Lügen und andere Liebeserklärungen

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Seit dem Autounfall ihrer Eltern, versucht Pru all das wieder gut zu machen, was damals passiert ist. Finn O'Riley ist der letzte auf ihrer Liste, wenn sie das hinter sich hat, kann sie sich vielleicht wieder besser fühlen. Doch Sie hat nicht damit gerechnet, dass Finn eine solche Anziehungskraft auf sie hat. Sie will, dass er glücklich ist und das Leben nicht so schwer nimmt. Und genau deshalb kann sie auf keinen Fall die Richtige für ihn sein …

"Jill Shalvis' neue Serie ist der Wahnsinn."

Library Journal Advance Reviews

"Geistreich, lustig und fantastische Charaktere."

FreshFiction.com

"Herzerwärmend und sexy … unwiderstehliche Anziehungskraft, schwelende Romantik und urkomische Momente."

Publishers Weekly

"Ein absoluter Gewinner … die Leser werden laut lachen und nicht mehr aufhören können zu lesen.”

RT Book Reviews


  • Erscheinungstag 08.05.2017
  • Bandnummer 1
  • ISBN / Artikelnummer 9783955766597
  • Seitenanzahl 352
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. Kapitel

#KeepCalmAndRideAUnicorn

Prus Mom hatte ihr beigebracht, sich beim Anblick eines rosa Autos, fallender Blätter und Messinglampen etwas zu wünschen, denn sie betrachtete es als Zeichen mangelnder Fantasie, seine Wünsche etwas so Gewöhnlichem wie Sternen oder Springbrunnen anzuvertrauen.

Ganz offensichtlich war die Frau, die keinen Meter von Pru Harris entfernt im leichten Sprühnebel stand und in ihrer Geldbörse nach Münzen kramte, um sie in den Springbrunnen im Innenhof zu werfen, nicht von einer Hippie-Mom großgezogen worden.

Letztendlich spielte das aber auch keine Rolle, denn Prus Mom hatte sowieso falsch gelegen. Wünsche, die in Erfüllung gingen, gab es im wahren Leben nicht, genauso wenig wie den großen Lottogewinn oder die Begegnung mit einem Einhorn.

Die Frau, die mit einer Hand ihre Augen vor dem leichten Sprühregen schützte und in der anderen eine Münze hielt, grinste Pru gequält an: „Ich weiß, das ist dumm, aber ich bin an einem absoluten Tiefpunkt.“

Das war etwas, was Pru nur zu gut verstand. Sie setzte den sich heftig windenden Thor auf den Boden und schüttelte ihre Arme aus, um die Durchblutung wieder in Gang zu bringen. Elf Kilo dieser nassen, rundlichen und Angst vor ihrem eigenen Schatten habenden Promenadenmischung fühlten sich nach einem halbstündigen Fußmarsch von der Arbeit nach Hause an wie mindestens das Dreifache.

Thor protestierte mit einem scharfen Bellen gegen den feuchten Boden. Er mochte keinen Regen. Genauso wenig, wie er es mochte, auf den eigenen vier Pfoten zu laufen.

Aber er liebte Pru mehr als sein Leben, also blieb er neben ihr stehen, wedelte langsam mit dem Schwanz und studierte ihre Miene, um herauszufinden, in welcher Stimmung sie war.

Die Frau blinzelte überrascht und starrte auf Thor hinunter. „Oh“, sagte sie. „Ich hatte ihn für eine sehr dicke Katze gehalten.“

Thor hörte auf, mit dem Schwanz zu wedeln, und bellte noch einmal, als wollte er beweisen, dass er nicht nur durch und durch ein Hund war, sondern obendrein ein großer und sehr bösartiger.

Denn Thor – Extierheiminsasse undefinierbarer Rasse – hielt sich für einen Bullmastiff.

Als die Frau hastig einen Schritt zurücktrat, nahm Pru ihren Hund seufzend wieder auf den Arm. Er verzog sein knittriges Altmännergesicht zu einer beschützenden Miene, während seine Vorderpfoten in der Luft baumelten. Dabei wedelte er wieder mit dem Schwanz, denn jetzt war er ja plötzlich wirklich groß. „Tut mir leid“, sagte Pru. „Er hat schlechte Augen, und das macht ihn übellaunig, aber er ist keine Katze.“ Sie drückte Thor und gab ihm damit zu verstehen, er solle sich anständig benehmen. „Er tut nur so.“

Thor reagierte mit einem Blick, der deutlich signalisierte: Wenn dir etwas an deinen Lieblingsschuhen liegt, solltest du sie heute Nacht in Sicherheit bringen.

Die Frau wandte sich wieder dem Springbrunnen zu und betrachtete den Vierteldollar in ihrer Hand. „Es heißt, für die große Liebe sei es nie zu spät, richtig?“

„Richtig“, sagte Pru. Weil es nun mal so hieß. Und auch wenn man nach ihrer eigenen Erfahrung der großen Liebe noch seltener begegnete als einem Einhorn, musste sie ja nicht unbedingt die Hoffnungen und Träume eines anderen Menschen zerstören.

Ein plötzlicher Blitz tauchte die Skyline von San Francisco in grelles Licht wie beim Feuerwerk zum vierten Juli. Dabei war doch erst Juni, und es war kalt. Thor quiekte erschrocken und barg seine Schnauze an Prus Hals. Pru begann zu zählen, kam aber nicht mal bis zwei, bevor ein so lauter Donnerschlag ertönte, dass sie alle drei zusammenzuckten.

„Huch!“ Die Frau ließ den Vierteldollar wieder in ihre Geldbörse gleiten. „Nicht mal die große Liebe ist es wert, sich vom Blitz erschlagen zu lassen.“ Damit rannte sie davon.

Pru und Thor taten es ihr gleich und eilten über den gepflasterten Hof. Normalerweise ließ sie sich hier Zeit und erfreute sich an der schönen Architektur des alten Gebäudes, an den Kragsteinen in der Backsteinfassade, den offenliegenden Eisenträgern und den großen Fenstern, aber schlagartig begann es, so heftig zu regnen, dass die Tropfen, die auf den Boden prallten, ihr bis an die Knie spritzten. In weniger als zehn Sekunden war sie völlig durchnässt, die Kleider klebten ihr am Körper, und in ihren Stiefeletten stand Wasser.

„Immer langsam, Süße!“, rief ihr jemand zu. Der alte Obdachlose, der sich meistens in der Hofdurchfahrt aufhielt. Mit seiner zu Leder gegerbten Haut und den weißen wattebauschartigen Haaren, die ihm bis auf den Kragen seines schreiend bunten, mit Ananas und Papageien bedruckten Hawaiishirts hingen, sah er aus wie Doc aus Zurück in die Zukunft. Ein paar Jahrzehnte älter vielleicht. Ein Jahrhundert höchstens. „Viel nasser kannst du nicht mehr werden“, meinte er.

Doch es ging Pru gar nicht darum, sich vor dem Unwetter in Sicherheit zu bringen. Sie liebte den Regen. Tatsächlich versuchte sie, vor ihren Dämonen zu flüchten, obwohl sie allmählich den Verdacht hegte, dass das unmöglich war.

„Ich muss in meine Wohnung“, stieß sie atemlos von ihrem verrückten Sprint hervor. An ihrem sechsundzwanzigsten Geburtstag hatte ihr Fitnesstrainer ihr frotzelnd erklärt, von nun an gehe es nur noch bergab. Sie hatte ihm nicht geglaubt. Jetzt war sie die Angeschmierte.

„Warum die Eile?“

Pru blieb stehen. Dann unterhielt sie sich eben mit ihm. Der Alte war freundlich und nett, auch wenn er sich weigerte, ihr seinen Namen zu nennen, und behauptete, den habe er bereits in den Siebzigern vergessen. Egal, ob das stimmte oder nicht, sie versorgte ihn mit Essbarem, seitdem sie vor drei Wochen hier eingezogen war. „Heute kommt endlich der Typ von der Kabelfernsehgesellschaft“, erklärte sie. „Um fünf, haben sie gesagt.“

„Das haben sie dir gestern gesagt. Und letzte Woche auch schon“, gab er zurück und versuchte erfolglos, Thor zu streicheln.

Noch ein Punkt auf Thors Liste verhasster Dinge: Männer.

„Aber diesmal ist es wirklich ernst gemeint“, erwiderte Pru und setzte Thor erneut ab. Zumindest war ihr das von dem zuständigen Kundenbetreuer am Telefon versprochen worden, und sie brauchte dringend Zugang zum Kabelfernsehen. Sehr dringend sogar. Morgen Abend lief das Finale von So You Think You Can Dance.

„’tschuldigung“, sagte jemand, der vom Fahrstuhl kam und sich an ihr vorbeiquetschen wollte. Er trug seine Mütze tief in die Stirn gezogen, um das Gesicht vor dem Regen zu schützen, und auf der Brust seines Monteuranzugs prangte das Logo der Kabelfernsehgesellschaft. In der Hand trug er einen Werkzeugkasten, und er wirkte ziemlich angefressen vom Leben ganz allgemein.

