Julia Gold Band 98

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Als der Millionär Dan seine zuverlässige, aber eher unscheinbare Assistentin Megan bittet, ihn übers Wochenende auf ein Familienfest zu begleiten, ahnt er nicht, welch prickelnde Überraschungen ihn erwarten. Megan scheint wie verwandelt!

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VERLIEBT DICH NIE IN DEINEN CHEF! von CATHY WILLIAMS
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  • Erscheinungstag 07.05.2021
  • Bandnummer 98
  • ISBN / Artikelnummer 9783733718428
  • Seitenanzahl 447
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Sharon Kendrick, Kate Hardy, Cathy Williams

JULIA GOLD BAND 98

1. KAPITEL

Megan betrachtete den Brief in ihrer Hand. Ein Liebesbrief, dachte sie.

Der Umschlag war rosa und fühlte sich gefüttert an, und die Anschrift war sorgfältig mit Tinte geschrieben.

Megan drehte den Brief um und lächelte. Wie schön, dass ihr kühler, anspruchsvoller Chef einmal mehr der Empfänger eines dieser extravaganten Briefumschläge war. Wer hätte das gedacht? Mr. Cool bekam Liebesbriefe! Das machte ihn ja geradezu menschlich.

Seit fast drei Monaten arbeitete Megan nun mittlerweile bei Softshare für Dan McKnight, und noch immer konnte sie es manchmal kaum glauben. In den Büros herrschte betriebsame Geschäftigkeit, die Mitarbeiter waren jung, und der Job war schon beinahe unanständig gut bezahlt.

Solche Jobs in der Computerindustrie lagen nicht auf der Straße, dessen war Megan sich sehr wohl bewusst. Manche Frauen mochten vielleicht verächtlich dreinblicken, wenn sie erfuhren, dass sie die persönliche Assistentin eines Mannes war, aber das war nicht Megans Problem.

Softshare war eine amerikanische Firma, deren erklärtes Ziel darin bestand, den Softwaremarkt anzuführen, und deren Belegschaft sich zu neunzig Prozent aus Männern zusammensetzte.

Theoretisch hätte dies der Traum einer jeden alleinstehenden Frau sein können. Das Dumme war nur, dass fast alle Männer hier gleich aussahen. Und die Art ihres Aussehens ließ einen nicht gerade in große Begeisterung ausbrechen.

Nur einer hob sich von der Menge ab, und das war Dan McKnight, der dem Stereotyp eines Informatikers überhaupt nicht entsprach.

Als Industriezweig, der für seinen Mangel an Etikette und Regeln bekannt war, sammelte sich in der Computerwelt eine beträchtliche Anzahl an merkwürdigen Gestalten. Doch Dan unterschied sich von ihnen. Die Programmierer bevorzugten überwiegend einen Pferdeschwanz, Dan jedoch ging regelmäßig zum Friseur und passte den Zeitpunkt offenbar immer so genau ab, dass sein Haar weder je zu kurz noch zu lang war.

Die meisten Mitarbeiter trugen Jeans und T-Shirts und zogen sich sogar gelegentlich die Schuhe aus, wenn sie am Schreibtisch saßen. Mit seinen perfekten grauen Anzügen wirkte Dan hingegen so kühl und gelassen, als sei er gerade einem Herrenmodemagazin entstiegen.

Zu schade, dass Megan sich so gar nicht von ihm angezogen fühlte!

Sie drehte den Brief in den Fingern und runzelte die Stirn, als die Tür aufgestoßen wurde, und Dan McKnight höchstpersönlich hereinkam.

Sofort setzte Megan sich kerzengerade auf, so wie früher in der Schule, wenn der Direktor unangekündigt die Klasse betrat.

Dan war ungewöhnlich hochgewachsen und besaß daher sowohl die Größe als auch den entsprechenden Körperbau, um in einem Anzug eine hervorragende Figur zu machen. Er trug immer einen Anzug – kühle, graue Anzüge, die zu seinen Augen passten und einen Kontrast zu seinem gut geschnittenen dunklen Haar bildeten.

Nur sein Mund schien im Widerspruch zu seiner ruhigen, selbstbeherrschten Ausstrahlung zu stehen. Er war zu voll, zu südländisch und viel zu sinnlich für einen Mann wie Dan McKnight, fand Megan.

‚Wie ist er denn so?‘

Das war die Frage, die Megans Mitbewohnerin ihr ständig stellte, und die Megan so schwer beantworten konnte. Denn Dan hatte eine derart kühle analytische Art einen anzusehen, dass es schwierig war, herauszufinden, was in ihm vorging.

Sie wusste, dass er ledig war, in einem exklusiven Londoner Vorort wohnte und einer der klügsten Köpfe in der Computerbranche war. Mehr wusste sie nicht über ihn, abgesehen davon, dass er offensichtlich zu reich, zu elegant und zu gut aussehend war. Und in letzter Zeit auch leider viel zu schlecht gelaunt.

„Guten Morgen, Dan“, begrüßte Megan ihn höflich.

Dan war tief in Gedanken gewesen und sah sie an, als habe er Mühe, sich daran zu erinnern, wer sie war. Dann schloss er mit einem befriedigten Lächeln die Bürotür hinter sich.

Seine neue Assistentin schien sich wirklich gut zu machen, dachte er. Sie arbeitete gut, war voller Elan, und auch nett anzuschauen, wenngleich vielleicht nicht unbedingt im konventionellen Sinne. Seine Augen verengten sich, und ein halbes Lächeln huschte über seine Lippen. Sie war offensichtlich überhaupt nicht eitel, wie man heute wieder sah.

Die schlichte beige Hose und der nichtssagende cremefarbene Pullover wirkten bei ihrem hellen Teint nicht gerade vorteilhaft. Dan verlangte von seinen Assistentinnen höchste Effizienz, und Megan war effizient, daran gab es keinen Zweifel. Er wollte nur nicht, dass sie allzu dekorativ aussahen, und daher entsprach Megan genau seinen Vorstellungen.

„Guten Morgen, Megan“, erwiderte er, während er seinen Aktenkoffer abstellte.

„Wie war das Theaterstück gestern Abend?“, erkundigte sie sich.

Dan zog die Brauen zusammen. Habe ich ihr etwa erzählt, dass ich ins Theater gehe?

„Es war … passabel.“

„Ich bin sicher, der Bühnenautor wäre geschmeichelt, eine solch glühende Kritik zu hören“, bemerkte Megan mit einem heiteren Lächeln. „Ich habe es letzte Woche gesehen und fand es großartig!“

„Tatsächlich? Was für ein Zufall.“ Sein Blick war überaus kühl, sein Tonfall desinteressiert, und er unterdrückte einen Seufzer.

Wenn es eins gab, was er an Megan Phillips zu bemängeln hatte, dann war es ihr unüberwindliches Bedürfnis zu plaudern. Sie redete über alles und jedes, immerzu. Sie fragte ihn nach seiner Meinung über Musik, die Zeitungsnachrichten und die allgemeine Wirtschaftslage. Und manchmal ertappte Dan sich zu seinem Schrecken dabei, dass er in der Tat über derlei Dinge mit ihr diskutierte!

Stirnrunzelnd meinte er: „Vielleicht sollten wir uns jetzt lieber der Arbeit zuwenden. Das heißt, falls wir alle Theaterkritiken erledigt haben?“

„Soll ich uns vorher noch einen Kaffee kochen?“, fragte sie eifrig.

„Für mich nicht. Ich habe gerade erst gefrühstückt.“

„Oh. Na gut. Übrigens, schauen Sie, was heute Morgen in der Post war.“ Sie hielt den dicken rosa Umschlag empor.

„Mmh?“, sagte er abwesend.

„Ein Brief.“

Beim Aufhängen seines Jacketts innehaltend, streifte er ihn mit einem kurzen Blick, und seine Züge verhärteten sich. „Das sehe ich!“

„Noch einer“, betonte Megan.

„Legen Sie ihn einfach in meinen Posteingang, ja?“

„Wollen Sie ihn denn nicht lesen?“

Dan wandte sich um. „Wie bitte?“

„Na ja, es ist bloß … Ich habe schon mehrere solcher Briefe gesehen …“

„Und?“, schnappte er.

„Und Sie haben sich nicht die Mühe gemacht, sie zu lesen.“

„Oh nein.“ Dan schüttelte den Kopf und sah sie böse an. „Das würde bedeuten, ich sei entweder gedankenlos oder nachlässig gewesen. Aber ich habe sie absichtlich nicht gelesen.“

Megans Neugier war geweckt. „Darf ich fragen, warum?“

Ungehalten sah er sie an. „Nein, das dürfen Sie nicht! Sie werden dafür bezahlt, mich bei der Arbeit zu unterstützen, und nicht dafür, mich auszufragen! Also sagen Sie mir, was heute auf dem Terminplan steht, Megan, okay? Und legen Sie den Brief in den Korb, so wie ich Sie gebeten habe. Braves Mädchen.“

Seine herablassende Art ärgerte sie, aber sie zeigte es nicht. Das Gehalt, das sie von Softshare ausgezahlt bekam, war es wert, gelegentliche Ausbrüche an schlechter Laune zu ertragen. Also verbarg Megan ihr Zähneknirschen hinter ihrem geduldigsten Lächeln. „Selbstverständlich. Es waren zwei Nachrichten aus Japan auf Ihrer Voicemail. Ach ja, und noch ein Anruf aus Tschechien. Ein Regierungsmitglied möchte mit Ihnen sprechen – ob Sie wohl so bald wie möglich zurückrufen könnten?“

„Ja. Sicher.“ Dan schlenderte ans Fenster und blickte auf den Parkplatz hinunter, auf dem mehr als ein Dutzend luxuriöser Wagen in der Sonne glitzerten. „Was noch?“

„Sie treffen sich mit Sam Tenbury, um zu besprechen, ob Softshare ein Tennisturnier sponsern könnte. Sie gehen mit ihm essen.“

„Wo?“

„Ich habe in diesem Restaurant an der Uferpromenade reserviert.“

„Ändern Sie das. Ich bin zu beschäftigt, um meine Zeit mit Kellnern zu verschwenden, die bei jedem Pfefferstreuer, den sie einem bringen, Applaus erwarten!“

Missbilligend zog Megan die Augenbrauen zusammen. „Aber sie tun doch nur ihren Job, Dan.“

„Das weiß ich“, entgegnete er mit einem raschen ungeduldigen Lächeln. „Ich will nur nicht, das ihr Job meinem in die Quere kommt. Außerdem ist es eines der Restaurants, wohin Männer ihre Geliebten mitnehmen.“

Megan schaute auf. Was für ein altmodisches Wort, dachte sie. „Wie kommen Sie denn darauf?“

„Sie sind anscheinend noch nie dort gewesen.“

„Und wenn, würde ich es jetzt sicher nicht zugeben. Was haben Sie gegen das Lokal?“

„Ich denke, dass es seinem Ruf keineswegs gerecht wird. Es ist schlecht beleuchtet, spielt sentimentale Musik und ist überteuert. Ich möchte mich weder durch eine Speisekarte von der Länge eines Lexikons kämpfen müssen, noch in jeder zweiten Sekunde mein Glas aufgefüllt bekommen, damit ich am Ende des Abends in die Knie gehe! Ich habe nicht vor, jemanden zu verführen …“

„Meine Güte, da wird Sam Tenbury aber froh sein!“

Dan warf ihr einen ungehaltenen Blick zu. „Ich will nur essen und über Geschäftliches sprechen.“ Er schloss sein Laptop an. „Also, warum essen wir nicht hier?“

„Was – im Büro?“

„Nein, nicht im Büro“, erklärte er in einem Tonfall, als sei sie heute ganz besonders begriffsstutzig. „In der Kantine.“

„Oh.“

„Das Essen ist gut, und wir laufen keine Gefahr, dass uns der Alkohol den Verstand vernebelt, weil es dort nichts Stärkeres gibt als Malzbier.“

„In Ordnung“, sagte Megan. „Dann sage ich die Reservierung ab. Hoffentlich erwartet Sam nicht, dass Sie ein Fass aufmachen.“

„Wieso sollte er? Inzwischen müssten Sie die Firmenphilosophie doch auch kennen, Megan. Wie lange sind Sie jetzt schon hier? Einen Monat?“

„Fast drei Monate“, korrigierte sie spitz.

