Montana Dreams - So ungezähmt wie das Land

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Für Gabe Bowden läuft fast alles perfekt. Er ist auf dem Weg, sich den großen Traum von einer eigenen Ranch zu erfüllen. Aber er weiß, dass er sein ganzes Glück erst mit einer Frau finden kann, die sein Herz für immer erobert. Inmitten eines tosenden Schneesturms findet er die wunderschöne, halb erfrorene Ella und rettet sie aus dem Unwetter. Doch warum taucht sie ausgerechnet jetzt auf? Das Geheimnis, das Ella hütet, wird die beiden auf die größte Probe ihres Lebens stellt.
"Dieses Buch zeigt, dass nichts so sexy ist wie ein echter Cowboy." New York Times-Bestsellerautorin Brenda Novak
  • Erscheinungstag 07.11.2016
  • Bandnummer 1
  • ISBN / Artikelnummer 9783956499517
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Jennifer Ryan

Montana Dreams –
So ungezähmt
wie das Land

Roman

Aus dem Amerikanischen von
Michaela Grünberg

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright © 2016 by MIRA Taschenbuch
in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

At Wolf Ranch

Copyright © 2015 by Jennifer Ryan
erschienen bei: Avon Books, New York,

Published by arrangement with
HarperCollins Publishers, New York

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner GmbH, Köln
Umschlaggestaltung: büropecher, Köln

Redaktion: Christiane Branscheid
Titelabbildung: Harlequin Books S.A.

ISBN eBook 978-3-95649-951-7

www.mira-taschenbuch.de
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eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net

1. KAPITEL

New York City

Drei lange Tage ohne Nachricht. Kein Anruf. Nicht einmal eine SMS. Ella starrte eindringlich ihr Telefon an und versuchte, es durch die Kraft ihrer Gedanken endlich zum Klingeln zu bewegen. Sie trommelte mit dem Zeigefinger auf dem Display herum und unterdrückte den Impuls, zum hundertsten Mal an diesem Morgen Lelas Nummer zu wählen.

Im Café herrschte reger Betrieb um sie herum. Leute machten sich mit ihren Milchkaffees und Scones auf den Weg zur Arbeit. Sie nippte an ihrem Karamell-Macchiato und überflog auf ihrem Laptop nebenbei die aktuellen Prognosen für die neue Kosmetiklinie, die im März auf den Markt kommen sollte. Die Zahlen sahen vielversprechend aus.

Ella schreckte zusammen, als plötzlich ihr Handy auf dem Tisch zu vibrieren begann. Sie griff danach und sah auf die im Display angezeigte Nummer.

„Endlich.“ Sie berührte das Telefonsymbol, um das Gespräch anzunehmen. „Lela …“

„Wo bist du gewesen?“ Onkel Phillips aufgebrachte Frage überraschte Ella.

Warum hatte Phillip Lelas Handy?

Ella öffnete den Mund und wollte ihrem Onkel diese Gegenfrage stellen, doch er redete einfach weiter.

„Ich verwalte das Vermögen unserer Familie. Du hast mir zu gehorchen, also antworte gefälligst.“

„Du verdrehst mal wieder die Tatsachen, Onkel. Es sind Ella und ich, die sämtliche Rechnungen und alles andere unterschreiben“, hörte Ella ihre Schwester in einem ungewöhnlich scharfen Tonfall sagen. „Du bist nur der Anstandswauwau und sollst pro forma darauf achten, dass wir uns an die Testamentsbedingungen halten. Du hast keinerlei Verfügungsgewalt. Aber du würdest alles tun, um die Macht an dich zu reißen, nicht wahr?“

Was? Ella hatte Lela noch niemals derart respektlos, ja sogar trotzig mit ihrem Onkel sprechen hören. Oder mit irgendjemand anderem, soweit sie sich erinnern konnte. Und warum rief ihre Schwester sie an, aber meldete sich dann nicht? Steckte ihr Telefon vielleicht in ihrer Tasche, und sie hatte aus Versehen die Kurzwahltaste gedrückt?

„Lela, ich bin’s. Was ist da los bei dir?“ Keine Reaktion. „Du weißt ja nicht, was du da redest, meine Liebe.“ Der sanfte Ton, mit dem Phillip sprach, konnte nicht über die Härte hinwegtäuschen, die sich hinter seinen Worten verbarg. „Zwing mich nicht, meine Frage zu wiederholen. Sei ein braves Mädchen, und erzähl mir einfach, wo du warst.“

Dieses Mal antwortete Ellas Schwester, aber was sie sagte, verwirrte Ella nur noch mehr. „Ich habe dein schmutziges Geheimnis aufgedeckt. Ich weiß, was du getan hast“, zischte Lela.

Welches Geheimnis?

In Ellas Bauch entstand unvermittelt ein Gefühl, als würde darin ein Schwarm verschreckter Vögel auffliegen. Dieses latente, unerklärliche Unbehagen, das seit ein paar Tagen ihr ständiger Begleiter war, wurde stärker.

Ella klappte ihren Laptop zu, stopfte ihn in die dazugehörige Tasche und warf ihren halb ausgetrunkenen Pappbecher auf dem Weg zur Ausgangstür in den Mülleimer. Das Penthouse lag nur einen Block von ihrem Lieblingscafé entfernt, in dem sie jeden Dienstag frühstückte, wenn ihr Personal den Tag freihatte. Sie hielt das Handy weiter ans Ohr gedrückt, während sie nach Hause hastete. Was zum Teufel ging hier nur vor sich?

„Du wirst damit nicht durchkommen!“ Lelas Stimme klang immer ungehaltener. Normalerweise war sie die Gelassenheit in Person, und es brauchte eine Menge, um sie wütend zu machen. Was auch immer Onkel Phillip, offenbar hinter ihrem Rücken, gemacht hatte, musste eine ernste Sache sein.

„Es ist egal, was du glaubst, herausgefunden zu haben“, entgegnete er. „Ohne Beweise nützt es dir überhaupt nichts.“ Und wieder setzte er ganz bewusst diesen eiskalten und gleichzeitig seelenruhigen Tonfall ein.

Ella lief jetzt schneller. Sie konnte spüren, dass dieses Gespräch kurz davorstand, zu eskalieren, und jeden Moment etwas viel Schlimmeres als eine Meinungsverschiedenheit über irgendeine geschäftliche Angelegenheit daraus werden würde. Sie presste ihre Tasche fest an sich und rannte auf das große Appartementhaus zu. Mehrere Male stieß sie mit anderen Passanten zusammen, aber sie hatte keine Zeit, sich zu entschuldigen und ignorierte die verärgerten Kommentare, die man ihr hinterherrief.

„Oh, keine Sorge. Ich habe genügend Beweise.“

Beweise wofür?

„Jetzt lügst du.“ Phillip lachte nervös.

„Das hättest du gern.“

Ella nickte im Vorbeilaufen dem Pförtner am Empfang zu und steuerte auf den Fahrstuhl zu. Sie hämmerte wie verrückt auf den Schalter, ungeduldig darauf wartend, dass sich endlich die Tür öffnete.

„Ach wirklich? Wo sind sie denn, deine Beweise? Zeig sie mir doch.“

Mach schon, mach schon! Nach einer gefühlten Ewigkeit ging schließlich die Fahrstuhltür auf. Ella huschte in die Kabine und drückte den Knopf fürs Penthouse. Sie hoffte inständig, dass die Verbindung nicht abriss und das Gespräch unterbrochen würde. Im Fahrstuhl hatte sie meistens nur noch einen Strich auf der Empfangsanzeige ihres Telefons.

„Du hältst mich für so leichtsinnig, sie hierher mitzunehmen? Dann könnte ich sie ja gleich selbst verbrennen. Ich besuche dich im Gefängnis, und zwar schon morgen, verlass dich drauf.“

„Vorher besuche ich dich an deinem Grab, darauf kannst du dich verlassen.“

Bei der Kälte in Phillips Stimme verkrampfte sich Ellas Herz. Diese Boshaftigkeit, die er ihrer Schwester gegenüber an den Tag legte, das war nicht der Onkel Phillip, den sie kannte. Es kam ihr vor, als höre sie da einen vollkommen Fremden sprechen. Und er meinte diese ominöse Drohung ernst.

Lela keuchte, und dann kreischte sie erschrocken auf. Ella wollte nicht glauben, dass ihr Onkel ihre Schwester tatsächlich geschlagen hatte, doch genauso klang es.

„Was … hast … du … herausgefunden?“

„Alles!“, blaffte Lela.

Was? Worum geht es um Himmels willen?

„Wenn du mich anlügst …“

„Lass mich los. Es ist vorbei. Du wirst so oder so nichts daran ändern. Ich kann beweisen, dass du es warst.“

Es? Wovon spricht sie nur?

„Du brauchst gar nicht zu ihm rüberzuschielen“, sagte Phillip spöttisch.

Wer ist noch bei ihnen?

„Bitte. Tun Sie doch etw…“

„Er ist nicht hier, um dir zu helfen, du kleines naives Ding. Er arbeitet für mich. Alle arbeiten für mich. Und du hättest deine Nase besser nicht in meine Angelegenheiten stecken sollen.“

Lela schrie erneut auf. Ella rutschte das Herz in die Hose. „Deine Entscheidung. Sag mir, wo die Dokumente sind, und ich mache es schnell und schmerzlos. Aber wenn du dich lieber weiter zieren willst, schön, ich kann auch anders. Und glaub mir, du wirst wissen, was Schmerz bedeutet, nachdem ich mit dir fertig bin.“

Krümm ihr auch nur noch ein Haar, und du wirst es bitter bereuen.

„Fahr zu Hölle!“

„Rede endlich, du verdammtes Miststück!“

„Du kannst mir drohen, so viel du willst. Aus mir bekommst du kein einziges Wort raus.“

„Wollen wir wetten? Fang lieber an zu singen, Vögelchen. Dann lasse ich vielleicht Gnade vor Recht ergehen.“

„Sie werden … dich … schnappen“, röchelte Lela, als würde ihr etwas die Kehle zuschnüren. „Eines Tages … kommt die Wahrheit … ans Licht.“

Irgendetwas an der Art, wie ihre Schwester den letzten Satz sagte, ließ Ella aufhorchen, aber sie konnte sich im Augenblick nicht darauf konzentrieren. Das Einzige, was sie interessierte, war, dass diese verfluchte Fahrstuhltür sich öffnete. Sie schlug ungeduldig mit der flachen Hand dagegen.

