Abenteuer voller Lust und Zärtlichkeit

– oder –

 

Rückgabe möglich

Bis zu 14 Tage

Sicherheit

durch SSL-/TLS-Verschlüsselung

Als sich Marcy Pruitt, die beliebte TV-Moderatorin, und Evan Carver, ein erfolgreicher Bauunternehmer, auf einer Hochzeitsfeier in Texas treffen, knistert es gewaltig zwischen ihnen. Evans heißer Begrüßungskuss hat Marcy zutiefst aufgewühlt. Stürmische Leidenschaft brennt zwischen ihnen, und doch können sie nicht zusammen sein ...
  • Erscheinungstag 12.01.2019
  • ISBN / Artikelnummer 9783733745523
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Liebe Marcy,

ich fahre mit dem Zug von der Westküste aus quer durchs Land. Ich muss mit leichtem Gepäck reisen, brauche aber sowohl alltägliche Kleidung als auch elegante. Hätten Sie nicht einen Tipp, wie und was man am besten für eine lange Reise packt, ohne dass man mit lauter Ballast unterwegs ist?

Angie aus Anaheim

Marcy sah aus dem Schlafwagenfenster auf die vorbeiziehende texanische Landschaft. Die Julihitze brachte die Luft über dem weiten Land zum Flimmern. Ein paar sorglose Rinder grasten träge in der Mittagssonne, ohne sich von dem vorbeifahrenden Zug stören zu lassen. Eine Windmühle, die in der Ferne wie Spielzeug aussah, drehte sich im heißen Sommerwind.

Wie auf einer Postkarte dachte Marcy und lehnte den Kopf gegen das lederbezogene Sitzpolster. Ein tiefblauer Himmel. Weiße Schäfchenwolken am Horizont. Ein sanft schaukelnder Zug …

Ein schrill klingelndes Handy.

Fünfzehnhundert Meilen lagen zwischen ihr und Los Angeles, aber nicht einmal das reichte.

Marcy sah auf ihre Armbanduhr. In Los Angeles war es jetzt halb neun. Sie hatte diesen Anruf erwartet, denn ungefähr um diese Zeit würde ihre Managerin die Nachricht finden: Helen, ich nehme mir die nächsten drei Wochen frei. Bitte sag alle meine Termine ab und lass Anna neue vereinbaren. Danke, Marcy.

Helen Dunbar hatte sich über diese Mitteilung ganz sicher nicht gefreut.

Das Handy klingelte beharrlich weiter, und Marcy seufzte. Am besten brachte sie die Sache hinter sich. Sie zog das Telefon hervor, atmete tief durch und drückte auf den grünen Knopf.

„Hallo, Helen.“

„Marcy, Schätzchen“, sagte Helen außer Atem. „Ich habe eben deine Nachricht gelesen und bin schon auf dem Weg zu dir nach Hause. Wir trinken eine Tasse Kaffee und besprechen alles in Ruhe.“

„Es gibt nichts zu besprechen.“ Marcy konnte sich gut vorstellen, wie ihre Managerin mit einer Bürste durch ihr kurzes rotes Haar fuhr, dabei prüfend ihren Terminkalender durchging, um sich einen Überblick über den kommenden Tag zu verschaffen, und gleichzeitig mit ihr über die Freisprechanlage telefonierte. „Außerdem hat es keinen Sinn, zu mir zu fahren. Ich bin nicht zu Hause.“

„Was meinst du damit, du bist nicht zu Hause? Wo bist du denn?“

Marcy schaute wieder aus dem Zugfenster und entdeckte einen Falken, der über der Ebene schwebte. Dieser herrliche Anblick machte ihr Mut. „Ich bin weg.“

„Weg? Was meinst du damit? Du kannst nicht weg sein“, behauptete Helen. „Wir haben um halb zwei eine Redaktionssitzung wegen der Novemberausgabe. Und wir müssen noch den Artikel besprechen, wie man aus Großmutters altem Leinen einen edel aussehenden Tischläufer herstellt, und außerdem brauchen wir noch ein neues Rezept für eine Truthahnfüllung.“

