Nach Rom – der Liebe wegen

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Kurz vor der geplanten Traumhochzeit in Rom lässt Emilio Andreoni seine Verlobte fallen. Schließlich hat er mit eigenen Augen gesehen, dass Gisele ihn betrügt! Erst als ihre Zwillingsschwester auftaucht, erkennt der Millionär: Die Trennung war ein großer Fehler …


  • Erscheinungstag 23.09.2021
  • ISBN / Artikelnummer 9783751513074
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

1. KAPITEL

Emilio saß in einem Café nicht weit entfernt von seinem Büro in Rom, als er die Wahrheit herausfand. Der Druck auf seiner Brust raubte ihm die Luft. Er las den Artikel über die Zwillingsschwestern, die bei der Geburt getrennt worden waren. Es war Sensationsjournalismus par excellence: eine anrührende Story, wie die eineiigen Zwillinge sich durch Zufall wiederfanden, nachdem eine Verkäuferin in einem Kaufhaus in Sydney die beiden verwechselt hatte.

Die beiden verwechselt hatte …

Emilio lehnte sich in seinem Stuhl zurück und beobachtete das bunte Treiben der Stadt. Touristen und Berufstätige, Alte und Junge, Paare und Singles, jeder ging seinen Erledigungen nach, ohne etwas von Emilios Schock zu ahnen.

Das war nicht Gisele in dem Sex-Video im Internet gewesen!

Er war so felsenfest überzeugt gewesen, war so unnachgiebig geblieben. Er hatte ihre Unschuldsbeteuerungen nicht hören wollen. Sie hatte ihn angefleht, ihr zu glauben, doch nicht ein Wort von dem, was sie sagte, hatte er wahrhaben wollen.

Er hatte sich völlig verrannt.

Sie hatte geweint. Geschrien. Mit den Fäusten auf ihn eingetrommelt, während ihr Tränen über das Gesicht strömten. Und er hatte sich einfach umgedreht und war gegangen. Hatte den Kontakt zu ihr komplett abgebrochen und sich geschworen, nie wieder etwas mit ihr zu tun zu haben.

Er hatte sich so geirrt.

Der Skandal hätte seine Firma fast in den Ruin getrieben. Etliche Überstunden waren nötig gewesen, unzählige schlaflose Nächte, ständiges Reisen von Projekt zu Projekt, um wieder da anzukommen, wo er heute war. Jetzt waren die Schulden endlich abbezahlt und sein Ehrgeiz, die Millionen einzufahren, kannte keine Grenzen.

Und die ganze Zeit über hatte er Gisele dafür die Schuld gegeben. Sein Hass auf sie war wie eine eiternde Wunde gewesen, die nicht heilen wollte. Jedes Mal, wenn er an sie gedacht hatte, war die Wut in ihm übergeschäumt. An manchen Tagen war ihm der Zorn wie lodernde Flammen durch die Adern gefahren. Ein Fieber, das nicht zu kontrollieren war.

Das plötzliche Schuldbewusstsein sorgte dafür, dass ihm ein wenig schlecht wurde. Er rühmte sich, nie falsch zu urteilen. Er strebte nach Perfektion – auf jedem Gebiet seines Lebens. „Versagen“ gehörte nicht zu seinem Wortschatz.

Bei Gisele hatte er versagt.

Emilio holte sein Handy hervor. Giseles Nummer war noch eingespeichert – als Erinnerung, niemandem mehr zu trauen. Er hatte sich nie für den sentimentalen Typ gehalten, aber als er ihre Daten aufrief, verharrte sein Daumen zitternd über dem Knopf. Irgendwie schien es ihm nicht die richtige Art, sich telefonisch zu entschuldigen. Das sollte er persönlich machen, das war wohl das Mindeste. Er wollte diesen Fehler aus der Welt schaffen, einen Schlussstrich ziehen und sein Leben weiterleben.

