Rückkehr nach Connemara

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Kathleen kann es kaum glauben: Ihr Mann hat ihr die Hälfte des Familiensitzes Ballykisteen Manor vererbt. Und ausgerechnet dem gefährlich attraktiven Lorcan FitzGerald gehört der andere Anteil! Niemals darf er ihr Geheimnis erfahren, sonst verliert sie alles … Und dann steht er vor ihr: Der Mann, den sie immer geliebt hat - Freund oder Feind?
  • Erscheinungstag 15.03.2017
  • ISBN / Artikelnummer 9783733776787
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Schon seit drei Monaten fürchtete sich Kathleen vor dem Tag, an dem Lorcan sich melden würde.

Sie konnte sich ihr Wiedersehen lebhaft vorstellen. Lorcan verachtete sie, und sie würde ihn nicht daran hindern können, ihr die Lebensgrundlage zu entziehen. Jetzt hat er sogar das Recht auf seiner Seite und kann mich ruinieren, wenn er will, überlegte sie.

Kurz nach Harrys Tod hatte der Rechtsanwalt versucht, über Zeitungsanzeigen in Erfahrung zu bringen, wo Harrys Bruder Lorcan sich aufhielt. Seitdem wachte Kathleen jeden Morgen mit der Befürchtung auf, es könnte ihr letzter Tag auf Ballykisteen Manor, dem wunderschönen georgianischen Herrenhaus, sein. Wenn Lorcan sein Erbe antreten würde, hätten sie und ihr Sohn kein Zuhause mehr.

„Willst du die Bohne noch länger in der Hand halten, Kathleen, Liebes?“, unterbrach Declan ihre trüben Gedanken.

„Dummkopf.“ Sie warf die Bohne in seine Richtung, rollte die Ärmel ihres Pullovers hoch und pflückte weiter. Die Bohnen kamen in eine Gemüsekiste mit der Aufschrift Ballykisteen Manor – Ökologischer Landbau.

„Ich habe mich gefragt, was wir machen, wenn Lorcan sich wirklich meldet.“

„Ach, zerbrich dir darüber nicht deinen kleinen hässlichen Kopf“, antwortete Declan. Ihr Umgangston war rau, aber herzlich, denn sie waren schon seit der Kindheit befreundet. „Auf die Anzeige hat sich niemand gemeldet. Er hat seine Chance gehabt und sie verpasst. Ende der Geschichte.“

„Vielleicht hast du recht, aber ich glaube noch nicht daran.“

„Aber ich. Ballykisteen gehört dir.“

„Nur zur Hälfte“, wandte sie mürrisch ein und scheuchte die Hühner von den Bohnen weg.

„Ist das nicht verblüffend? Ich kann immer noch nicht verstehen, warum Harry es euch beiden gemeinsam hinterlassen hat. So verwirrt war er bestimmt nicht. Er hat doch Lorcan gehasst wie die Pest.“

Kathleen seufzte. Sie wollte sich nicht an das schlimme Jahr erinnern, das hinter ihr lag. „Der arme Harry. Ich vermute, er wollte sich an seinem Bruder rächen und ihn die Schulden bezahlen lassen.“

„Kann sein. Doch es sind auch deine Schulden. Immerhin warst du Harrys Frau.“

Sie zuckte insgeheim zusammen und schwieg. Niemand ahnte, dass sie und Harry nicht verheiratet gewesen waren. Sie hatte ihm versprochen, es niemals zu verraten. Und daran hatte sie sich gehalten, obwohl es ihr nicht behagte, andere zu täuschen.

Wenn aber Lorcan eines Tages auftauchte und die Wahrheit herausfinden würde …

Darüber wollte sie lieber nicht nachdenken. Was soll aus meinem Kind und mir werden, wenn dieser kalte und gefühllose Mann hinter mein Geheimnis kommt? überlegte sie.

Noch zwei Meilen, dann bin ich zu Hause, dachte Lorcan und schrie seine Freude laut hinaus. Seine Müdigkeit war auf einmal wie weggeblasen.

