Verrückt nach Mr. Perfect!

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Männer? Für Emily sind sie nach ihrer geplatzten Hochzeit tabu … bis der verwegen attraktive Colin Talbot sie auf der Ranch ihrer Cousine wieder zum Lachen bringt. Mit ihm fühlt sie sich wie in einem neuen Leben. Aber kann der rastlose Fotojournalist ihr geben, wonach sie sich sehnt?
  • Erscheinungstag 11.10.2018
  • ISBN / Artikelnummer 9783733738273
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Die junge Frau, die auf der anderen Seite des Gepäckbandes stand, hatte ihn schon eine ganze Weile gemustert. Die blasse Stirn hatte sie dabei in Falten gelegt. Viel zu groggy, um sich darüber Gedanken zu machen oder ihr Interesse zu erwidern, sollte es ihr darum gehen, konzentrierte sich Colin auf sein Handy, während er gedankenverloren die hartnäckige Verspannung in seinem Nacken wegzumassieren versuchte. Eigentlich war sein ganzer Körper eine einzige Schmerzzone nach zwei Tagen, die er entweder im Flugzeug verbracht oder auf eines gewartet hatte …

„Ähm … Colin? Colin Talbot?“

Instinktiv griff er nach seiner Fototasche und schaute plötzlich in ein paar wachsame himmelblaue Augen, die er, da war er sich ziemlich sicher, nie zuvor gesehen hatte. Offenbar war er noch erschöpfter, als ihm bewusst gewesen war. Sonst hätte sich ihm die Frau wohl kaum unbemerkt nähern können.

Quietschend und ächzend setzte sich das Gepäckband in Bewegung. Die Koffer und Taschen aus dem Bauch des Flugzeugs fielen jetzt wie ein Haufen schläfriger Betrunkener auf die Rutsche. Die Wartenden traten näher, bereit, die Mitreisenden beiseitezuschieben, um an ihr Gepäck zu kommen. Viele von ihnen trugen die üblichen Cowboyhüte und ausgelatschten Stiefel, die man in New Mexico so häufig sah. Colin warf einen Blick auf das Ende des Gepäckbandes und wartete mit müdem Blick auf seine schäbige Reisetasche, ehe er die junge Frau erneut anschaute. Mist. In seinem Kopf dröhnte es.

„Kennen wir uns? Ich bin mir nicht sicher …“

„Ich war noch ein Kind, als ich dich das letzte Mal gesehen habe“, antwortete sie amüsiert. Ihre Lippen schimmerten ebenso wie das lange wellige Haar, dessen Farbe zwischen Blond und Braun tendierte. „Als ich die Ranch besucht habe.“ Sie schob sich eine Haarsträhne hinter das Ohr, und sein Blick fiel auf einen goldenen Armreif und den Saum ihrer Bluse, der bei dieser Geste aus ihrer engen Jeans rutschte und einen Streifen ihrer schmalen Hüfte entblößte. Neben dieser Gestalt kam sich Colin wie der letzte Penner vor. Wahrscheinlich roch er auch so, denn sein Sitznachbar hatte sich auf der letzten Etappe des Fluges von Dallas so weit wie möglich von ihm ferngehalten.

Wieder lächelte sie – ein Lächeln, das ihre Augen allerdings nicht erreichte. Sie legte sich nun eine perfekt manikürte Hand auf die Brust. „Emily Weber? Deannas Cousine?“

Deanna. Die neue Frau seines jüngeren Bruders Josh. Und die Tochter von Dads altem Chef. Jetzt erinnerte sich Colin dunkel an die schlaksige Schülerin, die in einem Sommer vor mehr als zehn Jahren ein paar Wochen auf der Vista Encantada Ranch verbracht hatte. Dunkel deswegen, weil er bereits auf dem College gewesen war und sie nicht viel miteinander geredet hatten. Wenn überhaupt. Vor allem wegen des Altersunterschieds. Dass sie ihn nach all den Jahren noch erkannte …

