sie an. „Das war schon ein bisschen schwieriger.“

„Hast du meinen Truck etwa orten lassen? Spionierst du mir hinterher?“

„Hör auf, das Thema zu wechseln“, entgegnete er kalt. Mit seinen schwarzen Augen musterte er sie der Länge nach, von ihrem übergroßen T-Shirt, über die Shorts bis hin zu den Flip-Flops. Plötzlich wurde ihr ganz heiß. „Ist es wahr? Dass es mein Baby ist?“

„Natürlich ist es dein Baby!“

„Wie kann ich einer überführten Lügnerin glauben?“

„Wann habe ich gelogen?“, entgegnete sie wütend.

„Ich kann nicht schwanger werden“, äffte er sie nach. „Niemals. Es ist unmöglich.“

„Du bist so ein Idiot.“ Obwohl sie unter der heißen texanischen Sonne schwitzte, erschauerte Belle.

Seine Stimme hatte leise, kontrolliert geklungen, doch sie spürte seine eiskalte Wut. Äußerlich sah er großartig aus, dachte sie, wie geschmolzene Schokolade mit seinen gefühlvollen spanischen Augen, dem schwarzen Haar und dem harten, muskulösen Körper. Zu dumm, dass seine Seele noch viel härter war als sein Körper. Seine Seele war hart wie Feuerstein. Wie Eis.

Als sie gerade froh darüber gewesen war, dass er aus ihrem Leben verschwunden war, tauchte er plötzlich wieder auf. Und wozu?

„Du hast deine Entscheidung getroffen“, flüsterte sie. „Du hast uns zurückgewiesen. Das Baby gehört nun mir. Mir allein.“

Er hob eine Augenbraue. „So funktioniert das mit der Vaterschaft nicht.“

„Doch, wenn ich es sage.“

„Warum hast du es mir erzählt?“

„Weil ich vor drei Tagen noch so dumm war, zu hoffen, dass du dich ändern würdest. Jetzt weiß ich, dass es für mein Baby besser wäre, keinen Vater zu haben als einen wie dich.“ Sie reckte ihr Kinn. „Und jetzt runter von meinem Land!“

Santiago war gefährlich ruhig geworden, starrte sie, die Zähne zusammengebissen, an. Wortlos wandte er sich um und betrachtete nachdenklich das weite Land. Zufällig fiel Belles Blick auf die goldenen Glanzlichter, die die Sonne auf seiner olivfarbenen Haut, den kantigen Wangenknochen und den dunklen Stoppeln auf seinem Kinn erzeugte.

„Ich werde dir sagen, was jetzt geschieht.“ Als er sie wieder ansah, war seine Stimme leise und tief. „Du wirst heute einen Vaterschaftstest machen lassen.“

„Bitte? Vergiss es!“

„Wenn erwiesen ist, dass es mein Baby ist“, sagte er, und seine Augen funkelten, „wirst du mich heiraten.“

War er nun übergeschnappt oder sie?

„Dich heiraten?“, keuchte Belle. „Hast du den Verstand verloren? Ich hasse dich!“

„Du solltest dich freuen. Dein Plan hat funktioniert. Gib zu, dass du absichtlich schwanger geworden bist, um mich in eine Ehe zu locken. Erweise mir wenigstens so viel Respekt!“

„Das werde ich nicht, weil es nicht wahr ist!“

„Ich gebe zu, dass ich dir fälschlicherweise vertraut habe. Ich hätte es besser wissen müssen. Ich hätte wissen müssen, dass deine Unschuld eine Lüge war. Dafür werde ich bezahlen.“ Seine Augen funkelten, als er nähertrat. „Du aber auch.“

Sie erschauerte.

„Ich würde nie jemanden heiraten, den ich verabscheue“, flüsterte sie.

„Du tust so, als hättest du eine Wahl. Die hast du aber nicht.“ Er lächelte sie kalt an. „Du wirst tun, was ich dir sage. Und wenn das Baby meins ist … dann bist du es auch.“

3. KAPITEL

Santiago hatte auf die harte Tour gelernt, dass es zwei Arten von Menschen auf der Welt gab: Die Träumer, die sich der harten Wahrheit des Lebens entzogen, und die Realisten, die sich ihr stellten und für das, was sie wollten, kämpften.

Belle Langtry war eine Träumerin. Das wusste er seit dem Tag, an dem sie sich auf der Hochzeit ihrer Freunde kennengelernt hatten. Und von ihrem Geplapper von der „ewigen Liebe“.

Die Liebe war eine Lüge. Jede Ehe, die darauf fußte, musste ein Desaster werden. Und in Tränen enden. Er musste es wissen. Seine Mutter war fünfmal verheiratet gewesen, mit jedermann in Spanien, außer mit Santiagos leiblichem Vater.

Aber aus einem ihm unerfindlichen Grund war er von Belles lebenslustiger Art überhaupt nicht genervt, sondern fasziniert. Zierlich, kurvig, dunkelhaarig, mit glutvollen Augen und einem sündigen Körper war sie ihm von Anfang an unter die Haut gegangen.

