Julia Extra Band 459

– oder –

Im Abonnement bestellen
 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

DER SCHEICH UND DIE ENGLISCHE ROSE von MARINELLI, CAROL
Wilde rote Locken, sexy Sommersprossen: Die schöne Maggie raubt Scheich Ilyas auf den ersten Blick den Atem. Allein mit ihr unter den Sternen der Wüste, kann er ihren verlockend sinnlichen Reizen nicht lange widerstehen. Aber Vorsicht: Sie scheint eine Betrügerin zu sein!

KALTE SCHULTER, HEIßE LIEBE von RICE, HEIDI
Als Katie an der italienischen Amalfiküste in Not gerät, ist Security-Boss Jared Caine ihre einzige Rettung. Ausgerechnet der Mann, der sie nach einem einzigen heißen Kuss vor fünf Jahren eiskalt abserviert hat! Doch trotz allem verzehrt sie sich immer noch sehnsüchtig nach ihm …

VERFÜHRERISCHER ALS JEDE RACHE von COLLINS, DANI
Rache! Mehr hat der heißblütige sizilianische Unternehmer Dante Gallo nicht im Sinn, wenn er an Cami denkt. Schließlich ist sie die Tochter seines größten Feindes! Bis er Cami zum ersten Mal persönlich trifft - und von gefährlich leidenschaftlichem Verlangen überwältigt wird …

KÜSS MICH UM MITTERNACHT! von BOLTER, ANDREA
"Kannst du so tun, als wolltest du mich heiraten?" Hollys Verlobung mit dem sexy Milliardär Ethan Benton ist für beide nur eine geschäftliche Vereinbarung. Aber warum prickelt es dann so erregend, als er sie um Mitternacht auf dem Empire State Building in die Arme zieht und küsst?


  • Erscheinungstag 11.12.2018
  • Bandnummer 0459
  • ISBN / Artikelnummer 9783733710910
  • Seitenanzahl 450
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Carol Marinelli, Heidi Rice, Dani Collins, Andrea Bolter

JULIA EXTRA BAND 459

CAROL MARINELLI

Der Scheich und die englische Rose

Scheich Ilyas ist der attraktivste Mann, der Maggie je begegnet ist. Obwohl er sie entführt hat, fühlt sie sich gegen ihren Willen immer leidenschaftlicher zu ihm hingezogen. Mit ungeahnten Folgen …

HEIDI RICE

Kalte Schulter, heiße Liebe

Katie verdient mehr als eine Affäre, doch das kann Security-Boss Jared ihr nicht geben. Besser also, er kommt ihr nicht zu nah. Nur wie, wenn er sie beschützen muss? Bei Tag – und vor allem bei Nacht!

DANI COLLINS

Verführerischer als jede Rache

Cami stockt der Atem, sinnliche Hitze durchströmt sie, als sie den faszinierenden Unternehmer Dante Gallo trifft. Aber das ist bloß der Schock, oder? Schließlich wurde sie gerade von ihm entlassen …

ANDREA BOLTER

Küss mich um Mitternacht!

Liebe? Nichts für Milliardär Ethan Benton. Trotzdem muss er sich jetzt mit der hübschen Künstlerin Holly verloben – selbstverständlich nur zum Schein! Bis er sie zur Probe küsst und es heiß knistert …

1. KAPITEL

„Ich wäre da nie hingegangen, wenn du es mir gesagt hättest!“, beschwerte Maggie Delaney sich bei ihrer Zimmergenossin Suzanne auf dem Rückweg zu ihrem Hostel in Zayrinia.

Sie war heute viel zu lange in der Sonne gewesen, denn mit ihrem roten Haar hatte sie auch sehr empfindliche Haut. Was ihr so zu schaffen machte, war jedoch etwas anderes. „Das war kein Segeltörn, sondern praktisch eine Orgie.“

„Ich dachte wirklich, wir würden schnorcheln gehen“, erklärte Suzanne. „Mach dich locker, Maggie.“

Diesen Satz hatte Maggie in ihrem Leben schon zu oft gehört, vor allem im vergangenen Jahr.

Suzanne und sie hatten sich vor einigen Monaten kennengelernt, als sie in derselben Bar arbeiteten, und sich zufällig in dem arabischen Wüstenstaat am Persischen Golf wiedergetroffen. Für Maggie bedeutete der Aufenthalt hier das Ende eines einjährigen Arbeitsurlaubs, und es war das aufregendste Jahr ihres Lebens gewesen. Sie war durch Europa und Asien gereist und hatte gerade genug Geld gespart, um auf der Rückreise einige Ziele abseits der ausgetretenen Touristenpfade zu besuchen. Schon vor der Landung hatte sie sich in Zayrinia verliebt.

Vom Flugzeug aus hatte sie erst die endlose Wüste und dann die atemberaubende Hauptstadt bewundert, die mit den modernen Hochhäusern und der von einer Mauer umgebenden alten Zitadelle alle Kontraste in sich vereinte. Bei der Landung waren sie über das glitzernde Meer und den Hafen mit den zahlreichen Luxusjachten geflogen.

Heute war der Todestag ihrer Mutter, und deshalb war sie beim Aufwachen traurig gewesen. Dann hatte Suzanne ihr erzählt, dass sie Karten für eine Schnorcheltour zum Korallenriff hätte. Als das vermeintliche Ausflugsboot sich als riesige Luxusjacht erwies, hatte Maggie Bedenken geäußert, doch Suzanne hatte diese weggewischt und lächelnd erklärt: „Ich lade dich ein, weil du ja bald nach London zurückkehrst. Freust du dich auf dein Zuhause?“

Maggie dachte einen Moment darüber nach und wollte gerade antworten, als Suzanne fortfuhr: „Entschuldige, das war taktlos, schließlich wartet dort ja niemand auf dich.“

Suzannes unsensible Entschuldigung verletzte sie mehr als ihre ersten Worte, aber Maggie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Ganz am Anfang hatte sie Suzanne erzählt, dass sie seit ihrem siebten Lebensjahr in unterschiedlichen Heimen und Pflegefamilien aufgewachsen war und keine Angehörigen hatte.

„Oder doch?“, hakte Suzanne jetzt nach. „Hast du noch Kontakt zu einigen deiner Pflegefamilien?“

„Nein!“, erwiderte Maggie schroff. Sie wusste, dass sie manchmal etwas abweisend wirkte, und hatte im vergangenen Jahr versucht, daran zu arbeiten. Es fiel ihr allerdings noch immer nicht leicht, sich anderen zu öffnen. Mit zwölf hatte sie für einige wenige Monate geglaubt, sie würde endlich zu einer Familie gehören. Das war vorher schon einmal passiert.

Ein Jahr nach dem Tod ihrer Mutter hatte ein junges Ehepaar sie aufgenommen, doch die Ehe war gescheitert, und sie war wieder ins Heim gekommen. Für eine Weile hatten die beiden ihr noch Geburtstags- und Weihnachtskarten geschickt, aber irgendwann war der Kontakt eingeschlafen. Obwohl es sie verletzt hatte, war es nichts im Vergleich zu dem gewesen, was ihr einige Jahre später widerfahren war.

Normalerweise verdrängte Maggie die Erinnerung daran. Nicht einmal ihrer besten Freundin Flo hatte sie erzählt, was an jenem furchtbaren Tag passiert war.

„Ich habe Freunde“, erwiderte sie nun, bemüht, Suzanne nicht zu zeigen, wie verletzt sie war, auch wenn diese oft Seitenhiebe austeilte.

„Sicher hast du das“, meinte Suzanne. „Aber es ist nicht dasselbe, stimmt’s?“

Maggie antwortete nicht. Sie versuchte ja, sich anderen mehr zu öffnen, denn ihr war bewusst, dass sie argwöhnisch und mitunter auch etwas zynisch war.

Nachdem sie an Bord gegangen waren, hatte Maggie ziemlich schnell gemerkt, dass sie keine Fahrt zum Korallenriff unternahmen, sondern sich auf einer sehr exklusiven Party befanden und man Suzanne und sie offenbar als schmückendes Beiwerk eingeladen hatte. Da sie nur einen Bikini und einen Sarong trug, fühlte sie sich nicht nur völlig unpassend gekleidet, sondern auch ausgesprochen unwohl unter den Blicken der männlichen Gäste. So ärgerte sie sich über Suzannes wiederholte Bitten, sie solle endlich lockerer werden.

Der Champagner war in Strömen geflossen, doch sie hatte einen alkoholfreien Cocktail bestellt, weil sie unbedingt einen klaren Kopf behalten wollte. Nachdem sie die Hälfte getrunken hatte, war ihr plötzlich übel und schwindelig geworden. So hatte sie erleichtert aufgeatmet, als Suzanne sie schließlich in eine Kabine führte, damit sie sich hinlegen konnte.

„Du warst ja eine Ewigkeit weg“, bemerkte Suzanne, als das Hostel in Sicht kam. „Los, erzähl, was habt du und der sexy Prinz angestellt?“

Unvermittelt blieb Maggie stehen. „Nichts. Woher sollte ich auch wissen, dass es die Kabine des Prinzen war?“

„Und woher sollte ich es wissen?“, konterte Suzanne ruhig. „Es war mein Fehler, Maggie.“

Maggie zuckte die Schultern und versuchte, es wie immer in solchen Situationen mit ihr dabei bewenden zu lassen. Zum Glück war ja nichts passiert. Es hatte ihr gutgetan, sich für einige Stunden in der klimatisierten Kabine zu verstecken, obwohl sie zuerst etwas verlegen gewesen war, als der Prinz hereinkam und sie auf seinem Bett vorfand.

Und anders als Suzanne vermutete, war nichts vorgefallen. Wie immer!

Manchmal fragte Maggie sich, ob mit ihr alles in Ordnung war, weil sie nicht einmal beim Anblick eines verführerischen Prinzen, der nur ein Handtuch um die Hüften geschlungen hatte, etwas empfand. Sie hatte sich bei ihm entschuldigt, und dann waren sie miteinander ins Gespräch gekommen.

Als sie schließlich das Hostel betraten, wollte Maggie nur noch duschen, etwas essen und einige Mails beantworten. Paul, ihr Chef in dem Café, in dem sie vor ihrer Reise gearbeitet hatte, hatte sie gebeten, ihm mitzuteilen, wann sie zurückkehren würde und ob sie ihren alten Job zurückhaben wollte. Außerdem wollte sie ihrer Freundin Flo schreiben, die sich vermutlich über die Episode mit dem verführerischen Prinzen amüsieren würde. Und danach wollte sie nur noch in Ruhe lesen.

Die Chancen standen gut, denn Suzanne machte an diesem Abend eine Sternentour in die Wüste, und die anderen beiden Frauen hatten morgens ausgecheckt. Wenn sie Glück hatte, würden die übrigen Betten heute leer bleiben.

„Maggie!“, hörte sie da plötzlich Tazias Stimme.

Während Suzanne in ihr Zimmer ging, sprach Maggie mit der Empfangsdame, die ihr bedauernd mitteilte, dass die Sternentour, die sie für den nächsten Abend gebucht hatte, wegen eines aufziehenden Sandsturms ausfallen musste, und ihr das Geld zurückerstattete. Selbst bei besserem Wetter könnte sie ihr frühestens für Montag einen neuen Platz besorgen, weil die heutige Tour ausgebucht wäre.

Maggie war furchtbar enttäuscht, denn ihr Rückflug war am Montagmorgen. Warum hatte sie nicht für diesen Abend gebucht? Aber eigentlich hatte sie die Tour allein machen wollen.

„Trotzdem danke“, erwiderte sie. „Kannst du mir Bescheid sagen, wenn jemand absagt?“

„Da kann ich dir leider keine großen Hoffnungen machen“, meinte Tazia. „Du bist die Zehnte auf der Warteliste.“

Offenbar sollte es einfach nicht sein. Maggie ging in den Schlafraum, um ihre Sachen zu holen, bevor sie unter die Dusche stieg.

„Was wollte Tazia?“, fragte Suzanne.

„Die Tour in die Wüste morgen wurde abgesagt.“ Maggie seufzte. „Ich gehe jetzt duschen.“

„Kann ich mir in der Zeit dein Telefon leihen? Ich möchte Glen nur eine SMS schicken.“

Da ihr Telefon defekt war, hatte Suzanne in den letzten Tagen Maggies benutzt.

„Klar“, erwiderte Maggie.

Während sie unter der Dusche stand und erst die Sonnenmilch abspülte und sich anschließend das lange rote Haar wusch, ließ sie die Ereignisse dieses Tages Revue passieren. Dabei wurde ihr schmerzlich bewusst, dass sie ihren Altersgenossinnen in Sachen Sex Lichtjahre hinterherhinkte.

Über mangelnde Angebote konnte sie sich nicht beschweren, denn in dem Café, in dem sie zu Hause arbeitete, hatten viele Kunden mit ihr geflirtet oder sie gefragt, ob sie mit ihnen ausgehen wollte. Gelegentlich hatte sie die Einladungen angenommen, aber es hatte jedes Mal allenfalls mit einigen unbeholfenen Küssen geendet.