„Ach ja, richtig.“ Colin zwang sich zu einem Lächeln, was ihm wegen seiner Kopfschmerzen allerdings nicht leichtfiel. „Du siehst ganz anders aus, als ich dich in Erinnerung habe.“

In ihren Augen blitzte es amüsiert. „Du auch.“

Er verlagerte jetzt das Gewicht seines Rucksacks. „Woher wusstest du denn, dass ich es bin?“

Sie errötete leicht. „Zuerst habe ich dich nicht erkannt. Vor allem mit dem Bart. Aber es ist schwer, den größten Mann im Raum zu übersehen. Dann habe ich die Fototasche bemerkt und mich an die Bilder erinnert, die bei deinen Verwandten im Haus hängen, als ich vor ein paar Monaten zu der Hochzeit dort war. Joshs Hochzeit, meine ich.“ Sie grinste. „In letzter Zeit hat es davon in deiner Familie ja mehrere gegeben.“

In der Tat waren seine Brüder offenbar einer regelrechten Hochzeitsmanie verfallen. Erst Levi, dann Josh – seine jüngeren Zwillingsbrüder –, und demnächst würde auch noch Zach, der Älteste, zum zweiten Mal heiraten …

„Jedenfalls schienen alle Puzzlestücke zu passen, sodass ich dich einfach kurzerhand angesprochen habe. Wahrscheinlich hast du dich gefragt, wer dich da gerade anzubaggern versucht.“

Erneut schaute Colin zum Gepäckband. „Der Gedanke ist mir überhaupt nicht gekommen.“

Aus den Augenwinkeln bemerkte er, dass sie nun ihre flachen Schuhe betrachtete. „Verrückt, nicht wahr?“ Sie schaute wieder hoch, allerdings immer noch nicht zu ihm. „Dass wir beide seit Albuquerque im selben Flugzeug gesessen haben …“

„Ja.“

Auf einmal klang sie ein wenig verzagt. „Es tut mir leid, ich wollte dich nicht belästigen. Ich habe mir nur gedacht, dass es etwas merkwürdig wäre, nicht Hallo zu sagen, nachdem ich dich erkannt habe. Vor allem, weil wir vermutlich gleich beide zur Ranch fahren wollen.“ Wieder wurde sie rot. „Oder nicht?“

Colin schloss die Augen, als ob dies ihren Redefluss unterbrechen könnte. Er war wirklich erschöpft und hungrig und hatte überhaupt keine Lust auf SmallTalk, vor allem nicht mit einer so chic gekleideten und ausgesprochen geschwätzigen Frau, an die er sich kaum erinnern konnte und der offenbar nichts peinlich war. Trotzdem kam er sich wie ein Esel vor, weil er so abweisend reagierte. Sein Vater hätte ihm jetzt etwas erzählt. Von seiner Mutter mal ganz zu schweigen.

„Doch.“ Jetzt riskierte er sogar einen Blick in ihre Augen … und auf ihren Mund, den sie etwas missbilligend verzogen hatte. Einen Mund, der ihn unter anderen Umständen – aber wer weiß, unter welchen – bestimmt auf ziemlich dumme Gedanken hätte bringen können. „Entschuldige bitte. Es war ein wirklich anstrengender Flug. Jedenfalls teilweise.“

Obwohl er lange nicht so anstrengend wie die Wochen und Monate zuvor gewesen war.

Emily schaute wieder besänftigt. „Woher kommst du denn gerade?“

„Aus Serbien.“

Ein kurzes Schweigen entstand. „Wieso habe ich das Gefühl, dass ich es bei dieser Frage belassen sollte?“

Um seine Mundwinkel herum zuckte es. „Weil du so gut Gedanken lesen kannst?“

Sie verzog das Gesicht. „Von wegen …“ Er schaute ihr in die Augen und glaubte, dort etwas Schmerzhaftes in ihrem Blick erkennen zu können. „Andererseits … einige Gedanken sind nun einmal leichter zu lesen als andere.“

