Montana Mavericks - Was in der Hochzeitsnacht geschah … - 6-teilige Serie

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Auf einem rauschenden Hochzeitsfest wird getanzt, gefeiert - und eine geheimnisvolle Bowle getrunken. Wie sonst käme es zu solch unerhörten Ereignissen und Liebschaften …?

WENN SICH DAS HERZ NACH LIEBE SEHNT

Träge wacht Jordyn auf, dreht den Kopf - und sieht ihren alten Freund Will neben sich. Was ist passiert? Hat sie etwa mit ihm …? Eines ist klar: Die Heiratsurkunde auf dem Nachttisch kann nicht echt sein. Sie liebt Will nicht! Oder sieht ihr Herz das anders und hat sie ausgetrickst?

NOCH EINE CHANCE FÜR DAS GLÜCK

Claire ist die Richtige für ihn! Das hat Levi vom ersten Moment an gespürt. Aber ist ihre junge Ehe wirklich so glücklich, wie er glaubt? Als Claire ihn überraschend verlässt, fällt er aus allen Wolken. Schon bald bietet sich allerdings noch eine Chance, sie zurückzugewinnen …

TRAUMHAFT, DIESER MANN!

"Fangen Sie mich doch, Detective." Voll bekleidet hüpft Lani in einen Springbrunnen, damit Russ Campbell auf sie aufmerksam wird. Natürlich nur, um ihn davon abzuhalten, ihren Bruder festzunehmen. Nicht weil sie bereits seit Wochen von Russ’ zärtlichen Umarmungen träumt, oder?

KANNST DU MIR VERZEIHEN, GELIEBTE?

Endlich da! Erschöpft schleicht Margot sich nachts in das Haus ihres Vaters. Und steht plötzlich einem halbnackten Mann gegenüber, der behauptet, er habe das Anwesen beim Pokern gewonnen! Ist Margot in einem Albtraum gelandet - oder gar in einem Traum?

GIB MEINER SEHNSUCHT EIN ZUHAUSE

Kristen hat ihren Mr. Perfect gefunden! Ryan wird sie für immer glücklich machen, sobald er von seinem letzten Rodeo zurückkehrt. Doch ihr Herzenscowboy lässt sich Zeit. Und als er endlich wieder da ist, fragt Kristen sich, ob er wirklich perfekt ist - oder ein schamloser Lügner …

KÜSS MICH EINMAL - UND IMMER WIEDER

Es war die Nacht ihres Lebens - und Trey erinnert sich nicht einmal daran! Zutiefst gedemütigt will Kayla nur noch eines: Den Millionär aus ihrem Leben verbannen. Doch zuerst muss sie ihm verraten, dass ihre Stunden der Leidenschaft nicht ohne Folgen blieben …


  • Erscheinungstag 11.05.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733778187
  • Seitenanzahl 864
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Cover

Christine Rimmer, Marie Ferrarella, Teresa Southwick, Cindy Kirk, Caro Carson, Brenda Harlen

Was in der Hochzeitsnacht geschah … - 6-teilige Serie

IMPRESSUM

Wenn sich das Herz nach Liebe sehnt erscheint in der HarperCollins Germany GmbH

Cora-Logo Redaktion und Verlag:
Postfach 301161, 20304 Hamburg
Telefon: +49(0) 40/6 36 64 20-0
Fax: +49(0) 711/72 52-399
E-Mail: kundenservice@cora.de

© 2015 by Harlequin Books S.A.
Originaltitel: „The Maverick’s Accidental Bride“
erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto
Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l.

© Deutsche Erstausgabe in der Reihe BIANCA EXTRA
Band 32 - 2016 by HarperCollins Germany GmbH, Hamburg
Übersetzung: Meike Stewen

Umschlagsmotive: Harlequin Books S.A.

Veröffentlicht im ePub Format in 05/2017 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein.

E-Book-Produktion: GGP Media GmbH, Pößneck

ISBN 9783733778262

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
CORA-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag:
BACCARA, JULIA, ROMANA, HISTORICAL, MYSTERY, TIFFANY

 

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1. KAPITEL

„Irgendwie erinnerst du mich an ein Mädchen aus meiner Kindheit“, raunte eine wohlbekannte tiefe Stimme in Jordyn Leigh Cates Ohr. „Ein niedliches kleines Ding war das, ist mir ständig hinterhergelaufen …“

Jordyn fuhr herum. Ihr gegenüber stand ein umwerfend gut aussehender Cowboy. Einer, den sie schon ihr ganzes Leben lang kannte. „Will Clifton!“, rief sie aus. „Du spinnst ja wohl. Ich bin dir bestimmt nicht hinterhergelaufen. Nie im Leben.“

„Bist du wohl.“

„Bin ich nicht.“

„Doch!“

Sie lachte. „Wir klingen wie zwei Kindergartenkinder!“

„Du vielleicht!“, erwiderte er und schenkte ihr sein berühmtes schiefes Lächeln, mit dem er schon zahlreiche Mädchenherzen gebrochen hatte. Damals, in ihrem Heimatort Thunder Canyon. „Hat immer Spaß gemacht, dich ein bisschen zu ärgern.“

Jordyn trank einen Schluck Hochzeitsbowle aus ihrem Pappbecher. „Ich habe schon gehört, dass ihr auch hier auf der Hochzeit seid, du und deine Brüder.“

„Ja, wir sind draußen im Maverick Manor untergekommen.“ Das imposante Holzhaus im Südosten der Stadt hatte lange leer gestanden, bis es im letzten Jahr zu einem Hotel mit rustikalem Charme umgebaut worden war.

Sie warf ihm einen herausfordernden Blick zu. „Außerdem habe ich so ein Gerücht gehört. Du sollst dir eine Ranch hier in Rust Creek Falls gekauft haben, stimmt das?“

„Ja, allerdings.“ Stolz schwang in seiner Stimme mit, und seine strahlend blauen Augen leuchteten. „Ein wundervolles Stück Land in der Talebene, ein paar Meilen östlich von der Stadt. Am Dienstag ist Schlüsselübergabe.“

Jordyn freute sich für ihn. Sie konnte sich gut daran erinnern, dass er schon immer von einer eigenen Ranch geträumt hatte. „Herzlichen Glückwunsch!“

„Danke.“

Schweigend lächelten sie sich an. Will trug ein weißes Hemd, darüber eine schokobraune Weste und eine typische Westernkrawatte: Sie bestand aus einem schmalen Stück Schnur, das von einer Spange zusammengehalten wurde. Ein schwarzer Cowboyhut, schwarze Jeans und schicke schwarze Stiefel vervollständigten das Outfit.

Er zupfte an einer blonden Locke, die sich aus ihrer Hochsteckfrisur gelöst hatte. „Gut siehst du aus.“

Ihr wurde angenehm warm. Will war fünf Jahre älter als sie und hatte sie früher immer wie ein kleines Kind behandelt. Aber wenn er sie jetzt so ansah, fühlte sie sich ganz anders wahrgenommen. Sie klimperte kurz mit den Wimpern. „Danke, Will.“

Er tippte sich an den schwarzen Cowboyhut. „Ich sage doch nur die Wahrheit. Du siehst wirklich toll aus und passt auch farblich sehr gut ins Bild.“

„Tja, heute ist alles rot-weiß-blau“, erwiderte sie und blickte an ihrem knielangen, trägerlosen Brautjungfernkleid aus Chiffon hinunter. Es war so blau wie das blaue Rechteck der US-amerikanischen Nationalflagge. Da die Hochzeit am 4. Juli, dem amerikanischen Unabhängigkeitstag, stattfand, war die ganze Feier farblich darauf abgestimmt.

Vor etwa zwei Stunden hatte Braden Traub, der zweitälteste Sohn einer alteingesessenen Rancherfamilie, der blonden, elfengleichen Jennifer MacCallum das Jawort gegeben. Die beiden jungen Leute hatten beschlossen, ihre Hochzeit mit einem großen Picknick im Park der Kleinstadt Rust Creek Falls zu feiern. Auf allen Picknicktischen lagen rot-weiß-karierte Decken aus Wachstuch. Rote, weiße und blaue Sonnensegel spendeten Schatten.

Außerdem hatten die Veranstalter eine mobile Holz-Tanzfläche aufgebaut. Die sechsköpfige Band, die gerade spielte, war gar nicht mal schlecht. Jordyn wippte im Takt zur Musik. In diesem Augenblick tanzte ein großer Mann mit weißem Cowboyhut an ihnen vorbei. Er hatte eine kurvenreiche Brünette im Arm. Plötzlich blinzelte er Jordyn zu.

Und Jordyn blinzelte zurück. „Hey, Cowboy!“, rief sie und winkte mit ihrem Brautjungfernstrauß aus roten Rosen.

„Wer ist das denn?“, wollte Will sofort wissen.

Ruhig erwiderte sie seinen Blick. „Ach, ich habe vorhin mal mit ihm getanzt …“ Und sie hatte vor, das sehr bald zu wiederholen. Allmählich spielte sich Will ihr gegenüber wieder viel zu sehr als großer Bruder auf. Gerade wollte sie noch einen Schluck Bowle trinken, da nahm er ihr den Pappbecher aus der Hand. „Hey, was soll das?“, protestierte sie.

Grinsend schnüffelte er an dem Getränk. „Was ist da eigentlich drin? Etwas Härteres?“

Sie atmete hörbar aus. „Nein, das ist nur Bowle. Ein bisschen Saft, ein bisschen Limo und noch viel weniger Sekt. Aber wenn dir das auch schon zu viel ist, kannst du dich ja da drüben am Kindertisch anstellen.“ Schwungvoll wies sie mit ihrem Rosenstrauß auf den Tisch, an dem gerade die jüngeren Partygäste bedient wurden.

Will betrachtete sie aufmerksam und ziemlich argwöhnisch. „Ich frage ja nur, weil du so ausgesprochen gute Laune hast, Jordyn Leigh. Viel zu gute Laune, könnte man fast sagen.“

„Viel zu gute Laune gibt es nicht.“ Verärgert funkelte sie ihn an. „Und sag bitte nicht noch mal Jordyn Leigh zu mir.“

„Warum denn nicht? So heißt du doch.“

„Schon, aber du sagst das so, als wäre ich immer noch eine achtjährige Göre mit Zahnlücke und Rattenschwänzen, die die alten Jeans und Hemden ihrer älteren Geschwister auftragen muss.“

„Dabei bist du inzwischen eindeutig erwachsen“, sagte Will und prostete ihr mit dem Pappbecher zu, den er ihr eben weggenommen hatte, und trank ihn in einem Zug aus.

Sollte sie sich darüber etwa ärgern? Ach, was. Ärger und Frust brachten einfach nichts. Das hatte sie sich auch schon in der Kirche gesagt, als sie ein kleines bisschen wehmütig geworden war. Weil sie auch auf dieser Hochzeit wieder nur Brautjungfer war und keine Braut.

Aber das war kein Grund, sich hängenzulassen. Da freute sie sich lieber über den schönen Sommertag hier in Montana und den blauen, wolkenlosen Himmel. Außerdem hatte sie heute schon mit einem sehr attraktiven Cowboy getanzt. Wer weiß, was noch alles passieren würde? Will hatte recht: Sie hatte wirklich ausgesprochen gute Laune, und die wollte sie sich von ihm auf keinen Fall verderben lassen.

Daher nahm sie sich einen neuen Pappbecher mit Stars-and-Stripes-Aufdruck und füllte ihn randvoll. Als Will ihr den Becher hinhielt, den er ihr eben abgenommen hatte, schenkte sie ihm ebenfalls großzügig ein.

Dann prosteten sie sich zu und tranken ihre Bowle.

Der Rest dieses Nachmittags zog wie ein verblichener, schlecht zusammengeschnittener Farbfilm an Jordyn vorbei. Sie und Will waren die ganze Zeit zusammen, und das genoss sie. Sehr sogar. Bisher hatte er sie immer wie ein unreifes kleines Mädchen behandelt. Aber seit sie sich mit der Hochzeitsbowle zugeprostet hatten, war plötzlich alles anders gewesen.

Auf einmal begegneten sie sich auf Augenhöhe und verstanden sich dabei ganz wunderbar. Gemeinsam bedienten sie sich am Grillbüfett und bei der Hochzeitstorte. Dann schauten sie bei seinen Brüdern vorbei, beim Brautpaar und bei Jordyns Freundinnen, den anderen Brautjungfern.

Schließlich lernten sie Elbert und Carmen Lutello kennen, ein ziemlich ungleiches Paar. Der kleine, schmächtige Elbert mit der Hornbrille war Verwaltungsbeamter. Seine Frau Carmen arbeitete als Amtsrichterin. Sie war breitschultrig und einen Kopf größer als ihr Mann. In der Ehe hatte offenbar sie die Hosen an. Erstaunlicherweise passten Elbert und Carmen wunderbar zusammen. Sie liebten sich sehr und waren berührt von der romantischen Hochzeit.

Jordyn fand die beiden einfach nur toll. Sie und Will tranken noch ein paar Becher von der leckeren Bowle und tanzten mehrmals miteinander. Mit dem Cowboy mit dem weißen Hut tanzte sie nicht noch einmal. Tatsächlich hatte sie ihn längst vergessen. Für sie gab es jetzt nur noch Will. Der Park, das Hochzeitspicknick und die anderen Gäste wurden immer mehr zur wohlig-nebligen Hintergrundkulisse ihrer magischen Begegnung.

Plötzlich küsste Will sie. Mitten auf der Tanzfläche. Vorsichtig hob er ihr Kinn mit einem Finger an, und dann drückte er seine sinnlichen Lippen sanft auf ihre. Und während sie sich im Takt der Musik bewegten, küsste er sie immer weiter.

Er konnte hervorragend küssen. Jordyn kam sich dabei vor wie eine Märchenprinzessin, die gerade aus ihrem hundertjährigen Schlaf erwachte und jetzt eine ganz neue Welt für sich entdeckte – endlich! Von so einem Kuss hatte sie inzwischen nicht mehr zu träumen gewagt.

Außerdem hatte er ihr gesagt, wie wunderschön er sie fand.

Oder hatte sie sich das nur eingebildet?

Inzwischen war sie sich nicht mehr so sicher. Je mehr es in Richtung Abend ging, desto diffuser wurde ihre Wahrnehmung. Als es schließlich dunkel wurde, passierten einige wirklich seltsame Dinge. Zum einen wurde eine junge Frau aus der Dalton-Familie abgeführt, weil sie sich nicht davon abbringen ließ, im Springbrunnen zu baden.

Und zum anderen fanden sich Jordyn und Will plötzlich Hand in Hand auf dem Parkplatz wieder, der zwischen dem Park und der Tiermedizinischen Klinik lag. Vor ihnen stand Elbert Lutello, der gerade einen Aktenkoffer aus seinem pinkfarbenen Cadillac holte. „Als Staatsdiener bin ich immer gut vorbereitet und habe lieber ein paar Dokumente zu viel dabei“, verkündete er feierlich. „Man weiß ja nie, ob man sie nicht mal dringend gebrauchen kann …“

Im nächsten Moment waren Jordyn und Will schon wieder im Park, immer noch Hand in Hand. Um sie herum funkelte die Partybeleuchtung, während sich immer mehr Gäste um sie versammelten. Vor ihnen stand Carmen Lutello und lächelte sie warmherzig an.

Ja, und dann?

An den Rest konnte Jordyn sich nicht mehr erinnern. Sie wusste nur noch, dass die Party irgendwie weitergegangen war und dass Will sie immer wieder geküsst hatte – lange, intensiv und sehr, sehr gefühlvoll. Und dass ihr jeder Kuss einen wohligen Schauer durch den Körper gesandt hatte.

Sie waren nicht die Einzigen, die sich küssten. Wo auch immer sie entlanggingen, überall kamen sie an eng umschlungenen Paaren vorbei. Kein Wunder, in einer so wunderschönen Nacht nach einer so romantischen Hochzeitszeremonie …

Als Jordyn am nächsten Morgen in der Pension Strickland’s Boarding House aufwachte, fühlte sie sich nicht mehr so wunderbar leicht wie am Abend davor. Stattdessen lag sie bleischwer in ihrem Bett, während eine Horde winziger Bauarbeiter ihr Gehirn mit Presslufthämmern traktierte. So kam es ihr jedenfalls vor. Außerdem war ihr speiübel.

Eine Weile lang blieb sie einfach still liegen und hielt die Augen geschlossen – in der Hoffnung, dass die Bauarbeiter irgendwann von ihrem Projekt abließen und ihr Magen sich wieder beruhigte. Irgendwann zwang sie sich, tief durchzuatmen und die Augen zu öffnen. Ihr Blick fiel auf die Zimmerdecke.

Und die gehörte bestimmt nicht zur Pension Strickland’s Boarding House.

Schmerzlich verzog Jordyn das Gesicht. Sie drehte den Kopf zum Nachttisch: ein wunderschönes Stück, das offenbar aus recyceltem altem Holz gefertigt war. Ihr Nachttisch in der Pension war dagegen ein billiges Spanplattenmodell gewesen. Auch die Uhr auf dem Nachttisch kam ihr vollkommen unbekannt vor.

Und – Moment mal! – war es wirklich schon nach zwölf Uhr mittags? Sie schluckte die Magensäure hinunter, die ihr gerade die Speiseröhre hochstieg. Dann drehte sie den Kopf quälend langsam zur anderen Seite.

Du liebe Güte, das konnte doch wohl nicht wahr sein! Das war ja … Will!

Sie blinzelte und schaute schnell weg. Und dann wieder hin.

Doch, da lag er neben ihr auf dem Bauch und schlief tief und fest. Das Gesicht hatte er abgewandt, und sein Haar hob sich pechschwarz vom weißen Kissen ab. Die kräftigen Arme und die breiten, muskulösen Schultern waren nackt, sein durchtrainierter Rücken auch, und zwar bis zur schmalen Taille. Die Bettdecke verbarg seinen restlichen Körper.

Wie bitte? Sie lag in einem fremden Bett neben Will Clifton, der dazu noch möglicherweise vollkommen nackt war? Das war zu viel! Das hielt ihr Magen nicht mehr aus!

Mit einem entsetzten Aufschrei schlug sie die Bettdecke zurück und stürmte ins angrenzende Badezimmer.

Will fuhr hoch, als die Badezimmertür mit einem lauten Knall ins Schloss fiel.

„Huch?“ Er drehte sich auf den Rücken und setzte sich abrupt auf. „Was ist denn hier …?“ Ein stechender Schmerz durchfuhr seinen Kopf, und er presste beide Hände vors Gesicht.

Dann erst hörte er die Geräusche.

Offenbar war er nicht allein. Irgendjemand war im Bad, und diesem Jemand ging es gerade gar nicht gut.

Will stöhnte und strich sich das zerzauste Haar aus der Stirn. Dann ließ er den Blick durchs Zimmer gleiten. Am Stuhl neben dem Bett blieb er hängen. Dort lagen zusammengeknüllt seine Sachen von gestern. Darüber war ein hübsches blaues Kleid drapiert, zusammen mit einer glitzernden Damenhandtasche und einem verwelkten Strauß roter Rosen.

Erneut hörte er ein Röcheln und Würgen aus dem Badezimmer. Er ließ den Blick am Stuhl entlang nach unten schweifen und entdeckte auf dem Boden ein Paar blau funkelnde Brautjungfernschuhe mit roten Sohlen.