Trotzdem hatte sie sich gern mit Hazin unterhalten, auch wenn sie sich nicht im Geringsten zu ihm hingezogen gefühlt hatte. Trotz seines attraktiven Äußeren und seiner gesellschaftlichen Stellung war er erfrischend bodenständig gewesen. Normalerweise erntete sie nur Mitgefühl, wenn sie anderen erzählte, dass sie keine Familie hatte. Er hingegen hatte jungenhaft gelächelt und ihr gesagt, sie könnte sich glücklich schätzen. Dann hatte er ihr von seinen Eltern erzählt, die ihn und seinen älteren Bruder Ilyas alles andere als liebevoll großgezogen hätten.

„Stehen Sie Ihrem Bruder nahe?“, hatte sie nachgehakt.

„Wem? Ilyas?“, hatte er gefragt. „Der lässt niemanden an sich ran.“

Ja, es war wirklich interessant gewesen, und nun konnte sie es kaum erwarten, Flo zu mailen und sie auf den neuesten Stand zu bringen. Als sie sich abtrocknete, stellte sie erleichtert fest, dass nur ihre Schultern leicht gerötet waren. Zu ihrem Leidwesen wurde sie niemals braun und hatte es deshalb längst aufgegeben.

Anschließend zog sie ein langärmeliges T-Shirt und eine helle Yogahose an, denn die Wüstennächte waren kühl. Sie überlegte gerade, was sie zu Abend essen sollte, als sie in den Schlafsaal zurückkehrte und feststellte, dass Suzanne packte.

„Machst du dich für heute Abend fertig?“, erkundigte sie sich.

„Nein“, antwortete Suzanne. „Es gibt eine kleine Planänderung. Ich checke aus und treffe mich mit Glen in Dubai.“

„Oh. Heute Abend noch?“

„Das Ticket ist am Flughafen für mich hinterlegt.“

„Wow! Dann müssen wir uns jetzt wohl verabschieden.“

Suzanne nickte lächelnd. „Es war nett mit dir.“

„Mit dir auch“, meinte Maggie höflich.

Keine von ihnen schlug vor, in Kontakt zu bleiben. Ihr fiel Abschiednehmen niemals schwer, denn sie hatte sich schon als Kind daran gewöhnt.

Noch immer erinnerte Maggie sich deutlich, wie sie aus der neuen Schule gekommen war und ihr neues Zuhause betreten hatte, um ihren neuen Welpen zu begrüßen. Stattdessen hatte die für sie zuständige Mitarbeiterin des Jugendamts sie empfangen und ihr eröffnet, dass sie wieder ins Heim müsste.

Niemals würde sie vergessen, wie Diane mit ihren kalten blauen Augen den Blick abgewandt hatte, als sie sie bat, den Hund sehen zu dürfen.

„Kann ich mich noch von Patch verabschieden?“, hatte sie gefragt.

„Patch ist nicht hier“, hatte die Mitarbeiterin vom Jugendamt erwidert.

Wahrscheinlich hatte er auch zu viel Arbeit gemacht.

Maggie hatte nicht geweint, als die Mitarbeiterin des Jugendamts ihr Gepäck in ihren Wagen lud, und schon gar nicht, als sie das Haus verließ. Selbst an jenem Abend in dem neuen Heim hatte sie keine Träne vergossen. Tränen nützten nichts, sonst wäre ihre Mutter noch am Leben gewesen.

Ja, sie war das Abschiednehmen gewohnt, und sie musste sich eingestehen, dass sie vielmehr erleichtert über den Abschied von Suzanne war, denn sie war gern allein und fand Suzanne etwas aufdringlich.

„Hier, die kannst du bestimmt gebrauchen“, verkündete diese plötzlich.

Maggie betrachtete die begehrte Karte für die Sternentour an diesem Abend und lächelte dann. „Bist du sicher?“

„Klar, ich brauche sie nicht mehr. Ich wollte sie zurückgeben und mir den Betrag erstatten lassen …“

Schnell gab Maggie ihr das Geld, das Tazia ihr erstattet hatte. „Ich stehe ganz unten auf der Warteliste.“

„Dann musst du die Tour unter meinem Namen machen. Ich habe das Paket mit dem Ritt auf dem Kamel gebucht.“ Suzanne lächelte. „Du musst dich beeilen, denn der Bus fährt um acht.“

Maggie blieb gerade noch genug Zeit, um sich das Haar zu einem Pferdeschwanz zu binden und eine kleine Reisetasche zu packen.

Suzanne setzte ihren Rucksack auf. „Ich gehe dann.“

„Gute Reise.“

„Dir auch. Und vergiss nicht“, fügte Suzanne im Hinausgehen hinzu, „heute Nacht bist du ich.“

2. KAPITEL

Kronprinz Scheich Ilyas von Zayrinia war geboren worden, um einmal König zu werden.

Seine Eltern hatten eigentlich nie Kinder haben wollen, ihrem Land aber den Thronerben geschenkt und dann noch einen Ersatz bekommen.

Außer bei offiziellen Anlässen hatte Ilyas sie kaum gesehen, denn man hatte ihn in einem abgelegenen Teil des Palasts aufgezogen. Er war von Kindermädchen versorgt und von den Ältesten unterrichtet worden. Es war ein anstrengendes Leben gewesen, in dem es ihm völlig an Liebe gefehlt hatte.

Als er vier Jahre alt war, war Prinz Hazin von Zayrinia zur Welt gekommen und hatte damit den Onkel, den sein Vater verachtete, an die dritte Stelle in der Thronfolge verwiesen. Erst als Ilyas zwei Monate später neben seinen Eltern auf dem Balkon des Palasts stand, war ihm klar geworden, dass das Baby in den Armen seiner Mutter sein Bruder war.

Seine Eltern hatten ihm nicht einmal erlaubt, ihn zu betrachten, und sie beide meistens voneinander getrennt. Irgendwann hatten sie Hazin sogar auf ein Internat in England geschickt.

Schließlich sollte er, Ilyas, irgendwann die Thronfolge antreten. In den ersten zwanzig Jahren war er seinen Verpflichtungen nachgekommen, sodass alle geglaubt hatten, er hätte verinnerlicht, was die Älteren ihm beigebracht hatten. Seine Eltern dachten, es wäre das Ergebnis seiner strengen Erziehung. Was sie allerdings nicht verstanden, war die Tatsache, dass er sich bewusst entschieden hatte, sich an ihre Regeln zu halten.

Vorerst zumindest.

Als Ilyas zweiundzwanzig wurde, ereignete sich im Palast eine Tragödie. Im Beisein seines Beraters Mahmoud teilte ihm sein Vater während einer Besprechung mit, dass eine königliche Hochzeit das Volk aufheitern würde und es Zeit für ihn wäre zu heiraten.

Entschieden schüttelte Ilyas den Kopf. „Ich muss noch nicht heiraten.“

Stirnrunzelnd funkelte König Ahmed ihn an, doch Ilyas ließ sich nicht umstimmen. Er hatte viele Zukunftspläne, aber eine Frau spielte darin keine Rolle. In den nächsten Jahrzehnten kam eine Ehe für ihn nicht infrage.

„Unser Volk würde sich sehr über eine Hochzeit und später über die Geburt eines Thronfolgers freuen“, verkündete sein Vater.

„Das Volk braucht Zeit zum Trauern“, erwiderte Ilyas. „Ich werde heiraten, wenn der Zeitpunkt gekommen ist, nicht wenn du es beschließt.“ Dann blickte er Mahmoud an, der blass geworden war, weil er die Autorität des Königs anzweifelte.

„Ich wünsche, dass du heiratest“, brüllte dieser nun.

„Die Ehe ist eine lebenslange Verpflichtung, die ich noch nicht eingehen will. Vorerst wird mir der Harem genügen.“ Erneut warf Ilyas Mahmoud einen Blick zu. „Und nun zum nächsten Punkt.“

Ilyas war streng, aber gerecht, ausgeglichen und alles andere als gefühlskalt, und das Volk von Zayrinia liebte ihn und sehnte heimlich den Tag herbei, an dem er die Thronfolge antreten würde. Während der Gesundheitszustand seines Vaters sich verschlechterte, gewann er mehr Macht und Einfluss, für seinen Geschmack allerdings noch nicht genug. Als Mahmoud ihn an einem Freitag über eine neue Krise informierte, nahm er endgültig das Heft in die Hand.

„Ich kümmere mich schon darum“, informierte er seinen Vater ruhig, wobei seine braunen Augen ärgerlich funkelten. Warum, zum Teufel, hatte Mahmoud die neuesten Fehltritte seines jüngeren Bruders in Gegenwart des Königs ansprechen müssen?

„Aber was für eine Art Party war das?“, hakte dieser nach.

„Das war nur ein zwangloses Treffen“, erwiderte Ilyas gewandt. „Du hast doch selbst gesagt, Hazin sollte öfter nach Hause kommen.“

„Ja, aber um seinen Verpflichtungen nachzukommen.“ Nachdem er seinen Berater angesehen hatte, fragte der König erneut: „Was für eine Party hat er auf seiner Jacht veranstaltet?“

Ilyas konnte sich denken, welche Ausschweifungen dort stattgefunden hatten. Dafür war sein Bruder schließlich berüchtigt. Im Palast hatte man alle Hände voll damit zu tun, die Skandale, die sein Bruder verursachte, nicht an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen, und der König spielte nun mit dem Gedanken, seinen Jüngsten zu enterben und ihm den Titel und damit alle Rechte zu entziehen.

In den Augen der meisten Menschen hätte Hazin es verdient. Er, Ilyas, hingegen ließ sich von der Meinung anderer nicht beeinflussen, nicht einmal von der seines Vaters, des Königs.

„Ich habe vor seiner Abreise mit Hazin gesprochen“, informierte er diesen nun. „Er hat mir versichert, dass er nur einen Tagestörn mit Freunden machen würde, bevor er nach London zurückfliegt.“

„Und hast du ihn daran erinnert, dass ihm das Apartment in London nicht mehr zur Verfügung steht, sobald es auch nur den Verdacht eines Skandals gibt?“, erkundigte sich König Ahmed. „Hast du ihm gesagt, dass seine Konten gesperrt werden und er auch die königlichen Jets und Jachten nicht mehr bekommt?“

„Ja, das habe ich“, erwiderte Ilyas.

„Vielleicht könnte er besser mit Geld umgehen, wenn er seinen Lebensunterhalt selbst verdienen müsste.“

„Hazin hat sein eigenes Vermögen, über das er frei verfügen kann“, erinnerte Ilyas ihn.

„Bei seinem Lebensstil reicht das aber nicht mehr lange“, erklärte der König verärgert. „Man sollte sich darum kümmern, Ilyas.“ Er verließ das Büro, und sobald die Türen sich hinter ihm geschlossen hatten, ergriff ein sichtlich besorgter Mahmoud das Wort.

„Ihr Vater sollte wissen, dass man das Königshaus erpresst. Es gibt eine Katastrophe, wenn das bekannt wird“, beharrte er. „Hazin hat schon zu viele Freiheiten gehabt und zu viele letzte Chancen bekommen.“

„Ich sagte ja, ich werde mich darum kümmern“, warnte Ilyas ihn.

„Aber König Ahmed sollte es erfahren! Diese Leute müssen ausgezahlt werden. Ich bin schon seit fast einem halben Jahrhundert sein Berater …“

„Dann sollten Sie in den Ruhestand gehen“, unterbrach Ilyas ihn, woraufhin Mahmoud einen entrüsteten Laut ausstieß. „Wir dürfen Drohungen nicht nachgeben.“ Dann zuckte Ilyas abschätzig die Schultern. „Wahrscheinlich gibt es gar keine verfänglichen Aufnahmen.“

„Da bin ich mir nicht so sicher.“ Nun, da der König nicht mehr dabei war, räumte Mahmoud noch mehr ein. „Wenn die Zahlung nicht bis Montagmittag erfolgt, werden sie das Bildmaterial veröffentlichen. Die Frau hat sich wieder mit uns in Verbindung gesetzt.“

Ilyas las die Mails, die in der vergangenen Woche auf dem privaten Server eingegangen waren und in denen die Forderungen nun deutlicher waren und die Summe und den Übergabeort enthielten.

„Sie ist dreist“, bemerkte Mahmoud.

„Nein“, entgegnete Ilyas. „Falls diese Suzanne glaubt, sie könnte mich erpressen, ist sie dumm.“

Als er die Fotos betrachtete, die Mahmoud ihm reichte, wusste er sofort, dass sie an Bord der Jacht seines Bruders entstanden waren. Eins zeigte eine atemberaubende Rothaarige mit grünen Augen und heller Haut in einen grünen Bikini. Ein anderes war sehr grobkörnig, als hätte man es mit Zoom aus größerer Entfernung aufgenommen, und zeigte sie auf einem Bett liegend in der königlichen Kabine, die Hazin gerade betrat.

Der Mail zufolge enthielt der Film, den man in der Kabine aufgenommen hatte, eindeutige Szenen, doch das glaubte Ilyas nicht. „Hätten sie mehr Material, hätten sie es längst geschickt.“

„Sie haben noch mehr“, widersprach Mahmoud, während Ilyas den nächsten Schnappschuss betrachtete.