„Und …“ Er setzte sich an seinen Schreibtisch, die langen Beine vor sich ausgestreckt. „Was haben Sie bisher gelernt?“

Megan fühlte sich wie eine Schülerin vor dem Lehrer. „Dass Sparsamkeit oberstes Gebot ist“, erwiderte sie. „Dass Softshare-Direktoren in der Economyclass fliegen, und dass ihre Büros nicht wie Paläste ausgestattet werden.“

„Und warum?“

„Weil Sie alle Gewinne wieder in die Firma investieren, um der Konkurrenz immer ein Stück voraus zu sein“, antwortete sie gehorsam.

„Mmh. Sehr gut, Megan“, murmelte er, während er aufmerksam den Bildschirm vor sich betrachtete.

„Und? Bin ich jetzt die Beste in der Klasse?“, fragte sie sich laut.

Aber Dan hörte nicht. Er starrte auf die Zahlen seines Monitors mit jenem hingerissenen Ausdruck, den die meisten Männer sich für eine schöne Frau vorbehielten.

Das Büro war groß und geräumig. Die beiden Schreibtische darin standen sich direkt gegenüber, was Megan nicht sonderlich angenehm war. Diese kühlen grauen Augen ließen ein entspanntes Arbeiten nicht zu.

Die einzigen Auszeiten, die Megan bekam, waren die, in denen Dan geschäftlich unterwegs war, was allerdings längst nicht so oft der Fall war, wie sie es gern gehabt hätte. Denn wie die meisten Sekretärinnen fand sie, dass alles viel besser funktionierte, wenn der Chef nicht da war.

In einer Ecke des Raumes standen ein Sofa und zwei Sessel um einen Couchtisch. Und jede Woche wurden von einem Floristen frische Blumen gebracht. Nichts Überflüssiges beeinträchtigte die Atmosphäre, und auch Megans Schreibtisch enthielt nur das Nötigste.

Gemeinsam arbeiteten sie und Dan, bis ihr der Magen zu knurren begann.

„Möchten Sie vielleicht einen Pfefferminztee?“, erkundigte sie sich hoffnungsvoll.

„Nein, ganz sicher nicht! Ich nehme jetzt den Kaffee – stark und schwarz, wie immer.“

„Aber zu viel Koffein macht nervös, Dan …“

„Ja, und Sie schaffen das anscheinend auch sehr gut. Was glauben Sie wohl, warum ich Kaffee brauche, Megan?“, gab er gereizt zurück, wobei er gleichzeitig seine E-Mails überprüfte.

Megan ging hinaus, um ihm den gewünschten Kaffee zu holen, ehe sie selbst einen großen grünen Apfel verzehrte, während Dan ausführlich mit jemandem in Tokio telefonierte und sie jedes Mal finster ansah, wenn sie von dem Apfel abbiss.

Danach nahm er an einer Konferenzschaltung teil. Gegen Mittag meldete sich der Empfang, um ihm mitzuteilen, dass Sam Tenbury unten wartete, und Dan streckte sich gähnend die Arme über dem Kopf.

„Okay, Megan. Sie wissen, wo ich bin. In ungefähr einer Stunde bin ich zurück“, erklärte er und verließ den Raum.

Megan ihrerseits konzentrierte sich darauf, ein Meeting für den nächsten Monat zu organisieren, bei dem Softshare-Angestellte sich zusammenfinden sollten, um die Teambildung zu fördern.

Gerade überlegte sie, ob sie ihr Sandwich essen sollte, das sie immer von zu Hause mitbrachte, da läutete das Telefon, und sie nahm ab.

„Hallo, hier ist das Büro von Dan McKnight. Mein Name ist Megan. Was kann ich für Sie tun?“

Eine atemlose Pause entstand. Dann kam die Stimme einer jungen Frau. „Bitte, ist er da? Dan, meine ich.“

„Ich fürchte nein“, sagte Megan bedauernd. „Er hat eine Besprechung.“

„Oh. Ja, verstehe.“ Die Stimme klang so jung und so niedergeschlagen, dass Megans mütterliche Instinkte auf den Plan gerufen wurden.

„Kann ich etwas ausrichten?“

„Nein, eigentlich nicht.“

„Oder soll ich ihm sagen, wer angerufen hat?“

„Nein, nein! Ist schon in Ordnung. Macht nichts. Wirklich.“

Doch das Mädchen hörte sich so deprimiert an, dass Megan fragte: „Sind Sie sicher? Sie können ihm gerne eine Nachricht hinterlassen. Er wird bald zurück sein.“

Die Anruferin schien zu schlucken. „Ich weiß nicht, ob das einen Sinn hat …“

Aber Megan war nicht umsonst die Älteste von fünf Geschwistern und spürte genau, wenn jemandem etwas auf der Seele lag. „Ach was, Sie können es mir ruhig sagen“, meinte sie behutsam.

„Nun ja … Ähm, wissen Sie, ob er in letzter Zeit seine Post bekommen hat?“

Auf einmal ging Megan ein Licht auf. Dies musste die Verfasserin jener Briefe sein. Doch wie sollte sie ihr sagen, dass Dan sich weigerte, sie zu lesen?

„Dan bekommt immer stapelweise Post“, antwortete sie daher ausweichend. „Aber er hat in letzter Zeit außerordentlich viel um die Ohren gehabt.“ Was durchaus der Wahrheit entsprach. „Also hat er wahrscheinlich noch nicht die Zeit gefunden, sie zu lesen.“

„Ja“, sagte die junge Frau traurig. „Vermutlich habe ich deshalb noch nichts von ihm gehört.“

„Ich kann ihm ja sagen, er soll Sie zurückrufen, sobald er wieder da ist.“

Ein freudloses Lachen war zu hören. „Nein, schon gut. Wir sehen uns am Wochenende. Ich werde dann mit ihm sprechen. Vielen D… Dank für Ihre Hilfe.“

Die Verbindung wurde unterbrochen, und Megan schaute verblüfft auf den Telefonhörer. Ihre Beschützergefühle waren geweckt. Nur mit halber Konzentration machte sie sich daran, Dans Termine in seinen Kalender einzutragen, und als er zurückkehrte, hatte sie sich bereits zurechtgelegt, was sie zu ihm sagen wollte.

Natürlich juckte es Megan, ihm von dem Anruf zu berichten, war jedoch entschlossen, die Sache professionell zu handhaben. Daher arbeitete sie den ganzen Nachmittag über vor sich hin und wartete beinahe bis Arbeitsschluss, ehe sie das Thema ansprach.

„Dan?“

„Was ist?“

„Ihre Freundin hat angerufen, als Sie weg waren.“

Er hob den Kopf, und in seinen Augen erschien ein argwöhnischer Ausdruck. „Tatsächlich?“

„Ja, tatsächlich.“

„Und welche Freundin wäre das?“

„Sie meinen, Sie haben mehr als eine?!“ Megans Tonfall war entrüstet und vorwurfsvoll zugleich.

Frostiges Schweigen trat ein, während Dan kurzfristig mit dem Gedanken spielte, Megan auf der Stelle zu entlassen, bis sein gesunder Menschenverstand wieder einsetzte. Es gab schließlich keinen Grund, seine Assistentin zu feuern, nur weil sie glaubte, dass man eine überschäumende Libido besaß!

„Ich habe viele Freunde beiderlei Geschlechts“, antwortete er ironisch. „Sie nicht?“

„Äh, ja.“ Megan fühlte sich ein wenig überrumpelt. „Selbstverständlich.“

Fragend sah Dan sie an. „Also, wer war es?“

Erschrocken wurde ihr bewusst, dass sie sich nicht nach dem Namen der jungen Frau erkundigt hatte. „Oh … das weiß ich nicht.“

„Wie bitte? Sie haben sich nicht den Namen geben lassen?“

„Na ja, ich …“

„Das grenzt in Ihrem Beruf ja schon fast an totale Inkompetenz!“, fuhr er heftig auf.

Megan fühlte sich hin und her gerissen zwischen dem Bedürfnis, sich ihren Job zu bewahren und andererseits für die junge Frau einzutreten. Aber letztendlich überwog die Frauensolidarität.

Furchtlos erwiderte sie daher Dans finsteren Blick und sagte: „Sie hat mir gesagt, dass sie Ihnen geschrieben hat, aber dass Sie sich nicht gemeldet hätten.“

„Ach ja?“ Seine Stimme enthielt einen unverkennbar drohenden Unterton. „Und hat sie sonst noch was gesagt?“

„Ja, dass sie Sie am Wochenende sehen und dann mit Ihnen sprechen würde.“

Dan stieß einen langen, resignierten Seufzer aus. „Verstehe.“

Megan versuchte noch einen letzten Vorstoß. „Sie klang sehr … aufgeregt, Dan.“

Ihr missbilligender Ton entging ihm nicht. „Und?“

„Ich denke, Sie sind ihr zumindest eine Antwort schuldig.“

Nur mit Mühe gelang es ihm, seinen Ärger zu zügeln. „Ist Ihnen nicht vielleicht der Gedanken gekommen, dass es einen triftigen Grund dafür gibt, dass ich nicht geantwortet habe?“

„Manche Männer zieren sich eben“, gab Megan unerschrocken zurück. „Sie behandeln Frauen schlecht, damit diese weiter interessiert bleiben. Vielleicht sind Sie ja einer von denen.“

„Ich sehe, ich habe bereits ungeahnte Höhen in Ihrer Achtung erreicht“, bemerkte Dan sarkastisch.

