Land der tausend Abenteuer

– oder –

 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

Wer ist der geheimnisvolle Flynn, dem Danielle ständig bei ihren Recherchen zu einer brisanten Story begegnet? Als sie im Regenwald der Spur einer mysteriösen Kommune folgt, wird sie von bedrohlich aussehenden Männern umstellt. Mitten unter ihnen - Flynn...
  • Erscheinungstag 30.08.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733779658
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

„Es gibt zwei Jahreszeiten im Regenwald: die nasse Periode und die noch nassere Periode“, erklärte der Reiseleiter, als die Fähre ablegte, um gemächlich das in der Sonne glitzernde braune Wasser des Daintree River zu überqueren. Er kicherte über seinen eigenen Scherz, bevor er fortfuhr: „Jetzt im November beginnt die nassere Jahreshälfte – oder zumindest sollte sie das.“ Der junge Australier schob seinen breitkrempigen Hut in den Nacken und betrachtete den wolkenlosen blauen Himmel. „Der letzte länger anhaltende Regen liegt nun schon zwei Jahre zurück und …“

Während er sich ausführlich über die Gefahren der andauernden Trockenheit ausließ, wanderte Danielles Blick müßig über die kleine Fähre, auf der sich ungefähr zehn Fahrzeuge befanden. Die meisten Passagiere hatten ihre Autos verlassen und genossen den Sonnenschein. Ein Mann am Bug weckte Danielles Neugier. Er war um die dreißig und trug eine Sonnenbrille. Die Arme über der Brust verschränkt, lehnte er an einem verbeulten, staubbedeckten Jeep. Der blauschwarze Schimmer auf seinen Wangen bewies, dass er sich seit mindestens zwei Tagen nicht rasiert hatte. Glänzendes schwarzes Haar ringelte sich über den Kragen seines marineblauen Polohemdes. In der ausgeblichenen Jeans und den abgetragenen Stiefeln wirkte der Mann durchtrainiert und stark.

Unwillkürlich beschleunigte sich Danielles Pulsschlag. Fasziniert setzte sie ihre Musterung fort. Mit den hohen Wangenknochen, der breiten Stirn, dem wohlgeformten Mund und der markanten Nase war er ein ausgesprochen attraktiver Mann. Leider waren seine Augen hinter der Sonnenbrille verborgen.

Er schien zu spüren, dass er beobachtet wurde, denn nach ein oder zwei Minuten drehte er den Kopf und sah unverwandt in Danielles Richtung.

Sie schluckte. Heiße Röte stieg ihr in die Wangen. Obwohl die Augen des Mannes nicht zu erkennen waren, verriet seine Körpersprache, dass er ihren Blick kühl und herausfordernd erwiderte. Er wusste also, dass sie ihn angestarrt hatte. Energisch rief sie sich zur Ordnung. Nach nur einem Tag in der brütenden Hitze von Nord-Queensland war sie auf dem besten Weg, den Verstand zu verlieren. Dabei entsprach es überhaupt nicht ihrer Art, fremde Männer zu beäugen. Normalerweise war es genau umgekehrt. Außerdem waren derart ungeschliffene Diamanten nicht ihr Typ. Danielle bevorzugte kultivierte, wohlerzogene Männer.

Sie beschloss, dass ein höfliches Lächeln die beste Möglichkeit sei, sich vor weiteren Peinlichkeiten zu bewahren. Er würde es erwidern, und sie konnte sich scheinbar gelangweilt abwenden. Sie hob leicht die Mundwinkel, doch der Mann verzog keine Miene. Ihr Lächeln verflog. Wenn sie sonst Angehörige des anderen Geschlechts anlächelte, erntete sie stets die gleiche – entzückte – Reaktion. Die abweisende Haltung dieses Fremden ließ keinen Zweifel daran aufkommen, dass er immun war gegen ihren Charme.

Unwillkürlich straffte Danielle die Schultern. Sie war eine unabhängige, weltgewandte, intelligente junge Frau und würde sich nicht von diesem arroganten Hinterwäldler beleidigen lassen. Auch wenn die Versuchung noch so groß war, sie würde ihre eigene Sonnenbrille, die in ihren blonden Locken steckte, nicht aufsetzen. Und sie würde sich nicht umdrehen. Sie hatte ihn angeschaut – na und? Das war schließlich nicht verboten. Abgesehen davon war es durchaus denkbar, dass er sie lediglich an jemanden erinnert hatte.