Dieser zeigte seinen jüngeren Bruder in einer alles andere als königlichen Pose – Hazin war splitternackt, schien allerdings nur zu duschen, wahrscheinlich nachdem er geschwommen war.

„Das ist nichts, was unser schwer geprüftes Volk nicht schon gesehen hätte. Im Internet kursieren unzählige Nacktfotos von Hazin, auf denen man ihn sogar von vorn abgeschossen hat.“

„Das Foto ist hier in Zayrinia entstanden“, wandte Mahmoud ein und sprach damit Ilyas’ Gedanken aus. „Man kann im Hintergrund sogar den Palast erkennen. Der König hat seinem Volk versprochen, dass es keine Skandale mehr um Hazin geben wird.“

Dann war sein Vater derjenige, der dumm war.

So ähnlich sein Bruder und er sich äußerlich auch sein mochten, so unterschiedlich waren sie vom Charakter her. Er, Ilyas, konzentrierte sich immer auf das Wesentliche und war extrem beherrscht, während sein Bruder das Leben eines Playboys führte. Nachdem er Hazin vor dessen Besuch gewarnt hatte, vertraute Ilyas allerdings darauf, dass dieser sich zumindest in seinem Heimatland bedeckt gab.

Momentan befand Hazin sich an Bord des königlichen Jets auf dem Rückflug nach London, ohne etwas von den jüngsten Entwicklungen in dem sich anbahnenden Skandal zu ahnen.

„Wenn diese Frau noch mal Kontakt zu uns aufnimmt, informieren Sie sofort mich, nicht meinen Vater“, wies Ilyas den Berater an, der sich offenbar in einem Gewissenskonflikt befand.

Immer wieder hatte er seinen Bruder gewarnt, dass er an Paparazzi mit Teleobjektiven denken sollte, doch diese Fotos hatte man offenbar mit einem Smartphone gemacht.

Erneut betrachtete er die Schnappschüsse. Ungeachtet seiner arroganten Reaktion auf Mahmouds Einwand konnte allein das Nacktfoto großen Schaden anrichten. Das Volk nahm Hazins Verfehlungen im Ausland nicht so schwer, würde ihm allerdings nicht so leicht verzeihen, wenn er in seinem Heimatland für Skandale sorgte.

Ilyas betrachtete die Frau. War das diese Suzanne oder nur der Lockvogel? Auf jeden Fall hätte er es nachvollziehen können, wenn sein Bruder auf sie hereingefallen war.

Sie war atemberaubend. Ihr langes, welliges rotes Haar wehte im Wind, und sie hatte sehr helle Haut mit Sommersprossen auf Armen und Beinen. Außerdem war sie schlank, hatte eine sehr weibliche Figur und volle Lippen. Ihr Lächeln wirkte allerdings nicht echt.

„Tun Sie nichts ohne meine Anweisungen“, bekräftigte er. „Und setzen Sie sich mit mir in Verbindung, wenn nötig. Ich gehe jetzt in den Hamam.“

„Hoheit.“ Mahmoud nickte und verbeugte sich, als Ilyas den Raum verließ.

Der Palast war ein richtiges Kunstwerk. Man hatte ihn oberhalb einer langen Schlucht um eine natürliche Oase erbaut, die immer noch existierte. Er war sehr groß, und während der Westflügel zur endlosen Wüste hinaus lag, hatte man von den anderen Seiten einen herrlichen Blick auf die weiter unten liegende Stadt. Und er barg einige Geheimnisse, denn er lag nicht nur auf den Felsen, sondern man hatte ihn aus diesen herausgehauen. Die unterirdischen Tunnel waren alle mit alten Zeichnungen und detailgetreuen Mosaiken verziert.

Ilyas ging die Stufen hinunter, von denen die ersten aus Marmor und die restlichen aus Stein waren. Hier unten war es kühler. Er durchquerte seinen privaten Tunnel, der von Stumpenkerzen erhellt war. Als er das Wasser in der Ferne rauschen hörte, hoffte er, er könnte das ungute Gefühl bald abschütteln.

Der Hamam war wunderschön, und gewisse Bereiche waren von mehreren Seiten zugänglich, doch nur wenige Personen durften diesen Weg nehmen. Es war eine Welt, von deren Existenz nur wenige Menschen wussten.

Den Mittelpunkt bildete ein natürlicher Wasserfall, daneben gab es noch einige kleinere, und das Wasser sammelte sich in mehreren Becken unter dem Hamam. Bei bestimmtem Lichteinfall glühte der Eingang zu einem der Höhlenbecken dunkelrot wegen der nicht abgebauten Rubine im Felsen. Tagsüber ließen die hereinfallenden Sonnenstrahlen die Höhle wie eine natürliche Kathedrale wirken, nachts spiegelten sich der Mond und die Sterne im Wasser.

Ilyas legte das traditionelle Gewand ab und stieg in ein tiefes Tauchbecken. Doch als er wieder an die Oberfläche kam, war er immer noch angespannt. Obwohl er es sich Mahmoud gegenüber nicht hatte anmerken lassen, machte er sich große Sorgen. Er wusste, dass er genauso gefühlskalt und gleichgültig wie sein Vater wirkte, doch er war ganz anders als dieser.

Auf keinen Fall wollte er, dass sein Bruder enterbt wurde, wusste allerdings, dass der Tag nicht mehr fern war. Und er konnte nichts dagegen tun, außer wachsam zu sein. Trotzdem versuchte er jetzt, sich zu entspannen.

Nur selten hatte er ein ganzes Wochenende zur freien Verfügung. Normalerweise hatte er immer mehrere Termine, und oft musste er ins Ausland reisen, um neue Beziehungen zu knüpfen oder die zu retten, die sein Vater zerstört hatte.

Nachdem er eine Masseurin zu sich gerufen hatte, ging Ilyas zu dem großen Marmorstein in der Mitte des Bereichs und legte sich auf den Bauch, um sich mit Salz einreiben zu lassen.

Bald würde er aufstehen und sich das Salz unter dem Wasserfall abspülen. Während er in die Wüste hinausblickte, beschloss er, später eine Frau aus dem Harem kommen zu lassen. Zwar lag sein Vater ihm immer noch ständig damit in den Ohren, dass er eine Braut suchen sollte, doch er blieb hartnäckig.

Aus dem Tunnel, der zum Harem führte, drang lautes Lachen, und über ihm hing ein Samtband, an dem er jederzeit ziehen konnte. Während er dort lag, das Gesicht auf dem Arm, und an Sex dachte, kam ihm die Frau auf dem Foto in den Sinn.

Geschickt bearbeitete die Masseurin seinen Rücken, doch es war nicht ihre Fingerfertigkeit, die ihn veranlasste, seine Position auf dem kühlen Marmor zu verändern. Es war der Gedanke an jene Frau mit dem flammend roten Haar und der hellen, sommersprossigen Haut, der ihn erregte.

„Hoheit“, hörte er plötzlich Mahmouds Stimme. „Bitte entschuldigen Sie die Störung.“

„Was gibt es?“, fragte Ilyas ungehalten.

„Die Frau auf dem Foto …“

„Was ist mit ihr?“, fragte Ilyas scharf.

„Ich habe gerade erfahren, dass sie noch im Land ist. Anscheinend hat sie für heute Nacht eine Tour gebucht.“

„Dann hatte ich recht“, erklärte Ilyas unwirsch. „Sie ist dumm.“

„Wir haben ihr Telefon geortet, und es sieht so aus, als würde sie an der Sternentour in die Wüste teilnehmen.“

„Wegen des angekündigten Sandsturms werden heute wohl kaum Sterne zu sehen sein.“ Der Sandsturm sollte erst am nächsten Tag aufziehen, aber der Himmel hatte sich bereits rot gefärbt. „Heute Nacht sollten sich keine Touristen in der Wüste aufhalten.“

„Sie sind trotzdem gefahren. Diese Frau ist dort draußen, Hoheit.“ Mahmoud deutete in Richtung Wüste.

Ilyas wusste, dass einige der Reiseveranstalter Unwetterwarnungen einfach ignorierten. Das war ein ständiges Thema, das ihn in diesem Moment allerdings nicht interessierte.

„Sicher lässt sie’s darauf ankommen, aber wir haben einige Leute auf sie angesetzt.“ Ilyas zögerte, denn sein Vater hatte deutlich klargestellt, dass er Hazin keine weitere Chance mehr geben würde. Falls diese Geschichte also auch nur das kleinste Körnchen Wahrheit enthielt, würde er ihn enterben.

„Bringen Sie diese Suzanne zu mir.“

„Hierher?“, fragte Mahmoud entsetzt. „Wenn der König davon erfährt …“

„Nicht hierher“, unterbrach Ilyas ihn. „Bringen Sie sie zu der Residenz in der Wüste. Ich werde dort mit ihr sprechen.“

„Sie könnten auch von dem Sandsturm abgeschnitten werden.“

Er kannte die Wüste und hielt sich immer gern dort auf, vor allem wenn er zu sich selbst finden wollte. Die Vorstellung, dort vom Sandsturm abgeschnitten zu werden, schreckte Ilyas überhaupt nicht ab.

„Vielleicht hätte diese Suzanne sich darüber Gedanken machen sollen, bevor sie uns gedroht hat.“

Nachdem er Mahmoud mit einer Handbewegung entlassen hatte, griff Ilyas nach dem Band, hielt jedoch mitten in der Bewegung inne. Dann stand er auf und ging zu dem Wasserfall, um sich das Salz abzuspülen.

Erst würde er sich um diese unmögliche Frau kümmern, und danach würde er eine Haremsdame auswählen.

3. KAPITEL

Maggie wollte es nicht eingestehen. Nicht einmal sich selbst gegenüber. Aber nachdem sie der Tour derart entgegengefiebert hatte, erwies diese sich nun als völlig anders als erwartet: nämlich als ausgesprochen enttäuschend. Der Kamelritt Bis ins Herz der Wüste hatte einschließlich Auf- und Absitzen weniger als eine Stunde gedauert.

„Auf Wunsch der Beduinen dürfen wir nicht weiter reiten“, erklärte einer der Führer. Als ein Paar sich lautstark beschwerte, fügte er hinzu: „Die Veranstalter haben schon Anträge auf Gesetzesänderungen eingereicht. Die endgültige Entscheidung liegt beim König.“

Nach dem Abendessen setzte die Gruppe sich um ein großes Feuer und verfolgte die Darbietung der Bauchtänzerinnen, während die Sonne unterging. Leider war der Himmel bewölkt und die Sicht zusätzlich durch den im Osten aufziehenden Sandsturm eingeschränkt.

Trotzdem war es ziemlich spektakulär. Fasziniert beobachtete Maggie, wie die vom Sand und Staub rot gefärbte Mondsichel hinter den Wolken verschwand und wieder auftauchte. Dabei lauschte sie gespannt den Ausführungen des Reiseleiters.

„Unter dem Palast befindet sich ein Fluss, dessen Wasser an einer Stelle bis zum heutigen Tag rot gefärbt ist. Der Legende nach hat man einem jungen Prinzen dort die Ehe mit seiner Geliebten verweigert, und er ist an gebrochenem Herzen gestorben. Seitdem macht der Kronprinz keiner Frau mehr den Hof. Die Liebe ist etwas für gewöhnliche Sterbliche. Ein König darf sich nur von seinem Verstand leiten lassen.“

Nachdem der Wind merklich aufgefrischt hatte, fanden die Führer sich zu einer kurzen Besprechung zusammen. Maggie vermutete, dass sie überlegten, ob sie die Tour abbrechen sollten. Als dann jedoch jenes Paar verkündete, dass in dem Fall der Veranstalter sämtliche Kosten erstatten müsste, beschloss man, in der Wüste zu bleiben.

Während man die anderen zu ihren Schlafbereichen führte, blieb Maggie am Feuer stehen. In einiger Entfernung lag der Palast hinter einer tiefen Schlucht. Sie dachte an vergangene Zeiten und an die Legenden um längst verstorbene Mitglieder des Königshauses, die alles bekommen hatten außer Liebe.

Selbst ohne Sternenhimmel war Zayrinia unbeschreiblich schön.

„Suzanne!“

Erst als sie den Namen zum dritten Mai hörte und der Mann zunehmend ungeduldiger klang, reagierte Maggie. Sie hatte ganz vergessen, dass sie heute Nacht eine andere Identität angenommen hatte.

Der Führer winkte sie zu sich und deutete auf einen kleinen abgetrennten Bereich mit einer einfachen Matratze, von der aus sie den Nachthimmel betrachten konnte. Allerdings riet er ihr, das Dach zu schließen.

Nachdem sie sich bei ihm bedankt hatte, streifte sie die Schuhe ab und legte sich für den Rest der Nacht hin. Leider erschien kein einziger Stern am Himmel. Zu ihrer Linken beschwerte sich gerade das nervtötende Paar über die harte Matratze, zu ihrer Rechten schnarchte ein Mann.