Megan zuckte die Achseln. „Ich kenne Sie ja nun nicht besonders gut.“

„Nein, allerdings! – Denn sonst wüssten Sie, dass mein Ego nicht so zerbrechlich ist, dass ich es nötig hätte, einen verliebten Teenager in ihrer Schwärmerei zu ermutigen!“

„Teenager?“ Sie war schockiert.

Dans Miene verfinsterte sich noch mehr. „Es besteht kein Anlass, so entsetzt zu sein!“, stieß er knapp hervor. „Ich bin dreiunddreißig Jahre alt, und es ist noch nicht ganz so weit, dass ich meine Rente beantrage. Außerdem ist sie fast zwanzig.“

„Und Sie haben eine Affäre mit ihr gehabt?“

Dan hätte Megan am liebsten geschüttelt. „Verdammt noch mal! Sie tun ja gerade so, als sei ich Blaubart! Nein, ich habe keine Affäre mit ihr gehabt. Mich an kleinen Kindern zu vergreifen, hat mich noch nie angetörnt!“

„Hm, was ist dann das Problem?“, wollte Megan leicht verwirrt wissen. „Wie heißt sie, und worum geht es bei dieser Geschichte überhaupt?“

Dan seufzte. Normalerweise achtete er sehr darauf, sein Privatleben abzuschirmen. Aber wenn Katrina mittlerweile sogar anfing, ihn hier anzurufen und ihm hierher zu schreiben, dann war es unvermeidlich, dass sich dies auf sein Berufsleben auswirkte und ihn womöglich noch kompromittierte.

„Sie heißt Katrina“, sagte er. „Und sie glaubt, dass sie in mich verliebt ist.“

„Wieso?“

Trotz allem musste Dan lachen. Den Kopf in den Nacken geworfen, lachte er laut und herzhaft. Denn wenn sein Ego außer Kontrolle zu geraten gedroht hätte, hatte dieses eine unschuldige Wort genügt, um ihn auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen.

Doch dann bemerkte er den vorwurfsvollen Ausdruck, der Megans große grüngoldene Augen verdüsterte, und wieder stieg der Ärger in ihm hoch.

„Was denken Sie denn?“, fragte er herausfordernd. „Weil ich sie vernascht habe, als sie kaum den Windeln entwachsen war?“

„Dan!“

„Tja, das bedeutet diese moralinsaure Miene doch, die Sie da zur Schau stellen, Megan, oder etwa nicht?“

„Nein!“

„Und Sie haben offenkundig für Katrina Partei ergriffen …“

„Ich habe für niemanden Partei ergriffen! Sie hat mir leidgetan, mehr nicht!“

Seine Augen wirkten finster wie Gewitterwolken, und zornig fuhr er fort: „… obwohl Sie sie gar nicht kennen, und mich kaum? Sie haben ja nicht einmal die leiseste Ahnung von der Situation!“

„Mag sein“, stimmte sie zu. „Aber das lässt sich leicht ändern. Warum erzählen Sie es mir nicht ganz einfach?“

Dan presste den Mund zu einer dünnen, harten Linie zusammen. Er war so erzogen worden, dass die Zurschaustellung von Gefühlen als Schwäche galt. Und eine vollkommen Außenstehende ins Vertrauen zu ziehen, war geradezu maßlos übertrieben.

Andererseits konnte er die Situation, die ihm zu entgleiten schien, nicht mehr länger ignorieren. Und Megan verfolgte bestimmt keinerlei eigennützige Zwecke dabei. Weder kannte sie Katrina, noch konnte sie irgendetwas dadurch gewinnen, dass er sie nach ihrer Meinung befragte. Und außerdem, sich seiner Assistentin anzuvertrauen, bedeutete doch sicherlich nicht, dass er sich unloyal verhielt.

„Ja, vielleicht sollte ich das wirklich tun“, meinte er langsam.

Erstaunt beobachtete Megan, wie Dan sich in seinem Drehsessel zurücklehnte und sie durchdringend aus schmalen Augen musterte, so wie er manchmal eine Gewinnstatistik betrachtete.

„Also gut“, nickte er, wobei sein Lächeln verärgert und nachdenklich zugleich wirkte. „Ich werde Ihnen die ganze Geschichte über Katrina erzählen, und dann werden wir ja sehen, wem Ihr Mitgefühl letztendlich gilt, nicht wahr?“

2. KAPITEL

„Stellen Sie sich ein kleines Mädchen vor, das ohne Männer in seiner Umgebung aufgewachsen ist“, begann Dan.

„Ich nehme an, wir sprechen hier von Katrina?“, meinte Megan.

„Ganz recht. Sie und ihre Mutter wohnten in unserer Nähe. Meine Mutter ist ihre Patin, und ich kenne Katrina schon fast ihr ganzes Leben lang.“

Megan nickte.

„Sie ist die Tochter einer Schauspielerin, die sehr sehr schön ist. Und sehr selbstbezogen“, fuhr Dan schroff fort. „Und wie viele Frauen empfand sie die Ankunft einer Tochter als eine Art Katastrophe …“

„Aber wieso denn das?“, fragte Megan verblüfft.

Ihr aufrichtiges Erstaunen wunderte ihn beinahe. Weiß sie denn nicht, wie groß der Konkurrenzkampf unter Frauen sein kann? dachte er und betrachtete sie. Nein, vielleicht nicht.

„Weil Töchter die Angewohnheit haben, irgendwann erwachsen zu werden! Sie liefern den physischen Beweis dafür, wie schnell die Jahre vergehen. Und nichts fürchtet eine Schauspielerin mehr als das Alter. Man kann nicht mehr vorgeben, man sei Mitte dreißig, wenn man eine Tochter hat, die Anfang zwanzig ist!“

„Nein, wohl nicht“, sagte Megan langsam. „So habe ich das noch nie gesehen.“ Sie schaute ihn an. „Und wo kommen Sie ins Spiel?“

Er runzelte die Stirn. „Schon als kleines Mädchen hat Katrina sich immer an mich gehängt und ist mir überallhin gefolgt, wann immer ich da war. Anscheinend war das nicht oft genug, damit sie merkte, dass Idole meist auf tönernen Füßen stehen.“

„Sie waren ihr Idol?“

„Ja, ich glaube schon.“ Aber ganz so überrascht hätte Megan nun auch wieder nicht sein müssen. „Sie ist ständig neben mir hergelaufen und hat mich angehimmelt, als könnte ich nichts falsch machen.“ Dan konnte nicht leugnen, dass er das junge Mädchen mochte und ihre bedingungslose Verehrung auch genossen hatte. Für ihn war Katrina wie eine kleine Schwester gewesen, die er nie gehabt hatte.

Und das war Teil des Problems. Einer kleinen Schwester konnte man sagen, dass sie verschwinden sollte, und sie würde dies vermutlich beherzigen.

„Was haben Sie dagegen getan?“

Seufzend gestand Dan sich ein, dass er möglicherweise eine völlig verkehrte Taktik verfolgt hatte. Er hatte geglaubt, wenn er die Fixierung des jungen Mädchens einfach ignorierte, würde sich diese mit der Zeit schon wieder legen.

„Nichts“, gab er zu. „Ich habe mich ihr gegenüber einfach so verhalten wie immer.“

„Und wie?“

„So wie ein großer Bruder, schätze ich.“

„Es gab also überhaupt keine Anziehung zwischen Ihnen und ihr?“

Dan schüttelte den Kopf. „Von meiner Seite aus jedenfalls nicht! Der Altersunterschied zwischen uns ist zu groß, als dass wir irgendwelche Gemeinsamkeiten hätten.“

Megan nickte nachdenklich. „Dreizehn Jahre, das ist schon ein großer Unterschied, aber man hat schon davon gehört.“ Sie dachte an Mitglieder der königlichen Familie sowie an einige Hollywoodstars.

„Dasselbe gilt für Sklavenarbeit, aber das heißt noch lange nicht, dass es auch in Ordnung ist! Stellen Sie sich das doch einmal vor! Als sie eine pausbäckige Fünfjährige war, habe ich gerade mit meinem Studium angefangen. Glauben Sie etwa, dass wir uns jedes Mal, wenn ich nach Hause kam, ernsthaft darüber unterhalten haben, welche Sorte Schokolade oder welches Spielzeug wir am liebsten mochten?“

Aber deswegen muss er das doch nicht an mir auslassen, dachte Megan, sagte jedoch nur ruhig: „Natürlich nicht.“

„Jedenfalls“, fuhr Dan achselzuckend fort, „als sie fünfzehn wurde, war ich achtundzwanzig …“

„Und vermutlich wurde der Altersunterschied dadurch zunehmend weniger auffällig“, warf sie ein.

Er blickte auf. „Zumindest hat Katrina das wohl so empfunden.“

„Hat sie … also irgendwann einfach beschlossen, dass sie in Sie verliebt ist, oder ist irgendetwas passiert?“

Die Augen unter den Lidern halb verborgen, sagte er: „Sie meinen, ich hätte einen Annäherungsversuch unternommen?“

„Nein.“ Megan bemühte sich, diplomatisch zu bleiben. „Das heißt, vielleicht nicht mit Absicht …“

Dan überlegte. War es möglich, dass er Katrina tatsächlich irgendeine falsche Botschaft vermittelt hatte? Doch dann schüttelte den Kopf.

„Nein“, erklärte er fest. „Ich habe nie etwas getan, was sie irgendwie hätte missverstehen können.“

„Aber können Sie sich vielleicht daran erinnern, ab wann genau es etwas Ernsteres wurde?“

Er versuchte, sich den exakten Moment ins Gedächtnis zurückzurufen, an dem die Schulmädchenschwärmerei sich in etwas hineinsteigerte, das aus dem Ruder geraten war.

„Zu ihrem achtzehnten Geburtstag habe ich ihr eine Kette geschenkt“, sagte er langsam. „Kurz danach hat es angefangen.“

„Wann war das?“

„Vor ungefähr zwei Jahren.“

Katrina besaß also Ausdauer. Zwei Jahre unerwiderte Liebe, das war echte Hingabe.

„Was für eine Kette ist das gewesen?“, fragte Megan.

