So schön wie Aphrodite

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Die hübsche Emily erscheint Nikolaos wie Aphrodite - zurückgekehrt ins himmlische Zypern! Nur von der Leitung ihres Hotels versteht sie nichts. Aber das wird Nikolaos ihr schon beibringen. Das und noch mehr …


  • Erscheinungstag 31.01.2016
  • ISBN / Artikelnummer 9783733773199
  • Seitenanzahl 130
  • E-Book Format ePub
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Leseprobe

1. KAPITEL

Emily richtete sich kerzengerade in ihrem Stuhl auf und blickte den Rechtsanwalt erstaunt an. „Lassen Sie uns das einmal klarstellen“, sagte sie ungläubig. „Mein Stiefvater hat tatsächlich alles mir vermacht? Und ich kann seinen Besitz erst erben, wenn ich ein Jahr lang auf Zypern gelebt habe? Und darüber hinaus muss ich für seinen Neffen, diesen Nikolaos Konstantin, arbeiten?“

„Ich fürchte, ja“, erwiderte der Anwalt bedauernd. „Natürlich sind die Bedingungen des Testaments ziemlich ungewöhnlich, doch Ihr Stiefvater, Dimitri Konstantin, nahm es damit sehr genau.“

Nach all den furchtbaren Ereignissen der vergangenen Monate konnte Emily diese Neuigkeit kaum verarbeiten. Verwirrt fragte sie sich, warum Dimitri gewollt hatte, dass sie ihr Leben völlig umkrempelte – und das zu einem Zeitpunkt, da sie dringend einer gewissen Stabilität bedurfte.

„Mein Zuhause ist hier“, erklärte sie. „Ich kann nicht einfach alles verkaufen und in ein fremdes Land ziehen. Außerdem habe ich meine Ausbildung als Buchhalterin noch nicht beendet. In einigen Monaten finden die nächsten Prüfungen statt. Nein!“, fügte sie hinzu und schüttelte entschlossen den Kopf, sodass die goldblonden Locken ihr Gesicht umspielten. „Ich kann das nicht tun. Sie müssen einen Weg finden, die Bedingungen des Testaments zu umgehen.“

„Das wird nicht möglich sein“, sagte der Anwalt höflich. „Sie können das Testament nur anfechten, wenn Sie beweisen, dass Ihr Stiefvater nicht im vollen Besitz seiner geistigen Kräfte war, als er es verfasste. Wollen Sie das wirklich?“

„Selbstverständlich nicht“, verneinte sie, ohne zu zögern. Sie hatte ihren Stiefvater bewundert und würde keinesfalls das Andenken an ihn schmälern. „Warum hat Dimitri ein solches Testament verfasst?“, fragte sie.

„Als Ihr Stiefvater zu mir kam“, berichtete der Anwalt in einem etwas versöhnlicheren Tonfall, „wusste er bereits, wie es um ihn stand. Er erzählte mir, dass seine Sorge hauptsächlich Ihnen gelte. Ihm war klar, dass sein Tod Sie schwer treffen würde, zumal Ihre Mutter erst vor Kurzem verstorben ist. Daher glaubte er, dass Sie besser damit fertig würden, wenn Sie in ein anderes Land ziehen und von vorn anfangen. Er hatte sich für Zypern entschieden, weil er auf der Insel geboren wurde. Außerdem wünschte er, dass Sie den Rest seiner Familie kennenlernen und es zu einer Aussöhnung kommt. Ich vermute, dass er sich nach seiner Heirat mit Ihrer Mutter mit seinen Angehörigen überworfen hat …“