Gut gelaunt fing er an, das irische Volkslied, das gerade aus dem Radio ertönte, mitzusingen. Seit den frühen Morgenstunden hielt die Musik ihn wach. Oder auch schon seit Mitternacht, wenn er nach seiner inneren Uhr ging. Rasch rechnete er nach. In Boston war es jetzt Frühstückszeit, dann musste es hier Zeit für den Lunch sein.

Er biss in das Wurstsandwich, das er sich in Galway gekauft hatte, und sehnte sich nach einem typisch irischen Frühstück. Plötzlich schien sein Magen zu rebellieren.

Das liegt bestimmt nicht an meinen Nerven, sagte er sich und massierte die schmerzende Stelle. Acht Jahre war er weg gewesen und nur zurückgekommen, weil Harry gestorben war.

Pflichtschuldigst versuchte er, so etwas wie Trauer zu empfinden, was ihm jedoch nicht gelang. Warum sollte ich auch um Harry trauern? fragte er sich verbittert. Sein Bruder hatte mit seinen Lügen seinen, Lorcans, Ruf völlig ruiniert.

Ärgerlich biss er wieder in das Sandwich. Die FitzGeralds hatten ihn und Harry adoptiert, Harry gleich nach seiner Geburt, ihn, Lorcan, elf Jahre später, als er neun gewesen war. Sie waren nicht miteinander verwandt und hatten sich von Anfang an nicht gemocht.

Damals war er wenig umgänglich gewesen, wie er sich eingestand. Aber Harry, der kräftiger gewesen war als er, hätte auch nicht gleich beim ersten Treffen vorzuschlagen brauchen, Wikinger zu spielen. Sie hatten Spaten als Schwerter benutzt, und Harry hatte ihn mit einem kräftigen Hieb im Gesicht schwer verletzt.

Lorcan befühlte die Narbe auf seiner Wange, die für viele Frauen eine willkommene Ausrede gewesen war, ihn anzusprechen. Frauen, überlegte er. Seine meergrünen Augen wurden so dunkel wie ein Malachit, als er an Kathleen dachte. Sie würde es auch nicht mehr geben. Was war sie doch für ein ehrgeiziges und intrigantes kleines Luder gewesen.

Sie war die uneheliche Tochter der Haushälterin seiner Eltern und hatte als Kind zerbrechlich und etwas verwahrlost gewirkt mit dem gelockten schwarzen Haar, der einfachen Brille und der Zahnspange.

Doch als Teenager hatte sie sich zu einer wahren Schönheit mit einer perfekten Figur entwickelt. Zahnspange und Brille brauchte sie nicht mehr. Wenn sie lachte, was sie gern und oft tat, zeigte sie ihre weißen Zähne. Und ihre Haut hatte sich so weich wie Seide angefühlt.

Plötzlich schreckte er aus den Gedanken auf und konzentrierte sich wieder aufs Fahren, denn er wäre beinah in einer Hecke gelandet. Das war schon immer das Problem mit dieser Kathleen, man lässt sich von ihr verführen und gerät dabei in Gefahr, sagte er sich.

Diese niederträchtige, habgierige kleine Wildkatze war sexbesessen und machthungrig gewesen. Mit siebzehn hatte sie ihn bis zur Besinnungslosigkeit geküsst. Eine Stunde später hatte sie kichernd mit Harry im Bett gelegen. Und am nächsten Morgen hatte Lorcan sie in inniger Umarmung mit Declan, dem Sohn des Gärtners, entdeckt.

Es war ihm damals schwergefallen, sie zu vergessen. Und da sein Körper auch jetzt noch reagierte, wenn er an sie dachte, und er Herzklopfen bekam, war ihm klar, dass er mit der lieben Kate noch nicht fertig war.

Wahrscheinlich war es gut, dass sie mit ihrer Mutter Ballykisteen schon längst verlassen hatte. Vielleicht würde er sich sonst noch dazu hinreißen lassen, sich an Kate zu rächen.

Kathleen legte die letzten Bohnen in den Korb und machte den Gürtel ihrer viel zu weiten Jeans enger. Dann betrachtete sie lächelnd die beiden Mischlingshunde, die friedlich auf ihren Arbeitsstiefeln schliefen. Die Krankheiten und Misshandlungen, unter denen die Hunde gelitten hatten, ehe Kathleen sie aufnahm, waren glücklicherweise vergessen.