Das Kleid, die Schuhe, der Strauß … das alles kam ihm verdammt bekannt vor.

Und dann durchfuhr es ihn: Jordyn?

War das Jordyn Leigh Cates, die sich gerade im Bad übergab? Hatte das kleine Mädchen etwa … die Nacht in seinem Bett verbracht?

Er rieb sich die Augen und versuchte sich ins Gedächtnis zu rufen, was gestern Nacht passiert war.

Immerhin konnte er sich daran erinnern, dass sie den ganzen Nachmittag und auch den ganzen Abend zusammen gewesen waren und sich dabei bestens verstanden hatten. Aber was war danach geschehen? Und wie waren sie beide zusammen in seinem Hotelzimmer gelandet?

Er schlug die Bettdecke zurück und stellte fest, dass er nur noch seine Boxershorts trug – sonst nichts. Sollte das heißen …?

Und die arme Jordyn! Nach den Geräuschen aus dem Bad zu urteilen, ging es ihr gar nicht gut. Will stand schnell auf und zog seine schwarze Jeans unter ihrem zarten blauen Kleid hervor. Auf dem Weg zum Badezimmer streifte er sie sich über. Dann klopfte er leise an die Tür. „Jordyn? Ist alles …?“

Sie stöhnte. Offenbar war überhaupt nichts in Ordnung. „Lass mich in Ruhe, Will. Komm bloß nicht hier rein!“

„Aber ich …“

„Nein, bleib draußen. Ich bin sofort fertig.“

Er ließ den Kopf nach vorn sinken, bis seine Stirn die Tür berührte. Hatte er heute Nacht etwa wirklich mit der kleinen Jordyn Leigh geschlafen? Was hatte er da bloß angerichtet! Wenn ihre Eltern oder ihr jüngerer Bruder Wind davon bekamen, dann war er dran. Aber richtig. „Jordyn, es tut mir so leid …“

„Lass mich einfach in Ruhe!“

„Sag Bescheid, wenn ich irgendetwas für dich tun kann …“

Darauf antwortete sie gar nicht erst. Stattdessen hörte er wieder Würgen und Röcheln.

Schließlich schleppte er sich zurück zu dem zerwühlten Bett und setzte sich auf die Kante. Er stützte die Ellbogen auf die Knie und ließ den Kopf hängen. In diesem Moment fiel sein Blick auf das Dokument, das vor ihm auf dem Boden lag.

„Wie bitte?“ Er hob es auf. Mehrere Minuten lang starrte er fassungslos darauf. Aber da konnte er so lange starren, wie er wollte: Das Papier war und blieb eine Heiratsurkunde, samt Stempel und Unterschrift der Stadtverwaltung.

Hatten sie nicht gestern einen Verwaltungsbeamten kennengelernt?

Einen kleinen, schmächtigen Typen mit Hornbrille? Elton oder Eldred oder so. Und war der nicht mit so einer großen Frau verheiratet gewesen, einer Richterin?

Will blinzelte, aber dadurch lichtete sich der Nebel in seinem Kopf nicht. Er konnte sich beim besten Willen an keine Trauungszeremonie erinnern.

Trotzdem war er sich ziemlich sicher, dass sie gestern wirklich mit einem Verwaltungsbeamten und seiner Frau gesprochen hatten, die Richterin war. Es war also nicht ausgeschlossen, dass seine schlimmsten Befürchtungen zutrafen. Immerhin hielt er den amtlichen Beweis dafür in den Händen.

In diesem Moment blieb sein Blick an seinem Ringfinger hängen und an dem schmalen goldenen Reif, den er trug. Oder war er bloß aus Messing?

Letztlich spielte die Materialfrage keine Rolle, es lief doch auf dasselbe hinaus: Er trug einen Ehering. Außerdem stammte die Unterschrift auf der Heiratsurkunde eindeutig von ihm. Und Jordyn hatte ebenfalls unterzeichnet.

So unwahrscheinlich es sich auch anfühlte: Allem Anschein nach hatten er und Jordyn Leigh gestern geheiratet.

2. KAPITEL

Will hörte ein Klicken von der Badezimmertür; offenbar kam Jordyn gerade zurück ins Zimmer. Er legte die Heiratsurkunde auf seinen Nachttisch und stand langsam auf, um sich der Frau zuzuwenden, mit der er offenbar seit gestern Abend verheiratet war.

Jordyn Leigh stand noch im Türrahmen. Unter ihren großen blauen Augen hatten sich dunkle Ringe gebildet. Ihr sonst so rosiger Teint wirkte leicht grünlich, und ihre vollen Lippen zitterten.

Sie trug einen Frotteebademantel des Hotels. Die Hände hatte sie in die Taschen geschoben und den Kopf so weit eingezogen, dass sie ein bisschen wie eine Schildkröte aussah, die in ihrem Panzer Schutz suchte. Das goldblonde Haar fiel ihr in glänzenden Wellen über die Schultern.

Bei ihrem Anblick fühlte Will sich noch viel schlechter. Unwillkürlich musste er an ihre gemeinsame Kindheit denken: daran, wie sie als Kleinkind mit ihren hellen Löckchen unter dem Rasensprenger im Vorgarten durchgelaufen war. Er sah sie als Neun- oder Zehnjährige vor sich, wie sie mit Rattenschwänzen und in alten Jeans auf den Pferden der Nachbarranch geritten war.

Und dann kam ihr Abschlussball …

Will wusste nicht mehr, warum er ausgerechnet an diesem Abend bei den Cates vorbeigeschaut hatte. An ihren Anblick konnte er sich aber nur zu gut erinnern. Sie hatte eine Hand auf das Treppengeländer gelegt und war ganz langsam die Stufen zum Eingangsbereich heruntergekommen. Sie trug ein rosafarbenes Satinkleid, das Haar hatte sie mit Clips hochgesteckt, die mit funkelnden Strasssteinen besetzt gewesen waren.

Eine so wunderhübsche junge Frau hatte etwas viel Besseres verdient als den Schlamassel, in den sie gerade hineingeraten war.

Er räusperte sich. „Jordyn, ich …“

„Ich ziehe mich jetzt an“, unterbrach sie ihn. „Dann fahre ich sofort in meine Pension. Und wenn du weißt, was gut für dich ist, dann erzählst du niemandem, was heute Nacht passiert ist.“

Was dachte sie eigentlich von ihm? Gut, gestern Abend hatte er sich ihr gegenüber wohl nicht besonders zuvorkommend verhalten, aber sie glaubte doch wohl nicht im Ernst, dass er damit auch noch angeben würde? „Jordyn, ich würde nie …“

„Hör auf, mir reicht’s jetzt.“ Mit der linken Hand zog sie den Ausschnitt des Bademantels ein Stück zusammen. Sofort erkannte er, dass sie keinen Ehering trug.

Gerade wollte sie zu dem Stuhl gehen, über dem immer noch ihr blaues Kleid lag, da stellte er sich ihr in den Weg. „Hey, warte doch mal! Ich möchte gern noch mit dir sprechen, bevor du wieder gehst.“

„Das ist jetzt wirklich das Letzte, wonach mir ist.“ Sie versuchte sich an ihm vorbeizudrücken, aber er hielt sie an den Schultern fest.

„Lass mich bitte los!“

Ihre schlanken Arme fühlten sich zart und verletzlich an. „Du zitterst ja am ganzen Körper!“

„Mir geht’s bestens.“

„Das stimmt nicht.“

„Doch.“ Jetzt hörte sie gar nicht mehr auf zu zittern. Will hätte sie am liebsten an sich gezogen, befürchtete jedoch, sie damit nur noch mehr zu verschrecken. Sie mussten unbedingt in Ruhe über das reden, was zwischen ihnen geschehen war. Im Moment wirkte Jordyn aber so verwirrt und nervös, dass er ihr lieber erst mal nichts von der Heiratsurkunde erzählen wollte.

Oder wusste sie etwa längst, dass sie jetzt verheiratet waren? Vielleicht konnte sie sich ja noch an den letzten Abend erinnern? Aber darüber konnten sie sich später immer noch unterhalten. Jetzt musste er erst mal dafür sorgen, dass sie sich entspannte und vielleicht einen Happen aß.

Jordyn versuchte sich aus seinem Griff zu lösen. „Lass mich gefälligst los!“

Stattdessen schob er sie sanft zum Bett. „Nein, du setzt dich jetzt bitte hin, bevor du mir noch umkippst.“

Als er ihr einen vorsichtigen Schubs gab, gaben auch schon ihre Knie nach, und sie sank auf die Matratze. „Oje!“, seufzte sie. Jetzt war es endgültig vorbei mit ihrer gespielten Tapferkeit. Sie ließ die Schultern sinken und vergrub das Gesicht in den Händen. „Ach, Will, was ist hier eigentlich los? Ich kann mich an gar nichts erinnern!“

„Entspann dich erst mal ein bisschen“, beruhigte er sie. „Leg die Füße aufs Bett und den Kopf aufs Kissen und mach dir keine Sorgen, okay?“

Auf einmal befolgte sie doch seine Anweisungen.

„Sehr gut“, sagte er und deckte sie behutsam zu. „Möchtest du ein Glas Wasser?“

Mit ihren großen blauen Augen blickte sie ihn besorgt an. Dann biss sie sich auf die Lippen und nickte. Will holte eine Wasserflasche aus der Minibar und schob Jordyn ein paar Kissen in den Rücken, während sie sich aufsetzte. „Ich hole dir gleich noch eine Kopfschmerztablette und bestelle beim Zimmerservice Frühstück“, schlug er vor. „Danach können wir uns in Ruhe unterhalten.“

Sie trank einige Schlucke Wasser. „In Ordnung“, brachte sie leise hervor. „Eine Kopfschmerztablette wäre jetzt wirklich nicht schlecht. Und du hast schon recht. Wir sollten dringend über diese Sache reden.“

Will brachte Jordyn das Essen ans Bett, das der Zimmerservice gebracht hatte. Sie aß ein Stück trockenen Toast und trank etwas Tee – mehr bekam sie nicht herunter. Will setzte sich mit seinem Tablett neben das Bett und ließ sich sein Frühstück aus Eiern, Speck, Bratkartoffeln und einem Muffin schmecken. Dazu trank er mehrere Tassen Kaffee.

Schließlich stellte er die beiden Tabletts draußen auf den Gang vor ihre Zimmertür ab.

Als er wieder ins Zimmer kam, zupfte Jordyn nervös an der Bettdecke. „Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll, Will. An die Hochzeit kann ich mich ja noch erinnern …“

Er zuckte zusammen. „Wie bitte, die Hochzeit hast du mitbekommen?“

Sie betrachtete ihn, als hätte er nicht mehr alle Tassen im Schrank. „Ja, darum ging es doch die ganze Zeit: Braden Traub und Jenny MacCallum haben geheiratet. Du glaubst doch wohl nicht ernsthaft, dass ich das nicht mehr weiß!“

Allmählich beruhigte sich sein Herzschlag wieder. „Doch, doch, natürlich.“

„Hattest du das etwa vergessen?“

„Nein.“

„Ich verstehe dich nicht, Will.“

Wie sollte sie auch? Er verstand ja selbst nicht, was passiert war. „Gibt es noch etwas, an das du dich erinnerst?“

Sie zog sich den Frotteebademantel zurecht und atmete tief durch. „Na ja, an das Picknick im Park zum Beispiel. Jedenfalls zum Großteil. Und dass wir miteinander getanzt haben …“ Verlegen zupfte sie an der Bettdecke. „Aber je später es geworden ist, desto weniger kriege ich von dem Abend zusammen. Da habe ich nur noch ganz verschwommene, komische Bilder vor Augen.“

Plötzlich kam ihm ein düsterer Gedanke. „Vielleicht hat dir ja jemand etwas in deine Bowle gekippt?“

„Ach Quatsch, das ist doch völlig abwegig.“

„Ist es eben nicht. So was passiert immer wieder, obwohl das für uns erst mal schwer vorstellbar ist. Aber was ist zum Beispiel mit diesem selbstverliebten Typen mit dem weißen Cowboyhut? Der dir zugezwinkert hat, als er an uns vorbeigetanzt kam?“

„Das war kein selbstverliebter Typ. Ich fand ihn sogar sehr nett. Und so etwas kann ich mir von ihm nicht vorstellen.“ Sie schaute aus dem Fenster. Von hier aus hatte man einen guten Ausblick auf das Hotelgelände.

„Jetzt schließ das nicht gleich automatisch aus“, beharrte Will. „Weißt du noch, ich habe doch auch ein paar Schlucke aus deinem Becher getrunken. Vielleicht hat es uns beide dadurch erwischt. Sag mal, hörst du mir überhaupt zu?“

Sie begegnete zwar seinem Blick, schien in Gedanken aber woanders zu sein. „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass mir der Mann etwas in die Bowle geschüttet hat. Das war ein durch und durch anständiger Mensch.“

„Und woher weißt du das so genau?“

Sie wandte sich ab. „Also gut, dann hat er auf mich eben einen anständigen Eindruck gemacht. Außerdem hatte er gar nicht die Gelegenheit, etwas in meinen Becher zu tun. Wir haben ein einziges Mal miteinander getanzt, und als ich mir den Becher mit der Bowle geholt habe, war er ganz woanders.“

„Sicher?“

„Ja. Der Einzige, der mir problemlos etwas in die Bowle hätte schütten können, bist du.“

Entsetzt starrte er sie an. „Du glaubst doch wohl nicht im Ernst …“

„Natürlich nicht. Aber ich glaube auch nicht, dass der Cowboy mit dem weißen Hut so etwas getan hat.“ Inzwischen hatte Jordyn nicht mehr die Bettdecke in Arbeit, sondern knetete sich stattdessen die Hände. „Ehrlich gesagt mache ich mir im Moment eher Gedanken, ob …“ Sie drehte sich weg und räusperte sich. „Na ja, ob du und ich …“ Schließlich sah sie ihm doch ins Gesicht. Aus ihren großen Augen sprach die Angst. „Haben wir miteinander geschlafen, Will?“

Mist, dachte Will. Das war eine klare und sehr direkte Frage, aus der er sich nicht so einfach herauswinden konnte. Aber wie sollte er Jordyn möglichst schonend beibringen, dass er das selbst nicht wusste?

Weil er nicht schnell genug reagiert hatte, sprach sie gleich weiter: „Hoffentlich weißt du das wenigstens, ich habe nämlich keine Ahnung. Ich weiß auch nicht, wie wir in deinem Hotelzimmer gelandet sind, sondern kann mich nur schemenhaft an den letzten Abend erinnern. Ich erinnere mich, dass wir getanzt haben und viel gelacht. Und irgendwann haben wir uns auch geküsst …“ Ihre viel zu blassen Wangen erröteten.

Auch erinnerte er sich an die Küsse. Daran, wie Jordyn geduftet und wie süß sie geschmeckt hatte … und wie gut sich ihr schlanker Körper in seinen Armen angefühlt hatte. „Das weiß ich auch noch – dass wir uns geküsst haben.“

„Ja, aber haben wir letzte Nacht …? Sag mir bitte die Wahrheit!“

Damit musste er jetzt wohl rausrücken. „Das weiß ich leider auch nicht, Jordyn.“

Sie starrte ihn an, als hätte er ihr gerade ins Gesicht geschlagen. „Na, toll.“ Das Blut schoss ihr verstärkt in die Wangen. Diesmal nicht vor Scham, sondern vor Wut. „Dann habe ich wohl keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.“

„Jetzt werd bloß nicht ungerecht. Du kannst dich doch auch an nichts erinnern“, gab er schroff zurück; immerhin war er selbst ziemlich frustriert. Doch als ihr die Tränen in die Augen schossen, bereute er seinen scharfen Tonfall sofort. „Hey, bitte nicht weinen …“

Zu spät. Dicke Tränen liefen ihr über die Wangen. „Ich … ich kann nicht anders. Ich bin doch noch Jungfrau.“

Ihm blieb der Mund offen stehen.

Sie seufzte traurig. „Jedenfalls war ich das bis gestern“, fügte sie hinzu und wischte sich mit dem Handrücken über das Gesicht. „Jetzt sieh mich nicht so an! Oje, ich kann gar nicht glauben, dass ich dir das eben wirklich gesagt habe …“

„Mach dir keine Sorgen, es ist alles in Ordnung …“

„Ist es eben nicht, also tu bitte nicht so, als ob.“

„Glaub mir doch bitte, dass ich so eine Situation nie ausgenutzt hätte“, sagte er eindringlich. Aber sicher war er sich trotzdem nicht, denn schließlich konnte er sich selbst an nichts erinnern.

„Na wunderbar, jetzt habe ich mich so richtig bloßgestellt. Nun weißt du auch, dass ich noch Jungfrau bin … oder war.“ Sie schlug sich die Hände vors Gesicht und weinte bitterlich. Ihre Schultern hoben und senkten sich bei jedem verzweifelten Schluchzen.

Will wusste nicht, wie er sie wieder beruhigen konnte, und so blieb er einfach neben ihr sitzen und wartete ab. Dabei kam er sich unheimlich schäbig vor. Als ob es nicht schon schlimm genug war, dass er möglicherweise mit der kleinen Jordyn Leigh geschlafen hatte: Erschwerend kam hinzu, dass sie auch noch Jungfrau gewesen war.

Sie schlug die Bettdecke zurück und untersuchte das Laken. Dann zog sie mehrere Taschentücher aus der Schachtel, die auf dem Nachttisch stand, und putzte sich die Nase. „Blut habe ich keins gefunden, und es fühlt sich auch nicht so an, als wäre etwas passiert“, stellte sie fest, warf die Taschentücher in Richtung Papierkorb und zog sich wieder die Decke über den Körper.

Was wohl gerade in ihrem Kopf vorging? Will hatte nicht die leiseste Ahnung. Verzweifelt suchte er nach aufmunternden Worten. „Na ja, immerhin haben wir vorher noch geheiratet“, sagte er schließlich.

„Wie bitte?“, schrie sie auf. „Wir haben – was? Bist du jetzt völlig verrückt geworden?“ Sie schleuderte ihm ein Kopfkissen entgegen.

Er fing es mit beiden Händen auf.

Erneut schrie Jordyn auf. „Will, was hast du da am Finger?“

Vorsichtig nahm er das Kissen zur Seite und schaute sie an. „Wie bitte?“

„Du hast ja auch auf einmal einen Ring!“

„Was meinst du mit ‚auch‘?“

Sie murmelte etwas Unverständliches, schlug wieder die Decke zurück und stand auf.

„Wo willst du jetzt hin?“, wollte er wissen.