Von den vielen Highlights des vergangenen Jahres war Zayrinia zweifelsohne das größte. Sie hatte sich in dem Land sofort wohlgefühlt, was eher untypisch für sie war. Schließlich hatte sie gelernt, keine enge Bindung zu Menschen, geschweige denn zu Orten aufzubauen. Doch dieses Land hatte etwas an sich, das sie faszinierte.

Während die Wolken immer schneller vorüberzogen, wurden die Geräusche ihrer Mitreisenden schon bald vom Heulen des Windes übertönt.

Es war wirklich ein aufregendes Jahr gewesen. Und sie wäre niemals aufgebrochen, wäre ihre Mutter nicht gewesen. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, denn ihre Mutter war der Grund dafür, dass sie hier war. Und sie vermisste sie so sehr.

Erin Delaney war mit siebzehn schwanger geworden, und Maggie hatte ihren Vater nie kennengelernt. Trotzdem hatte sie eine sehr glückliche Kindheit verlebt. Noch immer, wenn sie Angst hatte oder sich einsam fühlte, erinnerte sie sich an jene glücklichen Zeiten. Ihre Mutter hatte ihr immer gesagt, sie sollte sich später die Welt ansehen. Und sie hatte ihr erzählt, dass sie jeden Penny sparen würde, um im darauffolgenden Jahr mit ihr nach Paris reisen zu können.

Dazu war es allerdings nicht mehr gekommen. Erin war schwer an Krebs erkrankt und hatte den Kampf schließlich verloren. Sie hatte ihr eine kleine Summe hinterlassen, die Maggie an ihrem einundzwanzigsten Geburtstag bekommen hatte. In dem beigefügten Brief hatte sie ihr geschrieben, dass sie hoffte, Maggie würde ihre Flügel ausbreiten und die Welt kennenlernen, so, wie es ihr nicht mehr vergönnt gewesen war.

Jene Summe hatte den Grundstein für ihre einjährige Auszeit gebildet, doch Maggie hatte zwei Jahre gebraucht, um genug Geld zu sparen. Sie hatte erst Europa und anschließend Amerika, Asien und Australien bereist, bevor sie auf dem Rückflug einen Zwischenstopp im Mittleren Osten eingelegt hatte. Am Montag würde sie wieder in London eintreffen und eine Woche später an ihren alten Arbeitsplatz zurückkehren.

Es fiel Maggie schwer, wach zu bleiben, denn sie wollte jeden Moment auskosten. Doch sie war früh aufgestanden und zu lange in der Sonne gewesen. Schon bald fielen ihr die Augen zu.

Zuerst dachte sie, das Geräusch würde daher rühren, dass das Zelt im Wind flatterte, aber dann umfasste jemand ihre Schulter, und bevor sie schreien konnte, spürte sie eine Hand auf dem Mund. Es geschah alles ganz schnell – im nächsten Moment schleifte man sie aus dem Zelt und durch den Sand.

Sie wehrte sich nach Kräften, doch es handelte sich um mehrere Personen, und der Wind übertönte ihre verzweifelten Schreie. Nicht einmal eine Minute später verfrachtete man sie in ein Fahrzeug, das sich sofort in Bewegung setzte.

„Was wollen Sie?“, fragte sie, sobald die Person die Hand von ihrem Mund nahm, bekam aber keine Antwort.

Schließlich blieb der Wagen stehen, und man zog sie heraus. Hatte sie vorher geglaubt, sie hätte sich gefürchtet, war das nichts im Vergleich zu dieser Situation, als ihr der aufgewirbelte Sand ins Gesicht peitschte und sie in die Scheinwerfer eines Hubschraubers blickte.

„Yalla! Yalla!“, rief ein Mann, was bedeutete, dass sie sich beeilen sollten.

„Bitte …“, flehte sie, nicht nur weil sie gekidnappt wurde, sondern weil es auch viel zu stürmisch zum Fliegen war. Allerdings war ihr klar, dass es keinen Sinn hatte zu kämpfen. Und noch immer weigerte sie sich zu weinen.

Was für eine Ironie! Erst vor wenigen Stunden war sie enttäuscht gewesen, weil sie nicht weiter in die Wüste fahren konnte, und nun erstreckte sich die endlose Weite tief unter ihr.

Es war nicht das erste Mal, dass man sie aus einem Bett gezerrt hatte. Maggie versuchte, die Erinnerungen zu verdrängen, gab dann allerdings nach, weil diese stärker wurden und sie auf eine seltsame Art trösteten.

Rückblickend konnte sie nun viel besser als damals verstehen, was ihr widerfahren war. Das grelle Licht, die Fremden in ihrem Zimmer … Erin hatte einen Krankenwagen gerufen, und nun wurde Maggie klar, dass ihre Mutter den Sanitätern gesagt haben musste, sie hätte ein Kind.

Damals war es ein Schock für sie gewesen, aus dem Bett gehoben und zu einem Krankenwagen getragen zu werden. Während der ganzen Fahrt hatte sie Erins Hand gehalten und ihr immer wieder versichert, wie sehr sie sie lieben würde. Im Krankenhaus hatte man sie in einen kleinen Raum geführt, in dem sie warten sollte, und ihr dort später auch eröffnet, dass ihre Mutter verstorben war.

Das war Angst, sagte Maggie sich nun, als sie in die dunkle Nacht hinausblickte. Mit dieser Situation konnte sie fertig werden. Und es musste eine logische Erklärung dafür geben.

„Was wollen Sie von mir?“, fragte sie einen der Männer, doch entweder verstand er sie nicht oder wollte nicht antworten.

Der Helikopter flog nun im Kreis, blieb kurz in der Luft stehen und wurde dann von einer Bö angehoben. Die Männer wirkten sichtlich angespannt, als der Pilot landete.

Unter ihnen erkannte Maggie eine Gruppe von Zelten – ein großes weißes, das von mehreren kleineren umgeben war. Als der Hubschrauber aufsetzte, atmete sie erleichtert auf. Im nächsten Moment zog man sie hinaus, und eine große Hand drückte ihren Kopf nach unten, während man sie weiterzerrte.

Es war kalt, der Sand peitschte ihr ins Gesicht, und dann wurde sie geschubst – oder stolperte sie?

Maggie ging in die Knie und rechnete damit, dass man sie wieder hochzog, aber sie wollte allein aufstehen. Es dauerte einen Moment, bis ihr bewusst wurde, dass sie jetzt allein war.

Das Rotorengeräusch des Hubschraubers und das Heulen des Windes waren ohrenbetäubend, und Maggie beschirmte die Augen mit der Hand, als sie feststellte, dass man sie mitten in der Wüste im Sandsturm ausgesetzt hatte. In der Ferne konnte sie ein großes weißes Zelt ausmachen.

Es war größer als das Zirkuszelt, in dem sie als Kind gewesen war. Und wie so oft in einer beängstigenden Situation erinnerte sie sich an glücklichere Zeiten, an einen Zirkusbesuch mit ihrer Mutter, bei dem sie beide viel Spaß gehabt hatten. Damals hatte sie noch nicht gewusst, wie kostbar diese Zeit war.

Aber jetzt war sie eine Kämpferin, und wenn sie hier überleben wollte, blieb ihr kaum etwas anderes übrig, als Schutz im Zelt zu suchen. Oder nicht?

Flüchtig wandte sie sich in die andere Richtung und überlegte, ob sie weglaufen und diese Leute – wer immer sie sein mochten – zwingen sollte, sie zu holen. Doch schon nach zwei Schritten gab sie auf. Hier draußen im Sandsturm würde sie nicht allein überleben.

Der Wind heulte erbarmungslos, als sie sich langsam durch den weichen Sand auf das Zelt zukämpfte. Dort angekommen, zog sie die schwere Gewebebahn zur Seite, darauf gefasst, noch mehr finstere Gestalten oder gar Gefangene anzutreffen. Ihre Fantasie ging mit ihr durch, und niemals hätte Maggie damit gerechnet, eine ganz andere Welt zu betreten.

Das Innere des Zelts war sanft erleuchtet, und das Heulen des Windes verstummte, sobald der Stoff hinter ihr zufiel. Sie nahm leise Klänge und den Duft von Weihrauch wahr und konnte dem Drang nicht widerstehen, den Flur entlangzugehen, der vor ihr lag.

Immer noch barfuß, spürte sie weiche Teppiche unter den Füßen, bis sie in einen durch einen dünnen Vorhang abgetrennten Raum gelangte, der sich in der Mitte des Zelts befinden musste. Noch nie hatte sie etwas so Schönes gesehen. Auf dem Boden lagen weitere Teppiche sowie Sitzkissen, die Wandteppiche wurden von flackernden Lichtern erhellt. In der Mitte befand sich ein kleiner Ofen mit einem Abzug, und als sie nach oben blickte, stellte sie fest, dass das Dach sich leicht blähte – der einzige Hinweis auf den Sturm draußen.

Maggie ging zu einem niedrigen Tisch, auf dem Tabletts mit Obst und Teller mit Süßigkeiten sowie reich verzierte Krüge und Kelche standen. Doch obwohl sie Durst hatte, nahm sie sich nichts.

„Bedienen Sie sich.“

Beim Klang der tiefen Männerstimme zuckte sie zusammen, wandte sich allerdings nicht um. „Nein, danke“, entgegnete sie, überrascht und erfreut zugleich, dass ihre Stimme nicht bebte.

„Drehen Sie sich um“, wies der Mann sie an. „Oder haben Sie nicht den Mumm, Ihre Forderungen in meiner Gegenwart zu wiederholen?“

„Forderungen?“ Nun wirbelte Maggie herum, bereute es aber sofort, denn sie sah sich dem attraktivsten Mann gegenüber, dem sie je begegnet war.

Und das durfte nicht sein, denn er war ihr Kidnapper. In diesem Moment war ihr klar, dass die Männer, die sie hierhergebracht hatten, nur seine Gefolgsleute waren, denn er war der geborene Anführer.

Er war größer als die anderen und trug ein traditionelles dunkles Gewand und auf dem Kopf die Kufiyah, das von einer Kordel gehaltene Tuch. Obwohl er unrasiert war, war sein Erscheinungsbild makellos. Er hatte markante Züge und dunkle Augen, doch vor allem sein Mund faszinierte sie.

„Ich schätze, Sie wissen, warum Sie hier sind?“

Sein Englisch – oder vielmehr sein vornehmer Akzent – überraschte sie. Erneut sah sie ihm in die Augen und erwiderte seinen Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. Auf keinen Fall wollte sie ihm zeigen, wie groß ihre Angst war. Und sie würde ihm erst antworten, wenn er ihr den Grund für ihre Anwesenheit verriet.

„Dachten Sie wirklich, das Ganze würde ohne Folgen bleiben, Suzanne?“

Sofort ließ sie ihren Vorsatz fallen, denn in diesem Moment wurde ihr klar, dass es sich um eine Verwechslung handelte. Dies war die Erklärung, nach der sie vorher gesucht hatte. Und sobald dieser Mann das erfahren würde, wäre sie frei.

Also räusperte Maggie sich und antwortete: „Ich bin nicht Suzanne.“

4. KAPITEL

Der Fremde dachte überhaupt nicht daran, sich bei ihr zu entschuldigen, wirkte allerdings auch so, als hätte er das noch nie in seinem Leben bei irgendjemandem getan. „Es handelt sich um eine Verwechslung“, bekräftigte Maggie. „Ich bin nicht Suzanne.“

„Nein, natürlich nicht.“ Abfällig zuckte er die Schultern. „Ich hatte auch nicht damit gerechnet, dass Sie Ihren richtigen Namen benutzen.“

„Aber ich kenne sie …“ Nun wurde ihr einiges klar, auch wenn sie keine Ahnung hatte, was Suzanne im Schilde führte und was dieser Fremde von ihr wollte. „Ich habe die Tour in die Wüste mit Suzannes Karte gemacht. Das hat sich erst in letzter Minute ergeben.“

„Und? Wo ist sie jetzt?“

„Das weiß ich nicht genau“, wich Maggie aus. „Jedenfalls hat das hier nichts mit mir zu tun.“

„Oh doch, das hat es!“

„Mein Name ist Maggie. Maggie Delaney. Und ich habe keine Ahnung, wer Sie sind.“

Das schien ihn zu amüsieren. Lächelnd kam er auf sie zu. Als er die Hand ausstreckte, zuckte sie zusammen. Er umfasste ihr Kinn und zwang sie, ihm in die Augen zu sehen, in denen ein verächtlicher Ausdruck lag.

„Dann möchte ich mich Ihnen vorstellen. Ich bin Scheich Ilyas al-Razim …“

Sie kannte diesen Namen.

„Sie werden sich jetzt mit mir auseinandersetzen. Ich habe nämlich beschlossen, der Schlange selbst den Kopf abzuschlagen.“

„Ich weiß nicht, was Sie von mir wollen.“

Nun ließ er sie los und ging zu einem anderen niedrigen Tisch, von dem er einen Ordner nahm, den er ihr reichte.

„Hatten Sie einen schönen Tag auf der königlichen Jacht?“

Mit zittrigen Händen nahm Maggie den Ordner entgegen und schlug ihn auf. Dabei fiel ihr Blick auf ein Foto von sich im Bikini, auf dem sie lächelte. Allerdings wusste sie, wie schwer es ihr in jenem Moment gefallen war. Ihr Unbehagen war jedoch nichts im Vergleich zu dem, das sie jetzt empfand, als ihr klar wurde, dass man sie heimlich fotografiert und der Scheich die Aufnahme betrachtet hatte.

