Liebesmärchen aus Schnee und Eis

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Dianas süße Küsse unterm Mistelzweig waren nur gespielt? Ist Aaron Opfer eines Heiratskomplotts geworden? Erzürnt verlässt er Lavenham Hall. Doch auf den Stufen kauert Diana, zitternd und tränenüberströmt. Kann der Zauber der Heiligen Nacht sie noch vereinen?


  • Erscheinungstag 27.11.2021
  • ISBN / Artikelnummer 9783751513395
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Ah, hier seid ihr.“

Linkisch schob Lord Lavenham sich ins Boudoir seiner Gattin und schloss hörbar die Tür hinter sich.

Lady Lavenham zuckte zusammen. „Also wirklich, Lavenham! Musst du so … lärmen?“ Mit der Miene einer leidenden Dulderin hob sie eine zartgliedrige Hand an die Stirn.

„Verzeih, meine Liebe. Ich wollte nicht … Ich meine, die Tür … Das war lauter, als ich dachte.“

Mit beiden Händen einen Brief vor sich hin haltend verharrte der Viscount unentschlossen bei der Tür, sichtlich in der Haltung eines Mannes, der sich, im Begriff, eine gefahrvolle Aufgabe anzugehen, den Rückzugsweg freihalten möchte.

Diana – seit dem Tod ihres Bruders vor acht Jahren das einzige Kind der Lavenhams – legte das Buch nieder, aus dem sie ihrer Mutter vorgelesen hatte, und faltete die Hände auf dem Schoß. Ihr Vater würde bestimmt gleich erklären, warum er einen seiner seltenen Ausflüge in das Reich seiner Gattin unternommen hatte. Als er weiterhin schwieg, wurde sie langsam ungeduldig, denn gleich würde Mutter eine ihrer pathetischen Tiraden vom Stapel lassen, und dann würden sie nie den Zweck seines Besuchs erfahren.

Mit einem Auge auf ihre zusehends gereizte Mutter äußerte Diana: „Ist das ein Brief, Papa?“

Der Viscount trat einen Schritt vor und zog die buschigen Brauen hoch. „Was? Oh! Das?“ Er schwenkte den Brief. „Oh, ja, gewiss.“

Dann atmete er tief ein, und in Diana begann sich Unbehagen zu regen. Was konnte so wichtig sein, dass Papa sich nicht nur in Mamas Boudoir vorwagte, sondern sogar von seiner Gewohnheit abwich, die Überbringung schlechter Nachrichten an seine Tochter zu delegieren?

„Lavenham …“, Mutters Tonfall war nun deutlich nörgelnd, „… also wirklich, das ist äußerst lästig. Ich habe Kopfweh. Komm bitte endlich zur Sache.“

„Der ist von Cousine Sally.“ Erneut schwenkte er den Brief. „Sie kündigt ihren Besuch an … für länger.“

„Cousine Sally? Du hast mir nicht mitgeteilt, dass du ihr eine Einladung zukommen ließest.“

Diana sank das Herz. Das würde Mutter auf Wochen hinaus mit Stoff zum Jammern versehen. Und es wird mir zufallen, mir das anzuhören, abzuwiegeln und sie zu besänftigen, dachte Diana, während Vater sich mit seinen Büchern in seiner Bibliothek vergraben und die Existenz seines Weibervolks für Tage und Wochen vergessen wird.

„Ja … nun …“

Auf den Wangen ihres Vaters bildeten sich hektische rote Flecken, und Diana wurde immer unruhiger.

Worauf will er hinaus?

„Aber … eigentlich habe ich nicht … Nein!“ Seine Miene erhellte sich. „Nein! Siehst du, ich habe sie alle gar nicht eingeladen. Es war Cousine Sallys Vorschlag.“

„Sie alle? Nein …“, kam es ganz schwach von ihrer Mutter, „… nicht die ganze Familie?“

Cousine Sally war verwitwet und Mutter von sieben Kindern, von dem fünfundzwanzigjährigen Aaron bis hin zu dem elf Jahre alten Joseph.