Marcy hatte da schon eine Idee, aber sechsundzwanzig Jahre guter Erziehung ließen sie darüber schweigen. „Helen, ich sagte dir bereits, dass ich weg bin. Ich habe Los Angeles verlassen. Ich bin nicht einmal mehr in Kalifornien.“

„Du hast was?!“

Am anderen Ende der Leitung hörte man etwas herunterfallen, und dann schimpfte Helen halblaut, weil sie sich Kaffee über ihr neues Kostüm geschüttet hatte.

„Ich habe dir gesagt, ich brauche diesen Monat etwas Zeit für mich.“ Marcy zog eine Hochzeitseinladung aus ihrer Handtasche und legte sie vor sich. „Jetzt nehme ich sie mir.“

„Marcy …“, Helen seufzte geduldig, „… Schätzchen, wir haben darüber gesprochen und waren uns einig, dass der Zeitpunkt ungünstig ist. Du hast am Mittwoch ein Interview mit ‚Stylish Homes‘, am Donnerstag einen Termin wegen der Premiere deiner Fernsehshow, und am Freitag musst du zu der Benefizgala im Ritz-Carlton.“

Der Gedanke an endlose Besprechungen und Hektik ließ Marcy instinktiv in die Tasche greifen und nach ihren Magentabletten suchen.

Stattdessen kramte sie ihren Notvorrat Kirschpralinen hervor. Süßigkeiten beruhigten vielleicht nicht ihre Nerven, aber besser ging es ihr trotzdem. „Wir waren uns nicht einig, dass der Zeitpunkt ungünstig ist, Helen. Das war allein deine Meinung.“

„Marcy, wir brauchen dich“, erklärte Helen entschieden. „Wir werden einen besseren Zeitpunkt finden, und dann verspreche ich, du kannst …“

„Nein.“

Da. Sie hatte es gesagt. Sie hatte tatsächlich Nein gesagt. Erstaunlicherweise blitzte und donnerte es nicht, und auch der Zug war nicht entgleist. Helen dagegen war offensichtlich sprachlos.

„Nein?“, wiederholte Helen nach einer ganzen Weile. „Was meinst du mit ‚nein‘?“

„Ich meine ‚nein‘.“ Marcy hatte die Luft angehalten und atmete nun wieder aus. „Ich komme nicht zurück.“

Nach einer weiteren langen Pause fragte Helen zögernd: „Marcy, Schätzchen, bist du in Ordnung?“

„Helen“, Marcy bemühte sich, ihre Stimme ruhig und fest klingen zu lassen, „letzten Monat habe ich dich gebeten, in diesen drei Wochen keine Termine für mich auszumachen.“

„Süße, ich habe nicht geglaubt, dass du das wirklich ernst meinst, und du hast auch gar nicht gesagt, warum du unbedingt …“

„Und einen Monat vorher“, unterbrach Marcy, „habe ich dich auch schon gebeten, diese drei Wochen frei zu halten.“

„Aber die guten Gelegenheiten ergeben sich einfach, und ich muss sie doch ergreifen.“ Helens Stimme wurde weicher. „Schätzchen, ich weiß, die letzten vier Jahre waren schrecklich hart. Aber nun macht sich die ganze Arbeit bezahlt. ‚Mein praktischer Haushalt‘ geht schon in die vierte Auflage, deine Kolumne ‚Heim und Leben‘ erscheint in mehreren Zeitungen, dein neues Buch steht auf Platz eins der Sachbuch-Bestsellerlisten, und deine Fernsehshow startet in fünf Wochen. Dein Name ist praktisch in aller Munde. Schätzchen, hier gibt es viele Menschen, die auf dich zählen. Du kannst später ganz bestimmt Urlaub nehmen. Das verspreche ich. Aber jetzt brauchen wir dich.“

Marcy schloss die Augen. Sie spürte das sanfte Schaukeln des Zuges. Vielleicht war sie wirklich selbstsüchtig. Sie wollte Zeit für sich, obwohl alle anderen um sie herum ebenfalls hart arbeiteten. Sie wollte niemanden im Stich lassen. Sie wollte niemanden enttäuschen.

