Mittsommerfest der Liebe

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Fröhlich klingt die Musik durch die helle Nacht. Buntes Treiben herrscht beim Mittsommerfest! Doch Gabrielle hat nur Augen für Sven, der sie beim Tanz in seinen Armen hält. Erfüllt sich heute Nacht ihr großer Traum - wird Sven sie endlich zärtlich küssen und sinnlich lieben?
  • Erscheinungstag 16.06.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733757588
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

„Es tut mir leid, Miss Hyssop, Ihr Vater bittet Sie, sich einen Augenblick zu gedulden“, sagte die Privatsekretärin höflich.

Gaby Hyssop lächelte. Ihr Vater hatte sie noch jedes Mal warten lassen und für solche Fälle seine Assistentinnen angewiesen, sie, Gaby, mit Zeitschriften zu versorgen – natürlich möglichst mit solchen, die einen schmeichelhaften Artikel über ihn brachten –, und ihr so ausgezeichneten Kaffee zu servieren, dass Gaby manchmal bereute, nach dem Besuch der Musikhochschule in London geblieben zu sein, anstatt, wie ihr Vater gewünscht hatte, zu ihm nach Los Angeles zu ziehen.

„Möchten Sie lesen?“, fragte die Sekretärin.

Gaby unterdrückte ein Lächeln. Auf dem Titel der angebotenen Zeitschrift war Michael Hyssop abgebildet, der berühmte Heilpraktiker, der den Arm um eine schmachtende Schönheit gelegt hatte. Diese Dame versuchte gerade ihr drittes Comeback, nachdem sie, eigenen Angaben zufolge, Alkoholikerin gewesen war. Aus der Sicht ihres Vaters gewiss ein zusätzlicher Reiz, dachte Gaby, denn vermutlich hatte er an der Genesung des Stars mitgewirkt.

„Danke sehr“, sagte sie ernst.

Die junge Assistentin lächelte erleichtert und kehrte an ihren Computerbildschirm zurück. Gaby ließ sich auf die bequeme Couch fallen, schob ihren langen, glänzenden kastanienbraunen Zopf über die Schulter und überflog den Artikel.

Sie erfuhr nicht viel Neues. Ihre Eltern waren beide Therapeuten, die mit alternativen Methoden arbeiteten, und besonders von ihrer Mutter hatte Gaby theoretisch viel gelernt. Anne war sehr an der tiefgreifenden Heilung ihrer Patienten interessiert und experimentierte viel. Michael dagegen führte eine erfolgreiche, sehr bekannte Praxis in Hollywood und trat häufig in den Medien auf. Die weltfremde Anne verachtete ihn dafür.

Gaby erinnerte sich nicht gern an die Zeit, als die Mutter ihren Vater vor einigen Jahren verlassen hatte und ihm in einem letzten qualvoll heftigen Streit vorgeworfen hatte, oberflächlich und nur auf Show bedacht zu sein. Dann verließ sie Los Angeles und kehrte mit Gaby, ihrem einzigen Kind, nach London zurück.

Nachdenklich betrachtete Gaby jetzt das Foto des Vaters. Er sah noch immer sehr gut aus, fand sie.

Das Telefon auf dem Schreibtisch der Assistentin klingelte. An dem herzlichen Ton der jungen Frau erkannte Gaby sogleich, mit wem sie sprach. Wirkte Michaels Charme sogar über das Telefon? Mit verträumtem Blick legte die Privatsekretärin den Hörer auf und sah Gaby an.

„Mr. Hyssop lässt fragen, ob Sie wohl einen richtigen amerikanischen Kaffee möchten?“

Gaby lachte. „Er ändert sich doch nie, wie?“, sagte sie liebevoll. „Nein, danke, ich lese lieber den Artikel zu Ende.“

Das Mädchen lächelte sie unsicher an und wandte sich wieder ihrer Arbeit zu. Gaby ergriff eine weitere Zeitschrift. Entweder Michael oder eine seiner Assistentinnen hatte den kleinen Absatz rot angestrichen. Ziemlich desinteressiert las Gaby:

Dr. Sven Hedberg, der bekannte Kopfchirurg, konsultiert derzeit Michel Hyssop, den Aromatherapeuten mit Starruhm. Dr. Hedberg, der eine international anerkannte Kapazität auf dem Gebiet der Kopfchirurgie ist, erlitt vergangenes Jahr in seiner Heimat Schweden einen tragischen Unfall. Seitdem leidet er gelegentlich unter einem Taubheitsgefühl in der rechten Hand und musste deshalb sein Operationsprogramm drastisch kürzen.