„Nun … ja. Sie treffen übermorgen ein und werden über Weihnachten bleiben …“, Papa öffnete die Tür ein wenig, „… bis zum Dreikönigstag.“ Hastig durch den Türspalt schlüpfen und die Tür hinter sich schließen war eins.

Aaron Fleming musterte Lavenham Hall mit kritischem Blick, während er seine Karriole die Auffahrt entlang lenkte, die den Park rund um das schöne alte Fachwerkgebäude durchschnitt.

„Ich verstehe einfach nicht, warum du Lavenham nicht bis nach Weihnachten vertröstet hast, Mama.“

Aus dem Augenwinkel spähte er zu seiner Mutter, die er auf ihr Verlangen in seine leichte Kutsche aufgenommen hatte, sobald sie durch das schmiedeeiserne Tor auf das Gebiet des Landsitzes eingebogen waren. Hinter ihnen her rumpelte die sperrige Chaise mit seinen drei Brüdern und drei Schwestern samt dem restlichen Gepäck.

Seine Mutter, gegen die Winterkälte in diverse Pelze gehüllt – nur ihre Augen, ihr Mund und ihre von der Kälte rosa Nasenspitze lugten daraus hervor –, antwortete: „Aber, mein Lieber, das sagte ich dir doch schon, bevor wir daheim aufbrachen.“

Ja, sie hatte es ihm gesagt, doch er war immer noch irritiert, und nach zwei Reisetagen war dies nun die erste Gelegenheit, Mama auszufragen, ohne dass seine Geschwister mithören konnten.

Er war in Shepcott Place, dem Heim seiner Familie in Somersetshire, voller Vorfreude darauf eingetroffen, das Weihnachtsfest wie immer inmitten seiner Lieben zu verbringen, nur um mit diesem Besuch auf Lavenham Hall vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden. Da waren die Dienstboten und ein Großteil des Gepäcks schon auf den Weg nach Norden Richtung Herefordshire geschickt worden, sodass ihm nichts anderes übrig blieb, als sich den Plänen seiner Mutter anzuschließen.

„Ich konnte Cousin Arthurs Einladung nicht ablehnen. Er bestand auf diesem weihnachtlichen Besuch. Aaron … seit zwei Jahren bitte ich dich, Lavenham aufzusuchen, aber du hast nie auf mich gehört.“ Nach einer kurzen Pause fuhr sie fort: „Arthur wird auch nicht jünger, und eines Tages wird das alles hier dir gehören. Wenn du stärker an deine Pflicht gedacht hättest und weniger an deine Vergnügungen, wäre nun, da seine Gesundheit nachlässt, diese überstürzte Eile nicht nötig. Die schuldest du allein dir und deiner Halsstarrigkeit.“

Aaron verbiss sich eine scharfe Entgegnung. Pflicht! In der Kavallerie war er zur Genüge in die Pflicht genommen worden, und er hatte die letzten beiden Jahre damit verbracht, die entsetzlichen Bilder und Geräusche des Krieges aus seinem Kopf zu verbannen. Aber was nützte es zu klagen – sie waren nun einmal hier, und Mama konnte ja nichts dafür, dass Lavenham auf diesem weihnachtlichen Besuch beharrte. Er musste das Beste daraus machen, einerlei, wie sehr er sich über die Änderung ihres üblichen Festverlaufs ärgerte. Er hatte nicht einmal Bekannte hier im Süden Herefordshires – außer Gordon Caxton, ein ehemaliger Offizierskamerad, dessen Besitz an Lavenham grenzte. Und auf diesen einstigen Freund Zeit zu verschwenden, beabsichtigte Aaron keinesfalls, nachdem der kürzlich versucht hatte, ihn hinterrücks in eine Heirat mit dessen habgieriger Schwester Caroline zu drängen.

