Romana Traumziele der Liebe Band 15

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SÜßE ZEIT DER WUNDER
von KELLER, ANNA

Wenn alle anderen Weihnachten feiern, weint Helena am Grab ihres Verlobten. Doch in diesem Jahr begegnet ihr dort ein attraktiver Fremder. Was will er in dem kleinen Dorf im winterlichen Erzgebirge? Und warum erinnert sie sein warmes Lächeln nicht an ihren Verlust - sondern daran, dass die Zeit der Wunder naht?

WEIHNACHTSSTERN ÜBER DEM WINTERMEER
von WIEMERS, LILLI

Tief verschneit liegt die Hallig da, als Fenja von Bord der Fähre geht. Hier in der Einsamkeit vermutet sie den Mann, über den sie eine Reportage schreiben muss! Sonst ist sie ihren Job los. Aber ein eisiger Wintersturm und ein überraschend sinnlicher Kuss lassen sie erkennen, was im Leben wirklich zählt …

DER ZAUBER DES BARBARAZWEIGES
von HENRY, KIM

Zart streicht Kindermädchen Leonie über die Knospen der Kirschzweige. Ob sich bis Weihnachten die Blüten öffnen? Verrät ihr der alte Brauch, ob auf sie und Johannes das große Glück wartet? Dabei hat sie sich nach einer beruflichen Katastrophe geschworen, sich nie wieder in den Vater eines Schützlings zu verlieben …

  • Erscheinungstag 20.10.2017
  • Bandnummer 0015
  • ISBN / Artikelnummer 9783733744298
  • Seitenanzahl 384
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

Anna Keller, Lilli Wiemers, Kim Henry

ROMANA TRAUMZIELE DER LIEBE BAND 15

ANNA KELLER

Süße Zeit der Wunder

Weihnacht im Erzgebirge: Den Gedanken daran verdrängt der erfolgreiche Galerist Karl Kirchhoff, seit er seiner Familie im Zorn den Rücken gekehrt hat. Doch wie jedes Jahr schickt ihm sein Vater zum Fest einen selbstgeschnitzten Weihnachtsengel ins ferne New York, dessen Schönheit Karl seltsam berührt. „Komm nach Hause und versöhne dich“, scheint der Engel zu flüstern. „Ich warte auf dich …“

LILLI WIEMERS

Weihnachtsstern über dem Wintermeer

Weit weg von Klatschreportern lebt der berühmte Pianist Thies Matthies auf der Hallig Langeneß. Aber sein Versteck droht entdeckt zu werden, als sich über die Feiertage ein weiterer Gast in der Pension seiner Schwester einmietet. Denn selbst Thies’ zärtlicher Kuss beim traditionellen Schmücken des friesischen Weihnachtsbaums kann die hübsche Fenja nicht von ihren neugierigen Fragen abbringen …

KIM HENRY

Der Zauber des Barbarazweiges

Vanillekipferl, Zimtsterne – verstohlen nascht Johannes die leckeren Plätzchen, die Leonie, das Kindermädchen seiner kleinen Tochter, backt. Dabei hasst er eigentlich Weihnachten, seit er seine geliebte Frau verloren hat. Doch als er mit Leonie über den idyllischen Christkindlmarkt in Oberammergau schlendert, wird Johannes wider Willen daran erinnert, was das Fest ausmacht: Liebe …

1. KAPITEL

Früher hatte Helena Weihnachten geliebt, aber jetzt hatte sie Angst davor. Und zwar schon jetzt, obwohl es gerade erst Herbst geworden war. Und an Tagen wie heute, an denen in ihrem „Erzgebirgschen Weihnachtslädchen“ nicht so viel Betrieb war, hatte sie viel Zeit, an den schlimmsten Tag ihres Lebens zu denken. Der Tag, der all ihre Träume hatte platzen lassen wie eine Seifenblase. Ihr Ladenlokal lag in einer schmalen Gasse in einem kleinen Städtchen nahe Annaberg, einer der bekanntesten Städte im Erzgebirge. Es befand sich nicht weit vom Kirchplatz entfernt und lockte besonders in der Vorweihnachtszeit Touristen aus aller Welt an. Weit über Deutschland hinaus war das Erzgebirge als das Weihnachtsland bekannt. Helena musste einen Moment schmunzeln, als sie an das Paar aus China dachte, das aufgeregt in die Hände geklatscht hatte, als sie ihnen zeigte, wie eine Weihnachtspyramide funktionierte. Sie hatte die Teelichter unter dem spitz zulaufenden Holztürmchen, das mit Engeln, Nussknackern und einer Krippe bestückt war, angezündet, und schon bald begann sich der Propeller aus Holz an der Spitze zu drehen.

Wenn doch alles im Leben so einfach funktionieren würde, dachte Helena und strich sich eine ihrer widerspenstigen blonden Locken aus dem Gesicht. Wie hatte sie es immer genossen, wenn Tom ihr durch die Locken gefahren war und sie „mein wildes Mädchen“ genannt hatte. So wie auch an jenem Tag, als sie von einem Ausflug mit ihrer Kindergruppe zurückkam. Zwanzig Kinder und fünf Schlitten hinter sich, die Locken quollen unter der Mütze hervor, und sie war noch nicht müde gewesen. An diesem Tag hatte er ihr den Heiratsantrag gemacht und ihr gesagt, dass er sich mindestens fünf Kinder mit ihr wünsche.

Und jetzt saß sie allein hier in dem Laden ihrer Eltern, die sie zusammen mit ihrem Verlobten durch einen schrecklichen Verkehrsunfall auf der eisglatten Straße verloren hatte. Für ihre Eltern war der Laden ihr größter Stolz gewesen, also hatte Helena schweren Herzens ihre Arbeit im Kindergarten gekündigt, um den Laden weiterzuführen. Sie machte es gerne, aber sie vermisste den Trubel im Kindergarten und die Natur, in der sie sich mit ihren Schützlingen so gerne aufgehalten hatte.

Die Türglocke riss Helena aus ihren Gedanken. Ihre beste Freundin Julia kam herein und umarmte sie freudig.

„Helena, wie schön dich zu sehen! Setzt du schon mal heißes Wasser für einen Kaffee auf? Ich habe uns was zum Frühstücken mitgebracht.“

Helena sah auf die Croissants, die Julia aus einer Papiertüte holte, und wunderte sich selbst, dass ihr auf einmal das Wasser im Mund zusammenlief.

„Woher wusstest du, dass ich noch gar nichts gefrühstückt habe?“, rief Helena so laut, dass Julia sie auch noch von der kleinen Teeküche, die sich in einem Nebenzimmer befand, hören konnte. Sie setzte heißes Wasser auf und holte zwei Teller und zwei Tassen aus dem Schränkchen über der Spüle.

„Weil du seit Ewigkeiten nur noch isst, wenn man dich daran erinnert! Wenn du so weitermachst, verhungerst du noch. Das kann ich nicht zulassen, du würdest mir fehlen“, sagte Julia auf eine mütterliche Art, die sie sich angewöhnt hatte, seit Helena ihre Eltern verloren hatte. Und es stimmte, Helena war so dünn geworden, dass all ihre Jeans ihr um die Beine schlackerten. Der Kummer hatte ihr den Appetit genommen, während Julia ordentlich Hüftspeck angelegt hatte, seit sie ein Kind hatte und mit einem Mann verheiratet war, der gerne und gut kochte. Die beiden Freundinnen waren in dem Örtchen zusammen aufgewachsen, und Julia war der Mensch, der Helena die Kraft gab, ihren Job überhaupt durchzustehen, nachdem sie ihr altes Leben hatte aufgeben müssen.

„Julia, ohne deine Hilfe wäre ich schon längst durchgedreht. Ich wüsste nicht, was ich ohne dich machen sollte“, seufzte Helena.

Auch wenn Julia ein paar Kilo zu viel auf der Waage hatte und als Mutter viel zu Hause war, sah sie immer umwerfend gekleidet aus. Ihr Hemdblusenkleid betonte ihre Rundungen auf lässige Art und war fast zu schade für den Weg zwischen Kindergarten und zu Hause. Helena hatte dagegen Glück, dass ihre natürliche Schönheit ihr Outfit wieder wettmachte. Neben der zu weit gewordenen Jeans trug sie mal wieder einen der selbstgestrickten Pullover ihrer Mutter. Darin fühlte sie sich ihr einfach ein Stück näher.

„Jetzt höre schon auf, du würdest das Gleiche für mich tun, Helena!“

Statt zu antworten, reichte Helena ihrer Freundin die volle Teetasse. Julia war ihr in die Teeküche gefolgt, weil sie wusste, dass sie in dem Laden nicht mit Croissants krümeln durften. All die aufwendigen Schnitzereien sollten schließlich keine Fettflecken abkriegen. Deshalb wusch sich Helena eilig die Hände, als die Türglocke erneut bimmelte, und betrat den Laden, während Julia sie vom Türrahmen aus beobachtete.

Ein junges Pärchen, vielleicht Mitte zwanzig, kam Hand in Hand herein.

„Guten Morgen, wie kann ich Ihnen helfen?“, fragte Helena.

Die junge Frau schaute sich mit großen Augen in dem Laden um, während der Mann sie liebevoll um die Taille fasste. „Wir suchen eine Weihnachtskrippe.“

„Sehr gerne. Kommen Sie mit, ich zeige Ihnen ein paar besonders schöne.“

Die Frau druckste etwas herum, als sie vor dem Regal mit den handgeschnitzten Krippen standen. Jedes der kleinen hölzernen Häuschen beherbergte nicht nur die Heilige Familie, sondern auch noch Ochs und Esel, Schäfchen, mit ihren Hirten, Engel, die meist am Dach befestigt waren, und natürlich die Heiligen Drei Könige – je nach Größe der Krippe sogar mit Kamelen.

Für Helena war es normal, das ganze Jahr über Maria, Josef und das Jesuskind inmitten schneebedeckter Krippen um sich zu haben, aber dieses junge Pärchen, dank des goldenen Herbstwetters in T-Shirts und Sandalen vor einer Weihnachtskrippe stehen zu sehen, wirkte fast grotesk.

„Also die Krippen sind wunderschön, aber, wissen Sie, also um ehrlich zu sein, suchen wir ein ganz kleines Einsteigermodell“, sagte die junge Kundin schüchtern.

Helena und Julia wechselten einen kurzen Blick. Es war oft so, dass die Leute zurückschreckten, wenn sie die Preise für die Handarbeit bemerkten.

„Es ist nicht so, dass wir nicht wüssten, wie gut die Qualität ist“, übernahm der Mann, „aber es wird unser erstes gemeinsames Weihnachtsfest in unserer ersten gemeinsamen Wohnung. Wir heiraten kurz vor Weihnachten und wollten sie uns sozusagen gegenseitig zur Hochzeit schenken.“

Julia kam näher, als sie Helenas traurigen Gesichtsausdruck bemerkte.

