Spiel mit dem Feuer auf Sizilien

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"Ich will dich heiraten." Verheißungsvoll klingen die Worte aus Vicenzu Trapanis schönem Mund, den Imma in einer heißen Liebesnacht tausendmal geküsst hat! Dass der erfolgreiche Hotelier ihr spontan einen Antrag macht, raubt ihr fast den Atem vor Glück. Nichts ersehnt Imma mehr als eine gemeinsame Zukunft mit dem stolzen Sizilianer. Zu spät erkennt sie, warum Vicenzu sie heiraten will. Nicht etwa aus Leidenschaft oder vielleicht sogar aus Liebe. Sondern weil eine Ehe Teil einer eiskalten Rache an seinem Erzfeind ist - Immas Vater …
  • Erscheinungstag 01.12.2020
  • Bandnummer 2468
  • ISBN / Artikelnummer 9783733714550
  • Seitenanzahl 144
  • E-Book Format ePub
  • E-Book sofort lieferbar

Leseprobe

PROLOG

Allmählich leerte sich die Bar.

Am anderen Ende des Raums saß eine Blondine, zusammen mit ihrer Freundin, und schenkte Vicenzu Trapani ein vielsagendes Lächeln. Eine Geste, die eine heiße Nacht oder sogar mehr unkomplizierte Freuden versprach.

Unter normalen Umständen hätte er zurückgelächelt und darauf gewartet, dass sie sich zu ihm gesellte. Aber leider war nichts mehr normal, und Vicenzu hatte keine Ahnung, ob er jemals wieder ein Lächeln zustande brachte.

Er nahm sein Glas in die Hand und starrte in die dunkelgoldene Flüssigkeit. Eigentlich trank er gar keinen Bourbon, schon gar nicht hier auf Sizilien, aber heute hatte sein Bruder Ciro für sie beide bestellt. Und er selbst war wie gelähmt gewesen und hatte sich von Ciro willenlos zu einem Ecktisch bugsieren lassen.

Gemeinsam waren sie aus dem Meeting gekommen und schnurstracks in die Bar gegangen. Ihr Anwalt Vito Neglia, ein alter Freund der Familie, war ihre allerletzte Hoffnung gewesen.

Eine Hoffnung, die brutal in tausend Stücke zerschmettert worden war, als Vito bestätigte, was sie eigentlich schon wussten.

Es gab kein Schlupfloch. Cesare Buscetta hatte ganz legal gehandelt.

Er war der neue und rechtmäßige Besitzer der Trapani Olive Oil Company und auch des wunderschönen, geliebten Anwesens, auf dem Vicenzu und Ciro ihre idyllische Kindheit verbracht hatten.

Vicenzu schloss die Finger fester um sein Glas. Sein Zuhause … war verloren.

Der Gedanke schnürte ihm die Kehle zu, und er sah wieder den verzweifelten Gesichtsausdruck seiner Mutter vor sich, als sie dem Makler die Hausschlüssel übergab.

Es hatte ihm das Herz gebrochen, ihr diese Katastrophe zumuten zu müssen, und die Erinnerung an ihr verwirrtes, tränenüberströmtes Gesicht verfolgte ihn bis in den Schlaf. Der Grund für all das war unverzeihlich!

„Wir müssen das in Ordnung bringen.“

Ciros Stimme riss ihn aus seinen düsteren Überlegungen, und er sah hoch. Das Gesicht seines Bruders war vor Entschlossenheit angespannt, und seine grünen Augen leuchteten gefährlich dunkel. Augen, die Vicenzu so sehr an ihren Vater erinnerten, dass er wegschauen musste.

Ihm drehte sich der Magen um. Ciro war jünger als er, kam aber nach dem Alten: blitzgescheit, fokussiert und diszipliniert. Er hätte die Firma mühelos übernehmen und erfolgreich führen können. Und wäre ihr Vater aus anderem Holz geschnitzt gewesen, wäre es auch so gekommen …

Aber Alessandro Trapani hatte es an skrupellosem Ehrgeiz gefehlt. Für ihn war die Familie immer wichtiger gewesen als das Geschäft.

Frustriert stürzte Vicenzu seinen Bourbon hinunter und nickte dann.