Bitte, Lela, verschwinde von dort.

„Letzte Chance. Wo?“, raunte Phillip, so leise, dass er kaum zu verstehen war. Der beschwörende, fast liebenswürdige Klang seiner Stimme jagte Ella einen kalten Schauer über den Rücken.

Endlich hielt der Fahrstuhl. Ella lief den Flur hinunter zur Tür des Penthouse, riss sie auf und stolperte beinahe über den kleinen Reisekoffer, den Lela mitten im Eingangsbereich hatte stehen lassen. Wohin war sie gefahren?

Ella warf das Handy in ihre Tasche und wandte sich den Stimmen zu, die aus dem Nebenzimmer zu kommen schienen.

„Wenn Sie mir nicht helfen wollen, dann finde ich jemanden, der dazu bereit ist.“

Mit wem redet sie da?

„Onkel Phillip, hör auf. Steck die Waffe weg.“

„Wo … sind … die … Beweise?“

„In einem sicheren Versteck.“

Ella huschte lautlos durchs Wohnzimmer auf die offen stehende Flügeltür der Bibliothek zu und spähte vorsichtig hinein. Entsetzt sah sie, dass ihr Onkel den Arm ausgestreckt hatte und mit einer Pistole auf Lelas Brust zielte. Der blutrote Ring ihres Vaters, der an seinem kleinen Finger steckte, glitzerte im morgendlichen Sonnenlicht, das durch die Fenster fiel.

„Sag es mir!“, brüllte Phillip ihre Schwester an.

„Niemals.“

„Wie du willst, dann kann ich dich nicht mehr gebrauchen.“

Der plötzliche Knall ließ Ella erstarren. Lelas Augen weiteten sich, als die Kugel sie in die Brust traf. Auf dem oberen Teil ihres cremefarbenen Etuikleids erschien ein roter Fleck, der sich zu den Seiten hin ausbreitete. Es sah beinahe aus wie die Blütenblätter einer grotesken Mohnblume. Lela sackte wie in Zeitlupe in sich zusammen. Sie schlug auf dem Boden auf, ihre Beine zuckten in einem letzten Reflex. Dann rührte sie sich nicht mehr.

Ella stand wie angewurzelt da, unfähig, sich zu bewegen. Entsetzt starrte sie in die leblosen grünen Augen ihrer Schwester.

„Verdammt, Phillip, war das nötig? Tot nützt sie uns nichts“, fluchte ein Mann, den Ella von ihrem Platz aus nicht sehen konnte. Sie brauchte eine Sekunde, um die Stimme einem ihr bekannten Gesicht zuzuordnen. Detective Robbins.

Was macht er hier? Und wieso hat er nichts unternommen? Obwohl sie unter Schock stand, meldete sich langsam Ellas Selbsterhaltungstrieb, und sie versteckte sich hinter dem Türflügel, an dem sie gestanden hatte, bevor die Männer im Inneren der Bibliothek sie bemerkten. Mit zitternden Händen, einem Stein im Magen und einer Flut von Gedanken, die durch ihren Kopf rasten, versuchte sie, sich zu beruhigen. Atmen. Ein, aus, ein, aus. Welchen Grund hatte ihr Onkel gehabt, Lela so zu bedrohen? Was konnte so schlimm sein, dass er nicht einmal davor zurückgeschreckt war …? Nein, sie war nicht tot. Sie durfte einfach nicht tot sein! Ella verdrängte die grausame Realität, beugte sich vor und lugte durch den Spalt zwischen der offenen Tür und dem Rahmen.

Onkel Phillip kniete sich neben Lela, hob ihren Kopf ein wenig an, ließ ihn wieder zurücksinken und blickte auf die Blutlache hinab, die sich um Lela gebildet hatte. „Hätte ich an einem etwas zweckdienlicheren Ort mit ihr reden können, wäre sie irgendwann eingeknickt.“

„Sie meinen, wenn Sie sie nicht vorher erschossen hätten.“

Ellas Herz zersprang in tausend Stücke. Noch nie zuvor in ihrem Leben hatte sie sich so einsam und verloren gefühlt. Ihre andere Hälfte – einfach ausgelöscht. Die Leere, die sich in ihr ausbreitete, tat körperlich weh wie ein Messerstich. Sie presste eine Hand vor den Mund, um den Schrei zu unterdrücken, der in ihrem Hals aufstieg. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, und Lelas Gesicht, das gleiche Gesicht, das Ella jeden Morgen im Spiegel sah, verschwamm.

Onkel Phillip stand auf und zupfte erst an dem einen, dann dem anderen Ärmelaufschlag seines schneeweißen und tadellos gebügelten Hemdes, um es glatt zu ziehen. Die weinroten Manschettenknöpfe von Ellas Vater blitzten in einer Lichtreflexion des Kronleuchters an der Decke auf. Phillip fuhr sich mit der Hand durch das mehr graue als dunkelbraune Haar und strich es zurück. Seine Selbstbeherrschung zurückerlangt, drehte er sich zur Tür um. Ellas Atem stockte, und sie hielt die Luft an. Er hatte sie gesehen. Oder nicht? Phillip wandte sich an den Detective, und was er zu ihm sagte, ließ ihre Verunsicherung für einen Moment noch größer werden.

„Dieses dumme Ding weiß einfach nicht, wann es Zeit ist, sich geschlagen zu geben.“ Er zog ein edles weißes Stofftuch aus der Tasche seiner grauen Hose und wischte sich damit den Schweiß von seinem dank regelmäßiger Botoxinjektionen nahezu faltenfreien Gesicht.

„Sie hatten Glück, dass sie mich angerufen hat, weil sie dachte, sie könnte mir vertrauen.“

„Hat sie erwähnt, auf was genau sie gestoßen ist?“

„Nein. Sie wollte sich hier mit mir treffen, um unter vier Augen darüber zu reden. Aber sie schien sehr überzeugt von der Stichhaltigkeit dessen zu sein, was auch immer sie da herausgefunden hat. Wenn sie etwas Handfestes hatte und noch jemand anders davon weiß, stürzt Ihr ganzes Kartenhaus ein, Phillip.“

„Sorgen Sie besser dafür, dass es nicht so weit kommt, denn sonst gehen Sie mit mir unter, das verspreche ich Ihnen“, sagte Ellas Onkel bissig.

Der Detective trat unbeeindruckt einen Schritt vor, wodurch er Ella die Sicht versperrte, und schaute auf Lelas reglosen Körper hinunter. „Was soll jetzt mit der Leiche passieren?“

Eine Leiche. Das war ihre Schwester jetzt. Ella wurde übel.

Ihr Onkel öffnete eine Kristallkaraffe, die auf der Hausbar am anderen Ende des Zimmers stand, und schenkte sich einen Drink ein. Natürlich vom teuren Bourbon, den er am liebsten trank. Hoffentlich verreckst du daran, dachte Ella.

„Geben Sie mir eine Minute zum Nachdenken.“ Die berechnende Kälte in seiner Stimme begann zu schwinden und machte einer gewissen Unentschlossenheit Platz.

„Hören Sie zu, Phillip. Wir brauchen diese Beweise. Wenn sie in die falschen Hände fallen …“

„Das weiß ich!“, blaffte ihr Onkel. Er wirkte, als würde er jeden Moment wieder die Kontrolle verlieren. Er war genauso aufgewühlt, wie Ella sich innerlich fühlte. In ihrem Kopf herrschte das totale Chaos, sie konnte nicht einen einzigen klaren Gedanken fassen.

„Das Beste wird sein, wir verfolgen ihre Schritte der vergangenen Tage zurück. Wohin sie gefahren ist, mit wem sie gesprochen hat“, überlegte Phillip. „Hätte sie das Beweismaterial weitergeleitet, würde das FBI und wahrscheinlich auch der Staatsanwalt uns schon die Türen einrennen. Nein, nein, sie hat es irgendwo versteckt. Wir müssen nur rauskriegen, wo.“

„Leichter gesagt als getan. Sie war clever.“

„Nicht clever genug. Der Plan mag ja gut gewesen sein, aber an der Ausführung ist sie jämmerlich gescheitert. Sie hat sich an Sie gewandt, ohne auch nur eine Sekunde in Erwägung zu ziehen, dass Sie und ich gemeinsame Sache machen könnten. Und diese Naivität hat ihr das Genick gebrochen.“ Er stieß Lelas leblosen Körper mit der Spitze eines seiner italienischen Lederschuhe an.

„Unsere Geschäftsbeziehung war bisher durchaus vorteilhaft für beide Seiten, aber wenn Sie glauben, ich spiele den Sündenbock, dann liegen Sie falsch. Also strengen Sie sich verdammt noch mal an“, drängte Robbins. „Wo würde sie etwas verstecken, von dem sie nicht will, dass ihr lieber Onkel es entdeckt?“

„Ich habe keine Ahnung, verflucht!“ Phillip knallte sein leeres Glas auf die Bar. „Aber Ella vielleicht.“

„Glauben Sie, Lela hat mit ihr gesprochen?“, fragte der Detective skeptisch.

„Nein. Ella ist mir und den Angestellten in den letzten Tagen ständig damit auf die Nerven gegangen und wollte andauernd wissen, ob Lela sich gemeldet hätte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Lela auf eigene Faust Nachforschungen angestellt und ihre aufsässige Schwester aus der Sache rausgehalten hat.“

„Ziemlich sicher ist nicht hundertprozentig sicher. Warum haben Sie Ihre Spuren nicht besser verwischt, zum Teufel?“

„Ich habe sehr gründlich darauf geachtet, erst gar keine Spuren zu hinterlassen!“

„Hätten Sie das, wären wir wohl kaum hier.“

Für einen Moment herrschte völlige Stille. Ella befürchtete, die beiden Männer würden ihren zitternden Atem hören. Sie sollte die Polizei rufen und diese Verbrecher festnehmen lassen. Aber die Polizei stand nur wenige Meter entfernt und steckte mit dem Mörder ihrer Schwester unter einer Decke. Ella zuckte zusammen, als ihr Onkel wieder das Wort ergriff.