Michael Hyssop wurde große Anerkennung vonseiten des Ärzteverbandes zuteil, als er mit seiner ungewöhnlichen Heilmethode den linken Arm des bekannten Kampfsportartisten Sergei Josten rettete. Der Sechsundzwanzigjährige litt nach einem Unfall unter beständigem Zittern. Ärzte hatten jede Hoffnung auf Heilung aufgegeben.

Sven Hedberg, der dieses Semester in Kalifornien Vorlesungen hält, hofft vermutlich, dass Hyssop für ihn das gleiche tun kann.

Der neununddreißigjährige Dr. Hedberg gehörte als Student der schwedischen Skilanglauf-Olympiamannschaft an. Vielleicht hat er damals seine Vorliebe für international bekannte Schönheiten entdeckt. In seiner Heimat ist er jedenfalls einer der begehrtesten Junggesellen. In letzter Zeit sah man ihn häufig in Begleitung der bezaubernden Oriana Meadows. Hochzeitsglocken werden jedoch nicht läuten, denn der gut aussehende Sven Hedberg schätzt bekanntlich seine Freiheit.

Gaby wunderte sich, denn üblicherweise war es ihre Mutter, die mit Ärzten zusammenarbeitete. Michaels bevorzugte Patienten waren Hollywoodgrößen. Allerdings schien Sven Hedberg eine wesentlich schillerndere Persönlichkeit zu sein, als der langweilige kleine Dr. Bailey vom Kings College, der ihrer Mutter häufig Patienten überwies. Dr. Bailey war zwar einfühlsam und ein hingebungsvoller Arzt, doch Gaby konnte sich ihn kaum auf Skiern vorstellen. Vielleicht passte Dr. Hedberg doch ganz gut in Michaels Patientenkreis.

Wieder klingelte das Telefon, und die junge Assistentin nahm den Hörer ab. Plötzlich wurde ihre Miene besorgt. Die junge Frau entschuldigte sich bei Gaby und verließ das Zimmer.

Gaby legte die Zeitschrift beiseite und reckte sich. Ich sollte wirklich mehr üben, dachte sie und bewegte die Finger auf einer unsichtbaren Klaviertastatur. Da sie sich ihren Lebensunterhalt als Kellnerin verdienen musste, fehlte ihr oft die Zeit zu ernsthaftem Studium.

An drei Abenden in der Woche spielte sie außerdem Klavier in einem Restaurant im Londoner West End. Sie gab auch Klavierunterricht, doch jetzt, mit Beginn der Feriensaison, verreisten viele ihrer Schüler. Deshalb musste Gaby entweder häufiger als Kellnerin arbeiten oder öfter in Nachtklubs auftreten.

Ungeduldig stand sie auf. Es war wirklich alles ziemlich enttäuschend. Dabei machte ihre Karriere als Pianistin durchaus Fortschritte, brachte ihr aber leider nicht genügend Geld ein. Noch nicht, fügte sie in Gedanken hinzu, denn sie war eine geborene Optimistin.

Gelangweilt schlenderte Gaby durchs Zimmer, betrachtete die Bilder an den Wänden und blieb schließlich vor dem Schreibtisch der jungen Assistentin stehen. In dem aufgeschlagenen Terminkalender war der heutige Nachmittag durchgestrichen und ihr Name darübergeschrieben worden. Jemand hatte dennoch zwei Verabredungen eingetragen, eine davon mit einer Fernsehgesellschaft.

Anscheinend waren die Fernsehleute jetzt noch in Michaels Privaträumen. Er muss sich beeilen, dachte Gaby belustigt, denn bereits um vier Uhr dreißig wird Dr. S. Hedberg erwartet. Wie Michael Hyssop also noch Zeit für seine Tochter erübrigen wollte, war ihr ein Rätsel.

Jemand öffnete die Tür, und in der Annahme, man brächte ihr doch noch Kaffee, drehte Gaby sich um. Doch der Mann, der eintrat, trug einen erstklassig geschnittenen dunklen Anzug, der seine große, muskulöse Gestalt elegant betonte. Der Fremde hatte ein schmales, wohlproportioniertes Gesicht, einen gut geschnittenen Mund und sah fantastisch aus.

