Leidenschaft am Arbeitsplatz - Vom Boss verführt (2 Miniserien)

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EIN VERFÜHRERISCHES ARRANGEMENT von CATHERINE MANN
"Heirate mich!" Ihr sexy Boss Xander Lourdes will mit ihr eine Scheinehe eingehen? Verblüfft hört Maureen seinen Antrag. Aber es ist die perfekte Lösung: Xander muss verheiratet sein, damit seine Schwiegereltern nicht das Sorgerecht für seine kleine Tochter einklagen, und Maureen braucht eine Aufenthaltserlaubnis. Doch die schöne Irin hat die Rechnung ohne die Leidenschaft gemacht. Mit jedem Tag, den sie sich ihrer Hochzeit auf Key Largo nähert, brennt ihr Verlangen nach Xander heißer. Dabei war bei ihrem Arrangement von Gefühlen nie die Rede …

LIEBE, WILD WIE EIN SOMMERSTURM von CATHERINE MANN
Sechs Wochen ist die heiße Nacht mit Easton Lourdes jetzt her. Ein Tropensturm tobte über Key Largo, gefährdete das Naturreservat, in dem Easton als Tierarzt arbeitet - aber Portia lag in seinen Armen, genoss die Leidenschaft und ließ sich gehen. Sie kann seine erotischen Zärtlichkeiten einfach nicht vergessen. Dabei ist Easton ihr Boss! Deshalb geht sie ihm aus dem Weg, auch wenn jede seiner zufälligen Berührungen ein Prickeln auf ihrer Haut auslöst. Und Portia muss ihm dringend ein Geständnis machen …

VERLIEB DICH NIE IN DEINEN CHEF von CATHY WILLIAMS
"Verlieb dich nie in deinen Chef!" Auch dann nicht, wenn er der begehrteste Junggeselle der Londoner Society ist, attraktiv und charmant ist und dazu noch einen entzückenden Sohn hat! Als Heather ihre Arbeitsstelle als Kindermädchen bei Millionär Leo West antritt, ist sie entschlossen, nur ihre Pflichten zu erfüllen. Dass Leo ein stadtbekannter Playboy ist, ist ihr egal: Sie entspricht mit ihren üppigen Kurven sowieso nicht seinem Geschmack. Doch weit gefehlt: Ihre naive Unschuld reizt den Frauenhelden - Leo will sie nicht nur als Nanny, er will sie auch in seinem Bett …

DER GRAF VON CASTELFINO von CHRISTINA HOLLIS
Ein gefährlich attraktiver Playboy! Erschrocken spürt Meg, wie heftig sie auf Gianni di Castelfino reagiert. Warum hat sie niemand vor seinem Sex-Appeal gewarnt? Vor dem spöttischen Lächeln, den heißen Blicken? Dann hätte sie den Auftrag auf seinem toskanischen Anwesen nie angenommen! Am liebsten würde sich die schüchterne Botanikerin in einem der Gewächshäuser verstecken. Sie ahnt nicht, dass sie damit erst recht Giannis Aufmerksamkeit auf sich lenkt. Denn bis jetzt hat dem italienischen Grafen keine Frau widerstehen können - warum sollte diese zarte englische Rose eine Ausnahme sein?


  • Erscheinungstag 23.02.2023
  • ISBN / Artikelnummer 9783751521635
  • Seitenanzahl 640
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

IMPRESSUM

BACCARA erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

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Geschäftsführung: Thomas Beckmann
Redaktionsleitung: Claudia Wuttke (v. i. S. d. P.)
Produktion: Jennifer Galka
Grafik: Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn,
Marina Grothues (Foto)

© 2016 by Catherine Mann
Originaltitel: „The Boss’s Baby Arrangement“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
in der Reihe: DESIRE
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe BACCARA
Band 2000 - 2017 by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg
Übersetzung: Victoria Werner

Abbildungen: Harlequin Books S.A., alle Rechte vorbehalten

Veröffentlicht im ePub Format in 11/2017 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH , Pößneck

ISBN 9783733723965

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BIANCA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

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1. KAPITEL

Xander Lourdes hatte die Liebe seines Lebens, seine Seelenverwandte, verloren.

Er saß in einem Deckchair am Strand des Golfs von Mexiko und dachte an Terri. Eine solche Liebe würde er kein zweites Mal finden. Mehr als ein Jahr war vergangen, seit seine Frau an einem Aneurysma gestorben war. Seither lag sein einziger Trost darin, ihr Andenken bestmöglich zu wahren, indem er sich um ihr kleines Mädchen kümmerte.

Und indem er ein in Finanznot geratenes Wildtierreservat wiederbelebte, hier auf den Florida Keys, der Kette aus Koralleninseln, die seine Frau so geliebt hatte. Er hatte die Hälfte seines Privatvermögens in das Projekt gesteckt. Was das Management anbetraf, so war das kein Problem. Es machte ihm Spaß.

Aber die Spendenpartys? Dieser endlose Smalltalk? All das war ihm ein Gräuel. Am liebsten verbrachte er die Abende mit seiner Tochter Rose oder im Büro. Gesellschaftliche Ereignisse stellten seine Geduld auf eine harte Bewährungsprobe. Er musste daran denken, wie seine Frau sich immer um solche Dinge gekümmert hatte. Sie hatten sich wirklich wunderbar ergänzt.

Aber für sie wollte er sogar diese Strandparty ertragen.

Xander trank einen Tonic und hörte nur mit halbem Ohr zu, wie der Politiker neben ihm sich in Erinnerungen an den Lieblingssittich seiner Kindheit erging.

Die Wellen rollten an den Strand, während die Scheite des Lagerfeuers knisterten. Rundum waren Petroleumfackeln aufgestellt. Eine Steeldrum-Band spielte, und in der Ferne waren die Geräusche nachtaktiver Wesen zu hören.

Ein langes Buffet und eine Bar sorgten für das leibliche Wohl der Gäste, die sich unterhielten oder barfuß im Sand tanzten. Seide und Diamanten glänzten im Mondlicht. Die Männer hatten die Krawatten gelockert. Sein Bruder – der leitende Tierarzt der Station – und seine sexy Mitarbeiterin waren die Seele der Party. Die rothaarige Zoologin war genau die Richtige, um die Stimmung anzufeuern.

Terri, Xanders Frau, hatte nicht gern getanzt, aber sie liebte Musik. Als sie erfuhren, dass sie schwanger war, hatte sie sich als Erstes darum bemüht, ein Gerät aufzutreiben, mit dem sie ihr Kind noch im Mutterleib mit klassischer Musik berieseln konnte. Sie war überzeugt, dass Musik das Leben eines Menschen verändern konnte, weil sie Gefühle intensiver ausdrückte als jede Sprache.

Seit ihrem Tod verging kein Tag, an dem er sie nicht vermisste.

Doch Terri hatte ihm ein Vermächtnis hinterlassen – ihre gemeinsame Tochter, die ihm alles bedeutete.

Bei dem Gedanken an seine Frau verspürte Xander plötzlich einen Kloß im Hals. Schnell spülte er ihn mit einem Schluck Tonic hinunter und nickte als Reaktion auf irgendetwas, das der Politiker zu einer Erweiterung der Vogelauffangstation des Wildtierreservats sagte. Jetzt war kein Platz für Gedanken an Terri. Es wäre der Sache, der sie so viel Zeit und Kraft gewidmet hatte, nicht förderlich.

Das Tierschutzprojekt war ihr sehr wichtig gewesen. Als Xanders Bruder begann, im Wildtierreservat zu arbeiten, war ihr Interesse sofort geweckt. Dann hatte sie ihre große Leidenschaft entdeckt: das Organisieren von Spendengalas, um Mittel zum Ausbau der Station zusammenzubekommen.

Sein Bruder, Easton, hatte die medizinische Leitung des Projekts übernommen. Als Tiermediziner war er auf exotische Tiere spezialisiert und hatte ein Team von Zoologen und medizinischen Mitarbeitern zusammengestellt. Die Tiere interessierten ihn mehr als das Geld, das er in irgendeiner Touristenfalle hätte verdienen können. Xander hatte das Projekt zunächst mit Spenden unterstützt, inzwischen brachte er sich auch mit persönlichem Engagement ein. Er war zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats gewählt worden. Terri hatte lange gehofft, er könnte diese Rolle übernehmen. Nun würde sie nicht mehr erfahren, dass sich ihre Hoffnung erfüllt hatte und er sich mit Leib und Seele für das Projekt einsetzte.

Verdammt!

Xander hatte genug von dem Smalltalk und erhob sich. „Ich weiß es wirklich zu schätzen, dass Sie sich die Zeit für unsere kleine Party genommen haben. Bitte entschuldigen Sie mich, aber mein Bruder wird sich sicher sehr für Ihre Ideen interessieren. Ich hole ihn.“

Easton tanzte immer noch mit der rothaarigen Zoologin. Xander schob sich zwischen den Partygästen hindurch, nickte dem einen oder anderen zu, ohne stehen zu bleiben, bis er die Tanzenden erreicht hatte. Entschlossen tippte er Easton auf die Schulter.

„Darf ich dich kurz unterbrechen?“

Sein jüngerer Bruder drehte sich zu ihm um und betrachtete ihn stirnrunzelnd, Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn. „Was ist los?“

Easton trug den Prada-Anzug, den Xander speziell für diesen Anlass hatte kommen lassen, aber er hatte sich nicht die Mühe gemacht, eine passende Krawatte dazu umzubinden. Das war nicht überraschend. Dr. Easton Lourdes hatte sich in Khaki-Hose und T-Shirt schon immer am wohlsten gefühlt.

Mit dem Kopf deutete Xander auf den Politiker, der sich gerade einen Drink genehmigte. „Da drüben steht ein möglicher Sponsor. Es geht um eine Erweiterung der Vogelauffangstation.“

Die Stirn seines Bruders glättete sich, und ein breites Lächeln erhellte seine Züge. „Ich kümmere mich darum.“ Freundschaftlich schlug er Xander auf die Schulter. „Danke für die Party. Sie wird sich für das Projekt auszahlen.“

Und schon war Easton verschwunden und ließ seine Tanzpartnerin stehen.

Maureen Burke. Eine rothaarige Granate, hochintelligent und voller Energie. Sie war gebürtige Irin, lebte aber bereits seit drei Jahren in den Staaten. Ihr Studium der Zoologie und ihre Erfahrungen mit Tierschutzprogrammen machten sie zur idealen Stellvertreterin seines Bruders. Glücklicherweise hatte sie ihr Arbeitsvisum genau zum richtigen Zeitpunkt erhalten. Sie war extrovertiert, aber auch sehr auf ihre Arbeit fokussiert. Bei ihr musste Xander nicht fürchten, dass sie es auf das über Generationen angehäufte Vermögen seiner Familie abgesehen hatte. Xander hatte es noch einmal verdoppelt, was das Interesse der Frauen an Easton weiter erhöhte.

Maureen kam nicht auf die Idee, seine Aufmerksamkeit als männliches Interesse zu deuten. In Sachen Romantik schien sie es wie Xander zu halten: kein Interesse.

Er hatte gehört, dass sie geschieden war. Ihrer Miene nach zu urteilen, wenn sie darüber sprach, war es keine einvernehmliche Trennung gewesen. Zweifellos war der Mann ein Idiot, wenn er eine derart attraktive, intelligente Frau gehen ließ.

Xander reichte ihr die Hand. „Tut mir leid, dass ich dir den Tanzpartner gestohlen habe. Mein Bruder muss sich um einen möglichen Sponsor kümmern. Tanzt du mit mir?“

„Tanzen? Mit dir?“ Sie warf die rote Mähne über die Schulter. Ihr Gesicht war gerötet von der Hitze und der Anstrengung.

„Ist das eine so abartige Bitte?“

„Ich wusste nicht, dass du überhaupt tanzen kannst. Schon gar nicht einen irischen Volkstanz.“

Er verzog das Gesicht. „Einen irischen Volkstanz?“

Sie lachte leise und deutete auf die Bühne. Ihre Fingernägel waren kurz geschnitten, aber als Tribut an die Party goldglänzend lackiert. „Das ist der nächste Titel auf der Wunschliste der Band. Dein Bruder hat mich dazu herausgefordert.“

Kein Wunder, dass Easton mit so einem breiten Grinsen verschwunden war. Er hatte gewusst, was kommen würde!

Xander war nicht der Typ, der vor einer Herausforderung davonlief. „Ich habe viele Talente. Unsere Mutter hat darauf bestanden, dass wir Jungen Tanzstunden nehmen. Was ich nicht weiß, kannst du mir beibringen.“

Sie stemmte eine Hand in die Seite. Ihr fließendes gelbes Kleid umschmeichelte ihre Kurven, während sie ihn aus ihren grünen Augen musterte. Schließlich zuckte sie mit den Schultern. „Warum nicht? Ich würde gern sehen, wie der Big Boss sich daran versucht.“

„Nicht vergessen, du musst mir die Schritte zuerst noch mal zeigen.“

„Wir werden es einfach halten.“ Sie hob einen Ellenbogen. „Steeldrums sind eine ungewöhnliche Besetzung für irische Volksmusik.“

Er verneigte sich leicht, bevor sie sich bei ihm einhakte. Verdammt. Er hatte schon ganz vergessen, wie weich sich die Haut einer Frau anfühlte. Er machte ihre Schritte nach, an die sich immer wieder eine Drehung anschloss. Ihr Haar flog gegen seine Brust, wenn sie herumwirbelten.

Sein Körper reagierte spontan auf die leichte Berührung.

Offenbar vernebelte der Mangel an Sex ihm schon den Verstand.

Der Tanz schien ewig weiterzugehen, und sein Blutdruck stieg mit jeder Sekunde, bis die Band endlich einen langsameren Takt anschlug. Aus unerfindlichen Gründen ließ er die Chance, sich zu verabschieden, ungenutzt und zog seine Partnerin zu dem traditionelleren Tanz in seine Arme. Ihr leichter Duft nach Limone und Grapefruit umschmeichelte seine Nase wie ein Aphrodisiakum.

Vielleicht war dieser Tanz doch keine so gute Idee gewesen.