Statt einer Antwort verschwand sie im Badezimmer. Kurze Zeit später kam sie zurück, setzte sich auf die Bettkante und hielt ihm einen Ring vor die Nase, der seinem extrem ähnlich sah – er war nur ein bisschen kleiner. „Der hat heute an meinem Finger gesteckt, und ich habe einen Riesenschreck bekommen“, gestand sie. „Da habe ich ihn schnell abgenommen und erst mal unter den Stapel mit den Ersatzhandtüchern geschoben.“

Sie legte das Schmuckstück auf dem Nachttisch ab und sah Will wieder an. „Ich kann mich an keine Trauungszeremonie erinnern …“, begann sie. „Das heißt … da war doch dieser kleine Mann mit der schwarzen Hornbrille. Dieser Verwaltungsbeamte. Kannst du dich an den auch noch erinnern?“

„Allerdings. Er war mit seiner Frau da, und die war Richterin.“

Jordyn nickte. „Ich habe neben dir gestanden, das weiß ich noch. Und wir haben uns an den Händen gehalten. Um uns herum standen lauter Menschen, und vor uns die Richterin. Und dann …“

„Ja?“

Sie stieß einen langen Seufzer aus, der sehr traurig klang. „Dann habe ich einen Filmriss.“

Will konnte es kaum ertragen, sie so deprimiert zu erleben. Er stand auf und ging zu ihr. Immerhin wich sie nicht zurück, als er sich neben sie setzte. Daher nahm er seinen restlichen Mut zusammen und legte einen Arm um sie. „Sieh es doch einmal positiv.“

„Gibt es an der Sache überhaupt etwas Positives?“

„Klar. Du hast dich doch für die Ehe aufgespart. Und wenn überhaupt etwas zwischen uns passiert ist, waren wir immerhin verheiratet.“

Zunächst erwiderte sie darauf gar nichts, sondern löste sich nur aus seiner Umarmung und blickte ihn fassungslos an. „Und das soll positiv sein?“

Also hatte er schon wieder mitten ins Fettnäpfchen getreten. „Ist es das nicht?“

„Ach, du verstehst das einfach nicht. Ich habe nicht auf die Ehe gewartet, sondern auf die große Liebe. Oder wenigstens auf ein ganz besonderes Gefühl.“

Will kratzte sich nervös am Hals. „Wie bitte?“

„Ja, ich wollte warten, bis ich etwas ganz Besonderes für einen einzigartigen Menschen empfinde. Und, nein, im bewusstlosen Zustand mit dir zu schlafen ist nicht das, was ich mir unter ‚etwas Besonderes‘ vorstelle. Und die Ringe beweisen noch lange nicht, dass wir wirklich verheiratet sind. So etwas ist doch erst durch eine Heiratsurkunde rechtskräftig, oder?“

Mehrere Sekunden lang sah er sie schweigend an, während er darüber nachdachte, ob er ihr sein Fundstück zeigen sollte. „Aber wenn es so eine Heiratsurkunde gibt, würdest du glauben, dass wir wirklich verheiratet sind?“, hakte er nach.

Sie kniff die Augen zusammen. „Ist das jetzt eine Fangfrage?“

„Warte mal kurz.“

„Hey, wo willst du hin?“, rief sie ihm hinterher, als er über die Matratze auf die andere Seite kroch. „Was machst du denn da?“

Er krabbelte zurück und schwang die Beine über die Bettkante, sodass er wieder neben Jordyn saß. Dann hielt er ihr das Dokument entgegen. „Schau dir das mal an. Die Urkunde ist echt.“

„Tja, das Standesamt hat übers Wochenende geschlossen“, sagte Will, als er seinen Pick-up kurze Zeit später vor Jordyns Pension parkte. „Aber morgen ist wieder ganz normaler Betrieb. Dann fahren wir am besten ganz früh nach Kalispell. Vielleicht ist die Ehe ja noch gar nicht amtlich, und wir können alles wieder rückgängig machen.“

Jordyn starrte durch die Windschutzscheibe nach draußen. Im Moment war noch nicht viel los auf der Straße. Wenn sie sich beeilte, konnte sie schnell in der Pension verschwinden, bevor irgendjemand mitbekam, dass sie immer noch das gleiche Kleid trug wie gestern auf der Feier.

Gerade wollte sie die Tür öffnen, da griff Will sie am Arm. „Also bis morgen dann, okay?“

Sie schluckte, dann nickte sie. „Ja, gleich morgen früh fahren wir los. In Ordnung.“

Er sah ihr tief in die Augen, als erwartete er noch etwas von ihr. Aber sie hatte keine Ahnung, was das sein könnte. Zum Glück klingelte genau in diesem Moment sein Handy, und er ließ sie wieder los.

„Bis morgen also“, wiederholte er und hielt sich das Telefon ans Ohr.

Jordyn nutzte die Gelegenheit, aus dem Auto zu steigen und zu dem baufälligen alten Haus zu laufen, in dem sie untergebracht war. Drinnen rannte sie die Treppe zum zweiten Stock hoch und in ihr Zimmer. Kaum hatte sie die Tür geschlossen und sich von innen dagegen gelehnt, da klingelte auch schon ihr Handy.

Sie zog das Telefon aus der Handtasche und warf es dann auf die Kommode. „Will“ stand auf dem Display. Irgendjemand musste gestern seine Nummer einprogrammiert haben. Und er hatte offenbar auch ihre. „Woher hast du meine Telefonnummer?“, sprach sie in den Hörer.

„Das weiß ich nicht. Wahrscheinlich haben wir gestern noch Nummern ausgetauscht.“

Natürlich, warum auch nicht? Schließlich hatten sie gestern schon eine ganze Menge anderer Dinge ausgetauscht: Ringe, Eheversprechen, Küsse, möglicherweise noch mehr … Sie stöhnte auf.

„Ist alles in Ordnung, Jordyn?“

„Nein, überhaupt nicht. Wo bist du jetzt eigentlich?“

„Immer noch draußen vor der Pension, in meinem Wagen.“

„Und warum bist du noch nicht weitergefahren?“

„Weil Craig mich eben angerufen hat.“ Craig war Wills ältester Bruder.

„Das klingt aber gerade nicht gut, oder täusche ich mich da?“

„Na ja, Craig war gestern dabei, als wir geheiratet haben. Er und die halbe Stadt.“

Die halbe Stadt? Na toll. „Ich hatte dir ja schon gesagt, dass gestern ein paar Menschen um uns rumgestanden haben.“

„Schon, aber das ist noch nicht alles.“ Seine Stimme klang erschreckend düster.

Jordyn schleuderte sich die blauen Glitzerschuhe von den Füßen und ließ sich an der Tür entlang zu Boden gleiten. „Nicht?“

„Craig meinte, dass inzwischen die ganze Stadt über uns spricht. Über die Hochzeit im Park und unseren, ähm, heißen, leidenschaftlichen Kuss nach der Trauung …“

Schlagartig waren ihre Kopfschmerzen wieder da, noch viel schlimmer als vorher. „Na und? Das ist doch ganz normal, dass man sich nach einer Trauung küsst. Ist das jetzt endlich alles?“

„Leider immer noch nicht.“

„Was gibt es denn noch?“

„Wir stehen in der Rust Creek Falls Gazette.“ Das war die Tageszeitung der Kleinstadt.

„Wie bitte?“

„Na ja, da erscheint doch immer diese Klatschkolumne, die irgendein anonymer Reporter zusammenschreibt …“

Das sagte ihr allerdings etwas. Niemand wusste, wer hinter der Kolumne steckte, die immer wieder die intimsten Neuigkeiten aus dem Privatleben der Stadtbewohner ans Licht brachte. Jordyn seufzte. „Oh, nein …“

„Oh, doch. Craig hat mir erzählt, dass es im heutigen Bericht ausführlich um dich und mich und unsere Überraschungshochzeit geht.“

„Und was steht genau drin?“

„Das kann ich noch nicht sagen, dafür muss ich mir erst mal die Gazette kaufen.“

Sehnsüchtig ließ Jordyn den Blick über ihr Bett mit dem gehäkelten Überwurf gleiten. Am liebsten würde sie sofort darin verschwinden und sich die Decke über den Kopf ziehen.

„Wir müssen unbedingt noch mal über alles reden und uns genau überlegen, wie wir mit der Sache umgehen wollen, Jordyn. Wir müssen …“

„Will?“

„Ja?“

„Ich muss mich jetzt erst mal ausruhen.“

„In Ordnung.“ Er seufzte.

„Danke.“

„Aber vergiss nicht, dass wir gleich morgen früh zusammen nach Kalispell fahren, ja? Um acht hole ich dich ab.“

„Alles klar.“ Sie legte auf. Als Nächstes rief sie ihre Vorgesetzte im Kindertagesheim Sara Johnston an. Wenn sie morgen nach Kalispell wollte, musste sie sich den Tag freinehmen. Das erwies sich zum Glück als unproblematisch – im Gegensatz zu manchen anderen Dingen, die ihr noch bevorstanden …

Zuerst legte Will einen Stopp bei dem Gemischtwarenladen Crawford’s General Store ein, um sich eine Ausgabe der Rust Creek Falls Gazette zu organisieren. Im Laden waren schon zwei Frauen mittleren Alters damit beschäftigt, sich lautstark über den neuesten „Skandal“ auszutauschen.

Will schlüpfte an ihnen vorbei nach draußen, setzte sich in seinen Wagen und fuhr direkt zum Maverick Manor, seinem Hotel außerhalb der Stadt. Erst als er in seinem Zimmer angekommen war und die Tür hinter sich abgeschlossen hatte, schlug er die Seite mit der Klatschkolumne auf. Zunächst ging es darin um alle möglichen kuriosen Ereignisse aus der Stadt. Erst gegen Ende der Kolumne widmete sich der mysteriöse Autor Wills und Jordyns Hochzeit.

Will fand, dass sie in dem Bericht gar nicht so schlecht wegkamen, viel besser, als die beiden tratschenden Frauen im Gemischtwarenladen es hatten aussehen lassen. Wenn er nicht direkt betroffen gewesen wäre, hätte er die Geschichte vielleicht sogar romantisch gefunden.

So oder so wusste jetzt offenbar jeder im näheren Umkreis, dass er und Jordyn verheiratet waren. Und in einer so konservativen Kleinstadt wie Rust Creek Falls nahmen die Leute ein Eheversprechen sehr ernst. Wenn er und Jordyn also jetzt nicht richtig handelten, würden sie beide bald sehr dumm dastehen.

Je länger er über die Angelegenheit nachdachte, desto klarer wurde ihm, dass er und Jordyn sich genau überlegen mussten, was sie als Nächstes tun wollten. Sie konnten eben nicht so einfach nach Kalispell fahren und alles rückgängig machen – dafür war es inzwischen zu spät.

3. KAPITEL

Als Will am nächsten Morgen vor Jordyns Pension hielt, wartete sie bereits vor der Eingangstür, in ausgeblichenen Jeans und einem kurzen weißen T-Shirt. Sobald sie ihn erblickte, sprang sie auf und lief die Stufen hinunter. Dabei zauberte die Morgensonne bronze- und kupferfarbene Reflexe in ihr goldblondes Haar.

„Hi.“ Sie schenkte ihm ein etwas unsicheres Lächeln und zog dann die Beifahrertür hinter sich zu. Ein leichter Duft nach Blumen, frischem Gras und reifen Pfirsichen wehte zu ihm – ein Duft, den er schon Samstagabend an ihr wahrgenommen hatte.

„Guten Morgen“, begrüßte er sie. „Hast du gut geschlafen?“ Kaum hatte sie sich angeschnallt, fuhr er auch schon los.

Statt einer Antwort warf sie ihm bloß einen Seitenblick zu. Du spinnst ja wohl. Dann starrte sie geradeaus auf die Straße.

Auf dem Highway versuchte Will sie in ein Gespräch über belanglose Dinge zu verwickeln, etwa über das Wetter und ihre Tätigkeit im Kindertagesheim. Aber sie reagierte nur sehr einsilbig auf seine Fragen.

Dann fragte er sie, ob sie schon einen Blick in die Gazette geworfen hätte.

„Ja.“ Das war alles, was sie dazu zu sagen hatte.

Die restliche Fahrt saßen sie schweigend nebeneinander.

In Kalispell stellte Will den Wagen vor der Bezirksverwaltung ab. Gemeinsam gingen sie in das Gebäude. Das Büro des zuständigen Verwaltungsbeamten befand sich im zweiten Stock. Allerdings war er ausgerechnet heute offenbar nicht da.

„Vielen Dank auch, Elbert“, murmelte Jordyn.

Von der Frau, die sich stattdessen um ihr Anliegen kümmerte, erfuhren sie, dass ihre Heiratsurkunde tatsächlich der Verwaltung vorlag und ihre Heirat damit rechtskräftig war.

Sprachlos starrte Jordyn sie an.

Will blieb bei ihrem ursprünglichen Plan und erkundigte sich nach der Möglichkeit, die Ehe zu annullieren.

Die Frau blickte sie mitfühlend an, um ihnen dann zu erklären, dass es sehr schwierig würde. So etwas sei nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen möglich, zum Beispiel wenn ein Verwandtschaftsverhältnis zwischen den Eheleuten bestand. „In Ihrem Fall wäre eine einvernehmliche Auflösung der Ehe ratsamer“, fuhr die Frau von der Verwaltung fort. „Das würde bedeuten, dass Sie beide gemeinsam die Scheidung einreichen – ein einfaches und faires Verfahren.“

Sie überreichte ihnen einen Riesenstapel Dokumente. „Wenn Sie alles ausgefüllt haben, kommen Sie bitte gemeinsam wieder hierher. Dann erhalten Sie innerhalb von zwanzig Tagen einen Termin für eine Anhörung, aber das ist eine reine Formsache. Unterm Strich sind Sie also spätestens zwanzig Tage nach Abgabe des Antrags geschieden.“

Als sie wieder in Wills Pick-up saßen, war Jordyn immer noch erschreckend still.

Wie kann ich bloß zu ihr durchdringen? fragte sich Will. „Ich glaube, wir müssen uns noch mal in Ruhe über alles unterhalten“, schlug er ihr vor.

Sie schüttelte bloß den Kopf. „Ich möchte jetzt so schnell wie möglich wieder in die Pension“, erklärte sie. „Bitte.“

Er fuhr die Hauptstraße entlang und bog rechts in Richtung Zentrum ein. Zwei Querstraßen weiter lenkte er den Wagen auf einen Parkplatz, der zu einem hübschen, kleinen Café gehörte.

Jordyn warf ihm einen mürrischen Blick zu. „Was soll das denn werden?“

„Ich muss jetzt erst mal frühstücken. Hast du schon was gegessen?“

Sie blitzte ihn verärgert an. „Ich habe dir doch eben gesagt, dass ich sofort wieder zur Pension möchte.“

Er legte den Arm um ihre Rückenlehne und beugte sich zu ihr. „Dann hast du also noch nichts gegessen.“

Wortlos starrte sie ihn an. Ihre volle Unterlippe zitterte leicht.

Am liebsten hätte Will sie jetzt an sich gezogen und ihr versichert, dass sie die Sache schon in den Griff bekämen. Doch sein Gespür sagte ihm, dass sie auf seine Berührung sehr empfindlich reagieren würde. „Wir müssen beide dringend etwas essen. Und außerdem sollten wir uns noch mal unterhalten.“

Sie biss sich auf die Lippe. Schließlich nickte sie. „In Ordnung.“

Im Café nahmen Will und Jordyn an einem Tisch ganz in der Ecke Platz. Sofort kam die Serviererin, um ihnen Kaffee einzuschenken. Will bestellte sich ein Steak mit Spiegeleiern. Jordyn orderte eine Portion Pfannkuchen mit Bacon – aber nur weil Will sie so eindringlich ansah, dass sie sich nicht traute, nur bei ihrem Kaffee zu bleiben.

Schweigend nippten sie an ihren Tassen, bis die Bedienung das Essen servierte.

Jordyn goss etwas Ahornsirup über die Pfannkuchen, knabberte an einer Bacon-Scheibe und hoffte insgeheim, dass Will sich inzwischen doch nicht mehr ausführlich über ihre ungeplante Eheschließung unterhalten wollte.

Aber da hatte sie sich getäuscht: Kaum hatte er sich ein halbes Steak und zwei von drei Spiegeleiern einverleibt, beugte er sich zu ihr. „Wir müssen uns eine bessere Strategie überlegen“, raunte er ihr zu.

Jordyn legte die Gabel mit dem halben Bacon-Streifen zurück auf den Teller. „Was meinst du damit?“

Er schnitt sich noch ein Stück Steak ab und trank einen Schluck Kaffee. „Jordyn … ich weiß ja, wie sehr dich die Sache belastet, und ich will es bestimmt nicht noch schlimmer machen … Aber hast du schon mal darüber nachgedacht, dass du schwanger sein könntest?“

Ihr zog sich der Magen zusammen. Dann schob sie ihren Teller zur Seite. „Nein, ich …“, wisperte sie. „Um Gottes willen, nein!“ Über diese Möglichkeit hatte sie noch gar nicht nachgedacht!

Er sah ihr ins Gesicht. „Ich habe für den Fall der Fälle immer ein Kondom dabei“, erklärte er. „Und das ist noch in meiner Brieftasche.“

„Oh.“

Er hob eine Augenbraue. „Du nimmst nicht zufällig die Pille?“ Als sie den Kopf schüttelte, fuhr er fort: „Möchtest du dir vielleicht vorsichtshalber die Pille danach besorgen?“

Auch das verneinte Jordyn. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich schwanger bin. Und wegen der Pille danach … nein, das kommt für mich nicht infrage.“

„Okay. Trotzdem können wir eine Schwangerschaft nicht ausschließen. Es ist ja nicht völlig abwegig, dass wir Samstagnacht miteinander geschlafen haben.“

Plötzlich begannen ihre Wangen zu glühen. „Was willst du eigentlich von mir?“

„Ganz ehrlich?“ Will wartete kurz, bis sie erneut nickte, dann erwiderte er: „Ich finde es gut, wenn wir noch ein bisschen verheiratet bleiben.“

„Aber ich …“

„Moment mal, hör mir doch erst mal zu.“

Sie legte beide Hände um ihre Kaffeetasse. „Ja?“

„Wenn du wirklich ein Kind von mir bekommen solltest, würde ich nicht in eine Scheidung einwilligen. Dann möchte ich zusammen mit dir daran arbeiten, dass wir eine gute Ehe führen.“

Am liebsten hätte Jordyn behauptet, dass eine Schwangerschaft absolut ausgeschlossen war. Aber das konnte sie nicht. Falls sie wirklich schwanger sein sollte, dann würden sie eben gemeinsam dafür sorgen, dass das Kind ein gutes Zuhause bekam. Da hatten Will und sie die gleichen Wertvorstellungen. „Okay, das sehe ich genauso“, sagte sie. „Wenn es um ein Kind geht, dann bin ich auch dafür, dass wir verheiratet bleiben.“

Er atmete langsam aus. „Gut.“

„Aber ich bin mir ganz sicher, dass ich nicht schwanger bin.“

„Schön, aber du kannst die Möglichkeit im Moment trotzdem nicht ausschließen.“

„Ich weiß, aber … ich hatte mir meine nähere Zukunft eigentlich anders vorgestellt. Die meisten Leute glauben immer noch, dass ich nur nach Rust Creek Falls gezogen bin, um hier meinen zukünftigen Ehemann kennenzulernen. Und vielleicht stimmt das sogar. Jedenfalls habe ich auch ein bisschen darüber nachgedacht. Ehrlich gesagt bin ich nämlich eine hoffnungslose Romantikerin.“

Will bestrich ein dreieckiges Stück Toast dick mit Erdbeerkonfitüre. „An dir ist überhaupt nichts hoffnungslos, Jordyn Leigh.“

Bei seinen Worten wurde ihr unwillkürlich warm ums Herz. „Na gut, ein hoffnungsloser Fall bin ich vielleicht nicht.“ Sie lächelte verhalten. „Dafür aber ganz schön romantisch. Ich wünsche mir die wahre Liebe und möchte nur deswegen heiraten. Inzwischen haben alle meine vier Schwestern den Mann fürs Leben gefunden und auch geheiratet … nur ich noch nicht. Da bin ich natürlich ein bisschen enttäuscht, aber das heißt noch lange nicht, dass ich deswegen kein ausgefülltes Leben habe. Es gibt auch andere Dinge, die mir wichtig sind. Mein Beruf zum Beispiel. Da habe ich noch einige Pläne.“

Will schob sich einen weiteren Bissen Steak in den Mund. „Was hast du denn vor?“

Sie warf ihm einen skeptischen Seitenblick zu. „Willst du das wirklich wissen?“

„Auf jeden Fall; sonst hätte ich dich nicht gefragt.“

Na dann, dachte sie. „Ich habe ein paar Fernuni-Seminare belegt, weil ich mich auf einen Abschluss in Kindheitspädagogik vorbereiten will. Und ich habe inzwischen beschlossen, doch nicht in Rust Creek Falls zu bleiben. Ich fühle mich hier zwar ganz wohl und habe auch Freunde gefunden … aber den Mann fürs Leben habe ich leider nicht kennengelernt. Darum wollte ich mich ein bisschen in die große, weite Welt hinauswagen.“

„Und was heißt das genau?“

„Das heißt, dass ich nach Missoula ziehen will, um dort an der Universität mein Studium abzuschließen.“

Missoula lag etwa zweieinhalb Autostunden von Kalispell entfernt und war mit knapp 70.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt im Bundesstaat Montana.