„Zuchtperlen“, antwortete Dan zögernd, wobei ihm wieder einfiel, wie Katrina ihn angeschaut hatte, als er ihr das schmale Kästchen überreicht hatte. Ihre überwältigte Miene und die vor Dankbarkeit strahlenden Augen. Sie hatte ihm so stürmisch die Arme um den Hals geworfen, dass er sich schließlich von ihr hatte losmachen müssen. „Ziemlich schöne Perlen.“

„Na, da haben wir’s ja! Sie haben das falsche Signal ausgesandt.“

Er hob die Brauen. „Inwiefern?“

„Für Frauen bedeutet Schmuck etwas ganz anderes als für Männer“, erklärte sie bereitwillig. „Ich meine, Sie haben wahrscheinlich gedacht, dass Sie ihr als Freund nur ein hübsches Andenken zu einem besonderen Geburtstag geschenkt haben …“

„Ja, genau!“

„Frauen dagegen messen bestimmten Schmuckstücken eine echte Bedeutung bei.“ Selbst Megan bekam feuchte Augen, wenn sie sich ihre Perlenkette umlegte. Obwohl das möglicherweise daran lag, dass diese ihrer Mutter gehört hatte. „Weshalb haben Sie sie überhaupt gekauft?“

Unbehaglich rutschte Dan auf seinem Sessel hin und her. Allmählich begann es ihm zu dämmern, dass da ohne sein Wissen irgendetwas vor sich gegangen war, so als sei er auf kluge Weise manipuliert worden.

„Das war ein Vorschlag meiner Mutter.“

„Ah, verstehe. Ihre Mutter mag sie offensichtlich.“

„Sie kommt ihren Vorstellungen entgegen, ja“, meinte Dan nachdenklich. „Das heißt, Katrina glaubt, sie sei in mich verliebt, weil ich ihr ein relativ teures Schmuckstück zu ihrem achtzehnten Geburtstag geschenkt habe?“

Megan schaute ihn offen an. „Diese Frage können nur Sie beantworten.“

„Und was soll ich jetzt tun?“

„Sie dazu bringen, dass ihre Verliebtheit aufhört.“

„Und wie, bitte sehr?“

Sie war versucht, ihm vorzuschlagen, mehr Zeit mit dem Mädchen zu verbringen. Dadurch würden deren Träume bald von ganz allein wie Seifenblasen zerplatzen.

„Was haben Sie denn bisher getan, um sie abzuschrecken?“

„Als wir uns das letzte Mal gesehen haben, habe ich ihr behutsam erklärt, dass der Altersunterschied zwischen uns zu groß ist.“

„Oh je! Das war ein großer Fehler!“

Scharf blickte er Megan an. „Ach ja?“

„Das klingt, als stünden Ihnen nur die gesellschaftliche Konventionen im Weg! Die große Liebe, die durch die unerbittliche Umwelt zunichtegemacht wird! Das Romeo-und-Julia-Syndrom“, setzte sie hilfsbereit hinzu. „Und was haben Sie sonst noch gemacht?“

„Ich nehme ihre Anrufe nicht mehr entgegen, und ich habe in letzter Zeit keine ihrer E-Mails mehr beantwortet, genauso wenig wie ihre Briefe.“ Er blickte auf seinen Schreibtisch, und als er wieder aufsah, lag ein gequälter Ausdruck in seinen grauen Augen. „Weil ich nicht weiß, was ich schreiben soll, und weil die Briefe inzwischen … drastischer werden.“

„Wenn Sie sie weiterhin ignorieren, wird sie dadurch sicherlich nur noch verzweifelter“, überlegte Megan laut. „Und sie wird Angst haben, dass sie Ihre Freundschaft womöglich ganz verliert. Nein, sie zu ignorieren, ist keine Lösung.“

„Und? Was schlagen Sie vor?“

Megan kam Katrinas niedergeschlagene Stimme in den Sinn, und sie versuchte, sich in ihre Lage zu versetzen. Sie empfand ungeheures Mitgefühl für das Mädchen, denn irgendwo hatte sie gelesen, dass Liebeswahn das Selbstwertgefühl unterminieren und das eigene Leben vollkommen beherrschen konnte.

Konzentriert dachte Megan nach.

„Eine Möglichkeit gäbe es, sie loszuwerden.“ Sie bemerkte, wie Dan bei dieser Formulierung zusammenzuckte. „Aber es könnte sein, dass Ihnen die Methode grausam erscheint.“

Seine Miene wurde argwöhnisch. „Woran hatten Sie gedacht?“

Megan lächelte. Ihre vier Brüder waren ganz genauso. Sie konnten eine einfache Lösung nicht sehen, obwohl sie direkt vor ihrer Nase lag!

„Sie müssen sie bloß davon überzeugen, dass Sie jemand anderen lieben. Ganz einfach.“

„Ah ja? Und wie soll ich das anstellen?“

„Sie hat gesagt, dass Sie sich kommendes Wochenende sehen würden …“

„Nein. Das klingt, als seien wir verabredet, aber das stimmt nicht. Mein Bruder wird in ein paar Wochen heiraten, und er und seine Verlobte sind an diesem Wochenende bei meiner Mutter zu Besuch. Ich will auch hinfahren. Und Katrina wird ebenfalls dort sein.“

„Dann nehmen Sie jemand mit.“ Auf Dans verständnislosen Blick hin fügte Megan ungeduldig hinzu: „Eine Freundin. Zeigen Sie Katrina, dass Sie bis über beide Ohren in eine andere Frau verliebt sind! Einen sichereren Weg, jemandem beizubringen, dass Sie kein Interesse haben, gibt es nicht.“

„Aber ich bin nicht verliebt.“

Megan seufzte. Männer waren manchmal wirklich schwer von Begriff – selbst solche mit einem so brillanten Geist wie Dan McKnight!

„Das müssen Sie auch gar nicht. Sie müssen nur so tun, als ob! Suchen Sie sich jemanden, der bereit ist, das Spiel mitzuspielen.“

„Und wen zum Beispiel?“

„Das weiß ich doch nicht! Es gibt doch garantiert Hunderte von Frauen, die begeistert wären, für ein Wochenende in die Rolle der Freundin von Dan McKnight zu schlüpfen!“

„Ja. Von denen die meisten darauf aus wären, den Posten auf Dauer zu besetzen“, entgegnete er grimmig.

Seine Arroganz verschlug Megan fast den Atem. „Es muss doch irgendwo eine Frau existieren, die in der Lage ist, Ihrem ungeheuren Charme achtundvierzig Stunden lang zu widerstehen, Dan!“

Er schwieg einen Moment lang. „Wie wär’s mit Ihnen?“, fragte er dann plötzlich.

„Ich?“ Megan starrte ihn an. „Wieso denn ausgerechnet ich?“

„Nun, der Hauptgrund ist der, dass Sie mich in keinster Weise attraktiv finden.“ Seine Augen bohrten sich in die ihren. „Oder, Megan?“

Sie erwiderte seinen Blick. Obwohl sie wusste, dass neun von zehn Frauen sich auf ihn gestürzt hätten, konnte sie sich eher vorstellen, von einem Betonklotz geküsst zu werden als von Dan McKnight!

Und daher schüttelte sie den Kopf. „Nein.“

Dan schmunzelte. „Vielen Dank, dass Sie sich nicht die Mühe gemacht haben, meine Gefühle zu schonen“, meinte er. „Und glücklicherweise beruht dieses Gefühl durchaus auf Gegenseitigkeit. Sie sind vermutlich die letzte Frau auf der Welt, mit der ich mich auf eine Beziehung einlassen würde.“

„Herzlichen Dank!“ Ein klein wenig freundlicher hätte er es Megans Ansicht nach schon ausdrücken dürfen.

Unter seinen dunklen Wimpern hervor warf ihr einen raschen Blick zu. „Also? Haben Sie dieses Wochenende schon was vor?“

Megan war prinzipiell nicht imstande zu schwindeln, weil ihr selbst Notlügen schwerfielen, auch wenn es nur ganz kleine waren.

„Äh, nein. Noch nicht.“

„Würden Sie es dann tun?“

„Ihre liebeskranke Freundin zu spielen?“

„Genau.“

Sie betrachtete ihn – die stahlgrauen Augen, das dichte dunkle Haar, seine Figur, die für einen Mann, der eigentlich keine körperliche Tätigkeit ausübte, erstaunlich schlank und durchtrainiert war.

„Nein“, lehnte sie dann rundheraus ab.

Dan war verblüfft. Er war ein Mann, der im Allgemeinen nicht oft eine Frau um einen Gefallen bitten musste. Ebenso wenig war es gewohnt, derart bestimmt und nachdrücklich abgewiesen zu werden, wie Megan Phillips es gerade getan hatte. Doch auf einmal fand er diese neuartige Erfahrung sogar recht anregend. Und auf jeden Fall überraschend.

„Warum nicht?“, wollte er wissen.

„Weil ich Ihre Assistentin bin. Ich kann nicht vorgeben, ihre Liebhaberin zu sein.“

„Ich erwarte ja schließlich nicht, dass wir unsere angebliche Liebesbeziehung auch tatsächlich vollziehen.“ Dan unterdrückte ein Lächeln. „Da ginge die Schauspielerei denn doch zu weit.“

Gelassen hielt Megan seinem spöttischen Blick stand. „Außerdem weiß ich ja fast nichts von Ihnen.“

„Sie scheinen aber mehr Informationen aus mir herausbekommen zu habe als andere Leute“, stellte er wahrheitsgemäß fest.

„Aber nicht genug, um als verliebtes Pärchen zu überzeugen.“

„Fragen Sie. Alles, was Sie wollen.“

„Und was müsste ich dabei tun?“

„Nur sehr wenig. Einige Mahlzeiten zusammen mit mir einnehmen, vielleicht ein bisschen Tennis spielen. Über meine Witze lachen. Das Kreuzverhör meiner Mutter über sich ergehen lassen. Mir zärtlich in die Augen schauen …“

„Was das angeht, bin ich meiner nicht so sicher“, sagte sie. „So eine gute Schauspielerin bin ich nun auch wieder nicht!“

Dans Mundwinkel zuckten, als sei er amüsiert über eine unerwartet unterhaltsame Quelle der Heiterkeit. „Nun, wenn Ihnen das Vergnügen meiner Gesellschaft nicht ausreicht, gäbe es da noch ein Lockmittel.“ Er legte eine wirkungsvolle Pause ein, ehe er freundlich hinzufügte: „Was wäre, wenn ich Ihnen sage, dass auch ein außerordentlich berühmter Schauspieler an dem Wochenende dabei ist?“

Megan bemühte sich so gut es ging, nicht allzu interessiert auszusehen. Wahrscheinlich meint er jemanden, der in einigen Kaffeewerbespots aufgetreten ist, dachte sie sarkastisch.

„Oh. Und wer soll das sein?“

Dan kostete den Moment genüsslich aus. „Jake Haddon.“

Ungläubige Überraschung malte sich auf ihrer Miene, und es dauerte volle zehn Sekunden, bis sie ihre Sprache wiedergefunden hatte. „Der Jake Haddon?“

„Gibt es mehrere?“

Megan schluckte, mehr verwirrt denn aufgeregt. Jake Haddon war nicht nur der Star des größten Filmerfolgs des Jahres gewesen, sondern der Engländer mit seiner feinen Ironie war auch zum höchsten männlichen Sexsymbol der Welt gekürt worden!