Er rang nach Worten, um sich mit einer Unterhaltung von der Nähe ihres Körpers abzulenken. „Es freut mich, dass du den Abend genießt.“

„Ich genieße alles, was unserem Projekt Geld bringt.“ Ihre Augen funkelten im Mondschein, und ihr langes Haar streifte seine Hand, die an ihrer Taille lag. „Ich liebe meine Arbeit hier.“

„Dein Engagement ist bewundernswert.“

„Danke.“ Sie lächelte unsicher.

„Du glaubst mir nicht?“

„Das ist es nicht. Aber lass uns jetzt nicht von der Arbeit sprechen und den Moment verderben. Wir können morgen darüber reden.“ Sie nagte an ihrer Unterlippe. „Ich habe einen Termin bei dir.“

„Wirklich? Ich kann mich nicht erinnern, deinen Namen in meinem Kalender gesehen zu haben.“

„Nicht jeder von uns hat eine persönliche Assistentin, die sich um die Termine kümmert.“

„Höre ich da Kritik?“ Er hatte eine Sekretärin, aber im Gegensatz zu seinem Bruder keine persönliche Assistentin, die ihm auf Schritt und Tritt folgte. Easton war allerdings eher der Typ zerstreuter Professor.

„Es war nicht als Kritik gemeint. Du hast hier etwas Großes geschaffen.“ Sie schüttelte den Kopf, sodass ihre Locken seine Hand streiften. „Ich bin nur frustriert. Hör einfach nicht hin. Lass uns weitertanzen.“

Ihre Aufforderung kam gerade, als die Band einen heißen Latinorhythmus anstimmte.

Maureen Burke tanzte mit Leidenschaft.

Selbstvergessen passte sie sich den Schritten des attraktiven Mannes mit den charismatischen blauen Augen an. Ein Mann mit Verstand. Mit einem göttlichen Körper und einem ausgeprägten Familiensinn.

Xander Lourdes war ein guter Mann.

Aber nicht ihrer.

Maureen tanzte ohne Hemmungen, wie sie es sonst nie gewagt hätte. Nicht nach allem, was sie hinter sich hatte.

Sie genoss die salzige Meeresbrise, die sich mit dem Geruch des Holzfeuers vermischte. Genoss es, frei zu sein. Auch wenn Freiheit sehr schmerzlich sein konnte. Das hatte sie erfahren, als ihr jetziger Exmann seine Freiheit zurückwollte. Er hatte die Scheidung verlangt – nach allem, was sie mit ihm durchgemacht hatte. Und nachdem sie die Ratschläge ihrer Freunde immer wieder ignoriert hatte, die ihr rieten, ihn zu verlassen. Ihn, der sie seelisch missbraucht hatte.

Maureen hatte gewusst, dass sie Probleme in ihrer Beziehung hatten. Doch sie war immer bereit, um alles zu kämpfen. Ein Versprechen bedeutete ihr etwas. Sie war davon ausgegangen, dass schon etwas Schwerwiegendes vorfallen müsste, um zu einer Scheidung zu führen – körperliche Misshandlung oder Drogenkonsum zum Beispiel. Aber nur den Satz zu hören Ich liebe dich, aber ich kann nicht mit dir leben ? So als wäre sie Gift für ihn?

Jahrelang hatte er sie erniedrigt, und es hatte lange gedauert, bis sie endlich begriff, dass nicht sie , sondern er das Gift in ihrer Beziehung war.

Also war sie gegangen. Hatte ihn und Jahre der Kränkung und Demütigung hinter sich gelassen. Sie verließ County Cork, verließ Irland, um so viel Abstand wie möglich zwischen sich und diesen Mann und den Schmerz, den er ihr verursacht hatte, zu bringen. Dabei half, dass sie keine Familie hatte, die sie hätte zurückhalten können. Ihre Eltern waren tot. Sie war frei, den Job in den Vereinigten Staaten anzunehmen. Einen Job in einem Arbeitsbereich, den sie wirklich liebte.

Jetzt gab sie sich ganz dem Zauber der Musik hin. Genoss den Rhythmus, der mit dem Blut in ihren Adern im selben Takt zu pulsieren schien. Genoss den Augenblick.

In Kürze würde ihr Arbeitsvisum ablaufen, und bisher war ihr Antrag auf Verlängerung nicht genehmigt worden. Falls es dabei blieb, musste sie nach Irland zurückkehren. Musste diesen wunderschönen Ort verlassen, an dem sie sich zum ersten Mal seit Langem wirklich frei gefühlt hatte.

Frei, mit einem attraktiven Mann zu tanzen und nicht befürchten zu müssen, dass ihr Ehemann ihr vorwarf zu flirten. Als ob sie gleich mit jedem Mann, der sie ansah, durchgebrannt wäre! Es hatte lange gedauert, bis sie verstand, dass seine Bemerkungen mehr mit seiner eigenen Unsicherheit zu tun hatten als mit ihrem Verhalten.

Jetzt war sie frei, den Mann, mit dem sie tanzte, anzusehen. Sein schwarzes Haar, das sich in der leichten Meeresbrise bewegte. Das markante Kinn mit dem Bartschatten. Die breiten Schultern unter dem Smoking. Schultern, die die Last der ganzen Welt tragen konnten.

Sie spürte, wie sie erschauerte, registrierte, wie sehr er sie anzog. Zwar hatte sie diese Anziehungskraft schon vorher bemerkt, aber alle wussten, wie sehr er noch immer um seine verstorbene Frau trauerte, und sie hatte sich nicht auf dieses gefährliche Terrain begeben wollen. Aber da nun ihre Rückkehr nach Irland bevorstand …

Maureen war nicht an einer Beziehung interessiert, aber wenn sie abreiste, konnte sie es sich ja vielleicht gönnen …

Plötzlich wurde Xander abgelenkt. Er griff in die Tasche seines Smokings und zog sein Handy hervor, um einen Blick auf das Display zu werfen. Seine entspannte Miene war augenblicklich verschwunden. „Es ist die Nanny. Meine Tochter hat Fieber. Ich muss gehen.“

Ohne ein weiteres Wort war er verschwunden. Sein kleines Mädchen bedeutete die Welt für ihn. Alle wussten das. Und auch, wie tief er um seine verstorbene Frau trauerte.

All das machte ihn umso attraktiver für Maureen.

Und umso gefährlicher für ihren Seelenfrieden.

Die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne machten der Nacht ein Ende, und Xander rieb sich die Augen und unterdrückte ein Gähnen. Er war die ganze Nacht am Bett seiner Tochter geblieben. Noch am Abend war er mit ihr in die Notaufnahme gefahren. Dort hatte man festgestellt, dass sie eine Mittelohrentzündung hatte. Die Beteuerungen des Arztes, es sei nicht weiter schlimm, hatten ihn nicht beruhigen können. Sie bekam Antibiotika und fiebersenkende Mittel, aber dennoch konnte er den Blick nicht von ihr lassen. Immer noch im Smoking, saß er an ihrem Bett. Hellbraune Locken, leicht verklebt vom Schweiß, umrahmten ihr Gesichtchen. Jedes Heben und Senken der kleinen Brust sagte ihm, das alles in Ordnung war. Rose war ein gesundes, sechzehn Monate altes Kind, das an einer herkömmlichen Mittelohrentzündung litt.

Das Kinderzimmer war ganz in Weiß, Grün und Pink gehalten. Rosen rundeten das freundliche Dekor ab – ein Tribut an den Namen ihrer Tochter. Sie hatten ein zweites Bett mit ins Zimmer stellen lassen für die Nächte, in denen sie es einfach nur genossen, sie anzusehen. Oder für Elenora, die Nanny, wenn sie sich einmal hinlegen wollte. In der Ecke stand ein Schaukelstuhl, in dem Terri gesessen hatte, wenn sie der Kleinen die Brust gab. Ihr Blick war dabei so voller bedingungsloser Liebe und voller Hoffnung gewesen. Eine Woche vor Roses Geburt hatten sie beide auf dem zweiten Bett gesessen und davon geträumt, wie ihr Kind wohl aussehen würde. Wie sein Leben werden würde. So viele Träume …

Jetzt schlief sein Bruder in diesem Bett, wie so oft in diesen Tagen. Er war ein Exzentriker und dabei doch eine große Stütze. Im Geiste sah Xander vor sich, wie sein Bruder mit Maureen Burke tanzte. Auch Easton hatte in letzter Zeit nicht viel Privatleben gehabt. Xander wusste, er hätte seinem Bruder ebenso beigestanden, wenn die Rollen vertauscht gewesen wären, dennoch kam es ihm unfair vor, ihm so viel von seiner Zeit zu stehlen.

Xander erhob sich aus dem Schaukelstuhl und berührte seinen Bruder leicht an der Schulter. „Hey, Easton“, sagte er. „Wach auf. Du solltest wieder in dein eigenes Bett gehen.“

Langsam hob sein Bruder die Lider. „Rose?“

„Es geht ihr viel besser. Ihr Fieber ist gesunken. Ich fahre nachher noch zu einer Nachuntersuchung mit ihr zum Kinderarzt, aber ich glaube, es ist alles in Ordnung. Es ist nicht mehr nötig, dass wir beide auf sie aufpassen.“

„Ich habe ganz gut geschlafen.“ Sein schlaksiger Bruder schwang die Beine vom Bett.

„Zusammengekrümmt wie eine Brezel. Du musst ganz steif sein. Aber vielen Dank. Wirklich. Du musst jetzt nicht mehr bleiben. Ich weiß, dass du viel Arbeit hast.“

„Du auch.“ Easton fuhr sich mit den Fingern durchs Haar.

„Sie ist meine Tochter.“

„Und du bist mein Bruder.“ Eastons Blick spiegelte die Liebe zu Xander wider. Sie waren immer sehr verschieden gewesen, standen sich aber sehr nah. Ihre Eltern waren durch die Welt gereist, ohne daran zu denken, dass ihre Söhne ein festes Zuhause brauchten, in dem sie Freundschaften schließen konnten. Sie hatten immer nur einander gehabt. Und das umso mehr, nachdem ihr Vater vor Kurzem gestorben war und ihre Mutter die Reiselust nun noch ungezügelter auslebte – immer auf der Suche nach neuen Abenteuern, statt sich um ihre Söhne zu kümmern.

Xanders Bruder hätte in jedem Wildtierreservat der Welt arbeiten können, aber er hatte sich entschieden, hierzubleiben und ihn zu unterstützen. Das bedeutete Xander sehr viel.

Im Grunde war auch Xander für dieses Projekt überqualifiziert, aber für Terri und auch für Rose wollte er etwas aus dem Reservat machen. Ganz gleich, was er investieren musste. Dies war die Hinterlassenschaft seiner Frau an ihre Tochter.

„Danke.“

„Der einzige Dank, den ich brauche, ist, dass es der Kleinen wieder besser geht.“ Liebevoll streichelte Easton seiner Nichte über das Haar. „Und vielleicht eine Flasche guten Tequila.“

„Setz den Tequila mit auf die Liste.“ Es war eine lange Reihe von Dingen, die er seinem Bruder inzwischen schuldete. Aber irgendwann würde er es ihm zurückzahlen. Es waren schiere Gewissensbisse, die ihn bewogen zu sagen: „Falls dir der Sinn danach steht, zu einem größeren Projekt zu wechseln …“

„Dort würde man mich nicht brauchen. Gebraucht zu werden und anderen etwas zu bedeuten – das ist doch das Wichtigste im Leben.“

Xander schluckte. Genau das hatte Terri ihm mehr als einmal gesagt. Gott, wie er sie vermisste. „Du hast recht.“ Als sein Bruder schon an der Tür war, hörte er sich plötzlich sagen: „Oder bleibst du vielleicht wegen einer gewissen rothaarigen Zoologin?“

„Maureen?“ Easton sah ihn so erstaunt an, dass es schon Antwort genug war. „Nein, bestimmt nicht. Zwischen uns läuft nichts. Wir sind uns zu ähnlich.“

Er lachte leise und schüttelte den Kopf, ehe er die Tür hinter sich zuzog und Xander einigermaßen verwirrt zurückließ. Es war weniger Eastons Desinteresse, das Xander verwirrte, als vielmehr die Erleichterung, die er selbst darüber verspürte.

2. KAPITEL

Maureen lauschte auf den dezenten Doppelklick des Schlüssels. Ein Doppelklick bedeutete, dass die Tür ihrer blaugrün gestrichenen Strandhütte wirklich verschlossen war. Nur ein einziger Klick hieß, dass ein kräftiger Windstoß die Tür aufdrücken konnte. Sie würde diese kleinen Eigentümlichkeiten vermissen, wenn sie die Hütte und die Insel Key Largo mit ihren gut zehntausend Einwohnern verließ.

Aber noch war es nicht so weit. Maureen verdrängte den Gedanken und machte sich auf den Weg zur Arbeit. Es war ein entspannter Spaziergang von fünf Minuten.

Die Sonne wärmte sie angenehm, während sie den Blick auf dem Weg zur weißen Strandvilla, die die Familie Lourdes auf einem Grundstück neben dem Reservat errichtet hatte, umherschweifen ließ. Sie war zum Schutz vor Hochwasser auf Stelzen gebaut, wie auf den Keys üblich.

Gedankenverloren beobachtete sie freiwillige Helfer aus der Stadt, die sich auf dem Anleger der Station sammelten und sich dann zu ihren Einsatzbereichen zerstreuten. Sie hielt nach Easton Ausschau, doch der war weit und breit nicht zu sehen.

Oder Xander. Ihre Gedanken wanderten wieder zu dem Tanz am vergangenen Abend. Sie musste daran denken, wie liebevoll er sich um seine Tochter kümmerte. Dachte an diese unglaublichen blauen Augen, deren Blick sie förmlich zu durchdringen schien.

In der Nacht hatte sie viel über ihr plötzlich aufgeflammtes Interesse an Xander nachgedacht. Nicht, dass es wirklich eine Rolle spielte. Sie versuchte, sich auf ihre Aufgaben zu konzentrieren. Für heute war eine Schulklasse zu einer Führung angemeldet.

Das Reservat auf Key Largo lag so abgeschieden, dass Touristen nicht zufällig hineingeraten konnten. Die Öffentlichkeit erhielt nur bei geführten Touren Zutritt. Diese Regelung gefiel Maureen. Sie machte das Reservat auch zu ihrem eigenen Zufluchtsort. Der begrenzte Kontakt nach außen ermöglichte es ihr, das Leben mit den Tieren hier in der Natur wirklich zu genießen.