Drei Wochen waren außerdem eine lange Zeit.

Marcy betrachtete erneut die Einladungen. Clair Beauchamp war der einzige Mensch, der sie, als sie Kinder gewesen waren, beachtet und mit ihr Freundschaft geschlossen hatte, obwohl sie nirgends dazuzupassen schien. Sie war ein extrem schüchternes Mädchen gewesen, mit einer Hornbrille und kinnlangem Haar.

Und ausgerechnet das, was sie damals von den anderen getrennt hatte, war jetzt ihr Markenzeichen.

Clair hatte sie gebeten, ihre Trauzeugin zu sein, und Marcy hatte zugesagt. Sie würde ihre Meinung nicht ändern. Sie schob die Einladungen zurück in die Handtasche und setzte sich auf. „Ich habe Anna ausführliche Anweisungen und sämtliche Unterlagen gegeben. Sie kennt die Projekte so gut wie ich, vielleicht sogar besser. Sie kann sich um alles kümmern, bis ich zurück bin.“

Helen schnappte nach Luft. „Du willst deine Assistentin deine Firma leiten lassen? Du liebe Zeit, bitte sag, dass das nicht dein Ernst ist.“

„Das ist sogar mein vollster Ernst. Anna arbeitet jetzt schon zwei Jahre lang für uns. Sie ist mehr als tüchtig. Das wirst du merken, sobald du ihr eine Chance gibst.“

Am besten erwähne ich nicht, dass Anna außerdem die einzige Person ist, die weiß, wohin ich gehe und warum, überlegte Marcy. Sonst hätte sie ihre Reise gar nicht erst antreten können.

„Marcy, natürlich weiß ich, dass sie ein gutes Mädchen ist.“ Helen änderte den Tonfall und klang plötzlich verzweifelt. „Und ich gebe auch zu, sie arbeitet hart, aber …“

„Tut mir leid …“, Marcy legte die Finger mehrmals kurz auf die Sprechmuschel des Handys, „… die Verbindung wird schlechter. Ich muss Schluss machen.“

„Marcy, nein, bitte, hör doch, da ist noch etwas, das du wissen musst. Ich hätte es dir längst sagen sollen. Wir müssen uns persönlich darüber unterhalten. Sag mir einfach, wo du …“

Darauf falle ich nicht herein, dachte Marcy. Aber um nicht doch noch schwach zu werden, schaltete sie rasch das Handy aus und steckte es weg.

In den letzten vier Jahren war jeder Moment ihres Lebens lückenlos verplant gewesen. Besprechungen, Fernsehauftritte, noch mehr Besprechungen, Autorenlesungen und Signierstunden, Radiosendungen, Wohltätigkeitsveranstaltungen, noch mehr Besprechungen. Marcy liebte ihre Arbeit immer noch wie am Anfang, doch in diesen vier Jahren hatte es nicht einen einzigen Tag gegeben, an dem sie nicht irgendwie gearbeitet hatte.

Jetzt nahm sie sich endlich Zeit für sich selbst.

Nervös, aber auch freudig erregt setzte sich Marcy mehrmals zurecht und sah lächelnd aus dem Zugfenster.

Evan Carver stand in seinem Büro vor dem Fenster, das vom Boden bis zur Decke reichte, und sah auf den riesigen Swimmingpool. Die Hitze hatte eine bunt gemischte Schar Hotelgäste herausgelockt. An der einen Seite des Pools spielten drei ältere Männer in Hawaiihemden und Cowboyhüten unter einem blau gestreiften Sonnenschirm Karten. Am anderen Ende trieb eine hochschwangere Frau mit braunen Haaren zwei kleine blonde Mädchen zum seichten Ende des Pools, weg von einer Gruppe Jugendlicher, die im tiefen Wasser begeistert Volleyball spielten.