„Jake Haddon“, wiederholte sie, als traute sie ihren Ohren noch immer nicht, „wird im Haus Ihrer Mutter anwesend sein?“

„Richtig.“

In Megans Welt kamen berühmte Filmschauspieler nicht einfach zu den Eltern zu Besuch. „Ist er ein Freund von Ihnen?“, fragte sie misstrauisch.

„Ja.“ Auf ihren zweifelnden Blick hin fühlte Dan sich bemüßigt, dies etwas genauer auszuführen. „Er ist im Ort aufgewachsen. Wir sind eine Zeit lang auf dieselbe Schule gegangen, bevor er weggezogen ist. Aber wir sind immer in Kontakt geblieben.“

In was für einer Welt bewegt er sich, dachte sie unwillkürlich, wenn er mit solchen Persönlichkeiten zu tun hat, ohne es je zu erwähnen? Wenn ich mit Jake Haddon befreundet wäre, wüssten das bestimmt alle!

Dan beobachtete Megans Mienenspiel und verspürte eine gewisse Enttäuschung. Aber warum sollte sie sich von anderen Frauen unterscheiden, die sich für einen Mann nur deshalb interessierten, weil er etwas darstellte, anstatt um seiner selbst willen. Wann werde ich das jemals lernen? Er verzog die Mundwinkel.

„Also, haben Sie es sich jetzt vielleicht doch anders überlegt?“

Megan wusste, dass sie sich eigentlich nicht durch einen berühmten Namen beeinflussen lassen sollte. Aber sie konnte nicht anders. Vor lauter Aufregung hätte sie fast einen Luftsprung gemacht. Wenn ich das meinen Brüdern erzähle!

„Da können Sie Gift drauf nehmen!“

„Sie kommen also mit?“

„Ja, bitte.“

„Ach, der verführerische Zauber des Ruhms“, murmelte Dan trocken.

„Davon werde ich noch meinen Enkelkindern erzählen können!“, verteidigte sie sich.

„Geben Sie nur Acht, dass es nicht auch Jakes Enkelkinder sind“, warnte er. „Er ist ein ziemlicher Schürzenjäger“, setzte er schnell hinzu, als er ihren entrüsteten Blick sah. „Wie Sie sich sicherlich vorstellen können.“

Das überraschte Megan gar nicht. Wenn man so aussah wie Jake Haddon, brauchte man wahrscheinlich eine ganze Armee von Aufpassern um einen herum! Aber trotzdem, ein Schauspieler, dem ständig das große Geld aus Hollywood angeboten wurde, würde wohl kaum einer unscheinbaren Geschäftsassistentin nachlaufen, die auf einer Schweinefarm groß geworden war!

Megan lehnte sich in ihrem Drehstuhl zurück, wobei ein breites Lächeln ihr Gesicht erhellte.

„Na dann. Ein Topschauspieler, der ein Herzensbrecher ist, und ein Mann, der von einer jungen Frau verfolgt wird, die er um keinen Preis verletzen möchte.“ Sie stieß einen Seufzer freudiger Vorahnung aus. „Das verspricht in der Tat ein äußerst spannendes Wochenende zu werden!“

3. KAPITEL

Als Megan nach der Arbeit ihren Helm aufsetzte, fühlte sie sich beschwingt. Der Sommerabend war still und unbewegt, und ein Gefühl der Unwirklichkeit schien sie zu umgeben.

Sie stieg auf ihren Motorroller, den sie von ihrem Vater und ihren Brüdern gemeinsam zu ihrem einundzwanzigsten Geburtstag bekommen hatte, als ein Dankeschön für alles, was sie für die Familie getan hatte. Obwohl der Roller nicht sonderlich schnell fuhr, war dies für Megan eine sehr angenehme Art und Weise der Fortbewegung, um im Londoner Feierabendverkehr nach Hause zu kommen.

Sie wohnte in einer kleinen Reihenhaushälfte, die sie mit einer Mitbewohnerin teilte. Das Haus lag in der Nähe von Softshare, und die Londoner Innenstadt war nur eine halbe Stunde mit der U-Bahn entfernt.

Nachdem Megan die väterliche Farm verlassen hatte, hatte sie zunächst ein winziges Einzimmer-Apartment gemietet. Aber dann hatte die Geschichte mit David angefangen, und sie war nur selten zu Hause gewesen, sodass sie dies nicht gestört hatte. Und als sie sich dann von ihm trennte, hatte Megan beschlossen, dass sie Gesellschaft haben wollte, und sich mit einer anderen jungen Frau zusammengetan.

Das Häuschen lag in einer Parallelstraße zur Hauptstraße. Auf der einen Seite war sie von Bäumen gesäumt, und sobald die Geschäfte zumachten, war es eine ruhige Gegend. Doch die Parkplatzsuche war der reinste Albtraum, und Megan dankte dem Himmel dafür, dass man ihren kleinen Motorroller so leicht parken konnte.

„Hal…lo!“, rief sie vom Eingangsflur her, wo sie rasch die Post durchsah, die dort auf einem kleinen Tischchen lag.

„Ich bin hier!“, schallte es zurück. „In der Küche!“

Die Küche war zwar schäbig, besaß jedoch eine gläserne Terrassentür, die in den miniaturförmigen Garten hinausging, der im Sommer ein herrliches Sonnenfleckchen bot.

Megan hatte fleißig Blumensamen auf dem Fensterbrett gezogen, und nun wuchsen sie üppig draußen in den Blumentöpfen – farbenprächtig und köstlich duftend.

Helen stand neben dem Kühlschrank und putzte gerade Erdbeeren, die sie in einer Glasschale zu einer Pyramide aufhäufte. Sie war hübsch, lebhaft und arbeitete als Stewardess für eine der großen Fluglinien und hatte daher häufig Zwischenaufenthalte in Städten wie Paris, Rom oder Madrid, von denen sie immer behauptete, dass sie keineswegs glamourös seien. Aber für Megan hörte es sich zumindest so an.

Helen war momentan solo, auch wenn sie ständig jede Menge Verehrer hatte. Doch sie wollte lieber auf den ‚Richtigen‘ warten, wie sie sagte.

Sie schaute auf, als Megan in die Küche kam, und hielt in ihrer Arbeit inne, sobald sie deren Gesichtsausdruck sah.

„Was ist los?“, fragte sie sofort. „Ist was passiert?“

„Na ja, sozusagen.“ Megan legte eine kurze Pause ein. „Was würdest du sagen, wenn ich dir erzähle, dass ich das Wochenende in Gesellschaft von Jake Haddon verbringe?“

Helen fiel beinahe das Messer aus der Hand, und sie legte es vorsichtig beiseite. „Ich würde sagen, dass du entweder einen Schlag auf den Kopf bekommen hast, oder dass du mit einem Typen verabredet bist, der zufälligerweise den gleichen Namen hat wie der gut aussehende Schauspieler, den wir alle kennen und lieben!“

Megan steckte sich eine Erdbeerhälfte in den Mund. „Tja, damit lägest du falsch. Weil Jake Haddon – wohlgemerkt der Jake Haddon – nämlich tatsächlich dort sein wird.“

„Wo dort?“

„Das ist eine ziemlich abgefahrene Geschichte.“

„Ach, was du nicht sagst?“ Helen nahm den Wasserkocher zur Hand. „Erzähl mir alles ganz genau, ich koche uns derweil einen Tee.“

Eine Viertelstunde später stand der Wasserkocher vergessen und schon längst wieder abgekühlt auf dem Küchentresen, und Helens Augen waren so groß wie Untertassen.

„Und du bist sicher, dass dies nicht nur irgendein mieser Trick von deinem neuen Boss ist, mit dem er dich rumkriegen will?“

Megan verschluckte sich fast an der vorletzten Erdbeere. „Hast du ihn schon mal gesehen?“

„Nein. Wieso? Ist er so abstoßend?“

Lachend schüttelte Megan den Kopf. „Nein, das nicht. Er ist bloß …“

Erwartungsvoll blickte Helen sie an. „Ja, was?“

Megan hob die Schultern. „Ach, nichts. Es würde nur einfach nicht passieren. Ich bin nicht an ihm interessiert, und er ist ganz bestimmt nicht an mir interessiert. Das hat er mir sogar so gesagt!“

„Ah ja? – Und deshalb nimmt er dich mit, und ihr tut so, als wärt ihr fürchterlich ineinander verliebt?“

„Du interpretierst das völlig falsch!“

„Hmm. Mag sein. Aber ich weiß, wie Männer sind …“

„Ich auch!“, entgegnete Megan. „Schließlich bin ich in einem Haus voller Männer aufgewachsen.“

„Ja, und das waren deine dir treu ergebenen und äußerst fürsorglichen Brüder und dein Vater. Keine Kerle, die auf ihre Chance lauern.“ Helen musterte sie prüfend. „Und was ziehst du an? Wird er keinen Schock erleiden, wenn er dich mal nicht in deinen ewigen Hosen sieht?“

„Doch, vermutlich. Vor allem, wenn er meine knochigen Knie sieht!“

„Wie oft muss ich dir das noch sagen, dass es an knochigen Knien nichts auszusetzen gibt? Die meisten Frauen sehnen sich danach. Models haben die auch. Und außerdem hast du meine Frage noch nicht beantwortet. Seien wir ehrlich, Megan, dein Kleiderschrank quillt nicht gerade über vor passenden Klamotten für ein schickes Wochenende auf dem Lande!“

„Ja, ich weiß.“ Megan lächelte ein wenig verlegen. „Hm, nun …“

Helen platzte lachend heraus: „Soll das heißen, du möchtest was von mir borgen?“

„Na ja, wir haben immerhin dieselbe Kleidergröße. Hättest du etwas dagegen?“

„Ich, dagegen? Seit einer Ewigkeit warte ich darauf, dich mal in etwas richtig Peppigem zu sehen. Komm mit, worauf wartest du?“

Wenig später stand Megan vor einem bodenlangen Spiegel und begutachtete über die Schulter blickend ihren Po, der von einer engen sonnengelben Satinhose bedeckt war.

„Helen, die kann ich unmöglich tragen!“

„Klar kannst du! Sie ist jugendlich, trendy, und Satin ist sowieso der neue Superstoff, wusstest du das nicht?“ Bewundernd trat Helen einen Schritt zurück. „Ich muss schon sagen, diese Jeans sind ganz schön wild!“

„Wild?“, wiederholte Megan schwach. „Ich weiß nicht, ob das die Art von Wochenende ist.“

„Hast du ihn nicht gefragt?“

„Doch, natürlich. Er hat gesagt, dass seine Mutter und sein Bruder da sind …“

„Oh, wow! Das klingt aber nach viel Spaß“, bemerkte Helen trocken, doch Megan ignorierte sie.

