Die Rückkehr des Cowboys

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Ihre Kinder, das Haus, die Geldnot seit dem Tod ihres Mannes, ihre Schwangerschaft - Emma braucht Hilfe. Die sie überraschend erhält, als der Sänger Cash, ein alter Freund der Familie, vor der Tür steht. Aber instinktiv spürt die schöne Witwe, dass auch Cash etwas braucht: ein Zuhause …
  • Erscheinungstag 11.10.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733738211
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Cash Cochran wusste nicht, was er erwartet hatte. Aber in Mäntel gehüllte Ziegen gehörten nicht dazu.

Sie sahen aus wie bunte Ballons auf spindeldürren Beinen. Leicht verwundert erwiderten sie seinen Blick und zuckten mit den Hängeohren. Eine meckerte, als ob sie ihn etwas fragen wollte.

Weiß ich auch nicht, dachte Cash, während er sich auf dem Hof umsah. Vor vielen Jahren war die Farm mal eine florierende Rinderzucht gewesen. Doch dann war das Land nach und nach verkauft worden, bis nur noch das Haus und die ungefähr zehn Morgen übrig waren, die sein Vater Lee Manning hinterlassen hatte … Diese Entdeckung hatte Cash beinahe umgehauen. Dabei wollte er mit dem Hof nichts mehr zu tun haben.

Er hatte weder Bedarf noch Interesse an dem Grundstück, das zwischen zwei Bergketten im Norden von New Mexico lag. Lee und seine Frau konnten es gerne behalten. Aber der Beweggrund für dieses Testament hatte einer längst eingeschlafenen Freundschaft zwischen seinem Vater und Lee einen bitteren Beigeschmack gegeben.

Die Sonne tauchte hinter einer dicken Wolke auf und ließ die Veränderungen noch markanter erscheinen – das Gewächshaus, die ungepflügten Felder, die Plantage mit den jungen Obstbäumen. Eine zerfetzte Plastikplane hing von einer Seite des Hauses herunter. Vermutlich eine Renovierungsmaßnahme. Die Ziegen. Doch der endlos weite Himmel und die saubere Luft, das zufriedene Seufzen des Windes in den Pinyon-Kiefern – das war alles noch so, wie er es in Erinnerung hatte.

Und das hatte er vermisst.

Anders als das Haus. Das hatte er kein bisschen vermisst. Schlechte Erinnerungen quollen aus der gelben Holztür und den Fenstern mit den Schmuckläden und überschwemmten den Teppich dottergelber Osterglocken davor …

Wild bellend raste eine Bestie auf Cash zu.

„Bumble! Bei Fuß!“

Cash fuhr herum. Sein Blick begegnete neugierigen blaugrünen Augen. Der Bär von einem Hund machte sofort kehrt und ließ sich neben einer Ziege im roten Pullover fallen, die seine Herrin festhielt. Deren kupferfarbene Lockenmähne und ihr bunter Karoschal leuchteten im Vergleich zum langweiligen Stallmantel, den verblichenen Jeans und den schlammigen Stiefeln.

„Kann ich Ihnen behilflich sein?“

„Tut mir leid, Ma’am. Ich wollte nicht stören. Ich bin …“

„Ich weiß, wer Sie sind“, sagte die Frau. In ihrem gedehnten, texanischen Tonfall lag eine gewisse Schärfe.

„Ich nehme an, dann sind Sie …“ Er zermarterte sich das Hirn. „Emma?“

„Das bin ich.“

Cash wusste nicht mehr, wie lange es her war, seit eine Frau das letzte Mal bei seinem Anblick nicht ins Schwärmen geraten war. Jedenfalls so lange, dass er sich längst nicht mehr darin sonnte. Die Zeiten waren vorbei, als er sich deswegen als junger, einsamer Cowboy, der ein Talent fürs Gitarrespielen und Songschreiben hatte, toll vorgekommen war. Trotzdem irritierte ihn, dass sein angeblicher Charme Emma Manning völlig kalt ließ. Er richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf die Ziegen.