„Wir müssen es zurückbekommen. Und zwar alles.“

Ciros Stimme klang ruhig, aber todernst, und Vicenzu nickte erneut. Sein Bruder hatte natürlich recht. Cesare Buscetta war nicht nur ein Dieb, er war auch ein richtiger Mistkerl! Aber sie durften jetzt nichts überstürzen, dazu waren sie emotional zu aufgewühlt. Er wollte Ciro daran erinnern, dass Rache am besten kalt serviert wurde.

Aber sein Bruder ließ sich nicht mehr bremsen und würde mit seinem Gegenschlag ganz bestimmt nicht lange warten. Er wollte Vergeltung, und zwar jetzt! Und dafür brauchte er nun mal Vicenzus Hilfe.

„Vicenzu?“

Einen Moment lang schloss er die Augen. Wenn er doch nur die Zeit zurückdrehen könnte. Dann würde er seinem Vater rechtzeitig das Geld beschaffen, das dieser dringend gebraucht hatte. Und damit der Sohn sein, den sein Vater sich gewünscht hatte.

Aber Reue machte das Unrecht, das seiner Familie widerfahren war, nicht mehr ungeschehen. Also öffnete er die Augen, lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und räusperte sich. „Ja, ich weiß, was ich tun muss. Und ich werde es tun. Ich werde das Unternehmen zurückbekommen.“

Sein Brustkorb verengte sich unangenehm. Es klang so einfach, und vielleicht war es das ja auch. Schließlich musste er nichts weiter tun, als eine Frau dazu zu bringen, sich in ihn zu verlieben.

Allerdings ging es nicht um irgendeine Frau, sondern um Immacolata Buscetta – um die Tochter des Mannes, der seinen Vater buchstäblich zu Tode gehetzt und anschließend seiner Mutter ihr Zuhause geraubt hatte.

Das schrie nach Rache! Cesare hatte zwei Töchter, die er hütete wie seinen Augapfel. Die ältere der beiden war genau wie er – eiskalt. Aber gleichzeitig ungeheuer schön. Die perfekte Wahl, um für die Sünden ihres Vaters zu büßen.

Wut schäumte in ihm hoch. Oh, er würde sie zum Schmelzen bringen! Sie nach allen Regeln der Kunst verführen, sie in jeder Hinsicht entblößen und sie zu seiner Frau machen. Er würde sich zurückholen, was seiner Familie zustand, und danach – wenn er sie körperlich und emotional besaß – würde sie erfahren, weshalb er sie wirklich geheiratet hatte.

Entschlossen richtete er sich auf. „Ich werde die Firma zurückbekommen, Ciro. Das liegt allein in meiner Verantwortung.“

„Bist du sicher, dass du damit umgehen kannst?“

Vicenzu nickte. „Ja. Du holst das Haus für mamma zurück und überlässt das Geschäft mir!“

Ciro betrachtete ihn eine Weile, bevor er ebenfalls nickte. „Wie du willst.“ Er gab dem Barkeeper ein Zeichen und deutete auf ihre leeren Gläser, bevor er sich erneut an seinen Bruder wandte. „Du musst aber aufhören, dir selbst die Schuld zu geben. Du hast doch keine Ahnung gehabt. Papà hätte sich uns anvertrauen sollen.“

Dass der alte Mann es nicht getan hatte, damit mussten sie nun beide leben.

„Wenn ich mir nicht das ganze Geld von ihm geliehen hätte, wäre er nie gezwungen gewesen, alles zu verkaufen.“

„Wenn ich ihn öfter besucht hätte, wäre ich rechtzeitig zur Stelle gewesen, um zu helfen“, konterte Ciro grimmig.

Papà hätte uns beiden sagen sollen, wie prekär die Familienfinanzen waren – aber das alles ist jetzt unwichtig. Die einzige Person, die Schuld hat, ist dieser Bastard Cesare. Und vielleicht noch seine Töchter“, fügte er hinzu, und kräuselte seine Oberlippe vor Abneigung.

Neue Drinks wurden vor ihnen abgestellt, und Ciro hob sein Glas hoch. „Auf unsere Rache!“

„Auf unsere Rache“, wiederholte Vicenzu.