Sie hasste ihn und scheute sich nicht, es zu zeigen. Sah man von einer Ausnahme ab, konnte Santiago sich nicht daran erinnern, dass ihn eine Frau je so verschmäht hatte. Nicht, seit er mit zwanzig seine volle Größe erreicht, und bestimmt nicht, seit er sein Vermögen gemacht hatte. Frauen hofften, ihm an die Wäsche oder an den Geldbeutel gehen zu können. Für gewöhnlich sogar beides. Ihm war nicht bewusst gewesen, wie sehr ihn das langweilte, bis Belle Langtry ihn unverblümt beschimpft hatte.

Sie war anders. Und zog ihn an wie eine Flamme in der Dunkelheit. Ihre scharfe Zunge, offensichtliche Unschuld und brutale Offenheit faszinierten ihn, und er ließ sein Schutzschild fallen. Die eine gemeinsame Nacht war eine Offenbarung gewesen, zügellos und lustvoll. Fast hätte sie ihn dazu gebracht, seine zynische Weltsicht zu überdenken.

Doch dann, vor drei Nächten, hatte er entdeckt, dass er sie falsch eingeschätzt hatte.

Belle Langtry war kein bisschen anders. Sie war eine ebenso kaltschnäuzige Lügnerin wie alle anderen und intrigierte zu ihrem persönlichen Vorteil. Sie war genau wie Nadia. Ein geldgieriges Miststück, das alles tun oder sagen und dabei die glänzende Belohnung nie aus den Augen lassen würde.

Dass Belle Schauspielerin war, wusste Santiago. Er hatte nur keine Ahnung gehabt, wie gut sie war. So war er schon seit geraumer Zeit nicht mehr hereingelegt worden.

Nachdem sie auf seiner Cocktailparty aufgetaucht war und die Bombe ihrer Schwangerschaft hatte platzen lassen, war er missmutig und barsch zu seinen Gästen zurückgekehrt. Ständig hatte er sich gefragt, was er tun würde, wenn Belle zurückkam und ihre finanziellen Forderungen stellte. Wenn sie sein Kind trug, konnte sie ihn unter Druck setzen. Denn so sehr er den Gedanken von Liebe und Ehe verachtete, nie würde er ein Kind im Stich lassen, so wie er einst doppelt im Stich gelassen worden war.

Was würde sie fordern? Die Ehe? Einen Treuhandfonds für das Kind? Oder direkt einen auf sie ausgestellten Scheck in Milliardenhöhe?

Die ganze Nacht hatte er gewartet, doch sie war nicht zurückgekommen. Am nächsten Morgen erfuhr er, dass sie New York verlassen hatte.

Heute, drei Tage später, wusste er alles über Belle. Ihre medizinischen Unterlagen würden noch nachgereicht. Wie er sie gefunden hatte, würde er einem Feind nie verraten. Und genau das war sie nun.

Seit dem ersten Tag an hatte Belle sich verhalten, als würde sie ihn hassen. Er hatte sie nie gehasst.

Bis heute.

Die unbarmherzig von einem ungetrübten Himmel brennende Sonne sorgte für Temperaturen wie in einem Hochofen. Er spürte kleine Schweißperlen auf seiner Stirn, als er auf sie herabblickte. Mit Weste, Krawatte und einem langärmligen Hemd sowie maßgeschneiderten Wollhosen bekleidet, fand er die Hitze brutal. Dabei war es noch nicht einmal Mittag.

Santiago biss die Zähne zusammen. Er würde es Belle nicht gestatten, die Situation zu beherrschen. Oder sein Baby. Was sie bezweckte, wusste er nicht. Doch ihre Art, dieses Spiel zu spielen, zeugte davon, dass der von ihr angestrebte Betrag astronomisch sein musste.

Sie hatte ihn absichtlich in die Irre geführt. Nie würde er sich dazu bringen lassen, ein unschuldiges Kind im Stich zu lassen. Nicht nach allem, was er als Kind ertragen musste. Belle hatte keine Ahnung, mit wem sie sich angelegt hatte. Santiago würde alles unternehmen, um diesen Krieg zu gewinnen.

Er kniff die Augen zusammen. Dachte sie ernsthaft, dass sie ihn schlagen könnte? Er hatte sich seinen Weg aus einem Waisenhaus in Madrid gekämpft, war mit achtzehn als blinder Passagier auf einem Schiff nach New York gekommen, mit umgerechnet fünfhundert Dollar in der Tasche. Heute war er Milliardär, der Mehrheitseigentümer eines internationalen Konglomerats, das alles verkaufte – von Laufschuhen bis zu Snackprodukten. Auf sechs Kontinenten. Das erreichte man nicht, wenn man schwach war. Oder einen anderen gewinnen ließ.

Belle war nun in seiner Welt. Und das hieß: seine Welt – seine Regeln.