Mit stolz erhobenem Kinn begegnete Danielle dem unsichtbaren Blick hinter den dunklen Sonnengläsern. Der Mann war plötzlich zu einem Gegner geworden, und sie beabsichtigte, diesen stummen Zweikampf zu gewinnen. Sie würde nicht nachgeben. Nach einer kleinen Ewigkeit, wie es ihr schien, machten sich die ersten Zweifel in ihr breit. Warum, um alles in der Welt, hatte sie sich auf ein derart kindisches Spiel eingelassen? Was wollte sie damit beweisen? Sie überlegte fieberhaft, wie sie sich möglichst würdevoll aus der Situation retten könnte, als der Mann sich aufrichtete. Mit einem Gesicht, als wäre er eines ungezogenen Kindes überdrüssig, öffnete er die Tür des Jeep und schwang sich auf den Fahrersitz. Die Tür schlug mit einem lauten Knall zu. Danielle ballte die Hände zu Fäusten. Obwohl er sich zurückgezogen hatte, war sie es, die verloren hatte.

„Auch wenn Sie sich natürlich keinen Regen während Ihres Aufenthaltes wünschen, so benötigt doch die ganze Region dringend Niederschläge.“ Die Stimme des Reiseführers riss Danielle aus ihren Betrachtungen.

„O ja … natürlich“, sagte sie lächelnd.

Sie hatte ihren Wagen hinter einem Minibus mit japanischen Touristen geparkt, die einen Tagesausflug unternahmen. Als sie aus dem Landrover geklettert war, um sich die Beine zu vertreten, hatte der Busfahrer die Gelegenheit genutzt, sie in ein Gespräch zu verwickeln. Phil, so hatte er sich vorgestellt, war sichtlich angetan, mit seinem Wissen zu glänzen. Danielle schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. Dieser junge Mann war gewiss nicht so unhöflich oder arrogant, sich einfach von ihr abzuwenden – ganz im Gegensatz zu einem gewissen anderen Gentleman, dachte sie verärgert.

„Welches Hotel haben Sie gebucht?“, fragte Phil.

„Das Fan Palms Lodge“, antwortete sie.

„Die Einrichtung ist ein bisschen schlicht, aber das Personal ist dafür sehr freundlich. Es wird Ihnen dort gefallen“, erklärte er.

„Ich hoffe es.“

Eine Sekretärin der Zeitung, für die sie arbeitete, hatte die Reservierung vorgenommen. Danielle wusste nur, dass die Ferienanlage aus Holzbungalows unter Palmen bestand und mehrere Meilen von der Küste entfernt war. Was meinte Phil mit „ein bisschen schlicht“? Nun, vermutlich war es klüger, sich nicht näher danach zu erkundigen.

„Sie haben noch ein paar Stunden Fahrt durch den Regenwald vor sich“, fügte Phil hinzu. „Glücklicherweise ist die Straße zur Lodge kürzlich erst asphaltiert worden.“

Danielle warf einen skeptischen Blick auf den von ihr gemieteten Landrover. „Fein. Was für Menschen leben eigentlich im Regenwald?“ Es war eine gute Gelegenheit, mit dem Sammeln von Informationen zu beginnen.

Phil schob grinsend seinen Hut in den Nacken. Manchmal langweilten ihn die ständigen Fragen der Touristen beinahe zu Tode. Diesem Mädchen hier hätte er stundenlang über die Gegend erzählen können. Sie war eine echte Schönheit. Schulterlanges weizenblondes Haar, große blaue Augen und zwei bezaubernde Grübchen, wenn sie lächelte. Und was ihre Figur betraf, die von dem weißen Minirock und dem gelb-weiß gestreiften Top betont wurde … von ihren langen Beinen ganz zu schweigen.