„Wir haben uns nämlich Weihnachten vor drei Jahren ineinander verliebt“, lächelte die Frau, während sie sogar leicht rot wurde.

„Und Sie wissen ja sicher, wie das so ist, so kurz vor der Hochzeit und mit der ersten Wohnung, also, da ist das Geld schon mal knapp …“

Helena konnte sich sehr gut an die Zeit kurz vor ihrer geplanten Hochzeit erinnern, die ebenfalls kurz vor Weihnachten hätte stattfinden sollen. Sie wünschte diesem sympathischen Paar alles Gute, aber sie konnte nicht verhindern, dass ihr die Tränen in die Augen schossen. Zum Glück hatten die beiden gerade nur Augen füreinander. Und zum Glück kapierte Julia, dass sie ihre Freundin retten musste.

„Ich habe eine Idee, welche Krippe genau zu Ihnen passen würde“, übernahm sie das Ruder und schickte Helena mit einem Blick in die Teeküche. Dankbar flüchtete Helena in das Nebenzimmer, in dem sie die Tränen nicht mehr aufhalten konnte.

„So kann das nicht weitergehen, meine liebe Helena. Das hätte Tom auch nicht gewollt. Du kannst doch nicht nur noch in diesem Laden arbeiten, Toms Grab besuchen und dich hundertmal am Tag daran erinnern lassen, dass es glückliche Paare und Weihnachten gibt. Außer du glaubst daran, dass du dein Glück auch wieder finden wirst!“

Julia hatte dem Paar eine kleine, schlichte Krippe verkauft, mit der sie ihr erstes gemeinsames Weihnachtsfest feiern würden, während Helena seit mindestens fünf Minuten ununterbrochen in der Teeküche schluchzte.

„Ich habe wirklich gedacht, dass es mit jedem Jahr etwas besser wird, aber je näher das zweite Weihnachtsfest nach Toms Tod rückt, desto weniger glaube ich, dass ich je wieder glücklich sein werde.“

Helena setzte sich auf den Stuhl, den ihr Vater einst gezimmert hatte, und schaute ihre Freundin mit roten Augen an.

„Kannst du in der Weihnachtszeit nicht öfter einspringen? Max ist doch jetzt im Kindergarten. Ich halte das nicht aus, die ganzen glücklichen Paare mit Weihnachtsdingen zu versorgen.“

Julia hockte sich neben ihre Freundin und nahm sie in den Arm. „Es werden auch unglückliche Paare und Singles in deinen Laden kommen“, versuchte sie es mit einem ironischen Unterton und brachte Helena tatsächlich dazu, kurz zu schmunzeln.

„Ich möchte ja, dass meine Kunden glücklich sind, aber ich habe einfach keine Kraft mehr. Außerdem wäre es viel schöner, wenn du mit mir hier arbeiten würdest.“

Wie um zu bestätigen, dass sie ohne ihre Freundin verhungern würde, biss Helena in das Croissant.

„Ich werde es mir überlegen“, seufzte Julia, „allerdings bin ich in der Vorweihnachtszeit auch ziemlich beschäftigt. Ich organisiere das Krippenspiel an Heiligabend. Ehrlich gesagt könnte ich dich dabei ebenfalls gut gebrauchen. Du warst die beste Erzieherin, die ich mir vorstellen konnte. Und einen Haufen Kinder dazu zu bringen, die Weihnachtsgeschichte nachzuspielen, ist nicht so einfach. Das wäre doch ein guter Tausch. Du hilfst mir beim Krippenspiel, ich dir im Laden.“

Julia löste ihre Umarmung und sah Helena erwartungsvoll an.

Helena spürte ein Ziehen in ihrer Brust. Sie vermisste ihre Arbeit im Kindergarten sehr, wollte aber das Geschäft auf keinen Fall aufgeben. Und so könnte sie mal wieder etwas mit Kindern machen und hätte außerdem eine Ablenkung in den Weihnachtstagen.

„Ich glaube, ich würde dir gerne helfen.“

„Danke!“, Julia umarmte ihre Freundin noch einmal. Sie kannte Helena gut genug, um zu wissen, dass die Arbeit mit den Kindern ein ganz kleines bisschen Licht in Helenas Leben bringen würde.

Am Abend, nachdem Helena ihren Laden abgeschlossen hatte, marschierte sie durch die malerischen Gassen, vorbei an gemütlichen Cafés, kleinen Pensionen, Touristengeschäften, die auch jede Menge billigen Kitsch verkauften, und traditionellen Handwerkergeschäften zu dem Friedhof, der direkt hinter der Kirche lag. Hier hatte sie schon als Kind die Gräber ihrer Großeltern besucht. Jetzt stattete sie täglich einen Besuch dem Grab ihrer Eltern, aber vor allem dem Grab ihres Verlobten ab. Sie hielt ohnehin den halben Tag Zwiesprache mit Tom, und doch fühlte sie sich ihm am nächsten, wenn sie vor seinem Grab stand.

Thomas Herder 1.3.1985 – 14.12.2016

Es dämmerte bereits, sodass die kleinen Flammen, die in den Grablichtern brannten, daran erinnerten, wie viele Menschen an jemanden dachten, der schon gestorben war. Vielleicht war auch das der Grund, aus dem Helena den Friedhof als tröstlich empfand. Hier wusste sie, dass sie mit ihrem Schicksal nicht alleine war. Dass jeder irgendwann sterben würde – und dann wieder mit seinen Liebsten vereint wäre. Sie kniete sich nieder, um die Grabkerze auf Toms Grab ebenfalls anzuzünden.

„Ach Tom, ich wünschte, ich wäre schon bei dir! Welchen Sinn macht es, dass ich noch lebe?“

Die Ärzte in dem Krankenhaus, in dem Helena wieder aufgewacht war, hatten von einem Wunder gesprochen, dass Helena den Aufprall überlebt hatte. Tom hatte am Steuer gesessen, als sie zusammen mit ihren Eltern auf dem Weg zu dem Hotel waren, in dem sie ihre Hochzeit feiern wollten. Die Straßen waren spiegelglatt gewesen. Helena erinnerte sich nur noch daran, wie Tom das Lenkrad herumgerissen hatte, um einem Auto aus der Gegenfahrbahn auszuweichen.

Helena schaute sich um, niemand war zu sehen, also sprach sie weiter. „Du fehlst mir so. Jeden Tag.“

Ein Eichhörnchen kletterte von einer Birke neben dem Grab herunter, schaute Helena kurz an und verschwand dann auf dem nächsten Baum, als wollte es Helenas Blick auf die wunderschöne Kulisse lenken, die sich hinter der Friedhofsmauer auftat.

Das idyllische Städtchen war von Bergen und Wäldern umgeben. Überall waren noch Spuren des Mittelalters oder des Bergbaus zu entdecken. Harte Zeiten hatten sich mit besseren Zeiten abgewechselt, und für Helenas Generation war es schon lange eine friedliche und auch komfortable Zeit geworden. Sie lebte hier wirklich in einem Paradies, auch wenn es für Helena ein Tal des Trauerns geworden war.

„Also falls du das Eichhörnchen geschickt hast, ich weiß, der Gedanke ist albern, aber wir waren früher zusammen auch oft albern, soll es mir sagen, dass ich mich mal ein wenig flinker durch das Leben bewegen soll? Oder soll ich mal eine andere Aussicht einnehmen?“

Obwohl Helena eigentlich eine sehr realistische Frau war, versuchte sie seit Toms Tod immer wieder, Zeichen des Himmels zu finden. Nach ihrem Schicksalsschlag fiel es ihr zwar sehr schwer zu glauben, dass es eine höhere Macht gab, die für alle nur das Beste wollte, aber der Gedanke daran, dass es außerhalb dieser Welt nur ein schwarzes Nichts gab, war noch viel bedrückender. Irgendwo musste ihr Verlobter doch noch sein!

Helena zupfte ein paar verwelkte Blüten von den lilafarbenen Stiefmütterchen auf dem Grab ab, als Ewald, der Friedhofsgärtner, mit seinen krummen Beinen, in der einen Hand eine Gießkanne, in der anderen eine Schaufel, vorbeikam. Ewald war schon über achtzig und arbeitete immer noch gerne auf dem Friedhof. Und dabei war er für Helena schon alt gewesen, als sie mit zwei dicken geflochtenen Zöpfen und Schulranzen auf den Wegen entlanggehüpft war. Damals noch unbeschwert, auch wenn sie ihre verstorbenen Großeltern besuchte und der Weg über den Friedhof ganz nebenbei eine Abkürzung des Schulweges war.

Ewald blieb neben ihr stehen und stützte sich auf seiner Schaufel ab. „Er war ein toller Bursche. Deine Eltern haben mir immer von ihrem zukünftigen Schwiegersohn vorgeschwärmt.“

„Danke“, antwortete Helena dem Gärtner, „er war der beste Mann auf der Welt.“

Und der Einzige, den ich je lieben werde, fügte sie in Gedanken hinzu.

Ewald war nicht so taktlos wie viele in Helenas Umfeld, die spätestens ein Jahr nach dem tragischen Unfall immer wieder betonten, dass eine so hübsche und nette Frau wie sie doch leicht einen neuen Mann finden müsste. Er nickte stattdessen verständnisvoll.

„Weißt du, Helena, dass du vielen Menschen eine große Freude damit machst, dass du das Geschäft deiner Eltern weiterführst?“

„Meinst du? Es gibt Tage, da denke ich, ich verkaufe nur Kitsch, der später im Regal verstaubt.“

„Manchmal ist das vielleicht so. Aber ganz vielen Menschen schenkst du auch Trost. Bei euch jungen Leuten ist es vielleicht in Vergessenheit geraten, warum nirgendwo auf der Welt die Sehnsucht nach Weihnachtskrippen und Lichtern so groß ist wie hier im Erzgebirge. Weißt du, fast jede Familie hatte einen Bergmann in den eigenen Reihen. Und die Männer hatten im dunklen Stollen unter der Erde oft nur winzige Lichter, die sie mit der Welt dort oben, mit der Welt ihrer Lieben, verbanden. Diese kleinen Kerzen erinnerten sie daran, dass sie nicht umsonst unter der Erde schufteten. Sie waren die Verbindung zu der Welt dort oben.“ Er zeigte auf die Kerze, die auf Toms Grab flackert und fuhr fort: „Und ich bin mir sicher, dass all diese Kerzen auch eine Verbindung zu dort oben sind.“

Nun zeigte er zum Himmel, an dem ein gleißendes Abendrot den Himmel in ein Flammenmeer verwandelte. Helena gefiel die Vorstellung, dass sich ihre Eltern, Großeltern und Tom irgendwo da oben befanden und auf sie hinunterschauten.