„Ich werde dich nie heiraten“, stieß sie hervor. „Nie werde ich dir gehören.“

„Zu spät“, erwiderte er nüchtern. „Du weißt es nur noch nicht.“ Im Umdrehen machte er in die Richtung seines Piloten eine schnelle Handbewegung, der umgehend den Motor startete.

Trotz des zunehmenden Lärms des Hubschraubers lachte sie ungläubig. „Du bist verrückt!“

Sie hat recht, dachte er grimmig. Er war verrückt. Denn selbst mit dem Wissen, wie sehr sie hinter seinem Geld her war, wollte er sie in seinem Bett haben.

„Ich wäre verrückt, dir mein Kind zu überlassen“, sagte er ausdruckslos. Mit einem Blick über die Schulter nahm er das Holzhaus in der Steppe in sich auf, die wenigen dürren Bäumchen, die ein trockenes Bachbett säumten. „Oder dem hier.“

Seinem Blick folgend, machte sie eine empörte Miene. „Du urteilst über mich, weil ich in keinem Palast wohne?“

„Ich urteile über das, was du getan hast, um dem zu entfliehen“, antwortete er barsch. Er wusste, dass sie hier aufgewachsen und vor eineinhalb Jahren weggegangen war. Er fragte sich, ob sie von Anfang an vorgehabt hatte, sich in New York einen reichen Mann zu angeln. Oder ob auch ihre Freundschaft zu Letty konstruiert war, um einen besseren Zugang zu den vermögenden Zielen zu bekommen?

Er wandte sich ab. „Gehen wir!“

„Wohin?“

„Vaterschaftstest.“

„Vergiss es …“

Mit zusammengekniffenen Augen wirbelte er zu ihr herum. „Du hasst mich“, knurrte er. „Fein. Mir geht es nicht anders. Aber verdient unser Kind es nicht, die Wahrheit über seine Eltern zu kennen?“

Ihre Augen funkelten vor Abneigung. Dann änderte sich ihr Ausdruck. Er hatte das einzige Argument gefunden, mit dem er sie umstimmen konnte.

„Na, schön“, gab sie zurück.

„Du machst den Test?“

„Nicht dir, sondern meinem Baby zuliebe.“

Langsam atmete er aus. Er war erleichtert, dass sie vernünftig war.

Dann dachte er, dass Belle wahrscheinlich ihre Strategie geändert hatte. Santiago presste die Lippen zu einer schmalen Linie, warf einen Blick zu seinen Bodyguards. „Nehmt ihre Sachen!“

Seine Männer griffen in ihren Pick-up. Santiago nahm Belle beim Arm, begleitete sie nach vorn. Sekunden später saß sie neben ihm im Inneren des luxuriösen Hubschraubers.

„Ich werde den Test machen, aber ich werde dich nie heiraten“, versuchte sie den Lärm der Propeller zu übertönen.

Kaltschnäuzig kniff er die Augen zusammen. „Genau das wolltest du doch. Also hör auf! Ich weiß, dass du im Grunde deines Herzens jubelst.“

„Das ist nicht wahr!“

„Allerdings wird dieser Jubel nicht lange anhalten.“ Er beugte sich zu ihr. „Du wirst sehen, meine Frau zu sein ist anders, als du es dir vorgestellt hast. Ich werde nicht dir gehören, Belle. Sondern du mir.“

Ihre braunen Augen weiteten sich. Er spürte, wie ein elektrischer Schlag ihn durchfuhr. Unwillkürlich fiel sein Blick auf ihre roten Lippen. Heiß durchzuckte es ihn.

Immer schon hatte er den Gedanken an eine Ehe verabscheut, zum ersten Mal sah er jedoch die Vorteile. So sehr er Belle auch hasste, das hatte sein Verlangen nach ihr nur geschürt.

Sobald sie verheiratet waren, würde sie in seinem Bett sein. Auf sein Geheiß, solange er es wünschte. Denn zumindest eines war zwischen ihnen nicht gelogen gewesen.

Warum also warten?

In all diesen Monaten seit jener explosiven Nacht hatte er sich ihre Gesellschaft versagt. Um seinetwillen und – so hatte er geglaubt – um ihretwillen.

Das war vorbei.

Heute Nacht, dachte er hungrig. Er würde sie heute Nacht in seinem Bett haben.

Aber alles der Reihe nach.

Nachdem er den Kopfhörer aufgesetzt hatte, befahl Santiago trotz des zunehmenden Lärms der Rotorblätter dem Piloten. „Auf geht’s!“

Belle sah aus dem Fenster des Hubschraubers über die weiten Ebenen von Texas. Dort unten liefen Wildpferde quer über die Prärie, ungezähmt und frei, hunderte Meilen entfernt von jeglicher Zivilisation.

Im Moment beneidete sie sie.

„Sie gehören mir.“ Santiagos Stimme erklang über das Headset. „Wir befinden uns am nördlichen Ende meines Besitzes.“

Dann sind selbst die Wildpferde nicht frei, dachte sie bedrückt. Sie sprachen nun zum ersten Mal miteinander, seit sie das Krankenhaus in Houston verlassen hatten.