„Nun, zunächst einmal Leute wie ich, die vom Tourismus leben.“ Widerstrebend riss er sich von Danielles Anblick los. „Außerdem ein verschrobener Schriftsteller, ein Naturforscher, ein Filmemacher und ein oder zwei Maler.“

Obwohl Danielle sich fest vorgenommen hatte, den Jeep und dessen Besitzer von nun an zu ignorieren, wanderte ihr Blick unwillkürlich in diese Richtung. Auf der Fahrerseite war das Fenster heruntergekurbelt, sodass sie die Schulter und den Arm des Mannes erkennen konnte. Der Arm war muskulös und mit dunklen Härchen übersät, die in der Sonne glitzerten. Arme wie dieser hatten in früheren Zeiten Entermesser geschwungen oder die Zügel eines temperamentvollen Pferdegespannes gehalten.

„Maler?“, wiederholte sie. „Wie interessant.“

„Es gibt dort draußen auch ein paar recht wilde Typen“, fuhr Phil fort.

Der Mann bewegte seine Hand und lenkte so ihre Aufmerksamkeit auf seine Finger. Es waren starke Finger, die zweifellos in allem, was sie taten, geschickt waren, ob sie nun Holz bearbeiteten, einen Angelhaken aus einem Fisch entfernten – oder eine Frau streichelten. Hastig konzentrierte Danielle sich wieder auf ihren Begleiter. Was war nur los mit ihr? Ein Blick auf einen nackten Männerarm, und sie erging sich in den absurdesten Fantasien!

„Wild?“

„Nun, Hippies, arme Schlucker, Versager“, berichtete Phil. „Wir nennen sie die Wilden.“

„Warum?“ Danielles Neugier war geweckt.

„Weil sie von der Fürsorge leben und manchmal unberechenbar sind. Nördlich vom Daintree River ist die ideale Gegend, um unterzutauchen. Manche Leute kommen hierher, weil sie die Vergangenheit hinter sich lassen möchten oder vor irgendetwas davonlaufen.“ Er deutete auf die Anlegestelle am Ufer. „Wir sind da. Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt. Wer weiß, vielleicht sehen wir uns mal wieder“, fügte er hoffnungsvoll hinzu.

„Vielleicht“, meinte Danielle betont vage, denn an einer flüchtigen Affäre hatte sie kein Interesse. Sie kletterte in den Landrover. „Machen Sie’s gut.“

Als Erster verließ der staubbedeckte Jeep die Fähre. Er fuhr die Straße hinauf und verschwand zwischen den dichten Bäumen. Danielle runzelte die Stirn. Der Dreitagebart des Mannes und sein ramponiertes Fahrzeug ließen vermuten, dass der Fremde kein Urlauber war. Handelte es sich etwa um eine der gescheiterten Existenzen, die Phil erwähnt hatte? Allerdings hatte er einen energiegeladenen, autoritären Eindruck vermittelt, und seine Sonnenbrille war ein exklusives Ray-Ban-Modell gewesen.

Ungeduldig klopfte Danielle auf das Lenkrad. Vergiss die Sache, befahl sie sich insgeheim. Und vergiss vor allem Mr. Macho. Mochte er auch das attraktivste männliche Wesen sein, das ihr je begegnet war, sie würde den Teufel tun und sich nicht weiter um ihn kümmern.

Ein Wagen nach dem anderen fuhr an Land. Phil drückte zum Abschied auf die Hupe, und Danielle antwortete. Plötzlich erstarb der Motor des Landrovers. Als sie ihn endlich wieder gestartet hatte, war sie allein.

Die schmale Straße lag im Schatten gewaltiger Baumkronen. An ihrem Rand wuchsen Riesenfarne, Schlingpflanzen und Palmen. Zunächst konzentrierte Danielle sich ganz auf die kurvenreiche Strecke, doch als sie merkte, dass sie mit keinem nennenswerten Gegenverkehr rechnen musste, entspannte sie sich zunehmend. Sie hatte Zeit, über die Sinnlosigkeit ihrer Reise nachzudenken.