„Detective, lassen Sie mich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen.“ Seine Stimme nahm einen beängstigend ruhigen Ton an. „Unsere fleißige, vorbildliche Lela hat brav ihren Masterabschluss gemacht und später als leitende Angestellte in der Firma gearbeitet, um sich ihren Platz bei Wolf Enterprises zu verdienen. Ganz so, wie ihr alter Herr es in seinem Testament für seine Töchter vorgesehen hat. Bedauerlicherweise hielt ihre Zwillingsschwester, die Partykönigin Ella, es nicht für nötig, sich ein Bein auszureißen. Hin und wieder half sie in der Postabteilung aus oder wo auch immer gerade jemand gebraucht wurde.“ Er schüttelte den Kopf und seufzte. „Damit erfüllte sie zwar die Voraussetzungen, um zusammen mit ihrer Schwester die Firma übernehmen zu können, sobald sie beide fünfundzwanzig wären, aber es war immer Lela, die alle Verantwortung getragen und die schwierigen Entscheidungen getroffen hat.“

„Interessant, aber …“, versuchte der Detective, ihn zu unterbrechen.

„Warten Sie, ich bin noch nicht fertig. Eines schönen Tages war Lela es leid und hat ihre Schwester zur Rede gestellt, genau hier, in diesem Raum. Ella, feierwütig wie sie nun mal ist, war die ganze Nacht auf der Piste gewesen und stockbesoffen. Der Streit eskalierte. Ella weiß, dass ich eine Waffe in meiner Schreibtischschublade aufbewahre. Sie nahm sie an sich und erschoss ihre Schwester. Im Affekt.“ Phillip zuckte mit den Schultern. „Dann geriet sie in Panik, aber nach dem Schock wurde sie immerhin wieder so klar im Kopf, dass sie versuchte, es wie einen Raubmord aussehen zu lassen. Denn – was für ein Zufall? – nach Lelas Tod gehören die Firma und alle Tochterunternehmen von Wolf Enterprises Ella allein. Wenn das kein Motiv wäre, ihre Schwester zu ermorden.“

Detective Robbins hob die Augenbrauen, sagte aber nichts. „Eine wahre Tragödie, nicht? Lela hatte so eine rosige Zukunft vor sich. Ich könnte nicht betrübter über ihr viel zu frühes und sinnloses Ableben sein.“

„Ich verstehe. Und wie genau stellen Sie sich das vor?“

„Das ist Ihr Part, Detective. Sie richten den Tatort entsprechend her, dann finden Sie Ella und bringen sie in ein Hotel. Keine billige Absteige, aber auch kein Palast, klar? Sie ist dort untergetaucht. Lassen Sie es so aussehen, als hätte sie versucht, ihren Kummer in Alkohol zu ertränken, und dazu noch ein paar bunte Pillen genommen. Leider eine Überdosis. Darüber würde sich niemand wundern, der sie kannte. Nutzen Sie Ihre Kontakte im Department, fälschen Sie Beweise … Hauptsache, Ihre Kollegen kommen zu dem Schluss, dass Ella ihre Schwester getötet hat.“

„Von solchen Extras war in unserer Abmachung nicht die Rede, wenn ich mich recht erinnere“, stellte Robbins fest.

„Falls Sie glauben, Sie sind unersetzlich, muss ich Sie leider enttäuschen. Es gibt in dieser Stadt etliche Leute auf meiner Gehaltsliste, die mir diesen kleinen Gefallen tun würden, ohne mit der Wimper zu zucken.“

„Schon gut. Betrachten Sie es als erledigt. Ich werde einige Hebel in Bewegung setzen müssen, um diesen Karren aus dem Dreck zu ziehen.“

„Sie genießen mein vollstes Vertrauen, Detective. Aber ich will Kopien von allen Polizeifotos, Berichten und Reaktionen der Öffentlichkeit – nur zur Sicherheit.“

Angewidert beobachtete Ella, wie Onkel Phillip sich erneut neben ihre Schwester auf den Boden kniete und das Stofftuch benutzte, um Lela ihre Diamant-Ohrstecker abzunehmen. Früher hatte ihre Mutter sie immer getragen, es waren ihre Lieblingsohrringe gewesen. Danach öffnete er den Verschluss der blutverschmierten Halskette mit dem Rosenmedaillon. Das exakte Gegenstück dazu trug Ella selbst. Sie berührte den Anhänger an ihrer Brust und seufzte leise. Als Nächstes nahm Phillip sich Lelas Ring vor. Ella hatte ihn ihr zu ihrem gemeinsamen einundzwanzigsten Geburtstag geschenkt. Ein Smaragdring, eingefasst mit winzigen Diamanten. An dem Abend hatten sie zusammen in einem eleganten Restaurant gegessen, nur sie beide, und sich ihre Zukunft ausgemalt und wie sie die Träume ihrer Eltern verwirklichen würden.

Ella verspürte den beinahe unwiderstehlichen Drang, sich auf ihren Onkel zu stürzen, ihm die Schmuckstücke zu entreißen, an denen so viele Erinnerungen hingen, und ihm die Augen auszukratzen. Nicht Lela. Nicht ihre Schwester.

Phillip übergab Lelas persönliche Habseligkeiten dem Detective, mit Ausnahme der blutbefleckten Halskette.

„Was haben Sie damit vor?“, fragte Robbins mit einem Blick auf das goldene Medaillon, das Phillip in seiner Hosentasche verschwinden ließ.

„Das lassen Sie nur meine Sorge sein. Sie kümmern sich um Ihren Job. Für den ich Sie ausgesprochen gut bezahle, möchte ich hinzufügen.“

Ellas Onkel ging zur Bar, nahm ein Geschirrtuch und wischte damit Griff und Abzug seiner Pistole sauber. Dann wickelte er die Waffe in das Tuch und drückte beides dem Detective in die Hand. „Die Hausangestellten wissen, dass sie immer in der obersten Schreibtischschublade liegt und ich die nie abschließe. Es dürfte nicht allzu schwer sein, die richtigen Leute glauben zu lassen, Ella hätte ihre Schwester damit umgebracht. Sorgen Sie dafür, dass man die Pistole in ihrem Hotelzimmer findet und ihre Fingerabdrücke darauf sind. Und denken Sie an den Alkohol und die Tabletten.“ Robbins nickte. „Das Personal wird die Leiche morgen früh entdecken, wenn es zur Arbeit kommt. Bis dahin haben Sie Zeit, alles zu arrangieren.“

Ella hatte mehr gehört, als ihr lieb war. Jetzt sollte sie sich schleunigst aus dem Staub machen.

Sie sah zu ihrer toten Schwester und wünschte inständig, Lela würde einfach aufstehen und alles sei nur ein böser Traum gewesen. Doch natürlich geschah nichts dergleichen.

Lautlos schlich Ella sich von der Tür weg und blieb auf ihrem Weg durchs Wohnzimmer möglichst dicht an der Wand, um nicht ins Blickfeld der beiden Männer zu geraten, bis sie den Eingangsbereich des Penthouse erreichte.

„Was zur Hölle ist das?“, fragte Robbins plötzlich.

„Sie hat jemanden angerufen.“

Oh Gott, sie haben Lelas Handy gefunden.

„Verdammte Scheiße. Das ist Ellas Nummer“, fluchte ihr Onkel.

Die Angst schnürte Ella die Kehle zu. Wenn man sie entdeckte, wäre sie mausetot, so viel stand fest. Sie raffte eilig Lelas Koffer, Mantel und Handtasche zusammen, nahm ihre eigene Tasche, schlüpfte auf den Flur hinaus und schloss die Tür mit einem leisen Klicken hinter sich. Vielleicht würde sie in Lelas Sachen einen Hinweis darauf finden, was sie in den vergangenen Tagen getrieben hatte.

Ella rannte zum Fahrstuhl, in der Hoffnung, schneller zu sein als Detective Robbins, der bestimmt jede Sekunde auftauchen musste. Sie hatte Glück. Der Aufzug stand noch in ihrem Stockwerk. Im Erdgeschoss angekommen, durchquerte sie die Lobby und lief zum Ausgang. Draußen nahm der Portier ihr den Mantel ab, den sie über dem Arm trug. „Darf ich, Miss Wolf?“

Mechanisch ließ sie sich von ihm beim Anziehen des kobaltblauen Lieblingsmantels ihrer Schwester behilflich sein – ihren eigenen hatte sie in ihrer Eile im Café liegen lassen. Lelas vertrauter Geruch hüllte Ella ein, und ihr stiegen unvermittelt Tränen in die Augen. Sie blinzelte sie energisch fort. Der Portier winkte für sie ein Taxi heran. Ihr Gepäck warf sie auf den Rücksitz, dann stieg sie ein. Mit einem schnellen Blick suchte sie die Vorderseite des Gebäudes nach Anzeichen von Robbins ab, doch er schien ihr zu ihrer Überraschung nicht gefolgt zu sein.

„Wohin geht’s?“, wollte der Taxifahrer wissen.

Ella konnte nicht denken, ihr Kopf fühlte sich völlig leer an. Ihr Herz dagegen tat so weh, dass sie es kaum aushielt. Sie hatte keine Ahnung, wo sie sicher wäre oder wem sie vertrauen sollte. Jeder könnte auf der Gehaltsliste ihres Onkels stehen. Detective Robbins würde auf der Suche nach ihr all ihre Freunde abklappern. Sie durfte nicht riskieren, einen von ihnen in Gefahr zu bringen.

Sie sah zu Lelas Koffer und dem Gepäckanhänger, der noch immer am Griff hing. Die Flughafenkennung darauf – BZN – sagte ihr nichts. Lelas Handtasche hatte sie unbewusst auf ihren Schoß gelegt und sie wie ein Kuscheltier an sich gedrückt. Sie zwang sich, tief durchzuatmen, und öffnete dann den Reißverschluss der Tasche. Im Inneren fand sie einen Umschlag, der ein Flugticket enthielt. Bozeman.

Was wolltest du in Montana, Lela?

Sie waren nicht mehr zur dortigen Ranch der Familie gefahren, seit ihr Vater vor fast elf Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen war.

„Sie müssen mir Ihr Ziel schon verraten, Miss, Gedanken lesen kann ich nicht“, riss der Taxifahrer sie aus ihren Erinnerungen. Ella sah auf. Ein Plan begann, in ihrem Kopf Gestalt anzunehmen.