„Das glaube ich auch. Aber mir fällt es schwer, dass ich keinen Zugang zu dieser anderen Welt habe. Seit Toms Tod und dem Tod meiner Eltern ist mir der Boden unter den Füßen weggezogen worden“, vertraute Helena sich dem alten Mann an.

„Dafür stehst du aber noch recht fest mit beiden Beinen auf dem Boden!“ Ewald klopfte mit der Schaufel auf den Kies. Aus dem Mund eines anderen Menschen hätte sich das geschmacklos angehört, aber Helena wusste, dass der alte Mann mit den gütigen Augen niemandem wehtun wollte.

„Ach, Ewald, ich wünschte, du hättest recht! Manchmal bin ich froh, wenn ich den Tag überhaupt überstehe.“

Statt zu antworten, drückte er nur kurz ihren Arm, nickte zum Abschied, hob die Gießkanne auf und stapfte weiter.

Helena sah ihm hinterher, warf Tom noch eine traurige Kusshand zu und machte sich auf den Heimweg. Sie wohnte über dem Erzgebirgschen Weihnachtslädchen, nur eine Treppe trennte sie von dem Geschäft. In dem ersten Geschoss befanden sich eine große Wohnküche und ein Wohnzimmer, das sie als Schlafzimmer umfunktioniert hatte. Die große Küche erinnerte sie jeden Tag daran, dass hier eine ganze Familie Platz haben würde. Es war die Wohnung ihrer Eltern gewesen, was einerseits tröstlich war, weil überall noch Fotos, die geliebten Topfpflanzen ihrer Mutter oder die Bildbände ihres Vaters an sie erinnerten. Andererseits erschien ihr das Leben in dieser Wohnung auch unwirklich. Hier war sie die letzten Jahre nur zu Besuch gewesen. Ihr altes Kinderzimmer und das Schlafzimmer ihrer Eltern hatte sie direkt nach dem Umzug abgeschlossen. Sie war einfach nicht so weit, diese Zimmer zu benutzen. Wofür auch? Als Single reichte ihr die Schlafcouch! Wie jeden Tag kontrollierte sie die Orchideen und Kakteen ihrer Mutter, zupfte welke Teile ab, düngte mit einer Pipette, besprühte sie mit Wasser. Und bei jeder neuen Blüte, bei jedem neuen Trieb, dachte sie daran, wie ihre Mutter sich immer gefreut hatte, wenn ihre Pflanzen gediehen. Und da war noch ein Lebewesen, das sie brauchte. Mimi, die Katze, die tagelang nichts gefressen hatte, nachdem ihr Frauchen und Herrchen verunglückt waren. Helena hatte Mimi täglich mit einem Teelöffel das Essen vor die Schnauze gehalten, bis sie endlich fraß.

Mimi stupste Helena gegen die Fesseln.

„Keine Sorge, ich vergesse dich schon nicht“, beugte sich Helena zu dem grau-schwarz getigerten Fellknäuel hinunter.

Die Katze drückte genüsslich ihren Kopf gegen Helenas Hand, als sie im Nacken gekrault wurde. Mimi war ein weiterer Grund, aus dem sie nicht lange gezögert hatte, ihre alte Wohnung zu kündigen und in die Wohnung ihrer Eltern zu ziehen. Helena war ein Einzelkind, aber sosehr sich ihre Eltern weitere Kinder gewünscht hatten, waren sie zu dritt geblieben. Schon als kleines Mädchen hatte Helena sich so sehr Geschwister gewünscht, doch nach dem Tod ihrer Eltern hätte sie alles darum gegeben, gemeinsam mit ihren Brüdern oder Schwestern trauern zu können.

„Tja, Mimi, wir beide sind wohl die einzigen überlebenden Familienmitglieder.“ Die Katze schnurrte, als würde sie verstehen, was Helena zu ihr sagte. Vielleicht wollte sie aber auch nur gefüttert werden.

Als Helena eine Schale Katzenfutter öffnete, war Mimi mit einem Satz an ihrem Napf. Während Mimi schmatzte, schaute Helena in den Kühlschrank, um etwas für das Abendessen zu suchen. Dort lagen eine Packung Kaffee, drei Becher Joghurt, eine angebrochene Flasche Milch und zwei Stücke Quiche, die Julia ihr gestern vorbeigebracht hatte. Ansonsten herrschte gähnende Leere. Helena nahm die Quiche raus und stellte sie in die Mikrowelle. Drei Minuten später setzte sie sich mit dem dampfenden Teller an den Tisch und stach lustlos die Gabel in den Gemüsekuchen.

Mimi leckte sich die Lippen und sprang auf ihren Schoß. Helena kostete den ersten Bissen und merkte erstens, wie hungrig sie war, und zweitens, wie gut ihre Freundin kochen konnte. Dafür, dass sie eigentlich keinen Appetit hatte, verschlang sie die Quiche in Rekordzeit.

Am nächsten Tag kamen glücklicherweise genug Kunden, die nur Postkarten, Nussknacker oder Räuchermännchen als Andenken mit nach Hause nehmen wollten, um Helena zu beschäftigen, aber nicht allzu sehr an ihren Verlust zu erinnern. Wenn es so weiterging, musste sie bei den Lieferanten mehr bestellen. Zum Glück hielten all die Handwerksbetriebe, mit denen ihre Eltern zusammengearbeitet hatten, ihr die Treue. So auch Hans Kirchhoff, der sich für die Mittagspause angekündigt hatte, um mit Helena die Lieferung für die Adventszeit zu besprechen. Die Weihnachtskrippen aus der Manufaktur Kirchhoff waren weit über das Erzgebirge hinaus bekannt.

Auch wenn seine Figuren genauso aus Holz geschnitzt waren wie alle anderen auch, sahen sie aus, als wohnte wirklich eine Seele in jeder einzelnen Figur. Hans Kirchhoff schnitzte trotz seiner fast achtzig Jahre die Prototypen der Figuren noch selbst. Vielleicht waren seine Figuren auch deshalb so beliebt, weil er sich immer wieder Modelle für die Heilige Familie in dem Dorf suchte? Wer wollte nicht mal als Krippenfigur verewigt werden?

Helena öffnete die Tür, als sie den älteren Herren, der trotz seiner Jahre aufrecht ging und immer noch die Blicke auf sich zog, durch die Glasfront entdeckte. Sie führte ihn herein und hing das „Geschlossen“-Schild an die Tür, damit sie nicht bei der Arbeit gestört wurden.

„Guten Tag, Frau Findeisen! Schön, Sie zu treffen.“ Herr Kirchhoffs Händedruck war fest, sein Blick ebenfalls.

„Es freut mich ebenfalls. Meine Eltern haben immer von Ihren Krippen geschwärmt.“

„Das höre ich gern. Aber wir geben auch alle unser Bestes, damit der Name Kirchhoff weiterhin für die beste Qualität steht. Und ich hoffe, mir bleiben noch ein paar Jahre, um das Unternehmen an die nächste Generation weitergeben zu können.“

Helena schob dem älteren Herrn einen Stuhl hin und stellte außerdem zwei Teetassen auf das kleine Tischchen hinter der Kasse.

„Es muss toll sein, wenn die ganze Familie so gut zusammenarbeitet“, sagte Helena, die es sich tatsächlich traumhaft vorstellte. Sie hatte immer gerne in dem Laden ihrer Eltern ausgeholfen, etwa, damit ihre Eltern Urlaub machen konnten, aber mehr als zwei Leute brauchte das Geschäft einfach nicht. Außerdem hatte Helena als Erzieherin ja ihren Traumberuf gefunden.

Herr Kirchhoffs Augen wurden einen Moment trübe, als würden seine Gedanken zu etwas schweifen, an das er lieber nicht erinnert werden wollte. Oder hat er Mitleid mit mir? dachte Helena. Schließlich wusste er ja, was ihr passiert war.

„Ihre Eltern wären bestimmt stolz auf Sie, dass Sie ihr Geschäft weiterführen.“

„Das ist eine Selbstverständlichkeit für mich. Ich weiß ja, wie viel ihnen das Geschäft bedeutet hat.“

Herr Kirchhoff sah sie an und schüttelte sachte den Kopf, bevor er antwortete: „Nein, Frau Findeisen. Das ist alles andere als selbstverständlich. Es gibt sogar Kinder, die nicht nur das Vermächtnis ihrer Eltern ablehnen, sondern sogar den Kontakt abbrechen, obwohl die Eltern noch am Leben sind.“ Seine Augen waren dabei so traurig, dass klar war, dass er aus eigener Erfahrung sprach.

Helena senkte den Blick und rührte in ihrer Teetasse. Was musste passiert sein, damit man mit seinen eigenen Eltern nichts mehr zu tun haben wollte? Gut, sie brauchte Herrn Kirchhoff nicht lange zu beobachten, um zu erkennen, dass er einen sehr starken, vielleicht auch manchmal sturen Charakter hatte, aber konnte er wirklich irgendetwas tun, das seine Kinder vertreiben würde? Vielleicht sprach er doch nicht von sich selbst, redete sie sich ein, um sich auf das Geschäftliche konzentrieren zu können.

„Entschuldigen Sie bitte, ich möchte Sie gar nicht vom Eigentlichen ablenken. Machen wir uns an die Arbeit!“, sagte Herr Kirchhoff, als hätte er einen Schalter umgelegt.

Die nächste halbe Stunde gingen sie den Katalog durch und notierten die Bestellungen. Helena spürte immer wieder den Blick des alten Mannes auf sich, jedoch ohne unangenehm berührt zu sein. Irgendwie sieht er mich an, als erinnere ich ihn an jemanden, bemerkte Helena. Am Ende reichte Herr Kirchhoff ihr die Hand.

„Bevor ich mich verabschiede, habe ich noch eine Bitte an Sie.“

Verwundert schaute Helena ihn an. Seine Stimme klang auf einmal so anders, gar nicht mehr geschäftsmäßig.

„Würden Sie mir …“ Nun schaute er doch etwas verunsichert, als erwarte er eine Abfuhr. „… würden Sie mir für einen Weihnachtsengel Modell stehen?“

Helena sah ihn irritiert an. Natürlich hatte sie schon davon gehört, dass manche seiner Figuren reale Vorbilder hatten, aber warum sollte ein Engel ihr Gesicht tragen?