„Seiner zweiten Heirat mit meiner Mutter“, verbesserte Emily ihn geistesabwesend. „Und Dimitris Familie war beide Male nicht damit einverstanden.“ Als der Anwalt sie überrascht anblickte, klärte sie ihn auf: „Dimitri und meine Mutter haben vor vielen Jahren bereits einmal geheiratet, sich aber kurz darauf getrennt. Er blieb auf Zypern, während meine Mutter nach England zurückkehrte. Sie heiratete wieder, und einige Jahre später wurde ich geboren. Mein Vater starb, als ich zehn war – er arbeitete auf einer Bohrinsel, und es gab einen Unfall …“ Sie verstummte für einen Moment bei der Erinnerung an diesen Abschnitt ihrer Kindheit, den sie lieber verdrängte. Dann straffte sie sich und fuhr fort: „Vor einigen Jahren begegnete meine Mutter Dimitri wieder, als er sich auf einer Geschäftsreise in London befand. Nachdem sie festgestellt hatten, dass sie sich noch immer liebten, heirateten sie ein zweites Mal.“

„Das ist eine sehr romantische Geschichte“, bemerkte der Anwalt und lächelte leicht.

„Nur leider war ihr Glück nicht von langer Dauer“, sagte sie traurig. „Und nun eröffnen Sie mir, dass mein Stiefvater all diese Vorkehrungen für mich getroffen hat, ohne mich davon zu unterrichten?“

„Er hielt es so für das Beste“, versicherte er. „Und es war sein sehnlichster Wunsch, dass Sie sich mit seiner Familie aussöhnen, zumal Sie keine engen Verwandten mütterlicherseits haben.“

„Aber warum muss ich für seinen Neffen, diesen Nikolaos Konstantin, arbeiten?“, erkundigte sie sich.

„Ihr Stiefvater wollte, dass Sie einen Einblick in seine Geschäfte gewinnen. Wie Sie vermutlich wissen, besaß er ein Fünfsternehotel auf Zypern, an dem er während seines Aufenthalts in England die Mehrheitsanteile behielt und das Nikolaos für ihn leitete. Dieses Hotel stellt nun den größten Anteil des Erbes dar, und Nikolaos Konstantin wird Ihnen alles beibringen, was Sie über die Leitung wissen müssen.“

„Ich soll das Hotel leiten?“ Emily zog verwundert die Augenbrauen hoch. Obwohl sie von der Existenz des Hotels gewusst hatte, hatte sie nie erwartet, dass Dimitri es ihr vererben würde. Sie war sich nicht einmal im Klaren darüber, ob sie es überhaupt wollte. Der Gedanke, alles Vertraute hinter sich zu lassen, machte ihr zunächst Angst. Nun, da sie die beiden liebsten Menschen verloren hatte, erschien es ihr sicherer, an ihrem jetzigen Leben festzuhalten.

„Wenn Sie die Bedingungen des Testaments erfüllen“, sagte der Anwalt, „wird das Hotel in Ihren Besitz übergehen. Anschließend können Sie damit tun, was Sie wollen. Sie können es verkaufen, einen Manager benennen oder es selbst übernehmen.“

„Ich glaube nicht, dass ich es übernehmen könnte“, meinte sie unschlüssig.

„Natürlich kann sie es nicht“, hörte sie in diesem Augenblick eine männliche Stimme hinter sich sagen. „Sie ist ein unerfahrenes Mädchen. Und sie ist nicht einmal eine Konstantin.“

Emily wirbelte herum, und sogar der Anwalt schien für einen Augenblick verblüfft.

Auf der Türschwelle zum Büro stand ein großer dunkelhaariger Mann, der sie unverwandt ansah. Sie hielt unwillkürlich den Atem an. Dieser breitschultrige Fremde mit den dunklen Zügen verfügte über eine imposante Ausstrahlung. Seine tiefe Bräune bildete einen starken Kontrast zu Emilys blasser Haut.

Sein Englisch war perfekt und hatte nur einen leichten Akzent. Als Emily bewusst wurde, dass sie ihn wie hypnotisiert anblickte, riss sie sich zusammen.

„Wer sind Sie?“, fragte sie scharf. „Und was tun Sie hier?“

„Ich habe im Vorzimmer gewartet“, sagte der Fremde. „Ich wollte mich Ihnen später ohnehin vorstellen, doch unter den gegebenen Umständen hielt ich es für besser, nicht länger zu warten. Ich bin Nikolaos Konstantin.“

Emily schluckte. Dieser Mann war Dimitris Neffe? Trotz ihres allgemeinen Erschöpfungszustandes bemerkte sie, dass ihre Sinne auf die ursprüngliche Sinnlichkeit in den dunklen Augen dieses Mannes ansprachen. Er wirkte so lebendig – und er hatte sich offenbar völlig unter Kontrolle.