Nein, er würde nicht nach diesem Köder schnappen. Selbst wenn er genau gewusst hätte, um was für einen Köder es sich handelte. Er verschränkte die Arme über seiner Jeansjacke, die noch abgewetzter aussah als seine Reisetasche. Diese war übrigens immer noch nicht auf dem Gepäckband aufgetaucht. „Bist du in Washington zugestiegen oder in Dallas?“

„In Washington.“

„Und keiner holt dich ab?“

„Es war ein Last-minute-Flug. Deshalb habe ich Dee gesagt, ich würde mir einen Wagen mieten, damit ich ihr oder Josh die fünf Stunden Fahrt erspare. Sie haben schließlich schon genug mit den Kindern und der Ranch zu tun. Außerdem kenne ich ja den Weg.“ Sie schaute ihn wieder an. „Und was ist mit dir?“

„Sie wissen gar nicht, dass ich hier bin.“

„Ach so.“ Sie musterte ihn mit einem fragenden Blick, dann trat sie einen Schritt nach vorn. „Da kommt einer meiner Koffer.“

„Welcher ist es denn?“

„Der Metallkoffer mit dem pinkfarbenen Gurt. Und da sind auch die beiden anderen. Aber du brauchst dich nicht …“

„Kein Problem“, sagte Colin und wuchtete die drei Hartschalenkoffer vom Band. Grau mit pinkfarbenen Gurten. Ausgefallen und zweifellos teuer. Verstohlen musterte er sie noch einmal … die Kleidung, die Haare und die Fingernägel. Der Duft ihres Parfüms stieg ihm ebenfalls in die Nase.

Ein reiches Mädchen, flüsterte eine Stimme in seinem Ohr, und er erinnerte sich daran, dass die Mutter seiner neuen Schwägerin aus einer berühmten Ostküstenfamilie stammte. Eigentlich war sie die Tante, sie hatte sie nach dem Tod von Deannas Mutter bei sich aufgenommen und war nicht gerade glücklich darüber gewesen, dass ihre einzige Nichte einen Cowboy geheiratet hatte und in das provinzielle New Mexico gezogen war.

Doch was kümmerte ihn das privilegierte Leben, das diese Frau zweifellos geführt hatte? Ein Leben, das zu immer höheren Ansprüchen führte und zu immer weniger Verständnis für diejenigen, die nicht mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden waren …

„Alles in Ordnung mit dir?“

Colin zuckte zusammen. Er konnte es kaum fassen, als er in ihrem Blick echte Besorgnis zu erkennen glaubte. Vermutlich spielte ihm sein Gehirn nach dem langen Flug einfach nur einen Streich.

„Klar.“ Er griff hastig nach seiner Reisetasche, als diese auf dem Gepäckband an ihm vorbeirollte, und warf sie neben das elegante Koffertrio. „Und es wird noch besser, wenn ich erst einmal ausgiebig geduscht, gegessen und geschlafen habe.“ Ganz zu schweigen von dem dringenden Wunsch, endlich allein zu sein. „Und je früher wir …“ Fast hätte er zu Hause gesagt und erschrak über sich selbst. „… auf der Ranch sind, desto schneller bekomme ich das alles.“ Er schlang sich die Reisetasche zusammen mit der Fototasche über die Schulter und nahm dann auch noch Emilys zwei kleinere Koffer. Mit einem Kopfnicken deutete er auf den Schalter der Mietwagenzentrale am anderen Ende der Halle. „Lass uns unsere Autos holen und dann von hier verschwinden.“

Emily zog den Haltegriff ihres Koffers heraus und runzelte dann die Stirn. „Warum sollen wir denn zwei Wagen mieten? Wäre es nicht viel sinnvoller, wenn wir uns einen teilen würden? Bitte verstehe mich nicht falsch, aber du siehst nicht gerade so aus, als wärst du noch dazu fähig, mehrere Hundert Meilen hinter dem Steuer zu verbringen. Vor allem nachts. Wie wäre es, wenn ich stattdessen fahre?“

Um ein Haar hätte er verächtlich geschnaubt, denn Autofahren war schließlich Männersache. So weit käme es noch, dass er … doch dann, spürte er plötzlich seine grenzenlose Müdigkeit – was sein logisches Denkvermögen aber glücklicherweise nicht beeinträchtigte. Die Frau hatte ja recht, es war wirklich albern, zwei Wagen zu mieten, wenn man dasselbe Ziel hatte.