„Warum sind die angezogen?“

„Die mussten geschoren werden, bevor die Zicklein kommen. Und dann sind die Temperaturen runtergegangen. Mr. Cochran … entschuldigen Sie bitte, aber warum sind Sie hier? Irgendwie bezweifle ich, dass Sie nur mal kurz vorbeischauen, um mit mir über meine Ziegen zu plaudern.“

Er sah auf und bemerkte ihr Stirnrunzeln. „Tja, das nenn ich mal eine verzwickte Frage. Ist Lee da?“

Eine Regung zeigte sich auf ihrem Gesicht – Verärgerung vielleicht –, bevor sie wortlos die Ziege wieder in den Pferch führte. Schamesröte stieg Cash ins Gesicht. Wenn er vor ein paar Monaten den alten Brief nicht gefunden hätte, dann wäre er vielleicht nicht einmal jetzt hier.

„Ich weiß, ich hätte anrufen sollen“, sagte er. „Aber heute Morgen bin ich … einfach losgefahren. Weil ich sonst nicht den Mumm hätte, das durchzuziehen. Wenn Lee nicht da ist, dann ist das kein Problem. Ich kann wiederkommen.“ Sie starrte ihn verwirrt an. „Ich hab vor ein paar Monaten ein Haus gekauft. Am anderen Ende der Stadt. Aber ich wohne noch nicht lange da. Nur ein paar, also, drei Tage …“

„Sie sind wieder nach Tierra Rosa gezogen?“

„Fürs Erste, ja. Ich schätze …“ Er schaute weg und rang mit dem ungewohnten Konzept der Ehrlichkeit. Dann begegnete er ihrem Blick erneut. „Ich schätze, manchmal muss man eben zurück zum Anfang, wenn man weiterkommen will. Und dazu gehört, mich mit Lee zu versöhnen …“

„Das ist unmöglich, Mr. Cochran“, sagte Emma leise. Sie schloss das Gatter, bevor sie ihn wieder ansah. „Denn Lee ist letzten Herbst gestorben.“

Mit mehr als dreißig Sekunden Vorwarnung hätte Emma es vielleicht geschafft, das mit etwas mehr Feingefühl zu formulieren. Andererseits hatte sie mächtig weiche Knie. Schließlich hatte sie so wenig erwartet, Cash Cochran an diesem Morgen auf ihrem Hof zu sehen wie Jesus Christus.

„Tut mir leid“, sagte er schließlich. „Ich hab seit Jahren mit niemandem aus der Gegend mehr Kontakt. Ich …“ Er schüttelte heftig den Kopf. „Was ist passiert?“

„Es war das Herz“, sagte Emma und weigerte sich, der Trauer nachzugeben. „Anscheinend hat er ein fehlerhaftes Modell erwischt.“ Sie vergrub die Hände in Lees altem Stallmantel. Brachte ihre ganze Willensstärke auf, um ihr Zittern zu unterdrücken.

„Das tut mir so leid“, wiederholte Cash und atmete schwer. Der Wind zauste sein schulterlanges, strohblondes Haar. „Mehr als ich sagen kann.“

„Tja, mir auch.“

Er biss so fest die Zähne zusammen, dass seine Kiefermuskeln zuckten. Dann riss er die Tür von seinem Auto auf. „Ich wollte nicht stören. Ich …“ Er schlug mit der Faust aufs Autodach ein. „Verdammt.“

Ein paar Ziegen meckerten beunruhigt. Bumble knurrte leise.

„Ich hab gerade Kaffee gekocht“, hörte sie sich sagen. „Und es gibt Kuchen. Pfirsich. Von dem Baum.“

Cash drehte sich zu dem einsamen Pfirsichbaum um. In Anbetracht der Höhenlage, der irren Winter von New Mexico und der Vernachlässigung durch Dwight Cochran war es ein Wunder, dass der Baum überlebt hatte. Der Baum sah sogar wesentlich besser aus, als Cash sich fühlte.

„Mr. Cochran? Kommen Sie ins Haus. Bis Sie das Ganze verarbeitet haben.“

Ins Haus.

Cash sah das Haus an. Seine Erinnerungen starrten höhnisch zurück. Aber was hatte er erwartet?

Erst mal, dass Lee hier sein würde. Jetzt war es zu spät. Für Entschuldigungen, für Erklärungen. Für alles.