„Du willst alles besitzen, was?“

„Ich besitze alles.“ Santiagos dunkle Augen funkelten sie an. „Meine Ranch umfasst über zweihunderttausend Hektar.“

„Zweihun…“ Hörbar holte sie Luft. „Moment! Hast du etwa die Alford Ranch gekauft?“

Überrascht hob er eine Augenbraue. „Du hast davon gehört?“

„Natürlich“, konterte sie schnippisch. „Sie ist berühmt. Vor einigen Jahren kam es zu einem Skandal, als sie an einen Ausländer verkauft wurde … an dich?“

Er zuckte die Schultern. „Dieses Land gehörte einst Spaniern. Man könnte also sagen, die Alfords waren die Ausländer. Ich habe es nur wiedererworben.“

Skeptisch betrachtete sie ihn. „Es gehörte Spaniern?“

„Ein Großteil von Süd-Texas wurde zur Zeit der Conquestadores vom spanischen Kolonialreich beansprucht.“

„Woher weißt du das?“

Grimmig lächelte er. „Die Familie meines Vaters ist überaus stolz auf ihre Geschichte. Als ich klein war und es mir noch etwas bedeutete, habe ich viel über meine Vorfahren gelesen. Unser Geschlecht reicht sechshundert Jahre zurück in die Vergangenheit.“

„Die Familie Velazquez? Sechshundert Jahre?“, platzte Belle ungläubig heraus. Sie kannte noch nicht einmal die vollständigen Namen ihrer eigenen Urgroßeltern.

„Velazquez ist der Name meiner Mutter. Mein Vater ist ein Zoya. Der achte Duque de Sangovia.“

Sie war nicht sicher, ob sie richtig gehört hatte. „Dein Vater ist ein echter Herzog?“

Er zuckte mit den Schultern. „Und?“

„Wie ist er denn so?“, fragte sie beeindruckt. Noch nie hatte sie ein Mitglied einer Königsfamilie getroffen. Oder des Adels.

„Woher soll ich das wissen?“, antwortete er knapp. „Wir haben uns nie kennengelernt. Schau mal!“ Er deutete aus dem Fenster. „Da ist das Haus.“

Belle sah hin und schnappte nach Luft.

Das Land erstreckte sich weit und flach in jede Himmelsrichtung, doch nach vielen Meilen mit trockenen, gelegentlichen Wüstenbüschen hatte sich die Landschaft grün gefärbt. Zwischen mehreren von Bäumen gesäumten Flüssen machte sie Nebengebäude, Scheunen und Pferche aus. Und an der schönsten Stelle entdeckte sie überraschend einen blauen See, der in der Nachmittagssonne funkelte. Unmittelbar daneben befand sich auf einem kleinen, von Bäumen umgebenen Hügel ein ausgedehntes eingeschossiges Ranchhaus, das das Haus der Ewings aus der Fernsehserie Dallas wie eine Fischerhütte wirken ließ.

„Es ist wunderschön“, meinte sie bewundernd. „So grün!“

„Fünf Flüsse durchqueren das Anwesen.“

Vorbei an einem der Pferche sah sie einen Privathangar mit einem Hubschrauberlandeplatz und einem Rollfeld, das sich bis zum Horizont erstreckte. „All das gehört dir?“

„Alles.“

Er schenkte ihr ein breites Lächeln. Wenn das Baby meins ist … dann bist du es auch. Sie erschauerte.

Das Baby war seines. Inzwischen hatte er unwiderlegbare Beweise. In der hochmodernen Klinik hatte man einen nicht-invasiven Bluttest durchgeführt und ihnen beiden Blut abgenommen. Anschließend hatten hochqualifizierte Labortechniker versprochen, sich mit den Ergebnissen zu beeilen.

„Während Sie warten …“, hatte die Gynäkologin gesagt und die beiden angelächelt, „… könnten wir einen Ultraschall machen und herausfinden, ob Sie ein Mädchen oder einen Jungen bekommen.“

Belle hatte sich zu Anfang gewehrt. Eigentlich wollte sie sich bei der Geburt überraschen lassen. Als sie aber Santiagos Gesicht sah – die strahlenden dunklen Augen, die sie erwartungsvoll anblickten –, konnte sie nicht ablehnen.

„In Ordnung“, gab sie leise nach und kletterte auf das Krankenbett. Wenige Minuten später ließ die Ärztin den Schallkopf über das klebrige Gel auf ihrem Bauch gleiten, und sie starrten wie gebannt auf die Darstellung auf dem Ultraschallbildschirm. Ein lautes Rauschen füllte den Raum.

„Was ist das?“, wollte Santiago alarmiert wissen, der neben ihrem Bett saß.

Überrascht blickte Belle zu ihm auf. Da wurde ihr bewusst, dass er – anders als sie – dieses Geräusch zum ersten Mal hörte. Lächelnd erklärte sie: „Das ist der Herzschlag des Babys.“

„Herzschlag?“, flüsterte er. Und der Ausdruck auf seinem Gesicht änderte sich so sehr, dass er wie ein anderer Mann wirkte.