Sie warf einen Blick auf die Uhr. Die Schulklasse würde bald eintreffen. Das hieß, sie musste Easton schnell finden.

Und falls sie dabei Xander begegnete – umso besser.

Obwohl: Wenn sie ehrlich war, machte sie die Vorstellung, ihm absichtlich unabsichtlich über den Weg zu laufen, leicht schwindelig. Die Erinnerung an die Gefühle, die der Tanz mit ihm in ihr ausgelöst hatte, war noch zu frisch.

Überhaupt – was würde sie tun, sollte sie ihm begegnen? Sie unterdrückte ein Seufzen, als sie ihn aus dem Haus kommen sah. Nun gab es kein Entrinnen mehr – vor ein wenig harmlosem Smalltalk mit einem Mann, der ihren Puls am vergangenen Abend in Höhen getrieben hatte, die es wert gewesen wären, von den altehrwürdigen Barden der irischen Folklore besungen zu werden.

Im Gehen streifte Xander sich die Anzugjacke über. Er hatte ein Bürogebäude für das Reservat bauen lassen, als seine Frau Terri begonnen hatte, in dem Projekt mitzuarbeiten. Terri hatte sich förmlich in Key Largo und ihre ehrenamtliche Tätigkeit verliebt. Vor drei Jahren, als Maureen den Job hier angenommen hatte, war Xander noch täglich nach Miami gefahren und hatte das Büro hier nur gelegentlich genutzt. Seit dem Tod seiner Frau hatte er seine Tätigkeit ganz hierher verlegt.

Für einen Moment verweilten Maureens Gedanken bei Terri. Sie war eine ruhige, sanfte Frau mit einem großen Herzen gewesen. Ihre Freundlichkeit und ihr Mitgefühl waren echt. Verletzte Tiere beruhigten sich in ihrer Gegenwart. Als Terri schwanger wurde, hatte sie sich auf die Büroarbeit und die Kontakte zu den Sponsoren beschränkt.

Nach ihrem Tod hatte Xander sich in die Arbeit gestürzt. Anfangs hatte Maureen den Eindruck gehabt, er versuche, darin etwas von Terri wiederzufinden. Inzwischen jedoch war sie überzeugt, dass das Projekt ihn wirklich in seinen Bann gezogen hatte.

Xander zupfte sein Jackett zurecht, während er die letzten Stufen nahm, die vom Haus hinunter zum Strand führten. „Maureen?“

Er sagte ihren Namen so, als würde er sie kaum wiedererkennen. Nun ja, sie hatte sich an diesem Morgen vielleicht etwas mehr Mühe mit ihrem Äußeren gegeben. Normalerweise trug sie Jeans und ein weites T-Shirt. Dazu ein Minimum an Make-up – einen Hauch von Mascara, etwas Lipgloss – und das Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden. Aber heute sah sie … irgendwie netter aus. Das anliegende Shirt betonte ihre Kurven, und sie hatte einen kräftigeren Lippenstift verwendet, der sie etwas, nun ja, sinnlicher wirken ließ.

„Sehe ich so anders aus?“ Maureen lächelte verlegen, während sie eine Strähne festhielt, die der Wind ihr auf die Brust geweht hatte. So viel also dazu, dass sie ihm ganz gelassen gegenübertreten wollte.

Sein Blick glitt über sie hinweg, langsam, als versuche er, etwas zu begreifen.

„Im Vergleich zu gestern Abend auf der Party? Ja.“

„Heute Morgen kommt eine Schulklasse zu einer Führung“, erklärte sie hastig. „Sie können jeden Moment hier sein, und wir sind unterbesetzt. Solltest du nicht im Büro sein?“

Sie neigte den Kopf und sah zu ihm auf. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Mundwinkel. Er trat auf sie zu, entspannter, als sie ihn seit Langem gesehen hatte. „Und du nicht bei deinen Tieren, Maureen?“

Der leichte Duft seines herben, männlichen Eau de Cologne stieg ihr in die Nase. Xander lächelte immer noch amüsiert, während sie den Blick nicht von ihm wenden konnte. Sein Haar schien noch feucht vom Duschen zu sein, und sie konnte keinen klaren Gedanken fassen. Eine Ewigkeit schien zu vergehen, bis sie die Sprache endlich wiederfand.

„Ich suche deinen Bruder.“ Wie konnte Xander hier ohne Schweißperlen auf der Stirn im Anzug stehen, wenn sie das Gefühl hatte, wie in einer Sauna dahinzuschmelzen?

Vielleicht war es auch eine Hitze ganz anderer Art …

„Easton kommt später. Wir haben beide die Nacht bei Rose verbracht.“

„Ihr habt euch zusammen um sie gekümmert?“

„Wieso überrascht dich das?“

„Ich hätte gedacht, dass jemand mit deinen Mitteln sich eher auf eine Nanny verlässt – oder auf die Großeltern.“

„Mein Vater ist verstorben, und meine Mutter … na ja, sie ist viel auf Reisen. Was die Eltern meiner Frau angeht, sie können ziemlich … anstrengend sein. Und Elenora braucht ihre Nachtruhe, um tagsüber auf Rose aufpassen zu können, während ich arbeite. Ich bin ihr Vater. Mein Bruder sorgt sich auch um sie. Er sollte bald kommen.“ Xander deutete auf den Weg, der zu den Büros führte. „Wollen wir gehen?“

Maureen war sich seiner Nähe nur allzu deutlich bewusst. Der Weg war schmal, und ihre Schultern berührten sich fast. „Ich finde es bewundernswert, wie du dich um Rose kümmerst. Wie geht es ihr?“

„Der Notarzt sagte, es sei eine Mittelohrentzündung. Ich fahre nachher noch mit ihr zum Kinderarzt.“

„Kann ich irgendwie helfen?“ Maureens Gedanken wanderten zu Rose – ein Kind, das alle Erwachsenen in Entzücken versetzte. Die Kleine war süß, anhänglich und voller Leben. Im Büro hingen viele Fotos und gemalte Bilder von ihr, alles Zeichen eines hingebungsvollen Vaters.

Maureens eigene Kontakte mit Rose hinterließen stets ein Lächeln bei ihr. Die Kleine liebte es, mit Maureens Lederarmband zu spielen. Ehrfürchtig berührte sie es mit ihren winzigen Fingern, als handelte es sich um ein magisches Totem. Unwillkürlich betastete Maureen das Armband. Das alte Leder hatte irgendwie eine beruhigende Wirkung auf sie. Es begleitete sie bereits seit Jahren.

„Danke, aber ich glaube, wir haben alles im Griff. Davon einmal abgesehen – es ist schon erstaunlich, dass es zwei Männer braucht, um den Job einer Frau zu erledigen.“

„Jetzt geht ein Seufzen durch die gesamte Frauenwelt …“

Er lachte.

Und Maureen erschauerte. Diese blauen Augen – sie erschütterten sie bis ins Innerste und beunruhigten sie mehr, als irgendwelche Geräusche wilder Kreaturen es je könnten. Insbesondere heute, da sein Blick ständig zwischen ihren Augen und ihren Lippen hin und her zu wandern schien. Reiß dich zusammen! ermahnte sie sich.

„Du wirst hier gebraucht, um dich um die Tiere zu kümmern.“ Er nickte knapp. Das Interesse in seinem Blick verschwand, seine Miene nahm wieder einen sachlichen Ausdruck an

„Natürlich. Sie ist deine Tochter und kennt mich ja auch nicht so gut.“ Sie hob die Hände. „Ich habe die Grenzen überschritten und entschuldige mich.“

Er seufzte. „ Ich muss mich entschuldigen. Du wolltest nur helfen, und ich benehme mich wie ein unsensibler Idiot. Das sagt man mir immer wieder nach.“

Sie schwieg.

„Du bestreitest es nicht?“ Um seine Mundwinkel zuckte es verdächtig.

„Ich würde es nie wagen, dem Big Boss zu widersprechen.“

Er lachte laut auf. „Du überraschst mich immer wieder. Du bist so ganz anders, als ich dich bisher wahrgenommen habe.“

„Du hast mich wahrgenommen?“ Die Worte waren heraus, ehe sie sich eines Besseren besinnen konnte.

„Als dein Arbeitgeber.“

„Natürlich. Du hast ein … ein schwieriges Jahr hinter dir.“

„Vierzehn Monate. Es ist jetzt vierzehn Monate und drei Tage her.“ Er sagte es so leise, dass sich seine Stimme kaum über das Säuseln des Windes erhob.

„Es tut mir so leid.“ Sie verspürte tiefes Mitgefühl, denn sie hatte die Liebe gesehen, die Xander und Terri füreinander empfunden hatten. Eine Liebe, wie sie sie gern in ihrer eigenen Ehe erlebt hätte.

„Mir auch.“ Er sah ihr in die Augen. „Rose bedeutet mir alles. Sie ist das Einzige, was mir noch von Terri geblieben ist. Ich würde alles für meine Tochter tun, aber manchmal …“ Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. „… manchmal habe ich das Gefühl, ihr nicht genug geben zu können.“

Sie berührte ihn leicht am Arm. „Du bist müde. Das ist bei Eltern ganz normal. Du bist ein wunderbarer Vater, und dein Bruder ist ein wunderbarer Onkel. Außerdem hat Rose eine sehr gute Nanny. Elenora liebt sie wirklich. Man sieht die Zuneigung zwischen den beiden.“

Er blieb stehen und sah sie forschend an. Sie erwiderte seinen Blick. Sekunden wurden zu Ewigkeiten.

Das Eintreffen der Busse holte sie unvermittelt zurück in die Wirklichkeit. Fort von der Quelle, die die Luft zwischen ihnen plötzlich elektrisch geladen zu haben schien.

Nach ein paar Stunden im Büro sehnte Xander sich nach frischer Luft und Sonne. Er war mit Rose beim Kinderarzt gewesen und hatte sie nun für ihren Nachmittagsschlaf zu Bett gebracht. Natürlich hatte er ihr eine Geschichte vorgelesen, bis sie eingeschlafen war. Da die Nanny in der Nähe war, beschloss er, die Einladung seines Bruders anzunehmen, mit hinauszufahren, um Wasserproben aus dem nahe gelegenen Sumpfland zu holen.

Er versuchte sich einzureden, dass er nur mitfuhr, um die Prozedur besser kennenzulernen. Die Tatsache, dass Maureen mit an Bord war, spielte selbstverständlich keine Rolle. Doch es fiel ihm zunehmend schwer, sich selbst zu glauben. Er konnte nicht leugnen, dass er sich freute, sie wiederzusehen. Er hatte sich zu ihr hingezogen gefühlt und musste einfach herausfinden, ob das nur eine vorübergehende hormonelle Verirrung gewesen war.

Easton, seine Assistentin Portia, Maureen und Xander waren alle in Badekleidung, als das flache Boot sich langsam durch das Wasser bewegte. Xander versuchte, Maureens gebräunte Beine und die Art, wie ihr einteiliger Badeanzug ihre Kurven betonte, zu ignorieren. Sogar ihr zerzauster Pferdeschwanz war ausgesprochen sexy.

Maureen war ein krasser Gegensatz zu Portia Soto, der Assistentin seines Bruders. Auch sie trug einen Einteiler, aber dazu umwehte ein langer bedruckter Sarong ihren Körper. Sie war der Inbegriff einer keuschen und züchtigen Frau und wirkte im Moment recht besorgt.

Xander verstand nicht, was sie bewogen hatte, den Job als die Assistentin seines Bruders anzunehmen. Sie war intelligent und tüchtig, daran gab es keinen Zweifel, aber meist wirkte sie verängstigt. Das passte irgendwie nicht zu jemandem, der in einem Wildtierreservat arbeitete.

Easton saß neben seiner Assistentin. Sie hatte den Rücken gegen die Lehne gepresst und hielt den Sitz fest umklammert. Das arme Ding. Sie sah vollkommen elend aus. Xanders erster Impuls war, mit der Frau zu reden, aber sein Blick wurde wie magisch von Maureen angezogen.

„Möchtest du lieber wieder an Land? Du musst uns nicht begleiten“, sagte Maureen mitfühlend und berührte Portia am Arm.

„Der Doktor verlässt sich auf meine Notizen.“ Sie deutete auf die Tasche in ihrer Hand, aber gleich darauf glitt ihr Blick wieder nervös über das Sumpfgelände. Ganz eindeutig brachte der Job sie an ihre Grenzen, und dennoch war sie hier.

„Sie sind hilfreich“, sagte Easton vage, während er sich über die Reling beugte. Der Wind fegte über das Boot und drückte die blaue Badeshorts und das weiße T-Shirt gegen seinen Körper.

Maureen schnalzte mit der Zunge. „Eines Tages reißt dir ein Alligator noch den Arm ab.“

Portias Gesicht wurde grün.

„Ich mache doch nur Spaß“, sagte Maureen rasch, um sie zu beruhigen.

Mit einer Hand zerrte Portia ihren Rekorder aus der wasserdichten Tasche und begann, etwas in das Mikrofon zu murmeln.

„Ich glaube, sie will dein Ende heraufbeschwören.“ Maureen zwinkerte Easton zu.

„Mag sein. Aber wir sind uns einig, dass wir einander brauchen.“

„Es ist doch merkwürdig, dass sie einen Job annimmt, der sie vor Angst fast umbringt.“

„Ich zahle gut, und ich vertraue ihr. Außerdem bin ich sicher, dass irgendwann doch ein abenteuerlustiger Geist hinter ihrer Fassade hervorkommt.“ Er lachte leise. Den letzten Satz hatte er so laut gesagt, dass auch Portia ihn gehört haben musste.

„Wenn sie nicht vorher einen Herzinfarkt erleidet“, bemerkte Maureen trocken.

Portia klammerte sich wieder mit beiden Händen an ihren Sitz. „Oder wenn ich nicht vorher von irgendwelchen fleischfressenden Bakterien umgebracht werde“, ergänzte sie und stöhnte.

Easton lachte und wandte sich wieder seiner Arbeit zu.