„Ich habe Miss Peterson gerade die Bedingungen des Testaments Ihres Onkels erläutert …“, begann der Anwalt leicht nervös.

„Das ist mir nicht entgangen“, unterbrach ihn Nikolaos Konstantin. „Selbstverständlich sind die Bedingungen lächerlich. Dieses Mädchen wird in keinem Fall die Leitung des Hotels übernehmen.“

„Ich bin nicht so unfähig, wie Sie denken …“, mischte Emily sich ein.

Doch er ließ auch sie nicht ausreden. „Ich kann Sie nicht davon abhalten, nach Zypern zu kommen“, räumte er ein, und sein durchdringender Blick bewirkte, dass ihr Herzschlag sich beschleunigte. „Allerdings möchte ich Ihnen davon abraten, denn ich bezweifle, dass Sie meiner Familie willkommen sind. Aber ich kann Ihnen schon jetzt sagen, dass Ihnen einfach die Erfahrung fehlt, ein Luxushotel zu leiten. Sie verstehen nichts von diesem komplexen Geschäft und würden zerstören, was mein Onkel in jahrelanger Arbeit aufgebaut hat.“

Seine arrogante Haltung machte sie wütend. „Mir fehlt vielleicht die Erfahrung, aber möglicherweise soll ich genau deshalb eine Weile für Sie arbeiten. Ich habe eine ausgesprochen gute Auffassungsgabe.“

Nikolaos Konstantin lächelte herablassend, was Emily umso mehr verärgerte. Wofür hält er sich eigentlich? dachte sie erbost. Wie kann er es wagen, hier hereinzuspazieren und mich wie ein Schulmädchen zu behandeln?

„Sie sollten nicht einmal mit dem Gedanken spielen, die Leitung des Hotels zu übernehmen.“ Nikolaos duldete anscheinend keinen Widerspruch.

„Ich kann mir alle notwendigen Kenntnisse aneignen, und ich werde es tun!“, verkündete sie grimmig und vergaß dabei, dass sie sich wenige Minuten zuvor beinah entschieden hätte, nicht nach Zypern zu gehen. Das Auftreten dieses Mannes hatte jedoch bewirkt, dass sie das Ganze plötzlich als Herausforderung empfand, der sie nicht widerstehen konnte. Zum ersten Mal seit Monaten schienen ihre Lebensgeister wieder zu erwachen. Es war Zeit, die Traurigkeit zumindest zu verdrängen und etwas Positives zu beginnen, damit sie bald wieder ein normales Leben führen konnte.

Ihre blauen Augen funkelten. „Sie können mich nicht davon abhalten, die Bedingungen des Testaments zu erfüllen. Sie können mir lediglich die Zusammenarbeit verweigern. Wollen Sie das?“, fragte Emily, erstaunt über ihre Kühnheit.

„Ich habe Dimitri versprochen, Sie nach Kräften zu unterstützen. Und ein Versprechen, das man einem Sterbenden gibt, muss man halten.“

„Dann ist es abgemacht.“ Sie drehte sich zu dem Anwalt um. „Ich werde alle Bedingungen des Testaments erfüllen. Es sei denn, Mr Konstantin hat noch irgendwelche Einwände“, fügte sie hinzu und begegnete erneut Nikolaos’ Blick.

Nikolaos wirkte, als hätte er zahlreiche Einwände, hielt es allerdings wohl nicht für angebracht, sie zu diesem Zeitpunkt vorzubringen. So schüttelte er lediglich verärgert den Kopf und wandte sich an den Anwalt. „Die Adresse meines Hotels habe ich bei Ihrer Sekretärin hinterlassen. Ich werde zwei Tage in London bleiben. Setzen Sie sich mit mir in Verbindung, wenn Sie die Einzelheiten geregelt haben. Ich werde dann die notwendigen Vorbereitungen treffen.“

„Vorbereitungen wofür?“, erkundigte sie sich misstrauisch.