Sie stießen an und ließen sich die feurige Flüssigkeit in die Kehlen laufen. Damit war ihr Plan besiegelt.

1. KAPITEL

„Ach du meine Güte, sieht sie nicht hübsch aus?“

Ohne ihre Blickrichtung zu ändern, nickte Immacolata Buscetta, und ihr Herz zog sich in einer Mischung aus Trauer und Liebe zusammen.

„Ja, das tut sie“, erwiderte sie sanft, während die sizilianische Matrone neben ihr sich gerührt mit zitternden Händen an ihre riesige Handtasche klammerte.

„Hübsch“ ist nicht das richtige Wort, um Claudia zu beschreiben, dachte Imma. Das traditionelle, üppige Hochzeitskleid war „hübsch“, aber ihre Schwester selbst sah einfach atemberaubend aus. Nicht zuletzt, weil ihr seliger Gesichtsausdruck bezaubernd wirkte.

Immas Aufregung wuchs, und sie sah zu Claudias Bräutigam hinüber, der gerade einige der hundert geladenen Gäste begrüßte, die mit ihnen zusammen an diesem sonnigen Tag auf Sizilien die Vermählung von Claudia Buscetta und Ciro Trapani feiern wollten. Zahlreiche weitere Gäste wurden noch zur abendlichen Feier erwartet.

Selbstverständlich war Claudia außer sich vor Freude. Sie hatte gerade den Mann geheiratet, der die Burg ihres Vaters gestürmt und voller Inbrunst um ihre Hand angehalten hatte, als wäre er ein Ritter aus einem romantischen Märchen.

Aber es war nicht Ciros leidenschaftliches Werben um ihre Schwester, das ihr Herz höher schlagen ließ, sondern der Mann, der neben den Frischvermählten stand.

Ciros Bruder Vicenzu war der Besitzer des legendären La-Dolce-Vita-Hotels in Portofino. Wie die Lemminge pilgerten Mitglieder der internationalen Königshäuser, berühmte Schriftsteller, Divas und Bad Boys aus der Film- oder Musikwelt und viele weitere Promis an diesen Ort.

Das Atmen fiel ihr immer schwerer … Vicenzu war der Schlimmste von allen! Sein Ruf als Playboy und vergnügungssüchtiger Schwerenöter eilte ihm weit über die Grenzen der italienischen Riviera voraus, und man erkannte auf den ersten Blick, warum das so war.

Immas Blick wurde magisch von ihm angezogen. Sie konnte nicht anders, ständig beobachtete sie ihn und bewunderte sein Filmstar-Aussehen. Mit seinem lackschwarzen Haar, dem markanten Kinn und dem etwas spöttischen Zug um die schönen Lippen stach er zwischen all diesen steifen sizilianischen Geschäftsmännern und ihren angepassten Ehefrauen heraus. Vor allem war er deutlich größer als die meisten von ihnen.

Plötzlich drehte er sich zur Seite und richtete seine dunklen, funkelnden Augen auf sie, bevor es Imma gelang, unbeteiligt zu tun. Wie peinlich! Und jetzt kam er auch noch auf sie zu! Mit einem wissenden Lächeln …

„Immacolata!“ Er verzog das Gesicht. „Du spielst nicht fair, kleine Miss Buscetta.“

„‚Nicht fair‘?“ Irritiert starrte sie ihn an, und ihr Puls pochte immer lauter in ihren Ohren. „Das verstehe ich nicht.“

Sein attraktives Äußeres war aus der Nähe noch schwerer auszuhalten. Ihr Verstand versagte ihr den Dienst, und sie fühlte sich diesem Mann hilflos ausgeliefert.

„Du spielst Verstecken, ohne mir Bescheid zu sagen“, erklärte er und schüttelte streng den Kopf.

„Ich verstecke mich nicht, sondern habe mich um die Gäste gekümmert“, sagte sie steif und wurde bei dieser Lüge rot.

„Nicht um alle“, konterte er. „Ich habe mich nämlich ziemlich vernachlässigt gefühlt. Vielleicht sollten wir irgendwo hingehen, wo wir ungestörter sind? Du kannst doch bestimmt etwas zu trinken vertragen?“

Jetzt wurde ihr richtig heiß, und sie kühlte sich unbewusst mit den Handflächen ihre Wangen. Als sie es merkte, ließ sie die Arme schnell wieder sinken. „Nein danke, bei mir ist alles bestens.“

„Das kann man wohl sagen“, antwortete er grinsend.