Obwohl sie ihm nichts ansehen konnte, glaubte Gaby zu spüren, dass der Mann maßlos zornig war, und wich unwillkürlich einen Schritt zurück.

In diesem Moment sah er sie an. Seine Augen waren grau wie die stürmische See und ebenso kalt. Sein abschätzender Blick machte Gaby nervös. Unsicher tastete sie, ob sich wieder einmal widerspenstige Haare aus dem Zopf gelöst hatten.

Der Mann mag mich nicht, dachte Gaby, die kalte Ablehnung von Fremden nicht gewöhnt war.

„Zu Michael Hyssop“, sagte der Fremde. „Ich habe eine Verabredung mit ihm. Die Rezeption hat mich hergeschickt.“

Das war also der Patient, der für vier Uhr dreißig bestellt war. Gaby sah auf die Eintragung im Terminkalender: Dr. S. Hedberg. Wieso kam ihr der Name so bekannt vor? Und weshalb machte der Mann einen so starken Eindruck auf sie?

Gaby nahm sich zusammen, lächelte und sagte: „Es tut mir leid, im Moment ist er beschäftigt, aber …“

Doch Dr. Hedberg wollte sich nicht abwimmeln lassen. Er war ungeduldig und zeigte es auch.

„Hyssop hat um die Unterredung gebeten, nicht ich. Ich habe keine Zeit zu verschenken. Sagen Sie ihm, ich werde genau fünf Minuten warten.“

Das Eisgrau seiner Augen war so ungewöhnlich intensiv, dass Gaby fröstelte. Verflixt, wo hatte sie nur den Namen schon gehört?

„Sie sind nicht das Mädchen vom letzten Mal“, bemerkte Dr. Hedberg. „Hat Hyssop etwa in jedem Hafen eine andere?“

Gaby errötete. „Was geht Sie das an?“, erwiderte sie heftig.

„Wenn Sie Hyssops übliche Assistentin wären, wüssten Sie, dass ich meine, was ich sage. Ich werde nicht warten, während er Hof hält. Morgen findet eine sehr wichtige Kopfchirurgenkonferenz statt, für die ich noch Unterlagen überbringen muss. Wenn Hyssop nicht sofort hier auftaucht, kann ich das schneller erledigen als geplant.“

Natürlich! Der Dr. Hedberg! Einen Moment siegte die Neugier über Gabys Empörung. Der Ski fahrende, freiheitsliebende Junggeselle Sven Hedberg! Nun, jetzt verstand Gaby, weshalb er unverheiratet war. Keine Frau würde es mit so einem Eisblock lange aushalten.

Er betrachtete sie ungeduldig. „Haben Sie mich nicht verstanden?“

Gaby nickte verblüfft. „Doch, aber …“

„Dann richten Sie es ihm einfach aus.“

„Das kann ich leider nicht. Wissen Sie …“ Sie blickte ihm ins Gesicht und erschrak. Der Mann war wirklich unerbittlich.

„Sie sollten es dennoch tun.“

Das klang wie eine Drohung, und Gaby straffte sich unwillkürlich. „Soviel ich weiß, haben Sie erst um vier Uhr dreißig einen Termin“, sagte sie kühl. „Sie sind also zu früh gekommen.“

„Hat Hyssop seine Meinung geändert?“, fragte er ärgerlich.

„Ich weiß nicht, was Sie meinen.“

Plötzlich sah er sie misstrauisch an. „Oder hat er etwa etwas anderes im Sinn?“

Verständnislos blickte Gaby ihn an, doch als Sven Hedberg kühl abschätzend ihre Figur betrachtete, begriff sie auf einmal.

„Eindrucksvoll“, sagte er. „Große braune Augen, makellose Haut und Haar wie Rapunzel“, sagte er sanft. Die Bemerkung war wohl nicht als Kompliment gemeint, doch die Wirkung auf Gaby war erstaunlich. Nie zuvor war sie sich so sehr ihres Körpers und ihres Aussehens bewusst gewesen. Nicht einmal Tim hatte sie sich damals so preisgegeben gefühlt wie jetzt dem Blick dieses Fremden.

Sie hasste ihn!