Statt Gisele rief er seine Sekretärin an. „Carla, sagen Sie alle Termine für nächste Woche ab und buchen Sie mir den ersten Flug nach Sydney, den Sie bekommen können. Ich habe etwas Dringendes zu erledigen.“

Gisele zeigte der jungen Mutter gerade ein Taufkleidchen, als Emilio Andreoni ihre Baby-Boutique betrat.

Sie hatte sich immer wieder ausgemalt, wie die Situation ablaufen würde, nur für den Fall, dass er sich tatsächlich eines Tages zu einer Entschuldigung durchringen sollte. Sie hatte sich vorgestellt, dass sie ihn ansehen und nichts fühlen würde, nichts außer dem tief sitzenden Hass auf ihn, weil er ihr nicht vertraut und sie unbarmherzig abgewiesen hatte.

Doch ein Blick auf ihn, wie er dastand – so groß und völlig fehl am Platz –, und sie hatte das Gefühl, der Boden würde sich vor ihr auftun. Emotionen, die sie bisher eisern unter Kontrolle gehalten hatte, stiegen an die Oberfläche. Wie konnte es physische Schmerzen bereiten, jemandem von Angesicht zu Angesicht gegenüberzustehen? Wieso zog sich alles in ihr zusammen, als sie auf den Blick aus seinen schwarzen Augen traf?

Er war noch immer tief gebräunt. Es war die gleiche gerade römische Nase, die gleichen durchdringenden Augen, das gleiche markante Kinn, das allerdings im Moment aussah, als hätte es in den letzten sechsunddreißig Stunden keinen Rasierer mehr gesehen. Das leicht wellige Haar war etwas länger, als sie es in Erinnerung hatte, und die Augen, umrahmt von verboten dichten Wimpern, waren rot unterlaufen – zweifelsohne von einer durchgemachten Nacht mit irgendeinem seiner Betthäschen.

„Entschuldigen Sie mich bitte einen Moment“, sagte sie zu der jungen Mutter und ging zu ihm.

Er stand bei der Auslage mit den Frühchen-Sachen, eine Hand neben einem winzigen Jäckchen mit aufgestickten Rosenblüten. Seine Hand wirkte riesig im Vergleich zu der Weste, und Gisele musste unmittelbar daran denken, dass Lily bei der Geburt selbst dafür zu klein gewesen wäre.

Sie musste sich zusammennehmen. „Kann ich dir helfen?“

„Du weißt, warum ich hier bin, Gisele“, sagte er mit dieser tiefen dunklen Stimme, die sie so sehr vermisst hatte. Sie löste einen Schauer auf ihrer Haut aus wie eine Liebkosung.

Angestrengt kämpfte Gisele um Beherrschung. Sie wollte ihn nicht sehen lassen, dass er noch immer auf sie wirkte, selbst wenn es nur eine rein körperliche Reaktion war. Sie musste stark sein, würde ihm zeigen, dass sein Mangel an Vertrauen ihr Leben nicht zerstört hatte. Sie war unabhängig und selbstständig, er bedeutete ihr nichts mehr.

„Sicher.“ Ihre Lippen verzogen sich kurz, ohne einem Lächeln auch nur nahezukommen. „Unser ‚Zwei-zum-Preis-von-einem‘-Angebot. Du kannst zwischen Blau, Rosa und Gelb wählen. Die weißen Strampler sind leider schon alle weg.“

Sein Blick lag beharrlich auf ihrem Gesicht, dunkel und hypnotisierend wie früher. „Können wir irgendwo unter vier Augen reden?“

„Wie du siehst, habe ich Kundschaft.“ Sie deutete auf die junge Frau, die jetzt die Regale durchsah.

„Bist du in der Mittagspause frei?“

Gisele fragte sich, ob er in ihrem Gesicht nach Fehlern suchte. War ihm aufgefallen, dass ihr Teint lange nicht mehr so strahlte wie früher? Sah er die dunklen Augenringe, die sich von keinem Make-up abdecken ließen? Er hatte immer großen Wert auf Perfektion gelegt, nicht nur bei seiner Arbeit. Vermutlich entsprach sie heute nicht mehr seinem Standard, selbst wenn ihr Ruf wieder hergestellt war. „Ich besitze ein Geschäft“, erwiderte sie stolz. „Ich nehme mir keine Mittagspause.“

Kritisch sah er sich in der Baby-Boutique um, die sie wenige Wochen nach der Trennung, nur Tage vor dem abgesagten Hochzeitstermin, gekauft hatte. Das kleine Geschäft zu der erfolgreichen exklusiven Boutique aufzubauen war das Einzige, was ihr in den letzten beiden Jahren über den Kummer hinweggeholfen hatte.