„LaGuardia-Flughafen“, sagte sie leise.

Sie würde die Schritte ihrer Schwester nachvollziehen. Jede einzelne Station ihrer Reise, jede Person befragen, mit der sie sich getroffen hatte. Sie würde diese mysteriösen Beweise finden, für die Lela hatte sterben müssen.

Und dann gnade dir Gott, Onkel Phillip.

2. KAPITEL

Three Peaks Ranch, Montana

Gabe Bowden ließ den Quarter-Horse-Hengst eine Runde um die Koppel laufen und dabei die Gangarten wechseln, dann brachte er ihn abrupt zum Stehen und zog an den Zügeln, um ihn rückwärts gehen zu lassen. Alles in allem gefielen ihm das aufmerksame Verhalten des Pferdes und seine Bereitschaft, die Kommandos des Reiters zu befolgen. Blake hatte das Tier gut ausgebildet. Es würde eine hervorragende Ergänzung seines Bestandes sein und sehr hilfreich, wenn in sechs Wochen die Rinder eintrafen. Gabe konnte es nicht erwarten, endlich die Wolf-Ranch zu übernehmen. Er hatte sich den Arsch abgerackert, bis er genug Eigenkapital zusammengekratzt hatte, um das Anwesen kaufen zu können. Sobald das Geschäft in trockenen Tüchern wäre, hätte er alles, wovon er immer geträumt hatte: ein riesiges Grundstück, großzügige Weideflächen, umgeben von sanften grünen Hügeln, mit kleinen Flüsschen, die sich durch die Landschaft schlängelten, und saftiges Gras für die Rinder, so weit das Auge reichte. Eine Lebensgrundlage, auf der er etwas aufbauen konnte, das er später seinen Kindern hinterlassen würde. Vorausgesetzt, er fände jemals eine passende Frau, um mit ihr eine Familie zu gründen.

Nachdem Stacey ihn am Tag ihrer geplanten Hochzeit versetzt hatte und er sich allein vorm Altar stehend wiederfand, weil ihr sein kleiner Hof doch nicht gut genug war, machte sie damit auf einen Schlag all seine Pläne zunichte. Aber aufgegeben hatte er diese deshalb nicht. Er wollte noch immer ein erfolgreicher Ranchbesitzer werden und eine Frau und Kinder haben. Doch dieses Mal würde er genauer hinsehen und sich nicht mit der Erstbesten einlassen. Es musste die Richtige sein. Eine, die ebenso wie er selbst das ruhige und einfache, aber erfüllende Farmerleben zu schätzen wusste. Und mit der Wolf-Ranch hätte er dieser Frau durchaus einiges zu bieten. Staceys Pech, dass sie so ungeduldig gewesen war.

Gabe ritt hinüber zum Gatter, blieb neben Blake stehen und stieg ab. Er strich anerkennend über die Flanke des Pferdes.

„Du hast wirklich gute Arbeit geleistet bei dem Burschen hier. Woher kommt er?“

„Ist einer aus Ross’ Herde.“

„Irgendwas an dem Kerl geht mir gegen den Strich. Versteh mich nicht falsch, seine Pferde haben alle einen guten Stammbaum, aber ich mag es nicht, wie er seine Ranch führt.“

„Da bist du nicht allein, Bruderherz. Aber du wolltest das beste Quarter Horse, das aufzutreiben war. Und Sully ist sanftmütig, zugänglich, er kann hart arbeiten, und er lernt schnell. Ihr beide werdet euch wunderbar verstehen.“

„Sully? Du hast ihm schon einen Namen gegeben?“

„Ich habe ihn sechs Wochen lang trainiert. Sollte ich ihn die ganze Zeit ‚Pferd‘ nennen?“ Blake grinste und tätschelte die weiße Blesse auf Sullys Stirn. Das Tier beugte sich vor und schloss genüsslich die Augen, es vertraute Blake, das sah man sofort. Gabe musste zugeben, dass sein Bruder Talent hatte, was den Umgang mit Pferden anging.

„Und, wie gefällt’s dir hier auf der Three Peaks Ranch?“, fragte er Blake.

„Ich liebe es, könnte nicht besser sein.“

Obwohl Blake hauptsächlich Quarter Horses für den Viehtrieb trainierte, machte er sich darüber hinaus immer mehr einen Namen als erste Adresse, wenn jemand einen jungen Vollblüter zum Rennpferd ausbilden lassen wollte.

„Also läuft deine Partnerschaft mit Bud nach wie vor gut? Es sind jetzt schon ein paar Jahre, bist du nicht langsam so weit, dir was Eigenes zuzulegen?“

„Nein, kein Bedarf. Ich habe hier alles, was ich brauche – und mehr.“

„Schön. Wenn du glücklich bist, freue ich mich für dich.“

Und du scharrst bestimmt innerlich mit den Hufen, endlich das Wolf-Anwesen nach deinen Vorstellungen herrichten zu können, was?“

„Darauf kannst du wetten.“

„Ich kann mir dich immer noch nicht so richtig in diesem riesigen Haus vorstellen, wie du darin ganz allein vor dich hin wirtschaftest.“

„Mich interessieren mehr die Ställe und Weiden.“

„Ach, jetzt komm aber. Das Haus ist ein Traum, du willst mir doch nicht erzählen, das spielt gar keine Rolle für dich.“

Nun ja, Gabes hypothetische Ehefrau würde sich dort sicherlich sehr wohlfühlen. Er musste sie nur zuerst finden.

„Hast du es schon entrümpeln lassen, wie der Vorbesitzer es wollte?“

„Die Vorbesitzer“, berichtigte Gabe. „Ich dachte ja, mein Verhandlungspartner wäre Phillip Wolf, aber stell dir vor, heute Morgen tauchte plötzlich Lela Wolf auf und wollte auch mitreden.“

„Wie ist sie so? Reiche, verwöhnte Göre?“

„Tja, wenn ich das wüsste! Ich habe nur ein paar kurze Worte mit ihr gewechselt. Wir sind uns in der Einfahrt begegnet. Sie wollte wissen, was ich dort mache. Als ich sagte, Phillip hat mich gebeten, die Möbel und alles andere ausräumen und einlagern zu lassen, hat sie mich angeschnauzt, ich soll die Finger davon lassen, und ist abgerauscht. Man hätte meinen können, der Teufel persönlich wäre hinter ihr her.“

„Also hast du bis jetzt noch nichts angerührt?“

„Doch, alles leer. Die Umzugswagen kamen eine Viertelstunde, nachdem Miss Wolf weggefahren war.“

Blake runzelte die Stirn. „Wieso wollte sie denn nicht, dass du irgendwas im Haus anfasst?“

„Hat sie nicht gesagt.“

„Weiß sie, dass die Ranch jetzt dir gehört?“

„Sie gehört mir erst dann, wenn in sechs Wochen die Treuhandgesellschaft das Geld transferiert und offiziell den Kredit ins Grundbuch hat eintragen lassen. So lauten die Vertragsbedingungen.“

„Ja, aber wusste sie von dem Vertrag?“

„Gute Frage. Mir kam es so vor, als glaubte sie, ihr Onkel hätte mich geschickt, um sie zu suchen.“

Blake kniff skeptisch die Augen zusammen. „Merkwürdig.“

„Ja. Wie auch immer. Der Teil des Deals ist jedenfalls erledigt, ob es ihr gefällt oder nicht. Phillip hat seine Wünsche sehr deutlich gemacht, und früher oder später hätte ich das Zeug sowieso wegschaffen müssen. Wozu es unnötig aufschieben? Ich meine, der Kram stand über zehn Jahre herum, und niemand hat sich dafür interessiert. Leuten wie den Wolfs, Stadtmenschen mit mehr Geld, als sie in ihrem ganzen Leben ausgeben könnten, ist es egal, was aus einem prächtigen Stück Land wie diesem wird.“ Gabe zog eine vielsagende Grimasse. „Zum Teufel, sie haben Travis Dorsche die Verantwortung für ihre beste Rinderherde übertragen. Der Typ ist ein Vollidiot, hat keinen Schimmer von Viehhaltung, aber die Herrschaften Wolf kümmert das einen feuchten Dreck. Also, ja, das Haus ist besenrein! Alles steht in den Lagerräumen, die Phillip gemietet hat. Aber ich glaube nicht, dass jemand auch nur eine Kommode dort jemals wieder rausholen wird, nachdem der Handel über die Bühne ist. Bei den Städtern heißt es ‚Aus den Augen, aus dem Sinn‘, weißt du doch.“

„Zu schade, dass du die Rinderherde nicht als kleines Extra rausschlagen konntest. Hätte dir eine Stange Geld gespart, wenn du jetzt keine eigenen Tiere kaufen müsstest.“

„Wem sagst du das?“ Gabe ließ seine Schultern kreisen, um die Verspannungen darin zu lösen.

„Na, knirschen die armen alten Knochen immer noch?“

„Ich werde langsam wirklich zu alt zum Bullenreiten und Kälber einfangen. Das überlasse ich lieber Dane.“

„Du hast die Championships gewonnen. Schon wieder.“

„Es war ein gutes Gefühl, unseren kleinen Bruder ein letztes Mal zu schlagen. Aber man soll bekanntlich aufhören, wenn’s am schönsten ist. Und mit dem Preisgeld habe ich genug, um die Rinder zu bezahlen.“

„Wann sollen sie gebracht werden?“

„Im Lauf des Tages, an dem ich einziehe. Das erste Jahr wird hart. Ich habe jeden Cent in dieses Projekt gesteckt, den ich hatte. Aber danach, sobald ich mich erst mal etabliert habe, gibt’s nach oben keine Grenzen.“

„Du bist auf dem richtigen Weg.“ Blake klopfte ihm ermutigend auf den Rücken. „Komm, lass uns deinen neuen Freund in den Anhänger verfrachten, und dann sieh zu, dass du losfährst. Es soll heute Abend ziemlich heftig schneien. Wir hier werden wohl größtenteils verschont bleiben, aber du wirst vermutlich mitten hineingeraten und in einer Stunde geht die Sonne unter.“

Gabe führte Sully durch das Gatter, das Blake offen hielt, geradewegs zu seinem bereitstehenden Dodge mit dem Pferdeanhänger. Er löste die Riemen des Sattels und gab ihn Blake, der ihn in den Stall brachte und auf eines der Regale legte. Als sein Bruder wieder herauskam, hatte er eine Bürste in der Hand, die er Gabe reichte. Er nahm sie und warf Blake die Satteldecke zu, der sie auffing und ebenfalls im Stall verstaute. Gabe musste unwillkürlich an die alten Tage denken, auf der Ranch ihrer Eltern, als er und Blake immer zusammengearbeitet und als eingespieltes Team ihre Aufgaben erledigt hatten. Manchmal fehlte ihm das. Jetzt, wo sie alle quer durchs Land verstreut lebten – Caleb unten in Colorado mit seiner neuen Frau Summer, Dane, ständig durch Texas, Arizona und Nevada von einem Rodeo zum nächsten tingelnd, und Blake hier – es kam nicht mehr oft vor, dass die ganze Familie zusammenkam. Er vermisste seine Brüder. Vielleicht hatte Blake recht mit dem, was er über das Haus gesagt hatte. Es konnte dort wahrscheinlich wirklich ziemlich einsam werden. Besonders, wenn die Nacht hereinbrach.