„Ich bin auch schon eingeschrieben und habe ein bisschen Geld dafür angespart. Ich möchte unbedingt diesen Abschluss machen, damit ich mich beruflich weiterentwickeln kann. Im August ziehe ich aus Rust Creek Falls weg, und es ist mir vollkommen egal, was irgendwelche engstirnigen Leute hier dazu sagen.“

Will legte sein Besteck beiseite und schüttelte den Kopf. „Ich glaube nicht, dass dir das egal ist, mir ist es übrigens auch nicht gleichgültig. Du sollst dich nicht für das schämen, was Samstagnacht zwischen uns passiert ist. Und auch wenn du aus dieser Gegend wegziehst – ich wohne dann ja immer noch hier, wenn ich demnächst meine Ranch beziehe. Ich will auf keinen Fall in dem Ruf stehen, ein Mann zu sein, der seine Verpflichtungen nicht ernst nimmt.“

„Aber wenn es doch gar keine richtige Verpflichtung ist …“

„Natürlich ist das eine richtige Verpflichtung“, gab er etwas ruppig zurück. „Schließlich sind wir rechtskräftig verheiratet. Wahrscheinlich nicht, bis dass der Tod uns scheidet. Trotzdem sollten wir das beide sehr ernst nehmen. Ich habe ja schon gesagt, dass wir uns eine bessere Strategie überlegen müssen. Und ich habe mir auch schon etwas überlegt. Wenn wir es so machen, kannst du trotzdem ab Herbst in Missoula studieren.“

Sie schluckte. „Wirklich?“

„Ja. Wann fängt das Semester an?“

„Die Orientierungsveranstaltungen beginnen in der vorletzten Augustwoche.“

„Das passt doch gut. Dann bleiben wir diesen Sommer erst mal verheiratet, und du ziehst mit mir auf meine neue Ranch.“

Jordyn setzte sich kerzengerade auf. „Wie bitte? Ich soll bei dir einziehen?“

„Ja. Und falls dich irgendjemand nach deinem Studium in Missoula fragt, erzählst du den Leuten einfach, wie stolz ich auf dich und deine Pläne bin und wie sehr ich dich dabei unterstütze. Weil das nämlich dein Lebenstraum ist und ich finde, dass du ihn auf jeden Fall verwirklichen sollst.“

Sie grinste schief. „Oh, du mein Held!“, scherzte sie.

Will ging nicht weiter darauf ein. „Und dann sagst du noch, dass du während deines Studiums natürlich so oft wie möglich zu mir nach Hause kommst. Weil wir es nämlich kaum aushalten können, uns so selten zu sehen.“

„Ach ja?“

Er nickte. „Wann kannst du ungefähr sagen, ob du schwanger bist oder nicht?“

„Das geht mir gerade alles etwas zu schnell, Will. Ich finde …“

„Wann weißt du es?“, wiederholte er.

Sie seufzte. „Wahrscheinlich in zwei oder drei Wochen. Ich habe einen ziemlich regelmäßigen Zyklus.“

„Okay. Falls du schwanger sein solltest, bleiben wir verheiratet und tun alles, um eine gute Ehe zu führen und dem Kind ein schönes Zuhause zu bieten. Und falls nicht, reichen wir Ende Juli die ausgefüllten Scheidungspapiere ein. Dann bist du bis Mitte August geschieden.“

Nervös drehte sie den Salzstreuer hin und her. „Ich bin mir bloß nicht sicher, ob das alles so gut ist …“

„Aber ich. Hast du noch weitere Fragen?“

Am liebsten hätte Jordyn ihn gepackt und kräftig geschüttelt. „Ja, eine Frage hätte ich schon.“

„Schieß los.“

„Sollen wir auf deiner Ranch auch in einem Zimmer schlafen?“

Will wirkte etwas beleidigt. „Was denkst du eigentlich von mir? Ich will mich nicht an dich ranmachen, sondern dir nur helfen.“

„Also, ich glaube ja, dass es am besten wäre, wenn wir einfach reinen Tisch machen würden, um dann beide unser Leben weiterzuleben.“

„Da irrst du dich. Meine Idee ist viel besser. Wo war ich eigentlich gerade? Ach ja, natürlich haben wir getrennte Zimmer. Aber ansonsten machen wir alles zusammen und schauen zu, dass es zwischen uns reibungslos klappt.“

„Aber damit spielen wir doch allen anderen etwas vor.“

„Eben nicht. Wir sind ja vor dem Gesetz verheiratet. Wie wir das privat umsetzen, geht niemanden sonst etwas an. Und falls du wirklich schwanger sein solltest, ist es auch am besten für das Baby, in eine gut funktionierende Ehe hineingeboren zu werden. Du musst auch mal an das Baby denken.“

Jetzt konnte Jordyn ihr halb belustigtes, halb nervöses Lachen nicht mehr ganz unterdrücken.

Will zog die dunklen Augenbrauen zusammen. „Was ist daran so lustig?“

„Na ja … du bist irgendwie lustig. Du sprichst schon von einem gemeinsamen Baby, obwohl wir nicht mal wissen, ob wir überhaupt miteinander geschlafen haben.“

Wieder wirkte er etwas gekränkt. „Ich rede von der Möglichkeit, und die können wir nicht ausschließen. Jedenfalls hat meine Ranch drei Schlafzimmer, und ich kann nur eins davon beziehen. Du bekommst eins von den beiden anderen.“

Eben hatte sie noch über ihre etwas absurde Situation gelacht, aber jetzt bekam sie schlagartig Angst. „Bestimmt gibt es trotzdem jede Menge Klatsch und Tratsch über uns“, gab sie zu bedenken.

„Na und? Lass die Leute doch reden. Wenn sie mitbekommen, was für ein nettes, glücklich verheiratetes Paar wir sind, wird es ihnen irgendwann langweilig. Dann suchen sie sich schon ein anderes Thema.“

„Ich dachte bloß …“

In diesem Moment kam die Serviererin an ihren Tisch, um die Kaffeetassen aufzufüllen. „Kann ich Ihnen noch etwas bringen?“

„Danke, wir würden gern zahlen.“ Will nahm die Rechnung entgegen, und die Serviererin räumte den Tisch ab. Als sie wieder gegangen war, betrachtete er Jordyn einige Sekunden lang schweigend. „Was dachtest du bloß?“, hakte er schließlich nach.

Sie fuhr sich durchs Haar. „Willst du das wirklich alles so durchziehen?“

„Ganz bestimmt. Ich habe mir diesen Plan ja ausgedacht.“

Jordyn konnte nur staunen. Früher war Will ihr mit seiner Überheblichkeit und Besserwisserei auf die Nerven gegangen. Vielleicht hatte sie sich damals ja getäuscht, und er hatte wirklich vieles besser im Blick gehabt als sie. Und wenn sie schon „aus Versehen“ jemanden heiraten musste, dann hatte sie mit Will wahrscheinlich das bestmögliche Los gezogen.

Er hatte schon immer ihr Wohlergehen im Blick gehabt und sie unterstützt. Und das würde er auch jetzt tun. „Du bist wirklich ein toller Mann, Will“, sagte sie. „Ein echter Held. Und diesmal meine ich das vollkommen ernst.“

„Bist du denn mit meinem Vorschlag einverstanden?“, hakte er nach.

Jordyn hatte immer noch ihre Zweifel. Aber wenn es möglicherweise um die Zukunft eines ungeborenen Kindes ging, dann wollte sie lieber auf Nummer sicher gehen. „Ja, in Ordnung“, willigte sie ein.

Einen Moment lang sahen sie sich schweigend in die Augen. „Gib mir bitte deine Hand“, sagte Will schließlich.

Sie streckte ihm die rechte Hand entgegen.

„Nein, deine linke Hand.“ Aus der Brusttasche seines Westernhemdes holte er den Ehering, den sie am Tag davor in seinem Zimmer hatte liegen lassen.

Als Jordyn den Ring erblickte, füllten sich ihre Augen mit heißen Tränen. Sie spürte einen Stich in der Herzgegend – aber es war ein angenehmer Schmerz. „Du hast ja wirklich an alles gedacht!“

Es zuckte um seine Mundwinkel. „Gib mir jetzt bitte deine Hand, Jordyn Leigh“, wiederholte er.

Sie hielt ihm die linke Hand hin, und er steckte ihr den Ring wieder an den Finger. Dann streckte sie auch die rechte Hand aus, und er umfasste sie ebenfalls. Da saßen sie nun und hielten sich über der Tischplatte an den Händen.

„Vielen Dank“, flüsterte sie ihm zu. Dabei zitterte ihre Stimme nur ein ganz kleines bisschen.

4. KAPITEL

Auf der Rückfahrt nach Rust Creek Falls warf Will Jordyn immer wieder kurze Seitenblicke zu.

Ihr war sofort klar, dass ihm noch etwas im Kopf herumspukte. „Was ist los, Will? Sag es mir einfach.“

„Also, die Nacht von heute auf morgen …“

„Ja, was ist damit?“

„Ich schlafe heute ja zum letzten Mal im Hotel. Morgen ziehe ich auf meine neue Ranch.“

„Ja, das hast du mir schon am Samstag erzählt. Als ich noch einen halbwegs klaren Kopf hatte.“

„Ich finde es am besten, wenn du bei mir im Hotelzimmer schläfst. Immerhin sind wir verheiratet. Da müssen wir uns nach außen hin auch so verhalten.“

Erst wollte Jordyn sich weigern und einwenden, dass es auf diese eine Nacht bestimmt nicht ankäme. Außerdem hatten sie sich auf getrennte Schlafzimmer geeinigt. Und sie konnten im Maverick Manor schlecht zwei Einzelzimmer buchen, wenn sie nach außen als glücklich verheiratetes Paar gelten wollten.

Andererseits hatte sie ja schon einmal in Wills Bett geschlafen. Und diesmal wäre sie immerhin bei vollem Bewusstsein. „In Ordnung, dann übernachte ich eben in deinem Zimmer im Maverick Manor.“

Als Jordyn später an Wills Hotelzimmertür klopfte, war er gerade mitten in einem Telefonat. Er öffnete ihr und sprach weiter in sein Handy: „Ja, Mom. Stimmt, ich hätte dich vorher anrufen sollen, das tut mir wirklich leid. Ich verstehe ja, dass du gern dabei gewesen wärst, aber … es war so: Ich konnte mein Glück kaum fassen, dass Jordyn Leigh wirklich Ja gesagt hat. Da wollte ich die Sache so schnell wie möglich amtlich machen, bevor sie es sich anders überlegt.“

Er warf Jordyn einen Seitenblick zu, grinste und zog seine dunklen Augenbrauen hoch. Na, wie mache ich das gerade? schien er damit sagen zu wollen.

Jordyn fand ihn ziemlich überzeugend.

Will schwieg einige Sekunden lang und hörte seiner Mutter zu. „Ja, genau, morgen“, erwiderte er. „Dann ziehen wir zusammen auf die Ranch. Danke, ja, das mache ich. Ja, sie ist auch hier – Moment mal, ich gebe sie dir!“

Jordyn ließ ihre Reisetasche auf den Boden fallen und sah Will mürrisch an. Musste er sie gleich so vorführen? Dann nahm sie das Telefon entgegen. „Hallo Carol.“

„Ich freue mich so für euch, Jordyn!“ Wills Mutter war offenbar sehr gerührt, denn sie klang ganz verheult. „Ich habe mir ja schon immer gedacht, dass sich zwischen euch etwas anbahnt, obwohl das sonst niemand für möglich gehalten hätte.“

Das glaubst du doch selbst nicht, dachte Jordyn. „Ja, und damit lagst du absolut richtig!“, log sie. „Schade, dass du uns jetzt nicht sehen kannst.“ Erneut warf sie Will einen finsteren Blick zu, aber der grinste bloß breit und hielt beide Daumen nach oben.

„Na, das ist ja ein Ding“, sagte Wills Mutter, dann fuhr sie in einem verschwörerischen Tonfall fort: „Und ich dachte schon, dass Will nie die richtige Frau für sich findet. Aber jetzt verstehe ich alles. Er hat nur darauf gewartet, dass er endlich nach Rust Creek Falls ziehen kann … deinetwegen! Und jetzt bist du meine Schwiegertochter! Ach, es wäre schön, wenn wir euch diesen Sommer gleich besuchen könnten …“

„Ja, das wäre wirklich toll“, gab Jordyn schwach zurück. Aber auch ganz schön unangenehm und komisch.

„Na ja, und wenn das nicht klappt, sehen wir uns auf jeden Fall an Thanksgiving.“

Oh, wirklich?

„Will hat mir schon erzählt, dass du ab August in Missoula studierst, aber er hat mir versprochen, dich über die Feiertage abzuholen und mit dir bei uns vorbeizuschauen. Und zu Weihnachten seid ihr natürlich auch da.“

„Ähm, ja, natürlich …“

„Ach, meine Liebe, ich freue mich schon so!“

Jordyn ließ sich ganz auf ihre Rolle ein und gab zurück, dass sie es ebenfalls gar nicht erwarten könne, Carol wiederzusehen.

Nachdem Carol Clifton sich weitere zehn Minuten fröhlich über die Überraschungshochzeit ausgelassen hatte, wollte sie noch einmal mit ihrem Sohn sprechen.

Jordyn überreichte Will das Telefon so schnell, als wäre es eine heiße Kartoffel, griff nach ihrer Reisetasche und verschwand im Bad. Dort konnte sie immerhin die Tür hinter sich zuziehen, während Will seiner Mutter immer detailliertere Lügengeschichten erzählte.

Jordyn stellte ihre Kosmetiktasche auf die Ablage, kämmte sich schnell die Haare und legte etwas Lipgloss auf. Gerade war sie aus dem Bad ins Hotelzimmer zurückgegangen, da klingelte ihr Handy. Diesmal war ihre Mutter dran, die genau wie Carol Clifton ganz außer sich vor Freude war – und gleichzeitig unendlich enttäuscht, dass Jordyn ihr vorher nichts von der Hochzeit erzählt hatte.

Erschöpft ließ sich Jordyn mit dem Handy aufs Sofa sinken. Als Nächstes kam ihr Vater ans Telefon, um ihr zu gratulieren. Und kaum hatte sie aufgelegt, rief auch noch ihre Schwester Jasmine an.

Nachdem Jordyn alle Gespräche beendet hatte, blickte sie zu ihrem frisch angetrauten Ehemann hoch, der sie gerade neugierig beobachtete. „Es wäre toll, wenn ich heute niemanden mehr anlügen müsste“, seufzte sie und legte das Handy auf den niedrigen Beistelltisch.

„Hey …“ Mit großen Schritten kam er zu ihr, setzte sich neben sie und legte einen Arm hinter sie auf die Rückenlehne.

Jordyn atmete sein Aftershave ein, das dezent nach Leder und Gewürzen duftete. Auf seinem kantigen Kinn zeichnete sich ein dunkler Bartschatten ab. Seine Augen schimmerten hellblau wie ein Gletscher, und die Iris war von einem dunkleren Ring umgeben.

„Das sind doch keine Lügen“, belehrte er sie in dem gleichen Tonfall, in dem er früher mit ihr gesprochen hatte, als sie noch ein Kleinkind gewesen war.

„Ach, nein? Hast du nicht eben deinen Eltern erzählt, dass wir sie Thanksgiving und Weihnachten besuchen würden?“

„Das ist nicht völlig ausgeschlossen.“

„Aber nur, falls ich schwanger sein sollte, und das ist nicht sehr wahrscheinlich. Und jetzt stell dir mal vor, wie lustig es noch wird, wenn wir unseren Freunden und unserer Familie erzählen müssen, dass es mit uns beiden leider doch nicht funktioniert hat.“

Er betrachtete sie mehrere unangenehme Sekunden lang. Schließlich sagte er: „Willst du lieber einen Rückzieher machen? Falls ja, sag mir das jetzt bitte.“

Eigentlich müsste ich Ja sagen und dem ganzen Zirkus ein Ende setzen, dachte sie. Aber insgeheim wollte sie das nicht.

Will starrte sie durchdringend an. „Beantworte bitte meine Frage, Jordyn.“

„Na schön. Nein, ich will keinen Rückzieher machen.“

Seine Züge entspannten sich. Vorsichtig griff er nach einer ihrer blonden Haarsträhnen und rieb sie zwischen den Fingern.

Sie umschloss sein Handgelenk. „Hör bitte auf damit.“

Mehrere Atemzüge lang sahen sie sich wie gebannt an. Jordyn spürte, wie sie die Lippen spitzte, als könnte sie gar nicht anders. Unwillkürlich musste sie an die Feier am Samstagabend denken. Daran, wie es sich zwischen ihnen angefühlt hatte, bevor ihr irgendetwas vollkommen das Bewusstsein vernebelt hatte. Seine Nähe, seine heißen Küsse …

Erschrocken stellte sie fest, dass sie schon die ganze Zeit auf seine Lippen starrte, die sich unendlich sanft auf ihren angefühlt hatten. Niemals hätte sie gedacht, dass jemand, der so stark und männlich wirkt, auch so zärtlich sein konnte.

Ausgerechnet jetzt meldete sich ihr Magen vernehmlich.

Will grinste.

Und der magische Moment war vorbei. Sie ließ sein Handgelenk los. „Mach bitte keine Witze, dafür bin ich viel zu sauer auf dich“, sagte sie mit gespielter Empörung.