„Ein Engel? Ich?“

„Na ja, ich denke, dass Sie schon öfter gehört haben, dass Sie ein Engelsgesicht haben“, fand er zu seiner alten Sicherheit zurück. „Und keine Sorge, Sie müssen mir nicht stundenlang Modell stehen, ein paar Fotos reichen.“

Helena überlegte einen Moment. Dann nickte sie. „Warum nicht?“

2. KAPITEL

New York, zwei Monate später

Karl stand in seiner Galerie in New York, die nur wenige Minuten zu Fuß vom Central Park entfernt lag. Mittlerweile waren Vernissagen, wie die heutige, zur Routine geworden. Er arbeitete nun schon zehn Jahre in dem Haifischbecken der Kunsthändler. Als er entgegen dem Willen seiner Familie und gegen die Warnung seiner Freunde seine Heimat im Erzgebirge verließ, um in New York Kunst zu studieren, hatte ihm kaum jemand länger als ein Jahr gegeben. Alle glaubten, der kreative Außenseiter, der kleine Fisch, würde spätestens nach dem Abschluss von der Wirklichkeit zerrissen. Aber Karls untrüglicher Blick für moderne Kunst, seine Neugier und Offenheit und, wie viele Neider behaupteten, sein Charme und seine Attraktivität hatten dafür gesorgt, dass er mittlerweile als echter Shootingstar gefeiert wurde.

Selbst malte er kaum noch, aber er entdeckte immer wieder Künstler, die zu Stars wurden. Kein Wunder, dass täglich Künstler aus der ganzen Welt bei ihm anfragten, ob er ihre Werke vertreten würde.

Karl beobachtete all die Anwesenden um ihn herum. Die Kunstprofessoren, meist schon ergraut, aber mit untrüglichem Gespür für das Besondere. Die Journalistinnen, die jeden mit ihrem Blick durchbohrten, ob er wohl eine gute Story zu liefern hätte. Die Künstler, die je nach ihrem Erfolg seine Gunst suchten oder mit den Journalisten diskutierten. Die Gruppe von Kunstsammlern, die sich mal eben ein Gemälde für 30.000 Dollar kauften, genauso, wie sie Kostüme von Donna Karan oder Gaultier in ihren Kleiderschrank hängten.

Eine von ihnen war Melissa. Sie war wie er gerade dreißig und stattete ihr Penthouse gerne mit Werken von Künstlern aus, die auch mal in der Times besprochen wurden.

„Hi, Darling!“ Sie musste sich trotz der High Heels und Modelmaße strecken, um Karl links und rechts ein Küsschen auf die Wangen zu hauchen.

Karl war nicht nur groß, er hätte auch jedem griechischem Bildhauer Modell für eine Statue stehen können. Selbst in dem Maßanzug war der durchtrainierte Körper zu erahnen.

„Hallo Melissa, schön, dich zu sehen“, sagte er. Schon als Kind hatten ihm alle hinterhergeschaut, weil er mit der ungewöhnlichen Kombination blauer Augen und dunkler Locken gesegnet war.

„Alle loben deine Entdeckung wieder in den höchsten Tönen“, raunte Melissa ihm zu und strich den akkurat geschnittenen schwarzen Bob hinter ihre Ohren.

Karl betrachtete die mannshohen Gemälde, allesamt abstrakte Selbstporträts des ausstellenden Künstlers, in der er jeweils ein Gefühl wie Freude oder Enthusiasmus in einer Explosion von Farben darstellte.

„Das finde ich auch. Konstantin Weihrauch ist ein Genie. Seine Bilder sind Therapie. Keiner kann sie länger als zwei Minuten anschauen, ohne von dem guten Gefühl angesteckt zu werden. Er wäre mit jedem Galeristen erfolgreich geworden, ich hatte nur das Glück, ihn zuerst zu entdecken“, antwortete Karl. Er schaute diese Gemälde gerne an, und doch konnte ihre Fröhlichkeit den Schatten der Traurigkeit, die auf ihm lag, nicht ganz vertreiben.

„Sei nicht so bescheiden. Jeder Künstler würde dir Leib und Seele anbieten, um in deiner Galerie ausstellen zu dürfen. Und ich denke, jede Künstlerin doppelt so gerne“, sagte Melissa.

Karl imponierte Melissas selbstbewusste Art. Jede andere Frau, mit der er zusammen gewesen war, war schnell eifersüchtig auf die Bewunderung von allen Seiten gewesen. Seine Exfreundin hatte ihm oft eine Szene gemacht, obwohl er ihr immer treu gewesen war. Karl war weiteren Konflikten mit ihr aus dem Weg gegangen, indem er die Geschichte beendet hatte. Tat Melissa nur so cool, um die Beziehung zu ihm nicht zu gefährden? Karl wollte diesmal nichts überstürzen. Eine Kellnerin kam mit einem Tablett voller Champagnergläser vorbei. Karl nahm dankend zwei entgegen und reichte eins Melissa.

„Auf dich!“, prostete er ihr zu.

„Auf dich! Du bist heute der Star von uns beiden“, entgegnete sie und nahm seine Hand, bevor sie fortfuhr: „Wann dürfen wir beide uns denn zurückziehen?“

Ein paar Stunden später machten sie sich zu Fuß durch das nächtliche New York auf den Weg zu Karls Apartment. Vorher wollten sie noch eine Kleinigkeit essen gehen.

Plötzlich zupfte Melissa ihn am Arm. „Schau mal! Der erste Schnee!“

Tatsächlich schwebten ein paar Schneeflocken durch die Luft und wurden von all den Leuchtreklamen, dem Blinken und Glitzern beleuchtet. „Bitte, lass uns durch den Park gehen!“, bettelte Melissa. „Da bleibt der Schnee länger liegen.“

Karl zog seinen Kaschmirschal fester um seinen Hals. Der schwarze Wollmantel schützte ihn zwar vor der Kälte, aber der Anblick der Schneeflocken ließ auch sein Herz frösteln. Melissa dagegen tanzte trotz High Heels wie ein kleines Mädchen im Kreis, als sie sich irgendwann dem gigantischen Weihnachtsbaum inmitten der Eisfläche auf dem Central Park näherten.

„Ich liebe Weihnachten!“

Sie klatschte übermütig in die Hände und drehte sich wieder. Der Schnee taute schon nach wenigen Sekunden, sodass der Boden gefährlich glatt war. Melissa geriet ins Straucheln, doch Karl fing sie auf, und sie landete in seinen Armen, bevor sie fallen konnte. Karl ließ Melissa wieder los, als sie sich aufgerichtet hatte.

„Ich wollte mich schon immer mal von einem hübschen Prinzen retten lassen“, lachte Melissa.

„Das hat eine Frau wie du doch gar nicht nötig. Du bist selbst eine Königin und brauchst keinen Prinzen“, entgegnete er harscher als beabsichtigt.

Karl konnte gar nicht schnell genug fortkommen von dem Platz, an dem nicht nur der prächtige Weihnachtsbaum blinkte. Auf der Eisbahn zogen schon einige Leute ihre Bahnen, manche kunstvoll, manche kämpften sich eher vorwärts. Auch wenn dieser Platz mitten in New York einer der berühmtesten Schauplätze in romantischen Komödien war, erfüllte er Karl mit Unbehagen.

„Ach Karl, tief im Inneren möchte doch jedes Mädchen gerettet werden.“

Karl ging nicht weiter auf ihre Bemerkung ein. „Wir sollten uns beeilen, ich habe Hunger“, sagte er nur.

Als wäre der Weihnachtsbaum in der Mitte nicht schlimm genug, mussten sie auch noch an ein paar Weihnachtsmarktständen vorbei, um Melissas Lieblingsrestaurant zu erreichen.

„Karl, bevor wir essen gehen, möchte ich noch ein paar gebrannte Mandeln kaufen. Und schau mal! Wie niedlich!“ Melissa zeigte auf die Auslage der kleinen Holzbude, in der eine bunte Mischung von Weihnachtspyramiden, Kuckucksuhren, Porzellanpuppen und Nussknackern als „Deutsche Handwerkskunst“ verkauft wurden.

„Am Wochenende besuche ich meine Tante in Maine, sie ist ganz verrückt nach Souvenirs aus aller Welt!“

Ein Blick auf die Weihnachtspyramiden reichte Karl, um zu bestätigen, dass es sich um günstige Massenware handelte. Um die Art von Massenware, die es den wirklichen Traditionsbetrieben schwer machte, ihre Produkte zu einem guten Preis zu verkaufen.

„Du kommst doch aus Deutschland, Darling. Sollen wir da nicht was für deine Wohnung hier kaufen?“, fragte Melissa neckisch.

„Nein danke, ich lasse Weihnachten wie jedes Jahr ausfallen“, antwortete Karl mit lakonischem Unterton.

„Na, da habe ich Glück, dass du wenigstens nicht so alt und geizig bist wie Ebenezer Scrooge! Der hielt auch nichts von Weihnachten, bis er durch die Geister der Vergangenheit geheilt wurde“, meinte Melissa und zückte ihre Geldbörse, um einen Nussknacker und zwei Tüten gebrannte Mandeln zu erstehen.

Die Geister der Vergangenheit, dachte Karl nur und schaute durch Melissa hindurch, die mit dem Verkäufer schäkerte. So geizig wie der alte Scrooge aus Charles Dickens Weihnachtsgeschichte war Karl nun wirklich nicht. Während Melissa weiter mit dem Verkäufer fachsimpelte, kaufte er am Nebenstand einen heißen Kakao und reichte diesen zusammen mit einem Fünf-Dollar-Schein einer alten Frau, die in der Kälte auf einer Decke saß und mit einem Pappschild um Spenden bat.

Karl mochte Weihnachten nicht, für ihn war Weihnachten immer mit einer Pflicht verbunden, die er weder erfüllen konnte noch wollte. Im Dienste von Weihnachten hatte seine Familie, allen voran sein Vater, ihn in ein Korsett zwängen wollen, das ihm jede Luft zum Atmen genommen hätte.

Die alte Frau nahm den Schein mit ihren vernarbten Fingern entgegen und schaute den jungen, hübschen Mann fast irritiert an, als er ihr auch noch die Tasse mit dem warmen Kakao reichte.

„Danke“, sagte sie nur und umklammerte die Tasse, um ihre Finger zu wärmen.

„Gern geschehen. Alles Gute Ihnen“, sagte er fast beklommen. Wenn er Menschen wie diese Frau sah, würde er am liebsten sein halbes Vermögen spenden – was er ohnehin schon fast tat. So reich er auch war, Geld bedeutete ihm nicht viel, er wollte damit nur seine Freiheit erhalten.

„Ah, da bist du!“ Melissa pirschte sich von hinten an ihn ran. „Wolltest wohl beweisen, dass du gar kein Scrooge bist, oder was?“

Charles Dickens berühmte Figur war auch heute noch ein Klassiker der Vorweihnachtszeit, der in unendlich vielen verschiedenen Variationen auf Bildschirmen oder in Büchern erzählt wurde.

„Sie hat mir leidgetan“, antwortete Karl, als sie weitergezogen waren.

„Du bist echt zu gut für diese Welt. Keiner muss auf der Straße landen. Meistens spielen Alkohol oder andere Drogen eine Rolle. Glaub mir, solchen Leuten hilfst du mit ein paar Dollars auch nicht weiter“, sagte Melissa und hakte ihn unter.

„So sehe ich das nicht. Es hat auch viel mit Glück zu tun, wo man landet“, entgegnete er.