Dabei ließ er seinen Blick schamlos über ihren Körper gleiten, was Imma endgültig aus dem Konzept brachte.

„Vicenzu, ich …“

„Schon okay, ich habe verstanden. Du dachtest, ich wäre nur ein gut aussehender Teufelskerl. Aber nachdem wir uns nun ein bisschen besser kennen, fängst du an, mich zu mögen. Das passiert mir echt andauernd. Aber keine Sorge, ich werde es niemandem verraten.“

Ihre Wangen waren mittlerweile brandrot. „Ich wollte dir eigentlich bloß sagen, dass du deine Boutonnière verloren hast“, stieß sie hervor und zeigte auf sein Revers, an dem die weiße Blüte fehlte. „Wenn du mich bitte entschuldigst? Ich muss etwas … regeln. In der Küche.“

Bevor er reagieren konnte, floh sie blind durch die Gästeschar und kämpfte gegen ihre Panik an. Was war denn los mit ihr? Sie war eine gebildete Frau mit einem Abschluss in Wirtschaftswissenschaften und hatte es gar nicht nötig, in der Nähe des anderen Geschlechts nervös zu werden!

Außerdem war sie die Tochter eines der einflussreichsten Männer auf Sizilien und würde bald in der Firma – die er zuletzt übernommen und seinem Imperium hinzugefügt hatte – die Geschäftsführung antreten. Wieso also benahm sie sich wie ein ängstliches Kaninchen, das sich vor einem Fuchs in Sicherheit bringen musste?

Als Trauzeugen waren sie heute ständig zusammen gewesen, was sie zunehmend unerträglich gefunden hatte. Weil sie in seiner Gegenwart kaum Luft bekam und keinen klaren Gedanken fassen konnte.

Und es war unmöglich gewesen, sich von der rührenden Trauungszeremonie nicht anstecken und in eine romantische Stimmung versetzen zu lassen. Für wenige Sekunden hatte Imma sich gestattet, davon zu träumen, dass es ihre eigene Hochzeit war – mit Vicenzu.

Ihr Puls beschleunigte sich.

Es war fast fünf Jahre her, seit sie sich von jemandem angezogen gefühlt hatte. Ihre Reaktion auf Vicenzu war ebenso schockierend wie verwirrend. Ständig wurde sie von seinen intensiven Blicken abgelenkt, die sie immer wieder innerlich zittern ließen.

Aber keine Frau, die etwas auf sich hielt, würde Vicenzu Trapani als potenziellen Ehemann in Betracht ziehen. Im Gegensatz zu den Gerüchten über ihren eigenen Vater – nämlich, dass er Verbindungen zum organisierten Verbrechen hätte – waren die Geschichten über Vicenzu nicht bloß missgünstiger Klatsch. Er hatte sich seinen schlechten Ruf redlich verdient.

Natürlich ging sie das nichts an … und es machte ihr auch nicht das Geringste aus. Sie hatte absolut nicht die Absicht, sich jemals wieder in jemanden zu verlieben. Ganz besonders nicht in einen provokanten Mann wie ihn.

Heute sollte sie sich nicht auf den Trauzeugen, sondern auf das Brautpaar konzentrieren: auf Claudia und ihren frischgebackenen Ehemann.

Dankbar nahm sie einen gekühlten Champagner von einer vorbeikommenden Kellnerin an und richtete ihren Blick auf Ciro.

Wie sein Bruder war er groß, dunkelhaarig und gut aussehend, aber trotzdem waren die beiden grundverschieden. Während Vicenzu lässig die Hemdsärmel hochgekrempelt hatte, trug Ciro seinen Anzug wie eine maßgefertigte Rüstung. Seine harte Miene wirkte angespannt und entschlossen. Kein Wunder, dass er den steilen Aufstieg seines Einzelhandelsimperiums so rasant vorangetrieben hatte. Dieser Mann strahlte eisigen Ehrgeiz aus.