„Ach Quatsch, du hast einfach nur Hunger. Am besten, wir gehen erst mal etwas Vernünftiges essen. In Kalispell gibt es einen richtig guten Italiener.“

„Wie bitte, willst du jetzt schon wieder nach Kalispell fahren?“

„Ja, warum denn nicht? Da kennen uns die Leute nicht und stellen auch keine Fragen. Also musst du dort auch niemanden anlügen.“

In dem kleinen italienischen Restaurant in Kalispell teilten sich Will und Jordyn eine Vorspeisenplatte. Dann bekam er eine Lasagne, und sie hatte Kalbsschnitzel mit Tomatensauce bestellt. Will fand, dass der Nachmittag ziemlich entspannt verlief. Auf dem Weg zum Auto schien Jordyn schon viel bessere Laune zu haben. Sie stellte ihm sogar einige interessierte Fragen zu seiner neuen Ranch.

Er erzählte ihr von dem herrlichen Blick, den man von dort aus auf die Berge hatte. „Genau so habe ich mir meine Ranch immer vorgestellt“, erzählte er. „Viel erstklassiges Weideland und fruchtbarer Boden am Fluss, wo ich Futterpflanzen anbauen kann. Außerdem gehören noch mehrere hübsche kleine Pappel- und Kiefernwäldchen dazu. Die Gebäude müssen allerdings ein bisschen überholt werden. Darum kümmere ich mich als Nächstes. Aber bewohnbar sind sie jetzt schon.“

Will hielt kurz inne und lächelte Jordyn an. Offenbar war er sehr stolz auf seinen Besitz. „Ich habe auch schon einige Rinder gekauft. Nächste Woche müssten sie da sein. Und ich habe zur Unterstützung noch ein Ehepaar angestellt. Donnerstag oder Freitag kommen sie aus Thunder Canyon und bringen meine Pferde und meine Möbel mit.“

„Und wie soll die Ranch heißen?“

„Was hältst du von der Flying-C-Ranch?“

C wie Clifton, sein Nachname. Jordyn nickte. „Gefällt mir.“ Sie erwiderte sein Lächeln.

In diesem Moment fühlte Will sich richtig wohl in seiner Haut. Alles um ihn herum machte ihn glücklich. „Dann heißt die Ranch ab heute so.“

Jordyn beugte sich nach unten und holte ein Haargummi aus ihrer Handtasche. Und während sie weiterhin geradeaus auf die Straße vor ihnen schaute, band sie ihr Haar zu einem Pferdeschwanz zusammen. Dadurch, dass sie dabei die Arme über den Kopf hob, zog sie ihre kleinen, festen Brüste ein Stück mit nach oben.

Erst jetzt wurde Will klar, wie intensiv er sie gerade anstarrte. Schnell wandte er den Kopf ab und zwang sich, sich stattdessen auf die Straße zu konzentrieren.

„Dann verrat mir doch mal dein Geheimnis“, sagte sie plötzlich. „Wie kommt es, dass du dir jetzt schon eine eigene Ranch leisten kannst? Früher hast du immer erzählt, dass das noch dauern würde, bis du mindestens vierzig bist.“

„Ja, davon war ich eigentlich ausgegangen. Aber dann ist meine Großtante Wilhelmina leider vor einem halben Jahr gestorben.“

„Oh, nein, das tut mir leid. Wie alt war sie denn?“

„Mitte achtzig, sie hatte sich schon in den letzten Jahren ziemlich schwach gefühlt. Sie ist ganz friedlich eingeschlafen.“

Will erzählte weiter, dass seine Großtante ihm einen Brief hinterlassen hatte, in dem sie ihn aufforderte, sich seinen Lebenstraum zu erfüllen. Außerdem hatte sie ihm eine stattliche Geldsumme vermacht.

Die restliche Fahrt zum Maverick Mansion verbrachten Jordyn und Will schweigend.

Weil Jordyn noch Hausaufgaben für ihre Online-Kurse zu erledigen hatte, blieb sie im Hotelzimmer.

Will wollte sich mit seinen Brüdern zusammensetzen, die im selben Hotel untergebracht waren, und gegen zehn Uhr wieder zurück sein.

Also hatte Jordyn erst mal vier Stunden Zeit zum Arbeiten. Sie klappte ihren Laptop auf.

Sobald sie alle Seminaraufgaben erledigt hatte, duschte sie schnell, schlüpfte in bequeme Shorts und ein weites T-Shirt. Dann bestellte sie sich ein Sandwich und ein Getränk beim Zimmerservice, putzte sich die Zähne und legte sich aufs Bett, um ein bisschen fernzusehen.

Sie schreckte hoch, als sie die Dusche hörte. Offenbar war sie eingeschlafen, und Will war in der Zwischenzeit zurückgekommen. Sie schaltete den Fernseher aus und setzte sich aufrecht ins Bett. Ihr Herz raste – aber warum eigentlich? Eigentlich hatte sie doch keinen Anlass, aufgeregt zu sein. Natürlich war es komisch, dass sie und Will gleich in einem Bett schlafen würden.

Andererseits hatten sie schon einmal im selben Zimmer geschlafen, auch wenn sie sich überhaupt nicht daran erinnern konnte. Außerdem war er kein wildfremder Mann für sie, sondern Will, den sie praktisch seit ihrer Geburt kannte.

Plötzlich wurde das Duschwasser abgedreht. Jordyn starrte wie gebannt auf die Badezimmertür und versuchte ihr Herz dazu zu bringen, wieder ruhig zu schlagen – vergeblich, es hämmerte wie verrückt weiter.

Dann kam Will in einer Dampfwolke aus dem Bad. Er trug eine Jogginghose und ein hellgraues T-Shirt, unter dem sich seine ausgeprägte Brustmuskulatur abzeichnete. Seine Haare waren noch feucht, und er war barfuß.

Plötzlich wurde Jordyns Mund trocken.

„Sorry“, sagte er. „Ich wollte dich nicht wecken.“

„Das hast du nicht. Ich … ich wollte eigentlich auch nicht einschlafen.“ Ach, du meine Güte, dachte sie. Was erzähle ich denn da für einen Mist?

Will betrachtete sie einen Augenblick lang. „Alles in Ordnung?“

„Ja, natürlich. Den Umständen entsprechend, jedenfalls.“

Er lächelte schief. „Weißt du was? Gib mir einfach ein Kissen, dann schlafe ich auf der Couch.“

„Auf gar keinen Fall“, sagte sie, ohne darüber nachgedacht zu haben. „Das Bett ist groß genug für uns beide, und einmal haben wir ja schon zu zweit darin geschlafen.“

„Ich lege mich jetzt aufs Sofa.“

„Das ist doch viel zu kurz für dich, da hast du morgen Rückenschmerzen!“

Sein Gesichtsausdruck kam ihr gerade sehr bekannt vor: Er hatte wieder den „Heldenblick“ aufgesetzt, wie sie es früher immer genannt hatte. Damals hatte er sie so angesehen, wenn er ihr erklären wollte, wie sie sich zu verhalten hatte. Jetzt schien sein Blick eher etwas mit Selbstbestrafung zu tun zu haben. „Ich habe dir versprochen, dass wir in getrennten Schlafzimmern übernachten. Ab morgen ist das auch wieder möglich, und heute lege ich mich auf die Couch.“

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und verdrehte demonstrativ die Augen. „Das ist doch lächerlich!“

„Ich finde es aber nicht fair, wenn du …“

„Pst“, machte sie – und zu seiner Überraschung hielt er wirklich inne. Schnell stand sie vom Bett auf schlug die Decke zurück und kroch darunter. „Im Schrank gibt es noch eine Wolldecke. Die kannst du ja nehmen, dann haben wir beide unser eigenes Bettzeug. Ich mache heute Nacht auch keine Dummheiten, versprochen!“

Er lachte leise. „Wirklich nicht?“

„Wirklich nicht. Und jetzt komm ins Bett.“

5. KAPITEL

Als Jordyn am nächsten Morgen aufwachte, duftete es nach frischem Kaffee.

„Guten Morgen!“ Will saß auf dem Sofa und aß eine Portion Spiegeleier, die der Zimmerservice vorbeigebracht hatte. Er wies auf ein weiteres Tablett auf dem Beistelltisch. „Für dich habe ich Rührei mit Toast bestellt. Ich hoffe, das magst du.“

Sie setzte sich auf und räkelte sich. „Wunderbar.“

„Dann komm schnell, bevor es kalt wird.“

Kurze Zeit später saßen sie nebeneinander auf dem Sofa und aßen.

Nach dem Frühstück überließ Will ihr das Bad, denn schließlich musste sie rechtzeitig bei der Arbeit sein. „Wann hast du denn Schluss?“, erkundigte er sich, als er ihr die Zimmertür aufhielt.

„Gegen drei.“

„Okay, ich hole dich vom Kindertagesheim ab, und wir fahren zusammen zu deiner Pension. Dann laden wir deine ganzen Sachen in meinen Wagen und fahren zur Ranch. Du kannst mir in deinem Auto hinterherfahren.“

„Du brauchst doch nicht …“

Er winkte ab. „Ich bin um drei Uhr da.“ Plötzlich lächelte er stolz. „Heute um zehn ist übrigens die Schlüsselübergabe.“

„Herzlichen Glückwunsch noch mal zu deiner eigenen Ranch. Das ist wirklich absolut toll!“

Er schnaufte leise. „Tja, demnächst stehe ich wohl bis zu den Knien in Kuhmist.“

„Schon, aber immerhin ist es dein eigener Kuhmist.“ Sie schlüpfte an ihm vorbei nach draußen auf den Flur. Dann reckte sie sich ihm ein Stück entgegen.

Auch er beugte sich zu ihr herunter, seine Augen leuchteten immer noch vor Vorfreude auf die große Übergabe der Ranch. „Ach, ist das schön, wenn eine Frau sich so für ihren Mann freuen kann.“

Mehrere Atemzüge lang wartete Jordyn darauf, dass er sie küsste. Auf einmal wurde ihr bewusst, was ihr gerade durch den Kopf ging, und sie wich schnell zurück. „Dann bis heute Nachmittag um drei!“

„Ich freue mich. Bis dann!“

Sie wirbelte herum und lief den Flur hinunter, das Blut schoss ihr heiß in die Wangen. Hoffentlich hatte sie sich rechtzeitig von Will abgewandt, sodass er nicht sah, wie rot sie deswegen geworden war …

„Nicht gucken, Miss Jordyn“, mahnte die kleine Sophie Lundergren.

Es war inzwischen halb eins, und die Kinder hatten alle ihre Lunchpakete aufgegessen. Sophie hatte sich neben Jordyn an den langen Picknicktisch gesetzt, der unter der riesigen Eiche im Garten des Kindertagesheims stand.

„Ich gucke wirklich nicht, versprochen!“ Sophie und ihre große Schwester Delilah hatten Jordyn die Augen verbunden.

Um sie herum kicherten die Kinder und tuschelten sich gegenseitig etwas zu. Jemand stellte etwas vor sie auf den Tisch.

„Pst, macht schnell!“, sagte ein Junge.

Dann meldete sich eine ihrer beiden Vorgesetzten zu Wort, entweder Sara oder Suzie – das konnte Jordyn nicht genau sagen: „Jetzt bitte ganz vorsichtig … ja, gut so!“

Schließlich räusperte sich Saras älteste Tochter Lindy. „So, wir sind jetzt so weit“, verkündete sie. „Ihr könnt ihr die Augenbinde abnehmen.“

Mit geschickten Händen knotete jemand das Halstuch an Jordyns Hinterkopf auf und zog es weg. „Herzlichen Glückwunsch, Miss Jordyn!“, riefen Sara, Suzie und alle Kinder einstimmig.

Jordyn blinzelte und starrte fassungslos auf den riesigen Stapel an Geschenken, der sich vor ihr auftürmte – und auf den selbst gebackenen Kuchen, auf den jemand mit bunten, schiefen Buchstaben „Jordyn und Will“ geschrieben hatte.

„Oh!“ Jordyn schlug sich eine Hand vor den Mund. „Ach, du liebe Güte!“

„Das sind alles Hochzeitsgeschenke für dich!“, rief die neunjährige Lily Franklin.

„Genau!“, bestätigte der fast achtjährige Bobby Neworth. „Die ganze Küsserei ist ja voll igitt, aber Kuchen und Geschenke finde ich total cool!“

Die anderen Jungen johlten und pfiffen zustimmend.

Jordyn schluckte den dicken Kloß hinunter, der sich in ihrem Hals gebildet hatte. Ihre Gefühle fuhren gerade Achterbahn. Sie verdrängte die Lügengeschichten, in die sie sich schon verstrickt hatte, und freute sich stattdessen über die wirklich rührende Geste. „Ach, das ist ja wunderschön!“, rief sie aus. „Vielen, vielen Dank euch allen!“

„Bitte schön, Miss Jordyn“, erwiderten die Kinder – auch diesmal fast einstimmig.

„Den Kuchen haben wir gestern gebacken“, verkündete Lily stolz. „Und dann haben wir ihn mit Buttercreme bestrichen.“

„Und ich habe die Buchstaben draufgemacht“, ergänzte Bobby. „Mrs. Suzie hat mir nur ganz wenig dabei geholfen.“

„Er sieht toll aus!“, sagte Jordyn.

Jetzt schaltete sich der sechsjährige Theodore Brickman ein: „Die Geschenke haben wir auch alle selbst gebastelt!“

„Die sind bestimmt richtig toll“, erwiderte Jordyn und sah zu ihren Vorgesetzten Suzie und Sara, die nebeneinander am Tisch standen und grinsten. Jordyn blinzelte sich die Tränen aus den Augen und formte mit den Lippen ein Danke! in ihre Richtung. Sie wollte gar nicht darüber nachdenken, wie sehr sie die beiden Frauen vermissen würde, wenn sie im August nach Missoula wechselte.

„Gern geschehen“, gab Sara zurück.

Plötzlich drehte sich Delilah zu Jordyn um und blickte sie mit großen Augen an. „Miss Jordyn, bist du jetzt Mrs. Jordyn?“

„Das ist vollkommen richtig“, beantwortete Sara die Frage des Mädchens.

Suzie lachte. „So, Mrs. Jordyn. Höchste Zeit, den Kuchen anzuschneiden, oder?“

Die Kinder schienen der gleichen Meinung zu sein.

„Au ja!“

„Lecker, Kuchen!“

„Schneid ihn an, Mrs. Jordyn!“

Um drei Uhr nachmittags war Jordyn mit der Buchhaltung und der Stundenplanung für die nächsten Tage durch. Durch das kleine Fenster neben der Tür spähte sie nach draußen.

Dort wartete auch schon Will mit seinem Pick-up – pünktlich auf die Minute. Sie lächelte. Dann öffnete sie die Tür und winkte ihn zu sich ins Gebäude. Dort stellte sie ihn Suzie, Sara und den Kindern vor. Er ging mit der Situation gelassen um, beantwortete alle neugierigen Fragen, bewunderte die selbst gebastelten Geschenke und half ihr, alles in ihrem Auto zu verstauen.

„Und was hast du mit den ganzen Schmetterlingen aus Modelliermasse und Raupen aus Eierkartons vor?“

„Das weiß ich noch nicht so genau. Vielleicht hänge ich alles in meinem Schlafzimmer auf der Ranch auf.“ Erwartungsvoll lächelte sie ihn an. „Wie gefällt dir denn dein neues Anwesen?“

„Das Schönste daran ist, dass es ganz allein mir gehört.“ Er strahlte.

„Ich freue mich für dich“, sagte sie. „Herzlichen Glückwunsch!“

Er rückte sich den Cowboyhut zurecht und tippte sich an die Krempe. „Vielen Dank.“

Dann stiegen sie in ihre Wagen und fuhren zu Jordyns Pension, um ihre Sachen einzuladen.

Bevor Will und Jordyn zur Ranch weiterfuhren, hielten sie noch beim Gemischtwarenladen Crawford’s General Store, um Vorräte zu kaufen. Dort entdeckte Will auch die beiden Tratschtanten vom Sonntagnachmittag wieder. Offenbar war Einkaufen ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens. Als die beiden ihn und Jordyn erblickten, fingen sie sofort an zu tuscheln.

Will winkte ihnen freundlich zu.

Sie nickten lächelnd zurück – und flüsterten unbeirrt weiter.

Jordyn löste einen Einkaufswagen aus der Reihe neben dem Eingang und schob ihn zu Will. „Am besten kaufen wir erst mal Bettzeug und Putzmittel, und dann überlegen wir uns, was wir heute und morgen essen wollen.“ Als sie mit dem Wagen auf seiner Höhe war, löste er ihre Hand vom Griff und zog sie zu sich heran. Sie schnappte leise nach Luft und stützte sich an seiner Brust ab. „Will, was machst …“

Er senkte den Kopf und vergrub die Nase in ihrem glänzenden, duftenden Haar. „Hast du’s noch nicht mitbekommen?“

„Was denn?“

Er rieb die Nase an ihrer. „Die Leute beobachten uns“, raunte er ihr zu. „Und alle wissen, dass wir frisch verheiratet sind.“

Sie seufzte leise, was Will hinreißend fand. „Oh, ach so. Verstehe …“

„Wirklich?“ Er hob ihr Kinn mit einem Finger an, und dann küsste er sie sanft.

Jordyn stieß einen gepressten Laut aus, der wieder in ein leises Seufzen überging. Dann schlang sie ihm die Hände um den Hals und schmiegte ihren schlanken Körper an seinen. Es fühlte sich wunderbar an. Sie erwiderte seinen Kuss und weckte damit verschwommene Erinnerungen an die Hochzeitsparty am Samstag.

Sie duftet so frisch und schmeckt so süß. Die kleine Jordyn Leigh Cates. Wer hätte das gedacht?

Er hob den Kopf. „Wir sind doch frisch verheiratet“, raunte er ihr zu. „Und wir können die Finger nicht voneinander lassen.“

„Ah ja …“, flüsterte sie zurück. Ihre Wangen glühten rosig, und auf ihren vollen Lippen lag ein verträumtes Lächeln.

Am liebsten hätte er gar nicht mehr aufgehört, sie zu küssen.

„Heißt das, dass wir den Leuten immer wieder zeigen müssen, wie verliebt wir sind? Damit auch wirklich niemand daran zweifelt?“

„Ganz genau.“

„Wir könnten uns natürlich auch nicht darum kümmern, was die Leute denken und sagen, und einfach wir selbst sein.“ Sie wich ein Stück zurück.

Vorsichtig hielt er ihren Arm fest. „Jordyn …“

„Was ist denn?“

„Ich finde es aber besser, wenn du mich gleich noch mal küsst“, gab er zurück.

Sie kicherte leise und blickte ihn herausfordernd an.

Ihm zog sich das Herz zusammen – aber es war kein quälender, sondern ein angenehm wohliger Schmerz.

Jordyn runzelte die Stirn, als müsste sie über seinen Vorschlag erst ausgiebig nachdenken. „Okay, aber nur noch einmal“, sagte sie. „Wir müssen nämlich noch ziemlich viel einkaufen.“

„Dann sehe ich mal zu, dass es sich für dich auch lohnt.“

„Ja, gute Idee.“

Und dann küsste er sie ein zweites Mal. Nicht zu intensiv, denn immerhin waren sie in der Öffentlichkeit. Aber sehr lange und zärtlich. Das fiel ihm nicht weiter schwer, im Gegenteil: Es fühlte sich so gut an, so unendlich gut …

Viel zu gut vielleicht? Schon möglich. Aber Will wollte jetzt nicht darüber nachdenken, ob er sich zu sehr zu der Frau hingezogen fühlte, die er seit Kindertagen kannte und die er sozusagen aus Versehen geheiratet hatte.