Freunde und ihre Mutter hatten immer wieder zu bedenken gegeben, ob es nicht besser wäre, das Geschäft zu verkaufen, nachdem Lily nicht überlebt hatte. Doch für sie war dieser Laden eine Verbindung zu ihrer fragilen kleinen Tochter. Hier, umgeben von handgemachten Babydecken, gehäkelten Mützchen und kleinen Söckchen, fühlte sie sich Lily näher. Niemand wusste, wie schwer es ihr fiel, nicht in die Kinderwagen zu sehen, die durch die Ladentür kamen, und die rosigen kleinen Bündel zu streicheln, die dort sicher und wohlbehütet schliefen. Niemand ahnte, wie oft sie sich in den Nächten an die Decke klammerte, in die Lily für die wenigen Stunden ihres Lebens eingewickelt gewesen war.

Emilios Blick kehrte zu ihr zurück. „Dann treffen wir uns zum Dinner. Der Laden schließt doch um sechs, oder?“

Gisele sah der jungen Mutter nach, die den Laden verließ – vermutlich vertrieben durch Emilios düstere Anwesenheit. „Dinner ist ausgeschlossen. Ich habe andere Pläne.“

„Bist du mit jemandem zusammen?“

Glaubte er wirklich, nach dem, was er ihr angetan hatte, würde sie sich gleich in die nächste Beziehung stürzen? Manchmal fragte sie sich, ob sie sich überhaupt je wieder auf einen Mann einlassen würde.

Langsam bekam sie das Gefühl, dass er nicht nur gekommen war, um sich zu entschuldigen. Die Atmosphäre schien mit jedem Atemzug dichter zu werden. Verdammt, sie konnte sogar fühlen, wie ihr Körper auf seine Präsenz reagierte, genau wie damals. Alle ihre Sinne waren in Alarmbereitschaft, Erinnerungen stürzten auf sie ein – wie er ihr alles über die körperlichen Freuden beigebracht hatte. Wie er ihr gezeigt hatte, wie viel sie geben und nehmen konnte.

Sie hob das Kinn. „Ich wüsste nicht, was dich das angeht.“

Ein Muskel zuckte in seiner Wange. „Ich weiß, wie schwer es für dich ist, Gisele. Für mich auch.“

Sie bedachte ihn mit einem vernichtenden Blick. „Du meinst, du hättest nie damit gerechnet, dass du dich mal entschuldigen müsstest?“

Seine Miene verschloss sich sofort. „Ich bin nicht stolz darauf, wie ich die Sache beendet habe. Aber an meiner Stelle hättest du genauso reagiert.“

„Falsch. Ich hätte nach einer anderen Erklärung gesucht, als das Video im Internet auftauchte.“

„Herrgott, Gisele, meinst du, das hätte ich nicht getan? Du sagtest, du seist ein Einzelkind. Selbst du wusstest nicht, dass du eine Zwillingsschwester hast. Ich habe mir das Video angesehen und sah dich, das gleiche silberblonde Haar, die gleichen blaugrauen Augen, sogar die gleiche Gestik. Was hätte ich denn glauben sollen?“

„Du hättest mir glauben sollen“, gab sie schneidend zurück. „Aber du hast mich nicht genug geliebt, um mir zu vertrauen. Du hast mich überhaupt nicht geliebt, du brauchtest nur die perfekte Vorzeigefrau. Und die gab es durch dieses erbärmliche Video nicht mehr. Es hätte keinen Unterschied gemacht, selbst wenn die Wahrheit nach zwei Minuten ans Licht gekommen wäre statt nach zwei Jahren. Für dich hatte dein Geschäft immer Vorrang.“

„Ich habe alle geschäftlichen Termine verschoben, um herzukommen und dich persönlich zu sehen“, warf er ein, die Stirn unwillig gerunzelt.