Xander fing einen Blick seines Bruders auf, bevor dieser sich an Maureen wandte. „Es tut mir wirklich leid, dass du uns verlassen wirst.“

„Mir auch. Das hier ist wirklich ein Traumjob.“

Xander versuchte zu verstehen. Wollte sie nach Hause? Ihrer Miene nach zu urteilen, nicht. Sie hatte ihn gebeten, ihr zu helfen, das Visum zu verlängern, bis sie ihre Arbeit hier beendet hatte. Er hatte noch nichts weiter dazu gehört, aber der Bescheid ging mit Sicherheit direkt an sie. Offensichtlich war er negativ ausgefallen.

Sie wirkte so verzweifelt, dass Xander sich unwillkürlich fragte, ob es um mehr als nur die Arbeit ging.

Easton stieß einen leisen Pfiff aus. „Bist du sicher, dass es keine Möglichkeit mehr gibt, das Visum zu verlängern?“

„Es sieht nicht so aus. Dein Bruder hat sogar die Firmenanwälte gebeten, sich meinen Antrag anzusehen und zu helfen, aber so wie die Politik im Moment ist … Bei den Einreisebeschränkungen …“ Maureen warf einen Blick zu Xander hinüber.

Wusste sie, dass er sie hören konnte?

Er bemühte sich, eine nichtssagende Miene aufzusetzen. Easton nickte ihm kaum merklich zu. Was hatte er vor?

„Xander hat viel Zeit und Kraft in dieses Projekt investiert. Und viel Herzblut.“

„Ich weiß. Es hat mich überrascht, ihn gestern Abend tanzen zu sehen.“

„Wer hätte es für möglich gehalten, dass er einen Jig tanzen kann? Wer hätte überhaupt geglaubt, dass er tanzen kann? Das hat seit Terris Tod niemand mehr für möglich gehalten.“

„Sie war sehr nett.“ Maureens Worte wurden vom Kreischen einer Möwe untermalt.

Währenddessen versuchte Xander, sich sein Interesse an der Unterhaltung nicht anmerken zu lassen.

„Das stimmt. Wir vermissen sie alle sehr. Auch ihre Eltern natürlich. Daran wird sich nie etwas ändern, aber ich hoffe dennoch, dass Xander wieder einen Weg zurück ins Leben findet.“ Easton warf ihr einen vielsagenden Blick zu.

Maureen schüttelte den Kopf, sodass sich vereinzelte Strähnen aus ihrem Pferdeschwanz lösten. „Du deutest zu viel in einen Tanz hinein.“

„Ich habe nichts dergleichen gesagt. Das hast du gesagt.“ Gespielt dramatisch hob Easton die Hände, um seine Unschuld zu beteuern.

„Ich habe definitiv kein Auge auf deinen Bruder geworfen“, bemerkte sie.

„Das hast wiederum du gesagt, nicht ich.“

„Ich bin geschieden.“

„Ich weiß.“

„Es war höchst unerfreulich.“ Sie seufzte.

„Es tut mir leid, das zu hören.“

„Das ist jetzt alles vorbei. Ich konzentriere mich auf die Gegenwart und meinen Job.“

„Ist das der Grund, wieso du so gern hierbleiben möchtest? Weil du Angst hast, dass dein Ex dir wieder über den Weg läuft?“ Eastons Blick suchte Xander, der so tat, als bemerke er es nicht. Tatsache war, dass sein Puls schneller ging. Angst vor einem Ex? Was mochte da passiert sein?

„Hierzubleiben wäre eindeutig leichter. Ein Neuanfang ist immer einfacher.“

„Die Sache mit dem Visum ist noch nicht entschieden.“

„Vielen Dank für deinen Optimismus.“

„Ähm … Hallo?“ Portias Stimme klang dringend. „Ähm, Doktor?“

„Ja, Portia?“ Easton drehte sich zu ihr herum.

„Es geht nicht mehr.“ Portia zog sich an der Reling hoch, wurde kreidebleich – und fütterte die Fische mit ihrem Mageninhalt.

Xander reagierte sofort, indem er Kurs auf den Anleger nahm. Portia brauchte wieder festen Boden unter den Füßen, und zwar schnell.

Minuten später war der Anleger in Sicht.

Und gleichzeitig Xanders Schwiegereltern.

Es war nie ein gutes Zeichen, wenn sie ohne Vorwarnung aus Miami herüberkamen, und er spürte, wie sich alles in ihm verkrampfte.

Nachdem das Boot längsseits vertäut worden war, sprang Xander auf den Anleger und half Portia auszusteigen. Sie war noch immer ganz blass, und ihre Hände waren feucht. Ganz offensichtlich hatte sie sich weit schlechter gefühlt, als sie es sich hatte anmerken lassen. Sobald sie festen Boden unter sich spürte, schlug sie sich die Hand vor den Mund, nickte Xanders Schwiegereltern höflich zu und rannte dann zum Haus.

Missbilligend sahen seine Schwiegereltern sich um. Xander wusste, was die Stunde geschlagen hatte: Sie mochten die Insel nicht und machten keinen Hehl aus ihrer Abneigung.

Regelrecht angewidert sah Jake der Assistentin nach, ebenso wie zuvor seine Frau. Als er sich Xander zuwandte, war sein Blick vernichtend.

Xander musste an sich halten, um nicht mit den Zähnen zu knirschen. Glaubten sie allen Ernstes, er sei an Portia interessiert? Und davon einmal abgesehen: Ging sie das überhaupt etwas an? Natürlich vermissten sie alle Terri, aber sie war nun schon über ein Jahr tot, und das war die traurige Wahrheit. Dennoch wollte er nicht, dass sie glaubten, er hätte Terri einfach ersetzt.

Der Protest lag ihm schon auf der Zunge, als ihm etwas auffiel: Portia war elegant, ruhig, reserviert … Vom Typ her hatte sie viele Eigenschaften, die auch Terri besessen hatte. Aber etwas mit Portia anzufangen wäre ihm nie in den Sinn gekommen. Sie löste bei ihm keinerlei Reaktion aus. Nicht so wie die leidenschaftliche Maureen. Langsam ließ Xander den Blick zu ihr hinüberwandern.

Dann wandte er seine Aufmerksamkeit wieder seinen Schwiegereltern zu und versuchte den Anlass für ihr unangekündigtes Auftauchen zu ergründen.

Jake und Delilah Goodwin waren gute Menschen, wenn sie vielleicht auch etwas zu sehr dazu neigten, sich einzumischen. Sie waren das, was die Medien Helikopter-Eltern nannten, überfürsorglich und ständig um ihr Kind kreisend.

Xander war immer davon ausgegangen, dass ihre Art etwas mit Terris Geburt zu tun hatte. Jahrelang hatten Delilah und Jake vergeblich versucht, ein Kind zu bekommen. Die Ärzte hatten ihnen gesagt, es sei so gut wie unmöglich für Delilah, schwanger zu werden. Aber irgendwie war dann doch ein Wunder geschehen, und Delilah hatte Terri zur Welt gebracht. Ihr Wunschkind.

Terri war ihr ganzes Leben lang verwöhnt und behütet worden. Ihre Eltern behandelten sie wie zerbrechliches Glas, das vor allem und jedem beschützt werden musste. Nachdem er nun selbst eine Tochter hatte, verstand Xander ihre Motive besser, aber Jake und Delilah hatten es mit ihrer Fürsorge übertrieben.

Xander beobachtete, wie Jake rasch die Hand seiner Frau drückte. Delilah zupfte ihre Perlenkette zurecht, das einzige Anzeichen für ihren Reichtum. Sie waren nette Leute, aber sie waren es gewohnt, Befehle zu erteilen. Kompromisse kannten sie nicht.

„Wir haben gehört, dass unsere Enkelin krank ist, und du bist hier draußen. Wer passt auf sie auf?“ Jakes Ton war frostig.

„Sie schläft, und Elenora ist bei ihr. Rose hat eine Mittelohrentzündung. Der Notarzt hat es gestern Abend festgestellt, und der Kinderarzt hat es heute bestätigt.“

„Sie sollte eine Verwandte an ihrer Seite haben“, bemerkte Delilah spitz.

„Sie hat Verwandte an ihrer Seite. Ihren Vater und ihren Onkel.“ Xander zwang sich, ruhig zu bleiben. Es war sicher nicht ihre Absicht, ihn zu kränken.

„Und beide sind auf einem Boot und feiern.“ Delilahs Stimme war schrill geworden.

„Wir haben gearbeitet.“

„Meinetwegen. Aber ihre Großmutter könnte sie den ganzen Tag bei sich haben.“

„Vielen Dank für dein Angebot. Wer hat dir gesagt, dass sie krank ist?“

Delilah machte eine wegwerfende Handbewegung. „Irgendjemand von den Angestellten, als ich anrief, um Hallo zu sagen.“

Es war wahrscheinlich weniger um ein Hallo gegangen als darum, ihn zu kontrollieren. Seine Schwiegereltern machten keinen Hehl daraus, dass sie das Sorgerecht für Rose wollten. Er könnte ihre Besuche wesentlich entspannter hinnehmen, wenn sie sich nicht die ganze Zeit Notizen machen und Pläne schmieden würden.

Er zwang sich zur Ruhe. Unter keinen Umständen wollte er, dass die Welt seiner Tochter noch mehr durcheinandergebracht wurde, weil man sie von ihrem Vater trennte. „Rose wird in ungefähr einer Stunde aufwachen. Falls ihr zum Essen bleiben möchtet, könnt ihr anschließend mit ihr spielen, wenn sie wach ist.“

Er warf einen Blick über seine Schulter zu Easton und Maureen hinüber. Maureen packte gerade die Wasserproben ein. Aber nicht das war es, woran sein Blick hängen blieb. Ein großer Alligator schwamm in der Nähe des Anlegers. Kam näher … und rammte das Boot.

Es geriet aus dem Gleichgewicht … und kippte.

Maureen lehnte gerade an der Reling.

3. KAPITEL

Das trübe Wasser schlug über Maureen zusammen.

Schwimmen und Tauchen war nie ein Problem für sie gewesen. In Irland war sie quasi mit dem Wasser und seinen mythischen Gestalten aufgewachsen. Aber jetzt hatte sie es nicht mit den Kelpies, den kleinen Wassergeistern, zu tun, sondern mit einem Alligator, der bis zu sechs Meter lang werden konnte und dafür bekannt war, jedes Beutetier zu verschlingen, dessen er habhaft werden konnte.

Maureen kam wieder an die Oberfläche. Sie trat Wasser und zwang sich, ruhig ein- und auszuatmen. Zumindest versuchte sie es. Das Problem waren schleimige Schlingpflanzen, die sich wie Fußfesseln um ihren Knöchel legten.

Ihr Adrenalinpegel stieg. Ihr Puls raste, während sie versuchte, ihren Fuß zu befreien. Und plötzlich sah sie Xander, dessen Gesicht vor Panik verzerrt war.

Er wollte ihr helfen.

Die Schlingpflanzen hielten sie fest. Verdammt! Wie hatten sie sie so schnell umklammern können? Das hereinströmende Wasser der Flut drückte Maureen gegen das Boot. Sie verlor die Orientierung. Jemand rief ihren Namen. Easton? Vielleicht. Seine Stimme schien sehr weit entfernt zu sein.

Der Sog wurde stärker. Je kräftiger sie versuchte, Wasser zu treten und sich irgendwie am Boot festzuhalten, desto tiefer wurde sie nach unten gezogen. Ihr wurde eng in der Brust, und sie schluckte immer mehr Salzwasser.

Eine vertraute Stimme durchbrach ihre Orientierungslosigkeit. Xander.

„Maureen, ich komme!“

Sie hörte einzelne Worte, ohne sie zu verstehen. Unscharf sah sie Xander auf sich zuschwimmen. Sie kam an die Oberfläche. Erkannte seine Schwiegereltern auf dem Anleger. So verschwommen der Eindruck war, so deutlich war doch die Sorge auf ihren Mienen.

Sekunden später war Xander bei ihr. Er legte einen Arm um sie und zog sie zum Boot. Endlich bekam sie wieder Luft in ihre Lungen.

„Alles gut“, keuchte sie. „Ich kann schwimmen. Ich muss nur meinen Fuß aus den Schlingpflanzen befreien.“

„Verstanden.“

Schon wollte er abtauchen, doch sie packte ihn am Arm. „Pass auf …!“

Sein Blick glitt zu der Seite hinüber, wo sich der Alligator immer noch in Lauerstellung befand. „Je eher wir hier weg sind, desto besser.“

Er verwand unter der Wasseroberfläche.

Auch der Alligator tauchte unter.

Die Zeit schien stillzustehen.

Maureen spürte eine Hand an ihrem Fußgelenk. Xander entfernte die Schlingpflanzen. Instinktiv riss sie die Knie an die Brust.

Sekunden später tauchte Xander neben ihr auf.

„Komm!“ Ehe sie sichs versah, hatte er sie in den Rettungsgriff genommen. „Schwimm!“, befahl er.

Mit kräftigen Stößen brachte er sie beide Richtung Ufer. Bald hatten sie das flache Wasser erreicht. Er half ihr hindurchzuwaten, bis sie am Strand waren.

Maureen zitterte am ganzen Körper. Fürsorglich umarmte er sie und drückte sie fest an sich.

Die Welt, die noch vor einem Moment aus Angst und Panik bestanden hatte, schien stillzustehen. Sein Atem streifte ihre Wange. Sein warmer Körper gab ihr wieder Kraft.

Adrenalin pumpte durch ihre Adern, diesmal jedoch nicht vor Angst, sondern weil Xander ihr so nah war. Ihr Puls raste. Sein Körper fühlte sich hart wie Stahl an, als sie sich von ihm löste. Ihre Blicke trafen sich für einen Moment, bevor er auf ihre Lippen sah.

Nein, sie hatte es sich nicht eingebildet. Er war erregt.

„Maureen?“ Abrupt holte die Stimme sie zurück in die Wirklichkeit. Sie zwang sich, den Blick von ihm zu lösen. Sah seine Schwiegereltern und Easton zu ihnen herüberkommen.

Sie wusste, Xander brauchte Deckung, und sei es nur für einen Moment. Also drehte sie sich zu ihnen herum und achtete darauf, vor Xander zu stehen. Als habe er es bereits tausendmal getan, legte er die Hände auf ihre Schultern. Eine kleine, aber willkommene Ablenkung.