An der Längsseite des Pools schließlich rekelten sich eine ganze Reihe sonnengebräunter Frauen in Bikinis in ihren Liegestühlen.

Evan lächelte.

Er war Single, machte gerade eine Pause zwischen zwei Bauprojekten und würde die nächsten drei Wochen in einem Hotel verbringen, in dem sich eine ganze Schar Badeschönheiten befand.

Das Leben konnte es gar nicht besser mit ihm meinen.

„Das ist merkwürdig, sie geht nicht an ihr Handy.“

„Wie bitte?“ Evan warf einen Blick über die Schulter auf die Verlobte seines Bruders. Sie saß an ihrem eleganten Schreibtisch aus Glas und Kirschbaumholz und sah eigentlich mehr wie ein Model aus als wie die Besitzerin eines First-Class-Hotels. Evan wusste Clairs feminine Ausstrahlung sehr wohl zu schätzen, aber trotzdem war Clair Beauchamp für ihn eher die Schwester, die er nie gehabt hatte. „Wer geht nicht an sein Handy?“

Stirnrunzelnd legte Clair den Hörer auf. „Marcy. Es meldet sich nur ihre Mailbox.“

Richtig. Marcy. Clair hatte erwähnt, dass ihre Trauzeugin heute in die Stadt kam und bis zur Hochzeit bleiben würde. „Vielleicht hat sie das Handy ausgeschaltet“, meinte er.

„Marcy schaltet nie ihr Handy aus.“

„Vielleicht ist sie gerade in einem Funkloch?“

„Das kann eigentlich nicht sein.“ Clair sah auf die Uhr mit dem Kristallglasrahmen auf ihrem Schreibtisch. Dann nahm sie den Telefonhörer ab und drückte die Wahlwiederholung. „Sie kommt mit dem Zug aus Los Angeles, und ich wollte mit ihr sprechen, bevor sie ankommt. Ich habe versprochen, sie abzuholen. Aber der Herausgeber von ‚Reisen in Texas‘ ist zwei Tage früher aufgetaucht und möchte gerne von meiner Wenigkeit persönlich durch das Hotel geführt werden.“

„Das Abholen kann ich übernehmen“, sagte Evan zerstreut, während er beobachtete, wie einer der Jungs im Pool einer gut gebauten Blondine den nassen Ball auf den Bauch warf. Kluger Junge, dachte Evan lächelnd.

„Ich weiß dein Angebot zu schätzen.“ Seufzend legte Clair den Hörer wieder auf. „Aber das ist wirklich nicht notwendig. Ich kann einen Wagen vom Hotel schicken.“

„Das macht doch keine Mühe.“ Zur Freude jedes Mannes in Sichtweite stand die blonde Frau auf und schlenderte zum Rand des Pools, wo sie den Ball mit einer graziösen Bewegung zurückwarf. „Schließlich habe ich Jacob versprochen, alles im Auge zu behalten, bis er morgen aus Philadelphia zurückkommt.“

„Er ist in Boston.“ Clair stand auf und stellte sich neben Evan, um ebenfalls auf den Pool hinunterzusehen. „Freut mich zu sehen, wie ernst du deine Aufgabe nimmst“, sagte sie mit hochgezogenen Brauen. „Vielleicht sollte ich doch besser einen Wagen schicken.“

Lachend wandte Evan sich vom Fenster ab. „Wann kommt ihr Zug an?“

„Elf Uhr fünfzehn“, erwiderte Clair zögernd. „Bist du sicher, dass es dir nichts ausmacht?“

„Du musst sie mir nur noch beschreiben, dann bin ich so gut wie weg.“

Clair nahm eine Zeitschrift vom Schreibtisch und reichte sie ihm. „Hier.“

Leben mit Marcy Pruitt?