Er schob den Gedanken an die Caxtons beiseite, da seine Mutter mit ihren Vorwürfen fortfuhr.

„Nun sei ein einziges Mal nicht so selbstsüchtig, Aaron. Schließlich kannst du deine Geschwister jederzeit sehen, wenn du willst – deine Brüder sind nicht nur zu Weihnachten von der Schule daheim. Du bringst doch freiwillig so viel Zeit in London zu oder im Sommer auf den Landsitzen deiner Freunde! Wenn du öfter zu Hause wärst, würde dir diese Abweichung vom Üblichen nicht so widerstreben.“

Aaron unterdrückte die vagen Gewissensbisse, die an ihm nagten. Vielleicht hätte er in den letzten zwei Jahren wirklich mehr Zeit auf Shepcott Place verbringen sollen, doch nach der strengen Disziplin in der Kavallerie und den Schrecken des Krieges lockte es ihn, eine Zeitlang planlos und in Muße zu leben. Nach dem Sieg über Napoleon bei Waterloo vor zweieinhalb Jahren hatte er sein Offizierspatent verkauft und sich kopfüber in das Leben eines sorglosen Junggesellen gestürzt. Seitdem genoss er die Freuden Londons und der feinen Gesellschaft. Auf Shepcott Place war seine ständige Anwesenheit nicht erforderlich, da seit dem Tod seines Vaters vor zehn Jahren der Besitz hervorragend von seinem Gutsverwalter in Schuss gehalten wurde. Sein Vater – der Urgroßenkel des zweiten Viscount Lavenham – hatte eine erfolgreiche Karriere als Bankier gemacht und so seine Familie in angenehmen finanziellen Verhältnissen zurückgelassen.

Da Aaron viele Monate des Jahres nicht auf Shepcott Place weilte, war Weihnachten für ihn die Zeit, die er mit seiner Familie zubrachte, und die war unantastbar – oder sollte es sein.

„Ich verlasse mich darauf, dass du das Beste aus diesem Besuch machst. Wenn es Arthur beruhigt, seinen Erben ein paar Wochen hier zu haben, um sich zu versichern, dass du mit dem Besitz und den Menschen vertraut sein wirst, dann ist es doch gewiss kein so großes Opfer, Weihnachten mit ihm und seiner Familie zu feiern.“

Aaron verbiss sich seine sarkastischen Gedanken über den zerstreuten, auf das antike Griechenland versessenen Arthur, über Venetia, dessen anspruchsvolle Gattin, und über Diana, ihre kleine braune Maus von Tochter.

Sie hatten das Ende der Auffahrt erreicht, die vor dem Haus einen schwungvollen Bogen beschrieb, und er manövrierte die Karriole vor die Freitreppe, die zum Portal führte, wo er die Pferde zügelte. Dahinter kam der große Reisewagen zum Stehen.

Die Türflügel standen schon offen, und nun trat eine Gestalt ins Freie. Aaron erschrak beim Anblick des Viscounts. Er war beträchtlich gealtert, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten. Immer noch hochgewachsen, wenn er sich auch gebeugt hielt, und noch schmächtiger als in seiner Erinnerung, mit grauem, zotteligem Haarkranz um den kahlen Oberkopf. Grüßend hob er eine Hand, blieb jedoch bei der Tür stehen, während Lakaien die Stufen hinabeilten, um das Gepäck abzuladen.

Aaron beobachtete, wie Harry und Joseph, seine beiden jüngsten Brüder von dem Kutschbock krabbelten, auf dem sie während der letzten Etappe neben dem Kutscher hatten sitzen dürfen. Der sechzehnjährige George stieg aus dem Wagen, gefolgt von Harrys Zwillingsschwester Isabel – die immer noch schmollte, weil ihre Mutter ihr verboten hatte, sich den Jungen auf dem Bock anzuschließen –, und den beiden ältesten Mädchen, Eliza und Frances.