„Nun, du hast mich gesehen. Du kannst also wieder in deine Privatmaschine steigen und zurückfliegen.“ Mit einem hochmütigen Blick drehte sie sich auf dem Absatz um.

„Verdammt, Gisele.“ Er packte sie beim Handgelenk und zog sie mit einem Ruck wieder zu sich herum.

Der Griff seiner Finger brannte sich in ihre Haut. Ihr Magen zog sich zusammen, als ihr Blick auf seinen stieß. Sie wollte sich nicht in diesen dunkel glitzernden Augen verlieren. Ein Mal reichte. Es war ihr Untergang gewesen, sich in einen Mann zu verlieben, der weder lieben noch vertrauen konnte.

Und sie wollte nicht so nah bei ihm sein. Sein Duft stieg ihr in die Nase, eine Mischung seines ganz persönlichen männlichen Duftes und eines frisch-herben Aftershaves. Es juckte sie in den Fingern, über seine Bartstoppeln zu fahren und das sexy Kratzen an den Fingerspitzen zu spüren. Ihr Blick kam auf seinem wunderschön geschwungenen Mund zu liegen – dem Mund, der ihre Sinne beim ersten Kuss in völliges Chaos gestürzt hatte. Noch heute wusste sie, wie es sich anfühlte, wenn diese festen Lippen sich fordernd auf ihre pressten …

Sie riss sich aus ihren Träumen. Derselbe Mund hatte sie aufs Gemeinste beschimpft. Seine unverzeihlichen Worte hallten ihr noch immer in den Ohren. Von einem Tag auf den anderen waren ihr Leben und ihre glückliche Zukunft ohne jede Vorwarnung zerstört worden. Sie war plötzlich ganz allein gewesen, von einem Schmerz erfüllt, der es ihr kaum möglich machte, sich durch die einsamen Tage zu quälen.

Nach ihrer Rückkehr nach Sydney fand sie heraus, dass sie schwanger war. Es war ein Hoffnungsfunke in der Dunkelheit, in der sie lebte – der jedoch wenige Wochen später bei der zweiten Ultraschalluntersuchung erstickt wurde. Manchmal fragte sie sich, ob das die Strafe war, weil sie Emilio nichts von der Schwangerschaft gesagt hatte. Nach dem Bruch hatte er sich jede Kontaktaufnahme verbeten, allerdings war sie auch zu unglücklich und verletzt gewesen, um es überhaupt zu versuchen.

Und zu wütend.

Sie hatte ihn bestrafen wollen, weil er ihr nicht glaubte. Sie wollte ihn noch immer bestrafen. Das Einzige, was sie aufrecht hielt, waren ihre Wut und ihre Verachtung für ihn. Diese Gefühle würden sich nie legen.

„Glaubst du wirklich, du kannst hier mit einer halbherzigen Entschuldigung unangemeldet reinrauschen, und alles ist wieder in Ordnung? Ich werde dir niemals vergeben. Hörst du? Niemals!“

Ein grimmiger Zug legte sich um seinen Mund. „Das erwarte ich auch nicht. Allerdings erwarte ich, dass du dich wie eine Erwachsene verhältst und mich ausreden lässt.“

„Sobald du aufhörst, mich wie ein ungehorsames Kind zu behandeln und meinen Arm loslässt!“

Sein Griff ließ nach, doch er gab sie nicht frei. Gisele spürte, wie ihr Herz zu pochen begann, als er mit dem Daumen über ihr Handgelenk strich. Ob er ihren rasenden Puls fühlen konnte? Nervös leckte sie sich über die Lippen, zog seinen Blick damit unwillkürlich zu ihrem Mund. Sie sah, wie seine Pupillen größer wurden – eine viel zu vertraute Reaktion, die prompt einen zweiten Puls tief in ihrem Unterleib in Gang setzte. Jeder erotische Moment, den sie beide miteinander geteilt hatten, blitzte vor ihren Augen auf, verspottete jeglichen Versuch, nicht auf seine Nähe zu reagieren. Wie groß war die Aussicht, sich immun zu geben, wenn ein Blick ausreichte, um ihr Blut schneller und heißer durch ihre Adern strömen zu lassen?