Thor, der sich hinter Prus Beinen in Sicherheit gebracht hatte, begann leise zu knurren. Er klang grimmig, sah aber eher zum Lachen aus, zumal mit nassem Fell. Er hatte das Fell eines Yorkshireterriers – eines fetten Yorkshireterriers –, obwohl er durch und durch eine Promenadenmischung war. Und wer weiß, vielleicht steckte wirklich ein bisschen Katze in ihm. Auch wenn er ein Schlappohr hatte, während das andere spitz in die Höhe stand, wodurch er ständig einen leicht verwirrten Eindruck machte.

Keine Katze, die etwas auf sich hielt, hätte so etwas zugelassen. Auch der Typ von der Kabelfernsehgesellschaft warf nur einen Blick auf ihn, schnaubte abfällig und eilte weiter.

„Warten Sie!“, rief Pru ihm nach. „Suchen sie nach 3 C?“

Er blieb stehen, musterte sie von oben bis unten und ließ seinen Blick in Höhe ihres Brustkorbs ein wenig verweilen. „Um offen zu sein, stehe ich mehr auf Doppel-D“, erklärte er.

Pru schaute an sich hinab. Ihr T-Shirt klebte ihr an den Brüsten. Sie verengte die Augen und kreuzte die Arme über dem, was definitiv nicht Doppel-D entsprach. „Lassen Sie mich präzisieren“, erwiderte sie und packte Thors Leine fester, weil er immer noch knurrte, wenn auch sehr leise, weil er nur so tun wollte, als sei er ein harter Typ. „Suchen Sie nach der Person, die in Apartment 3 C wohnt?“

„Das habe ich, aber es war niemand zu Hause.“ Er musterte Thor. „Ist das etwa ein Hund?“

„Ja! Und ich bin 3 C“, erklärte Pru. „Ich bin zu Hause!“

Er schüttelte den Kopf. „Sie haben nicht geöffnet.“

„Das tue ich jetzt, versprochen.“ Sie zog den Schlüssel aus ihrer Tasche. „Wir können rasch nach oben laufen und …“

„Können wir nicht, junge Dame. Es ist bereits fünf.“ Er wedelte mit seiner Uhr am Handgelenk. „Feierabend.“

„Aber …“

Nichts aber. Fort war er, eilte in den Wolkenbruch hinaus und verschwand im Nebel, als wären sie in den Kulissen eines Horrorstreifens.

Thor hörte auf zu knurren.

„Na toll“, murmelte Pru. „Einfach toll.“

Der Alte schob sein Gebiss in seinem Mund hin und her. „Ich könnte dir das Kabel anschließen. Hab schon ein oder zwei Mal jemandem dabei zugeschaut.“

Er hatte schon bessere Tage gesehen, genau wie das alte Pacific-Pier-Gebäude um sie herum. Beide hatten einen gewissen altmodischen Charme. Dennoch vertraute sie ihm nicht genug, um ihn in ihre Wohnung zu lassen. „Danke“, sagte sie, „aber das ist nicht nötig. So dringend brauche ich das Kabelfernsehen nun auch wieder nicht.“

„Aber morgen Abend läuft das Finale von So You Think You Can Dance.“

Sie seufzte. „Ich weiß.“

Ein weiterer Blitz erhellte den Himmel, abermals unmittelbar gefolgt von einem Donnerschlag, der von den steinernen Wänden des Hofes widerhallte und den Boden unter ihren Füßen erzittern ließ.

„Das ist mein Zeichen für einen Abgang“, sagte der Alte und zog sich in die Hofeinfahrt zurück.

Pru brachte Thor nach oben, rubbelte ihn mit einem Handtuch trocken, legte ihn auf sein Liegekissen und deckte ihn zu. Am liebsten hätte sie sich ebenfalls in ihr Bett verzogen, aber sie hatte Hunger, und ihr Kühlschrank war leer. Also zog sie sich rasch trockene Sachen an und ging wieder nach unten.

Es regnete immer noch.

Irgendwann in den nächsten Tagen würde sie sich einen Regenschirm kaufen. Jetzt aber rannte sie, so schnell es ging, bis zur Nordostecke des Gebäudes, an der Coffeebar, dem Waffel-Laden und der Zoohandlung vorbei – alle bereits geschlossen –, passierte das Tattoo-Studio – noch offen – und lief geradewegs zum Irish Pub hinüber.

Ohne Aussicht darauf vor dem Kabelfernsehen, den Abend verbringen zu können, brauchte sie unbedingt Chickenwings.

Und nirgends gab es so tolle Chickenwings wie im „O’Riley’s”.

Dir geht es ja gar nicht um die Chickenwings, meldete sich eine leise Stimme in ihrem Kopf. Und das entsprach den Tatsachen. Nein, was sie ins „O’Riley’s” zog wie eine Biene auf eine Blumenwiese, war Finn O’Riley höchstpersönlich mit seinen ein Meter dreiundachtzig, seinen breiten Schultern, den dunklen Augen und dem leicht schwermütigen Lächeln.

Sie wohnte erst drei Wochen in ihrer neuen Wohnung, aber sie hatte bereits erkannt, dass die Leute, die hier lebten und/oder arbeiteten, zusammenhielten. Und sie wusste, dass das zu einem nicht geringen Teil Finns Verdienst war. Er war das Zentrum dieser Gemeinschaft, war Leim und verlässlicher Pfeiler gleichermaßen.

Sie wusste sogar noch mehr. Mehr, als sie hätte wissen sollen.

„Hey!“, rief der Alte ihr aus der Einfahrt nach. „Wenn du uns Wings besorgst, denk an die Extrasoße!“

Sie winkte ihm zu und betrat das „O’Riley’s”, wieder bis auf die Knochen durchnässt. Am Eingang blieb sie einen Moment stehen, um sich zu orientieren.

Okay, das war natürlich gelogen. Sie tat nur so, als müsse sie sich orientieren, während ihr Blick zur Bar hinüber wanderte und zu den Typen, die dahinter standen.

Heute Abend arbeiteten dort zwei Männer. Der zweiundzwanzigjährige Sean jonglierte mit Flaschen, begleitet von Pfiffen und dem wilden Jubel einer Gruppe von Frauen, die sich an der Bar drängten. Er bezauberte sie mit einem breiten Lächeln und strahlenden Augen. Aber nicht er zog Prus Blick magisch an, als wäre er eine ganze Auslage voller verlockender Süßigkeiten.

Nein, diese Ehre gebührte dem Typen, der das Lokal leitete: Seans älterem Bruder. Schlank, muskulös und mit lässigem Selbstvertrauen biederte Finn O’Riley sich nicht bei seinen Gästen an. Das tat er nie. Er bewegte sich schnell und effizient, ohne eine Show abzuziehen, arbeitete rasch die Bestellungen ab, behielt zugleich die Küche im Auge und tat die ganze eigentliche Arbeit, ruhig wie immer, ein Fels in der Brandung.

Pru hätte ihm den ganzen Tag dabei zusehen können. Es lag an seinen Händen, entschied sie. Sie bewegten sich ständig mit geübter Präzision. Er war beschäftigt, natürlich viel zu beschäftigt für sie, und das war nur einer der vielen Gründe, warum sie sich nicht gestattete, sich auszumalen, was er alles für köstliche, unanständige, verruchte Dinge mit ihr im Bett anstellen konnte.

Ooops! Auch das war natürlich eine dicke fette Lüge.

In Wahrheit hatte sie sich durchaus schon in allen Einzelheiten ausgemalt, was für wunderbare Dinge er mit ihr im Bett – und außerhalb – anstellen konnte.

Er war ihr Einhorn.

Er bückte sich nach irgendetwas hinter der Bar, und die ganze Reihe weiblicher Gäste auf den Barhockern beugte sich gleichzeitig vor, um auch ja nichts zu verpassen. Erdmännchen-Parade.

Als er sich ein paar Sekunden später wieder aufrichtete, wuchtete er eine riesige Kiste mit irgendetwas hoch, vielleicht saubere Gläser, und sah dabei nicht so aus, als strengte ihn das sonderlich an. Das war zweifellos all den schlanken, aber harten Muskeln zu verdanken, die unter seinem schwarzen T-Shirt und der verblichenen Jeans zu sehen waren. Sein Bizeps wurde prall, als er sich umdrehte und ihr damit die Chance gab zu erkennen, dass seine Jeans ihm perfekt passte, vorn wie hinten.

Wenn er sein begeistertes Publikum überhaupt wahrnahm, gab er das durch nichts zu erkennen. Er setzte nur die Kiste auf dem Tresen ab und nickte ein schweigendes Hallo in Prus Richtung, ohne die Frauen zu beachten, die ihn beäugten.

Sie erstarrte und verrenkte sich dann den Hals, um einen Blick hinter sich zu werfen.

Da war niemand. Nur sie stand hier und tropfte ihm den Fußboden voll.