Höflich half Aaron seiner Mutter aus der Karriole und geleitete sie zu Lord Lavenham, der immer noch bei der offenen Tür wartete. Hinter ihm stand halb verdeckt eine gertenschlanke Gestalt, die Aaron jedoch erst bemerkte, als sie dem Viscount gegenübertraten. Er warf seiner Mutter einen fragenden Blick zu. Wer ist das?

Seine Mutter erwiderte den Blick mit geheimnisvollem Heben einer Braue.

„Mein lieber Arthur!“ Mama umarmte Lavenham und küsste ihn auf die Wange. „Wie schön, dich nach so vielen Jahren wiederzusehen. Briefe können doch nie die Freude eines persönlichen Treffens ersetzen.“

Lavenham erwiderte ihre Umarmung. „Ich bin entzückt, dich auf Lavenham Hall zu begrüßen, Sally. Du bist wohlauf, hoffe ich? Und die Reise war nicht übermäßig anstrengend? Und nun, lass mich sehen … an Aaron erinnere ich mich natürlich.“ Er schüttelte ihm die Hand. „Bist ein feiner junger Mann, in der Tat. Du musst jetzt … äh … fünfundzwanzig sein? Zeit, ans Sesshaftwerden zu denken, mein Junge. Ich hörte, deine Schwester wird bald heiraten.“ Lavenham schmunzelte.

Aaron biss die Zähne zusammen. Schlimm genug, dass Mama ihm ständig in den Ohren lag, sich zu binden, auch ohne dass Lavenham in den Chor einstimmte.

Ich heirate, wenn ich so weit bin, und nicht eher.

Er war erst fünfundzwanzig – er hatte noch viel Zeit, über eigenen Nachwuchs nachzudenken. Und wenn er beschloss, dem Pfarrer in die Falle zu gehen, dann würde es seine Entscheidung sein und nur seine. Wenn er etwas nicht ausstehen konnte, war das permanentes Herumbohren oder, noch schlimmer – nach seiner Erfahrung mit Caxton und dessen Schwester – manipuliert zu werden. Zum Glück hatte er deren Plan rechtzeitig genug durchschaut, um den Versuch, ihn einzufangen, zu vereiteln. Doch er bereute immer noch, sie nicht zur Rede gestellt zu haben. Stattdessen mied er sie einfach, so gut es ging, und lehnte höflich weitere Einladungen ab.

„Ja, sie wird heiraten“, bestätigte seine Mutter. „Cousin Arthur, dies ist Eliza.“ Seine älteste Schwester, gerade neunzehn Jahre alt, knickste.

„Eliza … ein hübscher Name für eine hübsche junge Dame.“

Lavenhams aufgesetzte Jovialität ging Aaron auf die Nerven, da sie so gar nicht zu dem eher gelehrtenhaften Typus passte.

„Du wirst mir die anderen Kinder vorstellen müssen, Sally, ich kann mich leider nicht mehr an ihre Namen erinnern.“

Mama winkte den Jüngeren vorzutreten. Währenddessen ließ Aaron den Blick zu der jungen Frau wandern, die hoch aufgerichtet stumm hinter dem Viscount stand. Sie konnte nur dessen Tochter Diana sein. Die kleine braune Maus. Nun, mit Recht mochte man sie immer noch als braun beschreiben: Augen und Haar hatten diese Farbe, doch selbst mit der größten Fantasie hätte man sie jetzt noch als verhuschtes Mäuschen oder als klein bezeichnen können. Eher schon erinnerte sie an eine Katze mit ihren leicht schräg stehenden Augen und ihrer seltsam wachsamen Haltung – so als wäre sie ständig auf dem Sprung.

Er unterdrückte das Schuldgefühl, das in ihm aufwallte, weil er und nicht sie letztendlich ihr Heim erben würde. So war der Lauf der Welt nun einmal. Titel und Besitz gingen an die männliche Linie. Außerdem … Unauffällig musterte er sie von Kopf bis Fuß, und sein Puls beschleunigte sich heftig: Sie war wirklich höchst beeindruckend; es gab keinen Grund für Schuldgefühle. Eine attraktive Frau wie sie würde wenig Mühe haben, einen Gemahl zu finden, bei dem sie gut versorgt war.