Als sie sich erneut zurückzog, hielt er sie nicht fest. Obwohl er noch unendlich lange so mit ihr hätte dastehen können: im Eingangsbereich von Crawford’s General Store, gleich neben den Einkaufswagen.

Jordyn fand Wills Ranch wunderschön. Sie war von sanften grünen Hügeln umgeben, auf denen hier und dort Pappeln und Kiefern wuchsen. Und in der Ferne erhoben sich die schneebedeckten Gipfel der Rocky Mountains.

Die Ranchgebäude waren kreisförmig angeordnet. Neben dem Haupthaus gab es ein kleineres Haus für den Vorarbeiter und seine Familie, ein Schlafhaus für die Rancharbeiter, einen Schuppen und mehrere Koppeln. Ein Stück von den Häusern entfernt befand sich ein kleiner Teich. Er wurde durch den Bach gespeist, der sich durch das Anwesen wand.

Will und Jordyn parkten ihre Wagen nebeneinander vor einem zweistöckigen weißen Haus mit umlaufender Veranda und blauen Fensterläden.

„Das ist ja wirklich wunderhübsch!“, sagte sie, als er die Fahrertür für sie öffnete.

Er seufzte leise. „Na ja, demnächst vielleicht.“

Sie stieg aus, und gemeinsam gingen sie die verwitterten Verandastufen hoch zur blaugrauen Eingangstür. Darüber befand sich ein halbkreisförmiges Fenster.

Will steckte den Schlüssel ins Schloss. Die Tür quietschte in ihren Angeln, als er sie nach innen aufdrückte. Vom Eingangsbereich aus führte eine Treppe in den ersten Stock, links lag ein noch unmöbliertes Wohnzimmer, rechts ein leeres Esszimmer.

Er hängte seinen Hut an einen Haken neben der Tür. „Die Bausubstanz gefällt mir gut“, kommentierte er. Die Wände waren weiß gestrichen, und mächtige alte Balken stützten die Zimmerdecke. Der Boden war zwar ziemlich abgewetzt und staubig, aber aus schönen, langen Massivholzdielen gefertigt. Durch große altmodische Schiebefenster fiel Licht ins Haus.

„Das Hauptschlafzimmer ist gleich hier links, ein eigenes Bad gehört auch dazu“, erklärte er, während er geradeaus den Flur entlangging. Als Nächstes kamen sie in die Küche, in der ein ziemlich ramponierter Klapptisch und drei unterschiedliche Stühle standen. Die avocadofarbenen Schränke stammten wohl noch aus den Siebzigern.

Jordyn öffnete den farblich dazu passenden Kühlschrank. Er war leer, schien aber zu funktionieren. Und zu ihrer Überraschung war er sogar sauber. „Das ist ja super. Da können wir gleich ein paar Einkäufe unterbringen.“

Er lachte leise. „Na, dir kann man es ja leicht recht machen.“

Als sie ihn ansah, bildeten sich kleine Lachfältchen in seinen Augenwinkeln. Sein Lächeln war umwerfend. Unwillkürlich musste sie wieder daran denken, wie sich seine Lippen angefühlt hatten, und konnte sich gerade noch davon abhalten, sich mit den Fingern über den Mund zu streichen.

Irgendwie fand sie es gar nicht so schlecht, in den nächsten Wochen mit Will ein bisschen Mann und Frau zu spielen. Es gefiel ihr sogar richtig gut.

Vielleicht sogar viel zu gut …

„Komm, wir schauen uns den Rest des Hauses auch noch an“, sprach er in ihre Gedanken hinein.

Im Obergeschoss gab es zwei weitere Schlafzimmer, ein Bad und einen Wohnbereich mit Ausblick auf den Bach und den Teich, der in der Nachmittagssonne glänzte.

„Darf ich mir eins von den beiden Schlafzimmern aussuchen?“, erkundigte Jordyn sich.

Will wandte dem Fenster wieder den Rücken zu. „Ja, es sei denn, du möchtest unten im Hauptschlafzimmer schlafen.“ Sie sahen sich tief in die Augen. Lange.

Noch etwas, das Jordyn sehr genoss: diese langen, intensiven Blicke, als würden sie gemeinsam ein kostbares Geheimnis hüten.

„Kommt nicht infrage“, sagte sie schließlich. „Ich nehme dir doch nicht dein Zimmer weg.“

„Such dir einfach das aus, was dir am besten gefällt.“ Seine tiefe, etwas raue und sehr männliche Stimme jagte ihr wohlige Schauer durch den ganzen Körper. Mehrere Sekunden lang betrachtete sie ihn schweigend und nahm seinen Anblick in sich auf …

Aufwachen, Jordyn! ermahnte sie sich. Du musst dir jetzt ein Zimmer aussuchen! „Okay, dann nehme ich das über dem Wohnzimmer“, sagte sie schnell. „Da steht immerhin schon ein Bett.“ Das uralte gusseiserne Gestell sah zwar nicht besonders bequem aus, aber immerhin musste sie nicht auf dem Boden schlafen.

Gemeinsam gingen sie wieder nach unten und zu ihren beiden Wagen, um Gepäck und Einkäufe ins Haus zu holen. Um kurz nach sieben waren die Küche geschrubbt und der Kühlschrank gefüllt. Die anderen Lebensmittel hatten sie in den Schränken verstaut. Außerdem hatten sie ihre beiden Betten bezogen.

Dann kümmerte sich Jordyn um das Abendessen: Es gab Sandwiches mit Schinken, Kartoffelchips, Dillgurken und eiskaltes Bier aus der Dose.

Gerade hatten sie sich einen guten Appetit gewünscht, da klingelte Wills Handy: Seine Schwester Cecilia, genannt Cece, rief an. „Ich glaube, ich muss endlich mal drangehen, sie versucht es schon die ganze Zeit.“

Er drückte auf die entsprechende Taste und erzählte seiner Schwester alles, was er schon seiner Mutter berichtet hatte. „Ja, Cece, ich weiß, dass das eine Riesenüberraschung für dich ist. Aber Jordyn und ich haben geheiratet, weil wir uns sehr, sehr lieben. Darum sind wir jetzt auch unheimlich glücklich.“ Er blinzelte ihr zu.

Sie zwang sich zu einem Lächeln, hatte aber gleichzeitig ein schlechtes Gewissen: Cecilia war eine sehr gute und langjährige Freundin von ihr, und eigentlich hätte sie sie längst anrufen müssen. Immerhin hatte sie ihren Bruder geheiratet!

„Ja, sie ist auch hier“, sagte Will gerade. „Moment, ich gebe sie dir mal.“ Er hielt Jordyn das Telefon hin.

Zerknirscht nahm sie es entgegen und entschuldigte sich mehrfach bei ihrer Freundin dafür, dass sie ihr nichts von der Hochzeit erzählt hatte.

„Jetzt hör aber auf!“, lachte Cecilia. „Solange du glücklich bist, ist alles gut!“

„Du glaubst ja gar nicht, wie glücklich ich bin.“ Jordyn lächelte Will an. „Wir sind übrigens gerade auf seiner Ranch, die ist wunderschön. Es gibt auf der ganzen Welt keinen Ort, an dem ich lieber sein würde als hier auf der Ranch mit Will!“

Von der anderen Seite des Küchentisches aus nickte Will ihr anerkennend zu.

Jordyn schwärmte noch ein bisschen von ihrem Mann und ihrem neuen Leben. Nachdem die beiden Freundinnen sich verabschiedet hatten, schob Jordy ihm das Telefon zu und trank erst mal einen ordentlichen Schluck Bier. Dann griff sie nervös nach ihrem Sandwich. Ihre Wangen glühten, und ihre Haut kribbelte.

Will lehnte sich auf seinem Stuhl zurück. „Wow“, kommentierte er. „Eine beeindruckende schauspielerische Leistung!“

Mit dieser Bemerkung hatte er sie schlagartig verärgert. „Was soll das? Ich spiele nur meine Rolle, so wie wir es verabredet haben.“

Langsam drehte er seine Bierdose auf der abgewetzten Tischplatte hin und her. „Warum bist du auf einmal so genervt von mir? Eben am Telefon warst du noch ganz entspannt. Ich hätte dir glatt geglaubt, dass wir wirklich bis über beide Ohren verliebt sind. Aber jetzt benimmst du dich wie ein kleines Mädchen.“

Ich hasse dich, Will Clifton, dachte Jordyn, hielt sich mit ihrer Meinung aber zurück. Stattdessen atmete sie tief durch. „Tut mir leid“, sagte sie schließlich. „Ich habe mich da wohl in etwas hineingesteigert, als ich mit Cece gesprochen habe. Wenn ich immer wieder die verliebte Ehefrau spiele, jetzt am Telefon und vorhin bei Crawford’s im Laden … dann glaube ich fast schon selbst daran.“

Einige unangenehme Sekunden lang starrte er sie schweigend an. Dann schob er seinen Teller beiseite und streckte die Hand nach ihr aus.

Sie legte ihre Finger in seine. Es war ein schönes Gefühl, als seine kräftigen, warmen Finger ihre umschlossen. „Oh, Will. Müssen wir die Leute so anlügen?“

Sein Blick wurde grimmig. „Das sind keine Lügen. Wir sind doch wirklich verheiratet.“

„Bitte, ich will das Thema nicht noch mal durchdiskutieren.“

„Wenn du aussteigen willst, sag es einfach, Jordyn. Dann kriegen wir das auch hin.“

„Nein, ich meine doch nur … dass sich das mit uns manchmal so echt anfühlt. Verstehst du, was ich meine? Weil ich mich gar nicht richtig zu verstellen brauche …“

„Findest du das denn schlimm?“

„Na ja, es macht mir schon etwas Angst. Manchmal kann ich kaum noch zwischen Schein und Wirklichkeit unterscheiden.“

Er drehte ihre Hand um, öffnete ihre Finger und beschrieb einen Kreis auf ihrer Handfläche.

Ihr stockte der Atem. Insgeheim wünschte sie sich, er würde nicht mehr aufhören, das zu tun, was er jetzt gerade tat. Es fühlte sich so gut an, so zärtlich und intim …

„Ich hatte übrigens schon mal den Eindruck, dass du einen Rückzieher machen willst“, sagte er.

„Einen Rückzieher?“, flüsterte sie heiser.

Er nickte. „Schön fände ich das zwar nicht, aber ich könnte es akzeptieren. Du würdest dann wieder in die Pension ziehen, und wir erzählen allen Leuten, dass wir uns eben getäuscht haben. Dass es zwischen uns doch nicht geklappt hat. Aber falls du schwanger sein solltest … dann komm bitte zu mir zurück. Versprichst du mir das?“

Ob sie einen Rückzieher machen wollte, hatte Will sie gefragt.

Wollte sie das? Eben hatte sie Cecilia gegenüber noch sehr überzeugend von ihm geschwärmt. Sie hatte ihr erzählt, was für ein attraktiver, aufmerksamer Mann er war. Und dass sie nur so dahinschmolz, wenn er sie küsste …

Es war ihr nicht schwergefallen, diese Lügen zu erzählen, weil sie sich irgendwie wahr angefühlt hatten.

Jordyn hatte nicht die leiseste Ahnung, wie es dazu gekommen war – aber in ihren Augen entwickelte sich Will Clifton immer mehr zu ihrem Traummann. Und das machte ihr ganz schön Angst.

„Jordyn Leigh“, hakte er sanft nach. „Gibst du mir noch eine Antwort auf meine Frage?“

„Nein“, gestand sie leise. „Ich will keinen Rückzieher machen und auch nicht wieder in die Pension ziehen.“

Als er sie daraufhin anstrahlte, war es um sie geschehen. Sein Lächeln traf sie mitten ins Herz.

„Prima“, erwiderte er. „Dann machen wir also weiter.“

6. KAPITEL

Gegen Morgengrauen wurde Will von einem Schrei geweckt. Es klang wie der Schrei eines Babys und schien aus dem Hinterhof zu kommen.

„Was ist denn …?“ Er sprang aus dem Bett, zerrte sich die Jeans über die Beine und rannte zur Hintertür, die direkt vom Schlafzimmer auf die Veranda führte.

Unten vor den Stufen standen drei Ziegen, darunter ein Bock. Eine Ziege war trächtig. Der große, bärtige Ziegenbock starrte Will erst eine ganze Weile lang interessiert an … um dann ein Meckern auszustoßen, das erschreckend stark an das Schreien eines Babys erinnerte. Dabei wirkte das Tier auch noch ziemlich selbstzufrieden.

In diesem Moment kam Jordyn durch die Küchentür nach draußen. Sie trug eine pinkfarbene Trainingshose, ein weites T-Shirt und dicke Socken. „Was, du hast Ziegen?“, rief sie fassungslos.

„Ich glaube, die stammen noch von den Vorbesitzern. Wahrscheinlich sind sie ausgebüxt, als sie in den Transporter geladen werden sollten.“ Er grinste sie an. Mit ihrer pinkfarbenen Hose, dem alten T-Shirt und dem zerzausten goldblonden Haar sah sie unheimlich süß aus. „Guten Morgen übrigens!“

„Guten Morgen. Sagst du dann den Vorbesitzern Bescheid, dass sie noch hier sind?“

„Auf jeden Fall.“

Der Ziegenbock meckerte unbeirrt weiter.

„Ich glaube, er hat Hunger“, bemerkte sie. Plötzlich krähte ein Hahn aus dem Schuppen. „Lass mich raten – hatten die Vorbesitzer auch Hühner?“

„Richtig geraten.“

„Und womit sollen wir sie füttern?“

„Ich fange die Ziegen heute ein und kaufe ihnen später Futter. Für den Hahn besorge ich gleich was mit, auch für die Hühner, falls noch welche hier herumlaufen.“

„Okay, aber der große Bock hat jetzt schon Hunger, er meckert die ganze Zeit. Und ist das nicht gefährlich für sie, hier so frei herumzulaufen? Es gibt hier doch auch Raubtiere!“

„Tja, ich kann leider nur eine Sache zurzeit erledigen.“

Jordyn stemmte die Fäuste in die Hüften und warf ihm einen ihrer abschätzigen Blicke zu, die er praktisch schon seit ihrer Geburt von ihr kannte. „Ich kann leider nur eine Sache zurzeit erledigen“, ahmte sie ihn mit verstellter tiefer Stimme nach. „Was soll denn das bitte heißen?“

Will konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Selbst mit schlechter Laune brachte sie ihn noch zum Lachen. „Das soll heißen, dass die Tiere nicht gerade den Eindruck machen, als wären sie am Verhungern. Außerdem sind sie schon längere Zeit allein hier.“

Der Ziegenbock hatte offenbar inzwischen erkannt, dass bei Jordyn mit der Mitleidstour am meisten zu erreichen war. Er blickte sie mit seinen runden Augen an und meckerte geradezu verzweifelt los.

„Du bist absolut herzlos, Will Clifton!“ Jordyn ging die Stufen hinunter und streckte die Hand nach dem Tier aus.

„Hey, ermutige ihn nicht auch noch!“

Unbeirrt ließ sie sich auf die unterste Stufe sinken. Die Ziegen kamen auf sie zu, stupsten gegen ihre Hand und rieben die Nasen an ihrer Schulter. Jordyn tätschelte die Tiere liebevoll. „Ihr seid alle ganz lieb, oder? Will hat versprochen, dass er euch Futter besorgt. Ihr müsst euch bloß noch etwas gedulden, bis er Zeit dafür hat, er ist nämlich manchmal ganz schön fies. Ja, so ist er …“

„Pass bloß auf! Gleich frisst dir eine der Ziegen deine pinkfarbene Hose vom Körper.“

Sie warf ihm einen kühlen Blick über die Schulter zu. „Zieh du dir lieber ein Hemd über.“

Will unterdrückte ein Lachen und zog sich ins Schlafzimmer zurück.

Nachdem Jordyn ins Kindertagesheim gefahren war, erledigte Will einige Anrufe. Zunächst informierte er den Makler über die Ziegen und Hühner, und dann kümmerte er sich um einen Satellitenanschluss und WLAN.

Sobald er mit den Anrufen durch war, machte er sich auf den Weg nach Kalispell. Dort kaufte er Lebensmittel und Tierfutter und besuchte noch ein paar Kaufhäuser. Zur Grundausstattung des Wohnhauses suchte er sich einige einfache Wohnzimmermöbel aus, dazu einen Flachbildfernseher und einen Waschtrockner. Alles sollte gleich am nächsten Morgen geliefert werden.

Auf dem Rückweg zur Ranch in Rust Creek Falls legte er einen Zwischenstopp im Büro des Sheriffs ein. Dort sprach er mit Detective Russ Campbell. Aber schon nach den ersten wenigen Wortwechseln wurde Will klar, dass er den Verdacht nicht belegen konnte, dass ein unbekannter Cowboy Jordyn etwas in die Bowle gekippt hatte.

Und überhaupt: Der einzige Anlass zu seiner Vermutung, dass an dem Abend eine bewusstseinsverändernde Droge im Spiel gewesen war, bestand darin, dass er und Jordyn Hals über Kopf geheiratet hatten. Weil aber alle Leute in ihrem Umfeld glauben sollten, dass die Hochzeit vollkommen ernst gemeint war, wollte Will auch dem Detective gegenüber nichts Gegenteiliges durchblicken lassen.

Also erzählte er ihm bloß, dass sie beide sich an dem Abend ungewöhnlich berauscht und am nächsten Morgen entsprechend verkatert gefühlt hätten. Und das, obwohl sie innerhalb von etwa sieben Stunden bloß ein paar harmlose Becher Bowle getrunken hatten. Und die hatte ja laut Auskunft der Gastgeber kaum Alkohol enthalten.

Der Detective nickte. „Ja, ich hatte das auch so verstanden, dass die Bowle nur wenig Sekt enthielt.“

Will runzelte die Stirn. „Dann waren Sie ebenfalls auf der Party?“

„Allerdings“, erwiderte Campbell und erklärte, dass der Sheriff ihn gebeten hatte, bei der Hochzeitsfeier anwesend zu sein. Einfach deswegen, weil sie in eine öffentlichen Park stattfand. „Mir kamen viele Gäste dabei übrigens auch ziemlich … berauscht vor“, erklärte er.

„Wollen Sie damit sagen, dass wahrscheinlich jemand etwas in die Bowleschüssel gekippt hat?“, hakte Will nach.

„Damit will ich gar nichts sagen“, erwiderte der Detective. „Jedenfalls jetzt noch nicht. Aber ich spreche noch mal mit Sheriff Christensen über das, was Sie mir heute erzählt haben. Dann gehen wir der Sache auf den Grund.“

Also war Will auch nicht klüger als vorher, als er weiter in Richtung Ranch fuhr.

Während er noch seinen Pick-up entlud, kam Jordyn auch schon von der Arbeit zurück. Sie half ihm dabei, die Einkäufe ins Haus zu bringen. Anschließend lockten sie gemeinsam die drei Ziegen auf die kleinste eingezäunte Weidefläche, die sich gleich neben dem Schuppen befand. Dort fütterten sie die Tiere und füllten den Wassertrog. Anschließend streuten sie noch Hühnerfutter aus.