Sie drehte sich wieder um und stellte fest, dass Finn stillschweigend amüsiert zu ihr herüberschaute. Ihre Blicke trafen sich und ließen einander endlose Sekunden nicht wieder los. Es war, als fühlte er aus der Ferne ihren Puls und registrierte die Tatsache, dass sie durchnässt und atemlos war. Um seine Mundwinkel zuckte es. Schon wieder amüsierte er sich über sie.

Leute drängten sich in ihr Blickfeld. Der Laden war gerammelt voll, wie immer, aber als sie wieder freien Blick zur Bar hatte, schaute Finn sie immer noch an, stetig und ohne zu blinzeln. In seinen dunkelgrünen Augen lag jetzt noch etwas anderes als Belustigung, etwas, das sie von innen heraus zu wärmen begann.

Drei Wochen – und jedes Mal dasselbe …

Pru hielt sich für halbwegs mutig und vielleicht sogar für mehr als nur ein bisschen abenteuerlustig – aber nicht unbedingt für kess. Es fiel ihr nicht leicht, Kontakt zu Menschen knüpfen.

Und das war auch schon die einzige Entschuldigung dafür, dass sie ihren Blick abwandte und so tat, als ließe sie ihn durch den Raum schweifen.

Der Pub war klein und gemütlich. Zur Hälfte Bar, zur Hälfte Restaurant, erinnerte die Inneneinrichtung aus dunklem Holz an eine alte Reetdachkneipe. Die Tische waren aus Whiskyfässern gemacht, die Bar bestand aus umfunktionierten Landhaustüren. Die Messinghängelampen und die Buntglasscheiben zusammen mit den von Pferden angeknabberten, aus alten Zaunbrettern zugeschnittenen Fußleisten vervollständigten den Gesamteindruck von rustikalem Charme und freundlicher Wärme.

Aus unsichtbaren Lautsprechern erklang Musik und sorgte für eine heitere Stimmung, sie war aber nicht so laut, dass Unterhaltungen erschwert wurden. Auf der einen Seite des Raumes erstreckte sich eine Fensterfront, auf der anderen gaben große Türen aus Holz und Glas den Blick nach draußen frei, sodass man sowohl auf den Hof als auch auf die Straße und den Hügel hinunter auf den schönen Fort-Mason-Park, auf den Jachthafen und die Golden Gate Bridge dahinter schauen konnte.

All das war faszinierend, aber nicht annähernd so faszinierend wie Finn selbst, weshalb ihre Augen – Verräter, die sie waren – sich sofort wieder ihm zuwandten.

Er zeigte auf sie.

„Ich?“, fragte sie, obwohl er sie garantiert nicht hören konnte.

Ein angedeutetes Lächeln, und er winkte sie mit einem Finger heran.

Ja. Er meinte sie.

2. Kapitel

#TakeMeToYourLeader

Prus Gehirn fragte sich, was ihre Mom wohl dazu gesagt hätte, dass sie auf einen Mann zuging, der sie mit dem Finger heranwinkte. Aber Prus Füßen waren diese Überlegungen egal. Sie brachten sie einfach direkt zu ihm.

Er reichte ihr ein sauberes Handtuch, damit sie sich abtrocknen konnte. Ihre Finger streiften sich, was ihr eine Gänsehaut über den Körper jagte. Während sie das genoss – hey, das war das Äußerste, was sie seit sehr langer Zeit erlebt hatte –, schob er ihr einen Hocker zurecht.

„Was kann ich dir bringen?“ Seine Stimme war tief und rau und ließ ihr allerhand unangemessene Antworten durch den Kopf schießen. „Das Übliche?“, fuhr er fort. „Oder das Abend-Special?“

„Was wäre das?“, fragte sie.

„Heute Abend ein Wassermelonen-Mojito. Für dich könnte ich ihn alkoholfrei mixen.“

Er sah Tag für Tag Gott weiß wie viele Menschen, und obendrein hatten sie beide bisher kaum mehr als ein paar Worte gewechselt, aber er wusste, was sie nach einem langen Arbeitstag auf dem Wasser mochte.

Und was nicht. Er hatte bemerkt, dass sie keinen Alkohol trank. Kaum zu glauben, dass er sich so etwas merken konnte, wenn man bedachte, dass er eine Speisekarte, eine Getränkekarte und eine Spezialkarte nur für Bier im Kopf haben musste. „Du weißt, was ich normalerweise nehme?“, fragte sie, angenehm berührt von dieser Vorstellung. Angenehm berührt und ein klein bisschen verängstigt, denn was sie gerade tat, sollte sie eigentlich nicht tun. Sie durfte nicht mit ihm flirten.

„Das ist mein Job“, erklärte er.

„Oh.“ Sie lachte über sich selbst. „Ja. Natürlich.“

Sein Blick ließ sie keinen Moment los. „Liegt natürlich auch daran, dass du üblicherweise heiße Schokolade bestellst, und die passt zu deinen Augen.“

Ein Gefühl von Wärme breitete sich in ihrem Magen aus. Und in einigen anderen Körperregionen. „Das Abend-Special in alkoholfrei wäre großartig. Danke.“

Der Typ auf dem Barhocker neben ihr wandte sich ihr zu und sah sie an. Er trug einen Anzug, die Krawatte hatte er gelockert. „Hi“, sagte er, und seiner Heiterkeit war zu entnehmen, dass er die ersten paar Drinks schon intus hatte. „Ich heiße Ted. Wie wäre es, wenn ich dir einen Orgasmus ausgebe? Oder vielleicht sogar“ – zwinker, zwinker – „mehrere?“

An Finns lässig-entspannter Haltung änderte sich nichts, wohl aber an seinen Augen, als er den Blick auf Ted richtete: Sein Blick wurde ernst und ein wenig Furcht einflößend. „Benimm dich“, warnte er, „oder für dich ist Schluss für heute.“

„Och, so macht das aber keinen Spaß“, erwiderte Ted breit grinsend. „Ich möchte der Lady doch nur einen Drink ausgeben, das ist alles.“

Finn schaute ihn einfach nur an.

Ted hob resignierend beide Hände, und Finn machte sich erneut daran, Drinks zu mixen. Kaum hatte er sich abgewandt, beugte Ted sich wieder nah zu Pru hinüber. „Fein, jetzt, wo Daddy weg ist, wie wäre es mit Sex On The Beach?“

Sofort ging Finn dazwischen und kassierte Teds Drink ein. „Uunnd das war’s für dich.“

Ted stieß einen Seufzer aus und stand auf. „Na schön, ich muss sowieso nach Hause.“ Er schenkte Pru ein reumütiges Lächeln. „Vielleicht fangen wir beim nächsten Mal mit einem Seduction an.“

„Vielleicht beim nächsten Mal“, gab sie zurück – mit einem süßen unverbindlichen Lächeln aus ihrem großen Arsenal verschiedener Arten zu lächeln, die sie in ihrem Job als Kapitänin eines Ausflugsdampfers in der Bucht benutzte. Man brauchte schon sehr viele Varianten, um mit all den Leuten fertigzuwerden, mit denen sie täglich zu tun hatte, und sie beherrschte sie alle aus dem Effeff.

Als Ted fort war, schaute Finn sie fragend an. „Vielleicht beim nächsten Mal?“, hakte er nach.

„Oder nie, verstehst du?“

Darüber musste Finn lächeln. „Du hast ihn sehr glimpflich davonkommen lassen.“

„Ging nicht anders“, sagte sie. „Schließlich hast du den bösen Bullen gespielt.“

„Gehört zu meinem Service“, erwiderte er. Offenbar machte er sich nichts aus ihrer Bemerkung zum bösen Bullen. „Musstest du heute deine letzte Tour ausfallen lassen?“

Demnach wusste er offenbar, womit sie ihren Lebensunterhalt verdiente. „Nein. Bin gerade zurückgekommen.“

„Du warst bei diesem Wetter draußen?“, fragte er ungläubig. „Trotz der Sturmwarnung und des Wellengangs?“

Seine Hände waren ständig in Bewegung, mixten Drinks, schnitten Zutaten klein, hantierten mit allem Möglichen. Sie war wie hypnotisiert von der Art, wie er sich bewegte, wie er seine kräftigen Hände benutzte, von den Bartstoppeln an seinem Kinn …

„Pru.“

Sie riss ihren Blick von seinem kantigen Unterkiefer los und stellte fest, dass er sie unverwandt anschaute. „Hmm?“

Eine Spur von Belustigung und noch etwas anderem blitzte kurz in seinen Augen auf. „Hattest du heute Probleme mit dem Sturm und dem Wellengang da draußen?“

„Nicht wirklich. Das heißt, ein kleiner Junge hat sich auf seine Oma übergeben, aber das lag nur daran, dass sie ihm eine große Portion Zuckerwatte und danach zwei Hotdogs gekauft und ihn nicht davon abgehalten hat, das alles in circa zwei Sekunden zu verschlingen. Mich trifft also keine Schuld.“

Er wandte den Kopf und schaute durch die offene Türe auf den Hof hinaus. Draußen dämmerte es bereits. Die Lichterketten, die den schmiedeeisernen Zaun und den Springbrunnen schmückten, ließen den strömenden Regen sichtbar werden, der vom Himmel fiel.