Mama war noch dabei, seine Geschwister vorzustellen. „Dies ist Frances und dies Isabel, Harrys Zwillingsschwester …“ Sie wies auf den strammen Knaben. „Und die beiden anderen Jungen sind George und Joseph.“

„Und dies ist meine Tochter Diana.“ Lavenham wandte sich halb um, nahm Diana beim Arm und zog sie nach vorn.

Sie lächelte nicht einmal, als Mama sie herzlich auf die Wange küsste. Aaron verbeugte sich, wie es sich gehörte, und Diana erwiderte den Gruß mit einem feierlichen Neigen des Kopfes.

Es würde ihr wohl kaum schaden, ein wenig freundlicher zu sein, oder? Ihre Abneigung gegen seine Familie, die in ihr kostbares Heim einfiel, konnte kaum deutlicher sein, und Aaron hoffte, seine Schwestern insbesondere würden sich dadurch nicht gekränkt fühlen. Eliza wie auch Frances hatten sich sehr darauf gefreut, die entfernte Cousine endlich kennenzulernen. Wie enttäuscht mussten sie sein, eine so steifleinene Miss vorzufinden.

Sein Missmut über diesen Besuch erwachte erneut. Wie viel Spaß konnten sie während der Advents- und Weihnachtszeit erwarten, wenn sie darauf angewiesen waren, dass diese Menschen hier die Festfreuden organisierten? Etwas Trübsinnigeres konnte er sich beim besten Willen nicht ausmalen.

2. KAPITEL

Diana folgte den Gästen und ihrem Vater ins Haus. Nicht nur beherrschte Furcht ihre Gedanken, sondern damit einhergehend schien ihr ganzer Körper wie betäubt. Wie sollte sie die nächsten Wochen ertragen? Sie schluckte schwer, denn ihre Kehle war wie zugeschnürt. Dass dieser andere Teil der Familie sich selbst eingeladen hatte, war schon schlimm genug, doch dass sie ausgerechnet diese Zeit des Jahres gewählt hatte, in der Mutter noch anstrengender und fordernder war als sonst, machte den Besuch noch weniger begrüßenswert.

Eine Bewegung auf der Treppe ließ sie aufschauen, und Diana verkrampfte sich, denn ihre Mutter kam kraftlosen Schrittes die Stufen herab, ihre natürliche Blässe noch betont durch die schwarzen Gewänder, in die sie sich stets im Dezember, im Gedenken an Simon, von Kopf bis Fuß hüllte. Dabei lag sein Tod nun schon acht Jahre zurück. Acht Jahre, seit Diana nicht nur ihren jüngeren Bruder verloren, sondern auch ihre Kindheit hinter sich zurückgelassen hatte. Wie anders das Leben der ganzen Familie wohl verlaufen wäre, wenn Simon nicht gestorben wäre?

Unauffällig lugte sie zu Aaron hinüber, dem Cousin dritten Grades – oder vierten –?, der nun anstelle von Simon Papas Erbe war und der nächste Viscount Lavenham. Groll wallte in ihrer Brust auf. Seinen Besuch hießen sie und ihre Mutter grundsätzlich nicht gut, aber ausgerechnet im Dezember zu kommen, so kurz nachdem sich Simons Todestag jährte, bewies, dass er noch so arrogant und gefühllos war wie in ihrer Erinnerung.