„Für Ihre Reise nach Zypern natürlich.“

„Vielen Dank, aber ich bin durchaus in der Lage, meine Vorbereitungen selbst zu treffen“, beeilte sie sich zu sagen.

„Sicher sind Sie das“, erwiderte er abfällig. „Doch ich habe mit Dimitri vereinbart, nach seinem Tod alles in die Hand zu nehmen, und genau das werde ich auch tun.“

Ohne ein Wort des Abschieds verließ er den Raum.

Emily blickte einige Sekunden lang starr auf die Tür. Schließlich fand sie ihre Sprache wieder. „Und das ist der Mann, für den ich arbeiten soll?“, meinte sie ungläubig. „Wie konnte Dimitri so etwas verfügen? Es muss in seiner Familie doch andere Leute geben, die mir beibringen können, was ich wissen muss!“

Der Anwalt lächelte nervös. „Mr Nikolaos Konstantin gilt offenbar als Familienoberhaupt. Also hat Ihr Stiefvater entschieden, Sie seiner Obhut anzuvertrauen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich dachte, Dimitri würde mich verstehen. Wie konnte er das nur tun?“

„So, wie ich die Dinge sehe“, sagte er, „war Ihr Stiefvater im Grunde seines Herzens ein echter Zypriot. Auf der Insel gibt es eine alte Tradition, dass die Männer sich um ihre Frauen kümmern und sie beschützen. Er wollte diese Tradition fortführen und war der Ansicht, dass sein Neffe der geeignete Mann ist, Ihnen durch diese schwierige Zeit zu helfen.“

Emily hingegen war sicher, dass Nikolaos Konstantin ihr eher mehr Schwierigkeiten bereiten würde. Sobald sie an seine glühenden dunklen Augen dachte, erschauerte sie. Nie zuvor hatte sie solche Augen gesehen.

„Ich weiß es zu schätzen, dass Dimitri mein Bestes wollte. Ich wünschte nur, er hätte mich vorher nach meiner Meinung befragt“, sagte sie schließlich.

„Sie müssen die Bedingungen des Testaments nicht akzeptieren“, riet der Anwalt.

„Ich tue es trotzdem.“ Sie seufzte leise. „Dimitri hat mich so geliebt, dass er trotz seiner schweren Krankheit all diese Vorkehrungen für meine Zukunft getroffen hat. Ich kann nicht einfach davonlaufen. Und ich habe ihn geliebt, deshalb will ich es seinetwegen wenigstens versuchen.“

Der Anwalt nickte verständnisvoll. „Dann werde ich Mr Konstantin davon in Kenntnis setzen, dass Sie so bald wie möglich nach Zypern reisen werden.“

Als Emily nach Hause fuhr, beschäftigte sie sich mit dem Gedanken, dass ihr Leben so unvermutet auf den Kopf gestellt worden war. Sie hatte den Anwalt in der Erwartung aufgesucht, von ihm zu hören, dass Dimitri ihr etwas Geld hinterlassen hatte. Auf diese Weise wäre es ihr möglich gewesen, noch eine Weile in ihrem Elternhaus zu leben, bis sie einigermaßen über ihren Kummer hinweggekommen war und ihr Leben wieder in geregelten Bahnen verlief. Stattdessen hatte sie erfahren, dass er den Grundstein für radikale Veränderungen gelegt hatte.