Sie beugte sich hinunter und streichelte sie liebevoll. Was soll aus all den herrenlosen Tieren werden, wenn Lorcan wirklich auftauchen und mich zwingen würde, das Haus zu verlassen? überlegte sie mit Schaudern.

Auf dem Weg, der durch den eingezäunten Gemüsegarten führte, sonnten sich friedlich einige Katzen, die alle irgendwelche Spuren von Misshandlungen aufwiesen. Und auf der Wiese dahinter beschwerten sich die Gänse lautstark über den alten Esel, während zwei Ponys munter auf der angrenzenden Koppel umherliefen.

„Es ist nicht nett, so zu denken, aber ich hoffe, dass Lorcan nie zurückkommt“, sagte sie.

„Es wäre irgendwie eine Katastrophe“, stimmte Declan ihr finster zu.

Plötzlich traten ihr Tränen in die Augen, und sie richtete sich auf. „Meinst du, er würde mich ausbezahlen wollen?“

„Wer weiß? Du könntest ihm jedenfalls seinen Anteil nicht abkaufen“, antwortete er nachdenklich.

„Was soll aus Con und mir, dir, Bridget und den Kindern, Kevin, unseren Kunden und all den anderen werden, die von mir abhängig sind, wenn Lorcan mich zwingt zu gehen?“ Ihre Stimme klang unsicher.

„Reg dich nicht auf, Liebes …“

„Ich kann aber nicht anders“, rief sie frustriert aus. „Ich habe versucht, vernünftig zu sein und die Situation zu akzeptieren. Doch seit Harrys Tod komme ich beinah um vor Angst.“ Sie wandte sich ab, damit er nicht merkte, wie unglücklich sie war.

Taktvoll ging er an ihr vorbei und hob einige Stangen Lauch auf. „Dann müsstest du auf jeden Fall alles mit ihm teilen. Jeder würde eine Hälfte vom Esel bekommen. Sag ihm, er könne die Ziegen haben. Du nimmst die Küche und den Fernseher. Wie gefällt dir das?“

Kathleen verzog das Gesicht. Aber es reichte noch nicht einmal zu einem höflichen Lächeln. Lorcan und ich könnten nie zusammen in einem Haus wohnen, auch nicht in derselben Gegend, überlegte sie. Sein Spott und seine Verachtung hatten Wunden hinterlassen, die noch nicht verheilt waren. Man hatte sie von Ballykisteen vertrieben, weil er sich nicht hatte beherrschen können und die Situation damals völlig falsch eingeschätzt hatte. Danach hatte sie jahrelang wie in einem Albtraum gelebt.

„Das wäre unmöglich.“ Sie wickelte sich eine Strähne ihres gelockten schwarzen Haars um den Finger. „Kannst du dir vorstellen, wie wir uns streiten würden? Er würde mich wahrscheinlich am liebsten in die Gosse stoßen, in die ich seiner Meinung nach gehöre.“ Sie seufzte. „Hoffentlich meldet er sich nicht.“

„Mach dir keine Sorgen, er wird bestimmt nicht kommen.“

Aber die Angst wollte nicht weichen. Kathleen hatte Lorcan schon immer faszinierend gefunden, weil er so unkonventionell war. Zugleich fürchtete sie sich vor ihm, denn er war ein unberechenbarer Einzelgänger. Harry hatte ihr viel über ihn erzählt.

Lorcans aufbrausendes Temperament war mit ihm zum ersten Mal schon kurz nach seiner Ankunft durchgegangen. Damals war sie sechs gewesen. Ihr Leben lang würde sie sich daran erinnern, wie sie Harry entdeckt hatte, der wimmernd da gesessen hatte und sich beklagte, Lorcan habe ihn ohne Grund zusammengeschlagen.

Einige Stunden später hatte man Lorcan auf der Straße durchs Torfmoor gefunden. Sein Shirt war mit Blut verschmiert gewesen, das aus einer Wunde im Gesicht tropfte. Harry hatte geschworen, Lorcan habe sie sich selbst zugefügt. Seitdem hatten sich alle Kinder vor ihm gefürchtet.