Und weil Jordyn im Schuppen eine junge Katzenmutter mit fünf kleinen Kätzchen entdeckt hatte, fing sie an, das Brathähnchen zu zerteilen, das Will ihnen eigentlich zum Abendessen mitgebracht hatte.

„Und was essen wir?“, erkundigte sich Will.

„Ach, wir haben doch noch genug andere Sachen.“

„Wie wär’s, wenn wir einfach in Kalispell essen? In einer halben Stunde sind wir da.“

Verständnislos blickte sie ihn an. „Ist das nicht Geldverschwendung?“

„Ach was, ich bin doch jetzt ein reicher Erbe. Weißt du das nicht mehr?“

„Aber wir müssen hier noch eine Menge erledigen. Außerdem bin ich ganz verschwitzt vom Einfangen der Ziegen.“

„Ach, die Arbeit läuft uns schon nicht weg. Ansonsten … geh doch schnell duschen. In zehn Minuten fahren wir los.“

„In zehn Minuten? Bist du verrückt?“

„Wenn du noch weiter mit mir herumstreitest, schaffst du das nie.“

Eine Viertelstunde später saßen Will und Jordyn im Auto.

Und weil ihnen das italienische Restaurant neulich so gut gefallen hatte, gingen sie noch einmal dorthin.

Beim Essen erzählte Will ihr von seinem Gespräch mit Detective Campbell. „Er meinte, dass sich an dem Samstag ziemlich viele Hochzeitsgäste etwas seltsam verhalten hätten. Vielleicht hat ja jemand etwas direkt in die Bowleschüssel gekippt.“

Jordyn wickelte sich die Spaghetti um die Gabel. „Meinst du, dass da jemand die ganze Stadt vergiften wollte?“

„Ich habe keine Ahnung … aber ich glaube, ich überlasse den Fall lieber der Polizei.“

„Dann ist es also jetzt schon ein richtiger Fall?“

„Campbell will der Sache auf den Grund gehen, meinte er.“

Einige Minuten lang spekulierten sie darüber, was es wohl damit auf sich haben könnte, wurden sich aber nicht einig. Sie waren so vertieft in ihr Gespräch, dass sie die Frau zunächst nicht bemerkten, die sich an ihren Tisch gestellt hatte.

„Will?“, sagte sie. „Und Jordyn Leigh Cates. Was macht ihr denn hier?“

Die Frau hieß Desiree Fenton und stammte genau wie Will und Jordyn aus Thunder Canyon. Vor ein paar Jahren hatten er und Desiree eine kurze Beziehung gehabt, aber das Ganze hatte ein unschönes Ende genommen.

Will zwang sich zu einem Lächeln. „Hey, Desiree. Das ist ja eine Überraschung!“ Leider keine gute, fügte er in Gedanken hinzu.

Jordyn legte die Gabel ab und winkte der Frau kurz zu. „Hallo Desiree! Wie geht’s dir denn?“

Desiree gab sich betont gut gelaunt. „Bombastisch!“, behauptete sie. Dann fixierte sie Will und strahlte ihn übertrieben fröhlich an. „Was machst du denn hier in der Gegend?“

„Ich wohne jetzt auch hier“, erklärte er. „Vor Kurzem habe ich eine Ranch in der Nähe von Rust Creek Falls gekauft.“

Desiree blinzelte ihn ungläubig an. „Wie bitte? Jetzt schon?“ Plötzlich klang sie angespannt, und auch das aufgesetzte Lächeln war ihr inzwischen vergangen.

Warum geht sie nicht einfach wieder? dachte Will. „Tja, die Umstände ändern sich eben manchmal“, erwiderte er geduldig.

„Oh, na ja, so ist das wohl.“ Sie schüttelte kurz den Kopf, dass die dunklen Locken tanzten, und setzte wieder ihr überfröhliches Lächeln auf. „Ich bin übrigens nur für ein, zwei Wochen hier, um meiner Tante Georgina beim Packen zu helfen.“ Sie wies auf einen Tisch am Fenster, an dem eine sympathisch wirkende ältere Dame genüsslich eine Riesenportion Pasta bearbeitete.

„Tante Georgie schafft es inzwischen leider nicht mehr so ganz, selbst für sich zu sorgen. Jetzt zieht sie nach Thunder Canyon in eine Einrichtung für betreutes Wohnen, und wir helfen ihr dabei.“

Jordyn beobachtete Will und Desiree die ganze Zeit sehr aufmerksam mit ihren großen blauen Augen.

Wahrscheinlich hat sie von Cece gehört, dass Desiree und ich mal etwas miteinander gehabt hatten, dachte Will. Bestimmt hat sie auch festgestellt, dass Desiree ziemlich gelitten hat, nach dem es mit uns aus war.

„Das ist lieb von dir, dass du hergekommen bist, um deiner Tante zu helfen“, sagte Jordyn und steckte sich mit einer nervösen Handbewegung eine lose Strähne zurück in den Pferdeschwanz.

Erst durch diese Geste erblickte Desiree Jordyns Ring. Sie schnappte hörbar nach Luft, und dann fixierte sie wieder Will. Der griff gerade nach seinem Wasserglas, sodass sie Gelegenheit hatte, auch seinen Ring zu bewundern. „Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass ich euch gratulieren sollte“, bemerkte sie.

Will stellte sein Wasserglas wieder ab. „Ja, vielen Dank. Jordyn und ich haben letzten Samstag geheiratet.“

„Wirklich?“

„Wirklich“, bestätigte Jordyn.

Einige Sekunden lang war es ganz still.

Will konnte nicht einschätzen, wie Desiree auf die Nachricht reagieren würde.

„Tja, dann … hoffe ich, dass ihr sehr glücklich miteinander werdet“, sagte sie schließlich.

„Danke“, antwortete Jordyn leise. „Da bin ich mir ganz sicher.“

Desiree verzog die roten Lippen. „Es war schön, euch wiederzusehen. Alles Gute für euch!“

„Dir auch“, sagte Jordyn.

Will nickte ihr zu. „Bis dann, Desiree.“

Und damit war die Begegnung vorbei. Desiree wandte sich ab und ging wieder zu ihrer Tante an den Tisch.

Den Rest der Mahlzeit redeten Will und Jordyn kaum miteinander. Schließlich zahlten sie und gingen.

„Ist bei dir alles in Ordnung?“, erkundigte Jordyn sich, nachdem sie losgefahren waren.

„Ja, mir geht’s prima.“

„So richtig prima hört sich das nicht an.“

„Ich habe dir doch gesagt, dass es so ist – können wir es nicht einfach dabei belassen?“ Eigentlich hatte sie es nicht verdient, dass er sie so ruppig behandelte, aber er wollte das Thema auf keinen Fall weiter vertiefen.

Zunächst schwieg sie.

Kein Wunder, denn Will hatte sich so mies aufgeführt, dass er jetzt seine Ruhe hatte.

Aber Fehlanzeige: Jordyn ließ nicht locker. „Hattet ihr nicht mal was miteinander, du und Desiree?“, hakte sie nach. „Cece hat so etwas erzählt. Desiree war am Ende ziemlich unglücklich, habe ich gehört. Und du auch …“ Sie brach ab.

„Da war nichts groß dabei.“

Weiterhin fixierte sie ihre Hände. „Du bist kein guter Lügner, Will.“

„Hör endlich auf“, knurrte er.

„Okay, wie du willst.“

Die restliche Fahrt verlief genauso still wie das Ende ihres Essens im Restaurant.

Im Ranchhaus ging Jordyn sofort in die Küche. Er folgte ihr. Dort begann sie die Einkäufe auszupacken und in die Schränke zu räumen.

„Lass das Zeug doch einfach stehen“, sagte er. „Ich kümmere mich morgen darum. Musst du nicht noch Hausaufgaben für deine Online-Seminare erledigen?“

In der einen Hand hielt sie ein Glas Erdnussbutter, in der anderen eine Dose Kakaopulver. „Ich stelle nur noch eben schnell …“

„Ich habe dir doch gesagt, dass du alles stehen lassen sollst.“ Ganz so schroff hatten seine Worte eigentlich nicht klingen sollen, aber jetzt waren sie ausgesprochen.

Jordyn funkelte ihn wütend an. Dann stellte sie die Behälter in einen Küchenschrank und hob beide Hände. „Schon gut.“

„Was ist mit deinen Hausaufgaben?“

Sie presste die Lippen zusammen, und er rechnete schon fest mit einer schnippischen Antwort. Dann entschied sie sich doch anders. „Dafür brauche ich das Internet. Aber es ist nichts besonders Aufwendiges, das kann ich auch morgen nach der Arbeit im Kindertagesheim erledigen. Da haben wir WLAN.“ Trotzig fügte sie hinzu: „Du brauchst also nicht vor fünf oder sechs Uhr mit mir zu rechnen.“

Eigentlich hätte er es dabei belassen sollen. Aber seine viel zu große Klappe war mal wieder schneller als sein Verstand. „Nein, morgen erledigst du deine Hausaufgaben hier auf der Ranch“, sagte er.

„Was ist eigentlich los mit dir, Will?“

„Nichts, ich habe nur gesagt, dass du deine Aufgaben morgen von hier aus erledigen kannst.“

„Eben nicht. Du hast mir gerade Vorschriften gemacht, und dazu hast du kein Recht. Es ist nämlich ganz allein meine Entscheidung, wo ich meine Hausaufgaben mache. Außerdem habe ich hier keinen Internet-Anschluss.“

„Gleich morgen früh kommen ein paar Techniker vorbei. Spätestens mittags ist alles fertig.“

Auf ihren zarten Wangen zeichneten sich rote Flecken ab. „Na, das ist ja wunderbar. Dann komme ich nach der Arbeit natürlich sofort hierher.“

„Sehr schön.“

Sie biss sich auf die Unterlippe. „Ich schaue jetzt mal nach den Tieren“, verkündete sie.

Will wusste, dass es am besten wäre, sie einfach gehen zu lassen. Stattdessen hielt er sie am Arm fest, als sie sich gerade an ihm vorbeidrücken wollte. „Du hältst es nicht in meiner Nähe aus, stimmt’s?“

Sie erstarrte, blickte auf die Hand, mit der er ihren Arm umklammerte, und dann wieder hoch in sein Gesicht. Ihm wurde heiß. Die Atmosphäre zwischen ihnen war aufgeladen und hochexplosiv. „Das habe ich nicht gesagt“, erwiderte sie.

„Das war auch nicht nötig.“ Ihre Haut fühlte sich glatt und angenehm an. Nur widerwillig ließ Will sie los, und sie ging durch die Hintertür nach draußen.

7. KAPITEL

Am nächsten Morgen frühstückten Jordyn und Will schweigend. Sie bereitete im Schongartopf einen Eintopf mit Fleisch und Gemüse fürs Abendessen vor, und anschließend fuhr sie ohne einen Abschiedsgruß zur Arbeit.

Als sie nachmittags zurückkam, grasten einige Rinder auf dem Hügel hinter dem Teich. Offenbar war heute ein Teil von Wills Herde eingetroffen.

Vor dem Haus parkten mehrere staubige Transporter. Jordyn kannte die Fahrzeuge; sie gehörten Wills Brüdern. Im Haus regte sich allerdings nichts, wahrscheinlich waren alle draußen und kümmerten sich um das Vieh und das Gelände.

Ein Glück. Schließlich musste sie noch ihre Hausaufgaben für den Online-Kursus erledigen. Was sie allerdings nur tun konnte, wenn das WLAN inzwischen funktionierte, wie Will gestern so vollmundig angekündigt hatte. Immerhin hing über dem Kamin jetzt ein großer Flachbildfernseher, das war schon mal ein gutes Zeichen.

Aber das war noch nicht alles: Ein Ledersofa, ein Couchtisch und zwei bequeme Sessel sorgten dafür, dass das Wohnzimmer gleich viel gemütlicher wirkte als bisher. Außerdem stand im Hauswirtschaftsraum ein nagelneuer Waschtrockner.

Will versprach also nicht nur viel, sondern war auch ein Mann der Tat. Wenn Jordyn nicht so stinksauer auf ihn gewesen wäre, hätte sie ihn dafür bewundert.

Im Obergeschoss klebte an ihrer Tür eine Haftnotiz: „Das Internet funktioniert jetzt“, hatte Will daraufgeschrieben und dazu das nötige Passwort notiert.

Jordyn streifte sich die Schuhe ab, machte es sich auf dem Bett bequem und widmete sich ihren Aufgaben.

Um kurz vor sechs hörte sie, wie die Männer unten ins Haus kamen. Sie überlegte kurz, ob sie einfach oben bleiben sollte, um Will aus dem Weg zu gehen, doch dann entschied sie sich dagegen. Sie mochte seine Brüder sehr und hätte es ziemlich unhöflich gefunden, ihnen nicht wenigstens kurz Hallo zu sagen.

Die Männer standen alle mit einem Bier in der Küche. Die Schuhe hatten sie ausgezogen und sich außerdem offenbar Hände und Gesicht gewaschen.

Jordyn begrüßte sie nacheinander: Craig, den ältesten, Rob, den jüngsten, und Jonathan, den drittältesten nach Will. Alle drei waren sehr herzlich zu ihr.

Will räusperte sich. „Und, ist das Abendessen schon fertig?“

Am liebsten hätte sie ihm eine schnippische Bemerkung entgegengeschleudert. Stattdessen stellte sie sich vor ihn, legte ihm die Hände auf die breiten, muskulösen Schultern und lächelte zuckersüß zu ihm hoch. „Ja. Jetzt müsste nur noch jemand den Tisch decken.“

Er blieb regungslos stehen und beobachtete sie misstrauisch. „Okay, darum kümmern wir uns.“

„Danke.“ Und weil es ihr so gut gefiel, spielte sie ihre Rolle einfach weiter. „Und? Wie war dein Tag, Schatz?“

In seinen Augen blitzte etwas auf, und es zuckte um seine Mundwinkel. Dann legte er ihr die warmen Hände auf die Taille. „Es war ein richtig guter Tag“, erwiderte er mit rauer Stimme. „Wir haben hier ganz schön viel geschafft.“

„Das habe ich schon gesehen. Du hast jetzt sogar eine kleine Rinderherde.“

Er schob ihr die rechte Hand in den Rücken – so sanft, dass es ihr wie eine zärtliche Geste vorkam. Plötzlich fühlte sie sich voller Energie: Das Blut rauschte heiß und schnell durch ihre Adern, ein wohliger Schauer ergriff sie. Ganz langsam ließ sie den Blick zu seinem Mund schweifen. Im Gegensatz zu seinem gestählten Körper waren seine Lippen voll und weich.

In diesem Moment drehte er den Spieß um und starrte auf ihren Mund.

Jordyn hielt die Luft an.

Als Nächstes schlang er die kräftigen Arm um sie und beugte sich zu ihr herunter. Er roch so unendlich gut, ein bisschen nach Duschgel und nach seiner warmen, sauberen Haut.

Und wie er sie dann küsste! Ein unbeschreibliches Gefühl … Jordyn wurde ganz flau in der Magengegend, und ihre Knie gaben nach. Kein Wunder, dass Desiree Fenton noch immer nicht über ihre Trennung hinweggekommen war.

Schließlich löste er sich von ihr, und sie betrachteten sich einige Herzschläge lang eindringlich. Ärger blitzte in ihren Augen auf – aber das war noch nicht alles. In ihren Blicken lag so viel mehr: Verlangen, heißes, sehnsüchtiges Verlangen …

Es war doch nur ein Kuss, sagte Jordyn sich. Nur um den anderen zu zeigen, dass wir auch richtig verheiratet sind.

„Hey, ihr zwei“, schaltete sich Wills Bruder Jonathan ein. „Das ist ja schon nicht mehr jugendfrei!“

Damit war die Spannung gelöst, und alle lachten.

Jordyn legte eine Hand auf Wills harten Oberkörper und drückte ihn sanft von sich weg. „Okay, Jungs“, sagte sie. „Dann deckt mal schnell den Tisch, und ich hole den Eintopf.“

Die Clifton-Brüder hatten alle einen guten Appetit. Sobald das Essen abgeräumt war, setzten sich alle ins Wohnzimmer und unterhielten sich noch eine gute Stunde. Um halb acht fuhren Craig, Rob und Jonathan zurück ins Maverick Manor, versprachen aber, am nächsten Morgen wiederzukommen. Dann wollten nämlich der neue Vorarbeiter und seine Frau aus Thunder Canyon anreisen. Außerdem sollte ein Umzugswagen Wills Möbel und seine drei Pferde vorbeibringen.

Sobald die drei Brüder losgefahren waren, breitete sich eine etwas bedrückende Stille aus. Jetzt waren Jordyn und Will wieder allein, und die Auseinandersetzung des gestrigen Abends stand immer noch zwischen ihnen wie eine unsichtbare Mauer.

Um die unangenehme Situation erträglicher zu machen, begann Jordyn schnell mit dem Abwasch.

Will nahm sich ein Küchenhandtuch und trocknete das Geschirr ab. Schließlich brach er das Schweigen: „Ich habe gestern übrigens auch einen Geschirrspüler bestellt, als ich den Waschtrockner gekauft habe. Hast du den schon gesehen?“

Einerseits wollte sie sich nicht mehr mit ihm streiten, andererseits war sie ihm nicht gerade freundlich gesinnt. „Ja. Sieht gut aus“, erwiderte sie also knapp.

„Morgen kommt der Geschirrspüler, er wird dann gleich angeschlossen.“

Sie spülte den Schaum von einem Teller. „Prima.“

„Das Passwort für das WLAN hast du gefunden, oder?“

„Ja, danke.“ Sie reichte ihm den Teller.

Er trocknete ihn ab und legte ihn auf den wachsenden Stapel neben der Spüle. „Und deine Hausaufgaben?“

„Sind erledigt.“ Sie spülte den letzten Teller ab, den er anschließend ebenfalls abgetrocknet auf den Stapel legte. Dann wandte sie sich den Gläsern zu.

Schließlich versuchte Will es noch mal: „Übrigens hat der Makler heute zurückgerufen, wegen der Ziegen und des Hahnes, weißt du?“

„Ja?“

„Er meinte, unsere Vorgänger hätten in ihrem neuen Zuhause keinen Platz mehr für Tiere und könnten sich nicht weiter darum kümmern. Na ja, unterm Strich kommt dabei heraus, dass ich jetzt stolzer Besitzer dreier Ziegen, einer Katze mit fünf Jungen und eines ziemlich selbstgefälligen Hahnes bin. Und wer weiß, was hier noch alles für Viehzeug auftaucht …“

Dazu hatte Jordyn nichts weiter zu sagen. Was auch? Für sie waren das ziemlich gute Neuigkeiten, denn sie hatte die Tiere allesamt ins Herz geschlossen. Andererseits wäre es natürlich besser, sich gefühlsmäßig nicht allzu sehr darauf einzulassen. Denn wenn sie nach Missoula zog, würde ihr der Abschied umso schwerer fallen.

