Cowgirl in Spitzenhöschen

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Immer, wenn Dori sieht, wie glücklich ihr kleiner Sohn Jake ist, seit Sie auf der seines Riley in Montana leben, glaubt sie, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Obwohl auch sie jeden Tag auf dem Land genießt, spürt sie, dass ihre leidenschaftlichen Gefühle sie in Schwierigkeiten bringen werden. Sie begehrt Riley so sehr, dass sie bereitwillig seine Geliebte wird. Noch mit keinem Mann hat sie so lustvolle Stunden erlebt - auch ihr Ex-Freund Chris, Rileys verstorbener Bruder, war nur ein flüchtiges Abenteuer. Nur zu gern würde Dori die Frau dieses attraktiven Cowboys werden, aber diesen Wunsch hegt nicht nur sie. Rileys Ex-Geliebte Tricia versucht mit aller Macht, ihn zurückzugewinnen ...
  • Erscheinungstag 16.01.2019
  • ISBN / Artikelnummer 9783733745561
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Jake Malone war zu Tode gelangweilt.

Wieso musste er ausgerechnet einen wunderschönen sonnigen Tag und wahrscheinlich auch noch den halben Abend auf einer Hochzeit verbringen? Dabei war er nicht einmal der Bräutigam! Er musste auch nicht das Kästchen mit den Ringen tragen oder im Chor mitsingen. Er hatte überhaupt nichts zu tun. Er musste nur still dasitzen.

Und das nun schon seit Stunden.

Er war in seinem ganzen Leben erst auf einer anderen Hochzeit gewesen, nämlich der seiner Tante Milly, und die Feier war wirklich aufregend gewesen. Aufregend und interessant. Und kurz.

Sehr kurz.

Es war nämlich gar nicht zur Trauung gekommen, weil der frühere Freund seiner Tante, Cash Callahan, überraschend in die Kirche geplatzt war. Er hatte den Platzanweiser, der ihn aufhalten wollte, niedergeschlagen – und dann hatte ihm Tante Milly eine geknallt!

Das war eine gute Show gewesen!

Darum hatte sich Jake auch nichts dabei gedacht, als seine Mutter ihn auf diese Hochzeit mitgenommen hatte. Obwohl sie ihn sogar gewarnt hatte, er solle sich keine Hoffnung machen, dass wieder etwas passierte. Aber Jake hatte trotzdem ein bisschen Action erwartet. Immerhin war Shane Nichols, der Bräutigam, so interessant wie Cash, und Poppy, die Braut, hatte rote Haare. Sein Großvater hatte ihm erzählt, dass Rothaarige stets für Ärger sorgten.

Aber diesmal kamen keine alten Freunde der Braut in die Kirche gestürmt. Niemand wurde niedergeschlagen. Shane benahm sich wider Erwarten gut, und Poppy strahlte die ganze Zeit. Sogar Milly und Cash, die sich seit dem früheren Vorfall immerzu stritten, hatten für den heutigen Tag Frieden geschlossen.

Jetzt standen sie gerade im Festsaal des Hotels mitten auf der Tanzfläche und sahen sich so tief in die Augen, als ob sie einem Kitschfilm entstammten. Jake zwang sich ein Lächeln ab und drehte sich dann angewidert um. Es passierte überhaupt nichts Aufregendes.

Ganz im Gegenteil, es war so unglaublich langweilig, dass sogar Shane und Poppy bereits aufgebrochen waren.

„Warum gehen die beiden schon weg?“, hatte er seine Mutter gefragt, als das Paar überschwänglich verabschiedet wurde.

„Das ist Tradition“, erklärte ihm seine Mutter.

Jake überlegte sich, dass es an der Zeit sei, eine neue Tradition einzuführen.

„Mom, können wir jetzt auch gehen?“, fragte er.

„Noch nicht, Schatz.“ Dori Malone tätschelte seine Schulter, aber ohne ihn dabei anzusehen. Unruhig verlagerte sie ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen wegen der ungewohnten hohen Absätze und bemühte sich, Russ Honnecker nicht direkt ins Gesicht zu gähnen.