In letzter Zeit stellte Gabe sich immer häufiger vor, wie es wäre, eine Frau und Kinder zu haben. Calebs Hochzeit vergangenen Monat, der Anblick des glücklichen, frisch verheirateten Paares, hatte seine Sehnsucht danach, jemand Besonderen zu finden, noch verstärkt. Die eine Frau, anstatt nur irgendeiner für die nächste Nacht oder die nächste Woche. Oder ein paar Wochen. Er hatte dieses ziellose Herumflattern satt, er wollte endlich sesshaft werden, ein beständiges Familienleben als Farmer führen, so wie seine Eltern es gehabt hatten und Caleb es sich gerade mit Summer einrichtete. Das Leben, das er mit Stacey teilen wollte, bevor diese Seifenblase zerplatzt war.

„Na, ist der Ort interessant, an dem du gerade weilst?“

„Musste nur gerade an Caleb und Summer denken.“

„Ich hab nie jemanden so auf Wolke sieben schweben sehen wie die beiden.“

„Stimmt. Vielleicht klopft dieses Glück ja eines Tages auch an unsere Tür.“

„Hoffen wir’s mal“, sagte Blake. Die unverhohlene Wehmut in seiner Stimme überraschte Gabe. Wenn sie über Frauen sprachen, zogen sie sich normalerweise gegenseitig auf oder prahlten mit einer neuen Eroberung. Heiraten und sich niederlassen war bisher nie ein Thema gewesen, das sie ernsthaft angesprochen hatten.

Gabe bürstete Sully den Rücken trocken, bevor er ihn in den Anhänger führte und sein Zaumzeug gegen ein Halfter austauschte. Als das Pferd ruhig und entspannt stehen blieb und keine Anstalten machte, nervös zu werden, sprang Gabe von der Rampe, schloss das Tor zur Koppel und sah Blake an. „Was schulde ich dir für Futter und Arbeitszeit?“ Er zog seine Brieftasche hervor, doch sein Bruder legte ihm eine Hand auf den Arm.

„Sieh es als Geschenk zur Feier deiner Geschäftseröffnung.“

„Das ist wirklich nicht nötig“, versuchte Gabe zu widersprechen.

„Ich will es aber so. Es ist ein Geschenk, okay? Du glaubst gar nicht, wie gespannt ich bin, dein neues Domizil zu sehen, sobald du dich eingerichtet hast.“

„Kann sein, dass ich ein bisschen Hilfe brauchen werde, wenn die Rinder kommen. Wird schwierig, sie allein mit Dane auf die Weiden zu verteilen.“

„Kein Problem. Ruf einfach an, und ich bin zur Stelle.“

Gabe umarmte Blake herzlich und verpasste ihm einen kumpelhaften Schlag auf die Schulter. Er wäre gern noch geblieben und mit seinem Bruder ein Bier trinken und einen Happen essen gegangen, aber zu dieser Jahreszeit waren die Tage kurz, und es dämmerte schon um vier Uhr nachmittags. In knapp einer Stunde würde es stockfinster sein.

Gabe setzte sich hinters Steuer seines Dodge, startete den Motor und drehte die Heizung hoch. Gerade mal ein Grad plus. Die Temperaturen draußen würden mit Einbruch der Dunkelheit ruckzuck noch weiter in den Keller gehen, dazu käme der vorhergesagte starke Schneefall. Er musste sich beeilen, nach Hause zu kommen.

„Hey, tut mir leid, dass wir so rumgetrödelt haben, aber fahr trotzdem vorsichtig.“

„Nicht deine Schuld. Ich wollte ein bisschen Zeit mit dir verbringen.“

„Wir sehen uns. Spätestens in sechs Wochen, wenn deine Rinderherde da ist.“

„Ja, wir sehen uns!“

„Ist sie hübsch?“

Von der Frage überrascht, sah Gabe Blake verwirrt an.

„Wer?“

„Lela Wolf.“

Er musste sich nicht einmal anstrengen, um ihr herzförmiges Gesicht im Geiste vor sich zu sehen. Ausdrucksstarke grüne Augen, eine Strähne hellbrauner Haare, die ihr über die Brauen hing, der Rest hinter die Ohren gesteckt. Und ihr Geruch. Wie ein Strauß Lilien.

„Jepp, ist sie.“ Wunderschön. Umwerfend. Atemberaubend. Einerseits zerbrechlich, aber sie konnte auf der anderen Seite auch knallhart sein, das hatte sich für einen winzigen Moment in ihrem Blick gezeigt, als sie ihm sagte, er solle es nicht wagen, auch nur einen Fuß ins Haus zu setzen.

„Vielleicht kommt sie ja mal wieder in deiner Gegend vorbei.“

Gabe grinste seinen Bruder an und schüttelte den Kopf.

Blake erwiderte das schiefe Grinsen, offensichtlich wusste er sehr genau, was Gabe insgeheim dachte. Nämlich, dass Lela Wolf mehr als nur hübsch war und sein Interesse geweckt hatte.

Gabe trat aufs Gaspedal und ließ seinen Bruder in der Einfahrt der Three Peaks Ranch zurück, doch der Gedanke an die schöne Frau in dem blauen Mantel verfolgte ihn hartnäckig. Sie wollte ihm nicht aus dem Kopf gehen.

Es kostete ihn einige Mühe, sich auf die Straße zu konzentrieren. Durch den einsetzenden Regen vorhin waren die Landstraßen schlammig, und er musste das Tempo drosseln, um nicht ins Schlingern zu geraten. Als er schließlich den Highway Richtung Norden erreichte, ging der Regen in Schneefall über und zwang ihn, noch langsamer zu fahren. Seinen Zeitplan konnte er vergessen. Die Sonne war bereits untergegangen, und die Sicht auf der zweispurigen Strecke wurde von Minute zu Minute schlechter. Müsste er sich nicht um Sully und den Anhänger sorgen, könnte er ein wenig mehr auf die Tube drücken. Morgen früh würde er einen Schneepflug brauchen, um den Weg zum Haus zu räumen, wenn es die Nacht über so weiterschneite. Und es sah ganz danach aus.

Hundemüde nach dem langen, anstrengenden Tag rieb er sich das stoppelige Kinn und dachte an all die Dinge, die er später noch erledigen musste. Sully in den warmen Stall bringen, den er schon am Morgen vorbereitet hatte. Sich eine oder zwei Dosen Eintopf für ein spätes Abendessen warm machen und eine Kanne Kaffee kochen. Die Klamotten einsammeln, die er der Einfachheit halber immer über irgendwelche Stuhllehnen warf, bis sie sich dort stapelten, und sie in die Waschküche bringen. Morgen würde er alles in die Maschine stopfen und mal wieder ein wenig aufräumen. Besonders das Gästezimmer, für den Fall, dass Dane auf einen Besuch vorbeikam – unangemeldet natürlich.

Sein Handy klingelte, und er warf einen Blick aufs Display. Wenn man vom Teufel sprach. Er drückte den Knopf für die Freisprechanlage an seinem Lenkrad.

„Was gibt’s, Dane?“

„Hab mir deine Black-Angus-Schönheiten angeschaut. War gerade in der Gegend.“ Die Stimme seines Bruders hallte durch den Innenraum des Trucks. „Mann, da hast du einen guten Fang gemacht, das nenne ich mal Premium-Rinder.“

„Das sollten sie auch besser sein, für die stolze Summe, die ich hingeblättert habe.“

„Wie ich sagte – sind echte Schönheiten. Verkauf sie als Bio-Rind, und du machst ein Vermögen damit.“

„So sieht der Plan aus. Es wird eine Weile dauern, bis ich die Zertifikate habe und das Zuchtprogramm in die Gänge gekommen ist, aber dann hoffe ich, dass ich bald schwarze Zahlen schreibe.“

„Ich hab den Liefertermin bestätigt und die Papiere gecheckt. Alles in Ordnung, kannst beruhigt sein.“

„Danke, Dane. Du hast mir die Fahrt nach Nevada erspart. Wie läuft’s bei dir?“

„Man kämpft sich so durch, versohlt ein paar Nichtskönnern im Rodeoring den Hintern, das Übliche. Ich bin schon direkt hinter Kurt Collins auf Platz zwei.“

„Den steckst du locker in die Tasche.“ Gabe war sich nicht nur sicher, dass sein Bruder Collins schlagen konnte, er würde ihn in der Endrunde wie einen blutigen Anfänger aussehen lassen. Dane wollte unbedingt das Preisgeld gewinnen und damit seine eigene Ranch aufziehen.