Als Cash zögerte, sagte Emma beinahe scharf: „Ich verspreche Ihnen, es gibt hier nichts mehr, was Ihnen wehtun kann.“ Als er aufblickte, presste sie die Lippen zusammen. „Lee hat mir gesagt, warum Sie weggegangen sind. Was Ihr Vater Ihnen angetan hat. Ehemänner vertrauen ihren Frauen solche Dinge an, Mr. Cochran“, erwiderte sie auf seinen bösen Blick hin. „Vor allem, wenn sie versuchen zu verstehen, warum ihr bester Freund nichts mehr mit ihnen zu tun haben will.“

„Wir waren Kinder. Wir haben uns auseinandergelebt. Ich habe nicht …“

„Ach nein? Als Lee Ihnen geschrieben hat, dass wir das Haus bekommen haben, da haben Sie nie geantwortet. Also, wenn das nicht bedeutet, dass man nichts mehr mit jemandem zu tun haben will, dann weiß ich auch nicht.“

„Und wenn Sie über meinen Vater Bescheid wissen, dann ist es doch ziemlich offensichtlich, warum ich nicht hocherfreut war, dass Lee auf einmal der beste Kumpel von dem Mann war, der mir das Leben zur Hölle gemacht hat …“

„Was genau hat mein Mann Ihnen denn gesagt? Darüber warum Dwight uns das Haus hinterlassen hat?“

Magensäure stieg Cash die Speiseröhre empor. „Nur dass er angefangen hat, für den Bastard zu arbeiten, nachdem ich weg war. Dass er ihm auf dem Hof geholfen hat und so.“

„Und?“

„Und? Nichts und. Das war alles.“

„Lieber Himmel“, murmelte sie. Dann fügte sie hinzu: „Wir müssen uns unterhalten.“ Ihr Tonfall legte nahe, dass mehr hinter der Geschichte steckte.

Cash begegnete ihrem Blick. „Wie stark ist der Kaffee?“

„Sie werden nicht enttäuscht sein“, sagte Emma und ging zum Haus. Der Hund gab ihm mit einem Blick zu verstehen, dass sich jeder in Todesgefahr begab, der seiner Herrin zu nahe trat. Dann trabte er hinter ihr her, nur um sich auf der Veranda fallen zu lassen und Cash völlig zu ignorieren.

Cash konnte nur hoffen, dass der Geist seines Vaters ihm diesen Gefallen auch tun würde.

„Wer ist da?“, blaffte Granny Annie aus ihrem „Studio“, das sie sich in einer Ecke des Wohnzimmers eingerichtet hatte. Katzen, Kaffeetassen, Malutensilien, Kunstmagazine und Schallplatten stapelten sich auf Tischen und Regalen; ein fünfzig Jahre altes Stereogerät gab Frank Sinatra mit einer Lautstärke zum Besten, dass man ihn noch in Wyoming hören konnte.

„Ein alter Freund von Lee“, rief Emma. Während sie ihren Mantel aufhängte und Lees Stiefel auszog, versuchte sie mit reiner Willenskraft, ihren rasenden Herzschlag zu verlangsamen. Sie hatte das Gefühl, von einem Blitz getroffen worden zu sein. Dieser Mann verlieh dem Wort „intensiv“ eine ganz neue Bedeutung. Wie radioaktiv.

Eine von Annies Katzen haschte nach dem Ende ihres Schals.

„Wer?“, brüllte Annie. Offenkundig trug sie ihre Hörgeräte nicht. Also ging Emma zum Plattenspieler und machte ihn leiser.

„Sie kommen mir bekannt vor.“ Die alte Frau, die nur noch aus Haut und Knochen und Chuzpe bestand, näherte sich dem Besucher. „Kenne ich Sie?“

„Früher mal, Granny Annie“, sagte Cash und nahm ihre skelettartige Hand. „Vor langer Zeit. Als Lee und ich noch klein waren. Ich bin Cash.“

Annie rückte ihre Brille zurecht. „Cash Cochran? Dwights Jüngster?“

„Richtig“, sagte er. Schmerz flackerte in seinen Augen auf. „Es tut mir so leid …“

Annie zog ihre Hand weg. Sie sah aus, als ob sie Cash gleich mit ihrem Pinsel eins überziehen würde. Sie war vielleicht taub, aber wenn es um eine Kneipenschlägerei ging, würde Emma jederzeit auf die alte Dame setzen. „Wie lange ist er schon tot? Und du tauchst erst jetzt hier auf?“ Sie presste die faltigen Lippen flach zusammen und kehrte an ihre Leinwand zurück. „Alle haben den Jungen geliebt. Alle. Ich hätte gedacht, dass ein Freund wenigstens zur Beerdigung gekommen wäre …“

„Er hat es nicht gewusst, Annie.“ Als die nur mit den Schultern zuckte, wandte Emma sich an Cash: „Warum nehmen Sie sich nicht schon mal eine Tasse Kaffee, während ich nach meiner Tochter sehe? Sie ist heute nicht in der Schule, weil sie erkältet ist. Bin gleich wieder da.“

Dann verschwand sie im Flur. Sie musste ein paar Sekunden Zeit herausschinden, um mit dem Schock fertig zu werden, dass ihr Mann sie angelogen hatte. Ganz zu schweigen davon, sich vor Cash und seinen Augen zu flüchten. Großen Augen voller Schmerz. Die eine Frau dazu brachten, sich in ihn hineinversetzen und alles wieder in Ordnung bringen zu wollen.