„Ich weiß nur nicht, ob du zweieinhalb Stunden auf engstem Raum mit mir zusammensitzen möchtest“, wandte er ein, „denn ich glaube, ich stinke.“

Sie lachte. „Bis jetzt habe ich noch nichts davon gemerkt. Aber es ist ja warm genug, um notfalls die Fenster offen lassen zu können.“

„Das bezweifele ich. Ab Santa Fe wird es erst im Mai richtig warm … und wie willst du später ohne eigenen Wagen zurechtkommen?“

„Dee hat gesagt, ich könnte mir einen Truck von ihr leihen, wenn ich ein Auto bräuchte. Ich hätte den Mietwagen so oder so morgen in Taos zurückgegeben.“

Colin konnte sich diese elegante Frau beim besten Willen nicht in einem dreckverkrusteten Truck vorstellen. Als er nichts sagte, fragte sie: „Oder hast du ein Problem damit, mit mir zusammen zur Ranch zu fahren?“

Colin wurde rot. „Das liegt nicht an dir.“

„Ich verstehe. Allmählich wird mir klar, was Josh damit gemeint hat, als er sagte, du seist ein einsamer Wolf …“

„Ich bin kein …“

„Sogar ich weiß, dass du seit Jahren nicht zu Hause gewesen bist“, erwiderte sie. Es klang aber nicht vorwurfsvoll. „Und dass du mit kaum jemandem Kontakt hattest, seit du weggegangen bist. Und dann sagst du deiner Familie nicht einmal, dass du zurückkommst? Du bist mir vielleicht einer … Na ja, wie auch immer.“ Sie setzte sich jetzt in Richtung Mietwagenschalter in Bewegung. Das Haar fiel ihr über die Schulter und schwang auf ihrem Rücken schimmernd und verführerisch hin und her. „Ich will jetzt nur noch so schnell wie möglich zur Ranch.“ Sie drehte sich nach ihm um. „Es wäre doch das Vernünftigste. Was du tust, geht mich auch nichts an. Und umgekehrt gilt das Gleiche. Wir brauchen im Auto auch nicht zu reden, wenn du das nicht willst. Ich werde es dir nicht übel nehmen, versprochen. Also? Abgemacht?“

„Abgemacht“, brummte Colin, stellte die Koffer vor dem Schalter ab und fragte sich, warum ihm ihre vernünftigen Argumente so sehr missfielen.

Eine Stunde später musste Emily sich eingestehen, dass Colin mit zwei Dingen recht gehabt hatte: Je weiter sie nach Norden fuhren, umso kälter wurde es, und er verströmte tatsächlich einen äußerst strengen Geruch. Entweder ließ sie also die Fenster einen Spalt geöffnet und fror, oder ihr drohte der Erstickungstod.

Außerdem war es ringsherum pechschwarz, und die Lichtkegel der Scheinwerfer wirkten irgendwie unheimlich in der Dunkelheit. Nacht bedeutete für sie, dass überall Laternen brannten, die die Sonne ersetzten, wenn mit ihr das Tageslicht verschwand. Außerdem war sie diese Strecke noch nie zuvor gefahren …

„Reiß dich gefälligst zusammen“, murmelte sie und schaltete das Radio ein. Vielleicht würde die Musik sie ja ablenken. Und auch von dem Kummer, der ihr den Kopf verstopfte – fast wie ihre alten Pullover und Jeans und Tops, die sie achtlos in ihre hübschen neuen Koffer gestopft hatte. Kleidungsstücke, die sie vor der Zeit mit Michael gekauft, aber in seiner Gegenwart nie angezogen hatten, weil er behauptete, sie sähe plump darin aus.