Es war genau dieser geschäftliche Erfolg, der ihren überbesorgten sizilianischen Vater Cesare davon überzeugt hatte, dieser Blitzehe zuzustimmen. Und natürlich die Tatsache, dass Ciro aus einer respektablen Familie stammte. Die Trapanis waren auf Sizilien hoch angesehen, vertrauenswürdig und vertraten ein solides Familienunternehmen. Eben die Firma, die Alessandro Trapani, Ciros Vater, gerade zusammen mit seinem schönen Zuhause an Immas Vater verkauft hatte.

Sie spürte, wie sich ihre Schultern verspannten. Über die Details des Verkaufs wusste sie nicht viel. Obwohl Cesare sie gründlich darauf vorbereitet hatte, in seine Fußstapfen zu treten, ließ er sich nicht immer in die Karten blicken.

Laut ihm war der alte Trapani in finanzielle Schwierigkeiten geraten und hatte auf einen schnellen Verkauf gedrängt. Wahrscheinlich waren es dieselben Geldsorgen, die vor zwei Monaten zu Alessandros Zusammenbruch und dann zu seinem tragischen, vorzeitigen Tod geführt hatten.

Nachdenklich betrachtete Imma die zierliche Frau, die gerade mit Claudia sprach. Ihr Herz war voller Sympathie für Audenzia Trapani. Sie war immer noch eine schöne Frau, aber in ihren jungen Jahren musste sie umwerfend attraktiv gewesen sein. Jetzt wirkte sie zerbrechlich und unsicher – so als müsste sie sich ständig an irgendetwas oder irgendjemandem festhalten.

Plötzlich merkte Imma, dass sie quer durch den Raum von Vicenzu beobachtet wurde, und ihre Haut begann zu kribbeln.

„Immacolata!“

Erleichtert über diese Ablenkung drehte sie sich zu ihrem Vater um, der ihr einen herzhaften Kuss auf die Wange drückte.

Cesare war wirklich eine Naturgewalt. Immer noch gut aussehend, kraftvoll und kompromisslos, mit einer einschüchternden Präsenz.

„Papà.“ Sie lächelte, und ihr wurde schwindlig von der starken Mischung aus Zigarrenrauch und Aftershave, die ihr in die Nase stieg.

„Warum bist du nicht bei deiner Schwester?“ Er runzelte die Stirn. „Ich weiß, es ist schwer für dich, piccioncina mia, deine Kleine an einen Mann zu verlieren. Und du hältst sie bestimmt für zu jung und naiv, aber es wird schon gut gehen.“

Imma spürte echte Trauer in sich aufsteigen. Es war nicht nur Claudias Jugend … Nein, Imma dachte an ihre eigenen Träume. Wie Claudia hatte sie sich auch immer wahre Liebe, einen gut aussehenden Ehemann und ein schönes Zuhause gewünscht.

Traurig drehte sie die Champagnerflöte in ihren Fingern. Für sie hatte es nie die Zeit gegeben, über solche Dinge nachzudenken. Sie war immer zu beschäftigt gewesen. Zuerst hatte sie Claudia die Mutter ersetzen wollen, in der Schule hatte sie fleißig gelernt und war dann auf die Universität gegangen, um die Erwartungen ihres Vaters zu erfüllen. Denn nachdem ihm ein Sohn und Stammhalter verwehrt geblieben war, hatte Cesare seine Älteste zum Mittelpunkt seiner Ambitionen gemacht.

Dass sie den Haushalt ihres Vaters geführt und eine Ersatzmutter für Claudia gewesen war, hatte sie immer weit älter erscheinen lassen, als sie war. Und obwohl sie tatsächlich genauso schüchtern wie ihre Schwester war, machte sie oft den Eindruck, als wäre sie kalt und abgebrüht. Doch weit gefehlt! Die wenigen enttäuschenden Dates, die sie mit Männern gehabt hatte, waren der Grund dafür, dass sie mit dem Thema Beziehungen eigentlich wenig anfangen konnte.

Wenn man dem Internet und der Boulevardpresse Glauben schenkte, stand Vicenzu auf attraktive, selbstbewusste Frauen mit offensichtlichem Sex-Appeal.