Will hängte das Küchenhandtuch auf und verstaute das Geschirr in einem Wandschrank. Dann blieb er einfach davor stehen, den Rücken zu Jordyn gewandt. Plötzlich drehte er sich um. „Meinst du, dass du noch sehr lange sauer auf mich sein wirst?“ Sein sinnlicher Mund war leicht nach unten gezogen, und seine blauen Augen blickten traurig.

Augenblicklich wurde ihr warm, und sie empfand große Zärtlichkeit für ihn. „Wenn du mit mir über die ganze Sache redest, dann nicht mehr.“

„Wie wär’s dann, wenn wir jetzt ins Wohnzimmer gehen und uns auf die neue Couch setzen?“ Er hielt ihr die Hand hin.

Sie griff danach, und er schloss die Finger um ihre. Auf einmal fühlte sie sich viel besser.

Im Wohnzimmer setzten sie sich jeweils ans Ende des Sofas. Jordyn streifte sich die Schuhe ab, zog die Beine seitlich auf die Sitzfläche und wandte sich ihm zu.

Er tat es ihr gleich. „Eigentlich ist alles ganz einfach“, begann er. „Ich wollte grundsätzlich erst dann heiraten, wenn ich mein eigenes Haus hatte. Das wusste Desiree auch, als wir zusammengekommen sind.“

„Das hast du ihr damals ganz direkt gesagt?“

„Ja, ich habe ihr auch erklärt, wie lange das etwa noch dauern würde, nämlich ungefähr fünfzehn Jahre. Ich hatte ja keine Ahnung, dass wir Tante Willie schon zwei Jahre später verlieren würden und sie mir so viel Geld vermachen würde. Damals war ich achtundzwanzig. Ich bemühe mich immer, in Beziehungen ehrlich zu sein und die Frauen möglichst früh darüber aufzuklären, wie ich so ticke.“

„Und wie hat Desiree reagiert?“

„Sie fand das alles ganz in Ordnung, weil sie sowieso nicht heiraten wollte. Das meinte sie zumindest damals.“

„Tja, so wie sie gestern auf unsere Eheringe reagiert hat, hat sie wohl entweder gelogen oder es sich irgendwann anders überlegt.“

Will rutschte unruhig auf seinem Sitz hin und her. „Na ja, Desiree und ich waren fast ein Jahr zusammen.“

Jordyn verzog das Gesicht. „Das ist ganz schön lang.“

„Ich hatte sie auch sehr gern, und wir haben uns bestens verstanden. Außerdem dachte ich die ganze Zeit, sie würde alles gern so belassen wollen, wie es war. Aber dann gab es eines Abends einen riesigen Eklat. Sie war in Tränen aufgelöst und meinte, dass sie mich liebte und heiraten wollte. Und dass sie es nicht aushalten könnte, noch länger auf mich zu warten.“

„Und du? Ich meine … hast du sie auch geliebt?“ Kaum hatte Jordyn den Satz ausgesprochen, wünschte sie, sie hätte ihn sich verkniffen. Wenn er jetzt Ja sagte, würde sie unbedingt wissen wollen, ob er immer noch etwas für Desiree empfand.

Denn obwohl sie und Will nur auf dem Papier verheiratet waren, hatte sie den Eindruck, dass ihr diese Ehe jeden Tag mehr bedeutete. Umso mehr beunruhigte es sie, dass er ihre Frage immer noch nicht beantwortet hatte. „Will?“, hakte sie ungeduldig nach.

Endlich antwortete er ihr: „Das habe ich dir eben schon gesagt. Ich hatte sie sehr gern. Aber Liebe war das nicht, und ich wollte sie auch nicht heiraten.“

Jordyn war unendlich erleichtert. Warum? Darüber wollte sie nicht genauer nachdenken. Stattdessen konzentrierte sie sich lieber darauf, wie dämlich Will sich Desiree gegenüber verhalten hatte. „Männer merken manchmal wirklich gar nichts“, seufzte sie. Dann erst wurde ihr klar, dass sie die Worte laut ausgesprochen hatte.

„Wie bitte? Desiree hat die ganze Zeit einen glücklichen Eindruck gemacht. Und auf einmal machte sie dieses Riesendrama.“

„Es gab bestimmt Anzeichen, dass sie mit der Situation nicht besonders zufrieden war. Du wolltest sie bloß nicht wahrnehmen.“

Er seufzte. „Das kann sein. Ich weiß nur, dass ich mich richtig mies gefühlt habe, als alles vorbei war. Und als ich sie gestern wiedergesehen habe, kam ich mir wieder wie ein Mistkerl vor. Ich wollte sie wirklich nicht verletzen. Aber was hätte ich denn tun sollen?“

„Ich weiß es auch nicht“, gab sie zu. „Wahrscheinlich ist es in der Liebe eben so, dass manchmal jemand verletzt wird.“

Will stützte die Ellbogen auf die Knie und ließ den Kopf hängen. „Jetzt brauche ich erst mal ein Bier. Du auch?“

„Nein, danke.“

Er verschwand kurz in der Küche und kam dann mit einer eisgekühlten Dose zurück. Nachdem er sich wieder gesetzt hatte, trank er einen langen Zug. „Und was ist jetzt mit uns? Ist so weit alles wieder in Ordnung?“

Einige Sekunden lang blickte sie ihn schweigend an, dann nickte sie. „Ja, alles in Ordnung so weit.“

Er atmete hörbar aus und ließ sich gegen die Kissen sinken. „Puh, da bin ich aber erleichtert.“

„Tja …“, begann sie. „Jetzt hast du also deine Ranch und kannst demnächst auch richtig heiraten. Wenn wir erst mal geschieden sind, meine ich. Du brauchst also nur noch eine nette kleine Frau, und dann hat sich dein Lebenstraum erfüllt. Fünfzehn Jahre früher als geplant. Toll, nicht?“

„Jordyn Leigh!“ Jetzt klang er wieder wie der besserwisserische große Bruder.

Sie klimperte demonstrativ mit den Lidern. „Was ist denn, Will?“

„Kann ja sein, dass ich manchmal wirklich nicht viel mitkriege, aber sogar ich weiß, dass ich die Partnerin fürs Leben nicht von heute auf morgen finde. Weil das nämlich ganz anders funktioniert, als wenn ich mir ein neues Sofa oder einen Fernseher kaufe.“

Sie kicherte. „Ach, Will, du hoffnungsloser Romantiker!“

„Mach dich nicht über mich lustig, ich meine das vollkommen ernst. Ja, wenn ich die Ranch hier in ein paar Jahren auf Vordermann gebracht habe, sehe ich mich vielleicht nach einer Frau um. Aber ich habe da so meine Ansprüche. Ich wünsche mir nämlich genau das, was deine und meine Eltern auch gefunden haben: die eine große Liebe. Mit weniger gebe ich mich nicht zufrieden.“

Bei seinen Worten zog sich ihr Herz zusammen – aber das geschah ihr recht, nachdem sie ihn so aufgestachelt hatte.

„Hey, was ist los?“, wollte er wissen. „Du siehst auf einmal so traurig aus.“

Sie begegnete seinem Blick und konnte sich gar nicht wieder von seinen faszinierenden blauen Augen lösen. „Ach, nichts.“

„Na, komm schon.“ Es klang sanft, sogar liebevoll. Mit diesem Tonfall konnte Will alles erreichen, was er wollte.

Jordyn seufzte. „Ich fand das nur so schön, was du da eben gesagt hast …“ Will fiel eine schwarze Haarsträhne in die Stirn. Am liebsten hätte sie sie ihm aus dem Gesicht gestrichen, aber das wäre zu intim gewesen.

Er nahm die Fernbedienung vom Beistelltisch. „Hast du Lust, ein bisschen fernzusehen?“

„Ja, warum nicht?“

Der große Flachbildschirm über dem Kamin leuchtete auf. Der Fernseher war auf den Sportsender eingestellt, im Moment lief ein Baseballspiel. Eigentlich machte sich Jordyn nicht viel aus Baseball. Trotzdem genoss sie es, neben Will auf der Couch zu sitzen und mit ihm zu jubeln, wenn jemand einen besonders guten Schlag machte.

Er lehnte sich zurück und legte einen Arm über die Rückenlehne. Als seine Finger dabei ihre Schulter berührten, erschauerte sie.

Ganz ruhig bleiben, Jordyn.

„Komm, mach’s dir bequem“, forderte er sie auf.

Vorsichtig lehnte sie sich in seine Richtung. Ja, sie sehnte sich danach, seine Nähe zu spüren und so zu tun, als ob …

Will kam ihr entgegen und legte ihr den Arm um die Schulter, zog sie zu sich heran.

Und schon schmiegte sie sich an ihn. Es fühlte sich wunderschön an. Viel zu schön und viel zu intim – und das, obwohl sie gerade ganz allein im Wohnzimmer waren und niemandem etwas vorspielen mussten.

Der nächste Tag war ein Freitag.

Als Jordyn von der Arbeit nach Hause kam, waren Wills Brüder schon wieder auf dem Weg zum Maverick Manor. Will stellte ihr den neuen Vorarbeiter Myron Stevalik und seine Frau Pia vor. Jordyn fand beide sehr sympathisch.

Inzwischen war auch das Umzugsunternehmen vorbeigekommen und hatte Wills Sachen aus dem kleinen Mietshaus in Thunder Canyon mitgebracht. Die Veranda und der Eingangsbereich waren mit Möbeln und Umzugskartons vollgestellt.

Gemeinsam überlegten Jordyn und Will, wie sie die Möbel auf die Räume verteilen sollten, und verstauten auch einige Dinge aus den Kartons. Nach einer Weile sah es in dem Haus schon richtig wohnlich aus. Abends waren beide ziemlich früh müde und erschöpft vom Tag und gingen bald ins Bett.

Am nächsten Morgen, einem Samstag, frühstückten sie zusammen. Als Will etwa die Hälfte seiner Spiegeleier mit Schinken aufgegessen hatte, blickte er hoch. „Na, was hast du heute vor?“

Jordyn trank einen Schluck Kaffee. „Ich wollte noch die restlichen Küchensachen einräumen und vielleicht ein bisschen für meine Online-Seminare lernen …“

„Wie wär’s mit einem Picknick?“ Sein Lächeln war unwiderstehlich. „Wir könnten ja ein Stück über die Ranch reiten, nur du und ich. Die Flying-C-Ranch ist die schönste Ranch im Rust Creek Valley, und ich würde sie dir gern genauer zeigen.“

Das klingt doch sehr vielversprechend, fand Jordyn. Und außerdem völlig ungefährlich: Wenn sie beide jeweils auf einem Pferd saßen, konnten sie sich kaum zu nahekommen, oder? „Ja, ich bin dabei!“

„Nimm am besten Badezeug mit. Wir reiten hauptsächlich am Bach entlang, und heute soll es heiß werden. Es gibt hier auf dem Gelände eine richtig schöne kleine Badestelle, sogar mit Wasserfall.“

Das hörte sich gut an. Wenn es um Will ging, konnte sie eine Abkühlung vertragen.

„Jordyn?“

Erst jetzt wurde ihr klar, dass sie schon wieder wortlos ins Nichts gestarrt hatte. „Ja?“

„Nimmst du Badezeug mit?“

„Ja, natürlich. Mache ich.“

Später, um etwa halb zwölf, saß Jordyn auf Wills grauer Stute Darlin’. Das Badezeug hatte sie sich untergezogen, außerdem hatte sie Sandwiches und Obst in den Satteltaschen verstaut.

Will hatte sich den schwarzen Wallach Shady gesattelt und ritt voran.

Als sie um den Teich ritten, glotzten einige schwarze Kühe von der kleinen Anhöhe aus zu ihnen herüber. Ein neugieriger Stier folgte ihnen ein Stück den Bach entlang, der sich in kleinen Bögen durch die Landschaft schlängelte. Zunächst ritten sie über sanft hügeliges Weideland, während ihnen die Sonne warm auf den Rücken schien.

Dann stieg das Gelände an. Sie ritten weiter den kleinen Weg entlang, der allmählich immer steiler wurde. Diesmal bewegten sie sich im kühlen Schatten der Weiden und Pappeln, die am Bach wuchsen.

Jordyn nahm ein leises Rauschen wahr, das allmählich immer stärker wurde. „Ich glaube, ich kann schon deinen Wasserfall hören!“, rief sie Will zu.

Er winkte sie zu sich nach vorn, und von jetzt an ritten sie nebeneinander weiter. „Es ist gleich da drüben“, sagte er.

Das Rauschen wurde immer lauter. Will verließ den Weg und schlängelte sich ihr voran durch die Bäume hindurch bis zum Ufer. „So, wir sind da.“ Er klang zufrieden und stolz.

Dafür hatte er auch allen Grund: Auf der anderen Seite stürzte ein spektakulärer Wasserfall über riesige schwarze Felsen in einen tiefgrünen kleinen See.

„Das ist ja wunderschön!“, schwärmte Jordyn.

Sie legten den Pferden gepolsterte Fußfesseln an, damit sie nicht wegliefen. Dann breiteten sie eine Satteldecke aus und zogen sich bis auf ihre Schwimmsachen aus. Jordyn trug einen Bikini mit Hawaii-Muster, Will behielt seine Jeans an.

Er rannte los und sprang ins Wasser.

Sie folgte ihm, tauchte ganz unter und schoss sofort wieder hoch. „Puh, kalt!“, rief sie.

Er lachte. „Ach, komm!“ Er kraulte zu den schwarzen Felsen, und sie schwamm hinterher. Vorsichtig kletterte er über die glatten Steine nach oben. Dann kam sie aus dem Wasser und platzierte ihre Hände und Füße genauso wie Will. Zweimal rutschte sie dabei ab und schrie laut auf.

Beide Male hielt er inne und drehte sich zu ihr um. „Soll ich dir helfen?“

„Ach, Quatsch! Ich komme schon klar.“

Kopfschüttelnd kletterte er weiter. Dann schwang er sich auf den obersten Felsvorsprung und reichte ihr die Hand, um sie ebenfalls hochzuziehen.

Erst wollte Jordyn sich wieder weigern … aber dann musste sie innerlich über sich selbst und ihre etwas kindische Trotzreaktion lachen. Also streckte sie ihm die Hand entgegen, und Will zog sie mit einem Ruck hoch. Sie lachte erneut, als sie dabei stolperte.

Er nahm sie fest in den Arm. „Hey, Vorsicht! Was ist daran eigentlich so lustig?“

Sie blickte in seine faszinierenden blauen Augen … und wurde plötzlich ganz ernst. Sein nasses Haar schimmerte schwarzblau, und Wassertropfen glitzerten auf seinem markanten Gesicht, auf seinen breiten Schultern und seiner muskulösen Brust. Am liebsten wäre sie noch ewig so dagestanden, im warmen Sonnenlicht und vor allem in seinen kräftigen Armen.

„Jordyn?“

„Hm, ja?“

„Du bist ja schon wieder so …“

„Wie denn?“

„Du starrst einfach ins Nichts und hörst mich nicht, wenn ich mit dir spreche. Als wärst du in Gedanken ewig weit weg.“

„Das stimmt nicht“, erwiderte sie mit sanfter Stimme. „Wirklich nicht. Ich bin die ganze Zeit genau hier.“ Sie betrachtete seinen Mund. Wenn sie ihn jetzt küsste, dann wäre es ein echter Kuss. Und keiner für die Öffentlichkeit. Ja, Jordyn wollte ihn küssen. Sehr sogar.

Die verschwommenen Erinnerungen an den letzten Samstag zogen an ihrem inneren Auge vorbei. War es wirklich erst eine Woche her, dass sie zusammen im Mondschein im Park getanzt hatten?

Und war sie wirklich erst letzten Sonntag mit einem Ehering am Finger in Wills Hotelbett aufgewacht?

„Jordyn?“ Seine Lippen kamen ihr in diesem Moment besonders sinnlich vor. Er war ein unglaublich attraktiver Mann mit seinem dunklen Bartschatten, dem muskulösen Körper und den starken Armen, mit denen er sie festhielt.

Und warum roch er eigentlich immer so gut? Das war wirklich nicht fair.

„Jordyn?“

„Will.“ Leise und sanft sprach sie seinen Namen aus – wie ein Geheimnis oder ein Gebet. Sie strich ihm über die harte, feuchte Brust, legte ihm die Finger in den kräftigen Nacken und zupfte vorsichtig an den kurzen nassen Haarsträhnen. „Will …“

„Jordyn …“, flüsterte er heiser.

Dann beugte er sich langsam zu ihr herunter.

8. KAPITEL

Will bedeckte Jordyns süße, volle Lippen mit seinen.

Sie fühlten sich wunderbar an, genau wie gestern, als sie sich vor seinen Brüdern geküsst hatten. Und so wie letzte Woche in Crawford’s General Store, als sie den beiden Tratschtanten das verliebte Paar vorgespielt hatten.

Oder am letzten Samstag, als er sie einfach nur so geküsst hatte – weil er es eben wollte.

Die kleine Jordyn Leigh Cates. Keine küsst wie sie. Wer hätte das gedacht!

Eigentlich dürfte ihn das inzwischen nicht mehr überraschen. Und trotzdem: Jedes Mal fühlte es sich an wie das erste Mal.

Da konnte er nur hoffen, dass er das in den nächsten Wochen, die sie miteinander verbringen würden, noch oft erleben würde. Ob das nun klug war oder nicht.

Sie machte keinerlei Anstalten, sich von ihm zu lösen, obwohl sie ganz allein waren und bestimmt niemandem etwas vorspielen mussten. Ja, sie erwiderte seinen Kuss – das war eindeutig.

Sie öffnete vorsichtig die Lippen und ließ ihn ihren süßen Mund erkunden. Allmählich wurden ihm seine nassen Jeans zu eng …

Sie ist meine Frau, sagte er sich.

Allerdings wohl nicht mehr lange. Es sei denn, sie war schwanger.

Aber Schwangerschaft hin oder her, dieser Moment war unbeschreiblich schön. Den konnte ihnen niemand nehmen. Sanft strich er über ihren Rücken und spürte dabei ihre festen, kleinen Brüste an seinem Oberkörper. Ihr Duft machte ihn ganz benommen. Sie roch nach reifen Pfirsichen und frischem Frühlingsregen.

Er schwankte leicht. „Oh“, raunte er an ihren Lippen. „Ich glaube, wir setzen uns lieber hin.“

„Bevor wir noch runterstürzen, meinst du?“

„Genau.“ Erneut presste er die Lippen auf ihre, genoss ihren süßen Geschmack und knabberte an ihrer weichen Unterlippe. Dann ging er in die Hocke und zog sie zu sich nach unten auf den Schoß.

Sie lehnte sich in seinem Arm zurück und fuhr ganz sanft über seine Wange. „Ich glaube, wir müssen aufhören …“

Er umschloss ihren Zeigefinger mit den Lippen und strich mit der Zunge darüber. „Pst … es ist alles gut. Wir machen doch nichts Schlimmes, wir …“

Autor

Teresa Southwick
Teresa Southwick hat mehr als 40 Liebesromane geschrieben. Wie beliebt ihre Bücher sind, lässt sich an der Liste ihrer Auszeichnungen ablesen. So war sie z.B. zwei Mal für den Romantic Times Reviewer’s Choice Award nominiert, bevor sie ihn 2006 mit ihrem Titel „In Good Company“ gewann. 2003 war die Autorin...
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