Emilys Nasenflügel zitterten, während ihre Finger das lederbezogene Lenkrad umklammerten. Irgendwann würde sie deswegen bestimmt noch einmal heulen müssen.

Irgendwann. Wenn sie das Stadium der Wut und des Fluchens hinter sich gelassen hatte.

Neben ihr schnarchte der ein Meter achtzig große Colin vor sich hin. Im Schlaf hatte er die Arme vor der Brust verschränkt. Kaum hatten sie Albuquerque hinter sich gelassen, hatte die Erschöpfung ihren Tribut gefordert, und er war eingeschlafen. Hätte Dee ihr nicht irgendwann einmal ein Bild von ihm gezeigt, hätte sie ihn niemals erkannt. Sie wunderte sich selber darüber, dass sie es trotzdem getan hatte bei dem Fünftagebart und dem zerzausten Haar, der zerknautschten Kleidung und den Ringen unter seinen Augen. Wahrscheinlich waren es die Augen gewesen … blassgrün in seinem sonnengegerbten Gesicht …

In ihrer Tasche klingelte plötzlich ihr Handy. Es war der Klingelton, den sie für ihre Mutter eingestellt hatte. Gut, dass sie gerade am Steuer saß, denn … Nein.

Der Mann neben ihr murmelte auf einmal etwas Unverständliches im Schlaf. Er schien die Stirn zu runzeln, obwohl er eigentlich die ganze Zeit über eine gerunzelte Stirn zur Schau zu tragen schien.

„Mist!“

Zwei helle Lichtpunkte starrten ihr plötzlich aus der Dunkelheit in der Mitte der Fahrbahn entgegen. Mit einer scharfen Bewegung nach rechts wich Emily dem Tier aus. Der Wagen schlitterte über niedrige Büsche und Steine, bevor er ruckartig zum Stehen kam. Colin prallte mit der Hand gegen das Armaturenbrett und stieß einen lauten Fluch aus.

„Was ist passiert?“

„Irgendwas ist mir vor den Wagen gesprungen“, stammelte Emily, als ihr klar wurde, wie knapp sie einem schweren Unfall entkommen waren.

„Alles in Ordnung mit dir?“

Dass eine harsche Stimme gleichzeitig so mitfühlend klingen konnte, war für Emily unbegreiflich. Und wie sie bei diesem Mitgefühl die Beherrschung nicht komplett verlieren sollte, war ihr noch unverständlicher. Aber sie würde sich zusammenreißen. Koste es, was es wolle.

Ihr Nacken schmerzte ein wenig, als sie nickte. „Ja, alles Okay.“

„Du klingst aber nicht so.“

Sie stieß ein ersticktes Lachen aus. „Um ein Haar hätte ich Bambi getötet.“ Sie schaute ihn von der Seite an, konnte aber nicht in seine Augen sehen. Was vielleicht auch ganz gut war. „Tut mir leid, dass ich so hart bremsen musste. Ist mit dir alles …?“

„In Ordnung? Sicher – sobald sich mein Herzschlag wieder eingependelt hat.“ Er räusperte sich. „Gute Reaktion übrigens.“

„Woher willst du das denn wissen? Du hast doch geschlafen.“ Dennoch freute sie sich über seine Bemerkung.