Sosehr sie Dimitri geliebt hatte, widerstrebte ihr diese Vorstellung. Noch wenige Monate zuvor hatte sie ihr eigenes Leben geführt, bis ihre Mutter gestorben und Dimitri erkrankt war. Nun schien es, als müsste sie das alles aufgeben – zumindest für das kommende Jahr. Andererseits wusste sie es zu schätzen, dass er für sie das Beste gewollt hatte. Seit er vor sieben Jahren wieder im Leben ihrer Mutter aufgetaucht war, hatte er sich rührend um sie gekümmert. Damals war sie ein schüchterner, unerfahrener siebzehnjähriger Teenager gewesen und hatte jahrelang einen Vater entbehrt. Dimitri, selbst kinderlos, hatte sofort erkannt, dass sie eine Vaterfigur brauchte. Er war ihr sogar mehr als das gewesen: ein herzlicher, charmanter Mann, der sie immer dazu ermutigt hatte, Herausforderungen anzunehmen und das Unmögliche zu versuchen. Emily hatte ihn von Anfang an bewundert und sich durch ihn bestärkt gefühlt.

Jetzt, da er nicht mehr lebte, stellte er sie vor eine neue Herausforderung. Er zwang sie dazu, ihre Trauer zu verdrängen und einer neuen Zukunft entgegenzusehen.

Emily hob den Kopf und blinzelte die Tränen weg, die ihr in den Augen standen. Sie hatte genug geweint. Energisch warf sie ihr Haar zurück und beschloss, die Herausforderung anzunehmen.

Sie würde nach Zypern reisen. Im Gedenken an Dimitri und ihre Mutter würde sie versuchen, ein neues Leben ohne die beiden aufzubauen, und die Pläne ihres Stiefvaters erfolgreich in die Tat umsetzen. Sie würde es schaffen, ob Nikolaos Konstantin ihr dabei half oder nicht.

Obwohl Emily während der nächsten Wochen ihren impulsiven Entschluss oftmals bedauerte, blieb sie dabei. Sie musste sich eingestehen, dass sie umso aufgeregter war, je näher der Zeitpunkt ihrer Abreise rückte. Oder beunruhigte die Aussicht, Nikolaos Konstantin wieder zu begegnen, sie derartig?

Energisch rief Emily sich zur Ordnung. Vermutlich würden viele Frauen auf diese sinnlichen Blicke und das gefährliche Funkeln in jenen dunklen Augen hereinfallen, sie aber nicht!

Emily hatte vor ihrer Abreise so viel zu erledigen, dass sie von ihrem Kummer abgelenkt wurde und kaum daran dachte, was sie auf Zypern erwartete. Sie beauftragte eine Agentur damit, ihr Haus für das Jahr ihrer Abwesenheit weiterzuvermieten, und kündigte in ihrer Firma. Schließlich verabschiedete sie sich von ihren Freunden und versprach, ihnen zu schreiben. Das Haus wirkte von Tag zu Tag leerer, da sie alles, was sie zurückließ, bis zu ihrer Rückkehr in Kartons packte. Sie zweifelte nicht daran, dass sie zurückkehren würde, denn sie konnte sich nicht vorstellen, den Rest ihres Lebens im Ausland zu verbringen.

Nikolaos kümmerte sich unterdessen um die Einreiseformalitäten und ließ sie durch ihren Anwalt wissen, dass er Ende des Monats geschäftlich in England zu tun habe. Er würde es begrüßen, wenn sie mit ihm zusammen nach Zypern flöge.

Zuerst ärgerte sie sich darüber. Doch dann machte Emily sich bewusst, dass sie im Grunde gar nicht allein reisen wollte, weil die Ereignisse der letzten Monate ihr Selbstbewusstsein angeknackst hatten. Daher war ihr sogar Nikolaos Konstantin als Begleiter recht. Außerdem würden sie die Gelegenheit haben, sich kennenzulernen, zumal sie anschließend zusammenarbeiten mussten. Vielleicht würden sie es schaffen, zumindest höflich zueinander zu sein.

Als ihre Abreise kurz bevorstand, war Emily hin- und hergerissen zwischen Vorfreude und Abschiedsschmerz. Um sich von ihren traurigen Gedanken abzulenken, fuhr sie des Öfteren in die Stadt, um sich neu einzukleiden. Erst als sie ihre Kontoauszüge erhielt, wurde ihr klar, wie viel Geld sie ausgegeben hatte. Sie war schockiert angesichts der Tatsache, zu welch unvernünftigem und unverantwortlichem Verhalten Kummer führen konnte. Zu allem Überfluss hatte sie nun auch noch finanzielle Probleme.