Sie zuckte die Achseln. „Es hat erst angefangen zu regnen, als ich schon wieder vom Wasser runter war. Außerdem gehört schlechtes Wetter einfach zum Job.“

„Ich würde meinen, am Leben zu bleiben spiele in diesem Job eine wichtigere Rolle.“

„Nun ja“, meinte sie lachend. „Am Leben zu bleiben ist definitiv das Ziel.“ Tatsache war, dass sie draußen auf dem Wasser selten Probleme hatte. Nein, Probleme hatte sie vor allem mit dem wahren Leben. „Das hier ist San Francisco. Würden wir nicht bei problematischem Wetter rausfahren, würden wir nie rausfahren.“

Während sie redete, putzte er die Bar und servierte einer Gruppe ein paar Hocker weiter einige Margaritas. Trotzdem schaffte er es, ihr das Gefühl zu vermitteln, als konzentriere er sich nur auf sie.

Das ist sein Job, erinnerte ihr Gehirn ihren Körper. Aber es fühlte sich nach mehr an.

Am anderen Ende des Pubs fiel Porzellan scheppernd zu Boden. Finn ließ den Blick hinüberschweifen.

Eine seiner Kellnerinnen hatte eine Schüssel fallen lassen, und die rüpelhafte Gruppe junger Kerle an dem Tisch, an dem sie bediente, grölte schadenfroh, was ihr die Sache noch peinlicher machte.

Finn schwang sich mühelos über die Bar und ging hinüber. Pru konnte nicht hören, was er sagte, aber die Typen am Tisch wurden sofort still und ließen ihre dummen Witze stecken.

Dann drehte Finn sich um, ging neben seiner Kellnerin in die Hocke, half ihr, das Malheur zu beseitigen, und stand keine sechzig Sekunden später wieder hinter der Bar.

„Du hast einen interessanten Job“, sagte er und nahm damit den Faden ihrer Unterhaltung wieder auf, als wäre er durch nichts unterbrochen worden.

„Ja“, erwiderte sie und sah zu, wie die Kellnerin auf dem Weg zur Küche Finn einen dankbaren Blick zuwarf. „Interessant. Und Spaß macht er auch.“ Letzteres war ihr unglaublich wichtig, denn … Nun, es hatte eine ziemlich lange Zeit in ihrem Leben gegeben, wo sie praktisch nie so etwas wie Freude oder Spaß empfunden hatte.

„Spaß.“ Finn wiederholte das Wort, als ergäbe es für ihn keinen Sinn. „Das ist etwas, was ich schon eine ganze Weile nicht mehr hatte.“

Noch eine Sache, die sie bereits über ihn wusste, und ein Stich des Bedauerns durchzuckte sie.

Sean tauchte neben Finn auf. Die beiden Brüder sahen sich ähnlich; das gleiche dunkle Haar, die gleichen grünen Augen, das gleiche Lächeln. Finn war größer, aber das hielt Sean nicht davon ab, seinem älteren Bruder einen Arm um die Schultern zu legen und Pru zuzuzwinkern. „Du musst Nachsicht mit Grandpa hier haben. Er versteht nichts von Spaß. Du bist besser beraten, wenn du mit mir ausgehst.“

Sean O’Riley, Weltmeister im Flirten.

Allerdings war Pru selbst Meisterin darin, gezwungenermaßen. Bei ihrer Arbeit war sie ständig damit konfrontiert, mit Charmeuren umgehen zu müssen. Ganz egal, ob es Touristen oder Collegestudenten waren – sie alle hatten ihren Spaß daran, einen weiblichen Kapitän auf dem Boot zu haben, und da sie ganz passabel aussah und obendrein nicht auf den Mund gefallen war, wurde sie sehr häufig angebaggert. Sie lehnte immer ab, sogar die Heiratsanträge. Nein, ganz besonders die Heiratsanträge. „Ich fühle mich geschmeichelt“, meinte sie locker lächelnd. „Aber ich könnte unmöglich die Herzen all der Frauen brechen, die nur darauf warten, dass ihre Cocktail-Träume in Erfüllung gehen.“

„Verdammt.“ Sean tat so, als hätte ihn ein Dolchstoß ins Herz getroffen, aber er lachte freundlich. „Tust du mir dann vielleicht einen Gefallen? Wenn du mit dem hier mal eine Spritztour machen willst“, er boxte Finn spielerisch in die Seite, „dann zeig ihm doch bitte, wie man das Leben genießt, und entführe ihn vielleicht in ein Abenteuer.“

Pru schaute verstohlen zu Finn hinüber, und so entging ihr die Verärgerung nicht, die kurz in seinen Augen aufblitzte, als Sean davonschlenderte. „Du brauchst Hilfe, um das Leben zu genießen?“, fragte sie beiläufig. Das fiel ihr nicht leicht, denn ihr Herz hatte angefangen zu pochen, und ihr Puls raste. Was zum Teufel tat sie da? Flirtete sie etwa mit ihm? Das war eine ganz schlechte Idee, die schlechteste Idee, die sie jemals gehabt hatte  – dabei konnte sie von dieser Sorte einige Prachtexemplare vorweisen.

Sei nicht dumm. Finger weg von dem süßen heißen Typ. Du kannst ihn nicht haben, und du weißt genau, warum.

Allerdings verflüchtigte sich dieser beunruhigende Gedanke auf der Stelle, als Finn lachte, ein grollendes, ungeheuer erregendes Lachen, das so klang, als hätte er es vielleicht für ganz besondere Gelegenheiten aufbewahrt.

„Offen gesagt, habe ich mein Leben in vollen Zügen genossen. Und was Abenteuer angeht, darüber könnte ich ein Buch schreiben.“ Er stützte sich auf die Bar und kam ihr dadurch sehr nahe. Den Blick fest auf ihre Augen gerichtet, strich er ihr eine nasse Haarsträhne aus der Schläfe.

Sie verharrte regungslos, wie ein Hundewelpe, der darauf hofft, dass man ihm den Bauch krault, und starrte zu ihm hoch. Ihr Herz pochte immer noch wild, aber jetzt aus einem ganz anderen Grund. „Was ist passiert?“, fragte sie, nein, flüsterte sie, denn sie war sich ziemlich sicher, dass sie wusste, was ihn und sein Leben so umgekrempelt hatte, und es würde sie umbringen, wenn er es aussprach.

Er zuckte die Achseln. „Das Leben.“

Oh, wie sehr sie das für ihn hasste. Hasste und sich dafür schuldig fühlte. Und nicht zum ersten Mal, wenn sie völlig überfordert war, redete sie unbedacht drauflos. „Weißt du, in manchen Kreisen nennt man mich die Spaßflüsterin.“

Er zog eine Braue hoch. „Tatsächlich?“

„Ja“, erwiderte sie. Offensichtlich hatte sie die Kontrolle über ihren Mund verloren. „Der Spaß beginnt genau hier mit mir. Ich habe mich auf Leute spezialisiert, die ihr Leben nicht leben; die sich von ihrem Leben leben lassen. Es geht darum, Dinge loszulassen, weißt du.“ Oh Himmel – warum zum Teufel konnte sie nicht einfach ihren Mund halten?

Finn lächelte und verursachte damit einen Kurzschluss in der Hälfte ihrer Gehirnzellen. „Willst du mir beibringen, wie man Spaß hat, Pru?“, fragte er mit seiner leisen, rauen Stimme.

Großer Gott, allein schon, wie er ihren Name aussprach, ließ ihre Knie weich werden. Jetzt konnte sie auch sehen, dass seine Augen nicht etwa gleichmäßig dunkelgrün waren, sondern dass sie mit goldenen und braunen Sprenkeln durchsetzt waren und sich hier und da sogar ein Funken Blau zeigte. Sie spielte mit dem Feuer, und jede ihrer inneren Alarmsirenen schrillte.

Hör auf.

Halte dich fern.

Geh nach Hause.

Aber tat sie etwas davon? Nein, tat sie nicht. Stattdessen erwiderte sie Finns Lächeln. „Wenn ich dir beibringe, wie man Spaß hat, könnte das all deine Erwartungen übertreffen.“

„Daran habe ich keine Zweifel“, murmelte er, und damit war es auch um die andere Hälfte ihrer Gehirnzellen geschehen.

3. Kapitel

#GoBigOrGoHome

Erst als Finn verschwand, um einer seiner Kellerinnen zu helfen, atmete Pru zitternd aus. Man nennt mich die Spaßflüsterin? Sie schlug sich mit der Hand vor die Stirn, aber das brachte sie auch nicht zur Vernunft. Also drehte sie sich um, befahl ihren Hormonen, die Düsentriebwerke wieder auszuschalten, und ließ den Blick durch den Pub schweifen.

Sofort wurde sie ans andere Ende der Bar gewinkt. Sie hatte bei Betreten des Pubs gar nicht darauf geachtet, wer dort saß, weil sie ausschließlich auf Finn fixiert gewesen war.

Jenes Ende der Bar war inoffiziell für jene reserviert, die in ihrem Haus lebten und arbeiteten. Dort saß immer jemand, den man kannte und mit dem man zusammen essen oder trinken und plaudern konnte.