Eine Weile blickten sie sich starr und sprachlos an. Dann lächelte Sven Hedberg, und die Verwandlung war bemerkenswert. Er sieht nicht einfach nur blendend aus, dachte Gaby verwirrt, sondern umwerfend.

„Und Temperament haben Sie auch“, sagte Hedberg und kam auf sie zu. Bestürzt wich Gaby zurück. Sie fürchtete sich vor dem Mann und wusste nicht einmal, warum.

„Nein, nein, doch nicht so, Liebling“, sagte er spöttisch. „Wenn Sie mich so böse ansehen, muss ich ja annehmen, Sie wollten mich ganz schnell loswerden.“

Er streckt die Hand aus und berührte sanft ihre Wange.

„Nein!“, sagte Gaby schockiert.

„Das habe ich auch nicht angenommen“, erwiderte Hedberg.

Gaby wusste, dass er sie absichtlich missverstand. Das gehörte wohl zu dem unbegreiflichen Kräftemessen zwischen ihnen. Sie schluckte. Doch bevor sie etwas sagen konnte, hielt er ihren Zopf in der Hand, während er ihr die andere sanft um die Schultern legte.

„Wenn man Ihnen schon aufgetragen hat, nett zu mir zu sein“, sagte er, und sie spürte seinen warmen Atem, „will ich Ihnen wenigstens zeigen, wie Sie das machen müssen.“

Und er küsste sie.

Entsetzt versuchte Gaby, ihn von sich zu schieben. Der Griff um ihre Schultern wurde fester, und Sven Hedberg presste sie an sich. Gabys verdrängte Ängste wurden wieder lebendig. Gleichzeitig erwachte ihr Zorn und verlieh ihr neue Kraft. Heftig wandte sie den Kopf ab.

„Lassen Sie mich los!“

Dr. Hedberg lachte leise, keineswegs beunruhigt. Endlich gelang es Gaby, einen Arm zu befreien. Schon hob sie die Hand, um Sven Hedberg ins Gesicht zu schlagen. Doch er war schneller und fing ihre Bewegung ab. Mühelos hielt er Gabys Handgelenke hinter ihrem Rücken mit eisernem Griff umklammert. Mit der freien Hand umfasste er ihr Kinn und zwang sie, ihn anzusehen. Zögernd blickte Gaby ihm in die Augen.

„Ich gestatte Damen nicht, mich zu schlagen“, sagte er gefährlich sanft. „Es verleitet sie zu besitzergreifendem Denken.“

„Wie bitte?“ Gaby war jetzt völlig verwirrt.

Wieder streifte Sven Hedberg ihren Mund mit den Lippen. Diesmal war es eine quälend flüchtige Berührung. Gaby erschauerte und versuchte erneut vergeblich, sich zu befreien. Einen Augenblick standen sie eng aneinander geschmiegt, als Sven Hedbergs Augen seltsam zu funkeln begannen.

„In Ihrem Fall droht wohl keine Gefahr“, sagte er leise und küsste Gaby wieder. „Dennoch kann ein Mann nicht vorsichtig genug sein, finden Sie nicht?“, flüsterte er dicht an ihrem Mund. „Frauen bewerten diese Dinge oft viel zu hoch“, fügte er zwischen den Küssen hinzu.

Und dann küsste er sie so heftig und leidenschaftlich, dass es Gaby den Atem raubte. Der Raum schien sich um sie zu drehen, und Erinnerungen wurden wieder wach, Erinnerungen, die dazu geführt hatten, dass Gaby seit drei Jahren keinem Mann mehr erlaubt hatte, sie zu küssen. Von Panik erfasst riss sie die Augen auf und wehrte sich mit aller Kraft.

In diesem Augenblick wurden die Doppeltüren zu Michaels Wohnzimmer geöffnet, und ihr Vater kam heraus. Er wirkte besorgt, doch als er die beiden sah, blieb er wie erstarrt stehen, und seine Miene wurde undurchdringlich.

Erschrocken schrie Gaby auf, und Sven Hedberg hob langsam den Kopf. Gaby war zutiefst erschüttert, aber sie fühlte ein wenig Genugtuung, als sie bemerkte, dass auch Sven Hedbergs Hand zitterte, als er sie, Gaby, jetzt losließ.