Daheim in London hatte sie begeistert die Chance ergriffen, als ihr angeboten wurde, drei Monate lang für „The Hour“, die australische Ausgabe ihres Zeitungsverlages zu arbeiten. Wie hatte sie auch ahnen sollen, dass sie sich vierzehn Tage später in der tropischen Wildnis von Queensland wiederfinden würde. Wütend umklammerte sie das Lenkrad. Das war einfach nicht fair. Sie war eine erfahrene Journalistin – und zwar eine verdammt gute. Es wäre ihre Aufgabe gewesen, den politischen Kolumnen der „Hour“ ein bisschen mehr internationales Flair zu verleihen, aber hatte Clive Bredhauer ihre Fähigkeiten gewürdigt und genutzt? Nein. Stattdessen hatte er Danielle einen Tag, bevor sie ihr erstes Interview mit einem australischen Regierungsmitglied führen sollte, in sein Büro gerufen. Angeblich gab es Gerüchte über eine geheime Marihuanaplantage im Norden, denen sie nachgehen sollte. Sofort. Keine Widerrede, Püppchen. Also hatte sie das Interview notgedrungen einem männlichen Kollegen überlassen müssen, der zudem eine Schwäche für anzügliche Witze hatte, und war fünfzehnhundert Meilen an die sogenannte „Wilde“ Küste geflogen. Danielle verzog angewidert die Lippen. Sie war absolut nicht begeistert, in die Einöde geschickt zu werden, sie wollte in Melbourne sein, wo etwas los war. Dort gehörte sie hin. Das hatte sie sich verdient.

„Die letzte Beschlagnahmung von Marihuana liegt über zwei Jahre zurück“, hatte ihr der diensthabende Beamte erklärt, als sie am Morgen pflichtschuldigst die örtliche Polizeistation aufgesucht hatte. „Seither kursieren immer wieder einmal Gerüchte darüber, aber wir haben keinen einzigen Beweis dafür gefunden.“

Danielles dunkelblaue Augen funkelten. Die logische Schlussfolgerung aus diesen Informationen war, dass in dieser Gegend seit einiger Zeit keine Drogen mehr angebaut wurden. Und falls sich wider Erwarten dennoch eine Story daraus ergab, so hatte diese mit Sicherheit keinen politischen Hintergrund. Die Wahrheit war, dass man sie hatte loswerden wollen. Man hatte ihre Personalakte und die Empfehlungen aus London ganz einfach ignoriert. Weil sie jung, weiblich und blond war, hatte der Chefredakteur entschieden, ihr mangele es an der für seriöse Interviews notwendigen Kompetenz. Nun, in diesem Punkt hatte er sich gründlich getäuscht.

„Lassen Sie sich mit dieser Geschichte Zeit, Püppchen“, hatte Clive Bredhauer ihr mit einem herablassenden Lächeln geraten. „Meinetwegen sogar drei Wochen.“

Da er offensichtlich ganz versessen darauf war, sie abzuschieben, hatte das „Püppchen“ auch kein schlechtes Gewissen, den Aufenthalt auf drei Wochen auszudehnen. Ihre Professionalität gebot es Danielle, die erste Woche ausschließlich mit Recherchen zu verbringen – und zwar ergebnisreiche, dachte sie bissig –, die folgenden vierzehn Tage wollte sie jedoch entspannter angehen.

Danielle betrachtete ihre Umgebung durch die Windschutzscheibe. Trotz aller Naturschönheiten war der World Heritage Nationalpark nicht gerade ein Urlaubsziel, das sie sich ausgesucht hätte. Sie bevorzugte in ihren Ferien mehr Aktivitäten. Immerhin konnte sie hier ausschlafen, ein bisschen schwimmen und in der Sonne liegen. Schließlich hatte James sich stets darüber beschwert, dass sie ihrer Arbeit zu viel Zeit und Energie widmete.

James. Danielle seufzte nachdenklich. Ihr Freund war einer der Gründe – vielleicht sogar der Wichtigste –, weshalb sie den Job in Australien so spontan angenommen hatte. Dadurch war sie in der Lage, eine gewisse Distanz zwischen ihnen zu schaffen und in aller Ruhe zu überlegen …

Das Knurren ihres Magens brachte sie wieder in die Gegenwart zurück. Ein kurzer Blick auf ihre Armbanduhr zeigte ihr, dass es bereits nach ein Uhr war. Aus dem Motel in Port Douglas, wo sie übernachtet hatte, hatte sie ein Lunchpaket mitgenommen, und es war höchste Zeit, dass sie eine Rast einlegte. Aber wo? Einige Male hatte die Straße die Küste gestreift und eine atemberaubende Aussicht auf die türkisfarbene See und palmengesäumte Strände freigegeben, doch nun führte sie landeinwärts, direkt in den Dschungel. Danielle fragte sich, ob sie warten sollte, in der Hoffnung, erneut an den Ozean zu gelangen und am Strand picknicken zu können.