An diesem Abend war dieser Jemand Willa, die Inhaberin der South-Bark-Zoohandlung, einem Fachgeschäft für alles rund ums Haustier im Erdgeschoss der südwestlichen Ecke des Gebäudes.

Willa musterte die immer noch klatschnasse Pru und schob ihr wortlos einen Teller mit Chickenwings hin.

„Du kannst Gedanken lesen“, sagte Pru und ließ sich auf den Barhocker neben ihr gleiten.

Willa lachte über das quatschende nasse Geräusch, als Pru sich setzte. „Wenn man in einer Stadt lebt, die nur aus Hügeln, Regen und durchweichten Regenbogenfahnen besteht, lernt man sehr schnell, was wirklich Wert hat: ein Regenschirm, der noch all seine Speichen hat … und ein Mann, der an ein Happy End glaubt.“

Pru lachte. „Sag bloß, du glaubst an Märchen.“

Willa lächelte, und ihre grünen Augen funkelten. Wenn man sie so ansah, mit ihren stufig geschnittenen erdbeerroten Haaren, die ihr hübsches Gesicht umrahmten, und ihrer zierlichen kurvigen Figur, sah sie so aus, als sei sie direkt einem Märchen entsprungen und würde gleich ihren Zauberstab schwingen. „Du glaubst also nicht, dass irgendwo da draußen der Richtige auf dich wartet?“

Pru biss herzhaft in einen Chickenwing und stöhnte selig. Dann leckte sie sich ein bisschen Soße vom Daumen. „Ich vermute, ich hätte mehr Glück, wenn ich ein Einhorn suche.“

„Du könntest es dir wünschen – am Springbrunnen“, meinte Willa.

Der Springbrunnen im Hof hatte einen gewissen Ruf, um den offenbar auch die Frau, der sie vorhin begegnet war, wusste. Das 1928 erbaute vierstöckige Gebäude war ursprünglich um den Springbrunnen herum errichtet worden. Den hatte es schon fünfzig Jahre zuvor im Cow Hollow District gegeben, als diese Gegend von San Francisco noch sehr nach Wildem Westen aussah, mit jeder Menge Milchgeschäfte und umherziehender Rinder.

Damals hatten nur die Tüchtigen überlebt. Und die Verzweifelten. Daraus war der Mythos entstanden, dass der Springbrunnen Wünsche erfüllte: Wurde der Wunsch in tiefster Verzweiflung und aus ehrlichem Herzen ausgesprochen, dann schenkte der Brunnen einem die wahre Liebe auf unerwartete Weise.

In den letzten knapp hundertfünfzig Jahren war das gerade oft genug geschehen, um aus dem Mythos eine berühmt berüchtigte Legende zu machen.

Eine kräftige Hand stellte einen Wassermelonen-Mojito-Cocktail vor ihr ab, der ihr das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ. Die Muskeln in Finns Unterarm bewegten sich eindrucksvoll unter seiner Haut. Pru hielt ihre Augen einen Moment lang auf das Glas vor sich gerichtet, bevor es ihr gelang, zu Finn hochzuschauen. „Danke.“

„Probier ihn.“

Sie gehorchte. „Oh, mein Gott“, murmelte sie, während ihr pures Wohlbehagen durch die Adern floss. „Was ist da drin?“

Er lächelte geheimnisvoll, und tief in ihrem Inneren tat sich etwas Warmes und Wundervolles.

„Geheimrezept“, erwiderte er, während sie ihn immer noch anstarrte. Dann wandte er sich Willa zu. „Und hier ist dein Irish Coffee.“

Willa quietschte vergnügt angesichts der auf dem Glas aufgetürmten Schlagsahne und sprang auf, um Finn kräftig zu umarmen.

Pru wusste, dass die beiden eng befreundet waren, das zeigte sich nicht zuletzt in ihrem vertrauten Umgang miteinander. Nach einer sexuellen Beziehung sah es jedoch überhaupt nicht aus, also gab es auch keinen Grund zur Eifersucht. Allerdings war Finn anzumerken, dass er Willa gegenüber keine Selbstschutz-Barrieren hatte, und das ließ Pru ein wenig neidisch werden.

Finn wartete, bis Willa wieder saß und sich ihrem Drink widmete, bevor er weitersprach. „Dein Mädchen Cara hat gestern Abend versucht, Sean einen Drink abzuschwatzen.“

Willa, die gerade einen Löffel Schlagsahne in den Mund geschoben hatte, zog eine Grimasse. In ihrem Laden arbeiteten abwechselnd drei bis vier Angestellte, allesamt in irgendeiner Form „gerettet“ und einige von ihnen noch minderjährig. „Hat sie einen gefälschten Ausweis vorgezeigt?“

„Genau“, sagte Finn. „Sean hat ihn auf meinen Befehl zerschnitten.“

Willa seufzte. „Ich wette, das kam wahnsinnig gut an.“

Finn zuckte mit den Schultern. „Wir haben das schon hinbekommen.“

Willa griff nach seiner Hand und drückte sie. „Danke.“

Finn nickte und wandte seine Aufmerksamkeit wieder Pru zu, die bereits ein Drittel ihres Drinks intus hatte. „Brauchst du noch eine Portion Chickenwings für dich?“

Was sie brauchte, beinhaltete keine Kalorien. Eher schon eine Lobotomie. „Ja, bitte.“

„Wird dir langsam wärmer?“

Ja, aber das hatte womöglich mehr mit der Wärme in seinem Blick als mit der Raumtemperatur zu tun. „So ganz allmählich“, stieß sie mühsam hervor.

Ein kaum merkliches Lächeln spielte um seine Mundwinkel.

Freundliches Geplauder, mehr ist es nicht, rief sie sich in Erinnerung. Sie waren nichts weiter als flüchtige Bekannte, die zufällig zur selben Zeit am selben Ort waren.

Also abgesehen davon, dass sie keineswegs zufällig hier war. Finn wusste das nur nicht.

Noch nicht.

Irgendwann würde sie es ihm sagen müssen, denn das hier war kein Märchen. Sie würde es ihm auf jeden Fall sagen. Doch für gewöhnlich lebte sie nach der Devise: je später, desto besser.

Als ihr bewusst wurde, dass Finn sie beobachtete, wand sie sich auf ihrem Sitz. Plötzlich war sie sehr damit beschäftigt, überallhin zu schauen, nur nicht direkt in seine Augen, denn diese brachten sie dazu, an bestimmte Dinge zu denken. Dinge, bei denen ihre Brustwarzen sich hoffnungsvoll aufrichteten.

Dinge, die nicht passieren durften.

Als wüsste er, was er durch seinen Blick mit ihr anstellen konnte – oder halt, vielleicht lag es auch nur daran, dass ihre nasse weiße Bluse nicht allzu viel verbarg –, zuckte es um seine Mundwinkel.

Im selben Moment fiel ihr auf, dass Willa aufgehört hatte zu essen und sie beide anstarrte, während sie einander anstarrten. Als Willa den Mund öffnete, um etwas zu sagen, etwas, von dem Pru sehr sicher war, dass sie nicht wollte, dass es in Gegenwart von Finn ausgesprochen wurde, beeilte sie sich, ihrer Freundin zuvorzukommen. „Wenn ich’s mir recht überlege – könnte ich eine doppelte Portion Chickenwings haben?“

„Natürlich“, sagte Finns Mund.

Hör auf, ihm auf den Mund zu starren! Sie zwang sich, ihm stattdessen in die Augen zu schauen, in diese tiefen, dunklen moosgrünen Augen – und kam damit abermals vom Regen in die Traufe. „Oh, ich glaube, das ist mein Telefon …“ Sie begann in ihrer Tasche zu kramen, bekam das Mobiltelefon zu fassen, zog es heraus und starrte aufs Display.

Nichts. Es war schwarz.

Verdammt noch mal.

Finn lächelte und ging davon in Richtung Küche.

„Sehr lässig“, meinte Willa und schlürfte ihren Irish Coffee.

Pru bedeckte ihr Gesicht mit den Händen, spähte aber zwischen ihren Fingern hindurch und sah Finn nach. Sie redete sich ein, dass ihre verrückte Reaktion auf ihn sie völlig verlegen machte; in Wahrheit aber wollte sie ganz einfach nur seinen tollen Hintern bewundern.

„Huh“, sagte Willa.

„Nein“, widersprach Pru. „Da gibt’s kein Huh.“

„Ach, Süße, da gibt es ein ganz gewaltiges Huh“, erwiderte Willa. „Ich habe den ganzen Tag mit Hunden und Katzen zu tun und beherrsche die Sprache der Augen fließend. Was hier gerade passiert, ist sehr beredt. Deine Blicke sagen sehr deutlich, dass du ihn f…“

Pru deutete drohend auf sie, schnappte sich das letzte Stück der Chickenwings und stopfte es sich in den Mund.