Aber warum sollte sie überhaupt einen Mann in ihre Nähe kommen lassen? Sie war es leid, verletzt und gedemütigt zu werden. Zu viele Verehrer waren ihr nur deshalb nachgelaufen, weil ihr Nachname Buscetta lautete. Aber keiner von ihnen hatte den Mumm gehabt, sich ihrem Vater zu stellen und für das Recht zu kämpfen, mit ihr zusammen zu sein. Dafür war sie wohl nie hübsch und begehrenswert genug gewesen.

Allerdings war die pompöse, romantische Hochzeit ihrer Schwester nicht der richtige Ort, sich in solch trüben Gedanken zu verlieren.

„Bestimmt, papà.“ Sie nahm seine Hand und drückte sie.

Cesare lächelte. „Du warst für sie wie eine Mutter, aber nun braucht sie einen Ehemann. Sie besitzt nicht das nötige Talent für ein Studium oder eine ordentliche Ausbildung.“

Imma nickte, und ihr Anflug von Neid wurde sofort von Reue überschwemmt. Mehr als jeder andere Mensch hatte Claudia es verdient, glücklich zu werden, denn obwohl ihr Vater seine jüngste Tochter schamlos verwöhnte, nahm er sie doch überhaupt nicht ernst. Und jetzt stand sie zum ersten Mal in ihrem Leben im Rampenlicht.

„Ich weiß“, sagte Imma leise.

Cesare bot ihr den Arm an. „Komm, lass uns zu deiner Schwester gehen. Gleich wird das Essen serviert.“

„Wo warst du denn?“ Es war Claudia, die zu ihr eilte und dabei den Saum ihres Kleides umklammerte. „Ich wollte gerade Ciro schicken, um dich zu suchen.“

Ihr Vater hatte recht: Heute musste Imma für ihre Kleine da sein und sie anschließend in ein eigenes Leben entlassen. Also kämpfte sie gegen den Schmerz in ihrer Brust und nahm die Hand ihrer Schwester.

„Ich wollte nur nach Corrado sehen“, erklärte sie mit einem Lächeln.

Corrado war der mit einem Michelin-Stern ausgezeichnete Koch der Buscettas, der heute mit Kollegen aus der ganzen Welt, die teuer eingeflogen worden waren, zusammenarbeiten musste. Für die Hochzeit seiner Tochter hatte Cesare keine Kosten oder Mühen gescheut. Er wollte, dass ganz Sizilien – nein, ganz Italien – vor Neid und Ehrfurcht erblasste, um sich dadurch mehr gesellschaftliches Ansehen zu verschaffen.

„Der kommt schon zurecht“, sagte Claudia, während sich Ciro und Vicenzu zu ihnen gesellten. „Es ist nur schwierig für ihn, seine beiden Küchen mit anderen teilen zu müssen. Und ich möchte nicht, dass er auf einem der Fotos schmollt.“

„Wenn er das tut, wird er sich nach einem neuen Job umsehen müssen“, knurrte Cesare. „Und seine Referenzen kann er dann auch vergessen. Wenn er sich nicht am Riemen reißt, werde ich sicherstellen, dass er nirgendwo mehr Arbeit findet.“

Eine kurze, fassungslose Stille folgte diesem Ausbruch. Claudia biss sich auf die Lippe, und Ciro sah verwirrt aus. Vicenzu hingegen schien eher amüsiert als irritiert zu sein.

„Natürlich muss er sich keinen anderen Job suchen, papà“, widersprach Imma mit fester Stimme und einem hektischen Seitenblick in Vicenzus Richtung. „Corrado ist schon seit über zehn Jahren bei uns. Er gehört praktisch zur Familie, und die ist dir doch bekanntlich heilig.“

„Diese Einstellung kann ich sehr gut nachempfinden“, bemerkte Vicenzu, und Imma zog verwundert die Stirn kraus.