„Wir sollen am Freitag zum Dinner da sein und fahren am Sonntag nach dem Mittagessen wieder zurück. Er meint, dass man sich zwar für das Dinner am Samstag in Schale wirft, aber sonst alles eher recht relaxed ist.“

„Sonst hat er nichts erzählt?“

„Eigentlich nicht. Nur die Sache mit dem Mädchen, das für ihn schwärmt, und dass Jake Haddon da sein wird.“

„Na also! Ein Schauspieler! Da kannst du doch nicht in einer von deinen nichtssagenden Hosen auftauchen, die du sonst immer trägst, oder? Er wird von dir erwarten, dass du spritzig aussiehst. Farbenfroh. Anders eben.“

„Meinst du?“

„Ich weiß es“, lächelte Helen. „Und jetzt probier mal dieses Schlauchtop an, zusammen mit der Caprihose!“

Wenig erbaut betrachtete Megan die Kleidungsstücke, die Helen ihr in die Hand drückte. „Hör zu, ich weiß, ich bin nicht gerade die modebewussteste Frau der Welt …“

„Das kann man wohl sagen!“

„Aber sogar ich weiß, dass Pink und Grün nicht zusammenpassen.“

„Wie bitte?! Schätzchen, die sind füreinander geschaffen! Kontrastfarben sind der große Renner in dieser Saison.“

„Ehrlich?“

„Vertrau mir, Megan.“

„Er würde jemandem wie mir so oder so keinen zweiten Blick gönnen“, erklärte diese tapfer.

„Nein“, stimmte Helen überlegend zu. „Wahrscheinlich nicht. Jedenfalls nicht so …“ Und damit steuerte sie resolut auf ihre Hausgenossin zu, die Mascarabürste in der Hand wie eine Waffe auf sie gerichtet.

„Was hast du vor?“, fragte Megan bestürzt.

„Wollen wir doch mal sehen, was sich mit ein bisschen Schminke aus deinem Gesicht machen lässt!“

Das Gesicht, das Megan eine Weile später aus dem Spiegel entgegenblickte, war nicht mehr als das ihre wiederzuerkennen.

Ihre grüngoldenen Augen wirkten dreimal größer als normal, und ihr Teint besaß einen Farbton, als sei sie gerade von einer Mittelmeer-Kreuzfahrt zurückgekehrt. Ihre Lippen glänzten auffällig rosa, und selbst ihr mausbraunes Haar sah interessant aus, nachdem Helen es mit dem Fön attackiert hatte.

Doch Megan war nicht sicher, ob sie diese auf Hochglanz polierte Unbekannte da im Spiegel überhaupt mochte. Energisch wischte sie sich den Bronzewangenpuder ab, von dem sie fand, dass sie damit aussah, als habe sie zu lange auf der Sonnenbank gelegen.

Dann warf sie einen Blick auf den bunten Kleiderstapel auf ihrem Bett. Was ist, wenn wir uns total geirrt haben? dachte sie. Sollte ich nicht lieber doch mein schlichtes, gutes Schwarzes mitnehmen? Nur vorsichtshalber …

Wie eine Verschwörerin packte sie es gleich zuunterst in ihren Koffer, wo Helen es nicht sehen konnte.

Wieder im Büro, sah Megan Dan auf einmal mit ganz anderen Augen. Sie hatte es also mit einem Mann zu tun, dem ein junges Mädchen in hoffnungsloser Liebe verfallen war, und der auf Du und Du mit Oscar nominierten Schauspielern stand.

In dieser Woche hatte er geschäftlich in Spanien und Holland zu tun und kam erst am Donnerstag zurück. Megan hatte den größten Teil des Vormittags damit verbracht, das vierteljährliche Rückschaumeeting zu organisieren. Und als sie zwischendurch aufschaute, bemerkte sie, dass Dans grauen Augen durchdringend auf ihr ruhten.

Sie war verlegen. „Ist was nicht in Ordnung?“

Er wirkte milde erstaunt. „Nein, wieso?“

„Sie haben mich angestarrt.“

„Ist das ein solches Verbrechen?“

„Natürlich nicht“, erwiderte Megan steif, die versuchte, sich in ihrer hellgrauen Hose und dem dunkelgrauen T-Shirt nicht allzu befangen zu fühlen.

„Anscheinend ja doch“, widersprach Dan.

„Ich ziehe mich nicht an, um angestarrt zu werden. Und schon gar nicht bei der Arbeit.“

„Das sehe ich“, nickte er. „Trotzdem ist es erfrischend, einer Frau zu begegnen, die so wenig eitel ist.“ Er lächelte.

Irgendwie gefiel Megan diese Bemerkung nicht.

Dan sah die Falten auf ihrer hellen, glatten Stirn und dachte, dass er vielleicht schon mal etwas üben sollte, Konversation mit ihr zu betreiben. „Wie ist es? Freuen Sie sich auf das Wochenende?“

„Das weiß ich nicht so genau“, gab sie zu und schwächte dann ab: „Es macht mich nur ein bisschen nervös, dass ich vermutlich ständig irgendwelche Geschichten erfinden muss. Ich verabscheue Lügen, das ist alles. Was haben Sie Ihrer Familie erzählt?“

„Ich habe meinem Bruder gesagt, dass ich eine Freundin mitbringe.“

„Mehr nicht?“

„Glauben Sie mir, das reicht. – Die Tatsache an sich, dass ich jemanden zu einer Familienfeier mitbringe, wird sie davon überzeugen, dass die Sache ernst genug ist, um die Alarmglocken schrillen zu lassen.“

„Warum denn Alarmglocken?“, fragte Megan neugierig. „Will Ihre Familie denn nicht, dass Sie auch heiraten?“

„Ich weiß nicht, ich hab’ sie nie danach gefragt.“

Sie runzelte erneut die Stirn. „Müssen Sie immer so ausweichend antworten?“

„Tu ich das?“ Dan zog die Brauen zusammen. „Tatsächlich?“

„Ja, tatsächlich. Sie sind ungefähr so entgegenkommend wie ein Felsbrocken!“

„Über eine Heirat haben wir nie gesprochen“, sagte er, wobei ihm aufging, dass er und seine Familie eigentlich nie besonders viel miteinander redeten. Es war nicht ihre Art. „Ich nehme an, die unausgesprochene Erwartung, falls ich einmal heiraten sollte …“

„Ja?“

„Ist die, dass es jemand mit dem gleichen gesellschaftlichen Hintergrund sein wird.“

„Wie rigide!“, stellte Megan fest.

„Eigentlich nicht“, meinte er achselzuckend und zerknüllte dabei ein Stück Papier zusammen. „Überlegen Sie doch mal. Heiraten kann ein solches Glücksspiel sein. Wenn man den gleichen Hintergrund und ähnlich gelagerte Interessen hat, stehen die Chancen besser, dass die Ehe auch wirklich überlebt.“

„Sie hören sich an, als ginge es um eine Expedition an den Nordpol! Eine Ehe sollte auf Liebe basieren!“

Er lächelte. „Ich würde Ihnen nur ungern Ihren jugendlichen Optimismus nehmen, Megan.“

„Ich dagegen würde Ihnen liebend gerne Ihren weltverdrossenen Zynismus nehmen!“

Dan lachte und dachte bei sich, dass das Wochenende vielleicht doch gar nicht mal so schlecht werden würde, wie er befürchtet hatte.

Megan nahm einen Anruf aus Rom entgegen, den sie an ihn weiterleitete. Und nachdem er das Gespräch beendet hatte, fasste sie all ihren Mut zusammen, um ihm die Frage zu stellen, die sie zum Teil schon schlaflose Nächte gekostet hatte.

„Dan?“

Er hob den Kopf. „Ja?“

„Es ist ein etwas heikles Thema …“

„Ich höre.“

„Nun ja …“

„Kommen Sie auf den Punkt, Megan, okay?“, seufzte er ungeduldig.

Trotzig sah sie ihn an. „Es geht um dieses … Sexding.“

Ein erstaunter Ausdruck huschte über seine Miene. „Was genau hatten Sie dabei im Sinn?“

„Nun, wenn wir uns angeblich lieben …“

„Ja? Weiter?“

„Dann wird man davon ausgehen …“

„Dass wir Sex miteinander haben?“, ergänzte er. „Zweifellos. Aber das bedeutet nicht, dass jemand unbedingt Zeuge dabei sein will! Oder glauben Sie, dass die Leute durchs Haus ziehen und erwarten, uns bei unserer zügellosen Leidenschaft zuzusehen?“

Sie schluckte. „Müssen Sie unbedingt so … drastisch werden?“

„Sie haben davon angefangen!“ Er lächelte beruhigend. „Hören Sie auf, sich Sorgen zu machen, Megan. Wir werden voraussichtlich nicht einmal im selben Teil des Hauses schlafen. Meine Mutter hält sehr an Konventionen fest. Und ihrer Ansicht nach schlafen unverheiratete Paare nicht in einem Zimmer. Sogar mein Bruder und seine Verlobte werden getrennte Zimmer haben. Was sie nachts dann machen, ist ihre Sache!“

„Und stört Sie das nicht?“

„Warum sollte mich das stören? So oft komme ich nicht zu Besuch, und außerdem bin ich nicht so sexsüchtig, dass ich nicht auch mal ein oder zwei Nächte ohne aushalten könnte.“

Megan schaute zur Seite.

„Keine Angst“, fuhr Dan fort. „Wir werden eines dieser kühlen, beherrschten Paare spielen, die ihre Leidenschaft fest im Griff haben! Wir werfen uns gelegentlich glühende Blicke über den Tisch zu, sodass sich die Spannung aufbauen kann. Aber nichts Deutlicheres als das. Meinen Sie, dass Sie damit zurechtkommen?“

„Ich schätze schon.“

In ihrem Gesicht lag ein Ausdruck, als stünde ihr eine Wurzelkanalbehandlung beim Zahnarzt bevor, was er wenig schmeichelhaft fand.

„Hätten Sie Ihre Bedingungen nicht lieber festlegen sollen, bevor Sie dieser Sache zugestimmt haben?“, sagte er trocken.

Megan begegnete seinem Blick. „Das könnte schon sein“, bestätigte sie. „Und insofern sollte ich es vielleicht jetzt noch tun.“

Dan lehnte sich zurück. „Schießen Sie los.“

„Ich bin ein von Natur aus kommunikativer Mensch …“

„Das ist mir nicht entgangen.“

„Während Sie dagegen ein Problem mit zwischenmenschlicher Kommunikation zu haben scheinen.“

„Ich arbeite in der Computerbranche, und ich bin ein Mann. Reicht das als Erklärung?“, meinte er ironisch.