„Es gibt noch mehr Fotos“, informierte er sie.

Und das war tatsächlich der Fall. Eine weitere Aufnahme zeigte sie auf dem Bett, als Hazin die Kabine betrat. Ihr wurde übel.

„Machen Sie weiter“, forderte der Scheich sie ruhig auf.

Das nächste Bild zeigte den Prinzen – lachend und splitterfasernackt! Schnell wandte Maggie den Blick ab, begegnete jedoch dem des Scheichs, und dieser war alles andere als freundlich.

„Was für eine Beziehung haben Sie zu meinem Bruder?“, fragte er.

Dies war also der ältere Bruder, von dem Hazin alles andere als freundlich gesprochen hatte.

„Gar keine.“

„Sie teilen also oft das Bett mit Männern, zu denen Sie keine Beziehung haben?“

„Nicht oft, nein …“

Die Ironie ihrer Worte entging ihm, denn sie hatte noch nie zuvor mit einem Mann das Bett geteilt.

„Wenn diese Sexvideos an die Öffentlichkeit gelangen …“

Nun musste Maggie lachen. Vielleicht war es der Schock darüber, sich plötzlich mitten in der Wüste wiederzufinden. Vielleicht auch die Ironie, dass man ihr, einer vierundzwanzigjährigen Jungfrau, vorwarf, in einen Sexskandal mit dem Prinzen verwickelt zu sein.

„Finden Sie das etwa lustig?“, hakte der Scheich grimmig nach.

„Ich finde es bizarr, aber ja, die Vorstellung, dass ich auf einem Sexvideo auftauche, ist wirklich lächerlich.“ Als er die Stirn runzelte, fuhr sie schnell fort: „Ich kann Ihnen versichern, dass es keine Sexvideos gibt – jedenfalls nicht mit mir.“

Er schwieg.

„Ich hatte einen Sonnenstich“, erklärte sie. „Deshalb habe ich mich hingelegt.“

„Offensichtlich haben Sie sich aber schnell davon erholt“, meinte er nachdenklich. „Sonst hätten Sie ja die Tour heute Abend nicht gemacht.“ Nun schien er ihrer überdrüssig zu sein. „Wir reden später.“ Er rief etwas auf Arabisch, dann erklangen leise Glöckchen, und zwei in Schwarz gekleidete Frauen kamen herein. „Gehen Sie, und machen Sie sich hübsch.“

„Hübsch?“, wiederholte Maggie ungläubig. Dann wurde sie jedoch nervös, weil ihr einfiel, dass er die Fotos von ihr gesehen hatte und sie vielleicht aus dem Grund hierhergebracht hatte. „Falls Sie auch nur einen Moment glauben …“

„Gehen Sie, und machen Sie sich frisch“, fiel Ilyas ihr ins Wort.

„Sie können mich nicht hierbehalten“, erklärte sie. „Ich fliege Montag nach Hause.“

„Wann genau?“

„Morgens.“

„Wie praktisch, wenn die Videos am Mittag veröffentlicht werden sollen.“ Der Scheich schüttelte den Kopf. „Noch gehen Sie nirgendwohin, aber wir reden später weiter. Die Sonne geht erst in einigen Stunden auf, und Sie sollten noch etwas schlafen. Ich möchte lieber mit Ihnen sprechen, wenn Sie ausgeruht sind. Dass Sie sich über etwas so Ernstes amüsieren, ist beunruhigend. Vielleicht liegt es an dem Sonnenstich?“

„Ich hatte keinen Sonnenstich“, räumte Maggie schließlich ein.

„Ich weiß.“

„Wahrscheinlich hat mir jemand etwas in den Drink getan.“ Als er schwieg, fügte sie hinzu: „Und ich bin überhaupt nicht müde.“

„Aber Sie hatten so einen langen Tag, auf der Jacht mit meinem Bruder, dann die Tour in die Wüste …“

Sein Sarkasmus prallte an ihr ab. „Ganz zu schweigen von dem Kidnapping.“

Nicht einmal der Hauch eines Lächelns umspielte seine Lippen. „Was hatten Sie denn erwartet? Sie erpressen das Königshaus. Dachten Sie etwa, wir würden einfach nur das Geld übergeben?“

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden.“

Ilyas betrachtete die Fotos in ihren Händen. „Wie lange waren Sie mit ihm allein?“

„Ein paar Stunden.“

Nun wusste er, dass sie log. Ihm war klar, wie leicht man seinen Bruder hereinlegen konnte. Immer wieder hatte er diesen gewarnt, dass er vorsichtig sein sollte. Allerdings musste Ilyas sich eingestehen, dass diese Maggie womöglich tatsächlich unschuldig war und gar nicht geahnt hatte, dass das Ganze eine Inszenierung gewesen war.

„Als Sie mit meinem Bruder geschlafen haben …“

„Ich sagte Ihnen bereits, dass nichts passiert ist“, rief sie.

„Oh, bitte“, meinte er wegwerfend. „Was haben Sie denn stundenlang mit meinem Bruder in der Kabine gemacht?“

„Wir haben uns unterhalten.“

Ilyas lachte spöttisch. „Ich wusste gar nicht, dass mein Bruder so ein guter Gesprächspartner ist. Und worüber haben Sie geredet?“

Maggie antwortete nicht. Sie hatte Hazin anvertraut, dass sie ein wenig niedergeschlagen wäre, er hatte sich nach dem Grund erkundigt, und daraufhin hatte sie ihm erzählt, dass es der Todestag ihrer Mutter wäre. Daraus hatte sich dann ein Gespräch entwickelt.

„Ich habe mit der ganzen Sache nichts zu tun“, bekräftigte sie.

„Doch, das haben Sie.“ Der Scheich machte eine abfällige Geste. „Bringen Sie sie hinaus“, wies er die beiden Dienerinnen an.

Diese führten sie in einen Bereich, in dem eine große Wanne mit Wasser stand. Nachdem sie ihr die Fotos abgenommen hatten, begannen sie, sie auszuziehen.

„Nehmen Sie sofort die Hände weg“, rief Maggie, woraufhin die beiden Frauen innehielten – aber nicht nur wegen ihrer Reaktion, sondern weil der Scheich ebenfalls etwas rief.

Nachdem eine der beiden auf einen Vorhang gedeutet hatte, entfernten sie sich. Maggie versuchte, ihre Gedanken zu ordnen und ihre Angst zu unterdrücken. Als sie den Vorhang zurückzog, sah sie, dass es sich um einen von Laternen erhellten luxuriösen Schlafbereich handelte.

Auf dem Bett lag ein dünner Kaftan, den sie in die Hand nahm. Offenbar sollte sie darin schlafen. An einer Wand hing ein hoher Spiegel, in dem sie sich nun betrachtete. Ihr Haar und ihre Sachen waren voller Sand, und nun war ihr klar, warum der Scheich sie aufgefordert hatte, sich hübsch zu machen.

Scheich? Er war auch der Kronprinz.

Maggie rief sich ins Gedächtnis, was Hazin ihr über seine Familie erzählt hatte. Ilyas war der Nächste in der Thronfolge und der zukünftige König. Und er glaubte, sie hätte Sex mit seinem Bruder gehabt und das gefilmt, um ihn zu erpressen?

Und was hatte Suzanne mit alldem zu tun? Sie dachte an die vielen Male, als Suzanne sich ihr Handy geliehen hatte. Nun ergab alles einen Sinn. Maggie zwang sich, ruhig zu bleiben.

Schnell nahm sie ihr Handy aus der Tasche, konnte es allerdings nicht einschalten, denn es war ebenfalls voller Sand. Nun wurde ihr bewusst, dass sie sich in ernsthaften Schwierigkeiten befand. Und sie war froh darüber, dass sie allein war, auch wenn sie nicht in Stimmung war, sich hübsch zu machen. Aber sie brauchte Zeit zum Nachdenken.

Ihr brannten die Augen, und sie hatte schrecklichen Durst, doch sie ignorierte den Krug und den Kelch neben dem Bett. Inzwischen war ihr klar, dass man ihr auf der Jacht etwas in den Cocktail getan hatte, und so etwas wollte sie nicht noch einmal riskieren.

Sie kehrte in den Bereich mit der Wanne zurück, und vor allem um sich zu beruhigen, zog sie sich schließlich aus, stieg in das warme Wasser und überlegte, was sie tun sollte.

Sie musste mit dem Scheich sprechen und ihm alles erklären.

Nachdem sie es geschafft hatte, sich mit dem Krug den Sand aus den Haaren zu spülen, stieg sie aus der Wanne und wickelte sich ein großes Handtuch um. Dann kehrte sie in den Schlafbereich zurück, wo sie sich den Kaftan überstreifte. Trotz der wohligen Wärme zitterte sie am ganzen Körper. Schnell legte sie sich in das große Bett, das herrlich weich war. Eine ganze Weile lag sie so da und blickte zum sich blähenden Zeltdach. Ihre Lider wurden ganz schwer.

Sie versuchte sich damit zu beruhigen, dass die Führer ihr Fehlen am nächsten Morgen bemerken und sie suchen würden. Allerdings hatte einer ihr anvertraut, ohne Erlaubnis des Königs würden sie sich nicht weiter in die Wüste wagen. Und selbst wenn man sie suchte, würde man Ausschau nach Suzanne halten.

Die Panik, die sie seit ihrer Entführung verspürt hatte, wich einem Gefühl der Einsamkeit. Würde überhaupt jemand sie vermissen? Womöglich würde Paul annehmen, dass sie nicht mehr zurückkehrte. Dann war da noch ihre beste Freundin Flo, die vermutlich davon ausgehen würde, dass sie ihre Reise verlängerte. Also könnte es Wochen dauern, bis jemand merkte, dass sie verschwunden war.

Genau diese Ängste quälten sie manchmal – dass sie unbemerkt verschwinden könnte. Und während Maggie diese dunklen Gedanken zu verdrängen versuchte, hörte sie das Klingeln von Glöckchen, und die Dienerinnen kamen mit Erfrischungen herein.

Nachdem sie auf Arabisch abgelehnt hatte, verließen diese wieder den Raum, und erneut hörte sie die Glöckchen. Neugierig stand sie auf und warf einen Blick in den Flur. Dabei stellte sie fest, dass ein Band mit Glöckchen an der Wand hing, die die Dienerinnen offenbar berührten, um ihr Kommen anzukündigen.

Maggie holte die Fotos, die sie im Waschbereich gelassen hatte, und legte sich wieder ins Bett, um sie zu betrachten. Das von Hazin legte sie verdeckt auf den Boden. Plötzlich stellte sie fest, dass sie nicht allein war. Ilyas stand dort, das Tablett in den Händen, das sie verweigert hatte.

„Was ist mit den Glöckchen?“, fragte sie.

„Ich muss keinen Gebrauch davon machen“, informierte er sie, fügte dann jedoch zu ihrer Überraschung hinzu: „In Zukunft werde ich es tun.“

„Hoffentlich haben Sie dann keinen Grund mehr hierherzukommen.“ Sofort bereute sie ihren schnippischen Tonfall, denn er war höflich zu ihr gewesen.

Ilyas zuckte nicht mit der Wimper. Diese Suzanne schien widersprüchlich zu sein. Zwar schien sie sich in ihre Lage zu fügen, begehrte aber ständig auf.

„Sie müssen etwas essen“, beharrte er.

„Nein, muss ich nicht.“ Sie legte sich hin und schloss die Augen. „Ein Mensch kann ohne Weiteres drei Wochen nichts essen.“

„Na gut, aber Sie haben seit Ihrer Ankunft nichts getrunken. Und wir sind in der Wüste …“

„Das ist mir durchaus bewusst“, erwiderte sie scharf.

„Suzanne.“ Da sie nicht antwortete, fügte er hinzu: „Maggie.“

Ihre Augen funkelten vor Zorn, als sie sie öffnete. „Woher soll ich wissen, ob Sie mir was ins Getränk getan haben?“

„Sie können mir vertrauen, Maggie“, sagte er. „Ich werde Sie nicht unter Drogen setzen.“

„Irgendwo habe ich mal gehört, dass man keinem Mann vertrauen soll, der einen mitten in der Nacht kidnappt und in sein Zelt in der Wüste bringt“, bemerkte sie. Als er keine Miene verzog, fügte sie hinzu: „Das war übrigens Sarkasmus.“

„Das ist mir klar.“ Ilyas füllte den Kelch und setzte sich unaufgefordert neben ihr aufs Bett. Angespannt lag sie da, während er trank. „Sehen Sie“, verkündete er, nachdem er den Kelch geleert hatte, „da ist nichts drin.“

„Vielleicht vertragen Sie viel …“

Nun lächelte er – oder vielmehr zuckten seine Mundwinkel. Und dennoch war sie plötzlich alarmiert. Obwohl sie immer noch zugedeckt war, schien es ihr, als wäre sie nackt. Sie war sich seiner Nähe überdeutlich bewusst, sosehr sie sich auch dagegen wehrte.