Noch immer beobachtete Michael die beiden, sein Gesicht wirkte wie eine Maske, während Dr. Sven Hedberg ihm völlig unbefangen zunickte. Die Situation schien ihm keineswegs ungewöhnlich oder gar peinlich zu sein.

„Sehen Sie, so hält man seinen Gegner bei Laune“, sagte er freundlich zu Gaby.

Ihre Wangen waren rot vor Verlegenheit. Sie hasste ihn!

„Danke sehr“, erwiderte sie eisig.

„Gern geschehen“, versicherte er fröhlich. „Und jetzt …“

„Jetzt hat Mr. Hyssop offensichtlich Zeit für Sie“, erklärte sie wütend.

Sven Hedberg trat zur Seite, als hätte er auf einmal jedes Interesse an Gaby verloren.

Mit einer Handbewegung forderte Michael seinen Gast auf, in sein Zimmer zu kommen. Fassungslos beobachtete Gaby, wie die Türen hinter den beiden Männern geschlossen wurden. Sie war wieder allein im Vorzimmer der Hotelsuite, allein mit ihren verwirrten Gefühlen. Seit Jahren hielt sie alle Männer auf Distanz und hatte ihre Gründe dafür. Doch Sven Hedbergs aufgezwungene Zärtlichkeiten hatten etwas in ihr geweckt, was Gaby zutiefst beunruhigte.

Nach einer Weile hörte Gaby laute Stimmen hinter den geschlossenen Türen. Das klang nicht nach einer zivilisierten Unterhaltung, und das überraschte Gaby, denn ihr Vater verlor höchst selten die Beherrschung.

Sie ging zur Tür und klopfte, bekam aber keine Antwort. Sie zögerte einen Augenblick, zuckte die Schultern und betrat unaufgefordert das Zimmer, wo sich ihr ein unerwarteter Anblick bot. Michael Hyssop, sonst stets ausgeglichen und mit vorzüglichen Manieren, von seinen Patienten beinah ebenso sehr verehrt wie von seinen Assistentinnen, wirkte aufgebracht und in die Ecke getrieben. Gaby hatte ihren Vater nie zuvor so erlebt.

„Kommt überhaupt nicht infrage“, sagte er jetzt in dem herrischem Ton, den Gaby noch von den Streitigkeiten ihrer Eltern her kannte. „Ich habe Ihnen von Anfang an keine Garantie gegeben …“

„Mr. Hyssop“, erwiderte Sven Hedberg ruhig, aber es klang ebenso gefährlich wie Michaels Worte. „Ich spreche hier nicht von Ihrer sogenannten Kur. Wie Sie wissen, hatte ich ohnedies nicht viel Vertrauen in das Experiment gesetzt. Immerhin hatte ich die bekanntesten Spezialisten konsultiert.“

Demnach hatte Michaels Behandlung bei Sven Hedberg keine Wirkung gezeigt, dachte Gaby, keineswegs überrascht, obwohl sie nicht hätte sagen können, weshalb.

„Mich hat nicht überrascht, dass es nicht funktionierte“, sagte Hedberg und war unwissentlich mit Gaby einer Meinung. „Ich beschwere mich nicht darüber, denn ich habe gewusst, worauf ich mich einließ, und wollte nur die winzige Chance wahrnehmen. Dafür bin ich ganz allein verantwortlich. Aber darum geht es mir jetzt auch gar nicht. Ich spreche von der Einmischung in mein Privatleben.“

Michael blickte noch besorgter drein.

„Ich kann das erklären …“

„Bestimmt nicht zu meiner Zufriedenheit“, unterbrach Sven Hedberg ihn.

Michael Hyssop stand auf, und die beiden Männer sahen sich gereizt an. Schweigend trat Gaby an die Seite ihres Vaters und legte ihm die Hand auf den Arm, die Michael ohne hinzusehen ergriff.

„Hören Sie, Hedberg“, sagte er, „seien Sie vernünftig. Das Missverständnis tut mir leid. Doch wenn Sie ehrlich sind, müssen Sie zugeben, dass Sie keinen Grund haben, sich zu beklagen. Ich habe für Sie alles getan, was ich Ihnen versprochen habe.“

„Leider sogar mehr als das“, sagte Sven Hedberg in einem Ton, der Gaby erschauern ließ. „Wie schmeichelhaft ist es doch, meinen Namen in Hollywoodklatschblättern wieder zu finden“, fuhr Hedberg fort. „Von Ihren Mitteilungen an die Presse haben Sie mir aber nichts gesagt, oder? Haben Sie es vielleicht vergessen?“, fragte er zynisch.