„Und ob! Oh Mann, ich muss gleich los.“

„Heißes Date?“

„Aber immer doch. Solltest du auch mal ausprobieren. Du verbringst viel zu viel Zeit allein mit deinen Pferden.“

„Pferde machen weniger Ärger als Frauen.“

„Frauen riechen besser.“

Gabe lachte. „Ich muss im Moment andere Prioritäten setzen. Man kann nicht alles haben.“

„Nein, aber hin und wieder ein bisschen Spaß zu haben schadet nicht.“

„Da mache ich mir keine Sorgen. Du hast genug Spaß für mich und die Hälfte der männlichen Bevölkerung Montanas.“

Dieses Mal war es Dane, der lachen musste. „Worauf du deinen Arsch verwetten kannst.“

„Also dann, zisch ab, und amüsier dich!“

„Früher sind wir zusammen losgezogen und haben es krachen lassen. Mir fehlen die guten alten Zeiten.“

„Mir nicht.“ Nach seinem Schiffbruch mit Stacey hatte er seine Ranch von außen abgeschlossen und war von Rodeo zu Rodeo gezogen, immer auf der Jagd nach dem Kick, den ein Sieg ihm verschaffte, und der nächsten Frau, die für einen One-Night-Stand zu haben war. Bis er eines Morgens neben einem dieser Häschen aufwachte und feststellte, dass er nicht einmal ihren Namen kannte. Nicht dass es ihn interessiert hätte, wie sie hieß. Sie hatte ihm ein paar kurze Augenblicke vermeintlichen Glücks geschenkt, aber das war es auch schon. Danach fühlte er sich leer und ausgebrannt, und so ging es ihm mit all diesen flüchtigen Bekanntschaften. Er benutzte sie, um die quälende Leere in seinem Inneren zu vertreiben, doch sie wurde mit jeder oberflächlichen Bettgeschichte nur umso stärker. Anfangs hatte ihn sein männliches Ego angetrieben. Den Charme spielen lassen, eine wildfremde Frau verführen, in dem Wissen, er konnte sie in sein Bett locken, wenn er es darauf anlegte. Aber eines Tages war der Groschen bei ihm gefallen, und er hatte erkannt, dass auch die andere Seite nichts weiter als Sex von ihm wollte, und zwar schlicht deshalb, weil er nicht mehr zu bieten hatte als das. Bedeutungslosen, schnellen Sex. Nach diesem Schlüsselerlebnis war er nach Hause zurückgekehrt, um sich etwas aufzubauen, worauf er stolz sein konnte. Ein Leben, das jemand mit ihm zu teilen bereit sein würde.

„Versteh mich nicht falsch“, sagte er zu Dane. „Mit dir abzuhängen fehlt mir schon, bloß von dem ganzen Zirkus habe ich genug. Wein, Weib und Gesang, das überlasse ich dir. Also, wir sehen uns, wenn die Angus-Schönheiten in ihr neues Zuhause einziehen. Aber du kannst natürlich auch gerne früher mal wieder bei mir vorbeischauen.“

„Alles klar, bis dann. Mein Date wartet.“ Dane legte auf. Gabe freute sich immer, seinen kleinen Bruder zu sehen. Wild, stets gut gelaunt und für jeden Unsinn zu haben. Der Gedanke brachte Gabe zum Lächeln. Ja, Dane genoss sein junges Leben in vollen Zügen. Und Blake hatte seinen Traum in die Tat umgesetzt und trainierte Pferde. Für Gabe selbst war die Erfüllung seines eigenen Traums, nämlich eine große Ranch mit allem Drum und Dran zu besitzen, ebenfalls in erreichbare Nähe gerückt. Das hatte ihn allerdings auch viel Arbeit und Verzicht gekostet. Danes Worte hallten in seinem Kopf nach: „Hin und wieder ein bisschen Spaß zu haben schadet nicht.“

Es schien, als hätte er in den vergangenen drei Jahren vergessen, wie man das machte. Er war zu einem Eigenbrötler geworden. Ein Junggeselle, der sich tagein, tagaus abrackerte wie ein Besessener und nur in die Stadt fuhr, wenn seine Vorräte langsam zur Neige gingen und er einkaufen musste. Was die Damenwelt betraf, so waren ein paar neue in den Ort gezogen, aber die meisten Gesichter kannte er schon seit Kindertagen, und keine gefiel ihm wirklich. Jedenfalls nicht auf diese Weise.

Er wollte etwas Besonderes. Eine Herausforderung. Jemanden, der sich mit ihm messen konnte.

Augen, so grün wie das erste frische Gras im Frühling. Ein Gesicht, das ihm nicht mehr aus dem Sinn ging, so wie das von Lela Wolf, seit er sie zum ersten Mal gesehen hatte.

3. KAPITEL

Ella verbrachte die Taxifahrt damit, sich alle Mühe zu geben, nicht in Tränen auszubrechen, sondern stattdessen einen halbwegs vernünftigen Plan auszutüfteln. Sie durchwühlte die Tasche ihrer Schwester nach weiteren möglichen Hinweisen, fand aber nichts außer einer Bleistiftzeichnung des herzförmigen Medaillons, das sie beide trugen. Lela hatte viele winzige Rosenblüten gemalt, die zusammen ein Herz um ihre Initialen L. W. und E. W. formten. Darüber wand sich ein geschwungener Bogen mit einem Rosenstrauch an jedem Ende. Wunderschön. Ihre Schwester hatte immer ein Talent für kunstvolle Skizzen gehabt.

Ella presste das Stück Papier an ihre Brust und ließ für einen Augenblick das überwältigende Gefühl des Verlustes zu. Sie würde Lela niemals wiedersehen.

Bis auf den Notizzettel mit der Zeichnung, das Portemonnaie und die Schlüssel ihrer Schwester, ihren scharlachroten Lieblingslippenstift, eine halb leere Tüte Erdnüsse aus dem Flugzeug und vier Pfefferminzbonbons fand Ella keinerlei Anhaltspunkte dafür, was ihre Schwester während der letzten drei Tage getan hatte. Außer einen Leihwagen zu mieten.

Warum Montana, Lela?

Sie grub die Finger in das Leder der Handtasche auf ihrem Schoß, um ihren aufgestauten Stress abzureagieren. Etwas Seltsames erregte plötzlich ihre Aufmerksamkeit. Sie hielt inne und öffnete den Reißverschluss erneut. Von der Form her passte keiner der Gegenstände zu dem, was sie da eben im Inneren der Tasche ihrer Schwester gespürt hatte. Also betastete sie das Futter und fühlte die Konturen einer rechteckigen Karte. Lela hatte sauber und vorsichtig den Saum aufgeschnitten und ihn hinterher mit doppelseitigem Klebeband wieder verschlossen. Ella zog das provisorische Geheimfach auf, und zum Vorschein kam ihr gefälschter Führerschein. Ihre Schwester hatte ihn ihr geklaut. Es wunderte Ella allerdings nicht besonders, dass ihr das Fehlen dieses praktischen kleinen Kärtchens überhaupt nicht aufgefallen war. Sie hatte es vor vielen Jahren von einem befreundeten Künstler gekauft, der sich als ein hervorragender Dokumentenfälscher entpuppte, wenn der Preis stimmte. Als sie achtzehn war, hatte dieser Führerschein mit dem falschen Namen es ihr ermöglicht, unerkannt den ein oder anderen interessanten Nachtclub zu besuchen. Auch heute benutzte sie ihn noch ab und zu, wenn sie einfach nicht Ella Wolf sein wollte, aber das kam nicht oft vor.

Ein erneuter Blick auf das Flugticket bestätigte ihr, dass Lela inkognito gereist war. Aber weshalb? Warum dieser Aufwand, um nur ja keine Spuren zu hinterlassen?

Was auch immer ihre Schwester aufgedeckt haben mochte, Ella schwor sich, zu beenden, was Lela begonnen hatte. Sie wollte ihren Onkel hinter Gittern sehen – oder tot und begraben – für den Mord an Lela und für die anderen abscheulichen Verbrechen, die er sonst noch begangen hatte. Dieser Mann verdiente weitaus Schlimmeres als eine Gefängnisstrafe.

Sie dachte an all ihre vielen Ideen und die großen Pläne, über die Lela und sie gesprochen hatten, jetzt, da ein neues Kapitel ihres Lebens beginnen würde. Gemeinsam die Leitung der Firma übernehmen, dies und jenes umkrempeln. In ferne Länder reisen und die Welt sehen. Sich in den richtigen Mann verlieben. Heiraten. Brautjungfer für die andere sein. Kinder bekommen. Nichts auslassen, ein erfülltes und glückliches Leben haben, bis sie eines Tages als alte Schachteln zusammen im Garten sitzen, Tee trinken und Geschichten über die neuesten Streiche ihrer Enkelkinder austauschen würden.

Ella wischte sich die Tränen fort, ebenso beiläufig, wie ihr Onkel diese Zukunftsvisionen im Bruchteil einer Sekunde zunichtegemacht hatte.

In sechs Wochen wurde sie fünfundzwanzig, und wenn es ihr bis dahin nicht gelang, Phillip hinter Schloss und Riegel zu bringen, wohin er fraglos gehörte, sondern er es schaffte, ihr den Mord an ihrer Schwester anzuhängen, dann fiel die Firma mitsamt aller Tochtergesellschaften in seine Hände. Alles, was ihre Eltern ihr und Lela hinterlassen hatten. Damit hätte er das Geld und die Macht und wäre praktisch unantastbar. Er käme sogar mit einem hinterhältigen Mord durch.

Nie und nimmer. Nicht, solange ihr eigenes Herz noch schlug.

„Wir sind da. Welche Fluglinie?“, fragte der Taxifahrer. Ella sah auf das Ticket ihrer Schwester, den einzigen Brotkrumen, den sie gestreut hatte. „United Airlines.“

Er lenkte den Wagen zu den Eingängen der Abflughalle und parkte vor dem entsprechenden Terminal. Ella gab dem Fahrer einen Schein von dem Geld, das sie in ein Seitenfach ihrer Handtasche gestopft hatte, und stieg dann ohne zu zögern aus. Die Trauer lähmte sie innerlich, doch gleichzeitig durchströmte sie ein Gefühl der Entschlossenheit. Sie marschierte zum Ticketschalter, legte dem Angestellten – ohne mit der Wimper zu zucken – ihren gefälschten Führerschein vor und buchte einen Flug nach Bozeman, den sie bar bezahlte. Nun blieben ihr noch etwas mehr als fünfhundert Dollar.

Ihr Flug ging erst in zwei Stunden, aber wenn er pünktlich war, würde sie gegen drei Uhr nachmittags in Bozeman landen. Sie hoffte, die Ranch zu erreichen und ihre Nachforschungen beginnen zu können, bevor es dunkel wurde.