Willa feixte in sich hinein. „Weißt du, es ist sehr lange her, dass ich gesehen habe, dass Finn eine Frau so anschaut, wie er dich gerade angeschaut hat. Sehr, sehr lange.“

Frag nicht. Frag nicht! „Warum ist das so?“ Erschrocken hielt sie sich die Hand vor den Mund. Nahm die Hand weg. Bedeckte den Mund erneut.

Willa wartete, ihre Augen funkelten. „Nicht dass es keinen Spaß machen würde, das zu beobachten, aber hast du deine Diskussion mit dir selbst jetzt beendet?“

Pru seufzte. „Ja.“

„Finn hat eine Menge um die Ohren. Es ist in der heutigen Wirtschaftslage nicht leicht, einen Pub über Wasser zu halten. Außerdem ist er dabei, nach und nach das Haus seiner Großeltern zu renovieren, damit er es verkaufen und aus der Stadt fortziehen kann …“

Pru blieb das Herz stehen, und sie schluckte einen großen Bissen ihrer Chickenwings. „Er will fort aus San Francisco?“

„Er will nicht länger hier wohnen. Arbeiten schon, er liebt den Pub, aber er möchte an einem ruhigeren Ort leben und sich einen großen faulen Hund zulegen. Und dann ist da noch die Sache, die ihn die meiste Zeit kostet: aufpassen, dass Sean nicht vom rechten Weg abkommt. Nimm das alles zusammen, und du siehst, es bleibt keine Zeit …“

„Für die Liebe?“

„Nun, ich wollte sagen, um jemanden flachzulegen“, erwiderte Willa. „Aber ja, für die Liebe erst recht nicht.“

Pru wandte den Kopf und sah Finn bei der Arbeit zu, wie er sich um seine Angestellten kümmerte, um seine Gäste, um seinen Bruder …

Und wer kümmert sich um ihn? Wer kümmerte sich um ihn, während er sich den Arsch aufriss, den ganzen Laden schmiss und es obendrein aussehen ließ, als wäre das alles ein Kinderspiel?

Sie wusste, dass es nicht an zu wenig Zeit lag. Es lag an dem, was vor acht Jahren geschehen war. Da war er gerade mal einundzwanzig gewesen. Ihr Magen zog sich zusammen, doch sie aß trotzdem ihren ganzen Teller Chickenwings leer, als sie ihr serviert wurden.

Eine Stunde später verließ sie die Bar, trocken und vollgefressen. Es war Nacht geworden, der Regen hatte nachgelassen, die meisten Wolken hatten sich aufgelöst, und eine schmale Mondsichel erhellte ihr den Weg. Jetzt war der Innenhof weitgehend leer, und kühle Luft streichelte ihre Haut. Blumentöpfe hingen an Haken von den Backsteinmauern und den schmiedeeisernen Geländern um den Hof. Tagsüber lag der Duft der Blumen schwer in der Luft, aber jetzt konnte sie nur die salzige Meeresbrise riechen.

Nur wenige Leute liefen über den Hof. Sie kamen entweder aus dem Pub, oder sie nahmen die Abkürzung zur Straße und ins Nachtleben, das Cow Hollow und die Gegend um den Jachthafen zu bieten hatten. Hier kam der Verkehrslärm nur gedämpft an, was auch an den Wasserkaskaden des Springbrunnens lag, die auf die weite runde Kupferkuppel niederprasselten, welche schon lange grün-schwarz angelaufen war. Eine Steinbank lud all jene zum Verweilen ein, die den Anblick und das melodische Plätschern des Wassers genießen wollten.

Pru blieb stehen und starrte auf die Münzen, die im Becken des Springbrunnens glitzerten. Was hatte die Frau vorhin gesagt? Für die Liebe ist es nie zu spät …

Aus einer plötzlichen Eingebung heraus kramte sie in ihrer Geldbörse herum und suchte nach den Münzen für den Waschsalon. Sie nahm ein Zehncentstück in die Hand und starrte ins Wasser. Wer hier einen Wunsch in tiefster Verzweiflung und mit ehrlichem Herzen ausspricht, dem wird die wahre Liebe auf unerwartete Weise zuteil.

Nun, verzweifelt genug war sie. Hatte sie auch ein ehrliches Herz? Sie legte ihre Hand darauf, weil es dort wehtat, aber das konnte auch an den scharf gewürzten Chickenwings liegen.

Doch eigentlich spielte das gar keine Rolle, schließlich wollte sie keinen Wunsch für sich selbst aussprechen, sondern jemand anderem die wahre Liebe wünschen. Einem Mann, der sie nicht kannte, jedenfalls nicht richtig, und dem sie dennoch viel mehr schuldete, als er jemals erfahren würde.

Finn.

Sie schloss die Augen und schickte ihren Wunsch an … nun ja, wer auch immer ihn entgegennahm. Die Springbrunnenfee?

Die Karmafee?

Die Zahnfee?

Bitte, flehte sie in Gedanken, bitte bringe Finn die große Liebe, denn er verdient so viel mehr Glück, als er bekommen hat. Und dann warf sie ihre Münze ins Wasser.

„Ich hoffe, du triffst ihn.“

Pru schnappte nach Luft und drehte sich blitzschnell um … Der Alte stand hinter ihr.

„Wie heißt er denn?“, fragte er.

„Oh“, erwiderte sie leise lachend. „Der Wunsch war nicht für mich.“

„Schade“, sagte er. „Obwohl es in Wahrheit ja gar nicht funktioniert. Aber das weißt du, nicht wahr? Es ist nur eine Werbemasche der Geschäfte hier im Pacific-Pier-Gebäude, die Laufkundschaft anziehen soll.“

„Ich weiß“, antwortete Pru und kreuzte zugleich ihre Finger. Bitte, lass ihn sich irren …

„Ich habe es einmal versucht“, sagte er. „Ich habe mir gewünscht, dass meine erste Liebe zu mir zurückkommt. Aber Red ist immer noch mausetot.“

„Oh“, entfuhr es Pru. „Das tut mir so leid.“

Er zuckte die Achseln. „Sie hat mir zwölf wundervolle Jahre geschenkt. Das Essen mit mir geteilt, mein Bett und überhaupt alles. Schlief jede Nacht bei mir und hat mich bewacht wie keine andere.“ Er lächelte. „Sie hat mir ihre Beute gebracht, die sie selbst gejagt hatte, wenn wir Hunger hatten. Überallhin ist sie mir gefolgt. Teufel noch mal, es hat ihr nicht mal was ausgemacht, wenn ich eine andere Frau mit nach Hause brachte.“

Überrascht blinzelte Pru. „Das ist … wirklich nett?“

„Ja. Sie war der beste Hund, den man sich vorstellen kann.“

Pru holte aus, um spielerisch nach ihm zu schlagen, und er grinste frech. „Schäm dich nicht dafür, auch dir selbst die große Liebe zu wünschen, Süße“, sagte er. „Jeder verdient das. Und wer immer er ist, ich hoffe, er ist es wert.“

„Nein, wirklich, es ist nicht …“

„Oder sie“, warf er ein und hob beide Hände. „Ich urteile nicht. Wir halten alle zusammen, du weißt doch, wovon ich rede? Nimm zum Beispiel Tim, den Barista in der Coffeebar. Als er beschloss, vor ein paar Jahren zu Tina zu werden, hat niemand mit der Wimper gezuckt. Na ja, okay, ich schon zuerst“, gab er zu. „Aber nur, weil sie jetzt so höllisch sexy ist. Ich meine, wer weiß?“

Pru nickte. Tina hatte ihr jetzt seit drei Wochen fast jeden Morgen Kaffee gemacht, und nicht nur, dass sie die besten Muffins von ganz San Francisco fabrizierte, sie war in der Tat höllisch sexy. „Trotzdem wünsche ich mir nichts für mich. Ich wünsche mir etwas für jemand anderen. Für jemand, der das eher verdient als ich.“

„Na dann“, meinte er und klopfte seine Taschen ab. Er fand einen Vierteldollar und warf ihn ihrem Zehncentstück hinterher. „Kann nie schaden, den Einsatz zu erhöhen.“

4. Kapitel

#CarefulWhatYouWishFor

Zwei Tage später saß Finn an seinem Schreibtisch und hämmerte auf die Tastatur seines Laptops ein. Er musste versuchen herauszufinden, womit Sean ihre Bücher so völlig durcheinandergebracht hatte. Gleichzeitig ließ er seiner Fantasie in Bezug auf eine ungemein aufregende, anbetungswürdige Spaßflüsterin freien Lauf und stellte sich vor, wie es wäre, wenn sie seine Spaßflüsterin sein könnte. Im Multitasking war er richtig gut.

Er mochte ihr freches Lächeln. Ihre Lockerheit. Und vor allem ihre ellenlangen Beine …

Als er sich gerade ausmalte, wie sie eben diese Beine um ihn schlang, fand er das Problem.