„Wir leben noch. Das ist doch schon mal was.“

„Komisch. Du machst auf mich eigentlich gar nicht den Eindruck, als würdest du alles immer auf die leichte Schulter nehmen.“

„Ich bin halt für Überraschungen gut.“

„Du überraschst mich wirklich.“ Ihr eigenes Herz sollte langsam eigentlich auch wieder normal schlagen, überlegte sie, während sie die Finger wieder um das Steuer legte. „Wir sollten weiterfahren.“

„Du zitterst ja.“

„Nur ein bisschen … Was hast du vor?“

Er stieg aus dem Wagen, lief zur Fahrerseite und öffnete die Tür. „Wonach sieht’s denn aus? Ich fahre jetzt weiter.“

„Das brauchst du aber nicht.“

„Ich glaube schon.“

Emily schnitt eine Grimasse. „Hast du nicht gerade gesagt, ich hätte gut reagiert?“

„Das hast du auch. Ehrlich. Aber jetzt bin ich sowieso hellwach …“

„Das tut mir leid.“

„… und vielleicht ein bisschen stresserprobter als du.“

„Hey, bist du mal auf der Umgehungsautobahn von Washington gefahren?“

„Schon sehr oft. Aber glaub mir, das ist nichts im Vergleich zu Mumbai. Mal abgesehen davon – weißt du überhaupt, wie du fahren musst, wenn wir die Stadt erreichen?“

Da hatte er tatsächlich recht. Denn als sie das erste Mal hier gewesen war, hatte sie gar nicht selbst am Steuer gesessen. Sie hätte sich zwar auf das Navi verlassen können, aber sie wollte nicht starrköpfig erscheinen. Außerdem hatte ihr der Beinahezusammenstoß mehr zugesetzt, als sie sich selbst eingestehen wollte.

„Emily?“, hakte er geradezu behutsam nach.

„Na gut!“ Sie rutschte vom Fahrersitz und lief auf die andere Seite des Wagens. Dort sank sie auf den Beifahrersitz, schlang den Mantel enger um sich und schnallte sich an. Steine knirschten unter den Reifen, als Colin rückwärts auf den Highway fuhr. Emily spürte, wie sich ihre Nerven allmählich wieder beruhigten. Wenigstens ein bisschen.

In wachem Zustand schien Colin viel größer zu sein, als wenn er schlief. Dabei war sie selbst nicht gerade klein. Was ihre winzige Mutter übrigens stets mit Sorge erfüllt hatte …

„Wo genau sind wir denn?“, fragte Colin nun.

„Kurz hinter Taos.“

Er nickte. „Hast du was dagegen, wenn ich die Musik leiser stelle?“

„Du kannst sie auch ganz ausmachen, wenn dir das lieber ist. Mir ist es egal.“

„Wirklich?“

„Wirklich!“

Doch in der Stille, die daraufhin folgte, fühlte sie sich auch nicht wohler. Ruhe machte ihr sonst nichts aus, wenn sie allein war, aber wenn jemand auf engstem Raum neben einem saß …

„Wieso hast du denn niemandem erzählt, dass du kommst?“

Er zögerte mit der Antwort. „Weil ich es nicht wollte.“

„Du meinst, es geht mich nichts an.“

Er schaute sie kurz an, ehe er sich wieder auf den Weg konzentrierte.

„Und du glaubst nicht, dass sie es seltsam finden werden, wenn wir zwei plötzlich zusammen dort auftauchen?“

Er lachte. „Du bist ganz schön hartnäckig, was?“

Emily presste die Lippen zusammen und schob sich eine Haarsträhne hinter das Ohr. Nach allem, was in letzter Zeit geschehen war, hatte sie sich fest vorgenommen, nicht mehr so schnell klein beizugeben … egal, worum es ging. „Ich glaube, ich stehe in letzter Zeit nicht mehr so auf Geheimniskrämerei.“

„Obwohl das gar nichts mit dir zu tun hat?“

„Mit mir nichts, aber mit meiner Cousine und ihrem Mann. Und seiner Familie. Also …“

„Und du bist immer hundertprozentig loyal …“

Sie versuchte, den Stich in ihrem Herzen zu ignorieren. „Ja, auch wenn das sehr altmodisch ist.“

Es dauerte ein paar Meilen, bis er antwortete: „Ich nehme mal an, dass ich in letzter Zeit öfter Gesprächsthema war oder?“

„Dein Name wird oft erwähnt“, antwortete sie ruhig. „Schließlich bist du der Bruder, der nie da ist. Und seit Jahren nicht da gewesen ist.“