Als es schließlich so weit war, empfand Emily das beinah als Erleichterung. Es war ein regnerischer Tag, und sie nahm sich ein Taxi zum Flughafen, wo Nikolaos sie erwarten würde. Obwohl er sich bereits seit einigen Tagen in England aufhielt, hatte er sie nur einmal kurz angerufen, um sie davon zu unterrichten, was er mit ihrem Anwalt besprochen hatte. Allein beim Klang seiner dunklen Stimme hatte sich ihr Herzschlag beschleunigt.

Sie hatte ihre Garderobe sorgfältig gewählt, weil sie erwachsen und selbstsicher erscheinen wollte. Dass das dunkle, streng geschnittene Kostüm, der leichte Regenmantel und die hochhackigen Pumps kein geeignetes Reiseoutfit waren, kümmerte sie nicht. Ein dezentes Make-up kaschierte ihre unnatürliche Blässe, und der Knoten, zu dem sie ihr Haar zusammengefasst hatte, vervollständigte ihr elegantes Erscheinungsbild.

Emily traf rechtzeitig am Flughafen ein, wo Nikolaos in der Transithalle auf sie wartete. Als sie ihn erblickte, schluckte sie. Sie hatte völlig vergessen – oder verdrängt –, wie beeindruckend er war. Bereits seine tiefe Sonnenbräune hob ihn von den blassen Gesichtern der anderen Reisenden ab. Seine bloße Anwesenheit schüchterte sie ein, und Emily musste ihren ganzen Mut zusammennehmen, um auf ihn zuzugehen und ihn kühl anzulächeln.

Er betrachtete sie aus dunklen Augen. Vermutlich dachte er, dass sie eher wie ein Model aussähe als wie jemand, der um seine kürzlich verstorbenen Eltern trauerte.

Sie rief sich ins Gedächtnis, dass es ihr gleichgültig war, was dieser Mann von ihr hielt. Immerhin war ihre Beziehung zueinander rein geschäftsmäßig.

„Unser Flug wird erst in etwa einer halben Stunde aufgerufen“, sagte er kurz angebunden. „Möchten Sie vorher einen Kaffee trinken?“

Emily nickte, obwohl sie bezweifelte, dass sie auch nur einen Schluck hinunterbekommen würde. Es war immer noch besser, als schweigend nebeneinanderzusitzen.

Im Restaurant blickte sie starr auf ihre Tasse, ohne etwas zu trinken. Nachdem Nikolaos einen Schluck von seinem Kaffee genommen hatte, stellte er seine Tasse ebenfalls ab.

„Ich gehe davon aus, dass Sie jetzt nicht mehr von Ihrem Entschluss abweichen, nach Zypern zu fliegen“, sagte er unvermittelt.

Emily hob überrascht den Kopf. „Natürlich nicht. Ich habe mich darauf eingestellt.“

Sie glaubte ein zynisches Funkeln in seinen Augen zu erkennen. „Anderenfalls würden Sie Ihr Erbe verlieren, stimmt’s?“

Warum tut er mir das an? überlegte sie müde. Wusste er denn nicht, wie schwierig die vergangenen Wochen für sie gewesen waren?

Irgendwie gelang es ihr, einen gleichmütigen Tonfall zu bewahren. „Und Sie glauben, dass nur das mich interessiert?“

Er zuckte mit den Schultern. „Was sollte es sonst sein?“

„Sie sind wohl nicht auf die Idee gekommen, dass ich es aus Liebe zu Dimitri tun könnte und seinen Wunsch erfüllen will?“

„Bitte reden Sie nicht so laut“, ermahnte er sie. Erst jetzt bemerkte sie, dass ihre Stimme vor Anspannung schrill geklungen hatte. „Es besteht kein Anlass, eine Szene zu machen. Und nein“, fuhr er fort, „ich denke, dass Sie sich ein bequemes Leben wünschen, und mit Dimitris Geld ist das am einfachsten zu erreichen.“