Dennoch war ihr Leben durch ihn leichter und besser geworden. Zu ihrer Überraschung verteidigte er sie als Einziger gegen den Spott und die Angriffe der anderen Kinder. Er tröstete sie auch, als er sie eines Tages in Tränen aufgelöst auf dem Schulhof fand.

Mit viel Geduld fand er heraus, was los war. Sie befürchtete, man würde ihr das Haar abschneiden, weil sich das Gerücht verbreitete, sie habe Läuse. Lorcan war in das Klassenzimmer in der kleinen Dorfschule gestürmt und hatte jedem Rache geschworen, der es noch einmal wagte, Kathleen zu verleumden. Alle, auch der Lehrer, waren sehr erschrocken gewesen. An diesen Vorfall erinnerte man sich im Dorf immer noch.

Sie dachte über sein widersprüchliches Verhalten nach. Ihr gegenüber war er ausgesprochen lieb und sanft gewesen, als Racheengel hingegen hatte er geradezu furchteinflößend gewirkt.

Dennoch hatte sich sein Verhalten nicht mit seinem Ruf als pathologischer Lügner und Raufbold vereinbaren lassen, wie sie sich eingestand. Er hatte sie nie verletzt. Deshalb war sie auch so schockiert gewesen, als er sie später brutal fallen gelassen hatte. Ihr schauderte, seinen Gegnern gegenüber kannte er kein Erbarmen.

Jetzt waren sie Gegner. Kathleen war klar, dass ihr Anspruch auf das Haus, das sie so sehr liebte, fragwürdig war. Wenn Lorcan sie mit seinem durchdringenden Blick ansah, würde sie ihm wahrscheinlich die Wahrheit nicht verheimlichen können. Dann müsste sie ihre Sachen packen.

„Ein wunderschöner Tag“, stellte Declan unvermittelt fest.

Es war wirklich ein perfekter Tag mit dem blauen Himmel und den weißen Wolken, die sich um die Spitzen der Hügel legten. Von irgendwoher drang der Ruf der Brachvögel zu ihnen. Ihr wurde das Herz schwer. Sie könnte es nicht ertragen, das alles aufzugeben.

„Ich will nie wieder hier weg“, stieß sie so leidenschaftlich hervor, dass die Hunde wach wurden und davonliefen. „Ich würde alles tun, um hierbleiben zu können, und ihn sogar auf den Knien bitten, uns in Ruhe zu lassen.“

„Nein, so etwas darfst du gar nicht denken.“ Declan war bestürzt.

„Doch!“, rief sie panikartig aus. Plötzlich gestand sie sich ein, dass sie, um Ballykisteen nicht verlassen zu müssen, auch mit Lorcan unter einem Dach leben würde. „Wenn es hart auf hart geht und er darauf besteht, dass ich ausziehe, schlage ich ihm vielleicht vor, für ihn zu arbeiten.“

Declan kam auf sie zu und legte ihr die schmutzigen Hände auf die schmalen Schultern. Dann sah er ihr so tief in die Augen, dass sie sich von diesem großen, kräftigen Mann beschützt fühlte, dessen Haar so schwarz und widerspenstig war wie ihr eigenes.

„Tu das nicht“, warnte er sie.

„O Dec“, flüsterte sie, „lass es nicht zu, dass so etwas passiert.“

„So weit wird es nicht kommen“, beruhigte er sie.

Ihre Arme reichten nicht ganz um seinen breiten Rücken herum, trotzdem drückte sie ihn in ihrer Verzweiflung ganz fest. Zu gern hätte sie ihm geglaubt, aber Dec würde es niemals wagen, sich gegen Lorcan aufzulehnen. Sie wollte nicht noch einmal von Ballykisteen vertrieben werden. Aber sie ahnte Schlimmes.

Während sie sich an Declan lehnte, spürte sie das Silbermedaillon, das sie um den Hals trug. Sie dachte an ihr erstes Kind, den Sohn, den sie sehr geliebt und vor vielen Jahren verloren hatte und dessen Foto sie in dem Medaillon aufbewahrte.