Auf dem Cover war ein Foto der berühmten Marcy Pruitt in einem blühenden Lavendelfeld. Sie trug eine schwarze Hornbrille, und ihr Kleid war so lavendelfarben wie der Strauß in ihrer Hand. In Anlehnung an einen Song der Beatles lautete die Überschrift: „Lavender Fields Forever“.

Clair hatte zwar erwähnt, dass ihre Freundin Marcy hieß, doch Evan wäre nie auf die Idee gekommen, welche Marcy damit gemeint war. „Marcy Pruitt ist deine Trauzeugin?“

„Kennst du sie?“

„Klar.“ Evan blätterte die Zeitschrift durch und las verschiedene Artikelüberschriften: Zaubern Sie Tischkarten aus Tapetenresten; Wie man ein anspruchsvolles Abendessen in weniger als dreißig Minuten zubereitet; Effektvolle Umgestaltung eines Elternschlafzimmers. „Hat sie nicht ein Buch geschrieben?“

Clair nickte. „Zwei. ‚Mein praktischer Haushalt‘ und ‚Haushalt ohne Stress‘. Sie gibt darin Tipps für die Hausfrau. Seit unserer Collegezeit hat sie sich einen ganz schönen Namen gemacht.“

„Das kannst du laut sagen.“ Evan schaute wieder auf das Cover. Irgendwie ist sie niedlich, dachte er, auf seltsam schlichte Art und Weise. „Ist sie noch zu haben?“

Clair nahm ihm das Magazin aus der Hand. „Ja. Aber glaub mir, sie ist nicht dein Typ.“

Er zwinkerte ihr zu. „Darling, jede Frau ist mein Typ.“

„Vielleicht sollte ich sie dir lieber nicht anvertrauen“, meinte Clair und schaute ihn scharf an.

„Sprichst du von mir?“ Evan legte eine Hand auf sein Herz. „Ich bin doch absolut harmlos.“

„Evan Carver, harmlos würde ich dich ganz bestimmt nicht nennen“, erklärte sie, aber sie lächelte dabei. „Übrigens möchten wir jedes Aufsehen vermeiden, was Marcys Besuch betrifft. Sie ist inkognito hier. Halt nach einem großen weißen Hut Ausschau.“

„Das ist inkognito?“

„Für Marcy schon.“ Clair zog eine Codekarte aus der Jackentasche. „Ich habe sie in der Suite dir gegenüber untergebracht. Glaubst du, du kannst dich benehmen?“

Mit unschuldiger Miene sah er sie an. „Ich werde mich zu beherrschen wissen.“

„Genau das hat mir dein Bruder auch erzählt, als ich das erste Mal mit ihm aus war.“ Clair hob die Hand und zeigte Evan ihren Verlobungsring. „Nun sieh, wo wir gelandet sind.“

„Keine Sorge.“ Gespielt schreckte Evan vor dem Ring zurück. „Ich liefere deine Freundin heil und gesund im Hotel ab.“

Und gleich danach – Evan warf erneut einen Blick aus dem Fenster – würde er sich auf direktem Weg zum Swimmingpool begeben.

Pünktlich um elf Uhr fünfzehn stieg Marcy mit ein paar anderen Fahrgästen aus dem Zug. Ohne Brille und mit dem großen breitkrempigen Hut kam sie sich ein bisschen albern vor. Doch sie wollte lieber übervorsichtig sein, auch wenn die Gefahr sehr gering war, dass sie irgendjemand auf dem Bahnhof beachtete. Genau deshalb war sie mit dem Zug gefahren, statt zu fliegen. Sie wollte ihr Glück nicht herausfordern und ihre gerade gewonnene Freiheit aufs Spiel setzen.

Mit dem Koffer in der Hand umrundete sie eine Gruppe junger Mädchen in hellblauen T-Shirts. Nach der freudigen Aufregung der Mädchen zu urteilen, waren sie auf dem Weg ins Sommercamp.