„Ach was! Schau dich doch mal an! Als junger Mann ohne Ausbildung aus irgendeinem verschneiten Dörfchen aus Deutschland und aus eigener Kraft zu einem der erfolgreichsten Männer der New Yorker Kunstszene aufgestiegen.“

Karl musste den Gedanken verdrängen, dass er nicht mit nichts gekommen war. Trotz aller Schwierigkeiten und dem großen Krach am Ende hatten ihm seine Eltern ein solides Fundament mitgegeben. Sie hatten ihn geliebt und gefördert – allerdings nur solange er der brave Junge war. Als er an ihre letzte Begegnung dachte, redete er sich ein, dass es genau das Richtige gewesen war, den Kontakt abzubrechen. Oder? Doch statt weiter zu grübeln, widmete er sich lieber wieder seiner hübschen Begleitung.

„Du erzählst so wenig von deiner Familie“, bemerkte Melissa und führte die Gabel mit der Taubenbrust an Pilzrisotto zum Mund. Karl wäre auch mit einem schlichten Italiener zufrieden gewesen, aber Melissa hatte darauf bestanden, wenigstens zu schauen, ob das Fitzgerald noch einen Tisch frei hätte. Tatsächlich hatten sie noch einen Tisch in einem der besten Restaurants New Yorks ergattern können, obwohl sie nicht reserviert hatten.

„Zwischen mir und meinen Eltern liegt ein Ozean. Wir haben uns ewig nicht gesehen. Da gibt es nicht viel zu erzählen“, antwortete Karl ausweichend und beobachtete das junge Paar einen Tisch weiter. Er beneidete die beiden um den unbeschwerten, verliebten Umgang miteinander. Sie sahen so aus, als hätten sie auch in der billigsten Imbissbude dasselbe Vergnügen miteinander.

„Ach komm“, entgegnete Melissa, „Dank Skype und Co ist die Welt ein Dorf geworden. Was ist wirklich los?“

Einerseits bewunderte Karl Melissa für ihre forsche Art, andererseits fühlte er sich bedrängt.

„Sie konnten mit meiner Art zu denken nichts anfangen. Also ist es besser, wenn wir den Kontakt auf ein Minimum reduzieren, statt uns zu streiten“, antwortete er ausweichend. Dass ein kurzer Mailwechsel stattgefunden hatte, als seine Schwester Mutter geworden war, war auch schon wieder Jahre her. Manchmal fragte sich Karl, wie seine Nichte und sein Neffe wohl aussahen. Ob sie genauso waren wie er und seine Schwester früher? Manchmal hatte Karl Lust, wenigstens zu den Kindern Kontakt aufzunehmen, aber er war kein Mann für halbe Sachen, ganz oder gar nicht, war sein Grundsatz. Ein Grundsatz, den er bei Melissa jedoch noch nicht wirklich umgesetzt hatte. Als könnte sie Gedanken lesen, sprach sie ihn auf das Thema an.

„Meine Eltern sind übrigens ganz verrückt danach, dich endlich mal kennenzulernen.“

„Weil sie sich für moderne Kunst interessieren?“, fragte er ironisch nach.

Karl ließ das Messer durch das butterweiche Fleisch gleiten. Er liebte gutes Essen, und doch dachte er, dass Restaurants dieser Art besonderen Anlässen vorbehalten sein sollten. Seine Familie war wohlhabend gewesen, aber Luxus wurde immer argwöhnisch betrachtet. Verflixt, warum musste er kurz vor Weihnachten immer so viel an seine Familie denken?

„Nein, sie wollen wissen, wer ihrem Mädchen den Kopf verdreht hat“, entgegnete sie.

„Okay. Dann lass sie uns treffen!“

Melissa verschluckte sich am Risotto, nahm die Damastserviette und hielt sich die vor den Mund, während sie hustete.

„So plötzlich?“

Karl musste lächeln. Er hatte Melissa durchschaut. Es war eine Testfrage gewesen, um zu sehen, wie er reagieren würde.

„Ich meine es ernst, Melissa, ich würde sie gerne kennenlernen“, fuhr er fort. Und er meinte es ernst, weil er irgendetwas brauchte, was ihm helfen würde, sich ganz auf Melissa einzulassen oder die Beziehung zu beenden. Alles sprach für Melissa. Sie war klug, selbstbewusst, erfolgreich, sie würde also keine Beziehung mit ihm eingehen, wie es manch andere Frau versuchte hatte, nur um von seinem Geld und Status zu profitieren. Außerdem sah sie richtig gut aus, und was am wichtigsten war: Er konnte Spaß mit ihr haben. Durch ihre lockere Art holte sie ihn immer wieder aus seinen Grübeleien heraus. Dennoch hätte er sie niemals als seine große Liebe bezeichnet.

Wahrscheinlich ist das ungerecht von mir, dachte Karl. Er war einfach zu abgeklärt, um an die eine große Liebe zu glauben. Das hatte er mit achtzehn Jahren getan und war bitter enttäuscht worden.

Melissa, die bemerkte, dass Karl mit seinen Gedanken abschweifte, legte sanft ihre Hand auf seine und nahm den Gesprächsfaden wieder auf.

„Gut, aber wenn ich dich mit zu meinen Eltern nehme, werden sie denken, dass es ernst ist. Sehr ernst.“

Wahrscheinlich ist sich Melissa genauso unsicher wie ich, dachte Karl. „Und was denkst du? Ist es ernst?“, fragte er deshalb nach.

Melissa neigte den Kopf zur Seite, wobei ihre Goldkreole zwischen ihrem Hals und Ohr baumelte.

„Das liegt an uns, Darling. Wir wären mit Sicherheit ein unschlagbares Team“, antwortete sie, ohne seine Hand loszulassen. Karl mochte ihre feste, warme Haut.

„Aber jetzt“, fuhr sie fort und schaute ihm tief in die dunkelblauen Augen, „sind wir nur gute Freunde mit gewissen Vorzügen. So wie Natalie Portman und Ashton Kutcher in Freundschaft Plus?

Karl zog seine Hand unter ihrer weg, um einen Schluck von dem Weißwein zu trinken. Er saß nach einer erfolgreichen Vernissage mit einer attraktiven Frau in einem fantastischen Restaurant, trank den besten Wein – und fühlte sich doch leer.

Was hätte er mit achtzehn Jahren darum gegeben, einen Blick in die Zukunft zu werfen und sein erfolgreiches, dreißigjähriges Ich zu sehen! Das hätte ihm Kraft in all den anstrengenden Jahren gegeben, in denen er als Museumswärter in verschiedenen großen Ausstellungen arbeitete, um sein Studium zu finanzieren. Stundenlang hatte er die Menschen und die Kunstwerke beobachten können. Schnell hatte er gelernt, zu unterscheiden, wer sich wirklich für die Gemälde oder Skulpturen interessierte. Oder wer nur an einem kulturellen Ort gesehen werden wollte. Schließlich bildete die New Yorker Upper Class sich ganz schön viel auf ihren Kunstverstand ein.

Und jetzt gehörte er selbst dazu und war doch noch nicht so glücklich, wie er damals geglaubt hätte.

Karl spürte die Spitze von Melissas High Heels an seinen Fesseln.

„Manchmal frage ich mich, ob du noch einer alten Liebe hinterhertrauerst. Wie hieß deine erste Freundin? Meistens ist es doch die erste, die einen nie wieder loslässt – bis die letzte kommt“, sagte Melissa und ließ ihren Fuß ein paar Zentimeter an seinem Bein hochgleiten.

Karl lächelte. Melissa versuchte wirklich, sich in ihn einzufühlen.

„Sie hieß Simone Kramer und war die Tochter des Bürgermeisters in dem kleinen Städtchen, in dem ich aufgewachsen bin. Sie war fast so hübsch wie du, aber nur fast!“, erzählte Karl.

„Oh, danke für das Kompliment. Aber sie sah mir nicht ähnlich, oder?“, fragte Melissa.

„Nein, sie war eher der brünette Typ. Aber sie war genauso ehrgeizig wie du“, teilte Karl seine Erinnerungen mit Melissa, „Sie war immer die Klassenbeste und wollte schon als Teenager Karriere machen.“

„Und hat sie?“, wollte Melissa wissen.

Der Kellner kam fast wie ein Geist an den Tisch geschlichen und schenkte noch Wein nach, als er auf seinen fragenden Blick hin ein Nicken von Karl zur Antwort bekam.

„Keine Ahnung. Ich habe sie noch nicht mal gegoogelt, weil ich die alten Zeiten endgültig hinter mir lassen wollte“, offenbarte Karl sich.

„Das würde dir aber mit Sicherheit dabei helfen, über sie hinwegzukommen. Wahrscheinlich ist sie längst nicht mehr deine Traumfrau“, sagte Melissa und holte ihr Smartphone aus ihrer Luis-Vuitton-Tasche und begann etwas einzutippen.

Karl beobachtete ihr diebisches Grinsen.

„Ich wette, ich habe sie gleich entzaubert … Oh, Simone Kramer ist echt ein Allerweltsname. Du musst mir schon ein paar weitere Hinweise auf sie geben“, sagte sie belustigt.

„Melissa, es geht dich nichts an. Lass es bitte“, rutschte es Karl etwas lauter als beabsichtig heraus.

„Natürlich geht es mich was an. Schließlich gehen wir seit Wochen miteinander aus, und ich habe ja wohl ein verdammtes Recht darauf, endlich zu erfahren, warum du dich nicht ganz auf mich einlässt!“

Nun kam der Kellner mit dem Dessert, zwei kleinen Teller, mit Mandelmousse an Granatapfelsorbet und karamellisierten Apfelsternen. Unschlüssig blieb er stehen, als er sah, wie Melissas Augen vor Zorn blitzten.

Karl versuchte, Melissa zu beschwichtigen. Der Kellner nutzte den Moment der Ruhe, um die Teller abzustellen und sich wieder unsichtbar zu machen.

„Es tut mir leid, der Ton war nicht in Ordnung, aber ich möchte wirklich nicht, dass du in meiner Vergangenheit herumschnüffelst.“

„Langsam frage ich mich, ob du nicht ein paar Leichen im Keller hast. Was ist denn der wahre Grund, aus dem du deine Heimat verlassen hast?“, fragte Melissa.

Karl hatte damals geglaubt, er müsse seinen Eltern, vor allem seinem Vater, nur zeigen, wo sein wirkliches Talent lag, dann würden sie ihn seinen eigenen Weg machen lassen. Karls Vater ging wie selbstverständlich davon aus, dass Karl nach dem Abitur eine Ausbildung im hauseigenen Betrieb machen würde, um mit in die Krippenmanufaktur einzusteigen. Die Kunst des Schnitzens beherrschte Karl schon als Kind, aber die Firma brauchte jemanden, der das Unternehmen in die Zukunft führte, mit Angestellten und Kunden verhandelte, die Werbung organisierte – kurz, sein Vater sah in Karl seinen Nachfolger als Geschäftsführer. Sein Wunsch, Kunst zu studieren und die Welt kennenzulernen, wurde als Spinnerei abgetan.