Wieder durchdrang sie der Schmerz wie ein scharfes Messer. Sie war nie über Kierans Tod hinweggekommen. Dafür überhäufte sie Conor, ihr zweites Kind, mit all ihrer Liebe. Con zuliebe hatte sie sogar ihren Stolz überwunden, nur damit er sicher und behütet aufwachsen konnte. Sie mussten hierbleiben, alles andere war unmöglich.

Kathleen atmete tief ein. Ich werde mit allen Mitteln kämpfen, nahm sie sich fest vor.

Als Lorcan Dooley’s Pub, dessen Türen und Fenster jetzt in kräftigem Pink und Türkis gestrichen waren, erblickte, entspannte er sich auf wundersame Weise, nachdem seine Augen sich an die grellen Farben gewöhnt hatten.

Ein heißes Bad und ein herzhaftes irisches Gericht mit einem Glas Bier würden ihn bestimmt aufmuntern.

In seinen Augen leuchtete es auf. Er hatte so viele Pläne, was er mit dem Gut und dem Herrenhaus machen wollte. Seine Mutter würde sich wundern.

Er konnte sich ihre Überraschung vorstellen. Vor fünf Jahren hatte sie aufgehört, seine Briefe zu beantworten. Eine kurze Mitteilung von Harry besagte, sie sei überzeugt, dass er, Lorcan, verantwortlich sei für den Tod ihres Manns.

Damals hatte er sich schuldig gefühlt und Angst davor gehabt, sie würde ihn genauso zurückweisen wie alle anderen. Und mit Zurückweisung konnte er nicht umgehen. Deshalb hatte er sich in die Arbeit gestürzt, und dabei waren die Jahre wie im Flug vergangen.

Jetzt lebte Harry nicht mehr, und Lorcan war sich ziemlich sicher, dass er seine Mutter von seiner Unschuld überzeugen könnte. Er lachte in sich hinein. Nicht umsonst hatte er Jura studiert.

Durch das offene Fenster atmete er die reine salzige Luft ein. Der Geruch nach verbranntem Torf erinnerte ihn daran, dass man ihn hier in der Gegend als Brennmaterial benutzte. Er war froh, dass es noch strohgedeckte Dächer gab, die teilweise mit Stricken gesichert waren, damit sie vor den starken Atlantikstürmen geschützt waren.

An diesem Tag war alles ruhig. Das Meer glitzerte und funkelte wie Glas. Die wunderbare Stille, die über dem hügeligen Land lag, tat Lorcan gut.

Ich bin nach Hause gekommen, dachte er.

Erleichtert und zufrieden stöhnte er auf. Diese zauberhafte County an Irlands Atlantikküste hatte ihn bis in seine Träume verfolgt. Immer wieder war er nachts voller Sehnsucht wach geworden. Und jetzt hatten sich seine Träume endlich erfüllt.

Er lächelte vor sich hin. Er liebte dieses Land mit all der Leidenschaft seines Herzens. Mit zwanzig war er unfreiwillig und überstürzt weggegangen, und all die Jahre hatte er sich gezwungen, die Erinnerungen zu verdrängen. Dieses Mal würden ihn keine zehn Pferde dazu bringen, dieses Fleckchen Erde wieder zu verlassen. Hier gehörte er hin für den Rest seines Lebens und darüber hinaus.

Vor dem Postbüro in Mrs O’Gradys Haus standen einige Leute und unterhielten sich. Lorcan fuhr wegen des Tempolimits langsam an ihnen vorbei. Auf einmal merkte er, dass seine Hände zitterten. Das ist reine Erschöpfung, versuchte er sich einzureden.

„Guten Tag, Mrs O’Grady, meine Damen“, rief er, als die Frauen ihn erkannten und verblüfft anstarrten.

Mit seinem sehr hellen Haar war er schon immer aufgefallen. Und jetzt, mit der von der heißen Sonne Afrikas gebräunten Haut, wirkte er noch auffallender.