Marcy trat zur Seite und stellte ihren Koffer ab. Von Clair war nichts zu sehen, doch unwillkürlich fiel ihr ein dunkelhaariger Mann auf, der die Köpfe der meisten Leute auf dem Bahnsteig um ein paar Zentimeter überragte. Er hatte die Arme vor der Brust verschränkt und beobachtete die Fahrgäste, die noch immer aus dem Zug stiegen.

Alle Achtung!

Marcy war eher unbedarft – streng genommen wusste sie eigentlich gar nichts über Männer. Doch ihr Mangel an Erfahrung hinderte sie nicht daran, an einem großartigen männlichen Exemplar Gefallen zu finden, wenn sie einem begegnete. Sie war schließlich im Urlaub, also weshalb sollte sie den Anblick, den dieser Mann bot, nicht genießen? Außerdem schien er sie überhaupt nicht zu bemerken. Männer, die so gut aussahen, schenkten ihr selten mehr als einen oberflächlichen Blick.

Dieser Mann stand wie ein Fels im Strom hastender Menschen. Einen Meter neunzig schätzte sie ihn, vielleicht größer. Stark war das richtige Wort, um ihn zu beschreiben, obwohl gut aussehend gleich danach kam. Sein sonnengebräuntes Gesicht und seine muskulösen Arme ließen vermuten, dass er im Freien arbeitete. Er hatte ein männliches, energisches Kinn, große Hände und dichtes dunkles und leicht gewelltes Haar, das bis zum Kragen seines schwarzen T-Shirts reichte.

Seine Augen – waren sie braun? – waren schmal, und als Marcy seinem Blick folgte, bemerkte sie eine attraktive rothaarige Frau, die gerade aus dem Zug stieg. Die Frau lächelte den Mann an, und als er zurücklächelte, beschleunigte sich Marcys Puls. Er hatte ihr gleich gefallen, doch wenn er lächelte, wirkte er geradezu umwerfend.

Die hat’s gut, dachte Marcy mit leichtem Bedauern.

Doch dann, nachdem die rothaarige Frau einen Moment gezögert hatte, ging sie überraschenderweise in die andere Richtung davon. Neugierig beobachtete Marcy den Mann. Nun wollte sie unbedingt wissen, auf wen er wartete.

Eine schlanke blonde Frau stieg aus dem Zug. Ganz sicher eine mögliche Kandidatin, dachte Marcy, doch dann wurde sie von zwei kleinen Mädchen und einem Mann begrüßt. Als Nächstes erschien eine hübsche Frau mit braunen Haaren. Sie trug ein rückenfreies Top und eine enge Caprihose. Das musste sie sein. Marcy drehte sich um, um zu sehen, wie der Mann reagierte.

„Entschuldigen Sie.“

Marcy zuckte zusammen, als jemand sie unerwartet am Arm berührte. Zwei Frauen in den Vierzigern standen vor ihr.

„Sind Sie nicht Marcy Pruitt?“, fragte die eine.

Marcy spürte ein Kribbeln in der Magengegend. „Ich?“

Das war weder eine Lüge noch ein Eingeständnis.

„Ich sagte dir doch, sie ist es nicht, Alice.“ Die zweite Frau, bleistiftdünn und platinblond, beugte sich leicht vor und musterte sie missgünstig. „Sie sieht ihr überhaupt nicht ähnlich.“

„Du liebe Güte, Betty Lou.“ Aufgebracht schüttelte Alice den Kopf. „Sie sieht genau wie sie aus. Setz deine Brille auf.“

„Ich brauche meine Brille nicht“, widersprach Betty Lou. „Sie ist es nicht.“

„Doch, sie ist es.“ Alice lächelte Marcy an. „Ihr Artikel letzten Monat über selbst gebastelte Grußkarten war hervorragend. Wer hätte je gedacht, was man aus alten Resten alles machen kann?“

„Sie ist zu dünn“, beharrte Betty Lou. „Und viel zu groß.“

Alice verdrehte die Augen. Dann flüsterte sie Marcy vertraulich zu. „Nehmen Sie es Betty Lou nicht übel. Sie muss einfach immer widersprechen.“