Sean hatte irgendetwas mit der Gehaltsliste angestellt, was dazu führte, dass alle Angestellten fünfzig Prozent mehr ausbezahlt bekamen, als ihnen zustand. Finn rieb sich die müden Augen und schob seinen Schreibtischstuhl vom Tisch zurück. „Erledigt“, sagte er. „Hab den Fehler gefunden. Irgendwie hast du es geschafft, die Gehälter auf hundertfünfzig Prozent zu erhöhen.“

Sean sagte nichts, und Finn atmete tief aus. Er wusste, dass er manchmal zu chefmäßig agierte und darüber vergaß, Sean ein älterer Bruder zu sein. „Sieh mal“, sagte er, „das hätte jedem passieren können. Nimm’s also nicht so schwer …“

Ein leises Schnarchen hinter ihm ließ ihn verstummen. Er drehte den Kopf und fluchte.

Sean lag lang gestreckt auf der Couch, ein Bein auf dem Boden, die Arme ausgebreitet, sein Mund stand offen, und er befand sich im Tiefschlaf.

Finn erhob sich, ging zu ihm und musste sich sehr zusammenreißen, nur nach dem Fuß seines Bruders zu treten und nicht nach seinem Kopf.

Sean setzte sich aufrecht hin und murmelte: „Ja, Baby, so ist es perfekt …“ Als er bemerkte, dass Finn vor ihm stand, sackte er in sich zusammen und strich sich mit der Hand übers Gesicht. „Verdammt noch mal, Mann. Du hast mich gerade beim Ficken mit Anna Kendrick unterbrochen.“

Anna Kendrick war sexy, aber nichts im Vergleich zu Pru Harris. „Du hast nicht das Recht zu schlafen, während ich dir in den Arsch trete.“

Sean versuchte gar nicht erst, darauf einzugehen, dass Finn ihm in den Arsch treten konnte und das auch schon oft getan hatte. „Anna Kendrick“, wiederholte er einfach nur zutiefst niedergeschlagen.

„Nicht deine Kragenweite. Und warum zum Teufel schläfst du nicht in deinem eigenen Büro? Oder besser noch, zu Hause?“

Zu Hause, das war das viktorianische Reihenhaus, das sie gemeinsam in Pacific Heights bewohnten, etwa eine halbe Meile einen der berühmten Hügel von San Francisco hinauf.

„In meinem Bett weiß ich Besseres zu tun, als zu schlafen“, grummelte Sean und gähnte. „Was willst du überhaupt? Ich habe mein Zimmer aufgeräumt und mich hinter den Ohren gewaschen, Mom.“

„Ich bin nicht deine verdammte Mom.“

Diese Bemerkung trug ihm nur ein unflätiges Schnauben ein. Ob das nun daran lag, dass Finn für Sean tatsächlich die verdammte Mom gewesen war, seitdem diese sie im Alter von drei und zehn verlassen hatte, oder daran, dass Finn als Einziger von beiden über einen Funken Vernunft verfügte, spielte keine Rolle.

„Konzentrier dich“, sagte Sean zu seinem zweiundzwanzigjährigen Bruder, der die Reife eines Sechzehnjährigen besaß. „Ich habe den Fehler gefunden, den du in der Gehaltsliste gemacht hast. Irgendwie hast du es geschafft, jedem das Gehalt auf hundertfünfzig Prozent zu erhöhen.“

„Oh Shit.“ Sean ließ sich auf die Couch zurückfallen und schloss wieder die Augen. „Anfängerfehler.“

„Das ist alles?“, fragte Finn. „Einfach nur: Oh Shit, Anfängerfehler?“ Er spürte, wie sein eines Augenlid zu zucken begann. „Das hier ist eine verdammte Partnerschaft, Sean, und du musst langsam anfangen, dich entsprechend zu verhalten. Ich schaffe das nicht allein.“

„Hey, ich habe dir doch gesagt, dass ich nicht hinter einen Schreibtisch gehöre. Meine Stärke liegt im Kontakt mit den Gästen, und das weißt du genauso gut wie ich.“

Finn starrte ihn an. „Es gehört mehr dazu, diesen Laden erfolgreich zu führen, als die Leute zum Lächeln zu bringen.“

Sean öffnete ein Auge. „Wenn ich mich nicht jeden Abend abrackern würde, um alle zu bezaubern und dafür zu sorgen, dass sie ihren Spaß haben, dann gäbe es keine Gehaltsliste, die man durcheinanderbringen kann.“

„Du glaubst also, das ist alles, wozu dieser Pub dient: Spaß zu haben?“

„Ja klar.“ Sean reckte seinen langen schlaksigen Körper und verschränkte die Arme unter seinem Kopf. „Wozu sollte er denn sonst gut sein?“

Finn drückte die Finger auf sein zuckendes Augenlid. Was hatte er eigentlich erwartet? Mit einundzwanzig war er auch kein bisschen vernünftiger gewesen. Und dann hatte er sich plötzlich in der Verantwortung für seinen vierzehnjährigen Bruder gesehen, als sein Dad bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war. Es war die reinste Hölle gewesen, aber schließlich hatte Finn es um seiner selbst und um Seans willen geschafft, die Kurve zu kriegen. Er hatte keine Wahl gehabt.

Als Sean letztes Jahr einundzwanzig geworden war, hatten sie den Pub eröffnet, um sich eine tragfähige Existenz aufzubauen. Und wenn Finn daneben das Ziel verfolgt hatte, bei Sean Interesse an etwas, irgendetwas, zu wecken, dann konnte er sich jetzt kaum darüber beklagen, dass sein Bruder glaubte, das Leben bestehe nur aus Spaß und Spiel.

„Unseren Lebensunterhalt zu verdienen?“, fragte Finn. „Du weißt schon, um diese lästigen Kleinigkeiten wie Hauskosten, Essen und zum Beispiel deine Studiengebühren zu bezahlen. Was bist du jetzt? Zum dritten Mal Student im zweiten Studienjahr?“

„Zum vierten Mal, glaube ich.“ Sean lächelte, aber sein Lächeln geriet ins Wanken, als es von Finn nicht erwidert wurde. „Hey, ich versuche immer noch, meine Berufung zu finden. Dieses Jahr klappt es vermutlich. Spätestens nächstes Jahr. Und dann fangen endlich die guten Zeiten an.“

„Im Gegensatz zu dem, was du jetzt tust?“

„Komm schon, wir reißen uns den Arsch auf.“

„Du arbeitest Teilzeit in einem Pub, Sean. Schon von der Definition her bedeutet das, dass du jeden Tag deinen Spaß hast.“

Sean schnaubte abfällig. „Mach mal halblang, Mann, deine Definition von Spaß müssen wir unbedingt korrigieren. Du bist rund um die Uhr sieben Tage die Woche im Einsatz. Du solltest Trouble erlauben, dir zu zeigen, was dir entgeht. Sie ist süß, und vor allem ist sie zu allem bereit.“

„Trouble?“

„Ja, Mann. Die neue Braut. Sag jetzt nicht, sie wäre dir nicht aufgefallen. Du hast ihr eine alkoholfreie Version unseres Abend-Specials gemacht. Das tust du sonst für niemanden.“

Das stimmte. Und es stimmte auch, dass er sich von Prus warmen, glänzend braunen Augen angezogen fühlte. Sie passten zu ihren schimmernden, langen braunen Locken. Und dann war da noch ihr Lachen, das scheinbar jedes Mal Pawlows Theorie bestätigte. Außer dass Finn nicht anfing zu sabbern, wenn er es hörte …

„Wusstest du, dass sie Kapitänin eines Schiffes ist?“, fragte Sean. „Ich meine, das ist schon ganz schön krass.“

Ja, das war es. Sie fuhr einen der Ausflugsdampfer von SF Bay Tours, die von Pier 39 ablegten. Ein harter Job, um es milde auszudrücken. Was Finn daran am besten gefiel, war ihre Uniform. Eine taillierte weiße Kapitänsbluse, eine dunkelblaue Hose, die perfekt an ihrem süßen Hintern saß, und robuste Arbeitsstiefel – all das hatte ihm in den letzten drei Wochen mehr als nur ein paar ausgesprochen schweinische Tagträume beschert.

Nie würde er vergessen, wie er sie das erste Mal gesehen hatte. Das war bei ihrem Einzug gewesen. Sie war über den Innenhof gegangen, einen schweren Karton im Arm. Ihre Beine waren so lang, dass sie die Strecke förmlich fraßen, und die süßen Kurven ihres geschmeidigen Körpers hatten ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen. Ihre langen Locken hatte sie hochgesteckt gehabt – ohne sie allerdings wirklich bändigen zu können, etliche Strähnen hatten ihr ins Gesicht gehangen.

Ja, sie war ihm sofort aufgefallen, und obwohl sie oft an dem Ende der Bar saß, das er für seine engsten Freunde reserviert hatte, hatte er bis vor zwei Abenden noch nicht viel mit ihr geredet.