Jake beobachtete misstrauisch, wie der Langweiler Honnecker um seine Mutter herumscharwenzelte. Seine Mutter wurde nicht jünger, und vielleicht war sie ja auf der Suche nach einem Ehemann. Frauen seien so, hatte man ihm gesagt.

Aber sie würde sich doch nicht Russ Honnecker aussuchen!

Er würde niemals Russ Honnecker als Dad akzeptieren!

Jake schlich zu seiner Mutter und stieß sie vorsichtig an. Sie ging nur einen Schritt zur Seite, während sie unentwegt zu allem nickte, was Russ zu ihr sagte. Und nickte. Und nickte. Sie kam Jake fast wie eine dieser lächerlichen Tierfiguren mit Wackelkopf vor.

„Mom!“

Mit einer Hand drückte sie seine Schulter so fest, dass Jake zurückzuckte. In diesem Moment setzte die Musik wieder ein und seine Mutter sagte: „Warum nicht, Russ?“ Und schon schmiegte sie sich in Russ Honneckers Arme.

„Mom!“

Sie schaute kurz in seine Richtung und warf ihm einen tadelnden Blick zu. „Benimm dich!“

Jake starrte sie unwillig an. Er sollte sich benehmen? Was hatte er denn die ganzen letzten Stunden getan? Er warf ihr noch einen wütenden Blick zu, kletterte auf seinen Stuhl und blickte aus dem Fenster in die Dunkelheit hinaus.

In diesem Moment sah er den Cowboy unter der Straßenlaterne stehen.

Cowboys waren kein ungewohnter Anblick in Livingston, Montana. Man traf sie auf der Straße und in den Geschäften und sah sie überall in ihren verbeulten Pick-ups herumfahren. Manchmal hatte Jake sie auch beim Viehtreiben beobachten können, wenn er mit seinem Großvater im Tal zum Angeln gegangen war. Er kannte sogar einen persönlich. Cash, Tante Millys alter Freund, war ein echter Rodeoreiter gewesen, bevor er bei Taggart Jones und Jed McCall angeheuert hatte. Jetzt war er nur noch ein ganz gewöhnlicher Cowboy, aber das reichte Jake völlig.

Seit seine Tante Milly ihn zu einem Rodeo mitgenommen hatte – zwei Jahre war er damals erst gewesen –, schwärmte er für Cowboys. Sie schienen größer und lebendiger als normale Menschen zu sein. Normale Menschen wie sein Großvater, dem ein Lebensmittelladen gehörte, oder wie Mr. Hudson, ein pensionierter Postbeamter, der fünf Mal in der Woche seinen Rasen mähte. Oder wie Russ Honnecker, der bestimmt der langweiligste Mensch auf der ganzen Welt war.

Cowboys waren nicht langweilig.

Außer auf Hochzeiten, wenn von ihnen erwartet wurde, sich gut zu benehmen.

Jake presste das Gesicht an die Fensterscheibe, um den fremden Cowboy genauer zu betrachten. Er gehörte wohl nicht zu der Hochzeitsgesellschaft.

Eigentlich sah er aus wie jeder andere Cowboy auch. Er trug ein langärmeliges Hemd, Stiefel und einen Cowboyhut, den er so tief ins Gesicht gezogen hatte, dass Jake ihn nicht richtig erkennen konnte.

Er lehnte am Laternenpfahl und hatte seine Daumen in die Gürtelschlaufen gesteckt. Jake konnte sehen, wie er seine Schulter an dem Laternenpfahl rieb und aufmerksam das Gebäude betrachtete.

Jakes Neugier war geweckt, und seine Hoffnung erhielt neue Nahrung.

Vielleicht war dieser Cowboy ja ein alter Freund von Poppy, der jetzt die Hochzeit sprengen und Shane eins auf die Nase geben wollte. Aber während Jake noch darüber nachdachte, fiel ihm ein, dass es dafür zu spät war. Die Hochzeit war längst vorbei, Poppy und Shane waren schon vor einer Stunde gegangen. Wenn der Fremde sich mit Shane prügeln wollte, musste er ihn erst einmal suchen, und dann würde Jake nicht dabei sein können.