„Der Herzschlag ist schön kräftig. Ihr Baby sieht gesund aus“, murmelte die Gynäkologin und deutete auf den Bildschirm. „Hier sehen Sie den Kopf, die Arme, die Beine … und …“ Lächelnd wandte sie sich ihnen zu. „Herzlichen Glückwunsch! Sie bekommen ein kleines Mädchen.“

„Ein Mädchen!“ Belle rang nach Luft.

„Ein Mädchen?“ Plötzlich ergriff Santiago ihre Hand und drückte sie kräftig. „Wann kommt sie zur Welt?“

„Ende September, schätze ich“, erwiderte die Ärztin.

„September“, murmelte er und wirkte benommen. „Nur noch zwei Monate …“

Belle entdeckte einen Ausdruck auf seinem Gesicht, den sie noch nie gesehen hatte. Verblüffung. Ergriffenheit. Zärtlichkeit.

Dann ist er doch kein absoluter Mistkerl, dachte sie. Eines schaffte es also, durch seinen Zynismus und die Dunkelheit zu dringen: Ihr Baby.

Tränen der Dankbarkeit stiegen in ihr auf, und auch sie drückte seine Hand. Ihre Tochter würde einen Vater haben. Einen, der sie liebte.

Nun, da der Hubschrauber auf seiner texanischen Ranch gelandet war, half ihr Santiago hinaus auf das Rollfeld. Und er fing sie auf, als ihre Beine unerwartet nachgaben.

„Alles in Ordnung?“, erkundigte er sich mit sorgenvollem Blick.

Schwach lächelte sie ihn an. „Das war eine verrückte Woche.“

Er lachte. „Allerdings.“

So hatte sie ihn noch nie lachen sehen, schallend, mit ganzem Körper. Er wirkte dadurch viel menschlicher, attraktiver, begehrenswerter. Als sie in seine dunklen, glücklichen Augen sah, verengte sich ihre Brust. Sie wandte sich ab, denn sie hatte Angst davor, was er in ihrem Gesicht lesen könnte.

„Wie geht es weiter?“, wollte sie wissen und war froh über ihre feste Stimme.

„Jetzt planen wir die Hochzeit.“

Wie angewurzelt blieb sie stehen. „Ich werde dich nicht heiraten. Wir können uns das Sorgerecht teilen.“

Er kniff die Augen zusammen. „Die Entscheidung ist gefallen.“

„Du hast sie getroffen, nicht ich. Und wenn du glaubst, du könntest mich in eine Ehe zwingen, bist du gewaltig auf dem Holzweg.“ Kämpferisch hob sie ihr Kinn. „Mag sein, dass meine Familie keinen aristokratischen Stammbaum vorweisen kann, der bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag zurückreicht. Aber ein paar Dinge besitzen wir schon.“

„Erleuchte mich!“

„Hartnäckigkeit. Reine Sturheit. Ich werde keinen Mann heiraten, den ich nicht liebe und der mich nicht liebt. Eher würde ich deine Fußböden mit der Zunge schrubben!“

Er sah sie belustigt an. „Das ließe sich einrichten. Obwohl …“, raunte er ihr ins Ohr, „für deine Zunge wüsste ich etwas Besseres.“

Heiße Leidenschaft durchzuckte sie. Doch bevor ihr eine Antwort einfiel, nahm er sie bei der Hand und zog sie in Richtung des ausladenden Ranchhauses inmitten grüner Bäume.

Das Haupthaus war angenehm hell und luftig, mit großen Fenstern und Holzfußböden. Lächelnd trat die Haushälterin hervor. „Willkommen zurück auf der Ranch, Mr. Velazquez!“ Dann wandte sie ihr rundes Gesicht in Belles Richtung. „Willkommen! Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Reise.“

Angenehm traf es nicht ganz, dachte sie, aber Santiago antwortete für sie. „Es war ein langer Tag, Mrs. Carlson. Könnten Sie uns bitte ein paar Erfrischungen im Frühstückszimmer servieren?“

„Natürlich, Mr. Velazquez.“

Daraufhin führte er sie den Flur hinunter in einen großen Raum mit einem glänzenden Holzfußboden und einer bodentiefen Fensterfront. Gemütliche Möbel waren mit Blick auf die grünen Bäume positioniert, und unter dem Sonnenlicht färbte sich ein Fluss golden.

„Wie schön es hier ist“, sagte Belle mit leiser Stimme.

„Setz dich!“, forderte er sie auf. Mit einem Mal wirkte er nervös.

Da sie sich schwach auf den Beinen fühlte, ließ sie sich auf das weiche weiße Baumwollsofa fallen. Einen Augenblick später erschien die Haushälterin mit einem Tablett, das sie auf dem Tisch abstellte.