Der einzige Erwachsene, der ihn ernst nahm, war Klaus Kramer, der Vater seiner damaligen Freundin Simone und der Bürgermeister der Stadt. Er war überzeugt von dem Talent des jungen Mannes und bot ihm an, seine erste Ausstellung im Rathaus zu präsentieren. Er willigte sogar darin ein, dass das Ganze eine Überraschung werden sollte. Wie glücklich war Karl in der Zeit gewesen, in der er nächtelang in der Kellerbar seiner Eltern, die niemand betrat, weil selten gefeiert wurde, an seinen eigenwilligen, abstrakten Gemälden arbeitete! Tagsüber kümmerte er sich um die Schule und die Abschlussprüfungen, nachmittags ging er mit Simone im Erzgebirge wandern. Hand in Hand. Wie oft küssten sie sich in dem Tannenwäldchen, schworen sich ewige Liebe, auch wenn Karl nach dem Abitur wegziehen wollte. Je weiter weg, desto lieber. Raus aus der Kleinstadt, in der für jeden schon ein fester Platz im Leben vorgesehen war. Simone träumte auch davon, in der weiten Welt eine Karriere zu starten. Vielleicht als Stewardess?

Seine Bilder durfte jedoch vorher niemand sehen. Karl hatte viel zu viel Angst, jemand würde ihm reinreden. Klaus Kramer vertraute ihm blind, schließlich hatten ihn Karls Skizzen schon überzeugt. Simone schimpfte ein wenig, aber mit ein paar Küssen, konnte er ihre Lippen schnell verschließen.

Und dann war der Tag der Ausstellung gekommen. Der Tag, an dem er beschloss, sein altes Leben komplett hinter sich zu lassen …

Der Nachtisch stand immer noch unberührt vor ihnen. Im Grunde ist es wie damals, dachte Karl. Ich vertraue meiner Freundin nicht hundertprozentig. Ich lasse sie nicht wirklich an meinem Inneren teilhaben.

„Sag schon, Karl“ Melissas Stimme klang versöhnlich. „Welche Leichen hast du im Keller vergraben? Warum kannst du nicht zu deiner Familie zurück?“

Karls Blick wanderte wieder zu dem jungen Pärchen, das so liebevoll miteinander umging. Sie strahlten so ein unschuldiges Glück aus. So eine reine Liebe. Ganz ohne Taktieren. Ganz ohne Hintergedanken. Es kam Karl so vor, als betrachte er ein perfektes Gemälde. Und fühle sich außerstande, so etwas auch nur ansatzweise selbst hinzubekommen. Er richtete seinen Blick wieder auf Melissa und sagte entschlossen: „Melissa, ich glaube, wir beide sollten uns nichts vormachen.“

Karl wusste nicht, was er trauriger fand: das Sinnbild für Verschwendung und vergebene Liebesmüh, das die zwei unberührten, kunstvoll arrangierten Dessertteller für ihn darstellten, oder dass er gerade die zarte Pflanze der anbahnenden Beziehung zwischen Melissa und ihm mit einem Ruck ausgerissen hatte.

„Du bist nicht besser als einer dieser impulsiven Künstler, die ihr Gefühlsleben nicht im Griff haben“, zischte Melissa ihm zu, als sie ihre Tasche unter den Arm klemmte und aufsprang. „Und ich dachte, du wärst jemand ganz Besonderes, aber ich fürchte, du bist einfach zu schwach dazu, deine Vergangenheit zu bewältigen. Was immer dir auch passiert ist, es ist kein Grund, so feige zu sein. Schnell Schluss machen, bevor es noch ans Eingemachte geht!“, schoss sie hinterher.

„Melissa, du bist eine tolle Frau und hast einen Mann verdient, der keine Zweifel hat. Mir ist gerade klar geworden, dass wir beide uns nicht so lieben könnten wie …“ Karl zögerte.

„Wie wer? Wie deine Simone und du? Wenn sie so toll ist, dann fliege doch zurück nach good old Germany! Vielleicht wartet sie ja schon seit Jahren sehnsüchtig auf dich!“ Mit diesem Worten verließ Melissa das Restaurant und ignorierte all die neugierigen Blicke um sich herum. So leid es Karl tat, er wusste, dass er das Richtige getan hatte.

Vielleicht ist es wirklich die Liebe, die in meinem Leben fehlt, dachte Karl. Er sehnte sich nach einer Partnerin, nach einer wirklichen Gefährtin, die ihn um seiner selbst willen liebte. Es war fast, als verspotteten ihn die tanzenden Schneeflocken um ihn herum, als er sich auf den Heimweg machte. Er winkte eins der gelben Taxis herbei, ließ sich von dem indischen Fahrer mit Turban etwas von seiner Familie erzählen, und obwohl es ihn schmerzte, wie glücklich der Mann über seine erwachsenen Kinder sprach, gab er ihm am Ende ein mehr als großzügiges Trinkgeld und wünschte ihm eine gute Weihnachtszeit. Die Straße, in der das elfgeschossige Wohnhaus lag, war noch belebt von Nachtschwärmern und Touristen. Der Eingang wurde von zwei Männern bewacht, die Karl freundlich zunickten, als er durch die bronzefarbene Tür in das riesige Foyer trat. Der Empfangsbereich war so groß, dass zwei ganze Wohnungen hineingepasst hätten. Er erinnerte fast an ein Hotel mit dem roten Teppich und den Clubsesseln.

Wer hier wohnte, hatte es geschafft. Karl empfand fast Erleichterung, dass er Melissa noch nicht mit nach oben genommen hatte. Auch jetzt fingen die Frauen, die mit Shoppingtüten beladen und perfekt gestylt im Foyer mit ihren Freundinnen kicherten, an, ihn unverhohlen anzustarren. Er war es gewohnt, dass die Frauen ihm hinterherliefen. Doch immer wenn er sich auf ein Abenteuer eingelassen hatte, verließ ihn das Interesse, sobald es ernst wurde. Vielleicht hatte Melissa ja recht und er war einfach unfähig in der Liebe.

Vor dem Aufzug drückte er den Knopf, der ihn in den zehnten Stock bringen sollte, als er eine Stimme hinter sich hörte.

„Mister Kirchhoff, warten Sie!“

Karl drehte sich um und sah in die Augen des Concierge, der Tag für Tag in der kleinen Loge im Foyer saß, um den Hausbewohnern das Leben einfacher zu machen.

„Es ist ein Paket für Sie angekommen. Aus Deutschland.“

Mit dem Päckchen in der Hand fuhr Karl eine gefühlte Ewigkeit in dem verspiegelten Aufzug nach oben und konnte seinem Anblick in dem Spiegel nur ausweichen, wenn er auf den Boden starrte.

Mit einem Pling öffnete sich schließlich die Tür und spuckte ihn direkt in seinem Appartement aus. Der Vorraum ging in ein riesiges Wohnzimmer über. Die orangefarbenen Rosen, die seine Haushälterin heute wohl frisch in den Bodenvasen arrangiert hatte, waren der einzige Farbtupfer in dem sandfarben und dunkelbraun gehaltenen Raum. Karl legte das Paket ab und hängte seinen Mantel an die Garderobe. Am liebsten hätte er das Päckchen direkt zu den anderen in die Abstellkammer gestellt.

Als er durch das Wohnzimmer in die angrenzende Küche ging, schaltete sich dort das Licht automatisch ein. Er holte eine Flasche Whiskey aus dem Barschrank, schenkte sich etwas ein und schaute aus dem Fenster, vor dem sich ein fantastischer Blick über das nächtliche New York auftat. Was war das doch für ein Kontrast zu seinem Heimatdorf mit all den kleinen Fachwerkhäuschen, den verwinkelten Gassen, kleinen Kirchen und Kapellen, den stillgelegten Bergwerken und der Natur, die mit ihrer Rauheit überall noch ein Wörtchen mitzureden hatte. Seine Großmutter hatte noch von Zeiten erzählt, in denen sie ihr Haus nicht verlassen konnten, weil der Schnee zwei Meter hoch gegen die Türen drückte.

Wenn er Hunger auf einen Hotdog hatte oder noch eine Zeitung brauchte, konnte er jederzeit alles bestellen oder selbst um Mitternacht in den nächsten Shop laufen. Unvorstellbar, so ein eingeschränktes Leben zu führen. Karl hatte sich damals aber viel mehr noch von den Erwartungen und Ansprüchen seines Vaters eingeschränkt gefühlt. Er hatte einen genauen Plan, wozu sein Sohn auf der Welt war: den Familienbetrieb weiterzuführen. Und wenn er diese Aufgabe nicht erfüllte, war er wertlos.

„Wenn du jetzt gehst, brauchst du nie wiederzukommen!“, hatte sein Vater ihm im Streit damals an den Kopf geworfen. Karl, gerade erwachsen geworden, hatte zurückgeschrien, dass er lieber sterben als zurückkommen würde. Er wusste noch genau, wie sein Vater darüber gelacht und geantwortet hatte: „Warte mal ab. Die Welt hat nicht auf deine Schmierereien gewartet. Spätestens, wenn du als Straßenkünstler um jeden Cent betteln musst, kommst du wieder angekrochen.“

Dazu war es nie gekommen, weil Karl durch Fleiß, Ehrgeiz und ein gutes Gespür für die Kunst selbst in New York ganz schnell zu den Besten gehörte. Und jetzt waren es vor allem sein verletzter Stolz, aber auch die Schuldgefühle, die ihn daran hinderten, wieder Kontakt zu seiner Familie aufzunehmen. Der scharfe Geschmack des Whiskeys und die Hitze, die sich in seiner Kehle ausbreitete, beruhigten Karl etwas. Er trank nicht viel Alkohol, aber das jährliche Weihnachtspaket seines Vaters öffnete er immer mit einem Unbehagen, das mit einem Glas Whiskey besser zu ertragen war.

Die ersten Jahre hatte seine Mutter ihm immer wieder lange Briefe geschrieben, sie vermisse ihn, aber er solle seinen Vater doch verstehen. Karl hatte darum gebeten, dass sie aufhören solle, sich einzumischen. Der letzte Brief seiner Mutter, der per Luftpost an ihn geschickt wurde, lag in einer der Schubladen, die er selten öffnete. Zu stark war der Schmerz. Als sie drei Jahre nach seinem Verschwinden an einem Herzinfarkt starb, gab seine Schwester ihm die Schuld dafür.

„Wage es bloß nicht, zu ihrer Beerdigung zu kommen, nachdem du dafür gesorgt hast, dass ihr Herz gebrochen ist!“, hatte Agnes am Telefon geschluchzt. Karl wagte es wirklich nicht, zumal er seinen Vater damals um Geld hätte bitten müssen, um den Flug überhaupt bezahlen zu können.