Er ist wirklich sehr groß, dachte Gaby. Ihr Vater war schon nicht klein, doch Sven Hedberg überragte ihn um etliche Zentimeter. Tiefe Linien – möglicherweise von Schmerz oder Kummer geprägt – zeichneten sein schmales Gesicht. Sein rotbraunes Haar war an den Schläfen schon ein wenig ergraut, doch seltsamerweise ließ ihn das jünger erscheinen. Jung, fit und kampfeslustig, dachte Gaby und drückte tröstend den Arm ihres Vaters etwas fester.

„Eine Pressekonferenz fand nicht statt“, sagte Michael leise.

„Und wie kam dann der Artikel in das Magazin?“

Michael sah jetzt sehr unglücklich aus.

„Das war doch kein Zufall“, fuhr Hedberg fort. „Sie fragten mich, ob ich zum Thema alternative Therapie ein Interview geben würde, was ich ganz unmissverständlich abgelehnt habe. Damit war die Sache erledigt. Oder hätte es zumindest sein sollen.“

„Dr. Hedberg …“

„Aber die Gelegenheit zu wirkungsvoller Werbung war einfach zu verlockend, wie? Arzt von internationalem Ruf von der Medizin im Stich gelassen. Mich würde nicht überraschen, wenn Sie die Schlagzeilen auch noch selbst verfasst hätten.“

Michael hatte bisher ruhig zugehört, doch jetzt schüttelte er den Kopf.

„Natürlich habe ich den Zeitungen gegenüber geschwiegen. Der Vorfall tut mir leid, und ich gebe zu, dass ich in gewisser Weise schuld daran bin, aber …“

„Es war ein Verstoß gegen die Berufsethik“, sagte Hedberg kalt.

Entsetzt hielt Gaby den Atem an. Auch Michael war blass geworden. „Übertreiben Sie da nicht ein wenig, Hedberg?“, fragte er. „Ich meine, deswegen gleich vor Gericht zu gehen …“

Sven Hedberg lachte böse. „Sie haben doch überhaupt keine Vorstellung von Berufsethik, Hyssop. Sie nennen sich Heilpraktiker, doch was verstehen Sie schon von Heilen? Sie haben keine Ahnung von Ihren Pflichten Patienten gegenüber. Es wird Zeit, dass jemand Ihnen das beibringt. Ich werde diese Aufgabe übernehmen.“

Jetzt bekam Michael es wirklich mit der Angst zu tun. „Es war ein Fehler …“, sagte er verzweifelt.

Gaby konnte nicht länger ertragen, wie der Fremde ihrem Vater zusetzte und ihm nicht einmal erlaubte, sich zu verteidigen.

„Michael“, sagte sie.

Beide Männer sahen sie verwundert an. Michael umklammerte Gabys Hand, als wäre sie ein Rettungsanker. Sven Hedberg betrachtete die verschränkten Hände der beiden und lächelte außerordentlich zynisch.

„Die treue kleine Helferin ist wohl immer zur Stelle“, sagte er trocken. „Sie sind ja intelligenter, als Sie aussehen, Schätzchen.“

Trotzig hob Gaby das Kinn. „Wie bitte?“

„Wenn man den Feind nicht von seinem Vorhaben abbringen kann, gibt man den Kampf lieber auf, sehr vernünftig. Haben Sie eigentlich sehr viel Übung darin?“ Die Beleidigung war offensichtlich.

Das war der Augenblick, Sven Hedberg zu sagen, was sie unmittelbar nach seiner aufdringlichen Umarmung nicht sagen konnte. Gaby lächelte.

„Nicht viel, nein. Zumindest bin ich bisher noch nie von einem völlig Fremden belästigt worden.“

Michael sah sie erstaunt an, denn so hatte er Gaby noch nie sprechen hören. Anne war die Temperamentvolle in der Familie, Gaby die Ausgleichende.

„Das ist Dr. Sven Hedberg, Liebling“, sagte er jetzt. „Sicher hast du schon von ihm gehört.“

„Ich glaube nicht“, behauptete Gaby, der es Spaß machte, diesem überheblichen Kerl einen kleinen Dämpfer zu verpassen.