Die Warterei in der Schlange vor den Sicherheitskontrollen zog sich endlos hin, und das gab ihr nur mehr Zeit zum Grübeln. Wieder und wieder wanderten ihre Gedanken zurück in die Bibliothek des Penthouse – Lela leblos auf dem Boden liegend, ihre toten Augen ins Leere starrend. Ella wollte nicht daran denken, aber sie konnte dieses Bild einfach nicht verscheuchen.

So viele Fragen und Was wäre, wenn? gingen ihr durch den Kopf. Sie analysierte jede kleine Einzelheit der Geschehnisse, besonders ihr eigenes Verhalten. Hätte es etwas geändert, wenn sie dazwischengegangen wäre, um Lela zu retten? Warum hatte sie nicht die Polizei gerufen? Angenommen, sie fände diese Beweise, die ihre Schwester irgendwo deponiert haben musste – würden sie ausreichen, um Phillip vor Gericht zu bringen, oder käme er davon? Und was dann? Sie brachte die Kontrollen genauso phlegmatisch hinter sich wie jeder andere der Reisenden, folgte der Person vor ihr, trat mit unbeteiligtem Blick durch den Scanner und ließ die restliche Routineprozedur über sich ergehen. Das leise Getuschel vereinzelter Leute hörte sie sehr wohl, ignorierte es aber. Was sie durchgemacht hatte, spiegelte sich ganz bestimmt in ihrem Gesicht wider, denn sie schaffte es nicht einmal, wenigstens ein gespieltes Lächeln aufzusetzen, um ihre Umgebung glauben zu machen, es ginge ihr gut. Es ging ihr nicht gut. Nichts war wie früher, und es würde auch nie mehr so werden.

Nachdem sie ihre Schuhe wieder angezogen und das Handy und den Laptop in ihrem Gepäck verstaut hatte, konnte sie endlich in die Wartehalle vor ihrem Gate gehen. Auf dem Weg dorthin machte sie einen letzten Zwischenstopp an einem ATM-Geldautomaten. Sie benutzte hintereinander ihre Kredit- sowie ihre Bankkarte und hob insgesamt zweitausendfünfhundert Dollar ab. Falls ihr Onkel ihre Route bis hierher zurückverfolgte, was sie annahm, dann wüsste er immer noch nicht, wohin sie geflogen war – dank ihres Führerscheins mit dem falschen Namen.

Sie bestieg das Flugzeug, setzte sich auf ihren Platz und war kaum vollkommen geschafft eingeschlafen, als sie auch schon wieder geweckt wurde. Der Flieger landete mit einem leichten Ruckeln in Bozeman. Ella stieg, ohne auf den mitleidigen Blick der Stewardess zu reagieren, aus und reihte sich hinter den anderen Passagieren an der Gepäckausgabe ein. Mit dem Versuch, ohne Kreditkarte einen Wagen zu mieten, hätte Ella es riskiert, Misstrauen zu erregen, denn so etwas taten heutzutage nur Leute, die Schulden hatten oder Ähnliches, also nahm sie stattdessen ein Taxi.

„Wohin möchten Sie?“ Der Fahrer, ein älterer Herr, schaute sie im Rückspiegel an. Ein besorgter Ausdruck lag in seinen Augen. Kein Wunder, ihr Spiegelbild sah wirklich erbärmlich aus. Sie hätte wenigstens schnell zu den Toiletten gehen und sich die vom Weinen verschmierte Wimperntusche abwaschen können. Aber das spielte jetzt auch keine Rolle mehr.

„Nach Hause.“ Auf der Ranch hatte sie sich als Kind immer am wohlsten gefühlt. Mit den hinter dem aus Stein und Holzbalken gebauten Haus aufragenden hohen Bergen und den riesigen Fenstern strahlte der Ort eine Gemütlichkeit und Urigkeit aus, die Ella liebte. Ganz anders als das elegante Penthouse, das ihre Eltern in New York besaßen.

„Und das ist wo genau?“

„Oh, Entschuldigung. 42 Wolf Road.“ Da ihr Vater das Anwesen gekauft und für alle Kosten aufgekommen war, die der Bau der Zufahrtsstraße mit den Versorgungsanschlüssen verschlungen hatte, nahm er sich die Freiheit, ihr selbst einen Namen zu geben und die Hausnummer zu bestimmen. Zweiundvierzig war seine Lieblingszahl gewesen.

„Hm, die Adresse sagt mir nichts“, gab der Taxifahrer zu und tippte etwas in sein Navigationssystem. „Wow, das ist ganz schön weit. Im Moment zieht ein Schneesturm durch die Gegend hinter Crystal Creek. Bis dahin kann ich Sie bringen, aber Sie müssten die Nacht entweder im Ort verbringen oder jemanden finden, der einen Wagen mit Allradantrieb hat und Sie mitnehmen könnte. Für den wären die verschneiten Straßen kein Problem.“

Sie betrachtete die in der Ferne aufziehenden dunklen Wolken und nickte schicksalsergeben. „Ja, gut.“

Die lange Fahrt durch das Tal, das sich um Bozeman erstreckte, nutzte sie, indem sie sich notdürftig etwas frisch machte. In Lelas Tasche hatte sie ein paar Make-up-Entferner-Pads gefunden. Viel brachten ihre Bemühungen nicht, ihre Augen waren noch immer rot und verquollen. Einen Schönheitswettbewerb würde sie nicht gewinnen, aber sie fühlte sich zumindest ein wenig besser.

Das gleichmäßige Schaukeln des Autos hatte eine entspannende Wirkung auf Ella, im Gegensatz zu ihrem kurzen, unruhigen Schlaf im Flugzeug. Sie hatte seit gestern Abend nichts gegessen, und nachdem sie mit ansehen musste, wie ihre Schwester ermordet wurde, war ihr der Appetit komplett vergangen. Doch langsam fing ihr leerer Magen an, sich bemerkbar zu machen. Vielleicht wäre es keine schlechte Idee, irgendwo einen Kaffee zu trinken und eine Kleinigkeit zu essen. Womöglich half das gegen ihre Kopfschmerzen, und sie könnte wieder klarer denken. Sich ihre nächsten Schritte überlegen.

Welche Maßnahmen würde Phillip wohl ergreifen, um sie in seine Gewalt zu bringen?

Ganz einfach: alle, die nötig waren. Ohne Rücksicht auf Verluste.

„Wo kann ich Sie absetzen, Miss? Aus diesem Regen wird jeden Moment Schnee werden.“

Mit ihren finsteren Gedanken beschäftigt, hatte Ella weder bemerkt, dass es wie aus Kübeln schüttete, noch den scharfen Wind gehört, der um den Wagen pfiff und gegen die Scheiben drückte. Sie sah sich in der kleinen Stadt um und entdeckte einen Diner, der direkt neben einem Motel lag. Sollte sie heute Abend niemanden mehr finden, der sie zur Ranch fuhr, müsste sie wenigstens nicht verhungern oder erfrieren.

„Bitte lassen Sie mich beim Diner raus, von da aus komme ich allein zurecht.“

„Wird gemacht.“

Ella gab dem Taxifahrer zweiundsechzig Dollar plus Trinkgeld und klemmte sich ihre Sachen unter den Arm.

„Warten Sie, ich helfe Ihnen“, bot der Mann an.

„Nein, nein, nicht nötig. Sie müssen nicht auch noch nass werden, es geht schon.“

Dankbar lächelte er ihr im Rückspiegel zu. „Wie Sie meinen.“ Zu ihrem Glück hatte er so dicht wie möglich vor dem Eingang geparkt, doch obwohl sie nur wenige Meter durch den strömenden Regen zurücklegen musste, wurden ihre Haare und Schultern innerhalb von Sekunden klatschnass. Und dank der großen Pfütze, in die sie natürlich mitten hineintrat, bekam sie auch noch nasse Füße, und ihre teuren Stiefeletten aus Wildleder waren ruiniert. Als Ella die Tür öffnete, blies ein kräftiger Windstoß gegen ihren Rücken und ließ sie unsanft in den Diner stolpern. Sie drückte die Tür hinter sich wieder zu und schaute in die Runde. Mehrere Gäste quittierten ihre Ankunft mit neugierigen Blicken. Da stand sie – wie ein begossener Pudel – mit den ihr wild ins Gesicht hängenden, tropfenden Haarsträhnen. Sie bewegte ihre eiskalten Zehen in den Stiefeletten und atmete tief ein und wieder aus. Ließ sich jetzt nicht ändern, sollten sie doch denken, was sie wollten.

Sie setzte sich auf einen hohen Stuhl mit Lehne an der fast leeren Theke und legte ihre Handtasche und die anderen Sachen auf den Barhocker daneben. Eine Kellnerin, die gerade mit den beiden älteren Herren am anderen Ende des Tresens gesprochen hatte, kam zu Ella und fragte: „Was kann ich Ihnen bringen?“

„Kaffee, bitte.“

„Gern. Wir haben heute Hackbraten mit Kartoffelbrei als Tagesgericht. Die Brokkoli-Käse-Suppe kann ich auch empfehlen. Dazu gibt es frische, warme Brötchen, wenn Sie Hunger haben?“

„Dann nehme ich die Suppe. Danke.“

„Alles in Ordnung, Liebes?“

„Nein, nicht ganz. Aber das wird schon wieder“, sagte Ella resolut, wobei sie sich vorstellte, wie sie ihren Onkel zur Strecke bringen würde. Es war besser, daran zu denken, als an den toten kalten Körper ihrer Schwester auf dem Fußboden.

Die Kellnerin, Bev, wie ihr Namensschildchen Ella verriet, schenkte ihr einen Becher Kaffee ein und stellte eine Schüssel mit kleinen Portionstöpfchen Kaffeesahne auf die Theke. „Ihre Suppe kommt sofort. Sie bleiben schön hier sitzen und wärmen sich erst mal auf.“

Ella ließ sich zurücksinken und schloss die klammen Finger um den warmen Becher. Dann nippte sie daran und machte für einen Moment die Augen zu. Beinahe wäre sie eingeschlafen, doch da kam Bev bereits wieder und servierte die Suppe sowie einen Korb mit vier kleinen Brötchen und einem Schälchen Butter. Ella schnitt eines der Brötchen zur Hälfte auf und ließ mit dem Messer mehrere Butterflöckchen in die Öffnung fallen, damit sie schmolzen. Das Gleiche machte sie mit einem zweiten Brötchen. Noch bevor sie den ersten Löffel Suppe zum Mund führte, hatte der herrliche Duft schon begonnen, ihre Lebensgeister zu wecken. Als sie die sahnige weiche Kreation dann auf der Zunge spürte, fühlte sie sich beinahe wieder wie ein Mensch. Sie biss ein großes Stück von einem der Brötchen ab. Geschmolzene Butter tropfte ihr das Kinn hinunter. Ella wischte sie mit einer Papierserviette weg und genoss schweigend und in Gedanken versunken ihre Mahlzeit.