Sein Ton klang nämlich aufrichtig, und dennoch gelang es ihr nicht, das zu glauben. Für den Fall, dass ihr Vater in die gleiche Richtung dachte, wechselte sie schnell das Thema: „Heute wollen wir keinen Streit. Es ist doch Claudias besonderer Tag, oder?“

Das beruhigte tatsächlich Cesares Gemüt. „Stimmt, entschuldigt bitte! Ich möchte ja nur, dass alles für mein kleines Mädchen perfekt ist.“

„Und das ist es.“ Ciro machte einen Schritt nach vorn. „Bei dieser Gelegenheit möchte ich Ihnen dafür danken, dass Sie dies alles für uns beide möglich gemacht haben.“ Danach wandte er sich an Claudia, die ihn mit großen, braunen Augen voller Anbetung ansah. „Ich verspreche, meine Ehe mit Claudia ebenso unvergesslich zu machen wie diesen Tag.“

Cesare strahlte. „Daran werde ich dich beizeiten erinnern, mein Junge. Bleiben wir ab sofort ruhig beim Du! So, und nun sollten wir essen gehen. Avanti!“

Ihr Vater wollte Imma gerade seinen Arm anbieten, da kam ihm Vicenzu zuvor. Sein dunkles Haar fiel ihm in die Stirn, als er fragend die Brauen hochzog.

„Darf ich?“

Imma hielt die Luft an. Sie kannte die Meinung ihres Vaters in Bezug auf Ciros älteren Bruder. Vicenzus hedonistischer Lebensstil und sein Ruf als donnaiolo, als Playboy, waren schon die einzigen wirklichen Einwände gegen Claudias Ehe und eine Verbindung mit dieser Familie gewesen.

Bevor sie antworten konnte, sagte Cesare steif: „Ich denke, ich würde es vorziehen, meine Tochter selbst zu begleiten.“

Es folgte eine kurze Stille, und dann beschleunigte sich Immas Herzschlag, als Vicenzu sie mit einem herausfordernden Lächeln bedachte.

„Aber was würde Immacolata bevorzugen?“

Sie erstarrte und bemerkte, wie ihre Schwester schockiert den Mund öffnete, ohne einen Ton zu sagen.

Niemand, schon gar nicht ihr Vater, hatte jemals zuvor nach Immas Vorlieben gefragt. Und sie hatte keine Ahnung, wie sie darauf reagieren sollte. Natürlich erwartete Cesare Gehorsam von ihr, aber sie verspürte plötzlich eine Sehnsucht danach, auch mal ein bisschen impulsiv zu handeln. Also traf sie eine Entscheidung und wandte sich dem älteren Mann mit ruhiger Miene zu. „Ich denke, du solltest Audenzia zu Tisch geleiten, papà. Das wäre doch in dieser Situation das Richtige und obendrein ausgesprochen galant.“

Vor allem war es genau das Richtige für sie! Denn auch wenn man sich an Vicenzu Trapani leicht die Finger verbrennen konnte, war es doch ausgesprochen verlockend, ihn anzufassen!

„Natürlich, du hast recht“, sagte ihr Vater, und Imma spürte, wie ihr Herz schneller schlug, als Vicenzu seinen Arm für sie ausstreckte.

„Sollen wir?“, sagte er leise.

All die zweideutigen Botschaften in diesen zwei kleinen Wörtern machten sie schwindlig vor Aufregung. Und dann tat sie ihr Bestes, um die harte Schwellung seines Bizeps zu ignorieren, während sie Claudia und Ciro zum riesigen Festzelt folgten, in dem das Hochzeitsbankett stattfand.

Drinnen war es unglaublich romantisch geschmückt, und Imma fühlte sich wie im Märchen, als Vicenzu sie zu ihrem mit Blumen übersäten Tisch führte. Trotzdem musste sie sich daran erinnern, dass sie sich von diesem Frauenhelden nicht einwickeln lassen durfte!

„Also, Vicenzu“, begann sie, um beim Gespräch gleich die Oberhand zu haben. „Ich habe schon so viel über dein Hotel gehört. Sag mal, wie viele Leute arbeiten eigentlich im La Dolce Vita?“

Er glitt neben sie auf einen Stuhl und runzelte die Stirn. „Nun, Immacolata, das ist eine schwierige Frage. Lass mich nachdenken … an einem guten Tag wahrscheinlich etwa vierzig Prozent von ihnen.“

Dem Lächeln, das seinem kleinen Scherz folgte, konnte Imma nicht widerstehen, und sie lachte.