Warum musste sie ihn nur so schrecklich attraktiv finden? Warum stand sie schon in Flammen, wenn sie ihn nur sah? Und warum musste er obendrein so verführerisch duften?

„Trinken Sie.“ Er stellte den Kelch wieder auf den Tisch, doch sie weigerte sich.

„Wann lassen Sie mich frei?“

„Der Sandsturm kommt schnell näher, also kann kein Hubschrauber landen. Und ich gehe erst weg, wenn Sie etwas getrunken haben.“

„Wie Sie wollen.“ Maggie schloss die Augen, merkte allerdings sofort, dass sie seinen Duft und seine Nähe jetzt noch intensiver wahrnahm.

„Maggie.“ Als sie ihn ignorierte, fuhr er fort: „Das ist keine Bitte, sondern eine Anweisung.“

„Na dann …“ Sie öffnete die Lider und streckte die Hand nach dem Kelch aus, nahm ihn jedoch nicht, sondern stieß ihn hinunter. „Ich werde gar nichts trinken. Als ich das letzte Mal in der Nähe eines al-Razims ein Getränk entgegengenommen habe, wurde ich reingelegt.“

Ilyas betrachtete Maggie eine Weile und wusste, dass sie es ernst meinte. Wenn es stimmte, dass ihr jemand auf der Jacht etwas in den Drink getan hatte, war es ihr gutes Recht, misstrauisch zu sein. Er hob den Kelch auf, während sie dalag und ihn starr anblickte. Dann schob er die Hand unter ihren Kopf, damit sie sich aufsetzte.

Obwohl sie sich wehrte, hielt er ihr den Kelch an die Lippen und flößte ihr den Inhalt ein. Sie kämpfte weiter, aber er war stärker. Das war allerdings nicht der Grund, warum sie nachgab – plötzlich waren sie sich so nahe, und Maggie hörte seine Atemzüge, spürte seine Hand am Hinterkopf.

Auch Ilyas nahm die Veränderung wahr. Im einen Moment kämpfte er mit Maggie, damit sie etwas trank, im nächsten kämpfte er mit sich, damit er sie nicht küsste. Doch zum Glück gehorchte sie plötzlich und trank etwas, obwohl das meiste danebenging.

Als er nun seinen Griff lockerte, nahm sie ihn auf eine ganz andere Weise wahr. „So, ich habe getrunken“, sagte sie und hörte selbst, wie fremd ihre Stimme klang.

Ilyas ließ Maggie los, um den Kelch wieder aufzufüllen, aber dann überlegte er es sich anders, denn die verschüttete Flüssigkeit hatte ihren Kaftan durchnässt und durchsichtig gemacht, sodass eine Knospe sich deutlich darunter abzeichnete. „Ich habe nicht die Absicht, das stündlich zu tun. Also, wenn ich nicht Kindermädchen spielen soll, schlage ich vor, dass Sie noch einen großen Schluck trinken, bevor Sie schlafen.“

Dann verließ er den Bereich, und sie saß da, einen süßen Geschmack im Mund und atemlos von seiner Berührung. Das Letzte, was sie hörte, war das leise Klingeln der Glöckchen.

5. KAPITEL

Als Maggie aufwachte, wusste sie zunächst nicht, wo sie sich befand. Sobald sie ihre Umgebung auf sich wirken ließ und es ihr wieder einfiel, war sie hellwach, hatte allerdings weniger Angst als am Vorabend. Offenbar ließ Ilyas nicht zu, dass sie in der Wüste verdurstete, und das beruhigte sie gewissermaßen. Außerdem hatte sie die Wahrheit gesagt.

Während sie dalag und dem Heulen des Windes lauschte, fragte sie sich, warum die Zeltwand sich nicht blähte. Außerdem hörte sie das Klappern von Töpfen und merkte plötzlich, wie hungrig sie war. Niemals würde sie drei Wochen aushalten, ohne etwas zu essen.

Entschlossen schlug Maggie die Decke zurück und setzte sich auf. Man hatte ihr ein Kleid aus blassgrünem Samt hingelegt, das sie nun anzog. Es fühlte sich wie Seide an und war hochgeschlossen, aber leicht figurbetont. Vor dem Bett standen hübsche, mit Juwelen besetzte Pantoffeln, in die sie schlüpfte. Dann fuhr sie sich mit den Fingern durchs Haar, allerdings mehr aus Gewohnheit, als um hübsch auszusehen.

Als sie den Schlafbereich verließ, duftete es verführerisch nach Gewürzen. Im Wohnbereich in der Mitte des Zelts traf sie Ilyas an, der an einem niedrigen Tisch auf dem Boden saß, außerdem eine der Dienerinnen vom Vorabend, die sie nun freundlich anlächelte. Maggie erwiderte ihr Lächeln, ein wenig verlegen, weil sie sie so unhöflich behandelt hatte.

Ilyas bedeutete Maggie, Platz zu nehmen, während er zu ignorieren versuchte, dass sie umwerfend aussah. Der Schlaf hatte ihr gutgetan, ihre Wangen waren rosig. Außerdem stand ihr das Kleid, das einen ähnlichen Farbton wie der Bikini auf den Fotos hatte, fantastisch und brachte ihre Figur perfekt zur Geltung.

Er begehrte sie, und er war es gewohnt, immer zu bekommen, was er wollte. Deshalb musste er sich ins Gedächtnis rufen, dass es momentan wichtigere Dinge gab. Außerdem ging er nicht mit dem Feind ins Bett.

„Wie haben Sie geschlafen?“, erkundigte er sich.

„Schlecht“, schwindelte Maggie.

„Eine der Dienerinnen hat nach Ihnen gesehen und sagte, Sie würden tief und fest schlafen.“

„Ich hatte nur die Augen geschlossen. Wie spät ist es?“

„Sieben.“ Mit einem Nicken bedeutete Ilyas der Dienerin, die Deckel von den Schüsseln zu nehmen, die auf dem Tisch standen. Die Gerichte sahen alle köstlich aus. „Ich habe über Ihre Worte nachgedacht“, fuhr er fort, nachdem die Dienerin gegangen war. „Wenn Ihnen tatsächlich jemand etwas in den Drink getan hat, verstehe ich Ihre Bedenken. Aber Sie müssen trotzdem etwas essen und trinken.“

„Schon gut“, erwiderte Maggie betont lässig und seufzte. „Ich habe wohl kaum eine andere Wahl.“

„Stimmt.“

„Dann frühstücke ich.“

„Es ist sieben Uhr abends, nicht morgens“, klärte Ilyas sie auf. „Der Dienerin zufolge hatten Sie auch die Augen geschlossen, als das Frühstück und das Mittagessen serviert wurden.“

Oh, war das peinlich! Sie wollte gerade einen Witz darüber machen, dass der Tee offenbar wie ein Schlafmittel gewirkt hatte, doch sie wusste, dass sie nicht deswegen so lange im Land der Träume gewesen war.

„Dann haben Sie sich also wohlgefühlt?“, hakte er nach.

Das konnte sie kaum abstreiten, doch statt zu antworten, füllte sie einen Kelch und trank einen Schluck. Er bot ihr etwas von dem Fladenbrot an, das sie mit einem Stück Fleisch aß. Es schmeckte köstlich – würzig und süß zugleich –, und das Fleisch war herrlich zart. Trotzdem brachte sie unter seinem forschenden Blick kaum einen Bissen hinunter.

„In welcher Beziehung stehen Sie zu Suzanne?“, fragte Ilyas.

„Ich habe sie unterwegs kennengelernt.“ Maggie sah keinen Sinn mehr darin, Suzanne zu decken. „Wir sind beide im selben Hostel abgestiegen. Gestern Abend ist sie nach Dubai weitergeflogen. Ich glaube, sie wollte sich dort mit ihrem Freund treffen.“

„Kennen Sie ihn auch?“

Sie schüttelte den Kopf. „Sie hat nur seinen Namen erwähnt – Glen.“

„Wann sind Sie ihr zum ersten Mal begegnet?“

„Vor ein paar Monaten. Wir haben einige Wochen in derselben Bar gearbeitet, danach haben sich unsere Wege getrennt. Dann sind wir uns hier in Zayrinia wiederbegegnet, aber das war reiner Zufall.“

„Sind Sie sich da sicher?“

„Nein“, räumte sie ein, denn sie hatte nicht nur lange geschlafen, sondern auch nachgedacht. „Ich hatte ihr irgendwann mal gesagt, ich würde auf dem Rückweg gern einen Zwischenstopp in Zayrinia einlegen, ihr aber keine Daten genannt. Ich musste erst mal genug Geld zusammenbekommen, denn ich habe die Reise mit Jobben finanziert.“

„Was machen Sie zu Hause?“

„Ich arbeite in einem Café.“

„Seit wann?“

Maggie rechnete nach. „Seit neun Jahren. Ich habe mit fünfzehn dort angefangen, zuerst allerdings nur als Aushilfe.“

„Anscheinend gefällt’s Ihnen dort.“

„Stimmt. Meine Kollegen sind sehr nett, und es ist mehr wie …“ Nach kurzem Zögern fügte sie hinzu: „Na ja, mein Chef ist wie ein Familienangehöriger für mich.“

„Gut“, meinte Ilyas.

Sie wurde oft gefragt, ob sie sich nicht langweilte und warum sie sich nicht etwas anderes suchte, doch sie liebte ihren Job. Das Café war das einzig Beständige in ihrem Leben. „Es ist ein Schokoladencafé.“

„Ein Schokoladencafé?“, wiederholte er.

„Heiße Schokolade, Schokolade auf Eis, Schokoladenkuchen, Schokoladenkekse – alles ist mit Schokolade.“

„Dann hängt Schokolade Ihnen mittlerweile bestimmt zum Hals raus?“

„Niemals“, erwiderte sie lächelnd, wurde dann jedoch ernst. „Ist das wichtig?“

„Eigentlich nicht.“ Ilyas runzelte die Stirn. „Sie sagten, Sie hätten auf Ihrer Reise gearbeitet. Was haben Sie gemacht?“

„Ich habe hauptsächlich in Cafés gejobbt.“ Maggie zuckte die Schultern. „Und in einigen Bars. In einer davon habe ich Suzanne kennengelernt.“

„Und wie sind Sie auf der Jacht meines Bruders gelandet?“

„Suzanne sagte, sie hätte eine Einladung für eine Schnorcheltour, zu der sie noch jemanden mitbringen dürfte.“

„Eine Schnorcheltour für Touristen an Bord der königlichen Jacht?“, meinte Ilyas ironisch. „Das war übrigens Sarkasmus.“

„Ich weiß.“ Wieder seufzte sie. „Und ich habe es nicht besser verdient. In dem Moment, als ich die Jacht gesehen habe, wusste ich, dass etwas nicht stimmt.“

„Und trotzdem sind Sie an Bord gegangen?“

„Ja. Ich versuche, nicht zynisch zu sein.“

„Warum das?“

„Weil mir klar ist, dass ich es oft bin. Das ist einer meiner Fehler.“

„Ich würde es eher als Vorzug bezeichnen.“ Und um zu beweisen, dass er auch ein Zyniker war, fragte er weiter: „Sie und Hazin haben den Nachmittag also nur mit Reden verbracht?“

Wir reden ja auch nur miteinander“, erklärte Maggie.

„Es war nicht ganz einfach, bis ich Sie so weit hatte.“

„Ihr Bruder hat mich auch nicht mitten in der Nacht gekidnappt.“ Sie lächelte zuckersüß, bevor sie sich noch etwas von dem köstlichen Essen auffüllte. „Dass ich in seiner Kabine gelandet bin, war ein Irrtum. Zumindest dachte ich das. Er hat sehr nett reagiert. Mir hat der Törn keinen Spaß gemacht und ihm auch nicht.“

„Warum?“

Maggie zögerte, denn was Hazin ihr anvertraut hatte, war sicher nicht für die Ohren seines Bruders bestimmt gewesen.

„Warum hat es Ihnen keinen Spaß gemacht?“, hakte Ilyas nach.

„Weil ich mich wie ein Flittchen gefühlt habe“, gestand sie und spürte, wie sie errötete. „Und ich bin keins, auch wenn Sie mich dafür halten.“ Er betrachtete sie nur weiterhin. „Ich wusste, dass ich dort völlig fehl am Platz bin, und als mir plötzlich übel wurde, war ich froh, dass ich mich zurückziehen und hinlegen konnte. Ich hatte keine Ahnung, dass es sich um die Kabine Ihres Bruders handelte.“

„Dort waren überall Kameras installiert. Alles, was zwischen Ihnen beiden vorgefallen ist, wird bald an die Öffentlichkeit kommen.“

„Dann trinken Sie einen Tee, und entspannen Sie sich“, sagte sie. „Wir haben nur geredet.“ Allerdings wurde sie wieder verlegen, als sie daran dachte, dass Hazin über seine Familie gesprochen hatte und sicher nicht erfreut wäre, wenn das an die Öffentlichkeit drang.