Xanders Schwiegereltern wirkten sichtlich mitgenommen.

„Alles in Ordnung?“, fragte Jake besorgt. Maureen nickte stumm. Sie hatte Angst, ihre Stimme könne weit mehr preisgeben, als ihr lieb war.

Jake sah Xander an. „Und bei dir?“

„Alles gut. Ist ja nichts passiert.“ Kurz drückte er Maureens Schultern, bevor er die Hände sinken ließ. Als sie ihn nicht mehr spürte, schien es Maureen, als fehle ein Teil von ihr.

Delilah stieß einen missbilligenden Laut aus. „Was, wenn es Rose gewesen wäre? Ich bin nur froh, dass sie nicht dabei war. Ein Naturreservat ist natürlich etwas Schönes …“ Ihre Stimme wurde eisig. „… aber ein derart gefährlicher Ort ist nichts für unser Enkelkind.“

Maureen glaubte eine Drohung in Delilahs Worten zu hören.

Stunden waren seit dem Vorfall mit dem Alligator vergangen, doch Xander konnte immer noch nicht wieder klar denken.

Er war immer gut darin gewesen, seine Gefühle zu unterdrücken, sodass er sich auf das jeweils aktuelle Problem konzentrieren konnte. Bei den Ereignissen dieses Tages fiel ihm das jedoch ausgesprochen schwer.

Wie in einer Endlosschleife sah er immer wieder, wie Maureen ins Wasser stürzte, der Alligator nur wenige Meter entfernt. In dem Moment, als er begriff, dass sie kämpfte, erwachte er zum Leben – es war ein so natürlicher Reflex, dass er ihn einfach nicht ignorieren konnte.

Ebenso wenig wie er ignorieren konnte, wie sie völlig durchnässt in ihrem Badeanzug aussah. Wie sie sich erleichtert an ihn lehnte. Und wie ihre Erleichterung sich auf ihn übertrug, als sein Blick auf ihre vollen Lippen fiel.

Er konnte seine Erregung nicht verbergen. In dieser Umarmung am Strand hatte er eine ganz besondere Verbindung zu ihr gespürt. Natürlich hatte er sie immer attraktiv gefunden, aber die Art, wie sie die Begegnung mit dem Alligator gemeistert hatte, war unglaublich sexy.

Er begehrte sie. Immer wieder schweiften seine Gedanken zu ihr ab.

War das Leben eigentlich je einfach?

Die Antwort darauf erhielt er, als er seine Schwiegereltern mit seiner Tochter beobachtete. Delilah und Jake waren nüchterne Menschen. Sehr speziell. Alles hatte so abzulaufen, wie sie es sich vorstellten.

Er musste an Terris stets perfektes Make-up denken und ihre makellose Garderobe – sicher eine Folge der permanent kritischen Beobachtung durch ihre Eltern. Sie sah alles durch deren Augen, um einer potenziellen Kritik zuvorzukommen. Besonders wenn ihr Besuch bevorstand. Dann zählte jede Kleinigkeit – von der Position der Kissen auf der Couch bis hin zur Bissfestigkeit der Pasta. Ihre Eltern hatten immer etwas zu kritisieren. Es gab einen unsichtbaren Grad der Perfektion, der sich nur ihnen zu erschließen schien. Im Grunde meinten sie es sicher nur gut, aber es war dennoch schwer erträglich.

Als Xander Delilah dabei beobachtete, wie sie Roses Haarschleife richtete und das Kind ermahnte, schön artig zu sein, hätte er am liebsten protestiert. Er wollte, dass seine Tochter frei und unbeschwert aufwuchs. Er wollte sie selbst erziehen.

„Weißt du, Xander, wir könnten dir mit Rose helfen. Sie könnte bei uns bleiben, bis die Schule beginnt. Wir sind jetzt im Ruhestand und haben Zeit.“ Erwartungsvoll sah Delilah ihn an. Sie wirkte sichtlich angespannt.

„Ich weiß, dass sie sich immer darauf freut, euch zu sehen, und glaube, das ist Hilfe genug“, sagte er nicht ohne Mitgefühl. Der Schmerz über den Verlust ihrer Tochter hatte sie scheinbar um Jahre altern lassen.

„Erinnerst du dich an Barry, unseren Freund und Anwalt? Er meint, ein Gericht könnte entscheiden, dass Rose bei uns besser aufgehoben wäre. Wir wissen doch, wie hart du arbeitest. Wir können ihr die Zeit widmen, die du nicht hast.“ Jake war zu Xander getreten und hatte ihm eine Hand auf die Schulter gelegt.

Xander musste an sich halten. Er durfte jetzt nicht die Nerven verlieren. „Ich weiß, wie sehr ihr Rose liebt. Aber es ist jetzt Zeit für sie zu schlafen. Sie fühlt sich immer noch nicht wieder ganz wohl.“

Delilah strich sich das Kleid glatt. „Ja, sie braucht Schlaf.“

„Ich bin sicher, euch geht es ähnlich. Vielleicht solltet ihr jetzt ins Hotel fahren.“ Sein Ton war ruhig, die Botschaft aber unmissverständlich. Er musste etwas Abstand zwischen sich und seine Schwiegereltern bringen. Musste Grenzen ziehen.

Besonders jetzt, nachdem sie ihre Absichten mehr oder minder deutlich gemacht hatten. Sie waren hier, um seine Fähigkeit als Vater auf den Prüfstand zu stellen.

Eine schreckliche Vorstellung befiel ihn. Was, wenn sie Rose einfach mitnahmen? Der Gedanke ließ ihn nicht mehr los, als er sie hinausbegleitete und zurück in das Zimmer seiner Tochter ging. Elenora war bei ihr, eine Frau in den Fünfzigern, mit freundlichen braunen Augen. Er warnte sie vor seinen Schwiegereltern. Elenora sollte die ganze Zeit bei der Kleinen bleiben, und falls jemand versuchte, sich dem Haus zu nähern, sollte sie ihn augenblicklich informieren.

Die Nanny nickte verständnisvoll, und Xander machte sich auf den Weg zu Maureen. Er wollte sich vergewissern, dass es ihr wieder gut ging nach dem Vorfall. Er hatte sie nicht wirklich untersuchen können – nicht mit seinen Schwiegereltern in der Nähe.

Da er sich irgendwie abreagieren musste, beschleunigte er seine Schritte. Der konstante Stress mit Jake und Delilah setzte ihm zu – ihre ständigen Bemerkungen, wie gefährlich das Leben hier sei, und ihre unterschwellige Kritik daran, wie er Rose erzog.

In der Tierklinik schlug ihm der Geruch von Öl entgegen. Er entdeckte Maureen mit einer Schar ölverschmierter Seevögel. Als das Boot kippte, war Öl ins Wasser gelaufen und hatte die Federn einiger Tiere verklebt. Die Helfer hatten sie eingefangen, um sie zu säubern.

Maureen arbeitete rasch. Mit leichten Bewegungen und reichlich Seife befreite sie die zarten Federn von dem Ölfilm. Er betrachtete sie und musste wieder an das Entsetzen denken, das ihn befallen hatte, als sie ins Wasser gestürzt war. Da war es wieder gewesen, das Gefühl der Angst. Angst, einen Menschen zu verlieren. Er hasste es.

Maureen imitierte die Laute der Vögel. Hätte er es nicht besser gewusst, hätte er glauben können, sie unterhalte sich mit ihnen. Sie schien glücklich über jede Ölschicht, die sie beseitigen konnte.

Easton befand sich im Untersuchungsraum ein paar Meter weiter. Er kontrollierte jeden Vogel, den Maureen gesäubert hatte, und vergewisserte sich, dass es ihm gut ging.

Maureens Haar war feucht und zu einem losen Knoten auf dem Kopf gesteckt. Sie trug einen Arztkittel. Offensichtlich hatte sie nur rasch geduscht, um sich dann sofort an die Arbeit zu machen.

Wahrscheinlich hatte sie gar nicht daran gedacht, ihr Fußgelenk untersuchen zu lassen. Typisch Maureen. Nur Gedanken für die Bedürfnisse anderer!

Als er sie so dabei beobachtete, wie sie das Gefieder eines Vogels reinigte, vergaß er alles andere um sich herum. War fasziniert von ihren Bewegungen und ihrer Anmut. Von ihrem Mitgefühl und ihrer Geduld. Es war genau die Medizin, die er brauchte. Eine Medizin, die vielleicht sogar seinen kritischen Schwiegereltern zusagte …

Behutsam wischte Maureen das Öl vom linken Flügel eines Vogels. Sie durfte nicht zu fest drücken, um die zarten Knochen nicht zu verletzen. Plötzlich bemerkte sie, dass jemand in der Tür stand.

Nein, nicht einfach jemand . Es war Xander.

Hitze stieg in ihr auf, als sie daran dachte, wie sie sich nach dem Vorfall mit dem Alligator aneinandergeschmiegt hatten.

„Ist alles in Ordnung? Hast du dich wieder erholt?“

Sie zuckte nur die Schultern. Die Zunge wollte ihr einfach nicht gehorchen.

„Wie kommt eine Frau dazu, das Risiko einzugehen, sich mit einem Alligator auseinanderzusetzen?“ Er trat näher.

„Sie sind sicher auch nicht gefährlicher als die Haie im Geschäftsleben.“ Sie war froh, ihre Stimme endlich wiedergefunden zu haben.

„Sehr witzig.“

„Und ich kann ihnen entkommen.“

„Auch witzig. Aber im Ernst – wieso dieser Beruf?“

Das war eine schwere Frage. Freiheit. Diese Arbeit gewährte ihr ein Gefühl von Freiheit wie sonst nichts anderes. „Kann man das nicht bei jedem Beruf fragen? Wieso gefällt es dir, die ganze Zeit im Büro zu sein?“

„Ich mag die Herausforderungen des Geschäftslebens, und ich habe Talent, Auswege aus brenzligen Situationen zu finden. Ohne das würden Reservate wie dieses schließen müssen. Es wäre ja fast so weit gekommen.“ Er schien das Gefühl zu haben, sich verteidigen zu müssen.

Sie lächelte ihn an. „Stimmt. Und ohne Menschen wie mich würden solche Reservate auch nicht existieren. Ich wollte eigentlich Tierärztin werden und musste einfach die richtige Nische für mich finden.“

„Und wie bist du darauf gekommen, dass dir so etwas Spaß machen könnte?“

„Wir haben einen Ausflug mit der Schule gemacht. Meine Arbeitsgruppe wurde irgendwie von den anderen getrennt, und wir haben uns immer weiter im Moor verirrt. Nebel stieg auf, und wir konnten nicht mehr sehen, was um uns herum war. Die anderen haben Angst bekommen, aber ich fand es irgendwie … faszinierend. Ich fühlte mich der Natur … verbunden.“

„Du bist wirklich eine unglaubliche Frau.“

Sie spürte, wie sie rot wurde. Sein Kompliment hätte weiter keine Bedeutung haben sollen, aber für sie hatte es das. Während ihrer Ehe war ihr Selbstwertgefühl förmlich mit Füßen getreten worden. „Danke. Ich habe einfach nur Glück gehabt, eine solche Stelle zu finden.“

„Harte Arbeit hilft dem Glück auf die Sprünge.“

„Mag sein, aber das Leben ist nicht immer gerecht.“ Sie hatte sogar sehr oft das Gefühl, dass die Waagschalen des Lebens sich nicht richtig auspendelten – wie in diesem Moment, als sie ihn so an ihren Tisch gelehnt sah. Es war nicht ganz ungefährlich, wenn sie sich zu ihm hingezogen fühlte. Es konnte zu ernsten Problemen mit ihrer Stelle hier führen. Und dann war da auch noch die Sache mit ihrem ablaufenden Visum.

Er war ernst geworden. „Das stimmt.“

„Oh, Gott.“ Vorsichtig berührte sie ihn am Arm. „Es tut mir leid. Ich wollte nicht unsensibel sein.“

„Das ist schon in Ordnung. Wirklich. Ich kann nicht den Rest meines Lebens erwarten, dass die Menschen um mich herum jedes Wort auf die Goldwaage legen. Das möchte ich auch gar nicht. Weder für mich noch für Rose. Ich will, dass sie in einer glücklichen Welt aufwächst.“

„Ich bin sicher, ihre Großeltern verwöhnen sie nach Strich und Faden“, versuchte Maureen wieder sicheres Terrain zu betreten.

Seine Miene verfinsterte sich.

„Habe ich was Falsches gesagt?“ Bestürzt sah sie ihn an.

„Es liegt nicht an dir. Es ist nur, dass mein Verhältnis zu ihnen angespannt ist seit Terris Tod. Sie vermissen sie, das verstehe ich. Wir leiden alle.“

„Jeder konnte sehen, wie sehr ihr euch geliebt habt.“

„Wir kannten uns unser ganzes Leben lang.“ Er klang traurig.

„Aber dann kennst du ja auch ihre Eltern schon so lange. Sie sollten wie deine eigenen Eltern sein.“

Er lachte freudlos. „Wenn es doch so einfach wäre!“

„Ich will dich nicht bedrängen …“

„Das tust du nicht. Sie machen mir Vorwürfe, ich hätte mich nicht um Terri gekümmert. Es war spätabends, und ich habe noch gearbeitet, als sie starb. Wäre ich eher zu Hause gewesen, hätte ich die Gefahr vielleicht erkannt und sie noch rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht …“

Sie spürte, wie oft er diesen Abend schon im Geiste durchgespielt hatte. Dieses ewige Was-wäre-gewesen-wenn? Sie wusste, wie schmerzlich das sein konnte.

„Du darfst dir keine Vorwürfe machen.“ Sie sprach leise, aber bestimmt.

„Aber ich tue es. Und meine Schwiegereltern auch.“

„Easton hat mir erzählt, die Ärzte haben gesagt, sie hätten nichts mehr für sie tun können.“

„Ich wollte, das könnte ich glauben.“

„Das muss eine große Leere in deinem Leben hinterlassen haben.“

„Ich habe unser Kind. Und alles andere kann ich nicht ändern.“

„Eine sehr stoische Einstellung.“

„Und? Was ist daran falsch?“

„Nichts.“

„Sogar ich weiß: Wenn eine Frau nichts sagt, meint sie genau das Gegenteil.“ Die Andeutung eines Lächelns umspielte seine Mundwinkel. Ein gutes Zeichen. Es gab Maureen den Mut, die Frage zu stellen, die ihr schon seit geraumer Zeit auf der Seele brannte.