Der Cowboy beobachtete weiter das Gebäude und machte einen Schritt darauf zu. Doch plötzlich hielt er inne, rieb sich den Nacken und lehnte sich wieder gegen den Laternenpfahl.

Worauf mochte er wohl warten? Warum kam er nicht einfach herein?

Der Cowboy trat mit einem Stiefel gegen den Beton, und dabei schienen leuchtende Fünkchen von seinem Fuß aufzusteigen.

Jake hielt den Atem an. Was war das? Er drückte das Gesicht noch fester an die Fensterscheibe.

Der Cowboy löste sich langsam von der Laterne, und Jake wartete gespannt darauf, dass er nun endlich hereinkommen würde.

Stattdessen steckte der Cowboy seine Hände in die Hosentaschen, drehte sich auf dem Absatz um und verschwand in der Dunkelheit. Aber Jake konnte noch sehen, dass überall, wo er mit seinen Stiefeln auftrat, eine kleine Wolke glitzernder Pünktchen aufgewirbelt wurde.

Jake war wie gebannt.

Sternenstaub – Stardust!

Er hatte den Stardust Cowboy gesehen! Den größten und besten von allen – der, von dem seine Mutter ihm immer Geschichten erzählt hatte, der, von dem sein Vater ihm ein Bild gemalt hatte.

„Du wirst ihn treffen, wenn du es am wenigstens erwartest, und dann wird er dich zu einem großen Abenteuer mitnehmen“, hatte seine Mutter gesagt. Dann hatte sie ihre Stimme gesenkt und ihn groß angesehen. „Die Frage ist nur, ob du auch mutig genug bist, mit ihm zu gehen.“

Der Cowboy hatte gar nicht auf Shane gewartet.

Nein, gerade als Jake sich am meisten gelangweilt hatte, war der Stardust Cowboy zu ihm gekommen!

Er sprang von seinem Stuhl auf, rannte direkt durch den Raum, wobei er andauernd den Tanzenden in die Quere kam. Unter fortwährenden Entschuldigungen lief er weiter in Richtung Tür.

Dann hörte er seine Mutter empört aufschreien. „Jake Malone!“

„Komm mit!“, rief er ihr zu. „Komm, Mom! Er ist da! Er ist es!“

Bestimmt würde sie sofort wissen, wen er meinte. Als er noch kleiner gewesen war, hatte sie ihm jeden Abend vor dem Einschlafen von dem einzigartigen, wunderbaren Cowboy erzählt, der den Leuten die Chance gab, ihre Träume zu verwirklichen.

Und gerade jetzt war der Stardust Cowboy draußen, und er musste unbedingt zu ihm.

„Jake!“, rief sein Großvater, und es war eindeutig ein Befehl.

Aber diesmal konnte Jake einfach nicht gehorchen. Er tat so, als hätte er nichts gehört, und rannte durchs Foyer zum Ausgang. Er musste sich gewaltig anstrengen, die schwere Eichentür zu öffnen, aber schließlich zwängte er sich hindurch und stürmte die Treppe hinunter. Die letzten drei Stufen nahm er in einem Satz und stürzte auf die Straße. Angestrengt hielt er Ausschau nach dem geheimnisvollen Cowboy, der gekommen war, um all seine Hoffnungen und Wünsche zu erfüllen.

Aber der Cowboy war verschwunden.

Riley Stratton hasste Hochzeiten.

Die vielen fremden Menschen, die er gesehen hatte, als er vor dem Hotel stand, hatten ihn durcheinandergebracht. Sie wirkten alle so verdammt glücklich, als ob ihnen die ganze Welt zu Füßen läge. Riley dagegen hatte des Öfteren den Eindruck, dass die Welt nur allzu gern auf ihm herumtrampelte.

Er hatte schon genug Probleme und eine Hochzeit das Letzte, was er gebrauchen konnte. Das muss ich mir nicht antun, hatte er sich gedacht. Nur weil Dori Malones Nachbar ihm gesagt hatte, dass sie heute hier war, musste er ja nicht hineingehen.