Karl holte ein Messer aus dem Messerblock auf der Küchenzeile und schlitzte den Karton auf. Er sah auf Holzwolle, darunter war etwas noch einmal in Seidenpapier eingewickelt. Wie immer gab es keinen Brief oder keine Karte, in der sein Vater erklären konnte, was er mit diesen Päckchen kurz vor Weihnachten überhaupt bezwecken wollte.

Ich weiß es ja eh, dachte Karl bitter. Er will mir ein schlechtes Gewissen machen. Er will mir zeigen, welche Tradition verloren geht, wenn ich den Familienbetrieb nicht fortführe. Dabei habe ich doch noch eine Schwester zu Hause, die das genauso gut kann!

Der Gedanke an Agnes versetzte ihm einen Stich. Auch der Gedanke daran, dass er längst Onkel war und aber ansonsten nichts von Leo und Lilli, seinem Neffen und seiner Nichte, wusste, schmerzte.

Und auch dieses Mal befanden sich ein paar Krippenfiguren unter dem Papier. Nicht so kitschige, bunt lackierte, wie es sie hier in New York auf dem Weihnachtsmarkt oft gab, sondern kunstvoll geschnitzte Figuren aus edlem Lindenholz. Karl nahm die erste Figur, eine Maria mit Jesuskind aus dem Paket. Das geölte Holz fühlte sich glatt und geschmeidig an. Die Figur war kunstvoll gearbeitet. Ob sein Vater, der auf die Achtzig zuging, das noch selber machte? Und wer diesem Madonnengesicht wohl Pate gestanden hatte? Sein Vater, der jedes Jahr neue Prototypen schnitzte, suchte sich für die wichtigsten Figuren oft Vorbilder aus dem Dorf. Im ersten Jahr war er so taktlos gewesen, dem Engel das Gesicht von Karls Exfreundin Simone zu geben – wohl in der Hoffnung, Karl mache sich auf den Weg nach Hause, um sich mit ihr zu versöhnen.

Karl stellte sich vor, wie sein Vater mit dem Schnitzwerkzeug mit seinen alten knochigen Fingern ein Stück Holz in eine Krippenfigur verwandelte. In der Werkstatt hatte es immer nach Harz gerochen. Keiner durfte seinen Vater bei der Arbeit stören, sonst wurde er sofort wieder rausgeschickt.

Karl schaute sich genauso die Josefsfigur, den Hirten mit den Schäfchen und den Engel an, um sie kurz darauf wieder in die Kiste zu verstauen und sie in das Regal in seine Abstellkammer zu stellen, wo auch die Weihnachtsfiguren der letzten Jahre sich stapelten. Schon oft hatte er überlegt, die Figuren einer wohltätigen Organisation zu spenden, aber irgendetwas hielt ihn zurück.

Genauso wenig konnte er sich jedoch dazu durchringen, die Figuren aufzustellen. Er hatte versucht, das Weihnachtsfest zumindest in seiner Wohnung aus seinem Leben zu löschen. Draußen erinnerte ihn auch in New York spätestens ab dem ersten Advent alles an Weihnachten. Die Schaufenster voller Weihnachtsdekoration, Weihnachtsmänner mit feisten, roten Bäckchen, Christbaumkugeln so groß wie Fußbälle, Plastiktannen voller Schnee, der gewaltige Weihnachtsbaum im Central Park, der mit seiner Höhe versuchte, an die Wolkenkratzer heranzureichen … und aus jedem Lautsprecher erklang Jingle Bells oder Last Christmas.

Aber in New York war der Spuk wenigstens nach ein paar Wochen vorbei, während im Erzgebirge jeder Tag an Weihnachten erinnerte. Die ganze Gegend lebte von Weihnachten und dem Tourismus, nachdem der Bergbau immer weiter an Bedeutung verloren hatte und die Stollen nur noch von Touristen besucht wurden.

Bevor Karl das Päckchen wieder schloss, holte er noch einmal den Engel hervor. Warum wusste er erst selbst nicht, doch als er das Gesicht betrachtete, setzte sein Herz einen Moment aus.

Es war kein Gesicht, das er kannte, aber es war ein so unendlich schönes, aber auch trauriges Gesicht, dass es ihn so stark berührte, wie schon lange nichts mehr. Er hielt die Figur in den Händen, streichelte mit den Fingern über das weiche Holz, hätte dem schönen Engel am liebsten Worte des Trostes zugeflüstert, wenn das nicht vollkommen lächerlich gewesen wäre.

„Du bist nur eine Holzfigur, also mache mich nicht zum Narren“, sagte er dennoch und musste über sich selbst lachen. Der Gesichtsausdruck des Engels mit den großen Augen und langen Locken blieb genauso traurig.

Welche Augenfarbe sie wohl in Wirklichkeit hatte? Welche Frau hatte seinem Vater Modell für den Engel gestanden? Welche Verletzung war ihr passiert, dass sie so schaute? Oder hatte sein Vater nur sein Geschick angewendet, um ihm mit ein paar traurigen hölzernen Augen ein noch schlechteres Gewissen zu machen?

Karl wollte die Figur schnell wieder in das Paket zurücklegen, um es in das Regal zu den anderen zu stellen. Er würde dieses Gesicht schon wieder vergessen. Im Grunde ging es ihn doch gar nichts an. Doch es war ihm, als brannte die Figur in seiner Hand, als er sie verschwinden lassen wollte. Und dann tat Karl etwas, was er noch nie getan hatte: Er stellte die Krippenfigur auf das Fensterbrett in seinem Schlafzimmer.

Am nächsten Morgen wurde Karl nach unruhigem Schlaf von dem Klingeln seines Handys geweckt. Er tastete schlaftrunken nach dem Telefon und nahm den Anruf entgegen.

„Hi, ich bin’s, Melissa.“

Karl brauchte einen Moment, um sich die unschöne Trennung am Abend ins Gedächtnis zu rufen.

„Guten Morgen, wie geht es dir?“, fragte er trotz des Streits höflich nach.

„Es geht so. Ich glaube, wir waren gestern beide nicht so nett zueinander. Ich hätte dich nicht so bedrängen dürfen. Du wirst mir schon früh genug erzählen, warum du keinen Kontakt zu deiner Familie hast. Das geht mich ja nichts an, ich dachte einfach nur, wenn das mit uns beiden was wird, dann sollten wir uns vertrauen können …“ Melissas Redeschwall erzeugte Karl Kopfschmerzen.

„Es tut mir leid, Melissa, ich habe auch überreagiert.“

Einen Moment schwiegen beide. Karls Blick blieb auf dem Fensterbrett hängen. Dort stand der Engel mit dem wunderschönen Gesicht. Es war, als besänftige dieses Gesicht Karls Ärger über Melissa.

„Da bin ich ja froh, Karl, dass du es genauso siehst. Und ich wollte dir deshalb einen Vorschlag machen. Komm Weihnachten mit zu meiner Familie. Weißt du, ich habe ihnen schon vor unserem Streit erzählt, dass du kommen wirst. Wenn du nicht kommst, dann denken sie, ich wäre ein sitzengelassenes Mädchen“, kicherte Melissa.

Geht es darum, was ihre Eltern von ihr denken, oder will sie mich wirklich dabeihaben? fragte Karl sich.

„Ach, Melissa, ich wette, die Jungs stehen Schlange bei dir. Niemand würde dich für sitzengelassen halten.“

„Kann schon sein, in der Schlange ist aber keiner so sexy wie du“, antwortete sie durch das Telefon, als hätte er gestern nicht gesagt, dass er in der Beziehung keine Zukunft sehen würde.

Karl konnte seinen Blick nicht von dem Engel wenden. Auch nicht, als er die Decke zurückwarf, um aufzustehen. Fast war es ihm unangenehm, nur in Boxershorts vor der Figur zu stehen, als könnte sie ihn sehen. Ob er verrückt wurde? Er atmete tief durch und antwortete Melissa ganz ruhig und mit tiefer Gewissheit, das Richtige zu tun.

„Melissa, ich werde dieses Jahr zu Weihnachten nach Hause fliegen.“

Es wurde Zeit, sich endlich der Vergangenheit zu stellen und sich mit seiner Familie auszusöhnen. Karl hatte Angst davor, in seine Heimat zurückzukehren. Aber der Gedanke, dass er dort die Frau treffen könnte, die diesem Engel ihr Gesicht geliehen hatte, gab ihm auf unerklärliche Weise Mut.

3. KAPITEL

Helena saß mit Julia und ein paar weiteren Frauen in dem Gemeindesaal, während zwanzig Kinder über Tische und Stühle sprangen und einen riesigen Lärm veranstalteten. Helena genoss den Trubel, der sie an ihre Zeit im Kindergarten erinnerte und von ihrem eigenen Verlust ablenkte.

Sie hatten den ganzen Nachmittag damit zugebracht, die Rollen und Aufgaben für das Krippenspiel zu verteilen, sodass die Kinder jetzt außer Rand und Band waren.

„Kommst du jetzt immer?“, fragte Leo, einer der größten Jungs der Gruppe.

„Ich denke schon“, antwortete Helena lächelnd.

„Und ich überlege gerade, ob es ein Fehler war, mich für die Mithilfe zu melden“, sagte Agnes, eine der Freundinnen Julias, die sich den Schweiß von der Stirn wischte. Der Gemeinderaum war gut geheizt, und der Lärmpegel und der Stress taten ihr Übriges.

„Wenn ich nicht bald eine Pause und einen Kaffee bekomme, drehe ich durch!“, fuhr Agnes fort. Julia mischte sich ebenfalls ein: „Hör mal, das ist der erste Tag! Da wirst du dich dran gewöhnen müssen. Ohne uns gibt es zu Weihnachten kein Krippenspiel!“

Helena sah die beiden Frauen fast belustigt an. „Ich werde für eine Pause sorgen.“

Dann stellte sie sich in die Mitte des Raums und rief mit fester Stimme: „Alle mal herhören!“

Tatsächlich hielten fast alle Kinder sofort inne.

„Zieht euch alle Jacken und Mützen an und spielt eine Runde auf dem Hof. In der Zeit schmieren wir euch Butterbrote und machen warmen Kakao! Wie hört sich das an?“

„Super, toll, gut …“, brüllten die Kinder durcheinander, flitzten zur Garderobe im Flur und tollten keine fünf Minuten später im Schnee.