„Ich frage mich nur, wer …“

„Wer was ?“

„Wer hat dir durch die schwere Zeit geholfen?“ Sofort bedauerte sie, ihm diese Frage gestellt zu haben. „Das … das ist zu persönlich“, stammelte sie. „Vergiss, dass ich es gesagt habe.“

Er winkte ab. „Meine Tochter hat mich getröstet. Nichts kann den Schmerz vertreiben. Aber jetzt genug von mir. Was ist mit dir? Erzähl mir die Geschichte deines Lebens – wenn du nun schon meine kennst.“

„Ich komme aus Irland.“ Sie befreite noch den letzten Vogel vom Öl. „Als Kind habe ich zehn Jahre in Michigan gelebt, wo mein Vater gearbeitet hat.“

„Bist du deswegen wieder in die Staaten gekommen?“

„Vielleicht. Ich brauchte einen Tapetenwechsel nach meiner Scheidung, und diese Stelle bot sich an. Ich habe das Visum bekommen, und hier bin ich nun.“ Es war der Kern ihrer Lebensgeschichte. Kurz und knapp. Maureen fühlte sich immer wohler dabei, über andere Menschen zu reden als über sich selbst, besonders seit ihrer Scheidung.

„Und nun sollst du wieder nach Hause fahren.“ Nachdenklich musterte er sie. „Du scheinst nicht sehr glücklich darüber. Ich könnte mir vorstellen, dass deine Familie dich vermisst hat.“

„Sie waren nicht glücklich über meine Scheidung. Sie haben mir vorgeworfen, mein Job wäre mir wichtiger als die Ehe.“

„Wäre dein Mann nicht mit hierhergekommen?“

„Nein. Aber ich habe ihn auch nicht gefragt. Wir hatten uns zu dem Zeitpunkt bereits getrennt, aber meine Eltern wussten es nicht.“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich möchte nicht darüber reden. Nichts ist langweiliger als eine abgehakte Scheidung.“

„Wie du meinst.“

Sie musste dem Gespräch eine neue Wende geben. „Was hat dich eigentlich hergeführt?“

„Ich brauche deine Hilfe.“

„Ist irgendein Tier ausgebrochen?“

Er hielt sich eine Hand vor die Brust, als habe sie ihn schwer getroffen. „Ich glaube, du hast mich gerade in meiner Männlichkeit verletzt. Ich mag nicht mein Bruder sein, aber ich werde noch mit jedem Tier fertig.“

Verdammt, er war einfach zu attraktiv und charmant.

Sie überlegte einen Moment, bevor sie nachhakte. „Schlangen?“

„Kein Problem.“ Er nickte.

„Vögel?“

„Nichts, was mit einem Netz und sanftem Nachdruck nicht zu lösen wäre.“

„Wild?“

„Ich könnte es mit dem Jeep jagen.“

Die Vorstellung von Xander in einem Jeep, der einem Reh nachjagte, ließ sie lachen. So humorvoll hatte sie ihn noch nie erlebt. Der kleine Flirt gefiel ihr. „Alligatoren?“

„Von denen halte ich mich einfach fern.“

Sie verdrehte die Augen. „Offen gestanden würde ich mich lieber mit dem Alligator auseinandersetzen als mit den Haien, mit denen du es im Beruf zu tun hast.“ Sie schauderte. „Und immer im Büro? Nein, danke.“

„Aber ich möchte dich doch bitten, fortan im Boot zu bleiben, wenn es um Alligatoren geht.“

„Ich gebe mein Bestes.“ Lächelnd zwinkerte sie ihm zu. „Aber was wolltest du mich fragen?“

„Wie geht es mit der Verlängerung deines Visums voran?“

Oje. Das war nun wirklich eine kalte Dusche. „Nicht gut.“

„Ich kann dir helfen.“

„Willst du ein gutes Wort für mich einlegen?“

„Das habe ich schon getan, und es hat offensichtlich nicht gewirkt.“

„Was schlägst du vor? Was willst du beantragen?“

„Das ist es – ich mache dir einen Antrag.“

Maureen schnappte nach Luft. Hatte sie gerade richtig gehört? Xander machte ihr einen Antrag ?

4. KAPITEL

Die Worte hingen schwer zwischen ihnen in der Luft. Xander sah zu, wie Maureen den vom Öl befreiten Vogel in den Käfig setzte, um ihn zu Easton zu bringen. Sein Gefühl sagte ihm, dass keine überschwängliche Begeisterung zu erwarten war.

Das bestärkte ihn allerdings nur noch in seiner Überzeugung, dass dies der richtige Weg war. Für sie beide.

Hektisch sah Maureen sich um. Hielt Ausschau nach Easton. Oder einem der Helfer. Ihre Augen waren weit aufgerissen, als sie sich wieder Xander zuwandte.

„Was für einen Antrag willst du stellen?“, fragte sie schließlich.

„Keinen Antrag für dich. Ich mache dir einen Antrag.“

„M…m…mir?“, flüsterte sie. „Einen An-trag? Zum Heiraten ? Du und ich?“

„An-trag! An-trag!“, krächzte ein großer Papagei namens Randy, der sich in der Klinik herumtrieb, wenn er nicht im Freigehege war. Er stolzierte durch ein Gehege am Fenster. Seine Anwesenheit hatte immer eine beruhigende Wirkung auf traumatisierte neue Patienten.

„Ja, ich schlage vor, dass wir heiraten. Eine Scheinehe.“ Es war ein praktisches Arrangement. Ein Deal, von dem sie beide profitierten. Und erfreulicherweise fühlten sie sich genügend zueinander hingezogen, dass die Ehe mehr als nur ein Vertrag sein konnte.

„Damit das Thema Visum vom Tisch ist und ich in den Staaten bleiben kann?“ Nachdenklich nagte sie an ihrer Unterlippe. Er sah förmlich, wie die Idee in ihrem Kopf Gestalt annahm.

„Und gleichzeitig haben meine Schwiegereltern keinen Grund mehr, mir meine Tochter wegzunehmen.“

Sie runzelte die Stirn. „Du willst eine Mutter für deine Tochter? Ist es fair, die Mutter für sie zu spielen und dann zu gehen?“

„Sie hat eine Mutter, aber die ist tot. Ich bitte dich nicht, sie zu ersetzen. Ganz und gar nicht. Meine Tochter hat einen Vater, der sie über alles liebt, und mit Elenora die beste Nanny, die man sich nur vorstellen kann.“

Maureen entspannte sich ein wenig. „Was genau erwartest du von mir?“

„Ich möchte, dass meine Schwiegereltern aufhören mit ihren Drohungen. Und ich weiß, dass du einen guten Einfluss auf Roses Leben haben wirst, solange du hier bist. Ich erwarte nicht, dass du Zeit mit ihr verbringst, wenn du das nicht möchtest.“ Er brauchte einfach nur eine überzeugende Fassade für die Außenwelt. Eine Fassade, die Jake und Delilah milde stimmte. Auf jeden Fall hätten sie weitaus schlechtere Karten in einem Sorgerechtsprozess, wenn er eine intakte Familie vorweisen konnte.

„Natürlich möchte ich das …“

Er schüttelte den Kopf. „Meine Schwiegermutter würde sofort spüren, wenn du dein Interesse nur vortäuschst. Alle würden es spüren.“

„Wird es sie nicht überraschen, wenn wir so schnell heiraten?“

„Das spielt keine Rolle. Es ist ein Arrangement auf Zeit. Sobald du eine unbegrenzte Aufenthaltsgenehmigung hast und meine Schwiegereltern ihren Plan einer Sorgerechtsklage aufgegeben haben, können wir uns wieder trennen. Rose ist noch zu klein, um das alles zu verstehen. Und ich vertraue dir.“

„Darüber muss ich nachdenken.“ Sie runzelte die Stirn. „Das klingt alles so … kalkuliert. So berechnend und nüchtern.“

Kalkulationen waren sein Metier. Er wog Risiken ab und entschied sich dann für den klügsten Weg, um den größten Gewinn zu erzielen. Diese Art des Denkens lag ihm. Wenn das nüchtern wirkte, konnte er es nicht ändern.

„Du hast nicht viel Zeit – und ich auch nicht. Denk also schnell nach. Unsere Zukunft – Roses Zukunft – hängt davon ab.“

Jahrelange Erfahrung im Verhandeln ließ ihn die Anzeichen dafür erkennen, dass Maureens Widerstand bröckelte. Sie nagte an ihrer Unterlippe und rang die Hände. Es ging nicht nur um ihre eigene Zukunft – er wusste, wie gern sie in den Staaten bleiben wollte –, sondern auch um Rose. Um ein Kind, das geschützt werden musste. Maureen konnte kein Lebewesen in Not im Stich lassen. Schon gar nicht ein verletzliches kleines Mädchen.

Das machte sie nur noch attraktiver für ihn – und vielleicht ein wenig gefährlicher als angenommen.

Xander nahm am Kopfende des Tisches Platz. Seine Schwiegereltern waren zum Essen gekommen. Wie immer ging es formlos zu, da sein Haus allen offen stand, die um diese Zeit noch auf dem Gelände waren. Es war nicht ungewöhnlich, dass Helfer kamen und gingen. Einige setzten sich zum Essen zur Familie, andere auf die Veranda. Die Kosten für die Mahlzeit waren nichts, verglichen mit der Freude der Menschen, die halfen, Terris Traum hier zu verwirklichen.

Außerdem genoss er die Liebe und Aufmerksamkeit, mit der sie Rose bedachten.

Er tat sein Bestes, um ein liebevolles Umfeld für sie aufzubauen, und hoffte inständig, dass seine Schwiegereltern seine Bemühungen erkannten und sie zu würdigen wussten. Er nahm seine Verantwortung nicht auf die leichte Schulter, ebenso wenig wie sein Bruder.

Und wenn Maureen seinem Antrag nun zustimmen würde – wenn vielleicht auch widerstrebend –, würden alle sehen, dass er Rose eine stabile Umgebung zu bieten hatte. Er hatte Maureen gebeten, die Kleine hereinzubringen, wenn sie aufwachte. Das sollte das erste Zeichen für ihre Verbindung sein.

Für ihre kleine Familie.

Xander musste die Form wahren. Sogar Easton hielt sich mit seinen üblichen Faxen zurück. Er saß am anderen Ende des Tisches.

„Ich hoffe, die Suite im Hotel ist angenehm?“ Xander hob die Karaffe mit dem Wein und schenkte Delilah ein Glas ein.

„Natürlich“, sagte Jake. „Es ist ein wunderschönes Hotel. Nettes Personal.“ Er tauschte einen Blick mit seiner Frau. Kaum merklich nickte sie ihm zu, aber Xander registrierte es dennoch.

„Weißt du, Xander, wir lieben Rose. Wir sehen viel von Terri in ihr.“

Xander richtete sich auf. „Ich weiß. Das geht mir genauso.“

„Wo ist sie, Xander? Wir haben heute noch gar nichts von ihr gesehen“, drängte Delilah.

„Sie schläft …“ Er verstummte, weil Maureen in diesem Moment hereinkam. Mit Rose.

Jake und Delilah folgten seinem Blick. Sahen Maureen und das Kind. Sein Kind, das sich in ihren Armen überaus wohlzufühlen schien. Roses Gesicht hatte wieder Farbe bekommen. Ihr Blick glitt hellwach umher. Ihr Onkel Easton zwinkerte ihr zu, worauf sie glucksend lachte und die Ärmchen in die Luft warf.

Sofort sprang Delilah auf und lief zu ihrer Enkeltochter.

„Ich nehme sie Ihnen ab. Es ist schon spät, und Xander sollte Ihnen nicht so viele Überstunden abverlangen.“

„Offen gestanden bin ich zum Essen gekommen.“ Falls Maureen die Enttäuschung der älteren Frau bemerkte, die die bereits ausgestreckten Hände sinken ließ, ließ sie es sich nicht anmerken.

Xander versuchte, in Maureens Miene zu lesen. Versuchte, ihre Absichten zu ergründen. Ihm gefiel, wie souverän sie die Situation meisterte.

„Ich nehme Rose, damit du essen kannst.“ Er deutete auf das üppig bestückte Buffet mit Fisch, Spargel und gewürfelten roten Kartoffeln. Dazu gab es frisches Brot und natürlich die unerlässlichen Hushpuppies – frittierte kleine Bälle aus Maismehl, Eiern und Milch.

Maureen schüttelte den Kopf. „Das ist schon in Ordnung. Ich halte sie, bis einer von euch fertig gegessen hat. Ich habe sie heute vermisst.“ Als habe sie nie etwas anderes getan, hielt sie Rose auf einer Hüfte, während sie einen Teller mit Fingerfood für die Kleine fertig machte. Rose hielt eine Schnabeltasse mit Milch in ihrer Hand.

„Iss nur. Es macht mir wirklich nichts aus.“ Sie hauchte Rose einen Kuss auf die Stirn und setzte sich auf den Stuhl neben Easton. Lächelnd ließ sie das Kind auf ihren Knien wippen und begann, der Kleinen leise etwas vorzusingen. Mit jeder Sekunde brachte sie Xanders Herz mehr zum Schmelzen. Und Rose … Die Kleine sah so glücklich aus auf Maureens Schoß. Es wirkte alles so natürlich – als hätte sie nie etwas anderes gekannt.

Seine Schwiegereltern verloren kein Wort darüber. Sie tauschten einen Blick und begaben sich an das Buffet, wo sich gerade zwei weitere Helfer bedient hatten, um sich mit ihren Tellern auf die Veranda zu setzen. Don und seine Frau blieben immer lange. Es waren zuverlässige Helfer, die ihren Ruhestand nutzten, um sich für die Gemeinschaft einzubringen. Delilah und Jake bedienten sich und gingen ebenfalls hinaus.

Um den Frieden zu wahren?

Xander leerte sein Glas und atmete erleichtert auf. Sein Blick hing an Maureen, die gerade zur Freude seiner Tochter die Lippen spitzte, um den Schrei eines exotischen Vogels nachzumachen. Easton holte einen Spielzeugvogel aus der Tasche.