„Geh heute Abend mit mir essen“, sagte er jetzt.

„Ich erwähnte bereits, dass ich andere Pläne habe.“

Emilio hob ihr Kinn an und musterte sie durchdringend. „Du lügst.“

„Zu schade, dass du nicht schon vor zwei Jahren diese detektivischen Fähigkeiten besessen hast“, zischelte sie und riss Kinn und Hand zurück.

„Ich hole dich um sieben ab“, meinte er nur. „Wo wohnst du?“

Panik durchzuckte sie. Sie wollte ihn nicht in ihrer Wohnung haben, die war ihr Zufluchtsort, der einzige Ort, an dem sie ihre Trauer ausleben konnte. Und wie sollte sie ihm die vielen Fotos von Lily erklären? Es war besser, wenn er nichts von dem Baby erfuhr, so kurz Lilys Leben auch gewesen sein mochte. Gisele fühlte sich nicht in der Lage, ihm davon zu erzählen. Würde sich nie in der Lage dazu fühlen. Sie könnte es nicht ertragen, auch von ihm zu hören, dass sie einen Abbruch hätte vornehmen lassen sollen, wie es ihr geraten worden war. Emilio hätte kein Kind gewollt, das nicht perfekt war, es hätte nicht in sein wohlgeordnetes Leben gepasst.

„Du verstehst es einfach nicht, Emilio. Ich will nichts mit dir zu tun haben. Nicht heute, nicht morgen. Nie. Du hast dich entschuldigt … fein. Und jetzt geh bitte, bevor ich den Sicherheitsdienst rufe.“

Ein spöttischer Ausdruck legte sich auf seine Miene. „Welcher Sicherheitsdienst? Jeder kann hier reinmarschieren und die Ladenkasse ausräumen, ohne dass du ihn aufhalten könntest. Du hast nicht einmal Überwachungskameras installiert.“

Gisele presste die Lippen zusammen. Offensichtlich sah er ihre mangelnde Vorsicht als Charakterfehler an. Ihre Mutter – ihre Adoptivmutter, sollte sie wohl besser sagen – hatte gerade vor ein paar Tagen eine ähnliche Bemerkung fallen lassen: Sie sei viel zu vertrauensselig mit den Kunden. Und ja, Gisele war generell kein misstrauischer Mensch. War das nicht auch genau der Grund, weshalb ihr Leben diese Wendung genommen hatte? Naiverweise hatte sie Emilio völlig vertraut, nur war der Schuss mit voller Wucht nach hinten losgegangen.

Emilio musterte sie noch immer durchdringend. „Stimmt etwas nicht mit dir? Warst du krank? Du siehst blass aus, und du hast auch abgenommen.“

Den ersten Schock hatte sie schnell unter Kontrolle, ihre Miene wurde hart. „Entspreche ich nicht mehr deinem Schönheitsideal? Da bist du ja noch einmal glimpflich davongekommen, was? Wie dein Ruf leiden würde, wenn du eine solche Vogelscheuche zur Frau hättest, nicht wahr?“

Eine tiefe Falte erschien auf seiner Stirn. „Ich habe lediglich eine Bemerkung über deine Blässe gemacht. Du bist noch immer die schönste Frau, die ich kenne.“

Schon erstaunlich, wie leicht der Zynismus Gisele heute fiel. Früher wäre sie bei einem solchen Kompliment tiefrot angelaufen. Jetzt fühlte sie nur Wut aufschäumen, weil er sich mit seinem Charme bei ihr einschmeicheln wollte, damit sie ihm vergab. Doch er verschwendete Zeit, seine und ihre.