Er wollte nur das zu Ende bringen, was getan werden musste.

Er musste ihr die Nachricht über seinen Bruder Chris überbringen, ihr von der Ranch erzählen, ihr ein Kaufangebot machen, das sie annehmen konnte, und dann wieder zurückfahren.

Morgen wäre dann wieder alles beim Alten, und er musste sich höchstens über die Aufzucht seines Viehs Sorgen machen.

Aber er wollte vorher unbedingt den Jungen sehen.

Riley hatte vor dem Hotel im Schatten gestanden, als das Brautpaar herausgeeilt kam, umringt von Freunden und Verwandten, die sie mit Reis und Glitter beworfen hatten. Alle hatten nur Augen für die Hochzeitsgesellschaft gehabt.

Riley hingegen hatte nur nach dem Jungen Ausschau gehalten.

Er musste jetzt fast acht Jahre alt sein. Bei dem Bündel Briefe, das er letzte Woche erhalten hatte, war ein Stapel Fotos von ihm gewesen. Sie stellten sozusagen Chris’ Nachlass dar.

Bis dahin hatte Riley sich nicht vorstellen können, dass Chris tot war. Es war ihm unmöglich zu glauben, dass sein Bruder nicht irgendwo da draußen herumreiste, wie ein Verrückter Auto fuhr und seine himmlischen Lieder auf der Gitarre spielte und sang. Er war schon vor langer Zeit fortgegangen – vor nunmehr zehn Jahren – und hatte sich so selten zu Hause sehen gelassen, dass Riley sich daran gewöhnt hatte, dass Chris nicht da war.

Aber er hatte sich nie vorstellen können, dass sein kleiner Bruder sterben könnte – selbst dann nicht, als er den beglaubigten Totenschein aus Arizona erhalten hatte. Arizona, wo Chris die letzten Jahre gelebt und gearbeitet hatte.

Erst als er das erste Bündel Briefe geöffnet hatte und ihm fünf Polaroidaufnahmen entgegenfielen, hatte er die ganze Tragweite der Tragödie begriffen. Im ersten Moment hatte er geglaubt, dass es Fotos von Chris als Kind waren. Der kleine blauäugige Junge mit den braunen Haaren hatte ihm so ähnlich gesehen.

Aber es war nicht Chris.

Auf den Fotos hatte ein Name gestanden: Jake. Jake mit vier Monaten, Jake an seinem ersten Geburtstag, mit drei Jahren, im Kindergarten, als Siebenjähriger mit Zahnlücke.

Wer zum Teufel war Jake?

Vor sich hin fluchend, hatte Riley die Umschläge aufgerissen, einen nach dem anderen, und die darin enthaltenen Briefe gelesen. Es waren fünf Stück gewesen, in einer zarten Frauenschrift verfasst, und sie erklärten Riley, was Chris ihm niemals erzählt hatte.

Bei dem Jungen handelte es sich um Chris’ Sohn.

In diesem Moment hatte Riley begriffen, dass Chris wirklich tot war.

Wenn Chris ihm etwas so Wichtiges über so lange Zeit verschwiegen hatte, dann war auch sein, Rileys Bild, das er sich von seinem Bruder gemacht hatte, nichts wert.

Aber dass sein lebensfroher, forscher Bruder bei einem Autounfall auf einer abschüssigen Straße in den Bergen ums Leben gekommen war, erschien ihm genauso unwirklich wie die Vorstellung, dass sein Bruder der Vater eines fast achtjährigen Sohnes war.

Doch je länger Riley darüber nachdachte, machte doch jetzt vieles einen Sinn, was Chris in den letzten Jahren gesagt und gemacht hatte. Er musste an Jake gedacht haben, als er sich nach dem Tod ihres Vaters vor einigen Jahren geweigert hatte, Riley seinen Anteil an der Ranch zu verkaufen.

„Das kann ich nicht“, hatte er nur geantwortet.

„Wieso nicht, zum Teufel?“ Riley war völlig überrascht gewesen. Seit Chris fünfzehn gewesen war, hatte er nichts sehnlicher gewollt, als die Ranch zu verlassen.