Plötzlich erhaschte sie durch die Bäume einen Blick auf Wasser, das über Felsen plätscherte. Ihre Entscheidung war gefallen. Sie würde hier und jetzt essen. Direkt vor ihr wand sich ein breiter Pfad nach unten. Schwungvoll schlug Danielle das Lenkrad ein. Zu schwungvoll, wie sie gleich darauf erschrocken feststellte. Der Weg erwies sich als schlaglochübersäte, steile Strecke, über die der Landrover wie ein bockendes Wildpferd sprang. Danielle wurde auf ihrem Sitz hin und her geschleudert, während sie verzweifelt mit dem Fuß nach der Bremse tastete. Leider erwischte sie stattdessen das Gaspedal.

Erschrocken schrie sie auf, als das Fahrzeug mit beängstigender Geschwindigkeit nach vorn schoss. Sie versuchte, zu lenken und gleichzeitig die rettende Bremse zu finden. Mit einem ohrenbetäubenden Knall streifte der Landrover ein paar graue Felsbrocken, die das Ufer säumten. Aus dem Augenwinkel heraus nahm Danielle vage eine Bewegung wahr. Im nächsten Moment landete sie im Wasser, und ihr Fuß erreichte die Bremse.

Mit einem Ruck kam der Wagen zum Stehen – mitten in einem Gewässer, das einmal ein beeindruckender Fluss gewesen sein musste. Aufgrund der langen Dürreperiode war es heute glücklicherweise nur noch ein etwas breiterer Bach. Mit zitternden Händen schaltete Danielle den Motor ab. Es dauerte einige Sekunden, bis sich ihr Herzschlag beruhigt hatte. Dann fiel ihr plötzlich wieder die schemenhafte Bewegung ein. Es war ein Lebewesen, das dem Landrover gefährlich nahe gewesen war. Ihr wurde heiß und kalt. Eine Gänsehaut überlief sie. Hatte sie es, was immer es sein mochte, verletzt? Ihm die Arme oder Beine gebrochen – es vielleicht getötet?

Angsterfüllt kurbelte sie das Fenster herunter, lehnte sich heraus und spähte besorgt zum Ufer. Dort stand der dunkelhaarige, arrogante Fremde von der Fähre. Vorhin hätte Danielle ihn mit Vergnügen umbringen mögen, doch nun atmete sie erleichtert auf. Er war unverletzt.

2. KAPITEL

„Tut mir leid“, rief Danielle betont lässig. Obwohl eine Entschuldigung wegen ihres dramatischen Auftritts angebracht war, verspürte sie keine Lust, sich ausgerechnet vor ihm zu rechtfertigen.

„Das sollte es Ihnen auch, verdammt noch mal!“, brüllte er. Wie schon vorhin waren seine Augen hinter der Sonnenbrille verborgen, doch seine ganze Haltung verriet kaum gezügelte Wut.

Danielles Zuversicht schwand. Sein Zorn bewies ihr, dass sie ihm irgendeinen Schaden zugefügt hatte. Nur weil er aufrecht stand und keinerlei äußere Verletzungen zu haben schien, bedeutete das nicht, dass …

„Was … was ist passiert?“, erkundigte sie sich beklommen.

Er wies auf eine Plastiktasche, eine verbeulte Getränkedose und einige andere Gegenstände, die nicht mehr zu identifizieren waren. „Sie haben meinen Lunch plattgewalzt!“

„Ihren Lunch?“, wiederholte sie verblüfft und unterdrückte ein Kichern.

Sie hatte befürchtet, ihm ernstlich wehgetan zu haben, und dabei tobte er nur, weil sie ein paar Käsesandwiches überfahren hatte. Schinkensandwiches, korrigierte sie sich im Stillen. So, wie dieser Mann aussah, ernährte er sich überwiegend von Fleisch.

„Ich hatte gerade alles ausgepackt“, beschwerte er sich empört. „Und dann sind Sie gekommen.“

„Es tut mir sehr leid.“ Danielle fiel es schwer, ernst zu bleiben. Hastig zog sie sich in den Landrover zurück, um nicht in lautes Lachen auszubrechen. Sie startete den Motor und legte den Rückwärtsgang ein.