„Verschwinde, Lorcan FitzGerald“, rief Mrs O’Grady ihm zu und drohte ihm mit der Faust. „Geh zur Hölle, wo du herkommst.“

Er versteifte sich. „Ihnen auch noch einen schönen Tag“, stieß er hervor und schloss das Fenster, sodass er ihre Antwort nicht hörte.

Was für ein Empfang! Dabei hatte er geglaubt … Ach, es war dumm, zu hoffen, die Leute hätten irgendetwas vergessen. Das Gedächtnis der Menschen hier reichte weit zurück.

Er atmete tief ein und trank einen Schluck Mineralwasser, um die Übelkeit zu überwinden, die in ihm aufstieg. Eigentlich kann ich froh sein, dass ich nicht schon im vorigen Jahrhundert gelebt habe, schoss es ihm durch den Kopf. Damals hätte man ihn an den nächsten Baum gehängt und ihn den Krähen zum Fraß überlassen.

Die Feindseligkeit der Dorfbewohner könnte ein Problem werden. Er rieb sich das unrasierte Kinn. Vielleicht würde man ihm die Fensterscheiben einwerfen, Autoreifen zerstechen und dergleichen.

Verdammt, für solche Gedanken war er viel zu erschöpft. Ernüchtert lehnte er sich zurück. Seine Begeisterung verschwand, und er spürte nur noch seine Müdigkeit. Nach den vielen Wochen schwieriger Verhandlungen mit der Regierung von Incambo war er mit seiner Kraft am Ende und brauchte Erholung.

Vor ihm überquerte langsam eine Kuh die Straße in Richtung des weißen Sandstrands, der an die Karibik erinnerte. Lorcan hielt an und wartete geduldig.

Zufällig blickte er in den Rückspiegel und sah Mrs O’Grady, die immer noch gestikulierte. In seinen Augen blitzte es gefährlich auf. Die Frau wies auf die zerklüfteten Felsen am nördlichen Ende der Bucht, wo sein Adoptivvater ausgerutscht und in die tobende See gestürzt war.

Obwohl es ein Unfall gewesen war, hatte man Lorcan als Mörder seines Vaters gebrandmarkt. Aber egal, was die Leute glaubten, er war völlig unschuldig an dem tragischen Ereignis.

„Ja, das habe ich nicht vergessen. Wie könnte ich es auch? Die Frau hat kein Herz“, sagte er mit finsterer Miene leise vor sich hin und gab plötzlich so heftig Gas, dass er selbst erschrak.

Die Übelkeit wurde schlimmer. Er runzelte die Stirn. Wahrscheinlich machte sich der Jetlag bemerkbar. Es ging ihm wirklich schlecht. Sein ganzer Körper schien sich gegen die Anstrengungen aufzulehnen, die Lorcan sich zugemutet hatte.

Nachdem er sowieso schon wochenlang zu wenig geschlafen hatte, war er von Afrika zurück in die USA geflogen und hatte achtzehn Stunden pausenlos mit seinen Kollegen und Mitarbeitern konferiert. Anschließend war er von Boston über den Atlantik nach Dublin geflogen. Von dort war er geradewegs quer durch Irland nach Connemara an die Küste gefahren. Deshalb war es kein Wunder, dass er sich so elend fühlte.

Die Sache war es ihm jedoch wert. Sobald meine Pläne Gestalt annehmen, werde ich dafür sorgen, dass die Feindseligkeiten aufhören und mir niemand mehr etwas anhängt, schwor er sich mit finsterer Miene.

Angespannt bog er in die Einfahrt zum Herrenhaus ein und fuhr so langsam darauf zu, dass man das Motorengeräusch kaum hörte. Er hatte vor, seine Mutter zu überraschen. Sie sollte ganz spontan reagieren und sich nicht erst noch an die zahlreichen Lügen erinnern können, die Harry ihr in den vergangenen Jahren über ihn erzählt hatte.

Als er das Haus erblickte, das er so sehr liebte, breitete sich Ärger in ihm aus. Irgendetwas stimmte hier nicht. Es musste dringend renoviert werden. Die Fassade blätterte ab, und mehrere Fensterläden hingen schief in den Angeln. Dann entdeckte er noch, dass eine Dachrinne befestigt werden musste und ein Schornstein eingestürzt war. Doch trotz allem sah das Haus noch großartig aus.