Ilyas runzelte die Stirn. „Ich verstehe nur nicht, warum man ausgerechnet Sie dafür ausgesucht hat.“

„Bin ich denn nicht Hazins Typ?“ Nun runzelte Maggie die Stirn. „Man?“

„Hinter so was stecken immer mehrere Personen. Und ich meinte, ich verstehe nicht, warum man eine so aufmüpfige und streitlustige Frau wie Sie ausgesucht hat.“

„Ich kann Ihnen nicht ganz folgen“, sagte sie und lachte. „Okay, ich bin nicht so leicht kleinzukriegen, aber was meinen Sie mit ausgesucht?“

„Sie wirken nicht wie ein Mensch, den man leicht reinlegen kann.“

„Das bin ich auch nicht“, bestätigte sie, zögerte dann jedoch, weil sie an ein Gespräch mit Suzanne denken musste.

Ilyas bemerkte das offenbar. „Los, erzählen Sie.“

„Ach, nichts.“ Maggie schüttelte den Kopf und schob ihren Teller zurück, weil sie plötzlich keinen Hunger mehr hatte. „Ich habe keine Lust mehr zu reden.“ Da ihr plötzlich übel war, entschuldigte sie sich schnell und eilte in ihren Schlafbereich zurück, wo sie sich aufs Bett setzte und das Gesicht in den Händen barg.

Bisher hatte sie geglaubt, das Ganze wäre ein Missverständnis, das sich schnell aufklären würde. Doch nun wurde ihr allmählich klar, dass Suzanne alles eingefädelt und sie benutzt hatte. Und nun wusste sie auch, warum man sie ausgesucht hatte. Das leise Geräusch der Glöckchen ließ sie aufhorchen.

„Maggie?“, hörte sie seine Stimme, bevor Ilyas hinter dem Vorhang erschien. „Was ist Ihnen gerade eingefallen?“

„Nichts.“

„Sie wirken aufgewühlt.“

Ohne ihn anzublicken, lachte sie abschätzig. „Was haben Sie denn erwartet?“

„Sagen Sie mir, woran Sie sich gerade erinnert haben.“

Maggie zuckte nicht zusammen, weil sie seine Nähe nun nicht mehr als bedrohlich empfand. Und obwohl sie bewusst an ihrer Wut festhielt, wurde ihr allmählich klar, dass er zu Recht zornig war, weil man seinen Bruder hereingelegt hatte und ihn nun erpresste. Es handelte sich nicht um ein Missverständnis.

„Ich glaube, man hat mich reingelegt“, räumte sie ein. „Leider kann ich mich nicht vergewissern, denn mein Telefon funktioniert nicht …“ Sie deutete auf ihr Handy, woraufhin Ilyas es in die Hand nahm und einzuschalten versuchte. „Suzanne hat es sich in den letzten Tagen ständig von mir geliehen.“

„Ich lasse die Daten löschen.“ Er steckte es in die Tasche. „Woran haben Sie sich noch erinnert?“

„Es ist wahrscheinlich unwichtig. Nein, ich glaube doch nicht.“ Inzwischen fügte sich ein Teil zum anderen. „Ich hatte Ihnen ja erzählt, dass Suzanne und ich zusammengearbeitet haben.“ Als er nickte, fuhr sie fort: „Wir sind einige Male etwas trinken gegangen. Wir haben uns angefreundet – oder zumindest dachte ich es. Irgendwann habe ich mal erwähnt, dass ich gegen Ende des Sommers wieder nach Hause zurückkehren wollte.“

„Also jetzt.“

Maggie nickte. „Mein Chef Paul möchte, dass ich wieder bei ihm arbeite, aber abgesehen davon hatte ich eigentlich keinen Grund, so schnell wieder zurückzukehren.“

„Was ist mit Ihrem Zuhause?“

„Ich habe keins. Ich hatte nur ein WG-Zimmer gemietet. Das hatte ich Suzanne erzählt … und dass mich eigentlich niemand erwartet.“

„Niemand?“, hakte Ilyas nach.

Eigentlich hätte sie ihm das nicht erzählen sollen, doch ihr war mittlerweile klar geworden, dass er nicht ihr Feind war oder ihre Situation ausnutzte. Das hatte Suzanne getan. „Mein Chef und meine beste Freundin Flo wissen von meinen Plänen.“ Da er offenbar mehr erfahren wollte, sprach sie weiter: „Aber ich habe keine Familie. Meine Mutter war alleinerziehend und starb, als ich sieben war. Der Kontakt zu ihrer Familie ist abgebrochen, als sie mit mir schwanger war – und die hat sowieso in Irland gelebt.“

„Und bei wem sind Sie nach ihrem Tod aufgewachsen?“

„In verschiedenen Heimen und in Pflegefamilien, aber das hat nicht geklappt. Ich habe also nur meine Freunde“, räumte Maggie ein. „Wahrscheinlich war Suzanne bewusst, dass mich niemand vermissen würde.“

Und mit all den Fragen, die sie als taktlos empfunden hatte, hatte Suzanne offenbar Informationen erhalten wollen.

„Ich hätte auf meinen Instinkt hören sollen“, meinte Maggie. „Schließlich hatte ich das Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt. Ich wusste nur nicht, was. Sie hat gemerkt, dass ich austauschbar bin.“

„Damit lag sie falsch“, sagte Ilyas im Brustton der Überzeugung, woraufhin sie ihn ansah.

„Das können Sie doch gar nicht wissen.“

„Ich glaube doch. Sie sagten, Sie hätten Freunde?“

„Natürlich. Nicht viele, aber … Ich fasse nicht so schnell Vertrauen zu anderen.“

„Ich habe mal gehört, wenn man, abgesehen von seiner Familie, eine Handvoll wahre Freunde und Menschen hat, die man wirklich liebt, kann man als glücklicher Mann sterben.“

„Ich bin aber kein Mann.“

„Ich weiß“, erwiderte er lächelnd. „Los, nennen Sie mir einen Namen.“ Er nahm ihre Hand, die sie zur Faust geballt hatte.

„Flo“, antwortete Maggie prompt.

„Woher kennen Sie sich?“

„Während ihrer Ausbildung kam sie zum ersten Mal ins Café. Inzwischen arbeitet sie als Hebamme.“

„Und Sie sind gute Freundinnen?“

Sie nickte. „Sehr gute sogar. Flo ist die Beste.“ Dann beobachtete sie, wie er an ihrer Hand abzuzählen begann.

„Wen gibt es noch?“

„Paul.“ Bildete sie es sich nur ein, oder zögerte er kurz, als sie den Namen nannte? „Er ist, wie gesagt, mein Chef, und wir verstehen uns sehr gut.“ Sie betrachtete seine Hand, die auf ihrer lag. „Und seine Frau Kerry. Ich war Brautjungfer auf ihrer Hochzeit. Allerdings ist sie keine richtige Freundin. Natürlich habe ich noch andere Freunde, aber …“

„Zwei sind hervorragend“, meinte Ilyas. „Ich hoffe, Sie haben noch viele Jahre, um die anderen drei zu finden. Wenn ich Sie hier in der Wüste behalten würde, würde man Sie sicher sehr vermissen.“

Aber er würde sie nicht hierbehalten. Nun wusste sie, dass er ihr glaubte und ihr nichts tun würde. „Wie viele Finger haben Sie?“ Unwillkürlich fragte sie sich, ob es eine Frau in seinem Leben gab.

„Ich zähle Menschen nicht an Fingern ab“, antwortete er schließlich, „denn eines Tages werde ich König sein.“

„Das verstehe ich nicht.“

„Ich habe Schultern.“

„Für Sie gelten also andere Regeln?“, erkundigte Maggie sich mit einem spöttischen Unterton.

„Ja, natürlich.“ Dann griff Ilyas das Thema wieder auf. „Sie sind alles andere als austauschbar, Maggie. Ich schätze, Ihre Freunde vermissen Sie sehr und freuen sich auf Ihre Rückkehr.“

„Wirklich?“

Er nickte. „Bestimmt schätzen andere Ihre Gesellschaft.“

Das klang seltsam. „Tun Sie es denn nicht?“, hakte sie deshalb nach.

„Mich beunruhigt sie. Ich schätze sie auch, aber in erster Linie würde ich sie als beunruhigend bezeichnen.“

„Das Wort würde ich auch benutzen, wenn ich Sie beschreiben müsste.“

Einen Moment lang blickten sie sich in die Augen und waren sich so nahe, dass Maggie seine Atemzüge wahrnahm.

„Und schätzen Sie meine Gesellschaft auch?“, fragte Ilyas.

„Die meiste Zeit schon.“

„Und jetzt?“

Maggie wusste, dass er sie gleich küssen würde. Es war seltsam, aber die wenigen Male, die sie sich mit einem Mann verabredet hatte, hatte sie sich die ganze Zeit gefragt, ob es Zeit für den Kuss wäre. Und war dann enttäuscht gewesen, als es so weit gewesen war.

Doch jetzt war alles anders. Und sie hatte die ganze Zeit gewusst, dass Ilyas sie küssen würde. Schon als er ihren Kopf umfasst und sie gezwungen hatte, etwas zu trinken, oder sogar schon vorher.

Es war unvermeidlich gewesen. Geradezu notwendig.

Und sie war nicht enttäuscht, denn er kannte ihre Bedürfnisse besser als sie selbst. Bis er ihr Gesicht umfasste und seine Lippen ihre fanden, hatte sie nicht gewusst, dass er den Kuss geplant hatte. Er betrachtete ihre Lippen, bis sie erwartungsvoll erschauerte und sie öffnete. Dann presste er seine darauf.

Sein Duft berauschte sie. Unwillkürlich legte sie ihm die Hände auf die Brust und umfasste seinen Nacken, während sie sich dem sinnlichen Spiel seiner Zunge hingab. Genauso sollte ein Kuss sein, ging es ihr durch den Kopf. Noch immer hielt Ilyas ihr Gesicht umfasst, und sie sehnte sich danach, dass er sie an sich zog, aber er küsste sie, als hätten sie alle Zeit der Welt.

Und das haben wir auch, dachte sie, denn schließlich bin ich seine Gefangene. Bei der Erkenntnis löste sie sich unvermittelt von ihm.

Ilyas war nicht überrascht – die Anziehungskraft zwischen ihnen war nicht zu leugnen, und trotzdem hatte er gewusst, dass Maggie dagegen ankämpfen würde. Sie erinnerte ihn an einen jungen, misstrauischen Falken. Er musste geduldig mit ihr sein, und deshalb war er auch nicht weitergegangen, obwohl das Verlangen in ihnen beiden aufgelodert war.

Maggie atmete stoßweise und blinzelte. Sie waren sich immer noch nahe. Schließlich löste Ilyas sich von ihr, und sie spürte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg, als er sie starr betrachtete. Sie kämpfte gegen die Versuchung, sich an ihn zu schmiegen oder seinen Kopf erneut zu sich zu ziehen, bis er aufstand.

Maggie wollte etwas sagen, wusste allerdings nicht, was. Vielleicht war es besser, wenn er ging, denn sie musste nachdenken, und das konnte sie in seiner Gegenwart nicht.

„Ich gehe“, verkündete er.

„Bitte.“ Flehentlich sah sie ihn an. „Das war ein Fehler.“

„Für mich hat es sich aber nicht so angefühlt“, entgegnete er. Dann nahm er ihre Hand und presste sie in seinen Schritt, sodass sie spürte, wie erregt er war.

Als sie sie zurückziehen wollte, hielt er sie fest, und sie protestierte nur schwach, weil er sich so fantastisch anfühlte.

„Was ist mit Flirten?“, brachte sie hervor und erkannte ihre eigene Stimme nicht wieder.

„Ich muss nicht flirten“, erklärte er, bevor er ihre Hand losließ.

Einen verräterischen Moment lang verharrte sie noch so und zog sie dann zurück. „Vielleicht doch“, widersprach sie.

„Ich glaube nicht. Komm zu mir, wenn du bereit bist.“

Maggie war sich nicht sicher, ob sie je bereit sein würde, doch sie sehnte sich nach mehr, und das wusste Ilyas nur zu genau.

6. KAPITEL

Maggie versuchte, nicht der Versuchung nachzugeben und ihren Schlafbereich zu verlassen. Nie zuvor hatte sie auch nur annähernd ein so starkes Verlangen verspürt. Aus Angst, auf leere Versprechen und Lügen hereinzufallen, war sie bisher keinem Menschen so nahegekommen.

Doch Ilyas log nicht. Im Gegenteil, er hatte sich nicht für sein Begehren entschuldigt. Und mehr als das war es auch nicht.

Sie fragte sich, was er denken würde, wenn er erfuhr, dass sie noch nie so weit gegangen war wie eben. Während sie dort lag und den rhythmischen Klängen der traditionellen Musik lauschte, musste sie sich eingestehen, dass sie vermutlich nie wieder einem Liebhaber wie ihm begegnen würde. Schon bei ihrer ersten Begegnung hatte sie stark auf ihn reagiert, weil er so maskulin und ungezähmt war.