„Ich bin nicht taub“, bemerkte Betty Lou säuerlich. Dann verschränkte sie die Arme und musterte Marcy von oben bis unten. „Ich sage dir, sie ist es nicht.“

„Marcy.“ Alice seufzte. „Würden Sie bitte meiner Freundin sagen, dass ich recht habe?“

Wenn es etwas gab, das Marcy nicht gut konnte, dann war das lügen. Aber wenn sie den beiden die Wahrheit sagte, konnte sie genauso gut gleich wieder nach Los Angeles zurückfahren. Sie räusperte sich und blickte von einer Frau zur anderen. „Ich, nun …“

„Liebling. Hier bist du.“

Bei dem Klang einer tiefen Männerstimme drehte Marcy sich um.

Und erstarrte.

Der Mann, den sie eben noch beobachtet hatte, stand direkt vor ihr und lächelte.

Hatte er sie gerade Liebling genannt? Offenbar verwechselte er sie mit jemandem. Aber noch bevor sie ihm das sagen konnte, zog er sie in seine Arme. „Ich habe überall nach dir gesucht.“

Marcy war zu schockiert, um zu reagieren oder etwas zu sagen. Als er sie auf den Mund küsste, fing ihr Herz wie rasend an zu pochen. Der Mann drückte sie noch fester an seine breite Brust.

Er löste sich von ihren Lippen und flüsterte ihr ins Ohr: „Clair schickt mich.“

Marcy lief ein heißer Schauer über den Rücken. Sie brauchte einen Augenblick, bis sie seine Botschaft verstand. „Clair?“

„Clair. Sie wissen schon, Ihre Freundin.“

Mit einem Mal war Evan unsicher, ob er einen Fehler gemacht hatte. Er nahm den Kopf ein wenig zurück und betrachtete die Frau in seinen Armen. Sie sah ein bisschen anders aus als auf den Bildern in ihrer Zeitschrift. Nicht nur, weil sie nicht ihre berühmte Brille trug, ihr Gesicht wirkte auch irgendwie sanfter, und ihre jetzt schreckgeweiteten Augen waren dunkelgrün. Wegen des voluminösen Hutes konnte er ihre Haarfarbe nicht genau erkennen. Aber eigentlich war sich Evan ziemlich sicher, dass er die richtige Frau erwischt hatte.

Er ließ Marcy los, legte aber sofort einen Arm um ihre Taille. „Wer sind die beiden Damen, Darling?“

„Sie …“, Marcys Stimme klang unsicher, „… sie halten mich für Marcy Pruitt.“

„Alice glaubt das“, erklärte die Blondine. „Ich nicht.“

„Meiner Frau passiert das ständig.“ Evan lachte und zog Marcy näher an sich. „Sie kann nirgendwo hingehen, ohne dass jemand sie um ein Autogramm bittet. Stimmt doch, Zuckermäuschen, oder?“

„Ich … nun“, Marcy nickte. „Das passiert manchmal.“

„Was habe ich dir gesagt?“ Betty Lou verschränkte erneut die Arme und sah Alice triumphierend an. „Marcy ist nicht verheiratet. Also?“

„Ich schwöre, Sie könnten ihre Zwillingsschwester sein“, meinte Alice kopfschüttelnd. „Das ist erstaunlich.“

„Bitte entschuldigen Sie uns, meine Damen.“ Evan nahm Marcys Koffer und zwinkerte den beiden Frauen zu. „Aber ich möchte meine Frau jetzt gerne nach Hause bringen, falls Sie nichts dagegen haben.“

Betty Lou lachte und nahm Alice beim Arm. „Wir haben überhaupt nichts dagegen. Entschuldigen Sie bitte, dass wir Sie belästigt haben.“

Während sie von ihrer Freundin weggezogen wurde, starrte Alice sie unablässig an.