„Typisch Harry“, sagte Lorcan gereizt vor sich hin.

Er presste die Lippen zusammen, stellte den Wagen ab und ging zur Haustür. Sie ließ sich öffnen, doch sogleich fiel ihm ein, dass man in diesem Teil Irlands die Türen nie abschloss.

„Mutter!“, rief er in der Eingangshalle. „Mutter!“

Niemand antwortete, alles blieb still. Er ging von Zimmer zu Zimmer und stellte alarmiert fest, dass einige wertvolle Gegenstände verschwunden waren. Wie lange war Harry krank gewesen? Warum gab es kein einziges Anzeichen dafür, dass seine Mutter noch in dem Haus wohnte? Und wer hatte die Wertgegenstände beseitigt? Einbrecher vielleicht?

Ohne die Räume der Hausangestellten zu prüfen, eilte er die Treppe hinauf ins Schlafzimmer seiner Mutter.

Nichts war mehr da. Ihre persönlichen Sachen waren weg. Mit einem Blick auf das unberührte Bett wurde ihm klar, dass er die Tatsachen akzeptieren musste. Seine Mutter lebte vielleicht nicht mehr.

Schockiert und beinah am Ende seiner körperlichen Kraft, schwankte er und stieß an einen der großen Fensterläden. Und dann stand er ganz still da.

Wie betäubt dachte er an die Frau, die seine Mutter geworden war. Sie hatte ihm ein Zuhause gegeben und ihn geliebt, obwohl Harry sich sehr angestrengt hatte, sie auseinanderzubringen. Nie wäre Lorcan auf die Idee gekommen, seine Mutter sei vielleicht nicht mehr am Leben.

Als er sich ihre letzten Stunden ausmalte, wurden seine Augen feucht. Frustriert und schmerzerfüllt hielt Lorcan sich an dem Fensterladen fest. Er hätte bei seiner Mutter sein müssen, auch wenn Harry ihm verboten hatte, das Haus zu betreten. Da er sich vor nichts und niemandem fürchtete, hätte er sich seiner Mutter zuliebe über Harrys Verbot hinwegsetzen müssen.

Plötzlich durchdrang ihn eine Welle grenzenloser Müdigkeit. Er war so erschöpft, dass er nicht mehr klar denken konnte. Wenn er sich nicht bald hinlegte, schlief er noch im Stehen ein.

Als er den Kopf hob, nahm er draußen im Garten undeutlich eine Bewegung wahr. Er hob die Hand und rieb sich die feuchten Augen. Lief etwa seine Mutter da draußen herum?

Er schöpfte neue Hoffnung und richtete sich auf. Vielleicht war seine Rückkehr doch nicht so traurig, wie es momentan aussah.

2. KAPITEL

Declan umarmte Kathleen und küsste sie freundschaftlich auf die Wange. Dann barg sie das Gesicht ängstlich an seinem rauen Arbeitshemd. Er hatte ihr bei der Umstellung auf ökologischen Gemüse- und Obstanbau geholfen und ihr in schwierigen Zeiten beigestanden.

„Reg dich nicht auf, Liebes“, sagte er sanft. „Lorcan hat sein eigenes Leben. Das Haus ist für ihn nichts wert, er würde sowieso rasch wieder gehen. Nur ein Idiot würde in einem Haus leben wollen, das von Grund auf renoviert werden muss“, fügte er hinzu.

„Danke für das Kompliment“, erwiderte sie leise.

„Gern geschehen. Nein, Kate, das alles hier gehört dir. Es ist großartig und ein Vermögen wert. Begreif das endlich, und hör auf, dir Sorgen zu machen.“

Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn aufs Kinn.

„Gut, dass es dich gibt. Danke, Declan O’Flaherty.“

„Für heute hast du dich genug aufgeregt. Ich sammle die Eier ein und bringe das Gemüse zu Ryan’s Deli“, verkündete er.

„Ich mache die Hochzeitstorte für Nellie O’Brien fertig. Sag bitte Bridget, dass ich Con zur gewohnten Zeit abhole. Ich muss mich beeilen. Bis später.“ Sie umarmte ihn noch einmal.