„Ich weiß, du findest, sie sollten alle arbeiten“, fuhr er mit einer dramatischen Handbewegung fort. „Und du hast recht. Ich sollte öfter die Peitsche schwingen.“

Kopfschüttelnd faltete sie die Hände vor sich auf dem Tisch. „Was ich meinte …“

„Ach, ich mach doch nur Spaß“, unterbrach er sie. „Die Antwort ist, dass ich es nicht genau weiß. Was mich viel mehr interessiert, ist, dass ich heute deine Gegenwart genießen kann. Und da du mit Abstand die schönste Frau in diesem Zelt bist, empfinde ich das als Privileg.“

Ein heißer Schauer lief über ihre Haut. „Ernsthaft?“, erwiderte sie so ruhig wie möglich.

„Ja, wirklich. Absolut. Das ist mein voller Ernst.“

Sie sah, wie seine Augen aufleuchteten, als sie lächelte. „Dennoch ist das nicht die Wahrheit.“

„Warum sollte ich lügen?“ Sein Ton war immer noch verspielt, aber er sah sie aufmerksam an. „Ich kenne mich mit Schönheit aus, das kannst du mir glauben.“

Für ein oder zwei Sekunden schien die Welt stillzustehen, und Imma wollte seinen schmeichelnden Worten zu gern Glauben schenken. Nur leider sagte er das vermutlich zu jeder Frau, die er traf.

Er nahm ihre Hand, und sie spürte, wie ihr Magen flatterte. Aber er küsste sie nicht. Stattdessen drehte er ihren Arm um und untersuchte die Haut an ihrem Handgelenk.

„Was machst du da?“, fragte sie irritiert.

„Ich suche nach ersten Rissen in deiner Rüstung“, murmelte er.

Es herrschte eine kurze, verlegene Stille, und dann blickte er hoch, weil die Kellner damit begannen, an den Tischen zu servieren.

„Großartig, es geht los“, freute er sich, und der intime Augenblick war vorüber. Allerdings noch nicht ganz, denn Vicenzu konnte sich einen letzten Nachsatz nicht verkneifen: „Hoffen wir, dass das Essen genauso umwerfend ist wie meine Tischdame. Ich glaube, ich war noch nie so hungrig …“

Das Essen war unglaublich. Sieben Gänge, begleitet von einem klassischen Streichquartett. Anschließend wurden diverse Reden gehalten.

Imma bekam von alldem kaum etwas mit, weil ihre Gedanken pausenlos um Vicenzu kreisten. Natürlich hatte sie in regelmäßigen Abständen aus ihrem Glas getrunken, gelächelt, den Leuten zugenickt … aber mit dem Kopf und dem Herzen war sie ganz woanders.

Sie hatte damit gerechnet, dass es leicht war, ihn zu mögen. Ein Mann wie er bekam nicht ohne Grund den Ruf, den er hatte. Er musste anziehend sein. Wahrscheinlich reagierte sie wie jede andere Frau auf seinen Charme und seine maskuline Schönheit.

Irgendwie hatte sie seinen Charakter auch falsch eingeschätzt. Er war überhaupt nicht so oberflächlich und verwöhnt, wie sie geglaubt hatte.

Besonders in Momenten wie diesen fiel es ihr auf, wenn er schweigend dasaß und gedankenverloren den Blick seiner Mutter suchte, die am anderen Ende des Tisches saß. Imma spürte schmerzhaft, wie sehr sie ihre eigene Mutter vermisste. Und Vicenzu hatte ja gerade erst seinen geliebten Vater verloren …

Sie wandte sich ihm zu. „Es muss schwierig sein“, sagte sie mitfühlend.

„‚Schwierig‘?“ Er hob eine perfekte schwarze Augenbraue.

Autor

Louise Fuller

Louise Fuller war als Kind ein echter Wildfang. Rosa konnte sie nicht ausstehen, und sie kletterte lieber auf Bäume als Prinzessin zu spielen. Heutzutage besitzen die Heldinnen ihrer Romane nicht nur ein hübsches Gesicht, sondern auch einen starken Willen und Persönlichkeit.

Bevor sie anfing, Liebesromane zu schreiben, studierte Louise Literatur...

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