Als ob sie nicht schon genug zu tun hatte.

Emma warf einen vorsichtigen Blick durch Zoeys halb geöffnete Tür. Ihre Tochter lag auf dem Flickenteppich und war dabei, zu zeichnen. Neben ihr türmten sich benutzte rosa Taschentücher wie ein Berg Zuckerwatte.

„Wie geht’s dir, Baby? Und schmeiß die Taschentücher doch in den Müll.“

Mit einem Seufzer sammelte das Mädchen die Taschentücher ein und ließ sie in den Eimer fallen. „Wer ist der Typ?“, krächzte sie.

„Ein alter Freund von deinem Daddy. Und sprich nicht so laut. Er ist in der Küche.“

„Wieso das denn?“

„Weil ich was mit ihm besprechen muss. Erwachsenenkram.“

Zoey schniefte genervt. Dann putzte sie sich wieder die Nase. „Er sieht aus wie der Typ, den Daddy immer im Radio gehört hat.“

„Weil er das ist.“

Jetzt riss sie die Augen auf. „Echt?“

„Ja. Und nein, das darfst du niemandem erzählen.“

„Bleibt er hier?“

„Hier? Nein, natürlich nicht. Er hat ein eigenes Haus.“ Emma zögerte und dachte daran, wie verrückt es war, dass Cash Cochran wieder nach Tierra Rosa gezogen war. „Er hat mal hier gewohnt. In diesem Haus, meine ich.“

„Niemals.“

„Jawohl.“

Blasse Augenbrauen kräuselten sich. „Er will es doch nicht zurück, oder?“

„Das bezweifle ich stark. Und selbst wenn, es gehört jetzt uns. Niemand kann es uns wegnehmen.“ Wenigstens war das der Plan. „Willst du noch Saft?“

„Nein, das reicht“, sagte Zoey und ließ sich wieder bäuchlings auf den Teppich fallen, als ob sie keine Sorgen kannte. In letzter Zeit neigte sie jedoch dazu, keine Erkältung auszulassen. Daher vermutete Emma, dass Zoey den Tod ihres Vaters lange nicht so gut verarbeitet hatte, wie sie den Anschein erweckte.

„Hey“, sagte Emma. Zoey schaute auf. „Hab dich lieb.“

Das brachte ihr ein leeres Lächeln ein. „Ich dich auch, Mama.“

Mit schweren Schritten ging Emma wieder den Flur hinunter. Cash fand sie in ihrem winzigen Esszimmer wieder. Er umklammerte eine Kaffeetasse und starrte die Fotos an der Wand neben dem Fenster an.

„Das ist echt hübsch“, sagte er.

Emma zwang sich, das Familienfoto anzusehen, obwohl es ihr das Herz brach. Der dumpfe Schmerz, der mit jedem Tag unbestimmter wurde, ließ sie aufseufzen. Der Himmel wusste, dass sie beide keineswegs perfekt gewesen waren. Aber zusammen hatten sie ein gutes Team gebildet. Wirklich gut. So gut, dass Emma eine solche Beziehung kein zweites Mal in ihrem Leben erwarten konnte.

„Der Junge … kommt er klar?“

Auf dem Bild umarmte Lee seinen Sohn von hinten. Hunter strahlte in die Kamera. Seine Schlupflider, der dicke Nacken und das feine Haar erregten bei den meisten Leuten Mitleid oder Unbehagen oder beides. Doch falls Cash auch so empfand, konnte sie es ihm nicht anmerken.

Emma lächelte. „Ihm geht’s prima. Niemand weiß besser, wie man das Leben genießt als Hunter.“

Als sie sich umdrehte, starrte Cash ihren Bauch an.

„Ja, da ist noch ein Baby drin“, sagte sie und ging nach nebenan in die Küche, um sich um den Obstkuchen zu kümmern.