„Weil es mein Erbteil ist. Vielleicht will ich es einmal meinen Kindern hinterlassen.“

Allein die Vorstellung, dass Chris sich niederlassen und heiraten würde, war Riley völlig abwegig vorgekommen. Und genau das hatte er ihm auch gesagt.

Chris hatte ihn angegrinst. „Man kann es nie wissen.“

Wie wahr! Riley hatte nichts geahnt. Zu diesem Zeitpunkt musste Chris’ Sohn schon vier Jahre alt gewesen sein.

In zwei Briefen bedankte sich die Absenderin für das Geld, das ihr Chris gesandt hatte. Auch das erklärte einiges. Riley hatte sich immer gefragt, wieso Chris keine Rücklagen gebildet hatte und dennoch seinen Anteil an der Ranch nicht verkaufen wollte.

„Andere Dinge gehen vor.“ Mehr hatte Chris nicht dazu gesagt.

Wie oft hatte er Chris wegen seiner schnelllebigen Lebensweise zur Rede gestellt, aber es schien fast, als ob er weder mit dem gesunden Menschenverstand noch mit Logik zu seinem Bruder durchdringen konnte. So hatte es sich ihm zumindest damals dargestellt. Jetzt war ihm klar, dass etwas ganz anderes im Leben seines Bruders Vorrang gehabt hatte.

Warum hast du es mir nicht gesagt? dachte Riley.

Aber er kannte die Antwort. Chris wollte ihm nicht von einem Sohn erzählen, den er niemals selbst gesehen und dessen Mutter er nicht geheiratet hatte. Er hatte sich ganz einfach nicht mit Riley über Dinge wie Verantwortung und Pflichtgefühl streiten wollen, denn Riley hätte ihm bestimmt eine Predigt gehalten.

Chris hatte sich schon früher darüber beschwert, dass Riley seine Verantwortung so ungeheuer ernst nahm. Riley hingegen war immer der Ansicht gewesen, dass ein wenig mehr Verantwortungsgefühl Chris bestimmt nicht schaden würde. Im Fall von Jake schien er es zumindest ansatzweise entwickelt zu haben.

Aber mehr auch nicht, denn es gab kein Testament. Das hätte Chris allerdings auch nicht ähnlich gesehen. Er hatte sich immer für unverletzlich und unsterblich gehalten. Aber welcher Dreißigjährige denkt schon daran, sterben zu müssen?

Doch nun war er tot. Einen Monat lang hatte Riley angenommen, dass er der einzige Erbe seines Bruders sei und damit der Besitzer Stratton-Ranch. Rein juristisch war er es wohl auch, denn sein Bruder hatte die Mutter seines Sohnes ja nicht geheiratet, weil er ein eingefleischter Junggeselle war.

Einmal hatte er sich selbst als „gemäßigten Herumtreiber“ beschrieben. „Heute hier, morgen dort.“

Er war ein begnadeter Musiker gewesen, aber er hatte sein Herz an Country und Western und Rhythm and Blues verloren. Die meisten seiner Lieder hatte er selbst geschrieben, und obwohl Riley kein großer Musikkenner war, so war er doch beeindruckt gewesen. Am meisten aber hatte er an Chris seine Entschlossenheit bewundert. Seit er ein kleiner Junge gewesen war, hatte Chris alles dafür getan, sich einen Namen zu machen. Der Welt zu zeigen, wer er war und was in ihm steckte.

„Ich werde bestimmt kein armer kleiner Cowboy werden“, hatte er Riley so oft gesagt, dass es fast wie der Refrain eines seiner Lieder geklungen hatte. Nicht so wie du!, hatte er gemeint. Chris hatte nie verstehen können, wieso Riley nicht auch unbedingt von der Ranch wegwollte. Er selbst hatte all die Jahre nur darauf gewartet, dass er seinen Schulabschluss kriegte, denn dann konnte er sich endlich den Staub von den Stiefeln abwischen und einfach weggehen.

„Wenigstens kommst du so mal nach Laramie“, hatte er seinem Bruder gesagt, als Riley aufs College gegangen war.