Emily glaubte, sich verhört zu haben. Sie spürte, wie sie vor Wut noch mehr erblasste. „Wie können Sie es wagen, mir so etwas vorzuwerfen?“, fragte sie wütend. „Sie kennen mich schließlich gar nicht.“

„Das brauche ich auch nicht“, entgegnete er verächtlich. „Wie heißt es doch gleich? Wie die Mutter, so die Tochter.“

Seine Worte trafen sie wie ein Schlag. Ihre Mutter war alles andere als geldgierig gewesen. Margot Konstantin war eine sehr sanfte, liebevolle und empfindsame Frau gewesen, die stets zuletzt an sich gedacht hatte.

„Wollen Sie etwa behaupten, dass meine Mutter lediglich seines Geldes wegen an Dimitri interessiert war?“ Emily bemühte sich, ihren Zorn zu unterdrücken.

„Natürlich. Und bevor Sie es leugnen, denken Sie daran, dass ich alles über Ihre Mutter weiß.“

„Was wissen Sie denn schon von ihr? Sie sind ihr doch nie begegnet.“

„Aber ich bin über das informiert, was vorgefallen ist“, sagte er sanft, und seine Augen funkelten gefährlich.

Wovon redete er überhaupt? Er beabsichtigte hoffentlich nicht, die alte Feindseligkeit wieder aufzuwärmen, die seine Familie ihrer Mutter gegenüber nach der ersten Heirat mit Dimitri an den Tag gelegt hatte. Das lag so lange zurück, und es war an der Zeit, es endlich zu begraben.

„Meinen Sie die erste Ehe zwischen meiner Mutter und Dimitri?“, erkundigte Emily sich ungläubig. „Damals waren die beiden noch Teenager. Sie haben sich getrennt, weil sie mit der Situation überfordert waren. Vielleicht wäre meine Mutter besser damit fertig geworden, wenn Ihre Familie sie aufgenommen hätte, statt sie von Anfang an abzulehnen.“

„Selbstverständlich war meine Familie gegen die Heirat“, erklärte Nikolaos kühl. „Dimitri war bereits einer anderen Frau versprochen, als er Ihre Mutter kennenlernte, und hat diese Verlobung wenige Wochen danach gelöst.“

„Sie haben sich ineinander verliebt“, verteidigte sie die beiden. „Was war daran so falsch?“

Kaum hatte sie das gesagt, wurde ihr klar, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Seine Miene verfinsterte sich, und der sinnliche Zug um seinen Mund verschwand. „Es ist falsch, sein Glück auf Kosten eines anderen Menschen zu suchen. Dimitri hat erheblichen Kummer verursacht, als er die Verlobung gelöst hat.“

„Sicher hat er es sich nicht leicht gemacht. Er wollte gewiss niemanden verletzen …“

„Verletzen?“, unterbrach er sie. „Zwei Tage, nachdem er die Verlobung gelöst hatte, unternahm die Frau einen Selbstmordversuch. Sie schwamm einfach aufs Meer hinaus, um zu ertrinken, wurde aber von einem Fischerboot aufgegriffen.“ Er ignorierte Emilys bestürzten Gesichtsausdruck und fuhr fort: „Einige Monate später heiratete sie Dimitris älteren Bruder. Ich weiß nicht, warum sie es getan hat – aus Rache oder Verzweiflung. Natürlich ist die Ehe gescheitert.“

„Davon wusste ich nichts“, gestand Emily. „Es tut mir wirklich leid, dass Dimitris Entscheidung so viel Kummer nach sich gezogen hat. Allmählich verstehe ich, warum Ihre Familie meiner Mutter damals so feindselig begegnet ist. Allerdings sollten Sie bedenken, dass es der Vergangenheit angehört. Es ist über dreißig Jahre her. Als meine Mutter und Dimitri sich wiedersahen, waren sie überglücklich und bedauerten es, so lange voneinander getrennt gewesen zu sein. Sie und Ihre Familie müssen endlich akzeptieren, dass die beiden sich geliebt haben.“

„Liebe!“, meinte er abfällig. „Das ist nichts als eine Entschuldigung für einen Mann, sich wie ein Narr aufzuführen.“

„Dimitri hat sich in keinster Weise wie ein Narr aufgeführt.“

„Er hat sein Zuhause und seine Familie verlassen und ist nach England gegangen, um Ihre Mutter wieder zu heiraten, obwohl ihre erste Ehe in die Brüche gegangen ist. Meiner Meinung nach ist das verrückt.“

„Sie hat ihn sehr glücklich gemacht“, erwiderte sie heftig.