Als sie fertig war, sah sie sich zum ersten Mal genauer im Raum um. Neben den der Küche zugewandten Sitzplätzen an der Theke stand an beiden Enden des Diners eine Reihe Tische mit rotweißen Deckchen und jeweils vier Stühlen. Dahinter, an der Außenwand, gab es einige Nischen mit abgewetzten roten Vinylbänken. In die Decke eingelassene Halogenspots sorgten für ein angenehmes warmes Licht. Direkt über Ellas Kopf hingen zusätzlich Pendelleuchten mit dunkelroten Glasschirmen. Nett. Ländlich-rustikal.

Während sie gegessen hatte, waren nach und nach immer mehr Leute gekommen, und mittlerweile gab es nur noch eine Handvoll freier Plätze. Es war spät geworden. Ella musste sich entscheiden, ob sie in der Stadt übernachten oder nach einer Mitfahrgelegenheit suchen wollte.

Bev blieb bei ihr stehen und hielt demonstrativ die Kaffeekanne hoch. „Noch mal nachschenken?“

„Nein danke. Ich sollte mich auf den Heimweg machen. Aber bei diesem Wetter wird es wahrscheinlich schwierig, ein Taxi oder irgendeine andere Möglichkeit zu finden, um nach Hause zu kommen.“

„Wo wohnen Sie denn, Schätzchen?“

„Wolf Road, an der Landstraße 191.“

„So weit draußen? Das ist mitten im Nirgendwo.“

„Ich weiß. Aber ich muss noch heute dorthin. Das Dumme ist nur, dass ich kein Auto habe – und schon gar keinen Geländewagen. Hätten Sie eine Idee?“

Bev schaute über Ellas Schulter zu einem Mann hinüber, der gerade an der Kasse neben der Tür seine Rechnung beglich. „Hey, Travis. Fährst du nach Hause?“

„Ich werde wohl eher schleichen in dem Winterwunderland da draußen, aber, ja. Wieso fragst du?“

„Diese Lady hier muss heute Abend noch zur Wolf Road. Könntest du sie mitnehmen?“

„Na ja, das ist ein bisschen weiter, als ich eigentlich fahre, aber für so eine reizende Dame mache ich doch gern einen kleinen Umweg.“

Ella warf Bev einen skeptischen Blick zu. Der Gedanke, zu einem Wildfremden ins Auto zu steigen und im Dunkeln eine einsame Landstraße entlangzufahren, gefiel ihr nicht so recht. Besonders, wenn es sich um jemanden handelte, der nicht viel von Körperpflege zu halten schien: ungewaschene, strähnige Haare, ein Viertagebart, eine schmierige Latzhose mit einem langen zerfransten Riss auf der Vorderseite.

Bev klopfte mit der Hand auf den Tresen. „Keine Sorge. Der Kerl sieht zwar zum Fürchten aus, aber er ist harmlos.“

„Jetzt komm, Bev, so übel bin ich nun auch nicht. Ich versuche seit Jahren, dich rumzukriegen, aber du zeigst mir immer nur die kalte Schulter.“

„Tja, dein Charme funktioniert bei mir wohl nicht. Oder bei irgendeiner anderen Frau, die ich kenne“, entgegnete sie lachend.

Einige der anderen Gäste stießen sich gegenseitig mit den Ellenbogen in die Seiten und ließen spöttische Bemerkungen über Travis’ nicht existentes Liebesleben fallen. Er grinste und nahm die offensichtlich nicht böse gemeinten Hänseleien seiner Freunde mit Humor.

„Kannst mir vertrauen, Schätzchen. Der beißt nicht. Aber ihr solltet euch auf die Socken machen, das Wetter hier kann unberechenbar sein. Und wie es aussieht, wird der Schneefall immer stärker. In einer Stunde sind die Straßen vielleicht schon dicht.“

Bev hatte recht. Aus dem Regen war ein leichtes, aber stetiges Schneegestöber geworden. So schön und friedlich. Ella wünschte, ihre Schwester könnte jetzt hier sein. Sie beide hatten es immer geliebt, im Winter nach Montana zu fahren und vom kuscheligen Wohnzimmer aus durch die großen Fenster stundenlang die weiße Pracht zu bewundern, während sie mit ihren Puppen oder eine Partie Schach spielten. Ella hatte sich jedes Mal diebisch gefreut, wenn sie Lela beim Halma schlug. Die Erinnerung machte sie traurig. Sie blinzelte, um die aufsteigenden Tränen zu verscheuchen. Sie hätte später noch reichlich Zeit, sich in ihre Schwermut zu ergeben. Vorher aber musste sie zur Ranch und herausfinden, was ihre Schwester ausgerechnet dorthin geführt hatte.

„Vielen Dank, es ist sehr nett von Ihnen, mich mitzunehmen“, wandte sie sich an den Mann namens Travis. „Ich bezahle auch gern fürs Benzin und die Umstände, die ich Ihnen mache.“

„Quatsch! So eine hübsche Lady wie Sie chauffiere ich doch mit Vergnügen, wohin auch immer Sie wollen.“

„Danke“, wiederholte Ella höflich lächelnd. Sie packte ihre Sachen zusammen, zahlte ihre Rechnung, gab Bev ein groß-zügiges Trinkgeld und folgte Travis hinaus in die klirrende Kälte. Die Sonne war inzwischen untergegangen und die weißen Flocken rieselten vor dem dunklen Hintergrund des Himmels herab, angestrahlt von dem Lichtschein, der aus dem Diner drang. Im Handumdrehen waren Ellas Haare und Kleidung mit Schnee bedeckt. Sie schüttelte so viel davon ab, wie sie konnte, bevor sie in Travis’ Pick-up kletterte. Der stechende Geruch von Schweiß, Kuhmist und Tabak schlug ihr entgegen. Beim Anblick der Bierflasche im Getränkehalter, randvoll mit ausgespuckten Stücken Kautabak, wurde Ella schlecht. Sie rümpfte unwillkürlich die Nase und kurbelte das Fenster herunter, um frische Luft hereinzulassen.

Travis schwang sich hinters Steuer und warf ihr einen merkwürdigen Blick zu, irgendwie anzüglich. Ella setzte sich kerzengerade auf und faltete die Hände im Schoß – ihre Tasche, in der Lelas Handtasche steckte, zwischen den Füßen. Sie seufzte erleichtert, als der Wagen sich in Bewegung setzte und vom Parkplatz auf die Straße stadtauswärts rollte. Obwohl die Heizung des alten Vehikels funktionierte, konnte sie kaum etwas gegen die eisige Kälte, die durch das offene Fenster strömte, ausrichten. Also gab Ella zähneknirschend der Wärme den Vorzug, vor allem, weil ihre Haare noch immer nicht trocken waren.

Sie kämmte die feuchten Strähnen mit den Fingern durch, aber viel half das auch nicht. Travis sah zu ihr hinüber und musterte sie von Kopf bis Fuß.

„Und? Was führt Sie in diese Gegend? Sie sehen nicht aus, als kämen Sie von hier. Von wo kommen Sie?“

Ella fragte sich angesichts seines plötzlichen Redeschwalls, ob er irgendwann die Klappe halten und sie antworten lassen würde. Nicht dass sie besonders interessiert daran gewesen wäre, mit ihm zu reden, aber wenn das half, seinen Blick weg von ihrem Busen und zurück auf die Straße zu lenken, hatte sie nichts gegen ein bisschen Small Talk einzuwenden.

„Ich bin vor ein paar Stunden aus New York in Bozeman angekommen.“

„Dachte ich mir gleich, dass Sie ein Mädchen aus der Großstadt sind.“

Tatsächlich? Was hatte sie verraten? Die Wildlederstiefeletten mit den hohen Absätzen wahrscheinlich. Oder der viel zu dünne Pullover, den sie zu ihrer Stoffhose trug. Und Lelas knöchellanger Mantel war eher für ein Abendessen in einem feinen Restaurant geeignet, als einem Schneesturm zu trotzen.

„Wieso wollen Sie zur Wolf-Ranch? Die Familie hat sich hier seit dem Unfall nicht mehr blicken lassen. Hab gehört, sie überlegen, zu verkaufen. Sind Sie deshalb hier?“

Durch Travis’ Worte an den Tod ihrer Eltern erinnert, spürte Ella einen Stich im Herzen, als wäre es erst gestern passiert. Zu diesem Schmerz kam der Verlust ihrer Schwester, und ihr wurde einmal mehr bewusst, dass sie keine Angehörigen mehr hatte. Außer ihrem Onkel, dem kaltblütigen Mörder.

„Ähm, gewissermaßen“, antwortete sie tonlos. „Die Firma hat mich geschickt, um im Auftrag der Familie das Haus zu begutachten.“

„Also haben sie wirklich vor, zu verkaufen?“, fragte er.

Sie dachte nicht im Traum daran, sich von der Ranch zu trennen. Für sie lebten ihre Eltern und auch Lela in dem Haus auf gewisse Weise weiter. Es steckte voller Erinnerungen an die glücklichen Tage ihrer Kindheit. Zeiten, in denen ihr Vater ausnahmsweise nicht pausenlos arbeitete und ihre Mutter nicht ständig zu Verabredungen zum Mittagessen mit Freunden hetzte. Hier draußen waren sie einfach nur eine Familie wie jede andere gewesen.

Gott, wie sehr ihr diese Unbekümmertheit von damals fehlte.

„Ich glaube nicht“, sagte Ella vage. „Die Ranch wird vermutlich im Familienbesitz bleiben.“ Oder besser gesagt, in ihrem Besitz.

„Hätte mich auch gewundert. Und wie lange werden Sie hier sein? Sollen Sie nur prüfen, in welchem Zustand das Haus ist, oder noch woanders nach dem Rechten sehen?“

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