Doch der Traum vom College war nach drei Jahren für Riley beendet gewesen. Ihre Mutter starb, als Chris noch auf der Highschool war, und kurz nach dem heiß ersehnten Highschoolabschluss verließ Chris die Ranch. Bald darauf verunglückte ihr Vater beim Reiten und wurde dadurch zum Krüppel. Es hatte niemanden mehr gegeben, der ihm hätte helfen können – keine Tanten oder Onkel, nicht einmal einen Cousin – nur Riley und Chris.

Also war Riley wieder zurückgekehrt.

Chris nicht.

„Auf keinen Fall“, hatte er Riley am Telefon klargemacht. „Ich gehe nie wieder zurück. Du kannst es gern machen, wenn du es willst, aber du weißt ganz genau, dass es nicht nur für die Zeit ist, in der Dad noch krank ist. Es wird für immer sein. Wenn du zurückgehst, wirst du nie wieder fortgehen können. Aber du wolltest ja nie wirklich weg.“

Riley war es egal gewesen.

Er hatte die Ranch immer in dem Maße geliebt, wie Chris sie verachtet hatte. Und er war dumm genug gewesen, zu glauben, dass Tricia mit ihm gehen würde.

Tricia …

Nein, verdammt, er wollte heute Abend nicht an Tricia denken!

Es gab schon genug, worüber er sich Gedanken machen musste. Was sollte er bloß zu Chris’ Freundin sagen und zu dem Jungen?

Aber er hatte keine Lust, mit ihr auf einem Hochzeitsempfang zu sprechen. Er würde ganz einfach warten, bis sie nach Hause kam. Es würde schon nicht so spät werden. Eine verantwortungsvolle Mutter würde ihr Kind nicht zu lange aufbleiben lassen. Aus dem Inhalt ihrer Briefe hatte Riley herausgelesen, dass Dori Malone eine sehr liebevolle und verantwortungsbewusste Mutter sein musste, auch wenn sie die Dummheit begangen hatte, sich in seinen Bruder zu verlieben.

Diese Tatsache erleichterte ihn. Es würde die Sache vereinfachen, denn sie würde sein Angebot sicherlich annehmen. Er schob die Hände in die Taschen und ging zu seinem Pick-up.

Dori kam erst um kurz vor zehn.

Riley hatte in geringer Entfernung von ihrem Haus geparkt, und wartete seit zwei Stunden in seinem Pick-up, als ein Wagen, der genauso alt und verbeult aussah wie sein eigener, in die Einfahrt einbog.

Eine Frau stieg aus, aber als die Beifahrertür nicht geöffnet wurde, fragte er sich, ob es vielleicht doch nicht Dori Malone war. Oder ob sie den Jungen bei Freunden übernachten ließ. Doch dann ging sie um den Wagen herum, öffnete die Beifahrertür und hob einen kleinen Jungen heraus, der ganz offensichtlich schon geschlafen hatte.

Riley spürte, wie ihm ein Schauer über den Rücken lief. Das war also Jake, Chris’ Sohn!

Einen Moment lang war er auf seinen Bruder wütend. Wie hatte Chris einfach weiterziehen können, ohne je zurückzuschauen, obwohl er doch ein Kind hatte?

Er beobachtete, wie die Frau mit dem Jungen ins Haus ging, und beschloss zu warten, bis sie ihn ins Bett gebracht hatte. Dann würde er das Kind zwar nicht so genau gesehen haben, aber das machte auch nichts. Er hatte sofort erkannt, dass der Junge das genaue Ebenbild von Chris war.

Riley mochte gar nicht daran denken, dass es ein Kind gab, das wie Chris aussah. Er wollte nicht daran denken, dass dies sein Neffe war, und er wollte auch nichts mit ihm zu tun haben.

Das Kind kannte ihn doch gar nicht und er das Kind genauso wenig.

Es war nur … bis er von Jakes Existenz erfahren hatte, war er völlig allein gewesen.