„Und Sie sind auch mein Chef, nicht wahr?“

„Ja, und?“

„Um dem Zweck des Wochenendes zu dienen, müssen wir daher unsere normalen Verhaltensstrategien zeitweilig aufheben.“

„Sie hören sich an, als wollten wir eine Schlacht schlagen.“

Sie lächelte. „Also, wenn ich Ihnen eine freundlich gemeinte Frage stelle, würde ich es begrüßen, wenn Sie mir anstatt eines finsteren Blicks eine ebenso freundliche Antwort geben. Glauben Sie, dass Ihnen das möglich ist, Dan?“

„Ich denke, das dürfte mir keine allzu großen Schwierigkeiten bereiten“, erwiderte er.

„Und abgesehen davon dürfen Sie keine Hierarchieunterschiede durchblicken lassen. An diesem Wochenende sind wir gleichberechtigte Partner. Wir können einander sagen, was wir wollen. Aber alles, was an dem Wochenende passiert, wird am Montagmorgen augenblicklich vergessen sein, und wir kehren zur Normalität zurück. Was halten Sie davon?“

Er hob die Brauen. „Und wird sich mein Wagen auch wieder in einen Kürbis zurückverwandeln?“

„Ich weiß, was mit Ihnen los ist“, erklärte sie. „Sie sind der Typ Mann, der immer die Regeln festlegt, und Sie sind es nicht gewohnt, dass jemand anders das bei Ihnen tut – schon gar nicht eine Frau. Habe ich recht?“

Dan war wie vom Donner gerührt, und zwar ebenso sehr durch Megans Freimütigkeit, Dinge zu analysieren, die er normalerweise unausgesprochen gelassen hätte, wie auch durch ihren Scharfsinn.

„Ja, da haben Sie absolut recht.“

„Dachte ich mir.“

„Und woher, rein Interesse halber, wissen Sie das alles?“

„Einer meiner kleinen Brüder war genauso. Er musste immer derjenige sein, der alles bestimmt. Ihre Unterlippe sah ganz ähnlich aus wie bei ihm. Er hat seine auch immer vorgestreckt, wenn es nicht nach seinem Willen ging!“

Das war eines der uncharmantesten Dinge, die jemals zu ihm gesagt worden waren, und Dan musste unwillkürlich grinsen. „Ich glaube, ich bin bisher noch nie mit irgendjemandes Bruder verglichen worden“, sagte er und fragte sich, was an dem bevorstehenden Wochenende wohl noch so alles auf ihn zukommen mochte.

Dann erkundigte er sich: „Tragen Sie eigentlich niemals Make-up, Megan?“

Sie hob das Kinn. „Selten.“

„Das ist ungewöhnlich.“ Ihm fiel auf, dass sie wirklich ausgesprochen schöne grüngoldene Augen besaß.

„Dort, wo ich herkomme, aber nicht. Auf der Farm hatte das wenig Sinn. Und jetzt habe ich meistens keine Lust dazu, mir die Mühe zu machen. Jedenfalls nicht zur Arbeit.“ Sie warf ihm einen verunsicherten Blick zu. „Wieso? Finden Sie, ich sollte?“

„Ich fände es interessant zu sehen, wie Sie damit aussehen“, antwortete er ehrlich.

Damit war für Megan die Entscheidung gefallen.

Helen schien recht zu behalten. Offenbar fand auch Dan, dass Megan ihr äußeres Erscheinungsbild für das Wochenende verändern sollte. Und so beschloss sie, ihre übliche Zurückhaltung fallen zu lassen und sich tatsächlich mit einigen von Helens extravaganten Kleidungsstücken auszustaffieren.

Sie fuhren am Freitag direkt nach der Arbeit los, was bedeutete, dass Megan sich rasch in der Damentoilette umziehen musste, wo sie sich in die gelbe Satinhose und ein dazu gehöriges schwarzes Seidentop schlängelte. Das Top war tief und weit ausgeschnitten, hatte dreiviertellange Ärmel und schmeichelte der Figur. Das Einzige, worauf Helen bestanden hatte, war, dass Megan sich dafür einen neuen BH zulegte. Und es war einer von der Sorte, der einem ein Dekolleté so tief wie der Grand Canyon verschaffte. Dennoch, Jake Haddon würde es bestimmt gefallen!

Megan bürstete sich die Haare und band sie zu ihrem üblichen Pferdeschwanz zusammen. Dann trat sie zurück und betrachtete ihr Spiegelbild.

Sie sah in der Tat vollkommen verändert aus! Doch es blieb ja noch genügend Zeit, um vor dem abendlichen Dinner in das sichere schwarze Kleid zu schlüpfen, falls nötig.

Sie verließ den Waschraum, sah, wie die Telefonistin zweimal zu ihr hinschaute, und fragte sich, welche Schlüsse diese wohl daraus ziehen mochte, vor allem, da Dan genau vor dem Eingang in seinem Wagen auf sie wartete.

Megan öffnete die Beifahrertür und stieg ein. „Dan?“

Auch er blinzelte verblüfft beim Anblick der langen, schlanken, kanariengelben Beine und dem straffen Po. „Ja?“

„Haben Sie keine Angst davor, was die Leute denken könnten?“, fragte sie.

„Was denn?“

Megan rückte so weit wie möglich von ihm ab. Seltsam, wie eng einem ein Auto manchmal erscheinen konnte. „Dass wir so zusammen wegfahren.“

„Assistentinnen begleiten ihre Chefs doch häufiger auf Reisen“, entgegnete er und unterdrückte ein Lächeln, als er bemerkte, wie sie den Abstand zwischen ihnen vergrößerte. „Manchmal sogar noch weiter als nur bis in die Cotswolds!“

„Aber das hier ist doch schon ein bisschen was anderes!“

„Nun, es hat mit der Arbeit nichts zu tun.“ Dan stellte den Rückspiegel ein. „Aber ich gehe davon aus, dass Sie nichts über mich ausplaudern und die Vertraulichkeit unserer Arbeitsbeziehung nicht aufs Spiel setzen.“

„Ich habe meiner Mitbewohnerin davon erzählt, das ist alles. Ich hoffe, damit habe ich den offiziellen Geheimhaltungsbeschluss nicht gebrochen?“

Er schmunzelte. Sie sah beinahe hübsch aus, wenn sie sich ereiferte. „Sie haben manchmal eine ausgesprochen scharfe Zunge.“

„Das sagt einer meiner Brüder auch immer.“

„Wie viele Brüder haben Sie denn eigentlich?“

„Vier. Ich bin die Älteste.“

Lächelnd zog er die Brauen empor. „Da hatte Ihre Mutter ja jede Menge zu tun.“

Megan räusperte sich. „Hören Sie, das ist für mich immer sehr schwierig, und ich möchte nicht, dass Sie sagen, wie leid es Ihnen tut, weil es schon sehr lange her ist. Aber meine Mutter ist bei der Geburt eines Kindes gestorben, als ich neun war …“

„Oh, mein Gott! Megan …“

„Und was ich nicht ertragen kann“, sagte sie heftig, „ist, wenn Leute anfangen, mich deshalb auf einmal anders zu behandeln als vorher. Sie müssen jetzt also nicht plötzlich nett zu mir sein. Okay?“

Dan zwang sich zu einem Lachen. „Wieso? Bin ich normalerweise so schrecklich zu Ihnen?“

Ein Lächeln huschte über ihre Lippen. „Kein Kommentar!“

„Was ist mit dem Baby passiert?“, fragte er unvermittelt.

Megan war wider Willen beeindruckt. Die meisten Menschen waren zu verlegen, um diese Frage zu stellen. „Das ‚Baby‘ ist inzwischen sechzehn und will Ingenieur werden.“

„Haben Sie sich ganz allein um ihn gekümmert?“

Sie nickte. „Ja, so ziemlich. Mein Vater hatte immer sehr viel auf dem Hof zu tun, und die anderen Jungen hatten kein Interesse. Aber ich habe es gern getan. Ich habe ihn sehr geliebt.“

Er dachte, wie glücklich ihre Brüder sich schätzen konnten, eine Schwester mit einem so großen Herzen zu haben. „Nur dass Sie es wissen, Megan, ich kann mir ungefähr vorstellen, wie das ist. Mein Vater starb, als ich nicht viel älter war als Sie damals.“

„Oh, das tut mir leid“, sagte sie schnell. Durch seine Worte fühlte sie sich irgendwie besser. Vielleicht, weil es schön war, einmal nicht allein zu sein …

„So“, sagte Dan dann in einem Tonfall, der deutlich machte, dass er das Thema wechseln wollte. „Welche Musik würden Sie denn gerne hören? Oder ziehen Sie die Nachrichten vor?“

„Oh, lieber Musik“, erwiderte sie sofort. „Die Nachrichten sind immer so deprimierend.“

Er lachte leise und stellte einen Sender mit klassischer Musik ein.

Im Wagen war es warm, und die sanfte Musik ließ Megan in Gedanken abschweifen.

Es war eine lange Fahrt, doch den größten Teil davon musste sie wohl verschlafen haben, denn als sie die Augen öffnete, war von der Sonne nur noch ein blassrosa Schimmer am Horizont zu sehen.

„Ah, Sie sind wach.“

Megan wandte den Kopf ein wenig und erblickte Dans Profil, das sich scharf gegen das schwindende Licht des Mittsommerabends abhob.

In diesem Moment verlangsamte er die Geschwindigkeit, wobei seine Hand auf eine Weise zur Gangschaltung glitt, die in Megan ein noch desorientierteres Gefühl auslöste, als ihr ohnehin schon zumute war.

Das Haar fiel ihr zerzaust um die Schultern, und sie sehnte sich nach einem warmen Bad.

„Wie spät ist es?“ Sie gähnte.

„Kurz vor zehn, und wir verspäten uns. Wegen Bauarbeiten haben wir endlos lange im Stau gestanden. Ich habe meinen Bruder übers Autotelefon angerufen, aber nicht einmal davon sind Sie aufgewacht.“

„War er böse?“

„Natürlich nicht! Aber er meinte, dass sie möglicherweise schon ohne uns mit dem Essen anfangen.“ Dan sah, wie sie das Gesicht verzog. „Sorry.“

„Na ja, da kann man nichts machen. Glauben Sie, ich hätte Zeit, um rasch ein Bad zu nehmen?“

„Das halte ich für unwahrscheinlich“, meinte er. „Aber machen Sie sich keine Gedanken. Sie sehen … gut aus, so wie Sie sind!“ Beinahe wie von selbst wurde sein Blick von ihren schlanken, gelben Oberschenkeln angezogen, doch schnell schaute er wieder weg. „Wirklich gut. – Ach, und noch etwas. Ab jetzt müssen wir uns selbstverständlich duzen, nicht wahr?“

„Oh.“ Megan setzte sich ruckartig auf. „Ja, natürlich.“

Dan bog in eine geschwungene, kiesbestreute Auffahrt ein, die sich kilometerweit vor ihnen zu erstrecken schien. Und erst, als ein Gebäude vor ihnen auftauchte – das in der Ferne rosafarben und golden leuchtete und geradezu wie ein Zauberschloss aus einem Disneymärchen aussah –, wurde Megan bewusst, dass sie angekommen waren.