Aaron war der Einzige jenes Familienzweigs, den Diana je getroffen hatte. In dem Sommer nach Simons Tod war er zu Besuch gekommen – ein frischgebackener Kavallerieleutnant, dessen Interesse eher dahin ging, kichernde Hausmädchen durchs Haus zu scheuchen, als seine schüchterne Cousine zu beachten. Da sie von ihrem attraktiven Cousin völlig übersehen wurde, hatte sie alle Qualen einer Backfischschwärmerei durchlitten, und dieser Schmerz mischte sich noch lange danach mit dem Gram über Simons Tod sowie mit ihrer Verwirrung über das untröstliche Leid ihrer Mutter.

Und nun war Aaron wieder hier – ebenso attraktiv wie in ihrer Erinnerung, mit demselben glänzenden dunklen Haar und den Augen in der Farbe eines klaren Baches, offensichtlich ein Familienmerkmal, das auch seinen Geschwistern eigen war.

Als ihre Mutter näher kam, musterte Diana sie besorgt, denn sie erinnerte sich noch deutlich an deren letztes ausgedehntes Wehgeschrei, mit dem sie die Nachricht von dem anstehenden Besuch aufgenommen hatte. Papa mit seinem üblichen Geschick, den Ausbrüchen seiner Gattin auszuweichen, hatte sich in die Bibliothek zu seinen dicken altgriechischen Wälzern zurückgezogen. Dort fand Diana ihn später, mit dem Kopf unter einer Wolldecke steckend, um Mamas Gekreische auszublenden. Alles Bitten und Betteln hatte ihn nicht bewegen können, dem Besuch abzusagen. Es sei Zeit, dass Aaron sich mit seinem Erbe vertraut mache und etwas über die Leitung des Besitzes lerne, und diese Jahreszeit sei ebenso gut wie jede andere, hatte er gesagt.

„Meine Liebe, komm, begrüße unsere Gäste“, bat er nun seine Gemahlin, als Mama die Halle betrat.

Unauffällig versteckte Diana ihre Hände hinter dem Rücken und drückte die Daumen, dass ihre Mutter, nicht daran gewöhnt, ihre Vorstellungen durchkreuzt zu sehen und jeder Veränderung abhold, sich wohlwollend in ihre Niederlage schickte – eine Niederlage, die sie erst eingeräumt hatte, als Papa ihr verkündete, dass Sally mit ihren Kindern die Reise schon angetreten haben werde und es daher zu spät für eine Absage sei.

Selbst als Diana einwandte, dass die Dienerschaft es niemals werde schaffen können, die zusätzliche Arbeit für acht weitere Leute zu leisten, hatte er nicht eingelenkt. „Cousine Sally hat ihre eigenen Dienstboten vorausgeschickt, um die Mehrarbeit zu bewältigen. Morgen treffen sie ein“, hatte er erklärt, woraufhin Diana sich verwundert gefragt hatte, wie lange ihr zerstreuter Vater von diesem anstehenden Besuch schon gewusst hatte.

Während ihre Mutter und Cousine Sally einander begrüßten, spürte Diana, dass ihr vor Anspannung die Haut im Nacken kribbelte, und als sie sich umwandte, begegnete sie flüchtig Aarons neugierigem Blick, der auf ihren gedrückten Daumen gehaftet hatte. In stummer Frage hob er eine seiner dunklen Brauen, und Diana griff sich verwirrt ans Herz, da lange unterdrückte Mädchenträume von Rittern auf weißem Schlachtross sich in ihr Bewusstsein drängten. Sie straffte sich und lenkte ihre Aufmerksamkeit hastig wieder auf ihre Mutter. Jene dummen Fantasien hatte sie schon längst für entbehrlich erklärt.

Ihre Mutter schenkte Sallys Brut, wie sie sie zu nennen pflegte, ein vages Lächeln und winkte sie zu sich.

„Hilf mir zurück in mein Boudoir, Diana“, hauchte sie mit der Stimme einer von stetem Leiden Geplagten. „Ich muss sagen, all diese Unruhe und Hetze haben mich völlig erschöpft. Ich spüre, meine Migräne ist im Anzug. Bestimmt wirst du uns entschuldigen, Sally …“

Autor

Janice Preston
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