„Oh, ich schätze, dass sie ihr Bestes gegeben hat. Wahrscheinlich hätte sie alles getan, um sicherzugehen, dass ihr das Geld der Konstantins kein zweites Mal durch die Lappen geht.“

Sein Zynismus war unerträglich. „Wie können Sie so etwas behaupten!“ Erneut versagte ihr vor Zorn fast die Stimme.

Nikolaos hob abwehrend die Hand. „Ersparen Sie mir Ihre Entrüstung. Ich wollte nur meinen Standpunkt erläutern.

„Das ist Ihnen gelungen.“

„Und trotzdem wollen Sie mich nach Zypern begleiten?“

„Selbstverständlich“, versicherte Emily. Falls er beabsichtigt hatte, sie von ihrem Vorhaben abzubringen, musste sie ihn enttäuschen! „Ich werde lernen, Dimitris Hotel zu leiten, und nach einem Jahr Anspruch auf mein Erbe erheben.“

„Genau das habe ich erwartet“, sagte er kühl. „Da unser Flug gerade aufgerufen wurde, schlage ich vor, dass wir an Bord gehen.“

Zu ihrer Erleichterung flogen sie erster Klasse, sodass sie nicht so dicht nebeneinandersaßen. Dennoch schien es Emily, als würde Nikolaos’ Nähe sie erdrücken. Obwohl sie nach wie vor eine unbeschreibliche Wut auf ihn verspürte, war sie sich gleichzeitig auf unangenehme Weise seiner Männlichkeit bewusst. Schon jetzt fühlte sie Panik in sich aufsteigen. Wie sollte sie das nächste Jahr überstehen, wenn er bereits nach einer Stunde diese Wirkung auf sie ausübte?

Sie blickte starr aus dem Fenster, sah jedoch nichts als dunkle Wolken. Schließlich wandte sie sich Nikolaos zu.

„Wo werde ich auf Zypern wohnen?“, erkundigte sie sich steif.

„Ich besitze mehrere Hotels. Es wird also kein Problem sein, Sie unterzubringen.“

„Hat Dimitri ein Haus auf der Insel besessen?“

„Er hat seinen gesamten Besitz dort verkauft, als er Ihre Mutter wieder heiratete. Offenbar hatte er nicht die Absicht, in seine Heimat zurückzukehren.“

„Weil er wusste, dass seine Frau dort nicht willkommen war“, entgegnete sie.

„Ihm war klar, dass er sich zwischen Ihrer Mutter und seiner Familie entscheiden musste“, sagte er merklich schroffer.

„Ich bin der Meinung, dass diese alberne Fehde zwischen unseren Familien beendet werden sollte, Mr Konstantin. Das wäre auch in Ihrem Interesse. Ist es nicht so, dass die Zyprioten familiären Bindungen einen hohen Stellenwert beimessen?“

„Nikolaos“, verbesserte er sie, ohne auf ihre Worte einzugehen. „Nennen Sie mich Nikolaos.“

„Wie bitte?“ Sein Angebot hatte sie völlig aus dem Konzept gebracht.

Plötzlich funkelten seine dunklen Augen wieder. „Schließlich sind Sie meine Cousine.“

„Ihre Cousine?“, wiederholte sie und sah ihn verblüfft an.

„Mein Vater ist Dimitris älterer Bruder.“

„Aber …“ Emily schwieg, denn in diesem Moment wurde ihr bewusst, was das bedeutete.

Autor

Joanna Mansell
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