Agnes schaute Helena an: „Ich wusste doch, dass du die perfekte Frau für uns bist! Hast du keine Lust, bei uns zu Hause weiterzumachen? Lilli und Leo treiben mich gerade in den Wahnsinn! Dabei habe ich jetzt so viel zu tun. Ich habe mich ja nur vor lauter schlechtem Gewissen dazu überreden lassen, beim Krippenspiel zu helfen, weil ich meine Kinder sonst in der Vorweihnachtszeit gar nicht sehe“, klagte Agnes. Helena war schnell klar geworden, dass Agnes die Tochter von Hans Kirchhoff sein musste. Kein Wunder also, dass sie in der Vorweihnachtszeit schuften musste, um all die Bestellungen abzuwickeln.

Die drei Frauen gingen in die Küche des Gemeindezentrums, von der sie einen Blick in den Innenhof hatten. Helena öffnete das Fenster, damit sie sofort mitbekommen würde, falls eins der Kinder Hilfe brauchte. Agnes schaltete als Erstes die Kaffeemaschine ein, und Julia, die alle immer gern mit Essen versorgte, öffnete den Kühlschrank, um Butter, Wurst und Käse herauszuholen.

„Wir sollten uns nach Weihnachten einen gemeinsamen Wellnesstag gönnen. Ich merke jetzt schon, dass es mir mit euch beiden einen riesigen Spaß macht!“, sagte Julia, während sie das frische Brot in dicke Scheiben schnitt.

„Von mir aus können wir den Wellnesstag schon morgen machen. Die Kinder, die Arbeit … glaubt bloß nicht, ich würde geschont, nur weil mein Vater mein Chef ist, ganz im Gegenteil. Vielleicht sollte ich es wie mein Bruder machen. Einfach abhauen!“ Der Zug um Agnes’ Mund wurde bitter, und sie knallte die Thermoskanne etwas heftiger unter die Kaffeemaschine, als es nötig gewesen wäre.

„Ich erinnere mich daran. Das gab doch einen ganz schönen Eklat, als dein Bruder damals gegangen ist. Das hat damals, glaube ich, ganz schön am Image der perfekten Familie gekratzt“, sagte Julia sehr freimütig, sodass man merkte, dass die beiden sich sehr nahe standen.

„Aber so ist das nun mal, es gibt keine perfekten Familien“, fuhr Julia fort, während sie die Brotscheiben butterte.

Agnes lachte darüber, doch Helena wurde ernst.

„Ganz ehrlich, ich würde gerne unperfekte Eltern und unperfekte Geschwister in Kauf nehmen, um überhaupt eine Familie zu haben! Geschwister hatte ich nie, und meine Eltern sind beide tot.“

Julia legte das Messer beiseite und strich Helena über den Arm. „Das war dumm von mir. Tut mir leid.“ Mehr sagte sie nicht dazu, und Agnes, die wusste, dass sie es mit jedem Spruch nur schlimmer machen konnte, reichte Helena einfach eine Tasse von dem frisch aufgebrühten Kaffee.

Helena wischte sich eine Träne aus den Augenwinkeln und nahm die Tasse entgegen. „Ach was, mir tut es leid. Ihr könnt ja nichts dafür! Ich bin froh, dass ich euch habe. Freunde zu haben, ist fast wie Familie.“

Und so kam es, dass Helena tatsächlich wieder etwas hatte, worauf sie sich freute. Sobald sie das Erzgebirgsche Weihnachtslädchen abends abgeschlossen hatte, lief sie zum Gemeindesaal, um sich mit Agnes und Julia zu den Vorbereitungen zu treffen. Agnes, die sie erst durch Julia kennengelernt hatte, war ihr am Anfang ein wenig herb erschienen, doch mittlerweile hatte sie die Tochter von Hans Kirchhoff ebenfalls ins Herz geschlossen.

An manchen Tagen, vor allem am Wochenende, probten sie mit den Kindern die Weihnachtsgeschichte und die Weihnachtslieder. An anderen kümmerten sich die drei Frauen um die Kostüme und das Bühnenbild.

Es hatte allein zwei Abende gedauert, die große Holzplatte mit dem Stall und dem nächtlichen Bethlehem zu bemalen. Auch die Engelsflügel mit Gänsefedern zu bekleben oder Sterne auszuschneiden brauchte seine Zeit.

Aber egal, was sie machten, Helena, Julia und Agnes nutzten die Zeit, um zu plaudern. Sie lachten oft gemeinsam, und hin und wieder glaubte sogar Helena, dass es auch in ihrem Leben vielleicht irgendwann wieder heller werden könnte.

Als sie heute die Kinder bei den Proben sah, musste sie weinen, als der Engelschor Stille Nacht sang. Sie hatte geglaubt, keiner hätte es bemerkt, doch Lilli, die Tochter von Agnes, lief nach dem Lied auf sie zu.

„Was ist mit dir? Kann ich dich trösten?“ Das sechsjährige Mädchen nahm Helena an die Hand.

„Du bist mir echt ein Engel, Lilli. Ich weine doch nur, weil ihr so schön singt.“

„Na ja, Mama hat gesagt, wir würden schrecklich schief singen, vielleicht liegt es daran?“

Helena musste lächeln. Das Mädchen ließ sich nicht abwimmeln. „Weißt du, Lilli, mit euch das Krippenspiel vorzubereiten, macht mich glücklich. Aber manchmal muss ich an traurige Sachen denken, die passiert sind. Zum Beispiel, dass meine Eltern gestorben sind, die haben mir auch immer zugeschaut, wenn ich beim Krippenspiel mitgespielt habe.“

„Dann schauen sie jetzt bestimmt vom Himmel aus zu“, antwortete das Mädchen mit großen, ernsten Augen.

„Bestimmt!“, sagte Helena mehr zu sich selbst.

„Warst du auch mal die Maria beim Krippenspiel?“, fragte Lilli.

„Nein, leider nie. Ich war früher ziemlich schüchtern. Meistens war ich nur Schaf. Aber einmal war ich auch ein Engel“, antwortete Helena.

„Und jetzt bist du für immer ein Engel!“

„Ach nee!“, antwortete Julia.

„Doch! Ich habe das Foto in Opas Werkstatt gesehen. Und als ich in die Werkstatt gegangen bin, hat Opa gar nicht geschimpft wie sonst, wenn er arbeitet. Er sucht sich ja jedes Jahr echte Leute aus. Unser Nachbar war mal der Josef. Und Oma auch mal die Maria“, plapperte Lilli.

Wenn Helena an die Begegnung mit Hans Kirchhoff dachte, konnte sie sich gar nicht vorstellen, dass er wirklich der alte mürrische und teils herrische Mann war, als den Agnes ihn öfter beschrieb. Aber wer weiß, vielleicht war es der Bruch mit seinem Sohn, der ihn so bitter werden ließ.

Als Lilli sich wieder unter die anderen Kinder in dem Gemeindesaal gemischt hatte, kam Agnes zu ihr.

„Sie ist eine ganz schöne Plaudertasche“, kommentierte sie die Offenheit ihrer Tochter.

„Sei doch froh. Weißt du, wie gerne ich ein Kind wie sie gehabt hätte?“, fragte Helena wehmütig.

Agnes überlegte einen Moment, bevor sie den Satz aussprach: „Du wirst bestimmt noch Mutter werden. Du bist doch noch nicht einmal dreißig Jahre alt!“

„Im Moment kann ich mir nicht mal vorstellen, mich überhaupt je wieder zu verlieben“, antwortete Helena und starrte gedankenverloren auf die Kinder, die sich von Julia helfen ließen, die Kostüme wieder auszuziehen.

Die abendlichen Treffen hatten dazu geführt, dass Helena nicht wie sonst jeden Tag zum Friedhof gehen konnte, um das Grab ihrer Eltern und das von Tom zu besuchen. Ob ihre Sehnsucht, besonders ihrem Verlobten nahe zu sein, irgendwann nachlassen würde? Helena erschrak über diesen Gedanken, der ihr wie Verrat vorkam. Wahrscheinlich kam der Gedanke nur von dem Gespräch mit Agnes, die glaubte, Helena könnte sich irgendwann neu verlieben.

„Das ist ausgeschlossen“, sagte sie leise, als sie jetzt vor Toms Grab stand. Die Kerze in der Laterne war ausgegangen, und Helena versuchte vergeblich, ihr Feuerzeug zu entflammen. Jedes kleine Flämmchen wurde sofort gelöscht. Von den Pflanzen war nichts zu sehen, da eine dicke Schneeschicht sie versteckte. Auch auf dem Grabstein türmte sich eine Schneedecke. Helena zog ihren Schal fester um ihren Hals. Lange würde sie es hier heute nicht aushalten. Ihre Füße schmerzten schon von der Kälte, und der eisige Wind ließ ihre Wangen brennen.

Als sie einen großen Mann in einem schwarzen Mantel, der die Schirmmütze tief ins Gesicht gezogen hatte, zwei Reihen weiter in ihre Richtung laufen sah, zuckte sie kurz zusammen. Normalerweise kannte sie jeden, der hier seine Angehörigen besuchte oder hier arbeitete, aber dieser Mann war ihr nicht nur völlig unbekannt, er bewegte sich auch ganz anders als die Leute hier. Er lief die Reihe zwischen den Gräbern entlang, als sei er unterwegs zu einem Geschäftstermin und nicht zu einem Verstorbenen. Auch die elegante und doch männliche Art, in der er gekleidet war, fiel ihr auf.

Als er auf ihrer Höhe war, hob er den Blick. Helena, das Feuerzeug noch in der Hand, schaute ihn unverhohlen an. Er blickte mit seinen blauen Augen zurück. Sie konnte seinen Gesichtsausdruck nicht ganz deuten. Er wirkte unendlich ernst. Dann überrascht, als hätte er nicht damit gerechnet, jemanden auf dem Friedhof zu treffen. Auf einmal lächelte er Helena an, als erkenne er sie. Da Helena diesen Mann noch nie im Leben gesehen hatte, meinte sie, es wäre ein Missverständnis. Wahrscheinlich eine Verwechslung.

Sie senkte ihren Blick wieder und versuchte abermals, das Feuerzeug zu entzünden. Aber so oft sie ihren Finger über den Anzünder gleiten ließ, sie schaffte es nicht, eine Flamme zu produzieren, die reichte, um die Kerze anzuzünden.

Helena registrierte aus den Augenwinkeln, wie der Mann weiterging, dann jedoch den Weg zu ihr nahm.

„Entschuldigung?“, fragte der Unbekannte. Helena erkannte einen ganz leichten amerikanischen Akzent.

„Ja?“, antwortete sie knapp, weil sie kein Interesse an einem Gespräch hatte.

„Brauchen Sie Feuer?“, fragte er höflich und holte ein Feuerzeug aus der Tasche, noch bevor sie antworten konnte.

Autor

Kim Henry

Kim Henry ist das Pseudonym des deutsch-dänischen Autorinnen-Duos Nicole Wellemin und Corinna Vexborg. Corinna und Nicole lernten sich 2011 in einem Hobby-Schriftstellerforum kennen und stellten bald fest, dass sie die Leidenschaft für romantische Geschichten mit Happy End teilen.


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