Sie stellte sich hinter die Ladentheke. „Spar dir deine banalen Komplimente für jemanden auf, bei dem sie wirken. Andere Frauen bekommst du damit bestimmt ins Bett. Aber bei mir zieht das nicht.“

„Glaubst du, ich wäre deshalb hier?“

Gisele fühlte sich von seinem undurchdringlichen Blick verschlungen. Die Luft schien sich mit einer erotischen Energie aufgeladen zu haben, über die sie keine Kontrolle hatte. Ihr Puls pochte viel zu schnell und zu hart, sie hielt den Atem an, als sein Blick zu ihrem Mund wanderte.

Es kam einer Liebkosung gleich. Ihre Lippen begannen zu prickeln, als hätte er tatsächlich seinen Mund auf ihren gepresst …

Der Zynismus, ihr bester Freund, kam gerade noch rechtzeitig zu ihrer Rettung. „Ich glaube, du bist hier, um dein Gewissen zu beruhigen. Also keineswegs meinetwegen, sondern um deiner selbst willen.“

Aus seiner Miene ließ sich nicht im Geringsten ablesen, was hinter seiner Stirn vorgehen mochte. Nur ein Mundwinkel zuckte unmerklich.

„Ich bin um unser beider willen hier“, sagte er schließlich. „Ich möchte die Sache bereinigen. Damit wir beide mit unserem Leben weitermachen können.“

Hochmütig hob Gisele das Kinn. „Ich habe längst weitergemacht“, behauptete sie.

Sekundenlang schaute er sie herausfordernd an, dann: „Hast du das wirklich, cara?“

Lag es an dem unerwartet sanften Ton oder an dem Kosewort, dass ihr plötzlich die Kehle eng wurde? Entschlossen blinzelte sie die aufsteigenden Tränen fort. Ein-, zwei-, dreimal, dann war sie sicher, sich unter Kontrolle zu haben. „Ja, wirklich“, erwiderte sie kalt. „Oder möchtest du hören, dass ich mich vor Sehnsucht nach dir verzehre?“

„Nein, das wäre eine Strafe, die ich mir nicht antun will.“ Er verzog den Mund. „Das würde die Schuld, die ich fühle, nur verschlimmern.“

Gisele taxierte ihn, wie er dastand, groß und selbstsicher, ganz Herr über sich und die Situation. Sollte er sich wirklich schuldig fühlen? Oder war er nur verärgert, weil er sich geirrt hatte? Er war ein stolzer Mann, stolz und unnachgiebig.

„Du kannst beruhigt schlafen, Emilio“, behauptete sie. „So wie du mich behandelt hast, habe ich dich aus meinem Kopf und meinem Leben verbannt, sobald ich aus dem Flugzeug gestiegen bin. Ich denke kaum noch an dich.“

Er hielt ihren Blick länger gefangen, als es ihr lieb war. Dann reichte er ihr eine Visitenkarte. „Ich bleibe die ganze Woche in der Stadt. Solltest du deine Meinung ändern, ruf mich an.“

Erst als er den Laden verlassen hatte, atmete Gisele wieder aus. Sie sah auf die Karte in ihrer Hand. Sie hatte sie völlig zerknüllt und sich einen feinen Papierschnitt in der Handfläche zugezogen.

Eine passende Ermahnung, dass sie nur verletzt werden würde, sollte sie Emilio Andreoni noch einmal zu nah an sich heranlassen.

2. KAPITEL

Zwei Tage später kam Giseles Vermieter in den Laden. Im ersten Moment dachte Gisele erschreckt, sie hätte vielleicht vergessen, die Miete zu bezahlen. Doch nein, auf ihrem Konto war der Abgang schon vor einer Woche verbucht worden.