4. KAPITEL

Mit offenem Mund staunte Megan das riesige Haus an. So etwas hatte sie bislang außer auf Fotos noch nie zu Gesicht bekommen.

Edgewood House war ein wunderschönes altes Backsteingebäude, das sich auf dem Land erhob, als habe es schon immer dort gestanden. Die letzten Sonnenstrahlen hatten den Wassergraben, von dem es umgeben war, mit Glanzlichtern wie von geschmolzenem Gold gesprenkelt, und das Mauerwerk besaß den tiefen warmen Farbton reifer Himbeeren.

„Oh, du meine Güte!“, rief Megan aus. „Ich kann das gar nicht fassen! Hier wohnen Sie … wohnst du wirklich?“

„Hier habe ich gewohnt“, verbesserte Dan.

„Wie alt ist es?“

„Die Nordseite des Hauses geht zurück bis auf die Zeit Heinrichs VII.“ Er schaltete einen Gang herunter. „Weitere Flügel sind über die Jahrhunderte angebaut worden. Es ist daher nicht besonders einheitlich, aber ich finde, es passt.“

„Oh ja“, stimmte sie hingerissen zu. „Auf jeden Fall!“

Dan beobachtete ihre hemmungslose Begeisterung, die durch die ausgefallene Kleidung, die er noch nie an ihr gesehen hatte, noch unterstrichen wurde. Und aus irgendeinem unerfindlichen Grund überkam ihn das Gefühl, als stecke ihm Staub in der Kehle.

„Gefällt es dir?“

„Und wie! Ich liebe es! Wer würde das nicht tun?“ Und beinahe wehmütig setzte sie hinzu: „Wie kann etwas, das so alt ist, derartig leuchten?“

„Darüber musst du mit meinem Bruder sprechen. Es hat irgendwas damit zu tun, wie man früher die Ziegel gebrannt hat. Aber Adam kann dir das ganz genau erklären.“

„Ist er älter oder jünger als du?“

„Älter. Und der Tradition nach derjenige, der das Haus erbt.“

„Wow, hat der ein Glück!“

„Ja, nicht wahr? Und er ist außerdem verlobt“, fügte Dan honigsüß hinzu. „Ich wollte es nur noch mal gesagt haben.“

„Kann ich nicht einmal eine harmlose Bemerkung machen, ohne dass sie gleich missverstanden wird?“, warf sie ihm hitzig vor. „Glaubst du etwa, ich werde mich auf deinen Bruder stürzen, nur weil ich das Haus schön finde?“

„Wenn du schon so fragst, es gibt Frauen, die das Haus sehen und sich nur allzu gern als Gutsherrin darin vorstellen“, gab er kühl zurück. „Aber es ist richtig, ich hatte kein Recht, dir das zu unterstellen.“ Er zog den Zündschlüssel ab und wandte sich Megan zu. „Wenn man an einem so schönen Ort aufwächst, wird man misstrauisch in Bezug auf die Motive anderer Leute. Die Meisten sehen nur die Äußerlichkeiten und nicht den Menschen dahinter.“

„Armer, kleiner, reicher Junge!“, meinte sie mit sanftem Spott. „Hast du deshalb nie geheiratet, weil du keine Frau gefunden hast, der du trauen konntest?“

Die Frage traf ihn unerwartet.

„Du bist ziemlich direkt, meine liebe Megan, das muss man schon sagen.“

„Oh, ich habe schon öfters gehört, dass ich zu offen bin, tut mir leid.“ Sie lächelte. „Aber du bist hier ja nicht im Zeugenstand, Dan. Du kannst dich jederzeit weigern, mir zu antworten!“

„Aber du hast gesagt, ich müsste an diesem Wochenende alle deine Fragen beantworten“, entgegnete er ironisch. „Ich habe nie geheiratet, weil ich nie jemanden gefunden habe, den ich hätte heiraten wollen. So einfach ist das.“

„Aber es hat doch sicher schon eine ganze Reihe von…“ Megan suchte nach dem richtigen Wort, „… Kandidatinnen gegeben!“

Er zuckte die Achseln.

„Du bist also noch nicht mal nahe dran gewesen?“

„Nein, nie.“ Dan verzog die Mundwinkel. „Und du?“

Sie dachte an David. „Nein, nicht wirklich.“

„Schau doch nicht so tragisch drein, Megan. Das ist kein Weltuntergang. Die Ehe ist eine weit überschätzte Institution, weißt du. Man muss sich doch bloß einmal all die Opfer und Verluste ansehen.“

„Aber du willst doch bestimmt mal eine eigene Familie, oder?“, beharrte sie. „Einen kleinen Jungen, der genauso aussieht wie du – und zwar noch bevor du zu alt bist, um Fußball mit ihm zu spielen.“

„Ich bin durchaus noch gerade so eben in der Lage, mit dem Fuß einen Ball zu treffen“, erklärte er säuerlich. „Und ich beabsichtige, noch so lange wie möglich aktiv zu bleiben!“

Dan stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als er sah, dass die Haupteingangstür geöffnet wurde, und sein Bruder heraustrat. „Da ist Adam“, fügte er hinzu. „Mein großer Bruder.“

Nur dass der kleiner ist, dachte Megan, die sich das schwarze Top über die Hüften herabzog.

Adam sah nicht älter aus als Dan und besaß einen leichteren Körperbau. Was allerdings nicht bedeutete, dass er nicht attraktiv war. Im Gegenteil, er war sogar äußerst attraktiv, wie Megan fand, die aus dem Wagen stieg, um ihn zu begrüßen.

Es war nur so, dass sie feststellte, dass Dan etwas Besonderes war, und sie ihn mit ganz anderen Augen ansah.

Bei der Arbeit unterschied er sich einfach deshalb, weil er nicht schlampig in Jeans und Turnschuhen herumlief wie die meisten Männer bei Softshare. Seine hervorragend geschnittenen Anzüge erschienen dort eher wie eine Eigenheit. Doch hier passte er perfekt zu dem imposanten Haus und dem herrlichen Gelände.

Das dunkle glänzende Haar und das stolze, gerade Profil hätten ohne Weiteres aus einem früheren Jahrhundert stammen können, während sein träges Lächeln und das Glitzern in seinen Augen eindeutig den modernen Geschäftsmann kennzeichneten. Er wirkte eher wie der Herr des Hauses als sein Bruder.

Mit einem neugierigen Lächeln wandte Adam sich Megan zu.

„Dies ist Megan“, stellte Dan sie vor. „Megan Phillips. Du erinnerst dich, dass ich dir gesagt habe, ich bringe jemanden mit?“

„Ja, aber konnte es nicht glauben, ehe ich es nicht mit eigenen Augen gesehen habe!“

Adam hielt ihr die Hand entgegen, doch Megan war der flüchtige Ausdruck des Erstaunens in seinem Blick keineswegs entgangen.

„Freut mich, Sie kennenzulernen, Megan“, sagte Adam. „Ich muss sagen, Dan hat Sie ja sehr geheim gehalten!“

„Und du kannst jetzt sicher verstehen, warum, oder?“, meinte Dan herzlich, legte Megan den Arm um die Schultern und drückte sie an sich. „Sie ist toll, stimmt’s?“

Megan schaute zu ihm auf, in der Hoffnung, dass er das Warnsignal in ihren Augen bemerkte, welches besagte: ‚Übertreib’s nicht.‘ Vor allem, da sie sich in ihrem ganzen Leben noch nie weniger attraktiv gefunden hatte! Ärgerlicherweise jedoch ließ Dan seinen Arm genau da, wo er war.

„Ja, toll“, stimmte Adam höflich zu.

„Ich freue mich auch, Sie kennenzulernen“, erwiderte sie lächelnd, und da Dan keine Anstalten machte, seinen Arm zu entfernen, schüttelte sie ihn mit einer kleinen schnellen Bewegung ab. „Nicht jetzt, Darling!“

„Ah!“ Adams Miene leuchtete auf. „Jetzt verstehe ich!“

„Was?“, wollte Dan wissen.

„Was diese Frau hat, dass du sie mit nach Hause bringst!“ Adam zwinkerte Megan zu. „Ich bin schon oft mit ihm unterwegs gewesen, und im Allgemeinen muss er sich ihrer erwehren. Eine Frau, die ihn wegschiebt, ist anscheinend genau das, was unser Dan braucht! Kommen Sie rein, Megan, und seien Sie herzlich willkommen!“

Sie folgten ihm hinein, und Megan war überwältigt von der klaren Schönheit und den Dimensionen der Eingangshalle, von der aus eine herrliche Schnitzwerktreppe in geschwungenem Bogen in die erste Etage führte, wo sie sich dann teilte.

Weshalb hat er mir nicht erzählt, dass sein Zuhause so groß ist wie ein Schloss? dachte Megan.

„So“, sagte Adam. „Erst die gute Nachricht, oder erst die schlechte?“

Dan verzog das Gesicht. „Schieß los.“

„Mutter hat diese Woche eine alte Schulfreundin besucht und sich gestern dort den Knöchel gebrochen. Und der Doktor hat gesagt, dass sie möglichst nicht vor Anfang nächster Woche herumlaufen soll.“ Er machte eine Pause und grinste. „Deshalb habe ich euch beide in ein Zimmer getan.“

Megan erstarrte vor Schreck. „Aber das ist absolut …“

„Die beste Nachricht der ganzen Woche. Da bin ich völlig deiner Meinung, mein Schatz“, erklärte Dan, zog Megan in die Arme und küsste sie vor den Augen seines Bruders!

Obwohl Megan den Mund öffnete, um zu protestieren, verwandelte sich dieser Protest in etwas vollkommen anderes. Dans Kuss war das Letzte, was sie erwartet hätte, und dessen Wirkung auf sie noch schockierender als die Tatsache, dass es Dan nicht im Geringsten zu stören schien, dass ihnen jemand zuschaute.

Megans geöffneter Mund hatten Dan sofortigen Zutritt gestattet, den er sich augenblicklich zunutze machte. Ohne jedes Zögern verschmolzen seine Lippen mit den ihren, und mit meisterhafter Selbstsicherheit fand seine Zunge ihren Weg nach innen.

Und seltsamerweise war Megan außerstande, ihm zu widerstehen. Anstatt ihn von sich zu stoßen, glitten ihr Hände seine Schultern empor, sie schloss die Augen und schlang ihm die Arme um den Hals.

Autor

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