„Da bin ich aber froh“, erklärte dieser kühl und sah Michael an. „Ich hoffe, sie ist nicht eine weitere internationale Schönheit, mit der man mich angeblich häufig gesehen haben will? Miss … eh …?“

Michael sah seine Tochter beschwörend an.

„Gabrielle Fouquet“, sagte er schließlich.

Gaby zuckte zusammen. Warum benutzte Michael ihren Künstlernamen? Offenbar misstraute er dem Fremden. Sie sah Sven Hedberg hasserfüllt an.

„Darum müssten Sie mich zuerst bitten“, sagte sie schnippisch.

Sofort bemerkte sie eine Veränderung in seinem Blick. Seine Augen funkelten plötzlich. Vor Erregung, dachte Gaby erschreckt. Sven Hedberg war nicht der Mann, der einer Herausforderung auswich.

„Wenn Sie Mr. Hyssop überreden können, den Zeitungen nichts davon zu verraten, werde ich es vielleicht tun.“

„Mit Ihnen würde ich nicht einmal ausgehen, wenn mein Leben davon abhinge!“, rief Gaby aufbrausend.

„Schon gut“, fuhr Michael hastig dazwischen. „Ja, wir können unser Gespräch ein andermal fortsetzen, Hedberg. Ich meine, weil Gabrielle jetzt hier ist, Sie verstehen schon.“

Wieder betrachtete Hedberg Gaby von Kopf bis Fuß. Schließlich zuckte er die Schultern. „Ja, ich verstehe …“

„Vielleicht könnten wir uns morgen treffen“, schlug Michael vor.

„Das hat keinen Sinn“, erwiderte Sven Hedberg. „Ich habe die Angelegenheit bereits meinen Anwälten übergeben. Mehr habe ich dazu nicht zu sagen. Ich werde meine Meinung nicht ändern, egal, welchen Köder Sie verwenden“, fügte er mit einem letzten abschätzenden Blick auf Gaby hinzu und verabschiedete sich.

„Puh“, sagte Gaby und sah Sven Hedberg nach. „Was war denn das? Ein Hagelschlag?“

Michael ließ ihre Hand los und ging zu einem kleinen Tisch, wo er sich einen großen Scotch einschenkte. „Das war wahrscheinlich der größte Fehler meines Lebens“, sagte er und trank. „Es tut mir leid, dass du das mit anhören musstest, Liebes.“

Gaby konnte nicht vergessen, wie Sven Hedberg sie mit Blicken ausgezogen hatte.

„Er ist schrecklich“, sagte sie und schauderte.

Michael sah sie überrascht an. „Findest du? Die meisten Mädchen scheinen verrückt nach ihm zu sein.“

„Welche Mädchen?“, fragte Gaby zweifelnd.

Michael wurde verlegen. „Nun, die Mädchen in meiner Klinik.“

„Groupies“, sagte Gaby verächtlich. „Die verlieben sich ständig in den einen oder anderen Mann, meistens in dich. Dafür bezahlst du sie schließlich.“

Michaels Assistentinnen waren stets jung, hübsch, schwärmerisch veranlagt und bewunderten seine berühmten Patienten. Anne sprach darüber nur mit größter Verachtung.

Der Vater sah Gaby an, trank sein Glas aus und schenkte sich erneut ein. „Manchmal kannst du sehr hart sein“, beklagte er sich. „In deinem Alter solltest du dich eigentlich auch verlieben.“

Gaby unterdrückte einen Schauer. „Das ist nicht meine Welt“, sagte sie mit Überzeugung.

„Das ist aber nicht normal bei einem jungen Mädchen. Wie alt bist du jetzt? Fünfundzwanzig?“

„Vierundzwanzig und immer noch mit beiden Beinen auf der Erde“, erwiderte Gaby. „Aber lenk nicht vom Thema ab. Was hast du denn angestellt, um ‚Erich den Roten‘ so zu verärgern?“

Michael lächelte. „Du sprichst von einer weltweit anerkannten Kapazität auf dem Gebiet der Kopfchirurgie, einem Genie der Neuzeit. Er ist keineswegs ein barbarischer Wikinger, ausgenommen vielleicht, was Frauen betrifft“, fügte er leiser hinzu.