Nicht, dass er Chris oft zu Gesicht bekommen hätte. Er konnte seine Besuche in den letzten zehn Jahren an einer Hand abzählen. Sie waren auch nie die besten Freunde gewesen, wenn sie zusammen gewesen waren. Ganz im Gegenteil erinnerte sich Riley, wenn er an seine Kindheit und Jugend dachte, hauptsächlich daran, sich entweder mit Chris geprügelt zu haben – oder sich zusammen mit Chris mit anderen geprügelt, ihm aus der Patsche geholfen und ihn vor anderen verteidigt zu haben.

Es hatte ihm nicht viel ausgemacht, als Chris gegangen war. Das Leben war wesentlich friedlicher ohne ihn. Chris war schon immer eine Nervensäge gewesen.

Aber man konnte mit ihm auch viel Spaß haben.

Er war außergewöhnlich lebhaft. Er jagte wie ein Komet durch das Leben. Heute hier, morgen da, übermorgen dort. Chris hatte die Aufmerksamkeit seiner Umgebung vom Tag seiner Geburt an erregt. Er lachte viel, riss Witze. Er konnte unglaubliche Geschichten erzählen, unglaublich fordernd sein und unglaublich schöne Lieder singen.

Er konnte die ganze Welt zum Lachen und zum Weinen bringen – auch seinen Bruder.

Riley hatte nie den unbekümmerten Charme seines Bruders besessen. Er bewunderte ihn gelegentlich dafür, aber er war nie wirklich neidisch. Denn er kannte auch die Schattenseiten seines Bruders. Die Fehler, die jeder Mensch hat.

Aber er kannte auch seine Stärken.

Chris würde bestimmt nicht brav vor dem Haus einer Frau stehen und darauf warten, dass sie ihn einließ!

Geh los und bring’s hinter dich!, befahl Riley sich. Er atmete einmal tief durch und machte sich auf den Weg.

Die Haustür wurde aufgerissen, und der kleine Junge stürmte ihm entgegen.

„Ich hab’s gewusst!“, schrie er schrill. „Ich wusste, dass du kommst.“

Riley blieb mit offenem Mund stehen.

Der Junge sah Chris zum Verwechseln ähnlich. Das gleiche dunkle Haar, die gleichen hohen Wangenknochen, das gleiche eigensinnige Kinn. Das gleiche strahlende Lächeln.

Jake rief der Frau, die hinter ihm die Treppe heruntergesaust kam, über die Schulter zu: „Schau mal. Ich hab’s dir ja gesagt!“ Dann wandte er sich wieder Riley zu. „Worauf wartest du? Komm doch rein!“ Er griff nach Rileys Hand.

Überrascht und verwirrt ließ Riley sich mitziehen. Der Junge strahlte ihn an.

„Ich heiße Jake. Aber das hast du schon gewusst, nicht wahr?“

Woher konnte das Kind das wissen?

Aber das Auftauchen von Jakes Mutter rettete ihn vor einer direkten Antwort. Zum ersten Mal sah Riley sie von Nahem, und das Einzige, was ihm zu ihr einfiel war: Das sieht Chris ähnlich, die schönste Frau von ganz Montana zur Mutter seines Sohnes zu machen.

Sie war nicht ganz sein Typ – jedenfalls nicht der blonde, gertenschlanke Typ, den Tricia verkörperte –, aber er konnte ihre Schönheit trotzdem genießen. Dunkle Haare umrahmten ihr Gesicht, sie hatte volle, sinnliche Lippen, und ihre großen dunkelblauen Augen leuchteten in der Dunkelheit, als sie ihn misstrauisch betrachtete. Dann fasste sie Jake am Arm.

„Jacob Daniel Malone, bist du verrückt geworden? Was fällt dir ein, mitten in der Nacht im Schlafanzug auf die Straße zu rennen und fremde Leute zu belästigen?“ Während sie ihren Sohn ausschimpfte, warf sie Riley einen kurzen, verlegenen Blick zu. „Tut mir leid. Er ist übermüdet und gehört ins Bett. Er glaubt nämlich, dass …“

„Er ist der Stardust Cowboy“, rief Jake dazwischen. „Wirklich! Ich habe den Sternenstaub gesehen! Er war draußen vor dem Hotel. Das warst du doch, nicht?“

Er blickte Riley so überzeugt und vertrauensselig an, ganz genau wie Chris es immer gemacht hatte. Die Ähnlichkeit war so frappierend, dass Riley die Luft wegblieb.