„Danke.“

„Sehr gern, Sir.“

Kaum war die Frau gegangen, reichte Santiago Belle einen Cocktail vom Tablett. Auf ihren zweifelnden Blick hin erklärte er: „Süßer Tee.“

Oh, das liebte sie! Sie riss es ihm förmlich aus den Händen. Mit großen Schlucken genoss sie seufzend das eiskalte, gesüßte, nicht alkoholische Getränk. Den Mund abwischend, sank sie glücklich zurück in die Kissen des Sofas. „Es gibt ein paar Dinge an dir, die nicht grässlich sind.“

„Wie süßer Tee?“

„Du bist nicht durch und durch ein Monster.“

„Gern geschehen.“

Den Rest des Drinks hinunterstürzend, hielt sie ihm hoffnungsvoll das leere Glas hin.

Seine Lippen zuckten, als er sich zum Tablett umwandte. Erst goss er ihr etwas ein, dann füllte er auch für sich ein Glas. „Übrigens, falls du heimlich planen solltest, davonzulaufen, solltest du wissen, dass der nächste Highway dreißig Meilen entfernt ist.“

„Ich habe nicht vor, wegzulaufen.“

Er richtete sich auf. „Nicht?“

„Warum sollte ich? Du bist der Vater meines Babys. Wir müssen uns einigen. Um ihretwillen.“

Angespannt sah er sie an. Dann streckte er ihr einen Teller hin. „Keks?“

„Danke.“ Schoko-Cookies, frisch aus dem Ofen. Sie biss hinein, und die Butter, der Zucker und die Schokolade sorgten für eine Geschmacksexplosion auf ihrer Zunge. Vor Vergnügen seufzte Belle. Doch als sie seinen Blick auf sich ruhen fühlte, sah sie auf und bemühte sich um einen finsteren Ausdruck. „Wenn du vorhast, mich mit leckerem Essen und Trinken weichzukriegen, damit ich dich heirate, wird es nicht funktionieren. Trotzdem“, fügte sie hinzu, „steht dir natürlich frei, es weiter zu versuchen.“

Santiago sah sie angespannt an. Er schien etwas sagen zu wollen, änderte jedoch seine Meinung. „Entschuldige, ich muss los.“

„Los? Wohin?“

„Ich weise Mrs. Carlson an, dir das Schlafzimmer zu zeigen. Wie du gesagt hast“, sein Lächeln erreichte nicht seine Augen, „es war eine verrückte Woche. Ruh dich aus, wenn du magst. Wir sehen uns beim Abendessen. Acht Uhr!“

Ohne ein weiteres Wort verschwand er.

Was sollte das nun wieder? Auch wenn sie sich nicht beklagen würde, denn immerhin hatte er das Tablett stehen gelassen. Belle nahm sich noch einen Cookie vom Teller und blickte in die Natur hinaus. Er hatte sich die Mühe gemacht, sie auf diese Ranch zu verschleppen. Und statt sie mit Drohungen in eine Ehe zu zwingen und herumzukommandieren, gab er ihr süßen Tee und hausgemachte Cookies zu essen und wollte, dass sie sich ausruhte?

Andererseits hatten die Menschen sie in ihrem Leben ständig überrascht. Angefangen bei ihrer eigenen Familie. An ihren Vater konnte Belle sich nicht erinnern, denn er war gestorben, als sie noch ein Baby war. Sie war in diesem Haus in der Prärie mit einem Stiefvater, zwei jüngeren Halbbrüdern und ihrer traurig aussehenden Mutter aufgewachsen, die vergeblich versucht hatte, ihre Kinder vor ihrem Leid und vor ihrer unheilbaren Krankheit zu schützen. Belles Stiefvater zeigte wenig Interesse an seinen Kindern. Er arbeitete lange und verbrachte seine Abende damit, Zigaretten zu rauchen, sein obligatorisches Sixpack zu leeren und seine Frau anzubrüllen.

Doch als Belle zwölf war, starb ihre Mutter. Und alles änderte sich. Nun brüllte ihr Stiefvater sie an, drohte, sie aus dem Haus zu werfen: „Denn du bist keins von meinen Kindern.“

Also hatte sie nicht ängstlich versucht, sich Kost und Logis damit zu verdienen, dass sie sich um die Jungs kümmerte, kochte und saubermachte. Immer gut gelaunt, immer lächelnd.

Eine Woche, nachdem Belle die Highschool abschloss, starb ihr Stiefvater unerwartet an einem Hirn-Aneurysma. Ray war dreizehn, Joe gerade mal elf. Andere Verwandte gab es keine. Auch keine Lebensversicherung und fast keine Ersparnisse. Statt zuzulassen, dass ihre kleinen Brüder in ein Pflegeheim kamen, gab Belle ihr College-Stipendium auf. Als Kellnerin unterstützte sie sie finanziell und zog sie auf, bis sie erwachsen waren.

Leicht war es nicht gewesen. Verzweifelt, erschöpft und einsam, träumte sie davon, sich in einen attraktiven, netten Mann zu verlieben, der sich um sie kümmern würde.

Dann, mit einundzwanzig, passierte genau das. Und es hatte sie beinahe zerstört.