„Und was hast du ihm nun angetan?“

„Ich habe ihn behandelt“, erwiderte Michael selbstironisch. „Er hat in seiner Heimat Schweden einen Unfall auf See erlitten. Anscheinend ist er sechs Stunden im Wasser getrieben. Als sie ihn schließlich herausfischten, konnte er das Zittern seiner Hände nicht mehr kontrollieren.“

Verlegen dachte Gaby an das Zittern, das sie gespürt hatte, als er sie in den Armen hielt. Sven Hedberg war demnach keineswegs von Leidenschaft überwältigt gewesen. Doch dann erkannte sie, welche Belastung gerade für ihn diese Unfallfolge sein musste.

„Und das in seinem Beruf!“

„Ja, es ist tragisch“, bestätigte Michael ernst. „Aber seine Hände zittern nicht immer, nur wenn er müde ist. Wahrscheinlich wird es irgendwann ganz von allein aufhören. Niemand kann allerdings sagen, wann das sein wird, weil niemand die Ursache dieses Symptoms kennt. Deshalb kann er jetzt natürlich sehr viel weniger operieren.“ Michael lachte. „Die schwedischen Spezialisten wollten ihn vertrösten, das würde sich mit der Zeit schon wieder geben, aber Sven Hedberg ist nicht sehr geduldig.“

„Aber weshalb ist er gerade zu dir gekommen?“, fragte Gaby. „Ich meine, es muss doch auch in Schweden Heilpraktiker geben.“

Michael zuckte die Schultern. „Hedberg hat ein Semester an der Universität von Los Angeles Vorlesungen gehalten, und Bob erzählte ihm von meinem Erfolg bei Sergei Josten. Vielleicht wollte Hedberg einfach nichts unversucht lassen. Wenn die Therapie nicht anschlägt, so richtet sie immerhin auch keinen Schaden an. Aber unglücklicherweise …“

„Hat jemand die Presse davon informiert“, beendete Gaby den Satz. Sie liebte ihren Vater, machte sich aber seinetwegen keine Illusionen, besonders nicht, was seine Vorliebe für Medien betraf. „Warst du es?“

„Seh ich wie ein Selbstmörder aus?“, fragte Michael gekränkt und seufzte. „Nein, es war Marcia. Sie glaubte, es sei zum Vorteil der Praxis. Marcia ist leider nicht besonders gescheit. Als ich sie einstellte, habe ich sie natürlich über das Recht der Patienten auf unsere absolute Verschwiegenheit aufgeklärt, aber ich bin nicht sicher, ob sie wirklich alles richtig verstanden hat. Im allgemeinen legen meine Patienten auch keinen Wert auf Diskretion“, gab er zu. „Im Gegenteil, je mehr die Öffentlichkeit von ihnen erfährt, umso lieber ist es ihnen.“

Gaby nickte. Das war zweifellos richtig.

„Hast du sie entlassen?“

Dem Vater war offenbar unbehaglich zumute. „Ich weiß, dass ich es eigentlich tun müsste, aber sie wollte mir doch nur helfen. Ich kann sie durchaus verstehen.“

„Wenn du ihr kündigst und es Hedberg wissen lässt, würde ihm das vielleicht genügen.“

„Marcias Mann hat sie mit zwei kleinen Kindern sitzen lassen“, erklärte Michael. „Sie kann nichts dafür, dass sie ein bisschen naiv ist. Ich werde ihr nicht kündigen, es sei denn, ein Gericht zwingt mich dazu. Ich verstehe auch gar nicht, weshalb Hedberg so unvernünftig ist“, fügte er nachdenklich hinzu. „In dem Artikel stand nur die Wahrheit, nichts, was Hedberg schaden könnte. Anscheinend hat er ganz einfach etwas gegen die Presse. Und ich muss mir jetzt den Kopf zerbrechen, wie ich den Mann wieder beruhigen kann.“

Autor

Sophie Weston

Sophie Weston reist leidenschaftlich gern, kehrt aber danach immer wieder in ihre Geburtsstadt London zurück. Ihr erstes Buch schrieb und bastelte sie mit vier Jahren. Ihre erste Romance veröffentlichte sie jedoch erst Mitte 20.

Es fiel ihr sehr schwer, sich für eine Karriere zu entscheiden, denn es gab so viele...

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