Der Junge ließ nicht locker, als Riley nicht sofort antwortete. „Ich habe dich nämlich gesehen“, fügte er selbstbewusst hinzu. Aber dann schlich sich der Zweifel bei ihm ein. „Oder etwa nicht?“, fragte er kläglich.

Riley konnte es nicht mehr aushalten. Er nahm seinen Hut ab und fuhr sich mit den Fingern durchs Haar. „Nein, es stimmt. Ich war da.“

Jake blickte seine Mutter freudig an. „Siehst du!“

Dori Malones Augen musterte Riley argwöhnisch. Sie riss Jake von Riley los und befahl ihrem Sohn, ins Haus zu gehen.

Riley folgte ihr. „Bleiben Sie. Ich muss mit Ihnen sprechen.“

„Das denke ich nicht.“ Ganz egal, wie sehr Jake den Stardust Cowboy verehrte, bei seiner Mutter war dies nicht der Fall.

„Ich heiße Riley Stratton.“

Sie brauchte eine Sekunde, bis sie den Namen unterbringen konnte. Dann erbleichte sie. Er sah sie an und sie riss sich zusammen, atmete scharf ein. „Einen Moment.“

Sie wandte sich ihrem Sohn zu. „Ab ins Bett, Jake.“

„Aber …“

„Kein Aber. Zeit zum Schlafengehen. Auf der Stelle.“

„Mom!“

„Sofort.“

Er sah seine Mutter bockig an, dann blickte er wieder zu Riley. Aber Riley konnte ihm auch nicht helfen. Er sah demonstrativ auf seine Armbanduhr. „Es ist schon spät.“

Jake gab auf. Er sah aus, als hätte man ihm etwas weggenommen. Genau wie Chris, wenn etwas nicht nach seinem Kopf ging, dachte Riley.

Die Erkenntnis, dass er Chris nie wieder sehen würde, traf ihn wie ein Schlag, und er schloss die Augen vor Schmerz.

„Geht’s dir gut?“, fragte der Junge.

Riley sah ihn verwirrt an. Der Junge wirkte nun eher besorgt. Plötzlich nickte er, als hätte er soeben eine Entscheidung getroffen.

„Na gut. Ich geh’ ins Bett.“

Seine Mutter drückte leicht seine Schulter. „Guter Junge. Und vergiss nicht, dir die Zähne zu putzen. Ich komme noch mal zum Gutenachtsagen, wenn Mr. Stratton gegangen ist.“

„Aber du musst mir genau erzählen, was er gesagt hat.“

Dori Malone rollte mit den Augen. „Wenn es dich denn etwas angeht.“

Jake schaute zu Riley hoch und ihre Blicke trafen sich. Schließlich drehte er sich wieder zu seiner Mutter.

„Das wird es“, sagte Jake.

2. KAPITEL

Schweigend sahen sie gemeinsam Jake nach. Schließlich sagte Dori: „Kommen Sie rein. Was Sie mir zu erzählen haben, müssen Sie ja nicht in der Einfahrt tun.“

Riley folgte ihr ins Haus. Es war nur wenig größer als ein Hühnerstall und erinnerte Riley an das kleine Haus, in dem er während seiner Zeit auf dem College mit fünf Kommilitonen gewohnt hatte. Allerdings hatte Dori Malone ihres wesentlich hübscher eingerichtet. Er und seine Kumpel hatten damals zwischen Bierdosen und Getränkekisten gelebt. Dori Malone hatte aus ihrem Haus ein Heim gemacht. Die Möbel waren zwar schon älter, aber bequem. An den Wänden hing neben gerahmten Familienfotos und mit Wasserfarbe gemalten Kinderbildern auch eine alte Uhr aus Eiche.

„Setzen Sie sich. Darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?“

Autor

Anne McAllister
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