„Ms. Langtry?“ Die grauhaarige Frau erschien lächelnd in der Tür. „Wenn Sie so weit sind, zeige ich Ihnen Ihr Zimmer.“

Mit einem Blick auf das leere Tablett sagte Belle trocken: „Ich bin so weit.“

Sie drückte sich vom Sofa hoch und folgte der Haushälterin den Flur entlang. Dann bogen sie in einen weiteren Gang, wo Mrs. Carlson eine Tür öffnete. „Hier ist Ihr Schlafzimmer.“

Das Zimmer war riesig, mit einer hohen Decke, einem begehbaren Kleiderschrank und angeschlossenem Bad. Auch das besaß eine Fensterfront mit Blick auf den Fluss. Was aber nicht das Bemerkenswerteste an diesem Schlafzimmer war.

Belle starrte auf das gewaltige Bett.

„Stimmt etwas nicht, Miss Langtry?“

„Äh …“ Sich in dem ungeheuer großen Zimmer umsehend, stieß sie hervor: „Das ist ein wirklich hübsches Gästezimmer.“

Lachend erwiderte die Frau: „Gästezimmer? Ich weiß, es heißt, alles in Texas wäre etwas größer. Aber, meine Liebe, das wäre doch verrückt. Dieses Schlafzimmer ist größer als die meisten Häuser. Es ist das Hauptschlafzimmer.“

Belle schluckte schwer. Doch bevor sie sich eine gute Antwort einfallen lassen konnte, dass sie in gar keinem Fall hier schlafen würde, ging die Haushälterin weiter ins Bad.

„Hier finden Sie alles, was Sie brauchen oder wünschen … Mr. Velazquez meinte, Sie wären müde und etwas staubig von der Reise. Wir haben hier alles, was Sie für ein schönes, langes Bad benötigen.“

Und sie zeigte Belle die Parfüms, die französische Seife, Cremes und Shampoos, die so teuer waren, dass sie sie nur aus Promi-Zeitschriften kannte.

„Mr. Velazquez möchte, dass Sie sich wohlfühlen, solange er arbeitet.“ Dabei öffnete sie eine Tür, und Belle folgte ihr in eine riesige Ankleide, mit Kronleuchter und einem weißen Sofa.

Die Haushälterin deutete auf ein rotes Kleid. „Er wünscht, dass Sie das hier heute Abend tragen. Das Dinner wird um acht auf der Terrasse serviert.“

Das Kleid bewundernd, hauchte Belle: „Es ist wunderschön.“

„Passende Schuhe gibt es auch. Fünf Zentimeter hoch, damit es nicht unbequem ist oder Sie das Gleichgewicht verlieren.“ Lächelnd blickte sie auf Belles Bauch. „Und auch neue Dessous.“ Sie öffnete eine Schublade. „Seide. Hier. Neben Ihren anderen Dingen.“

Dessous? Belle errötete und konnte der anderen Frau nicht in die Augen schauen. Ein paar wenige Kleidungsstücke aus ihrem Koffer waren ausgepackt worden. Doch abgesehen von dem roten Kleid waren die Regale und die Fächer leer. „Wo ist denn Santiagos Kleidung?“

„Mr. Velazquez’ Kleidung befindet sich in der Ankleide des Hausherrn.“

„Das hier ist nicht der Schrank des Hausherrn?“

„Oh nein.“ Ihr freundliches Gesicht zeigte ein strahlendes Lächeln. „Dieser Schrank ist ausschließlich für die Herrin des Hauses. Das heißt, wenn es je dazu kommt.“ Sie beugte sich nach vorn und bekannte: „Sie sind die erste Frau, die er auf die Ranch gebracht hat.“

„Wirklich?“

„Ach, du meine Güte, schon so spät“, bemerkte Mrs. Carlson mit einem Blick auf ihre Uhr. „Sie haben hier alles, was Sie wünschen. Mein Enkel spielt heute Abend in einem Schulstück an der Alford Elementary mit. Die übrigen Bediensteten werden bis acht fort sein.“

„Sie leben nicht hier?“

„Du liebe Güte, nein. Auf der anderen Seite des Sees liegen die Unterkünfte der Mitarbeiter. Sie und Mr. Velazquez werden ganz allein sein.“ Spielte ihr ihre Fantasie einen Streich, oder zwinkerte die Haushälterin? „Gute Nacht, Miss!“

Empört blickte Belle ihr hinterher. Wieso hatte sie gezwinkert? Was dachte sie, was zwischen ihr und Santiago passieren würde, wenn sie allein waren?

Nichts, sagte sie sich fest und schloss die Schlafzimmertür ab, um das zu beweisen. Sie sah zu dem enormen Bett hinüber. So gemütlich es auch aussah, sie würde es nie mit Santiago teilen. Aber da er nicht hier war …

Sie kletterte in das weiche Bett, und die Tage voller Sorgen und Müdigkeit holten sie ein. Ihr Kopf berührte das Kissen. Für einen Moment lang schloss sie die Augen.