Das Atmen fiel ihr schwer, wenn sie an ihn dachte oder wenn er in ihrer Nähe war. Sie war sich ihres Körpers überdeutlich bewusst und sehr empfänglich für sein unmerkliches Interesse daran. Nichts an seinem Verhalten ließ sie sich unbehaglich fühlen, wie es auf der Jacht der Fall gewesen war. Er zog sie auf eine Art in seinen Bann, wie kein Mann es je zuvor vermocht hatte. Und das hatte lange vor dem Kuss begonnen.

Der Rhythmus der Musik lockte sie. Doch als sie aufstand und sich im Spiegel betrachtete, wusste Maggie, dass sie auf keinen Fall einfach hineingehen und dort weitermachen konnte, wo Ilyas und sie aufgehört hatten. So unerfahren sie im Bett sein mochte, sie war nicht naiv, und deshalb wusste sie, dass es nie mehr geben würde als diese gemeinsame Zeit hier in der Wüste. Aber auch wenn Ilyas ein Herrscher war, hieß das nicht, dass sie keine Forderungen stellen konnte.

Und das würde sie ihm auch sagen.

Wenige Minuten später stand sie barfuß am Eingang des Wohnbereichs, in dem Ilyas auf dem weichen Teppich lag, vor sich ein Tablett mit Obst.

„Ich werde nicht mit jemandem schlafen, den ich nicht kenne“, verkündete sie.

„Dann werden wir auch nicht zusammen sein“, erwiderte er.

„Dich kann also niemand näher kennenlernen?“

„Natürlich nicht.“

„Weil du so wichtig bist?“, spottete sie.

„Nein, aber meine Geheimnisse sind es.“

Maggie betrachtete ihn eine Weile, und schließlich wurden seine Züge etwas weicher. Dann bedeutete Ilyas ihr, sich zu ihm zu gesellen. Aber sie zögerte.

„Schon gut“, meinte er dann. „Wir müssen nichts machen, und wir werden auch nicht über Sex oder Suzanne sprechen …“

Nie zuvor war sie einem Menschen begegnet, der so direkt war wie er. Und doch brachte er sie völlig durcheinander. Sie begehrte ihn. Brauchte ihn.

Zögernd ging sie zu ihm, kniete sich hin und nahm einen Kelch vom Tablett, verwirrt von ihren eigenen Gedanken, denn es schien ihr, als hätte Ilyas sie verzaubert. Als würde sie sich in der tosenden Brandung befinden und könnte sich nur an eine Reling klammern.

„Schließen wir einen Waffenstillstand“, schlug er vor. „Wir sitzen hier mindestens noch bis morgen fest. Das Auge des Sturms nähert sich.“

„Warum flattern die Zeltwände nicht im Wind?“ Diese Frage beschäftigte sie, und außerdem war es ein unverfängliches Thema.

„Weil wir uns im Innenzelt befinden“, klärte Ilyas sie auf. „Es gibt auch ein Außenzelt, das den Sturm größtenteils abfängt. Wenn sich das lockert, haben wir ein Problem.“

Sie hatte jetzt schon ein Problem, denn es schien Maggie, als würde der Boden unter ihren Füßen schwanken.

„Wie warst du auf der Tour untergebracht?“, erkundigte er sich.

„Sagen wir mal so – es gab kein Innenzelt!“

Sein Lächeln gefiel ihr. „Es gibt Probleme mit einigen Reiseveranstaltern.“

„Was du nicht sagst.“ Dann erzählte sie ihm, wie unprofessionell die Organisation gewesen war.

„Sie wollen die Touristen weiter in die Wüste führen“, erklärte Ilyas, „aber die Beduinen sind dagegen. Sie wollen keine Veränderungen.“

„Die Veranstalter könnten sicher eine Menge tun, ohne sie gegen sich aufzubringen.“

„Zum Beispiel?“ Ilyas wunderte sich über sich selbst, denn normalerweise hätte er keinen Außenstehenden nach seiner Meinung gefragt.

„Spontan kann ich das auch nicht sagen“, antwortete Maggie und lächelte dann. „Am besten wendest du dich an sie!“

„Wie bitte?“

Das Heulen des Windes draußen und die Musik hier im Zelt machten eine Unterhaltung schwierig.

„Am besten fragst du sie, sagte ich.“

Starr blickte er Maggie an. Ihre Antwort überraschte ihn, auch wenn er es sich nicht anmerken ließ, denn er dachte ähnlich. Und deshalb wollte er mehr hören. „Komm her“, forderte er sie auf, während er auf das Kissen neben sich klopfte.

Auch als sie sich neben ihn setzte, hielt er den Waffenstillstand aufrecht, indem er sie nicht berührte. Stattdessen ermunterte er sie, Vorschläge zu machen.

„Vielleicht sollte man es nicht als Sternentour verkaufen“, meinte sie, „vor allem wenn man vorher schon weiß, dass an dem Abend keine Sterne zu sehen sein werden. Es könnte ein nettes Extra sein, aber die Tour selbst könnte genügen. Ich fand es sehr schön, am Lagerfeuer zu sitzen und die Geschichten zu hören.“

„Was für Geschichten?“

„Über einen Fluss unter dem Palast, der immer noch rotes Wasser führt.“ Erwartungsvoll sah Maggie ihn an, doch er verzog keine Miene. „Über einen Prinzen, der an gebrochenem Herzen gestorben ist. Und dieses Herz blutet bis zum heutigen Tage.“ Als er immer noch nicht reagierte, fügte sie hinzu: „Ist die Geschichte wahr?“

„Ob es wahr ist, dass sein Herz Tausende von Jahren danach immer noch blutet?“ Angesichts seines verächtlichen Tonfalls zuckte sie unmerklich zusammen. „Wenn der Prinz so schwach war, dass er an gebrochenem Herzen gestorben ist, hat er seinem Land wahrscheinlich einen Gefallen getan.“

„Die Liebe macht einen nicht schwach“, konterte Maggie.

„Natürlich tut sie das. Er hätte sich auf seine Aufgabe konzentrieren müssen.“

„Du bist nicht besonders romantisch.“

„Überhaupt nicht.“

„Dann ist es also nicht wahr?“

„Das habe ich nie behauptet.“ Ilyas musste ein Lächeln unterdrücken, weil Maggie offenbar frustriert war. „Was haben die Führer noch erzählt?“

Der Wind heulte jetzt immer lauter ums Zelt. Anscheinend befanden sie sich nun fast im Zentrum des Sturms, denn sie mussten sich vorbeugen, um einander verstehen zu können.

„Sie haben uns vom Palast erzählt und dass er auf einem ehemaligen Harem erbaut ist. Dass das Heulen des Windes die Geräusche der damaligen Ausschweifungen widerspiegelt …“

Ilyas lachte. Es kam so unerwartet, dass Maggie fast eingestimmt hätte, aber sie hatte es genossen, die Legenden zu hören. „Mir hat es gefallen“, gestand sie. „Ist das denn alles erfunden?“

„Nicht ganz“, erwiderte er. „Der Palast wurde nicht auf Ruinen erbaut. Es gibt einen großen unterirdischen Hamam und ein weit verzweigtes Höhlennetz.“ Dann erzählte er ihr von den Höhlen und Wasserquellen und dass einige Höhlenausgänge zur Wüste hin lagen. „Vor einem Ausgang befindet sich ein Felsvorsprung. Nur ich darf ihn betreten. Manchmal, wenn ich einen schwierigen Tag hinter mir habe und dort stehe, scheint es mir, als hätte ich keinen Boden mehr unter den Füßen und würde ganz allein im Himmel stehen.“

Seine tiefe, wohlklingende Stimme ließ sie erschauern. Sie steckten die Köpfe weiter zusammen, aber nicht, um sich besser verstehen zu können, sondern um einander näher zu sein.

„Vor langer Zeit“, begann Ilyas, „trafen sich die Oberhäupter am Wasserfall, um über aktuelle Angelegenheiten und die Probleme mit den Beduinen zu sprechen. Näher konnten sie damals nicht an die Wüste rankommen. Danach haben sie sich in den Hamam zurückgezogen. Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Palast darüber und darum herum erbaut. Zuerst war er sehr klein, aber heute ist er ein architektonisches Meisterwerk.“

„Dann gab es früher also einen Harem?“

„Den gibt es immer noch“, informierte er sie. „Ich schätze, die Geräusche der Ausschweifungen, die über die Wüste getragen werden, sind eher aktuell als Geister der Vergangenheit …“

Maggie zog sich ein wenig zurück und betrachtete ihn. Ihre Wangen waren gerötet. „Und machst du …?“ Sie schluckte verlegen.

„Ob ich was mache?“ Dann begriff er. „Natürlich.“

Er beobachtete, wie sie noch tiefer errötete und ihre Augen blitzten.

„Du besitzt tatsächlich die Frechheit, mich hierher zu entführen, weil du glaubst, ich hätte mit deinem Bruder geschlafen, während du …“

„Ich habe dich herbringen lassen, weil es so aussah, als hättest du das Königshaus erpresst und damit gedroht, den Ruf meines Bruders zu ruinieren“, erinnerte Ilyas sie.

„Ruf?“ Maggie lachte ungläubig. „Wenn dein Volk wüsste …“

„Du denkst, das Volk wäre schockiert, wenn es wüsste, dass ihr Kronprinz eine gesunde Libido hat?“ Sie verzog den Mund, und er fuhr fort: „Die Frauen im Harem haben es gut und können gehen, wenn sie wollen. Sie werden dort nicht gefangen gehalten, und das Vergnügen ist stets beiderseits.“

„Beiderseits?“, höhnte sie.

Statt zu antworten, nahm Ilyas eine Feige vom Tablett, schnitt sie in der Mitte durch und bot Maggie die andere Hälfte an.

„Nein, danke“, lehnte sie ab.

„Bitte“, sagte er. „Momentan sind sie außergewöhnlich süß.“

Maggie merkte, wie ihre Hand zitterte, als sie die Feigenhälfte nach kurzem Zögern entgegennahm und hineinbiss. Ilyas hatte recht, die Frucht schmeckte köstlich. „Wunderbar.“

„Gut.“

Er biss ebenfalls von seiner Hälfte ab und nickte schließlich. „Wäre die Feige nicht mehr gut gewesen, hätte ich dir natürlich nicht die andere Hälfte gegeben, sondern eine andere ausgesucht. Es ist schön, zu beobachten, wie jemand anders genießt. Wenn das nicht der Fall ist, kann man genauso gut allein essen.“

Maggie legte ihr Stück auf den Teller vor sich. Sie wusste, dass er auf Sex anspielte und sie gerade zurechtgewiesen hatte, weil sie es gewagt hatte, anzudeuten, dass er ein schlechter Liebhaber wäre. Das Thema war ihr allerdings viel zu heikel.

„Vielleicht mag ich keine Feigen.“

„Dann iss sie nicht. Mir wäre es lieber, wenn du sie ausspucken würdest, statt so zu tun, als würdest du es genießen“, erklärte er. „Mit billigen Früchten verhält es sich allerdings anders – sie sehen gut aus, sind aber verdorben oder schmecken nach nichts.“

Nun war sie sicher, dass sie nicht mehr über Obst sprachen.

„Verführerisch“, fügte Ilyas hinzu, denn obwohl sie sich auf einen Waffenstillstand geeinigt hatten, konnte er die Vorstellung nicht ertragen, dass Maggie womöglich mit seinem Bruder geschlafen hatte.

„Ich wüsste gar nicht, wie man jemanden verführt, selbst wenn es meine Aufgabe wäre“, brachte sie hervor.

„Bitte“, spottete er, denn schließlich sah er selbst, wie verführerisch sie war.

„Du solltest dieses Gespräch mit Hazin führen“, brauste Maggie nun auf. „Wenn er so ein Lotterleben führt, dass du diese Geschichte glaubst, warum räumst du dann hinter ihm auf?“

„Hör auf damit!“

„Nein.“ Jetzt reichte es ihr. „Warum gibst du mir die Schuld und verteidigst ihn? Warum versuchst du, alles wieder auszubügeln, was er anrichtet?“

„Weil irgendjemand es tun muss.“

Autor

Dani Collins

Dani Collins verliebte sich in der High School nicht nur in ihren späteren Ehemann Doug, sondern auch in ihren ersten Liebesroman! Sie erinnert sich heute immer noch an den atemberaubend schönen Kuss der Helden. Damals wurde ihr klar, dass sie selbst diese Art von Büchern schreiben möchte. Mit 21 verfasste...

Mehr erfahren
Carol Marinelli
Carol Marinelli wurde in England geboren. Gemeinsam mit ihren schottischen Eltern und den beiden Schwestern verbrachte sie viele glückliche Sommermonate in den Highlands. Nach der Schule besuchte Carol einen Sekretärinnenkurs und lernte dabei vor allem eines: Dass sie nie im Leben Sekretärin werden wollte! Also machte sie eine Ausbildung zur...
Mehr erfahren
Heidi Rice

Heidi Rice wurde in London geboren, wo sie auch heute lebt – mit ihren beiden Söhnen, die sich gern mal streiten, und ihrem glücklicherweise sehr geduldigen Ehemann, der sie unterstützt, wo er kann. Heidi liebt zwar England, verbringt aber auch alle zwei Jahre ein paar Wochen in den Staaten: Sie...

Mehr erfahren
Andrea Bolter
Mehr erfahren