„Ich weiß, es ist sehr kurzfristig, Miss Carter“, kam Keith Patterson nach der höflichen Begrüßung sofort zum Punkt, „aber ich habe mich entschieden, das Gebäude an einen Projektentwickler zu verkaufen. Ich habe ein Angebot bekommen, das zu gut ist, um es abzulehnen. Die globale Wirtschaftskrise ist auch an mir nicht spurlos vorübergegangen, und meine Frau und ich müssen unsere Altersvorsorge refinanzieren. Das Angebot hätte zu keinem günstigeren Zeitpunkt kommen können.“

Gisele blinzelte alarmiert. Das Geschäft lief recht gut, finanzielle Sorgen hatte sie nicht, aber ein Laden in einer anderen Gegend würde mit Sicherheit eine höhere Miete bedeuten. Sie wollte sich nicht übernehmen, vor allem da sie erst kürzlich eine Mitarbeiterin eingestellt hatte. Viele Kleinbetriebe gingen zugrunde, weil sie sich zu viele Fixkosten aufhalsten und dann nicht genug Einkommen verbuchen konnten. Sie wollte nicht als weitere Zahl in dieser Statistik enden.

„Heißt das, ich muss ausziehen?“

„Das hängt vom neuen Besitzer ab“, antwortete Keith. „Er wird eine Genehmigung einholen müssen, bevor er irgendwelche Veränderungen vornehmen kann. Das wird wohl ein paar Wochen, vielleicht sogar Monate dauern. Er hat mir seine Karte für Sie dagelassen, damit Sie den Mietvertrag mit ihm besprechen können.“ Er schob ihr eine Visitenkarte über den Ladentresen zu.

Gisele blieb das Herz stehen. „Emilio Andreoni hat das Gebäude gekauft?“

„Sie haben von ihm gehört?“

Sie spürte Hitze in ihre Wangen steigen. „Ja, ich kenne den Namen. Aber er ist Architekt, kein Projektentwickler.“

„Vielleicht weitet er ja sein Arbeitsfeld aus“, vermutete Keith. „Soviel ich weiß, hat er mehrere Designpreise gewonnen. Er schien sich sehr für das Gebäude zu interessieren.“

„Hat er auch einen Grund für sein Interesse genannt?“ In Gisele begann es zu brodeln.

„Er meinte, es hätte sentimentalen Wert für ihn. Vielleicht gehörte es irgendwann mal einem Verwandten von ihm. In den Fünfzigerjahren führte eine italienische Familie hier einen Gemüseladen. Ich kann mich aber nicht mehr an den Namen erinnern.“

Gisele mahlte mit den Zähnen. Von wegen sentimentaler Wert! Sie wusste, dass Emilio keine lebenden Verwandten hatte, zumindest niemanden, mit dem er Kontakt pflegte. Eigentlich hatte er ihr nur wenig von seinem familiären Hintergrund erzählt. Sie hatte sich oft gefragt, ob das vielleicht ein Grund gewesen sein mochte, weshalb er sie hatte heiraten wollen – weil ihr blaublütiger Stammbaum ihn gereizt hatte. Ironie des Schicksals, dass sie und ihre Zwillingsschwester das Resultat einer Affäre zwischen ihrem Vater und der Haushälterin waren, während er und seine Frau in London gelebt hatten.

Nachdem Keith Patterson gegangen war, starrte Gisele lange auf die Visitenkarte, die auf dem Tresen lag. Sie trommelte mit den Fingern auf die Theke und überlegte, was sie nun tun sollte. Sie konnte die Karte zerreißen, wie sie es mit der ersten getan hatte. Doch dann würde Emilio mit Sicherheit zu ihr kommen. Nein, dieses Mal würde sie sich nicht wieder überrumpeln lassen. Also nahm sie das Telefon und wählte seine Mobilnummer.

„Emilio Andreoni.“

„Mistkerl!“, entfuhr es ihr, bevor sie sich zurückhalten konnte. Sie hörte das Knarzen von Leder und konnte sich das Bild genau vorstellen, wie er dort saß: die Füße auf den Tisch gelegt, den Kopf zurückgelehnt, ein zufriedenes Grinsen im Gesicht.

Autor

Melanie Milburne

Eigentlich hätte Melanie Milburne ja für ein High-School-Examen lernen müssen, doch dann fiel ihr ihr erster Liebesroman in die Hände. Damals – sie war siebzehn – stand für sie fest: Sie würde weiterhin romantische Romane lesen – und einen Mann heiraten, der ebenso attraktiv war wie die Helden der...

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