Als Belle erwachte, stellte sie fest, dass sie mehrere Stunden geschlafen haben musste.

Sie erhob sich und sah das rote Kleid. Sie ging hin, ließ ihre Finger über den weichen Stoff gleiten. Es war das Schönste, das sie je gesehen hatte.

Also nahm sie das Kleid und die Seidenwäsche und ging ins Bad, wo sie sich eine Dusche gönnte.

Kurze Zeit später bürstete sie, in ein großes Handtuch eingewickelt, ihr langes nasses Haar. Sie öffnete eine Schublade und fand Schachteln mit teurem Make-up, schön aufgereiht, damit sie es benutzen konnte. Daneben eine Auswahl an Düften und parfümierten Lotionen. Sie probierte alles aus, dann zog sie den Seiden-BH und das Höschen an. Fast hätte sie gestöhnt. So sinnlich, so weich.

Zum Schluss zog sie das rote Strickkleid über, das wie angegossen über ihre fülligen Brüste und ihren Babybauch passte. Der zarte Stoff fühlte sich auf ihrer parfümierten Haut wie ein Traum an. Selbst ihre Hände, die in den letzten eineinhalb Jahren rot und spröde geworden waren durch ihre Arbeit als Kellnerin im Diner, fühlten sich durch all die Lotionen weich an. Sie betrachtete sich im Badezimmerspiegel.

Ihr Haar fiel glänzend über ihre Schultern, dunkel auf ihrer cremefarbenen Karamellhaut. Ihre Wangen waren von der heißen Dusche gerötet, die Lippen rubinrot, passend zum Kleid. Ihre braunen Augen funkelten.

Selbst in ihren Augen wirkte Belle … anders.

Warum war Santiago plötzlich so nett zu ihr?

Sie durfte ihm nicht trauen, so viel war sicher. Er konnte warm und zärtlich sein, wenn er wollte. Und sie dann unbarmherzig aus seinem Leben werfen, als wäre sie nichts wert.

Für das alles konnte es nur einen Grund geben. Ihm war klar geworden, dass er sie nicht zur Ehe zwingen konnte. Also würde er versuchen, sie dazu zu verführen.

Sie würde es nicht zulassen.

Auf keinen Fall.

Belle war bereit, das Sorgerecht mit ihm zu teilen. Aber nicht ihr Leben, ihr Herz und ganz bestimmt nicht ihren Körper. Nie wieder würde sie Santiago Velazquez’ Spielzeug sein und gewiss nicht seine Frau.

Nun musste sie nur noch ihn davon überzeugen, damit er sie nach Hause gehen ließ.

Um fünf Minuten nach acht, als sie die dunklen Gänge entlang durch den ausladenden Bungalow ging, fühlte sie sich seltsam nervös, denn sie wusste nicht, wie er darauf reagieren würde.

Die Schiebetüren öffnend, ging sie auf die Terrasse, die sich in Richtung See erstreckte. Bunte Lichter hingen von einer großen Pergola, die über und über mit den Blüten einer pinkfarbenen Bougainvillea bedeckt war. Leise Musik erklang aus unsichtbaren Lautsprechern, und die Lichter glitzerten in der Dämmerung.

Da sah sie ihn.

Santiago stand am Terrassengeländer, sah gedankenverloren auf das dunkle Gewässer, das der Sonnenuntergang rot färbte. Dann drehte er sich um, umwerfend gut aussehend und breitschultrig in seinem Smoking. Und er lächelte.

„Willkommen“, erklang seine tiefe, heisere Stimme. Ihre Augen trafen sich.

Mit einem Mal wusste Belle den wahren Grund für ihre Angst. Ihr Herz hatte es die ganze Zeit über gewusst und auch ihr Körper. Nur ihr Gehirn hatte sich der Wahrheit verschlossen. Sie hatte keine Angst vor Santiagos Reaktion.

Sondern vor ihrer eigenen. Denn vor all diesen Monaten hatte sie ihm nicht nur ihren Körper geschenkt, sondern auch einen Teil ihres Herzens.

„Du bist wunderschön.“ Er kam näher und hielt er ihr ein Champagner-Glas hin. Seine dunklen Augen streichelten sie, als er flüsterte: „Strahlender als die Sterne.“

Ihre Finger berührten sich, als sie das Glas entgegennahm. In seinem Blick standen deutlich seine Absichten, und es traf sie bis ins Mark.

Santiago wollte sie erobern. Er wollte sie gewinnen. Er wollte sie beherrschen.

Er wollte sie als seine Frau besitzen.

4. KAPITEL

Er hatte sich in Belle getäuscht. Gründlich.

In New York war er sich sicher gewesen, sie wäre eine Goldgräberin, die skrupellos zu ihrem eigenen finanziellen Nutzen schwanger geworden war.

Doch in der Klinik in Houston hatte sich das Gegenteil herausgestellt.

Draußen vor dem Untersuchungszimmer, wo er auf Belle wartete, starrte er die Ärztin ungläubig an. „Das ist ein Scherz.“

Autor

Carol Marinelli
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