Ein paar Sekunden verstrichen. „Ich hatte … zu tun.“

Genau das hatte Josh auch bei seiner Hochzeit mit Dee gesagt und versucht, seine Enttäuschung mit einem Schulterzucken abzutun. Vielleicht lag es an der Beinahekollision mit dem Reh, dass sie immer noch nervös war und keinen klaren Gedanken fassen konnte. Deshalb sagte sie, ohne lange darüber nachzudenken: „Nach allem, was ich gehört habe, hast du eine wirklich tolle Familie, Colin. Die meisten Menschen wären dafür sehr dankbar.“ Plötzlich traten ihr Tränen in die Augen, und sie wandte hastig den Kopf ab. „Was haben sie dir denn bloß getan, dass du so sauer auf sie bist?“

Bis zu diesem Moment hatte Colin gedacht, dass Schlimmste, was ihm mit dieser verrückten Frau an seiner Seite während der Fahrt passieren könnte, sei die Landung im Straßengraben gewesen.

Natürlich schuldete er ihr – und auch niemandem sonst – irgendeine Erklärung, obwohl sie ganz nett zu sein schien, wenn auch ein bisschen zu neugierig für seinen Geschmack. Andererseits wollte er auch nicht vollkommen stur wirken. Abgesehen davon würden sie ohnehin in einer halben Stunde am Ziel sein. Er würde sich dort sofort in eine der Hütten verziehen, und sie würde bei ihrer Cousine im Haupthaus bleiben, sodass sie sich während seines Aufenthalts möglicherweise gar nicht mehr über den Weg laufen würden.

Jetzt allerdings wartete sie offenbar auf eine Antwort, während sie ihn mit ihren melancholischen Augen anschaute. Was für eine Geschichte verbarg sich wohl dahinter? Nicht dass er irgendetwas darüber erfahren wollte. Schließlich war er nach Hause gefahren, um endlich mal einen klaren Kopf zu bekommen – nicht, um sich noch zusätzlich mit den Problemen anderer Leute zu belasten.

„Sie haben mir gar nichts getan“, murmelte er schließlich. „Wie du schon gesagt hast, es ist eine wirklich tolle Familie. Es ist einfach nur so, dass wir leider in vielen Dingen sehr unterschiedliche Meinungen haben.“

Nachdenklich verschränkte sie die Arme vor der Brust. „Und was ist im Laufe der Zeit anders geworden?“

„Denkst du eigentlich manchmal auch vorher nach, bevor du redest?“

„Wahrscheinlich genauso viel, wie du darüber nachgedacht hast, wie sie wohl auf dein plötzliches Auftauchen reagieren werden. Vor allem dein Vater … so, wie es momentan um sein Herz steht …“

„Dass Leute vor lauter Schock umkippen und sterben, passiert nur in Filmen.“

„Nicht nur in Filmen.“

„Aber meistens dort. Und außerdem ist Dad nicht sterbenskrank. Soweit ich weiß, war er das noch nie.“

„Woher willst du das denn wissen, wenn du nie da warst?“

„Weil er das selbst mal gesagt hat, klar? Außerdem habe ich damals jeden Tag mit ihm oder Mom gesprochen. Ich bin also nicht vollkommen hinter dem Mond, was das angeht …“

„Aber auch nicht weit davon entfernt.“

Hätte sie es nicht so humorvoll gesagt, wäre er jetzt ziemlich sauer gewesen. Da war allerdings noch etwas in ihrem Tonfall, was er sich einfach nicht erklären konnte. „Sie haben mir gesagt, es sei nicht nötig, dass ich extra nach Hause komme. Und der Grund, warum ich es jetzt tue …“ Er warf ihr einen kurzen Blick zu. „… geht nur mich etwas an.“

„Genauso wie der, dass du dich nicht vorher bei ihnen angekündigt hast. Ich verstehe.“

„Du kannst einen echt nerven, weißt du das?“

Autor

Karen Templeton

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