„Sie hat dir angeboten, sich mit dir ins Vergnügen zu stürzen, und du hast abgelehnt“, fuhr Sean kopfschüttelnd in gespielter Trauer fort. „Und du nennst dich den älteren Bruder. Aber ja, vermutlich hast du recht daran getan abzulehnen. Sie hätte ihre Mühe eh umsonst an dich verschwendet, da du ja offensichtlich kein Interesse an irgendetwas hast, was auch nur im Entferntesten vergnüglich sein könnte.“

„Ich habe nicht abgelehnt.“

„Rundheraus, Dummkopf.“

Finn hoffte aus tiefstem Herzen, dass Pru ihn nicht so verstanden hatte, denn er hatte es auf gar keinen Fall so gemeint. „Ich hatte zu tun.“

„Wie immer“, sagte Sean. „Hör mal, Schnösel …“ Er stand auf und streckte sich noch einmal. „Das hat zwar Spaß gemacht, aber ich muss jetzt los. Die anderen wandern heute zu den Twin Peaks hoch. Wer zuerst oben ankommt, darf als Erster jemanden in seine Fantasie-Footballmannschaft wählen. Du solltest mitkommen.“

„Ich habe letztes Jahr gewonnen.“

„Genau. Und das heißt, wir würden alles tun, um dich vom Weg zu schubsen und deinen Aufstieg zu sabotieren. Du solltest also auf jeden Fall mitkommen.“

„Wow, das klingt wirklich nach Spaß“, sagte Finn. „Aber da wäre noch das …“ Er deutete auf seinen Schreibtisch und den Berg Arbeit, der sich darauf stapelte.

Sean verdrehte die Augen. „Weißt du, was du wirst, wenn du immer nur arbeitest und nie Spaß hast?“

„Nicht arm?“

„Ha. Ich wollte sagen, nie flachgelegt.“

Das entsprach leider den Tatsachen, aber Finn wandte sich wieder seinem Schreibtisch zu. „Viel Erfolg!“

„Danke, werd ich haben.“

5. Kapitel

#DidIDoThat?

Stunden später, als Sean glühend, verschwitzt und grinsend nach Hause kam, saß Finn noch immer an seinem Schreibtisch. Sean schnappte sich Finns eisgekühlte Limonade und stürzte sie in drei Schlucken hinunter. „Erfolg gehabt“, verkündete er.

„Nie und nimmer hast du Archer geschlagen“, widersprach Finn. Niemand schlug Archer, wenn es um sportliche Aktivitäten ging. Der Mann war eine Maschine.

„Nein, aber ich bin Zweiter geworden.“

Annie, eine der drei Kellnerinnen, die heute Abend Dienst hatten, schaute zur Tür herein. „Vorn wird es langsam voll“, informierte sie die beiden.

„Ich stehe hinter dir, Süße“, meinte Sean und stellte Finns inzwischen leeres Glas auf den Schreibtisch zurück. „Immer.“

Annie lächelte ihn verträumt an.

Sean zwinkerte ihr zu und verließ das Büro, bevor Finn ihn an ihre eiserne Regel erinnern konnte. Niemals mit Angestellten schlafen! In sich hineinfluchend schnappte Finn sich sein iPad und folgte ihm. Eigentlich hatte er eine Warenbestandsaufnahme machen wollen, wurde aber sofort ans Ende der Bar gewinkt.

Dort saßen ein paar seiner engsten Freunde, die meisten von ihnen seit Jahren auf die eine oder andere Weise miteinander verbunden.

Archer hob schweigend sein Bier zum Gruß. Der ehemalige Polizist arbeitete im zweiten Stock des Gebäudes, wo er eine private Sicherheits- und Ermittlungsfirma leitete. Er und Finn kannten sich bereits seit der Mittelstufe, und sie hatten gemeinsam das College besucht. Es war Archer gewesen, der ihm in ihrer gemeinsamen Studentenbude Gesellschaft geleistet hatte an dem Abend, als die Polizisten an der Tür klingelten – nicht weil Finn bei einer Dummheit erwischt, sondern weil sein Dad gerade ums Leben gekommen war.

Neben Archer saß Willa. Herrisch, neugierig und loyal würde Willa auch einem Fremden ihr letztes Hemd geben, wenn Finn und Archer nicht mit Argusaugen über sie wachen würden.

Auch Spencer war da. Der Mechaniker sagte nicht viel, aber wenn er mal den Mund aufmachte, dann war das, was dabei herauskam, oft so gründlich durchdacht, dass alle anderen ihn nur geschockt und ehrfürchtig anstarrten. Still, dabei aber weder besonders schüchtern noch introvertiert, hatte er sein Start-up-Unternehmen erst kürzlich für eine nicht genannte Summe verkauft und sich noch nicht entschieden, was er als Nächstes tun wollte. Finn wusste nur eines, nämlich, dass er eindeutig unglücklich war.

Da ein Versuch, Spence zu bedrängen, ähnliche Erfolgsaussichten hatte wie der Versuch, eine sechs Meter breite Betonmauer umzuwerfen, hatten sie einstimmig beschlossen, ihn vorerst in Ruhe zu lassen. Finn wusste, dass er darüber reden würde, wenn er so weit war, und nichts konnte diesen Prozess beschleunigen. Außerdem schien es ihm im Augenblick recht gut zu gehen oder zumindest nicht ganz so schlecht. Jedenfalls mopste er heimlich Pommes frites von Elles Teller.

Elle war neu in der Gruppe, war aber von allen bis auf Archer sofort akzeptiert worden. Finn wusste nicht, was los war, aber die beiden gingen einander aus dem Weg, soweit es nur irgend ging. Bis auf Elle trugen alle Shorts und T-Shirts, waren ein bisschen verschwitzt und über und über mit Staub bedeckt. Elle war nicht mit wandern gewesen. Dinge, bei denen sie schmutzig werden konnte, kamen für sie nicht infrage. Wanderungen auch nicht. Todschick zurechtgemacht wie immer, trug sie ein königsblaues ärmelloses Etuikleid und schlug lässig nach Spencers Hand, als diese sich wieder ihren Pommes frites näherte.

Er grinste entschuldigend, aber kaum drehte Elle ihm den Rücken zu, stibitzte er die nächsten Pommes. Nur Spence konnte sich das erlauben und am Leben bleiben.

Haley war auch da. Sie arbeitete als Praktikantin im Optikerladen im Erdgeschoss des Gebäudes. Finns Blick wanderte jedoch direkt zu der letzten Person, die dort saß und genauso staubbedeckt war wie alle außer Elle.

Pru.

„Hast du dich zu der Wanderung zu den Twin Peaks verleiten lassen?“

Sie lächelte wie jemand, der unglaublich stolz auf sich war.

Er grinste zurück. „Vierte geworden?“, fragte er.

Ihr Lächeln wurde noch breiter. „Dritte.“

Oha. Finn wandte sich Spence zu, der nur mit den Schultern zuckte. „Auf dem Weg nach oben habe ich mir ausgerechnet, wer wen in seine Mannschaft wählen würde“, sagte Spence. „Ich brauchte also nur Vierter zu werden und sah keine Veranlassung, mich zu verausgaben.“

„Das hast du dir auf dem Weg dorthin ausgerechnet?“, fragte Finn zurück. Er war beeindruckt.

„Um ehrlich zu sein, das hatte ich mir schon ausgerechnet, bevor wir überhaupt losgegangen sind.“

Elle sah Spence an. „Weißt du noch, dass du mich gebeten hast, dich darauf aufmerksam zu machen, wenn du dich benimmst wie das Kind, mit dem niemand befreundet sein möchte?“

Spence grinste nur und mopste sich ein weiteres Stück Pommes frites.

„Sie wirkt so zart“, meinte Willa und deutete mit dem Daumen auf Pru. „Ich war mir absolut sicher, sie zu schlagen.“ Sie schüttelte den Kopf. „Aber sie hat mich links liegen lassen.“

„Du wanderst viel?“, fragte Finn.

„Früher mal, jetzt nicht mehr“, meinte Pru, zuckte mit den Schultern und nippte an ihrem Mineralwasser. „Ich hab keine Zeit“, fügte sie fast schüchtern hinzu, „bin völlig aus der Übung.“

Archer lachte. „Glaub ihr kein Wort. Dieses Mädchen kann richtig loslegen, wenn sie ein Ziel hat, und offenbar nimmt sie ihr Fantasie-Footballteam ernst. Du hättest diese langen Beine in Aktion sehen sollen.“

Oh, das hatte Finn! In seinen sexuellen Fantasien.

„Warum bist du nicht mitgekommen?“, fragte sie. „Wolltest du deine langen Beine nicht zeigen?“

Archer verschluckte sich an seinem Bier. „Ich mag sie“, erklärte er.

Finn wandte den Blick nicht von Pru. In ihren Augen tanzte Belustigung, was sehr gut zu der Schmutzspur an ihrem Kinn passte. Eine weitere zog sich über ihren Oberkörper, vor allem über ihre linke Brust. „Ich habe hervorragende Beine“, sagte er.

Autor

Jill Shalvis
New York Times-Bestsellerautorin Jill Shalvis lebt in einer Kleinstadt in Sierras, voller verschrobener Mitmenschen. Jegliche Ähnlichkeit mit den Quirky Charakters in ihren Büchern ist, naja, meistens zufällig. Besuchen Sie sie auf ihrer Website www.jillshalvis.com, um mehr über Jills Bücher und ihre Abenteuer als Berge erklimmendes Stadtkinde zu lesen.
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