Portia beugte sich zu Xander hinüber und folgte seinem Blick. „Sie sind nicht wie wir.“

„Willst du damit sagen, Maureen gehört zu ihm und nicht zu mir?“, fragte er leise.

Die Assistentin seines Bruders nippte an ihrem Glas Wein. „Nein“, sagte sie ebenso leise wie er, „nur dass sie Verwandte im Geiste sind.“

„Im Geiste? Ich bin ein Mann. Geht es etwas weniger vage?“ Die Vorstellung, Maureen könne besser zu Easton passen, brachte Xander in Wallung. Sie irritierte ihn mehr als angezeigt schien.

„Ich meine, wir sind organisiert und stehen mit beiden Füßen auf dem Boden. Sie sind Träumer.“

„Nein. Sie sind Wissenschaftler.“ Er zog eine Braue in die Höhe. Wissenschaftler und Träumer schienen ihm zwei Kategorien zu sein, die sich ausschlossen. Zu poetisch.

„Sie sind wie Dr. Dolittle, reden mit den Tieren und bewegen sich auf einer anderen Ebene als wir. Ihnen ist einerlei, was üblich oder praktisch ist. Sie haben ein großes Herz und geben nichts auf die Vernunft. Sie sind anders.“

Und gerade dieses Andersartige war es, das ihn ansprach. Deswegen wollte er diese Gelegenheit jetzt nutzen – um ihre Verbindung bekanntzugeben. „Falls das deine Art ist, mir zu unserer Verlobung zu gratulieren, ist sie zumindest ungewöhnlich.“

„Verlobung?“, wiederholte Portia entgeistert.

Rasch blickte er sich um, um zu sehen, ob sonst noch jemand es gehört hatte.

Portia hatte ihre Stimme wieder unter Kontrolle, als sie sagte: „Wer bin ich, um über eine heimliche Liebe zu richten? Wir haben alle unsere Heimlichkeiten.“

Heimliche Liebe? Was meinte sie denn damit? Hatten die Leute schon vorher über ein Verhältnis zwischen ihm und Maureen spekuliert? Was würden seine Schwiegereltern denken, wenn sie davon erfuhren? Das Letzte, was er im Moment brauchte, waren noch mehr Spannungen zwischen ihnen.

Ehe er weiter über Portias Bemerkung nachdenken konnte, fiel sein Blick auf Maureen. Sie hatte Rose hochgehoben und imitierte das Geräusch eines Flugzeuges. Die Kleine kreischte selig.

„Maureen ist wirklich wunderbar“, sagte Portia leise.

„Ja, das ist sie.“ Wunderbar. Unberechenbar. Sexy. Die perfekte Partnerin für dieses Arrangement.

„Behandele sie gut, wenn du einen Ring mit ihr kaufen gehst.“

„Wieso sagst du das?“

„Das musst du selbst herausfinden. Außerdem: Du bist der Boss. Ich werde es nicht wagen, dir einen Rat zu geben.“ Sie lächelte.

„Auch nicht, wenn ich dich darum bitte?“

„Nicht nötig.“ Sie deutete auf das Handy, das vor ihm auf dem Tisch lag. „Gib ein paar Daten ein, und du erhältst alle Antworten.“

Fürsorglich schnitt Maureen das Essen auf Roses Teller in kleine Häppchen. Rose nahm alles an, was Maureen zufrieden registrierte. Der Appetit der Kleinen zeigte, dass sie auf dem besten Wege war, schnell wieder gesund zu werden.

Sie war gelassen mit dem Kind auf dem Arm hereingekommen, aber ihr Puls raste. Während des Essens spürte sie unablässig die Blicke von Xanders Schwiegereltern auf sich und glaubte förmlich, ihre Kommentare zu hören.

Rose begann, auf Maureens Schoß herumzuzappeln. Sie hob die kleinen Händchen und streckte sie nach ihrem Onkel aus. „Mmmmmmmm“, erklärte sie energisch.

„Easton, ich glaube, dein Typ wird verlangt.“ Maureen hauchte dem Kind einen Kuss auf die hellbraunen Locken.

Easton stellte seinen Teller ab, und als er ihr die Zunge herausstreckte und dann einen wilden Vogelschrei losließ, gluckste Rose vergnügt.

„Ich nehme sie dir ab.“ Easton ließ Rose wie eine Rakete in die Runde sausen. Kaum das übliche Prozedere bei Tisch, aber die Kleine kreischte vor Freude.

„Geh schon, Maureen, gönn dir einen Nachtisch. Du hast ja kaum etwas gegessen“, drängte er.

Sie zuckte mit den Schultern. Das Wenige war genug gewesen. Ihre flatternden Nerven gewannen die Oberhand. „Alles in Ordnung, Easton. Ich bringe meinen Teller in die Küche.“

„Wie du meinst.“

Maureen erhob sich und tauschte einen Blick mit Xander. Dann hob sie eine Braue und hoffte, dass er sie verstand. Sie mussten reden. Es hing so vieles in der Luft. Nicht, dass sie einem Abenteuer abgeneigt wäre, aber im Moment würde es sie doch beruhigen, ein paar mehr Details zu kennen.

Mit ihrem Teller machte sie sich an der Spüle zu schaffen. Sekunden später hörte sie Xander hereinkommen. Prompt begannen die Schmetterlinge in ihrem Bauch wieder zu flattern.

„Und …?“ Fragend sah er sie an. „Du machst also mit?“

„Unter Vorbehalt.“

„Was kann ich tun, um dich endgültig zu überzeugen?“ Sein Lächeln hätte auch stärkere Herzen schwach werden lassen.

Sie biss sich auf die Unterlippe. „Ein paar genauere Details wären für den Anfang nicht schlecht.“ Sie musste einfach wissen, worauf sie sich mit diesem teuflisch attraktiven Mann einließ.

„Hmmm. Na ja. Als meine Frau könntest du in den Staaten bleiben und weiter hier im Reservat arbeiten.“

„Gut. Das ist also das, was ich davon habe. Und du? Inwiefern profitierst du davon?“

„Du würdest mir bei den Wohltätigkeitsveranstaltungen helfen und auch sonst bei öffentlichen Auftritten an meiner Seite sein. Du wärst eine feste Größe im Leben von Rose …“ Er trat näher und senkte die Stimme. „… und würdest dadurch verhindern, dass meine Schwiegereltern sie mir wegnehmen. Es ist nicht für immer. Nur für eine Weile. Bis alle sich beruhigt haben.“

Maureen überlegte.

„Ich weiß, wie es klingt. Aber wir haben nicht viel Zeit.“ Er machte einen weiteren Schritt auf sie zu. „Wir müssen den Deal jetzt abschließen. Gleich.“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. „Setzt du alle deine Verhandlungspartner so unter Druck?“

Die knisternde Atmosphäre zwischen ihnen war fast greifbar. Ihr Gesicht war nur Zentimeter von seinem entfernt.

„Es muss ja nicht so … geschäftsmäßig bleiben“, raunte er. „Nicht, wenn du es nicht willst.“

Ihr Blick hing an seinen Lippen. Am liebsten hätte sie ihn an sich gezogen. Sie sehnte sich danach, ihn zu spüren. „Du willst also sagen, wir können uns verloben, können heiraten und … werden sehen, wohin es uns führt?“

„Wir werden sehen, wohin es uns führt.“ Er zog sie an sich. Seine Lippen streiften ihre. Der feine Duft von Sandelholz stieg ihr in die Nase. Sie wollte ihn. Wollte ihn so sehr.

„Ich sehe schon, wohin es uns führt …“

Er ließ einen Finger an ihrem Hals hinabgleiten. „Und deine Antwort?“

Ihre Gedanken rasten. Wie würde es sein, mit einem Mann verheiratet zu sein – wenn auch nur zum Schein –, der ein solches Verlangen in ihr weckte? Mit einem Mann, der sie dazu brachte, alle Bedenken in den Wind zu schlagen?

„Einverstanden.“

Ein Blitz zuckte über den Himmel, und Maureen begriff, dass es nichts Typisches gab bei einem Date mit Xander. Er hatte sie nach Miami eingeladen. Nur sie zwei. In seinem Privatjet.

Die große Geste wurde etwas von dem aufkommenden Unwetter abgemildert. Aber wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, zog er es durch. Es war so anders als alles, was sie aus ihrer ersten Ehe gewohnt war. Ihr Mann hatte alles diktiert und kontrolliert.

Xander erinnerte sie an das Unwetter da draußen. Er war voller Leben und Energie. Eine Macht, mit der man rechnen musste. Sie mochte diese Seite an ihm.

Der düstere Himmel beunruhigte sie nicht. Tropische Unwetter waren in Südflorida an der Tagesordnung. So viel zum Sunshine-State – dem Sonnenschein-Staat . Dieses tropische Tief war kein Anlass zur Sorge. Rasch hatte sie sich die Einstellung der anderen zu eigen gemacht, dass man nichts hinbekam, wenn man sich von jedem Tief aus dem Tritt bringen ließ. Kritisch wurde es offensichtlich nur, wenn sich das schlechte Wetter in einen Tropensturm oder Hurrikan verwandelte. Bisher hatte sie allerdings keinen erlebt. Ein normales Tief richtete relativ wenig Schaden an.

Sie ließ den Blick durch die getönten Scheiben der Limousine nach draußen wandern und dachte dabei an Xander und Rose.

Das Bedürfnis der Kleinen nach Stabilität weckte mütterliche Instinkte in ihr. Gut, sie hatte immer eine Schwäche für verlorene Seelen gehabt, aber dies war etwas anderes. Sie hatte Xander mit seiner Tochter beobachtet und war überzeugt: Bei ihm war Rose am besten aufgehoben.

Daher hatte sie zugestimmt, als Xander sie einlud, mit ihm nach Miami zu fliegen, um die Geschichte von ihrer Verlobung zu festigen.

Das hieß natürlich nicht, dass sie nicht Gewissensbisse gehabt hätte. Schließlich hinterging sie nicht nur seine Schwiegereltern, sondern auch die Behörden. Aber letztlich überwog der Wunsch, zu verhindern, dass Rose von ihrem Vater getrennt wurde.

Vielleicht war es auch eher ihre eigene Geschichte, die wieder hochkam. Eine Scheinehe gab ihr das gleiche Gefühl, das sie gehabt hatte, als jemand sie zu einem Fallschirmsprung überredete. Die Mischung aus Adrenalinkick und Angst hatte etwas unglaublich Prickelndes.

Xander hatte sich für eines der prominentesten Restaurants Miamis entschieden, das Bella Terra .

Rose war in der Obhut ihrer Großeltern zurückgeblieben. Und auf dem Flug gestand Xander Maureen, dass er Easton und Portia gebeten hatte, ein Auge auf Jake und Delilah zu haben. Damit war sichergestellt, dass nichts passieren konnte – zumindest nichts, was seine Schwiegereltern in einem Sorgerechtsprozess gegen ihn verwenden könnten.

Nach dem gemeinsamen Essen am vergangenen Abend verstand und teilte Maureen seine Sorge. Es war deutlich, dass sie Rose liebten, aber sie wollten sie komplett vereinnahmen.

Die Limousine hielt vor dem Bella Terra . Es regnete in Strömen. Der Chauffeur öffnete Maureen die Tür und hielt dabei einen riesigen Schirm über sie. Xander war sofort an ihrer Seite. Er übernahm den Schirm und reichte ihr seinen Arm. Es war unglaublich, wie sexy er wirkte mit seinem schwarzen Haar und seinem Charme.

Gitarrenklänge drangen zu ihnen herüber. Kein leises Stimmengewirr, kein Lachen, nichts. Das konnte doch nicht sein! Maureen ließ den Blick umherschweifen. Sie waren die einzigen Gäste.

„Ich habe das Restaurant heute Abend gemietet“, raunte Xander ihr zu. „Nur für uns.“

Ihr Blick glitt über die Kristallleuchter und die gepolsterten goldenen Stühle. Die Tische waren mit weißem Damast gedeckt. Das Ganze wirkte wie aus einem Märchenland. Xander hatte sich wirklich alle Mühe gegeben, aber sie fühlte sich in diesem Luxus irgendwie fehl am Platz. Versonnen ließ sie die Finger über den kleinen Diamanten gleiten, der an ihrer feinen Halskette hing. Diese Kette hatte sie von ihrer Mutter bekommen. Es war der kostbarste Schmuck, den sie besaß, und verlieh ihrem schlichten schwarzen Chiffonkleid einen Hauch von Glamour.

„Du hättest das alles nicht machen müssen“, sagte sie leise. „Ich hatte ja schon zugestimmt.“

„Diese Verlobung kommt aus heiterem Himmel. Wenn wir wollen, dass die Leute uns glauben, dann brauchen wir Momente wie diesen.“

„Wieso denken wir uns das alles nicht einfach aus?“

Eine wahre Geschichte machte ihr Arrangement natürlich weniger kompliziert. Aber hier mit ihm zu sein machte ihr nur einmal mehr bewusst, wie attraktiv er war. Ließ sie daran denken, wie sich sein Körper an ihrem angefühlt hatte – beim Tanzen und am Strand.

Das waren Gefühle, die sie im Zaum halten musste, wollte sie den Erfolg dieser Aktion nicht gefährden.

Ein Donner rollte über den Himmel – als wolle er sie daran erinnern, konzentriert zu bleiben. Ein tropisches Tief richtete nicht den Schaden eines Hurrikans an, aber die Erinnerungen an Xanders Körper an ihrem – der Schaden konnte beträchtlich sein.

Lachend sah er ihr in die Augen. „Du musst zugeben, dass es so einfacher ist und wesentlich mehr Spaß macht.“

Schnell wandte sie den Blick ab. In diesem Moment brachte der Ober die Teller. Hummer. Schnecken. Krevetten. „Sehr schön.“

Du bist schön.“

Um ihn abzulenken, begann sie, den Hummer zu zerteilen – in der Hoffnung, er werde es ihr gleichtun.

„Du bist immer schön“, wiederholte er unbeirrt. „Bei unserem ersten Tanz genauso wie bedeckt mit Seetang.“ Er füllte sein Weinglas auf.