Die Räder drehten kurz durch, ehe sie Halt fanden und der Wagen schneller, als Danielle beabsichtigt hatte, die Böschung hinaufschoss. Sie zog den Zündschlüssel aus dem Schloss und zwang sich zu einer reumütigen Miene.

„Auf der Fähre haben Sie anscheinend Ihr Opfer für den heutigen Tag ausgewählt“, grollte der Mann, während sie aus dem Auto kletterte. Er lachte humorlos. „Warum ist mir das nicht früher eingefallen?“

„Opfer?“ Verwirrt drehte sie sich zu ihm um und erstarrte. Wassertropfen funkelten in seinem dichten schwarzen Haar, rannen über seine Wangen und das unrasierte Kinn. Sein marineblaues Hemd war an der Vorderseite ebenso durchweicht wie seine Jeans. „Sie sind nass“, meinte sie verwundert.

„Ihre Beobachtungsgabe erstaunt mich.“ Er nahm die bespritzte Sonnenbrille ab und kam auf Danielle zu. „Als Sie wendeten, haben Sie mehr Wasser aufgewirbelt als die Fontänen von Versailles. Ich hätte mich gefreut, wenn Sie mich vorher gewarnt hätten. Ein Wort hätte genügt“, fügte er brummig hinzu.

Seine grauen Augen wurden von dichten schwarzen Wimpern umrahmt. Es waren schöne Augen. Der Mann war wirklich umwerfend. Danielle biss sich auf die Unterlippe. Vorhin hatte sie sich gewünscht, er möge die Brille abnehmen, doch nun erschreckte sie die unverhohlene Feindseligkeit in seinem Blick. Er vermittelte ihr den Eindruck, leichtsinnig und dumm zu sein. Und er schüchterte sie ein. Wilde Typen, so hatte Phil einen Teil der Einheimischen genannt. Dieser Mann ist wild, dachte sie, wild vor Wut.

Sie lächelte ihn zaghaft an. „Es tut mir leid.“

„Sie haben sich erst vor einer Minute bei mir entschuldigt und sich anschließend köstlich amüsiert“, konterte der Fremde bissig.

Reumütig blickte sie ihn an. Für ihren Geschmack war er viel zu scharfsichtig. „Ich habe nicht gelacht“, beteuerte sie.

„Sie waren aber verdammt nah dran.“ Er klappte die Sonnenbrille zusammen und steckte sie in die Brusttasche seines Hemdes. „Finden Sie das hier etwa lustig?“

Danielle schluckte verstört. „Keineswegs.“ Angesichts seiner bedrohlichen Nähe hatte Heiterkeit keinen Platz unter ihren Gefühlen.

Verstohlen spähte sie durch die Bäume zur Straße hinauf. Wenn der Mann jetzt durchdrehte, waren die Chancen, dass ihr jemand zu Hilfe kam, äußerst gering. Ihr blieb also nichts anderes übrig, als ihn mit Entschuldigungen zu besänftigen, und falls das misslang, musste sie sich an das erinnern, was sie in dem Selbstverteidigungskurs für Frauen gelernt hatte.

„Ich bin nicht unter Wölfen aufgewachsen“, sagte er schroff. „Außerdem verabscheue ich Gewalt. Es besteht also kein Grund zur Panik.“

Danielle errötete. Es war ihr peinlich, dass er ihre Gedanken erraten hatte. „Ich bin nicht …“, begann sie zögernd, „ich meine, ich …“

„Es steht einem schlichten Bürger der Kolonien nicht zu, einem wohlerzogenen englischen Mädchen das Hinterteil zu versohlen, egal, wie groß die Versuchung auch ist“, unterbrach er sie. „Oder wie wohlgeformt das Hinterteil sein mag. Wenn ich bereits gesessen hätte, als Sie den Hang herunterdonnerten, wären Sie glattweg über mich hinweggerollt“, fuhr er mit seinen Anklagen fort.

War die Bemerkung über meinen Po etwa als Kompliment gemeint? überlegte Danielle. Es wäre zumindest eine kleine Genugtuung, zu wissen, dass ihm wenigstens etwas an ihr gefiel. Andererseits … Wollte sie überhaupt einem unrasierten Habenichts wie ihm gefallen? Nein, ganz gewiss nicht.

Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe Sie gesehen“, protestierte sie, „und bin Ihnen ausgewichen.“

„Sie haben meinen Lunch übersehen“, konterte er.

„Nun … äh … nein“, musste sie einräumen. „Aber Sie sind ja auch viel größer.“

„Einsachtundachtzig bei einundachtzig Kilo“, erklärte er. „Nach der eingehenden Musterung heute Morgen müssten Sie eigentlich alle wichtigen Daten über mich im Kopf haben.“ Er hob eine Braue. „Sie haben mich in jeder Hinsicht taxiert.“

Diese eindeutig sexuelle Anspielung trieb das Blut in Danielles Wangen. In den vergangenen zwei Wochen hatte sie bereits gelernt, dass die Australier viel direkter waren als die Engländer. Aber musste er unbedingt so deutlich werden? Vielleicht konnte sie ja behaupten, er erinnere sie an jemanden …

„In diesem Ding da stellen Sie eine Bedrohung für die Menschheit dar.“ Der Fremde bedachte zuerst sie und dann den Landrover mit einem vernichtenden Blick. „Seit wann fahren Sie ihn?“

„Ich habe ihn heute Morgen in Port Douglas gemietet …“

„Aha. Ich habe beobachtet, wie Sie pausenlos den Motor abgewürgt haben, als Sie auf die Fähre wollten.“

Danielle straffte die Schultern. Allmählich ließ der Schock über ihren Ausflug ins Flussbett nach, und ihr Selbstbewusstsein kehrte zurück. Zugegeben, ihr Fahrstil mochte ein wenig befremdlich wirken, trotzdem war sie nicht gewillt, sich weiter beschimpfen zu lassen. „Ich habe den Motor nicht abgewürgt“, widersprach sie kühl. „Die Maschine ist einfach ausgegangen – und das auch nur zweimal. Was diesen kleinen Zwischenfall betrifft … Seit ich mit achtzehn die Führerscheinprüfung bestanden habe, hatte ich weder einen Unfall“, sie hob stolz das Kinn, „noch habe ich ein Ticket wegen falschen Parkens bekommen.“

„Wow!“ Er klang völlig unbeeindruckt. „Und wann war Ihr achtzehnter Geburtstag?“

„Äh … vor fast zehn Jahren. Seither habe ich immer ein Auto gehabt.“

„Sind Sie schon mal ein Auto mit Vierradantrieb gefahren?“

Danielle stöhnte im Stillen auf. Musste er ausgerechnet diese Frage stellen? Wer war hier das Opfer – er oder sie? „Nein“, gestand sie. „Der Angestellte der Mietwagenfirma meinte jedoch, dass dies in dieser Gegend unverzichtbar sei. Er sagte, der Landrover wäre für Frauen wie geschaffen und …“

Der Mann zupfte an seinem nassen Hemd. „Sie sind also noch in der Eingewöhnungsphase.“

„Ja.“ Was sollte sie auch sonst darauf erwidern? „Ich habe übrigens ein großes Lunchpaket“, fügte sie eifrig hinzu. „Möchten Sie es mit mir teilen?“

„Sie machen sich Sorgen um mein Wohlergehen?“, erkundigte er sich trocken. „Nun, das ändert die Lage.“

Sein Wohlergehen war ihr völlig gleichgültig. Danielle wollte lediglich von dem leidigen Thema ablenken. Um nichts in der Welt hätte sie zugegeben, dass sie bereits die ersten Zweifel plagten, ob das ständige Absterben des Motors auf einen technischen Defekt oder auf menschliches Versagen zurückzuführen war.

„Es wäre doch ein Jammer, wenn Sie hungern müssten.“ Sie schenkte ihm ein Lächeln, das einer barmherzigen Samariterin würdig war.

Nach kurzem Überlegen nickte er. „Okay.“

„Die Lebensmittel sind hinten im Wagen.“ Danielle ging zum Landrover, um die Heckklappe zu öffnen.