„Davon habe ich erst erfahren, als Lee schon ein paar Wochen tot war. Schon okay“, sagte sie, als Cash die Augenbrauen runzelte. Als ob das ein Signal war, fielen die Selbstzweifel über sie her wie die Dämonen über eine arme Seele. Sie verhöhnten Emma für den Versuch, die Last der Verantwortung allein zu tragen. Sie schenkte ihm ein kurzes Lächeln und holte den Kuchen aus dem Ofen. „Ehrlich.“

Mit dem Obstkuchen in der Hand drehte sie sich um. So erhaschte sie gerade noch den Ausdruck von Abscheu und Angst, der sich auf Cashs Gesicht abzeichnete, während er sich in der Küche umsah. Mit anderen Worten, ein bisschen bunte Farbe reichte noch lange nicht, um die bösen Geister loszuwerden, die Cash vor zwanzig Jahren von hier vertrieben hatten.

Irgendwie bezweifelte sie stark, dass die Wahrheit eine andere Wirkung haben würde.

Wenigstens roch das Haus gut. Verdammt gut sogar. Wie starker Kaffee und Kuchen und Blumenduft. Aber lieber Himmel, das Haus setzte Cash zu, während er Emma dabei zusah, wie sie ihm ein Riesenstück Obstkuchen servierte. Und dann bekam er eine Gänsehaut, weil er sich urplötzlich und intensiv der Nähe dieser Frau bewusst wurde …

„Lassen Sie mich nachschenken“, sagte sie und schnappte sich seine Tasse.

… und das wiederum löste ein regelrechtes Gefühlschaos in ihm aus.

Mehr als ein Therapeut hatte Cash erklärt, dass sein Egoismus die Folge davon war, dass er durch die Hölle gegangen war. Andere Begriffe wurden auch oft erwähnt. Wie Vertrauensprobleme und emotionale Barrieren und so was.

Eine hochgestochene Formulierung dafür, wie unfähig er war, wenn es um Beziehungen ging.

Wenigstens hatte das seine letzte Freundin so umschrieben.

Darum musste er jetzt auch seinen ganzen Mut zusammennehmen, um nicht wegzulaufen. Vor dem Haus, vor dieser Frau, vor dem, was sie ihm sagen musste. Aber bevor er dazu kam, setzte sie sich mit einem Glas Milch ihm gegenüber. Er erwiderte ihr Stirnrunzeln.

„Also?“

„Essen Sie erst mal Ihren Kuchen.“ Das schonungslose Licht der Morgensonne betonte die dunklen Ringe unter ihren merkwürdigen Augen. Sie waren weder grau noch blau noch grün, sondern eine Mischung aus allen drei Farben.

Also nahm er einen Bissen von dem noch ofenwarmen Kuchen. Er ließ sich das weiche, süßsaure Obst und den butterigen Boden im Mund zergehen. „Verdammt, ist das gut.“

„Danke.“ Nachdem sie ihn eine Sekunde lang beobachtet hatte, sagte sie: „Fühlt es sich wirklich nicht anders an? Hier, meine ich.“

„Natürlich sieht alles anders aus“, sagte Cash und griff nach seinem Kaffee. „Anfühlen?“ Er schüttelte den Kopf. „Vom Verstand her weiß ich, dass mein Vater nicht hier ist. Dass alles zwanzig Jahre her ist. Aber es fühlt sich an, als wäre seither überhaupt keine Zeit vergangen.“

„Dann haben Sie immer noch echte Probleme damit?“ Als er sie ansah, zuckte sie die Schultern und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

Cash stellte seine Tasse ab. „Wie viel hat Lee Ihnen erzählt?“

„Dass Ihr Vater religiös geworden ist, als Sie noch klein waren. Viel Wert auf Höllenqualen und wenig auf Nächstenliebe gelegt hat. Dass er den Spruch ‚an der Rute sparen rächt sich noch nach Jahren‘ ein bisschen zu wörtlich genommen hat.“

Obwohl er merkwürdig dankbar für ihre direkte Art war, musste Cash den letzten Kuchenbissen hinunterwürgen. „Hat er auch erwähnt, dass mein Vater dafür gesorgt hat, dass ich mich wie ein Stück Dreck gefühlt habe?“

Als Emma nicht antwortete, schaute er auf. Er sah etwas in ihren Augen, das ihn zu übermannen drohte. Wenn er es denn zuließe. „Das hat er.“