Die Episode mit dem Seetang erinnerte sie an das Eintreffen seiner Schwiegereltern. „Xander, es muss schwer sein für Delilah und Jake, dass du dich wieder verlobt hast.“

„Sie müssen sich damit abfinden, da wir nächste Woche heiraten werden. Wenn es um das Sorgerecht geht, kann ich keine Rücksicht auf ihre Gefühle nehmen.“ Gekonnt zerlegte er den Hummer. „Und dann werden wir viel zu tun haben, wenn wir das Reservat erweitern.“

Während Xander über die Pläne für das kommende Jahr sprach, wuchsen ihre Beklemmungen. Sie nahm kaum noch wahr, was sie aß. Welche Art von Hochzeit stellte er sich vor? Ihre Gedanken wanderten zurück zu ihrer ersten Heirat. Sie war in einer großen Kirche getraut worden und so naiv gewesen, zu glauben, dass ihr Treuegelöbnis für immer Bestand hätte.

Xander streichelte ihre Stirn. „Heute Abend möchte ich keine Sorgenfalten sehen. Heute wollen wir nur an schöne Dinge denken. Dies ist ein Neuanfang für uns beide.“

Der Kellner räumte ihre Teller ab und brachte geschmolzenen Schokoladenkuchen, serviert mit zwei glänzenden Silbergabeln.

„Nur an Schönes. Natürlich.“ Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Du hast recht. Schließlich hast du dir hier so viel Mühe gegeben. Ich muss dir schrecklich undankbar erscheinen.“

„Maureen, hör auf, dir Gedanken um das zu machen, was ich denken könnte. Ich habe noch eine kleine Überraschung für dich. Nach dem Dessert.“

Versonnen strich er ihr eine Strähne aus dem Gesicht. Sie war verunsichert. War das alles nur Show? Um ihre Aktion glaubwürdiger erscheinen zu lassen?

Sie hatte noch einen letzten Rest des Kuchens auf ihrem Teller liegen. Xander schob etwas davon auf seine Gabel. Hob sie ihr an die Lippen. Sie aß, ohne den Blick dabei von ihm zu wenden.

Er machte irgendjemandem ein Zeichen.

Sekunden später rollten die Angestellten kleine Servierwagen herein. Auf mit schwarzem Samt ausgeschlagenen Tabletts glitzerten mit Diamanten besetzte Ringe. Wohl Dutzende und einer schöner als der andere.

Maureen verschlug es den Atem.

Konnte das alles wahr sein?

Xander schob seinen Stuhl zurück und reichte ihr die Hand. „Komm, sieh sie dir an. Such dir einen aus, der dir gefällt.“

Sie drückte eine Hand auf ihr rasendes Herz. „Das kann ich nicht.“

„Natürlich kannst du das.“ Er zog sie auf die Beine.

„Du musst nicht so viel Geld für mich ausgeben …“ All die vielen kostbaren Edelsteine verursachten ihr Unbehagen. Zu viel. Es war alles zu viel.

„Geld spielt doch keine Rolle.“ Er machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Such du einen aus. Dann muss ich kein schlechtes Gewissen haben.“

Lächelnd legte er ihr den Arm um ihre nackten Schultern und hauchte ihr einen Kuss auf die Wange. „Die Angestellten haben alle Ohren. Du musst noch lernen, eine bessere Schauspielerin zu sein, meine Liebe“, flüsterte er.

Sie spürte Hitze in sich aufsteigen – und die hatte nur bedingt etwas mit seinem männlichen Sex-Appeal zu tun. Eine bessere Schauspielerin sollte sie sein? Sie wurde wütend.

„Welchen Ring möchtest du gern?“, drängte er, und seine raue Stimme ließ ihr einen Schauer über den Rücken laufen. „Einen Ring zur Verlobung und natürlich einen zur Hochzeit. Dies soll ein Abend sein, den wir nie vergessen.“

Dieses Spiel konnten zwei spielen! Langsam drehte sie den Kopf und knabberte verführerisch an seiner Unterlippe. „Wenn du darauf bestehst, mein Lieber …“

Sein Blick hing an ihren Lippen.

Einen Moment verharrten sie so. Das Spiel der Spanischen Gitarre schwoll zu einem leidenschaftlichen Crescendo an. Xander ließ den Finger über ihr Kinn gleiten. Sie spürte, dass sie ihm in diesem Spiel nicht gewachsen war. Ihr Herz schlug so laut, dass sie sicher war, er könne es hören.

Dann trafen sich ihre Lippen zu einem Kuss, der all die Funken entfachte, die sie seit Tagen so standhaft zu unterdrücken versucht hatte. Lang verdrängte Gefühle stiegen an die Oberfläche, intensiv und heiß.

Der leichte Druck seiner Lippen, die Art, wie er sie küsste – all das war eine Einladung, der sie nicht widerstehen konnte.

5. KAPITEL

Der Kuss brachte Xanders Blut in Wallung.

Maureen drückte die Lippen auf seine. Öffnete sich ihm. Forderte seine Zunge zu einem erotischen Tanz heraus. Das war wesentlich mehr, als er erwartet hatte. Er legte die Hand an ihren Hinterkopf. Hielt sie, während der Kuss mit jedem Moment heißer wurde.

Begierig erwiderte Xander ihre Liebkosungen, drängte sich an sie, so als hätte er Angst, sie könnte verschwinden, sobald er sie losließ. Doch er hatte nicht die Absicht, sie loszulassen. Noch lange nicht.

Ein Donner krachte über ihren Köpfen, und das Geräusch holte ihn unvermittelt zurück in die Wirklichkeit. Erinnerte ihn daran, dass sie in einem Restaurant waren und dass es Grenzen gab.

Er konnte und wollte später mehr von ihr haben.

Ein zweiter Donnerschlag – noch lauter als der vorangegangene – ließ sie zusammenzucken. Er schien zu dem Sturm zu passen, der in Xanders Innerem tobte. Ein Sturm, der immer intensiver wurde.

Mit beiden Händen umfasste er Maureens Gesicht. „Wie konnte irgendein Mann dich je gehen lassen?“, flüsterte er.

Sie wich zurück. „Wieso, lässt sich jemand scheiden?“, konterte sie.

„Nein, es ist mein voller Ernst. Du bist eine unglaublich schöne und faszinierende Frau. Sehr sexy.“

„Das habe ich gerade gespürt“, bemerkte sie trocken und musterte ihn mit hochgezogener Braue.

Er mochte ihre temperamentvolle und herausfordernde Seite. Zu Beginn des Essens war sie so schweigsam gewesen, dass er sich schon gefragt hatte, wo die starke, entschlossene Frau geblieben war. Sie schien irgendwie überwältigt von alldem hier. Das nächste Mal wollte er sie auf eine Art verführen, die besser zu ihr passte.

„Es ist eine Faszination, die vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche wirkt.“ Und auch diese Beschreibung erschien ihm noch untertrieben. Er zog seinen Stuhl näher an ihren heran.

„Das Gefühl beruht ganz auf Gegenseitigkeit.“ Aufreizend langsam ließ sie die Fingerspitzen über seinen Schenkel gleiten. Er lehnte sich zurück. „Ich versuche, ein ernsthaftes Gespräch zu führen.“

„Und ich versuche, dich davon abzuhalten.“ Sie zog die Nase kraus.

„Warum?“

„Ich möchte nicht, dass es kompliziert wird“, erklärte sie. „Wir haben klar vereinbart, dass es nur ein Deal ist.“

Nachdenklich musterte er sie. „Was ist passiert? Wieso bist du plötzlich so abweisend?“

„Du meinst wohl unsicher ?“

„Hätte ich dich als unsicher empfunden, hätte ich es gesagt.“

Für einen Moment war nur der Regen zu hören, der gegen die Scheiben trommelte.

Maureen seufzte. „Es tut mir leid, ich wollte nicht schnippisch sein.“ Sie machte eine weit ausholende Geste. „Du hast alles so liebevoll arrangiert.“

Ihre Unsicherheit überraschte ihn. War diese Verletzlichkeit immer da gewesen? Hatte er sie nur nie bemerkt?

„Du darfst so schnippisch sein, wie du willst, Maureen. Wenn ich etwas sage, das dich aufbringt, lass es mich wissen. Dann lass dein irisches Temperament mit dir durchgehen.“

„Das ist ein Klischee.“

„Nicht bei dir.“

Sie presste die Lippen aufeinander.

„Was habe ich Falsches gesagt?“ Die Stimmung kippte zusehends. Er musste das aufhalten. „Maureen? Sag es mir.“

Sie seufzte schwer. „Ich will nicht die verbitterte Frau sein, die so lange über ihren Ex redet, bis alle gähnen und die Flucht ergreifen.“

„Aber das tust du doch gar nicht. Ich kann mich nicht erinnern, dass du je ein böses Wort über ihn verloren hättest.“

„Als wir uns in der Kirche gelobt haben zusammenzubleiben, bis dass der Tod uns scheidet, in guten wie in schlechten Tagen, da habe ich wirklich daran geglaubt. Er hingegen scheint verstanden zu haben, wir bleiben zusammen, bis ich ihm auf die Nerven gehe und er nicht mehr glücklich ist.“ Sie sah auf. „Ich habe dir gesagt, ich kann bitter sein.“

„Er klingt wie ein Idiot.“

„Er war ein Idiot, das ist richtig. Ich ärgere mich, einen Mann ertragen zu haben, der mich so klein gemacht hat. Je mehr er mir vorwarf, ich ginge ihm auf die Nerven, desto mehr versuchte ich, ihn glücklich zu machen. Und umso mehr hat er sich beklagt. Ich nehme an, keiner von uns beiden war glücklich.“

„Ich kann nur wiederholen: Er muss ein Idiot sein.“

„Jede Medaille hat zwei Seiten, und ich bin sicher, er sieht das alles etwas anders.“

„Ich habe dich beobachtet – mit den Tieren, mit meiner Tochter und sogar, wie du meinen Bruder erträgst. Du bist eine tolle Frau.“

„Danke.“ Sie schluckte. „Das bedeutet mir viel.“

„Du solltest das öfter hören.“

„Ich will nicht jammern.“ Sie wischte sich eine Strähne aus dem Gesicht.

„Das tust du nicht.“ Zärtlich strich er ihr über die Wange. „Du bist unglaublich sexy.“

„So wie du.“ Erneut lächelte sie.

„Auch wenn ich immer im Anzug rumlaufe und nicht der Typ bin, der mit Alligatoren kuschelt?“

„Ich habe gesehen, wie du deine Tochter wickelst. Das ist wesentlich beeindruckender.“

„Ja, das ist es tatsächlich.“

Sie gab sich einen Ruck. Es schien, als habe sie nur auf den richtigen Moment gewartet, das Thema anzuschneiden. „Eines möchte ich klarstellen: Nur weil wir verlobt sind und der Kuss wirklich heiß war, heißt das nicht, dass wir automatisch auch miteinander schlafen werden.“

„Ich kann nicht sagen, dass ich nicht enttäuscht wäre. Aber ich habe ja selbst gesagt, dass es eine Scheinehe ist. Du bestimmst, wann wir Sex haben.“

„Falls“, korrigierte sie ihn. „ Falls wir Sex haben.“

„Wann“, beharrte er.

Erneut streichelte er ihre Wange. Sie schmiegte sich an ihn, die Augen geschlossen.

„Zeit, deinen Ring auszusuchen.“

Langsam gingen sie an den Wagen entlang. Er beobachtete ihren Ausdruck, als sie die Auswahl betrachtete. Ihr Blick schien auf einem birnenförmigen Diamanten zu verweilen. Er registrierte es sehr deutlich. Schließlich entschied sie sich für einen kleinen runden Stein. Sehr traditionell. Schlicht. Der kleinste von allen.

„Der ist hübsch“, sagte sie lächelnd, wobei ihr Blick noch einmal flüchtig zu dem Tablett glitt, auf dem der birnenförmige Diamant glänzte.

„Was auch immer du möchtest, Darling.“ Er winkte den Juwelier herbei. „Wir nehmen den birnenförmigen von Tablett Nummer drei. Den in der Mitte.“

Maureen lief rot an, als der Mann Xander den Ring reichte, den sie verstohlen betrachtet hatte.

Er ging auf ein Knie und schob ihr den Ring auf den Finger. Dann hauchte er ihr einen Kuss darauf und anschließend auf das Handgelenk. Er erhob sich und küsste sie zärtlich auf die Wange. Dieser Moment sollte etwas ganz Besonderes für sie sein. Er wusste, er konnte nicht weiter gehen, wenn er nicht Gefahr laufen wollte, die Kontrolle zu verlieren.

Schnell verdrängte er die Erinnerungen an Terri und an das, was sie geteilt hatten. Er musste es tun. Dies war zu wichtig für seine Tochter.

Maureens Blick war weich geworden. Sie schien etwas sagen zu wollen, aber die Worte kamen ihr nicht über die Lippen.

Plötzlich hörte er sein Handy. Den Klingelton, der einen Anruf seines Bruders ankündigte. Sofort griff er in die Tasche.

„Easton? Ist mit Rose alles in Ordnung?“

Maureen wurde blass, und Xander stellte das Telefon auf laut.

„Ihr geht es gut“, beruhigte sein Bruder ihn sofort. „Aber der Wetterbericht warnt vor einem Tropensturm mit sehr hohen Windgeschwindigkeiten. Falls du nach Hause kommen willst, solltest du die Maschine jetzt gleich in die Luft bringen, solange es noch sicher ist. Wir brauchen dich und Maureen hier, um die Klinik zu sichern und anschließend mit den Folgen des Sturms fertig zu werden.“

Verdammt! Diese Unwetter konnten katastrophale Auswirkungen auf den Tierbestand haben. Maureen griff sofort nach ihrer Tasche.

Xander nahm ihre Hand. „Wir sind schon auf dem Weg.“

Während des Rückflugs verspürte Maureen eine Mischung aus Nervosität und Stress. War es verrückt, dass sie eine Spur dankbar war für das Unwetter? Es hatte sie abgelenkt von den Gefühlen, die zwischen ihr und Xander getobt hatten – mit einer Macht, die der des Unwetters kaum nachstand. Die Gefühle, die sie für diesen Mann entwickelte, machten ihr fast ebenso viel Angst wie der angekündigte Tropensturm. Die Vorstellung, dass eine solche Naturgewalt über ihrem Reservat toben sollte, war erschreckend.

Autor

Catherine Mann
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