Deshalb drückte Evan Marcy noch einmal an sich, bevor er sie in die entgegengesetzte Richtung führte. „Das war knapp. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob wir Alice überzeugt haben, und sie könnte …“

„Moment.“ Marcy zog ihn am Arm. „Warten Sie!“

„Was denn?“ Er blieb so abrupt stehen, dass sie ihren Hut festhalten musste, sonst wäre er ihr vom Kopf geflogen.

„Wer sind Sie?“

„Evan.“ Er sah sich um und zog dann Marcy in eine Ecke. „Evan Carver.“

„Carver?“ Sie überlegte kurz, dann fiel es ihr ein. „Jacobs Bruder?“

„Genau der.“ Er lachte sie an. „Clair hat versucht, Sie über Handy zu erreichen, um Ihnen Bescheid zu geben, aber Sie gingen nicht ran.“

„Ich habe das Handy ausgeschaltet.“ Marcy biss sich auf die Unterlippe und musterte ihn sorgfältig.

„Clair musste zu einem unerwarteten Termin. Wenn Sie sichergehen wollen, können Sie Clairs Büro anrufen und …“

„Das ist nicht nötig.“ Sie entzog ihm den Arm und richtete sich kerzengerade auf. „Ich fühle mich einfach nur überrumpelt. Schließlich werde ich nicht jeden Tag von einem Fremden geküsst und als sein Zuckermäuschen bezeichnet.“

„Tut mir leid.“ Er lachte erneut. „Clair sagte mir, sie wollten ihre Reise geheim halten. Ich wollte bloß helfen.“

„Das haben Sie auch“, sagte sie und schob die Hände in die Taschen ihres Blazers. „Ich … Entschuldigen Sie. Ich wollte nicht undankbar erscheinen.“

Ihre Wangen röteten sich, und das Grün in ihren Augen wirkte dunkler als vorhin. Evan war klar, dass er sie überrascht hatte, aber diese flüchtige Berührung ihrer Lippen konnte man doch wohl kaum als Kuss bezeichnen.

Aber sie hatte gut geschmeckt. Wie Kirschen und Schokolade. Und ihre Lippen waren erstaunlich weich.

Als ein Mann und eine Frau um die Ecke kamen und Marcy ansahen, rückte Evan näher an sie, um sie vor ihren Blicken abzuschirmen. Er wartete, bis sie vorbeigegangen waren, dann straffte er sich.

„Sollen wir den Rest Ihres Gepäcks holen?“, fragte er.

Sie wies auf den Koffer, den er bereits hielt. „Das ist alles, was ich habe.“

Ungläubig sah er auf den Koffer. „Sie haben nur einen Koffer für drei Wochen?“

„Beim Packen muss man nur klare Entscheidungen treffen, was man wirklich braucht und was nicht und sich an eine Liste halten.“ Sie schulterte die geräumige Reisetasche. „Leichte Kleidungsstücke, die man kombinieren kann und die nicht knittern, zwei Paar Schuhe, ein Paar Sandalen, Kosmetikartikel und einen Hut.“

„Klingt, als hätten Sie darüber ein Buch geschrieben.“

„Nur einen kurzen Artikel letzten Monat in der Reiserubrik.“

„Tatsächlich.“ Er hatte sie bloß necken wollen, doch das hatte sie offenbar gar nicht gemerkt. Miss Marcy Pruitt stand wohl ein bisschen unter Stress. „Haben Sie auch mal darüber geschrieben, wie man unerkannt von einem überfüllten Bahnhof wegkommt?“

„Das ist für die Januarausgabe vorgesehen, ich bin noch bei den Recherchen.“

Fast hätte er ihr geglaubt, doch dann sah er, wie ihre Mundwinkel zuckten. Die Lady besaß also Sinn für Humor. Das war gut, schon weil er die nächsten fünfunddreißig Minuten mit ihr in einem Auto verbringen würde.

Lächelnd nahm er ihren Arm. „Bereit zur Flucht, Miss Pruitt?“

Autor

Barbara McCauley
Mehr erfahren