Cash lehnte sich zurück und stieß den Atem aus. „Der Himmel weiß, wie ich darum gekämpft habe, diese Gefühle hinter mir zu lassen. Aber anscheinend ist das zu tief in mir verwurzelt, um je darüber wegzukommen.“ Cash schwieg, als eine Welle der Übelkeit ihn packte. „Was schlimmer war …“ Er schluckte, doch dann sah er ihr wieder in die Augen. „Was schlimmer war: Ich konnte nicht verstehen, warum meine Mutter nichts getan hat, um das zu verhindern. Irgendwann wurde mir klar, dass sie eine Todesangst vor ihm hatte. Davor, was er ihr antun könnte.“

Emma runzelte die Stirn. „Dann hat er sie auch misshandelt?“

„Durchaus.“ So oft, wie er sich bei diversen Therapeuten ausgekotzt hatte, sollte man meinen, dass ihm die Geschichte nichts mehr ausmachen würde. Falsch gedacht. „Das habe ich Lee nie erzählt. Ich hatte guten Grund, meinen Vater zu hassen, Emma. Er war … besessen. Das ist das einzige Wort, das mir einfällt.“

„Also sind Sie abgehauen.“

„Wegen Mama bin ich so lange geblieben, wie ich konnte. Aber als sie gestorben ist, musste ich weg.“

Cash stand auf und trug Teller und Tasse zum Spülbecken. Ihm fiel auf, dass das Abtropfgestell trotz der Geschirrspülmaschine darunter voll war. Er nahm sich ein Beispiel und spritzte Spülmittel auf Teller und Tasse.

„Ich habe ihn geliebt“, sagte er über den laufenden Wasserhahn hinweg. „Bevor er verrückt geworden ist. Lange Zeit wollte ich nur, dass er mich wieder lieb haben würde. Lee …“

Der Schmerz folgte unvermittelt. Als sich Teller und Tasse sauber im Abtropfgestell befanden, drehte er sich wieder zu Emma um.

„Verdammt, Emma … Lee und unsere Freundschaft hinter mir zu lassen, das hat mich fast umgebracht. Ich bezweifle …“ Er lächelte beinahe. „Ich bezweifle, dass er geahnt hat, wie viel Sorgen ich mir um ihn gemacht habe. Als ich dann rausgefunden habe …“ Er schüttelte den Kopf. „Das hat sich angefühlt, wie mit einem stumpfen Messer aufgeschlitzt zu werden. Vor allem, weil ich mir absolut keinen Reim darauf machen konnte. Warum Lee mir das angetan hat.“

„Warum haben Sie ihn dann nicht gefragt?“

Durch ihre ruhige Art hindurch konnte Cash hören, wie sie vor Wut brodelte. Die treue Ehefrau verteidigte ihren Mann. Neid wallte in ihm auf, legte sich wieder. Sein eigener Zorn flackerte auf.

„Ich bin vielleicht abgehauen, aber den Mist, den mein Vater mir eingeimpft hat, den hab ich mitgenommen. Dass ich wertlos bin. Dass aus mir nie was werden kann. Wie ich es geschafft habe, Karriere zu machen …“ Er stieß den Atem aus. „Ich war gerade erst dabei, auf die Füße zu kommen, als mein Alter gestorben ist. Und Lee alles geerbt hat. Ich schätze, das hat mich ein kleines bisschen mitgenommen.“

Emma lehnte sich zurück und rieb sich den Bauch. Unvermittelt musste Cash an ihre Frage von vorhin denken: „Und?“ Sie hatte ihn gefragt, ob noch was in dem Brief gestanden hatte. Das war der Fall. Aber wenn sie das nicht wusste, würde er es ihr bestimmt nicht erzählen. Noch nicht, jedenfalls. Erst wenn er sich überlegt hatte, was er deswegen unternehmen sollte.

Offensichtlich meinte sie jedoch etwas anderes.

Emma war aufgestanden, um den Kuchen abzudecken, bevor die große, graue Tigerkatze sich darüber hermachen konnte. Einen Augenblick stand sie still da. Dann drehte sie sich um, die Arme über dem Babybauch überkreuzt.

„Mr. Cochran, Ihr Vater … er war wirklich verrückt.“

„Erzählen Sie mir was, das ich noch nicht weiß.“

„Nein, ich meine er war krank. Geisteskrank. Nur hat niemand von seiner Krankheit gewusst. Das ist erst herausgekommen, als Sie schon ein paar Jahre weg waren.“

Autor

Karen Templeton

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