Die wilde Schussfahrt hatte nicht nur sie, sondern auch das Gepäck kräftig durcheinandergewirbelt. Wie durch ein Wunder hatte das Lunchpaket keinen Schaden genommen. Allerdings musste Danielle zunächst einen schweren Koffer und ihre Reisetasche beiseiteschieben, ehe sie an den Karton gelangte. Bereits nach wenigen Sekunden rann ihr der Schweiß in Strömen über die Stirn. Sie wünschte, sie hätte nie vorgeschlagen, die Mahlzeit mit ihm zu teilen. Der Nutznießer ihrer Großzügigkeit hatte sie nicht gerade mit überschwänglichen Dankesbekundungen überschüttet, und nun ließ er sie mit der Plackerei allein. Gleichberechtigung hin, Gleichberechtigung her, ein starker Arm und ein wenig Höflichkeit wären ihr sehr willkommen gewesen. Danielle beschloss, dem Fremden ein absolutes Minimum an Essen zuzugestehen und sich so schnell wie möglich zu verabschieden. Schwungvoll drehte sie sich um – und prallte fast mit ihm zusammen.

Er hatte ihr nicht geholfen, weil er damit beschäftigt gewesen war, die Überreste seines Picknicks in der Plastiktasche zu verstauen, und weil er sein nasses Hemd ausgezogen hatte. Danielles Herzschlag beschleunigte sich. Bereits bei ihrer ersten Musterung war ihr aufgefallen, wie muskulös und durchtrainiert er war. Ihn jedoch mit entblößtem Oberkörper zu sehen, war eine völlig andere Sache. Und eine verwirrend sinnliche dazu. Seine Brust war mit dichtem schwarzen Haar bedeckt, das sich nach unten verjüngte und in einem schmalen Streifen in der Jeans verschwand. Trotzdem war er nicht zu stark behaart, und seine Muskeln stammten nicht von übertriebenem Bodybuilding. Danielle schluckte trocken. Sein Körper schien eine unerklärliche Hitze auszustrahlen, die ihr das Atmen schwermachte.

„Lassen Sie mich das nehmen.“ Der Mann beugte sich vor und hob die schwere Box mühelos hoch. Er deutete mit dem Kopf auf eine Gruppe flacher Felsbrocken, die unter dem weit ausladenden Blätterdach eines Baumes lagen. „Wollen wir uns dort drüben hinsetzen?“

„Hinsetzen?“ Wiederholte sie verblüfft.

Als sie ihm vorgeschlagen hatte, den Lunch mit ihm zu teilen, war sie davon ausgegangen, dass sie ihm seine Hälfte geben und dann mit ihrer weiterfahren würde. Anscheinend glaubte er, sie hätte ihn eingeladen, ihr Gesellschaft zu leisten. Hatte er deshalb so wenig Begeisterung gezeigt? Fand er die Aussicht, mit ihr ein wenig Zeit zu verbringen, so abstoßend? Danielle war gekränkt. Die meisten Männer wären entzückt gewesen, mit einer so intelligenten, hübschen jungen Frau wie ihr zusammenzusein. Was bildete er sich eigentlich ein?

„Dort drüben sind wir in Sicherheit, falls ein weiterer Kamikazefahrer den Hang herunterrast“, meinte er ironisch und machte sich auf den Weg.

Beleidigt folgte sie ihm. „Ich bin Danielle Tremayne“, sagte sie, als er das Paket auf die Steine stellte. Wenn sie schon miteinander aßen, wollte sie wenigstens ein Mindestmaß an Höflichkeit zeigen.

Er richtete sich auf und streckte die Hand aus. „Ich heiße Flynn“, erklärte er stirnrunzelnd.

Verwundert erwiderte sie seinen Händedruck. Bereute er bereits, ihr seinen Namen genannt zu haben? Oder widerstrebte es ihm, ihre Hand zu schütteln? Seine Förmlichkeit überraschte sie. Danielle hatte nicht die Absicht gehabt, ihn zu berühren, auch wenn es noch so beiläufig geschah. Die Wärme und Kraft seiner Finger übten eine verwirrende Wirkung auf sie aus.

„Bedeutet das Flynn Soundso oder Soundso Flynn?“, fragte sie betont munter.

„Einfach Flynn.“ Er blickte auf die Schachtel. „Wollen Sie die Gastgeberin spielen, Danny? Ich sterbe fast vor Hunger.“

Danny? Sie zuckte innerlich zusammen. „Ich bevorzuge Danielle“, entgegnete sie kühl.

Autor

Elizabeth Oldfield
Mehr erfahren