„Tschüss, Liebes.“ Seine tiefe Stimme konnte man bis ans andere Ende des Gartens hören.

Kathleen winkte und warf ihm eine Kusshand zu. Dann eilte sie zur Hintertür, und die Hunde folgten ihr fröhlich bellend. Um keine Zeit zu verschwenden, zog sie beim Laufen Harrys alten Pullover aus und knöpfte das Shirt auf, denn sie wollte erst baden, ehe sie etwas anderes anfing.

Die schmutzigen Stiefel und Socken ließ sie ordentlich an der Küchentür stehen, dann rannte sie barfuß die Treppe hinauf und streifte unterwegs das Shirt ab, ehe sie den Gürtel öffnete. Sogleich rutschten Harrys Jeans auf den Boden, und Kathleen hüpfte unbeholfen auf das luxuriöse Badezimmer zu, das an das größte Schlafzimmer angrenzte. Den einen Fuß konnte sie aus dem Hosenbein herausziehen, mit dem anderen blieb sie jedoch stecken, weil die Hunde an den Jeans herumzerrten.

„Was, zum Teufel, fällt dir ein, halb nackt durchs Haus zu laufen?“, ertönte plötzlich eine Stimme.

Kathleen schrie erschrocken auf. Dann verlor sie das Gleichgewicht und fiel auf den dicken Teppich. Die viel zu langen Jeans erwiesen sich als wahre Falle. Sekundenlang lag Kathleen flach auf dem Rücken, während es ihr vor den Augen flimmerte. Schließlich rieb sie sich die Stirn und richtete sich auf. Entsetzt betrachtete sie den Mann, der an dem Fenster mit den seidenen Vorhängen stand. Lorcan war zurückgekommen.

In seinen Augen blitzte es zornig auf. „Bist du okay?“, fragte er.

Offenbar wollte er ihr nicht helfen. „Nein, natürlich nicht. Das habe ich dir zu verdanken“, stieß sie hervor. Ihr fiel sein perfekt sitzender Leinenanzug auf, der etwas zerknittert war. Die obersten Knöpfe des gelben Seidenhemds, das seine gebräunte Haut betonte, waren geöffnet, was sie ziemlich beunruhigend fand. Mit dem unrasierten Kinn, den spöttisch verzogenen Lippen und den blendend weißen Zähnen wirkte er wie ein Pirat.

Sie war überrascht, wie sehr er sich verändert hatte. Seine Schultern waren breiter und kräftiger geworden, Taille und Hüften waren eher schmal. Das hellblonde Haar war kürzer, und insgesamt sah er sehr attraktiv aus. Und er war zornig. Wahrscheinlich ärgert er sich über meine Anwesenheit, dachte sie nervös, als sie seine angespannten Kinnmuskeln betrachtete.

Und dann wurde sie sich seiner sinnlichen Ausstrahlung bewusst. Beunruhigt gestand sie sich ein, wie sehr sie sich von ihm angezogen fühlte.

Es überlief sie heiß, und sie hatte das Gefühl, in Flammen zu stehen. In dem Moment gelang es den Hunden, die Jeans für sich zu erobern. Kathleen stand auf, um ihre Sachen einzusammeln, und entschloss sich, Selbstbewusstsein vorzutäuschen.

„Was willst du hier?“, fragte er schließlich und zog ärgerlich die Augenbrauen zusammen.

„Baden“, erwiderte sie und verstand ihn absichtlich falsch.

Plötzlich verschwanden ihre erotischen Gefühle, und stattdessen breitete sich Angst in ihr aus, was ihr genauso wenig gefiel. Ihm klarzumachen, warum sie zurückgekommen war, wäre sehr schwierig.

Autor

Sara Wood
Sara Wood wurde in England geboren. An ihre Kindheit hat sie wundervolle Erinnerungen. Ihre Eltern waren zwar arm, gaben ihr jedoch das Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit. Ihr Vater kannte seine Eltern nicht, deshalb war er so glücklich über seine eigene Familie. Die Geburtstagsfeiern, die er gestaltete, waren sensationell: Er...
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